Kitabı oxu: «Schreibkompetenzen in der Fremdsprache»

Şrift:

Schreibkompetenzen in der Fremdsprache

Bettina Akukwe / Rüdiger Grotjahn / Stefan Schipolowski

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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© 2017 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-0059-5

Inhalt

  1 Kompetenzorientiertes Schreiben als Teil modernen Fremdsprachenunterrichts 1.1 Evaluation und Lehrerkompetenz 1.2 Inhalte des vorliegenden Bands 1.3 Kompetenz aus Theorie und Praxis Hinweise zum Weiterlesen Literatur

  2 Rahmenbedingungen für das Evaluieren von Schreibkompetenzen 2.1 Stellenwert von Rahmenbedingungen und Vorgaben 2.2 Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER) 2.3 Bildungsstandards 2.4 Curriculare Vorgaben und Lehrwerke 2.5 Testentwicklung am IQB: Bildungsstandards und GER Hinweise zum Weiterlesen Literatur

 3 Typen und Funktionen der Evaluation von Schreibkompetenzen3.1 Prüfen, Testen, Evaluieren, Diagnostizieren: Begriffliche Vorbemerkungen3.2 Typen der Evaluation3.2.1 Bezugsgruppenorientierte versus kriteriumsorientierte Evaluation3.2.2 Summative versus formative Evaluation3.2.3 Formelle und informelle Evaluation3.2.4 Selbstevaluation und Peer-Evaluation3.3 Funktionen der EvaluationHinweise zum WeiterlesenLiteratur

 4 Gütekriterien bei der Evaluation von Schreibkompetenzen4.1 Evaluation von Schreibkompetenzen: Spezifika4.2 Typen und Funktionen von Gütekriterien4.2.1 Objektivität und Standardisierung4.2.2 Reliabilität4.2.3 Validität4.2.4 Weitere Gütekriterien4.3 Gütekriterien dynamischer EvaluationHinweise zum WeiterlesenLiteratur

 5 Testkonstrukt und Testspezifikationen5.1 Aufgabenbasierte Evaluation von Schreibkompetenzen5.2 Kompetenz: begriffliche Klärungen5.3 Adressaten und Verwendungskontexte5.4 Definition des Testkonstrukts: grundlegende Aspekte5.4.1 Verhaltenszentrierte Ansätze5.4.2 Traitzentrierte Ansätze5.4.3 Interaktionale Ansätze5.4.4 Interaktionistische Ansätze5.4.5 Variabilität und Nichtlinearität von Schreibleistungen und Kompetenz5.4.6 Struktur und Dimensionalität von Schreibkompetenz5.4.7 Level-spezifischer vs. Multi-Level-Ansatz5.5 Modelle kommunikativer Kompetenz und kommunikativen Sprachgebrauchs5.5.1 Der gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER)5.5.2 Modell kommunikativer Kompetenz von Bachman & Palmer (1996)5.6 Schreibaktivitäten und Schreibkompetenzen im GER5.7 Schreibaktivitäten und Schreibkompetenzen in den Bildungsstandards5.8 Psycholinguistische und sozio-kognitive Modelle fremdsprachlichen Schreibens5.9 Test- und Aufgabenspezifikationen5.10 Testkonstrukt und BewertungskriterienHinweise zum WeiterlesenLiteraturAnhängeAnhang 1: GER-Skala „Schriftliche Produktion allgemein“Anhang 2: GER-Skala „Schriftliche Interaktion allgemein“Anhang 3: GER-Skala „Spektrum sprachlicher Mittel (allgemein)“Anhang 4: GER-Skala „Wortschatzbeherrschung“Anhang 5: GER-Skala „Grammatische Korrektheit“Anhang 6: GER-Skala „Beherrschung der Orthographie“Anhang 7: GER-Skala „Kohärenz und Kohäsion“

 6 Kriteriale Evaluation von Schreibkompetenzen6.1 Performanzbasierte beurteilergestützte Evaluation6.2 Urteilsprozess: Einflussfaktoren6.3 Bezugsnormen bei der Bewertung6.4 Bewertungskriterien6.5 Bewertungsskalen und Bewertungsraster6.5.1 Uni-Level-, Bi-Level- und Multi-Level-Ansatz6.5.2 Aufgabenspezifische versus aufgabenübergreifende Bewertung6.5.3 Holistische Bewertung6.5.4 Analytische Bewertung6.5.5 Globale Bewertung6.5.6 Kompensatorische versus nicht-kompensatorische Bewertung6.5.7 Analytische versus holistische Bewertung im Vergleich6.6 Einsatz von Bewertungsrastern im schulischen Kontext: Beispiele6.6.1 Formeller Französischtest6.6.2 VERA-6 Englisch 20166.6.3 KMK-Projekt FOR.MAT6.6.4 Standardisierte Schularbeiten für die Sekundarstufe II in Österreich6.7 Leistungsbeispiele und Benchmarktexte6.8 Erwartungshorizont6.9 Bewertung von Schreibleistungen im schulischen Kontext: Qualitätsanforderungen6.10 Situationsabhängige Flexibilisierung kriterialer Bewertung6.11 Anregungen zur Reflexion der eigenen BewertungspraxisHinweise zum WeiterlesenLiteratur

 7 Entwicklung von Testaufgaben zum Schreiben7.1 Schreibkompetenzen und Testaufgaben7.2 Entwicklung von Schreibaufgaben: Zentrale Prinzipien und prototypischer Verlauf7.2.1 Spezifizierung der Prüfungsteilnehmenden7.2.2 Festlegung der Ziele und Funktionen der Evaluation7.2.3 Spezifizierung des Testkonstrukts7.2.4 Entscheidung über das Aufgabenformat7.2.5 Festlegung der Zahl der Aufgaben7.2.6 Entscheidung über Wahlmöglichkeiten7.2.7 Entscheidung über Themen, Textsorten und intendierte Leserinnen/Leser7.2.8 Auswahl der Inputmaterialien7.2.9 Erstellen der Arbeitsanweisung und Situierung7.2.10 Entscheidung über die Bewertungskriterien und die Form der Bewertung7.2.11 Formulierung eines Erwartungshorizonts7.2.12 Überprüfung und Erprobung der Aufgaben7.3 Checkliste zur Erstellung von Schreibaufgaben7.4 Kommentierte AufgabenbeispieleBeispiel 1: EnglischBeispiel 2: EnglischBeispiel 3: FranzösischBeispiel 4: FranzösischHinweise zum WeiterlesenLiteratur

 8 Evaluation von Schreibkompetenzen mithilfe eines Bewertungsrasters8.1 Die Entwicklung eines Bewertungsrasters am IQB8.1.1 Holistische Bewertung: Erster Gesamteindruck8.1.2 Umsetzung der Aufgabenstellung8.1.3 Sprachliche Realisierung8.1.4 Globale Bewertung: Abschließendes Urteil8.1.5 Benotung8.2 Kommentierung von Schülerlösungen8.2.1 Kommentierung von Schülerlösungen für das Fach Englisch8.2.2 Kommentierung von Schülerlösungen für das Fach Französisch8.3 Möglichkeiten der Weiterarbeit8.3.1 Aufgabenspezifische Hinweise für die Weiterarbeit8.3.2 Aufgabenunabhängige Formen der Rückmeldung – Überarbeitung/KorrekturHinweise zum WeiterlesenLiteratur

 9 Feedback zu schriftlichen Lernerproduktionen9.1 Feedback in der Fachdiskussion9.1.1 Ziele und Ebenen von Feedback9.1.2 Spezifische Merkmale von Feedback zu schriftlichen Produktionen9.1.3 Feedback in Form von Fehlerkorrektur9.1.4 Allgemeine Feedbackregeln9.2 Funktionen und Typen von Feedback zu schriftlichen Produktionen9.2.1 Rückmeldung eines ermittelten Kompetenzniveaus9.2.2 Rückmeldung zu Schwächen und Stärken9.2.3 Lob und Hervorheben von Fortschritten9.2.4 Vorstellen eines korrekten Modells9.2.5 Hilfen für die Überarbeitung9.2.6 Rückmeldung in Form einer verbalen Bewertung oder Ziffernnote9.2.7 Anstoß und Aktivitäten zum Weiterlernen9.3 Feedback bei Selbst- und Peer-Evaluation9.4 Feedbackgespräche und Überarbeitung9.5 Feedback auf der Basis der interaktionistischen dynamischen Evaluation9.6. Automatisierte Diagnose- und FeedbacksystemeHinweise zum WeiterlesenLiteratur

  10 Überprüfung von Kompetenzen – aktuelle Trends 10.1 Kompetenzorientierter Unterricht und Assessment Literacy 10.2 Überprüfung von Sprechkompetenzen 10.3 Computerbasiertes Testen 10.4 Integrierte Aufgabenformate 10.5 Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf Hinweise zum Weiterlesen Literatur

  Sachregister

1 Kompetenzorientiertes Schreiben als Teil modernen Fremdsprachenunterrichts

Bettina Akukwe, Rüdiger Grotjahn & Stefan Schipolowski

Spätestens mit Verabschiedung der BildungsstandardsBildungsstandards für die erste Fremdsprache für den Mittleren Schulabschluss im Jahr 2003 (KMK, 2004a) hat kompetenzorientierter Fremdsprachenunterricht in allgemeinbildenden Schulen mehr und mehr an Bedeutung gewonnen. Insbesondere wird auch die Förderung der Teilkompetenzen HörverstehenHörverstehen und SprechenSprechen mittlerweile verstärkt in den Unterricht integriert. Das Schreiben von Texten in der Fremdsprache stellte dagegen schon immer einen wichtigen Bestandteil des Sprachenlernens in der Schule dar, jedoch lag der Fokus des Schulunterrichts bis vor wenigen Jahren zumeist auf der korrekten Verwendung der Sprache und weniger auf der Erfüllung der kommunikativen Absicht. In Schulleistungsuntersuchungen wie dem Nationalen Bildungspanel (NEPS) oder dem IQBIQB-BildungstrendLändervergleich/Bildungstrend werden im Fremdsprachenbereich – auch aufgrund des damit verbundenen hohen Aufwandes – die produktiven KompetenzenKompetenzproduktiv bisher nur selten getestet – trotz ihrer Bedeutung für einen kompetenzorientierten Fremdsprachenunterricht. Jones & Seville machen die Bedeutung gerade auch des Lehrens und Testens der produktiven KompetenzenKompetenzproduktiv deutlich:

In the classroom or the real world the impression of a learner’s overall proficiency level is undoubtedly based primarily on the performance skills – precisely because they are directly apprehended productive skills – rather than the indirectly apprehended receptive skills of reading and listening. This suggests that the performance skills are a more relevant, practical and meaningful target for aligning judgements of level across classroom and large scale assessmentassessment… (Jones & Saville, 2016, S. 74)

Mit der Einführung von verbindlichen Standards im Rahmen eines kompetenzorientierten Unterrichts geht es nicht mehr in erster Linie um die Kenntnis von Fakten und Zusammenhängen, sondern vor allem um Handlungsfähigkeit. Kompetenzorientierter Unterricht geht hierbei einher mit einer lernorientierten Leistungsbeurteilung (learning-orientedassessmentlearning-oriented assessment), die den Fokus nicht nur auf den reinen Output legt, sondern auch den Lernprozess berücksichtigt, der durch Feedback und WeiterarbeitWeiterarbeit konstruktiv gestaltet wird. Für eine lernorientierte Leistungsbeurteilung müssen bestimmte Rahmenbedingungen geschaffen werden, z.B. ein angenehmes Klassenklima, motivierende Unterrichtsinhalte, didaktische und fachliche KompetenzKompetenz der Lehrkraft sowie eine positive Unterrichtsinteraktion, die sich beispielsweise durch gezieltes Nachfragen und unmittelbares respektvolles Feedback auszeichnet (Turner & Purpura, 2016). Die Leistungsbeurteilung erfolgt in der Regel mithilfe von mehr oder minder authentischen AufgabenAufgaben (task-basedassessmenttask-based assessment). Wichtig ist hierbei, dass verschiedene Aufgaben zur Auswahl gestellt werden, sodass sich Lernende entsprechend ihrem KompetenzniveauKompetenzniveau für sie passende Aufgabenstellungen auswählen können. Alternativ kann ein Input mit adäquater ArbeitsanweisungAufgabenArbeitsanweisung gewählt werden, der von Lernenden unterschiedlicher Leistungsniveaus bearbeitet werden kann. Für den Kompetenzbereich Schreiben könnte dies beispielsweise ein Foto von einer Person sein, deren Porträt beschrieben werden soll, oder es wird eine Szene dargestellt, zu der eine Handlung beschrieben werden soll. Hier ist nicht nur die Kreativität der Lernenden gefragt, sondern es wird zugleich das Niveau der Aufgabenbearbeitung durch die Lernenden bestimmt.

Neben der stärkeren KompetenzorientierungKompetenzorientierung im Fremdsprachenunterricht wurde in den zurückliegenden Jahren in verschiedenen Ländern das Schulsystem hin zu einem Zwei-Säulen-Modell und einer größeren Durchlässigkeit reformiert. Infolge dieser Reformen sowie der Bemühungen um eine Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarfsonderpädagogischer Förderbedarf entstehen immer heterogenere Klassenzusammensetzungen, die Unterrichtsmaterialien voraussetzen, die die Lernenden auf ihrem individuellen Niveau fordern und fördern. Dies stellt Lehrkräfte vor die Herausforderung, kompetenzorientierte AufgabenAufgaben zu erstellen, die trotz sehr unterschiedlicher Ausgangsvoraussetzungen von der jeweiligen LerngruppeLerngruppe bearbeitet werden können.

Der vorliegende Band zeigt Möglichkeiten und Wege, um Schreibkompetenzen unter Berücksichtigung verschiedener Voraussetzungen zu überprüfen. Er beinhaltet eine Vielzahl an Beispielaufgaben und Benchmark-Texten (Leistungsbeispiele) aus Aufgabenerprobungen mit Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 8 und 9. In Abgrenzung zu vielen anderen Publikationen werden auch die Rahmenbedingungen und Kontexte für die Evaluation von Schreibkompetenzen relativ ausführlich thematisiert. Des Weiteren ist der Band im Gegensatz zu vielen anderen Handbüchern zur (Messung von) Schreibkompetenz konsequent aufgaben- und kompetenzorientiert.

Der vorliegende Band ist so gestaltet, dass Lehrkräfte, Fortbildnerinnen und Fortbildner, Studierende und Fachdidaktikerinnen und -didaktiker die Zielgruppe bilden. Dabei sind die Ausführungen nicht sprachspezifisch, sondern können von allen Personen, die Fremdsprachen (inklusive Deutsch als Fremdsprache) lehren oder lernen, sinnvoll genutzt werden. Die Illustration erfolgt anhand von Beispielen für die Fächer Englisch und Französisch.

1.1 Evaluation und Lehrerkompetenz

In Deutschland haben Lehrkräfte einer Fremdsprache in der Regel einen engeren Bezug zu standardisierter Evaluation und zum Testen als Vertreterinnen und Vertreter anderer Fächer. Bedingt durch die Globalisierung und die moderne Arbeitswelt steigt im Kontext des Lehrens und Lernens von Fremdsprachen auch die Bedeutung formaler Qualifikationsnachweise z.B. in Form des Diplôme d’Études en langue française (DELF) oder des Test of English as a Foreign Language (TOEFL). In diesem Zusammenhang hält die Vorbereitung und Durchführung entsprechender Zertifikatsprüfungen auch immer stärker Einzug in den Bereich der allgemeinbildenden Schulen. Allerdings genügen die regulären LehrwerkeLehrwerke für die Fremdsprachen oft nicht den Anforderungen, Lernende auf kompetenzorientierte TestsEvaluationkompetenzorientiert vorzubereiten, sondern folgen eher einer inhaltlichen oder sprachlichen Progression. Lehrkräfte stehen somit vor der Herausforderung, Unterrichtsmaterialien selbstständig entwickeln zu müssen. Dies erfordert Kompetenzen, die Lehrkräfte in dieser Form ggf. noch nicht erwerben konnten. Aktuelle internationale Studien zeigen: Auf Gebieten wie TestspezifikationenTestspezifikation, Testtheorie, Leistungsbeurteilung der eigenen Klasse, Kriterienerstellung und Testbedingungen mangelt es vielen Lehrkräften noch an notwendigen Kompetenzen (Jeong, 2013).

International ist der Trend zur stärkeren Förderung diagnostischer KompetenzKompetenzdiagnostisch von Lehrkräften für eine (Fremd-)Sprache unter dem Schlagwort language assessment literacyassessmentassessment literacy schon länger festzustellen, wie u.a. Harding & Kremmel (2016) in einer aktuellen Publikation darstellen. Taylor (2013, S. 410) fasst die für Sprachlehrkräfte, Testautorinnen und Testautoren, universitäre Testadministratorinnen und Testadministratoren sowie für professionelle Sprachtesterinnen und Sprachtester relevantesten Kompetenzbereiche wie folgt zusammen:

 Sprachpädagogik;

 soziokulturelle Werte;

 lokaler Kontext;

 persönliche Überzeugungen/Einstellungen;

 technisches Wissen;

 Wissen über Prinzipien und Konzepte;

 theoretisches Wissen;

 Ergebnis- und Entscheidungsfindung.

Dabei gilt für jede der vier genannten Adressatengruppen ein Kompetenzprofil mit einer unterschiedlichen Gewichtung der einzelnen Komponenten. In Bezug auf Sprachlehrkräfte bedeutet dies u.a., dass theoretisches Wissen einen eher peripheren Stellenwert einnimmt. Von Taylor nicht aufgeführt, aber nicht weniger wichtig, ist die sehr gute Beherrschung der Fremdsprache. Ebenso sollte die diagnostische KompetenzKompetenzdiagnostisch in Form der reinen Leistungsbeurteilung nie für sich alleine stehen, sondern stets durch ein angemessenes Feedback sowie die Steuerung der Weiterentwicklung durch gezielte WeiterarbeitWeiterarbeit ergänzt werden (Lee, 2015).

Nun ist die Feststellung der für Sprachlehrkräfte relevanten diagnostischen KompetenzKompetenz nur eine Seite der Medaille – viel wichtiger erscheint es jedoch, die Vermittlung dieser Kompetenz auch entsprechend in die Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften einfließen zu lassen. Dafür brauchen Lehrkräfte der Studie von Fulcher (2012) zufolge vor allem gut verständliche Einführungen, die theoretisch fundiert, aber zugleich praktisch ausgerichtet und mit Beispielen illustriert sind. Auch die Vermittlung von statistischem Grundlagenwissen ist essenziell für eine adäquate (language) assessment literacyassessmentassessment literacy.

In den USA gibt es bereits seit 1990 Standards für Lehrkräfte, die eine diagnostische KompetenzKompetenzdiagnostisch eindeutig als wichtiges Merkmal der Lehrerkompetenz beinhalten (American Federation of Teachers, 1990). Auch für Deutschland gelten seit 2004 von der Kultusministerkonferenz verabschiedete Standards für die Lehrerbildung (KMK, 2004b), die neben inhaltlichen Schwerpunkten auch Kompetenzen für Lehrkräfte in der theoretischen und praktischen Ausbildung festlegen. Dabei werden die drei Kompetenzbereiche Unterrichten, Erziehen und Beurteilen unterschieden. Die im Kompetenzbereich Beurteilen beschriebene Kompetenz 8 („Lehrerinnen und Lehrer erfassen Leistungen von Schülerinnen und Schülern auf der Grundlage transparenter Beurteilungsmaßstäbe“) beinhaltet konkrete Hinweise auf Fähigkeiten, die im Laufe des Referendariats erworben werden sollen:

Die Absolventinnen und Absolventen …

 konzipieren Aufgabenstellungen kriteriengerecht und formulieren sie adressatengerecht.

 wenden Bewertungsmodelle und Bewertungsmaßstäbe fach- und situationsgerecht an.

 verständigen sich auf Beurteilungsgrundsätze mit Kolleginnen und Kollegen.

 begründen Bewertungen und Beurteilungen adressatengerecht und zeigen Perspektiven für das weitere Lernen auf.

 nutzen Leistungsüberprüfungen als konstruktive Rückmeldung über die eigene Unterrichtstätigkeit.

(KMK, 2004b, S. 11)

Diese Kompetenzen wurden 2008 von der KMK inhaltlich in Fachprofilen konkretisiert und kürzlich aktualisiert. Für den Bereich Neue Fremdsprachen wird nun noch stärker zwischen Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft unterschieden. Eine weiterhin zentrale Rolle spielen die „Grundlagen der LeistungsdiagnoseDiagnose und -beurteilung im Fach“ (KMK, 2017, S. 39).

Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass die Ausbildungsmodalitäten sehr vom lokalen Kontext abhängig sind. Die von der Bildungspolitik geforderten Kompetenzen können oder müssen unter Umständen erst nach der eigentlichen Ausbildung erworben werden. Vielerorts fehlt es an entsprechenden Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, sodass sich ein nicht unerheblicher Anteil an Lehrkräften mit dem Problem konfrontiert sieht, sich language assessment literacyassessmentassessment literacy durch Selbststudium und learning by doing anzueignen. Das vorliegende Buch spricht insbesondere diese Lehrkräfte, aber auch Lehrkräfte in der Aus- und Weiterbildung, Studierende der fremdsprachlichen Fächer und von Deutsch als Fremdsprache an.

1.2 Inhalte des vorliegenden Bands

Dieser Band beinhaltet theoretische und praktische Hinweise zu den Rahmenbedingungen der Testung von Schreibkompetenzen, zur AufgabenentwicklungAufgabenentwicklung, zur Bewertung von Schreibleistungen und zum Feedback an Schülerinnen und Schüler. Das Buch ist das Produkt eines längeren Dialogs zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Lehrkräften unter der Moderation des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQBIQB)1IQBBildungsstandardsBildungsstandardsIQB. Die Kapitel dieses Bands sind je nach Themenbereich eher aus einer praktischen oder eher aus einer theoretischen Perspektive geschrieben. Entsprechend ihrer ausgewiesenen Expertise liegt die Verantwortung für einzelne Kapitel bei unterschiedlichen Autorinnen und Autoren. Die Kapitel 2 bis 6 legen die theoretischen Grundlagen zur Messung von Schreibkompetenzen. Die Kapitel 7 bis 9 geben vor allem praktische Hinweise. Insbesondere die Kapitel 2 und 6 sind jedoch auch für Praktikerinnen und Praktiker in hohem Maße relevant.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in den eher praktisch orientierten Kapiteln versucht, die Zahl der Literaturverweise im Fließtext möglichst gering zu halten. Am Ende jedes Kapitels finden sich Hinweise zum Weiterlesen, die detaillierte Angaben zu weiterführender Literatur, z.T. mit einer Kurzbeschreibung, beinhalten. Ein Literaturverzeichnis ist jedem Kapitel angehängt

Neben Lehrplänen und CurriculaCurricula gelten zunehmend die BildungsstandardsBildungsstandards der KMK und der Gemeinsame europäische Referenzrahmen (GER) Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen als Grundlage für die Evaluierung von Schreibkompetenzen. In Kapitel 2 „Rahmenbedingungen für das Evaluieren von Schreibkompetenzen“ wird das Evaluieren von Schreibkompetenz, u.a. auf Basis des GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen und der BildungsstandardsBildungsstandards, erläutert. Des Weiteren wird auf Lehrpläne und die Entwicklung von TestaufgabenAufgabenTestaufgaben am IQBIQB eingegangen. Damit Lehrkräfte bei der unterrichtlichen Evaluation mögliche Handlungsspielräume nutzen können und sich als aktiv gestaltende, kompetente Akteure erfahren, sind die Vertrautheit mit den Rahmenbedingungen und eine kritische Reflexion der Vorgaben wichtige Voraussetzungen.

In Kapitel 3 „Typen und Funktionen der Evaluation von Schreibkompetenzen“ wird zunächst auf folgende grundlegende Unterscheidungen und Typen eingegangen: bezugsgruppenorientiertEvaluationgruppenorientiert versus kriteriumsorientiertEvaluationkriteriumsorientiert, summativEvaluationsummativ versus formativEvaluationformativ, informellEvaluationinformell versus formellEvaluationformell. Danach werden eine Reihe weiterer spezifischerer Funktionen und Ziele, die mit Prüfungen verbunden werden, kurz skizziert.

Das Kapitel 4 „GütekriterienGütekriterien bei der Evaluation von Schreibkompetenzen“ beschäftigt sich mit Aspekten der Qualitätssicherung. Es nennt eine Vielzahl von Kriterien zur Beurteilung der Qualität der eingesetzten AufgabenAufgaben, der AngemessenheitAngemessenheit des Vorgehens bei der Evaluation sowie der Güte der auf der Basis der Evaluationsergebnisse gezogenen Schlüsse und getroffenen Entscheidungen. Neben den sogenannten HauptgütekriterienGütekriterien der ObjektivitätObjektivität, ReliabilitätReliabilität (Zuverlässigkeit) und ValiditätValidität (Gültigkeit) und deren jeweiligen Unterkriterien wie z.B. Interrater-Reliabilität ReliabilitätBeurteilerreliabilität oder curriculareValiditätcurricular Validität findenValidität sich als weitere GütekriterienGütekriterien u.a. NützlichkeitNützlichkeit, FairnessFairness, Ökonomie, PraktikabilitätPraktikabilität, SchwierigkeitSchwierigkeit, TrennschärfeTrennschärfe, StandardisierungStandardisierung, RückwirkungRückwirkung auf den Unterricht (Washback/Backwash), AuthentizitätAuthentizität, TransparenzTransparenz sowie Handlungs- und KompetenzorientierungKompetenzorientierung. Die GütekriterienGütekriterien werden unter Berücksichtigung ihrer praktischen Relevanz und in engem Bezug zur Schreibkompetenzmessung vorgestellt und diskutiert.

In Kapitel 5 „TestkonstruktTestkonstrukt und TestspezifikationenTestspezifikation“ liegt der Fokus auf dem TestkonstruktTestkonstrukt und der Frage, was unter Schreibkompetenz verstanden werden kann und welche Aspekte bei der Überprüfung von Schreibkompetenzen Berücksichtigung finden sollten. Darauf aufbauend wird gezeigt, wie auf der Basis des jeweiligen TestkonstruktsTestkonstrukt Test- und AufgabenspezifikationenTestspezifikation formuliert werden können, die ihrerseits einen Rahmen für die Aufgabenerstellung und die Bewertung von Schreibleistungen abgeben. Da Schreibkompetenz als eine Komponente des übergeordneten Konstrukts kommunikativeKompetenzkommunikativ KompetenzKompetenz zu sehen ist, geht der Autor auch kurz auf Modelle kommunikativer KompetenzKompetenzkommunikativ ein.

In Kapitel 6 „Kriteriale Evaluation von Schreibkompetenzen“ wird ein allgemeiner Überblick über die Bewertung von Schreibkompetenzen gegeben. Dazu werden zunächst neben Spezifika einer beurteilergestützten Bewertung von Schreibleistungen auch Faktoren benannt, die die Bewertung in verzerrender Weise beeinflussen können. Anhand von BeispielbewertungsrasternBewertungsraster und Leistungsbeispielen (Benchmarktexten) werden sodann BewertungskriterienBeurteilungskriterien und Vorgehensweisen, z.B. analytisch versus holistisch, diskutiert. Das Kapitel thematisiert abschließend Qualitätsanforderungen an die Bewertung von Schreibleistungen im schulischen Kontext und Möglichkeiten zur Reflexion der eigenen Bewertungspraxis.

Das Kapitel 7 „Entwicklung von TestaufgabenAufgabenTestaufgaben zum Schreiben“ beschreibt zentrale Prinzipien und den prototypischen Verlauf der AufgabenentwicklungAufgabenentwicklung. Es wird u.a. darauf hingewiesen, dass als erste Schritte stets die jeweilige LerngruppeLerngruppe, die mit der Evaluation verfolgten Ziele sowie das TestkonstruktTestkonstrukt zu spezifizieren sind. Die Darstellung mündet in eine Checkliste, mit Hilfe derer man überprüfen kann, inwieweit die erforderlichen Schritte bei der Erstellung von Schreibaufgaben beachtet worden sind. Illustriert wird das Vorgehen anhand von kommentierten AufgabenbeispielenAufgabenbeispiele.

In Kapitel 8 „Evaluation von Schreibkompetenzen mithilfe eines BewertungsrastersBewertungsraster“ wird ein kriteriales Bewertungsinstrument vorgestellt, das am IQBIQB von Expertinnen und Experten entwickelt wurde. Es ist das Ergebnis einer umfangreichen Diskussion und knüpft explizit an Beispiele aus den Ländern und anderen Testinstituten im In- und Ausland an. Das vorgelegte BewertungsrasterBewertungsraster wurde mehrfach erprobt und optimiert. In einem ersten Unterkapitel wird das Raster ausführlich beschrieben. Dabei werden zum einen detaillierte Informationen zu den einzelnen Facetten des BewertungsrastersBewertungsraster angeführt, zum anderen werden praktische Handlungshinweise zur Arbeit mit dem Raster gegeben. Umfangreiche Beispiele von Schreibproduktionen von Schülerinnen und Schülern dienen in einem zweiten Unterkapitel zur Illustration der Nutzung des BewertungsrastersBewertungsraster. Hierzu wird auf drei AufgabenAufgaben für Englisch und vier Aufgaben für Französisch mit zahlreichen Schülerantworten zurückgegriffen. Das dritte Unterkapitel fokussiert Möglichkeiten der WeiterarbeitWeiterarbeit im Unterricht in Bereichen, die den Lernenden bei der Bearbeitung der Aufgaben Probleme bereitet haben.

Kapitel 9 „Feedback zu schriftlichen Lernerproduktionen“ behandelt Möglichkeiten und Formen des Feedbacks im Rahmen eines kompetenzorientierten Schreibunterrichts. Viele Lehrkräfte haben in der Unterrichtspraxis die Erfahrung gemacht, dass Feedback von Lernenden entweder gar nicht rezipiert wird oder nicht im intendierten Sinne. In der Unterrichtsrealität beobachtet man dann häufig, dass Lernende mit bestimmten Situationen völlig anders umgehen als von den Lehrkräften erwartet. Ein wichtiger Bestandteil von Rückmeldeverfahren ist es, die für jede Schülerin und jeden Schüler passende Form des Feedbacks zu finden. Es werden im Detail Möglichkeiten verschiedener Formen des Feedbacks im Rahmen der Arbeit mit Schreibaufgaben aufgezeigt und anhand zahlreicher praktischer Beispiele erklärt. Dabei wird u.a. auch auf Formen des Feedbacks auf der Basis der interaktionistischen dynamischen EvaluationEvaluationinteraktionistisch dynamisch eingegangen.

Im abschließenden Kapitel 10 „Überprüfung von Kompetenzen – aktuelle Trends“ wird sowohl auf allgemeine Trends der Kompetenzmessung als auch auf spezifische Innovationen bei der Messung von Schreibkompetenzen kurz eingegangen. Dabei wird erneut die Wichtigkeit von assessment literacyassessmentassessment literacy herausgestellt.

1.3 KompetenzKompetenz aus Theorie und Praxis

Der vorliegende Band ist im Dialog zwischen unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren entstanden. Die außergewöhnliche Zusammensetzung der Autorengruppe mit Vertreterinnen und Vertretern aus Forschung und Praxis spiegelt sich in den Autorenschaften der Einzelkapitel wider. Jedoch sind letztlich alle Kapitel in einem regen Austausch und einer lebhaften Diskussion aus unterschiedlichen Perspektiven entstanden. Im Folgenden werden die Autorinnen und Autoren in alphabetischer Reihenfolge kurz vorgestellt.

Bettina Akukwe ist seit 2013 Koordinatorin des VERA-ProjektsVergleichsarbeiten am IQBIQB und übergreifend für die Arbeitsbereiche VERA-3 Deutsch und Mathematik sowie VERA-8 Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch zuständig. Von 2010 bis 2013 arbeitete sie im Arbeitsbereich Französisch Sekundarstufe I und hat seitdem einen engen Bezug zum Testen der 1. Fremdsprache.

Rüdiger Grotjahn ist Professor für Sprachlehrforschung an der Ruhr-Universität Bochum. Besondere Bekanntheit erlangte er durch seine Arbeiten zum Testen und Evaluieren, u.a. im Bereich des C-Tests, sowie durch Arbeiten zur Forschungsmethodologie. Sein langjähriges Engagement im Bereich Testen konzentrierte sich u.a. auf TestentwicklungsprojekteTestentwicklung wie den Test Deutsch als Fremdsprache (TestDaF) oder die VergleichsarbeitenVergleichsarbeiten für die 8. Jahrgangsstufe (VERA-8) im Fach Französisch.

Karin Kleppin ist Professorin für Sprachlehrforschung an der Ruhr-Universität Bochum. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind das selbstgesteuerte Sprachenlernen und das Thema Fehlerkorrektur. Gemeinsam mit Rüdiger Grotjahn arbeitet sie im Bereich von TestDaF und VERA-8Vergleichsarbeiten in Französisch. Karin Kleppin war längere Zeit in China, Frankreich und Marokko tätig und führt bis heute Fort- und Weiterbildungen in vielen Ländern durch. An der German Jordanian University in Amman ist sie als full professor für den Studiengang Deutsch als Fremdsprache mitverantwortlich.

Elke Philipp ist Lehrkraft für Englisch und Französisch an einer Berliner Gesamtschule. Sie agiert zudem als Vorsitzende des Berliner Landesverbands der Französischlehrkräfte und organisiert und gestaltet in dieser Funktion zahlreiche Veranstaltungen wie den jährlichen Fremdsprachentag. In ihrer Tätigkeit für das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) ist sie u.a. für Fortbildungen und die Erarbeitung von didaktischen Materialien zuständig.

Stefan Schipolowski ist wissenschaftlicher Leiter der Ländervergleichs- bzw. BildungstrendstudienLändervergleich/Bildungstrend am IQBIQB. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der Struktur, Messung und Entwicklung kristalliner kognitiver Fähigkeiten, insbesondere individueller Unterschiede im deklarativen Wissen und in sprachlichen Fähigkeiten. Im Rahmen seiner Tätigkeit im Arbeitsbereich Deutsch Sekundarstufe I in den Jahren 2009 bis 2014 hat er sich umfassend mit der DiagnostikDiagnose und Struktur sprachlicher Kompetenzen beschäftigt und zur Schreibkompetenz in der Erstsprache gearbeitet.

Günther Sommerschuh war Studienleiter und Landesfachberater für das Fach Englisch in Schleswig-Holstein. In seiner auch internationalen Tätigkeit als Lehreraus- und ‑fortbildner widmet er sich bis heute besonders den Themen Binnendifferenzierung und schüleraktivierender Unterricht. Er beteiligte sich zudem an der Erarbeitung der KMK-Abiturstandards für das Fach Englisch und arbeitet als Berater für Schulbuchverlage.

Ganz herzlicher Dank gilt Frau Amira Yassine, ehemalige Fachkoordinatorin des Arbeitsbereichs Englisch Sekundarstufe I am IQBIQB, für ihr Engagement und die langjährige Begleitung des Buchprojekts. Des Weiteren danken wir Frau Petra Burmeister, Professorin für Sprachliches Lehren und Lernen im Fach Englisch an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, für ihre Arbeit am BewertungsrasterBewertungsraster und Überlegungen zur vorliegenden Publikation.

An der Erarbeitung des BewertungsrastersBewertungsraster waren weitere Personen beteiligt, denen die Herausgeber danken möchten:

 den Aufgabenentwicklerinnen und Aufgabenentwicklern für VERA-8Vergleichsarbeiten Englisch und Französisch für die Entwicklung und Erprobung von Schreibaufgaben sowie die Kommentierung des BewertungsrastersBewertungsraster;

 Rita Green, Testexpertin und Dozentin an der Lancaster University, für die Aufgabenbewertung und ihre Rückmeldungen zum BewertungsrasterBewertungsraster;

 den (ehemaligen) wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen am IQBIQB, Jessica Maluch, Camilla Rjosk, Karoline Sachse und Maike Wäckerle, für Vorüberlegungen zum BewertungsrasterBewertungsraster.

Schließlich möchten wir Petra Stanat, Direktorin und wissenschaftlicher Vorstand des IQBIQB, sowie Hans Anand Pant, ehemaliger Direktor des IQBIQB, für die institutionelle Unterstützung danken.

Hinweise zum Weiterlesen

Konzepte einer lernorientierten Leistungsbeurteilung (learning-orientedassessmentlearning-oriented assessment) beschreiben Turner & Purpura (2016) sowie Jones & Saville (2016). Beispiele für task-basedassessmenttask-based assessment finden sich in Norris (2016).

Auf den Seiten des IQBIQB finden sich zahlreiche Beispiele für TestaufgabenAufgabenTestaufgaben (https://www.iqb.hu-berlin.de/vera/aufgaben) und LernaufgabenAufgabenLernaufgaben (https://www.iqb.hu-berlin.de/bista/teach).

Einen umfassenden Überblick über Lehrerkompetenzen bei der Evaluation von Fremdsprachen geben Harding & Kremmel (2016).

Rogier (2014) beschreibt sehr praxisnah die für eine assessment literacyassessmentassessment literacy notwendigen Fertigkeiten.

Für den deutschsprachigen Raum empfiehlt sich die Lektüre des Sonderhefts der Zeitschrift für Pädagogik zum Thema Kompetenzen und Kompetenzentwicklung von Lehrkräften (Allemann-Ghionda & Terhart, 2006).

Das DFG-Projekt Professionelle KompetenzKompetenz von Lehrkräften, kognitv aktivierender Unterricht und die mathematische Kompetenz von Schülerinnen und Schülern (COACTIV) mündete in einem 2011 veröffentlichten Bericht (Kunter, Baumert, Blum, Klusmann, Krauss & Neubrand, 2011).

Literatur

Allemann-Ghionda, Cristina & Terhart, Ewald. (Hrsg.). (2006). Kompetenzen und Kompetenzentwicklung von Lehrerinnen und Lehrern. Zeitschrift für Pädagogik, Beiheft 51. Weinheim: Beltz. [abrufbar unter http://www.pedocs.de/volltexte/2013/7367/pdf/ZfPaed_Beiheft_51_Komplett.pdf]

American Federation of Teachers, National Council on Measurement in Education & National Education Association. (1990). Standards for teacher competence in educational assessment of students. Educational Measurement: Issues and Practice, 9(4), 30–32. [abrufbar unter http://files.eric.ed.gov/fulltext/ED323186.pdf]

Fulcher, Glenn. (2012). Assessment literacy for the language classroom. Language Assessment Quarterly, 9(2), 113–132. doi: 10.1080/15434303.2011.642041

Harding, Luke & Kremmel, Benjamin. (2016). Teacher assessment literacy and professional development. In Dina Tsagari & Jayanti Banerjee (Hrsg.), Handbook of second language assessment (S. 413–427). Boston: De Gruyter.

Jeong, Heejeong. (2013). Defining assessment literacy: Is it different for language testers and non-language testers? Language Testing, 30(3), 345–362. doi: 0.1177/0265532213480334

Jones, Neil & Saville, Nick. (2016). Learning Oriented Assessment. A systemic approach. Cambridge: Cambridge University Press.

KMK [Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland]. (Hrsg.). (2004a). Bildungsstandards für die erste Fremdsprache (Englisch/Französisch) für den Mittleren Schulabschluss. Beschluss vom 04.12.2003. München: Luchterhand. [abrufbar unter https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2003/2003_12_04-BS-erste-Fremdsprache.pdf]

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2 Rahmenbedingungen für das Evaluieren von Schreibkompetenzen

Rüdiger Grotjahn & Karin Kleppin

2.1 Stellenwert von Rahmenbedingungen und Vorgaben

Für eine Evaluierung von Schreibkompetenzen an deutschen Schulen gelten allseits anerkannte (ministerielle) Vorgaben wie der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen, die für die Bundesländer verpflichtenden nationalen BildungsstandardsBildungsstandards, länderspezifische Unterrichtsvorgaben u.a. in Form von CurriculaCurricula, Lehrplänen, Richtlinien und Bildungsplänen sowie die jeweils zugelassenen LehrwerkeLehrwerke. Dabei sind allerdings für das Handeln der Betroffenen nicht notwendigerweise die in den Vorgaben genannten objektiven Sachverhalte entscheidend, sondern vielmehr deren subjektive Wahrnehmung und Interpretation in Form von Überzeugungen und persönlichen Theorien, die häufig nur sehr eingeschränkt mit den objektiven Sachverhalten übereinstimmen. Ein Beispiel ist die nicht selten anzutreffende Interpretation der Ausführungen im Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen im Sinne präskriptiver Vorgaben trotz eindeutig gegenteiliger Aussagen der Autoren des Referenzrahmens (vgl. z.B. Europarat, 2001, S. 8).

Damit Lehrkräfte bei der unterrichtlichen Evaluation mögliche Handlungsspielräume auch nutzen können und sich als aktiv gestaltende, selbstwirksame und kompetente Akteure erfahren, ist eine Vertrautheit mit den Rahmenbedingungen und eine kritische Reflexion der Vorgaben eine wichtige Voraussetzung (vgl. auch Harding & Kremmel, 2016).

2.2 Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER) Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen

Wie auch in den meisten anderen Ländern Europas orientieren sich deutsche Bildungspolitiker, CurriculumCurricula- und Lehrplanersteller, LehrwerkautorenLehrwerke und Testersteller im Hinblick auf die Vermittlung von Fremdsprachen und die Evaluation fremdsprachlicher Kompetenzen zunehmend am Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER; Europarat, 2001). Dabei spielen auch die zahlreichen den GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen begleitenden und ergänzenden Materialien und Aktivitäten eine wichtige Rolle, wie z.B. bei professionellen Testanbietern das vom Europarat online zur Verfügung gestellte Handbuch Relating Language Examinations to the Common European Framework of Reference for Languages (Council of Europe, 2009; vgl. auch z.B. Cambridge University Press, 2013; Europarat & ALTE, 2012; Hilpisch, 2012; Kecker, 2016; North, 2014). Auch die BildungsstandardsBildungsstandards für die erste Fremdsprache (Englisch/Französisch), auf die wir im Folgenden noch genauer eingehen, sowie die kürzlich vorgelegten BildungsstandardsBildungsstandards für die fortgeführte Fremdsprache (Englisch/Französisch) für die Allgemeine Hochschulreife nehmen expliziten Bezug auf den GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen. Insgesamt ist der GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen unter Einschluss seiner zahlreichen Ergänzungen zu einem zentralen – allerdings nicht präskriptiv gedachten – Instrument der Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung im Bereich des Evaluierens fremdsprachlicher Kompetenzen geworden (vgl. auch Kapitel 5 und 6).

Die meiste Beachtung haben die GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen-NiveaustufenbeschreibungenNiveaustufe (A1-C2) zu den kommunikativen Aktivitäten und sprachlichen Kompetenzen gefunden. Diese sind zumeist als Kann-Aussagen formuliert und basieren auf der Vorstellung, dass die sprachliche Handlungsfähigkeit das Hauptziel fremdsprachlichen Unterrichts darstellt. Die Lernenden sollen durch den Fremdsprachenunterricht vor allem befähigt werden, in unterschiedlichen Situationen und Lebensbereichen sprachlich zu handeln, also kommunikativeKompetenzkommunikativ Aktivitäten auszuführen. Das heißt, sie sollen andere verstehen und sich anderen gegenüber verständlich machen können. Sie sollen mit Menschen anderer Kulturen sprachlich angemessen umgehen und am gesellschaftlichen Leben im zielsprachlichen Kontext teilnehmen können. Wie gut diese sprachlichen Handlungen jeweils ausgeübt werden können, wird an den unterschiedlichen Beschreibungen der KompetenzniveausKompetenzniveau deutlich. Insgesamt gesehen werden Handlungs-, KompetenzKompetenz- und Aufgabenorientierung damit zu zentralen Prinzipien beim Unterrichten und Überprüfen von Fremdsprachen. Auf die genannten Prinzipien wird in Kapitel 5 „TestkonstruktTestkonstrukt und TestspezifikationenTestspezifikation“ noch weiter eingegangen.

Die Autoren des GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen weisen im Zusammenhang mit den vertikalen NiveaustufeNiveaustufen nachdrücklich darauf hin, dass Lernfortschritt allerdings mehr ist als das „Vorankommen auf einer vertikalen Skala“ (Europarat, 2001, S. 28). Lerner können auch Fortschritte machen, indem sie ihre Sprachkompetenzen auf einer bestimmten Stufe verbreitern und vertiefen, z.B. im Hinblick auf Flüssigkeit und Umfang der eingesetzten sprachlichen Mittel. Zudem verbreitert sich das Spektrum der Aktivitäten, Fertigkeiten und sprachlichen Mittel mit aufsteigendem Skalenniveau. Deshalb sind die GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen-NiveausNiveaustufe auch nicht als eine lineare Mess-Skala zu interpretieren. Entsprechend werden Niveaustufenskalen zuweilen als Diagramm im „Eistütenformat“ illustriert, d.h. als ein dreidimensionaler Konus, der nach oben breiter wird (vgl. Europarat, 2001, S. 29 sowie die entsprechende Abbildung in Grotjahn & Kleppin, 2015, S. 23).

Gerade im unterrichtlichen Kontext benötigt man häufig noch weitere, feinere Differenzierungen innerhalb der sechs GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen-Stufen A1-C2. Für entsprechende Zwecke haben die Autoren des GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen ein flexibles Verzweigungsmodell vorgesehen (vgl. Europarat, 2001, S. 40–42), in dem die Stufen jeweils in zwei oder mehr Unterstufen wie z.B. A1.1 und A1.2 oder B1 und B1+ aufgeteilt werden. Dieses System hat bisher vor allem in der Schweiz Verwendung gefunden (vgl. z.B. EDK, 2011); es wird aber zunehmend auch im deutschen Kontext eingesetzt, so z.B. in den vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQBIQB) vorgelegten integrierten KompetenzstufenmodellenKompetenzstufenmodell (siehe Kapitel 2.3).

Speziell zum Schreiben findet man im GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen an unterschiedlichen Stellen eine Reihe von Skalen, in denen z.T. ebenfalls innerhalb einer Stufe zwischen einem unteren und einem oberen NiveauNiveaustufe unterschieden wird. Auf einige dieser Skalen werden wir in den Kapiteln 5 und 6 noch genauer eingehen.

2.3 BildungsstandardsBildungsstandards

BildungsstandardsBildungsstandards definieren verbindliche Zielerwartungen und dienen der Orientierung u.a. der Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie der bildungspolitischen Entscheidungsträger. Sie bilden die Basis für Leistungsüberprüfungen, um z.B. im Fall von festgestellten Defiziten Maßnahmen zur Unterrichtsentwicklung und zur individuellen Förderung ergreifen zu können. Insgesamt sollen sie zur Weiterentwicklung eines handlungsorientierten, auf interkulturelleKompetenzinterkulturell kommunikativeKompetenzkommunikativ Kompetenzen abzielenden Fremdsprachenunterrichts beitragen (vgl. IQBIQB, 2014, S. 2f.; KMK, 2005a sowie auch Fulcher, 2016; Harsch, 2016).

Für den Fremdsprachenunterricht hat die Kultusministerkonferenz (KMK) bisher bundesweit geltende BildungsstandardsBildungsstandards für folgende spezifische Kontexte vorgelegt:

 2003: Mittlerer SchulabschlussMittlerer Schulabschluss (Jahrgangsstufe 10) in Englisch/Französisch als erste Fremdsprache (KMK, 2004)

 2004: HauptschulabschlussHauptschulabschluss (Jahrgangsstufe 9) in Englisch/Französisch als erste Fremdsprache (KMK, 2005b)

 2012: Allgemeine Hochschulreife in Englisch/Französisch als fortgeführte Fremdsprache (KMK, 2014)

Die genannten Dokumente beziehen sich explizit auf den GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen und dessen Kann-Beschreibungen. Für den Mittleren Schulabschluss gilt als angezieltes NiveauNiveaustufe B1/B1+, wobei beim LeseverstehenLeseverstehen auch Teilkompetenzen auf dem NiveauNiveaustufe B2 genannt werden. Für den HauptschulabschlussHauptschulabschluss wird das NiveauNiveaustufe A2 angezielt. Für die Allgemeine Hochschulreife gilt schließlich das NiveauNiveaustufe B2, wobei für Englisch in den rezeptiven KompetenzenKompetenzrezeptiv auch teilweise das NiveauNiveaustufe C1 erwartet wird. Da im vorliegenden Band der Schwerpunkt auf Schreibkompetenzen im Bereich der GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen-NiveausNiveaustufe A2/B1 liegt, werden wir auf die BildungsstandardsBildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife nur am Rande eingehen.

Es handelt sich dabei jeweils um einen sogenannten Regelstandard. Darüber hinaus lassen sich auch noch ein Regelstandard plus, ein Mindeststandard (zuweilen auch als Basisstandard oder Grundkompetenz bezeichnet) und ein Optimalstandard (zuweilen auch als Maximalstandard bezeichnet) unterscheiden. Eine empirisch begründete Zuordnung der genannten Standards zu den GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen-Stufen hat Ende 2014 das IQBIQB in der Form integrierter KompetenzstufenmodelleKompetenzstufenmodell für den HauptschulabschlussHauptschulabschluss und den Mittleren Schulabschluss jeweils für die Teilkompetenzen HörverstehenHörverstehen und Leseverstehen im Fach Englisch vorgelegt (siehe auch KMK, 2010, S. 12). HörverstehenHörverstehen und LeseverstehenLeseverstehen unterscheiden sich dabei lediglich in den Punktwerten, die für die Zuordnung zu einer bestimmten Stufe gelten. Die Stufenzuordnungen sind in Tabelle 1 aufgeführt.

In diesem fünfstufigen Modell bezieht sich der Mindeststandard „auf ein definiertes Minimum an Kompetenzen, das alle Schülerinnen und Schüler bis zu einem bestimmten Bildungsabschnitt erreicht haben sollen“ (IQBIQB, 2014, S. 13). Der Optimalstandard definiert dagegen ein Anspruchsniveau, das nur „unter sehr guten bzw. ausgezeichneten individuellen Lernvoraussetzungen und der Bereitstellung gelingender Lerngelegenheiten innerhalb und außerhalb der Schule erreicht werden kann …“ (KMK, 2010, S. 12).


Stufe Unterstufe Mittleren Schulabschluss
A1 A1.1 unter Mindeststandard unter Mindeststandard
A1.2 Mindeststandard
A2 A2.1 Regelstandard
A2.2 Regelstandard plus Mindeststandard
B1 B1.1 Optimalstandard
B1.2 Regelstandard
B2 B2.1 Regelstandard plus
B2.2 Optimalstandard
C1

Tabelle 1:

Integriertes KompetenzstufenmodellKompetenzstufenmodell Englisch HörverstehenHörverstehen/LeseverstehenLeseverstehen für den HauptschulabschlussHauptschulabschluss und den Mittleren Schulabschluss (IQBIQB, 2014)

Für die vorliegende Publikation sind die BildungsstandardsBildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss und für den HauptschulabschlussHauptschulabschluss von zentraler Bedeutung. Beide Dokumente differenzieren unter Bezug auf den GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen zwischen funktionalen kommunikativen KompetenzenKompetenzkommunikativ, interkulturellen KompetenzenKompetenzinterkulturell und methodischen Kompetenzen. Die funktionalen kommunikativen KompetenzenKompetenzkommunikativ umfassen die kommunikativen Teilkompetenzen Hör- und Hör-/Sehverstehen, LeseverstehenLeseverstehen, SprechenSprechen, Schreiben und SprachmittlungSprachmittlung sowie „die Verfügung über die sprachlichen Mittel“ WortschatzWortschatz, GrammatikGrammatik, Aussprache, Intonation und OrthografieOrthografie. Wichtig ist, dass betont wird, dass die sprachlichen Mittel eine „grundsätzlich dienende Funktion“ haben und „im Vordergrund … die gelungene Kommunikation“ stehe (KMK, 2004, S. 14).

Interkulturelle KompetenzenKompetenzinterkulturell beziehen sich u.a. auf soziokulturelles Orientierungswissen und die praktische Bewältigung interkultureller Begegnungssituationen. Im Zusammenhang mit den methodischen Kompetenzen werden z.B. Lernstrategien, Präsentation und Mediennutzung, sowie Lernbewusstheit und Lernorganisation genannt (siehe KMK, 2004, S. 8 und S. 14).

Außerdem wird eine Reihe von Kann-Beschreibungen zur näheren Charakterisierung der Kompetenzen aufgeführt. Im Zusammenhang mit der Beschreibung fremdsprachlicher Schreibkompetenzen werden lebensweltlich relevante SchreibaktivitätenSchreibaktivitäten, TextsortenTextsorte und Kontexte sowie sprachliche Mittel und Aspekte von Methodenkompetenz benannt. Kommentierte AufgabenbeispieleAufgabenbeispiele illustrieren, wie bestimmte Kompetenzen überprüft werden können (vgl. auch Kapitel 5 im vorliegenden Band). Weitere Hinweise zu interkultureller kommunikativer KompetenzKompetenzkommunikativ, Text- und Medienkompetenz, Sprachbewusstheit sowie Sprachlernkompetenz finden sich in den BildungsstandardsBildungsstandards für die fortgeführte Fremdsprache (siehe KMK, 2014, S. 20–26).

2.4 CurriculareCurricula Vorgaben und LehrwerkeLehrwerke

GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen und nationale BildungsstandardsBildungsstandards bestimmen in entscheidender Weise auch die in den Bundesländern für den Bereich Fremdsprachen geltenden curricularenCurricula Vorgaben, wobei die Ausführungen in den CurriculaCurricula, Lehrplänen, Bildungsplänen oder anderen funktional äquivalenten Dokumenten allerdings an den spezifischen Schulkontext und die jeweiligen Schülergruppen angepasst werden (vgl. hierzu auch KMK, 2010, S. 26f.). In den aktuellen Dokumenten wird dabei in der Regel nicht mehr, wie früher weithin üblich, beschrieben, wie man genau vorgehen muss, um ein bestimmtes Ziel oder Ergebnis zu erreichen, und es werden auch nicht die zu vermittelnden Inhalte bis ins Detail festgelegt. Es handelt sich bei den entsprechenden Dokumenten vielmehr um so genannte RahmencurriculaCurricula, Kernlehrpläne oder Rahmenpläne. Diese enthalten mehr oder minder breite auf den GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen und die BildungsstandardsBildungsstandards bezogene Kompetenzbeschreibungen und zumeist auch Ausführungen zu PrüfungsaufgabenAufgabenPrüfungsaufgaben und zur Leistungsbewertung.

Die bundesländerspezifischen CurriculaCurricula, Lehrpläne und Bildungspläne sind wiederum eine zentrale Grundlage bei der Entwicklung und Anerkennung von LehrwerkenLehrwerke, die die kompetenzorientierten curricularenCurricula Vorgaben allerdings nicht immer zufriedenstellend umsetzen. Da insbesondere Prüfungen, die auf die Feststellung von Lernfortschritten zielen, sich in den Themen, Teilkompetenzen und sprachlichen Mitteln auf die im Unterricht eingesetzten LehrwerkeLehrwerke beziehen, sind auch LehrwerkeLehrwerke ein wichtiger Einflussfaktor – vor allem im Kontext des unterrichtsnahen Prüfens.

Wir gehen nun kurz exemplarisch auf den Kernlehrplan Englisch für das Gymnasium (G8) in Nordrhein-Westfalen ein (MSW, 2007).1 Dort wird als allgemeine Kompetenzerwartung am Ende der Jahrgangsstufe 8 die „Kompetenzstufe A2 des GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen mit Anteilen an der Kompetenzstufe B1“ (S. 29) genannt. Speziell im Hinblick auf das Schreiben lauten die Kompetenzerwartungen am Ende der Jahrgangsstufe 8:

Die Schülerinnen und Schüler können einfache zusammenhängende Texte zu ThemenThemen ihres Interessen- und Erfahrungsbereichs in beschreibender, berichtender, erzählender und zusammenfassender Form verfassen. Sie können einfache zusammenhängende Texte schreiben und darin begründet Stellung nehmen, wenn ihnen die TextsorteTextsorte und das ThemaThemen vertraut sind.

Sie können

 Sachverhalte gemäß vorgegebenen TextsortenTextsorte darstellen (u.a. Personenbeschreibungen, inhaltliche Zusammenfassungen, Stellungnahmen mit Begründung),

 in persönlichen Stellungnahmen (u.a. Leserbriefen, E-Mails) ihre Meinungen, Hoffnungen und Einstellungen darlegen,

 einfache Formen des kreativen Schreibens einsetzen (u.a. Texte ergänzen, eine Figur in einer kurzen Erzählung umgestalten).

(MSW, 2007, S. 30f.; Hervorhebung im Original)

Es werden sodann in Form einer einseitigen Liste „Beispiele für Aufgabentypen zur Ermittlung von einzelnen kommunikativen KompetenzenKompetenzkommunikativ“ (S. 45) genannt. Unter „Schreiben“ finden sich folgende drei Aufgabentypen: a) „Impuls- oder fragegestütztes Schreiben (z.B. kurze Infotexte, E-Mail)“; b) „Verfassen eines adressatengerechten und textsortenkonformenTextsorte Textes anhand einer Vorlage und Überarbeiten anhand einer Checkliste“; c) „Freies argumentatives Schreiben“.

In den sich im Kernlehrplan anschließenden Ausführungen zur Leistungsbewertung (S. 46–49) wird u.a. auf das Prinzip der HandlungsorientierungHandlungsorientierung sowie auf die BildungsstandardsBildungsstandards verwiesen. Außerdem wird auf die Notwendigkeit hingewiesen,

dass die Kriterien für die NotengebungBenotung den Schülerinnen und Schülern transparent sind und die jeweilige Überprüfungsform den Lernenden auch Erkenntnisse über die individuelle Lernentwicklung ermöglicht. Die Beurteilung von Leistungen soll demnach mit der DiagnoseDiagnose des erreichten Lernstandes und individuellen Hinweisen für das Weiterlernen verbunden werden. Wichtig für den weiteren Lernfortschritt ist es, bereits erreichte Kompetenzen herauszustellen und die Lernenden – ihrem jeweiligen individuellen Lernstand entsprechend – zum Weiterlernen zu ermutigen. Dazu gehören auch Hinweise zu erfolgversprechenden individuellen Lernstrategien. Den Eltern sollten im Rahmen der Lern- und Förderempfehlungen Wege aufgezeigt werden, wie sie das Lernen ihrer Kinder unterstützen können. (MSW, 2007, S. 46)

Abschließend werden im Kernlehrplan auf den Seiten 50–62 relevante ReferenzniveausNiveaustufe aus dem GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen aufgeführt, darunter auch die Skalen „Schriftliche Interaktion allgemein“ und „Schriftliche Produktion allgemein“.

Mit der Forderung nach TransparenzTransparenz der NotengebungBenotung sowie nach DiagnoseDiagnose und motivierender Rückmeldung des individuellen Lernfortschritts an die Schülerinnen und Schüler unter Einschluss von Hinweisen für das Weiterlernen sprechen die Autoren des Kernlehrplans wichtige Aspekte an, auf die wir in den folgenden Kapiteln noch eingehen werden.

2.5 TestentwicklungTestentwicklung am IQBIQB: BildungsstandardsBildungsstandards und GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen

Auch die TestentwicklungTestentwicklung am IQBIQB in den Sprachen Englisch und Französisch orientiert sich explizit an den BildungsstandardsBildungsstandards und dem GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen. Dabei geht es um Tests und AufgabenAufgaben für folgende Kontexte: a) die alle sechs Jahre stattfindenden Ländervergleiche/BildungstrendsLändervergleich/Bildungstrend der fremdsprachlichen Kompetenzen in Englisch und Französisch als erster Fremdsprache bei Schülerinnen und Schülern der 9. Jahrgangsstufe; b) die jährlich stattfindenden schriftlichen Vergleichsarbeiten (VERA)Vergleichsarbeiten, die in den jeweils beteiligten Bundesländern den Lernstand in Englisch und Französisch als erster Fremdsprache in der 8. Jahrgangsstufe überprüfen (VERA-8)Vergleichsarbeiten. Insbesondere im Fach Französisch wird in VERA-8 zunehmend auch in der vorgezogenen zweiten Fremdsprache getestet.

Die ersten Vergleiche zwischen den Bundesländern fanden 2008 für Französisch und 2009 für Englisch statt. Dabei wurden Lese- und HörverstehenskompetenzenHörverstehen überprüft (https://www.iqb.hu-berlin.de/bt/LV08_09). Auch im BildungstrendLändervergleich/Bildungstrend von 2015 wurden lediglich Lese- und HörverstehenskompetenzenHörverstehen gemessen. Allerdings wurden bereits 2007 und 2008 im Rahmen der Implementierung und Normierung der BildungsstandardsBildungsstandards für Englisch und Französisch als erste Fremdsprache auch Schreibaufgaben entwickelt, empirisch in den Jahrgangsstufen 8, 9 und 10 erprobt und auf einem vorläufigen KompetenzstufenmodellKompetenzstufenmodell verortet (vgl. z.B. Porsch, 2010a, 2010b; Porsch & Köller, 2010; Porsch & Tesch, 2010; Rupp, Vock, Harsch & Köller, 2008). Auf diese Arbeiten werden wir in den Kapiteln 5 „TestkonstruktTestkonstrukt und TestspezifikationenTestspezifikation“, 6 „Kriteriale Evaluation von Schreibkompetenzen“ und 7 „Entwicklung von TestaufgabenAufgabenTestaufgaben zum Schreiben“ noch eingehen.

Auch im Rahmen von VERA-8Vergleichsarbeiten wird bisher lediglich HörverstehenHörverstehen und/oder LeseverstehenLeseverstehen getestet. Im Gegensatz zur ländervergleichendenLändervergleich/Bildungstrend Überprüfung der BildungsstandardsBildungsstandards zielt VERA-8 dabei allerdings primär auf eine an den BildungsstandardsBildungsstandards orientierte, evidenzbasierte Unterrichts- und Schulentwicklung (vgl. https://www.iqb.hu-berlin.de/vera), wobei jedoch in einigen Bundesländern auch eine Evaluation der Schulen auf Klassenebene stattfindet.

Hinweise zum Weiterlesen

Eine weiterführende Darstellung der Bedeutung des GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen und der Prinzipien der Handlungs- und KompetenzorientierungKompetenzorientierung für das Prüfen, Testen und Evaluieren findet sich u.a. in Grotjahn & Kleppin (2015, Kap. 2) und Ende, Grotjahn, Kleppin & Mohr (2013, Kap. 1).

Die englische und französische Originalversion des GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen aus dem Jahre 2001 ist zugänglich unter:

http://www.coe.int/t/dg4/linguistic/Cadre1_en.asp

http://www.coe.int/t/dg4/linguistic/Source/Framework_FR.pdf

Einen kurzen Überblick über Aspekte der Standardorientierung beim Lernen und Lehren von Fremdsprachen an deutschen Schulen gibt Harsch (2016).

Eine Vielzahl von Informationen zu BildungsstandardsBildungsstandards/Kompetenzstandards sowie z.T. auch Beispiele für TestaufgabenAufgabenTestaufgaben finden sich auf den Websites der folgenden für die Entwicklung und Implementation der Standards zuständigen Institutionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz: Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQBIQB) in Berlin (http://www.iqb.hu-berlin.de/bista), das Institut für Bildungsforschung, Innovation & Entwicklung des österreichischen Schulwesens (BIFIE) (https://www.bifie.at/bildungs standards) sowie die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) (http://www.edk.ch/dyn/12930.php).

Einen kurzen informativen Überblick zu CurriculaCurricula und Lehrplänen geben Hallet & Königs (2010).

Problematische Aspekte von fremdsprachlichen BildungsstandardsBildungsstandards und KompetenzorientierungKompetenzorientierung diskutieren Caspari, Grünewald, Hu, Küster, Nold, Vollmer & Zydatiß (2008), Caspari, Kötter, Rossa, Schramm, Tesch, Vollmer & Zydatiß (2012) und De Florio-Hansen (2015). Zur Auswirkung von BildungsstandardsBildungsstandards und zentralen Prüfungen auf den Fremdsprachenunterricht in Deutschland vgl. Rossa (2016). Aus einer internationalen Perspektive wird das Thema von Pižorn & Huhta (2016) behandelt.

Die Evaluation sprachlicher Kompetenzen im Rahmen der standardbasierten Reform des Bildungswesens in englischsprachigen Ländern wird kritisch diskutiert in Menken, Hudson & Leung (2014) und Fulcher (2016).

Hinweise zur Bedeutung von Überzeugungen und subjektiven Theorien für das unterrichtliche Evaluieren gibt z.B. Yin (2010).

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3 Typen und Funktionen der Evaluation von Schreibkompetenzen

Rüdiger Grotjahn & Karin Kleppin

3.1 Prüfen, Testen, Evaluieren, Diagnostizieren: Begriffliche Vorbemerkungen

In der Fachliteratur, aber auch in der Praxis, werden die Begriffe Prüfen und Testen zum Teil synonym, zum Teil aber auch unterschiedlich verwendet. Dies gilt auch für das Englische (examination, test) und das Französische (examen, test). Ein gemeinsames Merkmal von Prüfen und Testen ist, dass die Prüflinge durch eine klare und eindeutige Aufgabenstellung zu Handlungen bzw. Reaktionen veranlasst werden. Sie sollen z.B. gesteuert durch Vorgaben wie Bilder, Graphiken oder kurze Texte dazu gebracht werden, einen eigenen Text zu verfassen (vgl. auch Rossa, 2016b, S. 399). Zur Vereinfachung werden im vorliegenden Band die Begriffe Prüfen und Testen synonym verwendet.

Der Begriff Evaluieren bzw. Evaluation wird ebenfalls mit unterschiedlicher Bedeutung verwendet. In diesem Band wird von einem weiten Verständnis von Evaluation im Sinne einer gängigen Bedeutung von assessmentassessment im amerikanischen Englisch ausgegangen. Evaluieren/Evaluation ist damit ein Oberbegriff zu Prüfen und Testen und bezieht sich auch auf unterrichtliche Bewertungsformen wie (informelle) Beobachtungen, Korrekturen, Lob und Tadel, Einsatz von Portfolios (vgl. Grotjahn & Kleppin, 2015, S. 15 sowie auch Purpura, 2016, S. 191).

Weiterhin findet man im Zusammenhang mit Prüfen, Testen und Evaluieren häufig den Begriff der DiagnoseDiagnose. In Bezug auf diesen Begriff sind eine enge und eine weite Verwendungsweise zu unterscheiden. Ein weiter Begriff von DiagnoseDiagnose liegt z.B. der Pädagogischen und Psychologischen DiagnostikDiagnose zugrunde und entspricht weitgehend der Verwendungsweise von Evaluation im vorliegenden Buch. Beim fremdsprachlichen Testen und Evaluieren wird der Begriff DiagnoseDiagnose dagegen zumeist in einem engeren Sinne verwendet. DiagnoseDiagnose zielt dann insbesondere auf das Aufdecken und in vielen Fällen auch das Rückmelden spezifischer Stärken und Schwächen der Lernenden (vgl. Alderson, Brunfaut & Harding, 2015; Jang & Wagner, 2014; Lee, 2015 sowie auch Kapitel 9.2.2). Sie kann sich dabei auf eher spezifische Aspekte von Schreibkompetenz, wie etwa auf die Fähigkeit zur Verwendung bestimmter kohäsionsstiftenderKohäsion Merkmale richten, oder auf allgemeinere Schreibkompetenzen zielen, wie etwa sozio-pragmatische Fähigkeiten.

3.2 Typen der Evaluation

Es können eine Reihe von Funktionen und Typen der Evaluation von sprachlichen Kompetenzen und damit auch von Schreibkompetenzen unterschieden werden. Wir gehen zunächst auf folgende grundlegende Unterscheidungen und Typen ein: bezugsgruppenorientiertEvaluationgruppenorientiert versus kriteriumsorientiertEvaluationkriteriumsorientiert, summativEvaluationsummativ versus formativEvaluationformativ, informellEvaluationinformell versus formellEvaluationformell. Danach werden wir eine Reihe weiterer spezifischerer Funktionen/Ziele, die mit Prüfungen verbunden werden, kurz skizzieren (vgl. zum Folgenden auch Grotjahn, 2008; Grotjahn & Kleppin, 2015, Kap. 3.1).

3.2.1 BezugsgruppenorientierteEvaluationgruppenorientiert versus kriteriumsorientierte EvaluationEvaluationkriteriumsorientiert

Im Rahmen von schulischen Prüfungen orientieren sich Lehrkräfte bei der Beurteilung der Schülerinnen und Schüler mehr oder weniger explizit am Leistungsstand der jeweiligen Bezugsgruppe – zumeist die Klassen oder Kurse, aus denen die entsprechenden Schülerinnen und Schüler stammen. Lehrkräfte bringen dann die Teilnehmenden in eine Rangfolge, wie z.B.: Schülerin A ist leistungsstärker als Schüler B; oder auch: Schülerin C gehört zu den fünf leistungsstärksten in der Gruppe. Ein solches Vorgehen bezeichnet man als bezugsgruppenorientierteEvaluationgruppenorientiert oder auch normorientierte Evaluation (vgl. auch Kapitel 6.3). Mit der Orientierung an einer sozialen Bezugsnorm ist allerdings ein entscheidendes Problem verbunden: Die Bewertung der Leistung als „schwach“ oder „stark“ oder auch als „schlechter“ oder „besser“ hängt vom Leistungsstand in der jeweiligen Gruppe sowie von der SchwierigkeitSchwierigkeit der jeweiligen PrüfungsaufgabenAufgabenPrüfungsaufgaben ab. Eine Aussage, an welcher Position jemand in einer Gruppe steht, bietet weder der Person selbst noch anderen Personen Informationen darüber, in welchen Situationen die jeweilige Person sprachlich adäquat handeln kann und über welche spezifischen sprachlichen Kompetenzen sie verfügt. Die Rangposition sagt damit nichts über den absoluten Leistungsstand einer Person aus.

Häufig will man nicht lediglich relative Aussagen bezogen auf den Leistungsstand in der jeweiligen LerngruppeLerngruppe, sondern absolute Aussagen zu globalen und/oder spezifischen Kompetenzen formulieren. In diesem Fall muss man eine (zusätzliche) Beurteilung auf der Basis von vorher festgelegten Kriterien durchführen, eine so genannte kriteriumsorientierteEvaluationkriteriumsorientiert/kriteriale Evaluation, auf die in Kapitel 6 und 8 noch ausführlich eingegangen wird. Eine solche kriteriumsorientierteEvaluationkriteriumsorientiert Evaluation ist absolut und damit von unmittelbarer inhaltlicher Aussagekraft. Häufig hat eine entsprechende Evaluation die Form einer Kann-Beschreibung im Sinne des GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen. Ist das Kriterium als Lern- oder Lehrziel formuliert, dann spricht man auch von lernziel- bzw. lehrzielorientierter Evaluation. Eine kriteriale, an transparenten Lernzielen orientierte Evaluation kann für viele Schülerinnen und Schüler eine motivierende Funktion haben, da sie genau wissen, was von ihnen erwartet wird. Wenn allerdings alle an den gleichen Kriterien gemessen werden, kann eine solche Evaluation gerade bei schwächeren Lernenden auch demotivierend wirken.

Insgesamt gilt, dass sich in der Mehrzahl der Fälle eine bezugsgruppenorientierteEvaluationgruppenorientiert und eine kriteriumsorientierteEvaluationkriteriumsorientiert Interpretation ein und derselben Prüfungsergebnisse keineswegs ausschließen. So ist ein Kennzeichen der NotengebungBenotung im Unterricht, dass häufig gleichzeitig bezugsgruppenorientiertEvaluationgruppenorientiert und kriterial bewertet wird.

3.2.2 SummativeEvaluationsummativ versus formativeEvaluationformativ Evaluation

Weiterhin kann eine Evaluation summativEvaluationsummativ oder formativEvaluationformativ erfolgen, d.h., sie kann punktuell und produkt-/ergebnisorientiert am Ende eines Lernabschnitts stattfinden (summativEvaluationsummativ) oder kontinuierlich und prozessorientiert in den Unterricht integriert und zur Steuerung des weiteren Lernens genutzt werden (formativ). Die summativeEvaluationsummativ Evaluation der Leistungen der Schülerinnen und Schüler kann dabei in weitgehender Eigenverantwortung intern an einer Schule stattfinden oder anhand externer Maßstäbe und Verfahren erfolgen. Ein typisches Beispiel einer internen summativen EvaluationEvaluationsummativ der Schülerleistungen sind die am Ende eines Halbjahres oder Jahres in der Schule vergebenen ZeugnisnotenBenotung. Ein Beispiel für eine externe, eher summativEvaluationsummativ angelegte Evaluation ist VERA-8Vergleichsarbeiten. SummativeEvaluationsummativ Evaluation zielt auf (punktuelle) Qualitätskontrolle und ist häufig verbunden mit Funktionen wie NotengebungBenotung oder den Vergleich von Bildungseinheiten wie Schulen oder Klassen. Entsprechend wird in der englischsprachigen Literatur die summativeEvaluationsummativ Evaluation häufig als assessmentassessment of learning, also als Evaluation des Lernens charakterisiert.

Das zentrale Unterscheidungsmerkmal zwischen summativerEvaluationsummativ und formativer EvaluationEvaluationformativ ist, dass bei der formativen EvaluationEvaluationformativ die Ergebnisse direkt in die Planung und Optimierung des Unterrichts zurückfließen. Deshalb wird diese auch als assessment for learningassessmentassessment for learning, d.h. als Evaluation im Dienste des Lernens charakterisiert. Formative EvaluationEvaluationformativ erfolgt üblicherweise kriteriumsorientiertEvaluationkriteriumsorientiert und vermeidet dadurch einen bezugsgruppenorientierten VergleichEvaluationgruppenorientiert der Lernenden untereinander. Zudem werden die Lernziele und BewertungskriterienBeurteilungskriterien transparent gemacht und soweit möglich von den Lehrkräften und Lernenden gemeinsam verantwortet. Während es sich bei summativen EvaluationenEvaluationsummativ häufig um high-stakes Evaluationen handelt, d.h. um Evaluationen, die mit weitreichenden Konsequenzen für die Betroffenen verbunden sind, ist eine formative EvaluationEvaluationformativ in der Regel low-stakes. Wichtig ist, dass Rückmeldungen beim formativen EvaluierenEvaluationformativ deskriptiv und nicht bewertend formuliert werden; d.h. sie sollten Stärken und Schwächen des Lernenden beschreiben, und – so weit möglich – nicht mit einer Benotung verbunden sein (vgl. auch Kapitel 9). Ein häufig eingesetztes Verfahren, in dem formative und summativeEvaluationsummativ EvaluationEvaluationformativ sinnvoll verbunden sind, ist ein Schreibportfolio mit prozessbegleitenden, reflexiven Rückmeldeschleifen und einer am Ende des Unterrichtsabschnitts stattfindenden summativen EvaluationEvaluationsummativ von Schreibprodukten, die der Lernende selbst ausgewählt hat (vgl. Yin, 2014, S. 668f.).

Ist formatives EvaluierenEvaluationformativ direkt in den Unterricht integriert und stehen Evaluieren und Unterrichten in einem dialektischen Wechselspiel, dann kann man von assessment as learningassessmentassessment as learning, d.h. von Evaluation im Zuge des Lernens sprechen. Dabei kann der Fokus eher auf dem Unterrichten oder eher auf der Evaluation liegen (vgl. auch die Unterscheidung von teaching through assessment und assessment through teaching bei Yin, 2014, S. 674). Ein prominentes Beispiel für eine Evaluation im Zuge des Lernens ist die so genannte interaktionistische dynamische EvaluationEvaluationinteraktionistisch dynamisch, auf die wir in Kapitel 9.5 eingehen. Hierbei gibt eine Lehrkraft Schülerinnen und Schülern geeignete Hilfestellungen, damit diese möglichst eigenständig ihren Schreibprozess bzw. ihr Schreibprodukt im Hinblick auf bestimmte Kriterien wie etwa Korrektheit, KohärenzKohärenz, Adressatenadäquatheit optimieren und auf diese Weise über ihren aktuellen Stand ihrer Schreibkompetenz hinaus auch ihr Entwicklungs- und Lernpotential zeigen können. Wenn dies gelingt, dann kann dies auch einen positiven Effekt auf das Selbstwertgefühl und das weitere Lernen haben.

Formative EvaluationEvaluationformativ zielt insgesamt auf kontinuierliche Qualitätsentwicklung im Unterricht. Sie gibt den Lehrkräften Rückmeldung hinsichtlich der Effizienz ihres Unterrichts und den Lernenden Rückmeldung hinsichtlich der Effizienz ihres Lernens. Weiterhin zielt die formativeEvaluationformativ Evaluation häufig auf eine Steigerung der Motivation der Lernenden sowie auf die Entwicklung von SelbstevaluationskompetenzEvaluationSelbstevaluation und den Aufbau von Lernbewusstheit und unterstützt die Lernenden dabei, ihre eigenen Fortschritte, aber auch mögliche Probleme wahrnehmen und reflektieren zu können.

3.2.3 FormelleEvaluationformell und informelle EvaluationEvaluationinformell

Schließlich kann noch zwischen formellenEvaluationformell und informellenEvaluationinformell Verfahren der Evaluation fremdsprachlicher Kompetenzen unterschieden werden. FormelleEvaluationformell Prüfungen und Tests sind in der Regel das Ergebnis langwieriger und aufwändiger Bemühungen von Spezialisten und zudem in Bezug auf die Testinhalte und den Testaufbau sowie die Durchführung des Tests und Bewertung der Testleistungen standardisiert. Beispiele sind die Cambridge Prüfungen für Englisch oder das DELF für Französisch. FormelleEvaluationformell Tests müssen bestimmten, weithin akzeptierten TestgütekriterienGütekriterien wie z.B. ObjektivitätObjektivität, ReliabilitätReliabilität (Zuverlässigkeit) und ValiditätValidität (Gültigkeit) genügen (vgl. Kapitel 4).

Bei informellen PrüfungenEvaluationinformell und Tests handelt es sich dagegen um ein weniger aufwändiges und weniger anspruchsvolles Erzeugnis von Unterrichtspraktikern. Trotzdem müssen auch informelle TestsEvaluationinformell bestimmten Qualitätsanforderungen wie ObjektivitätObjektivität, ReliabilitätReliabilität und ValiditätValidität genügen, allerdings in deutlich geringerem Maße als im Fall formellerEvaluationformell Prüfungen und Tests, insb. im Hinblick auf die ObjektivitätObjektivität und ReliabilitätReliabilität. Beispiele für informelle Formen der EvaluationEvaluationinformell sind von den Lehrkräften selbst erstellte Lernfortschrittstests, mit denen sich diese einen Überblick über den Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler oder auch über den aktuellen Lernstand einer neu übernommenen Klasse verschaffen wollen. Man könnte meinen, dass auch Klassen- oder Kursarbeiten zu den informellen TestsEvaluationinformell gezählt werden können. Dies ist in der Regel nicht gerechtfertigt, da Klassen- und Kursarbeiten bisher zumeist nicht in notwendigem Maße die Qualitätskriterien informeller TestsEvaluationinformell erfüllen (vgl. Grotjahn, 2008).

3.2.4 SelbstevaluationEvaluationSelbstevaluation und Peer-EvaluationEvaluationPeer-Evaluation

Bisher sind wir davon ausgegangen, dass die Evaluation entweder intern durch eine Lehrkraft oder extern an Hand einer standardisierten Prüfung wie DELF oder die Cambridge Englisch Prüfungen erfolgt. Die Evaluation kann aber auch durch den Lernenden selbst oder durch die jeweiligen Mitschüler und Mitschülerinnen durchgeführt werden.

Eine SelbstevaluationEvaluationSelbstevaluation erfolgt durch die Schülerinnen und Schüler, die ein Schreibprodukt verfasst haben. Sie wird bei Schreibaufgaben in der Regel durch die Lehrkraft initiiert. Durch den Einsatz von Verfahren der SelbstevaluationEvaluationSelbstevaluation soll bei den Schülerinnen und Schülern die Fähigkeit ausgebildet werden, BewertungskriterienBeurteilungskriterien zu reflektieren und anzuwenden, also diagnostische und reflexive KompetenzenKompetenzdiagnostisch zu entwickeln. Die Lernenden sollen u.a. befähigt werden, die eigenen Schreibprodukte im Hinblick auf unterschiedliche Kriterien wie etwa kohärenter Aufbau, Korrektheit, KohäsionKohäsion und soziale AngemessenheitAngemessenheit zu überprüfen und gegebenenfalls dann auch zu korrigieren. Eine SelbstevaluationEvaluationSelbstevaluation wird in der Schule in der Regel nicht zur formellenEvaluationformell NotengebungBenotung eingesetzt.

Bei einer Peer-EvaluationEvaluationPeer-Evaluation bewerten Schülerinnen und Schüler gegenseitig ihre Schreibprodukte auf der Basis vereinbarter Kriterien. Über gängige BewertungskriterienBeurteilungskriterien wie Korrektheit, KohärenzKohärenz und KohäsionKohäsion hinaus können auch Kriterien verwendet werden wie Originalität oder auch Interessantheit und VerständlichkeitVerständlichkeit für die Mitschüler und Mitschülerinnen. Die Funktion von Peer-EvaluationenEvaluationPeer-Evaluation besteht vor allem darin, dass Lernende sich dabei gegenseitig helfen, über ihre sprachlichen Kompetenzen und Möglichkeiten zum Weiterlernen nachzudenken. Peer-Beurteilungen sind damit ebenso wie die SelbstevaluationEvaluationSelbstevaluation ein wichtiges Verfahren für die Entwicklung der Fähigkeit zum selbstreflexiven Lernen.

3.3 Funktionen der Evaluation

In diesem Kapitel wollen wir spezifische Funktionen und Ziele von Prüfungen kurz skizzieren, die mit mehr oder weniger weitreichenden Entscheidungen im Hinblick auf die unterrichtliche Qualitätsentwicklung verbunden sein können. Es lassen sich insb. folgende Funktionen und Ziele unterscheiden, die allerdings nicht immer klar voneinander abzugrenzen sind und die zum Teil von den Betroffenen (Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern, bildungspolitische Entscheidungsträger) unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert werden können (vgl. zum Folgenden Grotjahn & Kleppin, 2015, Kap. 1.3).

 Feststellen des Erreichens von Lernzielen, curricularenCurricula Vorgaben und Standards. Hierbei geht es darum zu überprüfen, ob lehrerseitig oder curricularCurricula vorgegebene Lernziele und/oder schulinterne oder schulexterne Standards erreicht wurden. Lehrerseitige Lernziele können sich sowohl auf MakrokompetenzenKompetenzMakrokompetenz wie die Fähigkeit zum Verfassen eines informellen Briefes beziehen als auch MikrokompetenzenKompetenzMikrokompetenz wie z.B. die Fähigkeit zur Verwendung bestimmter sprachlicher Mittel für die Textproduktion (z.B. ein bestimmter thematischer Wortschatz)Wortschatz betreffen. CurriculareCurricula Vorgaben und Standards beziehen sich eher auf die z.B. in Kernlehrplänen beschriebenen MakrokompetenzenKompetenzMakrokompetenz, die sich an den Deskriptoren des GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen anlehnen wie z.B.: „Die Schülerinnen und Schüler können … einfache, standardisierte Briefe und E-Mails adressatengerecht formulieren, z.B. Anfragen, Bewerbungen (B1)“ (KMK, 2004, S. 14). Sollten die Lernziele, curricularenCurricula Vorgaben und Standards nicht erreicht werden, dann sind die Gründe hierfür zu analysieren und auf der Basis der Analysen gegebenenfalls Maßnahmen für die Weiterentwicklung des Unterrichts zu ergreifen (vgl. auch Harsch, 2016).

 Feststellen von Fortschritten. Hier will man an Hand von so genannten Lernfortschrittstests feststellen, ob und welche Fortschritte einzelne Lernende oder auch eine ganze LerngruppeLerngruppe im Hinblick auf bestimmte Lernziele gemacht haben. Geht es z.B. in einer Unterrichtseinheit um die Vermittlung von Kompetenzen für das Schreiben von Bewerbungen, dann wird überprüft, ob die Schülerinnen und Schüler am Ende der Unterrichtseinheit ein Anliegen, wie z.B. ein Bewerbungsschreiben für ein Auslandspraktikum, textsortenTextsorte- und adressatengerecht schriftlich formulieren können. Ist dies nicht der Fall, dann ist wiederum nach den Ursachen zu fragen. Waren die Bewerbungen z.B. nicht höflich genug formuliert, dann sollte dieser Aspekt im Unterricht fokussiert werden.

 Feststellen des Potenzials. Hierzu kann man das bereits erwähnte Verfahren der interaktionistischen dynamischen EvaluationEvaluationinteraktionistisch dynamisch verwenden. Diese geht davon aus, dass der in einer Evaluationssituation gezeigte aktuelle Stand der Schreibkompetenzen nur sehr bedingt eine Vorhersage über die zukünftige Entwicklung der Schreibkompetenzen eines Lernenden oder auch einer Gruppe von Lernenden ermöglicht. Über welches Entwicklungspotenzial ein Lernender verfügt, kann man daran ablesen, inwieweit dieser geeignete Hilfen (z.B. Markierung eines Fehlers; Hinweis zur Fehlerart; Hinweise zu Korrekturmöglichkeiten) zur Verbesserung seines Schreibprodukts und zur Weiterentwicklung seiner Schreibkompetenzen nutzen kann. Genauere Hinweise, wie entsprechende Hilfen vor dem Hintergrund der interaktionistischen dynamischen EvaluationEvaluationinteraktionistisch dynamisch gestaltet und eingesetzt werden können, finden sich in Kapitel 9.5.

 DiagnoseDiagnose und Förderung. Die DiagnoseDiagnose soll Lehrkräften, Lernenden und eventuell auch Eltern Informationen liefern, die dann in die weiteren unterrichtlichen Entscheidungen und Handlungen (z.B. Förderung spezifischer Schülerinnen und Schüler, Fokussierung spezifischer Kompetenzbereiche) einfließen. Die diagnostische Zielsetzung sollte möglichst für die Beteiligten transparent sein. Eine DiagnoseDiagnose kann vor Beginn einer geplanten Unterrichtssequenz (LernausgangsdiagnoseDiagnose), während des unterrichtlichen Lernprozesses (LernprozessdiagnoseDiagnose) oder am Ende einer Unterrichtssequenz (LernergebnisdiagnoseDiagnose) durchgeführt werden. Sie kann sich auf individuelle Schülerinnen und Schüler oder auch ganze LerngruppenLerngruppe beziehen und auf der Basis einer gruppenbezogenen oder kriterialen Bezugsnorm erfolgen.

 Feedback (Rückmeldungen). Feedback ist dazu gedacht, den Lernenden oder auch den Eltern relevante Hinweise zu den erreichten Kompetenzen, Fortschritten, Defiziten und zur weiteren Entwicklung von Kompetenzen zu geben. Für Lehrkräfte können die Ergebnisse von Prüfungen Anlass sein, ihren Unterricht zu überdenken und gegebenenfalls neu auszurichten. Rückmeldungen können geplant z.B. in Form von systematischen lehrerseitigen Korrekturen von Schreibaufgaben oder auch ungeplant z.B. in Form einer spontanen Reaktion der Lehrkraft auf einen Tafelanschrieb einer Schülerin oder eines Schülers erfolgen (zu Formen des Feedbacks siehe Kapitel 9.2). Darüber hinaus können sich Rückmeldungen auch auf die Leistungen größerer Einheiten wie Schulklassen, Schulen oder Bundesländer beziehen.

 Motivierung. Unterrichtliche Prüfungen sollen häufig dazu dienen, Lernende zu erhöhter Anstrengung anzuspornen und sie so z.B. zu veranlassen, bestimmte Kenntnisse zu festigen oder bestimmte Inhalte zu wiederholen. Auch das erfolgreiche Ablegen einer externen Zertifikatsprüfung kann sich positiv auf das Selbstwertgefühl der Schülerinnen und Schüler auswirken und zu weiteren Anstrengungen im Unterricht motivieren.

 Entwicklung diagnostischer und reflexiver KompetenzenKompetenzdiagnostisch. Schülerinnen und Schüler können diagnostische und reflexive KompetenzenKompetenzdiagnostisch nur entwickeln, wenn eine informative Rückmeldung zu den Schreibleistungen gegeben wird, die auf transparenten, den Lernenden klar verständlichen Kriterien beruht (zur kriterialen Bewertung und Rückmeldung siehe Kapitel 6, 8 und 9). Die Rückmeldung kann darüber hinaus – auch im Rahmen von Selbst- und Peer-EvaluationenEvaluationSelbstevaluationEvaluationPeer-Evaluation – die Lernenden dazu anregen, sich mit den eigenen Produktionen noch einmal auseinander zu setzen. Diagnostische und reflexive KompetenzenKompetenzdiagnostisch gelten als wichtige Voraussetzung für Lernerautonomie.

 Vergabe von NotenBenotung. Die Bewertung von Schreibkompetenzen erfolgt üblicherweise an Hand von Ziffernnoten, denen Punktzahlen zu Grunde liegen und die zum Teil mit zusätzlichen verbalen Beurteilungen verbunden werden. Ohne zusätzliche verbale Beurteilungen bieten ZiffernnotenBenotung im Hinblick auf eine DiagnoseDiagnose und Weiterentwicklung spezifischer Kompetenzen keine inhaltlich relevanten Informationen.

Betrachtet man fremdsprachliche Tests und Prüfungen aus einer bildungspolitischen Perspektive, dann zielt deren Einsatz im Schulkontext stets auch auf Rechenschaftslegung und Qualitätsentwicklung. In diesem Zusammenhang wird häufig im Hinblick auf den Einsatz von Tests und Prüfungen auch der Begriff LernstandserhebungLernstandserhebung verwendet. So werden etwa Vergleichsarbeiten wie VERA-8Vergleichsarbeiten auch als eine Form der LernstandserhebungLernstandserhebung angesehen (vgl. Kniffka, 2016 sowie auch Groß Ophoff, 2013).1LernstandserhebungDiagnoseLerngruppe Im Rahmen dieses Monitoring-Paradigmas lassen sich folgende spezielle Funktionen und Ziele formulieren, die sich wiederum überschneiden können:

 Evaluation von erreichten Kompetenzen. Es sollen mit Hilfe standardisierter Tests Erkenntnisse darüber gewonnen werden, welches NiveauNiveaustufe Lernende oder auch größere Bildungseinheiten zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem bestimmten Kompetenzbereich tatsächlich erreicht haben. Ein Beispiel hierfür ist die DESI-Studie (Deutsch Englisch Schülerleistungen International) aus dem Jahre 2003/2004 zur Entwicklung von sprachlichen Fähigkeiten. Hierbei wurden insb. rezeptiveKompetenzrezeptiv und produktive KompetenzenKompetenzproduktiv untersucht – unter Einschluss von Schreibkompetenzen (vgl. DESI-Konsortium, 2008).

 Evaluation des Erreichens von bildungspolitischen Zielen. Es sollen mit Hilfe standardisierter Tests Erkenntnisse darüber gewonnen werden, inwieweit spezifische bildungspolitische Ziele erreicht wurden, wie etwa die BildungsstandardsBildungsstandards für die erste Fremdsprache (Englisch/Französisch) für den Mittleren Schulabschluss. Entsprechende Untersuchungen fanden in den Jahren 2008 (Französisch), 2009 (Englisch) sowie 2015 (Englisch und Französisch) für HörverstehenHörverstehen und LeseverstehenLeseverstehen statt. Für die Überprüfung von Schreibkompetenzen wurden zwar 2007 und 2008 TestaufgabenAufgabenTestaufgaben entwickelt und pilotiert (vgl. die Hinweise in Kapitel 2.5), allerdings u.a. aus Gründen des hohen Bewertungsaufwandes nicht flächendeckend für die Überprüfung der BildungsstandardsBildungsstandards eingesetzt. Ergebnisse aus Überprüfungen bildungspolitischer Ziele können für die Weiterentwicklung von CurriculaCurricula (Formulierung realistischer Lernziele) genutzt werden.

 Vergleich größerer Bildungseinheiten. Es können z.B. Klassen, Schulen, Regionen oder auch ganze Länder an Hand standardisierter Tests verglichen werden. Beispiele hierfür sind die Ländervergleiche/BildungstrendsLändervergleich/Bildungstrend sprachlicher Kompetenzen in der ersten Fremdsprache in den Jahren 2008/2009 und 2015 im Rahmen der Überprüfung der BildungsstandardsBildungsstandards (vgl. Köller, Knigge & Tesch, 2010; Stanat, Böhme, Schipolowski & Haag, 2016 sowie auch Kapitel 2.3). Ein anderes Beispiel, allerdings nicht aus dem fremdsprachlichen Bereich, ist die PISA-Studie.

 Positive Beeinflussung des Unterrichts. Fremdsprachenunterricht soll die Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, sprachliche Handlungen in für sie (potenziell) relevanten lebensweltlichen Situationen auszuführen. Häufig wird in diesem Zusammenhang auch von KompetenzKompetenz- und HandlungsorientierungHandlungsorientierung gesprochen (vgl. Europarat, 2001; KMK, 2004 sowie auch Kapitel 2 und 5). Der Einsatz lebensweltlich relevanter PrüfungsaufgabenAufgabenPrüfungsaufgaben zum Schreiben kann dazu beitragen, dass die Prinzipien der Kompetenz- und HandlungsorientierungHandlungsorientierung im Unterricht tatsächlich umgesetzt werden. Erreicht man die intendierte positive Veränderung des Unterrichts durch die Prüfungsaufgaben, dann spricht man von einem positiven Washback-Effekt (vgl. Kapitel 4.2.4.1).

Hinweise zum Weiterlesen

Bachman & Palmer (2010) sehen die primäre Funktion des Einsatzes von Evaluationsinstrumenten in der datengestützten Begründung von kontextspezifischen Entscheidungen (vgl. auch Purpura, 2016). Moss (2016) zeigt, dass intendierte Funktion und faktischer Einsatz in der Praxis häufig auseinanderfallen.

Ein weiter Begriff von DiagnoseDiagnose liegt z.B. Handbüchern zur Pädagogischen DiagnostikDiagnose (vgl. z.B. Ingenkamp & Lissmann, 2008, S. 13f.) und Psychologischen DiagnostikDiagnose (vgl. z.B. Petermann & Eid, 2006) zugrunde. Folgt man dieser Verwendungsweise, ist auch der Begriff der DiagnoseaufgabeDiagnose prinzipiell weiter als der Begriff der TestaufgabeAufgabenTestaufgaben.

Eine unterrichtliche DiagnoseDiagnose spezifischer Stärken und Schwächen kann mit oder ohne den Einsatz formeller Messinstrumente wie z.B. Tests erfolgen (z.B. anhand von Beobachtungen) oder auch mit Hilfe von Dokumentationsverfahren wie Portfolios. Auch formelle SprachtestsEvaluationformell können mit dem Ziel einer spezifischen DiagnoseDiagnose und Rückmeldung konzipiert sein. Ein Beispiel ist das auf die Kompetenzstufen des GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen bezogene DIALANG-Testsystem (vgl. www.dialang.org sowie Alderson, 2005; Huhta, 2008; Lee, 2015). Speziell mit der DiagnoseDiagnose von Schreibkompetenzen beschäftigt sich Knoch (2009). Weitere Funktionen von DiagnoseaufgabenDiagnose werden in Caspari, Grotjahn & Kleppin (2010, S. 63f.) angesprochen.

Einen kurzen, informativen Überblick über Formen unterrichtlicher Evaluation geben Katz & Gottlieb (2013). Hinweise zum Unterschied zwischen FremdevaluationEvaluationFremdevaluation, SelbstevaluationEvaluationSelbstevaluation und Peer-EvaluationEvaluationPeer-Evaluation finden sich bei Harsch (2009), Kleppin (2008), Oscarson (2014), Roche (2010) und Suomela-Salmi (2010). Eine Reihe unterschiedlicher Typen formativer unterrichtlicher EvaluationEvaluationformativ werden in Tsagari & Csépes (2011) beschrieben. Weitere unterrichtsrelevante Informationen zur formativen EvaluationEvaluationformativ fremdsprachlicher Kompetenzen und zum diagnostischen Feedback enthalten u.a. Dlaska & Krekeler (2009), Grotjahn & Kleppin (2015), Hamp-Lyons (2016), Huhta (2008), Jang & Wagner (2014), Kieweg (2010) und Lee (2015).

Der GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen (Europarat, 2001) unterscheidet – allerdings wenig trennscharf – zwischen kontinuierlicher und punktueller Beurteilung (Kapitel 9.3.4) sowie formativerEvaluationformativ und summativer BeurteilungEvaluationsummativ (Kapitel 9.3.5). Wichtige Charakteristiken eines assessment for learningassessmentassessment for learning (Evaluation im Dienste des Lernens) hat u.a. bereits die Assessment Reform Group (2002) formuliert (vgl. für weiterführende Hinweise Jones & Saville, 2016). Über den Stand der Diskussion zum (unterrichtlichen) Stellenwert von cognitively based assessment of, for, and as learning sowie formativer und summativer EvaluationEvaluationsummativEvaluationformativ informiert Bennett (2010, 2011). Einen kurzen, fundierten Überblick über die formative EvaluationEvaluationformativ findet man auch unter: http://en.wikipedia.org/wiki/Formative_assessment.

Aktuelle fremdsprachenspezifische Darstellungen unterschiedlicher Formen eines assessmentlearning-orientedlearning-oriented assessment finden sich in Jones & Saville (2016) sowie Turner & Purpura (2016).

Eine ausführliche Darstellung der kriteriumsorientierten EvaluationEvaluationkriteriumsorientiert fremdsprachlicher Kompetenzen geben z.B. Brown & Hudson (2002) sowie Hudson (2014). Wichtige Unterschiede zwischen einer normorientierten und einer kriteriumsorientierten TestwertinterpretationEvaluationkriteriumsorientiert beschreiben Goldhammer & Hartig (2012) und Sawaki (2016). Speziell zum standardbasierten Testen informieren Hudson (2012) und Fulcher (2016).

Einen kurzen Überblick über Aspekte der Standardorientierung beim Lernen und Lehren von Fremdsprachen an deutschen Schulen gibt Harsch (2016). Aktuelle Hinweise zu Funktionen und Auswirkungen von (zentralen) Sprachprüfungen vor dem Hintergrund von fremdsprachlichen BildungsstandardsBildungsstandards und bildungspolitischem Monitoring-Paradigma finden sich bezogen auf den deutschen Kontext z.B. in Rossa (2016a). Pižorn & Huhta (2016) behandeln das Thema aus einer internationalen Perspektive.

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4 GütekriterienGütekriterien bei der Evaluation von Schreibkompetenzen

Rüdiger Grotjahn & Karin Kleppin

Die Qualität einer Evaluation wird üblicherweise anhand von bestimmten GütekriterienGütekriterien beurteilt. Nur wenn diese hinreichend erfüllt sind, lassen sich die Interpretationen (z.B. von Punktwerten im Hinblick auf die Kompetenzstufen des GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen) und die auf der Basis der Punktwertinterpretationen getroffenen Entscheidungen (z.B. hinsichtlich unterrichtlicher Maßnahmen) rechtfertigen. In welchem Ausmaß die einzelnen GütekriterienGütekriterien erfüllt sein müssen, hängt von den mit der Evaluation verbundenen Zielen und Konsequenzen ab. Sollen z.B. spezifische Aussagen über einzelne Individuen formuliert werden, sind in der Regel höhere Ansprüche an die Messgenauigkeit zu stellen, als wenn globale Aussagen über Gruppen gemacht werden sollen. Handelt es sich darüber hinaus um eine High-Stakes-Evaluation, d.h. um eine Evaluation mit weitreichenden Konsequenzen für die Betroffenen wie z.B. im Fall des Abiturs (vgl. Kapitel 3), sind ebenfalls höhere Ansprüche an die Präzision der Messung zu stellen als im Fall einer Evaluation ohne gravierende Konsequenzen.

Mittlerweile besteht Einigkeit darüber, dass die jeweilige Verwendung eines Evaluationsinstruments sowie die sich hieraus ergebenden Konsequenzen bei der Beurteilung der Qualität einer Evaluation stets mit zu berücksichtigen sind. Auf diesen Sachverhalt weist auch Purpura (2016) in einem aktuellen Überblicksartikel zur Evaluation von zweit- und fremdsprachlichen Kompetenzen explizit hin:

Most now recognize that assessments are used to make decisions in real-world contexts, involving factors outside the assessmentassessment itself, where the probability of making the ‘right’ decision about individual attributes or research questions is not only a function of the quality of the assessment and the related interpretations, but also a function of the use of the assessment for some intended purpose, together with the consequences of making those decisions. (S. 192f.)

4.1 Evaluation von Schreibkompetenzen: Spezifika

Während zur Evaluation von Lese- und HörverstehenskompetenzenHörverstehen zumeist geschlossene und (weitgehend) objektiv auswertbare AufgabenAufgaben zum Einsatz kommen, ist ein Spezifikum einer kompetenz- und handlungsorientierten Überprüfung von Schreibfähigkeiten,1KompetenzTestkonstrukt dass in der Regel offene AufgabenformateAufgabenformate mit einem beträchtlichen Bewertungsspielraum eingesetzt werden. Ein entscheidendes Merkmal ist dabei, dass die Aufgaben wesentliche Merkmale der lebensweltlichen Schreibhandlungen simulieren oder zumindest prototypisch abbilden, die die Testteilnehmenden außerhalb der Testsituation bewältigen sollen (vgl. auch die Bemerkungen zur AuthentizitätAuthentizität in Kapitel 4.2.4.2). Von den SchreibaktivitätenSchreibaktivitäten in der Testsituation – in diesem Zusammenhang auch als Performanz (engl. performance) bezeichnet – soll dann auf die Fähigkeit zur Realisierung ähnlicher SchreibaktivitätenSchreibaktivitäten außerhalb der Testsituation und/oder auf hierfür wichtige Kompetenzen zurückgeschlossen werden (vgl. auch die Ausführungen zum TestkonstruktTestkonstrukt in Kapitel 5).

Ein entsprechendes performanzbasiertes Vorgehen wird auch als performanzbasierte Evaluation (performance-basedassessmentperformance-based assessment/testing) bezeichnet und das eingesetzte Instrument als PerformanztestPerformanztest (performance assessment/test). Zur performanzbasiertenEvaluationperformanzbasiert Evaluation sind auch Formen der aufgabenbasierten Evaluation (task-basedassessmenttask-based language assessment) und der aufgabenzentrierten Evaluation (task-centeredassessmenttask-centered language assessment) zu rechnen (vgl. Purpura, 2016, S. 195f.). Dies gilt insbesondere dann, wenn die Bearbeitung der AufgabenAufgaben als eine funktionale Aktivität angesehen wird, in der ein Individuum Sprache in einem bestimmten Kontext zur Erreichung eines Ziels einsetzt (vgl. Van Gorp & Deygers, 2014, S. 579 sowie Bachman, 2007; Brindley, 2013; Fischer, Chouissa, Dugovičová & Virkkunen-Fullenwider, 2011a, 2011b und Norris, 2016).

Performanzbasierte Evaluationsformen zielen auf eine (relativ) direkte Messung von Schreibleistungen und stehen damit im deutlichen Gegensatz z.B. zu einer indirekten Messung von Schreibleistungen anhand von geschlossenen AufgabenAufgaben zu GrammatikGrammatik und LexikLexik. Mit Hilfe einer performanzbasierten EvaluationEvaluationperformanzbasiert soll zum einen eine höhere ValiditätValidität (Gültigkeit) der Messung von Schreibleistungen erreicht werden (vgl. Kapitel 4.2.3 sowie Kapitel 5). Zum anderen ist häufig auch eine positive RückwirkungRückwirkung auf den Unterricht und eine intrinsische Motivierung der Testteilnehmenden intendiert (vgl. Yu, 2014). Dem steht allerdings u.a. als Nachteil gegenüber, dass eine zuverlässige und gültige Messung von Fähigkeiten und Fertigkeiten anhand von PerformanztestsPerformanztest in der Regel relativ aufwändig ist. Dies gilt z.B. im Hinblick auf die zur Testdurchführung benötigte Zeit oder bezüglich der Beurteilung der gezeigten Leistung (vgl. die Hinweise zur PraktikabilitätPraktikabilität und Ökonomie in Kapitel 4.2.4.4). Aus den genannten Gründen müssen in der Praxis u.a. bei der Zahl der eingesetzten Aufgaben und bei der Beurteilung der erbrachten Leistungen in der Regel Abstriche gemacht werden.

Bei einem PerformanztestPerformanztest zur Messung von Schreibkompetenzen kann es sich z.B. um ein durch Vorgaben gesteuertes Schreiben einer Anfrage bei einem Hostel (zu Zimmern, Leistungen und Aktivitäten), um eine komplexe Argumentation auf der Basis einer vorgegebenen Grafik oder auch um das Ausfüllen eines Formulars handeln. Die Schreibleistungen werden anhand von vorher festgelegten Kriterien durch entsprechend ausgebildete Beurteilende (z.B. Lehrerinnen und Lehrer) bewertet. Die von den Testteilnehmenden gezeigte Leistung und das abschließende Urteil über die Schreibkompetenz hängen damit nicht nur von der zu messenden KompetenzKompetenz und zusätzlichen konstruktirrelevanten Merkmalen der Testteilnehmenden (z.B. Prüfungsangst, soziokultureller Hintergrund) selbst ab. Vielmehr spielen u.a. auch Merkmale der Schreibaufgabe (z.B. kognitive Anforderungen), die verwendeten BeurteilungskriterienBeurteilungskriterien (z.B. fokussierte Bewertungsaspekte, Präzision, Eindeutigkeit) sowie Merkmale der Beurteilenden (z.B. Strenge/Milde, Verhaltenskonsistenz, Ausmaß an Schulung) eine Rolle. Diese komplexen Wechselwirkungen insbesondere zwischen den Merkmalen der verwendeten AufgabenAufgaben, BeurteilungskriterienBeurteilungskriterien und Beurteilenden machen die Bewertung von Schreibkompetenzen zu einem anspruchsvollen Unterfangen und stellen hohe Ansprüche an die eingesetzten Aufgaben, die verwendeten Kriterienraster und die Kompetenzen der Beurteilenden.

4.2 Typen und Funktionen von GütekriterienGütekriterien

Es gibt eine Vielzahl von Kriterien zur Einschätzung der Qualität der eingesetzten AufgabenAufgaben, der verwendeten BeurteilungskriterienBeurteilungskriterien, der Beurteilenden, der AngemessenheitAngemessenheit des Vorgehens bei der Evaluation sowie der Güte der auf der Basis der Evaluationsergebnisse gezogenen Schlüsse und getroffenen Entscheidungen. Von zentraler Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die GütekriterienGütekriterien der ValiditätValidität (Gültigkeit), ReliabilitätReliabilität (Zuverlässigkeit) und ObjektivitätObjektivität, wobei ReliabilitätReliabilität und ObjektivitätObjektivität allerdings nicht immer als eigenständige GütekriterienGütekriterien gesehen werden. So wird häufig die ObjektivitätObjektivität auch als ein spezieller Aspekt der ReliabilitätReliabilität gesehen (siehe Kapitel 4.2.2.1).

Ebenso kann wiederum ReliabilitätReliabilität als ein spezieller Aspekt bzw. als Grundvoraussetzung von ValiditätValidität betrachtet werden (siehe Kapitel 4.2.3.1). Schließlich wird in der jüngeren Diskussion zunehmend auch FairnessFairness als wichtiges (eigenständiges) GütekriteriumGütekriterien hervorgehoben. Neben diesen „HauptgütekriterienGütekriterien“ werden als weitere mehr oder minder eigenständige „NebengütekriterienGütekriterien“ z.B. Nützlichkeit,Nützlichkeit Ökonomie, Praktikabilität,Praktikabilität Normierung, Skalierung, Zumutbarkeit, Schwierigkeit,Schwierigkeit Trennschärfe,Trennschärfe Standardisierung,Standardisierung RückwirkungRückwirkung auf den Unterricht (Washback/Backwash), AuthentizitätAuthentizität, TransparenzTransparenz sowie Handlungs- und KompetenzorientierungKompetenzorientierung genannt, wobei allerdings vor allem die NützlichkeitNützlichkeit zuweilen als zentrales GütekriteriumGütekriterien gesehen wird.

Im Folgenden werden eine Reihe der genannten Kriterien im Hinblick auf ihre Relevanz für die (unterrichtliche) Prüfungspraxis kurz beschrieben – mit einem Schwerpunkt auf wichtigen Aspekten von ObjektivitätObjektivität, ReliabilitätReliabilität und ValiditätValidität. Dabei werden wir auch eine Reihe von nützlichen terminologischen Differenzierungen vornehmen, auf die wir dann in den weiteren Kapiteln des vorliegenden Buches zurückgreifen können (vgl. zum Folgenden auch Grotjahn, 2008; Grotjahn & Kleppin, 2008; Grotjahn & Kleppin, 2015, Kap. 3.4).

4.2.1 ObjektivitätObjektivität und StandardisierungStandardisierung

Das Kriterium der ObjektivitätObjektivität kann sich auf die Durchführung der Schreibprüfung (DurchführungsobjektivitätObjektivitätDurchführungsobjektivität), die Beurteilung der Schreibleistung (BeurteilungsobjektivitätObjektivitätBeurteilungsobjektivität) und die Interpretation der Ergebnisse (InterpretationsobjektivitätObjektivitätInterpretationsobjektivität) beziehen (vgl. auch Moosbrugger & Kelava, 2012, S. 8–10). Entsprechend sind die schriftlichen AufgabenAufgaben so zu konstruieren, einzusetzen und auszuwerten, dass die anhand der Ergebnisse gezogenen Schlussfolgerungen u.a. unabhängig sind von den Personen, die a) die Prüfung durchführen, b) die Schreibleistung z.B. anhand einer Punktzahl beurteilen und c) letztendlich eine Interpretation der Ergebnisse z.B. in Form einer Benotung vornehmen. Beim unterrichtsbezogenen schulischen Evaluieren handelt es sich zumeist um dieselbe Person, nämlich die jeweilige Lehrkraft.

Die Forderung nach DurchführungsobjektivitätObjektivitätDurchführungsobjektivität bedeutet konkret, dass beim Einsatz des Tests z.B. darauf zu achten ist, dass die Lehrkräfte alle Schülerinnen und Schüler in der Prüfungssituation prinzipiell gleich behandeln. Eine hohe DurchführungsobjektivitätObjektivitätDurchführungsobjektivität kann man u.a. erreichen, indem beim Test alle Teilnehmenden die gleichen Arbeitsanweisungen erhalten und auf die gleichen Hilfsmittel (z.B. Wörterbücher) zurückgreifen können (vgl. Kapitel 7). Sollten Schülerinnen und Schüler signalisieren, dass sie einen Begriff in der Aufgabenstellung nicht verstehen, dann sollte zur Wahrung der DurchführungsobjektivitätObjektivitätDurchführungsobjektivität eine eventuelle Klärung des Begriffs für alle Testteilnehmenden erfolgen.

Um dem Kriterium der BeurteilungsobjektivitätObjektivitätBeurteilungsobjektivität zu genügen, d.h. um die notwendigerweise auftretende Subjektivität der Messung von Schreibleistungen anhand von PerformanztestsPerformanztest möglichst gering zu halten, gilt in Bezug auf die zu stellenden AufgabenAufgaben, dass z.B. klare Vorgaben zu formulieren sind, an denen sich die Schülerinnen und Schüler beim Schreiben orientieren. So sollte z.B. im Fall offener Schreibaufgaben angegeben werden, welche inhaltlichenInhalt Punkte von den Schülerinnen und Schülern anzusprechen sind und welche ungefähre Wortzahl das Schreibprodukt aufweisen sollte (vgl. Kapitel 7).

Weiterhin sind angemessene Kriterien für die Beurteilung der Schreibprodukte durch die Lehrkräfte zu formulieren. Die BeurteilungskriterienBeurteilungskriterien unter Einschluss des ErwartungshorizontsErwartungshorizont sollten den Lernenden transparent gemacht werden, damit diese wissen, welche Aspekte (z.B. inhaltlicheInhalt Gestaltung, sprachliche Korrektheit, TextsortenadäquatheitTextsorte) sie beim Schreiben fokussieren sollen.

Außerdem sollte die Bewertung nicht von den Leistungserwartungen der Lehrkraft bezüglich einzelner Lernender oder auch von individuellen Urteilstendenzen (wie Strenge/Milde oder Vermeidung von Extremwerten) abhängen. Diese im Hinblick auf die FairnessFairness einer Prüfung wichtige Voraussetzung kann man z.B. dadurch zu erreichen suchen, dass man in bestimmten (High-Stakes-)Prüfungssituationen einen zweiten unabhängigen Bewertenden einsetzt (vgl. Kapitel 6).

InterpretationsobjektivitätObjektivitätInterpretationsobjektivität kann schließlich dadurch gewährleistet werden, dass genau festgelegt wird, welche Leistungen z.B. als „gut“ und welche noch als „ausreichend“ zu bewerten sind. Prüfende sollten zur Gewährleistung der InterpretationsobjektivitätObjektivitätInterpretationsobjektivität bei derselben Punktzahl stets zu derselben Benotung kommen.

Der Prozess der Vereinheitlichung der zu stellenden AufgabenAufgaben, der Durchführung der Prüfung, der Beurteilung der Leistungen sowie der Interpretation der Ergebnisse wird auch als StandardisierungStandardisierung bezeichnet. StandardisierungStandardisierung hilft nicht nur dem Kriterium der ObjektivitätObjektivität zu genügen, sondern kann auch einen wichtigen Beitrag zur ReliabilitätReliabilität, ValiditätValidität und FairnessFairness von Prüfungen leisten. Außerdem ist nur im Fall einer hinreichenden StandardisierungStandardisierung eine verlässliche Einschätzung der Qualität einer Schreibprüfung im Hinblick auf die intendierten Prüfungsteilnehmenden und Einsatzbereiche möglich (vgl. Moss, 2016, S. 238).

Bei Lernenden mit spezifischen Behinderungen, wie einer Rechtschreibschwäche, kann ein standardisierter Testeinsatz allerdings dazu führen, dass die Lernenden die zu messenden Kompetenzen nicht in optimaler Weise zeigen können und als Folge nicht hinreichend valide und fair beurteilt werden. Ähnliches kann für Lernende mit einem Migrationshintergrund gelten. Es können dann testteilnehmerspezifische Anpassungen, wie z.B. ein Verzicht auf die Bewertung der Rechtschreibleistung, nötig sein. Es ist allerdings stets zu prüfen, inwieweit etwaige Anpassungen mit dem Ziel eines Nachteilsausgleichs die zu erfassenden Aspekte von Schreibkompetenz und damit das TestkonstruktTestkonstrukt verändern (vgl. z.B. American Educational Research Association et al., 2014, S. 67–70, 190–191 sowie auch die Ausführungen zum TestkonstruktTestkonstrukt in Kapitel 5).

Außerdem ist etwa im Rahmen einer lernorientierten Evaluation, die darauf zielt, mit Hilfe von Feedback das Lernen zu fördern, eine StandardisierungStandardisierung der Evaluation in der Regel weder sinnvoll noch wünschenswert (vgl. hierzu Jones & Saville, 2016 sowie auch Kapitel 9 im vorliegenden Band).

4.2.2 ReliabilitätReliabilität
4.2.2.1 ReliabilitätReliabilität als umfassendes Konzept

Eine ausreichende ObjektivitätObjektivität gilt in der Regel als eine notwendige Voraussetzung für eine zufriedenstellende ReliabilitätReliabilität (Zuverlässigkeit/Verlässlichkeit) und wird deshalb auch häufig als ein spezifischer Aspekt der ReliabilitätReliabilität gesehen. Wenn z.B. eine Lehrkraft aufgrund subjektiver Vorlieben bei bestimmten Schülerinnen und Schülern besonders milde urteilt, so hat dies Auswirkungen auf die Messgenauigkeit.

ReliabilitätReliabilität kann sich u.a. auf die Präzision der verwendeten Instrumente, die Konsistenz der resultierenden Messwerte (Punktwerte) und die Verlässlichkeit der anhand der Messwerte getroffenen kriterialen Entscheidungen beziehen1Reliabilität – und zwar unabhängig davon, ob wirklich die Merkmale gemessen werden, die gemessen werden sollen. Bei den kriterialen Entscheidungen kann es sich z.B. um die Zuordnung zu einer GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen-NiveaustufeNiveaustufe oder um die Zulassung zu einem Sprachkurs handeln (vgl. auch Kapitel 4.2.2.5). Zur Bezeichnung dieser unterschiedlichen Bedeutungen und Verwendungsweisen wird in der neuesten Version der Standards for Educational and Psychological Testing auch das Begriffspaar Reliability/Precision verwendet (siehe American Educational Research Association et al., 2014, Kap. 2). Zur Vereinfachung der Darstellung verwenden wir im Folgenden ReliabilitätReliabilität in einer weiten Bedeutung, die alle genannten Aspekte mit beinhaltet.

ReliabilitätReliabilität im Sinne von Messfehlerfreiheit wird im Hinblick auf eine bezugsgruppenorientierteEvaluationgruppenorientiert Messung in der klassischen Testtheorie als Anteil der Varianz der ‚wahren‘ (idealen, messfehlerfreien) Werte an der tatsächlichen Varianz der vom Test gelieferten Messwerte definiert und anhand der beobachteten Testwerte in Form eines ReliabilitätskoeffizientenReliabilität geschätzt (vgl. z.B. Schermelleh-Engel & Werner, 2012).2ReliabilitätEvaluationgruppenorientiertReliabilitätEvaluationkriteriumsorientiertEvaluationgruppenorientiertEvaluationkriteriumsorientiertReliabilität Bei standardisierten Tests ist die Berechnung eines ReliabilitätskoeffizientenReliabilität ein notwendiger Bestandteil der Qualitätssicherung. Der Wert 0 zeigt völlig fehlende ReliabilitätReliabilität an (der Test produziert nur Messfehler) und der Wert 1 eine perfekte ReliabilitätReliabilität (keine Messfehler). Beim Testen sprachlicher Kompetenzen treten stets Messfehler auf (vgl. die folgenden Ausführungen). Je nach Kontext und zu treffenden Entscheidungen ist man daher mit deutlich niedrigeren ReliabilitätswertenReliabilität als 1 zufrieden.

Die klassische ReliabilitätstheorieReliabilität geht davon aus, dass die beobachtete Varianz der Testwerte ausschließlich durch das zu messende Merkmal sowie zufällige Messfehler bedingt ist. Dabei wird das zu messende Merkmal, wie z.B. Schreibkompetenz, in der Regel als relativ konstante Disposition der aktuellen und potenziellen Testteilnehmenden verstanden. Die sogenannte Generalisierbarkeitstheorie als Weiterführung der klassischen ReliabilitätstheorieReliabilität teilt die Messfehler darüber hinaus in einen nichtsystematischen Anteil (Zufallsfehler) und einen systematischen konstruktirrelevanten Anteil auf (vgl. auch die Ausführungen zur konstruktirrelevanten Varianz in Kapitel 4.2.3.3).

Unter die Kategorie Zufallsfehler fällt etwa die unsystematische Beeinträchtigung der Leistung durch äußere Einflüsse wie z.B. nicht vorhersehbare Müdigkeit. Der systematische konstruktirrelevante Anteil kann im Fall der Messung von Schreibkompetenzen z.B. in folgende Komponenten (Facetten) zerlegt werden: Prüfungsteilnehmende (z.B. Gruppen von Erstsprachen), AufgabenAufgaben (z.B. unterschiedliche ThemenThemen und TextsortenTextsorte), Beurteilende (z.B. Muttersprachler vs. Nicht-Muttersprachler) und BewertungskriterienBeurteilungskriterien (z.B. analytisch vs. holistisch) (vgl. Brennan, 2011; Eckes, 2015a, S. 164 sowie auch Kapitel 6). Ziel ist eine Schätzung des Effekts sowohl des Zufallsfehlers als auch der systematischen konstruktirrelevanten Messfehlerkomponenten auf die Güte der Messung der Schreibkompetenz. Damit sollen Aussagen ermöglicht werden hinsichtlich der Generalisierbarkeit der Interpretation der Testwerte (z.B. über die jeweils eingesetzten Aufgaben hinaus) und der Verlässlichkeit der anhand der Testwerte getroffenen kriterialen Entscheidungen. Entsprechende Informationen können dann für eine Optimierung des Messinstruments sowie der Test- und Auswertungsprozeduren genutzt werden, z.B. bezüglich der Zahl der einzusetzenden Schreibtexte und Beurteilenden. Die Generalisierbarkeitstheorie fokussiert damit zugleich auch wichtige Aspekte der ValiditätValidität (vgl. Kapitel 4.2.3).3

Bezieht man sich ohne weitere Differenzierung auf die Zuverlässigkeit des gesamten Messinstruments im Hinblick auf eine bestimmte Population von Testteilnehmenden und einen bestimmten Einsatzbereich, spricht man auch von der TestreliabilitätReliabilitätTestreliabilität. Vor dem Hintergrund der Generalisierbarkeitstheorie kann man konzeptuell und statistisch insbesondere folgende in komplexer Wechselwirkung stehende Facetten der Testreliabilität unterscheiden: Reliabilität der Aufgaben (AufgabenreliabilitätReliabilitätAufgabenreliabilität), Reliabilität der BeurteilungskriterienReliabilitätKriterienreliabilität bzw. Beurteilungsskalen (SkalenreliabilitätReliabilitätSkalenreliabilität) sowie Reliabilität der Beurteilenden (BeurteilerreliabilitätReliabilitätBeurteilerreliabilität/Raterreliabilität).

Häufig wird im Zusammenhang mit der ReliabilitätReliabilität eines Messinstruments noch der sogenannte Standardmessfehler zur Beurteilung der Güte der Messung herangezogen. Der Standardmessfehler lässt sich im Rahmen der klassischen Testtheorie anhand der ReliabilitätReliabilität und Streuung der Messwerte berechnen. Er zeigt an, wie gut ein beobachteter Testwert den „wahren“ Wert des Testteilnehmenden schätzt und gilt in seiner klassischen Form global für die gesamte Messwertskala. Darüber hinaus lässt sich – allerdings aufwändiger – z.B. mit Hilfe der Generalisierbarkeitstheorie oder probabilistischer Messmodelle ein bedingter, variabler Messfehler für jeden Skalenwert berechnen. Dieser trägt der Tatsache Rechnung, dass mit zunehmender Diskrepanz zwischen der Fähigkeit der Testteilnehmenden und der Test- bzw. AufgabenschwierigkeitAufgabenschwierigkeit auch der Fehler bei der Messung der individuellen Leistung tendenziell zunimmt.

4.2.2.2 AufgabenreliabilitätReliabilitätAufgabenreliabilität

AufgabenreliabilitätReliabilitätAufgabenreliabilität bedeutet u.a., dass die AufgabenAufgaben – unter Einschluss der Instruktion, Situierung sowie InputmaterialienAufgabenInputmaterial – eine über die betreffenden Aufgaben hinausgehende Generalisierung hinsichtlich der zu erwartenden Leistungen bei äquivalenten TestaufgabenAufgabenTestaufgaben, Testsituationen, BewertungskriterienBeurteilungskriterien und Beurteilenden erlauben (Gültigkeit der sogenannten Generalisierungsinferenz). Gerade bei Schreibaufgaben ist das Erreichen einer zufriedenstellenden AufgabenreliabilitätReliabilitätAufgabenreliabilität im Sinne von statistischer Generalisierbarkeit ein massives Problem, da die Art der eingesetzten Aufgaben einen deutlichen Einfluss auf das Messergebnis haben kann. So führen Unterschiede im Genre (z.B. zwischen Erzählungen und Beschreibungen) oder auch Aufgaben mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten oder mit unterschiedlichen Zeitvorgaben bei den gleichen Testteilnehmenden häufig zu deutlich divergierenden Messwerten. Zudem konnten z.T. massive Wechselwirkungen zwischen Aufgabe, Beurteilenden und BeurteilungskriterienBeurteilungskriterien nachgewiesen werden (vgl. z.B. Bouwer, Béguin, Sanders & van den Bergh, 2015; In’nami & Koizumi, 2016; Schoonen, 2005; Van Steendam, Tillema & Rijlaarsdam, 2012).

Das Problem der AufgabenreliabilitätReliabilitätAufgabenreliabilität stellt sich gerade auch im unterrichtlichen Kontext, da Lehrkräfte häufig die Schreibkompetenz nur anhand einer einzigen längeren Aufgabe überprüfen und die Ergebnisse dann als Beleg für ein weit gefasstes Konstrukt „Schreibkompetenz“ interpretieren. Angesichts des Einflusses insbesondere der eingesetzten AufgabenAufgaben auf das Messergebnis, sollte ein Urteil über ein breit definiertes Konstrukt stets auf mehreren, in ihren Anforderungen deutlich unterschiedlichen Schreibaufgaben beruhen. Werden nur eine Schreibaufgabe oder mehrere vom Typ her homogene Aufgaben eingesetzt (z.B. Aufgaben zum Schreiben argumentativer Texte), dann ist die Breite des Konstrukts hinreichend einzuschränken (z.B. als Fähigkeit zum Schreiben argumentativer Texte).

Ist der Einsatz mehrerer Schreibaufgaben innerhalb einer Prüfung nicht möglich, sollte zumindest zeitlich versetzt mit unterschiedlichen AufgabenformatenAufgabenformate geprüft werden. Sind aus Gründen der PraktikabilitätPraktikabilität lediglich kurze Textproduktionen gefordert, sollte man sich zudem darüber im Klaren sein, dass möglicherweise andere Kompetenzen erfasst werden als anhand von längeren Texten (z.B. im Bereich KohärenzKohärenz/KohäsionKohäsion; vgl. Kapitel 5, 6 und 8). Die Beispiele zeigen zugleich, dass eine Erhöhung der ReliabilitätReliabilität, z.B. durch Vergrößerung der Zahl der AufgabenAufgaben, zwar prinzipiell wünschenswert ist, aber nicht notwendigerweise auch zu einer valideren Messung führt und unter bestimmten Voraussetzungen die ValiditätValidität (im Sinne von Konstruktrepräsentation) sogar verringern kann (vgl. zum Verhältnis von ReliabilitätReliabilität und ValiditätValidität sowie zur Unterrepräsentation des Konstrukts auch Kapitel 4.2.3.3).

4.2.2.3 Kriterien- und BeurteilerreliabilitätReliabilitätBeurteilerreliabilität

Die KriterienreliabilitätReliabilitätKriterienreliabilität bezieht sich auf den Einfluss der eingesetzten Kriterien, Skalen und Raster (z.B. holistische oder analytische Skala; Fokus der jeweiligen Skala) auf die Beurteilung von Schreibkompetenzen (vgl. auch Kapitel 6). Entsprechend wird im vorliegenden Band zuweilen auch der Begriff SkalenreliabilitätReliabilitätSkalenreliabilität verwendet.

Die BeurteilerreliabilitätReliabilitätBeurteilerreliabilität erfasst den Einfluss der eingesetzten Bewertenden auf das resultierende Urteil. Dabei ist zwischen der Intrarater-ReliabilitätReliabilität und der Interrater-Reliabilität zu unterscheiden. Bezogen auf den Unterrichtskontext bedeutet dies u.a.: Eine hinreichende Intrarater-Reliabilität ist dann gegeben, wenn ein und dieselbe Lehrkraft sich bei der Beurteilung der Schreibprodukte seiner Schülerinnen und Schüler in konsistenter Weise an den BewertungskriterienBeurteilungskriterien orientiert (z.B. die Kriterien bei den einzelnen Schülerinnen und Schülern in vergleichbarer Weise interpretiert oder auch in vergleichbarer Weise streng oder milde urteilt). Eine hinreichende Interrater-Reliabilität ist gegeben, wenn unterschiedliche Lehrkräfte bei der Bewertung ein und desselben Schreibprodukts an Hand derselben Kriterien in ihrem Urteil möglichst weitgehend übereinstimmen, d.h. z.B. nur wenig differierende Punktzahlen vergeben oder die Schülerinnen und Schüler zumindest in eine weitgehend gleiche Rangreihe bringen.

4.2.2.4 RetestreliabilitätReliabilitätRetestreliabilität

Schließlich sollte im Sinne der sogenannten RetestreliabilitätReliabilitätRetestreliabilität (Testwiederholungsreliabilität) ein erneuter Einsatz ein und desselben Schreibkompetenztests bei den gleichen Schülerinnen und Schülern zu einer annähernd gleichen Einschätzung der Schreibkompetenz führen, sofern sich in der Zwischenzeit die Schreibkompetenz – verstanden als relativ stabile Disposition – nicht z.B. aufgrund des Unterrichts (deutlich) verändert hat und es keine Transfereffekte gibt. ReliabilitätReliabilität der eingesetzten Beurteilenden, AufgabenAufgaben und Kriterien sind wichtige Voraussetzungen für eine adäquate TestwiederholungsreliabilitätReliabilitätRetestreliabilität.

Aufgrund der komplexen Wechselwirkungen zwischen Merkmalen der getesteten Person, Merkmalen der Aufgabe, Merkmalen der BewertungskriterienBeurteilungskriterien, Merkmalen der Bewertenden und Merkmalen des produzierten Textes ist der spezifische Einfluss der eingesetzten AufgabenAufgaben, der verwendeten Kriterien und Skalen sowie der jeweiligen Beurteilenden auf die ReliabilitätReliabilität des resultierenden Messwerts nur sehr eingeschränkt und mit hohem Aufwand abschätzbar. Aufgrund der Wechselwirkungen sind in der Regel die üblichen Maße der Beurteilerübereinstimmung auch nicht als Maß der ReliabilitätReliabilität z.B. der Ratingskala selbst, d.h. als inhärente Eigenschaft der Skala, zu interpretieren, sondern als Maß der Zuverlässigkeit der Ratingskala in Verbindung mit bestimmten Aufgaben und Ratern in einer bestimmten Stichprobe. Wir werden auf die ReliabilitätReliabilität der Beurteilung und insbesondere auf die Frage nach der ReliabilitätReliabilität der verwendeten Kriterien und Skalen noch in Kapitel 6 zurückkommen.

4.2.2.5 Verlässlichkeit von Entscheidungen

Ordnet man Testteilnehmende verschiedenen KompetenzniveausKompetenzniveau zu, handelt es sich um sogenannte absolute Entscheidungen. Diese stellen höhere Anforderungen an die Messgenauigkeit als sogenannte relative Entscheidungen, die lediglich die Rangordnung der Testteilnehmenden betreffen (vgl. Sawaki, 2016 sowie auch die Ausführungen zur kriteriumsorientierten vs. bezugsgruppenorientiertenEvaluationkriteriumsorientiertEvaluationgruppenorientiert Evaluation in den Kapiteln 3.2.1 und 6.3).

Unterteilt man die Testwerteverteilung mit Hilfe von Schwellenwerten (Trennwerten; Cut-Scores) in KompetenzniveausKompetenzniveau, dann ist im Fall eines hohen Standardmessfehlers (vgl. Kapitel 4.2.2.1) die Klassifikation von Teilnehmenden mit Testwerten in der Nähe der Schwellenwerte mit einer hohen Unsicherheit und Gefahr der Fehlklassifikation verbunden. Muss z.B. für die Zulassung zu einem Kurs eine bestimmte Punktzahl erreicht werden, dann ist bei einem Ergebnis knapp unter oder knapp über dem geforderten Wert im Fall eines hohen Standardmessfehlers die Gefahr einer Fehlentscheidung tendenziell größer als im Fall eines geringen Standardmessfehlers. Hierüber sollte man sich beim Einsatz von Schreibprüfungen für Klassifikationsentscheidungen im Klaren sein. Genauere Aussagen zur tatsächlichen Verlässlichkeit von Klassifikationsentscheidungen im Hinblick auf spezifische Trennwerte lassen sich mit Hilfe von speziell für kriteriale Messungen entwickelten Koeffizienten treffen (vgl. z.B. Brown & Hudson, 2002; Hudson, 2014; Sawaki, 2016).

4.2.2.6 Generalisierbarkeit von Schreibleistungen

Wie oben bereits angedeutet, belegt mittlerweile eine zunehmende Zahl von statistischen Generalisierbarkeitsstudien, dass der Anteil der Varianz in den Messwerten, der auf die jeweilige Methode der Messung – und zwar insbesondere auf die Facetten „AufgabenAufgaben“ und „Beurteilende“ – zurückzuführen ist, zum Teil größer ist als der Anteil, der durch Unterschiede in der Schreibkompetenz bedingt ist (vgl. z.B. Bouwer et al., 2015; Van Steendam, Tillema & Rijlaarsdam, 2012). Insbesondere der starke Effekt von Genre und ThemaThemen auf die Schreibleistung sollte in der unterrichtlichen Prüfungspraxis verstärkt beachtet werden. Geht man von einer weiten Definition von Schreibkompetenz aus, dann reicht es nicht aus, zur Überprüfung nur auf ein einziges Genre und Thema zurückzugreifen.

Außerdem ist noch kritisch anzumerken, dass die beobachteten Aufgabeneffekte nicht notwendigerweise als konstruktirrelevant anzusehen sind. Konzeptualisiert man Schreibkompetenz nicht als eine stabile Disposition, sondern als dynamisches, kontextuell variierendes mehrdimensionales und sich nichtlinear entwickelndes Konstrukt (vgl. z.B. Chalhoub-Deville, 2003; Mislevy & Yin, 2009; Van Steendam, Tillema & Rijlaarsdam, 2012, S. xx; Verspoor, Schmid & Xu, 2012), dann ist in Abhebung von der Generalisierbarkeitstheorie die Varianz, die auf die eingesetzten AufgabenAufgaben zurückgeht, als konstruktrelevant zu interpretieren (vgl. auch Bouwer et al., 2015, S. 96). Folgt man dieser Argumentation, hätte dies allerdings u.a. zur Folge, dass Aussagen zum Stand der Schreibkompetenzen stets einschränkend im Hinblick auf die eingesetzten Aufgaben zu formulieren sind, z.B. als Fähigkeit zum Schreiben argumentativer und deskriptiver Texte (vgl. auch die Ausführungen zum TestkonstruktTestkonstrukt in Kapitel 5).

Abschließend ist noch darauf hinzuweisen, dass die im Zusammenhang mit der ReliabilitätReliabilität mehrfach angesprochene Frage nach der Generalisierbarkeit im Sinne der Gültigkeit der Generalisierungsinferenz nicht zu verwechseln ist mit der Frage, inwieweit ein Test es ermöglicht, anhand der beobachteten Leistungen auf die Fähigkeit zur Bewältigung äquivalenter Schreibaufgaben außerhalb der Testsituation zu schließen. Dieser Schluss, der Generalisierbarkeit normalerweise voraussetzt, wird auch als Extrapolationsinferenz bezeichnet und ist ein Aspekt der im Folgenden besprochenen ValiditätValidität (vgl. z.B. Kane, 2013, S. 10f.; 28f.).

4.2.3 ValiditätValidität

Die ValiditätValidität (Gültigkeit) gilt als das wichtigste GütekriteriumGütekriterien eines Tests. Es handelt sich allerdings um ein komplexes, kontrovers diskutiertes „polymorphes Konzept“ (Eckes, 2015b), das häufig in einem sehr weiten und unscharfen Sinne oder auch in sehr unterschiedlichen und z.T. inkompatiblen Bedeutungen verwendet wird (vgl. Newton & Shaw, 2014, 2016). Bevor man ValiditätValidität als TestgütekriteriumGütekriterien verwendet, ist deshalb stets zu klären, von welchem Verständnis des Konzepts man ausgeht.

4.2.3.1 ValiditätValidität als umfassendes Konzept

ValiditätValidität kann sich zunächst einmal auf das Ausmaß beziehen, in dem die Testergebnisse das erfassen, was sie erfassen sollen oder auch inwieweit wir mit Hilfe der Testergebnisse auf die angezielten fremdsprachlichen Verwendungskontexte extrapolieren können (Gültigkeit der Extrapolationsinferenz). Weiterhin kann sich ValiditätValidität auf die Frage beziehen, inwieweit die mit Hilfe der Testergebnisse getroffenen Entscheidungen gerechtfertigt sind. Die ValiditätValidität wird damit als von der Interpretation und Verwendung der Testergebnisse abhängig gesehen (vgl. bereits Messick, 1989, 1996, 1998). Ändert sich die Interpretation und/oder Verwendung oder sprechen neue theoretische und/oder empirische Belege für oder gegen die bisherige Interpretation und Verwendung, ist auch die ValiditätValidität jeweils neu zu bewerten (vgl. hierzu auch Moss, 2016).

Der beschriebene Sachverhalt spiegelt sich auch in der folgenden Definition von ValiditätValidität in der jüngsten Auflage der international höchst einflussreichen Standards for Educational and Psychological Testing (American Educational Research Association et al., 2014) wider:

Validity refers to the degree to which evidence and theory support the interpretations of test scores for proposed uses of tests. Validity is, therefore, the most fundamental consideration in developing tests and evaluating tests. The process of validation involves accumulating relevant evidence to provide a sound scientific basis for the proposed score interpretations. It is the interpretations of test scores for proposed uses that are evaluated, not the test itself. (S. 11)

Es ist allerdings nicht unumstritten, inwieweit bei der Bewertung der ValiditätValidität die Verwendung der Testwerte überhaupt eine Rolle spielen sollte. So schließen einige Autoren diesen Aspekt explizit aus ihrem Verständnis von ValiditätValidität aus und propagieren ein eher enges, konservatives Konzept von ValiditätValidität. Dies bedeutet allerdings nicht, dass diese Autoren die Wichtigkeit der Testwertverwendung für die Bewertung der Qualität eines Testinstruments negieren (vgl. die Diskussion dieses Aspekts in Kane, 2016; Markus, 2016; Newton & Shaw, 2016; Sireci, 2016).

Für eine explizite Ausweitung der ValiditätstheorieValidität in Richtung auf eine stärkere Berücksichtigung der tatsächlichen Verwendung von Testergebnissen in der Praxis spricht sich u.a. Moss (2016) aus – und zwar mit folgendem Argument:

By focusing validity theory exclusively on intended interpretations and uses of test scores, we overlook an important aspect of how tests actually inform and impact teaching and learning. Intended interpretations from standardised tests are always locally mediated and provide, at best, partial answers to local questions … A comprehensive validity theory in educational assessmentassessment needs to acknowledge the ways that education professionals – teachers, school and district leaders, and policy-makers – use tests and other evidence relevant to their students learning in their ongoing work. (S. 247)

Bei der Betrachtung der ValiditätValidität als umfassendes Konzept können eine Reihe von Einzelaspekten unterschieden werden. ObjektivitätObjektivität und ReliabilitätReliabilität (Generalisierbarkeit/Verlässlichkeit) gelten zumeist als notwendige, jedoch nicht hinreichende Voraussetzungen für ValiditätValidität. Dies bedeutet, dass eine hohe ObjektivitätObjektivität und ReliabilitätReliabilität nicht notwendigerweise auch eine hohe ValiditätValidität implizierten, dass aber ohne eine hinreichende ObjektivitätObjektivität und ReliabilitätReliabilität keine ausreichende ValiditätValidität erreicht werden kann (vgl. auch Hartig, Frey & Jude, 2012). So hat z.B. ein in hohem Maße objektiver und reliabler computerbasiertercomputerbasiertes Testen LexiktestLexik im Hinblick auf die Messung eines breiten Konstrukts von Schreibkompetenz nur eine sehr eingeschränkte ValiditätValidität. Gleichzeitig gilt, dass eine Beurteilung von Schreibkompetenzen anhand von unzuverlässigen Kriterienrastern und Bewertenden nicht hinreichend valide sein kann – z.B. im Sinne einer Übereinstimmung mit einem unabhängigen Außenkriterium. Vor diesem Hintergrund ist bei der Betrachtung der ValiditätValidität von Schreibaufgaben eine Berücksichtigung der GütekriterienGütekriterien der ObjektivitätObjektivität und ReliabilitätReliabilität und der verwendeten BewertungskriterienBeurteilungskriterien unverzichtbar.

Legt man allerdings ein sehr enges Verständnis von ValiditätValidität zugrunde, bei dem es lediglich darum geht, inwieweit die zu messenden Kompetenzen die Unterschiede in den Messergebnissen kausal bewirken, dann ist eine hohe ReliabilitätReliabilität weder notwendig noch hinreichend für die Erfüllung des Kriteriums der ValiditätValidität. Nach diesem Verständnis können Schreibaufgaben durchaus valide sein, auch wenn sie die angezielten Schreibkompetenzen wenig reliabel messen (vgl. zu dieser Position Markus, 2016, S. 256f.; Markus & Borsboom, 2013, S. 64; Newton & Shaw, 2016, S. 283f. sowie auch die Ausführungen zur KonstruktvaliditätValiditätKonstruktvalidität weiter unten).

Üblicherweise versucht man bereits beim Design und der Entwicklung eines Tests u.a. durch eine genaue Spezifikation der Testziele und des TestkonstruktsTestkonstrukt sowie durch strenge Qualitätskontrollen bei der Entwicklung der AufgabenAufgaben und Beurteilungsskalen soweit a priori möglich die ValiditätValidität eines Tests zu gewährleisten (Design-ValiditätValidität oder a priori ValiditätValidität; vgl. auch Kim & Davidson, 2014; Mislevy & Yin, 2012). Zum (vorläufigen) Nachweis der ValiditätValidität eines vorliegenden Tests im Hinblick auf eine bestimmte Verwendung bedarf es allerdings, wie bereits angedeutet, einer mehr oder minder komplexen Argumentation unter Rückgriff auf theoretische Überlegungen und empirische Befunde. Folgt man Kane (2012, 2013, 2016), dann besteht der erste Schritt dabei in einer möglichst detaillierten Spezifikation der vorgesehenen Interpretationen und Verwendungen der Testwerte (Interpretations- und Verwendungsargument). Anschließend ist in einem zweiten Schritt die Gesamtplausibilität der Interpretationen und Verwendungen zu prüfen (ValiditätsargumentValidität; vgl. auch Chapelle, 2012; Eckes, 2015b). Hierbei wird man z.B. im Fall eines eher informellen unterrichtsbezogenen SchreibtestsEvaluationinformell geringere Ansprüche an die argumentbasierte Validierung stellen als bei einem Hochschulzulassungstest wie dem TOEFL iBT oder IELTS (vgl. das umfassende ValiditätsargumentValidität zum TOEFL iBT in Chapelle, Enright & Jamieson, 2008 sowie auch Chapelle & Voss, 2014, S. 1091f.). Zentrale Kriterien sind aber in allen Fällen die Klarheit und KohärenzKohärenz des Gesamtarguments sowie die Plausibilität der einzelnen Inferenzen und der impliziten und expliziten Annahmen.

Es kann konzeptuell zwischen einer Reihe von Einzelaspekten der ValiditätValidität als übergreifendes Konzept oder auch – in Übereinstimmung mit den Standards for Educational and Psychological Testing (American Educational Research Association et al., 2014, S. 13ff.) – zwischen unterschiedlichen Quellen für die Begründung der ValiditätValidität differenziert werden. Da die Ergebnisse der Evaluation von Schreibkompetenzen u.a. von den eingesetzten AufgabenAufgaben, von den verwendeten BewertungskriterienBeurteilungskriterien und von den jeweiligen Beurteilenden abhängen, kann man ähnlich wie bei der ReliabilitätReliabilität zunächst zwischen der Validität der Aufgaben (AufgabenvaliditätValiditätAufgabenvalidität), der BeurteilungskriterienBeurteilungskriterien bzw. Beurteilungsskalen (KriterienValiditätkriterienbezogen- bzw. Skalenvalidität) und der Beurteilenden (Beurteilervalidität/RatervaliditätValiditätRatervalidität) unterscheiden. AufgabenvaliditätValiditätAufgabenvalidität, Kriterien- bzw. SkalenvaliditätValiditätkriterienbezogen und Ratervalidität sind wiederum im Zusammenhang mit den etablierten GütekriterienGütekriterien der InhaltsvaliditätValiditätInhaltsvalidität und KonstruktvaliditätValiditätKonstruktvalidität zu sehen. Wir werden auf die Kriterien- bzw. SkalenvaliditätValiditätkriterienbezogen sowie die RatervaliditätValiditätRatervalidität noch genauer in Kapitel 6 eingehen.

4.2.3.2 InhaltsvaliditätValiditätInhaltsvalidität und curriculareValiditätcurricular ValiditätValidität

Die InhaltsvaliditätValiditätInhaltsvalidität gibt das Ausmaß an, in dem die TestaufgabenAufgabenTestaufgaben z.B. bestimmte sprachliche oder thematische Aspekte oder auch bestimmte sprachliche Aktivitäten, die curricularCurricula vorgesehen und/oder im Unterricht behandelt wurden oder die als prototypisch für einen bestimmten beruflichen Verwendungskontext angesehen werden, repräsentieren. Die InhaltsvaliditätValiditätInhaltsvalididät wird zumeist anhand von Expertenurteilen ermittelt. Insbesondere dann, wenn sich die TestaufgabenAufgabenTestaufgaben auf curricularCurricula vorgesehene Kompetenzen und Inhalte beziehen, wird anstelle von InhaltsvaliditätValiditätInhaltsvalidität häufig von curricularer ValiditätValidität gesprochen. Es ist zu beachten, dass sich curriculareValiditätcurricular und inhaltliche ValiditätValiditätInhaltsvalidität nicht notwendigerweise decken müssen. Ist z.B. das Schreiben einer komplexen Argumentation in Lehrplänen vorgesehen, aber im Unterricht nicht gelehrt worden, dann ist eine Prüfungsaufgabe, die eine komplexe Argumentation verlangt, curricular valide im Hinblick auf das intendierte CurriculumCurricula, nicht jedoch valide in Bezug auf das im Unterricht realisierte CurriculumCurricula. Lehrkräfte sollten in einem solchen Fall die Ergebnisse der Leistungsüberprüfung zum Anlass nehmen, die curricularCurricula verlangten Kompetenzen und Inhalte auch im Unterricht zu vermitteln. Wenn dies als Folge des Einsatzes der TestaufgabenAufgabenTestaufgaben eintritt, ist dies ein Beispiel für einen positiven RückwirkungseffektRückwirkung des Tests auf den Unterricht (vgl. die Ausführungen zur konsequentiellen Validität und zum GütekriteriumGütekriterien der RückwirkungRückwirkung (Washback) in den Kapiteln 4.2.3.7 und 4.2.4.1).

4.2.3.3 KonstruktvaliditätValiditätKonstruktvalidität

Während die Konzepte der InhaltsvaliditätValiditätInhaltsvalidität und der curricularen Validität die Relevanz und Repräsentativität von TestaufgabenAufgabenTestaufgaben im Hinblick auf im Unterricht vermittelte InhalteInhalt und Kompetenzen und/oder bestimmte zukünftig zu bewältigende Domänen und Situationen fokussieren, geht es bei der Bestimmung der KonstruktvaliditätValiditätKonstruktvalidität darüber hinaus um eine theoriebasierte Interpretation der beobachteten Testleistungen im Hinblick auf nicht direkt beobachtbare zugrunde liegende Kompetenzen (vgl. auch Hartig, Frey & Jude, 2012, S. 152–162). Bezogen auf „Schreibkompetenz“ sind in diesem Zusammenhang u.a. folgende Fragen zu beantworten: Inwieweit kann man an Hand eines vorliegenden Schreibprodukts auf bestimmte Aspekte des theoretischen, nicht direkt beobachtbaren Konstrukts „Schreibkompetenz“ schließen? Oder als Kausalzusammenhang formuliert: Inwieweit sind Unterschiede in der zugrunde liegenden Schreibkompetenz der jeweiligen Testteilnehmenden die zentrale Ursache für die beobachteten Leistungsunterschiede?

Im Fall des Schreibens ist der Schluss vom Produkt auf das zu Grunde liegende theoretische Konstrukt zwar direkter und damit offensichtlicher als z.B. im Fall einer HörverstehensaufgabeHörverstehen im Multiple-Choice-Format, bei der von der angekreuzten Lösung auf Aspekte der zu Grunde liegenden HörverstehenskompetenzHörverstehen geschlossen werden soll. Zur Beurteilung der KonstruktvaliditätValiditätKonstruktvalidität bedarf es allerdings auch im Fall der Evaluation von Schreibkompetenzen neben einer Beschreibung der zielsprachlichen Verwendungssituation eines theoretischen Modells des zu messenden Konstrukts „Schreibkompetenz“. Darüber hinaus müssen auch die Anforderungscharakteristiken der zur Messung benutzten TestaufgabenAufgabenTestaufgaben, die Merkmale der zugrunde gelegten BewertungskriterienBeurteilungskriterien sowie Eigenschaften der eingesetzten Bewertenden bei der Beurteilung der KonstruktvaliditätValiditätKonstruktvalidität berücksichtigt werden.

Auf die Frage nach der zielsprachlichen Verwendungssituation sowie auf theoretische Modelle von Schreibkompetenz wird in Kapitel 5 „TestkonstruktTestkonstrukt und TestspezifikationenTestspezifikation“ eingegangen. In Kapitel 6 „Kriteriale Evaluation von Schreibkompetenzen“ werden dann Bewertungskriterien und Bewertende thematisiert. Die Anforderungen, die mit der Bearbeitung bestimmter Schreibaufgaben z.B. hinsichtlich der Komplexität der inhaltlichenInhalt Darstellung oder auch in Bezug auf die notwendigen lexikalischLexik-grammatikalischenGrammatik Ressourcen verbunden sind, werden in Kapitel 7 „Entwicklung von TestaufgabenAufgabenTestaufgaben zum Schreiben“ noch genauer aufgeführt.

Bei der Beurteilung der KonstruktvaliditätValiditätKonstruktvalidität eines Tests oder auch einer einzelnen Aufgabe sind u.a. folgende Ursachen für eine unzureichende Test- bzw. AufgabenvaliditätValiditätAufgabenvalidität zu berücksichtigen: a) Unterrepräsentation des zu messenden Konstrukts; b) konstruktirrelevante Test- und Aufgabenvarianz.

Im Fall einer Unterrepräsentation des Konstrukts sind der Test oder die AufgabenAufgaben zu eng gefasst und lassen wichtige Dimensionen des Konstrukts unberücksichtigt. Geht man von einem breiten Verständnis von Schreibkompetenzen aus, dann würde z.B. der Einsatz eines Diktats zu einer Konstruktunterrepräsentation und damit auch zu einer unzureichenden AufgabenvaliditätValiditätAufgabenvalidität führen. Das Diktat erfasst zwar z.B. orthografischeOrthografie Fähigkeiten und HörverstehenskompetenzenHörverstehen, nicht aber die Fähigkeit, einen zusammenhängenden Text selbstständig zu verfassen. Natürlich kann ein Test stets nur einen kleinen Ausschnitt der im Unterricht zu entwickelnden Kompetenzen erfassen; der Unterricht wird also wesentlich breiter z.B. auch auf strategische und interkulturelleKompetenzinterkulturell Kompetenzen ausgerichtet sein. Außerdem wird man aus Gründen der PraktikabilitätPraktikabilität und Ökonomie nicht immer die zielsprachliche Verwendungssituation in allen Aspekten im Test abbilden können (vgl. die Ausführungen zu PraktikabilitätPraktikabilität und Ökonomie in Kapitel 4.2.4.4).

Konstruktirrelevante Varianz liegt vor, wenn bestimmte Merkmale, die keinen inhaltlichenInhalt Bezug zu der zu messenden Fähigkeit aufweisen, die Leistung systematisch beeinflussen. Konstruktirrelevante Varianz führt zu einer Minderung der ValiditätValidität der Interpretation der Testergebnisse. Mögliche Quellen konstruktirrelevanter Varianz, wie die eingesetzten AufgabenAufgaben, BewertungskriterienBeurteilungskriterien und Beurteilenden, haben wir schon im Zusammenhang mit dem Konzept der ReliabilitätReliabilität kurz thematisiert (vgl. die Kapitel 4.2.2.1 und 4.2.2.6). Ein konkreter mit der Facette „Beurteilende“ zusammenhängender Fall konstruktirrelevanter Varianz ist z.B. dann gegeben, wenn eine schöne Handschrift systematisch zu einer besseren Bewertung und damit höheren Einschätzung der Schreibkompetenz führt, obwohl Aspekte der Handschrift nicht zum TestkonstruktTestkonstrukt gehören. Man spricht dann auch von einem sogenannten Bias, d.h. von einer systematischen Verzerrung der Prüfungsergebnisse. Konstruktirrelevante Varianz und damit zugleich systematische Verzerrungen lassen sich beim Testen und Prüfen nie gänzlich vermeiden. Es muss allerdings danach getrachtet werden, den Einfluss konstruktirrelevanter Faktoren möglichst gering zu halten.

Im Kapitel 2 „Rahmenbedingungen für das Evaluieren von Schreibkompetenzen“ haben wir bereits Handlungs-, KompetenzKompetenz- und Aufgabenorientierung als grundlegende Prinzipien eines modernen Fremdsprachenunterrichts genannt (vgl. hierzu auch Kapitel 5 „TestkonstruktTestkonstrukt und TestspezifikationenTestspezifikation“). Im Hinblick auf die ValiditätValidität von Prüfungen bedeuten diese Prinzipien u.a., dass die in der Prüfung gezeigte Leistung Rückschlüsse darauf erlauben soll, in welchem Ausmaß Lernende in der Lage sind, ähnliche Situationen auch außerhalb der Prüfungssituation zu bewältigen. Dies heißt, dass auch in einer Prüfung in der Regel konkrete lebensweltliche AufgabenAufgaben zu lösen sind, wie z.B. höfliches Bitten um Informationen in einer Mail.

Weitere wichtige Aspekte der ValiditätValidität von Sprachtests werden im sozio-kognitiven Modell von Cyril J. Weir unterschieden (vgl. Weir, 2005). Dieses häufig zitierte Rahmenmodell, in dem die Sprachverwendenden nicht nur als kognitiv, sondern auch als sozial Handelnde gesehen werden, bildet die Grundlage für die Entwicklung und Validierung der Cambridge English Examinations (vgl. zur Schreibkomponente dieser Prüfungen Shaw & Weir, 2007). In der aktuellen Fassung unterscheidet das sozio-kognitiveValiditätkognitiv Rahmenmodell folgende fünf eng miteinander verbundene Komponenten der Validität: KontextvaliditätValiditätKontextvalidität (context validity), kognitive Validität (cognitive validity), Scoring-ValiditätValiditätScoring-Validität (scoring validity; Validität der Ergebnisermittlung), konsequentielleValiditätkonsequentiell Validität (consequential validity; Testwirkungsvalidität) und kriterienbezogeneValiditätkriterienbezogen Validität (criterion-related validity).

4.2.3.4 KontextvaliditätValiditätKontextvalidität

Die KontextvaliditätValiditätKontextvalidität betrifft die AngemessenheitAngemessenheit der sprachlichen und inhaltlichenInhalt Anforderungen und der Testdurchführung und damit u.a. folgende spezifische Aspekte: Art der Administration einer Schreibaufgabe in der Prüfungssituation, Form der ArbeitsanweisungAufgabenArbeitsanweisung (Testinstruktion) und Situierung, Zeit- und Umfangsvorgaben, Art des Inputs (Bildmaterial, Lesetext, ThemaThemen), Information über BewertungskriterienBeurteilungskriterien. Damit umfasst der Begriff der Kontextvalidität auch das bereits genannte Konzept der InhaltsvaliditätValiditätInhaltsvalidität.

4.2.3.5 Kognitive ValiditätValiditätkognitiv

Die kognitive ValiditätValiditätkognitiv bezieht sich insbesondere auf die Frage, inwieweit die bei der Bearbeitung einer Prüfungsaufgabe zum Schreiben involvierten kognitiven Prozesse mit den kognitiven Prozessen übereinstimmen, die beim Schreiben in den angezielten Verwendungssituationen ablaufen. Dazu gehört z.B. eine situations-, adressaten- und textsortenangemesseneTextsorte Planung des Schreibprozesses (vgl. für eine tiefergehende Diskussion des grundlegenden Konzepts der kognitiven Validität ValiditätkognitivField, 2013).

4.2.3.6 Scoring-ValiditätValiditätScoring-Validität

Das im Hinblick auf die Messung von Schreibkompetenzen wichtige Kriterium der Scoring-ValiditätValiditätScoring-Validität definieren Shaw & Weir (2007, S. 6) unter Bezug auf Weir (2005) dabei folgendermaßen:

Scoring validity is linked directly to both context and cognitive validity and is employed as a superordinate term for all aspects of reliability … Scoring validity accounts for the extent to which test scores are based on appropriate criteria, exhibit consensual agreement in their marking, are as free as possible from measurement error, stable over time, consistent in terms of their content sampling and engender confidence as reliable decision-making indicators.

Scoring-ValiditätValiditätScoring-Validität umfasst damit sowohl Aspekte der ReliabilitätReliabilität als auch der ValiditätValidität (wie z.B. die AngemessenheitAngemessenheit der BewertungskriterienBeurteilungskriterien im Hinblick auf das zu messende Konstrukt).1Reliabilität KontextvaliditätValiditätKontextvalidität, kognitiveValiditätkognitiv Validität und Scoring-ValiditätValiditätScoring-Validität stellen nach Shaw & Weir (2007, S. 7) zentrale Komponenten der KonstruktvaliditätValiditätKonstruktvalidität dar.

Während im argumentbasierten Validierungsmodell von Kane (2012, 2013) die Scoring-Inferenz als einfach und unproblematisch charakterisiert wird, weist Chapelle (2012, S. 23) zu Recht darauf hin, dass im Fall der Messung produktiver sprachlicher KompetenzenKompetenzproduktiv mit Hilfe von PerformanztestsPerformanztest die Art der Punktvergabe von erheblicher Bedeutung im Hinblick auf die Interpretation der Testwerte ist und deshalb die Entwicklung, Implementierung und Rechtfertigung valider Regeln für die Punktvergabe ein anspruchsvoller Prozess sind.

4.2.3.7 Konsequentielle ValiditätValidität

Die konsequentielle ValiditätValiditätkonsequentiell im Sinne von Shaw & Weir (2007) und anderen Autoren bezieht sich u.a. auf die Art der RückwirkungenRückwirkung und Konsequenzen, die der Einsatz von TestaufgabenAufgabenTestaufgaben und die Verwendung der Testergebnisse für die Betroffenen und den Unterricht haben (vgl. hierzu bereits Messick, 1989, 1996, 1998 sowie auch Cheng, Sun & Ma, 2015). Es ist ein erklärtes Ziel z.B. von Cambridge English, mit den angebotenen Prüfungen eine positive RückwirkungRückwirkung (impact; washback/backwash) zu erzielen. Entsprechend werden Konsequenzen und RückwirkungenRückwirkung bereits bei der TestentwicklungTestentwicklung berücksichtigt (im Sinne eines Impact by design) und die tatsächlichen Konsequenzen und RückwirkungenRückwirkung anschließend empirisch untersucht (vgl. Cambridge English Language Assessment, 2013; Jones & Saville, 2016; Saville & Khalifa, 2016). Auf das Kriterium der RückwirkungRückwirkung gehen wir noch genauer in Kapitel 4.2.4.1 ein.

4.2.3.8 Kriterienbezogene ValiditätValidität

Die von Shaw & Weir (2007) und vielen weiteren Autoren genannte kriterienbezogene ValiditätValiditätkriterienbezogen wird anhand eines Vergleichs der Ergebnisse der Lernenden in dem zu validierenden Test mit den Ergebnissen in einem unabhängigen validen Außenkriterium ermittelt (vgl. auch American Eucational Research Association et al., 2014, S. 17f.). Im Fall eines Schreibtests oder auch einer einzelnen Schreibaufgabe kann das externe Kriterium z.B. die Leistung in einem bereits validierten Schreibkompetenztest oder die Ermittlung von Schreibkompetenzen anhand eines als valide erachteten Schreibportfolios sein. Stimmen die Ergebnisse in dem zu validierenden Instrument mit den Ergebnissen im externen Kriterium weitgehend überein, ist dies ein Beleg für die kriterienbezogene ValiditätValiditätkriterienbezogen des zu validierenden Instruments und gegebenenfalls auch für die Gültigkeit der Extrapolationsinferenz. Auch im unterrichtlichen Kontext ist die kriterienbezogene ValiditätValiditätkriterienbezogen durchaus von Bedeutung: Wenn z.B. Schülerinnen und Schüler in einem externen Test wie den Cambridge English Prüfungen oder dem französischen Zertifikatstest DELF deutlich anders in ihren Schreibkompetenzen bewertet werden als bei der Leistungsüberprüfung im Unterricht, dann kann eine Lehrkraft die Ergebnisse im externen Test als Außenkriterium nutzen und sich fragen, ob die im Unterricht eingesetzte Prüfung hinreichend valide (und reliabel) war. Insgesamt gilt, dass es zur Validierung von Sprachtests und SprachtestaufgabenAufgabenTestaufgaben in der Regel einer komplexen, sowohl theoretisch als auch empirisch möglichst breit gestützten Argumentation bedarf. Wir werden auf die genannten Aspekte der ValiditätValidität in den folgenden Kapiteln des Studienbuches noch zurückkommen.

4.2.4 Weitere GütekriterienGütekriterien

Neben ObjektivitätObjektivität, ReliabilitätReliabilität und ValiditätValidität wird häufig FairnessFairness als zentrales GütekriteriumGütekriterien aufgeführt (vgl. auch die Hinweise zum Weiterlesen). Zuweilen wird FairnessFairness jedoch auch in erster Linie als spezieller Aspekt der ValiditätValiditätInhaltsvalidität gesehen. Eine Schreibaufgabe ist insbesondere dann fair, wenn sie bestimmte Gruppen von Testteilnehmenden nicht aufgrund von konstruktirrelevanten Faktoren systematisch benachteiligt. Ein entsprechender Bias kann z.B. dann auftreten, wenn sich die Testteilnehmenden im Hinblick auf eine bestimmte Schreibaufgabe in ihrem nicht konstruktrelevanten thematischen Wissen oder in ihrer Vertrautheit mit den BeurteilungskriterienBeurteilungskriterien deutlich unterscheiden oder wenn die Durchführungsbedingungen Gruppen von Testteilnehmern systematisch benachteiligen.

4.2.4.1 RückwirkungRückwirkung

Weiterhin wird häufig die bereits im Zusammenhang mit der konsequentiellen ValiditätValidität genannte RückwirkungRückwirkung von Tests als eigenständiges GütekriteriumGütekriterien gesehen. Dabei kann sich die RückwirkungRückwirkung z.B. auf Unterrichtsmaterialien und -methoden, auf die Prozesse und Produkte des Lehrens und Lernens, auf Emotionen und Einstellungen der betroffenen Personen oder auch gesamtgesellschaftliche Effekte beziehen. Weiterhin können intendierte oder auch nicht intendierte bzw. nicht antizipierte RückwirkungenRückwirkung gemeint sein (vgl. Cheng, Sun & Ma, 2015; Rossa, 2016; Saville & Khalifa, 2016; Xi & Davis, 2016, S. 73f.).1RückwirkungRückwirkung

In Bezug auf die potentielle RückwirkungRückwirkung insbesondere standardisierter Tests wird zuweilen kritisch angemerkt, dass deren Einsatz im Unterricht zu einer negativen RückwirkungRückwirkung in Form eines teaching to the test führe. Die RückwirkungRückwirkung kann aber auch im Fall standardisierter Tests durchaus positiv sein. Handelt es sich z.B. um einen handlungs- und kompetenzorientierten TestEvaluationkompetenzorientiert, der authentische Situationen antizipiert, und bereitet man die Schülerinnen und Schüler auf einen solchen Test kompetenzorientiertEvaluationkompetenzorientiert vor, dann bereitet man damit gleichzeitig auf lebensweltlich relevante AufgabenAufgaben vor. Wichtig für eine positive RückwirkungRückwirkung ist auch, dass die Testergebnisse benutzerfreundlich berichtet werden – z.B. in Form von verständlichen und aussagekräftigen NiveaubeschreibungenNiveaustufe (vgl. Montee & Malone, 2014, S. 849). Auch am IQBIQB wird bei der Entwicklung und dem Einsatz der TestaufgabenAufgabenTestaufgaben versucht, durch eine Orientierung an den Prinzipien der Handlungs- und KompetenzorientierungKompetenzorientierung sowie durch eine geeignete Form der Rückmeldung eine möglichst positive RückwirkungRückwirkung zu erzielen.

Die tatsächliche RückwirkungRückwirkung von Tests ist allerdings ein höchst komplexes Phänomen, das von einer Vielzahl von kontextuellen Variablen abhängig ist. Vor dem Hintergrund einer Reihe von Studien zur RückwirkungRückwirkung von standardisierten Tests stellt deshalb Hamp-Lyons (2016, S. 19) kritisch fest: „It would seem then that we must question whether it would be of any value to make beneficial washback itself a test purpose.“ Auch wenn man die Möglichkeit, mit Hilfe von Tests bestimmte positive RückwirkungseffekteRückwirkung zu erzielen, eher kritisch sieht, sollte u.E. die potenzielle RückwirkungRückwirkung auf jeden Fall bei der TestentwicklungTestentwicklung mit bedacht werden.

4.2.4.2 AuthentizitätAuthentizität

Ein vor allem von Vertreterinnen und Vertretern performanz- und aufgabenbasierter Evaluationsformen genanntes Qualitätsmerkmal bezieht sich auf das bereits kurz angesprochene Kriterium der AuthentizitätAuthentizität. Das Kriterium kann sich dabei auf TestaufgabenAufgabenTestaufgaben – unter Einschluss der Vorgaben wie Bildmaterial und zu behandelnde InhaltspunkteInhalt sowie der Situierung und der damit verbundenen Arbeitsanweisungen –, auf die Art der Testdurchführung sowie auch auf die BewertungskriterienBeurteilungskriterien beziehen. Das Merkmal der AuthentizitätAuthentizität steht in engem Zusammenhang insbesondere mit den Qualitätsmerkmalen der Handlungs- und Aufgabenorientierung und damit auch in einem engen Bezug zur ValiditätValidität von Sprachtests.

„Authentisch“ bezieht sich u.a. auf den Grad der Übereinstimmung zwischen den Merkmalen einer gegebenen TestaufgabeAufgabenTestaufgaben und den Merkmalen der jeweiligen zielsprachlichen Verwendungskontexte. Bei der Gestaltung von AufgabenAufgaben wird man in Übereinstimmung mit dem Prinzip der HandlungsorientierungHandlungsorientierung versuchen, potenzielle Handlungskontexte der Schülerinnen und Schüler zu antizipieren. Wenn z.B. die Fähigkeit zum Verfassen eines Bewerbungsschreibens überprüft werden soll, dann wäre ein Input in Form einer Stellenanzeige für einen Hochschulkanzler zusammen mit der Aufforderung, eine informelle Bewerbungsmail zu schreiben, ein Extrembeispiel für eine unauthentische Aufgabenstellung. Dies gilt sowohl im Hinblick auf die für Schülerinnen und Schüler relevanten Handlungskontexte als auch in Bezug auf die in dem Kontext übliche TextsorteTextsorte.

Bezogen auf die BewertungskriterienBeurteilungskriterien von Schreibleistungen bedeutet die Forderung nach AuthentizitätAuthentizität u.a., dass sich auch die im Prüfungskontext verwendeten Kriterien (möglichst weitgehend) an den im zielsprachlichen Verwendungskontext üblicherweise zugrunde gelegten Kriterien orientieren sollten. Spielt z.B. in einem bestimmten zielsprachlichen Verwendungskontext für die Empfänger eines Schreibens die VerständlichkeitVerständlichkeit und kommunikativeKompetenzkommunikativ Effizienz eine größere Rolle als die Korrektheit der verwendeten sprachlichen Mittel, so sollte sich dieser Sachverhalt auch bei der Bewertung der Prüfungsleistungen widerspiegeln (vgl. hierzu auch Kapitel 6).

Ein anderer Aspekt der AuthentizitätAuthentizität ist der Grad der Übereinstimmung in den kognitiven Prozessen bei der Lösung der TestaufgabenAufgabenTestaufgaben und beim Gebrauch der Zielsprache außerhalb der Testsituation. Verlangt der zielsprachliche Verwendungskontext z.B. umfangreiche Planungsprozesse beim Schreiben, dann sollte auch die Bearbeitung der Schreibaufgabe entsprechende Prozesse verlangen. Dieser Aspekt wurde weiter oben auch als kognitive ValiditätValiditätkognitiv bezeichnet. Situationell und kognitiv authentische/valide AufgabenAufgaben erlauben Extrapolationen im Hinblick auf die Fähigkeit zur Lösung analoger zielsprachlicher Probleme außerhalb der Testsituation.

4.2.4.3 AugenscheinvaliditätValiditätAugenscheinvalidität

Vor allem bezogen auf den Unterrichtskontext wird nicht selten auch die sogenannte AugenscheinvaliditätValiditätAugenscheinvalidität/Augenscheingültigkeit (face validity) als GütekriteriumGütekriterien von AufgabenAufgaben und Tests genannt. Die Augenscheinvalidität bezeichnet die Akzeptanz eines Verfahrens in den Augen der Betroffenen (Testteilnehmende und Nutzende der Testergebnisse) und steht im Zusammenhang insbesondere zum GütekriteriumGütekriterien der AuthentizitätAuthentizität. Wenn Schülerinnen und Schüler Aufgaben als authentisch wahrnehmen, werden sie diese eher als gültige, aussagekräftige Instrumente zur Überprüfung ihrer Kompetenzen akzeptieren und die Bearbeitung der Aufgaben ernst nehmen. Dies kann wiederum einen positiven Einfluss auf die KonstruktvaliditätValiditätKonstruktvalidität haben. Die AugenscheinvaliditätValiditätAugenscheinvalidität betrifft damit zumindest mittelbar auch die Gültigkeit der anhand der Testwerte getroffenen Interpretationen und Entscheidungen. Außerdem kann eine geringe Augenscheingültigkeit der Aufgaben negative Auswirkungen auf die Akzeptanz des Verfahrens und damit auch auf die weitere unterrichtliche Qualitätsentwicklung haben. Entsprechend spielt die Augenscheingültigkeit z.B. bei den vom IQBIQB erstellten schriftlichen Vergleichsarbeiten (VERA) Vergleichsarbeiten zur Feststellung des Lernstandes in den beteiligten Bundesländern (vgl. Kapitel 2.5) eine wichtige Rolle.

Ein u.a. mit der Augenscheingültigkeit zusammenhängendes Problem ergibt sich im Fall von AufgabenformatenAufgabenformate, die lediglich einen sehr indirekten Bezug zu den zu messenden Kompetenzen aufweisen. So wurden lange Zeit in einigen bekannten internationalen Tests Schreibkompetenzen ausschließlich auf indirektem Wege u.a. anhand von Multiple-Choice-Tests zu GrammatikGrammatik und Vokabular überprüft. Dies ist zumindest aus folgenden Gründen problematisch: a) Die AugenscheinvaliditätValiditätAugenscheinvalidität solcher AufgabenAufgaben ist im Hinblick auf das Alltagsverständnis der KompetenzKompetenz Schreiben äußerst gering. b) Das Konstrukt „Schreibkompetenz“, insbesondere wenn es handlungsorientiert definiert wird, ist deutlich unterrepräsentiert. c) Entsprechende TestaufgabenAufgabenTestaufgaben können eine negative RückwirkungRückwirkung auf die unterrichtliche Vermittlung von Schreibkompetenzen haben (z.B. in Form eines teaching to the test). AuthentizitätAuthentizität und Augenscheinvalidität stehen damit auch im engen Zusammenhang zur konsequentiellen ValiditätValiditätAugenscheinvalidität und zum RückwirkungseffektRückwirkung (Washback) von Tests.

4.2.4.4 PraktikabilitätPraktikabilität und Ökonomie

Gerade im Unterrichtskontext sind auch die PraktikabilitätPraktikabilität und Ökonomie (im Sinne von Wirtschaftlichkeit) einer Prüfung wichtige Kriterien. Diese beiden Kriterien können sich auf die Herstellung, Durchführung, Auswertung und Verwendung von Prüfungen beziehen. Nach Moosbrugger & Kelava (2012, S. 21) erfüllt ein Test das GütekriteriumGütekriterien der Ökonomie, „wenn er, gemessen am diagnostischen Erkenntnisgewinn, relativ wenig finanzielle und zeitliche Ressourcen beansprucht“. Ähnlich definieren Bachman & Palmer (2010, S. 262) PraktikabilitätPraktikabilität (engl. practicality) als die Differenz zwischen verfügbaren Ressourcen und notwendigen Ressourcen. Unter dem Gesichtspunkt der PraktikabilitätPraktikabilität/Ökonomie wird man z.B. bei einer eher informellen ÜberprüfungEvaluationinformell von Schreibkompetenzen nicht für jeden möglichen Punktwert eine detaillierte Kann-Beschreibung formulieren und auch auf eine Bewertung durch eine weitere Lehrkraft verzichten. Es ist allerdings zu bedenken, dass eine Erhöhung der Wirtschaftlichkeit einer Prüfung in vielen Fällen zu einer Verringerung der ValiditätValidität führt. So würde z.B. die indirekte Überprüfung von Schreibkompetenzen anhand von Multiple-Choice-AufgabenAufgaben zu GrammatikGrammatik und LexikLexik die für die Durchführung und Bewertung notwendigen Ressourcen reduzieren. Zugleich wäre damit jedoch eine deutliche Einschränkung der AuthentizitätAuthentizität, AugenscheingültigkeitValiditätAugenscheinvalidität und KonstruktvaliditätValiditätKonstruktvalidität der Prüfung sowie die Gefahr einer negativen RückwirkungRückwirkung verbunden (vgl. die vorangehenden Ausführungen).

4.2.4.5 NützlichkeitNützlichkeit

NützlichkeitNützlichkeit (auch Zweckmäßigkeit; engl. usefulness) gilt für einige Autoren als übergeordnetes GütekriteriumGütekriterien und bestimmt dann den Stellenwert der anderen Kriterien (vgl. z.B. Bachman & Palmer, 1996, 2010 sowie auch Moss, 2016). Vor dem Hintergrund des Kriteriums der NützlichkeitNützlichkeit wird man je nach Zielsetzung einer Prüfung und den zur Verfügung stehenden Ressourcen insbesondere der ValiditätValidität, ReliabilitätReliabilität, AuthentizitätAuthentizität und dem Washback-Effekt ein jeweils unterschiedliches Gewicht geben. So wird man für einen informellen TestEvaluationinformell der Schreibkompetenz im Unterrichtskontext die ReliabilitätReliabilität eher geringer gewichten. Dagegen ist es bei einem Vergleich größerer Bildungseinheiten, wie etwa im Fall der vom IQBIQB durchgeführten Bildungstrend-Studien (ehemals LändervergleicheLändervergleich/Bildungstrend) oder auch bei einer Prüfung, deren Ausgang für die Testteilnehmenden mit gravierenden Konsequenzen verbunden ist, nicht akzeptabel, wenn z.B. eine Erhöhung der AuthentizitätAuthentizität zugleich zu einer massiven Verringerung der ReliabilitätReliabilität führt.

4.2.4.6 TransparenzTransparenz

Schließlich wird zunehmend auch TransparenzTransparenz als GütekriteriumGütekriterien genannt. TransparenzTransparenz bedeutet im schulischen Kontext u.a., dass den Lernenden die Testdurchführungsmodalitäten, AufgabenformateAufgabenformate, BewertungskriterienBeurteilungskriterien und Leistungserwartungen hinreichend vertraut sein sollten und dass das gewählte Vorgehen den Lernenden gegenüber auch begründet werden sollte (vgl. auch Kapitel 6). Außerdem sollte eine Rückmeldung zu den Leistungen in einer Form erfolgen, die für die Schülerinnen und Schüler nachvollziehbar ist (vgl. auch Kapitel 9).

4.2.4.7 SchwierigkeitSchwierigkeit/Leichtigkeit

Auch die SchwierigkeitSchwierigkeit bzw. Leichtigkeit einer Aufgabe oder auch der gesamten Prüfung ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Die SchwierigkeitSchwierigkeit ist dabei zum einen im Hinblick auf die Messgenauigkeit von Schreibprüfungen und insbesondere im Hinblick auf die Passung von Personenfähigkeit und AufgabenschwierigkeitAufgabenschwierigkeit zu betrachten. Wenn z.B. die Überprüfung von Schreibkompetenzen auf dem NiveauNiveaustufe B1 intendiert ist, die Lösung der Aufgabe aber lediglich Kompetenzen auf dem NiveauNiveaustufe A1 verlangt – wie z.B. das Ausfüllen eines einfachen Formulars mit Fragen zur Person (Alter, Schulform usw.) –, dann können die Prüflinge mit ihren Schreibprodukten nicht zeigen, dass sie auch über Fähigkeiten verfügen, die über das NiveauNiveaustufe A1 hinausgehen (vgl. auch Kapitel 6 sowie die Ausführungen zu Unilevel- und Multilevel-AufgabenAufgaben in den Kapiteln 5, 6 und 7).

Weiterhin ist die SchwierigkeitSchwierigkeit im Zusammenhang mit der KonstruktvaliditätValiditätKonstruktvalidität zu sehen. Unterscheiden sich die Testteilnehmenden z.B. deutlich in ihrem thematischen Wissen im Hinblick auf die zu bearbeitende Schreibaufgabe und ist dieses Wissen nicht Teil des TestkonstruktsTestkonstrukt (vgl. Kapitel 5), dann kann dies zu einer konstruktirrelevanten Erhöhung der SchwierigkeitSchwierigkeit bzw. Leichtigkeit der Aufgabe für die betroffenen Testteilnehmenden und damit zugleich zu einer Beeinträchtigung der FairnessFairness führen (vgl. zur Konstruktrelevanz von SchwierigkeitSchwierigkeit bzw. Leichtigkeit Bühner, 2011, S. 66f.). Es ist deshalb bei der Erstellung von TestaufgabenAufgabenTestaufgaben stets zu überlegen, inwieweit das ThemaThemen möglicherweise bestimmte Lernende benachteiligt.

Auch die BewertungskriterienBeurteilungskriterien müssen natürlich in ihrer SchwierigkeitSchwierigkeit dem jeweiligen KompetenzniveauKompetenzniveau der Gruppe entsprechen. Wenn z.B. die Testteilnehmenden ein Kriterium fast alle erfüllen, dann erlaubt es dieses Kriterium nicht, messgenau zwischen den Schreibleistungen der Teilnehmenden zu differenzieren. Ist allerdings in erster Linie eine kriteriale Evaluation z.B. anhand eines lernzielorientierten Tests intendiert (vgl. Kapitel 3.2.1 und 6.3), darf ein Kriterium auch von allen Testteilnehmenden erfüllt sein. Die durchgängige Erfüllung würde dann lediglich bedeuten, dass alle Testteilnehmenden das entsprechende Lernziel erreicht haben.

Schließlich müssen die Bewertenden die Kriterien natürlich auch im intendierten Sinne interpretieren. Das heißt u.a., dass die Beurteilenden keine Tendenz zu einer unangemessenen Strenge oder Milde zeigen dürfen.

Insgesamt gilt, dass die SchwierigkeitSchwierigkeit einer Schreibaufgabe für einen bestimmten Testteilnehmenden über die Schreibkompetenz hinaus in komplexer Weise von Merkmalen der Aufgabe (unter Einschluss u.a. der Instruktion, der Kontextualisierung sowie der Zeit- und Umfangsvorgaben), von Merkmalen der Bewertungsskala (z.B. Gewichtung der sprachlichen Korrektheit) sowie von Eigenschaften der jeweiligen Beurteilenden abhängt (vgl. auch die Ausführungen zum GütekriteriumGütekriterien der ReliabilitätReliabilität in Kapitel 4.2.2). Wir werden auf diesen Aspekt noch genauer in den Kapiteln 5 bis 8 des Studienbuches eingehen.

4.2.4.8 TrennschärfeTrennschärfe

Die bisher genannten GütekriterienGütekriterien können sich sowohl auf einzelne AufgabenAufgaben als auch auf den gesamten Test beziehen, d.h. sie können sowohl als Test- als auch als AufgabengütekriteriumGütekriterien fungieren. Das Kriterium der TrennschärfeTrennschärfe wird dagegen üblicherweise nur zur Bewertung der Güte einzelner Aufgaben verwendet.

Die TrennschärfeTrennschärfe einer Aufgabe steht in engem Zusammenhang mit der SchwierigkeitSchwierigkeit bzw. der Leichtigkeit der entsprechenden Aufgabe sowie auch mit der Test- und AufgabenreliabilitätReliabilitätAufgabenreliabilität. Erreichen z.B. bei einer Aufgabe alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen eine hohe oder auch eine niedrige Punktzahl, d.h. ist die Aufgabe sehr leicht oder sehr schwer für die entsprechende Gruppe, dann trägt – wie bereits angedeutet – eine solche Aufgabe nichts oder nur sehr wenig zur Differenzierung zwischen den Prüflingen bei.

Setzt man mehrere Schreibaufgaben ein und ermittelt an Hand der Einzelaufgaben einen Gesamtpunktwert, dann hat eine Einzelaufgabe eine zufriedenstellende TrennschärfeTrennschärfe, wenn der Punktwert der Einzelaufgabe und der Gesamtpunktwert zu einer vergleichbaren Klassifikation der Schülerinnen und Schüler in kompetente und weniger kompetente Schreibende führen. Eine Maßzahl für die TrennschärfeTrennschärfe ist damit die statistische Korrelation zwischen dem Punktwert der Lernenden bei der Einzelaufgabe und ihrem Gesamtpunktwert.

Ist die TrennschärfeTrennschärfe unzureichend, kann dies u.a. folgende Ursachen haben: a) Die Aufgabe misst unzuverlässig (z.B. weil sie zu schwer oder zu leicht für die Lernenden ist). b) Die Aufgabe misst einen anderen Aspekt des Konstrukts „Schreibkompetenz“ als die übrigen Aufgaben.Aufgaben c) Die Aufgabe misst in erster Linie einen konstruktfremden Aspekt (z.B. die kognitiveValiditätkognitiv Leistungsfähigkeit oder thematisches Wissen). d) Die Bewertenden beurteilen die Leistung nicht hinreichend zuverlässig (z.B. mit intra- oder interindividuell variierender Strenge). e) Es liegen Kodierfehler vor. f) Die TestreliabilitätReliabilitätTestreliabilität ist insgesamt gering (z.B. weil der Test insgesamt zu leicht oder zu schwer ist).

Ein spezifischer Fall liegt vor, wenn Schülerinnen und Schüler mit einem hohen Gesamtpunktwert bei einer gestellten Aufgabe tendenziell schlechter abschneiden als Schülerinnen und Schüler mit einem eher geringen Gesamtpunktwert. In einem solchen Fall ist die TrennschärfeTrennschärfe negativ. Als mögliche Erklärungen kommen dann die Punkte b), c) und d) in Frage.

4.3 GütekriterienGütekriterien dynamischer EvaluationEvaluationinteraktionistisch dynamisch

Abschließend möchten wir noch kurz die Frage der GütekriterienGütekriterien aus der Perspektive der dynamischen EvaluationEvaluationinteraktionistisch dynamisch ansprechen. Für viele Vertreterinnen und Vertreter der dynamischenEvaluationinteraktionistisch dynamisch Evaluation ist von zentraler Bedeutung, inwieweit die im Zusammenhang mit der Evaluation entweder unmittelbar oder später ergriffenen Maßnahmen (in Form von Feedback oder speziellem Training) erfolgreich sind. Damit wird die sogenannte Treatment-ValiditätValiditätTreatment-Validität (Behandlungs- oder Interventionsvalidität) zu einem entscheidenden GütekriteriumGütekriterien (vgl. z.B. Lidz & Haywood, 2014 sowie auch Grigorenko, 2009 und Grotjahn, 2015). Für Vertreterinnen und Vertreter der interaktionistischen dynamischen EvaluationEvaluationinteraktionistisch dynamisch im Sinne von Lantolf & Poehner (2013, 2014), auf die wir in Kapitel 9.5 näher eingehen, bilden DiagnoseDiagnose und Intervention (in Form von Unterricht) sogar eine untrennbare Einheit. Entsprechend favorisieren Lantolf & Poehner kooperative Dialoge zwischen Lerner und Mediator (Lehrkraft, Peer) als Mittel einer interventions- und individuenzentrierten DiagnostikDiagnose. Im Hinblick auf das GütekriteriumGütekriterien der ObjektivitätObjektivität argumentieren sie, dass letztendlich nur ein nichtstandardisiertes Vorgehen eine faire unterrichtsbezogene DiagnoseDiagnose individueller Kompetenzen ermögliche.

Hinweise zum Weiterlesen

Einen kurzen Überblick über GütekriterienGütekriterien psychologischer Tests geben z.B. Moosbrugger & Kelava (2012). Weitere Hinweise zu GütekriterienGütekriterien für die Entwicklung und den Einsatz von Verfahren zur Evaluation sprachlicher Kompetenzen finden sich u.a. in Bachman & Palmer (2010), Grotjahn (2008) und Kunnan (2014).

Unterschiedliche Konzepte von FairnessFairness werden von American Educational Research Association et al. (2014, Kap. 3), Karami & Mok (2013) und Stoynoff (2013) vorgestellt.

Auf Aspekte der ValiditätValidität, AuthentizitätAuthentizität und RückwirkungRückwirkung (Impact; Washback) im Rahmen performanz- und aufgabenbasierter Evaluationsformen gehen z.B. ein: Bachman (2007); Brindley (2013); Fischer, Chouissa, Dugovičová & Virkkunen-Fullenwider (2011a, 2011b); Norris (2016); Van Gorp & Deygers (2014); Yu (2014).

Aktuelle Überblicke über Konzepte von ValiditätValidität und Validierung unter Einschluss komplexer argumentbasierter Verfahren geben Chapelle, Enright & Jamieson (2008), Eckes (2015b), Hartig, Frey & Jude (2012), Kane (2013, 2016), Newton & Shaw (2014, 2016), Xi & Davis (2016).

Hinweise zu ethischen Aspekten der Evaluation finden sich u.a. in Abel (2010), Brown (2012) und Taylor (2013).

Bachman & Palmer (2010) beschäftigen sich vor dem Hintergrund des Konzepts der NützlichkeitNützlichkeit speziell mit der argumentbasierten Rechtfertigung der Entwicklung und Verwendung von Evaluationsinstrumenten im Hinblick auf reale Kontexte und Zielsetzungen (z.B. Entscheidungen über Individuen oder Bildungsprogramme und intendierte und nicht intendierte Konsequenzen). Dabei verzichten die Autoren explizit auf die Verwendung der Termini ValiditätValidität und Validierung und greifen auf Konzepte wie Aussagekraft (meaningfulness), Relevanz (relevance) und Vollständigkeit (sufficiency) der Interpretation der Evaluationsergebnisse im Hinblick auf die zu treffenden Entscheidungen zurück.

Auf den Aspekt der RückwirkungRückwirkung (washback) von Sprachtests (auf den Unterricht) gehen ausführlich Cheng, Sun & Ma (2015) im Rahmen des argumentbasierten Ansatzes der Validierung ein. Weitere Aspekte der RückwirkungRückwirkung werden in Saville & Khalifa (2016) sowie Turner & Purpura (2016) thematisiert.

Das Problem der BeurteilerreliabilitätReliabilitätBeurteilerreliabilität und Beurteilerübereinstimmung behandeln ausführlich Gwet (2014) und Wirtz & Kaspar (2002). Ein kurzer aktueller Überblick findet sich bei Eckes (2011). Eckes (2015a) beschreibt die Verwendungsmöglichkeiten des Multifacetten-Rasch-Modells zur Analyse und Sicherung der FairnessFairness beurteilergestützter Kompetenzmessungen. Speziell mit der ReliabilitätReliabilität und ValiditätValidität bei der Beurteilung von Schreibaufgaben beschäftigen sich z.B. Böhme, Bremerich-Vos & Robitzsch (2009), Eckes (2012) sowie Harsch & Martin (2013).

Zur komplexen Wechselwirkung von AufgabenAufgaben, BeurteilungskriterienBeurteilungskriterien, Beurteilenden und Schreibkompetenz sowie zur Generalisierbarkeit von Messwerten aus Schreibtests vgl. z.B. Arras (2007), Barkaoui (2010a, 2010b), Böhme, Bremerich-Vos & Robitzsch (2009), Bouwer, Béguin, Sanders & van den Bergh (2015), Eckes (2012), Gebril (2010), Harsch & Rupp (2011), Huhta, Alanen, Tarnanen, Martin & Hirvelä (2014), Lee & Kantor (2005) sowie Schoonen (2005, 2012).

Auf Unterschiede zwischen Test- und LernaufgabenAufgabenTestaufgabenAufgabenLernaufgaben vor dem Hintergrund von TestgütekriterienGütekriterien gehen Caspari, Grotjahn & Kleppin (2010) ein.

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5 TestkonstruktTestkonstrukt und TestspezifikationenTestspezifikation

Rüdiger Grotjahn

Was mit Hilfe der AufgabenAufgaben und BewertungskriterienBeurteilungskriterien eines Tests gemessen werden soll, wird auch als TestkonstruktTestkonstrukt bezeichnet (vgl. American Educational Research Association et al., 2014, S. 11). Dabei kann sich der Begriff „Konstrukt“ sowohl auf nicht direkt beobachtbare theoriebasierte Merkmale als auch auf direkt beobachtbare Verhaltensaspekte beziehen. Eine adäquate Definition des TestkonstruktsTestkonstrukt ist in mehrfacher Hinsicht von zentraler Bedeutung. Zum einen ist eine genaue Spezifikation des TestkonstruktsTestkonstrukt eine wichtige Voraussetzung, dass bei der Entwicklung von Aufgaben und BewertungskriterienBeurteilungskriterien auch wirklich die Merkmale des Konstrukts „Schreiben“ erfasst werden, die erfasst werden sollen. Zum anderen kann eine begründete Aussage zur ValiditätValidität der Interpretation von Testergebnissen und zur AngemessenheitAngemessenheit der mit einem Test verbundenen Entscheidungen nur dann getroffen werden, wenn man das jeweilige TestkonstruktTestkonstrukt und dessen mögliche Teilkomponenten und Dimensionen hinreichend spezifiziert (vgl. auch Grotjahn, 2003, S. 11ff.; 2007).1TestkonstruktAufgabenPrüfungsaufgabenTestkonstruktTestkonstrukt

Im Folgenden gehe ich relativ ausführlich auf das Thema „TestkonstruktTestkonstrukt“ ein. Dazu thematisiere ich zunächst einige Merkmale der Evaluation von Schreibkompetenz anhand (weitgehend) authentischer SchreibaktivitätenSchreibaktivitäten. Sodann gehe ich kurz auf den bereits häufig verwendeten und für den vorliegenden Band wichtigen Begriff der KompetenzKompetenz ein. Im Anschluss beschreibe ich unterschiedliche Vorgehensweisen bei der Konstruktdefinition und spreche auch die Struktur und Dimensionalität sowie die potenzielle (zeitliche) Instabilität des Konstrukts „Schreibkompetenz“ an. In einem nächsten Schritt wird gezeigt, wie das jeweilige TestkonstruktTestkonstrukt unter Berücksichtigung der Adressaten und Zielsetzungen anhand theoretischer Annahmen und empirischer Befunde zur Schreibfähigkeit als Komponente kommunikativer KompetenzKompetenzkommunikativ spezifiziert werden kann. Darauf aufbauend wird angedeutet, wie auf der Basis des TestkonstruktsTestkonstrukt Test- und AufgabenspezifikationenTestspezifikation formuliert werden können, die ihrerseits einen Rahmen für die Aufgabenerstellung (siehe Kapitel 7) und die Bewertung von Schreibleistungen (siehe Kapitel 6 und 8) abgeben. Abschließend stelle ich heraus, dass im Hinblick auf die faktische ValiditätValidität eines Schreibtests neben den eingesetzten AufgabenAufgaben auch die zugrunde gelegten BewertungskriterienBeurteilungskriterien und deren Verwendung durch die Rater von entscheidender Bedeutung sind.

5.1 Aufgabenbasierte Evaluation von Schreibkompetenzen

In Kapitel 4.1 wurde bereits darauf hingewiesen, dass im Rahmen einer kompetenz- und handlungsorientierten Überprüfung von Schreibfähigkeiten in der Regel AufgabenAufgaben zum Einsatz kommen, die Merkmale lebensweltlicher Schreibhandlungen simulieren oder zumindest prototypisch abbilden. Von den SchreibaktivitätenSchreibaktivitäten in der Testsituation – in diesem Zusammenhang auch als Performanz (engl. performance) bezeichnet – soll dann auf die Fähigkeit zur Realisierung ähnlicher SchreibaktivitätenSchreibaktivitäten außerhalb der Testsituation und/oder auf hierfür wichtige Kompetenzen zurückgeschlossen werden.

Ein solches performanzbasiertes Vorgehen wird auch als performanzbasierte EvaluationEvaluationperformanzbasiert (performance-basedassessmentperformance-based assessment/testing) und das eingesetzte Instrument als PerformanztestPerformanztest (performance assessment/test) bezeichnet. Zur performanzbasierten EvaluationEvaluationperformanzbasiert sind auch Formen der aufgabenbasierten Evaluation (task-basedassessmenttask-based language assessment) zu zählen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Lösung der AufgabenAufgaben als funktionale Aktivität konzipiert wird, mit deren Hilfe ein Individuum in einem bestimmen sozio-kognitiven Kontext im Rahmen einer bedeutungszentrierten Kommunikation ein bestimmtes Ziel erreichen möchte (vgl. Bachman, 2007; Brindley, 2013; Bygate, Norris & Van den Branden, 2015; Fischer, Chouissa, Dugovičová & Virkkunen-Fullenwider, 2011a, 2011b; Norris, 2016; Purpura, 2016, S. 195f.; Van Gorp & Deygers, 2014). Ein entsprechendes Aufgabenkonzept liegt auch den Beiträgen im vorliegenden Band als Zielvorstellung zugrunde.

AufgabenAufgaben mit den genannten Merkmalen werden häufig auch als „authentisch“ charakterisiert. Der Einsatz (weitgehend) authentischer Aufgaben zur Messung von Schreibkompetenzen und die Bewertung der Leistung anhand geeigneter kriterialer Raster hat u.a. folgende Vorteile: a) Die Bearbeitung der TestaufgabenAufgabenTestaufgaben selbst kann bereits eine positive Lernerfahrung darstellen. b) Der Einsatz authentischer Aufgaben verbessert die Möglichkeiten einer lernorientierten, formativen EvaluationEvaluationformativ. c) Es verringert sich die potenzielle Distanz zwischen TestaufgabenAufgabenTestaufgaben und den in einem aufgabenbasierten oder aufgabenunterstützten Fremdsprachenunterricht eingesetzten (komplexen) LernaufgabenAufgabenLernaufgaben. Der Einsatz authentischer TestaufgabenAufgabenTestaufgaben kann damit auch einen Beitrag zu einer besseren Übereinstimmung zwischen Prüfungs- und Lehr-Lern-Aktivitäten leisten und einen positiven Washback-Effekt auf den Unterricht haben (vgl. Bygate, Norris & Van den Branden, 2015; Jones & Saville, 2016; Norris, 2016; Turner & Purpura, 2016; Yu, 2014).

Authentische AufgabenAufgaben weisen allerdings – verglichen mit objektiv auswertbaren geschlossenen AufgabenformatenAufgabenformate wie etwa Ankreuzaufgaben – auch eine Reihe von Nachteilen auf. So erfordert die Bearbeitung authentischer Aufgaben in der Regel vergleichsweise viel Zeit, und die adäquate Beurteilung der gezeigten Leistung ist relativ aufwändig (vgl. hierzu auch Kapitel 4.1).

Bei einer Evaluation anhand weitgehend authentischer Schreibaufgaben handelt es sich um eine relativ direkte Messung von Schreibleistungen. Diese steht im Gegensatz zu einer indirekten Messung von Schreibkompetenzen anhand von geschlossenen AufgabenAufgaben wie etwa Multiple-Choice-Items zu GrammatikGrammatik und LexikLexik. Während mit einer indirekten Messung in erster Linie überprüft werden kann, ob für die Realisierung von SchreibaktivitätenSchreibaktivitäten wichtige Ressourcen überhaupt vorhanden sind, ermöglicht eine direkte Messung anhand authentischer Schreibaufgaben zusätzlich eine Aussage darüber, inwieweit die vorhandenen sprachlichen und nichtsprachlichen Ressourcen in kommunikativen Situationen genutzt werden können.

Obwohl performanzbasierte Formen der EvaluationEvaluationperformanzbasiert die jeweils fokussierten SchreibaktivitätenSchreibaktivitäten vergleichsweise direkt repräsentieren, ist auch bei einer performanzbasiertenEvaluationperformanzbasiert Überprüfung von Schreibleistungen anhand authentischer AufgabenAufgaben bei der Konstruktion der Aufgaben und der Entwicklung der BewertungskriterienBeurteilungskriterien stets genau zu klären, welche Merkmale des Konstrukts „Schreiben“ die Aufgaben und die zugehörigen BewertungskriterienBeurteilungskriterien bei den jeweiligen Testteilnehmenden erfassen sollen. Außerdem ist stets zu prüfen, ob die Aufgaben und BewertungskriterienBeurteilungskriterien dann letztendlich auch tatsächlich das erfassen, was sie erfassen sollen.

Diese Argumentation steht im Widerspruch zu der Annahme, dass authentische TestaufgabenAufgabenTestaufgaben, die lebensweltliche Aktivitäten direkt repräsentieren, zugleich automatisch valide seien. Brindley (2013) nennt u.a. folgende Gründe dafür, dass auch authentische TestaufgabenAufgabenTestaufgaben nicht automatisch valide sind:

In the first place, an assessmentassessment activity is by definition an artificial situation: no matter how realistic the task is, people still know they are being assessed under special conditions (Spolsky, 1985), and their performance may not be the same as it would in real life. A second problem with ‘authentic’ assessment tasks is the difficulty of generalizing from a one-off performance to other situations of language use. Although a language learner may demonstrate competence in one context … this skill may not transfer to other contexts. (S. 2f.)

Auf den von Brindley (2013) angesprochenen Sachverhalt, dass es sich bei einer Prüfungssituation grundsätzlich um eine künstliche Situation mit ganz spezifischen Merkmalen handelt, hat bereits Spolsky (1985) in einem viel zitierten Aufsatz hingewiesen (vgl. auch Bachman & Cohen, 1998, S. 22).1AuthentizitätAufgabenTestaufgabenKompetenzkommunikativ Die von Brindley ebenfalls genannte Tatsache, dass die Aktualisierung von Kompetenzen vom jeweiligen Kontext abhängen kann und dass deshalb das Ergebnis einer einmaligen Messung nicht automatisch auf andere Kontexte verallgemeinert werden kann, wurde schon in Kapitel 4.2.2.6 „Generalisierbarkeit von Schreibleistungen“ thematisiert. Ich werde auf diesen Aspekt im Folgenden noch zurückkommen. Dabei werde ich weitere Gründe nennen, warum authentische AufgabenAufgaben nicht auch automatisch valide sind. Zuvor gehe ich jedoch kurz auf den wichtigen Begriff der KompetenzKompetenz und auf die Rolle der Adressaten und Verwendungskontexte bei der Definition des TestkonstruktsTestkonstrukt ein.

5.2 KompetenzKompetenz: begriffliche Klärungen

Entsprechend einer häufig zitierten, bei Weinert (2001) aufgeführten Definition können Kompetenzen verstanden werden als

die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können. (S. 27f.)

Kompetenzen sind damit zentrale Leistungs- und Handlungsvoraussetzungen (latente Dispositionen) und umfassen u.a. deklaratives Wissen (Wissen über einen bestimmten Gegenstandsbereich), prozedurale Fertigkeiten (etwas tun können) und die Bereitschaft, das Wissen und Können in bestimmten Handlungs- und Problemlösungssituationen auch in adäquater Form einzusetzen. Wichtig ist, dass das Wissen und die Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bereitschaften, soweit nicht bereits vorhanden, als prinzipiell erlernbar und kontextbezogen angesehen werden (vgl. auch Canz, 2015, Kap. 2; Fleischer, Koeppen, Kenk, Klieme & Leutner, 2013; Hartig & Klieme, 2006; Klieme et al., 2003, S. 21–24, 71–80; Klieme & Hartig, 2007; Krumm, Mertin & Dries, 2012; Schott & Azizi Ghanbari, 2012, Kap. 2). Dies steht im Gegensatz zum Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen (GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen), wo abweichend vom üblichen persönlichkeits- oder kognitionspsychologischen Sprachgebrauch auch (relativ) stabile und nicht auf spezifische Kontexte und Domänen bezogene Persönlichkeitsmerkmale wie Merkfähigkeit, Introversion und Intelligenz unter „Persönlichkeitsbezogene KompetenzKompetenz“ subsumiert werden (vgl. Europarat, 2001, S. 106f. sowie weiter unten Kapitel 5.5.1, Tabelle 1).

KompetenzKompetenz im Sinne eines komplexen hypothetischen Konstrukts bzw. eines nicht unmittelbar beobachtbaren latenten Merkmals darf damit auch nicht, wie es zuweilen der Fall ist, gleich gesetzt werden mit der in einem Test gezeigten Leistung. Zudem hängt die Testleistung über die zu messende Kompetenz hinaus stets noch von weiteren Faktoren ab (z.B. Vertrautheit mit dem Testformat, Testangst, Intelligenz). Die Leistung ist somit lediglich ein mehr oder minder reliabler und valider Indikator für die zu messende Kompetenz (siehe zur weiteren Begründung auch das Zitat aus Brindley, 2013 in Kapitel 5.1).

Die Definition von KompetenzKompetenz bei Weinert (2001) spiegelt ein relativ weites Verständnis von Kompetenzen wider, das auch motivationale, volitionale und soziale Einflüsse bei der Bewältigung von AufgabenAufgaben und der Lösung von Problemen berücksichtigt.1Kompetenz Im vorliegenden Band liegt – wie auch bei den Kompetenzmessungen im Rahmen der Überprüfung der länderübergreifenden fremdsprachlichen BildungsstandardsBildungsstandards – der Fokus auf den kognitiven Aspekten von Kompetenzen, ohne allerdings motivationale und affektive Faktoren als wichtige Bedingungsvariablen von Schreibleistungen aus der Diskussion auszuschließen.

5.3 Adressaten und Verwendungskontexte

Sprachtests werden stets für spezifische Gruppen von Adressaten, im Hinblick auf relevante zielsprachliche Verwendungskontexte sowie mit bestimmten Zielsetzungen entwickelt. Deshalb sind die Adressaten, die zielsprachlichen Verwendungskontexte und die mit dem Einsatz des Tests verbundenen Ziele bei der Definition des TestkonstruktsTestkonstrukt stets mit zu berücksichtigen (vgl. hierzu auch Kapitel 6 sowie ALTE, 2006, Modul 1; Mislevy & Risconscente, 2006; Mislevy & Yin, 2012). Entsprechend werden in den deutschen fremdsprachlichen BildungsstandardsBildungsstandards die geforderten Schreibkompetenzen auch mit Blick auf bestimmte Schulformen, Jahrgangsstufen und Verwendungskontexte beschrieben (vgl. Kapitel 5.7).

Ein wichtiges Merkmal ist in diesem Zusammenhang der Leistungsstand der jeweiligen Testteilnehmenden. So wird man in Gruppen mit einem niedrigen Stand der Schreibkompetenzen den Fokus eher auf die funktionale Verwendung von LexikLexik, GrammatikGrammatik und OrthografieOrthografie richten, in Gruppen mit einem hohen Stand dagegen stärker auch Merkmale wie KohärenzKohärenz/KohäsionKohäsion oder soziolinguistisch-pragmatische AngemessenheitAngemessenheit fokussieren (vgl. hierzu auch Kapitel 6, 7 und 8).

Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Adressaten bereits in der Beschreibung des TestkonstruktsTestkonstrukt notwendigerweise zu spezifizieren sind. Man kann das TestkonstruktTestkonstrukt durchaus auch ohne entsprechende Spezifizierungen beschreiben und die Adressaten dann in den TestspezifikationenTestspezifikation nennen. In Kapitel 5.9 findet man ein Beispiel für dieses Vorgehen.

Zur Ermittlung der im Hinblick auf die jeweiligen Testteilnehmenden, Verwendungskontexte und Zielsetzungen relevanten AufgabenAufgaben und Kompetenzen werden bei der Entwicklung professioneller Tests in der Regel empirische Bedarfsanalysen durchgeführt (vgl. zu Bedarfsanalysen Li, Yukin & Brindley, 2013; Long, 2005). So wurde für den neuen TOEFL iBT ermittelt, welche SchreibaktivitätenSchreibaktivitäten und Kompetenzen besonders relevant in Bezug auf den Studienerfolg an englischsprachigen Universitäten sind (vgl. Jamieson, Eignor, Grabe & Kunnan, 2008, S. 84–86).

Entwickeln Lehrkräfte PrüfungsaufgabenAufgabenPrüfungsaufgaben für ihren jeweiligen Unterrichtskontext, beziehen sie sich dabei eher auf curriculareCurricula Vorgaben und/oder die verwendeten LehrwerkeLehrwerke. Sie sollten sich aber dennoch stets fragen, ob die Schreibaufgaben altersadäquat sind, aktuelle oder auch zukünftige Verwendungskontexte der Lernenden repräsentieren, zentrale Kompetenzen erfassen sowie dem Ziel der Testung (z.B. NotengebungBenotung, spezifische DiagnostikDiagnose) angemessen sind.

Die Notwendigkeit einer vorgängigen Klärung entsprechender Fragen wird auch im GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen immer wieder angesprochen. So weisen die Autoren im Kapitel 4 „Sprachverwendung, Sprachverwendende und Sprachenlernende“ darauf hin, dass sich die Benutzerinnen und Benutzer des Referenzrahmens in Hinblick auf die zukünftigen Verwendungskontexte u.a. folgende Fragen stellen sollten (Europarat, 2001, S. 51f.):

 Kann ich vorhersagen, in welchen Lebensbereichen (Domänen) die Lernenden agieren werden und welchen Situationen sie gerecht werden müssen? Wenn ja, welche Rollen müssen sie in diesen Lebensbereichen und Situationen übernehmen?

 Mit welcher Art von Menschen werden sie zu tun haben?

 Was werden ihre persönlichen oder beruflichen Beziehungen sein, und in welchem institutionellen Rahmen werden sie stattfinden? …

 Welche AufgabenAufgaben werden sie zu bewältigen haben?

 Mit welchen ThemenThemen werden sie umgehen müssen? …

 Unter welchen Bedingungen werden sie handeln müssen?

 Welches Weltwissen oder welches Wissen über eine andere Kultur werden sie nutzen müssen? …

Weiterhin weisen die Autoren des GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen im selben Kapitel darauf hin, dass die Benutzer des Referenzrahmens bedenken und, soweit sinnvoll, angeben sollten,

 zu welchen Zwecken die Lernenden welche SchreibaktivitätenSchreibaktivitäten ausführen müssen … (S. 68);

 an welchen Arten von kommunikativer Interaktion die Lernenden teilnehmen müssen … (S. 87);

 welche Rollen Lernende in der Interaktion übernehmen müssen … (S. 87)

Schließlich werden im Kapitel 5 des GERGemeinsamer europäischer Referenzrahmen die Benutzer des Referenzrahmens aufgefordert, die Kompetenzen zu spezifizieren, die notwendig sind, um die „in kommunikativen Situationen erforderlichen AufgabenAufgaben und Aktivitäten auszuführen“ (Europarat, 2001, S. 103).

5.4 Definition des TestkonstruktsTestkonstrukt: grundlegende Aspekte

Je nach TestkonstruktTestkonstrukt können TestaufgabenAufgabenTestaufgaben und BewertungskriterienBeurteilungskriterien sehr unterschiedliche Aspekte von SchreibaktivitätenSchreibaktivitäten und Schreibkompetenzen fokussieren. So kann man mit einer Schreibaufgabe versuchen herauszufinden, inwieweit die Lernenden in der Lage sind,

 orthografischOrthografie korrekt zu schreiben;

 vorgegebene Formulare, die in ihrer Lebenswelt häufig vorkommen (z.B. Anmeldeformulare), auszufüllen;

 (komplexe) InhalteInhalt in Übereinstimmung mit einer bestimmten Kommunikationsabsicht adressatenspezifisch zu formulieren (z.B. eine E-Mail);

 auf der Basis von vorgegebenen Bildern oder verbalen Stimuli einen einfachen Blog zu verfassen;

 anhand von Vorgaben (z.B. einer Grafik, Bildsequenzen) einen beschreibenden Text zu verfassen;

 auf der Basis von Informationen aus unterschiedlichen Quellen (z.B. Vortrag und Input-Text zum selben ThemaThemen) einen kohärenten argumentativen Text zu verfassen (vgl. auch Kapitel 7.2.3).

Bei der Definition des TestkonstruktsTestkonstrukt spielen theoretische Überlegungen und empirische Befunde, aber auch kontext- und kulturabhängige Vorstellungen von Schreibqualität eine wichtige Rolle. Außerdem können sich Beschreibungen ein und desselben TestkonstruktsTestkonstrukt je nach Adressat und Zielsetzung erheblich im Hinblick auf Umfang, Komplexität oder auch Verwendung von Fachterminologie unterscheiden. Soll die Definition des TestkonstruktsTestkonstrukt der AufgabenentwicklungAufgabenentwicklung durch professionelle Aufgabenerstellerinnen und Aufgabenersteller dienen, dann sollte die Beschreibung relativ detailliert sein. Zudem kann sie zur Erhöhung der Präzision auch Fachterminologie enthalten. Soll dagegen (jüngeren) Testteilnehmenden oder auch praxisorientierten Testnutzenden lediglich ein ungefährer Eindruck vermittelt werden, was mit Hilfe der Prüfung gemessen werden soll, dann ist die Beschreibung des TestkonstruktsTestkonstrukt eher kurz und einfach zu gestalten.

Es lassen sich eine Reihe von spezifischen Ansätzen der Konstruktdefinition unterscheiden, die wiederum zur Unterscheidung von Typen der Evaluation sprachlicher Fähigkeiten und Wissensbestände genutzt werden können (vgl. Bachman, 2007; Bachman & Palmer, 2010, S. 209–241; Chalhoub-Deville, 2003; Chapelle, 1998; Deville & Chalhoub-Deville, 2006; Purpura, 2016, S. 193–198). Grundlegend ist in diesem Zusammenhang die von Chapelle (1998) unter Bezug u.a. auf Messick (1981, 1989) und Bachman (1990) getroffene Differenzierung zwischen verhaltenszentriertenAnsatzverhaltenszentriert, traitzentriertenAnsatztraitzentriert und interaktionalen AnsätzenAnsatzinteraktional.1 Im Folgenden werde ich auf die drei genannten Ansätze näher eingehen – mit einem Schwerpunkt auf dem interaktionalen Ansatz. Außerdem werde ich einen weiteren, von mir als „interaktionistischAnsatzinteraktionistisch“ bezeichneten Ansatz kurz beschreiben.

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