Kitabı oxu: «Textland - Made in Germany. Erzählungen, Essays und Gedichte»

Şrift:



1 Herausgegeben von Riccarda Gleichauf mit Fotografien von Alexander Paul Englert


Ein Projekt der Faust Kultur StiftungKULTUR STIFTUNG

www.faustkulturstiftung.de

Mit freundlicher Unterstütung von: Kulturfonds Frankfurt RheinMain | Stiftung Polytechnische Gesellschaft | Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main


1. Auflage 2018

© Edition Faust, Frankfurt am Main 2018

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar.

www.editionfaust.de

Lektorat: Regine Strotbek

Gestaltung: Bayerl & Ost

Illustration: „Textbilder“ von Alexander Paul Englert © Alexander Paul Englert 2018

Druck: druckhaus köthen, Köthen (Anhalt)

Printed in Germany

ISBN 978-3-945400-59-3

eISBN 978-3-945400-60-9

www.textland-online.de

VORWORT

Eine Buchhandlung in einer Kleinstadt Ende der 1990er Jahre. Mit Mühe habe ich mir einen Platz in dem dazugehörigen Café ergattern können, in dem der noch unbekannte Autor Feridun Zaimoglu aus seinem Buch Kanak Sprak lesen würde. Eben hatte ich mir in einem Battle-Rap-Forum im Internet unter männlichem Pseudonym den Ärger über meine weiblich-unterdrückte Existenz in möglichst poetisch klingenden Versen von der Seele geschrieben. Hatte versucht, mein Gegenüber mit den fiesesten Reimen zu disqualifizieren. Nun saß ich eingezwängt zwischen Akademikerinnen und Akademikern aus „meiner“ deutschen Bildungsbürgerschicht und lauschte gebannt einem nicht enden wollenden Wortschwall, einem Hakan, 22, Kfz-Geselle, der sich den Frust über die Zustände in seinem Milieu genauso aus dem Körper sprechen musste, wie ich es vor ein paar Stunden noch getan hatte.

Die halbfiktiven Interviews, die Zaimoglu vorlas, erschienen fremd und gleichzeitig vertraut, erzählten von einer anderen Welt, die doch in meiner existierte, und wirkten ein auf mein bis dahin „biodeutsches“ Bewusstsein, das fortan kein solches mehr war.

Die Frage, ob das auch „deutsche Literatur“ sei, stellte sich mir damals nicht. Diese Texte sprachen mich an und stießen mich in ihrer ungewohnt derben Poesie ab, doch gerade deswegen weckten sie verstärkt mein Interesse.

„Das Fremde ist etwas, das sich zeigt, indem es sich entzieht“, so der Phänomenologe Bernhard Waldenfels, dessen Beobachtung ich Jahre später in einem der wenigen Germanistikseminare an der Frankfurter Goethe-Universität kennenlernte, die sich mit deutschen Autorinnen und Autoren beschäftigten, die nicht Goethe oder Schiller hießen, sondern zum Beispiel Yoko Tawada und Emine Sevgi Özdamar. Anspruchsvolle Literatur galt immer schon als ein Medium für Grenzüberschreitungen. Doch nun war damit vor allem der Begriff „Transkulturalität“ gemeint, der im Jahr 2009, nach der Literaturnobelpreisvergabe an Herta Müller, deutsche Schriftstellerin aus dem rumänischen Banat, in der Forschung vermehrt Beachtung fand.

Doch wie facettenreich ist die vom kulturellen und sprachlichen Reservoir mehrerer Kulturen geprägte deutsche Literatur aktuell eigentlich wirklich? Begleitend zum Literaturprojekt „TEXTLAND – Made in Germany“ erscheint mit diesem ersten Sammelband eine Auswahl an Stimmen, die in Form von Essays, Gedichten und Erzählungen Denkräume eröffnen, die in ihrer literarischen Fiktionalität vor allem starke gesellschaftspolitische Akzente setzen.

Hannah Arendt stellte in ihrer Vita Activa fest: „Eine gemeinsame Welt verschwindet, wenn sie nur noch unter einem Aspekt gesehen wird; sie existiert überhaupt nur in der Vielfalt ihrer Perspektiven.“ Genau das möchte TEXTLAND sein: ein öffentlicher Handlungsraum im Sinne der Philosophin, in dem die Vielfältigkeit der heutigen deutschen Literatur „in Erscheinung treten“ kann, um zu wirken.

Riccarda Gleichauf


INHALT

Sudabeh Mohafez: Schrille Töne auf engen Bühnen

Marjana Gaponenko: Die Schmuckeremitin

Doron Rabinovici: Wenn du’s nicht weißt

Karosh Taha: Wenn Saddam zurücklächelt

Max Czollek: Nachrichten aus Marathon

Abbas Khider: Stumm und starr vor Angst

Shirin Kumm: Identitätssuche

Lena Gorelik: Was ist Heimat?

Sandra Gugić: Billy Bana, 1999

Sharon Dodua Otoo: neun

Arta Ramadani: Kleine Stadt, große Sorgen

Aleš Šteger: Schnurrbärte

Alexandru Bulucz: Der Ausländer seine Rose ihr Stein

Hadija Haruna-Oelker: Essay

Paul-Henri Campbell: re:aktor poems i-iii

Feridun Zaimoglu: Den Fremdländer kannst du nimmer aus der Fresse wischen

Jamal Tuschick: Orgasmen im mikrokosmischen Orbit

Safiye Can: „Pianissimo“-Gedichte

Quellen


Essay

Sudabeh Mohafez
Schrille Töne auf engen Bühnen

Versuch über ein wirkmächtiges Phantom


Foto: Markus Kirchgessner

SUDABEH MOHAFEZ (*1963 in Teheran). Stationen in Berlin, Lissabon, Stuttgart und im Schwäbischen Wald. Schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Lyrik, Theaterstücke. Arbeitete als Lektorin, Übersetzerin (Englisch, Persisch, Portugiesisch) und Leiterin von Schreibwerkstätten. 2006 erhielt sie den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis. 2017 erschien ihr Erzählband Behalte den Flug im Gedächtnis in der Edition AZUR.

Zunächst war da nur die Bitte um einen Essay zu „mehrsprachiger Literatur“. Ich war angetan, sagte bedenkenlos zu und zupfte sofort Barbara Köhlers neuen Band 42 Ansichten zu Warten auf den Fluss aus dem Regal. In ihm finden sich Passagen wie die folgende:

„Wir werden uns erinnern, werden übersetzen, über den Fluss werden wir sprechen am Kanal, mit Blick auf Sonnenuntergänge und den grünen Saum des Horizonts oder das stille Gewässer da unten im Tal und das Licht auf den Bäumen, Schatten, die wachsen, die am Abend aus der Senke heraufstiegen: It was summer, zomer, der Sommer 2016 und Marja Zomer, die fürs Essen und Trinken sorgte, Wirtin war, Wartin, waitress, waardin en gastvrow (eins dieser Wörter wird auf der zweiten Silbe betont und nennt einen Ort in der Uckermark), Marja kam aus der Küche, lachte, brachte Essen.“

Dazu legte ich nach den narkosen von Paul-Henri Campbell. Ein Buch, in dem einsprachig englische Gedichte neben anderen stehen, die auf Deutsch geschrieben sind. Diese Arbeiten sind im Band kombiniert mit solchen, in denen beide Sprachen gleichzeitig verwendet und teilweise noch um außersprachliche Zeichen ergänzt werden. Natürlich durfte Uljana Wolfs meine schönste lengevitch auf dem Wiederlesestapel zum Essay nicht fehlen: ein Verbarium aus weitgereisten Worten, Aussprachen, Deutungen und Bedeutungen, das sich um die Illusion von Sprachgrenzen nicht schert, sondern, ganz im Hier und Jetzt ihrer Zeit und Geografie verwurzelt, die Wirklichkeit lebendiger Sprech-Welten abbildet. Ein Werk, das Wort- und Sprach-Räume eröffnet, auslotet, ihre Potentiale weiterspinnt, sie in Dichtung verwebt und gleichzeitig die Spuren ihrer etymologischen Transformationen aufleuchten lässt. Schließlich folgten Daniela Seels was weißt du schon von prärie und Ulf Stolterfohts Neu-Jerusalem, beides Arbeiten, in denen die Verschränkung mehrerer Sprachen und unterschiedlicher Sprachebenen zu dicht komponierten Texten Teil der zugrundeliegenden Poetik ist.

Ganz oben auf den Stapel aber kamen, wie könnte es anders sein bei diesem Thema?, gleich mehrere Bücher jenes Sohns eines Baukalkulators, der zunächst auf Englisch schrieb, später meist auf Französisch, der eigene Originale in die jeweils andere Sprache übertrug und sie dabei nach Bedarf anpasste, kürzte oder erweiterte, während seine Ausdrucksweise in beiden Sprachen angereichert blieb „mit einer starken Dosis irischen Narrentums und obskurem Trübsinn“ – so George Steiner in seinem Essay „Von Nuancen und Skrupeln“. Samuel Beckett ist nicht nur der Vertreter schlechthin der „mehrsprachigen Literatur“, sondern auch eines durch und durch von ihr geprägten Literaturverständnisses, ja einer bewusst aus mehreren Sprachen sich nährenden literarischen Musikalität, Rhythmizität.

So weit, so gut. Eine Reihe der für mich wichtigsten Autoren und Autorinnen zum Thema saß gewissermaßen neben mir auf dem Sofa, der Stift war gespitzt, das Heft aufgeschlagen, da machte sich mein Rechner mit einem Klingelton bemerkbar. In einer E-Mail wurde der Essay-Auftrag unerwartet konkretisiert:

Ich solle bitte insbesondere auf Gäste der Lesereihe Europa|Morgen|Land eingehen. Dazu gab es den Link zu einem Wikipedia-Artikel über diese bereits seit 18 Jahren regelmäßig in Mannheim stattfindende Veranstaltung, samt einer Namensliste aller an ihr beteiligten Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Ich ließ den Stift sinken: Von den auf meinem Sofa versammelten Kollegen und Kolleginnen fand sich niemand auf der Liste. Stattdessen, das fiel schnell ins Auge, wies sie eine weitgehende Übereinstimmung mit Künstlern und Künstlerinnen auf, die mit dem Adelbert-von-Chamisso- und/oder dem Hohenemser Literaturpreis ausgezeichnet worden waren. Unter diesen findet sich allerdings, von raren Ausnahmen wie Yoko Tawada abgesehen, kaum jemand, deren Werk oder dessen Texte sich in zentraler Weise durch eine Poetik der Mehrsprachigkeit oder der Verwendung von mehr als nur einer Sprache kennzeichnen.

Mit dem Label „mehrsprachige Literatur“ in meinem Auftrag war offensichtlich etwas anderes gemeint als das, was ich darunter verstand. Bei der Durchsicht der Vergaberichtlinien und Definitionen sowohl der beiden genannten Preise als auch der Lesereihe erschließt sich das Gemeinte schnell. Im Fokus stehen nicht mehrsprachige Texte, sondern mehrsprachige Menschen, die deutsche Literatur verfassen. Konkreter: solche mehrsprachige Menschen, die „nichtdeutscher Sprachherkunft“ sind (Wikipedia-Eintrag zum Adelbert-von-Chamisso-Preis), „deren Werk von einem Kulturwechsel geprägt ist“ (Robert Bosch Stiftung), die „nichtdeutscher Muttersprache sind“ (Hohenemser Literaturpreis) und die „auf qualitativ besondere Weise die deutsche Sprache bereichern, obwohl oder vielleicht auch weil Deutsch nicht ihre erste Sprache ist“ (Wikipedia-Eintrag zu Europa| Morgen|Land).

Selbst mehrfach Gast der genannten Lesereihe und ausgezeichnet mit dem Chamisso-Förderpreis, beschäftigen mich bereits seit vielen Jahren die Rückwirkungen, die solche Zuordnungen, Zuschreibungen, Annahmen auf die dergestalt Hervorgehobenen, Geförderten, Ausgezeichneten wenn auch nicht zwangsläufig haben, so doch durchaus haben können und nicht selten tatsächlich haben. Wer meine Bücher kennt, weiß, dass meine literarische Sprache das Deutsche ist. Ungeachtet dieser Tatsache wird mein schriftstellerisches Schaffen in weiten Teilen der Rezeption der „mehrsprachigen Literatur“ subsumiert.

Offen gestanden: mir schmeichelt das. Mit Mehrsprachigkeit assoziiert zu werden, ist so gut wie immer positiv besetzt. Das Prädikat deutet, wenn auch eher diffus, auf Weltgewandtheit hin, auf Lebenserfahrung, auf so etwas wie einen weiten geistigen Horizont. Wem gefiele das nicht? Und im Falle meiner Biografie ist zumindest der schlichte Umstand der Mehrsprachigkeit ja auch durchaus zutreffend, bin ich doch in drei Sprachen aufgewachsen und lebe inzwischen noch in zwei weiteren.

Inwieweit aber kann aus diesem biografischen Detail auf eine literarische Strategie, Absicht, Vorgehensweise, gar Qualität geschlossen werden, wie wir sie in den auf meinem Sofa gestapelten Arbeiten finden? Eine solche künstlerische Technik müsste, um in welcher Art Diskurs auch immer als relevant angesehen zu werden, entlang der Analyse konkreter Texte und am besten eines ganzen Œuvres aufzeigbar sein. Eine mehrsprachige Biografie allein liefert solch einen Nachweis keineswegs.

Während mir also mein Ruf als mehrsprachige Schriftstellerin durchaus nicht unangenehm ist, irritiert mich die anhaltende Einordnung meiner Werke als „mehrsprachige Literatur“ nachhaltig. Unter meinen Texten findet sich de facto keiner, den ich selbst als mehrsprachig bezeichnen würde. Warum also wird mein so im Deutschen verwurzeltes Schreiben immer wieder von Veranstaltern, Journalistinnen und Moderatoren dieser Kategorie, Subkategorie, Gattung zugeordnet? Und was geschieht, wenn das geschieht? Welche Effekte hat es auf die Art und Weise, in der ich als Autorin wahrgenommen und gelesen werde?

In einer Rezension zu meinem zweiten Buch und ersten Roman, Gespräch in Meeresnähe, kritisiert Christina Maria Berr in der Süddeutschen Zeitung: „Märchenhaft, orientalisch und bilderreich, so hofft man, könnte die Sprache der iranisch-deutschen Autorin sein – doch sie ist es nicht.“ (Besprechung vom 13.2.2006) Nicht der Roman selbst oder die Themen, um die er kreist, nämlich häusliche Gewalt und transgenerationelle Traumaweitergabe in Deutschland, sondern die iranisch-deutsche Herkunft der Autorin (was auch immer das genau meint) scheint bei Frau Berr eine spezifische Erwartungshaltung evoziert und eine klare Einordnung verursacht zu haben. Von einer „iranisch-deutschen Autorin“ wünscht sie sich eine Sprache, die von märchenhaftem Bilderreichtum geprägt ist. Diesen wiederum hält sie für orientalisch und für literarisch hochkarätig. Mir als zeitgenössische, deutscher Autorin lassen solche Sätze die Haare gründlich zu Berge stehen – und das ganz abgesehen von den Exotismen, die hier bemüht werden.

Näher an meiner Wirklichkeit war nach einer Lesung in Coburg eine Dame, die mich warnend bat, ihre Wortmeldung nicht persönlich zu nehmen. Ich müsse ihre tiefe Enttäuschung aber bitte verstehen. Ich sei als iranische Autorin angekündigt worden. Sie habe einen Roman über den Iran erwartet. Was ich da nun aber eben gerade vorgelesen hätte, sei doch „nichts weiter als deutsche Literatur von heute“. Mit dieser Einschätzung war ihr meine vehemente Zustimmung sicher.

Die Enttäuschung, für die mit mir nicht abgesprochene Ankündigung verantwortlich war – denn ich selbst bezeichne mich nicht als iranisch-deutsche und erst recht nicht als iranische Autorin –, die Enttäuschung also, die ich gut nachempfinden kann, zielte allerdings ebenfalls auf die Biografie. Auch hier zeigte sich eine klare Erwartungshaltung, der gemäß eine „iranische Autorin“ in ihrem Werk Einblicke in den Iran zu vermitteln habe. Wieder kein literarisches Kriterium. Saša Stanišić sagt dazu in einem Essay, der mir nur in einer englischen Fassung vorliegt:

„Any ‚good‘ author should, at any time, be able to write ‚good‘ fiction about a child suffering from cancer, a dog with three legs, or a dogleg telling a story about an immigrant author … Writing fiction also means inventing worlds which are not part of the writer’s own world.“

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass für mich Themen, die außerhalb des Konnotationsfeldes ‚Iran‘ angesiedelt sind, fremd seien. Aber die Coburger Dame, die so gern etwas über den Iran erfahren hätte, hat es mir, wie viele andere Zuhörer und Leserinnen, von denen ich im Laufe der Jahre Vergleichbares gehört habe, übel genommen, dass ich ihr mit dem Buch, aus dem ich an jenem Abend las – es war mein zweiter Roman, brennt – nicht dienen konnte. Für das literarische Anliegen, das ich in diesem Text verfolge, und die von mir in ihm erschaffene Welt interessierte sie sich vor, während und nach der Lesung nicht. Eine unschöne Rückkopplung war die Folge – für uns beide.

Bei diesem elektrotechnischen Effekt handelt es sich um die „Rückführung eines Teils der von einer Verstärkeranlage abgegebenen Energie auf die Anlage selbst, die“, wie der Duden in Klammern hinzufügt, „in einem angeschlossenen Lautsprecher einen schrillen Ton erzeugen kann“. Wir sprechen also von einem (teilweise) geschlossenen System, das durch die Anordnung einzelner Teile im Raum unter Umständen Störgeräusche produziert.

Welche Art von Sound, um nun gleichzeitig im Bild zu bleiben und wieder zu meinen Fragen zurückzukommen, erzeugen wir, wenn wir die Arbeit von Autorinnen, wie beispielsweise ich eine bin, als „mehrsprachig“ bezeichnen? Aus welchem Anliegen speist sich unsere Bereitschaft, jene Rückkopplungen in Kauf zu nehmen, die geschaffen werden, wenn meine Texte durch die Rezeption auf der Bühne der Literatur entsprechend positioniert werden? Wo genau auf dieser Bühne werden sie (und ich mit ihnen) platziert? Was wird zu nah an sie herangeschoben, was von ihnen entfernt? Wer richtet sie aus? Handelt es sich bei den auftretenden Rückkopplungen unter Umständen sogar um gewollte Effekte, wie zum Beispiel in der Rockmusik? Sind wir uns der vielfältigen Wirkungen bewusst, welche die Subsumierung eines Werks unter das Label der Mehrsprachigkeit haben kann, wenn diese Zuordnung aufgrund biografischer oder angenommener, zugewiesener, fantasierter, erwarteter biografischer Merkmale erfolgt? Welche Auswirkungen hat dies auf das Schreiben und die Rezeption zahlreicher durch Auszeichnungen wie den Hohenemser Literaturpreis oder den mittlerweile eingestellten Adelbert-von-Chamisso-Preis und durch Einladungen in Veranstaltungsformate wie Europa|Morgen|Land geehrter Autoren und Autorinnen? Wer begrüßt sie? Wer fürchtet sie? Und warum?

Es sind sehr viele und sehr unterschiedliche Wirkungen, von denen wir sprechen müssten. Einige würden wir uns vermutlich wünschen, andere, einmal bewusst gemacht, würde ein großer Teil sicher nicht befürworten. Auch dafür ein Beispiel aus der Praxis oder, wie es im Englischen so schön heißt: from the receiving end of the line:

Im Rahmen einer Ausstellung zum Thema „Frauenpower unter dem Tschador“ erhielt ich eine Leseanfrage. Erstaunt teilte ich mit, dass ich keinen Tschador trüge. Das sei, bekam ich zur Antwort, kein Problem (!), ich solle einfach aus meinem Buch lesen. Vorsichtig erkundigte ich mich, aus welchem meiner Bücher der Vortrag denn gewünscht sei. Das sei ganz egal, kam die Antwort ohne jedes Zögern. Aber keins meiner Bücher, warf ich ein, behandle in irgendeiner Weise das Thema. Jetzt stutzte der Herr am anderen Ende der Telefonleitung, und es stellte sich heraus, dass die Veranstalter meine Bücher samt und sonders nicht kannten. Mein Name, teilte er mir mit, habe auf einer Liste mehrsprachiger Autoren gestanden, auf der ich die einzige Iranerin (!) gewesen sei – ergo die Einladung. Welche Liste er zu Rate gezogen hatte, habe ich nicht überprüft. Es könnte gut diejenige im Wikipedia-Eintrag zur Europa|Morgen|Land-Lesereihe gewesen sein oder, wahrscheinlicher, einfach die Namensliste zum Chamisso-Preis.

Nun gibt es natürlich Autoren und Autorinnen, deren Literatur unter der Bezeichnung „mehrsprachig“ gehandelt wird und deren Bücher auf der Ebene der Handlung hauptsächlich in Ländern außerhalb Deutschlands angesiedelt sind oder sich mit Minderheitenerfahrungen innerhalb Deutschlands beschäftigen. Doch daraus lässt sich kein Automatismus ableiten, dem gemäß eine Deutsche mit persischem Namen zwangsläufig über den Iran schreibt oder über Erfahrungen von Iranern und Iranerinnen (!) in Deutschland.

Die Rede von der „mehrsprachigen Literatur“ kann für die Rezeption der betreffenden Autoren und Autorinnen sowie ihres Werks dann zur Gefahr werden, wenn sie nicht deutlich macht, dass sie Texte meint, nicht Biografien, und zwar auch dann weiterhin Texte meint, wenn in einem Buch von Verhältnissen oder Erfahrungen außerhalb Deutschlands berichtet wird. Will man einem literarischen Werk und seinen Verfassern und Verfasserinnen gerecht werden, muss es unabdinglich auf der Sprachebene beurteilt werden. Mitteilungen, Ankündigungen, Besprechungen, die diesen Aspekt ausklammern und in der Hauptsache auf eine womöglich „fremdländische“ Handlung oder die Biografie des Autors oder der Autorin fokussieren, laufen Gefahr, dazu beizutragen, dass mehrsprachige Schreibende, unabhängig davon, ob ihre Literaturen einem mehrsprachigen Interesse gewidmet sind oder nicht, (im doppelten Sinne) problematisch gelesen, stigmatisiert und zumindest für Exotismen benutzt und diesen ausgesetzt werden.

Dass eine saubere Trennung zwischen Biografie und Werk bei Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die mit mehreren Sprachen aufgewachsen sind, häufig gar nicht und noch häufiger zu Ungunsten des Werks vollzogen wird, zeigte sich zu Beginn meiner literarischen Karriere, als ich den Anruf von der Robert Bosch Stiftung erhielt. Ich wurde gefragt, ob ich den mir zuerkannten Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis annehmen wolle. Gleichzeitig wurde ich darüber informiert, dass es sich dabei um einen Preis handle, der an Deutsch schreibende Autoren und Autorinnen vergeben werde, deren Muttersprache nicht Deutsch sei. In späteren Jahren wurde diese Definition geändert, und so liest man heute auf der entsprechenden Seite, dass es um „das Werk“ gehe, welches von einem „Kulturwechsel“ geprägt sein solle. 2006 lagen diese Justierungen noch weit in der Zukunft.

„Ich schreibe, weil ich Sprachen und unter ihnen bevorzugt die deutsche unendlich gern modelliere.“

Die genannten Vorgaben treffen auf mich nicht zu. Ich habe zwei, eigentlich sogar drei erste Sprachen gehabt. Und unter ihnen war die deutsche jene, die vom Elternhaus am intensivsten gefördert wurde.

Aufrecht und, wie ich immer noch finde, wenn ich daran zurückdenke, geradezu tapfer schluckte ich meine Enttäuschung hinunter und wies darauf hin, dass Deutsch leider (!) meine Muttersprache sei. Ich war überzeugt, die Vergabe werde nun postwendend rückgängig gemacht. Stattdessen erhielt ich zu meiner bis heute anhaltenden Irritation die Antwort: „Ja, ja, das macht aber nichts. Sie sind mitgemeint.“

Warum war ich mitgemeint? Weil es doch nicht ums Schreiben jenseits der Muttersprache ging? War ich mitgemeint, weil es vielleicht doch zumindest auch um die Biografie ging? Um die Erfahrung eines Länder- oder Kulturwechsels? Der allerdings ist in meinem Fall im klassischen Sinne überhaupt nicht gegeben, denn ich bin in Teheran mit Weihnachten, Ostern, evangelischer Taufe, Thüringer Räuchermännchen und Europa-Schallplatten voller deutscher Volkslieder und Karl-May-Hörspielen aufgewachsen. War die Erfahrung jenes fünfstündigen Fluges mit regulär erworbenen Tickets gemeint, der mich eines Tages von Teheran nach Frankfurt am Main brachte? Die Erfahrung jenes Fluges, den meine 1935 in Berlin geborene Mutter, die bis zum Alter von zehn Jahren ungebrochen im Geiste des Nationalsozialismus und in fließendem Übergang mit den Vertreibungsnarrativen der Nachkriegszeit sozialisiert worden war, als ‚Flucht‘ bezeichnete, obwohl wir an seinem Ende, ohne auch nur ein einziges Formular ausfüllen zu müssen, in die Bundesrepublik Deutschland einreisen durften? Ging es um die Erfahrung, dass ich bereits am Morgen nach diesem Flug in einer deutschen Grundschule eingeschult werden konnte, nicht nur weil ich Staatsbürgerin dieses Landes bin, sondern weil Deutsch meine Muttersprache ist? War ich deshalb mitgemeint? Oder trotz dessen? Gar wegen beidem? Vor allem aber: Was hatten, was haben all diese Dinge mit Literatur zu tun?

Auch wenn diese Auszeichnung im Jahr 2006 und die mit ihr einhergehende weiterführende und wunderbar großzügige Förderung einen nicht unwesentlichen Einfluss hatten auf meinen anschließenden Weg als freie Schriftstellerin – das heißt als Schreibende, die es sich leisten kann, ganz von ihrer literarischen Arbeit zu leben –, verlässt mich das dumpfe Gefühl nicht, dass seither von meinem literarischen Schaffen ein Beitrag zur sogenannten Integration (wessen und worein?), ein Beitrag zur Öffnung des bundesrepublikanischen Selbstverständnisses (wohin exakt und welchen Selbstverständnisses genau?) und eine vorbildhafte Anreizfunktion zum ordentlichen Spracherwerb für Kinder und Jugendliche erwartet wird, deren Groß- oder Urgroßeltern einmal zum Arbeiten nach Deutschland kamen. Neuerdings selbstredend auch für Kinder und Jugendliche, die schwerst traumatisiert nicht nur aus dem syrischen Krieg und von grauenerregenden Fahrten übers Mittelmeer kommend in Deutschland Zuflucht suchen.

Ich aber schreibe, weil ich mich gern in Sprache aufhalte. Weil ich für mein Leben gern Luftschlösser aus Silben und Rhythmen und Fragen aufbaue, nur um sie schließlich begeistert und mit einem gezielten Einwortstreich niederzureißen. Ich schreibe, weil ich Sprachen und unter ihnen bevorzugt die deutsche unendlich gern modelliere. Ich schreibe, weil ich es liebe, genau das zu sagen, was ich meine, und vorher so lange darüber nachzudenken, bis ich wirklich präzise verstanden habe, was ich meine. Ich schreibe, weil mir das Schreiben selbst ein beglückender Aufenthaltsort ist und weil es meine Art ist, von dieser Welt zu sein und an ihr teilzuhaben.

Hätte ich eine Botschaft oder wäre es meine Absicht, Jugendlichen ein Vorbild oder Kindern eine Unterstützung zu sein, ich wäre Politikerin geworden, Gewerkschafterin, Aktivistin oder schlicht in meinem Erstberuf der Pädagogik geblieben. Ich habe keine Botschaft. Ich habe keine Antworten. Weder eigne ich mich dazu, die Verantwortung eines Vorbilds zu tragen, noch habe ich um sie gebeten.

Dass ich mehrsprachig lebe in einer Zeit, in der Rassismus, Antisemitismus und all die anderen altbekannten Abwertungs- und Ausgrenzungsverfahren in Deutschland wieder besorgniserregend zunehmen und wieder erschreckend hoffähig geworden sind, ist Zufall. Dass ich gegen diese Tendenzen die Stimme erhebe, ist meine persönliche Haltung. Wenn es um mein Schreiben geht, wünsche ich mir aber, wie vermutlich alle Literaturschaffenden, dass es seiner literarischen Qualität halber gelesen, gelobt oder gescholten wird, nicht aufgrund einzelner – zutreffender oder fantasierter – Aspekte meiner Biografie. „Die Wahrheit ist, daß ich schreibe, um mich auszudrücken. Ich schreibe für mich. Die Gesellschaft ist nicht mein Dienstherr. Ich bin nicht ihr Priester oder auch nur Schulmeister.“ Besser als Max Frisch kann ich es gar nicht auf den Punkt bringen. Welche als deutsch wahrgenommene Autorin müsste darauf heutzutage noch hinweisen, gar um das Recht darauf kämpfen?

Entgegen meinem eigenen Standpunkt wahrgenommen als eine, die sich literarisch zu Fragen der Migration und der sogenannten Integration äußern kann und möchte, wurden aber von dem Moment an, in dem ich als Schriftstellerin in Erscheinung trat, Auftragsarbeiten zu genau diesen Themenkomplexen an mich herangetragen. Auftragsarbeiten, für die ich gut bezahlt wurde. So ist ein ganzes Korpus aus Texten entstanden, die ich meinem eigenen literarischen Interesse folgend vermutlich niemals verfasst hätte. Im Laufe der Jahre sind es so viele geworden, dass sie seit Kurzem als eigenständiger Erzählband vorliegen. Es sind gute Texte. Texte, zu denen ich mühelos stehen kann und die ich mag. Texte, deren Niederschrift mich abgehalten hat von jenen literarischen Projekten, die mich mit größerer Dringlichkeit umtreiben, für die ich aber keine Aufträge erhalten habe.

Da ist er wieder, der schrille Ton der Rückkopplung. Die allermeisten meiner Versuche, auf der Bühne der Literatur im deutschsprachigen Raum ein Eckchen zu finden, in dem die Techniker und Produzentinnen den Verstärker nicht ganz so nah an mich heranschieben können, waren bis jetzt vergeblich. Es scheint, als sei ich in einer Möbiusschleife gefangen, in einem System ohne Ausgang, einem Hamsterrad, in dem ich mich nur so bewegen kann, dass von all dem Vielen, das ich bin, nur Weniges und immer Gleiches sichtbar wird.

Irina Bondas spricht von der „großen emanzipatorischen Freiheit … [die] es ist, sich nicht zwanghaft identifizieren zu müssen.“ „Auch das“, sagt sie, „ist es, wofür Menschen in mehr oder weniger freiheitlichen Gesellschaften kämpfen: … für das Recht, nicht Geisel einer Position oder Positionierung zu werden.“ Ihre Sätze im Ohr, sage ich:

Ja, ich singe gern ein Hohes Lied auf mehrsprachige Literatur von Schreibenden egal welcher biografischer Provenienz, sofern dieses Label auf unsere Texte zielt, nicht auf unsere Biografien, und solange es uns nicht in unsere Fremde verweist und in unseren Heimaten verwaist.

Literatur

Bondas, Irina: „Wir sind andere“. Unveröffentlichte Keynote für das Parataxe Symposium OSTPOL BERLIN am 23.11.2017 am Literarischen Colloquium Berlin

Campbell, Paul-Henri: nach den narkosen. Heidelberg 2017

Frisch, Max: Montauk. Frankfurt am Main 1975, S. 29.

Köhler, Barbara: 42 Ansichten zu Warten auf den Fluss. Wien 2017, S. 64.

Mohafez, Sudabeh: Gespräch in Meeresnähe. Hamburg/Zürich 2005

dies.: brennt. Köln 2010

dies.: Behalte den Flug im Gedächtnis. Dresden 2017

Seel, Daniela: was weißt du schon von prärie?, Berlin 2015

Saša Stanišić: „Three Myths of Immigrant Writing. A View from Germany“.

Words without Borders Magazine 2008

Steiner, George: „Von Nuancen und Skrupeln“. In: ders.: Im Raum der Stille: Lektüren. Berlin 2011, S 199.

Stolterfoht, Ulf: Neu-Jerusalem. Berlin 2015

Wolf, Uljana: „meine schönste lengevitch“. Berlin 2013


Dramolett in einem Akt

Marjana Gaponenko

Foto: Ekko von Schwichow

MARJANA GAPONENKO (*1981 in Odessa). Studium der Germanistik in Odessa, lebt heute in Mainz und Wien. Für den Roman Wer ist Martha? (Suhrkamp Verlag) wurde sie mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet. Im September 2018 erschien ihr Roman Der Dorfgescheite bei C. H. Beck.

Irgendwo in Europa. Eine antikisierte Gartenlaube in der Mitte der Bühne. Rundherum Blumenbeete, allerlei Pflanzen.

FREIFRAU VON SWIPSMALHEUR: (mit dem Gesicht zum Publikum) Meine Damen, ich heiße Sie willkommen. Ihre Aufgeschlossenheit dem heiklen Thema unseres heutigen Kulturabends gegenüber spricht für Ihre menschliche Größe. Viele von Ihnen werden so wie ich Herrin eines prächtigen Gartens sein und vielleicht auch einen Garteneremiten haben. Den Anblick unserer sinnierenden und so herrlich weltentrückten Streuner wollten schon unsere Vorfahren nicht missen. Haben Sie aber jemals darüber nachgedacht, woher diese Sitte kommt? Sie hat ihren Ursprung im fernen 18. Jahrhundert in einem Land, das den wenigsten von Ihnen etwas sagen wird. England. (Raunen) Völlig richtig, untergegangen. Es ist total bedauerlich, doch so ist der Lauf der Geschichte. Kontinente verschwinden unter Wasser, Wüsten wandern kreuz und quer über das Angesicht der Erde. Was ist von Dauer, möchte man wissen. Es ist die Tradition, meine Damen. Eine solche Tradition möchte ich Ihnen heute in ihrem natürlichen Habitat vorführen und zu Wort kommen lassen. Meine Garteneremitin hat auf meine Bitte hin einen Vortrag vorbereitet. Sie gehört zu den ältesten noch lebenden Ureuropäern, darauf bin ich mächtig stolz. Natürlich hätte ich damals, als wir mit dem Gedanken spielten, unseren Garten zu verschönern, etwas Moderneres anschaffen können. Doch Sie kennen mich und müssen wissen, dass ich einen Hang zum Morbiden habe. Und so ist meine Wahl auf Maria gefallen. (Dreht sich um) Ist die Maria fertig?

STIMME HINTER DER BÜHNE: Sie wartet, Madame.

FREIFRAU VON SWIPSMALHEUR: Bitte, Maria, zeige dich der Gesellschaft. (Eine Frau in Lumpen und mit grauem zerzaustem Haar betritt mit einem Buch unter dem Arm die Bühne)

DIE DAMEN: Boah. Und das ohne Vorwarnung.

FREIFRAU VON SWIPSMALHEUR: Marias Anblick mag weh tun, doch sie ist ein Mensch wie Sie und ich, wenn auch nicht optimiert. So wie Maria hat man noch vor hundert Jahren ausgesehen, denn es gab kaum anständige Mittel, etwas gegen den Verfall zu unternehmen. Es war eine hässliche Zeit, meine Damen. Es muss bis zum Himmel gestunken haben. Total disaster. Das Erstaunliche an Maria ist, dass sie eine alte Kunstfertigkeit pflegt, geschätzte Freundinnen. Nämlich das Lesen.

DIE DAMEN: Au-a. Voll die Steinzeit.

FREIFRAU VON SWIPSMALHEUR: Es ist ein teures Vergnügen, doch was tut man nicht für seinen Eremiten, nicht wahr. Einmal im Jahr schicke ich meinen Laufburschen auf Auktionen, damit er Bücher ersteigert. Maria liest diese Papierdinger, es sind Buchstaben drin, so Zeichen, die zusammen Sinn ergeben. Schwierig, schwierig, aber ich brauche hier niemandem zu erklären, wie das funktioniert. Als gebildeter Mensch kann man sich das vorstellen. Das Zeitalter vor der Imagination ist Marias geistige Heimat – darüber wird sie heute zu uns sprechen. Liebe Maria, wir sind ganz Ohr. Meine Damen, muntern wir Maria auf, sie ist, wie es sich für einen Eremiten gehört, sehr schüchtern.

DIE DAMEN: (klatschen)

MARIA: (schaut verwirrt ins Publikum)

FREIFRAU VON SWIPSMALHEUR: Scheu wie ein, wie heißt das ausgestorbene Tier? Hund? Eh, egal. Wir haben Jahre gewartet, bis Maria gesprochen hat. Eines Tages war es dann so weit, und sie hat meinen Mann und mich mit einer flammenden Rede zum Thema Wasser auf dem Mond erfreut.

DIE DAMEN: Voll old school.

FREIFRAU VON SWIPSMALHEUR: Ich werde es nie vergessen, ihr erstes Wort war „Grüß Gott“. Grüß Gott, ich meine, hallo? Da hatten wir Gänsehaut.

DIE DAMEN: Klingt wie eine Drohung, wie: Ich mache dich kalt.

MARIA: Grüß Gott.

DIE DAMEN: Boah, voll der Flaschengeist, die Stimme!

MARIA: Geschätzte Vertreterinnen des Adels, ich heiße Maria Gaponius und bin 119 Jahre alt.

DIE DAMEN: Toll, toll.

MARIA: Wenn ich nicht Buch führen würde, wüsste ich das nicht. Buch führen, Buch lesen, Buch schreiben. Das sind die Tätigkeiten meiner Zeit. Wenn ich die Augen schließe und die Erinnerung an ein Ereignis herauskrame, das von Bedeutung für mein späteres Leben sein sollte, so sehe ich mich selbst über einem Kinderbuch gebeugt bei meinem ersten gelungenen Leseversuch.

DIE DAMEN: (lachen)

MARIA: Ich blättere mein Gedächtnis weiter durch und sehe lauter Bücher vor mir, Säulen von Büchern, Regale voller Bücher, Büchervitrinen und Bücherhallen. Ich sehe Menschen, die stundenlang still sitzen und schmunzelnd lesen, in der Bahn, im Café oder im Grünen, als es noch überall reichlich vertreten und frei zugänglich war. Diese seelenvollen Gesichter der Lesenden. Jeder für sich und mit den anderen vereint. Meine Zeitgenossen. Wie es bei uns zuging, können Sie sich vorstellen. Als Meisterinnen der Vorstellungskraft fällt es Ihnen sicher nicht schwer. Es wird Ihnen jedoch unmöglich sein, den Spaß nachzuempfinden, den wir hatten, den Gewinn, den wir aus den unsichtbaren Bücherwelten zogen. Um sich in etwas hineinfühlen zu können, muss man ja eine Luft atmen, meine Damen, und das geht bei Ihnen aus technischen Gründen nicht. Sie haben die Telepathie, wir hatten die Kunst. Wir haben für die Imagination gekämpft, Sie lassen sie genetisch an Ihre Eliten vererben. Worüber wir früher gelacht hätten, ist heute Wirklichkeit. Eine geschichtslose Generation von Analphabeten bestimmt den Lauf der Geschichte. Assoziationen statt Kontemplation. Mystik statt Empathie. Sie wissen selbst, heutzutage ist die Empathie nur in Fachkreisen verbreitet. An Akademien, unter lesekundigem Museumspersonal und selbstverständlich unter den Anhängern der verbotenen „Bibliophilen Gesellschaft der Neuen Tage“. Wenigstens diese Handvoll Menschen hält ihre Vorfahren nicht für primitiv. Doch ich will mich nicht beklagen. Ich muss weder hungern noch frieren, habe fließendes Wasser in meinem Gartenpavillon, ich lebe gut, wenn auch etwas wehmütig. Wehmut, muss ich das erklären?

FREIFRAU VON SWIPSMALHEUR: Das Wort habe ich noch nie gehört.

DIE DAMEN: Wermut?

MARIA: Nun, die Wehmut ist so etwas wie eine grundlose Sorge, gemischt mit zersetzender Heiterkeit. Für den Kulturkreis, aus dem ich komme, nämlich den osteuropäischen Raum, bedeutete sie einen Seelenzustand. Wir hätten fröhlich lachen und gleichzeitig wehmütig sein können. Nur sehr ungebildete Menschen schienen davon nicht betroffen. Die agrarisch geprägte Bevölkerung kannte übrigens keine Wehmut, sondern nur deren ältere und ernstere Schwestern: die Trauer und die Verzweiflung. Auf dem Land gab man aufeinander acht, und in den Städten hörte man einander zu. Gespräche und Gesten waren dafür bestimmt, dem anderen zu zeigen: Wir teilen gleiche Sorgen und Ängste. Wenn ich zum Beispiel eine alte, hochtoupierte, stark geschminkte und parfümierte Dame im Park sah, konnte ich davon ausgehen, dass sie mal Schauspielerin oder Opernsängerin gewesen war. Etwas zwang mich, sie im Vorbeigehen anzulächeln. Als Erwachsene suchte ich später mit solchen Diven das Gespräch. Viele erwiesen sich beim näheren Kennenlernen als geistig verwirrt, das heißt, ihre Wirklichkeit war dauernd auf Kollisionskurs mit der offiziellen. Überhaupt die sogenannten Verrückten, die machten, wie man damals sagte, die Suppe fett. Ohne Dorftrottel und Stadtverrückte wären wir arm gewesen. Geistig arm, so paradox es auch klingen mag. Und ohne Hundebesitzer, die mit ihren Hunden bei jedem Wetter ihre Runden drehten, hätten wir die Verbindung zur Natur im urbanen Raum viel früher verloren. Sie müssen wissen, Hunde galten bis zu ihrem Verbot in den Städten Europas als Freunde des Menschen.

DIE DAMEN: (lachen)

MARIA: Damals wollte ich unbedingt einen schwarzen Königspudel haben, passend zu meinem Lockenkopf. Es schien mir, nur mit einem Hund wäre ich interessant für das andere Geschlecht. Später hatte ich mehrere Hunde, und das andere Geschlecht wurde uninteressant für mich. Überhaupt das Geschlechtliche. Die Menschen fühlten sich dadurch erst recht zu mir hingezogen. Männer, Frauen, Alt und Jung. Flüchtige und langjährige Freunde, alle mausetot. Hätte ich sie damals nicht zu Literatur verarbeitet, ich wage nicht zu denken, was dann wäre. So aber strahlt mir ihre Nähe auch hundert Jahre später in alle Körperregionen aus. Eine Nähe wie ein dumpfer Schmerz … Manchmal glaube ich … Egal. Sie schauen mich gerade so groß an. Drücke ich mich rätselhaft aus?

FREIFRAU VON SWIPSMALHEUR: Zu was hast du deine Freunde zerhackt?

MARIA: Zu Literatur, zu Literatur habe ich sie verarbeitet. Das hieß damals so. In Schriftstellerkreisen. Vor meiner Anstellung bei Ihnen war ich Schriftstellerin. Das sagt Ihnen nichts?

FREIFRAU VON SWIPSMALHEUR: Nicht wirklich, aber wir können es uns vorstellen.

MARIA: (aufgeregt) Passen Sie auf, außer den Hundebesitzern gab es noch einen besonderen Menschenschlag, den sogenannten Straßenfeger. In meiner Heimat wurde er liebevoll Misthuhn genannt. Wegen der scharrenden Geräusche auf dem Asphalt, die sein Reisigbesen produzierte. Es waren raue Gesellen, die Straßenfeger. Für eine Flasche Wodka konnten sie einem den Kopf abbeißen, und waren sie betrunken, so ließen sie sich leicht durch ein gutes Wort erweichen. Ihre Wattestiefel, ihre speckigen Fellmäntel, ihren einzigen Besitz, hätten sie einem Fremden schenken können. Wenn ich um halb acht meinen Schulweg antrat, lagen sie schon mit erdigen Gesichtern dösend im Gebüsch, den Besen akkurat an einen Baum gelehnt. Dann gab es noch Kleinwüchsige, die im Zirkus zusammen mit den Affen im Partnerlook auftraten. Man konnte an ihrer Erscheinung weder ihr Alter noch ihr Geschlecht ablesen. Hunde bellten sie aus, Kinder lachten sie aus, Autofahrer hupten sie an, während sie, den Blick gesenkt, mit einem madonnenhaften Lächeln zur nächsten Vorstellung eilten. Immer hatten sie es eilig, und eines Tages trieben sie es zu doll und flogen einfach weg. Es gab alte Blumenmädchen an Straßenkreuzungen, reinliche Marktfrauen mit Porzellanteint und schlechten Zähnen, Imker, die Honig in bauchigen Fünf-Liter-Gläsern zum Verkauf anboten, in deren bernsteinfarbener Tiefe eine einsame Arbeiterbiene als Zierde schwebte. Eine Weltraumfahrerleiche, nach der jedes Kind verrückt war. Pilzverkäufer wanderten mit Pilzketten behangen schüchtern umher, als Schatten ihrer selbst. Pfifferlinge, Röhrlinge, Steinpilze, diese Stimmen aus der Unterwelt, beschwörend, sie hallen noch in meinem Ohr. Oh wie lang ist das her! Fast unwahr, doch es war wahr. Meine Damen, Sie wollen wissen, was es noch in meiner Zeit gab? Bäuerinnen gab es, die, Hühner rupfend, innehielten und sich mit der blutigen Hand bekreuzigten, wenn die Kirchenglocken zu schlagen begannen. Fischverkäufer gab es, die zappelnde Fische in die Höhe hielten, Gewichtheber, die dicke Mädchen durch die Luft wirbelten – vor einer Menge Gaffer, während Zigeunerfrauen einfache Knete in Kaugummiverpackung an gutgläubige Schüler verkauften. Diese kauten das Zeug, ohne mit der Wimper zu zucken, und schauten den Portraitmalern zu, die in schattigen Alleen ihre Staffeleien aufklappten, auf die sie Musterportraits von Schönheiten und pausbackigen Kindern platzierten. Es gab tanzende Bären, geschwätzige Papageien und anhängliche Affen, die für etwas Kleingeld ein Kunststückchen vorführten. Es gab falsche Blinde, die echten Blinden ein Bein stellten, falsche Regisseure, die den Fehler machten, echte Polizistinnen zu sich nach Hause auf einen Tee einzuladen. Es gab Schuhputzer und Messerschleifer, Wahrsagerinnen, die, mit den Augen funkelnd, jungen Frauen verlockende Prophezeiungen im Vorbeilaufen zuraunten. Leierkastenmänner mit einem Holzbein, Pfeife rauchend, Mundmaler ohne Beine und Arme mit einem Pinsel zwischen den Zähnen. Vor ihnen – ein Glas Wasser, Aquarellfarben und eine vorgefertigte Zeichnung mit einer rührenden Familienszene, die den Passanten offenbaren sollte, was für ein Drama sich in der Seele des Torsos abspielte. Stöhnend hackte der Maler an einem Detail herum, wenn jemand an ihm vorbeiging, während ein scheinbar unbeteiligter Zuschauer immer wieder die Blechbüchse mit dem Kleingeld leerte. Es gab Kapellen, die in Parkanlagen die Luft Abend für Abend mit süßlichen und schiefen Klängen erfüllten, so dass Verliebte sich aufgefordert fühlten, durcheinanderzuwirbeln, aber auch reifere Liebende mit schlohweißem Haar schwangen das Tanzbein. Wie welkes Laub raschelten die Chiffonröcke. Weiße Kapitäne tanzten, mit Epauletten klimpernd. Wolken von Schweiß und Parfüm schwebten unter den bunten Lichterketten, und irgendwo in der Nähe zogen verstaubte Hundefänger mit blutunterlaufenen Augen an ihren Zigaretten und schauten den Tanzenden durch die Stämme der Bäume zu. Manchmal glaube ich, sie müssen noch alle da sein, all diese Menschen. Ich brauche nur zurückzukehren, um sie an ihren Plätzen zu finden. Aber wie, wie kann ich dieses Kunststück zustande bringen?

FREIFRAU VON SWIPSMALHEUR: Das klingt so perspektivlos, oder wie sagte man das früher? Traurig?

DIE DAMEN: Sad, so sad!

MARIA: Seitdem ich bei der Familie von Swipsmalheur Zuflucht gefunden habe, sitze ich da drüben hinter der Orangerie in meiner Kunstgrotte und gehe meinen Eremitenpflichten nach. Ich flicke meine Lumpen, wasche sie, sammle Reisig und mache Feuer. Kurzum, ich veredele diesen Garten. Jeder sieht, dass das ewige Heil mein Lebensinhalt ist, dass alle meine irdischen Taten nach dem Zeitlosen ausgerichtet sind. Doch der Schein trügt. In Wirklichkeit schwelge ich nicht in apokalyptischer Furcht, ganz im Gegenteil. Ich muss immer wieder lächeln. Über dies und jenes. Wenn ich merke, dass die gnädige Frau die Terrasse betritt, tue ich so, als würde ich meine Hände am Feuer wärmen. In Wirklichkeit aber brauche ich das nicht. Etwas anderes wärmt mich von innen.

DIE DAMEN: Der Wermut!

MARIA: Zum Bespiel der Hundert-Rubel-Schein. Ich sah ihn, ich trat auf ihn und rutschte so in einer Schlange Richtung Kasse, während ein hagerer Mann sich in der Mitte des verspiegelten Saals verzweifelt drehte, Konditorei „Der goldene Schlüssel“. Oder die Bank mit der stacheligen abblätternden Farbe, auf der ich unter einem Nussbaum saß und mit meinem frisch angelegten Gipsbein Nüsse knackte, ein Brandopfer neben mir – seine Beine reichten kaum bis zum Boden. Der Garten eines Kinderhospitals. Die hundert Rubel wärmen mich und die stachlige Bank, aber auch der aus der Dunkelheit eines Gemüseladens herüberwehende Duft von Verwesung und Erde, das Glitzern der Lidschatten der Verkäuferin hinter dem Tresen. Der Bäckerladen mit den an Schnüren herabhängenden Gabeln, diese holzgetäfelte Höhle voller unfreundlicher Frauen. Die Brotlaibe. Diese Kruste mit den drei Einkerbungen, deren Sinn mir für immer verborgen bleiben wird. Die Telefonzellen mit der zerkratzten Wählscheibe. Magische Lichtinseln in der Nacht. Wie oft betrat ich sie und glaubte, ins Weltall zu fliegen. Leise singende Betrunkene in der Gosse, mit dem Gesicht zu den Sternen gewandt. Ging man an ihnen vorbei, erhoben sie die Stimmen. Der Barfuß-Lauf mit den Freunden über Glasscherben im Staubsamt, klebriges Harz aus einer Pflaumenbaumwunde – eine Kostbarkeit.

DIE DAMEN: Das ist nicht mehr lustig.

FREIFRAU VON SWIPSMALHEUR: Es wird mir ganz anders.

MARIA: Und dann kommt dieser Winter, der langersehnte schneereiche, in dem man plötzlich weiß: Etwas ist anders. Dieser Junge mit dem Meeresblick, dieser Junge mit dem Stoppelhaar, seine Halsadern schwellen an, wenn er schreit, Schneeballschlachten, blutende Nasen, der erste Kuss, salzig und rostig im Nachklang. Das wärmt. Das hält mich zusammen, das macht mich unsterblich. Glaube ich manchmal.

FREIFRAU VON SWIPSMALHEUR: (betritt die Bühne, diesmal mit verweinten Tuschaugen) Sehr zermürbend so ein Vortrag.

DIE DAMEN: (beleben sich) Wir sind fix und foxy und bereit für einen Tee.

FREIFRAU VON SWIPSMALHEUR: Im Namen des Adelsclubs danke ich dir für diese historische Exkursion, Maria. Erst wenn man dir so zuhört, wird einem klar, wie viel uns von deiner Zeit trennt.

MARIA: Gar nicht so viel, wie Sie glauben, gnädige Frau. (tritt an sie heran und betrachtet amüsiert das verweinte Gesicht) Ich sehe nichts, was uns trennen würde.


Kurzgeschichte

Doron Rabinovici

Foto: Lukas Beck

DORON RABINOVICI (*1961 in Tel Aviv) lebt seit 1964 in Wien. Seine Prosa umfasst Kurzgeschichten, Romane und Essays. Seine Romane Suche nach M. (1997), Ohnehin (2003), Andernorts (2010) und Die Außerirdischen (2017) erschienen im Suhrkamp Verlag.

Ich bin kein Schriftsteller, bin es im Grunde nie gewesen. Manche glauben, ich hätte das Schreiben erst nach dem Unfall aufgegeben. Ich weiß es besser. Meine einzige Veröffentlichung, die Erzählung Auf Widerruf, lag bereits viele Jahre zurück. Ich saß nur noch an schlechten Drehbüchern, die zumeist nicht verfilmt wurden. Wir lebten vornehmlich von Ediths Einkommen. Sie war Ärztin, Kardiologin, eine Koryphäe ihres Faches. Mein Schreiben wurde im Freundeskreis bloß als Hobby wahrgenommen.

Edith erwartete deshalb von mir, sie zumindest zu beruflich wichtigen Veranstaltungen zu begleiten. An jenem Tag im Mai verließ sie die Wohnung im Streit. Wochenlang hatte sie mich darum gebeten, zu einem Abendessen mitzukommen. Der Gastgeber war ihr Vorgesetzter, Professor Hehn. Wenige Stunden vor der Abfahrt sagte ich ihr, ich würde zu Hause bleiben, weil ich ein Skript fertigstellen wollte. Sie beschimpfte mich als Arschloch und machte sich über meine Texte lustig. Ich wehrte mich und schrie, nur ihretwegen könne ich nicht mehr schreiben. Sie sei an meinem Versagen schuld!

Nachdem sie gegangen war, versuchte ich sogleich, sie anzurufen, doch sie ging nicht dran. Als das Telefon Stunden später läutete, rannte ich hin und meldete mich mit: „Edith?“ Ein Polizist war am Apparat. Sie war mit dem Auto gegen ein anderes geprallt. Der Rettungswagen war bereits unterwegs ins Krankenhaus.

Sie lag auf der Intensivstation, unter Schläuchen vergraben. Die Sauerstoffmaske über Nase und Mund. Um sie piepste und fauchte es. Ich setzte mich ans Bett und suchte eine freie Stelle an ihrem Körper, die ich halten konnte. Ich streichelte ihre Schulter, dann die Wange, flüsterte ihren Namen: „Edith“.

Der Arzt, Doktor Grabner, erklärte, nach solch einem Unfall sei es nicht ungewöhnlich, wenn die Patienten noch Tage vor sich hin dämmerten. So verarbeiteten sie, was ihnen zugestoßen war. „Kein Grund zur Panik“, meinte er. Ich hörte zu und nickte bei jedem seiner Worte. Aber dann fragte ich dennoch nach: „Warum wacht sie denn nicht auf, Herr Doktor?“ Grabner knickte ein, flüsterte: „Ich weiß es nicht.“

Die Besprechung drei Tage später überraschte mich nicht. Grabner wiederholte immer wieder, es tue ihm so leid, aber sie seien auf eine Hirnblutung gestoßen. Er könne nicht versprechen, dass Edith je wieder aufwache. „Wir müssen in Betracht ziehen, dass sie nicht überlebt.“

Ich blieb an ihrem Bett, rührte mich nicht von der Stelle – allem Zureden der Verwandten, der Freunde und Ärzte zum Trotz. Jeden Morgen suchte ich Edith auf und kümmerte mich um sie, streichelte ihre Hand, rief nach dem Pfleger, sobald mich etwas beunruhigte, ihr Atem zu rasseln begann oder ein Gerät lospiepste. Ich sprach mit ihr, küsste ihre Wange und brachte ihr Lieblingsparfum mit, um ihr Bett damit zu besprühen.

In diesen Wochen versuchten alle, mich von Edith loszueisen – ihre Eltern, unsere Freunde, Doktor Grabner … Selbst Professor Hehn, der uns am Abend des Unglücks zu sich eingeladen hatte, wirkte einfühlsam und leise auf mich ein. Edith war verloren gegeben, aber sie setzten alles daran, mich, wie sie sagten, ins Leben zurückzuholen.

Für sie war Edith zu einer Pflanze geworden, aber zu einer, die nicht mehr wuchs, sondern verkümmerte. Das Verhalten der Krankenpfleger und Mediziner änderte sich. Ihre Gesichter leerten sich. Sie zogen an ihrem Arm, legten den anderen um, zerrten an ihr wie an einem Stück Fleisch, um einen Katheter zu legen. Zuweilen griffen sie so hart nach Edith, als wollten sie sie aus dem Koma reißen, sie grob aufwecken.

Ich saß bei ihr, nahm ihre Hand, folgte ihrem Rhythmus, atmete mit ihr die Luft ein und aus. Zwischen dem Heben und Senken ihrer Brust kommentierte ich, was immer ich tat: „Ich bleibe heute bei dir, Edith“, Pause: „den ganzen Tag“, und: „Jetzt halte ich deine Hand“, und: „Ich bin’s, Eric“. Ich fragte sie, ob sie das Zwitschern der Vögel, das Piepsen der Geräte, das Gluckern der Radiatoren vernahm. Ich erwartete keine Antwort.

War ich früher unfähig gewesen, ihr meine Gefühle anzuvertrauen, sagte ich ihr nun, was ich vor dem Unfall nie gewagt hätte auszusprechen. Sie war zwar reglos, gelähmt, aber ich konnte ihren Atem hören, ihr Schlucken sehen, ihren Puls fühlen. Für mich war sie nicht gestorben.

Zum ersten Mal seit Jahren verspürte ich den Drang zu erzählen. Eine Kurzgeschichte sollte es werden, eine Skizze über einen Popsänger und seine Geliebte, die im Heroinrausch lag. Aber anders als geplant wurde das, was ich begonnen hatte, immer größer. Aus dem kleinen Text, den ich vorgesehen hatte, keimte eine Novelle, und diese verzweigte sich wiederum zu einem Roman. Tagsüber, in den Stunden, da wir allein waren, trug ich Edith die Handlung vor und machte mir Notizen. Dabei horchte ich auf Signale, Laute, die nach Missfallen oder Zustimmung klangen; fragte, ob ihr der Fortlauf zusage. Wenn sie sich bewegte, sprach ich sie darauf an: „Ich habe das Zucken deiner Schulter gesehen, Edith“, und jeden Abend schrieb ich nieder, was ich an ihren Reaktionen abgelesen zu haben meinte.

Vor dem Unfall hatte ich gefürchtet, mich ihr in meinen Texten zu öffnen. Ein falsches Wort, und sie hätte durchschaut, wovon ich neben ihr träumte, was mich an ihr störte.

Die Ärzte erklärten, ich könnte ebenso gut zur Wand sprechen. Edith würde nichts von meinen Ausführungen mitbekommen.

Ich war mit der Arbeit bereits weit fortgeschritten, gab sie jedoch niemandem zu lesen. Ich ließ mich ganz darauf ein, den Verlauf der Handlung nur durch Edith bestimmen zu lassen. Sie sollte den Strom des Erzählens steuern.

Mit der Zeit veränderte sich ihr Aussehen. Ihr Gesicht gewann an Farbe. Ihr Fingerzucken wurde heftiger, ihr Stöhnen klarer, und ich war mir sicher, dass sie dabei auf mich reagierte und darauf, was in meiner Erzählung geschah. Eine Krankenschwester war es, die als Erste Ediths Metamorphose ansprach. Ich wagte nicht, davon zu reden, schließlich galt ich längst als Spinner. Doktor Grabner ordnete an, verschiedene Geräte heranzukarren. Saugnäpfe und Elektroden wurden an Ediths Körper angelegt. Dann bat er mich, ihr etwas vorzulesen: „Irgendetwas Aufregendes.“

Die Untersuchungen dauerten eine Stunde. „Ein medizinisches Wunder“, murmelte Grabner immer wieder und bat mich eindringlich, mit dem Erzählen fortzufahren. Ja, mein Roman wurde Edith zur Heilung verschrieben. Am nächsten Tag sollten noch weitere Tests durchgeführt werden.

In der Früh hatten sie mir einen neuen gefederten Polstersessel gebracht, sie fragten, ob ich Tee wolle oder Kaffee, schoben mir eine Ablage zu, auf der ich meine Papiere und Notizen ordnen konnte, und stellten weitere Apparate auf.

„Es war mir unmöglich, mich mit einem faulen Kompromiss zufriedenzugeben. Schlüssig war nur das Fiasko.“

Ich sah die Knöpfe und Pflaster an Ediths Kopf, auf ihrer Brust, an ihren Gliedmaßen. Auf ein Zeichen des Arztes begann ich zu erzählen und tatsächlich – Ediths Kreislauf, Herzfrequenz und Gehirnströme brausten auf, die Zeiger der Messgeräte schlugen aus, die Lichtwellen der Monitore brandeten hoch. „Jetzt verstehe ich“, sagte Grabner nachher, „so wie Sie vortragen … das kann Tote aufwecken.“

In dieser Woche wurden verschiedene Tomographien von Ediths Kopf angefertigt. Im Anschluss bat mich Doktor Grabner zu sich. Er sagte: „Es ist kaum zu glauben, doch der Zustand von Edith hat sich verbessert.“

„Danke, Herr Doktor. Danke.“

„Mir brauchen Sie nicht zu danken. Ich möchte Ihnen keine falschen Hoffnungen machen. Wir wissen noch immer nicht, ob und wie sie aufwachen wird. Ich kann Ihnen nicht sagen, woran sie sich erinnern wird. Aber ihre Chancen sind jetzt viel besser.“

Bei aller Freude über diese Prognose befiel mich eine gewisse Unruhe, da ich meinen Roman unbedingt abschließen wollte, ehe Edith zu Bewusstsein gelangte, denn wenn sie erst wieder aufgewacht wäre, so viel war klar, hätte ich sie zu pflegen, auf ihre Wünsche einzugehen, ihr womöglich Essen und Sprechen beizubringen. Noch verfügte ich über genug Zeit, doch schon war ich nicht mehr allein mit ihr und meiner Arbeit, suchten ihre Verwandten sie auf und feierten jede kleine Zuckung, jedes Schnaufen wie eine Auferstehung. Das Schlimmste jedoch war, dass Professor Hehn mein Manuskript lesen wollte. Ich verweigerte es ihm. Ich wollte unbehelligt weiterarbeiten und fürchtete, meine Kreativität könnte wieder verdämmern, sobald Edith erwachte. Hatte ich die letzten Monate gewünscht, meine Frau möge bloß wieder zu sich kommen, hoffte ich nun, sie möge nicht zu schnell genesen. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mein Schreiben als etwas Wichtiges und unbedingt Notwendiges angesehen.

Der Roman war beinah fertig, doch die wichtigste Entscheidung lag noch vor mir – wie er enden sollte. Alles, was bisher zwischen dem Popmusiker und seiner Geliebten geschehen war, rief nach einer ekstatischen Katastrophe. Eine glückliche Fügung würde verlogen wirken, doch fürchtete ich, ein tödliches Finale könnte Edith schaden. Ich war mittlerweile, nicht zuletzt durch das Urteil der Ärzte, von der Heilkraft meiner Literatur so sehr überzeugt, dass ich es für möglich hielt, Edith könnte an einem schlechten Ausgang zugrunde gehen. Ein guter Schluss, ein Happy End klang mir dennoch allzu schal.

Eines Morgens bemerkten wir, die Schwester und ich, es im selben Moment: Edith war nicht mehr abwesend. Ihr Gesicht tauchte aus der Wachsmaske der Ohnmacht hervor. Sie schlief noch, aber sie war wieder unter uns.

In der folgenden Nacht blieb ich bei ihr, um die Arbeit am Roman abzuschließen. Es war mir unmöglich, mich mit einem faulen Kompromiss zufriedenzugeben. Schlüssig war nur das Fiasko. Während ich Edith das Ende vortrug, beobachtete ich, wie ihre Augenlider zuckten und sie den Kopf hin und her rollte. Es war, als wehrte sie sich gegen meine Geschichte. Doch diesmal ignorierte ich ihre Signale, auf die ich monatelang gehört hatte. Sie durfte meine Handlung nicht stören. Als ich die letzten Sätze sprach, hörte ich sie wimmern. Sie bäumte sich auf und rang nach Luft. Es war grässlich.

Am nächsten Tag meinte die Krankenschwester, es ginge der Patientin schlecht, viel schlechter als gestern.

Krämpfe schüttelten ihren Körper, sie heulte schrill, und ihre Augäpfel jagten ununterbrochen von links nach rechts. Die Ärzte befürchteten das Schlimmste. Und ich war schuld daran, ja, ich war bereit gewesen, sie für meine Geschichte zu töten.

Drei Tage später schlug sie die Lider auf, blinzelte umher. Ihr Blick war fahl, dann schlief sie wieder ein. Später kam sie nochmals zu sich und schaute verkniffen zu mir hoch. Das Licht blendete sie. Sie betrachtete mich unverwandt, doch ich hielt ihr nicht stand, sah weg, zu Boden, ich konnte nicht anders.

In der Folge mied sie mich und wich meinen Blicken aus. Doktor Grabner erklärte, es sei nicht ungewöhnlich, möglicherweise leide sie unter einer temporären Amnesie. Was, so fragte ich ihn, wenn sie die letzten Jahrzehnte ihres Lebens vergessen hatte, wenn sie mich vergessen hatte. War das dann noch Edith? Welches Wesen hatte ich zum Leben erweckt?

In den folgenden Wochen übte eine Physiotherapeutin mit Edith die einfachsten Bewegungen, trainierte ihre geschrumpften Muskeln, lehrte sie essen und gehen. Es dauerte, bis sie den Stuhlgang wieder regeln und den Harndrang beherrschen konnte.

Ich fürchtete mich davor, mit ihr allein zu bleiben. Trotz meiner Versuche, ihr auszuweichen, geriet ich eines Tages ins Krankenzimmer, als niemand bei ihr war. Ich überwand mich, strich über ihre schwache Hand, küsste sie, doch sie vereiste. „Sie sagen, ohne dich wäre ich nicht mehr aufgewacht. Sie sagen, du liebst mich mehr, als sie es sich je hätten vorstellen können. Stimmt das?“

„Wenn du’s nicht weißt …“ Das antwortete ich ihr, als sie fragte, ob es wahr sei, was alle ihr erzählten. Ich konnte ihr nichts anderes sagen als: „Wenn du’s nicht weißt.“

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