Kitabı oxu: «Verstehen in der Psychiatrischen Pflege»

Die Herausgeberinnen

Prof. Dr. rer. cur. Sabine Weißflog, Krankenschwester mit 20-jähriger Berufserfahrung in der psychiatrischen Pflege, promovierte an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) Fakultät Pflegewissenschaft, studierte an der PTHV Pflegewissenschaft (MScN), an der TU Kaiserslautern Erwachsenenbildung (M. A.) und an der Hamburger Fernhochschule Pflegemanagement (Diplom-Pflegewirtin FH). Seit 2015 Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Psychiatrische Pflege, Studiengangsleitung Pflege – Advanced Practice Nursing (M. Sc.), Studienleitung CAS Häusliche Psychiatrische Pflege, Sprecherin der Sektion Psychiatrische Pflegeforschung bei der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e. V., Mitglied Jury Nachwuchspreis der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e. V. und im Beirat des Deutschen Netzwerkes Advanced Practice Nursing g. e. V. & Advanced Nursing Practice, davor als Pflegewissenschaftlerin der Psychiatrischen Dienste Thurgau (Schweiz) in den Bereichen Bildung sowie Forschung und Entwicklung tätig, Gutachterin für Abschlussarbeiten an der FHS St. Gallen (Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Fachbereich Gesundheit).

Prof. Dr. Julia Lademann, seit 12 Jahren Professorin für Pflegewissenschaft, zunächst an der Hochschule München, seit 2013 an der Frankfurt University of Applied Sciences. An beiden Hochschulen Entwicklung und Leitung grundständiger Bachelor-Pflegestudiengänge. Die Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Professionalisierung und Akademisierung der Pflegeberufe, Beziehungsgestaltung in der Pflege, Pflege und Familie (pflegende Angehörige, ambulante Schwerstkrankenpflege), Gesundheitswissenschaften sowie qualitative Gesundheits- und Pflegeforschung.
Sabine Weißflog/Julia Lademann (Hrsg.)
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039688-3
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039689-0
epub: ISBN 978-3-17-039690-6
Vorwort
Wir möchten wissen und verstehen, was die Welt zusammenhält. Geliehen ist diese Aussage aus Goethes Lebenswerk »Faust«: Ihn beschäftigte ein Leben lang die Frage: »Was hält die Welt im Innersten zusammen?«1 Genauso wenig wie Goethe interessiert uns eine naturwissenschaftlich fundierte Antwort auf diese Frage, wenn die »Welt« hier einmal als die der Psychiatrie mit allen Beteiligten gemeint ist. »Gute« psychiatrische Pflege möchte erkrankte Menschen auf dem Genesungsweg hin zum selbstbestimmten Handeln unterstützen. Dem entgegen steht jedoch die Herausforderung, dass die Welt dieser Menschen nicht immer einfach zu erklären und zu verstehen ist.
Damit sind wir bereits mitten im Diskurs bezüglich des Verhältnisses zwischen Verstehen und Erklären, welches an folgendem Beispiel aus pflegewissenschaftlicher Perspektive gut veranschaulicht werden kann. Eine rasante Dynamik erfuhr in den letzten Jahren das Konzept »Recovery« in der Sozialpsychiatrie. In seiner Bedeutung aus der Selbsthilfe und der Betroffenen-Bewegung kommend, beschreibt es den Prozess der Genesung, des Wachstums und der Entwicklung sowie des Wiedererlangens von Wohlbefinden und Lebensqualität. Betroffene berichten, dass sie die psychische Erkrankung überwinden konnten und ein zufriedenes Leben führen, auch wenn Symptome weiterhin bestehen. Sie möchten als Experten2 ihres Lebens verstanden werden.
Die klinische Perspektive definiert Recovery als ein Ziel der Behandlung: Symptomreduktion und Remission. Die psychiatrische Pflegeforschung untersucht, wie der Genesungsweg psychisch erkrankter Menschen am besten unterstützt werden kann. Mit ihrer Hilfe können theoretisch-fundierte Voraussetzungen für eine recovery-orientierte Praxis entwickelt werden. Mit der Erforschung der Grundlagen psychosozialen Handelns und der pflegerisch-therapeutischen Angebote bis zur Messung der Lebensqualität erkrankter Menschen ist ein weiter Weg zu beschreiten, der unterschiedliche Wissenszugänge erfordert. In Anbetracht der aktuellen Entwicklungen in der Pflegewissenschaft ist es aus Sicht der Herausgeberinnen nun ein angemessener Zeitpunkt für eine kritische und um verschiedene Perspektiven erweiternde Debatte über zentrale Begriffe, Konzepte und Phänomene im Kontext klinisch-psychiatrischer Pflege. Ein wichtiges Anliegen der Veröffentlichung ist ein Nach- und Weiterdenken auf dem Weg zur Evolution einer pflegewissenschaftlich fundierten psychiatrischen Pflege.
Sabine Weißflog und Julia Lademann
1 Vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Faust I, V. 382 f.
2 Zugunsten einer lesefreundlichen Darstellung wird in diesem Text bei personenbezogenen Bezeichnungen in der Regel die männliche Form verwendet. Diese schließt, wo nicht anders angegeben, alle Geschlechtsformen ein (weiblich, männlich, divers).
Inhalt
1 Vorwort
2 Einleitung
3 1 Von der Emanzipation des Verstehens in der psychiatrischen Pflege
4 Sabine Weißflog
5 1.1 Einleitung
6 1.2 Subjektivierung der psychiatrischen Pflege
7 1.3 Diskurs gesellschaftlicher Verhältnisse
8 1.4 Phänomenologie und Lebenswelt: Edmund Husserl
9 1.5 Lebenswelt: Alfred Schütz und Thomas Luckmann
10 1.5.1 Räumlich-zeitliche Aufschichtung der Lebenswelt
11 1.5.2 Sozial- und Kulturwelt
12 1.5.3 Verstehen
13 1.5.4 Sinnkonstitution
14 1.5.5 Bewältigung und Veränderung
15 1.5.6 Handeln und Handlung
16 1.6 Bedeutung der Phänomenologie und des Konzepts Lebenswelt für die psychiatrische Pflege
17 2 Bilderfahrzeuge in der psychiatrischen Pflege
18 Günter Meyer
19 2.1 Einleitung
20 2.2 Wer war Aby Warburg?
21 2.3 Krankheitsgeschichte
22 2.4 Mnemosyne
23 2.5 Ikonologie
24 2.6 Historische Forschung der psychiatrischen Pflege
25 2.7 Fazit
26 3 Von den Herausforderungen einer kritischen Selbstbetrachtung in der psychiatrischen Pflege
27 Michael Theune
28 3.1 Problemhintergrund
29 3.2 Fragestellung(en)
30 3.3 Handlungsrahmen und Evidenz
31 3.4 Empirie und Empirismus
32 3.5 Die Pflegewissenschaft als Instanz der Verwissenschaftlichung von Pflege
33 3.5.1 Evidenz in der (ambulanten psychiatrischen) Pflege?
34 3.5.2 Der Pflegeprozess im Dilemma der Evidenzen
35 3.5.3 Pflege und Interdisziplinarität
36 3.5.4 Exkurs zu Pflegetheorien
37 3.5.5 Sprache
38 3.5.6 Der Gegenstand Mensch und die professionelle Interaktion
39 3.6 Erklärungsansätze oder die Bedeutung der Pflegewissenschaften
40 3.6.1 Transfererfahrungen
41 3.6.2 Das Problem mit dem Profil
42 3.6.3 Extrinsisch wird formativ
43 3.6.4 Cure und Care
44 3.7 Fazit
45 4 Werteorientiertes Recovery
46 Ingo Tschinke
47 4.1 Einführung
48 4.2 Recovery-Orientierung
49 4.2.1 Transformation durch Recovery
50 4.2.2 Phasen des persönlichen Recovery
51 4.2.3 Werteverständnis in der Recovery-Orientierung
52 4.3 CHIME-Modell
53 4.3.1 Connectedness – Verbundenheit
54 4.3.2 Hope – Hoffnung
55 4.3.3 Identity – Identität
56 4.3.4 Meaning – Sinngebung
57 4.3.5 Empowerment
58 4.4 Sinnorientierte Psychotherapie – Logotherapie nach Viktor E. Frankl
59 4.5 Recovery-orientierte psychiatrische Pflege
60 4.6 Prinzipien einer werteorientierten psychiatrischen Pflegepraxis
61 4.7 Zusammenfassung und Ausblick
62 5 Ethische Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen des Konzepts der offenen Tür
63 Maren Fries
64 5.1 Einleitung
65 5.2 Das Konzept der offenen Tür
66 5.2.1 Bedingungen für das Gelingen des Konzepts der offenen Tür
67 5.2.2 Möglichkeiten des Konzepts der offenen Tür
68 5.2.3 Grenzen des Konzepts
69 5.3 Ethische Diskussion
70 5.4 Fazit
71 6 Advanced Practice Nursing – Profilentwicklung einer »APN-Suizidprävention und -Suizidpostvention« für den deutschsprachigen Raum
72 Sonja Freyer
73 6.1 Einleitung
74 6.2 Forschungsfragen und Zielsetzung
75 6.3 Theoretische Grundlagen
76 6.4 Methodisches Vorgehen
77 6.5 Suizidprävention
78 6.6 Suizidpostvention
79 6.6.1 Postvention – Betroffenenliteratur
80 6.6.2 Postvention – wissenschaftliche Literatur
81 6.7 Profilentwicklung APN-Suizidprävention und -Suizidpostvention
82 6.8 Zusammenfassung und Ausblick
83 7 Beziehungsgestaltung in der psychiatrischen Pflege: pflegewissenschaftlich relevante Erkenntnisse
84 Julia Lademann
85 7.1 Einleitung
86 7.2 Professionelle Beziehungsgestaltung in der Pflege: Bedeutung und Besonderheiten
87 7.2.1 Konfrontation mit existenziellen Situationen: massive Identitätskrisen
88 7.2.2 Asymmetrie der Beziehung: Macht in der Psychiatrie
89 7.2.3 Kontakt mit Körper und Leib: Zwang und Gewalt
90 7.2.4 Verschränkung mit der Lebenswelt: fremde Welten verstehen
91 7.3 Beziehungsgestaltung in der psychiatrischen Pflege: von Peplau bis heute
92 7.3.1 Peplaus Interaktionstheorie: zwischenmenschliche Beziehungen in der Pflege
93 7.3.2 Pflegerische Beziehung in der psychiatrischen Pflege heute
94 7.4 Voraussetzungen und Entwicklungsbedarfe für eine professionelle pflegerische Beziehungsgestaltung in der Psychiatrie
95 7.4.1 Berufsverständnis und -ethik
96 7.4.2 Pflegewissenschaftlich fundierte Beziehungskonzepte und Forschung
97 7.4.3 Pflegerische Kompetenzentwicklung
98 7.4.4 Rahmenbedingungen in Gesellschaft und Institution
99 7.5 Fazit
100 Die Autorinnen, die Autoren
101 Stichwortverzeichnis
Einleitung
Welche Denkansätze zur Frage des »Verstehen« gibt es für die klinisch-psychiatrische Pflege in der Wissenschaft? Unter dieser Fragestellung werden sozial- und geisteswissenschaftlich ausgerichtete Betrachtungsweisen zum Verstehen in der psychiatrischen Pflege herangezogen, die in der Diskussion um anwendungsorientierte alternative Entwicklungen von zentraler Bedeutung sind. Ihre Konkretisierung erfahren die jeweiligen Diskurse an spezifischen Gegenstandsbereichen der psychiatrischen Pflege.
Der Beitrag von Sabine Weißflog möchte mit einer kritischen Haltung zur Korrektur des unerreichbaren Ideals quantitativer Verfahren objektivistischer Ansätze anregen – zugunsten verstehender Methoden. Expliziert wird für die psychiatrische Pflege das Konzept Lebenswelt nach Edmund Husserl und Alfred Schütz. Der Blick auf die Neuverteilung von Selbst- und Fremdregierung offenbart im Konzept Lebenswelt einen emanzipatorischen Charakter für die psychiatrische Pflege und für psychisch erkrankte Menschen. Der Auseinandersetzung mit dem Subjekt-Begriff Michel Foucaults folgt die gesellschaftstheoretische Perspektive einer Argumentationslinie von Ulrich Beck bis zu Andreas Reckwitz. Das Wissen um die sinnhafte Vorstrukturiertheit der Sozialwelt hat Konsequenzen für die psychiatrische Pflegepraxis. Das Spezifische des pflegewissenschaftlich-psychiatrischen Gegenstandsbereichs basiert auf dem Verstehen.
Günter Meyer setzt die psychiatrische Pflege in einen größeren kulturellen Zusammenhang, um deren Bedeutsamkeit herauszuarbeiten. Psychische Störungen sind in allen Kulturen und Epochen festzustellen, sie erscheinen wie Bilderfahrzeuge im kulturellen Kontext. Doch die Begriffe »Normalität«, »Krankheit« und »Gesundheit« variieren in der geschichtlichen Entwicklung und ein scheinbar objektives Urteil ist letztlich immer ein kulturelles Konstrukt. In der psychiatrischen Pflegeforschung ist daher vorsichtig mit dem Begriff »Objektivität« umzugehen. Auch wenn der »Mainstream« der Wissenschaft eine Überwindung der subjektiven Betrachtung zugunsten einer größtmöglichen Objektivität anstrebt, sollte diese Objektivität nie ahistorisch betrachtet und der kulturelle Kontext nicht unterdrückt werden.
Der Artikel von Michael Theune nimmt eine berufspolitisch-kritische Haltung ein. Der Autor möchte ein Bewusstsein für die dysfunktionale Systematik generieren und gleichzeitig ein proaktives Interesse für die durchaus bestehenden Wissensbestände wecken. In die Betrachtung einbezogen wird der pflegewissenschaftliche Selbstverpflichtungsanspruch nach Erkenntnisgewinn und der Erkenntnistransfer für das klinische Handlungsfeld. Die Diskussion erfährt ihre Erweiterung im gesellschaftlichen Professionalisierungsdiskurs der Pflegeberufe, dem bidirektionalen Innenverhältnis der Gesundheitsberufe Pflege und Medizin sowie durch eine intrinsische und extrinsische Modellierung des Berufsbildes Pflege. Die theoretische Bezugnahme auf Ulrich Oevermanns doppelte Handlungslogik formt den gedanklichen Rahmen.
Ingo Tschinke möchte in seinem Beitrag zur Auseinandersetzung mit der philosophischen Sichtweise auf die Seins-Ebene und die Sinnhaftigkeit von Leben anregen. Die Werte-Orientierung des Recovery-Konzeptes sieht er als Brücke für das Verstehen der Wandlung psychisch erkrankter Menschen hin zu Menschen, die sich auf ihrem Genesungsweg befinden. Zur Vertiefung werden die Bezugsvariablen des CHIME-Modells unter philosophischen Aspekten der Phänomenologie und des Existenzialismus betrachtet. Zur Werte-Orientierung des Recovery wird die sinnorientierte Psychotherapie (Logotherapie) von Viktor E. Frankl herangezogen. Zukünftige Projekte der Pflegeforschung sollten werteorientiertes Pflegehandeln vor dem Hintergrund der werteorientierten Betroffenenerwartungen aufgreifen.
Das Kapitel von Maren Fries beschäftigt sich mit den Persönlichkeitsrechten psychisch erkrankter Menschen und untersucht die Möglichkeiten und Grenzen des Konzepts der offenen Tür in der stationären akutpsychiatrischen Behandlung. Theoriegestützt und auf der Grundlage von Expertenmeinungen wird die gängige Praxis des Konzepts der geschlossenen Tür und das konkurrierende Konzept der offenen Tür diskutiert; dabei reflektiert die Autorin ethische Aspekte anhand der biomedizinischen Prinzipienethik nach Beauchamps und Childress (2009). Obwohl das Konzept der offenen Tür den Zwang und die Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte verringern kann, sind die Eingangstüren von Stationen, auf denen psychiatrische Akutbehandlungen erfolgen, auch weiterhin überwiegend verschlossen. Daher sollten sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse als auch ethische Kriterien herangezogen werden, um zu entscheiden, wie eine gute Praxis bei minimaler Anwendung von Zwang und Einschränkung der Persönlichkeitsrechte für psychisch erkrankte Patienten sichergestellt werden kann.
Der Beitrag von Sonja Freyer thematisiert die Betroffenheit und die Bedürfnisse Angehöriger nach einem vollendeten Suizid von Klienten. Steigende Suizidraten verdeutlichen die Relevanz, sich mit den Themen Suizidprävention und Suizidpostvention auseinanderzusetzen. Für den deutschsprachigen Raum wird die Profilentwicklung einer Advanced Practice Nurse (APN) mit der Spezialisierung auf Suizidprävention und -postvention mittels einer Meta-Synthese (in Anlehnung an die Meta-Ethnographie nach Noblit und Hare, 1988) dargestellt. Zukünftige APNs in diesem Bereich benötigen ausgeprägte kommunikative Kompetenzen, ein hohes Reflexionsvermögen, Fähigkeiten zur Suizidrisikoeinschätzung und umfassende Kenntnisse zu den Auswirkungen eines Suizids auf das familiäre Umfeld. Die Datenlage ist insbesondere zu den Aufgaben, Tätigkeiten und Kompetenzen von Pflegenden im Bereich der Suizidpostvention international gering und für den deutschsprachigen Raum liegen gar keine Daten vor. Hier besteht eine eklatante Forschungslücke, die es mit gezielten pflegewissenschaftlichen Fragestellungen zu verringern gilt.
Im letzten Beitrag geht es um die Beziehungsgestaltung in der psychiatrischen Pflege, denn Verstehen und Verständnis kann nur im Rahmen einer positiven Gestaltung von Beziehungen entwickelt werden. Julia Lademann bezieht sich auf erste pflegewissenschaftliche Theorien und stellt fest, dass ein wissenschaftlich fundiertes Hintergrundwissen, eine gezielte Kompetenzentwicklung bei Pflegefachpersonen sowie angemessene Rahmenbedingungen zur praktischen Umsetzung notwendig sind. Es gilt, psychisch erkrankte Menschen sowohl auf der Grundlage evidenzbasierter Erkenntnisse als auch im Hinblick auf ihre Individualität und Persönlichkeit anerkennend und einbeziehend zu begleiten. In diesem Beitrag werden die in dem vorliegenden Band präsentierten Themen mit Blick auf eine verstehensorientierte Beziehungsgestaltung zusammenfassend und beispielhaft diskutiert.
1 Von der Emanzipation des Verstehens in der psychiatrischen Pflege
Sabine Weißflog
1.1 Einleitung
»Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie denken!« Dieser Spruch wird Heinz Erhardt (1909–1979), einem deutschen Kabarettisten, in den Mund gelegt. Wenn ich dies beherzige, fallen mir genug Situationen ein, in denen ich mich im Nachhinein bei so manchem Irrtum ertappt habe. Diese Selbsterkenntnis bezieht sich natürlich auch auf Begegnungen, Beobachtungen und Annahmen. Ob ich also mit meinen Gedanken das getroffen habe, was mein Gegenüber meinte, konnte ich nicht wissen, denn ich hatte ja nicht gefragt.
Nun trifft diese Reflexion natürlich auch für das jeweilige Gegenüber zu: sowohl als Person als auch im Hinblick auf die Annahmen und Erwartungen aus und in institutionalisierten Settings. In meinem Berufsleben als Fachperson in der psychiatrischen Pflege stand ich vor Aufgaben, die aus meiner Sicht mit widersprüchlichen und zum Teil paradoxen Erwartungen gepaart waren. Psychiatrisch-pflegerisches Handeln sollte fördern/unterstützen und/oder sanktionieren sowie führen und/oder wachsen lassen. Diese Widersprüchlichkeit gilt auch für die moralisch aufgeladenen Imperative um die Nähe- und/oder Distanz-Diskurse, die wie eine magische Formel von Generation zu Generation Pflegender weitergetragen wurden. Ich traf meine Entscheidungen zumeist also rational und den gegebenen Glaubenssätzen folgend, das glaubte ich jedenfalls.
Dass Entscheidungen und Verstehen von Erlebtem nicht immer im erlebten Moment situationsgerecht stattfinden können, soll an einem Beispiel veranschaulicht werden.