Kitabı oxu: «Wach!»
ULRICH EGGERS [HRSG.]

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-417-22999-8 (E-Book)
ISBN 978-3-417-26972-7 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© 2021 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Str. 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: info@scm-brockhaus.de
Die Bibelverse sind folgenden Ausgaben entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen
Das Buch. Neues Testament – übersetzt von Roland Werner, © 2009 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen
Hoffnung für alle ® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis –Brunnen Basel
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de Titelbild: Unsplash: Joshua Hibbert
Fotos im Innenteil: privat außer S. 43 und S. 221 © 2020 Tom Pingel Fotografie, S. 50 Thomas Adolph Fotografie, S. 75 © Lea Weidenberg, S. 85 © Carolin Schubert, S. 95 © Philipp Harlacher, S. 205 © Sven Lorenz, S. 150 © Hope Channel / Gerald Weigend, S. 201 © Michaela Heelemann, S. 274 © Sr. Teresa Spika, Abtei Venio, S. 283 © Maria Schilling, www.tompingel.de
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Lektorat: Johanna Horle-Herdtfelder
Danke für 25 Jahre AUFATMEN –
zuerst an den Schöpfer, der uns den Atem schenkt,
immer das Leben will und seine Geschöpfe aufatmen lässt.
Und danke an die vielen Weggefährtinnen und Mitstreiter,
Freunde und Kritiker, Autoren, Künstler, Grafiker, Fotografen –
und nicht zuletzt an unsere Leserinnen und Lesern,
die AUFATMEN ein Stück ihres Lebens gegeben haben.
Ulrich Eggers
Inhalt
Über den Herausgeber
Vorwort: 25 Jahre AUFATMEN
Martin Gundlach Gefordert und getragen – Die Gottes-Linien und Gottes-Zumutungen in meinem Leben
Susanne Tobies Eine Frage der Liebe
Thomas Härry Das Beste wollen kann ein Irrweg sein
Steffen Tiemann Der Wald – Mein Freund und Lehrmeister
Dr. Heinrich C. Rust Zwischen Krypta und Kathedrale – Heilige Momente in meinem Leben als Beispiel-Geschichte erzählt
Dr. Reinhard Deichgräber Wanderungen im Heiligen Land
Bianka Bleier Der unsichtbare Gott
David Neufeld Mutig und stark? – Wenn ein Unternehmer Angst bekommt
Cathy Zindel-Weber und Daniel Zindel Paarspiritualiät und Beziehungswachstum
Tamara Hinz Bibelleselust – Von Knisterseiten, dem Geist Gottes und dem, was wirklich trägt
Dr. Christoph Schrodt »Habt ihr noch keinen Glauben?« – Meine Lebensfragen und eine Geschichte voller Wunder und Zumutungen
Marion Warrington Das Herz des Christseins – Gott in der Anbetung begegnen
Dr. Ulrich Wendel Mein Gott hat Schlagseite – Wie die Bibel meinen Aber-Glauben heilt
Jörg Ahlbrecht Der relaxte Jesus – Nachfolge in die Gelassenheit
Astrid Eichler Dasselbe verschieden sehen
Prof. Dr. Dr. Roland Werner Meine uralte Glaubensgeschichte – Gottvertrauen jenseits von persönlicher Anstrengung
Christel Eggers Ich bin eine Tochter Gottes
Volker Halfmann Barmherziger als wir selbst
Klaus-Günter Pache So sehr geliebt
Ulrich Eggers Das immer neue Alte – Über Wendeltreppen-Spiritualität und das Leben mit dem alten Adam
Elisabeth Vollmer Ich – Zwischen Niedrigkeit und Größe
Peter Strauch Die mit Ernst Christen sein wollen – Mögliche Gründe, weshalb wir manchmal so wenig anziehend sind
Albert Frey Quam multis rebus – Wie viele Dinge brauche ich?
Martin Schleske Das Leben als Resonanzraum
Birgit Schilling »Lasset uns wachen und nüchtern sein!« – Mein Tor zur Freiheit
Vreni Theobald Einverstanden leben
Tobias Rink Es begab sich in einem Garten – Wie Gott die dürren Stellen in meiner Seele bewässerte
Anmerkungen
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Über den Herausgeber

ULRICH EGGERS (Jg. 1955) konzipierte die Zeitschriften family, AUFATMEN und JOYCE, wovon er AUFATMEN als Redaktionsleiter verantwortet. Er ist Verleger und Geschäftsführer der SCM Verlagsgruppe und lebt in Cuxhaven. Ehrenamtlich ist er 1. Vorsitzender von Willow Creek Deutschland und Leiter der Lebensgemeinschaft »WegGemeinschaft e.V.«, die das christliche Tagungszentrum Dünenhof trägt.
www.aufatmen.de
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VORWORT
25 Jahre AUFATMEN
Eigentlich ist das Magazin AUFATMEN so etwas wie eine Selbsthilfegruppe von Christen. Hier schreiben Menschen, die auf Augenhöhe Glaubenserfahrungen austauschen, von ihren Wegen zu und mit Gott berichten und einander anspornen wollen zu wachsendem Vertrauen und größerer Hingabe. Das alles aber ohne drohenden Zeigefinger, pastorale Herablassung oder belehrenden Unterton, sondern als Gemeinschaft der Glaubenden unterwegs, die ihre Lebenswirklichkeit und ihre Sehnsucht nach einem erfüllenden Glauben miteinander teilen.
»AUFATMEN – Gott begegnen – authentisch leben«, das war beim Startpunkt im November 1995 Titel und Anspruch der Nullnummer des Magazins und ist es in dieser Spannung bis heute geblieben. Spannung? Ja, denn einerseits glauben wir, dass gelingendes, wahres, authentisches Leben entscheidend mit unserer Gottesbeziehung zu tun hat. Zum anderen aber erleben viele, dass es bei einem hohen idealistischen Anspruch – »Gott begegnen« – in der Kirche oft nicht wahrhaftig im Blick auf unsere alltäglichen Erfahrungen zugeht. Dass schöngefärbt und weggeschaut wird, offene Fragen und Probleme nicht angesprochen werden. Wege zu Gott suchen – und dabei ganz wahrhaftig über die Realität unseres Lebens schreiben. Ein hohes Ideal verfolgen, über die Sehnsucht nach Gotteserfahrungen schreiben – aber dabei Frust, Niederlagen und all die Ausnahmen von den guten Regeln und Zielen nicht ausblenden: Das war und ist das Konzept unseres Magazins, das bis heute viele Zehntausend Leserinnen und Leser inspiriert und herausfordert.
Schon zwei Jahre nach seinem Neustart erreichte das Magazin AUFATMEN über 25 000 feste Bezieher – gegen alle zweifelnden Stimmen, die meinten, mit Themen wie Spiritualität und Geistlichem Leben könne man doch heute keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Das Gegenteil war der Fall. Die Buchreihe edition AUFATMEN wurde gegründet, ein Kalender erschien, eine Bewegung formierte sich, die einem neuen Stil in vielen evangelikal-pietistisch-charismatischen Gemeinden zum Durchbruch verhalf: Ja, Gott anbeten, ihn suchen, einen geistlichen Lebensstil einüben, es wirklich ernst meinen mit der Nachfolge Jesu – aber das alles auf eine ehrliche, ungeschönte, das reale Leben und damit eben auch unsere Enttäuschungen und Niederlagen einblendende Weise. Ganz Gott – und ganz ehrlich: Darum nur kann es gehen.

Viel »Soll«, wenig »Ist« – dieses Spannungs-Paradigma ist ein Grundproblem aller idealistischen Bewegungen. Egal, ob in Politik oder Kirche: Wer hohe Ambitionen hat und es ernst meint, der sagt sich und anderen gerne, was und wie das Leben sein soll. Bei der Predigt von hohen Kanzeln herunter bleibt aber oft auf der Strecke, wie das Leben tatsächlich ist – und wie wir im grauen Alltag zum schönen Ziel kommen können. Wie wir den garstigen Graben zwischen hohen Zielen und erlebter Wirklichkeit überwinden – und welche Erfahrungen denn die Predigenden selbst dabei zum Beispiel machen: Austausch auf Augenhöhe, ehrlich werden im Miteinander.
Denn das ist ja unser Grundproblem als Christen: Wir glauben an einen Gott, der unsichtbar ist. Wir behaupten seine Wirklichkeit und Wirksamkeit, leben aber zugleich mit seiner Souveränität und Unberechenbarkeit. Wir lesen die Verheißungen der Bibel, sie sind aber nicht abrufbar wie aus einem Automaten. Gott funktioniert nicht als Konsum-Objekt, er entzieht sich unseren Wünschen und unserer Sehnsucht – aber er ist. Er ist heilig und fern und rätselhaftes Geheimnis. Und nah und persönlich und liebevoller Vater. Gott ist da – aber verborgen.
Eben deswegen dieses Buch: Unsere Herausforderung ist es, aufmerksam zu werden für den verborgenen Gott. Still zu werden, damit wir ihn hören können. Sehend zu werden – da, wo wir im Galopp des Alltags an der Oberfläche der Dinge scheitern, nicht hinter die Kulissen schauen, nicht hartnäckig, ausdauernd, geduldig genug suchen, warten, hoffen. AUFATMEN möchte, dass Menschen wach werden für die Wirklichkeit Gottes, mit dem Wirken des Heiligen Geistes rechnen, immer wieder neu Vertrauen investieren. Und sich dabei ermutigen lassen von den Erfahrungen anderer, die uns als Trost, Ansporn und Herausforderung an die Seite gestellt sind.

AUFATMEN ist entstanden aus einer geistlichen Lebenskrise. Mitte der 1980er-Jahre hatte ich gemeinsam mit den Freunden der Weg-Gemeinschaft in Cuxhaven das Tagungszentrum Dünenhof gegründet. Wir wollten anders leben und lehren und einladen zu Jesus. Eine Gruppe von zehn, zwölf Leuten voller Ambitionen für Gott, voller Pläne und Wünsche, alles besser, konsequenter und richtiger zu machen, als wir es bei anderen Christen oder Gemeinden sahen. Hoher Idealismus, verpflichtende Ziele und viel jugendliche Kraft – wie viele gute Bewegungen starten so!
Aber schon bald merkten wir alle auf die eine oder andere Weise, dass Glaubensprojekte nicht vom festen Willen und konzentrierter Kraftanstrengung allein leben können. Schon bald sahen wir, dass all das, was wir an Negativem in anderen zu entdecken glaubten, auf die je eigene Art und Weise auch in uns selbst wirkte. Mit Kraftanstrengung allein jedenfalls war es auf Dauer nicht in den Griff zu bekommen, was unsere hohen Ideale und Ziele bedrängte. Irgendwann geht alle eigene Kraft zu Ende. Unsere »geistlichen Tanks« mussten neu gefüllt werden. Nein, mehr noch: Wir brauchten, das merkten wir immer mehr, eine ständige Kraftversorgung, die nicht aus uns selbst heraus funktionieren durfte. Wie im Beispiel des römischen Brunnens, der im Überfließen immer zuerst die eigene Schüssel mit kostbarem Lebenswasser füllt, ehe er sich weiter verströmt an andere, brauchten wir eine geistliche Kraftversorgung, die nicht von unserem Idealismus lebte. Sondern aus Gott. Den wir ja verkünden wollten. Zu dem wir einluden mit der Arbeit des Dünenhofes, mit den Zeitschriften und Büchern, für die ich mich als Redakteur einsetzte.
Also gingen wir auf die Suche – jeder für sich, aber auch gemeinsam als Gemeinschaft. Streckten uns aus nach Erfahrungen mit dem Heiligen Geist, ließen uns inspirieren von guten internationalen Impulsen und Bewegungen. Fanden Anschluss an verschiedenste Bewegungen, Autoren, Referenten, die in einer ähnlichen Suchbewegung unterwegs waren. Fokussierten uns auf diesen inneren Aspekt des Glaubens, die Kraftversorgung aus der täglichen Begegnung mit Gott durch Gebet, Stille, Lieder, Predigt, Bibel, guten Büchern: »Naht euch Gott! Und er wird sich euch nahen« – genau diese Verheißung aus Jakobus 4,8 begannen wir nach und nach zu erleben.

Begonnen aber hatte es mit dem Ehrlichwerden: Nein, trotz hoher Ziele, trotz des Wunsches, alles besser und anders zu machen – wir können auf Dauer nicht aus uns selbst leben, sondern brauchen eine Lebensquelle jenseits von uns. Und egal, wie viel gute, fromme und richtige Worte und Ansprüche wir im Mund führen – wir müssen es zuerst einmal selbst erleben, müssen Gott persönlich suchen, uns auf den oft mühevollen, nicht berechenbaren, sehr persönlichen Weg zu ihm machen. Immer wieder neu. Volle Münder und leere Herzen produzieren auf Dauer keine Frucht.
Nachhaltig geholfen hat uns dabei auch, als wir bei Magnus Malm lasen, dass Gott gar nicht unsere Arbeit will, sondern uns selbst.1 Dass wir nicht berufen sind, große Heldentaten für ihn zu bringen und alles anders oder besser zu machen, sondern berufen sind zu ihm. Zur Nähe und Begegnung mit ihm. Dass alle Frucht wächst aus dem In-ihm-Sein und -Bleiben. Und dass damit alles beginnt.
Verbal hatten wir das als engagierte Christen eigentlich längst drauf, hätten eine schöne Bibelarbeit darüber halten können. So richtig verstanden und erfahren haben wir es aber erst, als wir mit aller Kraft große Ziele bewegen wollten, sicher auch vieles bewegten – aber uns am Ende eben eingestehen mussten, dass geistliche Frucht nicht aus eigener Kraft wächst, sondern angeschlossen sein muss an die Quelle lebendigen Wassers, die aus Gott selbst sprudelt.
Insofern beginnt wirkliche Gottesbegegnung meist mit dem Eingeständnis, dass wir arm sind, hungrig und bedürftig. Dass wir Gott brauchen und von seiner Versorgung her leben. »Doch meine Kraft erlahmte vor der Zeit; was selbst lief, blieb auch selber steh’n«, so sagt Manfred Siebald es in seinem Lied Wollte ich nicht. Und genau so hatten wir es auf je eigene Weise erfahren. Und konnten uns dann nach und nach auf einen neuen, holprigen und kurvigen Weg machen, als wir von diesem Punkt eigener Armut aus neu zu Gott aufbrachen.
Holprig und kurvig? Ja, lockere Höhenflüge und zielstrebige Erfolgswege sind uns auch mit ihm nicht einfach sicher. Frust und Niederlagen und Irrwege bleiben. Aber es lohnt sich, immer wieder neu aus dieser Einsicht heraus zu leben: Gott will zuerst einmal mich – will mir begegnen. Und erst daraus fließt alles andere. Wächst alle Frucht in guten Gemeinden, engagierten Projekten, erfüllten Beziehungen und hingegebener Arbeit.
Eben deswegen und in der Folge dieser Erfahrungen kam es zur Gründung von AUFATMEN. Und deswegen ist auch dieses Buch so wichtig: Um sich ermutigen zu lassen durch die Einsichten und Erfahrungen anderer, die auf dem gleichen Weg sind. Um mit guter neuer Lebensenergie und gestärktem Vertrauen weiter durch die Mühen des Alltagsdschungels zu gehen – hinter Jesus her.
Ulrich Eggers
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MARTIN GUNDLACH
Gefordert und getragen – Die Gottes-Linien und Gottes-Zumutungen in meinem Leben
Als AUFATMEN 1995 startete, war ich gerade zum Bundes- Verlag gekommen. Ich hatte meinen Job als Lehrer in Bayern (zum Entsetzen vieler!) hinter mir gelassen und in dem kleinen Verlag angeheuert, in dem damals gut ein Dutzend Menschen beschäftigt war. Dort übernahm ich die Redaktionsleitung der Jugendzeitschrift DRAN in Witten. Als Neueinsteiger im Zeitschriftenmachen beobachtete ich aus der Ferne, wie Uli Eggers und sein Team zeitgleich in unserem Verlagshaus (aber in der Redaktion in Cuxhaven) das Magazin AUFATMEN gründeten. Der Untertitel wurde damals festgelegt und hat sich bis heute nicht geändert: »Gott begegnen. Authentisch leben.«
Ich war damals ein Freund der zweiten Hälfte dieser Zeile: authentisch leben. Aufgewachsen in der frommen Landschaft hatte ich an vielen Stellen erlebt, dass Worte und Taten nicht immer übereinstimmten. Dass Nächstenliebe gelegentlich nur bis an die Grenze des eigenen Gemeindehauses ging und dass hinter manch einer frommen Fassade auch ganz viel Menschliches steckte: Neid, Missgunst oder Machtgelüste. Aber jetzt: authentisch leben, überzeugend leben. Worte und Taten in Übereinstimmung bringen, den Weg bahnen für einen neuen Lebensstil. Das fand ich aufsehenerregend.
Das Vorangesetzte »Gott begegnen« empfand ich damals, Ende zwanzig, als die etwas lahmere erste Hälfte des Slogans. Gott begegnen – das war die fraglos nötige fromme Anbindung des Titels AUFATMEN, der sonst weltanschaulich nicht identifizierbar gewesen wäre. Hier und heute beschreibe ich, warum sich die Gewichtung im Lauf der Jahre für mich verändert hat.
Zum Glück ist »authentisch leben« heute keine exotische Vorstellung mehr, sondern hat sich in den letzten Jahren als Stil in weiten Teilen (nein, nicht überall!) durchgesetzt. Gerade für die jüngere Generation gilt: »Authentisch leben« ist die Grundvoraussetzung für – alles. Nur wer als Person stimmig lebt und erscheint, der wird überhaupt gehört.
Zum anderen hat sich mein Bild von »Gott begegnen« komplett verändert. Wer von klein auf in einer christlichen Familie aufwächst und die Geschichten der Bibel früh hört, wer als Dreijähriger lernt, selbst laut zu beten – der ist gesegnet mit Eltern, die für ihr Kind das Beste wollen. Gesegnet – das war ich, das bin ich bis zum heutigen Tag, und ich verdanke meinen Eltern viel. Sie brachten mir Gott nahe.

Lange war Gott für mich wie ein weiteres Familienmitglied. Nicht zu sehen, aber es wurde immer von ihm und mit ihm gesprochen. Sein guter Ruf eilte ihm voraus, für all die Segnungen in unserem Leben war er der Zuständige. Er war wie der größere Bruder von Papa oder Mama, noch ein wenig stärker, noch ein wenig mächtiger und noch zuverlässiger als sie. Kindliche Gottesvertrautheit nenne ich diesen Zustand, in dem sehr viel Positives liegt.
Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.
Denn in dieser Gottesvertrautheit liegt immer auch die Gefahr, Gott und die Gottesbegegnungen zu banalisieren oder zu instrumentalisieren.
Nach meiner Kindheit begegnete Gott mir manchmal auch völlig unerwartet, komplett unvorhersehbar, schwer verstehbar. Er berief mich hinein in Möglichkeiten, die ich mir kaum zutraute. Und er warf mich hinein in Lernfelder, die ich mir nie ausgesucht hätte.
Gott begegnet mir … in einer überraschenden Chance
Ich habe von klein auf viel geschrieben und Dinge dokumentiert. Als Siebenjähriger habe ich 1972 die Ereignisse der Olympischen Spiele in München gemalt – in Form von laufenden, springenden und kämpfenden Menschen. In der Schule liebte ich es zu schreiben. Meine Mutter erzählt, dass ich ihr schon als Grundschüler von meinem Plan erzählt hätte, ein Buch zu schreiben.
So schrieb ich eigentlich immer: Tagebuch. Die Berichte unserer Handball-Mannschaft für die Lokalzeitung. Briefe. Dann irgendwann mal einen Zeitschriftenartikel, später eine Serie für ein Kindermagazin. Es war für mich naheliegend, Deutschlehrer zu werden, zu schreiben, zu lehren, zu korrigieren.
Während des Referendariats kam aber plötzlich die Anfrage, als Redakteur zu einem kleinen Verlag zu gehen – für mich eine Gottesoption mit Rückweg-Garantie (denn ich konnte in den folgenden fünf Jahren in den Bayerischen Staatsdienst zurückkehren. Diese Karte habe ich aber nie gezogen …). Also habe ich 1995 in Witten angefangen zu arbeiten – und bin dort noch heute.

Im Rückblick sehe ich einen roten Faden. Gott ist mir begegnet und ist mit mir einen Weg gegangen. Er hat mir in frühester Kindheit Freude und Leidenschaft für eine ganz besondere Ausrichtung gegeben, eine Spur, auf der ich seitdem unterwegs bin. Diesen roten Faden zu finden und diese Reise Gottes mit mir durch mein Leben zu sehen, war für mich eine spannende Entdeckung.
Heute bin ich Redaktionsleiter im Bundes-Verlag. Wir geben 18 Zeitschriften heraus und erreichen eine Viertelmillion Menschen durch gedruckte Materialien. Wir betreuen und befüllen diverse Internetportale und versuchen, christliche Inhalte auf den allgemeinen Marktplatz zu bringen. Wir haben noch viele Ideen und Vorhaben. Das ist »plötzlich« (in den letzten 25 Jahren) ein großes Projekt geworden. Die Gottesbegegnungen in diesem Job sind oft Gottesbestätigungen, wenn Leserinnen und Leser uns zurückmelden, wie hilfreich, aufbauend oder glaubensfördernd unsere Inhalte für sie waren.
Diesem Kahn die Richtung zu geben, empfinde ich als große Freude, vor allem auch als große Verantwortung. Den richtigen Weg zu finden zwischen einfachen, leicht verständlichen Wahrheiten auf der einen Seite und differenzierten Sichtweisen auf der anderen – das ist nicht einfach. Beiträge zu theologischen und lebenspraktischen Fragen für diese Breite so unterschiedlicher Menschen, so unterschiedlicher Überzeugungen und Frömmigkeitsstile herauszugeben – eine echte Herausforderung. Innerlich frei zu bleiben und sich nicht den Erwartungen der Leserinnen und Leser zu unterwerfen – nicht einfach.
Zum Glück gibt es den Blick nach oben. Und das für mich ganz real: Unsere Redaktionen sind im Dachgeschoss des Verlagshauses. Nach einem Umbau vor einigen Jahren haben wir eine große Dachöffnung, ein Megafenster, das uns den Blick zum Himmel möglich macht. Unter diesem Fenster stehe ich immer wieder einmal und erbitte, dass Gott gnädig auf uns herabblickt. Dass er uns in unserem Redaktionsalltag begegnet. Dass er unsere Gedanken und Ideen lenkt. Dass er uns hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Manchmal fühle ich mich dabei wie Mose am »Brennenden Dornbusch« in der Wüste. Aus kleinen Verhältnissen heraus von Gott berufen. Hinein in eine Aufgabe, die er vorher nicht proben konnte und die die eigenen bisherigen Vorstellungen komplett überstieg. Wie Mose im Alten Testament arbeite ich manchmal mit Freude und Kraft – und genauso mit zittrigen Knien. Wie er brauche ich die ergänzende Unterstützung anderer. Wie er erlebe ich Highlights und Tiefpunkte.
Gott begegnet mir … am Rand des Abgrunds
Meine Welt geriet ins Wanken, als ich mit Anfang 30 lebensbedrohlich erkrankte und buchstäblich alles, für das ich mich bisher eingesetzt hatte, auf der Kippe stand. Sieben Jahre lang war ich zu dieser Zeit mit Anja verheiratet. In der Familie hatten wir gerade Zuwachs bekommen, unsere beiden Töchter waren vier und zwei.
Zum ersten Mal in meinem Leben war ich so etwas wie sesshaft geworden. Wir hatten uns gerade ein kleines Reihenhaus gekauft. Waren engagiert in unserer Gemeinde und in vielen anderen Bezügen. Wir empfanden uns auf einem guten und gesegneten Weg – und dann die Komplettbremsung von einer Stunde auf die andere. Alles geriet plötzlich ins Wanken, alle Aufbruchseuphorie war von einer Minute auf die andere verdunstet.
Wie begegnet Gott jemandem in einer so krassen Situation? Aus heutiger Sicht würde ich es anders formulieren. Erst mal mutete er mir und uns als Familie und meinen Freunden und Kollegen einiges zu. Er legte mich auf die Matte, mich, den Macher und Verantwortungsträger. Ich war nun nicht mehr der Träger, sondern der Getragene. Nicht mehr der Hauptdarsteller, sondern höchstens noch der Zaungast. Und mitten in dieser Zumutung (»Warum gerade wir?«) begleitete er uns – von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde und – das vor allem – von Nacht zu Nacht. Und ließ mir und uns seine Nähe immer wieder spürbar werden, oft auch durch andere Menschen.

Gott begegnen hieß damals (und heißt für mich bis heute), seine Gegenwart geschehen zu lassen und wahrzunehmen. Ich kann und muss ihn nicht herbeiholen oder herbeibeten, er ist ohnehin da. Aber ich kann mich an ihn erinnern, an seinem Da-Sein festhalten, unabhängig vom Verzweiflungsgrad meiner realen Situation.
»Seine liebsten Kinder führt er in die tiefsten Tiefen!« Das war ein Satz, den ich in dieser Zeit hörte. Andere Christen wollten meinem und unserem Erleiden einen Sinn geben. Mich machte und macht dieses Statement aggressiv – bis heute. Denn wenn das stimmen würde, wollte ich kein Lieblingskind eines solchen Gottes sein. Ein Gott, der mich ganz tief fallen lässt, um mich mal so richtig zu erschrecken – und knapp über dem Boden lächelnd aufzufangen … Nein, das kann und will ich nicht glauben!
Stattdessen machte ich die Erfahrung: Im Fallen habe ich Gott in einer nicht gekannten Weise erfahren. Das war eine der kraftvollsten Gottesbegegnungen in meinem Leben. Schwer beschreibbar, unspektakulär. In einem unauflöslichen Mix aus ärztlicher Begleitung, menschlicher Zuwendung und seinem herzensverändernden Wirken. Auf wundersame Weise hat mich dieser Mix wieder auf die Füße gestellt (und ja, auch dank Reha und Bestrahlung). Diese Gotteserfahrung hat mir die Arroganz geraubt, dass »Dinge schon klappen, wenn man sich nur genug anstrengt«. Und mich demütiger gemacht für Menschen mit Defiziten, weil ich selbst nun ein solcher war.

»Wer solch eine Gottesbegegnung einmal erlebt hat, der hat bestimmt einen festen Glauben!« Diesen Satz höre ich manchmal, wenn ich meine Geschichte erzähle. Er stimmt und er stimmt nicht. Natürlich wird niemand die tiefgreifendsten Gottesbegegnungen seines Lebens je vergessen. Das Aufwachen nach der Narkose: »Du hast es geschafft!« »Ich habe dich gerettet!« Spricht Gott zu mir? Sind das meine Gedanken? Egal.
Auf der anderen Seite gilt für mich genauso: Eine solche Gottesbegegnung ist keine Garantie für ewiges Gottvertrauen. Ich brauche diese Vergewisserung seiner Gegenwart in meinem Leben immer und immer wieder. Seine Zuwendung, seinen Trost, seine Freude. Ich halte ihm meine Seele hin. Ich schaue dankbar auf das, was in meinem Leben geworden ist. Ich entdecke seine Spuren in meiner Biografie. Das hat immer weniger Event-Charakter, sondern ist eher ein dauerhafter, meist unspektakulärer Lebensstil.
Manchmal aber spricht Gott selbst offensiv in mein Leben hinein. An Orten, an denen ich nicht mit ihm rechne. Als ich im letzten Sommer zu meiner jährlichen Nachuntersuchung im MRT lag und es um mich herum ratterte und dröhnte, da war mir, als sagte Gott: »In der Unruhe deines Lebens bin ich deine Ruhe. Für die Unruhe in deiner Seele bin ich deine Ruhe.«
Ich war schon 30 oder 40 Mal in diesen MRT-Geräten, aber bei dieser Untersuchung war es das erste Mal, dass ich vorsichtig sagen würde: »Gott ist mir in der Röhre in besonderer Weise begegnet!« Ein Teil von mir bleibt immer skeptisch, ob das nicht doch nur meine eigenen Gedanken waren. Aber in diesem Fall glaube ich das, was mir passiert ist: das Reden Gottes.
Gott begegnet mir … durch einen Bibeltext
In dieser persönlichen Krise ist mir bewusst geworden, was für mich richtig schlimm wäre: Wenn ich gar nichts mehr tun könnte, wenn ich nicht mehr die Dinge vorantreiben könnte, die mir am Herzen liegen.
Für mich war es immer wichtig, etwas zu bewirken. Generativ zu sein, etwas zu hinterlassen, das bleibt und über mich hinausgeht. Deswegen auch das Schreiben und Dokumentieren. Und schon immer, das hatte ich quasi mit der Muttermilch eingesogen, wollte ich auch für Gott etwas bewirken, für ihn auf dieser Welt etwas tun. Als Jesus-Nachfolger die Dinge tun, zu denen er uns anstiftet. Das war schon immer mein Wunsch und ist es noch heute.
Mein Problem: Wenn ich ehrlich war, konnte ich nie so wirklich auseinanderdividieren, was ich denn nun für mich und mein Image tat und was ich für Gott und seine Ehre gemacht habe. Einen guten Artikel geschrieben, der anderen geholfen hat. Gott kommt dadurch zum Zuge – und (Schulterklopfen!) ich war der Autor! Lange Zeit litt ich daran, dass es sich bei mir – nach meinem Gefühl – immer mischte, wem Ehre und Ansehen zukämen, Gott oder mir.

Irgendwann begegnete ich dem Jesuswort in Johannes 15, das mich seit Jahren begleitet, anfeuert und mir hilft, mein Verwobensein mit Jesus besser zu verstehen. Das Wort vom Weingärtner, dem Weinstock und der Rebe.
Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, die nimmt er weg; und jede, die Frucht bringt, die reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.
Bleibt in mir und ich in euch! Wie die Rebe nicht von sich selbst Frucht bringen kann, sie bleibe denn am Weinstock, so auch ihr nicht, ihr bleibt denn in mir. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun.
Johannes 15,1-5
Gottesbegegnung ist im Sinne dieses Bibelwortes für mich heute viel eher eine Gottesverbindung. Noch genauer: Eine Jesus-Verbindung. Er in mir, ich in ihm. Die Rebe bleibt am Weinstock, das ist der einzige für sie sinnvolle Ort. Nur in diesem Zusammenspiel entsteht guter Wein.
Er in mir, ich in ihm. Diese Verbundenheit kann ich nicht erklären und muss ich nicht auseinanderdividieren. Aber eines weiß ich: Ohne Jesus kann ich nichts tun. Und mit ihm? Wer weiß, was noch kommt …
| Martin Gundlach |
| (*1965) ist Redaktionsleiter im SCM Bundes-Verlag in Witten, Chefredakteur von Family und Autor sowie Herausgeber einiger Bücher. Er ist verheiratet mit Anja und Vater von drei erwachsenen Töchtern. |
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SUSANNE TOBIES
Eine Frage der Liebe
Als ein mittleres Kind von fünf Geschwistern und aufgewachsen in einem turbulenten großen Handwerkerhaushalt mit Opa, Tante und Cousin musste ich schon immer flexibel sein. Ich hatte früh gelernt, mich anzupassen, und das kam mir durchaus in meinem weiteren Leben zugute: Verschiedene Umstände brachten öfter örtliche, berufliche oder familiäre Veränderungen mit sich, in die ich mich willig einfügte und das Beste herauszuholen wusste. Ich war immer bereit, den Faden eines verwirrten Knäuels, das mir das Leben vor die Füße warf, aufzunehmen und neu aufzuwickeln. Und das kam häufiger vor. Doch es gab eine Phase, die mir alles abverlangte und mich in die größte Krise meines Lebens katapultierte.
Anfang der 1990er-Jahre entschied sich mein Mann mit meiner ungeteilten Zustimmung, sich als Grafiker mit einer Werbeagentur selbstständig zu machen. Schon jahrelang hatte er sich nebenberuflich viel mit Werbung und Grafik beschäftigt, gute Ideen gehen ihm niemals aus – ein kreativer Kopf. Wir wussten um das Risiko, es in unserer kleinen Stadt zu wagen, umgeben von Elbe, Nordsee und viel grünem Hinterland. Doch der Schritt war nicht unüberlegt, und wir hatten nach viel Gebet und Gesprächen mit Freunden das Gefühl, grünes Licht von Gott zu bekommen.
Aber dann kam die Ent-Täuschung. Zu wenige Aufträge, um unsere fünfköpfige Familie zu ernähren. Zwei Jahre kämpften wir ums Überleben, dann traten wir die Flucht nach vorne an: Wir ergänzten die Ein-Mann-Werbeagentur um eine kleine Druckerei samt Wohnhaus, in das wir einzogen, übernahmen die vier Angestellten – und hatten auf einmal eine riesige Verantwortung. Doch trotz oft 16-stündiger Arbeitstage lagen die Einnahmen immer hinter den Kosten für Angestellte, Haus und Druckerei zurück. Kreativsein und Fleiß reichten einfach nicht aus. Zum einen war das kaufmännische Wissen bei uns nicht sehr ausgeprägt, zum anderen war in unserer kleinen Stadt der Markt nicht besonders groß. Dazu kam damals der große Umbruch im Printbereich: Mehr und mehr Personal Computer eroberten die privaten Haushalte, man stellte selbst Geburts- und Hochzeitsanzeigen, Flyer und kleine Plakate her. Die edlen individuellen Karten mit Umschlägen, die aufwändig gestalteten Prospekte und hochwertige Broschüren waren nicht mehr so gefragt.
Für uns war es eine Zeit, in der wir verzweifelt kämpften, schufteten, uns noch mehr einschränkten, obwohl wir schon immer bescheiden lebten. Ich wusste oft nicht, wie ich das nächste Paar Schuhe für die Kinder finanzieren sollte – und sie wuchsen so schnell. Komischerweise blieb mir aus der Zeit hauptsächlich in Erinnerung, dass ich damals jeden Geldbetrag in Kinderschuhe umrechnete …
Freunde halfen aus, wofür wir dankbar waren, aber es war zugleich eine weitere demütigende Erfahrung. Unser Stolz auf unsere harte Arbeit, auf eigene Leistung wurde gebrochen. Und es nützte nichts. Nach weiteren zwei Jahren mussten wir den Tatsachen ins Auge sehen: Die Druckerei würde sich niemals tragen. Wir verkauften Haus und Inventar mit großem Verlust und zogen ins Haus meiner Eltern.
Vertrauensverlust
Die folgende Zeit der Arbeitssuche war für meinen Mann und mich gekennzeichnet von existenziellen Zweifeln und Vertrauensverlust gegenüber Gott. Hatten wir nicht gerungen darum, seinen Willen zu erfahren? Hatte er nicht seine Zustimmung gegeben? Hatten wir ihm nicht immer treu gedient, viel Zeit und Arbeitskraft in sein Reich investiert? Was sollte das? War Gott überhaupt auf unserer Seite? Wir wussten einfach nicht mehr, ob Gott der liebende Gott war, den die Bibel uns anpries. Keines unserer vielen Gebete war erhört worden. Wir quälten uns mit Fragen, doch das große Schweigen Gottes dauerte an.
In welche Richtung wir auch blickten, es gab zu dem Zeitpunkt kein Fortkommen, kein »… hinterm Horizont geht’s weiter …« – obwohl dieses Lied von Udo Lindenberg damals das einzig tröstende für mich war, eines, das meine verstörte Seele wirklich erreichen und berühren konnte. Dabei war es nicht einmal ein christliches Lied. Wir standen auf der Stelle. Es ging nicht vor und nicht zurück. Wir waren wie gelähmt.
Ein Missverständnis?
Das Neue Testament erzählt öfter von gelähmten Menschen – oftmals ja nicht nur ein körperlicher, sondern auch ein seelischer Zustand. Eine Geschichte spricht mich besonders an:
Da kamen vier Männer, die einen Gelähmten auf einer Matte trugen. Es gelang ihnen nicht, durch die Menge zu Jesus vorzudringen, deshalb deckten sie das Dach über ihm ab. Dann ließen sie durch die Öffnung den Kranken auf seiner Matte hinunter. Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: »Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.«
Markus 2,3-5
Da liegt er nun, der Gelähmte, und es ist doch für alle Augen offensichtlich, was er braucht. Er braucht Heilung von seiner Krankheit! Deswegen haben ihn ja seine Freunde zu Jesus gebracht: weil sie gehört haben, dass Jesus hilft und heilt. Aus keinem anderen Grund sind sie gekommen und haben die Mühen auf sich genommen. Ist doch sonnenklar.
Aber was macht Jesus? Er spricht mit dem Gelähmten und sagt: »Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!« Das muss für die Betroffenen und Zuschauer wie ein Schock gewesen sein – ein großes Missverständnis! Wegen seiner Sünden war der Gelähmte doch nicht zu Jesus gebracht worden! Er wollte wieder laufen können, sich bewegen können, vielleicht erstmals einer Arbeit nachgehen können. Er wollte von den Fesseln seiner Krankheit befreit werden und ein normales Leben führen.

Ja, das wollte ich auch. Ein normales Leben führen. Bescheiden, aber mit ausreichendem Einkommen. Ohne die Demütigung des vermeintlichen Versagens. Ohne die kräftezehrenden Turbulenzen, die Traurigkeit, die Enttäuschung, die das Geschehen mit sich gebracht hatte. So ging es mir ja oft: Ein offensichtliches Problem beschäftigte mich und ich betete: »Jesus, hilf mir! Du kannst alles! Du kannst helfen, das Problem zu beseitigen!« Und ich wusste genau, was Jesus tun sollte, hatte genaue Vorstellungen davon, auf welche Weise Jesus helfen sollte.
Doch manchmal handelt Jesus anders, als wir es erwarten. Denn er sieht tiefer. Er sieht, was unsere wahren Bedürfnisse und Nöte sind, die manchmal so sehr in uns vergraben sind, dass wir sie selbst nicht erkennen. Er sieht, was im wahrsten Sinn des Wortes wirklich not-wendig ist.
So geschah es dem Gelähmten. Jesus sah in sein Herz. Was er zuallererst brauchte, war, frei von Sünde zu werden. Und dann erst frei von Krankheit. Jesus schaut tiefer. Er schaut nicht nur auf den Körper, er schaut nicht nur auf äußere Lebensumstände, sondern er blickt in unsere Seele. Er sieht, was wir wirklich brauchen, um heil zu werden, was unsere allertiefste Sehnsucht ist. Und auf dieser Ebene will er mit uns in Kontakt kommen.

So geschah es auch bei mir. Auch in mein Herz hat Jesus tief geschaut. Ein trauriger Höhepunkt in der damaligen notvollen Zeit war für mich eine schlaflose Nacht, als ich Gott anschrie: »Ich glaube dir gar nichts mehr! Du bist nicht vertrauenswürdig! Du bist nicht die Hilfe in der Not! Alles Lüge!« Das Paradoxe war: Ich kündigte Gott mein Vertrauen auf, klagte ihn an – aber gleichzeitig klammerte ich mich immer noch an ihn. Ich wandte mich in aller Ehrlichkeit und Schutzlosigkeit, mitten in all meinen Zweifeln und meiner fassungslosen Wut direkt an ihn. Wohin auch sollte ich sonst gehen? Er war die Adresse meines Zorns, meiner Verwirrung und Hilflosigkeit. Er blieb mein Bezugspunkt. Und darauf antwortete er mir endlich. Zuerst kam ein großer Friede über mich, wie ich ihn schon lange nicht erlebt hatte. Er blieb bei mir nicht nur in dieser Nacht, sondern auch am folgenden Tag und die kommende Woche über und immer weiter – obwohl sich an unserer Situation nichts geändert hatte. Ich konnte es mir selbst nicht erklären. Diese innere Ruhe war von da an meine Begleiterin.
Picknick mit Gott
Wenige Wochen später, an einem kalten, nebligen Februartag, fuhr ich spontan an einen einsamen Strand in meiner Heimatstadt. Ich hatte gerade eingekauft, hatte noch ein wenig Zeit und dachte: Ich mache jetzt ein Picknick mit Gott. Mit Orangensaft und Keksen. Verrückte Idee. Aber Picknick war für mich immer ein Synonym für ein Stück heile Welt: in der Natur sein, Ruhe haben, Gemeinschaft erleben, genießen. Ich saß auf kalten Steinen und blickte auf das graue Meer, auf den grauen Horizont, den schweren grauen Himmel, dann nahm ich meine kleine Gideon-Bibel aus meiner Handtasche und schlug aufs Geratewohl irgendeine Stelle auf. Es war Römer 5,2-5:
… und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. (LUT)
Diese Verse hatte ich vorher nie recht verstanden. Bedrängnis bringt Geduld? Mir sicher nicht. Und ich rühme mich schon gar nicht meiner Bedrängnisse. Bedrängnisse sind einfach nur schrecklich, und ich will sie so schnell wie möglich hinter mir lassen. Ich kenne niemanden, bei dem das anders wäre.

Aber: Etwas passierte in diesem Moment. Indem ich den Vers las, wurde er wahr. Die Liebe Gottes wurde ausgegossen in mein Herz. Das bedeutete: Ich wusste auf einmal mit absoluter Klarheit und Sicherheit, dass Gott mich liebt. Mich. Trotz unserer Situation. Einfach so. Ohne jeden Zweifel. Es war kein Gefühl, keine plötzliche Wärme oder Gespür für Gottes Gegenwart, wie manche Christen es von einer besonderen Gottesbegegnung berichten. Es war eher ein exaktes Wissen im Kopf und im Herz, eine klare Eindeutigkeit mit einer lebendigen Schärfe.
Mit diesem Geschehen lebte auch die Hoffnung wieder in mir auf, inmitten unserer Bedrängnis. Heute denke ich: Meine Bewährung bestand wohl darin, letztlich doch bei Gott geblieben zu sein. So, wie ich gerade war, so, wie ich gerade fühlte, mit all diesen schwierigen Gedanken und Emotionen. Und nicht einmal das hatte ich mir selbst zu verdanken. Jesus hat mich gehalten, obwohl ich es damals nicht spürte. Und meine neu aufkeimende Hoffnung hat er nicht enttäuscht: Er hat dann in der folgenden Zeit Stück für Stück mein teils verzerrtes Gottesbild zurechtgerückt, meinen Kinderglauben erwachsen werden lassen, meine verwundete Seele geheilt. Viele kleine Schritte waren noch dazu nötig. Aber die Grundlage war gelegt.
Mein Mann hat in der Zeit seine ganz eigene Geschichte der Wiederherstellung seiner Gottesbeziehung erlebt. Er bekam später wieder eine Arbeit, in der er auch heute seit über 25 Jahren noch steht, wir waren wieder gut versorgt, konnten nach Jahren sogar wieder ein Eigenheim erwerben … Für uns ein Wunder, ein großes Geschenk, für das wir sehr dankbar sind.
Die entscheidende Frage
Was ist, wenn unser Leben nicht so läuft, wie wir uns das vorgestellt haben? Wenn etwas furchtbar schiefgeht? Je länger der Weg, desto mehr Probleme scheinen sich manchmal anzuhäufen. Und dann beginnen wir mit Gott zu verhandeln: »Ich habe dir doch alles gegeben, mein Leben, meine Kraft, meine Anstrengungen! Dafür musst du mir aber auch geben, was ich brauche, und zwar …« Wir wissen schon, was Gott tun sollte, wäre doch ein Leichtes für ihn! Aber da kommt nichts. Und irgendwann spüren wir nicht mehr, dass Gott überhaupt da ist. Er scheint sich von uns abgewendet zu haben. Hat sich auf keinen Handel mit uns eingelassen. Und wir kündigen ihm unsere Freundschaft, unser Vertrauen, gehen in die innere Emigration.
Heute bin ich überzeugt: Die größte Herausforderung für Christen besteht nicht darin, moralisch einwandfrei zu leben, ihn mit unserer Arbeit und unserem Einsatz zu ehren oder Menschen für ihn zu gewinnen. Die größte Herausforderung liegt darin, Gott dann weiterhin zu vertrauen, wenn sich alles gegen uns wendet. Sich auf ihn und seine Liebe zu uns unverbrüchlich zu verlassen, wenn unsere Träume platzen, uns Wege verbaut sind, uns Türen vor der Nase zuknallen, Prüfungen daneben gehen, wir geliebte Menschen verlieren, wenn Krankheiten zuschlagen, wir von Freunden oder Partnern verlassen werden.
»Liebst du mich?«, fragt Jesus Petrus, nachdem der ihn verraten hatte und Jesus den Tod erlitten hatte und auferstanden war. Mitten in Petrus’ Enttäuschung über den Verlauf der Dinge und auch über sich selbst wird er mit dieser Frage konfrontiert.
Wir können Gott viele Fragen stellen und tun das auch. Nicht immer gibt es Antworten. Aber es gibt diese eine Frage, die Gott uns stellt: »Liebst du mich?« Das ist die entscheidende Frage – immer. Es geht um unsere Beziehung mit Gott, nicht um einen Tauschhandel. Es geht um Liebe.
Ist dann Gottes Versorgung egal? Seine Hilfe egal? Sicher nicht. Aber Gott ist unerschütterlich an unserer Seite auch in schwierigen Zeiten, selbst wenn wir ihn nicht spüren – und das ist ja oft der Fall, wenn wir mitten in Krisen stecken. Aber er hat die Situation fest im Griff. Er gibt uns mitten in unseren Problemen das, was wir wirklich brauchen, nicht unbedingt das, was wir meinen zu brauchen – und das zu einer Zeit, die er bestimmt.
C. S. Lewis hat einmal bemerkt, dass »jede Geschichte der Bekehrung eine Geschichte der gesegneten Niederlage ist«.2 Ja, bei mir stimmte das. Ich war zwar schon zu Gott bekehrt, aber in gewisser Weise noch nicht zu seiner Liebe. Ich brauchte diese »gesegnete Niederlage«, um seine umfassende und zugleich individuelle Liebe wirklich zu begreifen. Ich brauchte das Wissen, dass Gott mich als die, die ich bin, liebt. Dringend. Denn dessen war ich mir vorher nie ganz sicher gewesen. Wie auch, erlebte ich mich doch immer nur als »eine unter vielen« – meine Kindheitserfahrung schien dagegen zu sprechen, dass ich als einzelne individuelle Persönlichkeit wahrgenommen und geschätzt würde. Doch anders als es Menschen möglich ist, schenkt Gott seine liebevolle Aufmerksamkeit ungeteilt jedem und jeder Einzelnen. Und seit der Heilige Geist Gottes Liebe in mein Herz gesenkt hat, ist dieses Wissen nicht mehr erschüttert worden, obwohl wir noch so manche Lebensturbulenzen durchstehen mussten.
Es geht nicht immer geradeaus, das Leben ist oft verwirrend und manchmal regelrecht feindselig. Finstere Täler, durch die wir gehen müssen, bleiben nicht aus. Wir geraten in Schwierigkeiten. Aber ich habe in Jesus einen Weggefährten, der das alles mit mir gemeinsam durchsteht, denn er liebt mich. Und ich liebe ihn.
| Susanne Tobies |
| (*1958) ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und fünf Enkeltöchter und arbeitet als Redaktionsassistentin bei AUFATMEN in Cuxhaven. Sie ist Mitglied der Freien evangelischen Gemeinde Cuxhaven und der seit 1983 bestehenden Lebensgemeinschaft WegGemeinschaft, die das Tagungszentrum Dünenhof verantwortet. |
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THOMAS HÄRRY
Das Beste wollen kann ein Irrweg sein
Letzte Woche verbrachte ich mit meinen Lesefreunden wie jedes Jahr zwei gemeinsame Tage. Seit bald 20 Jahren lesen und diskutieren wir Literatur verschiedenster Autoren und Sachgebiete. Unterwegs sind wir richtig gute Freunde geworden. Diesmal diskutieren wir das Werk eines Unternehmensberaters. Wir investieren aber auch zunehmend Zeit ins persönliche Erzählen. Weil einer von uns gerade vor einer wichtigen Entscheidung steht, planen wir ein zweistündiges Klärungsmeeting. Bei diesem auf die Quäker zurückgehenden Tool geht es darum, dass eine Gruppe einer Person hilft, in einem bestimmten Lebensbereich eine gute Entscheidung zu treffen. Dabei verzichtet die Gruppe auf Ratschläge oder andere Formen der Einflussnahme. Erlaubt sind nur offene Fragen, die aus dem Hören auf Gott gestellt werden.
Der Mann mit der offenen Entscheidung bin diesmal ich selbst. Ich nehme regelmäßig an solchen Klärungstreffen teil, meist als hörender Fragesteller. Beinahe jedes Mal ereignet sich etwas nicht Planbares. Im Verlauf des Hörens, Fragens und Antwortens entsteht eine geradezu heilige Atmosphäre, in der sich überraschende Perspektiven auftun. Oft gibt es Tränen, weil die nach Klärung suchende Person unerwartet stark berührt wird oder unvermutet ein Schmerz an die Oberfläche kommt, der tief im Inneren dieser Person verborgen war. So geschieht es auch mir. Im Vorfeld dachte ich: »Bei mir wird es keine Tränen geben. Dazu ist mein Thema viel zu nüchtern – und ich bin es auch.« Von wegen! Am Ende dieses Meetings hielt ein erschöpfter, von Gottes Berührung getroffener Thomas ein tränenfeuchtes Taschentuch in der Hand …
Die Forderung nach dem besten Weg
Oft zeigt sich bei solchen Klärungsmomenten noch etwas anderes: So sehr wir auch um den richtigen Weg ringen – es kann dabei nicht darum gehen, dass wir irrtumslos die allerbeste aller möglichen Optionen wählen. Dieser Anspruch ist irreführend. Unser bester Weg ist nicht die Folge unserer Wahl der besten Option. Besser als der beste Weg ist es, ein in Gott eingesunkenes Herz zu haben. Angewendet auf wichtige Entscheidungen heißt das: Wer die beste Entscheidung treffen will, macht womöglich den größten Fehler. Er überschätzt oder verkrampft sich. Meint womöglich, bei Gott zählten Fehler gleich wie Sünden und wären schwere Segensbremsen. Doch diese Vorstellung ist der Bibel fremd. Damit treffen wir schlechtere, nicht bessere Entscheidungen.
Die Sache beschäftigt mich seit Langem: Wie treffen wir Christen gute Entscheidungen? Anlass dazu waren Momente der Ratlosigkeit vor verschiedenen Weggabelungen meines Lebens: Sollen wir den Lebensort wechseln? Ein Haus kaufen? Ein Jobangebot annehmen? Oder als Leitungsteam: Welchen Bewerber nehmen wir für diese Stellen? Sollen wir als Kirche einen zweiten Gottesdienst einführen? Eine Quartierarbeit beginnen? Immer wieder habe ich in solchen Momenten die Bibel studiert. Gebetet. Gute Bücher und Artikel gewälzt. Gerade kürzlich las ich bei einem geschätzten Autor, wie wichtig es für Christen sei, in solchen Fragen nicht bloß eine gute, sondern die beste Entscheidung zu treffen. Er setzte den Anspruch, dass wir uns niemals mit weniger als dieser einen besten Option zufriedengeben sollten.
Ich respektiere diesen Mann. Diesen Anspruch aber halte ich für falsch, sogar gefährlich. Er setzt uns unter Druck: Was, wenn ich im Nachhinein feststelle, dass ich zwar keine schlechte, aber doch nicht die beste Entscheidung getroffen habe? Und wie frustrierend, wenn sich im Rückblick herausstellt, dass sie sogar falsch war? Dann habe ich mit dieser Grundhaltung ein echtes Problem. Wer in allen Lagen des Lebens von sich selbst und anderen die beste Entscheidung einfordert, pflegt ein überhöhtes Menschenbild. Er suggeriert, wir seien jederzeit fähig, eine ideale Entscheidung zu treffen.
Entscheiden auf Sicht
Die Realität ist eine andere. Spätestens seit der Corona-Epidemie ist es klar: Unser in vielerlei Hinsicht wohlgeordnetes Leben ist weit weniger gesichert als wir denken. Dieses Virus hat uns alle geschüttelt. Von heute auf morgen galt Homeoffice statt Geschäftsbüro. Isolation statt Enkel hüten. Zuwinken statt umarmen. Online-Predigten statt gemeinsamer Gottesdienst. Zu Hause bleiben statt Urlaub am Strand. Ich selber musste innerhalb 24 Stunden alle meine Vorlesungen, Vorträge und Begleitgespräche in digitaler Form weiterführen. Manches ging dabei schief. Die Qualität ließ zu wünschen übrig. Mitten in einem Führungsseminar, das ich leitete, streikte meine Internetverbindung. Ich war raus. Es war das reinste Abenteuer und manchmal purer Stress. Aber es ging ja allen so: Politikerinnen, Schulleiter, CEOs, Chefs, Lehrkräfte, Pastorinnen, Mediziner – alle mussten ihr Programm umstellen. Und auf die Schnelle folgenschwere Entscheidungen treffen, von denen keiner voraussehen konnte, ob es die richtigen waren. Es war (und ist bis heute) in vielen Momenten ein Führen, Handeln und Entscheiden auf Sicht. Im Sturm siehst du nicht weiter als knapp vor die eigene Nase, aber selten, wo der nächste Fels aus dem Wasser ragt. Wo links und rechts ist. Was morgen ist oder in einer Woche.
Wir haben in unserem Entscheiden immer dann eine echte Wahl, wenn die Sicht klar ist. Wenn man genügend Zeit zum Abwägen, Beten, Prüfen hat. Wo aber alles durcheinanderwirbelt und heute nicht mehr gilt, was gestern noch verlässlich war, dort gibt es keine echte Wahl. Wer in solcher Lage Kapitän ist, muss trotzdem entscheiden. Muss sich ins Ungewisse wagen. Darf nicht tatenlos bleiben, denn damit wäre das Ende gewiss. Eine Wahl haben und entscheiden ist also nicht dasselbe. Manchmal muss man entscheiden – ohne die Voraussetzungen einer echten Wahl. Was für eine Last, wenn nun Christen von sich und anderen fordern, sie müssten auch jetzt die beste, also die zweifelsfrei richtige Entscheidung treffen. Der katholische Theologe Karl Rahner soll gesagt haben: »Zum Glück gibt es das nicht, was viele Christen für Gott halten.« Dasselbe lässt sich über gute Entscheidungen sagen – Bibel sei Dank.
Mit Sorgfalt – und dennoch unvollkommen
Gottes Wort ist voller Geschichten über unvollkommene Menschen des Glaubens, die teils gute, teils mittelmäßige und manchmal gänzlich verkehrte Entscheidungen getroffen haben. Gott aber ließ sich nicht davon abhalten, auch diejenigen mit zweifelhafter Trefferquote zu lieben, zu beschenken und an sein Ziel zu bringen. Wir könnten mit Abraham beginnen, der mal kurzerhand mit der falschen Frau ein Kind zeugte. Dann der Lügner Jakob, der Aufschneider Josef, der Ehebrecher David, der Auftragsverweigerer Jona, der Verleugner Petrus, der Verfolger Paulus, die lau gewordenen Epheser, die selbstbezogenen Korinther und all die anderen fragwürdigen Gestalten der Bibel. Wir könnten auch von uns selbst erzählen.
Geben wir es zu: Wer in allen Dingen die beste Entscheidung treffen will, muss scheitern. Die Voraussetzungen dazu sind weder im normalen Leben noch bei uns selbst gegeben. Hinzu kommt: Wer kann mit letzter Sicherheit sagen, was in den gegebenen Umständen die zweifelsfrei beste Entscheidung ist? Am besten für wen? In welcher Hinsicht? Kaum zwei Menschen kommen bei ihrer Einschätzung dazu zur genau gleichen Schlussfolgerung. Wie viel weniger ein Team.
Dies alles setzt nicht das Anliegen außer Kraft, das wir mit aller Sorgfalt an die großen Entscheidungen des Lebens herangehen sollen. Betend, um innere Freiheit ringend, hörend, sorgfältig die Möglichkeiten abwägend. Wir werden dabei aber nie alle Unsicherheiten klären können. Dennoch kommt der Moment der Entscheidung. Wir treffen sie nicht in der Meinung, wir wüssten dabei jedes Mal zweifelsfrei, welches die beste Lösung sei. Wir treffen sie im Wissen darum, dass allein Gott alles durchschaut und wir deshalb ganz und gar auf seine Gnade angewiesen sind. Manchmal ermöglicht uns diese Gnade eine richtig tolle Entscheidung. Oft aber ermöglicht sie uns etwas anderes, nämlich dass Gott uns angesichts einer nicht optimalen Entscheidung ein weiteres Mal vergibt und in Treue mit uns weitergeht.
So erging es mir mit einer meiner inzwischen erwachsenen Töchter. Sie war etwa 16, als sie sich selbst in eine Situation manövrierte, welche uns mitten in der Nacht aus dem Bett holte und uns einen gehörigen Schrecken versetzte. Manche Teenager-Eskapaden können unser elterliches Selbst- und Gottvertrauen zünftig ins Wanken bringen. Ich war so erschrocken, dass ich meiner Tochter einen mehrwöchigen abendlichen Hausarrest verordnete. Jahre später (sie wohnte bereits nicht mehr bei uns) kam mir diese Strafe übertrieben vor. Schuldgefühle meldeten sich: Hast du dein Kind zu hart angefasst? Hättest du mehr mit ihr reden, die Sache verarbeiten sollen? Mehr Verständnis für ihre Situation aufbringen? Hinzu kamen zwei, drei weitere Ereignisse, von denen ich mir nachträglich wünschte, ich hätte ihr gegenüber anderes reagiert.
Vor einigen Wochen trafen wir uns in einer Pizzeria zu einem unserer Vater-Tochter-Abende. Es war Zeit, noch einmal darüber zu sprechen. Gemeinsam gingen wir einige kritische Beziehungsmomente der letzten Jahre durch. Wieder so ein heiliger Moment. Ja, manche damalige Entscheidung erweist sich aus heutiger Sicht als falsch. An mancher Stelle meinte meine Tochter allerdings, dass mein Verhalten richtig gewesen sei und ihr geholfen habe. Dann aber nannte sie andere Momente der Irritation. Momente, von denen ich immer dachte, es sei damals alles bestens verlaufen und ich hätte alles richtig gemacht. Nun stellte sich heraus, dass ich sie, ohne es zu merken, verletzt hatte. Es wurde ein langer Abend in jener Pizzeria. Am Ende feierten wir eine bewegende Versöhnung. Für mich selbst war es nicht nur die Versöhnung mit meiner Tochter, sondern auch mit der Tatsache, dass Eltern niemals alles richtig machen. Selbst dann nicht, wenn sie sich genau das einbilden.
Bonhoeffer und der Wille Gottes
Mir helfen an dieser Stelle die Ausführungen von Dietrich Bonhoeffer. Sein unvollendetes Werk Ethik enthält zwei Kapitel mit den Titeln Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt und Struktur des verantwortlichen Lebens. Bonhoeffer hinterfragt darin unser auf den ersten Blick geistlich wirkendes Ideal, in all unseren Lebensfragen und Entscheidungen den Willen Gottes tun zu wollen. Er vermutet darin eine weniger geistliche Absicht: Wir wollen den letzten Durchblick haben. Gut und Böse zweifelsfrei durchschauen und kontrollieren. Gottes letzte Absichten verstehen.
Bonhoeffer meint, dass dieses Streben die Menschen im Paradies in den Sündenfall getrieben habe. Es hat sie dazu gebracht, vom Baum der Erkenntnis zu essen; von der Frucht, die Gott dem Menschen zu essen verboten hat. Adam und Eva wollten, vom Teufel überredet, an Gottes uneingeschränkter Erkenntnis teilhaben. Ein ähnliches Motiv sieht Bonhoeffer bei manchen Pharisäern zur Zeit von Jesus. Sie wollten sich mit einer bis ins kleinste Detail regulierten Umsetzung des Gesetzes vergewissern, dass sie auch ja in jedem Fall den Willen Gottes taten; die besten Entscheidungen trafen. Auch hier ging es um den letzten Durchblick, verbunden mit dem Bedürfnis, sich gegen das Schuldigwerden abzusichern.
Darin besteht die vielleicht »frommste« Form der Gottlosigkeit. Die Hybris der besonders Gesetzestreuen bestand im Anspruch, vor Gott so ziemlich alles richtig zu machen. Zu denken, so etwas sei möglich. Diese Selbstsicherheit machte sie gleichzeitig zu gnadenlosen Richtern all jener, die sich nicht ebenso entschlossen darum mühten wie sie selbst: Das unbekümmerte Volk, die Sünder, die Unreinen, die Zöllner. Sich selbst wähnten sie auf der sicheren Seite.
Doch gerade sie kritisierte Jesus am schärfsten. Wer Gut und Böse im Griff zu haben meint, macht sich nicht nur zum Richter über andere – er wird selbstgerecht. Der springende Punkt dabei: So löst er sich aus der Abhängigkeit von Gott. Er braucht Gottes Gnade gar nicht mehr, er macht ja alles richtig. Nirgendwo hat Jesus das treffender beschrieben als im Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner in Lukas 18,9-14.
Die Bereitschaft, nicht schuldlos dazustehen
Wenn dies der falsche Weg ist, welchen sollen wir denn gehen? Bonhoeffer verweist uns an dieser Stelle auf die Nachfolge von Jesus Christus. Darin fixieren wir uns nicht auf »richtig« oder »falsch«; wir schauen vielmehr auf Jesus selbst. In der Gemeinschaft mit ihm sollen wir durchaus prüfen, was der Wille Gottes ist. Und auf der Grundlage dieses Prüfens auch Entscheidungen treffen. Aber das letzte Urteil darüber, ob wir dabei den Willen Gottes ganz oder nur teilweise treffen, dürfen wir nicht selbst fällen. Dafür ist allein Gott zuständig. Denn unsere Perspektive ist immer begrenzt; unsere Erkenntnis Stückwerk; unsere Einschätzung selbst dann getrübt, wenn wir uns besonderer Scharfsicht rühmen.
Hinzu kommt, dass wir in den Stürmen des Lebens eben oft nicht wählen, aber dennoch entscheiden müssen. Nur selten sind wir in der komfortablen Lage, dass es dabei um ein klares Abwägen zwischen absolut richtig und absolut falsch geht. Bonhoeffer stand selbst auch vor diesem Dilemma, als er für sich selbst klären musste, ob er die zur Tötung des Führers entschlossene Widerstandsbewegung gegen Hitler unterstützen wollte, oder nicht. Schnell war ihm klar: Ich kann gar nicht vermeiden bei dieser Entscheidung Schuld auf mich zu laden. Wer nichts gegen das Böse unternimmt, wer tatenlos zuschaut, der hat Anteil daran. Wer auf der anderen Seite Hitler mit Gewalt beseitigen will, bricht das Gebot »Du sollst nicht töten«. Es gab keine Option der reinen Weste. Was er auch tat, er machte sich damit schuldig.
Bonhoeffer entschied sich zur Unterstützung des Widerstands gegen Hitler. Das Urteil darüber, ob dies wirklich der bessere der beiden schuldbehafteten Möglichkeiten sei, überließ er Gott. In seiner Ethik schreibt er:
Wer in Verantwortung Schuld auf sich nimmt – und kein Verantwortlicher kann dem entgehen –, der rechnet sich selbst und keinem anderen diese Schuld zu und steht für sie ein, verantwortet sie. Er tut es nicht in dem frevelnden Übermut seiner Macht, sondern in der Erkenntnis, zu dieser Freiheit genötigt und in ihr auf Gnade angewiesen zu sein.3
Als Christ handeln und entscheiden setzte also voraus, sich nicht nur die Hände, sondern auch das Herz schmutzig zu machen. Nicht mutwillig, aber im Wissen darum, dass es letztlich unvermeidbar ist. Dies bejahen können wie aber nur, wenn wir Gottes Vergebungsbereitschaft mehr trauen als unserem eigenen Bemühen um den Willen Gottes.
Vorläufige Entscheidungen
In eine ähnliche Richtung weist Tim Geddert in seinem Buch Verantwortlich leben. Er rät, in umstrittenen, nicht einfach zu klärenden Fragen nach Tradition der Täuferbewegungen zu »binden« und zu »lösen«. Dabei klärt man im Blick auf aktuell gegebene Umstände, wie man darin am besten den Willen Gottes tun kann. Man entscheidet gemeinsam nach bestem Wissen und Gewissen; im Hören auf Gott und auf sein Wort.
Gleichzeitig verzichtet man auf den Anspruch, die damit verbundene Einschätzung von Gottes Willen sei genauso unveränderlich wie dieser selbst. Die getroffene Entscheidung müsse deshalb für alle nachkommenden Generationen in genau dieser Form gültig bleiben. Nein, denn späteren Generationen von Christen präsentiert sich das geprüfte Anliegen vielleicht unter neuen, möglicherweise ganz anders lautenden Umständen. Dann gilt es wieder zu prüfen, was der rechte Weg sein könnte. Dann stellt sich wieder die Aufgabe, im Hören auf Gott, sein Wort und die Gemeinschaft erneut eine Entscheidung zu treffen. Sie vor Gott und den Menschen zu verantworten. Es ist möglich, dass sich diese Entscheidung von derjenigen der eigenen Mütter und Väter im Glauben unterscheidet. Beide aber haben sich in Demut und Besonnenheit darum bemüht zu prüfen, was gut ist und was der Liebe zu Gott und dem Nächsten am besten Ausdruck verleiht.
Als ich vor vielen Jahren Pfarrer einer Kirchgemeinde wurde, hatte diese Gemeinde einen solchen Prozess hinter sich. Es ging damals um die Frage, ob Frauen Teil der Gemeindeleitung sein und predigen dürfen. Es scheint ja, als würde Paulus beides verneinen (1. Korinther 14,34-35 und 1. Timotheus 2,12). Bisher war das der ausschlaggebende Orientierungspunkt und so leiteten und lehrten hier nur Männer. Andererseits wissen wir, dass Frauen zum erweiterten Jüngerkreis von Jesus gehörten, dass sie als Erste seine Auferstehung verkündeten und in der Urgemeinde Schlüsselaufgaben innehatten. Welche Schlussfolgerungen sollten wir daraus für die heutige Gemeinde ziehen? Meine Kirchgemeinde machte sich auf einen längeren Weg der Entscheidungsfindung. Es gab Bibelabende, Einblicke in die Kirchengeschichte, Diskussionen und Gebete. Am Ende des Ringens einigte man sich darauf, dass die Hauptlast der biblischen Argumente und der damit verbundenen Erwägungen es erlauben würde, dass Frauen und Männer gemeinsam und einander ergänzend leiten und lehren durften.
Es war ein gemeinschaftliches »Lösen« im Hören auf Christus. Keines, das alle Fragen beantwortete und jede Spannung beseitigte. Aber eines, dass man gemeinsam tragen und vor Gott verantworten wollte. So zu handeln ist eine enorme Gratwanderung. Sie bewahrt uns aber vor einem mit der Bibel bewaffneten Absolutismus in den komplexen Fragen des christlichen Glaubens und Lebens.
Mit Sorgfalt und Demut, ohne Angst vor Irrtürmern
Was heißt das im Blick auf unsere Entscheidungen?
1. Wir tun gut daran, den Prozess des Abwägens und Prüfens mit aller Sorgfalt zu gestalten.4
2. Wir tun gut daran zu akzeptieren, dass es in manchen Fragen, die uns umtreiben, keine perfekte, für alle Zeiten gültige, unanfechtbare, perfekte »biblische« Entscheidung gibt.
3. Dennoch entscheiden wir. Betend, auf Gott und aufeinander hörend. Und verantworten unsere Entscheidung. Wenn nötig, korrigieren wir sie. Aber wir manipulieren niemanden, indem wir einfordern, dass er unsere Entscheidung als Gottes ultimativen Willen betrachten müsse. Wir seien uns absolut gewiss, dass es die beste Entscheidung sei. Nein, wir unterscheiden zwischen unseren unvollkommenen Entscheidungen und Gottes unfehlbarem Wort, wie es uns in den Kernaussagen der Bibel begegnet.
Im Buch Widerstand und Ergebung finden wir eine weitere Äußerung Bonhoeffers, die uns an dieser Stelle eine Ermutigung sein kann. Sie tröstet uns in unserer Angst angesichts der Möglichkeit, eine nicht ideale oder gar falsche Entscheidung zu treffen. Bonhoeffer schreibt an seinen Freund Eberhard Bethge:
Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichte Gebet und verantwortliche Taten wartet und antwortet.5
Was für ein Trost inmitten unseres Ringens um gute Entscheidungen!
| Thomas Härry |
| (*1965) wohnt mit seiner Frau in Rombach bei Aarau und hat drei erwachsene Töchter. Er arbeitet als Dozent und Referent für Theologie, Führung und Gemeindeaufbau am TDS Aarau (Höhere Fachschule für Theologie, Diakonie und Soziales) sowie als Autor und Geistlicher Begleiter von Führungskräften. |
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STEFFEN TIEMANN
Der Wald – Mein Freund und Lehrmeister
Bäume gehören für mich zu den inspirierendsten Geschöpfen auf unserer Erde. Ich liebe sie seit meiner Kindheit. Geboren im Ruhrgebiet, wo es fast nur Häuser und Asphalt gab, zog ich mit acht Jahren in die Eifel. Hier lag der Wald vor der Haustür. Er bot uns Kindern unerschöpfliche Möglichkeiten zum Entdecken und Spielen. Ich liebte es, mit meinen Freunden durch den Wald zu stromern, den harzigen Duft der Kiefern einzuatmen, die Rinde von Birken und Buchen zu spüren und auf den dicken Ästen alter Eichen herumzuklettern.
Auch später blieb ich dem Wald freundschaftlich verbunden. Immer wieder war er mir Rückzugsort und Inspirationsquelle. Mein erstes echtes Gebet habe ich in der Einsamkeit des Waldes gesprochen. Es war ein zaghaftes Rufen zu einem mir fremden Gott, der hinter der wunderschönen Schöpfung stecken muss, und es war der Beginn meiner Gottesbeziehung.
Viele Menschen sagen: »Im Wald fühle ich mich Gott näher als in der Kirche.« Es ist schade, wenn man mit so einem Satz Gottesdienst und Natur gegeneinander ausspielt. Doch bei aller Liebe zum Gottesdienst muss ich sagen: Die intensivsten geistlichen Erfahrungen in meinem Leben habe ich tatsächlich bei einsamen Wanderungen im Wald gemacht. Nirgendwo wird mir Gottes Gegenwart so bewusst wie zwischen meinen großen Mitgeschöpfen. Nirgendwo fällt mir das Beten leichter als hier, und auch das Schweigen und das Hören auf Gottes Stimme. Unter den Bäumen kann meine Seele entspannen und still werden. Langsam wie eine Schnecke fährt sie ihre Fühler aus und wird sensibel für die tiefere Realität hinter dem Vordergründigen. Der Wald lässt mich geistlich wach werden.
Im Wald entsteht ein Freiraum für Kreativität. Die Gedanken dürfen hier unbekümmert spielen. Während du läufst, kannst du allen Einfällen und Impulsen freien Lauf lassen, ohne Druck und ohne Zensur. Die Bäume, die dich umgeben, hören deinen wirren Gedanken zu und widersprechen nur selten. Und so können sie sich allmählich klären. Zahllose Predigtideen sind auf diese Weise entstanden. Wenn ich jemandem einen homiletischen Rat geben und den auf einen Satz beschränken sollte, so hieße der: Geh mit dem Bibeltext in den Wald!

Vor einigen Monaten gab es einen Einschnitt in meinem Leben. Nach 19 Jahren Pfarrdienst in einer wunderbaren Gemeinde an der Mosel übernahm ich eine neue Pfarrstelle in Bonn. Der Wechsel war richtig und an der Zeit, doch er war – und ist – herausfordernd. In der alten Gemeinde war ich Routinier, kannte jeden und wusste Bescheid. Nun bin ich plötzlich wieder Anfänger, stehe bei Null. Mühsam versuche ich, mir unbekannte Namen zu merken, Zusammenhänge zu verstehen und Orientierung zu gewinnen. Zudem sind wir familiär für eine Weile auseinandergerissen. Während meine Frau und unser Sohn noch an der Mosel leben, hocke ich die Woche über meist allein im großen Pfarrhaus. Das ist alles nicht einfach. Doch auch in dieser Situation tut mir der Wald gut.
Einer der vielen Gründe, weshalb ich mich auf diese Gemeinde beworben habe, ist nämlich ihre fantastische Lage. Sie liegt genau an der Grenze zwischen Stadt und Wald. Gleich hinter der Kirche erstreckt sich der Kottenforst, ein riesiges Waldgebiet, in dem man stundenlang laufen kann. Mit wenigen Schritten kann ich in die Stille des Waldes eintauchen. Hier komme ich innerlich zur Ruhe. Hier kann ich die täglich neuen Eindrücke verarbeiten, aufkommende Fragen vor Gott durchdenken und Frust bei ihm abladen. So wendet sich der Fokus ab von den Problemen, hin zum Vater und Schöpfer aller Dinge. Im Wald finde ich meine Balance wieder.
Und noch etwas geschieht an diesem Ort: Wenn ich durch den Forst laufe und die Bäume betrachte, werden sie mir zu Lehrmeistern. Schon in der Bibel werden uns hier und da Bäume als Vorbilder präsentiert, von denen wir lernen können. Was lehren mich also diese prächtigen Geschöpfe?
Geduld und Widerständigkeit
Bäume lehren mich Geduld. Die alten Eichen und Buchen im Kottenforst strahlen Ruhe aus. Alles Hektische ist ihnen fremd. Tolkien hat in seinem Fantasy-Roman »Der Herr der Ringe« die Figuren der »Ents« geschaffen. Es sind baumartige Riesen, unerträglich langsam und gemächlich, aber enorm stark. Damit hat er treffend den Charakter der Bäume skizziert. In aller Ruhe stehen sie da, wachsen ganz allmählich und erreichen doch auf diese Weise eine gigantische Größe.
So gerne würde ich in der neuen Gemeinde Dinge verändern: Mehr Angebote für Kinder und Jugendliche. Erneuerung der Liturgie. Neue Gottesdienstformen. Den Mitarbeiterkreis vergrößern. Ein Konzept für die Öffentlichkeitsarbeit. So viele offene Türen sind da! So vieles, was passieren könnte und müsste! Die Bäume flüstern mir zu: Lass dir Zeit! Du kannst die Gemeinde nicht von heute auf morgen verändern. Geistliche Entwicklungen brauchen einen langen Atem. Glaube, Liebe und Hoffnung wachsen wie die Bäume. »Geduld aber habt ihr nötig, auf dass ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt« (Hebräer 10,36; LUT), sagt uns schon die Bibel und unterstreicht damit die Botschaft des Waldes.
Die Bäume lehren mich Widerständigkeit. Wenn man bei Wind durch den Wald geht, sieht man, wie oben die Kronen der Bäume hin- und herschwanken. Die Kraft des Windes biegt, aber bricht sie nicht – wenn sie gesund sind. Unser Alltag ist meist ziemlich windig. Unterschiedliche Kräfte wirken auf uns ein. Chefs, Kolleginnen, Kunden machen Druck. In der Gemeinde ist es nicht viel anders. Menschen wollen ihre Interessen durchsetzen, beanspruchen deine Unterstützung oder beschweren sich über Missstände. Der Wind weht dir scharf um die Ohren.
Von meinem Naturell her bin ich ein Harmoniemensch. Konflikte mag ich überhaupt nicht und gebe deshalb manchmal zu schnell nach. Bei den Bäumen lerne ich, was Widerständigkeit ist. Es meint keine Sturheit; kein starres Beharren auf Positionen. Zuhören und Verständnis zeigen ist wichtig, Beweglichkeit ist nötig und manchmal ist das Nachgeben richtig. Wir alle machen ja Fehler, brauchen die Bereitschaft zur Korrektur und müssen Kompromisse finden. Aber wir sollten uns nie von den Agenden anderer Leute treiben lassen, von ihren Erwartungen verbiegen lassen oder vor ihren Forderungen einknicken. Es gehört zum Erwachsenwerden im Glauben, dass »wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen« (Epheser 4,14; LUT), sondern standhaft bleiben – wie die Bäume.
Verwurzelung und Großzügigkeit
Standhaft können die Bäume aber nur sein, weil sie Wurzeln haben. Das ist die dritte Lektion, die mich unsere großen Mitgeschöpfe lehren. Ein Freund von mir ist Förster. Bei einem Waldspaziergang sagte er mir einmal: So groß wie die Krone der Bäume oben ist, so groß sind auch die Wurzeln unten. Ein riesiges Geflecht von Wurzelwerk, verborgen in der Erde. Wurzeln, die sich tief in den Boden strecken, immer weiter vordringen und die so dem Baum Halt und Nahrung geben. Und die Bäume erinnern mich: Auch du brauchst Wurzeln! Auch du lebst aus verborgenen Quellen!
Gesegnet ist der Mann, der sich auf den Herrn verlässt und dessen Zuversicht der Herr ist. Der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hin streckt.
Jeremia 17,7-8; LUT
Mich ausstrecken nach Gott. Bei ihm meinen Halt und meine Nahrung suchen. Und das mitten im alltäglichen Gerödel. Darauf kommt es an. Wie bei den Bäumen besteht auch in geistlichen Dingen eine Relation zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen. Mein Glaube kann nur in dem Maß sichtbare Gestalt gewinnen, wie er im Unsichtbaren verwurzelt ist. Eine Gemeinde kann nur in dem Maß in die Höhe und Breite wachsen, wie die einzelnen Glieder in die Tiefe wachsen. So richtet ein Gang durch den Wald meine Prioritäten neu aus.
Im Wald lerne ich Großzügigkeit. Wenn man im Herbst auf den Waldboden schaut, ist er übersät mit Eicheln, Bucheckern und Samen aller Art. Die Bäume geben milliardenfach ihre Früchte ab. Nur ein winziger Bruchteil davon geht auf. Aber die Bäume kümmert es nicht. Sie geben gern und reichlich. Wer aufmerksam die Natur anschaut, dem raunt sie zu: Sei großzügig und knausere nicht! Teile Gottes Liebe freigebig an andere Menschen aus, in Worten und in Taten, ohne zu rechnen und ohne auf den Erfolg zu schielen! Gib seine Güte weiter, auch wenn vieles nicht aufgeht!
Es geht nicht darum, dass wir – insbesondere wir Pastoren – dauernd von Gott plappern. Sondern es geht um eine Herzenshaltung der Großzügigkeit. Wenn in einer Gemeinde oder im persönlichen Umfeld die Resonanz auf das Evangelium ausbleibt, dann kann das dazu führen, dass ich vor den Menschen mein Herz verschließe. Das ist eine ganz natürliche Reaktion, ein Selbstschutz. Ich werde vorsichtiger, fange an zu kalkulieren: Lohnt es sich, hier meinen Mund aufzumachen? Bringt es das jetzt, diesem Menschen zu helfen? Die Bäume ermutigen mich, diese berechnenden Gedanken abzulegen und mein Herz wieder zu öffnen. Gott knausert nicht mit seiner Liebe und darum will ich es auch nicht tun. Denn irgendwo, irgendwann wird sein Same aufgehen und Frucht bringen. Im Gleichnis vom Sämann erzählt Jesus eine Geschichte, die in dieselbe Richtung geht. Hätte er unsere Wälder gesehen, dann hätte er statt vom Sämann vielleicht das Gleichnis von der großzügigen Eiche erzählt.
Hoffnung
Es gibt so vieles, was der Wald uns beibringen kann. Eine Sache will ich noch nennen. Die Bäume stärken meine Hoffnung. Manchmal sehe ich im Wald einen gefällten Baumstamm liegen, aus dessen Stumpf ein neuer Sprössling hervorwächst. Es ist ein Hoffnungsbild, das schon in der Bibel vorkommt: »… es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.« (Jesaja 11,1; LUT). Aus dem umgehauenen Königshaus Davids wird ein neuer Gesalbter hervorgehen! Es ist ein Hoffnungsbild für Israel und für die Welt, aber auch eine Vision für mein eigenes Leben. Wenn ich mir so einen Stumpf anschaue, denke ich: Eines Tages wird mein Leib gefällt. Eine Krankheit oder ein Unglück wird ihn umhauen. Doch das ist nicht das Ende. So wie dieser kleine Spross aus dem Baumstumpf herauswächst, so wird dir Gott ein neues Leben schenken in einer neuen Leiblichkeit in seiner Welt. Weil wir mit Jesus, dem Auferstandenen, dem Lebensbaum, verbunden sind, wird aus dem Tod neues Leben sprießen.
Geduld und Widerständigkeit, Verwurzelung, Großzügigkeit und Hoffnung – was die Bäume mich lehren, sind keine neuen Erkenntnisse. Wir finden dasselbe überall in der Schöpfung, und wir finden es vor allem in der Heiligen Schrift. Aber die Bäume machen mir das, was Gottes Wort sagt, anschaulich. Ich kann diese Wahrheiten an ihnen sehen und spüren. Und so dringen sie tiefer in mein Herz ein. Darum liebe ich den Wald und seine Bäume. Wer weiß, was sie mich in Zukunft lehren werden.
| Steffen Tiemann |
| (*1962), verheiratet mit Birgit und Vater von zwei Söhnen, ist seit Kurzem Pfarrer der Auferstehungsgemeinde in Bonn. Neben Wanderungen durch den Wald liebt er Radfahren und Tischtennis sowie spannende Bücher bei einer guten Tasse Tee. |
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DR. HEINRICH C. RUST
Zwischen Krypta und Kathedrale – Heilige Momente in meinem Leben als Beispiel-Geschichte erzählt
Die Uhr konnte der kleine Junge schon lesen. Und doch vergaß er die Zeit in solchen Momenten. Versonnen und verträumt lag er da, lang ausgestreckt auf der blühenden Frühlingswiese vor dem Elternhaus, und schaute den pausbäckigen weißen Wolken am Himmel hinterher. »Wie groß ist der Himmel wohl?«, hörte er sich flüstern. Leise summte er sein Lieblingslied aus dem Kindergottesdienst. »Hältst Du wirklich alles in deiner Hand, lieber Gott? Auch die Wolken? Die fliegen doch weg!«
Es war still und er schloss die Augen, um besser zu hören. Da trillerten die Vögel in den Bäumen und auch ein vorbeituckernder Trecker störte nicht. »Ob Gott wohl heute mit mir redet?«– Er richtete sich etwas auf und rief in den Himmel: »Hältst Du auch mich in Deiner Hand, lieber Gott? Wie machst Du das bloß?« Er spürte die Erde, die ihn trug. Stille.
»Bübchen, kommst du, das Mittagessen ist fertig!« Die vertraute Stimme der Mutter weckte ihn aus seinen träumerischen Gedanken. Auf dem Weg ins Elternhaus griff er in seine Hosentasche und holte seine drei gläsernen, bunten Lieblingsmurmeln hervor. Er schmunzelte, weil er sie immer mit seinem Großvater, seinem Vater und sich selbst verglich. Sie waren zwar unterschiedlich groß, gleichwohl sahen sie sehr ähnlich aus. Heiners Papa nannte man Heini und der Opa war Heinrich, aber eigentlich hatten sie alle den gleichen Namen. Doch die meisten nannten den Kleinen einfach »Bübchen«. Würde er auch »Bübchen« heißen, wenn er demnächst in die Schule käme?
Ich bin einzigartig
Er wollte nicht nur ein gewöhnlicher kleiner Junge sein, allen anderen Kindern zum Verwechseln ähnlich. Etwas bedrückt saß er am Mittagstisch. »Was ist mit Dir, Bübchen?« Die Mama schaute ihn liebevoll und auffordernd an, wie es wohl nur Mütter können. »Bin ich nur ein Bübchen, so wie alle anderen Jungen, oder hält der liebe Gott mich in seiner Hand? Dann kennt er mich doch auch genau, oder?« – So eine Frage hatte die Mutter nicht erwartet. In dem Moment öffnete sich die Küchentür und Großvater Heinrich trat ein. Er wollte wohl nur kurz grüßen. »Erzähle Bübchen doch einmal die Geschichte von Heini, als er noch ›Bubi‹ war«, bat die Mutter. Der Opa setzte sich und schaute den Kleinen mit seinen gütigen Augen an, so als würde er sich jetzt schon freuen über die Geschichte, die er nun erzählen würde. »Als dein Papa noch kleiner war als du jetzt, da haben ihn alle im Dorf ›Bubi‹ genannt. Aber auch er wollte nicht mehr so genannt werden.
Eines Tages, als ein Nachbarjunge ihn wieder ›Bubi‹ nannte, richtete er sich groß vor ihm auf, stemmte seine Arme in die Hüfte und rief: »Ich bin nicht ›Bubi‹, du bist ein Bubi! Ich bin Heini Hutt!« – Dein Papa konnte damals noch nicht einmal unseren Nachnamen richtig aussprechen. Aber er wusste schon: Ich bin einzigartig auf dieser Welt! Und auch du, mein kleiner Freund, bist einzigartig! Ab heute nennen wir dich alle Heiner, einverstanden?« – Die anschließende großväterliche Umarmung fühlte sich für den Kleinen so an, als würde der Vater im Himmel ihn in diesem Moment umarmen. Das Essen schmeckte ihm nun besonders gut.

Niemals konnte er diesen Moment vergessen! Noch lange hatte er seine drei Murmeln in der Hosentasche. Sie erinnerten ihn jedes Mal daran, dass sein ganzes Leben in Gottes Hand ist. So wie auch das Leben seiner Großeltern und Eltern. Sie haben in ihrem »Bübchen« schon immer ein geliebtes Kind Gottes gesehen. Heiners Vater und Großvater haben es ihm leicht gemacht, an einen liebenden Vater im Himmel zu glauben, der nicht nur die ganze Welt, sondern auch jeden Menschen ganz persönlich kennt und in seiner Hand hält. Diese Gewissheit der Vaterliebe Gottes war und ist nicht abhängig von der Größe, vom menschlichen Namen oder vom Erfolg. Gott hatte Heiner einen heiligen Moment gegeben, der sein ganzes Leben prägen würde. Einen Schatz, der seinen Wert niemals verliert. Diese frühe kindliche Erfahrung der Vaterliebe Gottes zieht sich wie ein goldener Faden durch sein Leben.
Das Wirken des Heiligen Geistes
Seine Eltern und Großeltern hatten ihm und seinen Schwestern von Jesus, dem Heiland, erzählt. In der Baptistengemeinde vor Ort hatte auch er eine geistliche Heimat gefunden. Mit 13 Jahren ließ er sich auf das Bekenntnis seines Glaubens taufen. Einige Jahre später hatte er nochmals eine tiefgreifende Begegnung mit Gott. Um seine Englisch-Kenntnisse zu verbessern, war er zu einem sozial-diakonischen Einsatz in England. Doch schon bald merkte er, dass sein Englisch nicht ausreichen würde, um dort auch zeugnishaft von Jesus zu reden. Diese ungewollte Sprachlosigkeit führte ihn zugleich in eine neue Gottessuche.
Es war ein grauer Tag, stürmisch und regnerisch. Vermutlich hatte der Wind in der aufgeschlagenen Bibel auf dem Tisch geblättert, denn das Fenster in seiner kleinen Kammer stand offen. Heiners Blick fiel auf den Bibelvers »… denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist« (Römer 5,5; ELB). Sollte das ein »Wink« Gottes sein, eine Antwort auf seine Fragen? Der 17-Jährige kniete sich hin und betete diese schlichten Worte: »Heiliger Geist, bitte gieße die Liebe Gottes in mein Herz!« Er wartete, aber er spürte nichts von dem Wirken und Wehen des Geistes. Als er anschließend zu seinem Dienst in der Küche ging, bemerkte eine ältere Mitarbeiterin jedoch sofort, dass sich etwas geändert hatte: »Heiner, irgendetwas ist anders mit dir! Was ist das?«
Einige Freunde haben ihm später gesagt, dass es wohl so etwas wie eine Taufe mit dem Heiligen Geist gewesen sei, zumal sich nach und nach auch Charismen zeigten. Immer häufiger erlebte er Gottes Nähe auch im Traum, in Visionen oder er empfing prophetische Worte. Die Liebe zu Gott und zu den Menschen sprudelte Tag und Nacht. Nach der Zeit in England war nicht nur das Englisch besser geworden, sondern auch die Freude gewachsen, in Jesus und für Jesus leben zu können.

Offenbar war er nicht der Einzige, der in dieser Zeit das Wirken des Heiligen Geistes in einer besonderen Weise erlebt hatte. Die ersten Ausläufer der charismatischen Bewegungen waren auch in Deutschland angekommen. Die Gemeinschaft mit Christen aus den unterschiedlichen Kirchen und Denominationen öffnete seinen Blick für Gottes weltweites Wirken. Heiner wollte gerne Arzt werden und dann später als Missionar tätig sein. Schon jetzt organisierte er mit anderen Missionsreisen in Deutschland und Europa. An seinem 20. Geburtstag war er in Spanien zu einem Missionseinsatz. Abends, als alle Aktivitäten vorbei waren, ging er nochmals allein hinaus. Der Sternenhimmel über ihm leuchtete und er sang ein Loblied zu Gott. »Hier bin ich, Herr! Sende mich!«, rief er in die Nacht. Da war er wieder, der Gott, der ins Verborgene sieht. Und dieses Mal war es so, als würde er die Stimme des Herrn direkt hören: »Ich möchte, dass du ein Pastor wirst und Theologie studierst!«
Berufung
Das neue Lebensjahr begann mit einer neuen Lebenshingabe an Jesus. Als Heiner nach der Rückkehr seinen Eltern »beichtete«, dass er nicht Medizin, sondern Theologie studieren wolle, fingen sie an zu weinen. Im ersten Moment dachte er, sie seien schockiert, weil er als Mediziner doch wohl etwas mehr verdienen würde. Aber so war es nicht. »Wir haben seit deiner Geburt dafür gebetet!«, ließen sie ihn wissen. Doch sie waren klug genug gewesen, die Berufung dem Herrn selbst zu überlassen.
Das Theologiestudium in Hamburg und Löwen (Belgien) war herausfordernd, aber niemals hat Heiner an dieser Berufung gezweifelt. Gott, der ins Verborgene sieht, öffnet auch die Türen in die Weite der Zukunft. Zunächst als Landesjugendpastor in Niedersachsen, dann als Gemeindepastor und auch in überregionalen Diensten gab es keinen Tag, an dem die Dunkelheit das Licht vertreiben konnte, welches Gottes Ruf in seinem Herzen entzündet hatte. Gott hat einen Weg für jeden Menschen und er ist dabei, uns auf diesem Weg zu begleiten, auch wenn es durch dunkle, von Todesschatten geprägte Täler geht.
Heilige Momente sind Augenblicke der Ewigkeit. Sie verändern das ganze Leben und führen uns näher zu Gott und zu uns selbst. Schon als Student erlebte Heiner, wie Mächte der Krankheit nach seinem jungen Leben greifen wollten. Die Ärzte waren ratlos und konnten nicht helfen. Doch Gott hat eine medizinisch bestätigte Heilung gewirkt. In allen diesen bangen Monaten stand ihm seine Frau Christiane treu zur Seite, auch als es menschlich kaum noch Zukunft gab. Gott hatte das Paar auf wunderbare Weise zusammengeführt und ihnen drei gesunde und fröhliche Kinder anvertraut.
Doch auch andere Krankheitsnöte meldeten sich immer wieder mit Todesgebrüll. Heiner erlebte in diesen Tälern des Todes den Trost des treuen Gottes. Tiefpunkte im Leben sind oft Begegnungsorte zwischen Gott und Mensch. In allen Tälern wurde die Berufung von Heiner neu ausgerichtet. Durch die Erfahrung von schwerster Krankheitsnot und außergewöhnlicher Heilung hat Gott bewirkt, Heiners Berufung im heilenden Dienen der Gemeinde Jesu zu konzentrieren. Der Glaube reift in den Zeiten, wenn wir selbst loslassen und Gott vertrauen. Alle Wechselhaftigkeit des Lebens findet ihre Kontinuität in der Beziehung zu Jesus. Er ist derselbe – gestern, heute und in Ewigkeit (Hebräer 13,8).
Loslassen
Loslassen! Das hört sich so einfach an. Menschlich bedeutet es immer auch Schmerz. Etwa, wenn wir uns lösen müssen von Menschen, die uns lieb geworden sind; wenn wir an den Gräbern der Eltern und Freunde stehen oder wieder einmal einen Ortswechsel vollziehen. Jedoch liegt in der Armut und dem Loslassen auch etwas Jesus-Typisches. Er hat alles losgelassen bis zum Tode am Kreuz, aber Gott hat ihm alles geöffnet.
Als die Tage des sogenannten Ruhestandes sich anmeldeten, wusste Heiner sehr wohl, dass es dabei erneut um ein heiliges Loslassen ging. Gezielt verabschiedete er sich aus den unterschiedlichen Bezügen, Verantwortungen und vielen Gremien. Doch das Leben mit Gott wurde nicht leerer. Es schien so, als würden sich immer neue Dimensionen eröffnen. »Ich bin nun ein Sabbatier«, sagte er, als die Gemeinde ihn in den Ruhestand verabschiedete. »Der Sabbat, die Ruhe Gottes, das ist das eigentliche Ziel meines Lebens.« Dieser Sabbat ist alles andere als Langeweile oder Trägheit. Es sind die Tage, in denen Gott mehr in uns leuchtet als alle unsere Freude über Erfolge. Da strahlt etwas von der Schönheit Gottes hinein in die Vergänglichkeit des hiesigen Daseins.
Heiner genießt die Zeiten in der »Krypta«, im Verborgenen. Es sind Orte des Lebens, Momente des Hörens, Berührungen des Höchsten in aller Tiefe des Lebens. Die tägliche Lesung in der Bibel verstärkt den Hunger nach Gottes Gegenwart und die Zeiten des Betens richten sich nicht nach der Uhr. Heilige Momente sind unabhängig von Zeit und Ort, sie sind geprägt von der suchenden Treue und Liebe Gottes, von dem Weitblick für sein Wirken. Gottes Wohnung, seine Kathedrale, in der er uns leitet und anspricht, ist nicht nur in unseren Herzen, sondern in seinem ganzen Kosmos.
Auch heute sitzt der Sabbatier gern auf der Wiese vor dem Haus und schaut den Wolken nach. Sie sind nicht stumm. Sie erzählen von der Größe und Güte Gottes. Ebenso trillern die Vögel ein Loblied. Aber auch das Seufzen der Schöpfung hört der alte Mann. Es sind nicht nur die eigenen Seufzer, sondern das Weinen der Gletscher und die Schreie einer Erde nach dem Offenbarwerden der Kinder Gottes. Vor allem aber ist es diese unendliche Weite, die sich in seinem Herzen ausbreiten will. Es ist die Erfahrung der weltumarmenden Güte Gottes. Die Freude über die Weite und Unterschiedlichkeit im Volk Gottes prägen den aktiven Sabbatier weit mehr als alle ökumenischen Gehversuche in die Zukunft.
Oft fragen ihn Leute, was er denn nun gelernt habe in all den Jahren. Sie wollen wissen, wo wir »wachsam« sein müssen und wo wir »wacker« handeln sollen. Heiner schmunzelt, so wie einst, als er die drei Murmeln in seiner Tasche entdeckte. Vieles bleibt wohl ein Geheimnis, er will immer ein Lernender bleiben, aber eines sagt er sehr entschlossen: »Wir haben dieser Welt nur etwas zu sagen, wenn wir Gott hören. Der verborgene Ort, der Rückzugsort, die Krypta unseres Lebens wird darüber entscheiden, wie groß unser Einfluss und unsere Auftrittsorte in dieser Welt sein dürfen. Ich ziehe mich gern zurück, um ganz präsent zu sein!«
| Dr. theol. Heinrich Christian Rust |
| (*1953) war als Pastor über 40 Jahre im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden im Gemeindedienst und überregionalen Aufgaben aktiv. Heute betätigt er sich als Autor, Referent, Berater und Dozent für Spiritualität und Kybernetik. |
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DR. REINHARD DEICHGRÄBER
Wanderungen im Heiligen Land
Viele Gläubige aus unseren Gemeinden waren schon einmal in Israel, im Heiligen Land, und sind mit für ihren Glauben wichtigen Erfahrungen zurückgekehrt. Manche können sogar von mehreren Reisen berichten, die sie nach Israel/Palästina gemacht haben. Wenn man sie genauer nach dem Verlauf der Reise befragt, bekommt man sehr oft zu hören: Wir sind im Land mit einem Bus unterwegs gewesen und haben dabei die wichtigsten biblisch bezeugten heiligen Orte angefahren.
Und so waren sie am See Genezareth, auf dem Berg Karmel, auf dem Berg der Seligpreisungen, auf dem Berg der Verklärung und natürlich vor allem ausgiebig in der Hauptstadt des Landes, in Jerusalem. Vielleicht führte die Reise auch nach Tel Aviv, in die derzeitige Hauptstadt Israels, und natürlich auch nach Nazareth oder in den tiefen Süden des Landes, zum Berg Sinai.
Ich kann mich mit denen, die so im Heiligen Land unterwegs waren, freuen, und ich kann verstehen, wieviel Gewinn sie für ihren Glauben von dort mitgenommen haben. Trotzdem: Ich selbst habe bei meinen Besuchen im Heiligen Land weitgehend das Wandern bevorzugt. So fühlte ich mich vor allem Jesus und seinen Jüngern nahe, die ja ebenfalls in erster Linie zu Fuß im Land unterwegs waren. Und auf diese Weise habe ich bei meinen Wanderungen im Heiligen Land so manches erlebt, was eigentlich nur ein Wanderer so erleben kann.
Gastfreundschaft
Im Jahr 1978 war ich mit den Studenten der theologischen Kurse des Hermannsburger Missionsseminars auf Studienfahrt im Heiligen Land. Am Anfang unserer Reise stand eine dreitägige Wanderung, zu der wir uns in drei Gruppen aufgeteilt hatten. Sie führte von Nazareth nach Kapernaum.
Es war ein Freitagabend, an dem wir abends in einem kleinen Ort ankamen. Wir rasteten auf einem Platz im Zentrum des Ortes und – wurden von den Einheimischen auf der Stelle zur Teilnahme am abendlichen Synagogengottesdienst eingeladen! Das ließen wir uns gerne gefallen. Für die meisten von uns war es das erste Mal, dass sie einen Synagogengottesdienst erleben konnten. Was uns alle sehr verwunderte: Während des Gottesdienstes ging es in der Synagoge höchst lebhaft zu.
Männer gingen hin und her und sprachen mal hier und mal da halblaut miteinander. Unmittelbar nach dem Gottesdienst erfuhren wir den Grund für die Gesprächigkeit während des Gottesdienstes: Die Männer hatten miteinander verabredet, dass sie uns zur Sabbat-Abendmahlzeit in ihre Familien einladen wollten! Und sie hatten uns – wir waren ja gut dreißig Personen – auf die verschiedenen Familien im Dorf aufgeteilt.
So kam auch ich zusammen mit einem unserer Studenten in eine Familie und erlebte eine wunderbare Gastfreundschaft. Und wir erfuhren, dass der Familienvater 1938 aus den Niederlanden nach Israel eingewandert war, also kurz bevor auch in den Niederlanden die meisten Juden Opfer des deutschen Vernichtungswillens wurden. Und nun waren wir die freundlich aufgenommenen Gäste eines der Überlebenden!

Natürlich haben wir auch die Heiligen Stätten besucht: Nazareth, der Ort, an dem Jesus aufgewachsen ist, war ja unser Ausgangspunkt. Und natürlich waren wir auf dem Berg der Bergpredigt Jesu und der Seligpreisungen. Und am See Genezareth waren wir, und in Kapernaum, der Heimat des Jüngers Petrus und einiger anderer Jünger Jesu. So kamen wir auch nach Tabgha mit seinem bescheidenen Kloster, in der Nähe des Ortes der wunderbaren Speisung der Fünftausend.
Wer in Jesu Tagen als Jude in Galiläa wohnte, reiste wenigstens einmal im Jahr nach Jerusalem, um dort eines der religiösen Feste Israels zu feiern. Und wie reiste man? Die meisten wanderten zu Fuß. Einige, die etwas Reicheren, hatten einen Esel dabei. Das war im Blick auf das Gepäck leichter, aber schneller war man nicht. Eine Wanderung von Galiläa nach Jerusalem gehört auch heute zu den schönsten Erfahrungen, die ein Pilger im Heiligen Land machen kann. Von zwei »Stationen« auf einer solchen Wanderung will ich hier berichten.
Vom Berg der Verklärung zu den Samaritanern
Noch ziemlich am Anfang der Drei- oder Vier-Tage-Wanderung kommt man an den Berg der Verklärung. Am Fuß des Berges warten einige Taxen, die den Pilger schnell auf den Berg hinaufbefördern. Aber wem es körperlich irgend möglich ist, der sollte die Taxen am Straßenrand stehen lassen und sich zu Fuß auf den nicht gerade leichten Weg nach oben machen.
Langsam geht es bergauf, langsam nähert man sich dem Ort, an dem einst die drei Lieblingsjünger Jesu erlebten, wie ihnen ihr Meister in verklärter Gestalt erschien. Und wer seinen Glauben nicht in historischen Richtigkeiten erstickt hat, der kann auch heute erleben, wie sein persönlicher Glaube bei diesem Aufstieg wunderbar lebendig wird, immer lebendiger, immer frohgemuter und immer ernsthafter. Und oben auf dem Berg Tabor, auf dem Berg der Verklärung angelangt, werden wir für unsere Mühe auf das Schönste belohnt, denn oben wartet ein herrlicher Garten, ein wahres Paradies auf den Wanderer. Und ich kann wieder einmal die herrliche Erfahrung machen: Was ich am Ziel eines womöglich sehr anstrengenden Fußweges erlebe, das erlebe ich viel intensiver, als wenn ich in einem Taxi oder mit einem Bus höchst bequem und (fast) in Nullkommanix nach oben gebraust bin. Ja, der Berg der Verklärung schenkt dem gläubigen Wanderer viel mehr als nur ein Erlebnis mit ein paar historischen Reminiszenzen (»hier war es …«, »hier soll … stattgefunden haben …«). Es ist, als habe der Herr mich selbst noch einmal an die Hand genommen, um mich auf der Höhe des Berges erleben zu lassen, wer er in Wahrheit ist.

Ganz anders, aber auch unvergesslich eindrucksvoll, war eine Begegnung in Nablus, dem antiken Samaria. In meinem Wohnzimmer habe ich zwei kostbare Erinnerungen aufgestellt, und zwar so, dass ich täglich viele Male daran vorübergehe. Und jeder Besucher, der zu mir kommt, kann von seinem Platz aus diese Kostbarkeiten sehen. Es handelt sich um zwei eindrucksvolle Geschenke, die mir Jacob Ben-Ezzi, der Hohepriester der Samaritaner, mitgegeben hat.
Samaritaner? Wir kennen sie aus der Bibel. Aber – und das ist gut zu wissen – es gibt sie auch heute noch. Und noch immer ist für sie der Berg Garizim, der Berg nahe bei Nablus, der heilige Berg, und noch immer pflegen sie ihren gut alttestamentlichen Glauben. Es gibt nicht mehr viele Samaritaner, aber immerhin an die fünfhundert mögen es sein. In Nablus aber traf ich ihren Priester, und von ihm bekam ich eine große Tafel mit einem handgeschriebenen hebräischen Bibeltext, 5. Mose 6,4-9, aber nicht in der Schrift, die seit rund zweitausend Jahren überall für hebräische Texte verwendet wird, sondern in althebräischer Schrift! Außerdem bekam ich ein kleines Heft, von Jacob Ben-Ezzi selber verfasst, mit dem Titel WHO are the Samaritans? Their Religion, Customs, and History. Ja, wer sind die Samaritaner? Die Freundlichkeit ihres Priesters erinnert mich bis heute an den barmherzigen Samariter, von dem Jesus im Evangelium (Lukas 10,25-37) erzählt!
Beherbergt in Bethlehem
Natürlich haben mich meine Wanderungen im Heiligen Land auch immer wieder nach Jerusalem geführt, und dort habe ich Gethsemane und den Ölberg, die Grabeskirche und die (deutsche) Erlöserkirche besucht. Doch hier möchte ich noch ein wenig davon berichten, wie mir gerade Bethlehem, der Geburtsort Jesu, wichtig und lieb geworden ist. Als ich zum ersten Mal nach Israel/Palästina kam, war ich bereits Lehrer am Hermannsburger Missionsseminar, und da hatte ich einen Studenten, Mitri Raheb, der in Bethlehem zu Hause war. Er wurde später Pastor der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Bethlehem.
Bei meinem ersten Besuch in Bethlehem durfte ich im Hause Raheb wohnen. Mitris Mutter versorgte mich mit wohlschmeckenden Mahlzeiten und Viola Raheb, Mitris jüngere Schwester (damals ging sie noch zur Schule), betätigte sich als tüchtige Übersetzerin.
Das Raheb’sche Haus war nur einen Katzensprung von der Geburtskirche entfernt. Das bot mir einen einfachen Vorteil: Wenn ich morgens früh aufstand, konnte ich gleich den kurzen Weg zu der bereits geöffneten, jedoch noch fast ganz leeren Kirche antreten. Einige Mönche hielten in der Krypta, die in besonderer Weise an Jesu Geburt im Stall von Bethlehem erinnert, ihr Morgengebet; die Kirche aber war wunderbar still, noch nicht von oft unruhigen Pilgern gefüllt, eine herrliche Einladung zu stillem Gebet und zu fröhlich-dankbarem Gedenken an die Menschwerdung Gottes.

Von Bethlehem aus wollte ich weiter südwärts zu der biblisch gut bekannten Stadt Hebron wandern. Ich nahm die Landstraße, die von Bethlehem nach Hebron führt – und wunderte mich, denn auf der Straße gab es so gut wie keinen Autoverkehr. Nur einmal kam ein Auto von hinten, überholte mich und hielt an. Als ich zu dem haltenden Wagen aufgelaufen war, fragte mich der Chauffeur (auf Englisch): »Wo wollen Sie hin?« Ich antwortete wahrheitsgemäß: »Nach Hebron!« – »Are you crazy?«, sagte der Fahrer mit überaus ernsthafter, bedrohlich klingender Stimme: »Sind Sie verrückt?«
Ja, und so erfuhr ich, dass es in Hebron zu dieser Zeit immer wieder äußerst heftige, ja, blutige Auseinandersetzungen zwischen der palästinensischen und der jüdischen Bevölkerungsgruppe gab. So kehrte ich um. Bald begegneten mir drei junge Palästinenser, die mich ein Stück weit begleiteten und mir dann einen extra bequemen Weg zurück nach Bethlehem wiesen. Ich kam dann bald in ein arabisches Dorf, wo mir alsbald ein Haufen Kinder folgte und mich mit kleinen Steinen bewarf, bis, ja, bis ein Mann aus einem Haus kam und die Kinder davonscheuchte. Ich aber zog meine Straße fröhlich und leise singend dahin: »So führst du doch recht selig, Herr, die Deinen, ja, selig, wenn auch meistens wunderlich …«
Tags darauf brach ich wieder auf, diesmal aber mit einem anderen Ziel, nach Latroun, dem antiken Emmaus, zur dortigen Niederlassung der Jesusbruderschaft. Und diesmal hatte ich unterwegs keine Schwierigkeiten.
Es gäbe noch viel mehr zu erzählen. Meine Wanderungen im Heiligen Land haben mir die Bibel immer wieder aufs Neue aufgeschlossen und wunderbar lebendig gemacht!
| Dr. Reinhard Deichgräber |
| (*1936) war dreißig Jahre lang theologischer Lehrer am Missionsseminar in Hermannsburg. Er ist Autor vieler Bücher zu Fragen des geistlichen Lebens und lebt im Ruhestand in Hermannsburg. |
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BIANKA BLEIER
Der unsichtbare Gott
Wir leben mit einem Gott, den wir nicht sehen. Sonntags ist das leichter als montags. Ja, unsere Welt ist durchdrungen von Gottes Gegenwart. Und ja, er hat versprochen, bei uns zu sein alle Tage bis ans Ziel der Zeit – aber er ist unsichtbar. Gottes Unsichtbarkeit ist eine der größten Herausforderungen an meinen Glauben.
Es ist schwierig, mit einem unsichtbaren Gegenüber zu reden. Manchmal bleibt es mir ein Rätsel, wie ich mit dem geheimnisvollen Gott kommunizieren kann. Leichter fällt es mir in der Natur. Dort bin ich zum Glück regelmäßig durch unseren Hund. Unter freiem Himmel geht Beten wie von selbst. Es geschieht mir. Tag für Tag erhält Gott alles Leben durch seine unfassbare Schöpferkraft. Wenn ich achtsam bin, entdecke ich seine Spuren in der Schöpfung.
Dabei ist mir der Wind zu einem Gleichnis geworden: So wie ich den Wind nicht sehen kann, wohl aber sein Spiel in den Bäumen, geht es mir mit Gott. Ich kann Gott nicht sehen, wohl aber die Auswirkungen seines Seins. Als ich zum ersten Mal hörte, dass das hebräische Wort Ruach, das wir mit Geist übersetzen, eigentlich so etwas wie »bewegte Luft« heißt, war ich zunächst enttäuscht. Aber dann merkte ich, dass es mir hilft, mich von Gottes Geist umgeben zu wissen. Manchmal muss ich lächeln, wenn mich ein Windhauch zärtlich streift oder mir der Sturm kräftig ins Gesicht bläst. Mit Wind verbinde ich Bewegung, Weite, Raum und Vitalität. Ruach ist die Kraft, die im Wind spürbar wird, genauso wie im Atem, dem Zentrum unserer Lebenskraft, den Gott jedem Menschen eingehaucht hat. Gott ist nicht Teil meines Lebens. Gott ist das Leben. Der Unfassbare durchdringt unsere Welt mit seiner Lebendigkeit und es ist eine faszinierende Lebensaufgabe, seine Spuren zu entdecken.

»Was ist nun also der Glaube? Er ist das Vertrauen darauf, dass das, was wir hoffen, sich erfüllen wird, und die Überzeugung, dass das, was man nicht sieht, existiert« (Hebräer 11,1; NLB). Gott, der Unsichtbare, ist der Schöpfer alles Sichtbaren. In Jesus hat er Menschengestalt angenommen, um uns von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Wenn ich Gottes Angesicht sehen will, muss ich auf Jesus schauen: »Christus ist das Bild des unsichtbaren Gottes« (Kolosser 1,15; NLB).
Gott begegnet mir in geheimnisvoller Weise in meinem Nächsten. Wenn ich Einsame, Trauernde, Kranke und Gefangene besuche und Bedürftigen helfe, schaue ich in sein Angesicht. Wenn wir lieben, wird Gott durch uns sichtbar. Wir leben zwischen den beiden Polen, dass Gott verborgen ist und sich offenbart, wie es ihm gefällt. Gott wohnt in mir, wenn ich ihn aufnehme. Näher kann er mir nicht mehr sein. Im Folgenden möchte ich ein paar Erlebnisse aus meinem Leben erzählen, bei denen ich Gottes Nähe besonders stark erfahren durfte.
Himmel
Ein jährliches Highlight meines Lebens als Ladenbesitzerin ist der Messebesuch. Wochenlang habe ich der großen Lifestylemesse in München entgegengefiebert. Eines Tages ist der Tag da: sehr frühes Aufbrechen. Vier Stunden Fahrt. Parkhaus. Messezubringerbus. Die Spannung auf all das Neue, Inspirierende steigt. Aussteigen. Portal durchqueren. Stunde X. Es ist so weit. Plötzlich denke ich: Irgendwie, andeutungsweise, wird es vielleicht so sein, wenn ich in den Himmel komme. Langes, geduldiges, tapferes Entgegenleben. Wirrnisse in Kauf nehmen. Durchs Tor treten. Und dann wird es geschichtsträchtig sein, dann wird das, was ich ein Leben lang erhofft, erwartet, geglaubt, ersehnt habe, Wirklichkeit sein. Unglaublich …
Am nächsten Wochenende verdichtet sich diese Ahnung noch. Wir fahren mit einem Teil der Familie an den Lago Maggiore, um dort in einem Ferienhaus den anderen Teil der Familie zu treffen. Wir haben uns teilweise lange nicht mehr gesehen. Wir sind im Regen unterwegs, kommen bei Anbruch der Dunkelheit an. Die Kinder haben eingekauft und gekocht, wir freuen uns riesig, einander zu treffen, das Essen ist ein Festmahl. Als ich am Morgen die Rollläden hochziehe, trifft mich schier der Freudenschlag: Sonne! Schneebedeckte Berggipfel! Panoramablick über den See! Traumhäuser ringsumher. Bei wesentlich schönerem Wetter als vorhergesagt sitzen wir beseelt auf der überdachten Veranda und genießen die phänomenale Aussicht. Und wieder freue ich mich plötzlich auf den Moment meiner Ankunft im Himmel, wo alles Hoffen, Ahnen, Ausharren, Warten, Zweifeln, aller Wankelmut und Kampf, alles Leid und alle Angst aufgelöst werden. Wo ich erleben werde, dass mein schwacher Senfkornglaube mich über die Brücke bringt in eine neue Welt.
Sichtbare Zeichen
Neulich ist etwas Schönes passiert. Werner und ich haben uns neue Eheringe gekauft. Beide haben wir unsere mysteriöserweise kurz nach der Hochzeit verloren. Es waren unsere Verlobungsringe, und irgendwie schienen sie in ihrer Originalität und Geschichte unersetzlich. Seit einigen Jahren denken wir, wir sollten uns wieder Ringe besorgen.
Wir betreten dasselbe Juweliergeschäft wie damals, das noch genauso altmodisch aussieht wie früher. »Wir möchten Eheringe kaufen!« »Wann ist denn die Trauung?« »Die war vor 35 Jahren!« »Ah, Sie wollen Ihr Versprechen erneuern?« »Nein, wir haben keine mehr und wollen einfach neue kaufen!« Intuitiv fällt unsere Wahl auf sehr ähnliche Ringe wie unsere ersten. Wir lassen dieselbe Gravur anbringen. Als wir sie nach vierzehn Tagen endlich abholen können, fühlt sich das Ganze doch sehr aufregend und versprechensverfestigend an. Und dann macht es einen enormen Unterschied, in den nächsten Wochen das ungewohnte Glitzern an Werners kräftigen Händen zu sehen. Es rührt mich, dass er den Ring gern trägt. Wir haben das Symbol unterschätzt. Es ist ein sichtbares Zeichen unserer Liebe und Verbindung.

Mein Vater, den ich lange Zeit für ungläubig gehalten habe, lässt nach dem Tod seiner geliebten Frau seinen Konfirmationsvers auf den Grabstein meißeln: »Der Herr ist mein Hirte«! Das wird zu seinem Vermächtnis an mich. Längst ist mein Vater an der Seite meiner Mutter begraben. Wie oft hat mich dieser Vers schon getröstet. Ich kann mich an den schwach geglaubten Glauben meines Vaters anlehnen.
Berührt über seine Entscheidung versuchte ich damals, Psalm 23 mit ihm zusammen zu rezitieren. Er ging mit bis: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er lagert mich auf grünen Auen, er führt mich zu stillen Wassern. Er erquickt meine Seele. Er leitet mich in Pfaden der Gerechtigkeit um seines Namens willen. Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir …« Als ich sagte: »Dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich«, fuhr es impulsiv aus ihm heraus: »Einen Scheißdreck tun sie!« Betroffen nickte ich. So weit ging sein Glaube nicht. Es war ein armseliger Glaube, der nicht tröstete – aber hat Jesus nicht gesagt, selig sind die Armen im Geiste? Ich bin mir sicher, dass Gott über diesen ehrlichen Aufschrei eines in tiefster Trauer erschütterten Mannes noch weitaus mehr angerührt war als ich. Wie ein weiterer Vers hat sich dieser urmenschliche Seufzer für mich in diesen Psalm eingepflanzt. Der Herr ist mein Hirte, ja, aber sein Stecken und Stab trösten mich nicht. Auch das kann Realität des Glaubens sein.
Pulsuz fraqment bitdi.