Kitabı oxu: «Zugänge zur Literaturtheorie. 17 Modellanalysen zu E.T.A. Hoffmanns »Der Sandmann«»

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Zugänge zur Literaturtheorie

17 Modellanalysen zu E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann Reclams Studienbuch | Germanistik

Herausgegeben von Oliver Jahraus

Reclam

E. T. A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann wurde dem folgenden Band entnommen:

E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann. Hrsg. von Rudolf Drux. Stuttgart 2003. (Universal-Bibliothek. 230.)

Vgl. hierzu die editorische Notiz.

Seitenzahlen in eckigen Klammern beziehen sich auf diese Ausgabe. (Davor stehende Seitenzahlen beziehen sich auf die Buchausgabe des vorliegenden Studienbuchs.)

2., durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage 2019

2016, 2019 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Siemenstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung nach einem Konzept der ZERO MEDIA GmbH, München

Coverabbildung: Reclam Verlagsarchiv

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemenstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2019

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Siemenstraße 32, 71254 Ditzingen

ISBN 978-3-15-961172-3

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011082-9

www.reclam.de

Inhalt

  I Der Text

  Der Sandmann

  Editorische Notiz

  II Modellinterpretationen

  Einleitung – Von der Methodologie zur Literaturtheorie: neue Kontextualisierungen des literarischen Textes (von Oliver Jahraus)

  Hermeneutik – Über die Grenzen des Verstehens und die Gefahren ihrer Missachtung (von Gideon Stiening)

  Strukturalismus/Literatursemiotik – Zeichenordnungen und zeichenhafte Täuschungen in »Der Sandmann« (von Stephanie Großmann und Hans Krah)

  Dekonstruktion – »Phantom unseres eigenen Ichs« oder »verfluchter Doppeltgänger«? Über die Unentscheidbarkeit von Hoffmanns »Der Sandmann« (von Nicole A. Sütterlin)

  Narratologie – »Erzählend immer mehr und mehr Farbe hineinzutragen«? »Der Sandmann« aus narratologischer Perspektive (von Tom Kindt)

  Rezeptionsästhetik – »Ich war festgezaubert«. Eine rezeptionsästhetische Deutung von »Der Sandmann« (von Burkhard Meyer-Sickendiek)

  Diskursanalyse/Wissenspoetik – Optische Täuschungen. Zur Ordnung von Wissen und Nicht-Wissen in »Der Sandmann« (von Peter Brandes)

  New Historicism – Verhandlungen mit Hoffmanns »Sandmann«. Eine Repräsentationsanalyse des Interieurs im 19. Jahrhundert als neuhistorische Praxis (von Anja Gerigk)

  Intertextualität – Absorptionen und Transformationen anderer Texte und Medien in »Der Sandmann« (von Barbara Thums)

  Literatursoziologie – Die Literatur der Gesellschaft und die Gesellschaft der Literatur. »Der Sandmann« aus der Sicht der Literatursoziologie nach Bourdieu und Luhmann (von Christian Kirchmeier)

  Psychoanalyse und Traumatheorie – »ich war […] von Coppelius gemisshandelt worden«. Literaturpsychologische Zugangsweisen am Beispiel von Psychoanalyse und Traumatheorie (von Hannes Fricke)

  Literarische Anthropologie – Die dunkle Macht in uns: »Der Sandmann« als medizinische Fallgeschichte (von Alexander Košenina)

  Biopoetik – »dass nichts wunderlicher und toller sei, als das wirkliche Leben«. Zur Theorie der Biopoetik (von Christoph Gschwind)

  Gender / Queer Studies – Geheime Praktiken – entstellende Konfigurationen. Verstecktes homoerotisches Begehren im Nachtstück »Der Sandmann« (von Carola Hilmes)

  Visual / Media Studies – »medias in res« – Hoffmanns »Sandmann« und die Geburt der modernen Literatur aus dem Geist der visuellen Medien. Oder: Was ein medienwissenschaftlicher Ansatz vermag (von Tanja Prokić)

  Raumtheorie – »er fand Coppolas Perspektiv, er schaute seitwärts – Clara stand vor dem Glase!« Dialektiken des Raums (von Stephan Günzel)

  Postcolonial Studies / Ethnographie der Literatur – Alterität als Medienspektakel in »Der Sandmann« (von Mario Grizelj)

  Akteur-Netzwerktheorie (ANT) – Zur sozialen Praxis fiktionaler Wesen im »Sandmann« (von Waldemar Fromm)

  Zentrale literaturtheoretische Begriffe und Definitionen

  Hinweise auf literaturtheoretische und literaturwissenschaftliche Lexika

  Zu den Beiträgerinnen und Beiträgern

I Der Text


Abb. 1: Bleistiftzeichnung Hoffmanns zum Sandmann, ca. 1815/16

E. T. A. HOFFMANN

Der Sandmann
Nathanael an Lothar

Gewiss seid ihr alle voll Unruhe, dass ich so lange – lange nicht geschrieben. Mutter zürnt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir in Herz und Sinn eingeprägt, ganz und gar. – Dem ist aber nicht so; täglich und stündlich gedenke ich eurer aller und in süßen Träumen geht meines holden Clärchens freundliche Gestalt vorüber und lächelt mich mit ihren hellen Augen so anmutig an, wie sie wohl pflegte, wenn ich zu euch hineintrat. – Ach wie vermochte ich denn euch zu schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher alle Gedanken verstörte! – Etwas Entsetzliches ist in mein Leben getreten! – Dunkle Ahnungen eines grässlichen mir drohenden Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten über mich aus, undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl. – Nun soll ich dir sagen, was mir widerfuhr. Ich muss es, das sehe ich ein, aber nur es denkend, lacht es wie toll aus mir heraus. – Ach mein herzlieber Lothar! wie fange ich es denn an, dich nur einigermaßen empfinden zu lassen, dass das, was mir vor einigen Tagen geschah, denn wirklich mein Leben so feindlich zerstören konnte! Wärst du nur hier, so könntest du selbst schauen; aber jetzt hältst du mich gewiss für einen aberwitzigen Geisterseher. – Kurz und gut, das Entsetzliche, was mir geschah, dessen tödlichen Eindruck zu vermeiden ich mich vergebens bemühe, besteht in nichts anderm, als dass vor einigen Tagen, nämlich am 30. Oktober mittags um 12 Uhr, ein Wetterglashändler in meine Stube trat und mir seine Ware anbot. Ich kaufte nichts und drohte, ihn die Treppe herabzuwerfen, worauf er aber von selbst fortging. –

Du ahnest, dass nur ganz eigne, tief in mein Leben eingreifende Beziehungen diesem Vorfall Bedeutung geben [4] können, ja, dass wohl die Person jenes unglückseligen Krämers gar feindlich auf mich wirken muss. So ist es in der Tat. Mit aller Kraft fasse ich mich zusammen, um ruhig und geduldig dir aus meiner frühern Jugendzeit so viel zu erzählen, dass deinem regen Sinn alles klar und deutlich in leuchtenden Bildern aufgehen wird. Indem ich anfangen will, höre ich dich lachen und Clara sagen: das sind ja rechte Kindereien! – Lacht, ich bitte euch, lacht mich recht herzlich aus! – ich bitt euch sehr! – Aber Gott im Himmel! die Haare sträuben sich mir und es ist, als flehe ich euch an, mich auszulachen, in wahnsinniger Verzweiflung, wie Franz Moor den Daniel. – Nun fort zur Sache! –

Außer dem Mittagsessen sahen wir, ich und mein Geschwister, Tag über den Vater wenig. Er mochte mit seinem Dienst viel beschäftigt sein. Nach dem Abendessen, das alter Sitte gemäß schon um sieben Uhr aufgetragen wurde, gingen wir alle, die Mutter mit uns, in des Vaters Arbeitszimmer und setzten uns um einen runden Tisch. Der Vater rauchte Tabak und trank ein großes Glas Bier dazu. Oft erzählte er uns viele wunderbare Geschichten und geriet darüber so in Eifer, dass ihm die Pfeife immer ausging, die ich, ihm brennend Papier hinhaltend, wieder anzünden musste, welches mir denn ein Hauptspaß war. Oft gab er uns aber Bilderbücher in die Hände, saß stumm und starr in seinem Lehnstuhl und blies starke Dampfwolken von sich, dass wir alle wie im Nebel schwammen. An solchen Abenden war die Mutter sehr traurig und kaum schlug die Uhr neun, so sprach sie: »Nun Kinder! – zu Bette! zu Bette! der Sandmann kommt, ich merk es schon.« Wirklich hörte ich dann jedesmal Etwas schweren langsamen Tritts die Treppe heraufpoltern; das musste der Sandmann sein. Einmal war mir jenes dumpfe Treten und Poltern besonders graulich; ich frug die Mutter, indem sie uns fortführte: »Ei Mama! wer ist denn der böse Sandmann, der uns immer von Papa forttreibt? – wie sieht er denn aus?« »Es gibt keinen Sandmann, mein liebes Kind«, erwiderte die Mutter; »wenn ich [5] sage, der Sandmann kommt, so will das nur heißen, ihr seid schläfrig und könnt die Augen nicht offen behalten, als hätte man euch Sand hineingestreut.« – Der Mutter Antwort befriedigte mich nicht, ja in meinem kindischen Gemüt entfaltete sich deutlich der Gedanke, dass die Mutter den Sandmann nur verleugne, damit wir uns vor ihm nicht fürchten sollten, ich hörte ihn ja immer die Treppe heraufkommen. Voll Neugierde, Näheres von diesem Sandmann und seiner Beziehung auf uns Kinder zu erfahren, frug ich endlich die alte Frau, die meine jüngste Schwester wartete: was denn das für ein Mann sei, der Sandmann? »Ei Thanelchen«, erwiderte diese, »weißt du das noch nicht? Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.« – Grässlich malte sich nun im Innern mir das Bild des grausamen Sandmanns aus; so wie es abends die Treppe heraufpolterte, zitterte ich vor Angst und Entsetzen. Nichts als den unter Tränen hergestotterten Ruf: der Sandmann! der Sandmann! konnte die Mutter aus mir herausbringen. Ich lief darauf in das Schlafzimmer, und wohl die ganze Nacht über quälte mich die fürchterliche Erscheinung des Sandmanns. – Schon alt genug war ich geworden, um einzusehen, dass das mit dem Sandmann und seinem Kindernest im Halbmonde, so wie es mir die Wartefrau erzählt hatte, wohl nicht ganz seine Richtigkeit haben könne; indessen blieb mir der Sandmann ein fürchterliches Gespenst, und Grauen – Entsetzen ergriff mich, wenn ich ihn nicht allein die Treppe heraufkommen, sondern auch meines Vaters Stubentür heftig aufreißen und hineintreten hörte. Manchmal blieb er lange weg, dann kam er öfter hintereinander. Jahre lang dauerte das, und nicht gewöhnen konnte ich mich an [6] den unheimlichen Spuk, nicht bleicher wurde in mir das Bild des grausigen Sandmanns. Sein Umgang mit dem Vater fing an meine Fantasie immer mehr und mehr zu beschäftigen: den Vater darum zu befragen hielt mich eine unüberwindliche Scheu zurück, aber selbst – selbst das Geheimnis zu erforschen, den fabelhaften Sandmann zu sehen, dazu keimte mit den Jahren immer mehr die Lust in mir empor. Der Sandmann hatte mich auf die Bahn des Wunderbaren, Abenteuerlichen gebracht, das so schon leicht im kindlichen Gemüt sich einnistet. Nichts war mir lieber, als schauerliche Geschichten von Kobolten, Hexen, Däumlingen usw. zu hören oder zu lesen; aber obenan stand immer der Sandmann, den ich in den seltsamsten, abscheulichsten Gestalten überall auf Tische, Schränke und Wände mit Kreide, Kohle hinzeichnete. Als ich zehn Jahre alt geworden, wies mich die Mutter aus der Kinderstube in ein Kämmerchen, das auf dem Korridor unfern von meines Vaters Zimmer lag. Noch immer mussten wir uns, wenn auf den Schlag neun Uhr sich jener Unbekannte im Hause hören ließ, schnell entfernen. In meinem Kämmerchen vernahm ich, wie er bei dem Vater hineintrat und bald darauf war es mir dann, als verbreite sich im Hause ein feiner seltsam riechender Dampf. Immer höher mit der Neugierde wuchs der Mut, auf irgendeine Weise des Sandmanns Bekanntschaft zu machen. Oft schlich ich schnell aus dem Kämmerchen auf den Korridor, wenn die Mutter vorübergegangen, aber nichts konnte ich erlauschen, denn immer war der Sandmann schon zur Türe hinein, wenn ich den Platz erreicht hatte, wo er mir sichtbar werden musste. Endlich von unwiderstehlichem Drange getrieben, beschloss ich, im Zimmer des Vaters selbst mich zu verbergen und den Sandmann zu erwarten.

An des Vaters Schweigen, an der Mutter Traurigkeit merkte ich eines Abends, dass der Sandmann kommen werde; ich schützte daher große Müdigkeit vor, verließ schon vor neun Uhr das Zimmer und verbarg mich dicht neben der Türe in einem Schlupfwinkel. Die Haustür [7] knarrte, durch den Flur ging es, langsamen, schweren, dröhnenden Schrittes nach der Treppe. Die Mutter eilte mit dem Geschwister mir vorüber. Leise – leise öffnete ich des Vaters Stubentür. Er saß, wie gewöhnlich, stumm und starr den Rücken der Türe zugekehrt, er bemerkte mich nicht, schnell war ich hinein und hinter der Gardine, die einem gleich neben der Türe stehenden offenen Schrank, worin meines Vaters Kleider hingen, vorgezogen war. – Näher – immer näher dröhnten die Tritte – es hustete und scharrte und brummte seltsam draußen. Das Herz bebte mir vor Angst und Erwartung. – Dicht, dicht vor der Türe ein scharfer Tritt – ein heftiger Schlag auf die Klinke, die Tür springt rasselnd auf! – Mit Gewalt mich ermannend gucke ich behutsam hervor. Der Sandmann steht mitten in der Stube vor meinem Vater, der helle Schein der Lichter brennt ihm ins Gesicht! – Der Sandmann, der fürchterliche Sandmann ist der alte Advokat Coppelius, der manchmal bei uns zu Mittage isst! –

Aber die grässlichste Gestalt hätte mir nicht tieferes Entsetzen erregen können, als eben dieser Coppelius. – Denke dir einen großen breitschultrigen Mann mit einem unförmlich dicken Kopf, erdgelbem Gesicht, buschigten grauen Augenbrauen, unter denen ein paar grünliche Katzenaugen stechend hervorfunkeln, großer, starker über die Oberlippe gezogener Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum hämischen Lachen; dann werden auf den Backen ein paar dunkelrote Flecke sichtbar und ein seltsam zischender Ton fährt durch die zusammengekniffenen Zähne. Coppelius erschien immer in einem altmodisch zugeschnittenen aschgrauen Rocke, ebensolcher Weste und gleichen Beinkleidern, aber dazu schwarze Strümpfe und Schuhe mit kleinen Steinschnallen. Die kleine Perücke reichte kaum bis über den Kopfwirbel heraus, die Kleblocken standen hoch über den großen roten Ohren und ein breiter verschlossener Haarbeutel starrte von dem Nacken weg, so dass man die silberne Schnalle sah, die die gefältelte Halsbinde schloss. Die ganze Figur war überhaupt [8] widrig und abscheulich; aber vor allem waren uns Kindern seine großen knotigten, haarigten Fäuste zuwider, sodass wir, was er damit berührte, nicht mehr mochten. Das hatte er bemerkt, und nun war es seine Freude, irgendein Stückchen Kuchen, oder eine süße Frucht, die uns die gute Mutter heimlich auf den Teller gelegt, unter diesem, oder jenem Vorwande zu berühren, dass wir, helle Tränen in den Augen, die Näscherei, der wir uns erfreuen sollten, nicht mehr genießen mochten vor Ekel und Abscheu. Ebenso machte er es, wenn uns an Feiertagen der Vater ein klein Gläschen süßen Weins eingeschenkt hatte. Dann fuhr er schnell mit der Faust herüber, oder brachte wohl gar das Glas an die blauen Lippen und lachte recht teuflisch, wenn wir unsern Ärger nur leise schluchzend äußern durften. Er pflegte uns nur immer die kleinen Bestien zu nennen; wir durften, war er zugegen, keinen Laut von uns geben und verwünschten den hässlichen, feindlichen Mann, der uns recht mit Bedacht und Absicht auch die kleinste Freude verdarb. Die Mutter schien ebenso, wie wir, den widerwärtigen Coppelius zu hassen; denn so wie er sich zeigte, war ihr Frohsinn, ihr heiteres unbefangenes Wesen umgewandelt in traurigen, düstern Ernst. Der Vater betrug sich gegen ihn, als sei er ein höheres Wesen, dessen Unarten man dulden und das man auf jede Weise bei guter Laune erhalten müsse. Er durfte nur leise andeuten und Lieblingsgerichte wurden gekocht und seltene Weine kredenzt.

Als ich nun diesen Coppelius sah, ging es grausig und entsetzlich in meiner Seele auf, dass ja niemand anders, als er, der Sandmann sein könne, aber der Sandmann war mir nicht mehr jener Popanz aus dem Ammenmärchen, der dem Eulennest im Halbmonde Kinderaugen zur Atzung holt – Nein! – ein hässlicher gespenstischer Unhold, der überall, wo er einschreitet, Jammer – Not – zeitliches, ewiges Verderben bringt.

Ich war festgezaubert. Auf die Gefahr entdeckt, und, wie ich deutlich dachte, hart gestraft zu werden, blieb ich [9] stehen, den Kopf lauschend durch die Gardine hervorgestreckt. Mein Vater empfing den Coppelius feierlich. »Auf! – zum Werk«, rief dieser mit heiserer, schnarrender Stimme und warf den Rock ab. Der Vater zog still und finster seinen Schlafrock aus und beide kleideten sich in lange schwarze Kittel. Wo sie die hernahmen, hatte ich übersehen. Der Vater öffnete die Flügeltür eines Wandschranks; aber, ich sah, dass das, was ich so lange dafür gehalten, kein Wandschrank, sondern vielmehr eine schwarze Höhlung war, in der ein kleiner Herd stand. Coppelius trat hinzu und eine blaue Flamme knisterte auf dem Herde empor. Allerlei seltsames Geräte stand umher. Ach Gott! – wie sich nun mein alter Vater zum Feuer herabbückte, da sah er ganz anders aus. Ein grässlicher krampfhafter Schmerz schien seine sanften ehrlichen Züge zum hässlichen widerwärtigen Teufelsbilde verzogen zu haben. Er sah dem Coppelius ähnlich. Dieser schwang die glutrote Zange und holte damit hell blinkende Massen aus dem dicken Qualm, die er dann emsig hämmerte. Mir war es als würden Menschengesichter ringsumher sichtbar, aber ohne Augen – scheußliche, tiefe schwarze Höhlen statt ihrer. »Augen her, Augen her!« rief Coppelius mit dumpfer dröhnender Stimme. Ich kreischte auf von wildem Entsetzen gewaltig erfasst und stürzte aus meinem Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff mich Coppelius, »kleine Bestie! – kleine Bestie!« meckerte er zähnefletschend! – riss mich auf und warf mich auf den Herd, dass die Flamme mein Haar zu sengen begann: »Nun haben wir Augen – Augen – ein schön Paar Kinderaugen.« So flüsterte Coppelius, und griff mit den Fäusten glutrote Körner aus der Flamme, die er mir in die Augen streuen wollte. Da hob mein Vater flehend die Hände empor und rief: »Meister! Meister! lass meinem Nathanael die Augen – lass sie ihm!« Coppelius lachte gellend auf und rief: »Mag denn der Junge die Augen behalten und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch den Mechanismus der Hände und der Füße recht observieren.« Und damit fasste er mich [10] gewaltig, dass die Gelenke knackten, und schrob mir die Hände ab und die Füße und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein. »’s steht doch überall nicht recht! ’s gut so wie es war! – Der Alte hat’s verstanden!« So zischte und lispelte Coppelius; aber alles um mich her wurde schwarz und finster, ein jäher Krampf durchzuckte Nerv und Gebein – ich fühlte nichts mehr. Ein sanfter warmer Hauch glitt über mein Gesicht, ich erwachte wie aus dem Todesschlaf, die Mutter hatte sich über mich hingebeugt. »Ist der Sandmann noch da?« stammelte ich. »Nein, mein liebes Kind, der ist lange, lange fort, der tut dir keinen Schaden!« – So sprach die Mutter und küsste und herzte den wiedergewonnenen Liebling. –

Was soll ich dich ermüden, mein herzlieber Lothar! was soll ich so weitläuftig Einzelnes hererzählen, da noch so vieles zu sagen übrig bleibt? Genug! – ich war bei der Lauscherei entdeckt, und von Coppelius gemisshandelt worden. Angst und Schrecken hatten mir ein hitziges Fieber zugezogen, an dem ich mehrere Wochen krank lag. »Ist der Sandmann noch da?« – Das war mein erstes gesundes Wort und das Zeichen meiner Genesung, meiner Rettung. – Nur noch den schrecklichsten Moment meiner Jugendjahre darf ich dir erzählen; dann wirst du überzeugt sein, dass es nicht meiner Augen Blödigkeit ist, wenn mir nun alles farblos erscheint, sondern, dass ein dunkles Verhängnis wirklich einen trüben Wolkenschleier über mein Leben gehängt hat, den ich vielleicht nur sterbend zerreiße. –

Coppelius ließ sich nicht mehr sehen, es hieß, er habe die Stadt verlassen.

Ein Jahr mochte vergangen sein, als wir der alten unveränderten Sitte gemäß abends an dem runden Tische saßen. Der Vater war sehr heiter und erzählte viel Ergötzliches von den Reisen, die er in seiner Jugend gemacht. Da hörten wir, als es neune schlug, plötzlich die Haustür in den Angeln knarren und langsame eisenschwere Schritte dröhnten durch den Hausflur die Treppe herauf. »Das ist [11] Coppelius«, sagte meine Mutter erblassend. »Ja! – es ist Coppelius«, wiederholte der Vater mit matter gebrochener Stimme. Die Tränen stürzten der Mutter aus den Augen. »Aber Vater, Vater!« rief sie, »muss es denn so sein?« »Zum letzten Male!« erwiderte dieser, »zum letzten Male kommt er zu mir, ich verspreche es dir. Geh nur, geh mit den Kindern! – Geht – geht zu Bette! Gute Nacht!«

Mir war es, als sei ich in schweren kalten Stein eingepresst – mein Atem stockte! – Die Mutter ergriff mich beim Arm als ich unbeweglich stehen blieb: »Komm Nathanael, komme nur!« – Ich ließ mich fortführen, ich trat in meine Kammer. »Sei ruhig, sei ruhig, lege dich ins Bette! – schlafe – schlafe«, rief mir die Mutter nach; aber von unbeschreiblicher innerer Angst und Unruhe gequält, konnte ich kein Auge zutun. Der verhasste abscheuliche Coppelius stand vor mir mit funkelnden Augen und lachte mich hämisch an, vergebens trachtete ich sein Bild los zu werden. Es mochte wohl schon Mitternacht sein, als ein entsetzlicher Schlag geschah, wie wenn ein Geschütz losgefeuert würde. Das ganze Haus erdröhnte, es rasselte und rauschte bei meiner Türe vorbei, die Haustüre wurde klirrend zugeworfen. »Das ist Coppelius«, rief ich entsetzt und sprang aus dem Bette. Da kreischte es auf in schneidendem trostlosen Jammer, fort stürzte ich nach des Vaters Zimmer, die Tür stand offen, erstickender Dampf quoll mir entgegen, das Dienstmädchen schrie: »Ach, der Herr! – der Herr!« – Vor dem dampfenden Herde auf dem Boden lag mein Vater tot mit schwarz verbranntem grässlich verzerrtem Gesicht, um ihn herum heulten und winselten die Schwestern – die Mutter ohnmächtig daneben! – »Coppelius, verruchter Satan, du hast den Vater erschlagen!« – So schrie ich auf; mir vergingen die Sinne. Als man zwei Tage darauf meinen Vater in den Sarg legte, waren seine Gesichtszüge wieder mild und sanft geworden, wie sie im Leben waren. Tröstend ging es in meiner Seele auf, dass sein Bund mit dem teuflischen Coppelius ihn nicht ins ewige Verderben gestürzt haben könne. –

[12] Die Explosion hatte die Nachbarn geweckt, der Vorfall wurde ruchbar und kam vor die Obrigkeit, welche den Coppelius zur Verantwortung vorfordern wollte. Der war aber spurlos vom Orte verschwunden.

Wenn ich dir nun sage, mein herzlieber Freund! dass jener Wetterglashändler eben der verruchte Coppelius war, so wirst du mir es nicht verargen, dass ich die feindliche Erscheinung als schweres Unheil bringend deute. Er war anders gekleidet, aber Coppelius’ Figur und Gesichtszüge sind zu tief in mein Innerstes eingeprägt, als dass hier ein Irrtum möglich sein sollte. Zudem hat Coppelius nicht einmal seinen Namen geändert. Er gibt sich hier, wie ich höre, für einen piemontesischen Mechanicus aus, und nennt sich Giuseppe Coppola.

Ich bin entschlossen es mit ihm aufzunehmen und des Vaters Tod zu rächen, mag es denn nun gehen wie es will.

Der Mutter erzähle nichts von dem Erscheinen des grässlichen Unholds – Grüße meine liebe holde Clara, ich schreibe ihr in ruhigerer Gemütsstimmung. Lebe wohl etc. etc.

Clara an Nathanael

Wahr ist es, dass du recht lange mir nicht geschrieben hast, aber dennoch glaube ich, dass du mich in Sinn und Gedanken trägst. Denn meiner gedachtest du wohl recht lebhaft, als du deinen letzten Brief an Bruder Lothar absenden wolltest und die Aufschrift, statt an ihn, an mich richtetest. Freudig erbrach ich den Brief und wurde den Irrtum erst bei den Worten inne: Ach mein herzlieber Lothar! – Nun hätte ich nicht weiter lesen, sondern den Brief dem Bruder geben sollen. Aber, hast du mir auch sonst manchmal in kindischer Neckerei vorgeworfen, ich hätte solch ruhiges, weiblich besonnenes Gemüt, dass ich wie jene Frau, drohe das Haus den Einsturz, noch vor schneller Flucht ganz geschwinde einen falschen Kniff in der [13] Fenstergardine glattstreichen würde, so darf ich doch wohl kaum versichern, dass deines Briefes Anfang mich tief erschütterte. Ich konnte kaum atmen, es flimmerte mir vor den Augen. – Ach, mein herzgeliebter Nathanael! was konnte so Entsetzliches in dein Leben getreten sein! Trennung von dir, dich niemals wiedersehen, der Gedanke durchfuhr meine Brust wie ein glühender Dolchstich. – Ich las und las! – Deine Schilderung des widerwärtigen Coppelius ist grässlich. Erst jetzt vernahm ich, wie dein guter alter Vater solch entsetzlichen, gewaltsamen Todes starb. Bruder Lothar, dem ich sein Eigentum zustellte, suchte mich zu beruhigen, aber es gelang ihm schlecht. Der fatale Wetterglashändler Giuseppe Coppola verfolgte mich auf Schritt und Tritt und beinahe schäme ich mich, es zu gestehen, dass er selbst meinen gesunden, sonst so ruhigen Schlaf in allerlei wunderlichen Traumgebilden zerstören konnte. Doch bald, schon den andern Tag, hatte sich alles anders in mir gestaltet. Sei mir nur nicht böse, mein Inniggeliebter, wenn Lothar dir etwa sagen möchte, dass ich trotz deiner seltsamen Ahnung, Coppelius werde dir etwas Böses antun, ganz heitern unbefangenen Sinnes bin, wie immer.

Gerade heraus will ich es dir nur gestehen, dass, wie ich meine, alles Entsetzliche und Schreckliche, wovon du sprichst, nur in deinem Innern vorging, die wahre wirkliche Außenwelt aber daran wohl wenig teilhatte. Widerwärtig genug mag der alte Coppelius gewesen sein, aber dass er Kinder hasste, das brachte in euch Kindern wahren Abscheu gegen ihn hervor.

Natürlich verknüpfte sich nun in deinem kindischen Gemüt der schreckliche Sandmann aus dem Ammenmärchen mit dem alten Coppelius, der dir, glaubtest du auch nicht an den Sandmann, ein gespenstischer, Kindern vorzüglich gefährlicher, Unhold blieb. Das unheimliche Treiben mit deinem Vater zur Nachtzeit war wohl nichts anders, als dass beide insgeheim alchymistische Versuche machten, womit die Mutter nicht zufrieden sein konnte, da [14] gewiss viel Geld unnütz verschleudert und obendrein, wie es immer mit solchen Laboranten der Fall sein soll, des Vaters Gemüt ganz von dem trügerischen Drange nach hoher Weisheit erfüllt, der Familie abwendig gemacht wurde. Der Vater hat wohl gewiss durch eigne Unvorsichtigkeit seinen Tod herbeigeführt, und Coppelius ist nicht schuld daran: Glaubst du, dass ich den erfahrnen Nachbar Apotheker gestern frug, ob wohl bei chemischen Versuchen eine solche augenblicklich tötende Explosion möglich sei? Der sagte: »Ei allerdings« und beschrieb mir nach seiner Art gar weitläufig und umständlich, wie das zugehen könne, und nannte dabei so viel sonderbar klingende Namen, die ich gar nicht zu behalten vermochte. – Nun wirst du wohl unwillig werden über deine Clara, du wirst sagen: in dies kalte Gemüt dringt kein Strahl des Geheimnisvollen, das den Menschen oft mit unsichtbaren Armen umfasst; sie erschaut nur die bunte Oberfläche der Welt und freut sich, wie das kindische Kind über die goldgleißende Frucht, in deren Innern tödliches Gift verborgen.

Ach mein herzgeliebter Nathanael! glaubst du denn nicht, dass auch in heitern – unbefangenen – sorglosen Gemütern die Ahnung wohnen könne von einer dunklen Macht, die feindlich uns in unserm eignen Selbst zu verderben strebt? – Aber verzeih es mir, wenn ich einfältig Mädchen mich unterfange, auf irgendeine Weise mir anzudeuten, was ich eigentlich von solchem Kampfe im Innern glaube. – Ich finde wohl gar am Ende nicht die rechten Worte und du lachst mich aus, nicht, weil ich was Dummes meine, sondern weil ich mich so ungeschickt anstelle, es zu sagen.

Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben würden – gibt es eine solche Macht, so muss sie in uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur so glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen. [15] Haben wir festen, durch das heitre Leben gestärkten, Sinn genug, um fremdes feindliches Einwirken als solches stets zu erkennen und den Weg, in den uns Neigung und Beruf geschoben, ruhigen Schrittes zu verfolgen, so geht wohl jene unheimliche Macht unter in dem vergeblichen Ringen nach der Gestaltung, die unser eignes Spiegelbild sein sollte. Es ist auch gewiss, fügt Lothar hinzu, dass die dunkle psychische Macht, haben wir uns durch uns selbst ihr hingegeben, oft fremde Gestalten, die die Außenwelt uns in den Weg wirft, in unser Inneres hineinzieht, sodass wir selbst nur den Geist entzünden, der, wie wir in wunderlicher Täuschung glauben, aus jener Gestalt spricht. Es ist das Phantom unseres eigenen Ichs, dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe Einwirkung auf unser Gemüt uns in die Hölle wirft, oder in den Himmel verzückt. – Du merkst, mein herzlieber Nathanael! dass wir, ich und Bruder Lothar uns recht über die Materie von dunklen Mächten und Gewalten ausgesprochen haben, die mir nun, nachdem ich nicht ohne Mühe das Hauptsächlichste aufgeschrieben, ordentlich tiefsinnig vorkommt. Lothars letzte Worte verstehe ich nicht ganz, ich ahne nur, was er meint, und doch ist es mir, als sei alles sehr wahr. Ich bitte dich, schlage dir den hässlichen Advokaten Coppelius und den Wetterglasmann Giuseppe Coppola ganz aus dem Sinn. Sei überzeugt, dass diese fremden Gestalten nichts über dich vermögen; nur der Glaube an ihre feindliche Gewalt kann sie dir in der Tat feindlich machen. Spräche nicht aus jeder Zeile deines Briefes die tiefste Aufregung deines Gemüts, schmerzte mich nicht dein Zustand recht in innerster Seele, wahrhaftig, ich könnte über den Advokaten Sandmann und den Wetterglashändler Coppelius scherzen. Sei heiter – heiter! – Ich habe mir vorgenommen, bei dir zu erscheinen, wie dein Schutzgeist, und den hässlichen Coppola, sollte er es sich etwa beikommen lassen, dir im Traum beschwerlich zu fallen, mit lautem Lachen fortzubannen. Ganz und gar nicht fürchte ich mich vor ihm und vor seinen garstigen Fäusten, er soll mir [16] weder als Advokat eine Näscherei, noch als Sandmann die Augen verderben.

Ewig, mein herzinnigstgeliebter Nathanael etc. etc. etc.

Nathanael an Lothar

Sehr unlieb ist es mir, dass Clara neulich den Brief an dich aus, freilich durch meine Zerstreutheit veranlasstem, Irrtum erbrach und las. Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief geschrieben, worin sie ausführlich beweiset, dass Coppelius und Coppola nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die augenblicklich zerstäuben, wenn ich sie als solche, erkenne. In der Tat, man sollte gar nicht glauben, dass der Geist, der aus solch hellen hold lächelnden Kindesaugen, oft wie ein lieblicher süßer Traum, hervorleuchtet, so gar verständig, so magistermäßig distinguieren könne. Sie beruft sich auf dich. Ihr habt über mich gesprochen. Du liesest ihr wohl logische Collegia, damit sie alles fein sichten und sondern lerne. – Lass das bleiben! – Übrigens ist es wohl gewiss, dass der Wetterglashändler Giuseppe Coppola keineswegs der alte Advokat Coppelius ist. Ich höre bei dem erst neuerdings angekommenen Professor der Physik, der, wie jener berühmte Naturforscher, Spalanzani heißt und italienischer Abkunft ist, Collegia. Der kennt den Coppola schon seit vielen Jahren und überdem hört man es auch seiner Aussprache an, dass er wirklich Piemonteser ist. Coppelius war ein Deutscher, aber wie mich dünkt, kein ehrlicher. Ganz beruhigt bin ich nicht. Haltet ihr, du und Clara, mich immerhin für einen düstern Träumer, aber nicht los kann ich den Eindruck werden, den Coppelius’ verfluchtes Gesicht auf mich macht. Ich bin froh, dass er fort ist aus der Stadt, wie mir Spalanzani sagt. Dieser Professor ist ein wunderlicher Kauz. Ein kleiner rundlicher Mann, das Gesicht mit starken Backenknochen, feiner Nase, aufgeworfnen Lippen, kleinen stechenden Augen. [17] Doch besser, als in jeder Beschreibung, siehst du ihn, wenn du den Cagliostro, wie er von Chodowiecki in irgendeinem Berlinischen Taschenkalender steht, anschauest. – So sieht Spalanzani aus. – Neulich steige ich die Treppe herauf und nehme wahr, dass die sonst einer Glastüre dicht vorgezogene Gardine zur Seite einen kleinen Spalt lässt. Selbst weiß ich nicht, wie ich dazu kam, neugierig durchzublicken. Ein hohes, sehr schlank im reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer saß im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf den sie beide Ärme, die Hände zusammengefaltet, gelegt hatte. Sie saß der Türe gegenüber, so, dass ich ihr engelschönes Gesicht ganz erblickte. Sie schien mich nicht zu bemerken, und überhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe möcht ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schliefe sie mit offnen Augen. Mir wurde ganz unheimlich und deshalb schlich ich leise fort ins Auditorium, das daneben gelegen. Nachher erfuhr ich, dass die Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter, Olimpia war, die er sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, so, dass durchaus kein Mensch in ihre Nähe kommen darf. – Am Ende hat es eine Bewandtnis mit ihr, sie ist vielleicht blödsinnig oder sonst. – Weshalb schreibe ich dir aber das alles? Besser und ausführlicher hätte ich dir das mündlich erzählen können. Wisse nämlich, dass ich über vierzehn Tage bei euch bin. Ich muss mein süßes liebes Engelsbild, meine Clara, wiedersehen. Weggehaucht wird dann die Verstimmung sein, die sich (ich muss das gestehen) nach dem fatalen verständigen Briefe meiner bemeistern wollte. Deshalb schreibe ich auch heute nicht an sie.

Tausend Grüße etc. etc. etc.

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Seltsamer und wunderlicher kann nichts erfunden werden, als dasjenige ist, was sich mit meinem armen Freunde, dem jungen Studenten Nathanael, zugetragen, und was [18] ich dir, günstiger Leser! zu erzählen unternommen. Hast du, Geneigtester! wohl jemals etwas erlebt, das deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfüllte, alles andere daraus verdrängend? Es gärte und kochte in dir, zur siedenden Glut entzündet sprang das Blut durch die Adern und färbte höher deine Wangen. Dein Blick war so seltsam als wolle er Gestalten, keinem andern Auge sichtbar, im leeren Raum erfassen und die Rede zerfloss in dunkle Seufzer. Da frugen dich die Freunde: »Wie ist Ihnen, Verehrter? – Was haben Sie, Teurer?« Und nun wolltest du das innere Gebilde mit allen glühenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und mühtest dich ab, Worte zu finden, um nur anzufangen. Aber es war dir, als müsstest du nun gleich im ersten Wort alles Wunderbare, Herrliche, Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zugetragen, recht zusammengreifen, sodass es, wie ein elektrischer Schlag, alle treffe. Doch jedes Wort, alles was Rede vermag, schien dir farblos und frostig und tot. Du suchst und suchst, und stotterst und stammelst, und die nüchternen Fragen der Freunde schlagen, wie eisige Windeshauche, hinein in deine innere Glut, bis sie verlöschen will. Hattest du aber, wie ein kecker Maler, erst mit einigen verwegenen Strichen, den Umriss deines innern Bildes hingeworfen, so trugst du mit leichter Mühe immer glühender und glühender die Farben auf und das lebendige Gewühl mannigfacher Gestalten riss die Freunde fort und sie sahen, wie du, sich selbst mitten im Bilde, das aus deinem Gemüt hervorgegangen! – Mich hat, wie ich es dir, geneigter Leser! gestehen muss, eigentlich niemand nach der Geschichte des jungen Nathanael gefragt; du weißt ja aber wohl, dass ich zu dem wunderlichen Geschlechte der Autoren gehöre, denen, tragen sie etwas so in sich, wie ich es vorhin beschrieben, so zu Mute wird, als frage jeder, der in ihre Nähe kommt und nebenher auch wohl noch die ganze Welt: »Was ist es denn? Erzählen Sie Liebster?« – So trieb es mich denn gar gewaltig, von Nathanaels verhängnisvollem Leben zu dir zu sprechen. Das [19] Wunderbare, Seltsame davon erfüllte meine ganze Seele, aber eben deshalb und weil ich dich, o mein Leser! gleich geneigt machen musste, Wunderliches zu ertragen, welches nichts Geringes ist, quälte ich mich ab, Nathanaels Geschichte, bedeutend – originell, ergreifend, anzufangen: »Es war einmal« – der schönste Anfang jeder Erzählung, zu nüchtern! – »In der kleinen Provinzial-Stadt S. lebte« – etwas besser, wenigstens ausholend zum Klimax. – Oder gleich medias in res: »›Scher Er sich zum Teufel‹, rief, Wut und Entsetzen im wilden Blick, der Student Nathanael, als der Wetterglashändler Giuseppe Coppola« – Das hatte ich in der Tat schon aufgeschrieben, als ich in dem wilden Blick des Studenten Nathanael etwas Possierliches zu verspüren glaubte; die Geschichte ist aber gar nicht spaßhaft. Mir kam keine Rede in den Sinn, die nur im mindesten etwas von dem Farbenglanz des innern Bildes abzuspiegeln schien. Ich beschloss gar nicht anzufangen. Nimm, geneigter Leser! die drei Briefe, welche Freund Lothar mir gütigst mitteilte, für den Umriss des Gebildes, in das ich nun erzählend immer mehr und mehr Farbe hineinzutragen mich bemühen werde. Vielleicht gelingt es mir, manche Gestalt, wie ein guter Portraitmaler, so aufzufassen, dass du es ähnlich findest, ohne das Original zu kennen, ja dass es dir ist, als hättest du die Person recht oft schon mit leibhaftigen Augen gesehen. Vielleicht wirst du, o mein Leser! dann glauben, dass nichts wunderlicher und toller sei, als das wirkliche Leben und dass dieses der Dichter doch nur, wie in eines matt geschliffnen Spiegels dunklem Widerschein, auffassen könne.

Damit klarer werde, was gleich anfangs zu wissen nötig, ist jenen Briefen noch hinzuzufügen, dass bald darauf, als Nathanaels Vater gestorben, Clara und Lothar, Kinder eines weitläuftigen Verwandten, der ebenfalls gestorben und sie verwaist nachgelassen, von Nathanaels Mutter ins Haus genommen wurden. Clara und Nathanael fassten eine heftige Zuneigung zueinander, wogegen kein Mensch auf Erden etwas einzuwenden hatte; sie waren daher [20] Verlobte, als Nathanael den Ort verließ um seine Studien in G.– fortzusetzen. Da ist er nun in seinem letzten Briefe und hört Collegia bei dem berühmten Professor Physices, Spalanzani.

Nun könnte ich getrost in der Erzählung fortfahren; aber in dem Augenblick steht Claras Bild so lebendig mir vor Augen, dass ich nicht wegschauen kann, so wie es immer geschah, wenn sie mich hold lächelnd anblickte. – Für schön konnte Clara keineswegs gelten; das meinten alle, die sich von Amts wegen auf Schönheit verstehen. Doch lobten die Architekten die reinen Verhältnisse ihres Wuchses, die Maler fanden Nacken, Schultern und Brust beinahe zu keusch geformt, verliebten sich dagegen sämtlich in das wunderbare Magdalenenhaar und faselten überhaupt viel von Battonischem Kolorit. Einer von ihnen, ein wirklicher Fantast, verglich aber höchstseltsamer Weise Claras Augen mit einem See von Ruisdael, in dem sich des wolkenlosen Himmels reines Azur, Wald und Blumenflur, der reichen Landschaft ganzes buntes, heitres Leben spiegelt. Dichter und Meister gingen aber weiter und sprachen: »Was See – was Spiegel! – Können wir denn das Mädchen anschauen, ohne dass uns aus ihrem Blick wunderbare himmlische Gesänge und Klänge entgegenstrahlen, die in unser Innerstes dringen, dass das alles wach und rege wird? Singen wir selbst dann nichts wahrhaft Gescheutes, so ist überhaupt nicht viel an uns und das lesen wir denn auch deutlich in dem um Claras Lippen schwebenden feinen Lächeln, wenn wir uns unterfangen, ihr etwas vorzuquinkelieren, das so tun will als sei es Gesang, unerachtet nur einzelne Töne verworren durcheinander springen.« Es war dem so. Clara hatte die lebenskräftige Fantasie des heitern unbefangenen, kindischen Kindes, ein tiefes weiblich zartes Gemüt, einen gar hellen scharf sichtenden Verstand. Die Nebler und Schwebler hatten bei ihr böses Spiel; denn ohne zu viel zu reden, was überhaupt in Claras schweigsamer Natur nicht lag, sagte ihnen der helle Blick, und jenes feine ironische Lächeln: Lieben Freunde! [21] wie möget ihr mir denn zumuten, dass ich eure verfließende Schattengebilde für wahre Gestalten ansehen soll, mit Leben und Regung? – Clara wurde deshalb von vielen kalt, gefühllos, prosaisch gescholten; aber andere, die das Leben in klarer Tiefe aufgefasst, liebten ungemein das gemütvolle, verständige, kindliche Mädchen, doch keiner so sehr, als Nathanael, der sich in Wissenschaft und Kunst kräftig und heiter bewegte. Clara hing an dem Geliebten mit ganzer Seele; die ersten Wolkenschatten zogen durch ihr Leben, als er sich von ihr trennte. Mit welchem Entzücken flog sie in seine Arme, als er nun, wie er im letzten Briefe an Lothar es verheißen, wirklich in seiner Vaterstadt ins Zimmer der Mutter eintrat. Es geschah so wie Nathanael geglaubt; denn in dem Augenblick, als er Clara wiedersah, dachte er weder an den Advokaten Coppelius, noch an Claras verständigen Brief, jede Verstimmung war verschwunden.

Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb, dass des widerwärtigen Wetterglashändlers Coppola Gestalt recht feindlich in sein Leben getreten sei. Alle fühlten das, da Nathanael gleich in den ersten Tagen in seinem ganzen Wesen durchaus verändert sich zeigte. Er versank in düstre Träumereien, und trieb es bald so seltsam, wie man es niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demütig müsse man sich dem fügen, was das Schicksal verhängt habe. Er ging so weit, zu behaupten, dass es töricht sei, wenn man glaube, in Kunst und Wissenschaft nach selbsttätiger Willkür zu schaffen; denn die Begeisterung, in der man nur zu schaffen fähig sei, komme nicht aus dem eignen Innern, sondern sei das Einwirken irgendeines außer uns selbst liegenden höheren Prinzips.

Der verständigen Clara war diese mystische Schwärmerei im höchsten Grade zuwider, doch schien es vergebens, [22] sich auf Widerlegung einzulassen. Nur dann, wenn Nathanael bewies, dass Coppelius das böse Prinzip sei, was ihn in dem Augenblick erfasst habe, als er hinter dem Vorhange lauschte, und dass dieser widerwärtige Dämon auf entsetzliche Weise ihr Liebesglück stören werde, da wurde Clara sehr ernst und sprach: »Ja Nathanael! Du hast Recht, Coppelius ist ein böses feindliches Prinzip, er kann Entsetzliches wirken, wie eine teuflische Macht, die sichtbarlich in das Leben trat, aber nur dann, wenn du ihn nicht aus Sinn und Gedanken verbannst. Solange du an ihn glaubst, ist er auch und wirkt, nur dein Glaube ist seine Macht.« – Nathanael, ganz erzürnt, dass Clara die Existenz des Dämons nur in seinem eignen Innern statuiere, wollte dann hervorrücken mit der ganzen mystischen Lehre von Teufeln und grausen Mächten, Clara brach aber verdrüsslich ab, indem sie irgendetwas Gleichgültiges dazwischenschob, zu Nathanaels nicht geringem Ärger. Der dachte, kalten unempfänglichen Gemütern erschließen sich solche tiefe Geheimnisse nicht, ohne sich deutlich bewusst zu sein, dass er Clara eben zu solchen untergeordneten Naturen zähle, weshalb er nicht abließ mit Versuchen, sie in jene Geheimnisse einzuweihen. Am frühen Morgen, wenn Clara das Frühstück bereiten half, stand er bei ihr und las ihr aus allerlei mystischen Büchern vor, dass Clara bat: »Aber lieber Nathanael, wenn ich dich nun das böse Prinzip schelten wollte, das feindlich auf meinen Kaffee wirkt? – Denn, wenn ich, wie du es willst, alles stehen und liegen lassen und dir, indem du liesest, in die Augen schauen soll, so läuft mir der Kaffee ins Feuer und ihr bekommt alle kein Frühstück!« – Nathanael klappte das Buch heftig zu und rannte voll Unmut fort in sein Zimmer. Sonst hatte er eine besondere Stärke in anmutigen, lebendigen Erzählungen, die er aufschrieb, und die Clara mit dem innigsten Vergnügen anhörte, jetzt waren seine Dichtungen düster, unverständlich, gestaltlos, sodass, wenn Clara schonend es auch nicht sagte, er doch wohl fühlte, wie wenig sie davon angesprochen wurde. Nichts [23] war für Clara tötender, als das Langweilige; in Blick und Rede sprach sie dann ihre nicht zu besiegende geistige Schläfrigkeit aus. Nathanaels Dichtungen waren in der Tat sehr langweilig. Sein Verdruss über Claras kaltes prosaisches Gemüt stieg höher, Clara konnte ihren Unmut über Nathanaels dunkle, düstere, langweilige Mystik nicht überwinden, und so entfernten beide im Innern sich immer mehr voneinander, ohne es selbst zu bemerken. Die Gestalt des hässlichen Coppelius war, wie Nathanael selbst es sich gestehen musste, in seiner Fantasie erbleicht und es kostete ihm oft Mühe, ihn in seinen Dichtungen, wo er als grauser Schicksalspopanz auftrat, recht lebendig zu kolorieren. Es kam ihm endlich ein, jene düstre Ahnung, dass Coppelius sein Liebesglück stören werde, zum Gegenstande eines Gedichts zu machen. Er stellte sich und Clara dar, in treuer Liebe verbunden, aber dann und wann war es, als griffe eine schwarze Faust in ihr Leben und risse irgendeine Freude heraus, die ihnen aufgegangen. Endlich, als sie schon am Traualtar stehen, erscheint der entsetzliche Coppelius und berührt Claras holde Augen: die springen in Nathanaels Brust wie blutige Funken sengend und brennend, Coppelius fasst ihn und wirft ihn in einen flammenden Feuerkreis, der sich dreht mit der Schnelligkeit des Sturmes und ihn sausend und brausend fortreißt. Es ist ein Tosen, als wenn der Orkan grimmig hineinpeitscht in die schäumenden Meereswellen, die sich wie schwarze, weißhauptige Riesen emporbäumen in wütendem Kampfe. Aber durch dies wilde Tosen hört er Claras Stimme: »Kannst du mich denn nicht erschauen? Coppelius hat dich getäuscht, das waren ja nicht meine Augen, die so in deiner Brust brannten, das waren ja glühende Tropfen deines eignen Herzbluts – ich habe ja meine Augen, sieh mich doch nur an!« – Nathanael denkt: das ist Clara, und ich bin ihr Eigen ewiglich. – Da ist es, als fasst der Gedanke gewaltig in den Feuerkreis hinein, dass er stehen bleibt, und im schwarzen Abgrund verrauscht dumpf das Getöse. Nathanael blickt in Claras Augen; aber [24] es ist der Tod, der mit Claras Augen ihn freundlich anschaut.

Während Nathanael dies dichtete, war er sehr ruhig und besonnen, er feilte und besserte an jeder Zeile und da er sich dem metrischen Zwange unterworfen, ruhte er nicht, bis alles rein und wohlklingend sich fügte. Als er jedoch nun endlich fertig worden, und das Gedicht für sich laut las, da fasste ihn Grausen und wildes Entsetzen und er schrie auf: »Wessen grauenvolle Stimme ist das?« – Bald schien ihm jedoch das Ganze wieder nur eine sehr gelungene Dichtung, und es war ihm, als müsse Claras kaltes Gemüt dadurch entzündet werden, wiewohl er nicht deutlich dachte, wozu denn Clara entzündet, und wozu es denn nun eigentlich führen solle, sie mit den grauenvollen Bildern zu ängstigen, die ein entsetzliches, ihre Liebe zerstörendes Geschick weissagten. Sie, Nathanael und Clara, saßen in der Mutter kleinem Garten, Clara war sehr heiter, weil Nathanael sie seit drei Tagen, in denen er an jener Dichtung schrieb, nicht mit seinen Träumen und Ahnungen geplagt hatte. Auch Nathanael sprach lebhaft und froh von lustigen Dingen wie sonst, so, dass Clara sagte: »Nun erst habe ich dich ganz wieder, siehst du es wohl, wie wir den hässlichen Coppelius vertrieben haben?« Da fiel dem Nathanael erst ein, dass er ja die Dichtung in der Tasche trage, die er habe vorlesen wollen. Er zog auch sogleich die Blätter hervor und fing an zu lesen: Clara, etwas Langweiliges wie gewöhnlich vermutend und sich darein ergebend, fing an, ruhig zu stricken. Aber so wie immer schwärzer und schwärzer das düstre Gewölk aufstieg, ließ sie den Strickstrumpf sinken und blickte starr dem Nathanael ins Auge. Den riss seine Dichtung unaufhaltsam fort, hochrot färbte seine Wangen die innere Glut, Tränen quollen ihm aus den Augen – Endlich hatte er geschlossen, er stöhnte in tiefer Ermattung – er fasste Claras Hand und seufzte wie aufgelöst in trostlosem Jammer: »Ach! – Clara – Clara« – Clara drückte ihn sanft an ihren Busen und sagte leise, aber sehr langsam und ernst: »Nathanael – [25] mein herzlieber Nathanael! – wirf das tolle – unsinnige – wahnsinnige Märchen ins Feuer.« Da sprang Nathanael entrüstet auf und rief, Clara von sich stoßend: »Du lebloses, verdammtes Automat!« Er rannte fort, bittre Tränen vergoss die tief verletzte Clara: »Ach er hat mich niemals geliebt, denn er versteht mich nicht«, schluchzte sie laut. – Lothar trat in die Laube; Clara musste ihm erzählen was vorgefallen; er liebte seine Schwester mit ganzer Seele, jedes Wort ihrer Anklage fiel wie ein Funke in sein Inneres, so, dass der Unmut, den er wider den träumerischen Nathanael lange im Herzen getragen, sich entzündete zum wilden Zorn. Er lief zu Nathanael, er warf ihm das unsinnige Betragen gegen die geliebte Schwester in harten Worten vor, die der aufbrausende Nathanael ebenso erwiderte. Ein fantastischer, wahnsinniger Geck wurde mit einem miserablen, gemeinen Alltagsmenschen erwidert. Der Zweikampf war unvermeidlich. Sie beschlossen, sich am folgenden Morgen hinter dem Garten nach dortiger akademischer Sitte mit scharf geschliffenen Stoßrapieren zu schlagen. Stumm und finster schlichen sie umher, Clara hatte den heftigen Streit gehört und gesehen, dass der Fechtmeister in der Dämmerung die Rapiere brachte. Sie ahnte was geschehen sollte. Auf dem Kampfplatz angekommen hatten Lothar und Nathanael soeben düster-schweigend die Röcke abgeworfen, blutdürstige Kampflust im brennenden Auge wollten sie gegeneinander ausfallen, als Clara durch die Gartentür herbeistürzte. Schluchzend rief sie laut: »Ihr wilden entsetzlichen Menschen! – stoßt mich nur gleich nieder, ehe ihr euch anfallt; denn wie soll ich denn länger leben auf der Welt, wenn der Geliebte den Bruder, oder wenn der Bruder den Geliebten ermordet hat!« – Lothar ließ die Waffe sinken und sah schweigend zur Erde nieder, aber in Nathanaels Innern ging in herzzerreißender Wehmut alle Liebe wieder auf, wie er sie jemals in der herrlichen Jugendzeit schönsten Tagen für die holde Clara empfunden. Das Mordgewehr entfiel seiner Hand, er stürzte zu Claras Füßen. »Kannst [26] du mir denn jemals verzeihen, du meine einzige, meine herzgeliebte Clara! – Kannst du mir verzeihen, mein herzlieber Bruder Lothar!« – Lothar wurde gerührt von des Freundes tiefem Schmerz; unter tausend Tränen umarmten sich die drei versöhnten Menschen und schwuren, nicht voneinander zu lassen in steter Liebe und Treue.

Dem Nathanael war es zu Mute, als sei eine schwere Last, die ihn zu Boden gedrückt, von ihm abgewälzt, ja als habe er, Widerstand leistend der finstern Macht, die ihn befangen, sein ganzes Sein, dem Vernichtung drohte, gerettet. Noch drei selige Tage verlebte er bei den Lieben, dann kehrte er zurück nach G., wo er noch ein Jahr zu bleiben, dann aber auf immer nach seiner Vaterstadt zurückzukehren gedachte.

Der Mutter war alles, was sich auf Coppelius bezog, verschwiegen worden; denn man wusste, dass sie nicht ohne Entsetzen an ihn denken konnte, weil sie, wie Nathanael, ihm den Tod ihres Mannes Schuld gab.

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Wie erstaunte Nathanael, als er in seine Wohnung wollte und sah, dass das ganze Haus niedergebrannt war, sodass aus dem Schutthaufen nur die nackten Feuermauern hervorragten. Unerachtet das Feuer in dem Laboratorium des Apothekers, der im untern Stocke wohnte, ausgebrochen war, das Haus daher von unten herauf gebrannt hatte, so war es doch den kühnen, rüstigen Freunden gelungen, noch zu rechter Zeit in Nathanaels im obern Stock gelegenes Zimmer zu dringen, um Bücher, Manuskripte, Instrumente zu retten. Alles hatten sie unversehrt in ein anderes Haus getragen, und dort ein Zimmer in Beschlag genommen, welches Nathanael nun sogleich bezog. Nicht sonderlich achtete er darauf, dass er dem Professor Spalanzani gegenüber wohnte, und ebenso wenig schien es ihn etwas Besonderes, als er bemerkte, dass er aus seinem Fenster gerade hinein in das Zimmer blickte, wo oft [27] Olimpia einsam saß, so, dass er ihre Figur deutlich erkennen konnte, wiewohl die Züge des Gesichts undeutlich und verworren blieben. Wohl fiel es ihm endlich auf, dass Olimpia oft stundenlang in derselben Stellung, wie er sie einst durch ihre Glastüre entdeckte, ohne irgendeine Beschäftigung an einem kleinen Tische saß und dass sie offenbar unverwandten Blickes nach ihm herüberschaute; er musste sich auch selbst gestehen, dass er nie einen schöneren Wuchs gesehen; indessen, Clara im Herzen, blieb ihm die steife, starre Olimpia höchst gleichgültig und nur zuweilen sah er flüchtig über sein Kompendium herüber nach der schönen Bildsäule, das war alles. – Eben schrieb er an Clara, als es leise an die Türe klopfte; sie öffnete sich auf seinen Zuruf und Coppolas widerwärtiges Gesicht sah hinein. Nathanael fühlte sich im Innersten erbeben; eingedenk dessen, was ihm Spalanzani über den Landsmann Coppola gesagt und was er auch rücksichts des Sandmanns Coppelius der Geliebten so heilig versprochen, schämte er sich aber selbst seiner kindischen Gespensterfurcht, nahm sich mit aller Gewalt zusammen und sprach so sanft und gelassen, als möglich: »Ich kaufe kein Wetterglas, mein lieber Freund! gehen Sie nur!« Da trat aber Coppola vollends in die Stube und sprach mit heiserem Ton, indem sich das weite Maul zum hässlichen Lachen verzog und die kleinen Augen unter den grauen langen Wimpern stechend hervorfunkelten: »Ei, nix Wetterglas, nix Wetterglas! – hab auch sköne Oke – sköne Oke!« – Entsetzt rief Nathanael: »Toller Mensch, wie kannst du Augen haben? – Augen – Augen? –« Aber in dem Augenblick hatte Coppola seine Wettergläser beiseite gesetzt, griff in die weiten Rocktaschen und holte Lorgnetten und Brillen heraus, die er auf den Tisch legte. – »Nu – Nu – Brill’ – Brill’ auf der Nas’ su setze, das sein meine Oke – sköne Oke!« – Und damit holte er immer mehr und mehr Brillen heraus, so, dass es auf dem ganzen Tisch seltsam zu flimmern und zu funkeln begann. Tausend Augen blickten und zuckten krampfhaft und starrten auf zum [28] Nathanael; aber er konnte nicht wegschauen von dem Tisch, und immer mehr Brillen legte Coppola hin, und immer wilder und wilder sprangen flammende Blicke durcheinander und schossen ihre blutrote Strahlen in Nathanaels Brust. Übermannt von tollem Entsetzen schrie er auf: »Halt ein! halt ein, fürchterlicher Mensch!« – Er hatte Coppola, der eben in die Tasche griff, um noch mehr Brillen herauszubringen, unerachtet schon der ganze Tisch überdeckt war, beim Arm festgepackt, Coppola machte sich mit heiserem widrigen Lachen sanft los und mit den Worten: »Ah! – nix für Sie – aber hier sköne Glas« – hatte er alle Brillen zusammengerafft, eingesteckt und aus der Seitentasche des Rocks eine Menge großer und kleiner Perspektive hervorgeholt. Sowie die Brillen fort waren, wurde Nathanael ganz ruhig und an Clara denkend sah er wohl ein, dass der entsetzliche Spuk nur aus seinem Innern hervorgegangen, sowie dass Coppola ein höchst ehrlicher Mechanicus und Opticus, keinesweges aber Coppelii verfluchter Doppeltgänger und Revenant sein könne. Zudem hatten alle Gläser, die Coppola nun auf den Tisch gelegt, gar nichts Besonderes, am wenigsten so etwas Gespenstisches wie die Brillen und, um alles wiedergutzumachen, beschloss Nathanael dem Coppola jetzt wirklich etwas abzukaufen. Er ergriff ein kleines sehr sauber gearbeitetes Taschenperspektiv und sah, um es zu prüfen, durch das Fenster. Noch im Leben war ihm kein Glas vorgekommen, das die Gegenstände so rein, scharf und deutlich dicht vor die Augen rückte. Unwillkürlich sah er hinein in Spalanzanis Zimmer; Olimpia saß, wie gewöhnlich, vor dem kleinen Tisch, die Ärme daraufgelegt, die Hände gefaltet. – Nun erschaute Nathanael erst Olimpias wunderschön geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar seltsam starr und tot. Doch wie er immer schärfer und schärfer durch das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olimpias Augen feuchte Mondesstrahlen auf. Es schien, als wenn nun erst die Sehkraft entzündet würde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke. Nathanael [29] lag wie festgezaubert im Fenster, immer fort und fort die himmlisch-schöne Olimpia betrachtend. Ein Räuspern und Scharren weckte ihn, wie aus tiefem Traum. Coppola stand hinter ihm: »Tre Zechini – drei Dukat« – Nathanael hatte den Opticus rein vergessen, rasch zahlte er das Verlangte: »Nick so? – sköne Glas – sköne Glas!« frug Coppola mit seiner widerwärtigen heisern Stimme und dem hämischen Lächeln. »Ja, ja, ja!« erwiderte Nathanael verdrießlich: »Adieu, lieber Freund!« – Coppola verließ nicht ohne viele seltsame Seitenblicke auf Nathanael, das Zimmer. Er hörte ihn auf der Treppe laut lachen. »Nun ja«, meinte Nathanael, »er lacht mich aus, weil ich ihm das kleine Perspektiv gewiss viel zu teuer bezahlt habe – zu teuer bezahlt!« – Indem er diese Worte leise sprach, war es, als halle ein tiefer Todesseufzer grauenvoll durch das Zimmer, Nathanaels Atem stockte vor innerer Angst. – Er hatte ja aber selbst so aufgeseufzt, das merkte er wohl. »Clara«, sprach er zu sich selber, »hat wohl Recht, dass sie mich für einen abgeschmackten Geisterseher hält; aber närrisch ist es doch – ach wohl mehr, als närrisch, dass mich der dumme Gedanke, ich hätte das Glas dem Coppola zu teuer bezahlt, noch jetzt so sonderbar ängstigt; den Grund davon sehe ich gar nicht ein.« – Jetzt setzte er sich hin, um den Brief an Clara zu enden, aber ein Blick durchs Fenster überzeugte ihn, dass Olimpia noch da säße und im Augenblick, wie von unwiderstehlicher Gewalt getrieben, sprang er auf, ergriff Coppolas Perspektiv und konnte nicht los von Olimpias verführerischem Anblick, bis ihn Freund und Bruder Siegmund abrief ins Kollegium bei dem Professor Spalanzani. Die Gardine vor dem verhängnisvollen Zimmer war dicht zugezogen, er konnte Olimpia ebenso wenig hier, als die beiden folgenden Tage hindurch in ihrem Zimmer, entdecken, unerachtet er kaum das Fenster verließ und fortwährend durch Coppolas Perspektiv hinüberschaute. Am dritten Tage wurden sogar die Fenster verhängt. Ganz verzweifelt und getrieben von Sehnsucht und glühendem Verlangen lief er [30] hinaus vors Tor. Olimpias Gestalt schwebte vor ihm her in den Lüften und trat aus dem Gebüsch, und guckte ihn an mit großen strahlenden Augen, aus dem hellen Bach. Claras Bild war ganz aus seinem Innern gewichen, er dachte nichts, als Olimpia und klagte ganz laut und weinerlich: »Ach du mein hoher herrlicher Liebesstern, bist du mir denn nur aufgegangen, um gleich wieder zu verschwinden, und mich zu lassen in finstrer hoffnungsloser Nacht?«

Als er zurückkehren wollte in seine Wohnung, wurde er in Spalanzanis Hause ein geräuschvolles Treiben gewahr. Die Türen standen offen, man trug allerlei Geräte hinein, die Fenster des ersten Stocks waren ausgehoben, geschäftige Mägde kehrten und stäubten mit großen Haarbesen hin und her fahrend, inwendig klopften und hämmerten Tischler und Tapezierer. Nathanael blieb in vollem Erstaunen auf der Straße stehen; da trat Siegmund lachend zu ihm und sprach: »Nun, was sagst du zu unserem alten Spalanzani?« Nathanael versicherte, dass er gar nichts sagen könne, da er durchaus nichts vom Professor wisse, vielmehr mit großer Verwunderung wahrnehme, wie in dem stillen düstern Hause ein tolles Treiben und Wirtschaften losgegangen; da erfuhr er denn von Siegmund, dass Spalanzani morgen ein großes Fest geben wolle, Konzert und Ball, und dass die halbe Universität eingeladen sei. Allgemein verbreite man, dass Spalanzani seine Tochter Olimpia, die er so lange jedem menschlichen Auge recht ängstlich entzogen, zum ersten Mal erscheinen lassen werde.

Nathanael fand eine Einladungskarte und ging mit hochklopfendem Herzen zur bestimmten Stunde, als schon die Wagen rollten und die Lichter in den geschmückten Sälen schimmerten, zum Professor. Die Gesellschaft war zahlreich und glänzend. Olimpia erschien sehr reich und geschmackvoll gekleidet. Man musste ihr schön geformtes Gesicht, ihren Wuchs bewundern. Der etwas seltsam eingebogene Rücken, die wespenartige Dünne des Leibes schien von zu starkem Einschnüren [31] bewirkt zu sein. In Schritt und Stellung hatte sie etwas Abgemessenes und Steifes, das manchem unangenehm auffiel; man schrieb es dem Zwange zu, den ihr die Gesellschaft auflegte. Das Konzert begann. Olimpia spielte den Flügel mit großer Fertigkeit und trug ebenso eine Bravour-Arie mit heller, beinahe schneidender Glasglockenstimme vor. Nathanael war ganz entzückt; er stand in der hintersten Reihe und konnte im blendenden Kerzenlicht Olimpias Züge nicht ganz erkennen. Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas Glas hervor und schaute hin nach der schönen Olimpia. Ach! – da wurde er gewahr, wie sie voll Sehnsucht nach ihm herübersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in dem Liebesblick, der zündend sein Inneres durchdrang. Die künstlichen Rouladen schienen dem Nathanael das Himmelsjauchzen des in Liebe verklärten Gemüts, und als nun endlich nach der Kadenz der lange Trillo recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte er wie von glühenden Ärmen plötzlich erfasst sich nicht mehr halten, er musste vor Schmerz und Entzücken laut aufschreien: »Olimpia!« – Alle sahen sich um nach ihm, manche lachten. Der Domorganist schnitt aber noch ein finstreres Gesicht, als vorher und sagte bloß: »Nun nun!« – Das Konzert war zu Ende, der Ball fing an. Mit ihr zu tanzen! – mit ihr! das war nun dem Nathanael das Ziel aller Wünsche, alles Strebens; aber wie sich erheben zu dem Mut, sie, die Königin des Festes, aufzufordern? Doch! – er selbst wusste nicht wie es geschah, dass er, als schon der Tanz angefangen, dicht neben Olimpia stand, die noch nicht aufgefordert worden, und dass er, kaum vermögend einige Worte zu stammeln, ihre Hand ergriff. Eiskalt war Olimpias Hand, er fühlte sich durchbebt von grausigem Todesfrost, er starrte Olimpia ins Auge, das strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht entgegen und in dem Augenblick war es auch, als fingen an in der kalten Hand Pulse zu schlagen und des Lebensblutes Ströme zu glühen. Und auch in Nathanaels Innerm glühte höher auf die Liebeslust, er umschlang die schöne Olimpia und durchflog mit [32] ihr die Reihen. – Er glaubte sonst recht taktmäßig getanzt zu haben, aber an der ganz eignen rhythmischen Festigkeit, womit Olimpia tanzte und die ihn oft ordentlich aus der Haltung brachte, merkte er bald, wie sehr ihm der Takt gemangelt. Er wollte jedoch mit keinem andern Frauenzimmer mehr tanzen und hätte jeden, der sich Olimpia näherte, um sie aufzufordern, nur gleich ermorden mögen. Doch nur zweimal geschah dies, zu seinem Erstaunen blieb darauf Olimpia bei jedem Tanze sitzen und er ermangelte nicht, immer wieder sie aufzuziehen. Hätte Nathanael außer der schönen Olimpia noch etwas anders zu sehen vermocht, so wäre allerlei fataler Zank und Streit unvermeidlich gewesen; denn offenbar ging das halbleise, mühsam unterdrückte Gelächter, was sich in diesem und jenem Winkel unter den jungen Leuten erhob, auf die schöne Olimpia, die sie mit ganz kuriosen Blicken verfolgten, man konnte gar nicht wissen, warum? Durch den Tanz und durch den reichlich genossenen Wein erhitzt, hatte Nathanael alle ihm sonst eigne Scheu abgelegt. Er saß neben Olimpia, ihre Hand in der seinigen und sprach hoch entflammt und begeistert von seiner Liebe in Worten, die keiner verstand, weder er, noch Olimpia. Doch diese vielleicht; denn sie sah ihm unverrückt ins Auge und seufzte einmal übers andere: »Ach – Ach – Ach!« – worauf denn Nathanael also sprach: »O du herrliche, himmlische Frau! – Du Strahl aus dem verheißenen Jenseits der Liebe – Du tiefes Gemüt, in dem sich mein ganzes Sein spiegelt« und noch mehr dergleichen, aber Olimpia seufzte bloß immer wieder: »Ach, Ach!« – Der Professor Spalanzani ging einigemal bei den Glücklichen vorüber und lächelte sie ganz seltsam zufrieden an. Dem Nathanael schien es, unerachtet er sich in einer ganz andern Welt befand, mit einem Mal, als würd es hienieden beim Professor Spalanzani merklich finster; er schaute um sich und wurde zu seinem nicht geringen Schreck gewahr, dass eben die zwei letzten Lichter in dem leeren Saal herniederbrennen und ausgehen wollten. Längst hatten [33] Musik und Tanz aufgehört. »Trennung, Trennung«, schrie er ganz wild und verzweifelt, er küsste Olimpias Hand, er neigte sich zu ihrem Munde, eiskalte Lippen begegneten seinen glühenden! – Sowie, als er Olimpias kalte Hand berührte, fühlte er sich von innerem Grausen erfasst, die Legende von der toten Braut ging ihm plötzlich durch den Sinn; aber fest hatte ihn Olimpia an sich gedrückt, und in dem Kuss schienen die Lippen zum Leben zu erwarmen. – Der Professor Spalanzani schritt langsam durch den leeren Saal, seine Schritte klangen hohl wider und seine Figur, von flackernden Schlagschatten umspielt, hatte ein grauliches gespenstisches Ansehen. »Liebst du mich – Liebst du mich Olimpia? – Nur dies Wort! – Liebst du mich?« So flüsterte Nathanael, aber Olimpia seufzte, indem sie aufstand, nur: »Ach – Ach!« »Ja du mein holder, herrlicher Liebesstern«, sprach Nathanael, »bist mir aufgegangen und wirst leuchten, wirst verklären mein Inneres immerdar!« »Ach, ach!« replizierte Olimpia fortschreitend. Nathanael folgte ihr, sie standen vor dem Professor. »Sie haben sich außerordentlich lebhaft mit meiner Tochter unterhalten«, sprach dieser lächelnd: »Nun, nun lieber Herr Nathanael, finden Sie Geschmack daran, mit dem blöden Mädchen zu konversieren, so sollen mir Ihre Besuche willkommen sein.« – Einen ganzen hellen strahlenden Himmel in der Brust schied Nathanael von dannen: Spalanzanis Fest war der Gegenstand des Gesprächs in den folgenden Tagen. Unerachtet der Professor alles getan hatte, recht splendid zu erscheinen, so wussten doch die lustigen Köpfe von allerlei Unschicklichem und Sonderbarem zu erzählen, das sich begeben, und vorzüglich fiel man über die todstarre, stumme Olimpia her, der man, ihres schönen Äußern unerachtet, totalen Stumpfsinn andichten und darin die Ursache finden wollte, warum Spalanzani sie so lange verborgen gehalten. Nathanael vernahm das nicht ohne innern Grimm, indessen schwieg er; denn, dachte er, würde es wohl verlohnen, diesen Burschen zu beweisen, dass eben ihr eigner Stumpfsinn es ist, [34] der sie Olimpias tiefes herrliches Gemüt zu erkennen hindert? »Tu mir den Gefallen Bruder«, sprach eines Tages Siegmund, »tu mir den Gefallen und sage, wie es dir gescheuten Kerl möglich war, dich in das Wachsgesicht, in die Holzpuppe da drüben zu vergaffen?« Nathanael wollte zornig auffahren, doch schnell besann er sich und erwiderte: »Sage du mir Siegmund, wie deinem, sonst alles Schöne klar auffassenden Blick, deinem regen Sinn, Olimpias himmlischer Liebreiz entgehen konnte? Doch eben deshalb habe ich, Dank sei es dem Geschick, dich nicht zum Nebenbuhler; denn sonst müsste einer von uns blutend fallen.« Siegmund merkte wohl, wie es mit dem Freunde stand, lenkte geschickt ein, und fügte, nachdem er geäußert, dass in der Liebe niemals über den Gegenstand zu richten sei, hinzu: »Wunderlich ist es doch, dass viele von uns über Olimpia ziemlich gleich urteilen. Sie ist uns – nimm es nicht übel, Bruder! – auf seltsame Weise starr und seelenlos erschienen. Ihr Wuchs ist regelmäßig, so wie ihr Gesicht, das ist wahr! – Sie könnte für schön gelten, wenn ihr Blick nicht so ganz ohne Lebensstrahl, ich möchte sagen, ohne Sehkraft wäre. Ihr Schritt ist sonderbar abgemessen, jede Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Räderwerks bedingt. Ihr Spiel, ihr Singen hat den unangenehm richtigen geistlosen Takt der singenden Maschine und ebenso ist ihr Tanz. Uns ist diese Olimpia ganz unheimlich geworden, wir mochten nichts mit ihr zu schaffen haben, es war uns als tue sie nur so wie ein lebendiges Wesen und doch habe es mit ihr eine eigne Bewandtnis.« – Nathanael gab sich dem bittern Gefühl, das ihn bei diesen Worten Siegmunds ergreifen wollte, durchaus nicht hin, er wurde Herr seines Unmuts und sagte bloß sehr ernst: »Wohl mag euch, ihr kalten prosaischen Menschen, Olimpia unheimlich sein. Nur dem poetischen Gemüt entfaltet sich das gleich organisierte! – Nur mir ging ihr Liebesblick auf und durchstrahlte Sinn und Gedanken, nur in Olimpias Liebe finde ich mein Selbst wieder. Auch mag es nicht recht sein, dass sie nicht in [35] platter Konversation faselt, wie die andern flachen Gemüter. Sie spricht wenig Worte, das ist wahr; aber diese wenigen Worte erscheinen als echte Hieroglyphe der innern Welt voll Liebe und hoher Erkenntnis des geistigen Lebens in der Anschauung des ewigen Jenseits. Doch für alles das habt ihr keinen Sinn und alles sind verlorne Worte.« »Behüte dich Gott, Herr Bruder«, sagte Siegmund sehr sanft, beinahe wehmütig, »aber mir scheint es, du seist auf bösem Wege. Auf mich kannst du rechnen, wenn alles – Nein, ich mag nichts weiter sagen! –« Dem Nathanael war es plötzlich, als meine der kalte prosaische Siegmund es sehr treu mit ihm, er schüttelte daher die ihm dargebotene Hand recht herzlich. –

Nathanael hatte rein vergessen, dass es eine Clara in der Welt gebe, die er sonst geliebt; – die Mutter – Lothar – Alle waren aus seinem Gedächtnis entschwunden, er lebte nur für Olimpia, bei der er täglich stundenlang saß und von seiner Liebe, von zum Leben erglühter Sympathie, von psychischer Wahlverwandtschaft fantasierte, welches alles Olimpia mit großer Andacht anhörte. Aus dem tiefsten Grunde des Schreibpults holte Nathanael alles hervor, was er jemals geschrieben. Gedichte, Fantasien, Visionen, Romane, Erzählungen, das wurde täglich vermehrt mit allerlei ins Blaue fliegenden Sonetten, Stanzen, Kanzonen, und das alles las er der Olimpia stundenlang hintereinander vor, ohne zu ermüden. Aber auch noch nie hatte er eine solche herrliche Zuhörerin gehabt. Sie stickte und strickte nicht, sie sah nicht durchs Fenster, sie fütterte keinen Vogel, sie spielte mit keinem Schoßhündchen, mit keiner Lieblingskatze, sie drehte kein Papierschnitzchen, oder sonst etwas in der Hand, sie durfte kein Gähnen durch einen leise erzwungenen Husten bezwingen – Kurz! – Stundenlang sah sie mit starrem Blick unverwandt dem Geliebten ins Auge, ohne sich zu rücken und zu bewegen und immer glühender, immer lebendiger wurde dieser Blick. Nur wenn Nathanael endlich aufstand und ihr die Hand, auch wohl den Mund küsste, sagte sie: »Ach, Ach!« – dann [36] aber: »Gute Nacht, mein Lieber!« – »O du herrliches, du tiefes Gemüt«, rief Nathanael auf seiner Stube: »nur von dir, von dir allein werd ich ganz verstanden.« Er erbebte vor innerem Entzücken, wenn er bedachte, welch wunderbarer Zusammenklang sich in seinem und Olimpias Gemüt täglich mehr offenbare; denn es schien ihm, als habe Olimpia über seine Werke, über seine Dichtergabe überhaupt recht tief aus seinem Innern gesprochen, ja als habe die Stimme aus seinem Innern selbst herausgetönt. Das musste denn wohl auch sein; denn mehr Worte als vorhin erwähnt, sprach Olimpia niemals. Erinnerte sich aber auch Nathanael in hellen nüchternen Augenblicken, z. B. morgens gleich nach dem Erwachen, wirklich an Olimpias gänzliche Passivität und Wortkargheit, so sprach er doch: »Was sind Worte – Worte! – Der Blick ihres himmlischen Auges sagt mehr als jede Sprache hienieden. Vermag denn überhaupt ein Kind des Himmels sich einzuschichten in den engen Kreis, den ein klägliches irdisches Bedürfnis gezogen?« – Professor Spalanzani schien hoch erfreut über das Verhältnis seiner Tochter mit Nathanael; er gab diesem allerlei unzweideutige Zeichen seines Wohlwollens und als es Nathanael endlich wagte von ferne auf eine Verbindung mit Olimpia anzuspielen, lächelte dieser mit dem ganzen Gesicht und meinte: Er werde seiner Tochter völlig freie Wahl lassen. – Ermutigt durch diese Worte, brennendes Verlangen im Herzen, beschloss Nathanael, gleich am folgenden Tage Olimpia anzuflehen, dass sie das unumwunden in deutlichen Worten ausspreche, was längst ihr holder Liebesblick ihm gesagt, dass sie sein Eigen immerdar sein wolle. Er suchte nach dem Ringe, den ihm beim Abschiede die Mutter geschenkt, um ihn Olimpia als Symbol seiner Hingebung, seines mit ihr aufkeimenden blühenden Lebens darzureichen. Claras, Lothars Briefe fielen ihm dabei in die Hände; gleichgültig warf er sie beiseite, fand den Ring, steckte ihn ein und rannte herüber zu Olimpia. Schon auf der Treppe, auf dem Flur, vernahm er ein wunderliches Getöse; es schien aus Spalanzanis Studierzimmer [37] herauszuschallen. – Ein Stampfen – ein Klirren – ein Stoßen – Schlagen gegen die Tür, dazwischen Flüche und Verwünschungen. »Lass los – lass los – Infamer – Verruchter! – Darum Leib und Leben daran gesetzt? – ha ha ha ha! – so haben wir nicht gewettet – ich, ich hab die Augen gemacht – ich das Räderwerk – dummer Teufel mit deinem Räderwerk – verfluchter Hund von einfältigem Uhrmacher – fort mit dir – Satan – halt – Puppendreher – teuflischer Bestie! – halt – fort – lass los!« – Es waren Spalanzanis und des grässlichen Coppelius Stimmen, die so durcheinander schwirrten und tobten. Hinein stürzte Nathanael von namenloser Angst ergriffen. Der Professor hatte eine weibliche Figur bei den Schultern gepackt, der Italiener Coppola bei den Füßen, die zerrten und zogen sie hin und her, streitend in voller Wut um den Besitz. Voll tiefen Entsetzens prallte Nathanael zurück, als er die Figur für Olimpia erkannte; aufflammend in wildem Zorn wollte er den Wütenden die Geliebte entreißen, aber in dem Augenblick wand Coppola sich mit Riesenkraft drehend die Figur dem Professor aus den Händen und versetzte ihm mit der Figur selbst einen fürchterlichen Schlag, dass er rücklings über den Tisch, auf dem Phiolen, Retorten, Flaschen, gläserne Zylinder standen, taumelte und hinstürzte; alles Gerät klirrte in tausend Scherben zusammen. Nun warf Coppola die Figur über die Schulter und rannte mit fürchterlich gellendem Gelächter rasch fort die Treppe herab, sodass die hässlich herunterhängenden Füße der Figur auf den Stufen hölzern klapperten und dröhnten. – Erstarrt stand Nathanael – nur zu deutlich hatte er gesehen, Olimpias toderbleichtes Wachsgesicht hatte keine Augen, statt ihrer schwarze Höhlen; sie war eine leblose Puppe. Spalanzani wälzte sich auf der Erde, Glasscherben hatten ihm Kopf, Brust und Arm zerschnitten, wie aus Springquellen strömte das Blut empor. Aber er raffte seine Kräfte zusammen. – »Ihm nach – ihm nach, was zauderst du? – Coppelius – Coppelius, mein bestes Automat hat er mir geraubt – Zwanzig Jahre daran gearbeitet – Leib und Leben daran [38] gesetzt – das Räderwerk – Sprache – Gang – mein – die Augen – die Augen dir gestohlen. – Verdammter – Verfluchter – ihm nach – hol mir Olimpia – da hast du die Augen! –« Nun sah Nathanael, wie ein Paar blutige Augen auf dem Boden liegend ihn anstarrten, die ergriff Spalanzani mit der unverletzten Hand und warf sie nach ihm, dass sie seine Brust trafen. – Da packte ihn der Wahnsinn mit glühenden Krallen und fuhr in sein Inneres hinein Sinn und Gedanken zerreißend. »Hui – hui – hui! – Feuerkreis – Feuerkreis! dreh dich Feuerkreis – lustig – lustig! – Holzpüppchen hui schön Holzpüppchen dreh dich –«, damit warf er sich auf den Professor und drückte ihm die Kehle zu. Er hätte ihn erwürgt, aber das Getöse hatte viele Menschen herbeigelockt, die drangen ein, rissen den wütenden Nathanael auf und retteten so den Professor, der gleich verbunden wurde. Siegmund, so stark er war, vermochte nicht den Rasenden zu bändigen; der schrie mit fürchterlicher Stimme immer fort: »Holzpüppchen dreh dich« und schlug um sich mit geballten Fäusten. Endlich gelang es der vereinten Kraft mehrerer, ihn zu überwältigen, indem sie ihn zu Boden warfen und banden. Seine Worte gingen unter in entsetzlichem tierischen Gebrüll. So in grässlicher Raserei tobend wurde er nach dem Tollhause gebracht. –

Ehe ich, günstiger Leser! dir zu erzählen fortfahre, was sich weiter mit dem unglücklichen Nathanael zugetragen, kann ich dir, solltest du einigen Anteil an dem geschickten Mechanicus und Automat-Fabrikanten Spalanzani nehmen, versichern, dass er von seinen Wunden völlig geheilt wurde. Er musste indes die Universität verlassen, weil Nathanaels Geschichte Aufsehen erregt hatte und es allgemein für gänzlich unerlaubten Betrug gehalten wurde, vernünftigen Teezirkeln (Olimpia hatte sie mit Glück besucht) statt der lebendigen Person eine Holzpuppe einzuschwärzen. Juristen nannten es sogar einen feinen und umso härter zu bestrafenden Betrug, als er gegen das Publikum gerichtet und so schlau angelegt worden, dass kein Mensch (ganz kluge Studenten ausgenommen) es gemerkt [39] habe, unerachtet jetzt alle weise tun und sich auf allerlei Tatsachen berufen wollten, die ihnen verdächtig vorgekommen. Diese Letzteren brachten aber eigentlich nichts Gescheutes zu Tage. Denn konnte z. B. wohl irgendjemanden verdächtig vorgekommen sein, dass nach der Aussage eines eleganten Teeisten Olimpia gegen alle Sitte öfter genieset, als gegähnt hatte? Ersteres, meinte der Elegant, sei das Selbstaufziehen des verborgenen Triebwerks gewesen, merklich habe es dabei geknarrt usw. Der Professor der Poesie und Beredsamkeit nahm eine Prise, klappte die Dose zu, räusperte sich und sprach feierlich: »Hochzuverehrende Herren und Damen! merken Sie denn nicht, wo der Hase im Pfeffer liegt? Das Ganze ist eine Allegorie – eine fortgeführte Metapher! – Sie verstehen mich! – Sapienti sat!« Aber viele hochzuverehrende Herren beruhigten sich nicht dabei; die Geschichte mit dem Automat hatte tief in ihrer Seele Wurzel gefasst und es schlich sich in der Tat abscheuliches Misstrauen gegen menschliche Figuren ein. Um nun ganz überzeugt zu werden, dass man keine Holzpuppe liebe, wurde von mehrern Liebhabern verlangt, dass die Geliebte etwas taktlos singe und tanze, dass sie beim Vorlesen sticke, stricke, mit dem Möpschen spiele usw., vor allen Dingen aber, dass sie nicht bloß höre, sondern auch manchmal in der Art spreche, dass dies Sprechen wirklich ein Denken und Empfindungen voraussetze. Das Liebesbündnis vieler wurde fester und dabei anmutiger, andere dagegen gingen leise auseinander. »Man kann wahrhaftig nicht dafür stehen«, sagte dieser und jener. In den Tees wurde unglaublich gegähnt und niemals genieset, um jedem Verdacht zu begegnen. – Spalanzani musste, wie gesagt, fort, um der Kriminaluntersuchung wegen der menschlichen Gesellschaft betrüglicher Weise eingeschobenen Automats zu entgehen. Coppola war auch verschwunden. –

Nathanael erwachte wie aus schwerem, fürchterlichem Traum, er schlug die Augen auf und fühlte wie ein unbeschreibliches Wonnegefühl mit sanfter himmlischer [40] Wärme ihn durchströmte. Er lag in seinem Zimmer in des Vater Hause auf dem Bette, Clara hatte sich über ihn hingebeugt und unfern standen die Mutter und Lothar. »Endlich, endlich, o mein herzlieber Nathanael – nun bist du genesen von schwerer Krankheit – nun bist du wieder mein!« – So sprach Clara recht aus tiefer Seele und fasste den Nathanael in ihre Arme. Aber dem quollen vor lauter Wehmut und Entzücken die hellen glühenden Tränen aus den Augen und er stöhnte tief auf: »Meine – meine Clara!« – Siegmund, der getreulich ausgeharrt bei dem Freunde in großer Not, trat herein. Nathanael reichte ihm die Hand: »Du treuer Bruder hast mich doch nicht verlassen.« – Jede Spur des Wahnsinns war verschwunden, bald erkräftigte sich Nathanael in der sorglichen Pflege der Mutter, der Geliebten, der Freunde. Das Glück war unterdessen in das Haus eingekehrt; denn ein alter karger Oheim, von dem niemand etwas gehofft, war gestorben und hatte der Mutter nebst einem nicht unbedeutenden Vermögen ein Gütchen in einer angenehmen Gegend unfern der Stadt hinterlassen. Dort wollten sie hinziehen, die Mutter, Nathanael mit seiner Clara, die er nun zu heiraten gedachte, und Lothar. Nathanael war milder, kindlicher geworden, als er je gewesen und erkannte nun erst recht Claras himmlisch reines, herrliches Gemüt. Niemand erinnerte ihn auch nur durch den leisesten Anklang an die Vergangenheit. Nur, als Siegmund von ihm schied, sprach Nathanael: »Bei Gott Bruder! ich war auf schlimmen Wege, aber zu rechter Zeit leitete mich ein Engel auf den lichten Pfad! – Ach es war ja Clara! –« Siegmund ließ ihn nicht weiter reden, aus Besorgnis, tief verletzende Erinnerungen möchten ihm zu hell und flammend aufgehen. – Es war an der Zeit, dass die vier glücklichen Menschen nach dem Gütchen ziehen wollten. Zur Mittagsstunde gingen sie durch die Straßen der Stadt. Sie hatten manches eingekauft, der hohe Ratsturm warf seinen Riesenschatten über den Markt. »Ei!« sagte Clara, »steigen wir doch noch einmal herauf und schauen in das ferne Gebirge hinein!« Gesagt, [41] getan! Beide, Nathanael und Clara, stiegen herauf, die Mutter ging mit der Dienstmagd nach Hause, und Lothar, nicht geneigt, die vielen Stufen zu erklettern, wollte unten warten. Da standen die beiden Liebenden Arm in Arm auf der höchsten Galerie des Turmes und schauten hinein in die duftigen Waldungen, hinter denen das blaue Gebirge, wie eine Riesenstadt, sich erhob.

»Sieh doch den sonderbaren kleinen grauen Busch, der ordentlich auf uns los zu schreiten scheint«, frug Clara. – Nathanael fasste mechanisch nach der Seitentasche; er fand Coppolas Perspektiv, er schaute seitwärts – Clara stand vor dem Glase! – Da zuckte es krampfhaft in seinen Pulsen und Adern – totenbleich starrte er Clara an, aber bald glühten und sprühten Feuerströme durch die rollenden Augen, grässlich brüllte er auf, wie ein gehetztes Tier; dann sprang er hoch in die Lüfte und grausig dazwischen lachend schrie er in schneidendem Ton: »Holzpüppchen dreh dich – Holzpüppchen dreh dich« – und mit gewaltiger Kraft fasste er Clara und wollte sie herabschleudern, aber Clara krallte sich in verzweifelnder Todesangst fest an das Geländer. Lothar hörte den Rasenden toben, er hörte Claras Angstgeschrei, grässliche Ahnung durchflog ihn, er rannte herauf, die Tür der zweiten Treppe war verschlossen – stärker hallte Claras Jammergeschrei. Unsinnig vor Wut und Angst stieß er gegen die Tür, die endlich aufsprang – Matter und matter wurden nun Claras Laute: »Hülfe – rettet – rettet –«, so erstarb die Stimme in den Lüften. »Sie ist hin – ermordet von dem Rasenden«, so schrie Lothar. Auch die Tür zur Galerie war zugeschlagen. – Die Verzweiflung gab ihm Riesenkraft, er sprengte die Tür aus den Angeln. Gott im Himmel – Clara schwebte von dem rasenden Nathanael erfasst über der Galerie in den Lüften – nur mit einer Hand hatte sie noch die Eisenstäbe umklammert. Rasch wie der Blitz erfasste Lothar die Schwester, zog sie hinein, und schlug in demselben Augenblick mit geballter Faust dem Wütenden ins Gesicht, dass er zurückprallte und die Todesbeute fahren ließ.

[42] Lothar rannte herab, die ohnmächtige Schwester in den Armen. – Sie war gerettet. – Nun raste Nathanael herum auf der Galerie und sprang hoch in die Lüfte und schrie: »Feuerkreis dreh dich – Feuerkreis dreh dich« – Die Menschen liefen auf das wilde Geschrei zusammen; unter ihnen ragte riesengroß der Advokat Coppelius hervor, der eben in die Stadt gekommen und gerades Weges nach dem Markt geschritten war. Man wollte herauf, um sich des Rasenden zu bemächtigen, da lachte Coppelius sprechend: »Ha ha – wartet nur, der kommt schon herunter von selbst«, und schaute wie die Übrigen hinauf. Nathanael blieb plötzlich wie erstarrt stehen, er bückte sich herab, wurde den Coppelius gewahr und mit dem gellenden Schrei: »Ha! Sköne Oke – Sköne Oke«, sprang er über das Geländer.

Als Nathanael mit zerschmettertem Kopf auf dem Steinpflaster lag, war Coppelius im Gewühl verschwunden. –

Nach mehreren Jahren will man in einer entfernten Gegend Clara gesehen haben, wie sie mit einem freundlichen Mann, Hand in Hand vor der Türe eines schönen Landhauses saß und vor ihr zwei muntre Knaben spielten. Es wäre daraus zu schließen, dass Clara das ruhige häusliche Glück noch fand, was ihrem heitern lebenslustigen Sinn zusagte und das ihr der im Innern zerrissene Nathanael niemals hätte gewähren können.

Editorische Notiz

Der Text der vorliegenden Ausgabe folgt dem Erstdruck:

Nachtstücke herausgegeben von dem Verfasser der Fantasiestücke in Callots Manier. Erster Theil. Berlin, 1817 [erschienen Ende 1816]. In der Realschulbuchhandlung. [Der Sandmann S. 1−82.]

Die Orthographie wurde auf der Grundlage der gültigen amtlichen Rechtschreibregeln bei Wahrung des Lautstands und sprachlich-stilistischer Eigenheiten behutsam dem heutigen Gebrauch angeglichen. Die Interpunktion blieb gewahrt. Seitenzahlen in eckigen Klammern beziehen sich auf diese Ausgabe.

An folgenden Stellen wurde die Fassung der Druckvorlage nach dem Manuskript Hoffmanns korrigiert:

15,7 f. dunkle psychische Macht] dunkle physische Macht

19,8 Klimax] Climax

22,19 Geheimnisse nicht] Geheimnisse

23,18 f. aufgegangen] aufgefangen

37,8 Puppendreher] Peipendreher

Zwei längere Passagen der Handschrift wurden vor dem Druck gestrichen.

II Modellinterpretationen

EINLEITUNG

Von der Methodologie zur Literaturtheorie: neue Kontextualisierungen des literarischen Textes

Von Oliver Jahraus

Dieser Band versammelt siebzehn Beiträge zu methodischen und theoretischen Positionen der Literaturwissenschaft und liefert damit einen breiten Überblick über die Grundlagenforschung in der Literaturwissenschaft. Bei der Auswahl der Beiträge kam es darauf an, einen Überblick von den ›klassische‹, neuere und gegenwärtige Ansätze der Literaturwissenschaft›klassischen‹ über die neueren bis zu den gegenwärtigen Ansätzen der Literaturwissenschaft zu bieten. In jedem Beitrag wird eine literaturtheoretische Position vorgestellt, und es wird – am Beispiel von E. T. A. Hoffmanns Novelle Der Sandmann (1816) – gezeigt, welchen Nutzen eine solche Position für unseren Umgang mit dem literarischen Text haben kann.

Es geht hier nicht – überflüssig zu betonen – um ein vollständiges Abbild der Theorieentwicklungen in der Literaturwissenschaft. Ziel dieses Buches und der Vorstellung eines Reigens an Modellinterpretationen ist es, das Spektrum an traditionellen und gegenwärtigen methodischen Zugängen zum literarischen Text zumindest im Ansatz deutlich werden zu lassen. Der Band will in historischer Perspektivierung und systematischer Entfaltung den state of the art einer theoretisch fundierten und methodisch reflektierten Literaturwissenschaft erkennbar werden lassen.

Warum muss man literarische Texte überhaupt interpretieren?

Im Grunde genommen geht dieser Band auf eigene Erfahrungen im schulischen Literaturunterricht zurück. Textanalyse war nicht dazu angetan, uns Schüler und Schülerinnen wirklich zu fesseln, und schnell bekamen wir den Eindruck, es ginge nicht wirklich um den Text, sondern vielmehr darum, herauszubekommen, was der Lehrer oder die Lehrerin hören wollte. So kam uns die Frage in den Sinn, warum wir denn überhaupt Texte interpretieren sollten. Auch um zu provozieren, behaupteten wir, ein Text oder – in anderer Sprechweise – ein Autor oder eine Autorin, die nicht in der Lage seien, selbst zu sagen, was sie sagen wollten, denen könne man dies auch nicht mit einer Interpretation nachliefern. Was wir dabei aber übersahen, war, dass es ein generelles Interesse von Leserinnen und Lesern nicht nur an literarischen Texten gibt, sondern auch an deren Interpretationen, was man beispielsweise bei Autorenlesungen zu spüren bekommt. Wird dann in einem solchen Rahmen bisweilen sehr häufig nach den autobiographischen Grundlagen von Texten gefragt, so zeigt dies nur, dass man hofft, in der Biographie des Autors oder der Autorin dasjenige zu finden, was uns hilft, die Bedeutung des Textes irgendwie herauszufinden.

Tatsächlich war aber unsere Provokation gar nicht so weit hergeholt, auch wenn sie auf einem fundamentalen Missverständnis beruhte. Man muss etwa nur umgekehrt fragen, was man über den Begriff des literarischen Textes erfährt, wenn man von seiner Interpretationsbedürftigkeit als Strukturgesetz literarischer TexteInterpretationsbedürftigkeit ausgeht. Noch bevor man eine Antwort auf diese Frage findet, wird man wohl vermuten dürfen, dass diese Antwort etwas Grundlegendes über den literarischen Text selbst aussagt. Was uns Leserinnen und Leser also dazu bringt, nach der Möglichkeit zu fragen, wie wir einen literarischen Text zu verstehen haben, welche Bedeutung ein literarischer Text hat, welche Bedeutung wir ihm zuschreiben können, kurz: wie wir ihn zu interpretieren haben – das muss ein wesentliches Kennzeichnen jener Texte sein, die wir als ›literarische Texte‹ bezeichnen. In den Texten muss also ein Potential verborgen liegen, das uns dazu bringt, ihn verstehen, ihm Bedeutung zuschreiben zu wollen, die wesentlich über das hinausgeht, was wir gerade gelesen haben. Literarische Texte muss man also deswegen interpretieren, weil sie ihre Bedeutung nicht in sich tragen, sondern erst in einem Akt der Interpretation konstituieren. Deswegen sind sie literarische Texte! Das ist ihr Wesenskern und ihr Strukturgesetz.

In anderen Kommunikationsformen und Textsorten im Alltag (z. B. bei Gebrauchsanweisungen) gilt dies dann nicht, wenn sie gut geschrieben sind: Hier fallen idealerweise Text und Interpretation zusammen. Jeder literarische Text aber wäre somit immer schon über sich hinaus eine Quelle fortgesetzter Auseinandersetzungen, die sich ihrerseits in Gesprächen (Gesprächen über Literatur) oder in weiteren Texten äußern können. Solche Folgetexte können beispielsweise die Funktion haben, literarische Texte an Leserinnen und Leser weiterzuvermitteln (Literaturkritik als Medium der LiteraturvermittlungLiteraturkritik als Medium der Literaturvermittlung) oder aber auf wissenschaftliche Weise Zugänge zum Text selbst zu schaffen (Literaturanalyse als Methode der LiteraturwissenschaftLiteraturanalyse als Methode der Literaturwissenschaft), die in diesem Text eben noch nicht offen zutage liegen, weil solche Texte eben gerade nicht mit ihrer eigenen Interpretation zusammenfallen.

Was ist Literatur? Was ist Literaturwissenschaft? Was ist Literaturtheorie?

Im Fall der Literaturwissenschaft werden die beiden Aspekte »Was ist Literatur?« und »Was ist Literaturtheorie?« systematisch miteinander verbunden: Der literarische Status oder die Eigenschaft eines Textes als Literatur, seine Literarizität, und die Art und Weise, wie wir Zugang zu ihm finden (ihn interpretieren), hängen also aufs Engste miteinander zusammen. Ja, man kann so weit gehen, wie Manfred Frank es in einem Aufsatztitel wunderbar zum Ausdruck gebracht hat, zwischen diesen beiden Fragen einen engen Zusammenhang zu sehen: »Was ist ein literarischer Text und was heißt es, ihn zu verstehen?« (vgl. Frank 1990; Jahraus 2004).

Die Frage, was Literatur sei, ist die Grundfrage der LiteraturheorieGrundfrage der Literaturtheorie. Oder anders gewendet: Literaturtheorie ist die Beantwortung der Frage: Was ist Literatur? Beziehungsweise: Was ist ein literarischer Text?

Diese Frage erscheint ganz eigentümlich, weil wir doch anscheinend schon alle wissen, was ein literarischer Text ist. Literaturtheorie hat aber die Aufgabe, unser Selbstverständnis in dieser Frage zu irritieren und das, was uns in oberflächlichen Bezügen und Routinen der Praxis selbstverständlich erscheint, zu hinterfragen und zu verfremden. Sie soll aufzeigen, dass unser Verständnis von Literatur selbst wiederum auf einer Reihe von historischen und konzeptionellen Voraussetzungen beruht. So kann sie die Möglichkeit eröffnen, das betreffende Phänomen (unsere Erfahrung von und mit Literatur) völlig neu zu konzipieren. Wer einen literarischen Text interpretiert, hat ihn zumeist vor sich liegen, und die Frage, was denn dieser Text als literarischer Text sei, stellt sich gar nicht. Wird also der Status des literarischen Textes selbst in Frage gestellt, macht man also den literarischen Text zum Gegenstand einer Literatur-Wissenschaft, so radikalisiert sich die Grundlagenforschung – ›radikalisieren‹ hier durchaus in der eigentlichen Wortbedeutung: Sie geht zurück zu den Wurzeln, zu dem Ursprung ihres eigenen Tuns. Sie geht hinter ihre eigene Praxis zurück und fragt nach dem, womit sie ohnehin schon immer umgeht. Eben dadurch öffnet sie neue Perspektiven, ermöglicht neue Bestimmungen und verändert so auch die Art des Umgangs mit literarischen Texten fundamental.

Damit werden die historischen Wurzeln unseres heutigen, modernen Literaturbegriffs offenbar. Spätestens im 18. Jahrhundert hatte sich (im deutschsprachigen Bereich) ein LiteraturbegriffLiteraturbegriff entwickelt, der drei wesentliche Kennzeichen miteinander verknüpfte:

1 die Schriftlichkeit,

2 den ästhetischen, den rhetorischen, den semantischen und den semiotischen Charakter sowie

3 die Interpretationsbedürftigkeit des literarischen Textes.

Schriftliche Texte, die nicht mehr in eine Gesprächssituation eingebunden sind, sind potentiell ohnehin interpretationsbedürftig (Eco 1992). Moderne Literatur in diesem Sinne konnte und musste deshalb interpretiert werden, weil Sinngebungsinstanzen (Religion, Gesellschaft, Werte z. B.) außerhalb der Literatur nicht mehr umfassend dafür sorgten, dass jede Leserin und jeder Leser wusste oder wissen konnte, worauf er Literatur zu beziehen hatte, um sie zu verstehen. Vielmehr wurde die Frage nach dem Sinn des Textes selbst zu einem genuinen Bestandteil des Rezeptionserlebnisses.

Literatur kann diese Tendenz so weit radikalisieren, dass sie ihren eigenen literarischen Charakter in Frage stellt. 1969 hat Peter Handke ein Gedicht mit dem Titel Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg am 27. 1. 1968 veröffentlicht, das tatsächlich aus nichts anderem besteht als den Namen einer Mannschaftsaufstellung. Der Text wirft damit implizit die Frage auf, wann wir bereit sind, einen Text als literarisch einzustufen und anzuerkennen.

Literaturtheorie hat demnach die Aufgabe, überhaupt erst zu bestimmen, was Literatur ist. Literaturtheorie und LiteraturwissenschaftLiteraturtheorie erfüllt damit eine wesentliche Funktion für die Literaturwissenschaft: Sie bestimmt auch, was Gegenstand der Literaturwissenschaft ist. Sie löst die naive Vorstellung auf, wir wüssten immer schon ganz genau, was Literatur ist, und müssten uns dieser nur wissenschaftlich zuwenden. Stattdessen zeigt sie, dass der Text so komplex ist, dass er uns eine Fülle von Möglichkeiten bietet, wie wir uns seiner annehmen können, ja, mehr noch: Sie zeigt uns, dass wir das, was wir als literarischen Text lesen oder verstehen, überhaupt durch diese Form der Zuwendung erst schaffen. Wir konstituieren das Objekt der Literaturwissenschaft, indem wir einen Text als literarischen lesen. Und ihn als literarischen zu lesen ist selbst Teil seiner Interpretation.

Aus diesem Verständnis von Literaturtheorie heraus hat Niels Werber die Idee entwickelt, die das Verhältnis von Literatur und Literaturwissenschaft umdreht. Der Vorstellung, es gäbe keine Literaturwissenschaft ohne Literatur, hält er entgegen: »Es gibt keine Literatur – ohne Literaturwissenschaft« (Werber 1997). Damit ist gemeint, dass Literatur seit ihrem Bestehen immer schon eines Begleitdiskurses bedarf, der Auskunft darüber gibt, wann ein Text als literarischer Text zu lesen und zu verstehen ist und wann nicht. Dies haben lange Zeit Poetologien (also Überlegungen darüber, wie man poetische, also im weitesten Sinne auch literarische Texte schreibt) geleistet,1 bevor die Literaturwissenschaft diese Aufgabe übernommen hat.2

Was ist eine Methode? Was heißt Methodendiskussion?

Die Frage, was Literatur sei, führt uns nicht nur zu der Frage, wie man den literarischen Text interpretiert, sondern zeigt auch, dass die Beziehung zwischen dem literarischen Text und der Interpretation keineswegs festgelegt ist, sondern vielmehr durchaus problematisch sein kann. Denn wenn der literarische Text seine eigene Interpretation nicht schon enthält, so heißt dies auch, dass man nicht Frage nach der richtigen Interpretationnach der richtigen Interpretation fragen kann. Ein literarischer Text muss ein gewisses Maß an semantischer Komplexität besitzen, um überhaupt diesen Prozess der Interpretation in Gang setzen zu können, so dass es viele Ansatzpunkte gibt, ihn zu lesen. Von der Interpretation eines (literarischen) Textes oder gar von der richtigen Interpretation kann man dann nicht mehr reden. Hans Magnus Enzensberger hatte einst gefordert: »Bekämpfen Sie das häßliche Laster der Interpretation! Bekämpfen Sie das noch häßlichere Laster der richtigen Interpretation!« Und Siegfried J. Schmidt hat diese Forderung zum Anlass genommen (und als Titel eines Aufsatzes verwendet), um in den 1970er und 1980er Jahren einen neuen Zugang zur Literatur zu entwickeln (vgl. Schmidt 1979).

Damit sieht sich der LiteraturunterrichtLiteraturunterricht an den Schulen mit einem quasi unlösbaren Problem konfrontiert, denn wie soll man etwas vermitteln, bei dem man gar nicht entscheiden kann, ob das Ergebnis – wie zum Beispiel in der Mathematik – richtig oder falsch ist? Tatsächlich geht es eher darum, Kompetenz im wissenschaftlichen Umgang mit TextenKompetenz im wissenschaftlichen Umgang mit Texten zu entwickeln. Dennoch ist auch die Frage nach der richtigen Interpretation und noch mehr der Zweifel daran eine Herausforderung für das Bemühen, die Wissenschaftlichkeit der Literaturwissenschaft zu bestimmen. Es gibt also viele Möglichkeiten, einen Text zu interpretieren, ja, man kann sogar die Idee der Interpretation als solche vollständig in Frage stellen, so dass man vielleicht sogar besser von Zugängen zum (literarischen) Text oder von Formen des wissenschaftlichen Umgangs mit (literarischen) Texten sprechen sollte.

Was aber heißt dann Wissenschaft und WissenschaftlichkeitWissenschaft, was Wissenschaftlichkeit? Wenn Wissenschaftlichkeit nicht mehr durch die Sache gerechtfertigt werden kann, dann entweder durch das Verfahren oder durch das Ergebnis selbst. Fragen wie die folgenden würden im Mittelpunkt stehen: Wie kommt man zu den Ergebnissen? Ist dieser Weg nachvollziehbar?

Die Frage, wie man einen Text interpretiert, beziehungsweise auf welchem Weg man solches tut, ist also eine methodische Frage, eine Frage der Methodik, Methodologie, MethodendiskussionMethodik (altgriech. méthodos bedeutet ›einem Weg nachgehen‹, ›verfolgen‹). Die Reflexion über die Bedeutung, Funktion und Leistungsfähigkeit der Methodik, also der Anwendung einer Methode, heißt Methodologie. Und die Überlegungen, in welchem Verhältnis verschiedene Methoden zueinander stehen, ob sie konkurrieren oder sich verbinden lassen, heißt Methodendiskussion. Mit diesem Begriff bezeichnet man heute jedoch weniger eine systematische Abgrenzung unterschiedlicher Zugänge als vielmehr eine historische Phase der Literaturwissenschaft in den 1970er und 1980er Jahren (vgl. Hauff 1985/87), in der das Bewusstsein methodischen Vorgehens bei der Interpretation literarischer Texte vorherrschend war.

Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Die älteste methodische Position in der Literaturwissenschaft ist die HermeneutikHermeneutik. Sie ist wesentlich älter als die Literaturwissenschaft und kann auf eine lange Geschichte als Grundlagentheorie des Verstehens von Texten zurückblicken, vor allem in der Theologie und Jurisprudenz. Dort hat sie sich als System von Regeln zur Auslegung der Heiligen Schrift oder der weltlichen Gesetzestexte entwickelt, bevor sie in die Philologie und später, Ende des 19. Jahrhunderts, dann in die ersten Formationen einer Literaturwissenschaft eingewandert ist.

Die größte Herausforderung für die Hermeneutik bildete wohl der StrukturalismusStrukturalismus, der sich aus dem russischen Formalismus und über linguistische und semiotische Modelle entwickelte. Auch wenn der Strukturalismus im Vergleich zur Hermeneutik relativ jung ist, so kann er doch schon auf eine 100-jährige Entwicklung zurückblicken und ist deswegen sicherlich ebenso zu den Klassikern zu zählen. Der Strukturalismus wollte im Gegensatz zur Hermeneutik den Autor und den Interpreten als Bedingungsfaktoren der Interpretation ausschalten und sich stattdessen ausschließlich auf das konzentrieren, was er als (vor allem: semiotische) Strukturen im literarischen Text identifizierte. Der Gegensatz oder die Konkurrenz von Hermeneutik und Strukturalismus (vgl. Ricœur 1973; Eco 1987) spiegelte sich daher auch in unterschiedlichen Begriffen für den Umgang mit Texten wider. Dem (engeren) hermeneutischen Begriff von Interpretation vs. AnalyseInterpretation wurde der Begriff der Analyse entgegengesetzt (vgl. Jahraus 1994).

Als sich im deutschsprachigen Bereich die RezeptionsästhetikRezeptionsästhetik herausbildete, wollte sie die unterschiedlichen Herangehensweisen von Hermeneutik und Strukturalismus miteinander verbinden und somit diese Unterschiede auch überwinden (vgl. Jauß 1969). Sie ging davon aus, dass die Gegebenheiten (Strukturen) des literarischen Textes und die Möglichkeiten des Lesers sich wechselseitig bedingen (Iser 1970) und dass die Interpretation eines literarischen Textes darauf zu achten habe, wie er rezipiert wird oder zu rezipieren ist. Mit der Rezeptionsästhetik setzte eine umfassende Diskussion über die unterschiedlichen, konkurrierenden Methoden in der Literaturwissenschaft ein, die dann als Methodendiskussion in die Fachgeschichte einging.

Die Überbietung oder Überwindung des Strukturalismus durch den Poststrukturalismus und DekonstruktionPoststrukturalismus bzw. die Dekonstruktion gehörte im deutschsprachigen Bereich sicherlich auch noch zu dieser Methodendiskussion. Auch Positionen, die sich weniger als eigenständige, genuine methodische Option, sondern eher als eine Praxis verstanden haben, wie z. B. die Intertextualitätsdebatte, können in dieses Umfeld gezählt werden. IntertextualitätIntertextualität meint, dass Texte immer auf andere Texte verweisen und daher in einem engeren oder weiteren, potentiell offenen und unendlichen Verweissystem stehen und der Zugang zum Text vorrangig über Textbezüge zu finden sei. Der Poststrukturalismus ging davon aus, dass Texte zwar durch Zeichen-Strukturen geprägt sind, aber diese Strukturen sich unendlich fortsetzen und man daher nie an ein Ende kommen könnte. Daraus entwickelte sich die Idee einer Dekonstruktion von Texten, die die Konstruktion von Bedeutungen in und durch literarische Texte nur nachzeichnet, um die Haltlosigkeit einer Interpretation nachzuweisen, die sich auf solches reduzierte, und diese somit auch wieder destruierte.

Postcolonial Studies und New HistoricismPostcolonial Studies und New Historicism wurden im deutschsprachigen Raum wohl erst zu einem Zeitpunkt eingehend rezipiert, als eine Methodendiskussion schon nicht mehr ganz oben auf der Tagesordnung stand. Die Postcolonial Studies gehen auf die Dekonstruktion zurück. Sie rekonstruieren Strukturen in literarischen Texten, die die koloniale Hegemonie, oder abstrakter gesprochen: festgefügte Differenzierungen zum Beispiel zwischen Zentrum und Randgebiet bzw. Peripherie, widerspiegeln, um sie zu entlarven und zu dekonstruieren. Der New Historicism geht davon aus, dass literarische Texte immer im historischen Kontext (der wiederum aus Texten, aber nicht unbedingt literarischen Texten, besteht) gelesen werden müssen, weil Text und Kontext in einem produktiven Austauschverhältnis stehen.

Damit kommt ein neuer Gedanke ins Spiel: Gingen ältere Positionen noch davon aus, dass die Auseinandersetzung mit dem Text selbst, wie immer sie auch gestaltet war, den Zugang zum Text schafft, geht es nunmehr darum, den Zugang über den Kontext zu finden, also methodisch gesprochen: indem man den Text kontextualisiert. Im Falle einiger anderer Positionen wie z. B. der Psychoanalyse, der Diskursanalyse oder der (historischen) Anthropologie kann man diese Entwicklung nachverfolgen. Dabei kann man dann erkennen, wie sich bestimmte Positionen wie die der Psychoanalyse oder der Postcolonial Studies weiterentwickelt und neue Perspektiven z. B. auf eine Ethnographie der LiteraturEthnographie der Literatur oder auf die TraumatheorieTraumatheorie eröffnet haben. Und schließlich finden sich in dem Band auch Beiträge zu neueren Positionen, wie z. B. den Visual StudiesVisual Studies (die aus einer medientheoretisch orientierten Literaturwissenschaft hervorgegangen sind), die Soziologien der Literatur oder die Akteur-Netzwerktheorie (die traditionelle sozialgeschichtliche Ansätze der Literaturwissenschaft durch einen Import und eine Adaptation neuerer soziologischer Theorien hinter sich gelassen haben), daneben auch die Raumtheorie oder die Biopoetik.

Beiträge zu einer Methodendiskussion haben sich aus der Literaturwissenschaft verabschiedet, was ein bemerkenswertes, aber dennoch kaum intensiver reflektiertes Faktum der Fachgeschichte und Theorieentwicklung darstellt. Denn indem die Frage nach der Methode im Umgang mit literarischen Texten in den Hintergrund tritt, verliert auch die Kennzeichnung dieses Umgangs mit literarischen Texten an Bedeutung, sei es nun als Interpretation oder Analyse. Andererseits kann man anhand entsprechender Literaturverzeichnisse und Neuerscheinungskataloge feststellen, dass zwar die Methodologie der Literaturwissenschaft in den Hintergrund rückt, nicht jedoch die Literaturtheorie.

Daran lässt sich ablesen, dass sich das gesamte Feld einer Grundlagenforschung der Literaturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten und Jahren stark gewandelt hat. Das Schwergewicht verlagert sich von der Methodologisierung zur Literaturtheorievon der Methodologisierung auf die Literaturtheorie, also weg von der Frage, wie man einen literarischen Text analysiert oder interpretiert, hin zu der Frage, wie man denn überhaupt bestimmen kann, was ein literarischer Text sei und insbesondere welche Kontexte dabei heranzuziehen seien. Beide Fragen kann man analytisch voneinander trennen, doch in der Praxis gehören sie zusammen, wie ungleichgewichtig die Schwerpunkte auch verteilt sein mögen.

Neuere literaturtheoretische Positionen wollen keine Interpretationstheorie mehr sein und verlegen sich daher auch nicht auf eine methodische Reflexion des Umgangs mit Texten. Eine Gelenkstelle nimmt sicherlich die Dekonstruktion ein, weil die Ansätze, die unter diesem Namen firmieren (Derrida und Paul de Man) am entschiedensten methodische Festlegungen unterlaufen wollten, dazu aber immer noch das Begriffsinventarium von Methoden verwendeten; der ZeichenbegriffZeichenbegriff und seine Wandlung vom Strukturalismus (Identität von Bezeichnendem und Bezeichnetem) zu Poststrukturalismus/Dekonstruktion (Differenz von Bezeichnendem und Bezeichnetem) mag dies besonders sinnfällig werden lassen. Daher ist es nicht ungerechtfertigt, der Dekonstruktion auch ein methodisches Problembewusstsein zu unterstellen, und zwar auch und gerade dort, wo sich ihre Positionen einer Methodologisierung verweigerten. Neuere Positionen nutzen das Potential einer dekonstruktiven Literaturtheorie, also Literatur immer wieder neu zu bestimmen, ohne dabei dies methodische Problembewusstsein mitzuführen. Man könnte in diesen Fällen von einem vergessenen Erbe der Dekonstruktion sprechen.

Welche Bedeutung hat der Kontext?

Es lässt sich eine Geschichte der Literaturwissenschaft erzählen, die an die Stelle der Methodendiskussion der 1970er und 1980er Jahre in den 1990er und 2000er Jahren immer neue KontextKontextualisierungen gestellt hat, die häufig als Wenden bzw. Turns gekennzeichnet wurden (Bachmann-Medick 2006). Dabei werden Kontexte erschlossen, um über diese neue Zugänge zum Text zu eröffnen. Fachgeschichtlich beispielgebend ist sicherlich der New Historicism. Denn wie er die literarischen Texte neu zum Sprechen bringt, das lässt sich als grundlegendes Modell nahezu allen konkreten, neueren literaturtheoretischen Positionen unterstellen und kann als Beschreibungsmodell auch auf ältere Positionen rückwirkend angewendet werden.

Das zentrale Konzept dabei ist wie gesagt das des Kontextes. Stellt Literaturtheorie die Frage, was denn ein literarischer Text sei, so ließen sich entsprechend dieser Idee alle Antworten auf die Frage auf ein Grundmodell zurückführen, das besagt, dass ein Text konstitutiv auf seinen Kontext zurückzuführen sei oder dass ein Text durch seinen Kontext regelrecht konstituiert würde. Diese Idee ist nicht neu und wurde neben dem New Historicism auch schon von einigen anderen differenztheoretischen Modellen angewendet, die darauf beruhen, den Text immer in Differenz zu etwas außerhalb des Textes zu setzen. In verallgemeinerter Form würde das heißen: Literaturtheorie definiert erstens den Text über seinen Kontext, und die Entwicklung der Literaturtheorie lässt sich zweitens beschreiben als eine Folge von Ansätzen, in denen immer wieder neue Kontexte für den Text namhaft gemacht wurden (vgl. Jahraus 2007 und 2014). Aus dem Verhältnis von Text und Kontext wird die Gültigkeit der Interpretation abgeleitet (vgl. Vollhardt 2015).

Natürlich hat dieses Unterfangen weitreichende texttheoretische Konsequenzen, die in den einzelnen Positionen unterschiedlich stark reflektiert wurden. Denn Text und Kontext stehen in einem dynamischen Verhältnis zueinander, das immer wieder neu justiert werden muss. So kommt es etwa darauf an, ob andere Kontexte selbst textförmig sind oder einen völlig anderen Status als die literarischen Texte haben. Denn dies wirft die Frage auf, wie man denn dann das Verhältnis zwischen Text und nicht-textuellem Kontext überhaupt noch herstellen kann. Umgekehrt – und hier erweist sich die Literaturtheorie als ungemein produktiv, ja, sie geht sogar in eine allgemeine Medien- und/oder Kulturtheorie über – kann die Bestimmung des Textes durch den Kontext auch auf den Kontext zurückwirken. Dies kann nämlich dann geschehen, wenn eine solche Bestimmung die Textualität des KontextesTextualität des Kontextes sichtbar werden lässt, wenn zum Beispiel die kulturelle Bestimmung und Konstitution des Textes dazu führt, dass nunmehr die Kultur in ihrer TextualitätKultur in ihrer Textualität (vgl. Bachmann-Medick 2004) erkannt werden kann oder sogar vorausgesetzt werden muss.

So problematisch solche Kontextualisierungen für den Text im Einzelnen auch sein mögen – und die einzelnen Beiträge werden diese Probleme in unterschiedlicher Form immer wieder aufgreifen –, so ergiebig ist dieses Modell dann, wenn man es zur Beschreibung der Entwicklung literaturtheoretischer Positionen selbst verwendet. Darüber hinaus kann man in einer solchen Beschreibung auch ein Instrument zur Evaluation neuer(er) literaturtheoretischer VersucheEvaluation neuer(er) literaturtheoretischer Versuche sehen, andere Kontexte für die Literatur zu rekrutieren. Man muss sich dabei jedoch immer vor Augen halten, dass es nicht ausreicht, Literatur lediglich in andere Kontexte zu stellen. Wie immer man das Verhältnis einer Position zur Literatur beschreiben will (ob sie wissenschaftlich ist oder gerade den wissenschaftlichen Bezug verneint, ob sie Literatur analysiert oder interpretiert oder aber Analyse und/oder Interpretation in Abrede stellt), wie immer sie Literatur bestimmt, sei es mit literaturimmanenten oder mit literaturfremden Kriterien, so ist doch eines nicht zu leugnen und für jede Position unhintergehbar: Sie bezieht sich immer, wenn nicht auf die Sache, so doch auf den Begriff der Literatur. Und insofern muss sie wiederum unseren Bezug auf das (unseren Zugang zu dem – unseren Umgang mit dem), was Literatur ist oder heißt, erweitern, auf eine neue Grundlage stellen, bereichern.

Wenn dies über den Weg geschieht, neue Kontexte für Texte bereitzustellen, dann müssen diese Kontexte unseren Bezug, unseren Zugang, unseren Umgang verändern und verbessern. Das meint nicht allein eine oberflächliche methodische interpretatorische Verwertung, sondern meint vielmehr einen speziell literaturtheoretischen Beitrag. Solche Kontextualisierungen müssen also auch zu einem literaturtheoretisch reicheren Konzept des literarischen Textes selbst führen, indem sie auch aus literaturwissenschaftlicher Sicht deutlich machen, was solche Kontextualisierungen über das, was Literatur ist oder heißt, selbst aussagen können.

Wie präsentiert sich Literaturtheorie heute?

In der Methodendiskussion kam es darauf an, verschiedene Positionen in Konkurrenz miteinander zu sehen: ein Streit der Interpretationen»Streit der Interpretationen« (vgl. Eco 1987). Ein solches Konkurrenzverhältnis war nur mit möglichst gleichgearteten Positionen denkbar, also mit Positionen, die sich allesamt derselben Frage nach der Analyse/Interpretation des literarischen Textes verschrieben haben.

Ein Blick auf die Liste von Positionen, die der vorliegende Band präsentiert, zeigt schon an, wie unterschiedlich hier die Positionierungen sind, wie unterschiedlich der konzeptionelle Boden ist, auf den sich diese Positionen jeweils stützen. Neben den erwähnten ›Klassikern‹ finden sich jüngere methodologische Positionen, die eher beim Textbegriff ansetzen (Intertextualität, Ethnographie der Literatur) oder aber auf andere Grundlagentheorien (oder, wie es im Englischen heißt: studies) referieren (Soziologien, Anthropologien, Visual, Gender, Queer Studies), und dazu gehören sicherlich auch die Biopoetik und die Raumtheorie für die Literatur. Der unterschiedliche methodologische Status der Positionen, die dieser Band versammelt, ist also nicht das Produkt einer unsystematischen Sammlung, nicht der Effekt einer unsystematischen Wissenschaft, sondern vielmehr der wissenschaftsgeschichtliche Ausdruck ihrer FachgeschichteFachgeschichte und der veränderten Rahmenbedingungen ihrer Theoriebildungsprozesse.

Warum E. T. A. Hoffmann? Zur Wahl des Textes

Es finden sich eine Reihe von Publikationen, die das Problem der Interpretation oder den Streit der Interpretationen an Kafka abhandeln (Bogdal 1993; Els 1994; Jahraus/Neuhaus 2002). Warum liegt diesem Band nun ein – aber vielleicht auch der bekannteste – Text von E. T. A. Hoffmann zugrunde? Diese Wahl hängt gleichermaßen direkt mit jenen Veränderungen zusammen, die schon an den Unterschieden im theoretischen Status der einzelnen vorgestellten Positionen deutlich wurden und die allesamt eine stärkere Gewichtsverlagerung von der Methodik und Methodologie zur Literaturtheorie in den letzten Jahrzehnten und Jahren bedeuten. Kafka ist vielleicht das prominenteste Beispiel, um methodische und methodologische Probleme in der Grundlagenforschung im eingeführten Sinne der Literaturwissenschaft anschaulich zu machen. Doch mit der genannten Gewichtsverlagerung zur Literaturtheorie gehen weitere Perspektivwechsel einher. War das Interpretationsproblem bei Kafka ein Problem einer Theorie der Interpretation, so geht es bei neuen literaturtheoretischen Kontextualisierungen weniger um diese systematische, sondern eher um eine historische Frage. KontextualisierungKontextualisierung wird als solche dabei weniger systematisch reflektiert als vielmehr historisch betrieben. Natürlich könnte man auch systematisch fragen, inwiefern ein Kontext einem Text überhaupt zugeordnet werden kann, aber der Blick über die Positionen zeigt, dass die Frage, welche Kontexte in Anschlag gebracht werden können, offensichtlich als interessanter gilt – und das ist aus diesem Grund eine historische Frage, weil Kontexte selbst immer wieder historisch spezifiziert sind. Nun ist auch Kafka als Werk der literarischen Moderne historisch höchst interessant, aber Hoffmanns Werk liegt näher an jener Umbruchstelle/SattelzeitUmbruchstelle von Gesellschaft-, Kultur-, Medien- und Literaturgeschichte (der Text erschien zuerst 1816), die mit einem Begriff des Historikers Reinhart Koselleck als Sattelzeit (vgl. Koselleck 1972, XV) charakterisiert werden kann. So lassen sich bei Hoffmann die Kontexte, die man an seinen Text herantragen kann, und wie sie durch Anthropologie, Medien, Räume, Alterität, Geschlecht, Trauma, Gesellschaft aufgezeigt werden, vielleicht etwas besser konturieren, als dies bei Kafka oder anderen Autoren möglich gewesen wäre.

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HERMENEUTIK

Über die Grenzen des Verstehens und die Gefahren ihrer Missachtung

Von Gideon Stiening

I Literarische Hermeneutik als Explizieren der impliziten Kohärenzbildung von Literatur

Hermeneutik kann man als die Kunst des Verstehens und Interpretierens von Texten und Zeichen, literarische Hermeneutik dagegen als Befähigung zum Verstehen und Interpretieren literarischer Texte definieren. Dabei gilt das Verstehen als unmittelbare Verständigung über die Bedeutung eines Zeichens oder von Zeichengruppen und die Interpretation als Mittel, auftretende Unklarheiten im Verstehensprozess zu beseitigen.3

In der Antike wurde damit begonnen, Texte von besonderer Bedeutung in diesem Sinne auszulegen, etwa die Dichtungen Homers oder die Werke Platons und Aristoteles’. Seit dem Spätmittelalter wurde auch die Bibel stets neu interpretiert und kommentiert, und zwar indem man etwa deren sogenannten mehrfachen Schriftsinn zu verstehen suchte.4 Bis in die Frühe Neuzeit bildeten sich so unterschiedliche Formen und Disziplinen der Kunst des Interpretierens heraus, so die philosophische, literarische, juristische oder die theologische Hermeneutik. Grundlegende Neuerungen erfuhr die Hermeneutik durch die Reformation. Martin Luther (1483–1546) wandte gegen die allegorische Interpretation unter Bezug auf Autoritäten das sola scriptura-Prinzip, nach dem die Bibel ihr eigener Interpret sei. Die ›Heilige Schrift‹ bedürfe als Schöpfungswort keiner auslegenden Unterstützung durch den Menschen.

Eine deutliche Unterscheidung zwischen der Theorie und der Praxis des Interpretierens leistet das 18. Jahrhundert, u. a. durch Georg Friedrich Meiers (1718–1777) Versuch einer allgemeinen Auslegungskunst. Meier entwarf und begründete hierin das Prinzip der hermeneutischen Billigkeit und die Berücksichtigung der Autorintention, die vollständig rational zu rekonstruieren sei. Friedrich Schleiermacher (1769–1834) wurde in der Folge der Gründervater der modernen Hermeneutik: Er entwickelte eine Konzeption, die von der grundlegenden Begrenztheit allen Interpretierens ausging. Schleiermacher erkannte, dass das Verstehen jeder Rede sowohl den grammatischen als auch den psychologischen Aspekt der Sprache zu berücksichtigen habe: Sprachliche Allgemeinheit und psychologische Individualität der Autorintention gehen in jeder Rede eine innige Verbindung ein, die es zu entschlüsseln gilt. Dabei kann der Interpret zu Einsichten gelangen, die das Werk besser erklären, als der Autor sein Werk selbst erklären kann. Wilhelm Dilthey (1833–1911) erklärte auf dieser Grundlage die Hermeneutik als grundlegende Methode aller Geisteswissenschaften: Es gehe in den Geisteswissenschaften um das Kunstwerk, um ein »Sich-Hineinversetzen, Nachbilden, Nacherleben«.

Martin Heidegger (1889–1976) und Hans-Georg Gadamer (1900–2002) gaben der Hermeneutik im 20. Jahrhundert eine grundlegend neue Bedeutung; in ihren Philosophien gilt das Verstehen als allgemeines Weltverhältnis des Menschen; hier löst sich die Hermeneutik vollständig von einer Theorie des verstehenden Textbezuges.

Versteht man literarische Hermeneutik allerdings im oben genannten Sinne als Kunst der Verstehens und Interpretierens eines literarischen Textes, so scheint E. T. A. Hoffmanns Erzählung an diese Herangehensweise besondere Anforderungen zu stellen. Die Forschung ist sich nämlich darüber einig, dass sich Der Sandmann »eindeutigen Sinnzuweisungen« (Drux 2014, 63) entzieht. Dieser Befund gilt nicht nur für das unmittelbare Verständnis durch einfache Lektüre; er soll auch für jede methodisch geordnete Interpretation gelten, und zwar sowohl im Hinblick auf einzelne Passagen und Motive als auch hinsichtlich der ganzen Erzählung.

Neuere Forschung zur literarischen Hermeneutik, die eine enge Verbindung zwischen den Verfahren des Interpretierens und einer allgemeinen Literaturtheorie herstellt, konnte allerdings zeigen (Kablitz 2013, 149 ff.), dass jeder literarische Text, auch jener mit scheinbaren semantischen Leerstellen, zu einer impliziten Kohärenzbildung tendiert, die eine jede Interpretation zu rekonstruieren hat und dies auch kann. Implizite Kohärenzbildung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass jeder literarische Text eine semantische Einheit ausbildet, die im Prozess der Interpretation herauszuarbeiten bzw. zu explizieren ist. Unklaren Stellen kommen in diesem Kontext bestimmbare Funktionen zu, weil »die Annahme impliziter Kohärenzbildung als strukturbildendem Merkmal poetischer Rede […] so etwas wie eine regulative Idee im Umgang mit Literatur« bildet (ebd., 199). Literarische Texte bilden also mit Notwendigkeit in sich differenzierte semantische Einheiten aus, die der Interpret explizieren kann und muss, weil die Hermeneutik nicht nur von einer grundsätzlichen Möglichkeit der Interpretation des literarischen Textes ausgeht, sondern davon, dass der Text einer Interpretation bedarf, also die Notwendigkeit einer Interpretation behauptet. Tatsächlich lässt sich an der Textgenese des Sandmanns nachweisen, dass Hoffmann bestimmte Handlungselemente noch für die Druckfassung bewusst verunklarte. Nicht zuletzt aus diesem Grunde hat das Problem der Uneindeutigkeit als konstitutives Moment eines kohärenten Sinns der Erzählung zu gelten.

Obwohl zumindest ein Zielpunkt, bilden den Ausgangspunkt einer jeden Interpretation literarischer Texte dennoch keineswegs die unmittelbaren oder mittelbaren Unklarheiten. Vielmehr kann sie von den formalen und inhaltlichen Eigentümlichkeiten des Textes ausgehen, die problemlos erkennbar sind, und im Prozess ihrer allmählichen begrifflichen Erfassung deren spezifisch poetische Vermittlung bestimmen. Interpretationen versuchen also, die einzelnen Teile des Textes, deren Verhältnis zueinander und bei der Vermittlung zum gehaltlichen Ganzen zu bestimmen. Das Ziel solcher Deutung besteht in der Bestimmung jenes allgemeinen Aussagegehaltes, den Literatur – anders als die das empirisch Besondere rekonstruierende Geschichtsschreibung – gestaltet. Dabei kann sich der Interpret durchaus unterschiedlicher Methoden bedienen.

II Zwischen brieflicher Narration und heterodiegetischem Erzähler

Eine der auffälligsten formalen Besonderheiten des Sandmanns besteht in seiner Kombination unterschiedlicher Erzählformen. Der Text beginnt – ohne jede Vorrede – mit der Präsentation dreier Briefe, die die Vorgeschichte sowie die Exposition der nachfolgenden Handlung darlegen. Hoffmann bedient sich mit diesem Beginn der seit Richardsons Clarissa, Rousseaus Nouvelle Héloїse und Goethes Werther europaweit ebenso beliebten wie produktiven Brieferzählung bzw. des Briefromans, der die Handlung aus der Sicht einer oder mehrerer Briefschreiber entfaltet. Der ästhetische Vorzug und Grund der Beliebtheit dieser Erzählform besteht in der erlebten Nähe zu den Figuren, weil sich im Brief nicht nur die sprachlich-reflektierte Subjektivität, sondern auch die emotive Individualität des Schreibers direkt umsetzen lässt. Mit dem Beginn einer Briefreihe befindet sich der Leser mitten im Bewusstsein, medium in personam der Protagonisten einer Erzählung (vgl. Miller 1968, 135–214), und so auch bei Hoffmann: Der erste Brief der Erzählung stammt von Nathanael, der zentralen Figur des Sandmanns, der nicht nur den Grund seines Schreibens mit dem Eintreten eines »Entsetzliche[n] […] in mein Leben« (9/[3]) angibt, sondern auch die hierfür konstitutive Vorgeschichte aufgewühlt schildert.

Dabei enthält dieser Brief nicht nur die entscheidenden Informationen über Vergangenheit und Gegenwart des Schreibers; er liefert zugleich ein Charakterbild Nathanaels durch die Rhetorik seiner Sprachfügungen und den Stil seines brieflichen Schreibens. So präsentiert sich dem Leser ein durch den gewaltsamen Tod des Vaters und dessen für den Briefschreiber nicht vollends durchsichtige Vor- und Verursachungsgeschichte schwer traumatisierter junger Mann, der davon überzeugt ist, dass »ein dunkles Verhängnis wirklich einen trüben Wolkenschleier über mein Leben gehängt hat« (14/[10]).

Den Grund für diese Überzeugung entfaltet der Briefschreiber selbst durch den Bericht seiner Kindheitsgeschichte, die zum einen geprägt wurde durch liebevolle harmonische Familiarität, die aber zum anderen durchbrochen wurde durch des Vaters Leidenschaft für Alchemie. Deren heimliche Ausübungen unter der Ägide eines »Meisters« machten viele Familienabende zu bedrückenden Ereignissen. Nicht nur erweist sich dieser Alchemist, dem sich der Vater bedingungslos unterwirft, lange Zeit als unerkannte Figur, die durch unbedachte Erzählungen der Mutter und der Amme vom Kind mit einem »Sandmann« identifiziert wird, der Kindern die Augen stiehlt, um seine Jungen zu ernähren. Auch erweist sich der tatsächliche Alchemist nicht als Sandmann, sondern als herrschsüchtiger Kinderquäler. Als Nathanael, seinen Ängsten und seiner Neugier nachgehend, die alchemistischen Versuche der beiden Männer heimlich beobachtet, wird er entdeckt und vom Coppelius, so der Name des Alchemisten, derart misshandelt, dass er in ein wochenlanges Fieber verfällt. Nathanael beendet seinen Bericht mit der Schilderung des durch einen misslungenen alchemistischen Versuch bewirkten Todes des Vaters, der die Familie endgültig zerstört, während »Meister« Coppelius sich seiner nachweislichen Schuld durch Flucht entzieht.

All dies kommt dem Studenten Nathanael wieder ins Bewusstsein, weil er glaubt, jenem Coppelius in der Gestalt des Wetterglashändlers Coppola in seiner Universitätsstadt erneut begegnet zu sein: Dies erklärt seinen aufgewühlten Zustand und motiviert das Schreiben des Briefes, in dem er diesen Zustand wiederzugeben versucht.

Nathanael erweist sich in diesem Brief als ein sprachlich eloquenter Jüngling, der an die Existenz Böses bewirkender, metaphysischer Kräfte glaubt, denen er sich rettungslos ausgeliefert sieht. Gleichwohl – und das macht einen entscheidenden Grund für den hochemotionalen Zustand des Briefschreibers aus – sieht er die Gelegenheit gekommen, »des Vaters Tod zu rächen« (15/[12]).

Auch der zweite Brief leistet diese zweifache Darstellungsdimension: Er stammt von Clara, der Verlobten, die auf den Brief Nathanaels zu antworten sucht. Diese Antwort ist ihr aber nur deshalb möglich, weil der Brief ihres geliebten Nathanael – obwohl für ihren Bruder verfasst – vom Schreiber irrtümlicherweise an sie adressiert wurde. Clara nutzt die Gelegenheit, um in einem ebenfalls persönlichen und emotionalen Brief ihren Verlobten davon zu überzeugen, dass jene metaphysischen Mächte, an die er glaubt und von denen er sich beherrscht sieht, lediglich innerpsychische Wirkmächte seien. Nathanaels Glauben an die Objektivität des Wunderbaren, also metaphysischer Mächte, die den Gesetzen der Natur und der Vernunft widersprechen, weil sie sie übersteigen, setzt Clara das Wissen um die Subjektivität jener Erscheinungen entgegen, deren innerpsychische Realität sie keineswegs bestreitet:

»Gerade heraus will ich es dir nur gestehen, dass, wie ich meine, alles Entsetzliche und Schreckliche, wovon du sprichst, nur in deinem Innern vorging, die wahre wirkliche Außenwelt aber daran wohl wenig teilhatte.« (16/[13])

Doch Clara geht in ihrem Brief noch weiter: Sie erklärt ihrem Verlobten nicht nur die allzu wahrscheinlichen Gründe für das Auftreten seiner Glaubensüberzeugungen: die unglückliche Kombination von »Ammenmärchen« über den Sandmann, »dem alten Coppelius« und dem »unheimliche[n] Treiben mit deinem Vater« sowie dessen »trügerische[m] Drange nach hoher Weisheit«, durch den »viel Geld unnütz verschleudert« wurde (16/[13 f.]). Clara liefert mithin so etwas wie eine spätestens seit David Hume (1711–1776) in Europa diskutierte Psychopathologie des religiösen Glaubens.

Darüber hinaus macht sie ihrem Adressaten unmissverständlich klar, dass jeder selbst es ist, der unglückliche Einflüsse zu einer dunklen Macht stilisiert und dass der Einzelne daher frei ist, sich ihr zu unterwerfen oder sich von ihr zu lösen:

»Ich bitte dich, schlage dir den hässlichen Advokaten Coppelius und den Wetterglasmann Giuseppe Coppola ganz aus dem Sinn. Sei überzeugt, dass diese fremden Gestalten nichts über dich vermögen; nur der Glaube an ihre feindliche Gewalt kann sie dir in der Tat feindlich machen.« (17/[15])

Selbst mögliche Einwände ihres an das »Unheimliche« als Ordnungsmacht des Lebens glaubenden Verlobten vermag sie vorwegzunehmen. Dem Vorwurf, sie habe ein »kaltes« – also vernünftiges – »Gemüt«, entgegnet sie entschieden: Auch heitere, unbefangene Charaktere wie sie hätten durchaus eine »Ahnung […] von einer dunklen Macht, die feindlich uns in unserm eignen Selbst zu verderben« (16/[14]) drohe. Clara weist damit also mit Nachdruck den romantischen Vorwurf an die Begrenztheiten aufklärerischer Rationalität zurück.

Der weitere Verlauf der Erzählung wird deutlich machen, dass Clara mit vielen Momenten ihrer sachlich genauen und sprachlich klaren Analyse richtig liegt, dass sie also verstanden hat, dass, warum und woran Nathanael leidet. Diese pathographische Perspektive auf Nathanaels Psyche wird durch den weiteren Verlauf der Handlung bestätigt. Gleichwohl überschätzt Clara aber die Leistungsfähigkeit ihrer epistolaren »Aufklärung«, die in der schlichten Aufforderung zur heiteren Vernünftigkeit ihre praktische Seite hat. Zu Recht hält ein Interpret fest, dass ihre zutreffende »Diagnose […] noch keine Therapie« (Saße 2004, 99) sei. Clara ist also nicht, wie ihr Nathanael in seinem zweiten Brief und einige Zeitgenossen vorwerfen, zu vernünftig, mithin »kalt, gefühllos, prosaisch« (21/[21]). Vielmehr mangelt es ihr an einem angemessenen Verständnis zum therapeutischen Umgang mit der Krankheit ihres Verlobten, sie ist also nicht vernünftig genug, was für sie beinahe tödliche Folgen haben wird.

Nach diesem Entree in die Erzählung mit Hilfe dreier Briefe der beiden Protagonisten, die dem Leser sowohl den Charakter Nathanaels als auch denjenigen Claras anschaulich vorführen und dabei die entscheidenden Ereignisvoraussetzungen aus der Sicht der beiden Figuren entfalten, setzt ein außerhalb der Erzählung stehender, heterodiegetischer Erzähler die weitere Narration fort. Allerdings wird dieser erzähltechnisch ungewöhnliche Sachverhalt vom Erzähler selbst kommentiert, und zwar dadurch, dass er die Gründe für den Einsatz der Erzählung mit den Briefen der Protagonisten selbst angibt. In einer launigen, von ironischen Distanzierungssignalen geprägten Weise, die an die reflektierenden Erzähler Henry Fieldings (1707–1754) und Christoph Martin Wielands (1733–1813) erinnert, wird über die Schwierigkeit des Erzählens von Sachverhalten berichtet, die die Psyche eines Erzählers in besonderer Weise angehen und beherrschen. Zwar sei er von niemandem gebeten worden, doch empfinde er ein tiefes Verlangen, »von Nathanaels verhängnisvollem Leben zu dir [d. i. dem Leser] zu sprechen« (19/[18]). Weil er aber aufgrund seiner starken emotionalen Beteiligung keinen passenden Anfang gefunden habe, habe er beschlossen, »gar nicht anzufangen« (20/[19]) und mit den schon präsentierten Briefen seiner Figuren einzusetzen.

Erkennbar spielt der Erzähler hier ein doppeltes Spiel:5 Sein Bekenntnis zu einer begrenzten Leistungsfähigkeit in der Erzählung aufwühlender Sachverhalte lässt allererst die sprachliche Meisterschaft Nathanaels deutlich erkennen; das intersubjektive Desinteresse – niemand hat gefragt – an der nachfolgenden Geschichte erhöht die Neugierde des Lesers auf eine Begebenheit, die dem Erzähler so nahegeht, dass er sie kaum zu berichten vermag und zum – angeblich authentischen – Brief als Hilfsinstrument greift. Hoffmann spielt also – wie das Gros der Briefromane im 18. Jahrhundert – mit einer Authentizitätsfiktion (vgl. Anton 1995).

Darüber hinaus legitimiert er den epistolarischen Beginn und dessen abruptes Ende im Übergang zu einer Erzählweise, die zuvor die Briefform ausschloss (vgl. Picard 1971, S. 19 f.). Nur an dieser Scharnierstelle zwischen Brieferzählung und dem Auftritt des heterodiegetischen Erzählers tritt dieser sich selbst kommentierend auf, um den Bruch mit den Konventionen des Erzählens mit »Nathanaels verhängnisvollem Leben« (19/[18]) zu verknüpfen. Das Unverfügbare des Unheimlichen bedient sich der Verbindung des Unvermittelbaren: Briefform und starker Erzähler. Unter formalen Gesichtspunkten kann man die Erzählung folglich in drei Teile gliedern: 1. die drei Briefe; 2. die sich selbst kommentierende Erzählerreflexion und 3. den weiteren Bericht der Geschichte Nathanaels durch den Erzähler.

III Glauben und Wissen – das »Unheimliche« im Konflikt der Erkenntnisformen

Das ebenso problematische wie komplexe Verhältnis zwischen Glauben und Wissen, das in der immer wieder versuchten und doch unmöglichen Liebe zwischen Nathanael und Clara ausgetragen wird, prägt viele philosophische, einzelwissenschaftliche und literarische Debatten um 1800. So zeigt der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) in einer seiner frühesten Schriften,6 dass sich beide Erkenntnisformen gerade durch den Prozess der Aufklärung gegenseitig ebenso ausschließen wie bedingen, ohne diese erzwungene Abhängigkeit zu reflektieren (Hegel 1986).

Um dieses komplexe Verhältnis von Glauben und Wissen als einem entscheidenden Verständnishorizont der Erzählung präzise und anschaulich herauszuarbeiten, bedient sich der Erzähler in der Folge nach seinem Selbstkommentar verschiedener Techniken: Nach einer kurzen Ergänzung zur Vorgeschichte, die Nathanaels Leben in der Familie Claras und Lothars darstellt, gibt er eine ausführliche Charakteristik Claras, die den Handlungsverlauf zunächst nicht vorantreibt. Dabei erweist sich die weibliche Protagonistin zwar nicht als schöne, wohl aber als moralisch integre Person, was schon an ihrer Physiognomik abzulesen sei. Darüber hinaus sei sie mit »lebenskräftige[r] Fantasie« ausgestattet, vor allem aber durch einen »hellen scharf sichtenden Verstand« (21/[20]) ausgezeichnet, was ihr (nach zeitgenössischen Vorstellungen als Frau) den Vorwurf der Gefühllosigkeit einträgt. Insgesamt aber wird die Figur der Clara nicht nur durch ihren Brief, sondern auch vom Erzähler ausnehmend positiv gezeichnet.7

Nathanael dagegen erlebt durch das Treffen mit dem Wetterglashändler eine Bestätigung und Verschärfung seines Hanges zu den ir- bzw. transrationalen Vermögen des Menschen und dem mit ihrer Hinnahme bzw. sogar Nobilitierung einhergehenden religiösen Selbst- und Weltverhältnis. Im Zentrum dieser Einstellung steht die Überzeugung von der grundlegenden Unfreiheit des Menschen:

»Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb, dass des widerwärtigen Wetterglashändlers Coppola Gestalt recht feindlich in sein Leben getreten sei. […] Er versank in düstre Träumereien, und trieb es bald so seltsam, wie man es niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie jeder Mensch, sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demütig müsse man sich dem fügen, was das Schicksal verhängt habe.« (21/[21])

Die erkenntnistheoretische Nobilitierung von Träumen und Ahnungen als Nacht- und Tagträume gehört zu den Grundzügen einer rationalitätskritischen Romantik, und zwar nicht allein in der Dichtung, sondern auch in den Wissenschaften. Die von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854) ausgehende romantische Naturforschung beschäftigte sich ausführlich mit diesen Vermögen des Menschen, weil sie wie Johann Heinrich Schubert (1800–1885) davon überzeugt war, dass der Mensch im Zustand des Traumes mit dem Jenseits kommuniziere und so einen höheren Bewusstseinszustand erreiche. Daher zählte es zu den Aufgaben des romantischen Wissenschaftlers, solche Träume zu deuten (vgl. u. a. Schubert 1968).

Nathanael ist vor diesem Hintergrund gleichzeitig Wissenschaftler und sein eigener Proband, der Clara gleichsam als Publikum nutzt und ihr seine Träume und Ahnungen berichtet und sie gleichzeitig auch noch deutet. Darüber hinaus geht es Nathanael aber auch darum, Clara von seinem religiösen Weltverhältnis zu überzeugen, d. h., »Claras kaltes Gemüt dadurch« zu entzünden. Diese Überzeugungsabsicht gilt aber auch für Clara: Zwar vermeidet sie es weitgehend, sich gegenüber der »mystische[n] Schwärmerei« ihres Verlobten »auf Widerlegung einzulassen« (22/[21 f.]), weil sie darum weiß, dass Glauben und Wissen in den von beiden ausgetragenen Formen sich durch den ›zwanglosen Zwang des besseren Arguments‹ nicht vermitteln lassen. Gleichwohl sucht sie dem Treiben ihres geliebten Nathanael Einhalt zu gebieten, wenn er erneut über die Objektivität des dämonischen Prinzips reflektiert, das ihn in der Misshandlung des Coppelius erfasst habe. Sie wiederholt allerdings schlicht ihre Psychologisierung aus dem oben zitierten Brief, was nur erneut an Nathanael abprallen kann; der Glaube – in welcher Form auch immer – lässt sich und seine Überzeugungen nicht psychologisieren, er kann und darf dies auch nicht, zerstörte er damit doch jeglichen Anspruch auf die Wahrheit und den damit verbundenen Anspruch auf Normativität.

Neben dieser eher kontraproduktiven Reproduktion ihres Standardarguments, das Nathanael nur stets wütender macht, unterlaufen ihr andere Ungeschicklichkeiten in der Begegnung mit der religiösen Melancholie ihres Verlobten: So macht sie sich über einzelne Überzeugungen lustig, indem sie metaphysische Prinzipien zu Alltagsproblemen herabsetzt; außerdem bringt sie deutlich zum Ausdruck, dass sie Nathanaels Dichtungen, mit denen er seinen Überzeugungen ein Ausdrucksmedium bieten will, langweilig findet: Dabei wird jedoch deutlich, dass »[n]ichts […] für Clara tötender« war »als das Langweilige« (22/[22 f.]). Letztlich befiehlt sie ihrem Geliebten, eine größere Dichtung, in der dieser seine Ängste und Ahnungen über den gewaltsamen Tod der beiden in die für ihn prägendsten Bilder fasste, als »tolle[s] – unsinnige[s] – wahnsinnige[s] Märchen« (24/[25]), mithin als Produkt einer kranken Seele, ins Feuer zu werfen.

Diese ebenso verständliche wie unangemessene Reaktion Claras führt zu einem erneuten Streit, in dessen Verlauf Nathanael seine Verlobte als »lebloses, verdammtes Automat« (24/[25]) beschimpft und deshalb von Lothar zum Duell gefordert wird, das Clara nur mit knapper Not und der Androhung eines Selbstmordes abzuwenden vermag. Der Prozess der zunehmenden Verschärfung der religiösen Überzeugungen und damit der Pathogenese8 Nathanaels sowie der damit notwendig einhergehenden Eskalation der Kontroversen mit seiner vernünftigen und psychisch gesunden Geliebten hat damit einen ersten Höhepunkt erreicht, dessen tödliche Gefahren nur äußerlich abgewehrt werden konnten. Dies gelang u. a. deshalb, weil Nathanael durch die Bereitschaft Lothars und Claras, die Situation zu deeskalieren, besänftigt werden kann; besänftigt, jedoch nicht geheilt, wie der weitere Verlauf der Handlung zeigen wird. Der Konflikt zwischen Glauben und Wissen, die sich gegenseitig hervorbringen, ausschließen und als solche jedoch ebenso anziehen, kann und wird nur tödlich enden.

IV Pathologische Liebe und die moderne Wissenschaft

Auch im letzten Teil der Erzählung, die mit Macht auf den Tod des Protagonisten zusteuert, dient das komplex sich durchdringende Verhältnis von Glauben und Wissen der Handlung als Motor. Dabei scheint Nathanael bei seiner Rückkehr an seinen Studienort »G.« zunächst tatsächlich geheilt. Zwar war während seiner Abwesenheit das Wohnhaus, in dem er ein Studentenzimmer hatte, abgebrannt; seine Freunde hatten jedoch Bücher und weitere Habseligkeiten gerettet, so dass er das Studium unmittelbar fortsetzen kann, und zwar in einem Zimmer, das nahe der Wohnung seines Professors für Physik, d. h. der Naturwissenschaften, Spalanzani liegt.

Dass Nathanael geheilt scheint, eröffnet ausgerechnet eine erneute Begegnung mit dem Wetterglashändler Coppola, der ihm dieses Mal allerdings Brillen und Ferngläser anbietet. Allein dadurch, dass der der deutschen Sprache nur mäßig mächtige Glashändler die Brillen als Augen bezeichnet, »sköne Oke« (25/[27]), vermag er Nathanael zunächst tief zu verunsichern. Der in der Vielzahl ausgepackter Brillen eine unendliche Anzahl bunter Augen erblickende Nathanael scheint sein waches Bewusstsein zu verlieren, mithin eine fixe Idee zu verfolgen,9 und fleht schreiend um ein Ende des Augenspukes. Als Coppola die Brillen daraufhin einpackt und ihm Ferngläser anbietet, beruhigt sich Nathanael: »Sowie die Brillen fort waren, wurde Nathanael ganz ruhig und an Clara denkend sah er wohl ein, dass der entsetzliche Spuk nur aus seinem Innern hervorgegangen […]« (26/[28]). Auch nachdem Coppola ihm ein Fernglas verkauft und sich unter höhnischem Gelächter verabschiedet hat, das Nathanael als Spott über einen zu hohen Preis interpretiert, kommt er auf Clara zurück: »›Clara‹, sprach er zu sich selbst, ›hat wohl Recht, dass sie mich für einen abgeschmackten Geisterseher hält‹« (27/[29]). Und so scheint er mit Hilfe der Gedanken an Clara auch deren Überzeugungen übernommen zu haben.

Nathanaels Heilung bleibt jedoch eine scheinbare: Nicht nur ist jeder Versuch einer rationalen Erklärung seiner Ängste stets an die Person seiner Geliebten gebunden, an die zu denken ihm einzig Beruhigung vor den eigenen Ängsten verschafft. Auch bleibt diese Haltung zerbrechlich, weil sie durch äußere Einflüsse schnell unterminiert werden kann.

Es ist aber eben dieses mehr zufällig und um Coppola loszuwerden gekaufte »Taschenperspektiv«, also ein kleines Fernglas, das die zerstörerische Resthandlung in eigentümlicher Weise befördern wird. Mit Hilfe dieses Instruments zur Blickerweiterung ist es ihm nämlich möglich, die im Nachbarhaus wohnende Tochter Spalanzanis zu beobachten. Schnell erkennt Nathanael mit seinem erkenntniserweiternden Augenglas, dass Olimpia, so der Name jenes Mädchens, von ausgewählter Schönheit ist, die den Beobachter magisch anzieht.

Die Instrumente einer naturforschenden Aufklärung können, so zeigen diese Passagen der Erzählung, unter bestimmten Bedingungen, nämlich bestimmten psychopathologischen Voraussetzungen derer, die sich ihrer bedienen, zum Mittel einer Verdunklung und Krankheitsverschärfung werden. Dass solche Prozesse in kürzester Zeit vonstattengehen können, weil sie auf weltanschaulich oder pathologisch empfängliche Seelen treffen, dokumentiert der Text anschaulich: Schon wenige Zeilen nach der letzten rettenden Erinnerung an Claras Vorwürfe der Geisterseherei, in denen die tagelangen Beobachtungsversuche Nathanaels geschildert werden, heißt es:

»Olimpias Gestalt schwebte vor ihm her in den Lüften und trat aus dem Gebüsch, und guckte ihn an mit großen strahlenden Augen, aus dem hellen Bach. Claras Bild war ganz aus seinem Innern gewichen, er dachte nichts, als Olimpia […].« (27/[30])

Mit der Verdrängung Claras aus seinem Herzen und seinem Bewusstsein ist das Schicksal des liebestollen Nathanael allerdings besiegelt. Wendet sich der überzeugte Glaube von der vernünftigen Welthaltung vollständig ab, dann gebiert er Ungeheuer, die er nicht mehr zu beherrschen vermag. Dass aber diese Aufklärung durch Spott, Überheblichkeit und autoritäre Ablehnung alles Übersinnlichen jene Voraussetzung für eine hemmungslose Hingabe an die metaphysischen Sehnsüchte des Menschen allererst schuf, ohne dies zu beachten, wird ihr von Hoffmann in Rechnung gestellt.10 Nathanaels Liebe zu Olimpia, Produkt scheinbar reiner Beobachtung, in Wahrheit jedoch narzisstischer Selbstbespiegelungen (vgl. Neymeyr 1997), ist ebenso Ausdruck wie Beförderung seiner Krankheit zum Tode (vgl. Schmidt 1981).

Diese nimmt im Zuge der fortschreitenden Verfestigung der Liebesbeziehung stets konkretere Formen an: Zunächst kommt es zu einer ersten, allerdings gleich stürmischen Begegnung im Rahmen eines großen Festes, eines »Konzert[s] und Ball[s]« (27/[30]), das Spalanzani für die Universitätsgesellschaft ausrichtet und auf dem er seine Tochter, die er bis dato nur im Hause hielt, der Öffentlichkeit zu präsentieren gedenkt. Tatsächlich kommt es zu diesem Auftritt und einer Begegnung zwischen dem Studenten und der Professorentochter, allerdings erst, nachdem Nathanael – als Student in die hinteren Reihen verbannt – den ›Gegenstand‹ seiner Begierde durch das Fernglas betrachtet:

»Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas Glas hervor und schaute hin nach der schönen Olimpia. Ach! – da wurde er gewahr, wie sie voll Sehnsucht nach ihm herübersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in dem Liebesblick, der zündend sein Inneres durchdrang.« (28/[31])

Erst die schon gleichsam internalisierte Ersatzhandlung des Fernglasblickes auf dem Fest garantiert dem liebestollen Nathanael, dass seine Gefühle erwidert werden. Die verfremdende Perspektive der nahen Ferne ist nicht allein deshalb erforderlich, um die Umgebung auszublenden, sondern auch, um den narzisstischen Projektionsprozess glücken zu lassen. Ohne Coppolas ›Perspektiv‹ hätte sich Nathanael niemals verliebt bzw. dieser Liebe nachgeben können.

Gleichwohl ermöglicht ihm diese Perspektive, einen Schritt auf das geliebte Wesen zu zu machen. Nach Beendigung des Konzerts und Beginn des Balls kann der Protagonist die Professorentochter zum Tanz auffordern und erlebt – ohne dies zu verstehen – nach dem optischen einen zugreifenden, haptischen Projektionsprozess, indem er nicht mehr die Augen mit Liebe, sondern die tote Hand mit Wärme überzieht:

»Eiskalt war Olimpias Hand, er fühlte sich durchbebt von grausigem Todesfrost, er starrte Olimpia ins Auge, das strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht entgegen und in dem Augenblick war es auch, als fingen an in der kalten Hand Pulse zu schlagen und des Lebensblutes Ströme zu glühen.« (28/[31])

Nie zuvor hatte Nathanael solche »Liebeslust« empfunden, und zwar gerade deshalb, weil Olimpia kaum Worte verliert und so zu der widerstandslosen Projektionsfläche wird, die die bedingungslose romantische Liebe erwartet und erfordert. So wie Olimpia schweigen muss, kann Nathanael der Verbalisierung seiner Liebe uneingeschränkt nachgehen; ist Olimipa des Sprechens kaum mächtig, so Nathanael in einer Weise, die jedes Verständnis von sich weist: »Er saß neben Olimpia, ihre Hand in der seinigen und sprach hoch entflammt und begeistert von seiner Liebe in Worten, die keiner verstand, weder er, noch Olimpia.« (29/[32]) Auf dem Weg in den »Wahnsinn«, mithin in die schwere psychische Erkrankung, mit der die romantische Liebe hier identifiziert wird, wird das Sprechen des zunehmend Erkrankenden unverständlicher.

Gleichwohl und trotz des vernehmbaren Spotts anderer Ballteilnehmer über Nathanaels Leidenschaft für eine nahezu sprach- und scheinbar empfindungslose junge Frau nimmt das Verhältnis zwischen Nathanael und Olimpia in der Folge die konkretere Form regelmäßiger, ja täglicher Treffen an, auf denen der junge Mann seiner Geliebten stundenlang aus seinen Papieren vorliest. Die so Angebetete kann dem mit nie enden wollender Geduld zuhören.

Wichtig ist in diesem Stadium der Erzählung, dass die Öffentlichkeit einschließlich seiner Studienfreunde Nathanaels Leidenschaft für die Professorentochter ob deren »Stumpfsinn« (30/[33]) zwar für eigentümlich oder gar deviant (also für nur besonders schwer abweichend vom üblichen Standard), keineswegs aber für pathologisch (also für seelisch krank) hält, weil tatsächlich niemand in dieser Figur eine Puppe bzw. einen Automaten erkennt. Als scheinbar echter Mensch, als Frau aus Fleisch und Blut, erscheint sie nicht nur dem liebestollen Nathanael, sondern auch »der Gesellschaft«, die sich erst später für diesen Betrug an Spalanzani zu rächen weiß. Nur deshalb, weil die beiden Automaten-Ingenieure gute Arbeit geleistet hatten, kann die Katastrophe in Gang gesetzt werden. Natürlich leistet sich Hoffmann mit dieser Konstellation auch eine Kritik am zeitgenössischen (allerdings bröckelnden) Frauenideal, das in der intellektuellen Passivität und körperlichen Makellosigkeit seine wesentlichen Elemente hatte: Nicht allein Nathanael sitzt seinen Vorurteilen und seinen Bedürfnissen auf. Auf dieser Ebene ist der psychisch Erkrankende nur die Allegorie einer in ihre Konventionen verstrickten Gesellschaft (vgl. auch Hilpert 2013).

Zugleich besteht eine entscheidende Voraussetzung für diese Art des Missbrauchs von Vorurteilen zu experimentellen Zwecken in der herausragenden technischen Leistung Spalanzanis und Coppolas, die dem Automaten Olimpia zu einem überzeugenden Anschein von Leben verhelfen. Hatte Nathanael Clara als »lebloses […] Automat« (24/[25]) beschimpft, weil sie seinem Glauben an das radikale Böse als metaphysische Macht kein Verständnis entgegenbringen konnte und wollte, so schenkt er der Lebendigkeit des tatsächlichen Automaten Olimpia deshalb Glauben, weil dieser seine Bedürfnisse nach Projektion bedingungslos erfüllt.

Dieser vom Experimentator Spalanzani beförderte Prozess der Verbindung zwischen Nathanael und der singenden und spielenden Puppe Olimpia geht so weit, dass der junge Student zu einer Verlobung entschlossen ist. Im Moment der geplanten Ringübergabe aber, die den Erfolg des Menschenexperimentes besiegelte, streiten sich die beiden Urheber der täuschend echten Menschenpuppe um ihre Leistungsanteile. Ausgetragen wird dieser Streit zwischen Spalanzani und Coppola an dem Automaten selbst, dessen Besitz und die daran sich anschließenden Einnahmen von beiden beansprucht werden. In ihrem enthemmten Ehrgeiz und Besitzanspruch, als Sinnbild der egoistischen Fundierung aller aufklärerischen Forschung, zerstören sie den Automaten. Und erst durch diese Zerrüttung wird Olimpia für den hinzukommenden Nathanael als Automat, als leblose Puppe erkennbar. Doch nicht diese Erkenntnis selbst wird zur Ursache für die manifeste Störung des Protagonisten. Erst Spalanzanis Aufforderung, den mit der Puppe flüchtenden Coppola zu verfolgen, weil der sein Lebenswerk zerstört und entwendet habe, und die Bekräftigung dieses Befehls durch das Bewerfen Nathanaels mit den am Boden liegenden künstlichen Augen, zerrütten die Psyche des hintergangenen Liebhabers: »Da packte ihn der Wahnsinn mit glühenden Krallen und fuhr in sein Inneres hinein Sinn und Gedanken zerreißend« (32/[38]). Erstmals äußert sich dieser psychische Verfall auch in Gewalt gegen andere: Nathanael versucht, Spalanzani zu erwürgen.

V Claras Verblendung und die Grenzen des Verstehens

Doch ist mit dieser erneuten Zerrüttung der Psyche des Protagonisten noch immer nicht das Ende der Erzählung von »Nathanaels verhängnisvollem Leben« erreicht. Auch aus dieser geistigen Umnachtung erwacht er erneut, diesmal gepflegt und umhegt von seiner Familie. Selbst Clara hat ihm alle Eskapaden verziehen und hofft nach erhaltener Erbschaft, die ein geruhsames Leben auf dem Lande verspricht, auf ein gemeinsames Leben mit Nathanael, denn: »Jede Spur des Wahnsinns war verschwunden« (34/[40]).

Bereits ein gemeinsamer Abschiedsbesuch auf dem Ratsturm der Heimatstadt zerstört aber diese Illusion und beweist, dass sowohl Clara als auch alle anderen Nathanael umgebenden Personen seine Krankheit eigentlich nie verstanden haben. Schon der erneut zufällige Griff nach Coppolas Perspektiv, das sich noch immer in seiner Jackentasche befindet, und ein Blick hindurch auf Clara vitalisiert nämlich den zerrütteten Teil seiner Psyche und lässt diesen zur Lebensgefahr für Clara werden:

»Da zuckte es krampfhaft in seinen Pulsen und Adern – totenbleich starrte er Clara an, aber bald glühten und sprühten Feuerströme durch die rollenden Augen, grässlich brüllte er auf, wie ein gehetztes Tier; dann sprang er hoch in die Lüfte und grausig dazwischen lachend schrie er in schneidendem Ton: ›Holzpüppchen dreh dich – Holzpüppchen dreh dich‹ – und mit gewaltiger Kraft fasste er Clara und wollte sie herabschleudern […].« (35/[41])

Erneut ist es also das Fernglas Coppolas, das eine deviante, jetzt manifest pathologische Wahrnehmung und Handlung in Gang setzt. Die Erinnerung an die verzerrte Perspektive des Fernglases aktiviert die substantielle Verzerrung der Psyche (Freud 2010, 199). Nur dem beherzten Eingreifen Lothars ist es zu verdanken, dass Clara gerettet wird und Nathanael sich durch einen Sprung in den Tod seiner Qualen entledigt. Ohne Zweifel hat nicht nur Clara, sondern haben auch ihr Bruder und Nathanaels Mutter die Zeichen der nur scheinbaren Heilung des gefährlich Kranken verkannt. Erkennbar inszeniert Hoffmann dieses Unverständnis als Produkt ihrer Sehnsüchte nach der Gesundheit des von ihnen geliebten Sohnes, Mannes und Bruders. Dabei wird nicht das Scheitern der Aufklärung schlechthin inszeniert, sondern die Grenzen des Verständnisses für das pathologisch Andere der Vernunft, das sich allerdings des Scheins der Vernünftigkeit bedienen kann, und deren (lebensbedrohliche) Gefahren für die Missverstehenden.

Dieses semantische und systematische Allgemeine zeigt Hoffmann auch an zwei auffälligen und häufig interpretierten einzelnen Motiven: Im Rahmen des Streites zwischen Spalanzani und Coppola, den Nathanael beobachtet, nennt Spalanzani den Konkurrenten doch tatsächlich »Coppelius« (32/[37]), und schon vorher meint der hinzukommende Nathanael, »des […] Coppelius Stimme« vernommen zu haben. Damit würden die zu Beginn brieflich geäußerten Ängste des Traumatisierten Bestätigung finden.

Spalanzani wechselt aber auch wieder zum Gebrauch des Namens Coppola zurück, so dass der Leser nicht vollends entscheiden kann, ob der zutiefst aufgewühlte Nathanael diesen gefürchteten Namen bloß zu hören meinte oder ob der Erzähler ihn tatsächlich selbst verwendet hat: Es bleibt bis zum Schluss der Erzählung ungeklärt, ob die beiden Namen eine oder zwei Personen bezeichnen, so dass auf der Ebene der gesamten Erzählung die angstbesetzte Unsicherheit des Protagonisten reproduziert wird. Die Logik der kranken Seele produziert eben keine semantische Nichtigkeit, also Unsinn, sondern durchaus wahrscheinliche Annahmen, die die Gefahren, die in ihr schlummern, allererst sichtbar werden lassen. Nathanaels Angst vor dem alchemistischen Kinderquäler bleibt bis zum Schluss legitim und daher seine Befürchtung in Bezug auf die prägende Rolle dieser Figur für sein Verhängnis zumindest nachvollziehbar. Es geht Hoffmann also anscheinend nicht um die Objektivität des Glaubens an böse Mächte, es geht ihm um die Gründe für die subjektive Überzeugungskraft solcher Annahmen. Und für diese Absicht – und nicht um sich einem Verständnis abstrakt zu entziehen – wird die Unsicherheit des Protagonisten auf der Ebene der Erzählung wiederholt.

Ähnliches gilt für das zentrale Motiv der Augen, das in unterschiedlichen Varianten und Bedeutungen die Erzählung prägt.11 Als zentrales Organ der Licht in die Welt bringenden Aufklärung ist das Auge von Beginn an für Nathanael gefährdet, insbesondere in der Szene der Entdeckung während des alchemistischen Versuches, in der der Vater seinen Sohn scheinbar vor der Blendung durch Coppelius rettet. Als ›Spiegel der Seele‹, in dem sich beispielsweise die untadelige moralische Gesinnung Claras dokumentiert, ist dieses Organ zugleich das am schwierigsten technisch zu reproduzierende, weshalb Spalanzani auf die Künste Coppolas angewiesen ist und bleibt. Nur durch die Verzerrungen des Ferne nahbringenden Perspektivs zeigen sich für den liebestollen Nathanael die Leidenschaften der toten Puppe Olimpia. In den verschiedenen Formen und Funktionen der Augen spiegelt sich damit letztlich das zentrale Thema der Unvermittelbarkeit von Glauben und Wissen. Denn nur von der augen- und seelenlosen Olimpia fühlt sich der Romantiker Nathanael »ganz verstanden« (31/[36]).

Die vorstehende Interpretation hat versucht, aus den spezifisch literarischen Elementen und Momenten der Hoffmann’schen Erzählung wie u. a. der Gattungsmischung, der Figurenkonstellation und des Plots eine Deutung des impliziten Bedeutungsganzen zu ermitteln. Durch eine dem Text angemessene Kombination des Verstehens offensichtlicher und des Interpretierens zunächst undeutlicher Passagen und Elemente wurde versucht, eine dem Text innewohnende Bedeutungskohärenz zu rekonstruieren. Durch die Berücksichtigung eines spezifischen historischen Kontextes, nämlich des umstrittenen Verhältnisses von Glauben und Wissen, wurde es möglich, den Grund für das von Hoffmann bewusst hergestellte Unbestimmbare, Geheimnisvolle zu ermitteln: Hoffmann gestaltet dieses Thema als einen unlösbaren, tödlichen Konflikt, der auf den Gefahren beider ins Extrem getriebenen Positionen, der Aufklärung wie der Romantik, basiert.

Als ein allgemeines Verfahren zur Behandlung von literarischen Texten ist diese Art von analytischer und kontextualisierender Hermeneutik jeder Methodik zugrunde zu legen.

Literaturhinweise

Anton, Anette C.: Authentizität als Fiktion. Briefkultur im 18. und 19. Jahrhundert. Stuttgart/Weimar 1995.

Drux, Rudolf: Nachwort. In: E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann. Hrsg. von R. D. Stuttgart 2014. S. 61–77.

Freud, Sigmund: Das Unheimliche (1919). In: S. F.: »Der Dichter und das Phantasieren«. Schriften zur Kunst und Literatur. Hrsg. von Oliver Jahraus. Stuttgart 2010. S. 187–227.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Glauben und Wissen oder Reflexionsphilosophie der Subjektivität in der Vollständigkeit ihrer Formen als Kantische, Jacobische und Fichtesche Philosophie. In: G. W. F. H.: Werke in 20 Bänden. Hrsg. von Eva Moldenhauer / Karl Markus Michel. Bd. 2. Frankfurt a. M. 1986. S. 287–433.

Hilpert, Daniel: magnetisches Erzählen. E. T. A. Hoffmanns Poetisierung des Mesmerierens. Freiburg 2013. S. 156–195.

Kablitz, Andreas: Kunst des Möglichen. Theorie der Literatur. Freiburg 2013.

Miller, Norbert: Der empfindsame Erzähler. Untersuchungen an Romananfängen des 18. Jahrhunderts. München 1968.

Mülder-Bach, Inka: Das Grau(en) der Prosa oder: Hoffmanns Aufklärungen. Zur Chronik des Sandmann. In: ›Hoffmanneske Geschichten‹. Zu einer Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft. Hrsg. von Gerhard Neumann. Würzburg 2005. S. 199–221.

Neumann, Gerhard: E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann. In: Meisterwerke der Literatur. Von Homer bis Musil. Hrsg. von Reinhard Brandt. Leipzig 2001. S. 185–216.

Neymeyr, Barbara: Narzißtische Destruktion. Zum Stellenwert von Realitätsverlust und Selbstentfremdung in E. T. A. Hoffmanns Nachtstück »Der Sandmann«. In: Poetica 29 (1997) S. 499–531.

Picard, Hans Rudolf: Die Illusion der Wirklichkeit im Briefroman des 18. Jahrhunderts. Heidelberg 1971.

Reuchlein, Georg: Bürgerliche Gesellschaft, Psychiatrie und Literatur. Zur Entwicklung der Wahnsinnsthematik in der deutschen Literatur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. München 1986.

Saße, Günter: Der Sandmann. Kommunikative Isolation und narzisstische Selbstverfallenheit. In: G. S.: E. T. A. Hoffmann. Romane und Erzählungen. Stuttgart 2004. S. 96–116.

Reil, Johann Christian: Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Kurmethode auf Geisteszerrüttungen. Halle 1803.

Schmidt, Jochen: Die Krise der romantischen Subjektivität: E. T. A. Hoffmanns Künstlernovelle »Der Sandmann« in historischer Perspektive. In: Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. FS für Richard Brinkmann. Hrsg. von Jürgen Brummack [u. a.]: Tübingen 1981. S. 348–370.

Schubert, Gotthilf Heinrich: Die Symbolik des Traumes. Faksimiledruck nach der Ausgabe von 1814. Mit einem Nachwort von Gerhard Sauder. Heidelberg 1968.

Tepe, Peter / Jürgen Rauter / Tanja Semlow: Interpretationskonflikte am Beispiel E. T. A. Hoffmanns »Der Sandmann«. Würzburg 2009.

Weimar, Klaus: Was ist Interpretation? In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 2 (2002) S. 104–115.

STRUKTURALISMUS/LITERATURSEMIOTIK

Zeichenordnungen und zeichenhafte Täuschungen in Der Sandmann

Von Stephanie Großmann und Hans Krah

I Methodisches Selbstverständnis

Im Folgenden geht es nicht um eine historische Skizze des Strukturalismus als philosophische Denkrichtung, wie sie sich im 20. Jahrhundert etabliert hat, und nicht um die Aufarbeitung der damit verbundenen Diskussionen und Auseinandersetzungen (vgl. dazu Titzmann 1980, 2010; Müller 2010). Vorgestellt werden soll der gegenwärtige State of the Art. Wichtige Impulse hierzu hat insbesondere die Rezeption von Jurij M. Lotmans Konzeptionen geliefert. Mit diesen avancierte der Strukturalismus zur Literatursemiotik, die sich als integrativ, offen und anschlussfähig versteht und durch ihre Methodik eine Ausweitung vom Gegenstand Literatur auf andere Formen ästhetischer Kommunikation ermöglicht.12

Strukturalismus/Literatursemiotik sind eine Methode in dem Sinne, dass sie erstens von bestimmten Grundannahmen ausgehen, was das Verständnis ihres Gegenstandes Literatur und ihres Umgangs damit betrifft, zweitens einen Grundzugang bei der konkreten Analyse favorisieren und sich dabei drittens (auch) spezifischer Beschreibungsinventare und Begrifflichkeiten bedienen.

Strukturalismus/Literatursemiotik verstehen sich hingegen nicht als Theorien, die sich durch spezifische Fragestellungen und fokussierte Themen definieren. Ebenso wenig privilegieren sie einzelne Aspekte des Erkenntnisinteresses. Insofern gibt es Überschneidungen mit anderen Ansätzen, so etwa mit den Gender/Queer Studies, für deren Gegenstände sich auch strukturale Arbeiten interessieren können, oder bezüglich Intertextualität, Narratologie und Raumtheorie, zu denen es aus struktural-semiotischer Perspektive Modellierungsvorschläge gibt. So dürfte die strukturale Erzähltheorie einen wesentlichen Beitrag zur Erzählforschung geleistet haben, der zudem in Lotmans Modell der semantischen Räume und dessen Grenzüberschreitungstheorie dezidiert raumbezogen ist (vgl. Krah 2014); Titzmann (1989, 2003) hat mit seinen Konzepten des kulturellen Wissens und des Denksystems einen Systematisierungsvorschlag vorgelegt, der neben seiner Relevanz für die Intertextualitätsforschung eine Verbindung zu Diskursanalyse/Wissenspoetik herstellt.

II Grundannahmen

Damit der Umgang mit Literatur als ›wissenschaftlich‹ gelten kann, müssen die Spielregeln der analytischen Wissenschaftstheorie anerkannt werden. Insbesondere ist gefordert, dass Aussagen, Ergebnisse, Thesen argumentativ hergeleitet und intersubjektiv nachvollziehbar sind. Diese Grundannahme bedeutet zum einen, dass Analyse und Interpretation von Texten als Operationen verstanden werden, die prinzipiell erlernbar sind und eingeübt werden können, und dass dazu den Akteuren ein Instrumentarium an die Hand zu geben ist, mit dem sie dies auch realisieren können. Zum anderen impliziert diese Annahme auch, dass die Methodik insofern textunabhängig ist, als sich prinzipiell jeder (literarische) Text mit diesem Handwerkszeug interpretieren lässt und sich Unterschiede dann erst als Ergebnis einer Analyse (aufgrund der Spezifik jedes einzelnen Textes) manifestieren.

Denn eine weitere Grundannahme bezüglich des Gegenstandes Literatur zeigt sich in dem Befund, dass jeder literarische Text ein Text ist und damit dessen prinzipiellen Konstruktionsprinzipien unterliegt: Er ist einerseits semiotisch verfasst (basiert also auf Zeichen) und andererseits an eine Kommunikationssituation rückgebunden, aus der heraus er entstanden ist. Dies heißt ganz banal zunächst, dass sich die Bedeutung (auch) eines (literarischen) Textes insofern rekonstruieren lassen muss, als den Zeichen, aus denen ein Text besteht, aufgrund von Kohärenzmechanismen ein semantisches Potential eigen bzw. inhärent ist. Da der Text in einer konkreten, historisch fixierten Kommunikation verankert und an diese rückzubinden ist, darf das semantische Potential wiederum nicht beliebig aufgefüllt werden. Die Spezifik von Literatur ergibt sich insofern, als Literatur als ästhetische Kommunikation verstanden werden kann, mit Lotman (1981) also als ein sekundäres, modellbildendes, semiotisches System. Sie baut auf dem bestehenden semiotischen System der natürlichen Sprache auf und benutzt dessen Codes (d. h. Codes der Syntax, Semantik, Pragmatik). Sie kann aber darüber hinaus eigene Semantisierungen und Strukturierungen vornehmen, die von diesem vorgelagerten System abweichen oder es verändern und modifizieren (dies meint: sekundäres System); immer wird dabei im konkreten Text ein neues System modelliert und damit ein eigener Weltentwurf kreiert (das meint: modellbildendes System).

III Vorgehensweise und zentrale Begrifflichkeiten

Da ein Text zentraler Faktor ästhetischer Kommunikation ist und dessen Semantik über die möglichen Verfahren, deren sich ein Text bedienen kann, erzeugt wird, steht im Fokus von Strukturalismus/Literatursemiotik der (literarische) Text selbst, nicht aber seine Produktion oder seine Rezeption. Genau dieses eigene System eines Textes zu rekonstruieren, ist Ausgangspunkt struktural-semiotischer Vorgehensweise:

1. Es gilt, den Text in seiner Verfasstheit ernst zu nehmen und diese Verfasstheit und sämtliche Textphänomene möglichst präzise zu beschreiben. Als Grundzugang dient hierzu die Unterscheidung von Discours und Histoire, die in jedem Text zu treffen ist. Der Discours bezieht sich auf die konkret vorliegenden Zeichen in ihrer konkret gegebenen Anordnung, wie sie sich im jeweiligen Medium aufgrund dessen Medialität konstituieren. Das ist für Literatur primär die Schrift, ist aber natürlich nicht auf sie beschränkt und kann je nach Gattung unterschiedlich ausgeprägt sein. Die Histoire bezieht sich auf die Semantiken (Propositionen und Signifikate), auf die die Daten des Discours als Signifikanten verweisen; sie stellt also eine Textdimension dar, die nicht konkret auf der empirisch wahrnehmbaren Oberfläche gegeben ist, sondern die es in einem Akt der Abstraktion und Interpretation zu gewinnen gilt.

Dies kann auf paradigmatische oder syntagmatische Weise geschehen. Paradigmatisches Vorgehen löst sich von der Anordnung des Discours und sucht unabhängig hiervon nach semantischen Gemeinsamkeiten, syntagmatisches Vorgehen folgt dem Discours selbst und versucht, die Bedeutung zu eruieren, die dieser Abfolge zugrunde liegt.

2. Auch wenn die Unterscheidung zwischen Discours und Histoire eine traditionelle (formal vs. inhaltlich) aufzugreifen scheint, artikuliert sich hier eine wesentliche, letztlich namensgebende Grundvorstellung des Strukturalismus. Denn Form und Inhalt stehen sich nicht diametral einander gegenüber, sondern bedingen sich als Struktur: Die konkrete formale Gestaltung eines Textes wird zum Träger der Textsemantik funktionalisiert. Strukturalismus/Literatursemiotik bedienen sich dabei durchaus klassischer, traditioneller Beschreibungsinventare, bauen auf ihnen auf oder modifizieren sie, wie etwa das in der Rhetorik bereitgestellte Arsenal an Tropen (Metapher, Metonymie, Synekdoche) und rhetorischen Figuren zur Beschreibung uneigentlicher Sprachverwendung oder der Metrik zur Darstellung von Segmentierungs- und Rhythmisierungsphänomenen. Dies ist aber kein Selbstzweck, sondern bildet die Basis einer darauf aufbauenden Signifikation (Bedeutungszuweisung), auf die hin solche Beschreibungen ausgerichtet sind: Was bedeutet es, dass genau so gesprochen wird, wie gesprochen wird, dass genau so gegliedert ist, wie gegliedert ist, dass genau so erzählt wird, wie erzählt wird etc.?

3. Prägend für die Vorgehensweise ist grundlegend die Vorstellung einer (Aus-)Wahl, einer Selektion der gegebenen Daten aus dem Pool an möglichen Daten. Kein Text als semiotisches, artifizielles Konstrukt muss so sein, wie er ist. Er könnte bezüglich der kulturell jeweils überhaupt zur Verfügung stehenden Alternativen auch anders sein, sprachlich oder in dem, was er darstellt, oder in dem, was er ausblendet. Da nichts in einem Text selbstverständlich (oder gar natürlich) ist, kann auch alles relevant sein und zur spezifischen Bedeutung eines Textes beitragen. Damit kommt auch denjenigen Textdimensionen besondere Bedeutung zu, die zu den Grundlagen von Texten und Kommunikation gehören und deshalb scheinbar notwendig sind. Dazu gehören das Figurenensemble, die räumliche Organisation und zeitliche Situierung, dazu gehören in narrativen Texten aber auch die Handlung und ihr Verlauf. Auch und insbesondere gehört hier die Sprech-/Erzählsituation eines Textes dazu, der Strukturalismus/Literatursemiotik besonderes Augenmerk schenken. Denn die Daten zur Kommunikationssituation in einem Text – wer wem was wann wo wie warum berichtet – sind nicht mit denen der tatsächlichen Textproduktion zu identifizieren, sondern sind von dieser abgekoppelt. Diese textinterne Pragmatik hat wesentlichen Anteil an der Bedeutungsgenerierung und ist letztlich eine Textdimension, an der sich das Merkmal modellbildend augenscheinlich manifestiert.

4. Da die Zeichen eines Textes nicht in der Beziehung zueinander stehen müssen, wie vom benutzten primären Sprachsystem vorgegeben, bedienen sich Strukturalismus/Literatursemiotik der Beschreibung über semantische Relationen, mit deren Hilfe sie die Textkonzepte zu fassen versuchen, um die Grundordnungen eines Textes zu erkennen. Werden Zeichen im Text in Beziehung gesetzt, obwohl sie dies nicht sein müssten, sind sie also korreliert? Werden sie als gleich behandelt, obwohl es durchaus Unterschiede gäbe, sind sie also äquivalent gesetzt? Schließen sie einander im Text aus und negieren sich damit implizit, auch wenn dies durch das Sprachsystem nicht vorgegeben ist, werden sie also als oppositionell gesetzt?

Über diese Relationen wird versucht, die Paradigmen (Leitdifferenzen, Isotopien) eines Textes wie deren Relevanz zu identifizieren. Ordnungsstiftend ist hierbei zudem die Relation der Homologie, die als zentrales deskriptives wie argumentatives Mittel fungiert, indem sie Zusammenhänge unterschiedlicher Textbereiche etabliert und diese in einen Gesamtzusammenhang bringt.

Aufbauend darauf versucht das Konzept der semantischen Räume, die jeweilige Ordnung des Textes zu rekonstruieren. Eine solche modellbildende Ordnung reduziert natürlich immer die Komplexität des Textes. Dies ist aber mit ihrem Erkenntnisgewinn zu rechtfertigen und immer hinsichtlich ihrer Tragfähigkeit und Adäquatheit bezüglich der jeweiligen Fragestellung zu diskutieren.

5. Dass der literarische Text selbst der Fokus bezüglich des Zugangs ist, bedeutet nicht, den Text absolut und als in sich geschlossen bzw. hermetisch zu setzen. Entscheidend für die textuellen Möglichkeiten ist seine Kulturalität, sind also die Faktoren und Parameter der ursprünglichen Kommunikationssituation, der er angehört und von der er abhängig ist. Diese kulturelle Rückbindung eines Textes bedeutet auch, dass in den Text Wissen dieser Kultur eingeflossen sein kann. Den Text in den Fokus zu stellen, bedeutet also nicht, ihn als vollkommen autonom zu sehen und von jeder Umwelt abzugrenzen, sondern nur, bei den Beziehungen zu relevanten Kontexten vom Text auszugehen. Aus dessen Struktur ist zu untersuchen, welche textuellen Propositionen auf welche kulturellen referieren, deren Kenntnis im Text also für das Verständnis vorausgesetzt wird, oder welche textuellen Propositionen vor der Folie kultureller Diskurse der Zeit erst ihre Relevanz erhalten. Das Spektrum solcher Einbeziehung kulturellen Wissens reicht dabei von der Begriffsklärung einzelner im Text enthaltener Lexeme (d. h. der kleinsten Einheit des Wortschatzes) oder der Identifizierung einer Strophenform über Kenntnis von literarischen Konventionen, Traditionen und Poetologien oder kulturellen Metaphoriken und Konstellationen bis zur Integration in übergeordnete denk- und mentalitätsgeschichtliche, anthropologische Formationen. Strukturalismus/Literatursemiotik reißen den literarischen Text nicht aus seinem Zusammenhang, sondern versuchen ihn in seiner Bedeutung gerade über diesen Bezug zu bestimmen und vor dieser Folie zu verstehen (s. auch Nies 2011).

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