Kitabı oxu: «Zum poetischen Werk von Salvatore A. Sanna»

Şrift:

Caroline Lüderssen

Zum poetischen Werk von Salvatore A. Sanna

Col rosso in dominante

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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Umschlagabbildung: Elio Mariucci, Haiku del tramonto – Haiku des Abendrots, 2018, Holz, Stoff, Acryl, Bleistift auf Papier, 35 x 24 x 6 cm

© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.narr.de • info@narr.de

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ISBN 978-3-8233-8406-9 (Print)

ISBN 978-3-8233-0231-5 (ePub)

Inhalt

  Versi da sorseggiare

  Verse zum Nippen

  Editorische Notiz

  Nota editoriale

 EinführungSalvatore A. Sanna – Ein deutsch-italienischer Lyriker in Frankfurt1. Salvatore A. Sanna als Lyriker der Erinnerung2. Dichten als Identitätsarbeit3. Salvatore A. Sanna als „Heimatdichter“

 AufsätzeZur Lyrik von Salvatore A. SannaIIIIIIIVVSalvatore A. Sanna: Die „Feste“ der WorteA casa nelle parole. La lirica di Salvatore A. Sanna1. I luoghi della poesia2. Lingua e memoria3. La poesia come esperienza visiva4. Per una poetica della leggerezzaLa poesia di Salvatore A. Sanna tra ironia e sublimeSalvatore A. Sanna als Dichter von Erinnerungsorten„Un calice rosso“ – „Ein roter Blütenkelch“Mythos und Erfahrung: Salvatore A. Sanna im Dialog mit Cesare Pavese„Due sfere s’incontrano“Übersetzen und Vertonen am Beispiel dreier Gedichte von Salvatore A. Sanna„Palestrina“ von Salvatore A. Sanna

 Vorworte und NachworteNachwort zu WacholderblütenDer Sturz der HorizontaleAbschied und AufbruchPrefazione a La fortezza dell’ariaEinleitung zu MnemosyneNachwort zu MnemosyneEinführung zu MareSalvatore A. Sanna

 RezensionenSublime e quotidiano nella lirica di Salvatore A. SannaBocca di Leone e profumo d’OristanoRecensione di Löwen-MaulRezension von FesteRecensione di MnemosyneIl poeta Salvatore A. Sanna e la letteratura de-centrataIl mare poetico di Salvatore A. SannaRecensione di Fra le due spondeTextnachweise

Versi da sorseggiare

Un saluto in versi per Salvatore A. Sanna

Ti conobbi nella poesia

dell’abbraccio di tre fiumi.

Negli occhi a poppa e nel cuore a prua

di Carmine, Franco e Gino.

Nell’incanto delle librerie

imparai la tua voce e i tuoi versi.

Delicati come il vento

che accarezza la zagara.

Cristallini come l’onda

che corteggia lo scoglio.

Sul Meno riempii una borraccia

dei tuoi versi de-centrati.

Per sorseggiarli oggi che viaggi ancora

incerto fra le due sponde

in sospeso sul mare

che ostenta le sue venature.

Giuseppe Giambusso

Fröndenberg, 22 marzo 2020

Verse zum Nippen

Ein Gruß in Versen für Salvatore A. Sanna

In der Poesie der Umarmung dreier Flüsse

lernte ich dich kennen.

In den Augen auf dem Heck und im Herzen auf dem Bug

von Carmine, Franco und Gino.

Im Zauber der Buchhandlungen

lernte ich deine Stimme und deine Verse.

Sanft wie der Wind

der die Orangenblüte umweht.

Kristallklar wie die Welle

die den Felsen umspielt.

Am Main habe ich eine Wasserflasche

mit deinen versi de-centrati gefüllt.

Um heute daran zu nippen während du noch unterwegs bist

in der Schwebe zwischen zwei Ufern

hoch überm Meer

das seine Äderung zeigt.

Giuseppe Giambusso

Fröndenberg, 22. März 2020

Übersetzt von Caroline Lüderssen; V. 14-16 aus einem Gedicht von Salvatore A. Sanna aus der Sammlung Feste (1999), Fra le due sponde-Zwischen zwei Ufern, Tübingen, Narr, 2004, S. 298-299, übersetzt von Gerhard Goebel.

Editorische Notiz

Der vorliegende Band enthält Texte zum poetischen Werk von Salvatore A. Sanna (1934-2018). Es ist eine Sammlung von literaturkritischen Analysen aus Sammelbänden und Zeitschriften, den Vorworten und Nachworten zu den Ausgaben seiner Gedichte und Rezensionen. Der Titel „Col rosso in dominante“ ist dem Gedicht «Quadratscha» von Salvatore A. Sanna entnommen (1984), in dem die Farbe rot eine besondere Rolle spielt; die Sensibilität für Farben ist charakteristisch für Sannas Schreiben. Die Gedichte von Salvatore A. Sanna werden in den Beiträgen nach folgenden Ausgaben zitiert:

Fünfzehn Jahre Augenblicke. Gedichte Italienisch-Deutsch. Übersetzt von Ragni Maria Gschwend. Mit einer Zeichnung von Piero Dorazio, Frankfurt am Main, Privatdruck 1978.

Wacholderblüten. Gedichte Italienisch-Deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Birgit Schneider. Mit zwei Zeichnungen von Fausto Melotti, Frankfurt am Main, Privatdruck 1984.

Löwen-Maul. Gedichte Italienisch-Deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Gerhard Goebel-Schilling. Mit zwei Zeichnungen von Ermanno Leinardi, Frankfurt am Main/Aarau, Verlag Sauerländer 1988.

Feste. Gedichte Italienisch-Deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Gerhard Goebel-Schilling. Mit zwei Zeichnungen von Achille Perilli, München-Mainz, von Hase & Koehler Verlag 1991.

La fortezza dell’aria [Löwen-Maul e Feste]. Presentazione di Luigi Malerba. Tre disegni di Enrico Della Torre, Torino: Franco Masoero Editore 1995. Ausgezeichnet mit dem Premio Pannunzio 1996.

Mnemosyne. Hommage an die Mutter der Musen. Übertragung und Nachwort Gerhard Goebel. Einführung Christoff Neumeister. Zeichnungen Gianfranco Pardi, Frankfurt am Main/Aarau, Verlag für deutsch-italienische Studien/Sauerländer 1999.

Mare. I guess what you mean. Gedichte Italienisch-Deutsch. Übertragen von Caroline Lüderssen. Mit einer Zeichnung von Marco Casentini, Tübingen, Narr 2009.

Fra le due sponde / Zwischen zwei Ufern. Gesammelte Gedichte Italienisch Deutsch, herausgegeben und mit einem Essay versehen von Thomas Amos, Tübingen, Narr 2004.

Fra le due sponde. Poesie. Nuoro, Il Maestrale, 2014.

Ich danke allen Autorinnen und Autoren herzlich für Ihr Einverständnis, ihre Texte in diesen Erinnerungsband aufzunehmen. Diejenigen Rechteinhaber, mit denen wir trotz intensiver Bemühungen keinen Kontakt aufnehmen konnten, bitte ich, sich mit dem Verlag in Verbindung zu setzen.

Ganz herzlich danke ich Giuseppe Giambusso, der als Weggefährte und Dichterfreund von Salvatore A. Sanna ein poetisches Grußwort für den Band geschrieben hat. Giambusso, 1956 in Riesi/Sizilien geboren, lebt seit vielen Jahren in Fröndenberg im Sauerland und gehört zu einem losen Zusammenschluss von italienischen Autorinnen und Autoren in Deutschland, die ab den 1980er Jahren mit Publikationen, Tagungen und Diskussionsveranstaltungen auf sich aufmerksam machten. Seine neue zweisprachige Gedichtsammlung ist im Erscheinen: Foto di ragazza senza gruppo/Mädchenbild ohne Gruppe, Dresden 2020.

Besonderen Dank möchte ich auch dem Künstler und Lyriker Elio Mariucci aussprechen dafür, dass er sein Haiku del tramonto (Haiku des Abendrots) von 2018 für den Umschlag zur Verfügung gestellt hat. Mariucci, 1946 in Città di Castello in Umbrien geboren, ist seit 1995 durch die Frankfurter Westend Galerie (dem Kunstforum der Deutsch-Italienischen Vereinigung in Frankfurt, gegründet von Salvatore A. Sanna 1966) in Deutschland vertreten. Città di Castello ist auch die Geburtsstadt von Alberto Burri, dem großen Materialkünstler. Für Mariuccis Arbeit ist neben der Farbe das Material von großer Bedeutung. Seine letzte Ausstellung in Frankfurt trug den Titel „Sedimenti“, denn seine Malerei und seine Lyrik beruhen auf Sedimenten des persönlich Erlebten, „Bruchstücke aus Erinnerungen, Erfahrungen, Wünschen, Verlusten, Freude und Leid“ (Simonetta Riccardini). Die Auseinandersetzung mit dem Material führte zu seiner Serie von „Haikus“, bei denen ein selbstgefertigter Holzkasten zum Aufklappen Sinn- und Bildträger wird. Der Haiku – eine japanische Gedichtform aus 17 Silben mit drei Versen von 5 – 7 – 5 Silben bzw. Lauteinheiten (Moren) ist immer auf eine Jahreszeit bezogen. Das ist auch bei Mariucci der Fall. Die dreiteiligen Werke bestehen in einem von Mariucci auf Italienisch geschriebenen Haiku, der sich auf der „Türinnenseite“ befindet, die Schrankseite rechts zeigt eine bildliche Übertragung und auf der Außenseite des Schränkchens ist die japanische Fassung des Haiku aufgetragen. In diesen Werken sind Ratio und Emotio, Bewusstes und Unbewusstes in den einzelnen Werkteilen aufeinander bezogen.


Haiku del tramonto Haiku des Abendrots
Mi piace stare Ich bin gerne
sul filo del tramonto am Rand des Sonnenuntergangs
in visibilio völlig verzaubert

(Elio Mariucci, Haiku del tramonto – Haiku des Abendrots, 2018, Holz, Stoff, Acryl, Bleistift auf Papier, 35 x 24 x 6 cm)

Ein sehr herzlicher Dank geht, last but not least, an Ann Bromkamp-Sanna, die diesen Band zur Erinnerung an ihren Mann angeregt und möglich gemacht hat. Er sei ihm, dem Kulturvermittler, Italianisten und Lyriker in Erinnerung an viele Jahre fruchtbarer Zusammenarbeit gewidmet.

Caroline Lüderssen

Nota editoriale

Il presente volume contiene testi sull’opera poetica di Salvatore A. Sanna (1934-2018). È una raccolta di analisi di critica letteraria da antologie e riviste, dalle prefazioni ed epiloghi alle edizioni delle sue poesie, alle recensioni. Il titolo è tratto dalla poesia «Quadratscha» (1984) di Salvatore A. Sanna, in cui il colore rosso gioca un ruolo speciale; la sensibilità per i colori è caratteristica della scrittura di Sanna. Le poesie di Salvatore A. Sanna sono citate nelle seguenti edizioni:

Fünfzehn Jahre Augenblicke. Gedichte Italienisch-Deutsch. Übersetzt von Ragni Maria Gschwend. Mit einer Zeichnung von Piero Dorazio, Frankfurt am Main, Privatdruck 1978.

Wacholderblüten. Gedichte Italienisch-Deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Birgit Schneider. Mit zwei Zeichnungen von Fausto Melotti, Frankfurt am Main, Privatdruck 1984.

Löwen-Maul. Gedichte Italienisch-Deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Gerhard Goebel-Schilling. Mit zwei Zeichnungen von Ermanno Leinardi, Frankfurt am Main/Aarau, Verlag Sauerländer 1988.

Feste. Gedichte Italienisch-Deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Gerhard Goebel-Schilling. Mit zwei Zeichnungen von Achille Perilli, München-Mainz, von Hase & Koehler Verlag 1991.

La fortezza dell’aria [Löwen-Maul e Feste]. Presentazione di Luigi Malerba. Tre disegni di Enrico Della Torre, Torino: Franco Masoero Editore 1995. Insignito del premio Pannunzio 1996.

Mnemosyne. Hommage an die Mutter der Musen. Übertragung und Nachwort Gerhard Goebel. Einführung Christoff Neumeister. Zeichnungen Gianfranco Pardi, Frankfurt am Main/Aarau, Verlag für deutsch-italienische Studien/Sauerländer 1999.

Mare. I guess what you mean. Gedichte Italienisch-Deutsch. Übertragen von Caroline Lüderssen. Mit einer Zeichnung von Marco Casentini, Tübingen, Narr 2009.

Fra le due sponde / Zwischen zwei Ufern. Gesammelte Gedichte Italienisch Deutsch, herausgegeben und mit einem Essay versehen von Thomas Amos, Tübingen, Narr 2004.

Fra le due sponde. Poesie. Nuoro, Il Maestrale, 2014.

Ringrazio tutti gli autori per aver concesso la ripubblicazione dei loro testi in questo volume commemorativo. Ai detentori dei diritti con i quali purtroppo non siamo stati in grado di prendere contatto, nonostante gli intensi sforzi, chiedo di contattare direttamente l’editore.

Ringrazio molto sinceramente Giuseppe Giambusso, che come compagno e amico poeta di Salvatore A. Sanna ha scritto un saluto poetico per il volume. Giambusso, nato nel 1956 a Riesi/Sicilia, vive da molti anni a Fröndenberg nel Sauerland e fa parte di una libera associazione di autori italiani in Germania che dagli anni ’80 in poi ha attirato l’attenzione con pubblicazioni, conferenze ed eventi di discussione. La sua nuova raccolta bilingue di poesie è in corso di pubblicazione: Foto di ragazza senza gruppo/Mädchenbild ohne Gruppe, Dresden 2020.

Un ringraziamento speciale va all’artista e poeta Elio Mariucci per aver messo a disposizione il suo Haiku del tramonto [2018] per la copertina di questo volumetto. Nato nel 1946 a Città di Castello in Umbria, Mariucci è rappresentato in Germania dalla Frankfurter Westend Galerie (il forum d’arte dell’Associazione italo-tedesca, fondata da Salvatore A. Sanna nel 1966) dal 1995. Città di Castello è anche la città natale di Alberto Burri, il grande artista che sperimentava col materiale. Per il lavoro di Mariucci non solo il colore, ma anche il materiale è di grande importanza. La sua ultima mostra a Francoforte si intitola „Sedimenti“ (2018), perché la sua pittura e la sua poesia si basano su sedimenti di esperienze personali, „frammenti di ricordi, esperienze, desideri, perdite, gioie e sofferenze“ (Simonetta Riccardini). L’esame del materiale ha portato Mariucci alla serie di „Haiku“: una scatola di legno da lui costruita che aprendola mostra con l’immagine il suo significato. L’haiku – una forma di poesia giapponese composta da 17 sillabe con tre versi di 5 – 7 – 5 sillabe o unità sonore (More) è sempre legata ad una stagione, così anche per Mariucci. Le opere (in tre parti) consistono in un haiku scritto da Mariucci in italiano che si trova all’„interno della porta“, il lato del mobile a destra mostra una interpretazione pittorica e all’esterno l’haiku è dipinto in Giapponese. In queste opere, la razionalità e l’emozione, coscienza e incoscienza, sono interconnesse nelle singole parti dell’opera.


Haiku del tramonto
Mi piace stare
sul filo del tramonto
in visibilio

(Elio Mariucci, Haiku del tramonto, 2018, legno, stoffa, acrilico, matita su carta, 35 x 24 x 6 cm)

Infine, un caloroso ringraziamento va ad Ann Bromkamp-Sanna, che ha ispirato e reso possibile questo volume in memoria del marito. È dedicato a lui, il mediatore culturale, italianista e poeta, in memoria di molti anni di proficua collaborazione.

Caroline Lüderssen

Einführung
Salvatore A. Sanna – Ein deutsch-italienischer Lyriker in Frankfurt1

Immacolata Amodeo

Salvatore A. Sanna, der die Deutsch-Italienische Vereinigung in Frankfurt am Main ins Leben gerufen und ein halbes Jahrhundert lang geleitet hat, war als Kultur- und Kunstvermittler zwischen Deutschland und Italien nicht nur in Frankfurt sehr geschätzt. Weniger bekannt ist vielleicht, dass er auch ein hochangesehener Lyriker ist, der ein beachtliches Werk vorweisen kann.

Er hat insgesamt sechs zweisprachige – italienisch-deutsche – Gedichtbände veröffentlicht. Der erste – Fünfzehn Jahre Augenblicke2 – ist 1978 datiert, 1984 erschienen die Wacholderblüten3. Es folgten 1988 die Sammlung Löwen-Maul,4 1991 Feste,5 1999 Mnemosyne.6 Der letzte Gedichtband – Mare7 – ist von 2009. Alle sechs Bände wurden zunächst als zweisprachige Ausgaben in Deutschland veröffentlicht. Einige sind später auch in Italien als rein italienische Ausgaben erschienen, z. B. La fortezza dell’aria, mit einer Einführung von Luigi Malerba8. Es liegt auch eine zweisprachige Gesamtausgabe – mit dem Titel Fra le due sponde/Zwischen zwei Ufern9 – vor, die 2004 erschienen ist, sowie eine rein italienische Gesamtausgabe mit dem Titel Fra le due sponde10 aus dem Jahr 2014.

Salvatore A. Sanna wurde 1934 in Oristano/Sardinien geboren. Nach dem Studium der Germanistik und der Anglistik an der Universität Cagliari und einem Aufenthalt in England kam er 1958 mit einem Stipendium der sardischen Regierung nach Deutschland. Er lehrte zunächst als Austauschassistent Italienisch am Lessing-Gymnasium und an der Musterschule in Frankfurt und war schließlich von 1962 bis 1998 als Dozent für italienische Sprache und Literatur an der Johann Wolfgang Goethe-Universität tätig. 1966 gründete er die Deutsch-Italienische Vereinigung e.V., die er bis 2016 ehrenamtlich geleitet hat. Zudem hat er – bis 1996 gemeinsam mit Trude Müller – in der Frankfurter Westend Galerie seit 1967 zahlreiche Ausstellungen zeitgenössischer italienischer Künstler organisiert. Darunter waren international bekannte Künstler wie Piero Dorazio, Giulio Turcato, Carla Accardi, Giuseppe Santomaso, Fausto Melotti, um nur einige zu nennen.

Salvatore A. Sanna gehörte auch zu den Gründern des Fachverbandes Italienisch in Wissenschaft und Unterricht (1976)11 und rief 1979 zusammen mit Arno Euler die Zeitschrift „Italienisch“ ins Leben, die er bis zu seinem Tod 2018 als Mitherausgeber betreut hat. 1992 entstand auf seine Initiative hin die Frankfurter Stiftung für deutsch-italienische Studien.

Schließlich wurde er 1977 als „Cavaliere“, 2004 als „Commendatore dell’Ordine al Merito della Repubblica Italiana“ und 1996 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.

Aus Salvatore A. Sannas umfangreichem lyrischen Werk seien im Folgenden einige Aspekte herausgegriffen, die mir – als Ergänzung, Kontrast oder Kontrapunkt zu seiner Tätigkeit als Kulturvermittler und Kulturmanager – besonders interessant und relevant erscheinen.

1. Salvatore A. Sanna als Lyriker der Erinnerung

Die Erinnerung, das „non dimenticare“, das Nicht-Vergessen, nimmt einen zentralen Platz in der gesamten Lyrik Salvatore A. Sannas ein. Bei der Lektüre seiner Gedichte hat man fast das Gefühl, als sei das Vergessen eine ständig präsente Gefahr, welcher der Mensch ausgesetzt ist, vor der er auf der Hut sein muss, insbesondere, wenn er sich von einem Ort zum anderen, von einem Land in ein anderes, verpflanzt hat. Das Dichten selbst wird zu einem wirkungsvollen Mittel, um diese Gefahr einzudämmen.

Als Beispiel sei auf ein Gedicht aus dem Band Fünfzehn Jahre Augenblicke verwiesen, das mit den Zeilen „Dalla cima del monte/Vom Gipfel des Berges“ beginnt. In diesem Gedicht ist es eine sich schlängelnde Bergstraße, die in der Erinnerung als sinnlicher Eindruck so stark ist, dass sie das lyrische Ich sogar „den Zugriff des Meeres/vergessen“ lässt:

Dalla cima del monte

vedo una strada serpente

che si slunga a metà costa

Il colore bianco argento

mi fa scordare la morsa

del mare

Al regno di Poseidon

è il Gennargentu

una porta chiara di schisti

Vom Gipfel des Berges

sehe ich eine Straße

auf halber Höhe

sich schlängeln

Die weiß-silberne Luft

läßt mich den Zugriff des Meeres

vergessen

Zum Reiche Poseidons

ist der Gennargentu

eine leuchtende Pforte aus Schiefer1.

Der Eindruck, der in der Erinnerung von dem höchsten sardischen Bergmassiv in diesem Gedicht wiederaufgerufen wird, ist so stark, dass sogar das Meer in den Hintergrund tritt. Der Gennargentu gewinnt in dem Erinnerungsgedicht eine mythische Bedeutung, die über die Bedeutung des Meeres hinausgeht: „mi fa scordare la morsa/del mare“ („läßt mich den Zugriff des Meeres/vergessen“). Das ist, historisch gesehen, nicht erstaunlich, denn traditionellerweise sind die Sarden ein Volk, das eher auf das Land bezogen und stark mit dem Land verbunden ist; die Sarden werden traditionellerweise als Hirten gesehen und dargestellt, nicht als Seeleute.

Sannas Gedicht, das zunächst als ein sehr persönliches daherkommt, transfiguriert die persönliche Erfahrung eines lyrischen Ichs, indem es sich in ein kulturgeschichtliches Gedächtnis einschreibt. Der in Frankfurt lebende Lyriker partizipiert somit mit seinem Gedicht an einem kollektiven Gedächtnis, welches sich auf eine geographisch gesehen entfernte Lokalität bezieht – das Bergmassiv Gennargentu –, die aber in der Erinnerungsarbeit des Dichters zeitlich und örtlich gewissermaßen ‚herangezoomt‘ wird.

Deutlich wird durch dieses Beispiel auch, dass gerade aus der zeitlichen und örtlichen Ferne das Dichten Teil jener Vorsichtsmaßnahmen ist, die das Individuum vor dem Vergessen bewahren und zugleich dabei helfen, die Erinnerung aufzufrischen. Das, was an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit erlebt wurde, wird durch das Dichten wieder ins Gedächtnis gerufen, wiederbelebt, in das Leben im Hier und Jetzt integriert. Was zunächst als ein individuelles Bedürfnis, eine individuelle Verfahrensweise und als individueller Gewinn aussehen mag, gewinnt, aus der Vogelperspektive betrachtet, auch kollektiven Wert.

Im Hinblick auf die Verfahrensweisen der Erinnerungsdichtung Sannas ist zunächst einmal festzuhalten: Erinnerung ist in Sannas Gedichten kein abstraktes oder rein kognitives Gebilde, sondern hat in erster Linie mit sinnlicher Wahrnehmung zu tun. Erinnerung wird an Sinneseindrücken festgemacht, an Bildern, Gerüchen, Geschmäckern, Tönen. Aus der Erinnerung geschildert, wird die Kindheit in Sardinien als eine sinnliche Erfahrung heraufbeschworen: Erwähnt werden die Karrenfahrten zum Weinberg und der Transport der Trauben zur Sammelstelle; die Gerüche, die bei der Traubenernte und bei der Weinproduktion entstehen; typische Speisen; und zwar auf eine Weise, die sie auch für den Leser des Gedichtes gegenwärtig, erfahrbar, lebendig machen:

[…]

Rivedo i fichi bianchi

sugli alberi, le corniole

le vernacce, sento l’odore

del mosto e delle vinacce

il gusto dei minestroni

di cavoli e di verdura

[…]

[…]

Ich sehe die weißen Feigen wieder

auf den Bäumen, die Hörnchen- und

die Vernaccia-Trauben, rieche den Dunst

von Most und Trester,

spüre den Geschmack der Karfiol-

und der Gemüsesuppen

[…]2.

Der Mechanismus der Erinnerung funktioniert hier über sinnliche Eindrücke: sehen, schmecken, riechen. Diese konkreten Erfahrungen können – auch aus der zeitlichen und örtlichen Entfernung – abgerufen, wiederbelebt und dem Leser mitgeteilt, ja, sogar – sofern sich dieser darauf einlässt – mit dem Leser geteilt werden. In diesem großen Sardinien-Gedicht, aus dem ich hier nur einen Teil zitiere, wird – über die Beschreibung bzw. Rekapitulation von Sinneseindrücken – eine vergangene, aber nicht verlorene Zeit erinnert, besungen und damit vergegenwärtigt.

In anderen Gedichten macht der Dichter Erinnerung an Orten, Landschaften fest. Ich nenne einige: Karbach3, Torre del Pozzo4, Cornovaglia bzw. Cornouaille5, Bagno Vignoni6, Vignoni Alto7, Val d’Orcia8, Lausanne9, Juan les Pins10, Praga bzw. Prag11. Alle diese Orte erweisen sich als Stationen einer Erinnerungsarbeit, bei der sich die zeitliche Dimension an einer örtlichen festmacht.

Dabei nimmt Sardinien einen Sonderstatus ein. Sardinien steht für jenen Teil des Lebens des lyrischen Ichs, der sich in einem Anderswo abgespielt hat und dem das lyrische Ich während seiner Sardinienbesuche nachspürt. Sardinien steht für die Kindheit und Jugend:

In questa terra

ci vengo per ricercare

una matrice spenta

Ogni incontro d’uomini

rimprovera il tratto straniero

il diverso pensare

C’è un mare ovale

per la sua cornice

che ti rimette l’infanzia

e ti fa sognare

un viaggio

di là da essa.

In dieses Land

komme ich auf der Suche

nach einer versiegten Quelle

Jede Begegnung mit Menschen

ist wie ein Vorwurf

fremden Gebarens

anderen Denkens

Es gibt ein Meer

oval in seinem Rahmen

das mich in die Kindheit versetzt

und träumen läßt

von einer Reise

aus ihr heraus.12

Erinnerung macht der Dichter nicht zuletzt an menschlichen Begegnungen und Beziehungen fest. Gerade auch in dieser Hinsicht spielt Sardinien eine wichtige Rolle. Erinnerungen an Personen aus dem engeren familiären Umfeld beziehen sich häufig auf eine Zeit, die Kindheit und Jugend, die in Sardinien verbracht wurde. Manchmal sind Erinnerungen an geliebte Menschen miteinander verwoben oder verschachtelt, wie in einem Liebesgedicht, in dem, wie es heißt, „unsichtbare Erinnerungen“ in der menschlichen Begegnung und in der Erfahrung mit den Dingen ans Licht kommen. Die Begegnung mit dem Vater des lyrischen Ichs in Sardinien und die Vertrautheit mit ihm ermöglichen der Fremden, der Geliebten des lyrischen Ichs, die Erinnerung an ihren eigenen, verstorbenen Vater wieder sehr gegenwärtig werden zu lassen:

Erano i frutti ancora

verdastri dell’orto

presso lo stagno

che mio padre tagliava

a fette per te. Forse

vedevi in lui il tuo

scomparso nelle falde

d’un tempo barbarico

Discreta ne seguivi il rito

nell’attesa infantile

del gusto inconsueto

Si creava un accordo

per memorie invisibili

e con fierezza ostentavi

a noi del nucleo

la tua appartenenza.

Es waren die noch grünen

Früchte aus dem Garten

unten am Teich

die mein Vater in Scheiben

zerlegte für dich. Vielleicht

sahst du in ihm den deinen

der im Schlund barbarischer Zeit

entschwand

Diskret verfolgtest du den Ritus

in kindlicher Erwartung

ungewohnten Geschmacks

Ein Einklang stellte sich her

über unsichtbare Spuren

und voller Stolz zeigtest du

uns vom Kern

daß du dazu gehörtest.13

In einem anderen Gedicht wird im Dialog mit einem „Du“ die eigene Kindheit erinnert:

È difficile spiegarti il senso

delle pietre

che rafforzano il muro

del convento

Su quel muretto

ci camminavo

da ragazzo

cercando l’equilibrio

Le mie uscite notturne

mi riconducono

in quella strada

a pochi metri da casa

E mi vien di tentare.

Es ist schwer

dir den Sinn der Steine

zu erklären

die die Klostermauer stützen

Auf dieser kleinen Mauer

lief ich als Kind

mühsam das Gleichgewicht haltend

Meine nächtlichen Spaziergänge

führen mich von neuem

in diese Straße

nur wenige Meter von zu Hause

Und wieder muß ich es versuchen.14

Das Erinnern ist das zentrale Thema besonders in dem Band Mnemosyne. Dort heißt es:

I ricordi balzano fuori

dal fondo della terra

come le talpe in primavera

[…].

Die Erinnerungen schnellen empor

aus dem Erdgrund

wie die Maulwürfe im Frühling

[…].15

Die Gestalt der Mnemosyne, die dem Band den Namen gibt, gilt in der griechischen Mythologie als die Personifikation der Erinnerung und als die Mutter der neun Musen.

Vor diesem Hintergrund mag die Metapher des Maulwurfs ungewöhnlich erscheinen. Der Maulwurf ist ein Tier, das in der Erde gräbt, im Untergrund bleibt. Die beim Graben anfallende Erde schiebt er mit dem Kopf beziehungsweise dem Rüssel an die Erdoberfläche, wodurch die typischen, circa 25 cm hohen Erdhaufen entstehen. Der Maulwurf sieht schlecht. Seine kleinen Knopfaugen nehmen nur Unterschiede zwischen Hell und Dunkel wahr. Auch der Gehörsinn ist beim Maulwurf wenig ausgeprägt. Stattdessen kann er mit den Haaren „hören“. Sie nehmen kleinste Erschütterungen, Schwingungen, Bewegungen, ja sogar Luftdruckveränderungen auf. Der Maulwurf gräbt komplexe Tunnelsysteme, die bis 200 m lang werden und bis 70 cm tief unter der Erde liegen. Auch viele Erinnerungen bleiben zunächst einmal im Verborgenen, im Unbewussten. Der Maulwurf „schnellt“, wie es in dem Gedicht heißt, „im Frühling herauf“, vielleicht angelockt durch das Sonnenlicht, vielleicht aus Neugierde. Auf ähnliche Weise kommen manchmal auch Erinnerungen unversehens ans Licht. Gedichte können solche Lichtblicke im Dunkeln sein. Sie fangen Erinnerungen ein.

Kunst ist – so gibt uns der Mythos zu verstehen – geformte, inkarnierte Erinnerung. Kunst und Literatur führen uns durch das Labyrinthsystem der Erinnerung. Die Erinnerungsarbeit wird in Salvatore A. Sannas Lyrik kombiniert mit einer Identitätsarbeit.

2. Dichten als Identitätsarbeit

Im ersten Lyrikband Salvatore A. Sannas – Fünfzehn Jahre Augenblicke – sind die Gedichte, die sich auf die Erfahrung in Deutschland beziehen, und jene, die sich auf seine ursprüngliche Heimat Sardinien beziehen, klar getrennt. Man hat den Eindruck, dass Deutschland für das lyrische Ich ein Terrain ist, auf dem es neue Erfahrungen sammelt, mit neuen sinnlichen Eindrücken konfrontiert ist, neue Begegnungen macht. Sardinien hingegen erscheint als Chiffre einer früheren, einer vergangenen Zeit. Das, was als Kontrast erscheinen mag – Kontrast zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Kontrast zwischen Sardinien und Deutschland, Kontrast zwischen Deutschland und vielen anderen Orten, von denen in Salvatore A. Sannas Gedichten die Rede ist –, erweist sich, betrachtet man sein Gesamtwerk, tatsächlich als Zusammenspiel. Aus diesem Zusammenspiel von Verschiedenem und bisweilen Gegensätzlichem konstituiert sich in Salvatore A. Sannas Lyrik eine individuelle Identität. Ich zitiere hierzu den Dichter selbst, aus der Tonbandaufnahme eines von mir geführten Interviews von 1990:

„È quindi il problema della identificazione culturale, e, nello stesso tempo, […], tutti noi dobbiamo, se l’Europa continua a marciare, […] rinunciare a una parte della nostra identificazione. […] Cioè, rinunciare nel senso che non possiamo credere solo ad essa, ma, ampliando […] il nostro campo culturale, riceveremo una identificazione più grande che non sarà più quella nazionale, ma sarà quella europea.“1

„Es ist also das Problem der kulturellen Identität und zugleich müssen wir alle, wenn es mit Europa weitergeht, auf einen Teil unserer Identität verzichten. Verzichten in dem Sinn, dass wir nicht nur an sie glauben dürfen, sondern indem wir unseren kulturellen Radius erweitern, erhalten wir eine umfassendere Identität, die nicht mehr die nationale, sondern die europäische ist.“ (Übers. aus dem Italienischen Immacolata Amodeo)

Die Geschichte – die individuelle wie die kollektive – ist Teil der Identität, sie steckt in der Identität. Zur europäischen Identität gehört z. B. auch die spanische Vergangenheit Sardiniens:

„Non si deve neanche dimenticare che la Sardegna per quasi 400 anni è stata territorio spagnolo, appunto dal 1321 al 1716. Allora questo fatto ci ha resi un po’ estranei, cioè, ha reso i sardi estranei alla cultura nazionale, anche se poi è il caso e il destino che opera, la Sardegna è stata la prima regione a far parte […] di quella che poi sarà stata, o sarà, l’Italia.“2

“Man darf nicht vergessen, dass Sardinien fast 400 Jahre lang spanisches Territorium war, und zwar von 1321 bis 1716. Aufgrund dieser Tatsache stehen wir der Nationalkultur etwas fremd gegenüber. Auch wenn dann der Zufall es wollte, dass Sardinien die erste Region war, die zu dem gehörte, was dann Italien sein würde.“ (Übersetzung aus dem Italienischen Immacolata Amodeo)

Salvatore A. Sannas Dichtung führt vor, wie sich aus unterschiedlichen kulturellen Einflüssen, aus partikularen Geschichten jenseits der Nationalgeschichte, aus der Begegnung der kulturellen Prägung einer scheinbar randständigen Region wie Sardinien mit mitteleuropäischen Mentalitäten eine Identität konstituieren kann. Diese ist natürlich nicht als homogene und statische Identität zu sehen, sondern als eine Identität, die sich gerade auf der Grundlage eines Lebens an verschiedenen Orten, unter unterschiedlichen kulturellen Einflüssen konstituiert, als eine Identität in Bewegung, offen für die vielfältigsten Veränderungen.

Zu einer solchen Identität gehören auch mehrere Sprachen. Sanna macht deutlich, dass die deutschsprachige Umgebung, in der er einen großen Teil seines Lebens verbracht hat, auf sein Italienisch, seine Sprache der Dichtung, Einfluss hatte, diese inspiriert und stimuliert hat. Wie hat man sich das vorzustellen? Ich zitiere den Dichter selbst, der es anhand einiger Beispiele erläutert:

„…in der Formulierung und auch in der Verwendung bestimmter Wörter, zum Beispiel der Goldregen ist eine Pflanze, die man in Italien selten sieht, aber der Goldregen blüht im Mai in unserem Garten, und so hat mich diese Pflanze besonders interessiert, oder zum Beispiel die Ebereschen, auch das ist etwas, was man in Italien selten sieht. Also das sind Stimuli, die ich aus dem deutschen Milieu entnehme und auch hier erlebe in einem Kontext, und insofern beeinflusst dieses Milieu auch die Auswahl der Wörter, die ich verwende.“3

Vielleicht könnte man von Osmose zwischen dem Deutschen und dem Italienischen sprechen. Die deutschsprachige Umgebung, in der er lange gelebt hat, hat sein Italienisch, seine Literatursprache, beeinflusst, stimuliert, erweitert. Das Italienisch, das dabei herausgekommen ist und das der Dichter verwendet, ist ein spezielles Italienisch. Der Dichter erläutert diesen Gedanken folgendermaßen mit seinen eigenen Worten:

„Io scrivo in italiano, ma das ist eine andere Sprache, è una lingua che non ha seguito gli sviluppi che si sono avuti in Italia. Io sono fermo al linguaggio degli anni sessanta, alla lingua degli anni cinquanta, quando venni in Germania. E poi ho seguito gli sviluppi, così, attraverso la radio, attraverso il giornale […], io sono qui da 25 anni, ma certamente c’è un fenomeno di ritardo e probabilmente è una lingua letteraria a cui io mi riferisco.“4

Salvatore A. Sanna erklärt hier, dass sein Italienisch, das Italienisch, in dem er dichtet, ein anderes Italienisch ist als das heutige Standarditalienisch. Sein Italienisch sei jenes, das er mitgebracht hat, als er nach Deutschland kam. Es reflektiere stark die Zeit, als er Italien verlassen hat, die fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts; sein Italienisch habe sich natürlich auch in Deutschland weiterentwickelt, es wurde ständig aktualisiert durch Radiohören und Zeitunglesen, aber es befinde sich doch in einer gewissen Versetztheit gegenüber den Entwicklungen der ‚Nationalsprache‘ innerhalb von Italien. Es ist gewissermaßen ein ‚archäologisches‘ Italienisch, das zwar immer wieder mit den aktuellen Sprachentwicklungen in Italien in Kontakt getreten ist, aber doch die Patina einer anderen Zeit auf sich trägt, eine Art „papierne Sprache“. Diesen Ausdruck haben die französischen Literatur- und Kulturtheoretiker Gilles Deleuze und Felix Guattari in Bezug auf Franz Kafkas Pragerdeutsch geprägt, welches ebenfalls eher eine literarische als eine gesprochene Sprache war.5

Die Originalausgaben von Salvatore A. Sannas Lyrikbänden haben alle deutsche Titel: Fünfzehn Jahre Augenblicke, Löwen-Maul, usw. Die Gedichte selbst wurden von Sanna aber auf Italienisch geschrieben. Erschienen sind sie dann in zweisprachigen Ausgaben. Die deutsche Übersetzung wurde nicht vom Autor selbst, sondern von Übersetzern besorgt: Von Ragni Maria Gschwend, Birgit Schneider, Gerhard Goebel-Schilling, Caroline Lüderssen. Obwohl Salvatore A. Sanna auf Italienisch dichtet, besteht er darauf, dass sein intendierter Leser ein deutscher Leser ist.6 Der deutsche Leser ist der Dialogpartner des lyrischen Ichs, das auch seinen Prozess der Annäherung an die Sprache des Anderen thematisiert. Indem die sprachliche Andersartigkeit in der sprachlichen Begegnung erfahrbar wird, eröffnet sich eine Art dialogischer Raum:

[…]

Siamo studenti e decliniamo

il der die das

della tua lingua

[…]

[…]

Wir sind Studenten

und deklinieren

das Der Die Das

deiner Sprache

[…]7.

Salvatore A. Sanna betonte immer wieder, dass er für einen deutschen Leser schrieb: „… denn unsere Arbeit entsteht hier, und ob wir wollen oder nicht, schreiben wir für ein deutsches Publikum in erster Linie.“8 Dieser deutsche Leser betritt, sobald er sich auf Sannas Gedichte einlässt, den vom Dichter geschaffenen dialogischen Raum. Und man hat den Eindruck, dass es genau dieser dialogische Raum ist, in den der Dichter seinen Leser führen will, um ihm in sprachlicher Hinsicht so einiges zuzumuten. Salvatore A. Sannas Gedichte enthalten in der italienischen Fassung deutsche Worte, in der deutschen Fassung italienische Worte, aber auch englische, französische Formulierungen, oft sind es Ortsangaben, aber auch anderes. Wer einmal das Glück gehabt hat, einem Gedichtvortrag von Salvatore A. Sanna beizuwohnen, kann ermessen, welche Bereicherung des lyrischen Ausdrucks die italienische Dichtungssprache hier von den anderen Sprachen her, mit denen sie in diesen Gedichten in Kontakt kommt, erfahren hat. Mit Hilfe der Einflechtung anderer Sprachen in das Italienische, mit Hilfe dieser sprachlichen Heterogenität, die Salvatore A. Sannas scheinbar einsprachigen italienischen Gedichte prägt, markiert der Dichter eine Distanzierung bzw. Grenze sowohl zwischen ihm und den einsprachigen und monokulturellen Deutschen als auch zwischen ihm und den einsprachigen und monokulturellen Italienern und führt zugleich einen Dialog mit dem Anderen, dem Gegenüber. Die mehrsprachige lyrisch-poetische Erinnerungs- und Identitätsarbeit von Salvatore A. Sanna ist auch eine kulturelle Vermittlungsarbeit. Diese kulturelle Vermittlungsarbeit ist nicht immer eine einfache Aufgabe. Es bedarf einer großen Sensibilität, eines hohen Maßes an Fingerspitzengefühl, wie dieses Gedicht suggeriert:

Dalla sensibilità delle tue antenne

riconosci la potenza del trasmettitore

Le onde sono diverse

lunghe, medie, corte

e a modulazione

Devi sintonizzarti

per carpire il messaggio

cifrato

L’occhio del ciclone

è ancora lontano.

An der Empfindlichkeit deiner Antennen

erkennst du die Stärke des Senders

Die Wellen sind unterschiedlich

lang, mittel, kurz

und ultrakurz

Du mußt dich einstellen

um die chiffrierte Botschaft

zu empfangen

Das Auge des Zyklons

ist noch fern.9

3. Salvatore A. Sanna als „Heimatdichter“

Salvatore A. Sannas Gedichte erwähnen, wie gesagt, viele verschiedene Orte: Frankfurt, Rom, Paris, Genf, Lausanne, New York, Toronto, Montepulciano, Palestrina, Parma, Pisa, Positano, Prag – und immer wieder Sardinien. An diesen Orten sind die Gedichte vielleicht zum Teil entstanden, jedenfalls verweisen sie auf alle diese Orte. Man hat den Eindruck, dass das lyrische Ich – und ich wage zu sagen, auch der Dichter – gewissermaßen an allen diesen Orten, in Europa und in der Welt, beheimatet ist. Salvatore A. Sannas Gedichte beschreiben und entwerfen auf diese Weise eine Heimat, die nicht in einem fernen Anderswo situiert ist, die aber ohne ein Anderswo nicht denkbar ist.

Salvatore A. Sanna hat den Begriff „letteratura de-centrata“ geprägt. Er hat zusammen mit Caroline Lüderssen eine Anthologie herausgegeben mit dem Titel „Letteratura de-centrata. Italienische Autorinnen und Autoren in Deutschland“. Diese Anthologie versammelt literarische Texte und Einführungen zu Autorinnen und Autoren italienischer Herkunft, die – überwiegend – in Deutschland leben und schreiben.1 Die Anthologie basiert auf mehreren Tagungen mit Autoren und Wissenschaftlern, die teilweise im Literaturhaus Frankfurt, teilweise an anderen Orten, darunter die Villa Vigoni, stattgefunden haben. Letteratura de-centrata ist für Salvatore A. Sanna „[…] eine Literatur, die außerhalb des italienischen Sprachraums entsteht, obwohl sie sich der italienischen Sprache bedient.“2

Der Bezeichnung „letteratura de-centrata“ möchte ich als ergänzenden Suchbegriff den der „neuen Heimatliteratur“ zur Seite stellen. Ich gebrauche diesen Begriff nicht in einem abwertenden, sondern in einem emphatischen Sinn, ähnlich wie etwa auch Thomas Bernhard als „Heimatdichter“3 bezeichnet werden konnte. Die Heimat, von der Salvatore A. Sannas Gedichte handeln, ist nicht eine globalisierte Welt ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Salvatore A. Sanna beschäftigt sich mit sehr konkreten Heimaten, die er in seinen Gedichten beschreibt, abbildet und gleichzeitig sprachlich erschafft. Diese Heimaten – von Toronto bis Karbach – bilden ein über die Erde gespanntes Netz, in der „wechselseitigen Befruchtung des Mannigfaltigen“, von der der jüdische Romanist Erich Auerbach in seinem berühmten Aufsatz zur „Philologie der Weltliteratur“ gesprochen hat: Salvatore A. Sanna verwendet in seinen Gedichten nicht „fertig geprägte Begriffe“, die „überall“ „auf der Lauer“ liegen, die „zuweilen durch Klang und Modegeltung verführerisch“ sind. Seine Gedichte enthalten „nichts Allgemeines, was von außen an den Gegenstand herangetragen“ würde. Sie sind „aus ihm herausgewachsen, ein Stück von ihm selbst“. Die „Dinge“ kommen „selbst […] zur Sprache“4. Es ist, als ob aus der Ferne der Blick geschärft wurde für das Vertraute.

Salvatore A. Sanna setzte seine wichtige Tätigkeit als kultureller Vermittler zwischen Deutschland und Italien mit den Mitteln der Dichtung auf einer anderen Ebene fort. Seine Lyrik der Erinnerung ist zugleich eine Lyrik, die alternative Modelle der Identität und ein neues Konzept von Heimat entwirft und vorführt. Sannas Gedichte können nicht als Repräsentanten einer Nationalkultur aufgefasst werden, sondern sie erscheinen als Gebilde der Interferenz, als Organismen eines Zwischenraums, der sich als Schnittmenge unterschiedlicher Erfahrungsräume ergibt; sie präsentieren ein Panorama von unterschiedlichen und vielfältigen Beheimatungen – und noch mehr. Alles dieses konnte so wahrscheinlich nur in den Gedichten eines deutsch-italienischen Lyrikers in Frankfurt entstehen.

Aufsätze
Zur Lyrik von Salvatore A. Sanna

[2004]

Thomas Amos

con altra voce omai, con altro vello

ritornerò poeta

Paradiso, XXV, 7 f.

I

In Salvatore A. Sannas erstem Gedichtband, Fünfzehn Jahre Augenblicke [1978], trennt eine Illustration, ein eigens von Piero Dorazio angefertigtes Aquarell, die beiden Hälften der Sammlung, deren Inhalt – die Annäherung an Deutschland im ersten und die Wiederbegegnung mit der sardischen Heimat im zweiten Teil – klar zutage tritt. Was aber zeigen, ja: was bedeuten die impressionistisch hingetupften, in Reihen unregelmäßig angeordneten, grauen und schwarzen Farbflecke? An eine Scharnierstelle gesetzt, markiert das (im Original aus zweierlei Blautönen bestehende) Aquarell mit seinen mittelmeerisch bewegten Wellen zunächst eine symbolisch zu verstehende Grenze und vermittelt, bevor der Sardinien-Zyklus beginnt, dem Leser den nun stattfindenden Wechsel zwischen zwei Bereichen, zwei Sphären. Doch Dorazios Illustration will mehr sein als paratextueller Prolog: Sehen bzw. lesen lässt sich das Bild auch als unkenntlich gemachter oder gelöschter Text, eben als jene wenig später erwähnte „matrice spenta“, worunter in einem weiteren Sinne der Mutter-Boden des Lebens und der Poesie gleichermaßen, für Sanna ohnehin untrennbar verbunden, zu verstehen ist. Mithin gerät die Abbildung zum Meta-Zeichen, zum Abbild der Lyrik Sannas überhaupt. Ähnliche, auf Sannas Lyrik übertragbare, sie resümierende selbst-referentielle Zeichen enthalten sämtliche Sammlungen, das reicht, in schöner, aufwärts führender Bewegung, von „Qualche insegna notturna“ (Tutto mi sembra…, Fünfzehn Jahre Augenblicke, S. 41) bis zur angedeuteten Himmelsschrift in Mnemosyne: „Nel cielo terso di un azzurro/pallido i pipistrelli/nottamboli tracciano nell’aria/un intrico di linee invisibili“ (Le attese, le tensioni, Mnemosyne, S. 386). Die nach Calvino jeglicher Dichtung grundsätzlich innewohnende (und von ihm an Cavalcanti und Dante dargelegte) Tendenz entweder zur Schwerelosigkeit oder zum Gewicht (peso) gelangt nunmehr zu einem harmonischen Gleichgewicht: Sanna strebt, und das verdeutlichen die genannten Beispiele ganz beiläufig, in seiner Kunst nach einer Leichtigkeit, wohinter nichtsdestoweniger ein sinnhaft-ernster Gehalt bzw. sorgfältige Ausarbeitung steht (leggerezza della pensosità).2

II

Allegorien, Symbole, Zeichen – eines der hervorstechenden Merkmale dieser ohnehin meist kurzen, überaus komprimierten Gedichte bleibt ihre höchst eindrückliche bildliche Ausdrucksweise, mit Recht könnte man vom Primat des Bildes sprechen. Virtuos bedient sich Sanna dabei verschiedener fein abgestufter Verfahren. Zuweilen geht er von einer offensichtlichen oder leicht nachvollziehbaren allegorischen Bedeutung aus, erweitert sie jedoch (und entzieht sie dadurch wieder teilweise dem Verständnis), etwa indem er die Malven sich der Sonne darbieten lässt („le tue malve/offerte al sole/sotto il ventaglio/delle palme/perdono/la loro innocenza/per l’avidità/dei calabroni“, Château de la Solenzara, Löwen-Maul, S. 142) oder den Hahnenschrei zum Teil eines natur-magisch aufgeladenen Ritus erklärt („Un gallo in lontananza/ripete un rito antico“, Le attese, le tensioni…, Mnemosyne, S. 386). Andere Symbole erschließt der Kontext: Das Eröffnungsgedicht des Sardinien-Zyklus in Fünfzehn Jahre Augenblicke, Massi…, läuft nach der Evokation der anthropomorph dargestellten sardischen Landschaft auf ein Artefakt, ein fremd-artiges, künstliches Objekt zu („Una colonna greca/è un simbolo estraneo/al paesaggio“, S. 44), das die Sonderstellung Sardiniens außerhalb der Magna Graecia und, mittelbar, den ungefügen, rauhen Charakter der Insel anschaulicher nicht ausdrücken könnte – und Winckelmanns aus klassischer Position ausgesprochenem Verdikt über die sardischen Bronzen entspricht, deren Form und Bildung „ganz barbarisch“ seien.

Die Affinität Sannas zur Bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts äußert sich wiederholt durch eine hohe Bildhaftigkeit des Gedichtes insgesamt und offenkundig intermediale Bezüge: Tutto mi sembra… (Fünfzehn Jahre Augenblicke) beruft sich auf den gefrorenen Realismus Edward Hoppers; Karbach lehnt sich mit seinen großflächig aufgetragenen Farben an expressionistische Landschaften an; Samaden (ebenfalls Wacholderblüten) präsentiert eine rote Blüte nach Art der Neuen Sachlichkeit, isoliert inmitten einer Winterlandschaft. Einige Gedichte bilden Raum-Installationen derart plastisch nach, dass der Leser, obwohl Sanna fast völlig ohne beschreibende Elemente auskommt, die archetypischen Figuren greifbar vor sich zu sehen meint; dazu zählen der Radio hörende Einsiedler am See (L’eremita…) oder die Schwangere auf der Rasenfläche (Sur la pelouse…, beide Löwen-Maul); noch sorgfältiger inszeniert Quadratscha (Wacholderblüten) ein inferno-rotes Interieur, einen bedrohlich wirkenden Un-Ort.

Vielschichtig, aufgebrochen in eine Folge fragmentierter bildlicher Splitter stellt Sanna dagegen Alte Kunst dar – und bedient sich dabei eines unerwartet elegischen Tones; Pisa und Parma (Feste) breiten aus, wie bei der Betrachtung des Pisaner Campo Santo oder des Baptisteriums zu Parma die Kunst der italienischen Frührenaissance als kenntnisreiche „visione/del particolare“ (Parma, S. 282) er- und belebt wird. Nicht der weit ausholenden, beschreibenden Gesamtschau, Rapport des Bildungsreisenden, sondern den für viele Betrachter belanglosen Details, sei es der bronzene Hippogryph oder ein antikes Relief, gilt die Aufmerksamkeit des Autors, der, vor dem Baptisterium zu Parma stehend, seine eigene (dichterische) Existenz in der Lünette des Südportals dargestellt findet. Beide Male allerdings holt Sanna, ganz illusionsdurchbrechend, sich und den Leser wieder in die Wirklichkeit zurück: Der Blick auf diese Kunst, übrigens ein symbolischer „sguardo in alto“ (Parma), übersieht keineswegs den distanzierenden Rahmen.

Ungleich wirkungsmächtiger (und faszinierender) aber sind die Rätsel-Bilder, die Sanna dem Leser aufgibt. So skizziert das Gedicht Hôtel-Dieu (Feste) eine entlegene mittelalterliche Heiligenlegende, lässt sich aber von seiner Struktur her genauso als suggestive Reihung einzelner Bilder lesen, als quasi-surrealistische Einladung zum freien Assoziieren, und insbesondere die vom Schlussvers vorgeschlagene Aufhebung der passiven Rezeptionshaltung öffnet das auf den ersten Blick hermetisch wirkende Gedicht beträchtlich. Selten trifft die interpretatorische Binsenweisheit, dass bedeutende Lyrik den Leser zu allererst mit sich selbst konfrontiert, mehr zu. Sanna fordert regelrecht dazu auf, gleichsam den Gang ins Bild zu tun, d.h. die weitgefassten Symbole (Einhorn, Heiliger, Eichenzweig) mit Leben zu erfüllen und damit das Gedicht erst zu vollenden. Ganz zur enigmatischen Chiffre wird das klassische Wappentier des Dichters, der Schwan, der längst nicht mehr seine symbolistischen Kreise zieht, sondern, reines Zeichen, im Sturzflug auf einen See herabstößt: „Effemeride di un week-end:/picchiata/del cigno/nelle acque/del lago“ (Löwen-Maul, S. 176). Unverkennbar: Sanna schreibt die pictura eines Emblems, dessen inscriptio und subscriptio fehlen; das Symbol des Schwans wird für die Gegenwart nicht neu besetzt, sondern fern jeder interpretatorischen Eindeutigkeit zu einem seines Inhalts beraubten leeren Zeichen erklärt. – Mitunter erteilt Sanna dem Leser, der nach Erläuterung fragt, eine klare Absage: Nachdem er die verschneite Winterlandschaft beschrieben hat („La neve riposa/sui bracci lunghi degli abeti/curvi come tube tibetane“, Wacholderblüten, S. 104), schlägt er, statt den ungewöhnlichen Vergleich weiter auszuführen, eine schneeglitzernde Volte („Attendi un suono/ma ricade una pioggia/di polvere bianca/che brilla al sole“). Zwei Gedichte belegen ausdrücklich, welch hohe, ja so scheint es, zentrale Bedeutung Sanna dem „segno“ innerhalb seines Werkes beimisst. Manche Zeichen wirken kraft ihrer selbst lange nach, bis sie sich allmählich enthüllen: „Non è il senso/che lascia tracce/ma il segno/e per capirlo/occorre spesso/tutta una vita“ (Feste, S. 234), andere beanspruchen womöglich, überlegt der Autor, Allgemeingültigkeit über ihr Bezugssystem hinaus („Ho scoperto il rosso/nel verde della natura/Che significhi/fermati/come il rosso del semaforo?“, Wacholderblüten, S. 86). Am Beispiel des zweigeteilten und gespaltenen, halb menschlichen, halb tierischen Fabelwesens thematisiert Centauri (Wacholderblüten) das für Sanna grundsätzlich problematische Wesen des Zeichens selbst: „Fatale/la disamina/sul segno/Fuoco?/Si!/Ma dove?“ (S. 112) Das versteckte (göttliche) Feuer, worunter wohl der jedem bedeutenden Zeichen noch eigene Rest des Numinosen bzw. des Undeutbaren zu verstehen wäre, behalten diese Bilder weiterhin, und daher rühren ihr Glanz und ihre Größe.

III

Für die (durchaus kritische) Auseinandersetzung Sannas mit der deutschen wie mit der italienischen Dichtung des 20. Jahrhunderts stehen exemplarisch die Namen Gottfried Benn und Eugenio Montale. Benn übt auf Sanna insofern einen zumindest mittelbaren Einfluss aus, als er, nach Kriegsende zum identitätsstiftenden Autor und idealen Vertreter einer im konservativen Sinne verstandenen Moderne erklärt, mit seinen Statischen Gedichten (1949) sowie den folgenden Sammlungen Fragmente (1951), Destillationen (1953) und Aprèslude (1955) tatsächlich bis Anfang der 1960er Jahre das literarische Leben der Bundesrepublik beherrscht. Die kurzfristige Sympathie mit dem Nationalsozialismus und seine aristokratisch begriffene „Innere Emigration“ schaden ihm dabei nicht, im Gegenteil, mit der Rehabilitation Benns erteilt sich, inzwischen selbstbewusst geworden, das Adenauer-Deutschland eine literarisch-politische Absolution. Benns Ruhm – unter anderem erhielt er 1953 von Theodor Heuss das Bundesverdienstkreuz – gründet, abgesehen davon, dass ernsthafte Konkurrenten fehlen, hauptsächlich auf seiner entschieden vertretenen Position des apolitischen, ichbezogenen Dichters, der, jegliches Engagement ablehnend, eine im Grunde romantisch-eskapistische, also sehr deutsche Gefühlslyrik ins 20. Jahrhundert hinüberrettet. Am restaurativen Literaturverständnis jener Zeit, das einem von außen kommenden, unvoreingenommenen Blick umso deutlicher wird, setzt Sannas kritische Beschäftigung an. Obwohl sich eine Reihe Reminiszenzen, intertextueller Bezüge oder Parallel-Stellen zu Versen und Gedichten Benns leicht nachweisen lassen, vor allem in der ersten Sammlung Fünfzehn Jahre Augenblicke, lehnt Sanna schnell Benns zynische Haltung des elitären und kultur-pessimistischen Dichters ab und verneint entschieden die Frage, ob eine aus der Zeit gelöste Haltung der Kunst um der Kunst willen nachahmenswert sei. Vordergründig politisch gibt sich freilich Sanna nie; es fehlen, sieht man von Carnevale ’59 (Wacholderblüten) ab, Auseinandersetzungen mit der unmittelbaren deutschen Vergangenheit; nur ein einziges Mal, in Erano i frutti ancora/ verdastri… (Mnemosyne), ereignet sich plötzlich ein flashback in die Vergangenheit, öffnen sich die „falde/d’un tempo barbarico“ (S. 352). Vielmehr widmen sich – und hierin liegt Sannas Engagement, das ihn von Benns sprichwörtlichem Nihilismus trennt – wiederholt Gedichte den sich verändernden gesellschaftlichen Zuständen im Deutschland und Italien der späten 1960er und 1970er Jahre (etwa Ingrid, Filastrocca oder Paternale in Wacholderblüten); Vorbild dieser nie belehrenden, aber oft ironischen Betrachtungsweise dürfte Heinrich Heine sein, über dessen Epen Atta Troll und Deutschland. Ein Wintermärchen Sanna promovierte (vgl. Hoppla… und Parcheggio, beide Löwen-Maul).

Der zweite Autor, für Sanna ungleich leitbildhafter, ist Montale. Sanna erkennt in ihm den wohl internationalsten italienischen Autor des 20. Jahrhunderts, denjenigen, der durch Rezensionen und eigene Übersetzungen (hauptsächlich aus dem Englischen, u.a. Dylan Thomas, T.S. Eliot, Ezra Pound) die zeitgenössische ausländische Literatur dem italienischen Publikum vorstellt. Montale erscheint als Modell des zwischen den Literaturen vermittelnden, des europäischen Dichters mit weltliterarischem Hintergrund; außerdem ignorierte Montale nie das Zeitgeschehen, dafür steht, was zu seinem hohen Ansehen nach dem Krieg ebenfalls wesentlich beitrug, seine eindeutige Ablehnung des Faschismus. Von dieser in Montale beispielhaft vorgebildeten Rolle des Dichters abgesehen, regen insbesondere die zweite Periode, die späten Zyklen, Sanna an, der, als Montale 1981 stirbt, in seiner Würdigung darauf hinweist, dass die italienische (oder allgemein die moderne) Lyrik gerade aus diesen gemeinhin für gering geachteten Gedichtsammlungen zu einer Erneuerung gelangen könne. Aus Satura (1971), dem Diario del ’71 e del ’72 (1973) und dem Quaderno di quattro anni (1977) zieht Sanna poetologischen Gewinn, beobachtet den ganz neuartigen Notat-Charakter einer Lyrik, die, allem Pathos misstrauend, das Gedicht auf nie zuvor gekannte Weise in den Alltag einbettet. Sein stark an der arte povera ausgerichtetes, zutiefst mimetisches Gestaltungsprinzip thematisiert Montale selbst in Realismo non magico (Satura II), darin er einer allen Zaubers beraubten Wirklichkeit das Wort redet, einer ernüchterten Wirklichkeit, die auf die Frage „Che cosa resta incrostato/nel cavo della memoria“ mit der Aufzählung banaler Lebensereignisse antwortet. Aus dieser unbeteiligten, kühlen, wie zurückgenommenen Darstellungsweise, die ihm als der Moderne einzig gemäß erscheint (und vielleicht als Reaktion auf eine poesie-feindliche Welt zu sehen ist), bezieht Montales späte Lyrik ihre überzeugende poetische Kraft. – Beide, Montale (Xenia I und Xenia II, Satura) und Sanna (Mnemosyne) schreiben über den Tod der Partnerin, ein klassisches, vor allem durch Petrarca der italienischen Literatur empfohlenes Thema; beide um-schreiben ihn, gehen ihn langsam, auf Umwegen an, setzen ihn aus mehreren Gedichten zusammen – und dennoch gewinnt der Tod, jenseits romantischer Gefühlsausbrüche, eine bedrohliche Gestalt. Wie verschieden die Lyriker Montale und Sanna voneinander letztlich bleiben, zeigt ein Blick auf zwei aus dem gleichen Anlass hervorgegangene Gedichte. Noch in A mia madre (La bufera, 1940–54) nimmt Montale angesichts des Todes seiner Mutter Zuflucht zu einem beschwörenden, neo-klassischen Tonfall („Ora che il coro delle coturnici/ti blandisce nel sonno eterno…); Sannas Gedicht Abschied (Feste) hingegen reiht Bild an Bild, Eindruck an Eindruck („Sorriso giovanile, odore/acre d’alghe bruciate/sciacquio di mare“, S. 236) und überzeugt durch den Schmerz, der sich hier unverfälscht Bahn bricht.

IV

Was heißt Dichtung, wozu Dichten? Über Sinn und Daseinsberechtigung der Poesie und folglich auch über die Aufgabe des Dichters stetig reflektierend, stellt sich die Lyrik Salvatore A. Sannas diesen Fragen mit einer selbst für die Moderne bemerkenswerten Konsequenz. Eine der wesentlichen Aufgaben, die Sanna der Lyrik wie auch der Dichtung im allgemeinen zuteilt, ist – und diese Feststellung mag erstaunen – das Spielen: Mit dem Gedicht und seinen Bestandteilen, mit der Erwartungshaltung des Lesers, vor allem aber mit der Wirklichkeit. So erlaubt sich Sanna neben dem häufig vorkommen den komischen Detail, dem respektlosen Sperling (Il passero umanista…) oder der Landzunge in Form eines Walfisches („Quella balena giallognola“, Torre del pozzo…, beide Mnemosyne), spätestens mit Wacholderblüten regelmäßig Ausflüge, Ausbrüche ins Surreale. Bemerkenswert jene als „anziane signore/imparruccate“ (Estate, Wacholderblüten, S. 70) verkleideten Platanen oder der „piccolo lok/ribelle“ auf der Suche nach amourösen Abenteuern (Viafier, Feste, S. 228); genaueres Hinsehen zeigt freilich, dass hier jedes Mal mit der Sprache (und vielleicht auch um die Sprache) gespielt wird, denn die Platanen, im Italienischen männlichen Geschlechts, verwandeln sich, unübersetzbar, zu betulichen Damen, während Sanna seinem stählernen Casanova den Neologismus „lok“ (für „locomotiva“) verleiht, was die Übersetzung von Gerhard Goebel so elegant mit „Triebwagen“ (S. 229) wiedergibt. Oder sollte man, bei freier, ganz sprach-spielerischer Interpretation, gar den kleinen log(os) erkennen wollen, das Wort, das sich in einer wilden écriture automatique selbsttätig zu Sätzen reiht? Piano bar erzählt beziehungsreich davon, wie sich ein Bar-Pianist aus dem banalen Alltagsgeschäft in die Regionen der E-Musik emporspielt, und ein Gedicht später steigt ein Standbild von seinem Sockel herab und setzt sich ins Café (Edoardo VII, beide Löwen-Maul). Nach dem Vorbild eines Dino Buzzati oder Italo Calvino wollen diese scheinbar leichthin entworfenen, doch sorgsam elaborierten Miniaturen die Unerbittlichkeit des Alltags mit einer poetisch-wunderbaren Atmosphäre überziehen und erhöhen, weshalb sie von verblüffenden Verwandlungen handeln. Solcherart in Frage gestellt, verliert die vermeintliche Wirklichkeit ihre Schrecken, deren größte Banalität und Langeweile sind. Dass das Spiel, das Unernste und Heitere, stets subversive, befreiende Züge besitzt, bleibt nicht die geringste, dem Leser mitgegebene Lehre.

Dichten heißt Erinnern – und gleichzeitig Vergessen. Anfang und (vorläufiges) Ende dieses Werkes beschäftigen sich, bezeichnend genug, mit der Erinnerung und, in einem weiteren Sinne notwendigerweise, mit dem Phänomen der Zeit, die es durch den Vorgang des Erinnerns im Gedicht aufzuheben gilt. Bereits der antithetisch gefügte Titel Fünfzehn Jahre Augenblicke stellt der schwer wiegenden Zeit ein scheinbar widersinniges und unwirksames, doch tatsächlich ausgleichendes Gegengewicht an die Seite, nämlich Moment-Aufnahmen, festgehaltene Impressionen, Augen-Blicke, die sich ihrerseits im nachhinein, im Kontext der Sammlung, zu einem großen Bildmosaik der Erinnerung zusammensetzen. Aber Sannas Sichtweise bleibt, das zeichnet sich bereits in den ersten Gedichtbüchern ab, nie auf ein simples foto-realistisches Verfahren beschränkt, vielmehr setzt er, ohnehin stets um subjektive Wiedergabe bemüht, vorzugsweise grelle Verfremdungseffekte ein, um dem Leser nur ja etwas deutlich vor Augen zu führen, seien es maskenhafte Gesichter („Rosso, bianco avorio/labbra stirate/in un sorriso“, Fünfzehn Jahre Augenblicke, S. 14) oder ein typisches Detail des deutschen Karnevals („la birra sulle salsicce oleose“, Carnevale ’59, Wacholderblüten, S. 72). Den kaleidoskophaft bewegten Erinnerungen an die Anfangsjahre in Deutschland, an Reisen, Menschen und Liebesbeziehungen folgen in den Sammlungen Feste und vor allem Mnemosyne ungleich gewichtigere, sehr persönliche Gedichte über den Tod der Mutter und später seiner Lebensgefährtin. Das als moderne Nänie angelegte Gedicht Abschied (Feste) bietet, Vergangenheit und Gegenwart, Kindheitseindrücke und philosophische Überlegungen vermischend, den Blick in einen dissonanten Strom durcheinanderwirbelnder Bilder und Emotionen, darin sich nur eine tröstliche Gewissheit verbirgt: „Alla sorte del tempo/anche gli dei sono/soggetti. Chi li vive/ne ricorda la presenza/impetra aiuto/sul baratro che è fondo“ (S. 236/238). Diese sentenzartigen Verse inmitten eines anscheinend spontan niedergeschriebenen Gedichtes nehmen bereits die Anrufung einer haltverheißenden Klassik vorweg, der griechisch-römischen Antike, daraus Sannas fünfter Gedichtband die Mutter der Musen, die Titanin Mnemosyne (d.i. die archaische Personifikation der Erinnerung und des Gedächtnisses) als mächtiges Schutz-Zeichen wählt. Bedrängende, herandrängende Erinnerungen, bewältigte und dichterisch schon festgehaltene, doch auch sich eben erst bildende Erinnerungen begegnen dem Leser in Mnemosyne überall; Sanna verarbeitet, verwandelt sie zum Gedicht, er schreibt: „Mi scopro a mettere/i ricordi ormai pallidi/in grandi valige/dentro scatoloni di cartone“ (S. 346) – und paraphrasiert damit den Prozess des Schreibens, der mit der Verwahrung der Gedichte zwischen zwei Buchdeckeln endet. Wie aus einem allmählichen Klärungsprozess das Gedicht entsteht, thematisiert Sanna ebenfalls am Vergleich der Erinnerungen mit den Maulwürfen, die aus dem großen Unten empordrängen („I ricordi balzano fuori/dal fondo della terra/come le talpe in primavera“, S. 358), doch sogleich wieder, da sie noch keinen gültigen formalen Halt haben, in sich zusammenfallen („e le immagini disgregate/rientrano“, ebd.). Den Feind, gegen den Sanna anschreibt, benennt S’incrociano le visioni…, es ist die zerstörerische, die heraufbeschworenen Bilder trübende Zeit („Il tempo le [le visioni] opacizza“, S. 374). Vermag die Erinnerung, die Zeit zu überwinden? Haben die einmal gefundenen Bilder Bestand? Kann die im Gedicht bewahrte Erinnerung trösten? Sanna hält darauf die Antwort einiger Gedichte bereit. In Le natiche bianche del cavallo… reist der Autor mit seiner Lebensgefährtin in den sardischen Frühherbst einer stilisierten Kindheit zurück, doch obwohl die Vergangenheit lebendig wie ein Film abrollt, löst die letzte Strophe den ganzen Zauber jäh auf, vernichtet die Zeit das für die flüchtige Dauer des Gedichtes zuvor wahrgewordene Wunder: „ma il tempo/aveva distrutto il miraggio“ (S. 380). In andern Fällen gelingt Sannas Unterfangen, das beweisen eine knappe Handvoll Gedichte – Ritorno a casa, Gli occhi di Santa Lucia…, Erano i frutti ancora/verdastri… oder Il San Rocco sul pianerottolo… –, die alle die Harmonie einer im Gedicht wiedergefundenen Zeit durchzieht.

Schließlich besinnt sich Sanna auf die älteste und zu allen Zeiten höchste Funktion der Lyrik. Dichten heißt Zaubern, magisch Sprechen, durch Sprache Bannen. Bereits am Schluss von Fünfzehn Jahre Augenblicke spricht Sanna an und zu Sardinien: „La tua crosta è ruvida/mare ha corroso le rocce/vento ha appianato le cime/vulcano ha perso le forze“ (S. 62); und später in Le natiche bianche del cavallo… (Mnemosyne) beschwört er noch einmal Kindheitserinnerungen gleichsam in einem Zauberspruch herauf: „Rivedo i fichi bianchi/sugli alberi, le corniole/le vernacce, sento l’odore/del mosto e delle vinacce/il gusto dei minestroni/di cavoli e di verdura“ (S. 378/380).

Mit seiner Lyrik ein Wunder zu bewirken, versucht Sanna, wenn er, für die Dauer eines Gedichtes, in die mythologische Maske des Sängers Orpheus schlüpft (Fossile della specie umana…, Feste), der, um seine Geliebte Eurydike aus dem Hades heraufzuholen, die unterweltlichen Götter mit seiner Musik verzaubert. Wie sein antikes Vorbild scheitert Sanna; was er aus seinem Gang in die Unterwelt der eigenen Psyche mitbringt, sind die auf magische Weise zu Gedichten verwandelten Erinnerungsbilder.

V

Sanna hat für jegliche im Ausland entstandene Literatur den Begriff der „letteratura de-centrata“ geprägt, womit er eine ihres kulturellen Zentrums beraubte Literatur meint, die im selbstgewählten oder unfreiwilligen Exil vor allem ihre eigene, besondere Situation thematisiert. Ob er selbst darunter fällt, bleibt recht fraglich, zumal ihm seine fortdauernde Vermittlertätigkeit zwischen Deutschland und Italien weiterhin profunde Kenntnisse des italienischen Kulturkreises abverlangt, so dass die Verbindung dorthin umso enger fortbesteht. Vielmehr scheint es, als habe man es mit einem Phänomen des Überganges zu tun, wird sich doch ein zusammengewachsenes Europa, das aus transnationalen Regionen besteht, von den dann überflüssig gewordenen Begriffen der „letteratura de-centrata“ und der „letteratura centrata“ längst gelöst haben. Angesiedelt auf einem Kontinent ohne Nationalstaaten und ihre zentralistischen Hauptstädte, beruft sich eine zukünftige europäische Literatur auf viele Zentren und Vorbilder, Bezugs-und Anknüpfungspunkte in Vergangenheit und Zukunft und verdankt ihre vitale Kraft ständigem interkulturellem Austausch. Mit seiner Person und Lyrik vertritt eine solche offene Haltung Salvatore A. Sanna, der – Sarde, Italiener, Deutscher – vor allem ein guter, ein idealer Europäer ist.

Salvatore A. Sanna: Die „Feste“ der Worte1

[1995]

Grazia Pulvirenti

„So kam ich unter die Deutschen.

Ich forderte nicht viel und war gefaßt,

noch weniger zu finden.“

(Friedrich Hölderlin, Hyperion)

Dieses kurze Hyperion-Zitat wurde nicht im Sinne einer Anspielung auf eine gestörte Beziehung zwischen Migranten und deutscher Wirklichkeit gewählt. Es ist noch heute eine treffsichere Schilderung des modernen Menschen eines jeden Landes und jeder Kultur. Die Empfindungen Hyperions offenbaren die Suche nach dem Selbst, nach der Einheit zwischen dem Individuum und einer erhofften harmonischen Welt, gerade in einer Zeit der Zersplitterung, der Entfremdung, des Verlustes. Eine ähnliche Haltung gegenüber der Fremde spürt man in den Gedichten Salvatore A. Sannas. Die Suche führt schließlich zu einem Ort jenseits von Raum und Zeit, zu der „Feste“ seines letzten Gedichtbandes. Das Trauern um den Verlust ist jedoch nicht die Grundstimmung von Sannas Lyrik. Diese zeichnet sich vielmehr durch Nachdenklichkeit und eine wiedergefundene „Freude“ aus, die nicht von der epikureischen Göttin der Anakreontiker, sondern von der alle Widersprüche und Unausgeglichenheiten überwindenden Harmonie verkörpert wird. Diese wird durch die oxymorische Struktur der letzten drei Bände vermittelt. Das Oxymoron – Alltägliches/Erhabenes in Wacholderblüten, Endlichkeit/Ewigkeit in Löwen-Maul, Ordnung/Freiheit in Feste – ist Ausdruck und Auflösung der Widersprüche zugleich.

Inhalte, Stil und Sprache, die Anwendung der Metrik der klassischen italienischen Dichtung und der Einsatz von Metaphern rücken die Lyrik Sannas mehr ins Blickfeld der ,letteratura metropolitana‘, d.h. der italienischen Gegenwartsdichtung – wenn auch mit anderen Konnotationen –, als in jenes der Ausländerliteratur. Die durch das Leben in der Fremde unterbrochene Beziehung zum eigenen Land und zu den heimatlichen Traditionen wird durch ein vielleicht unbewusstes Wiedergewinnen des sprachlichen Vermögens italienischer Dichtung neu gestaltet: Sannas Lyrik zeichnet ein ständiges Vortasten zu den bildlichen und klanglichen Elementen des lyrischen Materials aus.2

Zwei Koordinaten – die Suche nach dem inneren Gleichgewicht und das Streben nach einer ihr angemessenen Sprache – begegnen sich und lassen eine ganz persönliche Welt entstehen, in der Gegenwart und Vergangenheit, Fremde und Heimat, Mensch und Natur einander gegenübergestellt werden. Durch die Umsetzung seiner Erfahrungen in eine verdichtete Sprache sucht Sanna den Leser anzuregen, die gewohnte Wirklichkeit neu wahrzunehmen. Dieser Prozess der Bewusstwerdung kann zur Selbsterkenntnis und damit auch zu einem inneren Gleichgewicht führen.

Die zweite Komponente ist die lyrische Sprache: Von ihrer etymologischen Bedeutung her betrachtet ist Lyrik, nach dem griechischen lyra, jene poetische Form, die von der Musikalität geprägt ist, und in der individuelle Gefühle des Autors zum Ausdruck gebracht werden. Hugo Friedrich bezeichnet die Lyrik als die „Sprache des Gemüts, der persönlichen Seele“3 – diese heute leider altmodische klingende Aussage scheint uneingeschränkt auch für Sanna zu gelten.

Besonders im ersten Band, der den Titel Fünfzehn Jahre Augenblicke trägt und Gedichte aus der Zeit von 1962 bis 1977 enthält, setzt sich der Autor mit seinen persönlichen Erlebnissen auseinander. Die Konfrontation mit der fremden Umgebung ist Thema dieses Bandes, dessen Gedichte beabsichtigen, verschiedene Kulturen und Lebensauffassungen einander näher zu bringen.4 Die Begegnung mit dem Gastland ist hier eher als Etappe einer gerade angefangenen Reise denn als etwas Endgültiges zu sehen. Die Reaktion des Autors gleicht jener eines Reisenden, der eine neu entdeckte Dimension innerlich erlebt:


Tutto mi sembra Alles erscheint mir
estraneo fremd
per le vie del nuovo in den Straßen des neuen
quartiere Viertels
[…]

Wenn auch in manchen Gedichten die Kollision mit der deutschen Wirklichkeit und die damit verbundenen Schwierigkeiten eine große Rolle spielen, so werden die neuen Eindrücke und die Wahrnehmung noch unbekannter Landschaften doch unmittelbar verarbeitet. Diese Auseinandersetzung beschränkt sich jedoch nicht auf die Fremde als Ort der Emigration: Einige Gedichte dieses Bandes und auch der folgenden Bände schildern Erlebnisse in anderen Städten und Ländern. Der Umgang mit der Sprache unterscheidet sich hier von der bewussteren und gezielteren Handhabung in den späteren Gedichten.

Sanna versucht, über die Sprachgrenzen hinauszugehen, in Kommunikation mit anderen Menschen zu treten. Diese ist auch ohne Worte in einer anders kodierten Sprache möglich:


[…] […]
Ma c’è un linguaggio muto Aber eine stumme Sprache ist es
che ci attrae die uns anzieht
ricco d’irregolarità voller Unregelmäßigkeiten
und wir reden und reden

Die Liebe wie die Sprache erweisen sich als Grunderfahrungen des Menschen: Durch sie sind Glück und Annäherung, aber auch deren Umkehrungen möglich.

Auch der Teil des Bandes, der Sardinien gewidmet ist, stellt keine Rückkehr zur Vergangenheit, zur Kindheit dar, sondern vielmehr die Auseinandersetzung mit der eigenen Entwicklung, auf der Suche nach Identität:


[…] […]
C’è un mare ovale Es gibt ein Meer
per la sua cornice oval in seinem Rahmen
che ti rimette l’infanzia das mich in die Kindheit versetzt
e ti fa sognare und träumen läßt
un viaggio von einer Reise
aus ihr heraus

Das Ziel der hier begonnen Reise ist noch unscharf charakterisiert, aber es deutet auf eine Loslösung von der Heimat hin.

Eine völlig neue Atmosphäre ist in der zweiten Gedichtsammlung, die den klangvollen Titel Wacholderblüten trägt, zu spüren. Eine Verwandlung sowohl hinsichtlich der Wahrnehmung als auch der Sprache hat stattgefunden. Die Konturen des lyrischen Subjekts verschwimmen, und aus der im vorhergehenden Band noch biographisch geprägten Individualität wird eine entpersönlichte lyrische Stimme, welche das Reale dichterisch gestaltet. Die daraus entstehende Welt ist noch immer die wirkliche, jedoch durch die Entdeckung eines ihrer tiefsten Wunder verklärt: Das „Erhabene“ ist im „Alltäglichen“ verborgen, und das „Alltägliche“ wird als das „Erhabene“ erlebt.


Anche il sublime Selbst das Erhabene
diventa quotidiano wird zum Alltäglichen
e di sé ancora und verschärft so aufs Neue
nach sich das Verlangen

Die in diesem Oxymoron entdeckte Harmonie wird durch die Euphonie der Sprache dichterisch erreicht. Jedes Wort schafft durch seine Isolierung im Kontext und durch den Klang neue Konnotationen.

Das Unsagbare wird durch eigenwillige Laut-Kombinationen wahrgenommen: Die Baumzweige, „bracci lunghi degli abeti“, welche in alliterierende „tube tibetane“ verwandelt werden, bekommen ein der Wirklichkeit fremdes Dasein. Dadurch verleihen sie dem „suono“, dem „annuncio“ der dann folgenden Verse eine verfremdete Bedeutung.9

Sanna operiert also mit den Impulsen der Sprache, mit den „geheimnisvollen Zaubermächten des reinen Tönens“,10 wobei die Klangfiguren die neue Atmosphäre dieser erdichteten Welt schaffen.

Die schon im ersten Band angedeuteten Motive erklingen im zweiten wieder, aber so verwandelt, dass sie kaum zu erkennen sind. Landschaftsbilder bedürfen jetzt keiner Beschreibung und dienen nicht mehr vordergründig der Objektivierung von Seelenzuständen: „Ho scoperto il rosso/nel verde della natura“ („Ich habe das Rot/im Grün der Natur entdeckt“).11 Ein bestimmter bedeutungsvoller Augenblick tritt in den Mittelpunkt von nur angedeuteten Ereignissen.

Die neu auftretenden Vorlagen künstlerischen und literarischen Ursprungs – „Melottianische Pendel“, „Reminiszenzen“12 – sowie das Motiv der Liebe werden in einen hermetischen Kosmos versetzt:


Sei Frine Bist Phryne
sei bella bis schön
hai fascino hast Reiz
hai mura hast Mauern
aus Feuer

Der eigentlich seltsame Aufbau der Strophe durch gleichmäßige jambische Ternaren, die doppelte Alliteration – „sei“, „hai“ –, die Wiederkehr der Palatalvokale /i/, /e/ und /a/ und das Auftreten der Velarvokale erzeugen hier eine sonderbare Musikalität. Darüber hinaus greift der Autor auf Gestalten der Antike zurück, deren Geschichte eine verschlüsselte Aussage mit Bezug zur Gegenwart erlangt, eine Tendenz, die in den späteren Gedichten verstärkt auftritt.

Das folgende kurze Gedicht aus dem Band Löwen-Maul ist Ausdruck einer gereiften und differenzierten Lebensauffassung:


Tutto si rimescola Alles verbindet
nella notte neu sich in der Nacht
per rifiorare um zu erstehn
als Asphodelenblume

In der Nacht, wenn die Erlebnisse des Tages überdacht werden, lösen sich Unausgeglichenheiten, Gegensätze und Spannungen auf. Das müde Weiß der Asphodele, der Blume des Totenreiches, des Elysiums, steht symbolhaft für die wiedergefundene Einheit des Ichs mit dem Ganzen, möglicherweise als moderne Variation der „blauen Blume“ der Romantik.

In ähnlicher Weise verkörpert die Figur des Einsiedlers das Symbol der Vereinigung mit dem allumfassenden Leben:


L’eremita Der Einsiedler
au bord du lac au bord du lac
vi ha eretto la tenda hat sein Zelt aufgeschlagen
la radio trasmette das Radio bringt
musica jazz Jazz
e lui und er
si sente parte fühlt sich Teil
von Allem

Ein fast synkopierter Rhythmus durchdringt sie Verse, die nicht mehr durch phonetische Spiele wie Alliterationen oder Assonanzen gebunden werden, sondern durch ungleichmäßige Taktreihen.

Auch in den anderen Gedichten tragen die Anwendung des Enjambements, die Wiederkehr französischer und archaisierender Wörter, die aufgrund ihrer Musikalität ins Sprachgewebe hineingezogen werden, z. B. „pelouse“, „juge de paix“, „occàso“, „riseca“, „avornello“, „appropizia“, zu einer beschwingten Stimmung bei.16 Solche Wörter rücken die Ereignisse in eine zeitlose Sphäre, in der Mythen der Vergangenheit und Empfindungen des Augenblicks miteinander verschmelzen. Auch surreale Momente schärfen die Konturen des beschriebenen Erlebnisses:


Edoardo VII Eduard VII.
stanco di tanto teatro all des Theaters müde
quando può steigt sobald möglich
scende da cavallo vom Pferd
e sulla grande piazza und auf dem großen Platz
a La Pointe St. Eustache an der Pointe St. Eustache
bestellt er einen Café crème

Im Mittelpunkt der dichterischen Welt Sannas stehen die Liebe als Summe von unantastbaren Geheimnissen und die Grenzüberschreitung des Physischen in den unbegrenzten Raum der Seele. Die Liebesgedichte haben immer etwas Erotisches, und die Figur der Geliebten umgibt ein Hauch des Mythischen: Von Psyche, deren Name zugleich Seele bedeutet, Elisabeth, Inbegriff der Opferbereitschaft, der „normannischen Fee“, bis zur zweideutigen Figur der Polia, in der die „erstgeborene Fortuna“ lebt.18 Die Liebe ist auch ein Prozess der Läuterung: Der Autor identifiziert sich mit einem „Du“ und gewinnt neue Klarheit:


Bianca è la luce Weiß ist das Licht
[…] […]
Il chiarore di Lei Das Helle an ihr
è dell’occhio kommt vom Auge
penetra la penombra durchdringt das Dämmern
der Nacht

Die Liebe ist außerdem Teil jener wiederentdeckten Einfachheit des Lebens, durch die in der Endlichkeit Ewigkeit gespürt wird:


Bello Schön ist
accorgersi das Wahnehmen
delle cose semplici der einfachen Dinge
finite die endlich
e pure sind und doch
ewig

Die klare Sprache Sannas vermag Helligkeit zu beschwören. Über die Laut-Melodie hinaus betrifft die Lichtmetaphorik auch die semantische Ebene: Wörter, die zum Umfeld des Lichts gehören, kehren immer wieder: „sole“, „illumina“, „chiarore“, „lampeggia“, „luci“, „luce“ (fünfmal).21 Was letzten Endes bleibt, ist die Suche nach Hellem, nach Erkenntnis:


I nostri occhi Unsre Augen
sono aperti sind aufgetan
su uno spazio notturno nächtigem Raum
nach Hellem gierig

Die Finsternis wird durch das Licht der wiedergefundenen Harmonie verdrängt. Allerdings ist dem Menschen dieses Licht nur in der Form eines „Blinklichtes“ vergönnt, wie dem Seemann jenes des Leuchtturms.23

Im bisher letzten Gedichtband Sannas, Feste, ereignet sich ein „cambiamento di senso“: „Per te cambian senso/le cose impalpabili“ („Für dich ändern/die ungreifbaren Dinge/den Sinn“).24 Das Zeichen, nicht der Sinn, erzeugt Bedeutungen, und die Welt ist bedeutungsvoll, weil die Zeichen manchmal ihre versteckten vielfältigen Sinne entschleiern. Dadurch wird der Sinn für das „Göttliche“ stärker empfunden, obwohl es noch immer unerreichbar ist.25 Im Beschauen und Erkennen der Kräfte, die mit mathematischer Strenge die Welt regieren, entdeckt sich das Individuum als Teil davon. Im Befolgen solcher Gesetze sieht Sanna die menschliche Freiheit. Ordnung und Freiheit scheinen sich nicht zu widersprechen: Der scheinbare Gegensatz ermöglicht vielmehr das Ineinanderspielen der Widersprüche über ihr Spannungsverhältnis hinaus. Entgegengesetzte Begriffe werden durch diese rhetorische Figur vereint, um das Aufsteigen in eine Sphäre zu ermöglichen, die höher ist als jene der Wahrnehmung und die in vielen Gedichten erahnt wird. Sprachlich zeigt Feste eine Hinwendung zu geometrischen Strukturen und einer nahezu „klassischen“ Klarheit.

Im letzten Gedicht wird die in der Ordnung gefundene Freiheit, die aber nicht die Entwicklung menschlicher Kräfte beeinträchtigt, in der sprachlichen Architektur zum Ausdruck gebracht:


L’ordine si ristabilisce Die Ordnung stellt sich wieder her
e libertà diventa und Freiheit wird
der Weg zu den Sternen

Offensichtlich ist der Parallelismus der Verse: Die ersten Halbzeilen der ersten zwei Verse – eines Novenars und eines Septenars – bestehen aus den Substantiven „ordine“ und „libertà“, die man als ,parole-tema‘ bezeichnen kann; die abschließenden Halbzeilen enthalten die Zeitwörter „si ristabilisce“ und „diventa“. Im letzten Vers folgen zwei Substantive hintereinander, wobei das erste durch die vorangegangenen Verben eine dynamische Kraft erhält, welche durch die Alliteration „salita“, „stelle“ und durch die hellen Vokale den aufsteigenden Rhythmus der Bewegung wiedergibt. Das Licht, nun durchsichtig, ohne Schatten oder Abtönungen, überflutet das Wort.

Die Vielfalt der Bedeutungen jedes Zeichens oder jedes Syntagmas nimmt zu, und die vielen Konnotationen erschweren die Deutung. Dieses Phänomen ist das, was sprachlich einer neuen Einstellung zum Leben entspricht: Die Welt ist ein mehrdeutiges Gewebe von Chiffren, über denen die Himmelsfeste steht. Die nicht gedeuteten Chiffren sind das, was nach dem Vergehen des Lebens, des Menschen, der Götter, bleibt; Bilder, die von Künstlern geschaffen wurden: Die Maria von Nicola Pisano, die Geschichte des Knaben mit dem Honig des Meisters Benedetto Antelami, der thrakische Held, die Kuppel Palladios auf der Giudecca, Guidoriccio da Fogliano;27 mythologische Figuren – Phaedra, Harmonia, Orpheus, Morpheus28 – oder Symbole, denen Sanna eine persönliche Bedeutung beimisst – „un cavalluccio marino“, „un piccolo lok“; verschiedene Landschaften, „le fiammelle della fortezza“, „il fischio d’una locomotiva“, „le pozze dʼacqua della strada“.29

Das Leben erscheint in diesem Band oft als ein ununterbrochenes Abschiednehmen. Darüberhinaus bleibt aber die Suche nach „corrispondenza“, bleibt „il passo lento/sul cammino dell’esistere“ („das langsame Fortschreiten/auf dem Wege des Daseins“)30 und die Heraufbeschwörung jener unerreichbaren, aber doch intuierten „Feste“, in der der Mensch seinen mythischen Ursprung und den endgültigen Sinn seines Daseins finden kann.

A casa nelle parole. La lirica di Salvatore A. Sanna

[1998]

Lucia Perrone Capano

„…und so ist denn zuletzt der ganze

Zirkel abgeschlossen, in welchem sich

die Annäherung des Fremden und

Einheimischen, des Bekannten und

Unbekannten bewegt“

(Goethe, Noten und Abhandlungen

zum besseren Verständnis

des West-östlichen Divans)

1. I luoghi della poesia

Nella lirica di Salvatore A. Sanna i luoghi dell’„origine“ e della „Fremde“ non appaiono come realtà da avvicinare in maniera artificiosa o da contrapporre storicamente, filosoficamente, culturalmente, politicamente, ma piuttosto forniscono una riserva di tratti la cui messa in moto, attraverso il gioco dell’invenzione poetica, permette di creare un nuovo sistema simbolico nel quale risuonano richiami di differenza che il poeta ha potuto ascoltare. Il reale conosciuto si disfa, per così dire, sotto l’effetto di altre suddivisioni per costituire uno spazio di nuovi frammenti, una polvere di eventi che non si può coagulare, dirigere, concludere.

L’„interculturalità“ propria della condizione del poeta Sanna1 agisce come fermento stilistico nella ricerca di uno o più moduli espressivi e nella difficile conquista di un contenuto che rimane alla fine filiforme, quasi evanescente. Il poeta aspira a soluzioni liriche per un’intima sensibilità quotidiana, fornisce i connotati dell’occasione che ha stimolato in lui una poesia, sembra anzi voler sottolineare gli eventi minimi, quasi a far pensare che sia lì il soggetto della poesia stessa.

L’esperienza fondamentale che ne è alla base è quella dello spostamento, assieme linguistico e geografico, che dà fiato e sostanza alla parola poetica. L’io lirico avanza e ritorna su se stesso, misura il mondo da differenti luoghi dei quali si appropria („in questo giardino/sono io il giardiniere/e le piante/mi obbediscono“)2, superando il conflitto, come si diceva, tra realtà dell’origine e realtà tedesca3. Così il paesaggio natale non è solo vagheggiato come rifiuto della memoria dell’infanzia ( il „mare ovale…“ di Sardegna „che ti rimette l’infanzia“)4; lo sguardo severo e ironico del poeta riesce a vedere anche gli aspetti grotteschi della „modernità“ nel paesaggio italiano, l’inerzia del tempo e della storia sul paradiso terrestre, popolato ormai da „i rambo della domenica“, come nella Toscana di Bagno Vignoni:


Nella grande vasca Im großen Becken
l’acqua s’increspa appena kräuselt das Wasser sich kaum
al vento di ponente unterm Abendwestwind.
Riappare il suo sobrio passato Hervor tritt wieder sein nüchterner
quando i rambo Urzustand, wenn
della domenica die Sonntags-Rambos
col loro sguaiato vociare mit ihrem rohen Geschrei
si ritirano. È il vapore abziehen. Es ist der Dunst
delle notti d’inverno der Winternächte
la nebbia caldo-umida der feuchtwarme Nebel
l’odore di ferrigno der Rostgeruch
il mesto gorgogliare das trauervolle Gurgeln
delle polle il tuo messaggio

Il suo interesse si sposta da un mondo preesistente ad un mondo in fieri, soltanto possibile in assoluto: quello della parola che coincide con l’immagine.6 La parola appare come la subitanea rivelazione di una verità, sotto la quale giace una sorta di geologia esistenziale. Essa ha il potere di far apparire le cose in quanto scomparse, apparenza di una sparizione, è presenza che ritorna all’assenza. Questa possibilità verbale implica un tempo poetico che è quello di un’eventuale avventura, l’incontro di un segno e di un’intenzione:


Non è il senso Nicht der Sinn
che lascia tracce hinterläßt Spuren
ma il segno sondern das Zeichen
e per capirlo und um es zu verstehen
occorre spesso bedarf’s oft
tutta una vita

L’„immobilità dei segni“8 che caratterizza la scrittura poetica, dà luogo e rinvia infatti ad una „pluralità di significati“, che a sua volta risulta inesauribile. La ricerca di significato si rinnova quindi costantemente ed è legata a quella „impenetrabilità“ del linguaggio poetico che è direttamente proporzionale alla possibilità di soluzione simbolica che la realtà dell’esperienza offre al poeta. Il lettore/interprete avrà allora il compito di smontare, con un’operazione mai definitiva, gli elementi della poesia per rimetterne in circolazione i segni e rendere le parole „mute“ e insostituibili di nuovo parte del „linguaggio“. E quelle che possono apparire come criptiche allusioni ad un’esperienza personale, che non tentano neppure di chiarire la loro enigmatica presenza, abbandonano all’interpretazione di chi legge la profonda e misteriosa atmosfera in cui nascono.

2. Lingua e memoria

La „tecnica“ poetica, una certa innocente astuzia letteraria, rappresenta in questi testi non tanto un’operazione retorica, quanto soprattutto evocativa, o meglio allusiva, tesa tra memoria e ricordo, nostalgia e sentimento, attraversati da un vago filo ironia. La lingua italiana, in cui Sanna scrive i suoi versi – a differenza di altri connazionali che hanno optato per la lingua „straniera“ –, messa a confronto con quella tedesca risulta, in questi testi bilingui, in qualche modo estranea e allo stesso tempo familiare, un mezzo il cui uso è forse più autonomo e spontaneo, ma rappresenta, paradossalmente, un approccio diverso.1 Il poeta poliglotta, che cambia patria e lingua, stabilisce infatti nuove linee di comunicazione e di congiunzione, come nell’incontro tra i poli e i meridiani di una delle sue poesie:


Baciano i due poli Zart berühren die Pole
i meridiani e un campo sich mit den Meridianen
s’instaura di forze und aus ihrem Kuß entsteht
magnetiche

E la traduzione, a sua volta, appare più come l’opera di un coautore che „apre“ il tedesco alla lingua straniera3 creando un effetto di rispecchiamento che rinvia il lettore da un testo all’altro e che mette l’opera stessa in costante movimento. Può sembrare addirittura in qualche momento che il testo tedesco dica di più nella sua operazione di trasferimento linguistico e semantico, sciolga le ambiguità o viceversa dia vita ad una nuova figura poetica, come ad esempio in quella ruota „müdegerollt“, che in italiano è semplicemente appoggiata al pino „per stanchezza“.


[…] […]
Una ruota Ein Rad
s’appoggia lehnt sich
al pino an die Pinie
per stanchezza

Emblematicamente il titolo dell’ultima raccolta, Feste, parola che può essere sia italiana che tedesca, esprime un intimo legame tra le due lingue. Feste, come scrive nel Nachwort Goebel-Schilling, sono quelle „des Abschieds und Aufbruchs. Des Abschieds von einer fremd gewordenen, vielleicht immer gewesenen Erde, und des Aufbruchs in eine Heimat, in der man nie war und vielleicht nie ankommen wird: eben die Feste“5. Ma Feste, in tedesco, ha anche un significato singolare: è la fortezza e nel composto Himmelsfeste indica il firmamento o, come scrive il poeta, la „fortezza dell’aria“ che „è divina, ferma/chiede riconoscenza“6. Fortezza dell’aria è d’altra parte il titolo scelto per l’edizione solo italiana delle due raccolte Löwen-Maul e Feste, una fortezza che rappresenta „il punto fisso in cui potersi orientare in un periodo di grande incertezza“7.

Se allora nella veste poetica i dati di realtà appaiono sottoposti a processo di trasposizione simbolica, non ne viene però vanificato il rinvio a esperienza e circostanza di vita vissuta e se, a volte, sembra che la poesia si ripieghi su se stessa, è comunque sempre per lasciare affiorare un lieve sottofondo ironico, una partecipazione evocativa – non importa se gioiosa o triste, se sensuale o candida – dentro i confini dell’esistenza quotidiana dei nostri giorni:


Anche il sublime Selbst das Erhabene
diventa quotidiano wird zum Alltäglichen
e di sé allora und verschärft so aufs neue
riacutizza il desiderio

A loro volta anche gli oggetti quotidiani, elementari, impoetici possono diventare altro nel contesto poetico e innalzarsi al sublime:


Bello Schön ist
accorgersi das Wahrnehmen
delle cose semplici der einfachen Dinge
finite die endlich
e pure sind und doch
eterne

Questi oggetti con la loro fisicità immediata si caricano, nello spazio rarefatto della poesia, di significati metafisici, sino a racchiudere nella banalità crepuscolare delle cose minime e degli avvenimenti meno vistosi un’araldica del reale in cui nel „particolare“ si può captare un valore „universale“. Attraverso oggetti che sprigionano il sentimento senza dichiararlo, traspaiono non idee, ma il fondo emotivo delle idee con parole che non fanno rumore, non stonano. E, come queste parole, anche il verso è stringato, apparentemente nudo. In questo modo la poesia oppone resistenza al nulla che minaccia le cose mettendone in evidenza la concretezza e l’esistenza. Non vuole suscitare stupore, ma comunicare un’esperienza nell’urto/attrito con la vita.

Così il lessico lascia spazio alle voci dell’uso, ma vi accompagna talvolta vocaboli volutamente sofisticati, parole francesi e arcaismi, mentre la sintassi aspira a superare l’articolazione dei legami logici per cercare i passaggi risolutivi. L’assenza di morbidità raffinate, un’armoniosità impeccabilmente conchiusa non implica comunque la rinuncia ad una musicalità in cui il ritmo nasce su se stesso, utilizzando consonanze e dissonanze, i suoni chiari o scuri delle vocali:


Ticchettio Getrippel
mattutino früh am Morgen
modulato variiert
in Hall in Hall
andante andante
in Hall in Hall
presto presto
in Hall

In questa poesia la brevità figurativa annulla la dimensione prospettica; i componimenti poetici, compiuti nella loro immediatezza, non lasciano residui contenutistici che garantiscono una continuità senza interruzioni. Il ‚contenuto‘ della poesia ha, per così dire, un limite eminentemente evocativo, raggiunto il quale la poesia termina.

La memoria, con una sottolineatura visiva, compie la trasformazione dell’immagine in dato individuale di poesia. A sua volta, la sottolineatura visiva fa avanzare, con precisione affettiva, quanto può risultare presenza insolita e anche inedita sintesi paesistica, ritrovata nella memoria. I confini del paesaggio vengono così sospinti fino ad un’imprecisa e quasi simbolica frontiera. Del resto, che la memoria e lo scorrere del tempo siano gli elementi soggiacenti a questa poesia elegiaca è il poeta a suggerirlo con alcuni riferimenti espliciti:


[…] […]
Si ritorna Man blickt zurück
come se l’oceano als wären das Meer
le bianche dune di sabbia die weißen Sanddünen
i fiori esuberanti di colori die farbenprangeden Blumen
le cipolline argentate die silbrigen Zwiebelchen
fossero spariti dalla memoria


[…] […]
Non è molto Nicht lang ist her
che tu ricuperavi il tempo daß du sie noch wiederfandest
della memoria, non oggi
[…] […]

Così, tra precisione realistica e visione-sogno, il poeta intrattiene un dialogo con il reale passato e presente in un andirivieni che è continuità intrecciata alla discontinuità.

La dimensione naturale del tempo conserva la sua inarcatura tra passato e futuro, e i punti alti stanno spesso nella momentaneità di una sospensione di attesa in cui il flusso cronologico si arresta:


Tutto è in attesa Alles harrt
S’intuisce la forza Erratbar die Kraft
che avanza in ascesa die aufwärts drängt
dalle sponde orientali

La poesia testimonia sì un’intenzione narrativa, ma il racconto appare come immobilizzato sul nascere, per cui il poeta si limita ad enunciare una situazione bloccata nelle sue possibilità di sviluppo dinamico. In questa situazione non prendono corpo personaggi compiutamente fisionomizzati, anzi le figure sono come colpite da un’evanescenza ineluttabile e tutto diventa sospeso, perpetuità oscillante. Il ‚tu‘, che appare talvolta in questi versi, nasce forse come espediente, come un intervento rassicuratore in una situazione cosmica incerta. È uno schermo che riflette i sentimenti, le immagini e i pensieri, eludendo come può il solipsismo del canto ermetico. Nella presenza del ‚tu‘, infatti, il mondo sembra ritornare al poeta caricato della testimonianza, sia pur muta e invisibile, di una partecipazione umana:


[…] […]
Fu solo un cane da veglia Nur ein Wachhund
a scoprirci ripetendo bemerkte uns und wiederholte
la voce di chi cercava endlos den Laut der Suche
corrispondenza

Pulsuz fraqment bitdi.

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