Kitabı oxu: «Vom guten Tod»
Reiner Sörries
Vom guten Tod
Reiner Sörries
Vom guten Tod
Die aktuelle Debatte und ihre kulturgeschichtlichen Hintergründe
Butzon & Bercker
„Orientierung durch Diskurs“ Die Sachbuchsparte bei Butzon & Bercker, in der dieser Band erscheint, wird beratend begleitet von Michael Albus, Christine Hober, Bruno Kern, Tobias Licht, Cornelia Möres, Susanne Sandherr und Marc Witzenbacher.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Gesamtprogramm von Butzon & Bercker finden Sie im Internet unter www.bube.de
ISBN 978-3-7666-1945-7
E-Book (Mobi): ISBN 978-3-7666-4284-4
E-Book (PDF): ISBN 978-3-7666-4285-1
E-Pub: ISBN 978-3-7666-4283-7
© 2015 Butzon & Bercker GmbH, Hoogeweg 100, 47623 Kevelaer, Deutschland, www.bube.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Christoph M. Kemkes, Geldern
Satz: Schröder Media GbR, Dernbach
Printed in Germany
Inhalt
Vorwort
I. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall!“
II. Der Tod als Baustein der Evolution – Alte und neue Gedanken
Der Sinn des Todes in der Evolution
Deine Nachkommenschaft wird zahlreich sein wie die Sterne am Firmament
Der Fortbestand der sozialistischen Menschengemeinschaft
Das Weib triumphiert über den Tod
III. „Es hat Gott gefallen …“
IV. Der gute und der jähe Tod – im Mittelalter
ars moriendi – die Kunst zu sterben
Der heilige Christophorus bewahrt vor dem jähen Tod
Jesus, Maria und Josef
Seelgeräte
V. Der sanfte und der selige Tod – Gedanken der Reformation
Anweisungen für einen guten Tod
Testament, Versöhnung und Vorsorge
VI. Das scheußliche Gerippe – nicht nur im katholischen Barock
Der Sensenmann
Irdisches Leiden und himmlische Freuden
VII. Bruder Tod – Wandlungen der Aufklärung
Hypnos und Thanatos
Tod ist nicht Tod, ist nur Veredelung sterblicher Natur
Esoterische Todesgedanken
VIII. Der Selbstmord – kein guter Tod?
Selbstmord, Freitod, Suizid
Der egoistische und der altruistische Selbstmord
Freiheit, Versklavung oder Tod
Suizid und Sterbehilfe
Der rituelle Selbstmord
IX. Der Opfertod – ein guter Tod?
Sterben für andere
Euthanasie und Organspende
X. Todesangst, Todestrieb und Todeslust – im 19. Jahrhundert
Der schöne Tod der Liebenden
Der Tod als Paradox
XI. Die Skandalisierung des Todes – im 20. Jahrhundert
XII. Euthanasia und Euthanasie – Ihre Pervertierung im Nationalsozialismus
Euthanasia als Hilfe zum Guten Tod
Euthanasie als Instrument der Auslese
Euthanasie als Instrument zur Ausmerzung der Schwachen
Die Tabuisierung der Euthanasie
Euthanasie als Recht auf den eigenen Tod
Die Neubewertung unwerten Lebens
Vom Selbstbestimmungsrecht des Menschen
Euthanasie und Ökonomie
XIII. Sterben lernen – im Hier und Jetzt
ars moriendi nova – ars vivendi
Das Lernziel Sterben
Kinder lernen sterben
Friedhofspädagogik und Death Café
Sterbebegleitung
XIV. Die Autonomie des Menschen oder die Debatte um die Sterbehilfe
Definitionen der Sterbehilfe
Erlaubte, nicht erlaubte und praktizierte Sterbehilfe
Regelungen der Sterbehilfe im europäischen Ausland
Sterbehilfe zum guten Tod?
Beurteilung der Sterbehilfe in den Religionen
XV. Und der Tod wird nicht mehr sein – in Zukunft?
Die Brücke zur Unsterblichkeit
Makrobiotik und Athanasia
Die Schaffung des unsterblichen Menschen
Vom Unglück des Sterblichen ein Unsterblicher zu werden
XVI. Vorläufige Gedanken zum Schluss
Anmerkungen
Weiterführende Literatur
Vorwort
„Dann wirft er die Fessel von sich, und er tut das nicht bloß in der äußersten Not; sondern sobald das Schicksal anfängt, ihm verdächtig zu werden, geht er gewissenhaft mit sich zu Rate, ob er sofort ein Ende machen soll.“ In seinem vierten Brief an Lucilius argumentiert der römische Philosoph und Staatsmann Seneca mit diesen Worten für die Berechtigung der Selbsttötung, und er hat dabei in erster Linie den weisen Menschen im Blick, der über seinen Zustand und das, was ihn noch erwartet, reflektieren kann. Sein Bekenntnis zum überlegten Entschluss, dem Leben ein Ende zu setzen, blieb auch zu seiner Zeit nicht unwidersprochen, doch seinen Gegnern, welche für ein Verbot der Selbsttötung eintraten, antwortete er in einem weiteren Brief an Lucilius: „Wer so spricht, sieht nicht, dass er der Freiheit den Weg versperrt. Wie hätte das ewige Gesetz besser verfahren können, als uns nur einen Eingang ins Leben zu geben, aber viele Ausgänge?“ Ungeachtet dessen, welche Einstellung zum Tod aus eigener Entschlossenheit man haben mag, ist es richtig, dass das Leben viele Ausgänge haben kann. Doch welcher ist der richtige, der beste? Und kann es einen falschen geben?
Angeregt ist dieses Buch durch die Ankündigung der Ende 2013 ins Amt gekommenen schwarz-roten Bundesregierung, die mehrfach verschobene Gesetzgebung zur Sterbehilfe nun auf den Weg zu bringen. Dabei solle nach Möglichkeit eine fraktionsübergreifende Regelung gefunden werden, wobei ein Fraktionszwang nicht gelten dürfe. Jeder Abgeordnete sei in dieser Frage allein seinem Gewissen verpflichtet, denn es gehe um elementar persönliche Einstellungen in dieser Menschheitsfrage. Trotz dieser Ausgangslage will das Buch kein weiteres zum Thema Lebenspflicht und Sterberecht sein, sondern es befasst sich mit dem Ausgang des Lebens und stellt sich der Frage, ob es angesichts der bitteren Weisheit vom Sterben-Müssen einen guten Tod geben kann.
Die Quintessenz lautet, dass es nicht nur viele Ausgänge des Lebens gibt, sondern ebenso viele Vorstellungen vom guten Tod. Ein Gang durch die Kulturgeschichte lässt deutlich werden, welch unterschiedliche Auffassungen dazu miteinander um die Wahrheit kämpften. Daran hat sich nichts geändert. Der Unterschied von heute zu früher besteht allenfalls darin, dass diese Frage nicht mehr ausschließlich von religiösen oder philosophischen Eliten beantwortet wird, sondern jeder bildet sich dazu seine eigene Meinung. Im Wissen um die freie Meinungsbildung, die mit jener Autonomie verschwistert ist, die jedem das Recht einräumen will, sein Ende nach eigenem Willen zu gestalten, erhebt dieses Buch nicht den Anspruch, das Kriterium für den guten Tod gefunden zu haben. Vielleicht kann es sensibilisieren, Argument und Gegenargument verständlich machen, vielleicht ist es auch nur ein lesenswerter Gang durch die Kulturgeschichte, denn die Vorstellungen vom guten Tod sind ein Teil von ihr. Zumindest wird dann verständlich, dass es für die Wertebestimmung des guten Todes keine überzeitlichen, unhinterfragbaren und quasi menschheitsimmanenten Kriterien gibt. Was wir für einen guten Tod halten, ist Teil eines kulturellen Lernprozesses, der von der Welt abhängig ist, in der wir leben.
Freilich werden dann auch wir zum Ende in der Gegenwart angekommen sein und der aktuellen Debatte um die Sterbehilfe begegnen, die manche aus bitterer Erfahrung als Euthanasie ablehnen oder als Inbegriff des Selbstbestimmungsrechts des Menschen als Euthanasia herbeisehnen und einfordern, denn im Wortsinn geht es nur um den guten Tod. Das ist jedoch nur der vorletzte Schritt, denn es stehen ja die Wünsche im Raum, den Tod vermeiden zu können. Für Trans- und Posthumanisten stellt sich die Frage nicht mehr, was ein guter Tod ist, denn es wird ihn dann nicht mehr geben. Bis es allerdings so weit ist, bleibt es der Gesellschaft, der Politik und dem Einzelnen kaum erspart, Regelungen zu finden, die für alle gelten.
Die Neuregelung der Sterbehilfe hierzulande wird noch etwas auf sich warten lassen und beim Abschluss dieses Manuskripts nicht vorliegen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, der selbst für ein Verbot der gewerbsmäßigen Sterbehilfe eintritt, erläuterte beim Auftakt des Deutschen Ärztetages am 27. Mai 2014 in Düsseldorf den Fahrplan zu einem entsprechenden Gesetz, das bis 2015 eingebracht, diskutiert und verabschiedet sein soll.
I. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall!“
Märchen sind ja nicht nur etwas für Kinder, sondern sie enthalten auch für uns Erwachsene manche Lebensweisheit. Da sind vier Tiere: ein Hahn, eine Katze, ein Hund und ein Esel, denen aufgrund ihres Alters bescheinigt wird, dass sie zu nichts mehr nütze seien, weshalb ihr Tod für alle die beste Lösung sei. Als der Hahn daraufhin beschließt, aus vollem Hals zu krähen, solange er noch kann, macht ihm der Esel den Vorschlag, gemeinsam nach Bremen zu ziehen, um dort als Bremer Stadtmusikanten Karriere zu machen. Und er spricht den entscheidenden Satz: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall!“ Nun ist das eine ein Märchen, das andere die Lebenswirklichkeit, die uns trotz der Weisheit des Esels damit konfrontiert, dass das unausweichliche Ende allenfalls aufschiebbar, aber nicht gänzlich zu vermeiden ist. Deshalb sah sich der Mensch in seiner langen Entwicklungs- und Kulturgeschichte genötigt, dem Tod einen Sinn abzugewinnen, um nicht das Leben selbst sinnlos erscheinen zu lassen.
In der aktuell in Europa geführten Debatte um die Sterbehilfe mehren sich jedoch die Stimmen, welche die märchenhafte Weisheit auch angesichts individueller, als unerträglich angesehener Umstände ins Gegenteil verkehren: Etwas Besseres als das Leben findest du überall, bei einem Menschen, der dir beim Sterben hilft, bei einem professionellen Sterbehelfer oder beim Arzt deines Vertrauens – das ist bei den geltenden Regeln zur Sterbehilfe in Europa (noch) von den nationalen Gesetzgebungen abhängig. Doch wie das in den einzelnen Ländern auch immer geregelt ist: Man darf von dem aufrichtigen Anliegen ausgehen, Menschen in einer als ausweglos und unerträglich empfundenen Situation einen guten Tod zu gewähren. Dabei ist die Frage nach dem guten Tod, der aus dem Griechischen abgeleiteten Euthanasia, viel älter als die gegenwärtige Debatte. Sie ist auch viel älter als jene Euthanasie, deren sich der verbrecherische Nationalsozialismus bedient hat, um unwertes Leben auszumerzen. Doch gerade diese vergleichsweise kurze Phase unserer Geschichte belastet mit ihrem grauenhaften Erbe von Millionen Toten die Rede von der Euthanasie. Das Wort selbst ist nicht schuld, denn die alten Griechen wollten damit lediglich einen guten Tod beschreiben, einen Tod, der eintritt, wenn es an der Zeit ist, im Gegensatz zu einem vorzeitigen Tod, der den Menschen aus dem Leben reißt. Im Gegensatz dazu kannten sie die Verkörperung des gewaltsamen Todes, die sie Ker nannten.
Als einen guten Tod bezeichnete der im 5. Jahrhundert v. Chr. lebende griechische Dichter Kratinos ein Sterben ohne lange, schwere Krankheit in Abgrenzung zu einem lang verlaufenden Sterbeprozess. Aber selbst die Griechen waren sich nicht einig in der Frage, was ein guter Tod ist. Ist ein hohes Alter erstrebenswert oder ein junges Sterben, wie es in dem geflügelten Wort heißt: „Wen die Götter lieben, der stirbt jung.“ Es war unter den griechischen und römischen Philosophen durchaus umstritten, ob man den natürlichen Tod abwarten soll oder ob es besser sei, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Eine Entscheidung darüber war letztlich davon abhängig, ob und welchen Wert man dem Leben an sich beimaß. In der pessimistischen Lebensauffassung des griechischen Denkers Hegesias besaß das Leben keinen Sinn an sich, weshalb er es für sinnvoll und geboten hielt, diesem selbst ein Ende zu setzen. Bereits in der Antike nannten sie ihn den Selbstmordprediger.
Somit ist die Frage nach dem guten Tod letztlich davon abhängig, welchen Sinn und Wert man dem Leben beimisst, und darauf versuchen die Religionen eine Antwort zu geben. Ohne dass dies ausdiskutiert wäre, darf man sagen, dass die Frage nach dem Tod einen wesentlichen Urgrund für alle Religionen bildet. Zumal die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam brachten Gott ins Spiel, dem als Schöpfer alles Leben zu verdanken ist, wovon sich zugleich sein einmaliger Wert ableitet, der das Verbot einschließt, in diesen Lebensplan Gottes einzugreifen. Daraus entstand das Verbot zu töten – andere und sich selbst. Daraus lässt sich sogar eine Pflicht zum Leben ableiten, und der Islam geht davon aus, dass Gott für jede Krankheit auch ein Heilmittel bereithält. Die Entwicklung in den Religionen brachte es schließlich mit sich, dass die Verheißung von einem ewigen Leben an ein gutes Leben und einen guten Tod geknüpft wurde.
Lag vom Altertum bis zur Frühen Neuzeit die Beurteilung dessen, was ein guter Tod ist, in der Hand von Philosophen und Theologen, so stellt sich die Frage nach den handelnden Personen in einer materialistischen und zunehmend säkularen Gesellschaft, in der die Meinungsvielfalt und ein Pluralismus der Weltanschauungen zu den Grundfesten unserer Gesellschaftsordnung geworden sind, ganz neu. Welchen Stimmen verleihen wir Gehör, und erst recht, woraus schöpft der Gesetzgeber seine Kriterien? Wurden das Grundgesetz und die darin zementierte Würde des Menschen noch im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen formuliert, wie es in seiner Präambel heißt, so verzichtete man in der „Verfassung“ der Europäischen Union, dem sog. Lissabon-Vertrag, auf den Gottesbezug und verwies nur noch allgemein auf das kulturelle, religiöse und humanistische Erbe Europas.
Die Würde des Menschen speist sich heute nicht zuletzt aus seiner Autonomie, die ihm nahezu unbeschränkte Freiheit im Tun einräumt, solange das Lebensrecht und die Würde des anderen dadurch nicht beeinträchtigt werden. Der Mensch wird damit regelrecht dazu verurteilt, der Schmied seines Glücks zu sein oder eben der Herr über sein Leben – und über seinen Tod. Schon einmal siegte die Autonomie des Individuums über das vom Gesetzgeber zu garantierende Lebensrecht, als nach heftigen Diskussionen der Schwangerschaftsabbruch unter bestimmten Voraussetzungen für straffrei erklärt wurde (§ 218 a StGB). Nun wackelt der nächste Paragraf aus dem 16. Abschnitt des Strafgesetzbuches, in dem „Straftaten gegen das Leben“ (§§ 211–222) sanktioniert sind. 2013 scheiterte ein Entwurf der schwarz-gelben Koalition zur Neufassung des § 216 StGB, in dem die Tötung auf Verlangen geregelt ist; den einen ging er zu weit, den anderen nicht weit genug. Und 2014 wurden die Debatten fortgesetzt, nun unter schwarz-rotem Vorzeichen. Am weitestgehenden ist der Gesetzentwurf, wie ihn sich die Delegiertenkonferenz der Humanistischen Union wünscht: die völlige Legalisierung der aktiven Sterbehilfe. Ein Missbrauch dieser Regelung sei schon deshalb ausgeschlossen, weil sie auf das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten verweist, also auf seine Autonomie.
Beinhaltet die Autonomie auch die Verantwortung des Menschen, so kann daraus schließlich auch die Pflicht zu sterben erwachsen. Gründe dafür gäbe es genug. Etwa die Verantwortung, den Angehörigen, den Pflegenden oder der Solidargemeinschaft nicht zur Last zu fallen. Die negative Beantwortung der Frage nach ihrer Verwendbarkeit hätte ja beinahe auch den Bremer Stadtmusikanten den Garaus beschert. Auch nach den Euthanasieverbrechen der Nationalsozialisten im Dritten Reich fehlte es nicht an Argumenten, Menschen das Lebensrecht zu bestreiten, die alle auf der Beurteilung fußten, was denn lebenswert oder überhaupt Leben sei. Und wo ein lebenswertes Leben nicht diagnostiziert werden kann oder gar das Leben als unerträglich angesehen wird, wäre das rechtzeitige Ableben ein guter Tod.
Als ich im Februar 2014 mit dem Schreiben dieses Buches begann, hatte das belgische Parlament am 13. Februar dem Gesetz zugestimmt, dem zufolge es auch Minderjährigen ohne Altersbeschränkung erlaubt sei, nach aktiver Sterbehilfe zu verlangen – wohl unter strengen Voraussetzungen, aber damit war ein weiterer Schritt getan, um auf dem Weg zur Selbstbestimmung voranzuschreiten. Wie rasch andere europäische Länder ihre Gesetze verändern oder gar der europäische Gerichtshof aufgrund von Klagen eigene Vorgaben macht, muss abgewartet werden, aber die Tendenz ist offenkundig. Wir steuern auf eine Zeit zu, in der das, was ein guter Tod ist, anders formuliert sein wird als gestern oder heute. Aus unserer kulturgeschichtlichen Annäherung an das Thema werden sich kaum Kriterien für den guten Tod der Zukunft ableiten lassen, vielmehr wird sie zeigen, dass das, was man dafür hält, abhängig ist von einem wie auch immer definierten Wertesystem. Hatten die Gesellschaften bisher das Glück, dieses aus einer zumindest weitgehend einheitlichen Weltanschauung zu entwickeln, so haben wir dieses Privileg in einer pluralistischen Gedankenwelt verloren. Die Gedanken sind frei.
Allerdings wird aus historischer Perspektive auch deutlich, dass der Kanon der Werte im Laufe der Geschichte nicht nur Änderungen erfuhr, sondern Grauen erregenden Irrungen unterworfen sein konnte. Selbst die einzigartige Einsicht von der Einmaligkeit und Unverfügbarkeit des Lebens, die in Gesetzestafeln gemeißelt lautet: Du sollst nicht töten, hat nicht verhindert, dass sich die Eliten immer wieder das Recht anmaßten, Ausnahmen davon zu formulieren. Allein die Geschichte der Todesstrafe belegt dies eindrücklich. Übeltäter, Ungläubige, Ketzer oder andere missliebige Menschen hatten schnell ihr Recht auf Leben verwirkt. Kriege verführten zu dem Gedanken, den Tod des Feindes wie den eigenen für einen guten Tod zu halten. Oder es dienten allein die Unterscheidungen in Herr und Knecht dazu, dem einen das Recht über das Leben des anderen einzuräumen. Religionen, Philosophien und Weltanschauungen lieferten dazu den gedanklichen Überbau. Und dies wird heute und morgen nicht anders sein. Immer wieder werden Begründungen dafür gefunden, warum der Tod dem Leben vorzuziehen ist – ganz im Gegensatz zur Weisheit der Bremer Stadtmusikanten.
II. Der Tod als Baustein der Evolution – Alte und neue Gedanken
Das Bewusstsein des Menschen ist an allem schuld, zumindest wenn es um die Sinnsuche geht, die in der Frage nach dem Sinn des Todes gipfelt. Betrachtet man den Menschen als die Krone der Schöpfung, so wird gern auf dieses Wissen um die eigene Endlichkeit verwiesen, das ihn vom Tier unterscheide. Oder was ist es sonst? Alle anderen Unterschiede wie etwa die Fähigkeiten kreativen Denkens und ein freier Wille, sein Sprachvermögen, die Wahlfreiheit usw. sind eher gradueller Art infolge einer höheren Entwicklungsstufe. Aber schon der Versuch, das Menschsein am Bewusstsein festzumachen, erweist sich als höchst problematisch. Embryonen, Säuglinge, geistig schwer Behinderte oder Komapatienten verfügen möglicherweise über ein derartiges Bewusstsein nicht und sind dennoch Menschen im Vollsinn. Muss man also deshalb nicht doch die Religion zu Rate ziehen, die in unterschiedlichen Ausprägungen dem Menschen eine immaterielle Seite zuweist, die wir etwa im Christentum Seele nennen? Wer jedoch diese immaterielle Wesenheit nicht akzeptiert, kann möglicherweise Schwierigkeiten haben, einen Mensch-Tier-Unterschied festzumachen, wird dies aber vielleicht auch nicht als problematisch empfinden. Warum soll man sich nicht auf die Regeln der Evolution verlassen, in der der Tod ein notwendiger und deshalb sinnvoller Baustein des Lebens ist?
Der Sinn des Todes in der Evolution
Die Natur favorisiert vor allem die Fähigkeit, mit den Herausforderungen des Lebens, speziell den sich wandelnden Umwelteinflüssen, fertig zu werden. Dies geschieht, so verdeutliche ich mir das laienmäßig, indem eine Generation ihr Wissen an die nächste weitergibt. Dies kann durch die Vermittlung bestimmter Sachverhalte geschehen, aber auch durch die Weitergabe genetischen Materials. Wenn sich die Gene von Mann und Frau vereinigen, so entsteht eine neue Variante des Erbgutes und damit die Möglichkeit, dass sich das Leben besser an die Bedingungen der Umwelt anpasst. Über die Natur sagte Johann Wolfgang von Goethe, das Leben sei ihre schönste Erfindung und der Tod ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.1 Evolutionäres Ziel ist demnach kein ewiges, ja nicht einmal ein besonders langes Leben, sondern eine möglichst effektive und fortschrittliche Reproduktion. Dazu ist es dann nicht notwendig, dass die Elterngeneration ein hohes Alter erreicht, vielmehr hat sie ihre Aufgabe mit der Schaffung neuen Lebens und der erfolgreichen Aufzucht der Nachkommenschaft erfüllt.
Sterblichkeit und zweigeschlechtliche Sexualität hängen evolutionär gesehen eng miteinander zusammen, weil sie beide demselben Zweck dienen. Es geht um die bestmögliche Selbsterhaltung und Weiterentwicklung der jeweiligen Spezies, und darin unterscheiden sich die höheren Organismen nicht voneinander. Die Evolution sorgt sich nicht so sehr um die Bedürfnisse des Einzelnen als vielmehr um das große Ganze.
Im Folgenden wird es zunächst darum gehen, nach Gesellschaftsmodellen zu suchen, in denen diese evolutionäre Sichtweise ein tragendes Element der Sinnsuche sein kann.
Deine Nachkommenschaft wird zahlreich sein wie die Sterne am Firmament
Mit dieser Verheißung an Abraham (Genesis 15,5) vollendet sich seine Lebensgeschichte, die bis in sein hohes Alter von Kinderlosigkeit bedroht war, und darin spiegelt sich ein Verständnis von Leben, das einer evolutionären Betrachtungsweise sehr nahe kommt. Denn ob ein Dasein sinnerfüllt ist, zeigt sich in der Weitergabe des Lebens an Kinder und Kindeskinder. Eine individuelle Erwartung eines Lebens nach dem Tod ist dem Alten Testament wie dem ganzen Orient fremd, weshalb sich die Frage nach einem guten Tod relativiert. Der Tod ist eine biologische Notwendigkeit. Wer stirbt, wird nicht wieder lebendig, heißt es bei Ijob (14,14), und gegen den Tod lässt sich keine Beschwerde führen (Jesus Sirach 41,3–4): Alle Menschen müssen sterben. Als guten Tod kann man einen ansehen, der nach einem langen und erfüllten Leben eintritt, und so sterben Abraham, Isaak oder Ijob alt und lebenssatt. Dann werden die Menschen zu den Vätern versammelt, wo sie in einem düsteren Totenreich ein trostloses Schattendasein führen.
Im Gegensatz zu diesem Tod, der eintritt, wenn der Mensch satt an Tagen ist, was einer Spanne von siebzig oder achtzig Jahren (Psalm 90,10) entspricht, fürchtet man den unzeitigen Tod eines Kindes oder durch Krankheit, Gewalt, Krieg und Hungersnot, der das Leben unerfüllt abschneidet. Eine etwa daraus resultierende Kinderlosigkeit gehört zu den Schrecknissen eines vorzeitigen Todes. Von der Vorstellung eines guten Todes wird man im Alten Testament wohl absehen müssen; eher kann man von einem erfüllten Leben sprechen, wenn es in der Heimat und im Kreis der Familie geschieht, die dann auch für eine angemessene Bestattung sorgt. Der Tod an sich bleibt ein endgültiges und unwiderrufliches Geschehen. Man kann deshalb sagen, dass sich das Alte Testament in großer Nähe zu einer Interpretation gemäß der Evolution befindet. Wichtig ist der Fortbestand der Familie, der Sippe und des Volkes, weshalb die Zusage einer reichen Nachkommenschaft an Abraham mehrfach wiederholt wird (Genesis 22,17; 26,4).
Erst in nachexilischer Zeit und vor allem in der jüdischen Apokalyptik entwickelt sich die Vorstellung von einer Gottesgemeinschaft des Frommen auch jenseits der physischen Todesgrenze, auf die hier aber noch nicht eingegangen werden muss. Wichtig ist jedoch, dass die Anfänge einer Auferstehungshoffnung das Volk als Ganzes betreffen, wenn Gott das Volk heilt und neu belebt gleich dem Geschehen in der Natur: „… denn er wird hervorbrechen wie die schöne Morgenröte und wird zu uns kommen wie ein Regen, wie ein Spätregen, der das Land feuchtet.“ (Hosea 6,3) Ebenso bietet die berühmte Erzählung von der Erweckung der Totengebeine (Ezechiel 37,12) ein Bild für die Wiederherstellung des Volkes Israel und für den neuen Exodus aus dem babylonischen Exil: „Siehe, ich öffne eure Gräber und ich führe euch herauf aus euren Gräbern und ich bringe euch ins Land Israel.“ Das Individuum spielt noch keine Rolle, und eine eigentliche Auferstehungsvorstellung findet sich erst in der apokalyptischen Literatur der hellenistischen Zeit.
Die Vorstellung von einem guten Tod war im Alten Judentum nicht an die erhoffte Überwindung der Endlichkeit gebunden, sondern an die gelebte Fülle des Lebens und eine reiche Nachkommenschaft, womit deutlich wird, dass das evolutionäre Modell durchaus tragfähig sein konnte.
Der Fortbestand der sozialistischen Menschengemeinschaft
Ein Sprung über Jahrtausende und gesellschaftliche Grenzen hinweg sei erlaubt, um in der Gesellschaft des sozialistischen Atheismus nach dem guten Tod zu forschen, der sich angesichts der Negierung eines individuellen Fortlebens ebenfalls anderer Strategien bedienen muss. Auch hier tritt an die Stelle der individuellen Auferstehungshoffnung die Zuversicht auf den Fortbestand und die Weiterentwicklung der sozialistischen Menschengemeinschaft, an der der Einzelne in mehr oder minder hohem Maße seinen Anteil hat. In einem streng biologischen Sinn beendet der Tod zwar das Leben einmalig und unwiederbringlich, Sinn stiftend ist jedoch das gelebte Leben, in dem der Mensch am Bau der Welt, am Bau einer besseren Welt beteiligt war. Der Tod löscht zwar das einzelne Leben aus, aber er kann die Lebensleistung des Menschen nicht vernichten. Noch ist das Trostpotenzial sozialistischer Trauerfeiern nicht wissenschaftlich aufgearbeitet, aber stellvertretend greifen wir den dritten und letzten Vers des Liedes „Flattert der Wimpel“ aus dem Liederbuch der Sozialistischen Jugend „Die Falken“ heraus, der diesen Geist spiegelt und bei Trauerfeiern gesungen wurde:
Hat uns das Schicksal gepackt und gezaust, und sind wir einst alt und grau, ist unser Leben vorbeigebraust, fordert der Tod uns rau. Dann schauen wir noch einmal die Runde vom Meer bis zum Sternenzelt. Mit Mädel und Jungen im Bunde bauten wir uns’re Welt.
Gibt es im atheistischen Materialismus keine individuelle Hoffnung über den Tod hinaus, so kann es dennoch einen guten Tod geben, der einen sinnvollen Lebensentwurf erlaubt und aus dem ein Tröstungspotenzial für die Angehörigen erwächst. Diese Erkenntnis für die Gestaltung weltlicher Trauerfeiern fruchtbar zu machen war ein Anliegen der Kulturpolitik in der DDR, die vor allem das Zentralhaus für Kulturarbeit der DDR in Leipzig mit der Ausarbeitung entsprechender Materialien beauftragt hatte. Die entstandenen Handreichungen lieferten sowohl die Grundlagen eines materialistischen Todesverständnisses als auch konkrete Entwürfe für Traueransprachen sowie Text- und Liedvorschläge.2 Wenn ein Mensch sterbend sagen kann, er habe sein ganzes Leben, seine ganze Kraft dem Herrlichsten in der Welt, dem Kampf für die Befreiung der Menschheit gegeben, so kann „ein in diesem Sinne bewusst gelebtes Leben … durch den Tod nicht ausgelöscht werden“3. Ist man dem Ziel nahegekommen, „sich als Persönlichkeit zu verwirklichen, seine Umwelt und sein Dasein schöpferisch zu vervollkommnen, wahrhaft menschlich zu gestalten“, dann stirbt man mit der „Gewissheit, dass die Spur seines Wirkens eingezeichnet bleibt im unaufhaltsam fortschreitenden Leben, im Bewusstsein und Werk der Lebendigen“4. Die Einbettung des individuellen Lebens in die sozialistische Gemeinschaft sollte mit dem Versuch erreicht werden, die Trauerfeier aus dem familiären Umfeld auf eine höhere gesellschaftliche Ebene zu heben, indem man die Kollektive von Betrieb und Partei zu Trägern der Abschiednahme bestimmte.
Konsequent war das Bestreben, in der Friedhofskultur das individuelle Einzel- oder Familiengrab durch kollektive Bestattungen in Urnengemeinschaftsanlagen zu ersetzen. Gleichermaßen versuchte man, anstelle individueller Trauerfeiern kollektive Gemeinschaftstrauerfeiern anzubieten, bei denen jeweils mehrere Verstorbene gleichzeitig verabschiedet und beigesetzt wurden. Mit der Ausarbeitung einer inhaltlichen und gestalterischen Grundlage einer sozialistischen Friedhofskultur war das Institut für Kommunalwirtschaft beauftragt worden.
Freilich musste man sich auch mit dem Problem auseinandersetzen, dass Kinder und junge Menschen starben, dass Menschen mitten aus dem Leben gerissen wurden, deren Tod einer Erklärung bedurfte. Hier griff die Grundüberzeugung des Materialismus, dass der Mensch ein Teil der Natur ist, die an sich keine Erklärung erlaubt: „Als Materialisten wissen wir: Natur hat keinen Sinn. Tod und Leben ,an sich‘ sind sinnlos wie Sonne oder der Schnee. Kein Gott, kein Geist ist Schöpfer der Welt. Aber Gesetze halten Sterne und Atome widersprüchlich in Bewegung. Nicht ,Gottes unerforschlicher Ratschluss‘, sondern das Wirken objektiver Gesetzmäßigkeiten bestimmt Werden und Vergehen in der Natur, also auch Leben und Sterben des Menschen.“5
Im materialistischen Denken ist zwar der Einzelne wichtig als Teil der permanenten Entwicklung der guten, sozialistischen Ordnung, die seinen ganzen Einsatz erfordert, sein Leben wertvoll macht und über seinen Tod hinaus wirksam bleibt, doch zugleich ist er Teil der Natur, die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. In seiner Rede am Grab von Karl Marx sagte Friedrich Engels: „Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk.“6 Karl Liebknecht wurde mit den Worten zitiert: „Und wenn wir nicht mehr leben werden, leben wird unser Programm. Es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen. Trotz alledem.“7 Nicht das Individuum mit seinem Leben und Sterben ist das Maß aller Dinge, sondern der Fortbestand der Menschengemeinschaft.
Das Weib triumphiert über den Tod
In einer christlich dominierten Gesellschaft war es natürlich undenkbar, der durch die Evolution bedingten Sterblichkeit des Menschen den Vorrang gegenüber dem göttlichen Willen einzuräumen. Es durfte nicht sein, dass im Sinne von Charles Darwin (1809–1882) und Alfred Russel Wallace (1823–1913) der Mensch nichts anderes ist als ein weiterer Spielball auf dem großen Experimentierfeld der Evolution: Der Mensch wird geboren, lebt, liebt und stirbt: Was soll daran Besonderes sein?8
Die Kirche predigte, der Tod sei der Sünde Sold9, und der mittelalterliche Inbegriff der Sünde war die Frau, woraus sich das ikonografische Sujet von Tod und Frau oder Tod und Mädchen entwickelte, das gleichsam die Botschaft von der Ursache des Todes transportierte. Künstler der Renaissance wie Hans Baldung Grien (1517) oder Niklas Manuel Deutsch ergötzten sich an diesem ebenso morbiden wie erotischen Thema, das schon in die Reihe der mittelalterlichen Totentänze gehörte. Erst Edvard Munch drehte den Spieß um und ließ in seiner 1894 entstandenen Radierung Das Mädchen und der Tod die Frau über den Tod triumphieren. Zwar hatte sich bildlich die erotische Komposition kaum verändert, und die unbekleidete Frau schien den Nachstellungen des Todes zu erliegen, doch auf der Rahmung des Bildes sprechen Spermien und Embryonen eine andere Sprache. Auch wenn die Frau stirbt, gibt sie das Leben weiter und lebt in ihren Nachkommen fort. Zwar stirbt das Individuum, aber die Gattung lebt weiter. In kaum einem anderen Bild der Kunstgeschichte wird die evolutionäre Deutung des Todes deutlicher als hier.
In einer Folge von sechs Holzschnitten hat der weit weniger bekannte, ostpreußische Künstler Robert Budzinski (1874–1955) ganz ähnliche Gedanken zum Ausdruck gebracht. In seiner Der Sieg des Lebens (Auch ein Totentanz) genannten, 1924 entstandenen Holzschnittmappe orientierte er sich am Vorbild der Totentänze: Der Tod fordert eine junge, im Kornfeld sitzende nackte Frau zum Tanz auf, er ergreift die Fidel und beginnt den scheinbar ungleichen Tanz, der immer wilder wird. Doch schließlich erliegt der Tod dem furiosen Geschehen, löst sich auf, und sein Gerippe zerfällt. Am Schluss steht die Frau, die Hände in die Taille gestützt, triumphierend über dem Häufchen Gebeine, die einmal der Tod waren. Im Sinne einer Melioration des etwas in Misskredit geratenen Wortes darf man diese Frau wahrlich Weib nennen in der ursprünglichen Bedeutung als Pendant zum Mann und als Inbegriff des Weiblichen, das sich letztlich in seiner Gabe ausdrückt, Leben schenken zu können. Indem Budzinski im letzten Bild seines Totentanzes die breiten Hüften der Frau betont, stellt er ihre Gebärfähigkeit bildkompositorisch und damit auch inhaltlich so in den Mittelpunkt, dass sich genau daraus ihre Kraft speist, über den Tod zu triumphieren. Die Begegnung mit dem Tod endet nicht mehr tödlich, sondern das Leben behält die Oberhand. In der Einführung zum Mappenwerk schrieb der Verleger Hanns Heeren: „Diese sechs Holzschnitte des Ostpreußen Robert Budzinski sind kein Totentanz im üblichen Sinne, der uns die Allgewalt des Todes über das Leben vor Augen führt, wie es mehr oder weniger alle Totentänze von Dürer bis auf unsere Zeit taten – diese sechs Holzschnitte sind ein einziges Bekenntnis zur Kraft und zum Siege des Lebens über den sonst so gefürchteten Herrscher Tod. Der einzelne Mensch zwar unterliegt ihm, aber das kraftvoll blühende Leben nimmt den Kampf immer wieder auf und bezwingt den Tod: Der Einzelne stirbt – die Menschheit lebt!“
Diese schlichte Betrachtungsweise stieß jedoch nicht nur auf den Widerstand der kirchlichen Lehrmeinung, sondern sie ging auch am Wollen und Sehnen der Menschen, ob gläubig oder nicht, vorbei, die ihren individuellen Tod nicht nur eingebettet sehen wollten in das Große und Ganze, sondern doch von ihren Fragen nach dem Sinn des Lebens – und des Todes – nicht ablassen wollen. Unter dieser Voraussetzung kann die evolutionäre Sinngebung des Todes, der an sich weder gut noch schlecht, sondern einfach nur notwendig ist, nicht weiterhelfen. Die allermeisten Menschen suchen eine Antwort auf die Frage, warum sie leben und warum sie sterben, und viel mehr noch wie sie sterben, wodurch und wann und wofür.
III. „Es hat Gott gefallen …“
Braucht also der Tod eine Erklärung? Und ist er nicht erst sinnvoll, wenn nicht nur sein Faktum, sondern auch das Wie, Wo und Wann von einer höheren Macht bestimmt werden? Stand es nicht lange in unseren Agenden zur kirchlichen Bestattung: „Nachdem es dem allmächtigen Gott gefallen hat, unseren Bruder / Schwester N. N. aus diesem Leben abzurufen …“? Es mag eine unzeitgemäße Formulierung sein, dass Gott am Tod eines Menschen seinen Gefallen hat, aber als Christ darf man durchaus glauben, dass Anfang und Ende des Lebens in seinem großen Ratschluss ge- und verborgen sind. Im Alten Testament ist zu lesen, dass Gott das Lebensalter begrenzt: „Da sprach der Herr: Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben, weil er auch Fleisch ist; daher soll seine Lebenszeit hundertzwanzig Jahre betragen.“ (Genesis 6,3) Somit ist biblisch ausgeschlossen, dass der Mensch ewig lebt. Aber auch die individuelle Lebensspanne wird von Gott bestimmt. Im Alten Testament bekennt der fromme Beter: „Meine Zeit steht in deinen Händen“ (Psalm 31,16), und im Neuen Testament wird folgender Satz von Jesus überliefert: „Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“ (Matthäus 6,27)
Biblisch wurzelt die Bestimmung des Menschen zum Tode im Sündenfall, und sie dürfte zunächst auch nicht hinterfragt werden, wenngleich man ihr statt der religiösen Begründung auch eine biologische zugrunde legen kann. Allerdings müssen wir zu einem späteren Zeitpunkt auf das posthumane Menschenbild des Trans- oder Posthumanismus zu sprechen kommen. Unterschiedlich kann jedoch beurteilt werden, ob Gottes Wille auch den Zeitpunkt des Ablebens bestimmt und dieser gewissermaßen vorbestimmt ist. Bemühen wir das Alte Testament, so kann man dieser Auffassung durchaus zustimmen, wenn es etwa heißt: „Der Herr macht tot und lebendig, er führt zum Totenreich hinab und führt auch herauf.“ (1 Samuel 2,6) Im Prinzip teilen die christlichen Kirchen die Auffassung, dass allein Gott Herr über Leben und Tod ist, wenngleich theologisch kontrovers diskutiert wird, wie konkret man sich die Bestimmung des Todeszeitpunktes durch Gott vorstellen soll. Gott will das Leben, weshalb etwa die Selbsttötung einerseits, die Todesstrafe andererseits von vielen Theologen und Gläubigen abgelehnt werden. Immerhin kollidiert die göttliche Vorsehung mit dem postulierten freien Willen des Menschen, der sich selbst oder andere töten kann, und man sträubt sich gegen den Gedanken, dass Suizid oder Mord von Gott bestimmt ist.
Eindeutiger ist die Auffassung im Islam, für den Allah das Schicksal der Welt und des Individuums in allen Bereichen lenkt: „Wenn Allah die Menschen für alle ihre Sünden strafen würde, würde Er nichts, was sich regt, auf Erden belassen. Jedoch Er gewährt ihnen bis zu einem bestimmten Termin Aufschub. Doch wenn ihr Termin gekommen ist, können sie ihn weder um eine Stunde verschieben noch beschleunigen.“ (Sure 16,61) Daraus kann eine gewisse Tröstung resultieren, wenn der Tod eines Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich Gottes Wille ist. Warum sollte man sich dann gegen das Ende wehren, wodurch auch immer es hervorgerufen wird?
Andererseits ist Gott ein Gott, der unbedingt das Leben will. So glauben wir Christen es. Wie rasch verbirgt sich dann der als vorzeitig oder unzeitig empfundene Tod hinter unendlich vielen Fragen! Hat es Gott gefallen, Katastrophen, Unglücksfälle oder Kriege, eine schwere, tödliche Erkrankung mitten im Leben oder gar über ein Kind hereinbrechen zu lassen? Es war erst in unserer Zeit, als der Schweizer Theologe, Schriftsteller und Lyriker Kurt Marti es wagte, Gottes Gefallen am Tod eines Menschen ins Gegenteil zu verkehren. In seinen berühmten, 1969 verfassten Leichenreden dichtete Marti:
dem herrn unserem gott hat es ganz und gar nicht gefallen dass gustav e. lips durch einen verkehrsunfall starb
Einer zeitgemäßen Theologie will es nicht mehr gelingen, dem Tod eines Menschen einen Sinn abzugewinnen, zumindest keinen, der über das Grundmotiv der allgemeinen Sterblichkeit hinausginge. Es kann Gott nicht gefallen haben, dieses Leben so oder so enden zu lassen, zugleich darf es sich aber auch nicht gegen Gottes Willen ereignet haben. Aber selbst wenn man hinter jedem Sterben, so sehr es uns auch irritieren und verunsichern kann, die Allmacht Gottes postuliert, lässt sich daraus kaum mehr ableiten, was denn als guter Tod zu verstehen sein soll.
Im Tod des Ungerechten mag man rasch eine gerechte Strafe vermuten; dann würde der Tod wieder Sinn machen. Doch woraus resultiert der Tod eines (scheinbar) rechtschaffenen Menschen? Immerhin könnte man hinzufügen, dass niemand ohne Schuld ist, und sei es, dass er die Schuldenlast des ersten Menschenpaares in Gestalt der Erbsünde in sich trägt. Das mag sogar akzeptabel sein, wenn ein Mensch nach einem langen und erfüllten Leben heimkehren darf zu seinem himmlischen Vater. „Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand; der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland“, dichtete Paul Gerhardt 1666. Ist das Leben eine Pilgerreise durch fremde Gestade, dann beginnt an der Schwelle des Todes die Heimkehr zur wahren Bestimmung des Menschen. Kein Tod ist dann vergebens, denn er bringt zurück, was in der Fremde verloren war.
Es soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden, wie tragfähig dieses Grundmuster christlichen Glaubens einst war und heute ist, auch weil dies eine sehr persönliche Frage ist. Aber die Vorstellung vom Tod als Pforte zur wahren Heimat darf nicht dazu führen, den Tod herbeisehnen oder gar herbeiführen zu wollen. Darin sind sich Judentum, Christentum und Islam einig, dass das Leben ein Gottesgeschenk ist, das man nicht leichtfertig oder vorsätzlich wegwerfen darf. Diese Religionen stimmen deshalb darin überein, dass Suizid und bewusste Lebensverkürzung unzulässig sind. Mit einer derartigen Grundhaltung ist die Haltung der Religionen gegenüber den gegenwärtig diskutierten Sterbeszenarien durchaus vorbestimmt. Außer dem von Gott gewollten, bestimmten und natürlichen Sterben kann es einen guten Tod nicht geben.
Dass der Tod für den Menschen unverfügbar ist, belegt auch der stets wiederkehrende Topos von der Ungewissheit der Todesstunde: Mors certa, hora incerta – Der Tod ist gewiss, ungewiss ist die Stunde. Niemand weiß, wie nahe ihm sein Ende, ist und wann es eintritt, denn der Tod kommt wie der Dieb in der Nacht. Zumindest aus dieser Betrachtungsweise ist dem Menschen ein wie auch immer gearteter Eingriff in das Todesgeschehen nicht gestattet, denn er würde die Allmacht Gottes verletzen. Spätmittelalterliche Predigten belegen, dass diese Botschaft ein wichtiger Bestandteil kirchlicher Unterweisung gewesen ist: „Das drit ist das der mensch nit weis / wann er stirbt ob es nachts ist oder tages ob er in dem sumer stirbt oder in dem winter / es ist nichts gewisers wann der tod . Aber nichts ungewiser wann die zeit des todes“, heißt es in einer deutschen Predigthandschrift aus dem Klarissenkloster in Brixen.10
Doch trotz eindeutigem Bekenntnis zum Leben kennen alle drei Religionen das Martyrium, in dem Menschen unter bestimmten Voraussetzungen ihr Leben freiwillig preisgeben. Märtyrerinnen und Märtyrer genießen dabei nicht nur Verständnis, sondern sogar Bewunderung und Verehrung. In der Beurteilung dieses Sachverhaltes tun wir uns leichter, wenn sich die Martyrien unter irgendeinem römischen Kaiser in ferner Vergangenheit ereignet haben. Knochen und Gebeine frühchristlicher Märtyrer ruhen in goldenen Schreinen und fordern zur Andacht heraus. Aber auch noch in den KZs der Nationalsozialisten fanden sich Männer und Frauen, die in altruistischer Weise ihr Leben für andere dahingaben und die unseren Respekt genießen. Schwer tun wir uns mit jenen Märtyrern, die aus Glaubensüberzeugung sich selbst töten und andere mit in den Tod reißen. Entscheidend ist immer der kulturelle oder religiöse Blickwinkel. In keinem Fall können wir mit Sicherheit sagen, dass es Gott gefallen hat. Doch für die, die daran glauben, ist es ein guter Tod.
Was wir für Gottes Willen halten, bleibt trotz aller gelehrten Theologie immer Menschenwerk. Nicht Gottes Wille ist veränderlich, sondern das Denken und Fühlen der Menschen, und so gestaltet sich eine Geschichte des guten Todes im Kontext kultureller Veränderungen, und jede Zeit findet dazu ihre eigene Einstellung. Nichts bleibt unveränderlich gültig. Bis wir uns dem nähern, was in unserer Gegenwart an Sterbeszenarien diskutiert wird, werden wir verschiedenen Konzepten des guten Todes begegnen, die jeweils nur in ihrer Zeit Gültigkeit besaßen. Ob darunter je ein Tod war, der Gott gefallen hat, sei an dieser Stelle doch sehr infrage gestellt.
IV. Der gute und der jähe Tod – im Mittelalter
Die Redeweise vom guten Tod taucht explizit im späten Mittelalter auf, und zwar in konkreter Abgrenzung zum schlechten Tod. Der gute Tod – bona mors – steht dem schlimmen Tod – mala mors – gegenüber. Eindeutig definiert ist der gute Tod als solcher, der bewusst und vorbereitet erlebt wird, und das heißt wiederum, dass der Sterbende versehen mit den Sterbesakramenten aus dem Leben scheidet. Wer einen guten Tod stirbt, hat das Bußsakrament, die letzte Ölung und die Eucharistie empfangen, wodurch ihm seine Sünden vergeben sind. Im Bewusstsein, nach dem Tod vor das göttliche Gericht treten zu müssen, wollte man sich der Heilsmittel der Kirche bedienen. Im Umkehrschluss bedeutete dies, dass der schlechte Tod jener war, der plötzlich und unvorbereitet eintrat. Andere Kriterien für den guten bzw. schlechten Tod kannte das Mittelalter nicht. Gefürchtet waren demnach vor allem Unglücksfälle mit tödlichem Ausgang, oder es herrschte die Angst, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen. Möglicherweise hat die Pest ihren Anteil an dieser Ausprägung des Todesverständnisses. Seit 1347 überzog sie in mehreren Wellen ganz Europa und hinterließ vielerorts chaotische Verhältnisse, in denen weder eine medizinische noch eine seelsorgerliche Versorgung der Erkrankten möglich war. Und sie starben ohne priesterlichen Beistand einen schlimmen Tod. Die Sorge um den jähen Tod war außerdem durch eine theologische Entwicklung gesteigert worden, die das Seelenheil ganz vom Verhalten in der Sterbestunde abhängig machte. Nur wer hier geistlichen Beistand erfuhr, durfte auf ein gnädiges Gericht hoffen.
ars moriendi – die Kunst zu sterben
Eine Unterweisung im rechten Sterben bot die im 15. Jahrhundert entstandene Gattung von Erbauungsschriften, die unter dem Namen ars moriendi bekannt ist – die Kunst des Sterbens. Solche Sterbehandbücher waren zunächst für die Seelsorger gedacht, erfuhren jedoch vor allem durch ihre Bebilderung eine populäre Verbreitung. Die Illustrationen stellen den Sterbenden in jeweils antithetischen Bildpaaren gegenüber, einmal umringt von Teufeln und Dämonen, die versuchen, ihn vom Glauben abzubringen, das andere Mal umsorgt von Engeln, Heiligen und der Gottesmutter, die ihn unter Verweis auf den erlösenden Tod Jesu am Kreuz im Glauben bestärken wollen. Die Kunst des Sterbens bestand also darin, den Versuchungen der bösen Geister zu widerstehen und den Glauben zu bewahren.
Doch konnte man sich dieses Beistandes angesichts der Möglichkeit eines unvorbereiteten Todes nicht sicher sein, und aus der Sorge vor einem jähen Tod schuf sich der Volksglaube Abwehrstrategien gegen den schlimmen Tod. Schon um 1300 wurden in Predigten die Segnungen der Messfeier beschrieben: „Wer den Leib des Herrn in der Messe gesehen, wird an diesem Tag weder der notwendigen Nahrung entbehren, noch wird er das Augenlicht verlieren oder ihn gar der Tod treffen, und sollte er doch plötzlich sterben, so gilt er von Gott mit den Gnaden des Sakraments versehen.“11 Daraus entwickelte sich der Brauch, täglich in die Kirche zu laufen, um zumindest einen kurzen Blick auf die in einer Monstranz auf dem Altar ausgesetzte Hostie zu werfen, und diese Augenkommunion wurde gewissermaßen zum Garant, an diesem Tag keinen jähen Tod erleiden zu müssen.
Der heilige Christophorus bewahrt vor dem jähen Tod
Eine wichtige Rolle im Volksglauben spielte auch der heilige Christophorus. Ein Blick auf seine Gestalt sollte ebenfalls vor dem jähen Tod bewahren. Vermutlich hängt dieser Volksglaube eng mit der eben geschilderten Augenkommunion zusammen, denn der Heilige trägt Christus in bzw. auf sich. Daraus sind die an vielen Kirchen oder Kirchtürmen gemalten, weit überlebensgroßen Darstellungen des Heiligen abzuleiten. Nicht selten erreichen sie eine Höhe von fünf, sechs Metern und waren aufgrund ihrer Größe weithin sichtbar. Durch seinen Anblick glaubte man sich für diesen Tag vor dem jähen Tod geschützt.12
Vermutlich reicht diese Hinwendung zum Heiligen schon ins 12. Jahrhundert zurück, nachweislich erscheint er in der Funktion des Patrons wider den jähen Tod auf einem Holzschnitt, dem sog. Buxheimer Christophorus, dessen holprige lateinische Beischrift ausdrückt, dass sein täglicher Anblick vor dem bösen Tod (mala mors) schützt. „Cristofori faciem die quacumque tueris, Illa nempe die morte mala non morieris. Millesimo CCCC XX tertio“ – Betrachtest du das Antlitz des Christophorus an diesem Tag, so wirst du an jenem Tag fürwahr den bösen Tod nicht sterben. 1423. Dieser Holzschnitt stammt aus dem Allgäuer Kartäuserkloster Buxheim bei Memmingen und ist auf 1423 datiert.13 Ähnliche Christophorus-Drucke sind etwa fünfzig bekannt, sie waren also eine weit verbreitete Massenware. Man trug sie bei sich, um sich sein Bild ständig vergegenwärtigen zu können. Reisende schufen sich einen billigen Tragaltar, indem sie Blätter mit dem Heiligenbild auf die Innendeckel ihrer Truhen hefteten. Aber Christophorus hielt auch Einzug in die Häuser und Wohnstuben, die seit dem 15. Jahrhundert zunehmend mit Bildern für die private Frömmigkeit ausgestattet wurden.14
Freilich wollten alle diese Vorkehrungen das Gebet um eine gute Sterbestunde nicht ersetzen, und so betete man für einen guten Tod. Im Wissen darum, dass man diese Gebete aus Nachlässigkeit, Vergesslichkeit oder welchen Gründen auch immer auch versäumen konnte, konnte man derartige Gebetsanliegen einer entsprechenden Bruderschaft anvertrauen. Im breiten Spektrum solcher Gebetsgemeinschaften, bei denen das Totengedenken immer gepflegt wurde, entstanden seit dem 15. Jahrhundert besondere Gut-Tod-Bruderschaften, welche die Bruderschaftsmitglieder in ihre Fürbitten um einen guten Tod aufnahmen.
Wie sehr sich die Betrachtungsweise geändert hat, zeigt der Funktionswandel des Heiligen, der den Autofahrern der Nachkriegszeit zu einem beliebten Amulett geworden war. Als Aufkleber oder Metallplakette prangte Christophorus am Armaturenbrett und sollte Fahrer und Insassen vor einem Unfall bewahren – nicht jedoch vor dem jähen Tod in seinem ursprünglichen Sinn. Er sollte vielmehr vor Verletzung oder schlimmeren Unbill generell bewahren. Gott schütze dich oder Komm heil an lauteten deshalb auch die Aufschriften. Heute ist er eher selten zu finden, denn die Fahrer moderner Kraftwagen vertrauen lieber auf EPS, ABS, Airbag oder andere technische Fahrassistenten. Der Funktion, er sei Retter und Bewahrer, ist auch die Namensgebung der Rettungshubschrauber geschuldet, die den Namen Christophorus tragen. Eher erinnert an die Sorge vor dem jähen Tod der SOS-Aufkleber, der seit den 1950er-Jahren im Falle eines schweren Unfalls den Beistand eines Geistlichen erbittet: Ich bitte bei schwerem Unfall und Lebensgefahr um Ihre Hilfe und Ihren Beistand. Beten Sie mit mir und, wenn möglich, rufen Sie auch einen Seelsorger. Wer auf seinem Kraftfahrzeug die SOS-Plakette angebracht hat oder diese sichtbar bei sich trägt, lässt erkennen, dass er bei Lebensgefahr oder Tod nach einem katholischen Priester verlangt. Aber auch diese Aufkleber sind selten geworden, wenngleich sie heute immer noch vertrieben werden.
Noch radikaler zeigt sich der Mentalitätswandel jedoch darin, dass die Mehrheit der Deutschen einen raschen und plötzlichen Tod wünscht. Exemplarisch sei der Refrain aus einem Lied von Reinhard Mey zitiert, in dem er sein Ende bedenkt, Wenn’s wirklich gar nicht anders geht:
Ich möcht’ im Stehen sterben. Wie ein Baum, den man fällt, Eine Ähre im Feld, Möcht’ ich im Stehen sterben.
In einer Emnid-Umfrage im Auftrag der Deutschen Hospiz-Stiftung äußerten sich mehr als 60 % der Befragten in diesem Sinne. Ein Viertel gab an, sich darüber noch keine Gedanken gemacht zu haben, und lediglich 12 bzw. 14 % gaben an, einen begleiteten bzw. bewussten Tod vorziehen zu wollen.15 Die Wirklichkeit ist allerdings anders, denn 95 % sterben an Krankheiten, und der Sterbeprozess verläuft über Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre. Gerade die Furcht vor einem langen Siechtum, vor unwürdigen Umständen des Leidens und Sterbens hat die Angst vor dem unvorbereiteten Tod in Sünde verdrängt. Gleichwohl weiß man nicht, was in den Angehörigen vorgeht, wenn sie über die Todesanzeige setzen: plötzlich und unerwartet. Man wird unterscheiden müssen, ob die Frage nach dem guten Tod aus der Sicht des Betroffenen oder der Angehörigen gestellt wird. Mag aus der Perspektive des Betroffenen der plötzliche Tod erbarmungsvoller erscheinen als eine lange Leidenszeit, so kann ein unerwarteter Tod für die Angehörigen wie ein Schock wirken.
Jesus, Maria und Josef
Die Pest mag im ausgehenden Mittelalter einer der Auslöser der Angst vor dem jähen Tod gewesen sein, doch es kam noch eine weitere Entwicklung dazu, durch die die Angst vor dem Tod geschürt und das Verlangen nach einem Beistand im Sterben befördert wurde. Die Vorstellung vom Fegefeuer als einem Reinigungsort der abgeschiedenen Seelen gab es zwar schon vereinzelt in der Alten Kirche, doch erst ab dem 12. Jahrhundert begann es das volkstümliche Denken zu beherrschen. Es hat fast den Anschein, als wäre die Furcht vor dem Fegefeuer größer gewesen als vor der ewigen Verdammnis. Im allgemeinen Denken scheinen sich Fegefeuer und Hölle überlappt zu haben. Zugleich verbreitete die Kirche die Lehre, man könne durch verschiedene fromme Vorkehrungen die Zeit der Qualen im Fegefeuer abkürzen. Ein Weg war, sich im Sterben des Beistandes Christi und seiner Heiligen zu versichern, und an erster Stelle stand die Gottesmutter, deren Fürsprache sich der Mensch im Tode anvertraute. Es kommt nicht von ungefähr, dass das bereits seit dem 11. Jahrhundert geläufige Ave Maria genannte Mariengebet im 13. Jahrhundert um die Bitte des Beistandes in der Todesstunde erweitert wurde: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes.“
Der heiligen Mechthild von Hackeborn (1241–1299), einer großen Mystikerin aus dem Kloster Helfta bei Eisleben, gab Maria für das tägliche Beten von drei Ave Maria das folgende Versprechen: „Ich werde dir in der Todesstunde beistehen, dich trösten und alle Macht des Teufels von dir fernhalten. Ich werde dir das Licht des Glaubens und der Erkenntnis eingießen, damit dein Glaube nicht durch Unwissenheit oder Irrtum versucht werde. Ich werde dir in der Stunde des Hinscheidens nahe sein und in deine Seele die Wonne der göttlichen Liebe überströmen lassen, damit kraft ihrer Übermacht alle Todespein und Bitterkeit durch Liebe sich in Glückseligkeit wandle.“ Überliefert ist diese Verheißung im Buch der besonderen Gnade16, das zu Beginn des 14. Jahrhunderts rasch eine weite Verbreitung gefunden hatte. So ist verständlich, dass sich die Jungfrau Maria zur vorzüglichsten Sterbepatronin entwickelte, der die Menschen ihre Bitte um einen guten Tod anvertrauten. Inwieweit diese Verheißung Mariens nicht nur der Linderung der seelischen, sondern auch der körperlichen Todespein gilt, lässt sich aus diesem Text freilich nur schwer erheben.
Gleich neben Maria nimmt Josef, der Nährvater Jesu, den Rang des vorzüglichsten Sterbepatrons ein, zu dem man in Todesnöten Zuflucht nimmt. Zwar erzählt das Evangelium nichts von seinem Tod, aber in der Überlieferung wird ihm zugeschrieben, ihm sei die Gnade zuteil geworden, im Beisein von Christus und Maria sterben zu dürfen. Hatte Josef ihren Beistand erfahren, so konnte er seinerseits zum Patron der Sterbenden werden, wie es ausdrücklich im Katholischen Katechismus (Nr. 1014) dem Gläubigen anempfohlen wird, sich auch an Josef zu wenden: „Die Kirche ermutigt uns, uns auf die Stunde des Todes vorzubereiten, die Gottesmutter zu bitten, in der Stunde unseres Todes für uns einzutreten, und uns dem hl. Josef, dem Patron der Sterbenden, anzuvertrauen.“ Vor allem in der Barockzeit wurde der Tod des heiligen Josef zu einem beliebten und verbreiteten Bildmotiv. Christus und Maria stehen an seinem Sterbebett und trösten ihn. Als Zeichen des Trostes und der himmlischen Verheißung hält Josef die Sterbekerze in den Händen.
Somit bilden Jesus, Maria und Josef die Trias der wichtigsten Sterbepatrone, und ihre gleichzeitige Anrufung geschah in höchster Todesnot. Das muss in Zeiten, als die Todesgefahr durch die verschiedensten Umstände größer war als heute, sehr häufig geschehen sein – so häufig, dass sich der zumal im Süddeutschen zu Jesses, Maria und Josef mutierte Schreckensruf bald auch in weniger dramatischen Lebenslagen fand. Schon bei Kleinigkeiten entfuhr den Menschen dieses kurze Stoßgebet und zeigt, wie volkstümlich diese Trias geworden war. Außerdem konnten die Namenspatrone oder die Zunftheiligen in Sterbensnöten angerufen werden. Alle Schutzheiligen, die sich die Zünfte oder Berufsgruppen erwählt hatten, konnten als Sterbepatrone angerufen werden, etwa die heilige Barbara bei den besonders gefährdeten Bergleuten. Es gab noch keinen Sanitäter oder Notarzt, den man hätte rufen können, um das Leben zu retten; stattdessen vertraute man sich den Mittlern zwischen Himmel und Erde an, damit, wenn schon nicht das Leben, dann wenigstens die Seele gerettet würde.
Seelgeräte
Bildeten das Gebet und die Anrufung der Sterbepatrone den spirituellen Teil der Vorsorge für einen guten Tod, so konnte man das Seelenheil zusätzlich durch gute Werke und materielle Leistungen absichern. Die Kirche bot dem Menschen an, sich auf verschiedenen Wegen einen Schatz im Himmel anzulegen, der dann gegen die zeitlichen Strafen im Fegefeuer aufgewogen wurde. Die Summe dieser Vorsorgemöglichkeiten bezeichnet man als Seelgerät. Die Vorstellung, man könne irdische und vergängliche Dinge in himmlische und ewige Güter verwandeln, führte im Alltag zum Almosengeben, nährte aber auch den Entschluss, der Kirche zu Lebzeiten oder posthum Teile des eigenen Vermögens zu vermachen. Daraus resultierten kleinere, größere und umfassende Stiftungen zugunsten von Kirchen und Klöstern. Die damit verbundene Vergewisserung, Sterben und Tod letztlich zu einem guten Ende führen zu können, war eine ungeheure Motivation, sich von irdischem Reichtum zumindest in Teilen zu trennen. Daraus bestritten kirchliche Institutionen ihre Aufgaben, häuften damit selbst Reichtum an, leisteten damit aber auch ihren seelsorgerlichen Beitrag zur Besänftigung der Angst vor dem Tod.
Theologisch gesehen, konnten all diese Seelgeräte zwar nur die zeitlichen Strafen im Fegefeuer verkürzen helfen, doch in der Volksfrömmigkeit hatten sich Fegefeuer- und Höllenstrafen miteinander verquickt. Man hegte durchaus die Vorstellung, durch materielle Leistungen auch der ewigen Verdammnis entgehen zu können. Deshalb waren auch die Ablassprediger so erfolgreich, die selbst gegen kleines Geld wahrhaftige Erlösung versprachen. Ihr berühmtester und erfolgreichster Vertreter seiner Zunft, der Dominikanermönch Johann Tetzel, hatte mit seiner Parole Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel im Himmel springt überaus großen Zulauf. Selbst die Armen waren bereit, sich zugunsten ihres Seelenheiles von einem Groschen zu trennen. Immerhin hatte der Ablasshandel sogar die Möglichkeit eröffnet, etwas für das Seelenheil der bereits Verstorbenen zu tun: Wenn ihr mir euer Geld gebt, dann werden eure toten Verwandten auch nicht mehr in der Hölle schmoren, sondern in den Himmel kommen, soll Tetzel marktschreierisch verkündet haben. Den Menschen war es recht, denn die Angst vor dem Tod und vor allem vor dem, was danach kommt, war groß. Zugunsten ihrer Verstorbenen bezahlten sie Seelenmessen und sorgten durch Messstiftungen zu Lebzeiten dafür, dass auch für sie selbst nach ihrem Tod Seelenmessen gelesen wurden.
Unverkennbar verfolgten die Stiftungen neben ihrem religiösen Charakter die profane, innerweltliche Absicht, das Gedächtnis an die Person über den Tod hinaus zu bewahren. In vielen Kirchen bestand die gesamte Ausstattung vom Abendmahlkelch bis zum Altar aus gestifteten Objekten, die mit dem Hinweis auf den Namen des großzügigen Spenders versehen waren. Selbst Türen und Fenster waren oftmals fromme Gaben. Sie dienten der Bewahrung vor dem sozialen Tod und legten die Grundlage für ein fortdauerndes Gedenken. Diese Entwicklung ist seit dem Ausgang des Mittelalters zu beobachten und schlug sich auch in der Gestaltung und Beschriftung von Grabsteinen nieder. Zu einem üblichen Motiv der Vorsorge für die Zeit nach dem Tod wurden die Stiftungen seit der Mitte des 16. Jahrhunderts, nachdem durch die Reformation die Hoffnung zunichte gemacht worden war, man könne durch Geld und Testament sein Seelenheil sichern. An die Stelle einer religiös motivierten Vorsorge war der Wunsch nach einer innerweltlichen memoria getreten. Der Wunsch, nicht umsonst gelebt zu haben, hatte alle erfasst, die zu Lebzeiten eine gewisse soziale Stellung in der Gesellschaft eingenommen hatten.17 Es ist die Zeit der Renaissance, in der sich der Mensch als Individuum begreift und beginnt, die Spanne seines Lebens für einmalig und erinnerungswürdig zu halten. Die Hoffnung auf das Leben nach dem Tod genügte nicht mehr, und man wollte festhalten, was eigentlich vergänglich ist. Ein Lebenswerk geschaffen und vollendet zu haben besaß einen tröstlichen Aspekt.
Die Epoche hat begonnen, in der die Sorge um einen guten Tod sich nicht mehr auf das Seelenheil allein fokussierte, sondern auch das Leben in den Blick nahm. Es konnte doch nicht sein, dass alles vergebens war, denn die irdische Existenz hatte einen eigenen Wert angenommen. Es sollte doch etwas bleiben von der Spur des Lebens. Seit dieser Zeit wächst allein die Zahl der Namen, die erinnert werden, verbunden mit Grabsteinen, Stiftungen und schließlich Straßennamen und Nachschlagewerken. Nur der ist wirklich tot, der vergessen ist. Oder er lebt zumindest im Herzen seiner Lieben fort. Sang- und klanglos von der Welt zu verschwinden stand als neue Sorge vor dem Tod im Raum.
V. Der sanfte und der selige Tod – Gedanken der Reformation
Mit der Reformation hatte sich viel verändert, aber nicht alles. Aus theologischen Gründen hatte man zwar die Bedeutung der Sterbestunde für das Seelenheil drastisch reduziert, ihr aber weiterhin große Aufmerksamkeit gewidmet. In der Literaturgattung der Leichenpredigten, die zwischen 1550 und 1750 ihre größte Blüte vor allem im lutherischen Raum erlebte, nahm neben der Leichenpredigt und der Abhandlung des Lebenslaufes des Verstorbenen die Schilderung seines Sterbens einen breiten Raum ein. Idealerweise konnte davon berichtet werden, dass der Sterbende im größten Gottvertrauen sanft entschlief.18 Konkret wird beschrieben, dass sich seine Glieder nicht verkrampften und ebenso sich seine Augen nicht verdrehten, er nicht klagte und keine Angst äußerte, sondern stattdessen betend und fromme Lieder singend seine Augen schloss. Solch sanftes Sterben galt gewissermaßen als Beleg dafür, dass dieser Mensch ein gottgefälliges Leben geführt hat und deshalb mit größter Zuversicht seinem Richter entgegentreten konnte. Vermutlich entstand dieser Topos auch deshalb, um gegenüber den Katholiken zu verdeutlichen, dass man auch als Protestant auf ein seliges Ende vertrauen konnte. Daraus kann man schließen, dass aus reformatorischer Sicht ein guter Tod darin gesehen wurde, sanft und ohne Qual sterben zu dürfen, weil man sein Leben auf Gott und die verheißene Gnade in Jesus Christus ausgerichtet hatte.
Freilich wird man nicht annehmen dürfen, dass der solcherart beschriebene gute Tod der Regelfall war. Man wird angesichts der medizinischen Möglichkeiten dieser Zeit eher vermuten müssen, dass Sterben viele Facetten hatte, dass es leichten und schweren Tod, langsames und rasches Sterben gab. Interessant ist jedoch, dass die Inanspruchnahme ärztlichen Beistandes nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten war. Zumindest in den gehobenen Schichten, die sich allein den Druck solcher Leichenpredigten leisten konnten, wurden Arzt und Medikamente reichlich in Anspruch genommen. Das war auch theologisch begründet, denn dem Menschen war es nicht erlaubt, den Tod durch Unterlassung ärztlichen Beistandes herbeizuführen; er musste alles daran setzen, das Leben zu erhalten. So wenig man als frommer Christ den Tod herbeisehnen wollte, um endlich bei Christus zu sein, „so wenig dürfe man den Tod selbst herbeiführen helfen und seinen Zeitpunkt festsetzen“. Galt also schon die Verweigerung medizinischer Hilfe als unchristlich, so wäre erst recht eine bewusste Sterbehilfe abzulehnen, die es so allerdings damals noch gar nicht gab.
Verallgemeinernd kann man sagen, dass ein vorbereiteter Tod mit einer sanften Sterbephase als Ideal galt. Gleichwohl gab es eine veränderte Einstellung gegenüber dem jähen Tod, den die katholischen Glaubensgenossen so fürchteten. Der jähe Tod bedeutete nur noch für den Ungläubigen ein schlimmes Ende, weil er keine Gelegenheit mehr fand, sich zu bekehren. Für den Frommen jedoch, der ohnehin im Glauben lebte, konnte der Tod kommen, wann immer er wollte: „Ein schneller gäher Todt ist wol erschröcklich dem Gottlosen, so in seinen Sünden ergriffen wirdt, Den frommen ist es ein gnediger Tod, dann derselbig ist gerüst, willig und bereyt, es komb Gott, wann er wöll“, heißt es in einer Leichenpredigt.
Schildern demnach die Leichenpredigten einen sanften Tod, so müssen sie als eine verklärte Sichtweise eingestuft werden. Neben der Funktion, den Angehörigen Trost zu spenden, die ihren Heimgegangenen nun in der göttlichen Obhut wähnen durften, verfolgten sie zudem eine pädagogische Absicht. „Leichenpredigten waren in erster Linie eine Form der Erbauungsliteratur, dazu bestimmt, am Beispiel des oder der Verstorbenen das rechte christliche Sterben zu lehren.“ Damit stehen die Leichenpredigten durchaus in der Tradition der mittel- und spätmittelalterlichen Sterbeliteratur, zu der auch die ars moriendi gehörte. Einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Sterbeschilderungen innerhalb der gedruckten Leichenpredigten hat die von Justus Jonas verfasste Beschreibung des Sterbens Martin Luthers ausgeübt, die der Freund des Reformators unmittelbar nach dessen Tod verfasst hat. Luther ist krank. Am vorletzten Tag seines Lebens, so erzählt Jonas, hört man aus der Kammer des Reformators Gebete. Abends nahm er noch am Abendessen teil, habe trotz Beschwerden gut gegessen und sei fröhlich gewesen. Als er sich dann schlafen legte, habe er mit den Worten aus Psalm 31 erneut gebetet: „In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.“ Als Luther kurz nach Mitternacht unter Schmerzen wieder aufwacht, rechnet er nüchtern mit seinem baldigen Tod. Nun verlangte er nach dem Stadtschreiber, den beiden Ärzten der Stadt und Graf Albrecht mit seiner arzneikundigen Frau. Er schwebt nun zwischen Leben und Tod, wobei man ihm mit warmen Tüchern und durch das Einreiben mit Rosenöl und Aquavit Linderung verschafft. Schließlich wird er von Justus Jonas gefragt, ob er auf den Namen Christi sterben und dessen Lehre bekennen wolle, worauf Luther mit einem einfachen Ja antwortete. Darauf schlief Luther friedlich ein. Luthers Sterben geriet zu einem exemplarischen Sterben, und die wichtigsten Stationen finden sich in vielen Leichenpredigten.
Ist ein Mensch schwer erkrankt, so bedenkt er zwar seinen möglichen Tod, doch zunächst wird die ärztliche Kunst bemüht, um sein Leben zu erhalten. Zeichnet sich jedoch ab, dass sich die Krankheit deutlich verschlechtert, so fällt es dem Menschen nicht schwer, sich auf den Tod vorzubereiten. Er ordnet seine weltlichen Dinge, um sich dann von ihnen abzuwenden. Er verlangt nach einem Geistlichen, beichtet seine Sünden, verlangt nach der Absolution und wünscht das Abendmahl zu nehmen. Wenn er allen, die ihm etwas schuldig sind, vergeben und seinerseits Vergebung erfahren hat, so verabschiedet er sich von seinen Angehörigen und Freunden. Er verbringt die Zeit mit Beten, Singen und dem Lesen erbaulicher Schriften. Auftretende Schmerzen erträgt er geduldig und bekennt, dass er unverbrüchlich an seinem Glauben festhält und dass er sich nun danach sehnt, diese Welt gegen das himmlische Leben einzutauschen, um schließlich sanft zu entschlafen.
Bis zum Ende der Blütezeit der Leichenpredigten um 1750 blieb das sanfte, von schweren körperlichen Beeinträchtigungen verschonte Sterben ein entscheidendes Kriterium für den guten Tod. „Die Formeln vom Tod, der sanft und selig, sanft und still usw. eintritt, sind meist unmittelbar verbunden mit vielfältig variierten, toposartigen Aussagen darüber, dass im Moment des Sterbens keine noch so kleine äußere Veränderung zu bemerken war“, resümiert Werner Friedrich Kümmel in seiner Analyse von mehr als 3000 ausgewerteten Leichenpredigten. Ein leidloser Tod erscheint als idealtypisches Sterben des frommen Menschen. Erst nach der Mitte des 18. Jahrhunderts scheint sich die Beurteilung des Sterbens vom rein körperlichen Aspekt hin zur friedlichen Seelenstimmung zu verschieben. Nun werden zunehmend ein verklärter Gesichtsausdruck bzw. eine fröhliche Miene zum Indikator für ein gutes Sterben.
Pulsuz fraqment bitdi.