Kitabı oxu: «Sword Art Online – Alicization– Light Novel 13»

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Intermezzo IV
6. Juli 2026

Das Forschungsschiff »Ocean Turtle«, eine gigantische Konstruktion, die knapp 400 Meter lang und 300 Meter breit war, bestand aus zwölf Decks, auch Ebenen genannt.

Zum Vergleich: Das größte Kreuzfahrtschiff der Welt, die »Oasis of the Sea«, war kleiner und hatte achtzehn Decks – die »Ocean Turtle« vermittelte also einen Eindruck von noch größerem Luxus. Da sie aber nicht dem Vergnügen, sondern der Meeresforschung diente, ergab es Sinn, dass die verschiedenen Geräte zur Beobachtung und Analyse zusätzlichen Raum benötigten. Asuna jedenfalls würde sich mit Sicherheit nicht über die zusätzliche Kopffreiheit beschweren.

Das erste Deck unterhalb der Wasserlinie war das Schwimmdeck, das zweite direkt darüber das Maschinendeck und auf den Decks drei bis acht waren die verschiedenen Forschungsbereiche untergebracht: Meeresbiologie, Tiefseeressourcen, Plattentektonik und so weiter. Auf den Decks neun und zehn befanden sich die Kabinen, das elfte diente der Entspannung: Sportanlagen, Trainingsräume und ein Pool, und auf dem zwölften und obersten Deck waren Radar, Antennen und Beobachtungspunkte untergebracht.

Offiziell gehörte die »Ocean Turtle« JAMSTEC, der japanischen ozeanischen Forschungs- und Entwicklungsorganisation, aber das war nur die halbe Wahrheit. Da das Schiff von einem inländisch produzierten Atomreaktor angetrieben wurde, hatte es mit Unterstützung des Militärs gebaut werden müssen und wurde auch jetzt, wo es operabel war, permanent von Soldaten bemannt.

Außerdem stand der Hauptschacht – die Säule aus einer Komposit-Aluminiumlegierung, die durch das Zentrum des Schiffs verlief – vollständig unter der Verwaltung des Militärs. Dort wurden streng geheime Forschungen betrieben, die nichts mit Meeresforschung zu tun hatten. Sie replizierten neugeborene Seelen und züchteten sie in einer virtuellen Umgebung, um die erste echte künstliche Existenz zu schaffen: Projekt Alicization.

Montag, 6. Juli 2026, 7:45

Nach einem Besuch bei Kazuto Kirigaya (Kirito), der sich immer noch im medizinischen Bereich des oberen Schachts erholte, frühstückte Asuna Yuuki zusammen mit Dr. Rinko Koujiro, einer Expertin auf dem Gebiet der Full-Dive-Technologie, in der Lounge auf Deck elf.

Es war kein luxuriöses Kreuzfahrtschiff, aber das Essen vom Büffet war ziemlich gut – nicht dass Asuna sich beschwert hätte, nicht, wenn Oberstleutnant Seijirou Kikuoka sie mit einem Fingerschnippen in die Brig hätte werfen lassen können, falls es so etwas hier überhaupt gab.

Ihr gegenüber spießte Rinko mit ihrem Messer ein weißes Stück frittierten Fisch auf und begutachtete es. »Glaubst du, dass sie den Fisch hier gefangen haben?«

»Ich … ich weiß nicht …«, erwiderte Asuna und betrachtete den Fisch auf ihrem eigenen Teller. Sie steckte sich ein Stück in den Mund. Der blasse Fisch war weich und krümelig, aber saftig. Er war offensichtlich sehr frisch, aber sie wusste nicht, ob man auf offener See einfach eine Angelrute auswerfen und etwas fangen konnte.

Asuna legte ihr Messer hin und griff nach ihrem Glas Eistee, während sie sich nach links wandte, um aus dem Fenster zu blicken. Die ruhige Meeresoberfläche war dunkel und glatt, kein Fischerboot war zu sehen und schon gar keine Fische.

Wenn sie darüber nachdachte, wusste sie nur, dass die »Ocean Turtle« irgendwo zwischen den Izu-Inseln lag, die sich von Nord nach Süd über einen weiten Bereich des Ozeans erstreckten. Hachijojima lag im Zentrum des Archipels und die Insel selbst war gute dreihundertzwanzig Kilometer von Tokyo entfernt.

Wenn sie ihr Handy frei hätte benutzen können, hätte sie einfach ein Kartenprogramm öffnen können, um ihre genaue Position zu bestimmen, aber aus Gründen der Sicherheit war es ihr nicht gestattet, sich ins WLAN des Megaschiffs einzuloggen. Sie konnte immer noch ihre gespeicherte Musik hören, was besser war, als das Handy ganz abgenommen zu bekommen, aber es war frustrierend, ein Smartphone zu haben, es aber nicht nutzen zu können, um sofort Informationen abzurufen. So frustriert war sie nicht mal während SAO gewesen, als sie überhaupt keine Möglichkeit gehabt hatte, im Internet zu recherchieren oder Nachrichten aus der realen Welt zu empfangen.

Asuna spülte ihren Ärger mit ihrem Eistee hinunter und versuchte, auf andere Gedanken zu kommen. Ihre Wut über den fehlenden Internetzugang war einfach nur ein Symbol für ihren grundsätzlichen Mangel an notwendigen Informationen.

War das, was Seijirou Kikuoka und Takeru Higa ihr gestern über ihr Projekt erzählt hatten, wirklich die volle Wahrheit? Umgaben ihr Testuniversum, Underworld, weitere Geheimnisse, die sie noch nicht enthüllt hatten? Und hatte Schwester Natsuki Aki die Wahrheit gesagt, als sie behauptet hatte, dass Kazuto morgen in STL-Einheit 4 aufwachen würde?

Die ersten beiden Fragen waren eine Sache, aber sie musste ihre Zweifel über Letzteres beiseiteschieben. Sie musste jetzt zuversichtlich sein. Am 7. Juli würde sich Kazutos beschädigtes neuronales Netzwerk regeneriert haben und er würde aufwachen. Asuna musste am selben Abend einen Helikopter nach Tokyo besteigen, aber wenigstens würde sie Zeit haben, mit ihm zu sprechen. Sie würde den Körper berühren können, der sich geopfert hatte, um sie zu beschützen.

Der Gedanke an diesen Moment gab ihr eine gewisse innere Stärke. Sie aß weiter und fragte Rinko: »Weißt du, wo genau sich dieses Schiff befindet? Ich habe nur gehört, dass es zwischen den Izu-Inseln liegt.«

»Ehrlich gesagt, genauer weiß ich es auch nicht …« Rinko hatte ihren Fisch aufgegessen und griff in ihre Manteltasche, um ihr Handy herauszuholen, bis ihr einfiel, dass sie sich ohnehin nicht mit dem Internet verbinden konnte. Sie verzog das Gesicht. »Ich bin mir sicher, Higa meinte, dass wir hundertsechzig Kilometer westlich von Mikurajima seien … oder war es Miyakejima?«, überlegte sie und wandte sich dann dem Fenster zu, das für ein Schiff verhältnismäßig groß war. Asuna folgte ihrem Blick und betrachtete wieder die blauschwarze Wasseroberfläche.

Hinter ihnen schien die Morgensonne durch die Fenster, was bedeutete, dass sie nach Westen blickten. Wenn es stimmte, dass die »Ocean Turtle« im westlichen Gebiet der Izu-Inseln lag, könnten sie weder Mikurajima noch Miyakejima sehen und schon gar nicht die japanische Hauptinsel Honshu.

Während ihr Blick von rechts nach links schweifte, konnte Asuna ein Staunen nicht unterdrücken. Dort draußen glitzerte etwas in der Morgensonne, das sie beim letzten Mal nicht bemerkt hatte. Etwas Künstliches und Schmales weit draußen auf See – ein Schiff. Ohne zu wissen, wie weit es entfernt war, war es schwer zu beurteilen, wie groß es tatsächlich war, aber es wirkte sehr groß.

»Rinko, sieh mal«, sagte sie, legte ihr Messer hin und deutete in die entsprechende Richtung.

Die andere Frau kniff die Augen zusammen und murmelte: »Das ist ein Schiff. Und höchstwahrscheinlich … nicht das Fischerboot, das unser Frühstück gefangen hat …«

»Nicht? Woher weißt du das?«

»Dafür ist es zu groß und die Farben sind zu gedeckt. Außerdem … hat es einen Haufen Antennen.«

Rinko stand auf und ging zum Fenster. Asuna schloss sich ihr an. Sie hatte keine Sehschwäche, allerdings ließ der Dunst, der vom Wasser aufstieg, das ferne Schiff undeutlich und verschwommen erscheinen. Doch in der Tat schien der Mast in der Mitte des Schiffs eine Reihe runder Satellitenschüsseln zu tragen. Er erinnerte an den gewaltigen Antennenmast, der sich aus dem obersten Deck nicht weit über ihnen erhob. Das Design des Schiffs wirkte kantig, nicht wie ein Fischerboot, eher wie ein Transportschiff oder …

»Ein Kriegsschiff …?«, flüsterte Asuna.

Hinter ihr erklärte eine eifrige Stimme: »Das ist ein japanisches Schiff. Dieses Land besitzt keine Kriegsschiffe.«

Die beiden Frauen drehten sich um und standen einem Mann in einer reinweißen kurzärmligen Uniform gegenüber, der ein Frühstückstablett trug. Leutnant Nakanishi.

»Guten Morgen, Herr Nakanishi.«

»Guten Morgen.«

Der groß gewachsene Mann stellte sein Tablett auf einem nahen Tisch ab und verbeugte sich zackig. »Guten Morgen, Dr. Koujiro, Fräulein Yuuki.«

»Möchten Sie sich zu uns setzen?«, bot Rinko an.

Er schien darüber nachzudenken, und stimmte dann zu. Asuna und Rinko warteten, bis er sein Tablett herübergebracht hatte, bevor sie sich wieder setzten. Der Offizier gönnte sich ein militärisch-herzhaftes Frühstück: Eier, Speck und Salat türmten sich auf seinem Teller.

»Wie ist das Frühstück hier im Vergleich zur Armee?«, fragte Rinko – eine eher heikle Frage.

Nakanishi verzog das Gesicht und nahm seine Gabel. »Um ehrlich zu sein, ist es hier ein bisschen besser. Die Tomaten und Gurken werden zum Beispiel auf dem Schiff angebaut.«

»Was? Es gibt hier einen Garten?«, brach es aus Asuna hervor.

Der Offizier strahlte vor Stolz. »Ganz recht. Auf Deck acht. Es ist ein Experiment zur groß angelegten Meereslandwirtschaft.«

»Deshalb schmecken die Tomaten also so salzig«, scherzte Rinko.

»Wirklich?«, erwiderte er und schob sich eine Scheibe in den Mund.

Asuna konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. Sie nahm ihr Besteck wieder auf und aß weiter. Dann erinnerte sie sich an das Erste, was Nakanishi gesagt hatte.

Er hatte behauptet, dass Japan keine Kriegsschiffe hätte, aber das konnte nicht stimmen. Er war ein Offizier der Marine der Verteidigungsstreitkräfte, also musste er doch auf einem Kriegsschiff arbeiten … oder nicht? Oder war die Logik dahinter, dass die Verteidigungsstreitkräfte keine Armee im eigentlichen Sinne waren und deshalb auch keine »Kriegs«schiffe hatte? Dann musste das Schiff da draußen …

Erneut blickte Asuna aus dem Fenster und musterte die riesige, kantige Silhouette. »Wenn das kein Kriegsschiff ist, ist es dann … ein Verteidigungsschiff?«

»Fast. Die Schiffe der Verteidigungsstreitkräfte nennt man Begleitschiffe«, antwortete Nakanishi mit einem Grinsen. Auch er drehte den Kopf, um es zu betrachten. »Dieses Schiff ist unser letztes Allzweckschiff, die ›DD-127 Nagato‹. Bedauerlicherweise darf ich nicht enthüllen, warum es in diesem Teil von … hmm?« Er führte seine knappe Erklärung nicht zu Ende und lenkte ihre Aufmerksamkeit damit wieder auf das Schiff. Das graue Kriegs… äh, Begleitschiff änderte den Kurs. In weniger als zehn Sekunden hatte es sich so weit gedreht, dass sein Heck in Richtung der »Ocean Turtle« zeigte, und es tuckerte davon.

Nakanishi stand abrupt auf und wandte sich von den Frauen ab, um ein flaches Gerät aus seiner Tasche zu ziehen. Er drückte ein paar Knöpfe und hielt es sich dann ans Ohr, um hineinzuflüstern. »Hier ist Nakanishi. Es tut mir leid, Sie in Ihrer Pause zu stören, Oberstleutnant Kikuoka. Ich glaube, die ›Nagato‹ sollte uns erst in zwei Tagen um zwölfhundert Uhr verlassen, sie hat aber gerade nach Westen abgedreht … Ja, Sir, ich bin sofort da.«

Das Telefon noch in der Hand, wandte er sich ihnen wieder zu. Mit einem Mal war seine Miene ernst und angespannt. »Doktor, Fräulein Yuuki, ich fürchte, ich muss Sie verlassen.«

»Schon in Ordnung. Wir räumen den Tisch für Sie ab.«

»Ich danke Ihnen. Auf Wiedersehen«, sagte er mit einem Nicken und rannte dann praktisch aus der Lounge.

»Ich frage mich, was da los war …«

»Keine Ahnung«, erwiderte Asuna und blickte wieder aus dem Fenster.

Irgendwie machte sie der Anblick des im Dunst verschwindenden Begleitschiffs nervös. Asuna ballte wortlos die linke Faust.

Kapitel IX
Der Integrationsritter Alice
Mai des Jahres 380 der menschlichen Zeitrechnung

Krrk.

Krrk.

Mit jeder Wiederholung des metallischen Geräuschs spürte ich, wie mir der Mut sank. Das Geräusch stammte von der Spitze meines noch namenlosen schwarzen Schwerts, die in dem Spalt zwischen den etwa drei Zentimeter dicken weißen Marmorblöcken der Central Cathedral kaum Halt hatte.

Meine rechte Hand, die das Schwertheft umklammert hielt, war schweißnass und mein Ellbogen- und Schultergelenk protestierten schmerzhaft und konnten sich jeden Moment auskugeln. Was wenig überraschend war – mein alles andere als muskelbepackter Arm trug das Gewicht von zwei Personen, einem Langschwert höchster Priorität und einer kompletten Rüstung.

Die spiegelglatte Oberfläche der Wand bot absolut nichts, um sich festzuhalten, also konnte ich das Schwert auch nicht weiter hineintreiben. Unter mir erstreckte sich nur eine endlose senkrechte Fläche. Zu dem Schmerz in meiner rechten Hand kam noch, dass auch meine linke, die die Ritterin in ihrer goldenen Rüstung festhielt, langsam an ihre Grenzen stieß.

Körperliche Erschöpfung in Underworld war etwas anderes als in der realen Welt. Wenn es darum ging, lange Strecken zu laufen, zu sprinten, hart zu trainieren oder schwere Objekte anzuheben, war das Gefühl das gleiche. Der Unterschied war, dass sich Erschöpfung wie eine Verletzung verhielt, in dem Sinne, dass sie die »Lebensspanne« verringerte, also den numerischen Wert der Lebenskraft – in anderen Worten, die Hit Points.

In der realen Welt starb nur selten jemand tatsächlich an Erschöpfung. Bevor der Körper ernsthafte, permanente Schäden davontragen konnte, konnte man sich vor Erschöpfung längst nicht mehr rühren. Hier jedoch war es unter Umständen möglich, mit purer Willenskraft die physikalischen Gesetze auszuhebeln. Mit anderen Worten, man war theoretisch in der Lage, zu rennen und Schmerz und Erschöpfung zu erdulden, bis die Lebensspanne auf null abgesunken war und man auf der Stelle tot umfiel.

Im Moment musste mein Körper ein unglaubliches Gewicht tragen. Solange dieser Zustand anhielt, würde mein Lebenswert langsam, aber sicher immer weiter absinken. Mit purer Entschlossenheit konnte ich mich mit beiden Händen festhalten, aber irgendwann würde meine Lebensspanne auf null sinken und ich würde sterben. Wenn das passierte, würde sich vermutlich meine Hand vom Schwert lösen und die Ritterin würde mit mir auf den Boden Hunderte von Metern unter uns stürzen und ebenfalls sterben.

Und ich war nicht der Einzige, der Schaden erlitt. Mein geliebtes Schwert trug mehr Gewicht, als es aushalten konnte, und es konzentrierte sich gänzlich auf die Spitze. Zudem hatte ich die äußerst energiezehrende vollkommene Rüstungskontrolle in den heutigen Kämpfen schon zweimal angewandt. Ich konnte kein Stacia-Fenster öffnen, um die Zahlen zu überprüfen, aber es hätte mich nicht überrascht, wenn seine Lebensspanne in ein paar Minuten auf null sinken würde. Wenn das passierte, würde das Schwert brechen und seine Kraft nicht einfach mehr zurückerhalten, indem man es in die Scheide zurücksteckte.

Es wäre eine wahre Schande, wenn mein Schwert brechen würde, bevor ich ihm auch nur einen Namen geben konnte – nicht dass es wirklich eine Rolle spielen würde, da ich augenblicklich in den Tod stürzen würde. Ich musste etwas unternehmen, und zwar schnell, aber allein mich festzuhalten kostete mich all meine Kraft. Außerdem …

»Das reicht! Lass mich los!«, schrie die Frau, die unter mir baumelte – Alice Synthesis Thirty, der goldene Integrationsritter mit dem Schwert des goldenen Osmanthus. »Ich würde lieber sterben, als in der Schande weiterzuleben, von einem kriminellen Sünder wie dir gerettet worden zu sein!«

Sie wehrte sich und schaukelte, um sich aus meinem Griff zu befreien, und ihr Handschuh rutschte ein wenig in meiner schweißnassen Hand.

»Argh … höraff …« Ich versuchte, das Zittern unter Kontrolle zu bringen, und stieß unverständliches Zeug aus. Aber die Schwingungen ihres Strampelns rissen das Schwert einen winzigen Millimeter weiter aus der Wand. Als alles wieder still war, blickte ich nach unten und rief: »Hör auf zu zappeln, Dummkopf! Als Integrationsritter solltest du wissen, dass es auch nichts hilft, sich hier umbringen zu wollen! Dummkopf!«

»Wa…?« Das blasse Gesicht, das ich zwischen meinen Füßen erspähen konnte, lief rot an. »Du … du wagst es, mich zu beleidigen, du Ketzer? Nimm das zurück!«

»Sei still! Ich schimpfe dich einen Dummkopf, weil du einer bist, Dummkopf!«, brüllte ich zurück, unsicher, ob ich das tat, um sie dazu zu bringen, mit mir nach Hilfe zu rufen, oder ob ich einfach nur meinen Frust abbauen musste. »Begreifst du nicht die Situation? Wenn du abstürzt und stirbst, wird Eugeo ganz allein zu Administrators Gemach hinaufklettern. Und es ist deine Aufgabe, das zu verhindern. Ist es nicht deine oberste Pflicht als Integrationsritter, alles zu opfern, um ihn aufzuhalten? Wenn du zu dumm bist, die Logik dahinter zu sehen, bist du wirklich ein Dummkopf!«

»J… Jetzt hast du mich schon das achte Mal beleidigt!«, protestierte Alice und funkelte mich mit brennenden Wangen an. Ich bezweifelte, dass es jemand gewagt hatte, sie als Dummkopf zu beschimpfen, seit sie ein Integrationsritter geworden war. Sie hob ihr Schwert des goldenen Osmanthus und die Vorstellung, dass ihr Angriff uns beide in unser Verderben schicken würde, ließ mich schaudern. Doch schließlich schien die Vernunft zu siegen und das Schwert hing wieder an ihrer Hüfte.

»Verstehe. Deine Worte ergeben tatsächlich einen gewissen Sinn«, räumte sie zähneknirschend ein. »Aber warum lässt du nicht los? Kannst du beweisen, dass du es nicht nur aus Mitleid tust – ein Schicksal schlimmer als der Tod?«

Es war mit Sicherheit kein Mitleid. Schließlich war einer der Hauptgründe, warum Eugeo und ich hier in der Central Cathedral waren, Alice vor diesem Schicksal zu bewahren. Aber es blieb keine Zeit, das alles zu erklären. Außerdem war es nicht Alice Sythesis Thirty, die Eugeo aus dem Turm retten wollte, sondern seine Kindheitsfreundin Alice Zuberg, die vor acht Jahren aus dem Dorf Rulid verschleppt worden war.

Während ich gegen den stechenden Schmerz ankämpfte, versuchte ich, mir eine Argumentation zurechtzulegen, die Alice überzeugen würde. Doch eine glaubhafte Erklärung entzog sich mir. Alles, was ich ihr anbieten konnte, war ein Teil der Wahrheit. »Ich … Eugeo und ich haben nicht einfach nur die Kathedrale gestürmt, um die Axiom-Kirche zu vernichten.«

Ich starrte hinab in Alice’ durchdringende blaue Augen und suchte nach den richtigen Worten. »Genau wie du wollen wir die Welt vor einer Invasion des Dark Territory schützen. Vor zwei Jahren haben wir eine Goblinbande in den Bergen bekämpft … Nicht dass ich erwarten würde, dass du mir glaubst. Wenn du also einer der mächtigsten Integrationsritter bist, will ich nicht, dass du stirbst. Du bist ein zu wichtiger Machtträger.«

Erstaunt von meiner Bemerkung zog sie die Augenbrauen zusammen, fasste sich aber schnell wieder, um mich anzufauchen: »Warum richtest du dann dein Schwert gegen deine Mitmenschen und begehst den schwersten Tabubruch des Blutvergießens?« Die Frage entsprang einer reinen Rechtschaffenheit – die ihr von Administrator für ihre eigenen Zwecke eingepflanzt worden war. Alice’ Augen funkelten. »Warum hast du Eldrie Synthesis Thirty-One und all die anderen Ritter verletzt?«

Traurigerweise hatte ich darauf keine überzeugende Antwort. Mein Wunsch, die Menschenwelt zu retten, war sowohl aufrichtig als auch Heuchelei. Sollte ich die Spitze der Kathedrale erreichen und Administrator besiegen, würde Cardinal alle Systemrechte zurückerlangen. Um die bevorstehende Katastrophe zu verhindern, würde sie versuchen, die gesamte Underworld neu zu formatieren. Und in diesem Moment wusste ich keinen Weg, um diesen Ausgang abzuwenden: Rettung durch völlige Vernichtung.

Aber wenn Alice und ich in unseren Tod stürzten, würde das die bevorstehende Tragödie nur noch schlimmer machen. Wenn der »finale Belastungstest« – eine Invasion aus dem Dark Territory – begann, ohne dass Cardinal die Kontrolle hatte, würden die Integrationsritter und Administrator im Kampf fallen und jeder einzelne Mensch würde grausam abgeschlachtet.

Das Schlimmste an der ganzen Sache war jedoch das Wissen, dass ich, wenn ich hier starb, einfach irgendwo in der realen Welt in einem STL erwachen würde. Die Underworldler würden in einer qualvollen Hölle vergehen und mir würde es in der Realität blendend gehen. Dieser Ausgang war undenkbar.

»Ich …« Was konnte ich in der wenigen Zeit, die mir noch blieb, sagen, um die Beschützerin der Kirche und der Ordnung, für die sie stand, zu überzeugen? Doch egal wie hoffnungslos, in dieser Situation konnte ich nichts anderes tun.

»Eugeo und ich haben Raios Antinous und Humbert Zizek an der Akademie angegriffen, weil die Axiom-Kirche und der Tabu-Index falschliegen. Tief im Inneren weißt du doch auch, dass es so ist, oder nicht? Sollte es dem Hochadel, nur weil es im Tabu-Index nicht ausdrücklich verboten ist, gestattet sein, vollkommen unschuldige Mädchen wie Ronie und Tiese zu quälen und zu schänden? Glaubst du das wirklich?!«

Mein Körper zitterte, als mich die Erinnerungen an das, was ich vor zwei Tagen im Schlafsaal beobachtet hatte, überkamen – die Mädchen grausam gefesselt, mit Tränen in den Augen. Erneut ächzte das Schwert in der Wand, aber ich bemerkte es kaum.

»Also?! Antworte mir, Integrationsritter!« Meine aufgewühlten Emotionen manifestierten sich in einer heißen Träne, die aus meinem Augenwinkel auf Alice’ Stirn tropfte.

Die goldene Ritterin sog scharf die Luft ein, die Augen weit aufgerissen. Als sich ihre zitternden Lippen öffneten, schien es, als sei ihre Härte etwas anderem gewichen. »Gesetz ist Gesetz. Sünde ist … Sünde. Wenn jeder das Gesetz so auslegen kann, wie es ihm gerade passt, wie sollen wir dann die Ordnung in der Welt aufrechterhalten?«

»Und wer entscheidet, dass Administrator keinen Fehler gemacht hat, als sie das Gesetz so geschrieben hat? Die Götter des Himmelreichs? Warum wurde ich dann noch nicht vom Blitz getroffen?«

»Weil Stacias Wille sich durch uns, ihre Diener, ausdrückt!«

»Eugeo und ich haben das alles auf uns genommen, um das hoffentlich aufzuklären! Wir wollen Administrator besiegen und beweisen, dass alles ein Fehler ist. Und genau aus diesem Grund …« Ich warf dem Schwert, das in der Wand steckte, einen schnellen Blick zu und bemerkte, dass es fast vollständig herausgerutscht war. Eine Bewegung von Alice, ein Windstoß, und die Spitze würde entweder brechen oder herausfallen und uns in die Tiefe stürzen lassen. »Ich weigere mich, dich jetzt sterben zu lassen!«

Ich atmete ganz tief ein, spannte meine Bauchmuskeln an und beschwor meine letzten Kraftreserven. »Jaaaaa!«, brüllte ich und riss meinen linken Arm hoch, um Alice anzuheben. Beide Arme und Schultern brannten vor Schmerz, aber ich schaffte es, sie auf eine Höhe mit mir zu bringen. Mit letzter Kraft schrie ich: »Steck dein Schwert in diese Fuge! Ich kann nicht mehr … bitte!«

Aus der Nähe betrachtet verzerrten verschiedene Emotionen ihre Züge. Einen Moment später hob sie ihren Arm und rammte ihr Schwert des goldenen Osmanthus lautstark und tief in die Fuge zwischen den Marmorblöcken. Praktisch im selben Augenblick glitt mein schwarzes Schwert aus dem Stein und meine andere Hand verlor ihren Halt an Alice.

In einem einzelnen, sehr klaren Moment der Panik malte ich mir meinen langen, langen Sturz hinab und die Vernichtung, die mich unten erwartete, aus. Tatsächlich spürte ich aber nur einen kurzen Augenblick des Schwebens und dann ein heftiges Reißen. Alice hatte die Hand ausgestreckt, um mich hinten am Kragen zu packen. Sobald ich sicher war, dass sie mein ganzes Gewicht mit ihrem Schwert und ihren Armen sichern konnte, stieß ich einen Seufzer der Erleichterung aus. Langsam ebbte die nackte Panik ab und mein Herzschlag verlangsamte sich.

»Puh …«

Ich blickte zu ihr auf. Innerhalb einer Sekunde hatten sich unsere Positionen umgekehrt, sowohl ihm physischen als auch im geistigen Sinne. Die goldene Ritterin hatte die Zähne zusammengebissen, als würde sie mit allerlei gegensätzlichen Emotionen ringen. Aufgrund des Zugs hinten an meinem Kragen konnte ich spüren, wie ihre Finger immer wieder lockerließen und wieder fester zupackten.

Eugeo war der einzige Underworldler, den ich kannte, der mit solchen Extremsituationen hadern konnte. Die anderen synthetischen Fluctlights, ob das nun gut oder schlecht war, folgten alle blind bestimmten Verhaltensmustern und mussten nie mit großen, schwierigen Entscheidungen ringen. Anders gesagt, alle wirklich wichtigen Entscheidungen wurden ihnen von jemandem oder etwas abgenommen.

Um es noch anders zu sagen, der Verstand des Integrationsritters Alice war »menschlicher« als der der anderen Underworldler – auch nachdem ihre Seele von Administrator modifiziert worden war.

Ich konnte nicht erkennen, welche inneren Kämpfe sie ausfocht. Doch nach einigen Sekunden, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, hob sie meinen Körper mühelos auf seine ursprüngliche Höhe an.

Im Gegensatz zu ihr hatte ich keinen Grund zu zögern. Sofort stieß ich mein Schwert wieder in dieselbe Fuge und atmete durch. Sobald ich mich gesichert hatte, ließ Alice meinen Kragen los und wandte sich ab. Trotz der Gewichtigkeit ihrer Worte, war ihre Stimme selbst schwach und leise. »Ich habe dich nicht gerettet, sondern nur meine Schuld beglichen. Außerdem … haben wir unser Duell noch nicht beendet.«

»Ah, verstehe … Wenn das so ist, sind wir jetzt quitt«, erwiderte ich und wählte meine Worte mit Bedacht. »Wie wär’s damit? Wir beide müssen einen Weg finden, wie wir wieder in den Turm kommen. Warum schließen wir bis dahin nicht einen Waffenstillstand?«

»Einen Waffenstillstand?«, hakte sie nach und drehte sich um, um mich misstrauisch zu beäugen.

»Ja, ich bezweifle, dass es uns gelingt, die Kathedralenwand noch mal zu zerstören, und hochzuklettern wird nicht leicht werden. Wenn wir zusammenarbeiten, steigert das unsere Überlebenschancen. Falls du natürlich einen einfachen Weg rein weißt, bin ich ganz Ohr!«

Frustriert kaute sie auf ihrer Lippe. »Wenn es so einen Weg gäbe, wäre ich längst nicht mehr hier.«

»Ja, offensichtlich. Kann ich also davon ausgehen, dass wir uns auf einen Waffenstillstand und eine Zusammenarbeit einigen?«

»Bevor ich Ja sage … Was genau meinst du mit Zusammenarbeit?«

»Wenn einer von uns abzustürzen droht, hilft ihm der andere. Wenn wir ein Seil hätten, wäre es leicht, unsere Position zu halten, aber das ist wohl zu viel verlangt.«

Eine lange Zeit antwortete die Ritterin nicht und sah mich auch nicht an, dann nickte sie kaum merklich. »Das ist ein logischer Vorschlag … das muss ich zugeben. Ich schätze, ich habe keine andere Wahl«, sagte sie und funkelte mich an. »Aber sobald wir wieder im Turm sind, werde ich dich niederstrecken. Vergiss diesen unausweichlichen Ausgang nicht.«

»Ich … werd’s mir merken.«

Sie nickte zufrieden und räusperte sich, um das Thema zu wechseln. »Du … hast ein Seil erwähnt. Hast du irgendwelchen losen Stoff?«

»Stoff …?« Ich blickte auf mein Outfit und musste feststellen, dass ich nicht mal ein Taschentuch bei mir hatte. Wenn wir im guten alten Alfheim gewesen wären, hätte ich tonnenweise Klamotten, Umhänge und so weiter aus meinem virtuellen Vorrat ziehen können, aber Underworld war nicht mit solchen Vorzügen ausgestattet.

»Ich hab nur dieses Shirt und meine Hose. Wenn es sein muss, könnte ich sie aber ausziehen«, bot ich an und zuckte mit meiner freien Schulter.

Alice verzog das Gesicht zur grimmigsten Miene, die ich je gesehen hatte, und schrie: »Das wird nicht nötig sein! Das soll ja wohl ein Scherz sein. Ich kann nicht glauben, dass du mit nichts weiter als einem Schwert bewaffnet in die Schlacht ziehst.«

»Hey, du hast uns doch aus der Akademie hierhergeschleift mit nichts weiter als den Klamotten, die wir anhatten, schon vergessen?«

»Aber ihr seid doch in die Waffenkammer eingedrungen, oder nicht? Da drin gab es jede Menge Seile, die … ach, vergiss es. Das ist reine Zeitverschwendung«, knurrte sie und wandte sich ab. Sie hob ihre rechte Hand in dem goldenen Handschuh und verzog das Gesicht, als sie feststellen musste, dass sie die andere nicht vom Schwertgriff nehmen konnte.

Sie streckte mir den Arm hin und befahl: »Lös die Schnürung an meinem Handschuh mit deiner freien Hand.«

»Hm?«

»Und berühr auf keinen Fall meine Haut! Mach schnell!«

Nach allem, was Eugeo mir erzählt hatte, war Alice damals in Rulid ein kluges, freundliches und gütiges Mädchen gewesen. Wo also kam diese komplett gegensätzliche Persönlichkeit her?

Endlich hatte ich wieder Gefühl in meiner linken Hand. Ich streckte sie nach dem Verschluss ihres Handschuhs aus und hielt das Rüstungsteil so, dass ich ihre Hand befreien konnte. Mit ihren blassen, schlanken Fingern vollführte sie eine Geste und rief: »System call!«

Darauf folgten einige komplexe, mir nicht vertraute Befehle. Der Handschuh in meiner Hand blitzte auf und veränderte seine Form. Innerhalb weniger Sekunden hatte ich eine wunderschöne, gewundene goldene Kette in der Hand. »Wow! Ein Materietransformationszauber …«

»Hast du nicht zugehört? Sind das Ohren da seitlich an deinem Kopf oder fleischfressende Löcher, die Insekten verschlingen? Das war nur eine Formwandelkunst. Nur die Hohepriesterin Administrator beherrscht die Kunst, das Material selbst zu verändern.«

Ich entschuldigte mich bei Alice, die unseren Waffenstillstand offensichtlich nicht als Grund ansah, ihrem Tonfall die Schärfe zu nehmen, und testete die Stärke der Kette. Ich steckte mir das Ende in den Mund und zog. Ich hatte das Gefühl, als würden mir die Zähne ausfallen. Das Metall war dünner als mein kleiner Finger, aber es war zweifellos stark genug und die Kette war an den Enden mit stabil aussehenden Ösen versehen.

Eine Öse hakte ich in meinen Gürtel ein und hielt Alice das andere Ende hin, die es an der Metallschnalle ihres Schwertgürtels befestigte. Die Kette zwischen uns hatte eine Länge von etwa fünf Metern. Solange wir nicht beide gleichzeitig abstürzten, gab uns das ein gewisses Maß an Sicherheit.

»In Ordnung …« Ich blickte mich um, um unsere Lage einzuschätzen. Nach dem Sonnenstand zu urteilen, hingen wir an der westlichen Wand der Central Cathedral. Der Himmel über uns verfärbte sich von Blau zu Violett, während das Sonnenlicht den weißen Stein in ein sanftes Orange tauchte. Ich schätzte, dass es etwa halb vier sein musste.

Bei einem sehr vorsichtigen Blick an meinen Füßen und dem dünnen Wolkenband darunter vorbei konnte ich wie ein Spielzeugmodell die Steinmauer ausmachen, die den Kathedralengarten umschloss, und jenseits davon den Rest von Centoria, der von den unvergänglichen Mauern in vier Bezirke unterteilt wurde. Der Anblick vergegenwärtigte mir die unfassbare Höhe des Turms.

Ausgehend von der Dicke der Steinsegmente schätzte ich, dass jedes Stockwerk etwa sechs Meter hoch sein musste. Die achtzigste Etage, in der ich gegen Alice gekämpft hatte, musste sich also auf einer Höhe von vierhundertachtzig Metern befinden – wenn ich die Deckenhöhe in der fünfzigsten Etage bedachte, vielleicht sogar eher fünfhundert. Wenn ich von hier abstürzen würde, könnte ich unmöglich überleben. Mein Körper würde beim Aufprall so zerschmettert werden, dass nicht viel mehr als ein Haufen Staub übrig bleiben würde. Im Augenblick war die Luft um uns herum still, es gab aber keine Garantie, dass nicht ein stärkerer Wind aufkommen würde.

Ich erschauderte und umklammerte das Heft meines Schwerts fester. Dann wischte ich mir den Schweiß an der freien Hand an der Hose ab.

»Also … nur damit ich das richtig verstehe …«, begann ich.

Alice’ Blick zuckte zu mir hoch. Auch sie hatte nach unten gesehen. Ich hatte den Eindruck, dass sie ein bisschen blass um die Nase wirkte, aber ihr Ton war genauso schroff wie eh und je. »Was?«

»Ich hab mich nur gefragt … Wenn du schon die hohe heilige Kunst beherrschst, die Form der Dinge zu verändern, vielleicht kennst du dann auch eine Kunst, um zu … fliegen? Okay, tut mir leid, vergiss, dass ich gefragt habe«, stammelte ich, als ich ihre hochgezogene Augenbraue bemerkte.

»Hast du in der Schule denn gar nichts gelernt?«, keifte sie. »Die Einzige auf der Welt, die in der Luft schweben kann, ist die Hohepriesterin Administrator. Sogar der jüngste Novize weiß das!«

»Hey, ich sag doch, ich wollte nur sichergehen! Du musst mich nicht gleich so anfahren.«

»Mir gefällt nicht, was du da andeutest.«

Mit jedem verstreichenden Augenblick wurde deutlicher, dass der Integrationsritter Alice und ich auf persönlicher Ebene einfach nicht kompatibel waren. Dennoch unterdrückte ich den Drang zurück zu motzen und fragte: »Also schön … wenn das so ist … wäre es dann vielleicht möglich, diesen riesigen Drachen zu rufen, auf dem du mich hierhergebracht hast?«

»Hast du noch mehr so dumme Fragen auf Lager? Drachen dürfen sich nur dem Landeplatz auf der dreißigsten Etage nähern. Selbst Berc… äh, der Kommandant der Ritter selbst darf mit seinem Drachen nicht höher fliegen.«

»U… Und woher soll ich diese Regeln kennen?«

»Du hättest darauf kommen können, weil es nur auf der dreißigsten Etage einen Landeplatz gibt!«, erklärte sie und funkelte mich erneut für gute drei Sekunden an, bevor wir uns beide aufgebracht abwendeten.

Die nächsten drei Sekunden verbrachte ich damit, meine Wut über ihre haltlosen Anschuldigungen hinunterzuschlucken. Dann konnte ich fortfahren: »Auf dem Luftweg … gibt es also keinen Ausweg aus dieser Misere …«

Alice brauchte ein bisschen länger, um sich wieder zu fassen. Der Blick ihrer blauen Augen bohrte sich in meinen. »Nicht einmal Vögel können die oberen Bereiche der Kathedrale erreichen. Die Hohepriesterin Administrator hat sie mit einem besonderen Zauber belegt, den ich nicht kenne, damit sie sich nicht nähern können.«

»Verstehe … Sehr umsichtig.«

In der Ferne sah ich eine vogelartige Gestalt, aber sie schien nicht näher zu kommen. Ich vermutete, dass die Ursache eine Kombination aus den magischen Kräften Administrators und einer angeborenen Vorsicht war. In gewisser Weise war die abnorme Höhe dieser Konstruktion sowohl ein Machtsymbol als auch eine Einschüchterung für unsichtbare Feinde.

»Damit bleiben uns drei Optionen … runterklettern, raufklettern oder wieder durch die Wand brechen.«

»Letzteres dürfte schwierig werden. Die Wände der Central Cathedral haben eine nahezu unerschöpfliche Lebensspanne und regenerative Fähigkeiten, genau wie die unvergänglichen Mauern. Dasselbe gilt auch für die Fenster in den unteren Etagen.«

»Wir können also nicht mal zu den Fenstern runterklettern«, murmelte ich und sie nickte.

»Um ehrlich zu sein, kann ich kaum glauben, dass wir ein Loch in die Wand geschlagen haben … Ich schätze, ich muss es wohl als ausgesprochen unglückliches Ergebnis der Verbindung unserer Künste der vollkommenen Rüstungskontrolle hinnehmen, die einen gigantischen Energiestoß verursacht hat. Du machst mir wirklich nichts als Scherereien.«

Ich atmete nur tief durch die Nase ein. Wenn ich jetzt versuchen würde, mich zu verteidigen, würden wir uns nur in eine weitere Abwärtsspirale begeben. »Wenn das so ist … könnten wir das Phänomen dann nicht einfach wiederholen, indem wir das Gleiche noch mal versuchen?«

»Die Möglichkeit kann ich nicht ausschließen … aber es dürfte schwierig werden, es durch die Wand zu schaffen, bevor sie sich nach wenigen Sekunden wieder schließt, und was noch viel wichtiger ist … Ich habe die vollkommene Kontrolle bereits zweimal bei meinem Schwert des goldenen Osmanthus angewendet. Es braucht entweder ein ausgiebiges Sonnenbad oder eine längere Ruhephase in seiner Scheide, bevor ich sie wieder einsetzen kann.«

»Ja, geht mir genauso. Mein Schwert braucht ein paar Stunden in seiner Scheide … und ich bin ziemlich sicher, dass allein hier so zu hängen schon einiges an Schaden verursacht. Ob wir nun rauf- oder runterklettern, wir sollten es bald tun.«

Mit meiner freien Hand strich ich über den Marmor. Er war entmutigend glatt. Die Steine waren gut zwei Meter breit und bis ins Unendliche aufeinandergeschichtet und nicht einmal ein Fenster unterbrach die massive Westwand. Wobei selbst diese laut Alice ja undurchdringlich waren.

Unsere einzige Möglichkeit, uns an der Turmseite entlangzuhangeln, wäre eine Art Bergsteigerhaken, die wir in die Fugen zwischen den Steinen schlagen könnten, um uns daran festzuhalten. Nach oben oder nach unten zu klettern schien der gleiche Kraftaufwand zu sein, also fand ich, wir könnten genauso gut nach oben klettern, doch das führte zu einem weiteren gewichtigen Problem.

Ich setzte mein strengstes Gesicht auf und bereitete mich auf eine weitere Abfuhr vor, als ich Alice fragte: »Wenn wir nach oben klettern … gibt es dort einen Punkt, an dem wir wieder ins Innere des Turms gelangen können?«

Wie erwartet zögerte Alice zunächst. Sie kaute auf ihrer Lippe. Wenn es weiter oben eine Stelle gab, an der man wieder ins Gebäude gelangen konnte, müsste sie sehr nah an der Spitze sein, wo Administrator lebte. Für einen Ritter, der die Kirche schützen sollte, käme es einem Tabu gleich, den Feind an einen so entscheidenden Punkt zu führen.

Doch Alice atmete tief durch und sagte entschlossen: »Gibt es. In der fünfundneunzigsten Etage gibt es die Morgensternwarte. Sie ist offen und wird nur von Säulen gestützt. Wenn wir es bis dorthin schaffen, wird es ein Leichtes sein, hineinzukommen. Allerdings …«

Ihre kristallblauen Augen verhärteten sich. »Wenn wir es wirklich bis zur fünfundneunzigsten Etage schaffen, werde ich dich töten müssen.«

Ihr Blick war so eindringlich, dass sich mir die Nackenhaare aufstellten. Ich nickte. »Ich glaube, so lautete unsere Abmachung. Also, wollen wir dann losklettern?«

»In Ordnung. Das ist einfacher, als von hier aus bis zum Erdgeschoss hinunterzuklettern … Aber bei dir klingt das so leicht. Wie sollen wir an einer so steilen Wand hochklettern?«

»Na, wir rennen einfach senkrecht die Wand hoch … Das sollte ein Scherz sein«, fügte ich eilig hinzu, als ich erkannte, dass die Eiseskälte in ihrem Blick weit unter den Gefrierpunkt fiel. Ich räusperte mich, wechselte die Hand, mit der ich das Schwert hielt, und machte eine Geste mit meiner freien Hand. »System call! Generate metallic element!«

Ein schimmerndes stahlgraues Licht erschien und nahm unter meinen Befehlen Gestalt an. Es dehnte sich auf einen guten halben Meter aus, mit einem spitzen Ende – ein brandneuer Kletterhaken.

Ich packte ihn fest, visierte die Fuge im Stein an, in der mein Schwert steckte, und zog den Arm zurück.

»Hmpf!« Mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, trieb ich den Haken in die Wand. Zu meiner Erleichterung zerbrach er nicht. Die Klinge traf genau in den schmalen Spalt. Zur Sicherheit zog ich noch ein paarmal daran, doch er schien fest genug zu sitzen, um mein Gewicht zu tragen.

Objekte, die durch die sakralen Künste erzeugt worden waren, hatten nur eine geringe Lebensspanne und verschwanden innerhalb weniger Stunden, wenn man sie einfach herumliegen ließ. Als Rettungsanker für Alice und mich könnte der Haken also nicht dienen, aber zumindest würde er mir beim Klettern einen guten Halt bieten.

Ich konnte die Zweifel in Alice’ Blick spüren, als ich mich mit der rechten Hand am Haken festhielt und mit der linken mein armes, malträtiertes Schwert befreite. Sobald es sicher in seiner Scheide verstaut war, hing ich mit beiden Armen an dem vierzig Zentimeter langen Griff und schwang mich hoch wie auf eine Reckstange.

Meine körperlichen Fähigkeiten waren in Underworld nicht ganz so stark ausgeprägt wie in den letzten Tagen von SAO, als ich eine Geschicklichkeit besessen hatte, die einen B-Movie-Ninja vor Neid hätte erblassen lassen, aber dennoch war ich sehr viel beweglicher und stärker als in der realen Welt. Ich stellte meinen rechten Fuß auf die Stange und richtete mich auf, die linke Hand fest gegen die Wand gepresst.

»A… Alles okay?«, erklang eine heisere Stimme. Alice blickte mit bleichem Gesicht zu mir auf und ihre freie Hand umklammerte die goldene Kette. Sie sah überraschend jung und unschuldig aus.

Einen Moment lang war ich versucht, so zu tun, als würde ich fallen, nur um zu sehen, wie sie reagieren würde, aber dann besann ich mich eines Besseren. »Ich denke schon.«

Ich winkte ihr kurz mit der rechten Hand zu, dann sprach ich ein weiteres Mantra der sakralen Künste, um einen zweiten Kletterhaken zu erzeugen. Ich trieb ihn in die nächste Fuge über mir und kletterte genauso hinauf wie zuvor. Ich war nur zwei Meter weit gekommen, dennoch hatte ich das Gefühl, etwas erreicht zu haben.

Alice rief ich zu: »Ich denke, so geht es! Folge mir einfach und kletter auf die erste Stange.«

Der Integrationsritter starrte mich an, ohne sich zu rühren. Schließlich bewegten sich ihre Lippen und ich konnte gerade noch ausmachen: »… nicht.«

»Hm? Was hast du gesagt?«

»Ich habe gesagt … ich kann nicht!«

»Klar kannst du! Mit deiner Kraft sollte es ein Leichtes sein, sich hochzuziehen …«

»Das meine ich nicht!«, beharrte sie und unterbrach damit meinen kläglichen Ermutigungsversuch. »Ich bin noch nie in so einer Situation gewesen … und auch auf die Gefahr hin, mich lächerlich zu machen, ich schaffe es gerade so, mich hier festzuhalten. Ich kann unmöglich auf eine so schmale Stange klettern …« Erneut verlor sich ihre Stimme im Nichts.


Ich war geschockt. Grundsätzlich fühlten sich Underworldler unwohl in Situationen, die außerhalb ihrer persönlichen Erfahrungen oder Erwartungen lagen. Sie waren also nicht wirklich dafür gerüstet, auf unmögliche Umstände zu reagieren. Das ging sogar so weit, dass Raios’ Fluctlight zusammengebrochen war, bevor seine Lebensspanne erloschen war – oder zumindest vermutete ich das.

Selbst ein Integrationsritter musste mit der Erfahrung zu kämpfen haben, ein Loch in eine angeblich unzerstörbare Wand geschlagen zu haben, nach draußen in die Leere gesaugt zu werden und dann in einer Höhe zu baumeln, die nicht einmal Drachen erreichen konnten. Andererseits war die hervorragende Schwertkämpferin Alice Synthesis Thirty tief in ihrem Inneren eben doch auch nur ein kleines Mädchen.

Jedenfalls musste ich, wenn ich mir den übermäßigen Stolz des Integrationsritters vor Augen hielt, davon ausgehen, dass sie, wenn sie eine Schwäche eingestand, wirklich mit ihrem Latein am Ende sein musste.

»Okay!«, rief ich ihr zu. »Dann ziehe ich dich an der Kette zur Stange hoch!«

Alice biss sich auf die Lippe und wägte offenbar ihre Angst gegen ihren Stolz ab, kam aber schließlich zu dem Schluss, dass sie keine Wahl hatte und jetzt keinen Rückzieher mehr machen konnte. Sie zupfte an der Kette. »D… Danke für deine Hilfe«, gickste sie.

Ich packte die Kette und widerstand dem Drang, mich über sie lustig zu machen. »Okay, ich zieh dich ganz langsam hoch. Los geht’s!«

Vorsichtig zog ich. Der Haken unter meinen Füßen protestierte, schien aber für kurze Zeit zwei Personen tragen zu können. Ich zog die goldene Ritterin ein paar Meter hoch und achtete dabei darauf, dass mein Standhaken nicht zu sehr in Bewegung geriet, dann ließ ich die Kette hängen. »So. Jetzt kannst du dein Schwert rausziehen.«

Alice nickte und zog langsam die Spitze des Osmanthus-Schwerts aus dem weißen Stein. Ein ordentliches Zusatzgewicht zerrte an der Kette und ich musste die Zähne zusammenbeißen, um sie still zu halten. Sobald sie ihr Schwert sicher verstaut hatte, zog ich sie weiter hoch.

Als Alice mit ihren Stiefeln auf dem ersten Haken stand, wies ich sie an: »Jetzt leg beide Hände an die Wand, um dich abzustützen … Gut so. Ich lasse jetzt die Kette los.«

Aus diesem Winkel konnte ich ihr Gesicht nicht sehen, aber sie nickte ganz leicht mit dem Kopf, während sie sich an die Wand klammerte. Ich stellte mir ihren verzweifelten Gesichtsausdruck unter dem windzerzausten blonden Haar vor und senkte meinen rechten Arm. Sie schwankte kurz, fand aber ihr Gleichgewicht wieder.

»Puh …«

Ich stieß den Atem aus, von dem mir gar nicht bewusst gewesen war, dass ich ihn angehalten hatte.

Wie viele Meter mochten es noch sein, bis wir diese sogenannte Morgensternwarte in der fünfundneunzigsten Etage erreicht hatten? Solange ich diesen Prozess weiterhin erfolgreich wiederholen konnte, würden wir es irgendwann geschafft haben. Das Problem lag in der Zeit, die es dauerte, die Strecke zu überwinden. Irgendwann würde die Nacht hereinbrechen und dann würden wir vielleicht an der Wand baumelnd schlafen müssen.

»Okay, ich klettere jetzt weiter«, warnte ich sie.

Sie wandte mir ihr panikerfülltes Gesicht zu und ihre Antwort war über den Wind kaum zu verstehen. »Sei bitte vorsichtig.«

»Aber klar.« Ich zeigte ihr ein Daumen-hoch – eine Geste, die in Underworld wahrscheinlich niemand verstand – und sprach einen weiteren Systembefehl für den dritten Kletterhaken.

Obwohl Centoria unter uns sich für das Sommersonnenwendfest bereitmachte, neigte sich die Sonne erbarmungslos schnell dem Horizont zu. Auf dem weißen Stein wechselte das orange Licht der untergehenden Sonne schnell von einem flammenden Rot über Violett zu Dunkelblau, bis nur noch die Gipfel des Grenzgebirges weit, weit im Westen im letzten roten Licht des Tages zu sehen waren.

Über uns funkelten die Sterne, doch sie waren kein Segen für unser Fortkommen. Eine Stunde zuvor waren wir über eine unerwartete Systembeschränkung gestolpert, die sich als echtes Problem erwies.

Der Prozess des Kletterns war denkbar einfach: Ich erschuf mit den sakralen Künsten einen Haken, schlug ihn in die Fuge zwischen den Marmorblöcken und kletterte darauf. Dann zog ich Alice an der Kette hoch, bis sie auf dem Haken unter mir stand. Nachdem wir das etwa zehnmal gemacht hatten, brauchten wir für eine einzelne Wiederholung noch etwa drei Minuten.

Das Problem lag in der Erschaffung der Haken selbst. In dieser Welt gab es keine Werte, die dem entsprechen würden, was wir in ALO »Mana-Punkte« genannt hatten. Die Magie, die man hier »sakrale Künste« nannte, konnte so oft wiederholt werden, wie man wollte, solange der Spruch dem eigenen Systemzugangslevel entsprach.

Das bedeutete allerdings nicht, dass sie immer und überall angewandt werden konnte. Die Regeln dieser Welt gaben vor, dass jede Produktion magischer Ressourcen bedurfte. Das bezog sich sowohl auf die sakralen Künste als auch auf alles andere. Um eine Kunst auszuführen, musste man räumliche Ressourcen verbrauchen, entweder aus der Umgebung des Nutzers oder indem man die Lebensspanne von kostbaren Katalysatoren oder Lebewesen konsumierte – was auch Menschen einschloss.

Räumliche Ressourcen waren ein Problem, weil sie nicht in Zahlen gemessen werden konnten. Hauptsächlich speiste sich dieser Wert aus dem Sonnenlicht oder der Erde. Wo der Boden fruchtbar und sonnenbeschienen war, waren reichlich Ressourcen vorhanden und ausreichend, um den permanenten Einsatz hochrangiger Künste zu unterstützen. Auf der anderen Seite wären in einem fensterlosen Raum in einem Steingebäude die Ressourcen schnell aufgebraucht und es würde lange dauern, um sie wiederherzustellen.

Unter diesen Bedingungen hätte unsere gegenwärtige Situation – in einer Höhe von fünfhundert Metern festzusitzen, während die Sonne hinter dem Horizont verschwand – gar nicht schlimmer sein können. Es dauerte nicht lange, bis meine Haken erzeugenden Sakralkünste alle Ressourcen der Dämmerung erschöpft hatten, sodass wir nicht mehr weiterkamen.

»System call! Generate metallic element!«

Über meiner Handfläche, die ich in dem verzweifelten Versuch ausgestreckt hatte, das letzte Licht einzufangen, schwebten ein paar kleine silberne Lichtpartikel, bevor sie sich in winzige Rauchwölkchen auflösten.

Ich seufzte und unter mir hörte ich Alice flüstern: »Solche Gebilde zu generieren verbraucht viel spirituelle Energie. Jetzt, wo Solus untergegangen ist, kannst du mit Glück vielleicht noch einen pro Stunde erzeugen. Wie weit haben wir es geschafft?«

»Ähm … Ich denke, dass wir an der fünfundachtzigsten Etage vorbei sind.«

»Bis zur fünfundneunzigsten ist es also noch ein weiter Weg.«

Sehnsüchtig blickte ich zu den letzten Spuren von Violett am Himmel. »Ja … und wenn es erst mal richtig dunkel ist, ist es ohnehin zu gefährlich, weiterzuklettern. Und wenn wir hier ausharren wollen, wird es schwierig, Ruhe zu finden …«

Schlimmstenfalls würde einer von uns an der Kette baumeln müssen, aber nicht nur konnten wir keine Haken mehr erzeugen, sie verschwanden auch nach einigen wenigen Minuten. Wir hätten also keine andere Wahl, als wieder unsere Schwerter einzusetzen, und ich war nicht sicher, ob sie dieser Belastung die ganze Nacht hindurch standhalten konnten.

In der unsinnigen Hoffnung, eine Art Vorsprung zu finden, an dem wir die Kette mit ihren Ösen befestigen könnten, blickte ich die Wand hinauf, als …

»Oh …«

Nicht mehr als acht Meter über uns zeichnete sich in regelmäßigen Abständen eine Reihe von Schatten mit komplizierten Formen an der Wand ab. Als die Sonne untergegangen war, hatte sich auch der Dunst aufgelöst, der den Turm umgeben hatte, und enthüllte nun diese verborgenen Verzierungen.

»Hey … Sieh mal. Wofür hältst du das?«, fragte ich und deutete darauf.

Alice kniff die Augen zusammen, als sie aufblickte. »Ja … Sind das Statuen? Aber warum würde man die so weit hier oben anbringen, wo sie niemand sehen kann?«

»Mir ist egal, warum, solange wir uns draufsetzen und uns ausruhen können. Aber sie sind gute … acht Mer über uns. Wir bräuchten noch drei Stangen, um da raufzuklettern.«

»Drei Stangen …«, wiederholte sie in Gedanken versunken. »Also schön. Ich wollte mir das für den Notfall aufsparen … aber ich schätze, jetzt ist die Zeit reif.«

Sie presste den Rücken gegen die Wand und zog den linken Handschuh aus. Sie starrte das schwach leuchtende Rüstungsteil an und sprach einen Befehl der Sakralkunst. Nachdem sie sie ausgeführt hatte (übrigens sehr viel eleganter als ich), zuckte ein Blitz auf und der Handschuh hatte sich in drei weitere Kletterhaken verwandelt. Da es mir nicht gelungen war, selbst welche zu erzeugen, musste Alice’ Formwandelkunst sehr viel energieeffizienter sein, als sie aus dem Nichts zu erschaffen.

»Hier, nimm die«, sagte sie und streckte sich mit den Haken in der Hand.

Ich hockte mich hin und nahm sie vorsichtig entgegen. »Danke. Das ist eine große Hilfe.«

»Wenn es hart auf hart kommt, habe ich noch mehr Rüstungsteile …«

Ich blickte auf den elegant gearbeiteten Brustpanzer, der ihren Oberkörper schützte, und schüttelte den Kopf. »Nein … das heben wir uns bis ganz zum Schluss auf. Man kann nie wissen, was wir noch brauchen können …«

Vorsichtig kam ich auf die Füße, steckte mir zwei der Haken in den Gürtel und hob den dritten.

»Uwaah!«

Wie zu erwarten, war der goldene Haken sehr viel stabiler als die Metalle, die ich erschaffen hatte. Er sank tief in die Steinfuge. Ich vollführte die inzwischen vertraute Kletterroutine und nutzte die Kette, um Alice hochzuziehen. Nach einer weiteren Wiederholung waren die mysteriösen Objekte nur noch halb so weit entfernt und in der Dunkelheit deutlich besser zu erkennen.

Wie sich herausstellte, handelte es sich um große, fein ausgearbeitete Steinstatuen. Auf kleinen Plattformen umringte eine große Zahl von ihnen die Kathedrale. Doch dies waren nicht die heiligen Statuen von Göttinnen und Engeln, die ich im Inneren des Turms gesehen hatte. Ja, sie hatten menschliche Konturen, saßen aber in der Hocke und hatten die Arme bedrohlich vor den Beinen verschränkt. Die Muskeln traten hervor und aus dem Rücken ragten messerscharfe Flügel auf.

Am schlimmsten aber war, dass die Köpfe der Statuen absolut fremdartig aussahen. Sie waren geschwungen und vorne lang gezogen und endeten in einem konischen Mund. Sie wirkten wie die Köpfe von irgendwelchen grotesken, riesigen Rüsselkäfern.

»Uhh … Dieses Design ist echt gruselig«, stöhnte ich.

»Hm? W… Warte mal … Die sind aus dem Dark Territory!«, entfuhr es Alice.

Genau in diesem Moment bewegte die Statue direkt über mir ihren Kopf vor und zurück und ihr Mund öffnete und schloss sich. Das war keine aus Stein gemeißelte dekorative Statue. Sie war … lebendig!

Wenn das hier eine Quest in einem normalen VRMMO in der realen Welt gewesen wäre, wäre nach einer solchen Demonstration ein Angriff der Statuen unausweichlich gewesen. Aber in diesem Fall war derjenige, der das Szenario schrieb, entweder ein totaler Sadist oder ein blutiger Anfänger. Wir hingen an diesen vierzig Zentimeter langen Haken an einer glatten Wand und konnten nirgendwohin.

Der Begriff »unausweichliche Niederlage« schoss mir durch den Kopf, aber ich verdrängte ihn sofort wieder. Das hier war keiner dieser Nervenkitzelmomente, in denen jemand einfach plötzlich auftauchen und uns retten würde, sollten wir fallen. Wir mussten selbst unseren Verstand einsetzen, um uns der Gefahr zu entziehen, oder wir würden sterben.

Während ich mich auf die Gefahr vorbereitete, schüttelte sich die geflügelte Kreatur und änderte ihre Farbe. Ihre weiße Haut, der gleiche Ton wie die Turmmauer, nahm ein Pechschwarz an und bildete Extremitäten aus.

In der Erwartung, dass die schwarzen Flügel sich vollständig ausbreiten würden, zog ich mein Schwert. Ohne meinen Blick von der vermeintlichen Statue zu nehmen, rief ich zu Alice hinunter: »Sieht aus, als stünde uns ein Kampf bevor! Nicht runterzufallen ist dabei unsere oberste Priorität!«

Ich bekam allerdings nicht gleich eine Antwort von dem Integrationsritter. Ich warf einen Blick nach unten und erblickte in der Dunkelheit ihr blasses Gesicht, in dem nackte Angst stand. Der Wind trug ihre geflüsterten Worte zu mir herauf. »Nein, wie ist das möglich?«

Ein Integrationsritter sollte alles über die Axiom-Kirche wissen. Warum war sie so überrascht? Nach allem, was ich aus Berichten aus zweiter Hand über Administrator wusste, war sie überaus vorsichtig. Da war es sicherlich nicht undenkbar, dass sie nicht nur Maßnahmen traf, um zu verhindern, dass man zu den oberen Bereichen des Turms fliegen konnte, sondern auch Steinwächter entlang der Wände postierten würde, sollten Angreifer entschlossen und wahnsinnig genug sein, den ganzen Weg hier raufzuklettern.

Der Wächter – der abgesehen vom Kopf aussah wie ein typischer Videospiel-Gargoyle – packte den Rand der Plattform mit klauenartigen Händen und stieß einen Schwall Luft aus.

Mir lief ein Schauer über den Rücken, als ich bemerkte, dass auch die Gargoyles rechts und links des zum Leben erwachten ihre Farbe wechselten. Wenn sie gleichmäßig um die vier Wände des Turms herum platziert waren, mochten es gut und gerne hundert sein.

»Ach verdammt«, zischte ich. Ich drehte mich um, sodass ich mich mit dem Rücken an die Wand drücken konnte, und hob mein Schwert. Das allein reichte schon, um mich auf der schmalen Stange, auf der ich stand, aus dem Gleichgewicht zu bringen. Selbst in SAO hatte ich nie versucht, so zu kämpfen.

Doch bevor ich mir auch nur einen Plan zurechtlegen konnte, hörte ich über mir Flügel schlagen. Der Gargoyle schwebte vor dem dunkelblauen Himmel und die Knopfaugen seitlich an seinem lang gezogenen Kopf waren auf mich gerichtet. Das Monster war größer, als ich erwartet hatte, vermutlich über eins achtzig. Selbst sein herunterhängender Schwanz schien länger als ich zu sein.

»Bschaa!« Es stieß ein Zischen aus, wie Dampf, der aus einem Ventil entweicht, dann stürzte es sich mit dem Kopf voran auf mich.

Es schien keine Möglichkeit zu haben, mich aus der Ferne anzugreifen, also erwartete ich, dass als Nächstes Klauen an seinen Extremitäten erscheinen würden. Rechts oder links, oben oder unten …

»Uwah!«

Wie ein Peitschenhieb schnellte sein Schwanz vor. Ich zog den Kopf ein und schrie überrascht auf. Die Schwanzspitze, scharf und spitz wie eine Messerklinge, erwischte meine Wange.

Ich hatte es geschafft auszuweichen, aber das Gleichgewicht war ein Problem. Ich schwankte auf dem Haken und bemühte mich, mich aufrecht zu halten. Gnadenlos schnellte der Schwanz des Gargoyles wieder auf mich zu.

Mit der linken Hand stützte ich mich an der Wand ab, um mit dem Schwert in der rechten den Angriff blocken zu können. Ich konnte es nur wie einen Schild vor mich halten. Es tatsächlich zu schwingen, um die Schwanzspitze abzutrennen, war undenkbar.

»Urgh …« Dies war nicht der Moment, um zögerlich zu sein. Also nahm ich meine linke Hand von der Wand und zog einen der goldenen Haken aus meinem Gürtel. Ich rief mir die Bewegungsabläufe der Wurfwaffen-Skills, die ich in SAO so oft trainiert hatte, in Erinnerung und schleuderte den Speer auf den Oberkörper des Gargoyles.

Ich legte nicht allzu viel Kraft in den Wurf, doch der kurze Speer wurde seinem Ursprung als Alice’ Handschuh gerecht und schoss strahlend durch die Dunkelheit, um sich dann tief in den Unterbauch des Gargoyles zu bohren.

»Bschhi!«, zischte er und aus seinem runden Mund lief schwarzes Blut. Das Monster schlug ungleichmäßig mit den Flügeln, um seine Höhe zu halten. Ich hatte ihm einigen Schaden zugefügt, aber nicht genug, um es zu besiegen.


Die schwarzen, insektenartigen Augen starrten mich wütend an.

Auch wenn mir bewusst war, dass ich wichtigere Sorgen hatte, drängte sich mir doch die Frage auf, ob es nur ein Programm war, das dieses grauenhafte Monster steuerte, oder ob es wie die Leute aus dem Dark Territory ein synthetisches Fluctlight war …

»Bschhhhuuu!«

Ein erneuter Schrei riss mich aus meinen Gedanken. Zwei weitere Gargoyles hatten sich von ihren Plattformen gestürzt und umkreisten uns, während sie auf ihre Chance zum Angriff warteten.

»Alice, zieh dein Schwert! Die Monster haben es auf dich abgesehen!«

Ich blickte nach unten und erkannte, dass der Integrationsritter den unerklärlichen Schock noch nicht überwunden hatte. Wenn sie jetzt angriffen, würde Alice entweder von einer Schwanzspitze aufgespießt oder vom Haken geworfen werden.

Sollte ich versuchen, die letzten vielleicht vier Meter zur Plattform zu klettern, solange sich die Gargoyles noch zurückhalten? Ich hatte nur noch einen Haken im Gürtel – und ich hatte das ungute Gefühl, dass die wütende Bestie mit dem Haken im Bauch nicht so nett sein würde, ihn zurückzugeben.

Die anhaltenden schrillen Schreie ließen vermuten, dass die drei zischenden Monster sich auf einen weiteren Angriff vorbereiteten. Möglicherweise würde ich gezwungen sein, die Rettungsleine loszulassen und auf einen Gargoyle zu springen, sollte er sich auf Alice stürzen. Ich tastete an meinem Gürtel nach der Öse der Kette – und meine Augen weiteten sich.

Die Kette war über fünf Meter lang und zwischen mir und dem Vorsprung lagen nur etwa vier Meter.

»Alice … Alice!«, brüllte ich, während ich mein Schwert zurück in seine Scheide steckte. Der Integrationsritter zuckte und sah mich endlich an. »Halt dich gut an der Kette fest!«

Sie runzelte verwirrt die Stirn. Mit beiden Händen ergriff ich die Kette, die an ihrer Schwertscheide befestigt war, und zog sie hoch. Etwas verspätet packte sie die Kette und japste: »Warte … Willst du etwa …?«

»Wenn wir beide das überleben, entschuldige ich mich später bei dir, so oft du willst!«

Ich atmete tief ein und riss – nein, schleuderte – die Ritterin an der Kette nach oben. Ihr goldenes Haar und ihr weißer Rock flatterten im Wind, als sie in einem Halbkreis hinaufschwang.

»Iyaaah!«, kreischte sie – eine überraschend amateurhafte Reaktion –, als sie auf dem Weg zur Plattform zwischen den Gargoyles hindurchschwang. Ihre Landung war eher ein Aufprall und ich ignorierte lieber das wenig damenhafte Urgh!, in dem ihr Schrei endete.

Der Schwung meines Wurfs schleuderte mich von dem Haken, auf dem ich balanciert hatte. Wenn Alice sich nicht gut an dem Vorsprung festhielt, um mein Gewicht zu halten, würden wir beide in die Tiefe stürzen.

Glücklicherweise wusste der Integrationsritter instinktiv, was sie zu tun hatte: Sie packte die Kette mit beiden Händen und stemmte die Füße in den Boden. Dennoch ließ mich der erste Moment der Schwerelosigkeit erschaudern.

»Du verdammteeeeeeer …!«, schäumte sie und zog, so fest sie konnte. Genau wie Alice flog ich durch die Luft und auch wenn mir der Aufprall an der Marmorwand die Luft aus den Lungen trieb, war ich noch nie so erleichtert gewesen wie in dem Augenblick, als ich den Boden der Plattform unter meinen Füßen spürte. Ich hätte für immer auf dieser flachen Oberfläche liegen bleiben können, wenn Alice mir nicht in die Seite getreten hätte.

»Wa… Was hast du dir dabei gedacht, du Wahnsinniger?!«

»Ich hatte keine andere Wahl, um … Darüber können wir später reden. Sie kommen!«

Ich zog meine Waffe wieder und richtete sie auf das Trio der Gargoyles, das zu uns aufstieg. In der kurzen Zeit, die uns vor dem Kampf blieb, blickte ich mich um, um ein Gefühl für das Schlachtfeld zu bekommen.

Unsere Artistennummer hatte uns auf einen Sims von etwa einem Meter Breite gebracht, der um den Turm herumlief. Es gab keine Verzierungen, nur ebenen, glatten Marmor, der horizontal aus der Turmwand hervorragte. Er war nicht mehr als ein Regalbrett und ich erkannte, dass es den Gargoyles nur als Ruhestätte diente.

Da Alice nichts von dem Vorsprung gewusst hatte, hegte ich die Hoffnung, dass es vielleicht eine versteckte Tür oder ein Fenster geben würde, doch leider war dort nichts dergleichen. Das Einzige, was zu sehen war, waren die anderen monströsen Statuen, die noch nicht zum Leben erwacht waren. Sie reihten sich bis zu den Ecken des Gebäudes. Es war ein schrecklicher Anblick, aber glücklicherweise waren bisher nur die drei, die auf uns zuflogen, lebendig.

Wieder auf festem Boden kehrte auch Alice’ Selbstsicherheit zurück. Sie zog das Schwert des goldenen Osmanthus aus seiner Scheide. Aber das beantwortete noch nicht ihre Fragen. »Ja, ich bin mir sicher«, raunte sie. »Aber warum … warum sollten sie hier …?«

Die Gargoyles befanden sich wieder auf unserer Höhe, blieben aber aus Angst vor unseren Waffen auf Abstand. Ohne meine Augen von den in der Luft stehenden Kreaturen zu nehmen, fragte ich Alice: »Was beschäftigt dich so? Weißt du etwas über diese Monster?«

»Ja …«, erwiderte sie zu meiner Überraschung. »Das sind boshafte Kreaturen, die den bösen Magiern des Dark Territory dienen, die sie erschaffen haben. Soweit wir wissen, werden sie ›Minions‹ genannt. Das Wort stammt aus der heiligen Sprache und bedeutet ›Anhänger‹ oder ›Ergebener‹.«

»Minions … Ihr Aussehen verrät mir, dass sie aus dem Dark Territory stammen müssen – aber warum sollten sie hier, am heiligsten Ort der Welt, aufgestellt sein?«

»Genau das würde ich auch gern wissen«, grummelte Alice. Sie biss sich auf die Lippe. »Offensichtlich sollten sie nicht hier sein. Es ist unvorstellbar, dass diese Minions das Grenzgebirge überquert haben sollen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, nur um sich dann in Centoria zu versammeln und hier hoch auf die Central Cathedral zu fliegen. Und …«

»Und es ist absolut undenkbar, dass jemand aus den Kreisen der Kirche sie vorsätzlich hier postiert hat …?«, fragte ich ihrem Gedankengang folgend. Alice warf mir einen giftigen Blick zu, erwiderte aber nichts.

Ich blickte zu den Gargoyles, die in unserer Nähe in der Luft standen, und sagte: »Verrat mir nur eins: Sind diese Minions intelligent? Verstehen sie die menschliche Sprache?«

Alice schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich. Minions sind keine Lebewesen wie Goblins oder Orks. Sie sind seelenlose Schergen, geschaffen von Magiern, die den Gott der Dunkelheit, Vector, anbeten. Sie verstehen nur ein paar einfache Befehle von ihren Meistern.«

»Ah …«, meinte ich und seufzte insgeheim erleichtert auf. Mir war bewusst, dass ich die gegenwärtige Bedrohung außer Acht ließ, aber mir war doch unwohl bei dem Gedanken, ein Wesen zu töten, das dasselbe Fluctlight wie ein Mensch hatte.

Cardinal hatte mir erklärt, dass nur Paare, deren Ehe in der Axiom-Kirche registriert worden war, Kinder kriegen konnten – wahrscheinlich weil sie den entsprechenden Systembefehl hatten, um den Vorgang auszulösen. Die Bewohner des Dark Territory mussten auf dieselbe Weise funktionieren. Dementsprechend mussten die Minions, die durch dunkle Künste geschaffen worden waren, auf demselben Programmcode laufen wie wilde Tiere und hatten keine synthetischen Fluctlights.

Vor diesem Hintergrund hatte die Feindseligkeit in ihren insektenartigen Augen dieselbe digitale Falschheit an sich, die mir auch in meinen SAO-Tagen bei so vielen Monstern begegnet war. Etwas in ihrer Routine schaltete von »Zurückhalten« auf »Angriff« um. Sie schlugen mit den Flügeln und erhoben sich als Einheit.

»Sie kommen!«, rief ich und hielt mein Schwert hoch. Angetrieben von seinem aufgestauten Hass stürzte sich der Minion, dem die goldene Stange im Bauch steckte, als Erster auf mich.

Dieses Mal startete er seinen Angriff mit seinen Klauen, statt mit seinem Schwanz. Er war nicht besonders schnell, aber es war so lange her, dass ich gegen ein Monster gekämpft hatte, dass ich Schwierigkeiten hatte, die Entfernungen einzuschätzen. Ich war darauf konzentriert, die Klauen abzublocken, und wartete auf eine gute Gelegenheit, um anzugreifen, als ich aus dem Augenwinkel sah, dass die anderen beiden sich auf Alice stürzten.

»Pass auf – die zwei da haben es auf dich abgesehen!«, warnte ich sie.

»Für wen hältst du mich eigentlich?«, schnauzte sie zurück und hielt das Schwert des goldenen Osmanthus an ihrer linken Seite bereit.

In einem mächtigen Hieb schwang die goldene Klinge herum und erhellte die Nacht. Es war keine Finte oder Kombo-Attacke, nur ein einzelner Schnitt auf halber Höhe: Im Aincrad-Stil hätte man das als »Horizontal« bezeichnet. Aber er war so schnell und vernichtend ausgeführt, dass ich nur vom Danebenstehen spüren konnte, wie mir der kalte Schweiß ausbrach. In unserem Kampf auf der achtzigsten Etage hatte ich der schieren Perfektion dieser einzelnen Attacke nichts entgegenzusetzen und keinen Raum für eine Verteidigung oder ein Ausweichmanöver gehabt. Meine Jahre in VRMMOs hatten mich zu einem Verfechter von Kombo-Attacken gemacht, doch diese Einzelattacke hatte all meine Überzeugungen zunichte gemacht.

Alice hielt inne, nachdem sie ihren Schwung ausgeführt hatte, und die vier Arme der Minions fielen herab. Selbst ihre Rüssel, die außerhalb der Reichweite ihres Schwerts gewesen waren, spalteten sich vor ihrer Brust.

Die Monster fielen, ohne auch nur einen Todesschrei von sich zu geben, während widerliches schwarzes Blut aus ihren sauber abgetrennten Stümpfen sprudelte. Natürlich wurde Alice nicht von einem einzigen Tropfen getroffen. Beiläufig richtete sie sich auf und beobachtete mich, wie ich mit meiner Deckung rang. »Brauchst du vielleicht Hilfe?«

»N… Nein … Ich komm schon klar«, widersprach ich. Ich hatte inzwischen alle Attacken des Minion gesehen und wich einem kombinierten Angriff von Klauen und Schwanz aus. Bevor sich das Monster auf eine sichere Distanz zurückziehen konnte, führte ich selbst eine vertraute Kombo aus.

Lange Zeit hatte ich es eigenartig gefunden, dass Underworld über dasselbe Sword-Skill-Prinzip verfügte wie SAO. Auch nach zwei Jahren innerer Abwägungen hatte ich immer noch keine befriedigende Antwort darauf gefunden. Vielleicht hatten die RATH-Ingenieure die »The Seed«-Plattform von SAO genutzt, um darauf ihre virtuelle Welt aufzubauen, aber soweit ich wusste, beinhaltete »The Seed« nicht die Sword-Skill-Funktionen. Wenn es so wäre, hätte ich die Sword-Skills auch in Gun Gale Online anwenden können.

Vielleicht kannte die weise Cardinal in ihrer Bibliothek die Antwort, aber ich hatte sie nicht gefragt, als ich die Chance dazu hatte. Cardinal wusste, dass sie und die anderen Underworldler in einem Experiment lebten, das von RATH erschaffen worden war, eine Erkenntnis, mit der sie schwer zu kämpfen hatte. Ich hatte mich nicht dazu durchringen können, sie mit der Tatsache zu konfrontieren, dass alles, was sie kannte, nur eine Illusion war. Doch jetzt, in diesem Augenblick, spielte es keine Rolle, warum es hier Sword-Skills gab. Solange sie richtig funktionierten und ich sie anwenden konnte, war das alles, was zählte.

Das Schwert in meiner Hand glühte blau auf und vollführte die vierteilige Attacke »Horizontal Square«.

»Rrraaaahh!«, brüllte ich. Mein Schwert trennte Arme und Schwanz des Minion ab und spaltete ihn dann mit dem letzten Hieb sauber in der Mitte – nicht dass ich versuchte, mit Alice mitzuhalten. Der Schwung des Angriffs hätte mich fast von der Plattform getragen, doch ich konnte gerade noch rechtzeitig anhalten und sah zu, wie die Einzelteile des Monsters unter mir durch die Wolken fielen.

Ich vermutete, wenn sich die Teile nicht während des Falls einfach auflösten, würde irgendein Mönch, der durch den Garten der Kathedrale streifte, einen ganz schönen Schrecken bekommen.

»Oooooh!«, murmelte Alice mit dem anerkennenden Tonfall eines Lehrers, der die Darbietung eines Schülers begutachtet. Ich schwang meine Klinge nach links und rechts, bevor ich sie wieder in die Scheide an meiner Hüfte steckte – ich hätte das Schwert lieber auf dem Rücken getragen, aber in der Waffenkammer hatte es kein Schulterholster gegeben – und ihr einen Blick von der Seite zuwarf. »Was?«

»Nichts. Das war nur ein ziemlich ungewöhnlicher Skill, das ist alles. Ich würde behaupten, damit könntest du eine richtige Menschenmenge anlocken, wenn du ihn auf der Bühne des Sommersonnenwendfests vorführen würdest.«

»Hey, danke.«

Ich musste innerlich darüber lachen, dass ich mit einer so sarkastischen Ritterin zusammen war. Dann kam mir ein Gedanke und ich fragte: »Warst du je beim Sonnenwendfest in Centoria? Das ist eher ein Fest für die einfachen Leute. An der Akademie der Schwertkünste ist kaum eins der Kinder des höheren Adels hingegangen …«

Natürlich bestätigten Ausnahmen die Regel. Sortiliena war adelig und sie freute sich jedes Jahr auf das Fest, wie ich mich gerne erinnerte.

Alice schnaubte. »Verwechsel mich nicht mit einem dieser Adeligen mit ihren Allüren! Natürlich … war … ich …«, verteidigte sie sich, brach aber mitten im Satz ab.

Ihr Mund stand offen und ihre Augenbrauen waren irritiert zusammengezogen, als würde sie nach einer Antwort suchen. Sie hob ihre leere linke Hand und rieb sich mit den Fingerspitzen die Stirn. Dann schüttelte sie mehrmals den Kopf und murmelte: »Nein … Einer der Mönche hat mir erzählt … dass es so ein Fest gibt. Integrationsrittern ist es verboten … sich jenseits ihrer Pflichten … unters gemeine Volk zu mischen …«

Das ergab Sinn. Die Integrationsritter glaubten, dass sie von ihrer Hohepriesterin aus dem Himmel beschworen wurden, aber das stimmte nicht. Administrator brachte Menschen, die besonders klug oder stark waren, in die Kathedrale und führte das Synthese-Ritual durch, das ihre Erinnerungen überschrieb und sie zu Rittern machte. Wenn Ritter also in die Städte gingen, bestand die Gefahr, dass sie ehemaligen Angehörigen begegnen könnten, was zu Chaos führen würde.

Alice war Nummer dreißig und damit der zweitneueste Ritter nach Eldrie Synthesis Thirty-One, der diesen Frühling konvertiert worden war. Der Logik nach müsste sie selbst auch innerhalb des vergangenen Jahres umgewandelt worden sein, aber sie war bereits vor acht Jahren aus Rulid verschleppt worden – womit sich eine Lücke von sieben Jahren ergab.

Was für ein Leben hatte Alice in dieser Zeit hier geführt? Hatte sie als Lehrling sakrale Künste gelernt? Hatte Administrator sie die ganze Zeit als Gefangene auf Eis gelegt?

Vielleicht hatte sie das Sonnenwendfest von Centoria tatsächlich besucht, bevor sie zum Ritter gemacht worden war. Vielleicht kitzelte diese kurze Unterhaltung eine alte Erinnerung hervor, die hinter ihrer Gedächtnisblockade verborgen war …

Wenn ich ihr weiter unbedeutende Fragen über das Sonnenwendfest stellte, könnte ich vielleicht das Piety Module auslösen, so wie es bei Eldrie geschehen war. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber sofort wieder.

Cardinal hatte gesagt, dass es mehr erfordern würde, als nur das Piety Module zu entfernen, um die Ritterin Alice wieder in Eugeos Freundin Alice Zuberg zu verwandeln. Ich brauchte das Fragment ihrer »wichtigsten Erinnerung«, das Administrator vollständig entfernt hatte. Wenn ich Alice’ Modul also jetzt entfernte, würde sie das Bewusstsein verlieren. Das wollte ich nicht, zumal nicht zu sagen war, wann der nächste Angriff erfolgen mochte.

Außerdem durfte ich nicht vergessen, dass Alice nicht einmal gezuckt hatte, als sie ihrem alten Kindheitsfreund Eugeo begegnet war. Das zeigte deutlich, wie umfassend ihre Erinnerungsblockade war. Es war unwahrscheinlich, dass ein so nebensächliches Thema wie das Fest das Modul auslösen würde. Vermutlich würde die ganze Sache nach hinten losgehen, indem ich sie damit noch misstrauischer mir gegenüber machte.

Mit fragender Miene beobachtete sie, wie ich das Problem hin- und herwälzte, und meinte: »Minionblut enthält Krankheiten. Wir müssen es abwaschen.«

»Hm? Oh …«

Alice zeigte auf mich und da erst bemerkte ich, dass ein paar Blutstropfen des Monsters auf meiner linken Wange gelandet waren. Ich wollte die widerlich stinkende Flüssigkeit mit dem Ärmel abwischen, doch sie warnte scharf: »Tu das nicht!«

Ich war völlig vor den Kopf gestoßen und fragte mich, wie lange es her war, dass mich jemand so zurechtgewiesen hatte.

»Hach, warum seid ihr Männer nur immer so?«, stöhnte sie. »Hast du nicht wenigstens ein Taschentuch oder so was?«

Ich steckte meine Hände in die Hosentaschen. Die rechte war leer und die linke enthielt nichts, was einem Taschentuch gleichkam. Verlegen musste ich gestehen: »Ich hab keins …«

»Vergiss es. Nimm das.« Irgendwo aus ihrem Rock zog sie ein weißes Taschentuch und reichte es mir mit angewidertem Blick.

Wenn sie mich schon wie einen kleinen Jungen behandeln musste, hätte ich genauso gut ihren Rock nehmen und mir daran die Wange abwischen können, aber ich musste einsehen, dass sie mich dafür problemlos hätte umbringen können. Stattdessen nahm ich dankbar das spitzenbesetzte Taschentuch entgegen und wischte mir vorsichtig über die Wange. Das Blut des Minions wurde gründlich entfernt, als sei der Stoff mit einer Art Reinigungszauber der sakralen Künste belegt.

»Vielen Dank«, sagte ich.

Ich wollte ihr das Taschentuch zurückgeben, aber sie wandte sich ab und erklärte: »Du wirst das reinigen, bevor du es zurückgibst, oder ich schneide dich in Stücke.«

Vor mir lag eine finstere Zeit. Was kann ich nur zu so jemandem sagen, um einen Kampf zu vermeiden, sobald wir wieder im Turm sind, damit ich Eugeo finden kann? Ich blickte mich um und stellte mir vor, wie mein Partner im Inneren die Treppe erklomm. Inzwischen war auch das letzte Licht verschwunden und die Sterne funkelten am Himmel. Wir hatten die Minions besiegt, aber es gab keine Möglichkeit, weitere Kletterhaken zu erzeugen, bis der Mond aufging und uns mit ein paar kümmerlichen Ressourcen versorgte.

Ich steckte mir Alice’ Taschentuch in die Tasche und untersuchte den Vorsprung. Es hatte den Anschein, als würden die übrigen Minionstatuen entlang der Wand ihre Steinform beibehalten, solange wir ihnen nicht zu nahe kamen. Wenn ich auf sie zugerannt wäre und mein Schwert in einen lebenswichtigen Punkt getrieben hätte, bevor sie vollkommen fleischliche Gestalt angenommen hatten, hätte ich sie vielleicht besiegen können, aber es würde mich nicht weiterbringen, mich einer solchen Gefahr auszusetzen.

Wir würden einfach die nächsten paar Stunden hier ausharren müssen, bis der Mond aufgegangen war. Ich war mehr als zufrieden damit, mich einfach hinzusetzen und mich eine Weile auszuruhen, war allerdings noch nicht überzeugt, dass es mir gelingen würde, Alice in dieser Zeit nicht zu verärgern. Ich beschloss, den Mund zu halten, bis mir etwas einfiel, um die Laune des reizbaren Integrationsritters zu heben.

Kapitel X
Bercouli, der Kommandant der Integrationsritter
Mai des Jahres 380 der menschlichen Zeitrechnung

Es ist so lange her, dass ich vergessen habe, wie es ist, allein zu sein, dachte Eugeo, während er die endlosen Stufen hinaufstieg.

Seit jenem Sommertag vor acht Jahren, als er zugesehen hatte, wie man Alice an das Bein eines Drachen gefesselt und weggebracht hatte, hatte sein Leben nur noch daraus bestanden, im Wald seine Axt zu schwingen und seine Augen und Ohren und sein Herz vor der Welt zu verschließen. Alle im Dorf, seine Familie eingeschlossen, weigerten sich, über die Verhaftung der Tochter des Dorfältesten durch den Integrationsritter zu reden, als wäre schon allein die Erwähnung ein Tabu. Tatsächlich hatten sie sogar angefangen, Eugeo zu meiden, weil er so eng mit ihr befreundet gewesen war.

Aber genauso wie die Dorfbewohner ihn mieden, mied auch Eugeo andere und wollte nicht an den Vorfall denken. Da er sich seine eigene Schwäche und Feigheit nicht eingestehen konnte, sank er tiefer und tiefer in den Sumpf der Resignation und versuchte, sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft zu ignorieren.

Aber dann, vor zwei Jahren, hatte ein Junge, der, ohne irgendetwas bei sich zu haben, durch den Wald gewandert war, Eugeo gefunden und ihn aus diesem bodenlosen Sumpf gezogen. Gemeinsam hatten sie eine Bande Goblins vernichtet und die Gigas Cedar gefällt und der Junge hatte Eugeo geholfen, sein Selbstvertrauen und seine Bestimmung zu finden.

Während der gesamten Reise aus Rulid über die Stadt Zakkaria und schließlich bis nach Centoria, wo sie an der Akademie der Schwertkünste trainiert hatten, war Kirito immer an seiner Seite gewesen. Sie hatten es sogar in die Central Cathedral der Axiom-Kirche geschafft – wenn auch nicht so, wie sie es ursprünglich geplant hatten – und hatten mehrere Hindernisse überwunden, um den Turm bis weit nach oben zu erklimmen. Alles nur, weil Eugeos schwarzhaariger Partner bei ihm gewesen war und ihn angeleitet und ermutigt hatte.

Aber kurz bevor sie die oberste Etage erreicht hatten, war Kirito verschwunden. Mitten in einem erbarmungslosen Kampf gegen Alice Synthesis Thirty – einen Integrationsritter, geschaffen, indem man seiner Kindheitsfreundin Alice Zuberg falsche Erinnerungen eingepflanzt hatte – hatten sich Kiritos und Alice’ vollkommene Rüstungskontrollen unnatürlich miteinander verbunden und ein Loch in die Außenwand gerissen.

Die beiden Kämpfer waren sofort nach draußen gesaugt worden und das Loch hatte sich schnell wieder repariert. Eugeo hatte alles in seiner Macht Stehende versucht, um ein neues Loch in die Wand zu schlagen, doch weder sein Schwert der blauen Rose noch sein mächtigster feuerelementarer Angriff hatten etwas gegen den Marmor ausrichten können.

Höchstwahrscheinlich waren die Wände mit einer Art permanentem Reparaturzauber belegt. Soweit Eugeo wusste, müsste das eine äußerst hochrangige Kunst sein, von der er sich nicht einmal die erste Zeile ansatzweise vorstellen konnte. Selbst wenn es ihm also gelingen sollte, der Wand unter großen Anstrengungen Schaden zuzufügen, würde sie sich genauso schnell wieder verschließen. Der einzige Grund, warum sich die Wand überhaupt geöffnet hatte, musste sein, dass die Verbindung von Kiritos und Alice’ Künsten mehr Energie freigesetzt hatte, als derjenige, der die Wand magisch verstärkt hatte, vorausgesehen hatte.

Andererseits würden sie, wenn sie die Macht hatten, das Loch zu erschaffen, sicherlich auch einen Weg finden, zu überleben, nachdem sie durch die Wand nach draußen gesogen worden waren. Kiritos übernatürliche Fähigkeiten, auf unerwartete Situationen zu reagieren, waren sicher sogar noch ausgeprägter als die eines Integrationsritters. Er würde einen Weg finden, ihren Sturz abzufangen. Vermutlich kletterte er gerade jetzt an der Außenwand hoch. Und das bedeutete, dass Alice bei ihm war.

In ihrem gegenwärtigen Zustand war sie eine unerschütterliche Beschützerin der Axiom-Kirche. Daher war schwer vorstellbar, dass sie Kirito helfen sollte, aber wenn er die Wand emporklettern konnte, würde sie ihm mit Sicherheit folgen. Und wenn Eugeo ihn oben treffen konnte, hätten sie noch eine Chance, den Dolch einzusetzen, den Cardinal ihnen gegeben hatte.

Mit diesem Gedanken trat Eugeo durch die Tür am Südende des Gartens über den Wolken, der achtzigsten Etage der Kathedrale, und stieg weiter die Treppe hinauf. Nun, da er alleine war, musste er jedoch gegen das Gefühl der Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit ankämpfen, die von ihm Besitz zu ergreifen drohten.

Anfangs bewegte er sich langsam und vorsichtig und erwartete jeden Moment einen Angriff, doch in der einundachtzigsten und zweiundachtzigsten Etage gab es keinerlei Hinweise, dass noch jemand dort war. Um es bis hierhin zu schaffen, hatten sie insgesamt neun Ritter geschlagen: Eldrie mit seiner Frostschuppenpeitsche, Deusolbert mit seinem Bogen der glühenden Flamme, die Novizinnen Fizel und Linel, Fanatio mit ihrer Himmelsperforatorklinge und die Vier Wirbelnden Schwerter in ihrem Gefolge. Blieben noch der Kommandant der Ritter und jemand mit dem Titel Erzbischof, ganz zu schweigen von Administrator selbst.

Es schien nicht sehr wahrscheinlich, dass die Hohepriesterin selbst, die Herrscherin über die Axiom-Kirche und damit die gesamte Menschheit, in Erscheinung treten würde, aber der Kommandant der Ritter und der Erzbischof würden ihn mit Sicherheit nicht ungehindert in die Spitze des Turms vordringen lassen. Also kanalisierte Eugeo unterwegs all seine Energie, das Schwert der blauen Rose immer zur Hand. Und doch konnte er nicht verhindern, dass seine Gedanken abschweiften.

Was taten Kirito und Alice gerade? Jagte sie ihm nach, während er versuchte, die Kathedrale zu erklimmen? Oder kämpften sie an der Mauer hängend weiter? Könnte Kiritos einzigartiger Charme die stolze Ritterin tatsächlich veranlasst haben, das Schwert niederzulegen?

Plötzlich spürte Eugeo ein unbekanntes Gefühl in seiner Brust aufwallen. Es erinnerte ihn an das widersprüchliche Gefühl, das er vor ein paar Stunden gehabt hatte, als er seine Klinge auf den niedergestreckten Integrationsritter Deusolbert gerichtet hatte.

Als er erkannt hatte, dass es Deusolbert gewesen war, der Alice vor all den Jahren aus Rulid verschleppt hatte, hatten Wut und Hass ihn übermannt, sodass Eugeo bereit gewesen war, das Leben des Ritters zu beenden. Doch Kirito war eingeschritten und Eugeo hatte ein heftiges Gefühl der Unterlegenheit empfunden.

Du hättest nicht einfach nur so dagestanden, dachte er. Du hättest den Ritter angegriffen, die Konsequenzen wären egal gewesen, und hättest einen Weg gefunden, um Alice zu retten.

Vielleicht würde Kirito mit seiner Stärke und seiner Güte einen Zugang zu Alice’ Herz finden. Natürlich war diese Alice nur eine Fälschung, nachdem ihre Erinnerungen von Administrator gestohlen worden waren. Aber Kirito hatte versucht, das Leben von Deusolbert und sogar Fanatio zu retten, obwohl sie ihn fast getötet hatten … also vielleicht … »Nein. Das wird nicht passieren.«

Er schüttelte den Kopf und zwang sich, diese Gedanken zu verdrängen. Es war sinnlos, darüber nachzudenken. Solange er es in die oberste Etage schaffte, das Erinnerungsfragment barg, das dort gelagert wurde, und es Alice’ Seele zurückgab, würden all ihre Erinnerungen daran, eine Ritterin gewesen zu sein, verschwinden. Dann endlich würde die wahre Alice, diejenige, die ihm mehr bedeutete als jeder andere, zurückkehren.

Und wenn sie wieder zu sich kam, würde er sie ganz festhalten und sagen: Ich werde dich immer beschützen. Bald schon wäre der Moment gekommen, morgen oder vielleicht sogar schon heute Abend.

Aber jetzt musste er diese Gedanken beiseiteschieben und sich darauf konzentrieren, seinem Ziel näher zu kommen.

Irgendwo in der Kathedrale läuteten die Glocken sieben, als er das Ende der Treppe erreichte. Eugeo zählte jedes Mal, wenn er einen Treppenabsatz erreichte. Jetzt war er bei zehn. Also war er in der neunzigsten Etage. Er näherte sich dem Machtzentrum der Axiom-Kirche.

In der weitläufigen Eingangshalle gab es keine Spur von einer Treppe, die weiter nach oben führen würde, nur eine riesige Tür in der Nordwand. Das ließ vermuten, dass die neunzigste Etage wie die fünfzigste und die achtzigste als einziger offener Saal gestaltet war. Und darin würden ihn mächtigere Feinde erwarten, als ihm je begegnet waren.

Kann ich wirklich gewinnen? Allein auf mich gestellt?, fragte er sich, als er am Ende des Gangs stand. Fanatio hatte Kirito fast getötet und Alice war sogar noch stärker. Wie sollte er mit jemandem fertigwerden, der noch mal deutlich mächtiger war?

Wenn er darüber nachdachte, war es allein Kirito gewesen, der in diesen Kämpfen die Treffer hatte einstecken müssen. Eugeo hatte sich nur hinter ihm versteckt und seine vollkommene Rüstungskontrolle aktiviert. Kirito hatte gemeint, das sei die klügste Vorgehensweise, wenn man ihre jeweiligen Stärken bedachte, aber nun, da er fort war, musste Eugeo seine Kämpfe selbst ausfechten.

Er strich über das Schwert der blauen Rose an seiner linken Seite und spürte die Textur von Griff und Parierstange. Er würde die vollkommene Kontrolle noch einmal anwenden können, aber einfach wild damit um sich zu schlagen würde ihm nicht dabei helfen, jemanden in seinen Eisranken zu fesseln. Er musste seinen Gegner allein mit seiner Schwertkunst überwältigen und auf eine Gelegenheit warten, sie einzusetzen.

»Dann mal los …«, sagte er zu seinem Schwert, hob die Hand und schob die weiße Tür auf.

Sofort schlugen ihm helles Licht, dicker Rauch und ein ständiges, ohrenbetäubendes Dröhnen entgegen. Ein Angriff mit Sakralkünsten?, fragte er sich augenblicklich und wollte schon in Deckung hechten … bis er erkannte, dass es sich bei der blassen Substanz, die aus der Tür quoll, nicht um Rauch handelte, sondern um Dampf. Er benetzte lediglich seine Hände und seine Ärmel. Durch den wabernden Dunst konnte er erkennen, was im Inneren vor sich ging.

Wie erwartet beinhaltete diese Etage der Kathedrale nur einen einzigen, weitläufigen Saal. Zahllose Lampen schienen von seiner extrem hohen Decke. Dieses Stockwerk hatte bestimmt irgendeinen überkandidelten Namen wie Großer Korridor des heiligen Lichts oder Garten über den Wolken, aber das war unmöglich festzustellen. Der Dampf hing tief am Boden und nahm Eugeo die Sicht, aber der Raum schien verlassen zu sein.

Eugeo ging ein paar Schritte hinein und versuchte herauszufinden, wo der Dampf herkam. Er hörte Wasser plätschern und ein fernes Rumoren, vermutlich von einem großen Strom.

In diesem Moment blies ein kalter Luftzug durch die Tür und vertrieb den wabernden Nebel. Ein etwa fünf Mer breiter Marmorpfad führte tiefer in den Raum. Zu beiden Seiten des Gangs fiel der Boden in Stufen zu Becken mit klarem – und heißem – Wasser ab. Es war mindestens einen Mer tief. Wenn die gesamte Kammer so gestaltet war, konnte er sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie viele Lir Wasser sie enthalten musste.

Pulsuz fraqment bitdi.