Kitabı oxu: «Himmlisch frei»
RENATA SCHMIDTKUNZ HIMMLISCH FREI WARUM WIR WIEDER MEHR TRANSZENDENZ BRAUCHEN
Renata Schmidtkunz:
Himmlisch frei
Alle Rechte vorbehalten
© 2019 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: JaeHee Lee
Satz: Isabella Starowicz
ISBN 978-3-99001-319-9
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Für meine Mutter Marianne Antonie
und meine Tochter Lena Marie Antonie
Inhalt
Die Entvölkerung des Himmels
Der Zauber der Welt
Die entzauberte Welt
Alles Gute und Schöne
Mein neuer Gott
Himmlische Freiheit
Dank
Fußnoten
Literaturliste
Die Entvölkerung des Himmels
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Wie mir das Thema dieses Buches bewusst wurde
Heutzutage, schreibt der deutsche Philosoph und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk in seinen unter dem Titel Neue Zeilen und Tage erschienenen Notizen, rückt jeder, der lesen und schreiben kann, mit seinem Befund über die kranke »Gesellschaft der Gegenwart« heraus. Die »Gesellschaft« wird so zu dem meist-überdiagnostizierten Patienten. Wäre ich »die Gesellschaft«, ich wüsste nicht, woran zu leiden ich mir aussuchen würde.
Auch ich rücke in diesem Buch mit meinem Befund heraus. Allerdings bezieht er sich nicht auf »die Gesellschaft«, denn unsere Gesellschaften waren bis vor kurzem, sagen wir bis vor zehn oder fünfzehn Jahren, eigentlich ganz in Ordnung. Zumindest an der Oberfläche.
Vielmehr geht es mir um jene, die diese pluralistische, demokratische, soziale und menschliche Gesellschaft angreifen, und vielleicht sogar zerstören wollen. Ihre treibenden Motive sind Herrschsucht und Gier. Ihre Taktiken und Strategien sind Aushöhlung, Spaltung, Lüge, das Überschreiten aller ethischen Grenzen, die Zerstörung von ethischen Vorbildern, die permanente Attacke auf öffentlich-solidarische Institutionen, auf Religionen, auf Kunst und Bildung, Militarisierung und gezielte Verarmung ganzer Bevölkerungsteile.
Was wir dem politisch entgegenhalten können und müssen, darüber schreiben im Moment viele Autorinnen und Autoren. Ich möchte in diesem Buch danach fragen, was uns seelisch bestärken kann, woran wir uns in dieser Zeit der absichtsvollen Vernebelung und Infragestellung aller bisher gültigen humanen Werte halten können und sollen.
Denn irgendwann spürte ich ihn, diesen Bruch mit der Welt, in der ich aufgewachsen war. Natürlich ging dem plötzlichen Verstehen ein langer Prozess von kleinen und größeren Beobachtungen voraus. Dinge, die mich irritierten, mich vielleicht auch verunsicherten oder verängstigten. Ordnungen, die mein Leben eingerahmt und gehalten hatten, zerbröselten langsam, aber merkbar.
Die Erfindung der Alternativlosigkeit
Es begann Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre. Die – wie mir schien – Selbstverständlichkeiten, auf denen unsere Gesellschaft aufgebaut war, gerieten irgendwie aus dem Gleichgewicht. So zum Beispiel der Sozialstaat, von dem es plötzlich hieß, er sei nicht mehr leistbar. Die Menschen könnten nicht länger in den »sozialen Hängematten« liegen. Leistungsfähig sei nur, wer in ständiger Konkurrenz zu anderen lebe.
Weil ich das nicht glauben wollte und konnte, war ich im Jahr 2001 eine der Mitinitiatorinnen des Volksbegehrens Sozialstaat Österreich1. Wir befürchteten, dass sich der österreichische Staat in Richtung einer liberalen Armenversorgung entwickeln könnte, die Almosen verteilt, ohne dass ihre Empfänger ein verbrieftes Recht darauf hätten.
Sozialpolitik ist aber nicht nur für sozial Schwache wichtig, sondern auch für die Mittelschicht. Lebensstandard und der soziale Friede hängen von einem gefestigten und funktionierenden Sozialstaat ab. Der wiederum ist eine politische und gesellschaftliche Übereinkunft und Entscheidung.
Wir ahnten damals nicht, wie recht wir mit unseren Befürchtungen hatten. Damals lebten wir noch in der Fülle des Sozialstaates, Denker und Wissenschaftler sahen aber voraus, was kommen würde. Auch sie ahnten allerdings nicht, wie schnell.
Eine andere Attacke zielte auf die Alten. Sie, die immerhin die Welt, in der meine Generation aufwuchs, geschaffen hatten, wurden bezichtigt, den Gesellschaftsvertrag zu sprengen. Mit ihren unbotmäßigen Renten, ein über Jahrzehnte erkämpftes probates Mittel gegen Altersarmut, würden sie den Jungen die Zukunft stehlen, hieß es vermehrt.
Zu diesem fundamental unsolidarischen Angriff gab es auch einen passenden Werbespot der Wiener Städtischen Versicherung. Ein Vater sitzt mit seinem kleinen Sohn im Kaffeehaus. Der Sohn – er ist vielleicht sechs Jahre alt – bekommt ein großes Stück Torte, welches er um keinen Preis mit seinem Vater teilen möchte. Dazu eine sonore Stimme:
Wollen Sie wirklich von der Großzügigkeit Ihrer Kinder abhängig sein?
Ich erinnere mich lebhaft an die Empörung, die dieser Werbespot bei vielen und auch bei mir auslöste.
Auch die Kirchen, die, trotz aller berechtigten Kritik, gerade in ethischen Fragen eine essenzielle Ordnungsfunktion haben, werden nun zur Zielscheibe von Medien und Politik. In Punkten wie der Unbeweglichkeit der römisch-katholischen Dogmenlehre beim Priesteramt für Frauen, bei Missbrauchsfällen oder der Abtreibungsdebatte, oder bei den politischen Verwerfungen in der Geschichte Europas, wie etwa der Kollaboration der Evangelischen Kirche Österreichs mit dem Nazi-Regime, völlig zu Recht.
Aber, fragte ich mich, muss man das Kind mit dem Bade ausschütten? Stehen die religiösen Traditionen Europas nicht auch ohne jedes Fragezeichen für die Würde des Menschen ein? Erinnern sie uns mit ihrem karitativen und seelsorglichen Engagement nicht auch an die Unantastbarkeit der Menschenrechte und daran, dass jeder Mensch wertvoll ist und ein unbedingtes, nicht hinterfragbares Lebensrecht hat? Etwa wenn es um Euthanasie, Flüchtlingshilfe oder das Engagement für Behinderte, Obdachlose und alleinerziehende Frauen geht?
Die britische Premierministerin Margaret Thatcher sagte im Mai 1980 auf der Conservative Women’s Conference, der jährlichen Konferenz der Conservative Women’s Organisation:
We have to get our production and earnings in balance. There’s no easy popularity in what we are proposing, but it is fundamentally sound. Yet I believe people accept there is no real alternative. (Wir müssen unsere Ausgaben und Einnahmen ins Gleichgewicht bringen. Das, was wir vorschlagen, wird unpopulär sein, aber es ist ganz grundsätzlich vernünftig. Ich glaube, dass die Menschen akzeptieren werden, dass es keine wirkliche Alternative gibt).
Damit war das sogenannte TINA-Syndrom (There Is No Alternative) geboren, und diese seither von vielen Politikerinnen und Politikern gebetsmühlenartig wiederholte »Alternativlosigkeit« sickerte über die Jahre und Jahrzehnte in die Gehirne der Menschen in ganz Europa ein.
Die aufgrund dieser angeblichen Alternativlosigkeit verwirklichten »Reformen« (Rückbau des Sozialstaates, der Bildungssysteme, Liberalisierung der Wohnungsmärkte, Privatisierung von Gesellschaftseigentum, und so weiter) verursachten und verursachen immer wieder große Protestwellen, was aber nichts an dem seit Beginn der 1990er Jahre vollzogenen Umbau unserer europäischen Gesellschaften änderte.
Das Diktat der Effizienz
In dieser Phase tauchte am Horizont des öffentlichen Diskurses auch das Effizienz-Gespenst auf. Evaluierung und Qualitätskontrolle, eigentlich wichtige Werkzeuge eines demokratischen Rechts- und Sozialstaates, mutierten zu Beherrschungsinstrumenten zugunsten der Ökonomie.
Ein zum Teil unbarmherziger Kapitalismus veränderte mit seinem Diktat der »Bezifferung der Welt«2 unsere westlichen Gesellschaften bis zur Unkenntlichkeit. Westeuropäer, die sich hier »Humanisten« und »von den Gedanken der Aufklärung geprägt« nannten, verdienten im völlig deregulierten und von einer Goldgräberstimmung erfassten Osten Europas mit Privatisierungen Milliarden. Die Osteuropäer, die dem Versprechen der »blühenden Landschaften« geglaubt hatten, sahen sich nicht nur der westlichen Entwertung ausgesetzt, sondern auch einem brutalen Lebenskampf. Zwangsprostitution und Sklavenwesen waren im Herzen Europas wieder möglich geworden3.
Kritikerinnen und Kritiker nennen diese neue Art des Effizienzdenkens »Neoliberalismus«. Eines der wichtigsten Merkmale des Neoliberalismus ist ein ausgeprägtes Nutzen- oder Gewinndenken: Was nichts bringt, wird nicht mehr gemacht.
Die Philosophin Hannah Arendt weist 1972 in ihrem Buch Vita activa oder Vom täglichen Leben unter Bezugnahme auf Karl Marx darauf hin, dass die Entwertung der Werte einer Gesellschaft damit beginnt, dass man alles zu Werten beziehungsweise zu Waren macht.
Dieses Denken führt dazu, dass etwas, das man nicht in Geld bemessen kann, seine Gültigkeit, mehr noch, seine Existenzberechtigung und Wertschätzung in der Gesellschaft verliert. So zum Beispiel alle menschlichen Eigenschaften, oder, um dieses altmodische Wort zu verwenden, Tugenden, die sich in selbstlosem Tun anderen oder der Gesellschaft gegenüber ausdrücken.
Doch das, was uns zu menschlichen Menschen macht, lässt sich nicht in Geld bemessen. Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft, Aufmerksamkeit, Liebe, Fürsorge, jemanden etwas lehren, das Nachdenken, Solidarität und Mitgefühl, Barmherzigkeit und Freude, um nur einige Beispiele zu nennen, sind im Denksystem des Neoliberalismus wertlos. Denn niemand kann sich den Ertrag von Menschlichkeit auf sein Privatkonto verbuchen. Jene, die gerne alles, außer das von ihnen verursachte Elend, privatisieren würden, bestimmen heute den öffentlichen Diskurs.
Wie kann ein lebendiges Lebewesen an diese uns täglich präsentierte Alternativlosigkeit glauben, begann ich mich zu fragen. Wir sehen jeden Tag an uns selbst, an anderen Menschen und allem, was uns umgibt, dass es immer Alternativen gibt. Man kann sich immer entscheiden, für das eine oder das andere. Leben bedeutet geradezu, Alternativen abzuwägen und Entscheidungen zu treffen. Dazu gibt es dann noch so vieles, worüber wir keine Macht haben, und womit wir trotzdem umgehen müssen. Wie können Menschen, die wir wählen und die in unserem Namen verantwortlich handeln sollten, also von Alternativlosigkeit sprechen? In wessen Sold stehen sie, wessen Agenda verfolgen und wem nützen sie? Und was ist ihnen entgegenzustellen?
Die Folgen des Religionsverlustes
Diese Frage führte mich zum Thema des Buches, das Sie in Händen halten.
Ich bin in einem evangelischen Pfarrhaus aufgewachsen. Mein Vater und meine Mutter betrachteten ihren Beruf mehr als Berufung und ordneten daher auch unser Familienleben dieser Aufgabe unter. Eines der Grundprinzipien, die ich in diesem Elternhaus lernte, war, dass wir als Mensehen Verantwortung zu übernehmen und uns für eine bessere Welt einzusetzen haben. Eine bessere Welt war für uns eine Welt der Gerechtigkeit, der Liebe, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung, um es plakativ zu formulieren.
Das Fundament dieser Überzeugungen meiner Eltern bildete der Glauben an einen Gott der Liebe, der die Welt geschaffen und den Menschen geschöpft hat. Leben hieß und heißt in der Welt meiner Eltern, in der Welt des Protestantismus, in der ich aufgewachsen bin, aktiv an einer besseren Welt mitzuwirken und sich gegebenenfalls zu diesem Zwecke auch politisch zu engagieren.
Mit dieser Mitgift begann ich 1983 ein Studium der Evangelischen Theologie an der Universität Wien. Ein Auslandsjahr am Centre universitaire protestant in Montpellier trug nicht nur zur Verbesserung meiner Französischkenntnisse bei, sondern brachte mir auch Geschichte und Gegenwart des französischen Protestantismus näher. Er war gekennzeichnet von blutigen Verfolgungen und dem Widerstand gegen jede Art von ungerecht handelnder Obrigkeit.
In diesem Studium der Theologie lernte ich, strukturell zu denken und eine der zentralen Fragen kritischen Denkens zu stellen: »Cui bono?« Auf Deutsch: »Wem zum Vorteil?« Das verdanke ich zuallererst meiner Wiener Professorin Dr.in Susanne Heine, die mich förmlich anstachelte, kritische Fragen zu stellen und selbst zu denken.
Außerdem lernte ich, dass der Mensch fähig ist, über sich selbst hinaus zu denken und zu hoffen, dass er Ideen und Ideologien erdenken kann, dass manche »Wahrheiten« den Moden der Zeit geschuldet sind und sich die Fragen der Menschheit trotz aller Erkenntnisse und Erfindungen wenig ändern: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Warum gibt es Leiden? Was ist gut? Was ist böse? Warum müssen wir sterben?
Dass ich trotz meiner elterlichen Vorbilder nicht Pfarrerin werden wollte, war mir schnell klar. Zu lange hatte ich im Glashaus gesessen, denn Pfarrersfamilien wurden vor vierzig Jahren von den Gemeinden noch als öffentliches Gut betrachtet und genau beobachtet.
Durch Zufall, aber dann dafür mit umso größerer Leidenschaft, wurde ich Religionsjournalistin. Zwar würde ich mich selbst heute nicht mehr als religiös im traditionellen Sinn bezeichnen und schon gar nicht bin ich missionarisch motiviert, die Welt der Religionen ist aber wegen ihrer Vielfalt und philosophisch-theologischen Buntheit nach wie vor mein Steckenpferd, vielleicht sogar meine Leidenschaft. Denn ohne ein Wissen über Geschichte und Gegenwart der Religionen ist unsere Welt kaum zu verstehen.
Die Ideen- und Geistesgeschichte der vergangenen Jahrhunderte hat dazu geführt, dass die europäischen Gesellschaften sich mehr und mehr von den Kirchen, die mindestens bis in die 1980er Jahre auch über viel gesellschaftliche Macht verfügt haben, distanzierten. Ethische und moralische Grundsätze werden nicht mehr nur religiös, sondern überwiegend humanistisch begründet.
Den Religionsverlust, der sich auch in schwindenden Mitgliedszahlen, vor allem, aber nicht nur, in den protestantischen Ländern Europas zeigt, empfinden aber viele Menschen auch als persönlichen Verlust und Kränkung, weil sie Sehnsucht nach Religiosität haben und sie als menschliches Grundbedürfnis erleben.
Angefeuert durch die »There is no alternative«-Rufe der Politik macht sich in unserem transzendenzlosen Alltag Orientierungslosigkeit und Verzagtheit breit.
Der gebeugte Konsument
2010 drehte ich in Budapest einen Film für den europäischen Kultursender 3sat. Zwischen Humor und Verzweiflung. Ungarns Weg durch die Krise lautete der Titel. Ich hatte mir vorgenommen, nach der Wiederwahl Viktor Orbáns und dem sofort einsetzenden Umbau der ungarischen Gesellschaft, Künstlerinnen und Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler danach zu fragen, wie sie mit den Veränderungen umgehen und wie jene sich auf Kunst, Politik und Gesellschaft auswirken.
So kam ich unter anderem in die Kunsthalle am Platz der Helden im Zentrum Budapests. Man zeigte die Ausstellung Over the Counter (Über den Ladentisch)4. Künstlerinnen und Künstler aus vielen Ländern des ehemaligen sogenannten Ostblocks stellten aus. Sie thematisierten die völlige Ökonomisierung der osteuropäischen Gesellschaften. Und auch 21 Jahre nach der sogenannten Wende schienen sie noch unter Schock zu stehen, war es ihnen offensichtlich noch nicht gelungen, sich im neuen System zu beheimaten.
Ein Kunstwerk blieb mir besonders in Erinnerung: Auf einer weißen Wand waren mit einer einfachen schwarzen Linie zwei menschliche Figuren gemalt. Eine stand aufrecht und hielt, offensichtlich demonstrierend, ein Schild hoch. Darunter war geschrieben: »Citoyen« (»Bürger«). Aber das Wort war durchgestrichen. Daneben stand eine zweite Figur, gebeugt, mit hängenden Armen, links und rechts mit schweren Einkaufstüten behängt. Darunter stand das Wort: »Consumer« (»Konsument«).
Mit wenigen Strichen hatte es diese Grafik geschafft, zu zeigen, wie die ökonomischen Veränderungen auch die politischen Strukturen und die Rolle des Individuums in ihnen verändert haben. Aus dem Bürger, der Bürgerin wurde der Konsument, die Konsumentin. Zu konsumieren ist seine und ihre Lebensaufgabe und die einzig zulässige Rechtfertigung seines, ihres Daseins.
»Wir haben eine Gesellschaft, in der es kein Vertrauen gibt und keine Idee vom Gemeinwohl, keinen Glauben an Freiheit und Gerechtigkeit. Die Tradition ist zerstückelt, die Zukunft existiert nicht. Also, was wollen wir?«, sagte mir der rumänisch-ungarische Philosoph Gáspár Miklós Tamás, Mitinitiator der »Runden Tische« während und nach der Wende in Ungarn, damals im Interview.
Mit den Füßen auf der Erde und dem Kopf im Himmel
Ja, was wollen wir?
Der Himmel ist leergeräumt, die Gottheiten haben ausgedient. Und wenn nicht, sind sie Konsumgüter im Supermarkt möglicher Weltanschauungen und Religionen. In seinem Buch Nach Gott schreibt Peter Sloterdijk, dass in der klassischen Antike die Götter unsterblich waren und die Menschen als irdischer Widerpart der Götter den Namen »die Sterblichen« trugen. Aber längst ist uns klar geworden, dass der am Ende des 19. Jahrhunderts diagnostizierte »Tod Gottes« wirklich stattgefunden hat. Und dieser Tod hat nicht zuletzt mit unseren ökonomischen und technologisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen und Rahmenbedingungen zu tun. Was für das einzelne Individuum die Sterblichkeit ist, ist für Zivilisationen und deren Gottheiten ihre Geschichtlichkeit. Beide haben immer auch ein Ablaufdatum.
Die Tatsache, dass die Moderne eine über uns thronende, uns belohnende und bestrafende Allmacht abschaffte, macht im Umkehrschluss den Menschen zum allmächtigen Wesen. Der Mensch als allmächtiger Schöpfer und Zerstörer tut der Menschheit aber nicht gut. Wir sehen es jeden Tag. Ein Blick in die Medien genügt.
Transzendenz zu denken, sich darin zu üben, davon auszugehen, dass es einen Bereich gibt, der jenseits unseres Verstehens und unseres Einflusses ist, bedeutet neben vielem anderen auch, Distanz zum Weltgeschehen zu bekommen. Es ist eine Distanz, die befreien kann von jenen Trieben, die unsere Welt und die Menschheit im Moment zu zerstören drohen. Es ist eine Distanz, die befreien kann von dem Wunsch, alles alleine zu besitzen, dem Wunsch, die Welt und was auf ihr wächst und existiert, nicht teilen zu wollen.
Wenn gläubige Menschen in allen Religionen der Welt zum Beispiel sagen, wir seien nur zu Gast auf diesem Planeten, er sei uns nur zur pfleglichen Verwendung anvertraut worden, wenn also ein transzendenter Besitzer zwischen uns und unsere Erde gestellt wird, werden wir mit dieser Erde vielleicht besser umgehen, als wir es im Moment tun.
Wenn das Fremdenrecht ein Gebot einer göttlichen Allmächtigkeit ist, werden wir Menschen, die aus welchen Gründen auch immer und mit friedlichen Absichten oder gar aus Not zu uns kommen, wahrscheinlich freundlicher aufnehmen, als wenn wir davon ausgehen, dass das Land, in das wir durch Zufall hineingeboren wurden, das durch Zufall keinen Krieg und keine Hungersnot zu leiden hat, uns gehört. Und zwar nur uns.
Woher werden wir jetzt und in Zukunft die Ideen, die Utopien, die Kraft und den Mut nehmen, uns den sich weltweit zuspitzenden Problemen von Klimawandel, Rassismus und letztlich der Zerstörung des Planeten entgegenzustellen? Und wie kann es uns gelingen, trotz der technologischen Entwicklungen, trotz Digitalisierung und künstlicher Intelligenz, das Wohl der real existierenden Menschen nicht aus den Augen zu verlieren? Wie begründen wir unser individuelles und kollektives Tun, wenn es keinen Gott im Himmel gibt, dessen Gebote uns im humanen Zaum halten?
Zu denken, dass es jenseits unserer materiellen Wirklichkeit einen offenen Raum gibt, einen Raum der Freiheit, erweitert unsere Wahrnehmung von uns selbst, der Gemeinschaft und der Welt, in der wir leben. Im schönsten Fall wird diese Vorstellung uns dabei helfen, entsprechend unserer Überzeugungen frei und selbstbestimmt zu leben. Das Wissen um die Unendlichkeit von Zeit und Raum, die in vielen Religionen der Welt »Gott« oder »das Sein« genannt wird, kann das Denken beflügeln und zu innerer Freiheit und Selbstbestimmtheit führen.
Vielleicht ist es auch so: Wenn wir nicht mit den Füßen auf der Erde und dem Kopf im Himmel durch das Leben gehen, werden wir grau und mutlos, und unsere Seelen werden verkümmern.
In diesem Sinne verwende ich im vorliegenden Buch das Wort Transzendenz. Zunächst kommt es von dem lateinischen Wort transcendere und meint einfach »etwas überschreiten«. Die Bewegung des menschlichen Geistes im Denken beschreibt man auch als einen Prozess des Transzendierens. Im Denken an oder über etwas, das die vorfindliche Wirklichkeit übersteigt (zum Beispiel in einer Sklavengesellschaft an die Freiheit aller Menschen zu glauben und dafür zu kämpfen), ist also ein Prozess des Überschreitens, auch des Weiterschreitens. Denn was gedacht ist, kann so auch Wirklichkeit werden.
Die Tatsache, dass ich als Frau heute ein selbstbestimmtes, freies Leben führen kann, verdanke ich Generationen von Frauen und auch Männern, die dafür gekämpft haben. Sie glaubten wider den Zeitgeist an die Gleichwertigkeit der Geschlechter. Außerdem lehnten sie eine Rechtsordnung ab, die Unrecht zu Recht machte.
In Geschichte und Gegenwart gab und gibt es Menschen, die von der Idee der denkerischen Freiheit und dem daraus entstehenden Bedürfnis nach einem autonomen Leben so begeistert und überzeugt waren, dass sie auch bereit waren, dafür einen hohen Preis zu zahlen. Von solchen Menschen wird in diesem Buch die Rede sein. Auch von Begegnungen mit Menschen, die mich beeindruckten und inspirierten und manchmal auch ein Grund waren, Dinge in meinem Leben zu ändern.
Aber es wird auch um die Frage gehen, was es heißt, frei und selbstbestimmt leben zu wollen und wie wir das in Gemeinschaft mit anderen tun können. Wozu brauchen Menschen heute noch Religion, oder geht es uns ohne Religion vielleicht doch besser? Was treibt uns an, Gutes zu tun, und was ist gut?
Was Sie erwartet, ist keine theologische oder religionsphilosophische Abhandlung, obwohl ich manchmal in diese Gefilde reisen werde, um Zusammenhänge zu erklären. Ich schreibe dieses Buch als Beobachterin, als Journalistin mit Steckenpferd. Ich schreibe es auch, weil ich in den vergangenen zwanzig Jahren in Interviews mit außergewöhnlichen Menschen zu außergewöhnlichen Fragestellungen für die Hörfunk-Sendereihe Im Gespräch (Radio Österreich 1), sowie in Gesprächen mit Freundinnen und Freunden immer wieder feststellte, dass sich die Fragen nach dem Woher und Wohin, nach Gerechtigkeit und dem guten Leben für alle häufen. Und weil ich glaube, gemerkt zu haben, dass ich nicht die einzige bin, die Ordnung in ihr areligiös-rational-emotional-politisches Denksystem bringen muss.
Der Zauber der Welt
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Was Transzendenz ist und was sie kann
Die zentrale These dieses Buches lautet also, dass uns Transzendenz in einer ihr feindlichen, von kapitalistischem Effizienzdenken geprägten Gesellschaftsordnung abhanden gekommen ist, und dass wir wieder mehr davon brauchen, um frei und selbstbestimmt ein gutes Leben führen zu können. Doch was ist das eigentlich, Transzendenz?
Eine 85-jährige Freundin aus Kärnten, Liesl Wirnsberger, die in ihrem beruflichen Leben Landwirtin, Wein- und Bergbäuerin war und eine Kennerin der Natur, der Kräuter und ihrer Heilkräfte ist, nicht religiös, sehr belesen und welterfahren ist, und die über einen bestechenden Humor verfügt, antwortete, als ich ihr diese Frage stellte: »Weißt du, ich fühle es, aber ich kann es nicht ausdrücken.« Dieser Satz ließ mich innehalten. Warum, fragte ich mich, kann eine so kluge Frau wie Liesl das nicht ausdrücken?
Nach der Definition des deutschen Philosophen Ernst Tugendhat, Autor des 2007 erschienenen Buches Anthropologie statt Metaphysik, ist Transzendenz das »Übernatürliche«, das, was »jenseits der raumzeitlichen Welt« ist. Raum und Zeit sind aber die wichtigsten Wahrnehmungskriterien des Menschen. Wir nehmen unsere Wirklichkeit durch Raum und Zeit wahr, unser ganzer Alltag besteht daraus, wir denken in Raum und Zeit. Dass die Transzendenz jenseits davon liegt, macht es uns schwer, sie zu erfassen. Sie entspricht nicht unseren täglichen Erfahrungen.
Ich beschloss, mehr Menschen nach ihrem ganz persönlichen Verständnis von Transzendenz zu befragen, darunter einige meiner Interviewpartnerinnen und -partner aus meiner Radioreihe Im Gespräch. Einige wirkten überrascht und hatten unerwartet viel Mühe, Transzendenz zu beschreiben. Viele sagten: »Ich glaube nicht an Gott!« oder »Mit der Kirche will ich nichts zu tun haben.«
Wenn ich einwandte, es gehe mir nicht um Gott, die Kirchen oder spezifische Religionen, waren manche erst recht überrascht. Doch von einigen Menschen bekam ich Rückmeldungen, die mich bei der Arbeit an diesem Buch inspirierten.
»Transzendenz ist das Instrument und das Ziel auf dem Weg der Entwicklung«
Angelika Hagen, Musikerin und Coach, schrieb mir:
Transzendenz ist für mich eine Art der erweiterten, vertieften Wahrnehmung, die grundsätzlich allen Menschen zur Verfügung stehen würde. Sie ist ein Instrument und das Ziel auf dem Weg der Entwicklung zu sich selbst und der All-Verbundenheit mit dem großen Ganzen. Wichtige Elemente sind dabei unter anderem Musik, Malerei, Poesie, Tanz und ähnliche Ausdrucksformen, Natur, Achtsamkeitspraxis, Dialogkultur.
Hagen assoziiert Transzendenz also nicht mit dem Gott einer bestimmten religiösen Tradition, sondern versteht den Begriff als eine Art des Lebens, der Haltung zum Leben. In diesem Leben geht es um die Entwicklung des Menschen »zu sich selbst«. Das heißt, Sensitivität und Aufmerksamkeit sind ein Weg des Lernens, um sich als Mensch zu vervollkommnen. Es erscheint mir naheliegend, dass eine Künstlerin wie sie die Kunst als Weg zur Transzendenz versteht.
»Transzendenz ist das Suchen und Erfassen von dem, was sich feinstofflich um uns herum abspielt«
Einen im Vergleich zu Hagen ganz anderen Weg, sich dem Begriff zu nähern, beschreibt die Schriftstellerin und Journalistin Ljuba Arnautovic, Autorin des 2018 erschienenen Romans Im Verborgenen. Sie antwortete so:
In den 1970er Jahren ging es mir um Bewusstseinserweiterung, herbeigeführt durch Hilfsmittel wie Drogen, Musik, Tanz, Meditation. Dann wurde daraus ein Suchen und Erfassen von etwas, das sich feinstofflich um uns herum abspielt, dieses »Mehr zwischen Himmel und Erde«.
Ljuba Arnautovic ist ein Kind der Flower-Power-Bewegung, die Bewusstseinserweiterung auch als politischen Akt verstand. Die 1970er Jahre, in denen sie ihre jungen Erwachsenenjahre intensiv erlebte, waren die Zeit des Ausprobierens von Liebes- und Lebensformen, starkem politisch-feministischem Engagement und intensiven Körpererfahrungen.
Von der Erweiterung des Bewusstseins durch psychogene Substanzen erwartete man damals, vor allem unter dem Eindruck des Vietnamkrieges, der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und der sich ausbreitenden industriellen und konsumistischen Moderne, auch eine politische Veränderung: erhöhtes transzendentes Bewusstsein versus brutale Imperialpolitik. Dann, schreibt Arnautovic, wurde daraus ein Suchen nach dem, was zwischen Himmel und Erde ist, womit sie auch zeigt, dass sich unsere Vorstellungen über das Transzendente mit den Jahren verändern, genau wie alle anderen Vorstellungen, die wir uns von den Dingen des Lebens machen.
»Transzendenz ist die Voraussetzung dafür, dass der Mensch zwischen Gut und Böse unterscheiden kann«
Die tschechische Soziologin Alena Wagnerová schrieb mir:
Ich denke, der Mensch braucht einen Bezug zu etwas, das außerhalb seiner sinnlichen, weltlichen Erfahrung liegt. Dieser Bezug macht den Menschen zum Menschen, sowohl individuell als auch ganz allgemein. Transzendenz ist unabdingbar, wenn wir die Welt und uns selbst nicht nur auf die rationale Erkenntnis reduzieren wollen. Sie ist auch die Voraussetzung dafür, dass der Mensch zwischen Gut und Böse unterscheiden kann.
Wagnerová spricht damit etwas an, das mir besonders viel bedeutet: dass uns ein Bewusstsein für Transzendenz hilft, unsere Fähigkeiten, die Welt wahrzunehmen, zu schulen.
»Transzendenz macht uns klar, dass wir begrenzt sind«
Eine Frau, die vom Fach ist, die evangelische Theologin und Bischöfin Margot Käßmann, beantwortete meine Frage mit diesen Worten:
Transzendenz ist mir wichtig, weil so klar wird, dass wir begrenzt sind in dem, was wir sehen, erkennen, beurteilen können. Gott ist mehr und größer als unsere Wahrnehmung. Das finde ich persönlich auch entlastend: Ich werde nicht die ganze Welt verändern, aber ich darf an meinem Ort, hier und jetzt, Verantwortung übernehmen für ein größeres Ganzes, für die Visionen von Frieden und Gerechtigkeit, wie sie die Bibel in den Propheten oder auch den Gleichnissen Jesu vermittelt.
Transzendenz schafft Distanz, meint Käßmann. Man kann klarer sehen, wo die Grenzen der Vernunft liegen und wo ein Bereich beginnt, in dem wir uns nur hingeben können. Die menschliche Allmächtigkeit, die Käßmann als belastend empfindet, schwindet bei diesem Gedanken dahin.
Auch das Urteil, die Be-Urteilung, übrigens ein wichtiges Instrument einer auf Konkurrenz und Wohlverhalten ausgerichteten Gesellschaft, verliert so seine Herrschaftsmacht. Denn gemessen an Gott, an Transzendenz, ist jedes Urteil über andere und sich selbst eine Anmaßung. Das Urteil, das einen Menschen immer auf etwas festlegt und ihm abspricht, sich jederzeit auch ändern zu können, wird so zum Gegenteil der Unendlichkeit, zum Gegenteil der unbegrenzten Möglichkeiten des Seins.
»Transzendenz ist das Verlassen der Realität«
Die Künstlerin Lore Heuermann, die viele Jahre auf Reisen, nicht nur im Fernen Osten, verbrachte und sich in ihrer Kunst mit dem menschlichen Körper im Raum, in Bewegung, beschäftigt, formulierte so:
Für mich ist Transzendenz das Verlassen der Realität. Für einen Moment ist dann die Glaswand, die zwischen mir und der Unendlichkeit liegt, verschwunden. Allerdings bin ich nicht sicher, ob ich die Realität verlassen möchte.
Der Ursprung der Kunst ist der Kultus, sie bezog sich ursprünglich auf das Leben und den Tod und das Leben nach dem Tod. Der Moment des künstlerischen Schaffens ist nicht nur für Heuermann ein Akt der Selbsttranszendierung. Besonders deutlich wird das in der bis heute gepflegten Tradition der Ikonen-Malerei der griechisch-orthodoxen Mönche. Sie verbindet den schöpferischen Akt mit Meditation. Die Herstellung und auch die Betrachtung des Bildes aktivieren die sinnlichen Kräfte. Der deutsch-schweizerische Schriftsteller Alfons Rosenberg (1902-1985), der vorwiegend über Mystik, Symbolforschung und Astrologie publizierte, schrieb in seinem Buch Christliche Bildmeditation:
Das Meditationsbild (…) vermag durch die Aktivierung der Einbildungskraft auf jenes geistige Zentrum im Menschen zu wirken, das einer tieferen Schicht der menschlichen Innerlichkeit angehört als Gefühl und Reflexion. (…) Das Auge wird zum Organ des Herzens, zum Herzensauge, vorurteilslos und hingegeben geöffnet.
Die Künstlerin Heuermann ist nicht religiös. Um künstlerisch schaffen zu können, will sie dennoch die Realität verlassen und sich in den Bereich des Unverfügbaren begeben. Sie schrieb mir weiter:
Kunstwerke entstehen aus der menschlichen Fähigkeit, zu denken, nachzudenken. Aus einer körperlichen Anspannung, aus einer Gereiztheit, aus einer Anspannung der Sinne, des Denkens. In ihnen werden Dinge sichtbar, die nicht da sind und doch da sind. Sie reichen von der Transzendenz in die Immanenz herüber, sie reichen in die Welt zurück.
Heuermann formuliert implizit die Frage, was sich in diesem Bereich außerhalb der Realität befinden kann. Ist das, was wir dort erleben und erfahren, nur Gutes und Schönes oder auch Dunkles und Unangenehmes? Hat auch das Unbewusste seinen Platz in der Transzendenz?
»Transzendenz ist das Durchscheinen des schöpferischen Ganzen durch die individuelle Erfahrung«
Der in Berlin lebende Biologe, Biosemiotiker, Philosoph und Publizist Andreas Weber5 schrieb mir:
Unter Transzendenz verstehe ich das Durchscheinen des schöpferischen Ganzen durch die individuelle Erfahrung und den individuellen Ausdruck: das »endliche Unendliche«, wie (der deutsche Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph, Anm.) Schelling es nennt. Oder in meinen eigenen Worten: »Den jüngsten Tau auf den ältesten Dingen, das Innerliche als Außenseite.«
Weber steht in der Tradition des Philosophen Jakob Johann von Uexküll6 und der chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela7 und gilt als Vertreter der neuen Naturphilosophie. Seine Bücher sind ein Plädoyer für eine Überwindung der mechanistischen Interpretation von Lebensphänomenen. Leben ist für Weber kontinuierliche Selbsterschaffung, Natur und Mensch vernetzen sich in diesem Prozess, Lebendigkeit ist das Wesen des Seins. Das mechanistische Weltbild hingegen ist für Uexküll und in der Folge auch für Weber zur Beschreibung dessen, was Sein und Leben ausmacht, unbrauchbar. Wir treten demnach in der Transzendenz einen Schritt zurück, schauen auf die Welt und alles, was uns umgibt, mit anderen Augen und erkennen so, dass alles zusammenhängt, ein Ganzes bildet.
Auf wissenschaftlicher Ebene hat das der große deutsche Gelehrte Alexander von Humboldt getan: Er bereiste zu Beginn des 19. Jahrhunderts in mehrjährigen Forschungsreisen Lateinamerika, die USA und Zentralasien. Seine Disziplinen, die ihm halfen, die Welt zu vermessen8, waren Physik, Chemie, Geologie, Mineralogie, Vulkanologie, Botanik, Vegetationsgeographie, Zoologie, Klimatologie, Ozeanographie und Astronomie, außerdem die Wirtschaftsgeographie, die Ethnologie und die Demographie.
Und was war das Ergebnis seines komplexen, vernetzten Denkens und Forschens? Die Erkenntnis, dass den Globus ein Netz umhüllt, in dem alle Bestandteile miteinander korrespondieren9. Eine Gesamtschau dieser wissenschaftlichen Welterforschung erschien zwischen 1845 und 1862 in fünf Bänden unter dem Titel Kosmos und machte Humboldt weltberühmt. Inspiriert von Goethe schreibt er darin:
Die Natur ist für die denkende Betrachtung Einheit in der Vielheit, Verbindung des Mannigfaltigen in Form und Mischung, Inbegriff der Naturdinge und Naturkräfte, als ein lebendiges Ganzes. Das wichtigste Resultat des sinnigen physischen Forschens ist daher dieses: in der Mannigfaltigkeit die Einheit zu erkennen, von dem Individuellen alles zu umfassen, was die Entdeckungen der letzteren Zeitalter uns darbieten (…) der erhabenen Bestimmung des Menschen eingedenk, den Geist der Natur zu ergreifen, welcher unter der Decke der Erscheinungen verhüllt liegt. Auf diesem Wege reicht unser Bestreben über die enge Sinnenwelt hinaus, und es kann uns gelingen, die Natur begreifend, den rohen Stoff empirischer Anschauung gleichsam durch Ideen zu beherrschen.
Alexander von Humboldt war zu seinen Lebzeiten übrigens ein wissenschaftlicher Superstar. Als er 1859 starb, zog ein eineinhalb Kilometer langer Trauerzug durch die Straßen von Berlin und in allen Metropolen der Welt trauerten Menschen mit.
»Transzendenz ist das, worüber wir nicht verfügen können«
Die ungarische Philosophin Ágnes Heller, deren jüngstes Buch den Titel Von der Utopie zur Dystopie: Was können wir uns wünschen? trägt, zitierte bei ihrer Erklärung von Transzendenz den deutschen Philosophen Immanuel Kant.
Wir erfahren das Empirische und denken das Transzendentale, das wir nicht erfahren können.
Wie, musste ich mich für dieses Buch fragen, lässt sich über etwas denken, schreiben oder sprechen, das unserer Erfahrungswelt nicht angehört?
Die Rolle der Religionen bei der Beantwortung dieser Frage ist schwierig, so viel war mir klar. Viele Menschen verstehen deren Geschichte als eine von Gewalt und Unterdrückung dominierte, und ihre Vorbehalte sind berechtigt. Auf dem Weg zur Freiheit und Humanität, zu Erkenntnissen und neuen Wegen des Denkens und Handelns, ist auch geschichtlicher Ballast aufzuarbeiten.
Doch in den unterschiedlichen Religionen verbirgt sich, ebenso wie in den Philosophien und in den Erkenntnissen der naturwissenschaftlichen Forschung, ein Wissen, das wir sowohl als Individuen als auch als Menschheit dringend brauchen. Dieses Wissen ermöglicht es uns, Grenzen zu überschreiten und das Fremde und Neue anzuerkennen.
Das Andere der Vernunft
Transzendenz ist ein Freiheitsraum, so viel war klar. Weil in unserer transzendenten Wahrnehmung das »Andere der Vernunft«, wie es der Lehrer, Philosoph und Autor Kurt Wuchterl nennt, aufscheint. Weil in unserer denkerischen Selbstübersteigung Nähe zu diesem »Anderen« möglich ist.
Gläubige Menschen, egal ob sie Anhänger einer monotheistischen Weltreligion oder anderer Religionen sind, würden sagen: Gott (als Chiffre für das Transzendente, das Unverfügbare) ist nichts unmöglich. Oder anders: Bei Gott ist alles möglich. In der Unendlichkeit ist alles möglich. Alles ist überall möglich. Das ist die Lebendigkeit des Lebens.
Transzendenz ist das Überschreiten einer Grenze
Wenn transcendere im lateinischen Wortsinn »etwas überschreiten« bedeutet, auch das war mir klar, musste es bei Transzendenz immer auch um eine Grenze gehen. Sie verläuft zwischen dem Verfügbaren und dem Unverfügbaren, zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen.
Grenzen hatten schon immer eine tiefe Bedeutung für uns Menschen. So spielen in fast allen Mythen alter Religionen Flüsse eine Rolle. Sie trennten als natürliche Grenzen Landschaften und Stammesgebiete voneinander, waren schon immer eine tägliche Erfahrung von Menschen und prägten deshalb auch ihre religiösen Vorstellungen.
Der Eridanus etwa, von den Ägyptern auch als »Strom des Lebens« bezeichnet, bildete die Grenze zwischen dem Diesseits und dem »Duat«, dem Reich der Toten. Der ägyptische Totengott Anubis geleitete die Verstorbenen bei ihrer Jenseitsfahrt über diesen Fluss.
In der griechischen Mythologie trennt der Todesfluss Styx, das »Wasser des Grauens«, die Ober- von der Unterwelt. Er ist ein beliebtes Motiv in der Literatur, von Dante Alighieri bis Else Lasker-Schüller und Thomas Mann10.
Ohne Grenzen wäre alles ein Tohuwabohu, wie es in der Schöpfungsgeschichte der hebräischen Bibel heißt, ein großes Durcheinander, ein Chaos11. Erst Grenzen ermöglichen es uns, unsere Identität zu formen, uns und das andere voneinander zu unterscheiden. Und nur, wenn wir uns vom anderen unterscheiden können, erlangen wir auch Autonomie.
Wir kämen ohne Grenzen zu keiner Wahrnehmung und zu keinem Urteil und damit zu keiner Ethik des Zusammenlebens. Ein einfaches Bild hilft, das zu verstehen: Finden Sie die Karotte im Gemüsebrei. Beschreiben Sie dieses Gemüse angesichts des Breis. Oder ist gar keine darin? Schwer zu sagen.
Hannah Arendt, eine der bedeutendsten unter den Denkerinnen und Denkern des 20. Jahrhunderts, schrieb über die Funktion der Grenze zwischen Immanenz und Transzendenz, zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen, 1946 einen Aufsatz mit dem Titel Was ist Existenzphilosophie?. Sie kam zu dem Schluss, dass der Mensch immer versuchen wird, über die Wirklichkeit hinaus die Transzendenz zu denken, und immer wieder daran scheitern wird.
Dennoch erfülle das Nachdenken über diese Grenzen der Wirklichkeit, das »denkende Transzendieren«, wie Arendt es nennt, einen Sinn. Denn damit stecke der Mensch die Freiheit seiner Existenz ab, und zwar immer in der Kommunikation mit anderen Menschen. Denn Grenzen werden uns von der Gemeinschaft und den Menschen, mit denen wir leben, gesteckt.
Platons Grenze zwischen Himmel und Erde
Die Idee der zwei durch eine Grenze getrennten Bereiche, des irdisch-materiellen und des überirdisch-spirituellen Bereiches, formulierte der griechische Philosoph Platon bereits im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in seiner Schrift Politeia (Der Staat).
Politeia behandelt die Frage, was Gerechtigkeit ist und wie sie in einem idealen Staat verwirklicht werden kann. Man kann die Schrift also als ein ausgearbeitetes Konzept einer politischen Philosophie begreifen.
Im siebenten Buch von Politeia lässt Platon seinen Lehrer Sokrates über den Sinn und die Notwendigkeit von Bildung reden. Nur durch Bildung können die unfreien Menschen diese Grenze überschreiten und von der Dunkelheit des Vergänglichen zur Helle des vollkommenen Seienden, des Unvergänglichen, kommen und so befreit werden. Der Sinn der menschlichen Existenz ist laut Platon ebendiese Befreiung. Sie befähigt den Menschen zur »Schau der Idee des Guten«.
Platon war überzeugt, dass jeder Mensch eine unsterbliche Seele habe und diese aus dem Bereich der Ideen, des überirdischen Seins, stamme. Nach dem Tod kehrt die Seele dorthin zurück. Jeder Mensch ist nach Platon ein Teil des vollkommenen Seins. Diese Vorstellung der unsterblichen Seele zieht sich von Platon ausgehend durch die Geschichte der christlichen, jüdischen und muslimischen Mystik. Bis in unsere Tage.
Transzendenz ist der Anfang des Denkens und der religiösen Rituale und kultischen Handlungen
Interessant an der Grenze zwischen Immanenz und Transzendenz, zwischen Irdischem und Himmlischem erschien mir, dass sie nur einseitig durchlässig ist. Das Leben in der Immanenz, im Diesseits, verstehen die meisten Mythen und Religionen als abhängig von der Transzendenz. Umgekehrt gilt das nicht. Theologisch gesprochen hieße das – der Mensch braucht Gott, aber Gott braucht den Menschen nicht – was nur eine Behauptung wäre. Denn was wissen wir schon von der Sphäre jenseits der uns bekannten Welt?
Im Grunde, wurde mir bewusst, geht es bei den einander entgegengesetzten Begriffen Immanenz und Transzendenz um verschiedene Formen des Verstehens. Das Unverfügbare mag in den vergangenen Jahrhunderten geschrumpft sein. Denn wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften haben das Wissen und Können der Menschen verändert.
Krankheiten werden heute durch eine hoch entwickelte Medizin geheilt. Mithilfe der Chemie können wir landwirtschaftliche Erträge unabhängig von Witterungen steigern. Und seit Charles Darwin wissen wir mehr über die Entstehung von Mensch und Tier. Vieles von dem, was den Menschen früher ein Rätsel war und das sie deshalb dem Unverfügbaren, dem Transzendenten zugerechnet haben, lässt sich heute erklären. Doch nach wie vor sind die Wissenschaften mit Grenzen konfrontiert, nach wie vor reichen unsere Werkzeuge nicht aus, um das Universum als Ganzes zu verstehen.
Dieses Nicht-verstehen-Können-aber-verstehen-Wollen war einst der Ursprung für die Entstehung unseres Denkens, gleichzeitig aber auch der Grund, warum Menschen begannen, Rituale zu entwickeln. Mit Gebeten, Totemverehrung, Regentänzen und anderen Beschwörungen wollten sie sich das Unverfügbare verfügbar machen. Sie wollten damit Einfluss darauf nehmen, um Schaden von sich abzuwenden.
Heute geht die Religionssoziologie davon aus, dass Religion »unbewusst« entstand und dass sie auch Ergebnis materieller Notwendigkeiten war. Gottheiten entstanden somit als Ansprechpartner für existenzielle Anliegen, und mit ihnen entstanden vor etwa 15.000 Jahren auch Kulte und Rituale, die diese Ansprechpartner oder vermuteten allmächtigen Gottheiten beeinflussen sollten.
Dass jeder Mensch auch heute diese menschheitsgeschichtlich nachgewiesene Entwicklung durchmacht, verdeutlicht eine kleine Geschichte aus dem Jahr 1995. Meine Tochter war damals drei Jahre alt. Sie war ein zufriedenes Kind, das stundenlang vor sich hin spielen konnte. An einem regnerischen Tag beobachtete ich, wie sie in ihrem Zimmerchen ein großes Blatt Papier mit hellblauer Wasserfarbe anmalte. Dann ging sie auf den Balkon und wedelte damit, die angemalte, hellblaue Seite nach oben haltend, den Himmel an.
»Was machst du da?«, fragte ich sie.
»Ich zeige dem Himmel, welche Farbe er haben soll«, antwortete sie.
Das war pures magisches Denken, ein Versuch, die Grenze zwischen Himmel und Erde von der Erde aus zu durchdringen, den Himmel zu beeinflussen. Ich war erstaunt, dass mein Kind dachte, es hätte durch ein angemaltes Blatt Papier die Macht, auf das Wetter Einfluss zu nehmen. Besser hätte mir niemand den Zusammenhang zwischen Kultus und Kunst und die Entstehung von Religion aus einem vitalen Interesse heraus erklären können.
Pulsuz fraqment bitdi.