Kitabı oxu: «Haven Brotherhood: Down & Dirty»
Rhenna Morgan
Haven Brotherhood 6: Down and Dirty
Aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen von Julia Weisenberger
© 2019 bei Rhenna Morgan
© 2020 der deutschsprachigen Ausgabe und Übersetzung by Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels
www.plaisirdamour.de
info@plaisirdamourbooks.com
© Covergestaltung: Mia Schulte/Sabrina Dahlenburg
© Coverfoto: Shutterstock.com
ISBN Print: 978-3-86495-483-2
ISBN eBook: 978-3-86495-484-9
Dieses Werk wurde im Auftrag von Harlequin Books S.A. vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Die Personen und die Handlung des Romans sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Dieser Roman darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches andere Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.
Inhalt
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Epilog
Danksagung
Autorin
Widmung
Für Joe Crivelli – meinen besten Freund, meinen Ritter, meinen Partner, mein Herz. Sämtliche starken, rücksichtsvollen und liebevollen Helden, die ich mir jemals vorgestellt oder über die ich geschrieben habe – du übertriffst sie alle. Jede Sekunde, die ich warten musste, bis ich dich gefunden habe, war es wert.
Kapitel 1
Klingelnde Ohren, ein rauer Hals und schmerzende Füße. Jedes Vergnügen hat seinen Preis. Eine Konsequenz, die man tragen muss, wenn der Genuss vorüber ist. Aber für Lizzy war dieser Preis es nicht nur wert, sondern notwendig. Besonders da der Großteil dessen, was sie dazu benutzte, um ihre Rechnungen zu bezahlen, daher stammte, dass sie sich dem überließ, was sie am allermeisten auf dieser Welt liebte.
Nichts war besser, als ihre Musik live mit der Menge zu teilen. Gar nichts. Es lag eine Verbindung darin. Eine ursprüngliche Energie, angetrieben von den Gefühlen um sie herum, die ihr Inneres flutete und den ganzen Alltag dämpfte. Alles, was noch übrig war, war reine Seligkeit. Eine unbeschreibliche Lebendigkeit, die mit fantastischem Sex vergleichbar war – nur ohne die Verwundbarkeit und das Risiko, dass einem das Herz gebrochen wurde.
Von ihrem letzten Set high, ging sie direkt von der Bühne in den schäbigen rechteckigen Lagerraum, der auch als Backstageraum für die Künstler in der Bar diente. Ihre Bandmitglieder waren ihr dicht auf den Fersen.
„Lizzy, Baby! Das war verdammt genial!“ Tonys Lob echote von den einstmals weißen Wänden, die jetzt dank zu vieler Jahre, in denen hier geraucht worden war, fleckig waren. Er war über ein Meter achtzig groß, hatte etwas längeres, dunkelblondes Haar, träumerisch dreinblickende blaue Augen und ein verruchtes Lächeln. Mit dieser Kombination zog er weibliche Musikliebhaberinnen allein mit dem Krümmen eines Zeigefingers an. Wie der Kerl auf das massive Schlagzeug, das er für jede Show aufbaute, einprügeln und fünf Stunden später immer noch so viel Energie haben konnte, wusste sie nicht, aber es würde weitere gute zwei Stunden dauern, bis er wieder runterkommen würde.
Sie schnappte sich ihren Gitarrenkoffer von dem groben Holzregal, legte ihn auf das Ledersofa aus zweiter oder dritter Hand und öffnete ihn. „Der Schuppen hier ist eine ziemliche Spelunke, aber er zieht ein verdammt gutes Publikum an.“
„Es ist nicht die Bar, die das Publikum anzieht“, sagte Skeet, der Lizzys Beispiel folgte und seine Fender-Telecaster-Gitarre verstaute. Seine Ausstrahlung war das komplette Gegenteil von Tonys. Er war eher eine Mischung aus Biker-trifft-Cowboy vor allem in Kombination mit der dazu passenden rauen Marlboro-Stimme. Er hielt inne, bevor er die schwarz-weiße Schönheit in ihren mit Plüsch gefütterten Koffer legte, und warf ihr einen Blick über die Schulter zu. „Sondern du.“
„Mann, wenn du weiter so einen Scheiß von dir gibst, wird sie sich wieder von uns zurückziehen.“ Dewayne – oder Phat D, wie ein Reporter ihn kürzlich bezeichnet hatte –, der Pragmatiker unter ihnen, stellte seinen Rickenbacker-Bass auf sein Gestell, das er in der Ecke hatte stehen lassen, und ließ sich mit einem Seufzer in den übergroßen schwarzen Sessel in der Ecke fallen. „Sie weiß, was sie kann. Wenn sie bereit ist, etwas zu tun, tut sie es auch.“
„Red keinen Scheiß, Skeet“, sagte Tony. „Mach unsere Begeisterung nicht kaputt.“
„Das mache ich nicht. Ich will nur meinen Standpunkt verdeutlichen.“
Besagter Standpunkt war, dass es an der Zeit war, an die besseren Gigs in Dallas zu kommen. Natürlich brauchte man dafür Kontakte, und Öffentlichkeitsarbeit war nicht gerade Lizzys Stärke.
Genau genommen waren Menschen ganz allgemein nicht ihre Stärke. „Es besteht kein Grund dazu, ihn deutlich zu machen. Ich bleibe nicht absichtlich in solchen Bars. Sobald ich bei diesen besseren Veranstaltungsorten auch nur einen Fuß in die Tür bekomme, schlage ich zu.“
„Drei Promoter haben dich angesprochen in genauso vielen Wochen“, erwiderte Skeet. „Wenn du einen Fuß in die Tür bekommen willst, musst du auch mit ihnen reden.“
„Und ich habe dir gesagt: Rex und ich kümmern uns darum.“
„Rex ist ein guter Kerl und ein verdammt toller Kumpel, aber er ist weder ein Promoter noch ein Manager. Er ist ein Schweißer und Künstler.“
„Er ist auch vertrauenswürdig und zieht uns nicht über den Tisch.“
„Skeet.“ D war nicht der Charismatischste in der Gruppe, aber wenn er diese leise, grollende Stimme benutzte, hielten die Leute die Klappe und hörten zu. „Lass es sein.“
„Stimmungskiller“, fügte Tony hinzu.
Lizzy grinste und holte ihr Handy aus ihrer Handtasche. Trotz der ganzen Kommentare von Skeet wusste sie, dass er es gut meinte und die gleichen Dinge wollte wie sie. Verdammt, sie wollte sie vermutlich dreißig Mal dringender. Während der Rest der Jungs andere Jobs hatte, die dabei halfen, die Rechnungen zu zahlen, inspirierte ihre Kassierertätigkeit beim ortsansässigen Aldi sie nicht besonders. „Es wird weitaus mehr brauchen als Skeets Drängen, bessere Auftritte zu organisieren, um heute Abend meine Begeisterung zu dämpfen.“
Sie sah auf ihr Handy und die ungelesene Nachricht, die auf ihrem Sperrbildschirm zu lesen war.
Rex: Muss Überstunden machen. Ich versuche, es zu schaffen, aber falls nicht, musst du mit Arschloch Vic selbst klarkommen.
Okay, das war ein Stimmungskiller.
Sie entsperrte ihr Handy und öffnete ihre Nachrichtenapp.
Nein. Es blieb immer noch dieselbe beschissene Nachricht.
„Was?“ Tony, der immer noch seine Drumsticks hielt, kam näher und verrenkte sich den Kopf, um auf ihr Handy blicken zu können.
Lizzy schaltete das Handy aus, drehte ihm den Rücken zu und warf es zurück in ihre Handtasche, bevor er den Text lesen konnte. Das Einzige, was schlimmer wäre, als wenn Lizzy sich um Arschloch Vic – auch bekannt als Barbesitzer – kümmern musste, wäre, Skeet, Tony oder D zu schicken, um ihr Geld abzuholen. Gott wusste, dass sie das ein- oder zweimal probiert hatten und danach nie weitere Auftritte hatten buchen können. „Nichts. Ich muss mich nur um etwas kümmern.“ Sie bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck und drehte sich zu ihnen um. „Ich rechne mal mit Vic ab.“
D kicherte, streckte seine langen Beine in den Stiefeln vor sich aus und überkreuzte sie an den Knöcheln. „Ich schätze, das erklärt den Blick.“
„Welchen Blick?“ Sie sah zu Tony, dann zu Skeet. „Ich habe keinen Blick.“
„Oh doch, hast du“, sagte Tony. „Als ob du einen Furz unterdrücken und dem nächsten Menschen an die Gurgel gehen würdest, der dich davon abhält, irgendwo hinzukommen, wo du allein bist und ihn rauslassen kannst.“
„Du hast ein echt beschissenes Pokerface, Püppchen.“ Skeet zündete eine Zigarette an, die er im Gebäude gar nicht hätte rauchen dürfen, und atmete, begleitet von einem leisen Lachen, eine riesige Wolke aus. „Siehst du langsam ein, wieso es praktisch wäre, jemanden mit einem Händchen für zwischenmenschliche Beziehungen zu haben?“
„Ich sehe langsam ein, dass derjenige, dem ich heute Abend an die Gurgel gehen muss, du bist.“ Sie versuchte, wie die starke Frau zu klingen, die sie auf der Bühne darstellte, aber ihr Mundwinkel hob sich zu einem Lächeln, das sie nicht unterdrücken konnte. Sie ging an ihm vorbei und boxte ihm mit einer gleichermaßen lahmen Erwiderung gegen die Schulter. „Wenn ich in einer Viertelstunde nicht wieder hier bin, überprüft mal, ob ich wegen versuchten Mordes von der Polizei abgeholt worden bin.“
Ungefähr drei Schritte hinter dem Türrahmen wurde ihr Gelächter von dem Chaos der Menge, die noch hier war, und dem üblichen Rausschmeißer „Sweet Home Alabama“ übertönt. Was Bars betraf, war The Crow nicht die übelste, in der Lizzy gespielt hatte. Das ebenerdige Gebäude war frei stehend und groß genug, um eine ordentliche Menge an Leuten anzuziehen – was notwendig war, wenn ein Großteil der Gage aus einem Anteil des Eintrittsgeldes bestand. Außerdem gingen die Türsteher hier nicht dazwischen, außer mehr als zwei Paar Fäuste waren beteiligt, und man wollte den Innenbereich nicht sehen, wenn die Lichter angingen. Die verschrammten Tische und Flecken auf dem Boden, die von der Neonreklame für Biersorten beleuchtet wurden, reichten vollkommen, vielen Dank.
Lizzy wich einer Gruppe von drei Frauen aus, die einen einzelnen Mann umzingelt hatten, der von seinem Flügelmann ungeschützt zurückgelassen worden war, und stolperte fast auf den zehn Zentimeter hohen Absätzen ihrer Stiefel.
An einem der vielen schwarzen Pubtische befand sich ein Mann, der die Vorhersagbarkeit des restlichen Raumes komplett auf den Kopf stellte. Er hatte die Füße leicht gespreizt, was locker und zugleich selbstbewusst wirkte, und trug eine gut geschnittene Hose und ein gebügeltes weißes Hemd, dessen Ärmel er hochgerollt hatte, wodurch seine muskulösen Unterarme sichtbar wurden. Er sah aus, als ob er gerade endlosen Verhandlungen in einem Besprechungszimmer entflohen wäre. Bei seiner Größe und der Breite seiner Schultern war alles, was er trug, vermutlich maßgeschneidert. Aber während seine Kleidung das komplette Gegenteil von dem war, was alle anderen hier anhatten, folgten sein langes rostbraunes Haar und der Bart nicht der Vorschrift, wie ein Geschäftsmann auszusehen hatte, und seine scharfen Gesichtszüge sprachen von einer Lebenserfahrung, die er sich auf die härteste Weise überhaupt hatte aneignen müssen.
Ein mächtiger Mann. Jemand, der mit nur einem Blick Aufmerksamkeit verlangen konnte.
Und jedes bisschen seiner Aufmerksamkeit war auf sie gerichtet.
Ein ganz neues Kribbeln machte sich in ihr breit, und ihre Schritte wurden langsamer. Ihre Hüften schwangen mit einer sexuellen Bewusstheit, die sie seit Jahren nicht mehr empfunden hatte, während sie sich durch die Menge zwischen ihr und der Bar voranarbeitete.
„Heute sind nicht viele Leute da.“ Vics raue und zugleich nörgelnde Stimme riss ihren Fokus gerade noch rechtzeitig von dem Fremden los, damit sie nicht in einen Tisch lief, der ihr direkt im Weg stand. Es dauerte eine Sekunde, ihn hinter der Bar auszumachen, halb verborgen in den Schatten in einer Ecke, sodass er die Zwanziger abzählen konnte. „Hat auch nicht geholfen, dass du mit dem letzten Set zu spät angefangen hast. Wir haben fünf große Tische verloren, während wir darauf gewartet haben, dass du und deine Jungs wieder an die Arbeit gehen.“
Nicht viele Leute. Ja, klar. Jeder einzelne Tisch war voll gewesen bis zu ihrem letzten Lied, und die Kellnerinnen waren die ganze Zeit unterwegs gewesen, seit Lizzy ihren Verstärker eingeschaltet hatte. Allerdings war Vic ein mieser Drecksack erster Güte und tat immer so, als ob die komplette verdammte Welt es auf ihn abgesehen hätte, während es in Wahrheit so war, dass er es darauf abgesehen hatte, jeden anderen aufs Kreuz zu legen.
Sie schob den unglaublich heißen Kerl aus ihrem Kopf und legte den Rest der Entfernung mit einem Schritt zurück, der hoffentlich entspannt aussah. „Das Einzige, was du heute Abend verloren hast, waren ungefähr hundert Mäuse in Fireball-Whiskeylikören.“
Vic hielt beim Zählen inne und beäugte sie mit einer erhobenen Augenbraue.
Einen Augenblick lang überlegte Lizzy, sich wie Rex auf einen Barhocker zu setzen, um zu zeigen, dass sie bereit war für eine Unterhaltung, aber dann erinnerte sie sich an Skeets Kommentar bezüglich ihres beschissenen Pokerface und verwarf die Idee wieder. „Oh, komm schon. Du hast jeder Frau, die mehr als fünf Minuten mit dir gesprochen hat, einen Drink ausgegeben.“
Vic und sein zerbrechliches Ego. Ihm dabei zuzusehen, wie er seine Brust wie ein wütender Pavian vorstreckte und schnaufend und prustend nach einer guten Erwiderung suchte, war äußerst unterhaltsam. „Frauen hier zu behalten, ist zuträglich fürs Geschäft. Wenn meine Band die Leute nicht fesseln kann, tue ich, was notwendig ist.“
„Mann, du kannst viel über heute Abend sagen, aber dass wir die Leute nicht hätten fesseln können, gehört nicht dazu. Jeder Tisch war besetzt, bis weit nachdem wir von der Bühne gegangen sind.“
Vic grunzte und warf einen unordentlichen Haufen Zwanziger vor sie auf die Bar. „Hier ist dein Geld.“
Der zu flache Stapel zerknitterter Scheine wirkte lächerlich auf der schwarzen Theke. „Das ist das Grundgehalt. Dazu kommen noch dreißig Prozent vom Eintritt.“
„Dreißig Prozent vom Eintritt, wenn das Haus voll ist. Voll bedeutet, dass die Leute hierbleiben und nicht aufstehen und gehen, bevor der Abend vorbei ist. Wenn ich mich auf Fireballs verlassen muss, um das zu erreichen, was du und deine Band nicht schaffen, ist der Deal nichtig.“
Genau das war der Grund, weshalb sie es hasste, mit Arschloch Vic Geschäfte zu machen. Oder mit Menschen allgemein. Rex hätte sein zerbrechliches männliches Ego nicht angekratzt. Verdammt, sogar das kleine Mädchen, das mit der alleinerziehenden Mutter neben Lizzy wohnte, hätte das besser gehandhabt. „Das ist Bullshit, und das weißt du. Bei unseren Buchungen hatten wir nie so eine Klausel drin, und selbst wenn … Die Leute sind geblieben.“
„Nennst du mich jetzt einen Aufreißer und einen Lügner?“
Fuck.
Lizzy zwang sich, nicht herumzuzappeln, und biss die Zähne zusammen, um sich eine gute, altmodische Anweisung zu verkneifen, wohin das Arschloch sich seine Anschuldigungen stecken konnte. Rückblickend wäre vielleicht Skeet doch die bessere Wahl gewesen, das Geld abzuholen, denn sie dachte gerade darüber nach, dass es sehr unterhaltsam sein könnte, jemandem an die Gurgel zu gehen. Und das, obwohl sie noch nie in ihrem Leben gewalttätig geworden war.
Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich aus diesem selbst gegrabenen Loch wieder retten konnte, ohne eine weitere Bar zu verlieren, in der sie spielen konnten. Sie öffnete den Mund, um mit der Schadensbegrenzung zu beginnen, erstarrte aber, weil sich eine kribbelnde Vorahnung in ihr breitmachte. Hinter ihr.
„Um Viertel vor eins hat Ihr Mann an der Tür immer noch Köpfe gezählt, die hinein und hinaus gegangen sind.“ Die tiefe maskuline Stimme mit dem Hauch eines schottischen Akzents erregte einen Augenblick lang ihre Aufmerksamkeit, bevor der kräftig gebaute GQ-Mann, den sie auf ihrem Weg durch den Raum beäugt hatte, neben ihr auftauchte. Er stellte sein leeres Whiskyglas auf die Theke. Obwohl er Vic ein freundliches Lächeln zuwarf und seine Haltung äußerlich entspannt wirkte, strahlte seine Gegenwart eine gewisse Härte aus. Eine tödliche Herausforderung, die durch seine lockere Fassade kaum verborgen wurde. Als er wieder das Wort ergriff, war sein Tonfall genauso selbstsicher und ruhig wie zuvor, aber die Warnung darin war nicht zu überhören. „Es gibt keinen Grund, das zu tun, außer man macht sich Sorgen, es könnten zu viele Leute reinkommen, nicht wahr?“
„Wer zum Teufel sind Sie?“ Typisch Vicente. Keine Ahnung und einfach unhöflich.
Der mysteriöse Mann hatte sich, ohne sich vorzustellen, in ihre Angelegenheiten eingemischt, aber sie musste zugeben, dass sie sich bereits Ähnliches gedacht hatte. Bevor sie das jedoch sagen konnte, schob der Fremde sein Glas ein wenig dichter an Vic heran, holte ein Geldbündel aus der Hosentasche und zog ein paar Hunderter heraus.
„Ich bin derjenige, der dafür sorgt, dass Sie sich an den Deal halten, den Sie bei der Buchung gemacht haben. Das Grundgehalt ist üblicherweise fünfhundert Dollar plus dreißig Prozent vom Einlass.“
Diesmal wäre es Lizzy gewesen, die sich mit einem „Was zum Teufel?“ eingemischt hätte, aber bevor sie genügend Luft geholt hatte, um die Frage zu stellen, hatte ihr mysteriöser und wirklich harter Kerl und Helfer den Kopf gedreht und ihr einen Blick zugeworfen, der ihr die Worte im Hals stecken bleiben ließ.
Genau genommen war es kein schlimmer Blick. Ja, darin lag eine ganze Menge Befehlsgewohnheit, aber er war auch beruhigend. Ein unausgesprochenes Versprechen, dass sie für ihr Vertrauen Schutz und Belohnung erwarten könnte.
Verdammt. Dadurch löste sich der Knoten der Anspannung, der ihr Inneres gequält hatte, weit genug, dass sie zum ersten Mal, seit sie Rex’ Nachricht gelesen hatte, einen tiefen Atemzug machen konnte.
Der Mund des Fremden deutete ein Lächeln an. Eine subtile Anerkennung ihrer Antwort und der Zustimmung. Und … wow. Dadurch wollte sie fast noch mehr herumstolzieren, wie wenn sie auf der Bühne stand.
Es war verrückt. Vollkommen irrsinnig und verrückt. Weshalb sie ihm schon beinahe aus Prinzip sagen wollte, wohin er sich verziehen solle.
Aber bevor sie das tun konnte, sah er wieder zu Vic und warf sein Geld auf den Tresen. „Das hier begleicht meine Rechnung.“ Er nickte in Richtung der Kellnerin, die gerade ein paar Männern hinterhereilte, die vermutlich ihre eigene Zeche prellen wollten. „Sie weiß schon, welche es ist.“ Er hielt lang genug inne, um den Kopf etwas zu neigen. „Und werden Sie jetzt das Richtige tun und Elizabeth das bezahlen, was sie wert ist? Oder wollen Sie sie nie wieder buchen und sich damit selbst die Leute entgehen lassen, die sie jedes Mal, wenn sie hier gespielt haben, angelockt haben?“
Was. Zum. Teufel. Noch. Eins.
Wer war dieser Kerl, und woher wusste er, wie gut sie hier angekommen waren? Ganz zu schweigen davon, dass niemand sie Elizabeth nannte. Nicht mal ihre Eltern, und die waren es gewesen, die diesen verdammten Namen ausgesucht hatten, was nur zeigte, wie schlecht er zu ihr passte. Sie räusperte sich und richtete sich so gerade wie möglich auf, bereit, die Kontrolle wieder zu übernehmen. Mit ihren knapp über eins siebzig und den zehn Zentimeter hohen Stiefeln, die ihr bis zu den Oberschenkeln reichten, wären die meisten schon allein wegen ihrer Größe etwas vor ihr zurückgewichen.
Aber dieser Kerl? Er war immer noch fünf bis zehn Zentimeter größer als sie und kam ihr stattdessen ein wenig näher. Als ob sie sich nur deshalb bewegt hätte, weil sie sich unbehaglich fühlte, und er bereit wäre, zwischen sie und Vic zu treten.
„Bezahlen Sie die Lady. Es gibt keinen Grund, das hier auszudehnen, wenn Sie wissen, dass das der richtige Schritt ist. Falls nicht, berauben Sie sich nicht nur einer guten Band, sondern andere werden herausfinden, was Sie getan haben, und es sich zweimal überlegen, bevor sie hier spielen.“
Vics Gesichtsfarbe wechselte zu einem intensiven Rot, das nicht mal das schummrige Licht verbergen konnte, und er machte eines dieser missmutigen Geräusche, die ein Fiesling von sich gab, wenn er sich in eine Ecke gedrängt sah. Er starrte Lizzy an. „Ein Ratschlag von mir. Dein neuer Kerl hier hat den Grips eines Schlägers. Falls du weiter Auftritte haben willst, nimm wieder Rex als Mittelsmann. Mit diesem Arschloch hier wird keiner Geschäfte machen wollen.“ Er öffnete die Kasse, schnappte sich einen Stapel vorgezählter Scheine und warf ihn neben den ersten Stapel, den sie immer noch nicht angerührt hatte. „Elfhundert. Dein Anteil vom Eintrittsgeld.“ Er sah zurück zu dem Mann neben ihr, dann erneut zu Lizzy. „Lass mich wissen, was du mit diesem Arschloch vorhast, und ich gebe dir Bescheid, ob dein Auftritt im Juli noch geplant ist.“
Damit schlug er die Kasse wieder zu und marschierte davon.
Lizzy sah ihm nach.
Und wartete.
Und versuchte heldenhaft, die Mischung aus Wut, Bewunderung und echter Angst, die sich in ihr aufbaute, nicht auf den scheinbar unbeeindruckten Mann neben ihr überschwappen zu lassen. Sie schaffte es, bis Vic und sein flacher Arsch im hinteren Büro verschwanden. Es war ein Wunder, dass ihre ersten Worte überraschend zurückhaltend waren. „Sagen Sie mir bitte, dass Sie ein Freund von Rex sind und kein Fremder, der nicht nur seine Nase in meine Angelegenheiten gesteckt hat, sondern genügend Ahnung von meinen Engagements hat, dass es mir wirklich unangenehm ist.“
Diesmal war das Lächeln, das er ihr zuwarf, nicht nur eine Andeutung, sondern der Übermut, der sich in der Wölbung seiner vollen Lippen verbarg, war so stark, dass er selbst die hart gesottenste Frau wie ein kleines Mädchen kichern lassen würde. „Ich kenne niemanden namens Rex, Mädel, daher müssen wir wohl Tür Nummer zwei nehmen. Aber an deiner Stelle würde ich mir über die Tatsache, dass ich weiß, wie viel Gage du für euren Auftritt bekommen hast, keine grauen Haare wachsen lassen. Vic ist nicht gerade für seine Kreativität bekannt. Jede Band, die diese Bezeichnung verdient, erhält denselben Deal.“
„Und Sie wissen über Bands und ihre aktuellen Vergütungen Bescheid, weil …?“
„Weil Musik mein Metier ist und ich Barbesitzer kenne.“ Er stellte sich ihr direkt gegenüber und streckte die Hand aus. „Axel McKee.“
Verdammt, die Stimme dieses Mannes war eine Waffe. Intensiv, tief und umso betörender wegen seines Akzents. Aber das war nichts im Vergleich zu seiner Präsenz. Oder zu der reinen, maskulinen Energie, die er ausstrahlte, und der überraschenden Konzentration in seinen strahlend grünen Augen.
Er hielt ihr weiterhin die Hand entgegen und wartete geduldig darauf, dass sie sein Angebot annahm.
Es war, als ob sie an einer Wegkreuzung stünde und ihre Entscheidung ihre Zukunft beeinflussen würde. Woher sie das wusste, war ihr nicht klar, aber sie spürte es bis tief in ihre Knochen. Intuitiv wurde ihr die Bedeutsamkeit der Situation bewusst, so wie ein Beutetier ein Raubtier erkannte, von welchem es als Ziel auserkoren worden war.
Und dennoch … Statt wegzulaufen, hob sie ihre Hand und drückte ihre Handfläche gegen seine.
Oh. Verdammter. Mist.
Ein Schaudern, das sie beim besten Willen nicht hätte unterdrücken können, erfasste sie, und ihr Atem stockte so subtil wie der einer Frau, die zum ersten Mal die Lippen eines Mannes auf ihrem Nacken spürte.
Seine Finger schlossen sich um ihre. Es war ein eindeutiger Beweis, dass er ihre Reaktion gefühlt und bemerkt hatte, was ihr schon an sich hätte peinlich sein müssen. Stattdessen empfand sie die stärkere Verbindung wie einen Anker während eines Tornados.
„Lizzy Hemming.“ Das Zittern in ihrer Stimme und die daraus resultierende sexy Rauheit weckten ihren ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb und sie entzog ihm ungelenk und abrupt ihre Hand. „Aber das wissen Sie ja scheinbar schon.“
„Jeder in dieser Bar kennt deinen Namen.“
„Korrekt, allerdings sah sich keiner von ihnen dazu inspiriert, herüberzukommen und das Einkommen meiner Band zu riskieren.“
Sein Lächeln war wirklich tödlich. Prompt und voller Schalk. „Vic ist ein Idiot, aber auch nicht vollkommen dumm. Sein Anteil am Eintrittsgeld hat dank dir allein eine Woche Lohn für die Hälfte seiner Angestellten abgedeckt. Und da er seine Barkeeper dahingehend trainiert hat, dass sie den Leuten bei den Drinks weniger einschenken, es aber sehr viele Gäste waren, hast du für tiefschwarze Zahlen für den Rest des Monats gesorgt. Das Letzte, was passieren wird, ist, dass du einen Gig hier verlierst.“ Er neigte den Kopf, genauso wie er es bei Vic getan hatte, allerdings lag diesmal nichts Gefährliches in seinem Blick. „Okay, falls du so weit bist, Auftritte wie diesen hier nicht länger anzunehmen, wird das hier eine ganz andere Unterhaltung.“
Alles in ihr, das aus früheren Erfahrungen gelernt hatte, ließ ihre Alarmglocken schrillen, und zwar so laut, dass sie fast zusammenzuckte. Was Einführungen betraf, war das eine sehr geschmeidige, aber sie hatte auf die harte Tour erfahren müssen, was es einem einbrachte, wenn man Süßholzrasplern zuhörte. Besonders den heiß aussehenden. „Woher genau kennen Sie Vic, obwohl er Sie nicht kennt? Und was meinen Sie damit, Sie würden sich mit Musik auskennen?“
„Ich kenne Vic, weil er – egal, ob er ein schlechter Geschäftsmann ist oder nicht – gute Bands bucht, und ich habe es mir auf die Fahnen geschrieben, gute Musik in und um Texas im Auge zu behalten. Ich kenne mich mit Musik aus, weil ich sie liebe. Schon mein ganzes Leben lang.“
„Weshalb haben Sie es sich auf die Fahnen geschrieben?“
Sein Gesichtsausdruck änderte sich, und er strahlte eine Gerissenheit aus, die ihr das Gefühl vermittelte, er hätte ganz einfach all ihre Schilde überwunden und die Frau dahinter betrachtet. „Du bist eine Frau, die sehr vorsichtig ist, Elizabeth. Warum?“
„Niemand nennt mich Elizabeth. Das passt nicht. Hat es auch nie.“
Ein Blick. Skrupellose Entschlossenheit blitzte in seinen Augen auf und seine Lippen wirkten kompromisslos streng. „Der Name passt perfekt. Du hast nur Angst, ihn zu benutzen.“ Er erwiderte ihren Blick einen Augenblick länger, wie um sicherzustellen, dass sie seine Worte deutlich gehört hatte, dann sprach er weiter. „Vic ist bekannt für das, was er gerade mit dir abgezogen hat. Als ich mitgekriegt habe, wie er es heute Abend versucht hat und wie frustriert deine Stimme klang, bin ich eingeschritten, weil mich Tyrannen verdammt sauer machen.“
„Ich hätte das schon hinbekommen.“
„Klar, hättest du. Aber du hasst es, so was zu tun. Das wusste ich in dem Moment, in dem du aufgehört hast, mich anzusehen, und deine Aufmerksamkeit ihm zugewandt hast. Außerdem hättest du mir damit die Gelegenheit genommen, ihm ordentlich eins reinzuwürgen.“
Er schob eine Hand in die Tasche und zog ein schmales Etui aus schickem hellbraunen Leder hervor, aus dem er eine Visitenkarte nahm. „Ich bin Geschäftsmann. Ich habe die Finger in mehr Bereichen, als ich manchmal selbst zählen kann, aber der, der mich am meisten interessiert, ist die Musik, weil ich sie liebe. Ich habe dir und deiner Band eine Weile zugesehen und finde, dass du ein unglaubliches Talent besitzt. Der Trick ist, das Beste daraus zu machen, indem man die Sachen, die du gut kannst, maximiert und sich sonst mit Menschen umgibt, die sich um die Dinge kümmern, die du nicht kannst.“ Er reichte ihr die Karte, und sein Blick war so kraftvoll, dass ihr schon das Atmen schwerzufallen schien. „Denk darüber nach. Wenn du dich entscheidest, die Zugbrücke weit genug zu senken, um zu reden, kannst du mich hierüber erreichen.“
Mit einem Grinsen, das fast selbstgefällig war, neigte er das Kinn und ging mit derselben Selbstsicherheit in Richtung Ausgang, die er von der Sekunde an ausgestrahlt hatte, in der sie ihn gesehen hatte.
Was war denn das gerade gewesen?
Der Gedanke kreiste in ihrem Kopf, angetrieben von einer frustrierenden Mischung aus Verlangen, Wertschätzung und Wut, die überhaupt keinen Sinn ergab. Vermutlich hätte sie ewig dort gestanden, wenn der Klang von Schritten hinter ihr und Rex’ Raucherstimme sie nicht aus ihrer Trance gerissen hätte. „Hey, Kleine. Wer war das?“
Sie stellte sich dem Freund, den sie schon fast ihr ganzes Leben lang hatte, und versuchte nicht einmal, ihren vermutlich dümmlichen Gesichtsausdruck zu verbergen. Rex mit seinem grauen Haar, das ihm bis unters Kinn reichte, dem verblassten Nirvana-T-Shirt und den noch abgetrageneren Jeans war der vollkommene Gegensatz zu dem Mann, der gerade weggegangen war. Viel unverfälschter als GQ. Aber allein ein Blick auf seine müde Miene half ihr dabei, wieder in die Realität zurückzufinden und tief einatmen zu können.
Sie sah auf die Karte, die sie fest zwischen den Fingern hielt, und dann zurück zur Tür. „Ich habe keine Ahnung. Aber du kannst deinen Arsch drauf verwetten, dass ich es herausfinden werde.“
Kapitel 2
Der Juni war erst zwei Tage alt und die Hitze war bereits intensiv genug, dass die vierspurige, viel befahrene Straße vor dem Crossroads schimmerte, als ob sie feucht wäre. Das war nicht gerade überraschend für Dallas, Texas. Was überraschend war, war, dass Axel einen Großteil des Samstagnachmittags damit verbracht hatte, aus dem Fenster zu starren und diese bescheuerten Details wahrzunehmen. Zu grübeln war nicht seine Art, aber in der letzten Woche war er in einen höllischen Strudel geraten und hatte versucht herauszufinden, ob es Zeit war, tiefer zu graben oder die Sache auf sich beruhen zu lassen.
Er drehte sich in seinem riesigen Ledersessel zurück zu seinem Tisch und konzentrierte sich wieder auf die Arbeitspläne seiner Angestellten für den restlichen Juni. Dass er mit logistischen Überlegungen so spät dran war, war ebenfalls außergewöhnlich für ihn, und dass er sie so lange aufgeschoben hatte, zeigte nur, wie sehr seine erste Begegnung mit Lizzy Hemming ihm das Hirn vernebelt hatte.
Schritte erklangen im langen Konferenzraum, der sein und Jace’ Büro im zweiten Stock des Crossroads miteinander verband. Schwer und entschlossen und nur gedämpft vom dicken schwarzen Teppich im Zimmer. Jace tauchte ungefähr zwei Sekunden später im Türrahmen auf. „Sicher, dass du heute Nacht klarkommst?“
Der Drang, zu knurren, statt eine zivilisierte Antwort zu geben, war verdammt verführerisch, und jedem anderen gegenüber hätte er es in seiner aktuellen Stimmung automatisch getan, aber da Jace seine Scheiße ertragen hatte, seit sie beide fünf Jahre alt gewesen waren, zügelte er sich.
Oder zumindest versuchte er es.
„Warum zum Teufel sollte ich nicht?“
Jace legte den Unterarm gegen den Türpfosten und grinste, als ob Axel gerade einen lächerlich einfallsreichen Witz gerissen hätte. „Ich schätze, das große Fenster neben deinem Tisch spiegelt nicht besonders gut. Sonst würdest du denselben rotgesichtigen Oger sehen, mit dem der Rest von uns sich arrangieren musste.“ Er hielt lang genug inne, um den Zahnstocher in seinem Mundwinkel einmal mit der Zunge zu drehen. „Wirst du irgendwann mal darüber sprechen, was bei dir für Verstopfung sorgt, oder ignorieren wir weiterhin den angepissten Elefanten im Raum?“
„Ich mische mich nicht in deinen Scheiß ein, Bruder. Misch du dich nicht in meinen ein.“
„Nicht einmischen, ja klar! Wenn es dir in den Kram passt, steckst du deine Nase schneller in jedermanns Angelegenheiten als unsere beiden neugierigen Mütter zusammen.“ Er stieß sich vom Türrahmen ab und ging zu einem der zwei Ledersessel für Gäste, die sich vor seinem Tisch befanden, als ob er nicht gerade den Fehdehandschuh geworfen hätte. Anders als einem Großteil der Leute, die heute Abend durch die Eingangstür des Clubs hereinkommen würden, war es Jace scheißegal, ob seine Kleidung andere beeindruckte oder was andere von ihm dachten. Abgetragene T-Shirts, Jeans und Stiefel passten zu neunundneunzig Komma neun Prozent der Zeit perfekt zu seiner Stimmung, und heute war keine Ausnahme. Dass er sein dunkles Haar zum ersten Mal seit Wochen zu einem niedrigen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, hatte mehr damit zu tun, dass draußen heftiger Wind herrschte, als mit Stil.
Jace ließ sich in einen der Sessel fallen, die Knie gespreizt und die Ellbogen auf die Armlehnen gelegt, sodass er ein Gefühl von „Schluss mit dem Scheiß“ vermittelte. „Du hast gesagt, du seist letztes Wochenende auf Talentsuche gewesen.“
„Ja, und?“
Jace sah ihn einen Moment lang an. Es war eine dieser vorsichtigen Taxierungen, die normalerweise bedeuteten, dass er sich auf die Schlagader stürzen würde. „Ich habe zufällig gesehen, dass Lizzy Hemming im Crow gespielt hat. Deine beschissene Stimmung hat ungefähr drei Tage später eingesetzt.“
Verdammt, er wünschte, sie hätte da eingesetzt. In Wahrheit war er bereits unglaublich angefressen gewesen, bevor er es auch nur zu seinem Shelby auf dem Parkplatz geschafft hatte. Er hatte es gerade noch hingekriegt, die Wut zu drosseln – bis ganze zweiundsiebzig Stunden ohne einen Anruf von Lizzy vergangen waren und ihm die Realität bewusst geworden war. „Hast du mal wieder Dr. Phil gesehen?“
Typisch Jace. Statt anzubeißen und gutmütige Beschimpfungen auszutauschen, wie es der Rest seiner Brüder tun würde, grinste er nur und betrachtete die fehlende Antwort als Zeichen dafür, dass er einen Volltreffer gelandet hatte. „Also bist du hin, um sie dir anzusehen.“
„Ja, ich habe sie gesehen.“
„Und?“
Und er hatte die ganze verdammte Sache falsch angefangen. Ein weiterer Punkt auf der wachsenden Liste von Verhaltensweisen, die ungewöhnlich für ihn waren. Musiker liebten ihn normalerweise. Männer, Frauen – es war vollkommen egal. Innerhalb von dreißig Sekunden konnte er fast immer eine vernünftige Verbindung zu jedem von ihnen aufbauen, sodass sie kurz darauf auf einer von seinen oder Jace’ Veranstaltungen spielten. Er konnte sich auch nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal so vorschnell gewesen war. „Kennst du diese Scheiße, für die Vicente bekannt ist? Dieses Manöver von wegen Wenn das Haus nicht voll ist, gibt es keinen Anteil, das er bei ein paar der Bands abgezogen hat, die bei ihm aufgetreten sind?“
Jace’ Augen weiteten sich. „Macht er immer noch diesen Bullshit?“
Axel neigte das Kinn. „Er hat es bei Lizzy versucht, dabei war der Laden gerammelt voll.“
Dieselbe instinktive Wut, die Axel am letzten Wochenende empfunden hatte, hatte scheinbar Jace erfasst, denn auf seiner Miene zeigte sich tiefer Zorn. „Ich vermute, du bist dazwischengegangen?“
„Ich werde diesem Arschloch nicht erlauben, einen vollkommen Fremden aufs Kreuz zu legen, geschweige denn ein Talent, das ich monatelang im Blick hatte. Natürlich bin ich dazwischen.“
„Und?“
Und er hatte sich verrechnet. Er hatte sich so sehr in seinem Wunsch verheddert, Vics Schwanz in dessen Rachen zu stopfen, dass er vollkommen vergessen hatte, zu überlegen, was Lizzy von so einer Aktion halten könnte. „Sie hat den Anteil erhalten, den sie verdient, aber deshalb stand unsere erste Begegnung unter einem schlechten Stern. Ich habe ihr meine Nummer gegeben und seither keinen verdammten Pieps gehört.“
Dass Jace nicht direkt antwortete, war genauso unangenehm wie die Vorstellung, seine Eier in einem Schraubstock zerquetscht zu bekommen. Als er endlich etwas sagte, stieg das Gefühl des Eierquetsch-Unbehagens auf ein ganz neues Level an.
„Warum siehst du dir dieses Mädchen an?“
Mädchen?
Axel mochte ja nicht sämtliche Einzelheiten von Elizabeth Hemmings Lebensgeschichte kennen, er hatte jedoch den Eindruck, dass die Bezeichnung Mädchen am schlechtesten zu ihr passte. Weiblich, ja. Frau, definitiv. Aber Mädchen?
Auf keinen Fall.
Er vermutete sowieso, dass sie mit der Präsenz und Geisteshaltung einer Amazone geboren worden war. Gott wusste, dass ihr Körper inzwischen dazu passte, und das machte ihn verdammt an.
Er schob die Antwort, die sich beim Gedanken an Lizzy immer freikämpfen wollte, irgendwohin, wo Jace sie hoffentlich nicht sehen konnte, und hielt sich an die Fakten. „Sie hat eine großartige Stimme. Bei den tiefen Tönen ist sie reiner Samt, bei den höheren ein regelrechtes Kraftpaket. Ihr Können als Songwriterin ist überragend und ihre Präsenz auf der Bühne ist elektrisierend. Ein zukünftiger Rockstar. Die Menge liegt ihr zu Füßen.“
Jace grinste, als ob Axel ihm sein Ass gezeigt hätte. „Ich habe nicht nach ihren Fähigkeiten gefragt, Bruder. Ich habe gefragt, warum du sie dir ansiehst.“
„Und das habe ich dir gesagt. Sie besitzt Talent.“
Diesmal stieß Jace ein Kichern aus, neigte den Kopf und schüttelte ihn. „Ich glaube, du verstehst nicht, worum es geht.“
„Dann werde verdammt noch mal deutlicher.“
Jace hob den Kopf und senkte die Stimme. „Du siehst dir niemanden an. Wenn du eine Band siehst, die du engagieren willst, engagierst du sie. Wenn du ein Geschäft siehst, das du aufbauen willst, baust du es auf. Unser ganzes verdammtes Leben lang hast du das identifiziert, was du willst, und dann die Magie gewirkt.“ Er beugte sich vor, legte die Ellbogen auf die Knie und bannte Axel mit einem intensiven Blick. „Was du nicht tust, ist zuzusehen und nichts zu tun. Also drücke ich es mal anders aus. Du willst diese Frau. Du kannst gerne behaupten, dass es sich um eine rein geschäftliche Sache handelt, aber das ist Bullshit, und das wissen wir beide. Sie hat also nicht angerufen. Hör auf, rumzuspinnen, und tu, was du am besten kannst. Wirke die Magie.“
Er wollte es. Dringend. Mehr, als er sogar Jace gegenüber zuzugeben wagte. Versagen war nichts, wovor er sich in anderen Situationen in seinem Leben gefürchtet hatte, doch aus irgendeinem Grund erfüllte ihn unglaubliche Angst, er könnte bei Lizzy privat oder beruflich versagen. „Da ist ihre Vergangenheit. Keine Ahnung, was genau, aber sie hat so viele Wände um sich herum aufgebaut wie all unsere Brüder zusammen.“ Er hielt einen Herzschlag lang inne und zwang dann den Rest heraus. „Ich weiß nicht, ob ich die Mittel besitze, um sie einzureißen.“
Der Laut aus Jace’ Mund, als er sich aufrichtete und gegen den Sitz lehnte, war teils Schnauben und teils Amüsement. „Du denkst zu viel. Vor ein paar Wochen hast du gesagt, dass sie keinen Manager hat, und du hast vergessen, dass ich ein paar Bilder dieser Frau gesehen habe. Bei ihrem Aussehen und ohne jemanden, der ihr den Rücken frei hält, ist es schwer, zu wissen, wem man vertrauen kann und wem nicht. Besonders bei Kerlen wie Vic. Da muss sie ihre Schutzwälle immer oben haben.“
„Was das Manager-Ding betrifft, bin ich mir nicht mehr so sicher. Vic hat einen Typen namens Rex erwähnt, während wir uns verbal die Köpfe eingeschlagen haben, also liege ich vielleicht falsch.“
„Herrgott noch mal, du bist das Sinnbild von Untergang und Elend.“ Jace seufzte. „Wen interessiert, wer dieser Rex ist? Du organisierst ein paar der besten Veranstaltungen, für die man in Texas engagiert werden kann. Das allein ist schon ein Grund, die Konkurrenz aus dem Weg zu räumen.“ Er verengte die Augen. „Ich schätze, du hast ihr nicht gesagt, für welche Art Auftritt du sie engagieren willst?“
„Du weißt doch, wie sich die Leute verhalten, wenn sie herausfinden, dass ich für das Green und das Crossroads verantwortlich bin.“
„Ja, sie setzen sich hin und fragen, wo sie unterschreiben sollen.“
Und das war das Problem. „Wenn sie mit mir arbeitet, will ich nicht, dass der einzige Grund dafür ist, dass ich ihren Terminplan füllen kann.“
„Warum? Was sonst solltest du tun?“
Axels Brust fühlte sich eng an. Hoffnungen und Träume, die er schon vor Jahren unterdrückt hatte, schienen sich dort zu sammeln. Allein die Worte laut auszusprechen, war eine Herausforderung. „Wenn ich sage, dass diese Frau Talent besitzt, meine ich, dass sie gesegnet ist. Das ganze Paket.“
„Ja, das habe ich schon verstanden.“ Jace hielt inne, dann ließ er eine vertraute Stichelei hören. „Genau wie du.“
Das war er gewesen. Früher einmal. Aber Träume veränderten sich und mit den Veränderungen kamen neue Ideen. Neue Risiken. „Der Zug ist schon vor langer Zeit abgefahren, und das wissen wir beide.“
Er erwiderte Jace’ Blick. Bis jetzt hatte er seine Pläne für sich behalten, weil er zu vorsichtig war, um seinen Ideen zu rasch Leben einzuhauchen. Aber das hier war Jace. Sein Bruder auf alle Arten, die zählten. Er holte tief Luft und legte los. „Was das betrifft, für sie ist der Zug noch nicht abgefahren.“
Jace blieb mucksmäuschenstill. Nicht einmal ein Muskel oder ein Zucken verriet, was er dachte. „Was bedeutet das?“
Axel zuckte zusammen und hoffte, er könnte damit die Bedeutung dessen runterspielen, was er vorhatte. „Das bedeutet, dass ich zu alt bin, um einem Traum nachzujagen, aber ich habe verdammt noch mal die Grundlagen gelernt. Wenn ich nicht haben kann, was ich früher wollte, finde ich, dass das nächstbeste ist, dass ich es für jemand anderen wahr werden lasse.“
Scheinbar misslang ihm sein Versuch, es runterzuspielen, vollkommen, weil Verstehen Jace’ passiven Gesichtsausdruck innerhalb von Sekunden zu ehrlichem Schock veränderte. „Du willst sie launchen.“
Launchen schien ein bisschen zu wenig zu sein. Vielleicht hätte das Wort vor acht Tagen gepasst, aber jetzt, da er sie getroffen hatte – jetzt, da er ihre Reserviertheit gefühlt und das Leid in ihren verblüffend blauen Augen gesehen hatte –, wollte er ihr die Welt auf einem Silbertablett überreichen. Was überhaupt keinen Sinn ergab, da sie noch nicht mal daran interessiert zu sein schien, zu reden. „Warum nicht? Ich habe die Mittel, das Wissen und die Verbindungen dafür.“
Jace hob die Hände in gespielter Ergebenheit. „Hey, ich sage ja gar nichts. Wenn wir deinen Arsch nicht wieder vor Zuschauer bekommen, können wir genauso gut deinen Schützling nehmen.“
„Also, na ja … Ich muss zuerst rausfinden, wer dieser Rex ist.“
„Frag Knox. Verdammt, was das angeht, frag Darya. Sie wird richtig happy sein, dir dabei zu helfen, eine Frau an Land zu ziehen.“
Axel sah ihn böse an. „Hör auf. Darum handelt es sich hierbei nicht. Und selbst wenn doch, es wäre viel zu früh, die Familie hier mit reinzuziehen.“
Jace kicherte und warf ihm wieder dieses verflucht selbstzufriedene Grinsen zu. „Klar. Das ist ein Deal wie jeder andere. Schon verstanden.“ Er erhob sich und ging zurück Richtung Konferenzzimmer. „Erzähl dir das einfach weiter, und sag mir dann, wie gut es geklappt hat.“
Die Stichelei weckte eine Erinnerung in ihm. Die Worte waren nicht dieselben, aber die Botschaft war fast die gleiche wie die, die er vor weniger als vier Jahren Jace mitgegeben hatte. Eine verdammt gute Idee, wie er die Sache mit Lizzy wieder hinbiegen könnte, folgte auf dem Fuß. „Warte mal.“
Jace hielt im Türrahmen inne und drehte sich so weit, dass er Axel über die Schulter hinweg ansehen konnte.
„Ich sagte, es sei zu früh, um den Rest der Familie mit hineinzuziehen“, stellte Axel klar. „Ich habe nichts davon gesagt, dass ich nicht deinen aufgeblasenen Arsch gebrauchen kann.“
Jace hob eine Augenbraue auf die herrische Art, die er benutzte, um jeden einzuschüchtern, und wartete wortlos.
„Erinnerst du dich an den Kniff, den du mich hast anwenden lassen, damit du eine Chance bei Vivienne bekommst, als ihr euch das erste Mal getroffen habt?“
Jace stellte sich ihm direkt, und ein wenig Vorsicht war in seiner Miene zu erkennen. „Ja, und?“
Diesmal war es Axel, der grinste. „Zahltag, Bruder.“
Kapitel 3
Was das Reich der Livemusik in Dallas/Fort Worth betraf, war das Crossroads bloß einen Tick entfernt von spitzenmäßig. Nicht spitzenmäßig im Sinne von großen Arenen, aber nur einen Steinwurf weit weg von den Casinoauftritten, die neuere und ältere Lieblinge der Plattenfirmen hinlegten. Es war auch ziemlich protzig und für jedes Publikum geeignet.
Lizzy hielt sich an ihr Ritual, das sie immer vor den Shows durchführte, ging durch den farbenprächtigen Haupteingang und nahm alles in sich auf. Kobaltblaue Neonröhren erhoben sich aus riesigen rechteckigen Pflanzgefäßen, die ihr bis zur Taille reichten. Die roten und goldenen Ledersofas schienen – wie die Kronleuchter mit wasserfallartigen Kristallen und die dicken schwarzen Marmorsäulen – passend für einen zeitgenössischen König zu sein.
Und das war nur der Anfang. Von hier aus verzweigte sich das Gebäude in weitere Zimmer, die jedermann etwas zu bieten hatten. Zu ihrer Rechten lag ein Bereich mit Techno und allem, was Hipster und Geeks liebten, zu ihrer Linken ein dunklerer Pubbereich für die, die es lieber lockerer und gemütlicher hatten. Aber direkt vor ihr war das Heiligtum. Eine riesige Halle, die gleichzeitig als Tanzclub und ausgeklügelter Livekonzert-Saal eingesetzt werden konnte.
Alles in allem: Es war großartig.
Oder, wie Tony gesagt hatte, als sie heute Nachmittag hereingekommen waren – das hier war voll der Hammer.
Die Frage war, wie zum Teufel sie es geschafft hatte, in letzter Minute einen Auftritt hier zu ergattern.
Nein, das war nicht die Frage. Nicht wirklich. Axel McKee war das Wie. Sie hatte jedes Fitzelchen Information über ihn, das öffentlich zugänglich war, recherchiert und gewusst, dass er Mitbesitzer des Crossroads war, lange bevor sie die Anfrage erhalten hatte, aufzutreten. Die richtige Frage lautete, warum am anderen Ende der Leitung Jace Kennedy gewesen war statt des gut aussehenden Schotten. Kein einziger Artikel über Axel, den sie gelesen hatte, hatte nahegelegt, dass er mehr als ein Clubbesitzer und begeisterter Musikliebhaber war, aber so, wie er sich im Crow vorgestellt hatte, war sie sich sicher gewesen, er wäre ein Veranstalter. Oder – ihre persönliche Bezeichnung für so jemanden – die Geißel der Menschheit.
„Ich würde ja fragen, ob du nach jemandem suchst, aber ich wette, du bist nur auf deiner üblichen Routinerunde vor dem Auftritt unterwegs.“ Trotz der Menge um sie herum und der Musik, die vorn aus den Lautsprechern hallte, hätte sie Jace’ Stimme genauso sicher identifizieren können wie eine Harley, die hinter ihr heranfuhr.
Sie drehte sich zu ihm um. „War das so offensichtlich?“
Er warf ihr ein breites Grinsen zu und kam weiter auf sie zu. „Ich mache das schon eine ganze Weile. Ich kenne den Gesichtsausdruck eines Musikers, der versucht, ein Gespür für sein Publikum zu bekommen.“ Er stoppte eine Armlänge von ihr entfernt. „Haben es sich deine Jungs gemütlich gemacht und sind sie bereit, loszulegen?“
Gemütlich gemacht war noch harmlos ausgedrückt. Sie waren eher bereit, einzuziehen und Wurzeln zu schlagen. „Willst du mich veräppeln? Ich werde sie gewaltsam aus der Garderobe rausziehen müssen, wenn der Abend vorbei ist. Sie sind an düster und schmuddelig gewöhnt. Das da hinten ähnelt mehr einem Wellnessempfangsbereich ohne Schlummerlicht.“
Jace nickte und besah den Eingang mit einem abschätzenden Blick. „Das Publikum ist gut. Wenn du irgendwas brauchst, winke einfach einem der Mädels und sag ihm, es solle mich suchen.“
Oh, sie brauchte etwas. Besonders Antworten.
Oder nicht?
Manchmal warfen Antworten zu viel Licht auf eine Situation. Sie zwangen einen, sich Dingen zu stellen, die man besser in Ruhe ließ. Oder, in diesem Fall, sie zogen Leute dichter heran, die man besser auf Abstand hielt.
Ihre Gedanken mussten sich auf ihrem Gesicht gezeigt haben, denn Jace’ Blick wurde schärfer. „Stimmt etwas nicht?“
Fragen?
Oder nicht fragen?
Weggehen oder sich darauf stürzen?
Ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, sie solle die Klappe halten und ihren Hintern zurück zu den Jungs schaffen, damit sie die erste Runde spielen konnten, aber ihre Dummheit gewann. „Dir gehört gemeinsam mit Axel McKee dieser Club.“
Ja. Da war es. Selbst wenn er versuchte, es zu leugnen, konnte sie die Bestätigung an der Maske ablesen, die sich rasch über seine Mimik legte. „Ist das ein Problem?“
„Nein. Kein Problem. Er hat sich mir ungefähr eine Woche, bevor du angerufen hast, im Crow vorgestellt.“
„Und?“ In dem einfachen Wort schwang eine gewisse Schärfe mit. Herausforderung und Warnung in einem.
Sie könnte schlicht mit einem Achselzucken darüber hinweggehen. So tun, als ob es keine große Sache wäre, und zurückkehren zu ihren Jungs in ihrem Paradies, das sie vor dem Auftritt gefunden hatten.
Oder sie konnte ein Risiko eingehen.
Willst du dich dein ganzes Leben lang hinter deiner Vergangenheit verstecken? Ruf den Kerl doch endlich an! Carpe diem! Erobere die Welt!
Das war ein unablässiges Mantra von Rex gewesen seit dem Tag, an dem er Axel aus dem Crow hatte gehen sehen. Jetzt, wo sie hier stand – die Energie um sie herum fühlte und durch die Herausforderung in Jace’ Gesichtsausdruck aufgeheizt war –, fragte sie sich, ob Rex nicht recht hatte.
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit einer Gruppe von aufgebrezelten Frauen zu und hoffte, dass sie dadurch davon ablenkte, wie wichtig ihr die Erwiderung auf ihren nächsten Satz war. „Ich bin nur neugierig, weshalb du mich angerufen hast, statt er.“
Schweigen.
Es dauerte so lang, dass sie nicht anders konnte, als ihn wieder anzusehen. Sie hätte es nicht einmal dann gekonnt, wenn es ihr jemand mit einer Waffe an der Schläfe verboten hätte.
Selbst nachdem sie seinen Blick erwiderte, hielt er für zwei schmerzhafte Herzschläge lang den Mund. „Und was wäre passiert, wenn mein Bruder derjenige gewesen wäre, der angerufen hätte?“
„Dein Bruder?“ Ihre Worte kamen im Tonfall von Auf-keinen-verdammten-Fall, aber hey … das war auch auf keinen verdammten Fall richtig. Ja, sie besaßen beide eine gewisse Härte, die auf Lebenserfahrungen außerhalb der Norm deuteten, doch dort endeten die Gemeinsamkeiten schon.
„Es war eine gemeinsame Entscheidung vor mehr Jahren, als ich mir noch die Mühe mache, sie zu zählen. Er hat mir, seit ich fünf Jahre alt war, den Rücken frei gehalten, und es gibt keinen besseren Mann auf diesem Planeten.“ Er neigte den Kopf. „Also frage ich erneut: Wenn er angerufen hätte, hättest du den Auftritt gemacht?“
„Vermutlich nicht.“ Sosehr es auch schmerzte, dies zuzugeben, es war die Wahrheit. Und die Tatsache, dass Axel das gewusst hatte, machte ihr noch viel mehr Angst. „Er hat sich in meine Angelegenheiten eingemischt, ohne etwas über mich oder die Lage zu wissen, in der ich mich befunden habe.“
„Und dennoch hat er in deinem besten Interesse gehandelt.“ Er hielt inne und hob das Kinn in Richtung der vielen Leute, die immer noch durch den Eingang kamen. „Zweimal.“
Seine Offenheit traf sie mit der Subtilität eines rechten Hakens, aber sie weigerte sich, nachzugeben. „Willst du mir damit sagen, du hättest es toll gefunden, wenn ein Fremder seine Nase in deine Angelegenheiten steckt, ohne dass du etwas über ihn weißt? Dass du nicht vorsichtig wärst nach der ganzen Sache?“ Sie deutete auf den Raum. „Erzähl mir nicht, du besitzt diesen Club und all die anderen und hast dabei nicht gelernt, vorsichtig zu sein, wem du vertraust und wem nicht.“
Er schürzte den Mund, betrachtete sie einen Augenblick, dann senkte er das Kinn. „Okay, das stimmt. Aber ich habe auch gelernt, dass es ein paar vernünftige Menschen in dieser Welt gibt, die sich wirklich für gute Leute einsetzen und ihnen nach oben helfen wollen. Axel wollte das für dich.“ Er hielt inne, und die Intensität in seinem Blick war so drückend, dass es schwer war, tief Luft zu holen. „Die Frage für dich lautet, ob du mutig genug bist, das Angebot anzunehmen.“
Er wartete nicht auf ihre Antwort, sondern sah an ihr vorbei zu der großen Halle und dann zurück zu ihr. „Es ist bald Showtime. Wie ich bereits sagte, wenn du mich brauchst, schnapp dir einfach jemanden und ich bin da.“ Er grinste und zwinkerte. „Nebenbei gesagt ist auch Axel hier, aber er hält sich bedeckt. Du weißt schon … für den Fall, dass du dich für ein tolles Leben entscheidest.“
Damit ging er mit der Selbstsicherheit eines Mannes davon, der nicht nur den Köder ausgelegt, sondern die Beute auch hungrig zurückgelassen hatte. Sein Verhalten hätte sie sauer gemacht, wenn er es nicht verdientermaßen an den Tag gelegt hätte.
Und er hatte recht gehabt. Es gab gute Menschen auf der Welt. Sie mochte nicht sehr viele davon in ihrem Leben haben – Rex und ihre Band waren die Einzigen, die ihr nahestanden –, aber sie waren Gold wert. Beständige Anker und verlässliche Freunde in einer Welt, in der sie versuchte, die meisten Leute auf Abstand zu halten.
Weit weg, wo sie sie nicht benutzen oder verletzen konnten.
Ihre Gedanken wirbelten wild herum. Sie stachen und bohrten so unablässig, dass sie zurück zur Garderobe für die Künstler ging, ohne die Menschen um sich wirklich wahrzunehmen. Sie machte sich bereit, stimmte ihre Gitarre und lief mit den Jungs zur Bühne. Alles war wie immer, ihre Handlungen wurden nur unterbrochen von den notwendigen Sticheleien, damit ihre Bandmitglieder die beunruhigenden Ideen, die ihr durch den Kopf gingen, nicht mitbekamen.
Die Dunkelheit umschloss sie. Schenkte ihr und ihrer Band einen Mantel, der sie vor denen verbarg, die auf der Tanzfläche zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, um sie zu bemerken. Nahezu keine Kabel umgaben sie. Das hochmoderne Equipment im Crossroads sorgte dafür, dass man die große und aufgeräumte Bühne nutzen konnte, um herumzugehen und mit dem Publikum zu interagieren.
Das Gewicht des Gitarrengurts auf ihrer Schulter und das geschmeidige Gefühl des Gitarrenhalses in ihrer Handfläche waren beruhigend. Das Instrument war ein vertrauter Freund, der ihr jahrelang den Schmerz vom Leib gehalten hatte.
Er hat mir, seit ich fünf Jahre alt war, den Rücken frei gehalten, und es gibt keinen besseren Mann auf diesem Planeten.
Sie verstand Jace. Rex hatte das Gleiche für sie getan, seit sie klein gewesen war, und sie wäre ziemlich wütend, wenn jemand seine Motive infrage stellen würde.
Willst du dich dein ganzes Leben lang hinter deiner Vergangenheit verstecken? Ruf den Kerl doch endlich an! Carpe diem! Erobere die Welt!
Es gibt ein paar vernünftige Menschen in dieser Welt, die sich wirklich für gute Leute einsetzen und ihnen nach oben helfen wollen. Axel wollte das für dich.
Konnte sie mutig genug sein? Nur weil es das letzte Mal sehr persönlich geworden war, hieß das nicht, dass es diesmal auch so sein musste. Sie könnte es kontrollieren. Sicherstellen, dass alles auf neutralem Boden blieb.
Die Lichter in der Halle wurden noch mehr gedämpft und die Stimme des DJs ertönte über der Menge. Das übliche Geplänkel, um die Leute aufzuputschen und die richtige Stimmung zu schaffen. Das Publikum liebte es. Applaudierte und jubelte an den korrekten Stellen, bis der Augenblick da war.
Der DJ nutzte ihn. „Seid ihr bereit?“
Die Menge grölte.
„Ich fragte: Seid ihr bereit?“
Der Raum füllte sich diesmal mit einer gewaltigen Energie.
„Dann freut euch auf Lizzy Hemming und Falcon Black.“
Tony zählte sie ein.
Die Bühnenlichter leuchteten auf und ihre Hitze ergoss sich über ihre Haut. Die Vibration der ersten Note erweckte sie zum Leben.
Sie ließ sich mitreißen. Legte alles, was sie hatte, in den Moment und ließ die Musik los.
Verdammt, ja, sie würde diese Gelegenheit nutzen. Zuerst mit dem Auftritt und dann mit Axel.
Kapitel 4
Sie hatte den ganzen Abend nach etwas gesucht. Was das war, wusste Axel nicht, aber er hatte Lizzy oft genug auf der Bühne gesehen, um zu wissen, dass sie mehr Augenkontakt mit der Menge hatte als üblich. Es war eine genauere Suche zwischen den Liedern oder wenn die Bühnenlichter hell genug waren, um die Halle besser erkennen zu können.
Allerdings könnte das auch seine Einbildung gewesen sein. Gott wusste, dass er in den zwei Wochen, die er und Jace gebraucht hatten, um sie zum Herkommen zu bewegen, viel fantasiert hatte. Vor allem über Möglichkeiten, wie dieser Abend enden könnte.
Er stützte eine Schulter gegen den Fensterrahmen. Von hier aus hatte er eine Vogelperspektive auf die Bühne und war vor Blicken geschützt. Er genoss seinen Scotch und hieß das beruhigende Brennen willkommen, das seine Kehle hinabrann. Die Sicherheitstür, die alle – bis auf diejenigen mit der höchsten Sicherheitsfreigabe – davon abhielt, ihre privaten Büroräume im zweiten Stockwerk zu erreichen, öffnete und schloss sich. Wenn er nach den Schritten ging, die die Treppe heraufkamen, musste es Jace sein. Der Rest seiner Brüder war entweder mit ihren Frauen oder mit ihrer Arbeit beschäftigt – oder, in vielen Fällen, beides.
„Eins muss ich dir zugestehen“, sagte Jace und kam ohne anzuklopfen in Axels Büro. „Deine Frau ist spektakulär auf der Bühne.“
Seine Frau.
Das sollte sich nicht so gut anfühlen, wie es der Fall war. Verdammt, er kannte die Frau kaum, aber er war seit Monaten von ihr fasziniert. Er wurde von ihr auf eine Art angezogen, die Logik und Vernunft außer Kraft setzte. Es war Instinkt. Dasselbe Flüstern, das ihn zum Handeln antrieb und ihn im geschäftlichen Bereich seit Jahren leitete. Es hatte dabei geholfen, dass er und Jace dem harten Leben entkommen konnten, in das sie hineingeboren worden waren.
„Ich liege nie falsch bei den Künstlern, die wir hier unter Vertrag nehmen.“ Er sah zu Jace, der neben ihm an das breite Fenster trat. „Und lass diesen Meine-Frau-Scheiß stecken. Ich muss bei ihr schon viel zu viele Hürden überwinden. Da musst du nicht noch zusätzliche Probleme in die Herausforderung einbauen.“
„Ach, ich weiß nicht recht. Sobald man die erste übersprungen hat, ergibt sich der Rest manchmal oder verschwindet vollständig.“ Er griff in seine hintere Hosentasche, zog eine gefaltete weiße Serviette hervor und reichte sie ihm. „Candy hat versucht, dich seit der letzten Pause der Band zu finden.“ Er grinste hinterhältig. „Ich vermute, sie ist nicht daran gewöhnt, dass ihr normalerweise sehr aktiver Boss sich in seinem Büro versteckt.“
„Ich verstecke mich nicht. Ich gebe Lizzy nur etwas Raum.“ Axel schnappte sich die Serviette und öffnete sie. Scharfe Buchstaben in blauer Tinte.
Ich habe gehört, du wärst heute Abend da. Ich würde dir gerne für die Möglichkeit, hier zu spielen, persönlich danken, wenn du Zeit nach dem Gig hast.
Ein elegantes, aber dramatisches L stand darunter. Es passte zu der Frau, die heute Abend die Bühne unter ihm vollkommen beherrscht hatte. Verflucht, die Tatsache, dass sie den Schritt getan und sich bei ihm gemeldet hatte, fesselte seine Aufmerksamkeit so vollständig wie die des restlichen Publikums. „Woher weiß sie, dass ich hier bin?“
„Sie hat ihre Hausaufgaben gemacht. Sie wusste, dass der Club uns beiden gehört, und hat mich ganz direkt gefragt, warum ich angerufen habe, statt dir.“
Also war sie zumindest neugierig genug gewesen, herauszufinden, wer er war und welche Chancen er ihr bieten könnte, wenn sie das Telefon genommen und gewagt hätte, sich zu melden. Allerdings hätte sie das auch tun können, nachdem Jace wegen der möglichen Buchung angefragt hatte. „Ach? Und wie lief’s?“
„Du hast sie auf jeden Fall etwas aufgebracht, als du Vic gegenübergetreten bist und sie nicht wusste, wer du warst, aber ich würde behaupten, dass sie inzwischen weiß, dass du möglicherweise nicht derselben Art wie Vic angehörst. Und sie erkennt ein Friedensangebot, wenn sie eines sieht.“
Gott, er wünschte, er könnte sagen, dass der heutige Abend ein Friedensangebot war. In Wahrheit hatte er die Band, die sie ursprünglich gebucht hatten, einer anderen Veranstaltung zugeordnet und dadurch aus rein selbstsüchtigen Motiven eine Gelegenheit für Lizzy geschaffen. Er wollte ihr einen Einblick geben, was er ihr bieten konnte, wenn sie ihre Mauern ein wenig senken und ihm vertrauen würde.
Und Mann, sie zu beobachten, wenn ihre Schutzwälle fehlten, war wie ein Wunder gewesen. Dank der Kameras, die in jede Ecke und Fuge im Crossroads eingebaut waren, hatte er sich am Anblick der Frau ohne ihre Rüstung gelabt, während sie am Nachmittag alles aufgebaut hatten. Wie locker sie mit ihren Bandmitgliedern umgegangen war und wie leicht sie gelacht hatte, als sie unbeschwert Sticheleien mit ihnen ausgetauscht hatte. Auf der Bühne besaß sie eine magnetische Anziehungskraft. Sie war eine Kraft, mit der man rechnen musste. Aber als Mensch, ohne diese Maske, die sie stets aufbehielt, war sie eine ganz andere Person. Breites Lächeln. Ein intensives, raues Lachen. Lässige Bewegungen, die von Behaglichkeit sprachen, statt von dem Bedürfnis, Aufmerksamkeit zu erregen, und himmelblaue Augen, die funkelten, als ob sie tausend Geheimnisse verbargen.
Er wollte, dass diese Augen ihn ansahen. Dass er nicht nur in den Kreis derer aufgenommen wurde, denen sie vertraute, sondern ihr noch näher war. Er wollte die Geheimnisse hinter diesem Blick ergründen. Die Seele berühren, die diese Texte verfasste. Diese verfluchte Rüstung entfernen und sie beschützen, damit sie sie nie wieder brauchte.
Das waren ernste Gedanken. Verstörend für einen Mann, der sich sein Leben mit zwanglosen Beziehungen bequem eingerichtet hatte. Besonders da er kaum mehr als zehn Sätze mit Lizzy gewechselt und dabei ihre Wut angestachelt hatte. Er faltete die Notiz und steckte sie sich in die Tasche, behielt aber die Finger darum geschlossen. „Was hattest du bei ihr für ein Gefühl?“
Neben ihm starrte Jace auf die Bühne, den Blick auf Lizzy gerichtet, die von einer Seite auf die andere ging, die Gitarre quer vor dem Körper. Sie war beeindruckend gekleidet – hochhackige Stiefel, ein hautenges schwarzes Kleid und glitzernder Rockstarschmuck –, aber Jace hatte ein Talent dafür, tiefer sehen zu können. „Ich glaube, du hast recht. Sie hat eine Vergangenheit. Ich schätze eine, in der die Welt sie in die Mangel genommen hat, und in der nicht sie diejenige war, die Schuld daran hatte.“ Er blickte zu Axel. „Du hast sie eine lange Zeit beobachtet. Hast du schon ein wenig gegraben?“
„Da gibt es nicht viel. Sie ist in Tampa, Florida, geboren und aufgewachsen. Ich habe ein paar Live-Videos und Zeitungsausschnitte gefunden, die bis 2011 zurückreichen. Vor allem kleine Veranstaltungsorte. Sie hat ein paarmal als Vorband für mittlere oder wieder populärer werdende Bands aus den 1980ern gespielt, aber nichts davor.“ Axel nickte zur Bühne hinab. „Damals hatte sie auch nicht dasselbe Image. Sie wirkte trotzdem beeindruckend auf ihr Publikum, doch ihre Sachen waren sanfter. Eher breit gestreuter Alternative Rock statt Rock. Ein Manager namens Joffrey Reynolds stand hinter ihr.“
„Ich dachte, Vic hätte jemanden namens Rex erwähnt?“
„Rex Niland.“ Axel schüttelte den Kopf. „Ich glaube, er ist ein Freund. Er war auf Fotos mit Lizzy in den sozialen Medien, seit sie Profile dort hat.“
„Ein Freund oder mehr?“
„Sie kuscheln auf den Bildern, aber ich wette mein Vermögen darauf, dass es rein platonisch ist.“
„Was ist dann mit Joffrey passiert?“
„Er hat 2012 bei Miramar Records gearbeitet. Lizzy verschwand vom Radar und zog 2014 hierher. Sie und Rex haben getrennte Wohnungen im selben Gebäude. Sie hat erst Anfang 2016 angefangen, hier zu spielen. Da kam dann diese ganze Ausstrahlung einer starken Rockerbraut raus.“
„Ein neues Image für eine neue Stadt“, sagte Jace.
„Vielleicht.“
Jace’ Blick bohrte sich in Axel. „Hast du eine andere Theorie?“
Offen gestanden wusste er nicht, was er denken sollte. Seit er Lizzy das erste Mal hatte auftreten sehen, hatte er das Gefühl, er würde mit nichts als einem Spielzeugeimer versuchen, eine steigende Flut abzuwenden. Als er sie getroffen hatte und all die Dinge in Bewegung geraten waren, die er versucht hatte zu ignorieren, hatte das den Wasserpegel bis zu seinem Hals steigen lassen. „Wenn man in den Krieg zieht, wappnet man sich. Man rüstet sich mit Kevlar, damit man geschützt ist.“ Er neigte den Kopf in Lizzys Richtung. „Oder man verwandelt sich in einen harten Kerl. Das klappt großartig vor einem Publikum und hält die Menschen auf Distanz.“
Jace grinste. „Willst du sie aus diesem Kevlar schälen?“
Das war die Millionen-Dollar-Frage. Die, von der er immer noch nicht wusste, ob er die Antwort darauf hatte. „Nur wenn ich das schaffe, ohne dass einer von uns angeschossen wird.“
Innerhalb von einem Augenblick wurde Jace ernst. Selbst das gedämpfte Trommeln des Basses aus der Halle unter ihnen verklang unter seinem direkten Blick. „Es gibt keine Garantien. Das weißt du. Scheiße, unsere Leben waren ein verfluchtes Risiko nach dem nächsten, und wir haben es verdammt gut hinbekommen.“
Das hatten sie. Sie waren zwei Jungs gewesen, die in einer Wohnwagensiedlung bei Müttern aufgewachsen waren, die sich prostituierten, um die Rechnungen zahlen zu können. Jetzt hatten sie genug Geld, dass sie auf ihren Ärschen hocken bleiben konnten, bis sie tot umfielen, während ihre Familien es gut hatten.
„Wie wollen wir hier vorgehen?“, fragte Jace. „Zahle ich Lizzy heute Abend aus oder findest du deine Eier und stehst deinen Mann?“
Dieser verdammte Jace. Dreiunddreißig Jahre lang hatten sie Beleidigungen ausgetauscht und miteinander gewettet, und der Kerl musste das Unkreativste wählen, was es gab. „Das ist das Beste, was dir einfällt?“
Statt die Stichelei zurückzugeben, senkte Jace seine Stimme. „Du bist ein guter Mann. Du hast eine Familie, die dir bei allem, was du tust, den Rücken frei hält, und fast alles, was du jemals gewollt hast. Alles außer einem Traum, den du hinter dir gelassen hast, um dich um die Menschen zu kümmern, die du liebst. Und zum ersten Mal in deinem Leben gibt es eine Frau, die du anhimmelst. Wenn du das hier wagst, wirst du es nicht allein tun. Jeder von uns wird für dich da sein.“
Oh, sie würden da sein. Ob er es wollte oder nicht, und sie würden sich vermutlich mehr einmischen, als es gut für seine Geduld war. „Warum, glaubst du, habe ich das alles für mich behalten?“
Jace lachte leise, erwiderte aber seinen Blick. „Wie wollen wir vorgehen? Gehst du zu ihr runter oder soll ich sie hochbringen, damit du mit ihr über das Geschäftliche sprechen kannst?“
Er sah zu Lizzy und dieses leichte Ziehen machte sich in ihm breit. Er hatte dieses Gefühl noch nie ignoriert, und Jace hatte recht: Nichts in dieser Welt war sicher. Nichts, außer dass man verlor, wenn man den Versuch nicht wagte. „Bring sie hoch. Die Masche mit dem Geschäftlichen hat bei dir funktioniert. Vielleicht klappt es auch bei mir.“
Kapitel 5
Die Flure waren wie ein Kino beleuchtet, und dicke Stahltüren, für die man einen Handabdruck benötigte und die wahrscheinlich einer Granate widerstehen könnten, waren nicht gerade ein herzliches Willkommen. Allerdings war Lizzy ziemlich erfahren darin abzuschätzen, wie gut ein Abend verlief, wenn sie die Anzahl der Barkeeper und die Anzahl an Drinks im Auge behielt, die in der Menge verteilt wurden. Das Crossroads verdiente heute nicht schlecht am Alkohol. Vermutlich hatten sie die Hauptbüroräume wie Fort Knox ausgerüstet, um die Kohle, die die Kunden einbrachten, sicher zu verwahren, bis sie lachend zur Bank marschieren konnten.
Der Pluspunkt? Der Club war gerammelt voll und die Barkeeper waren durchgehend beschäftigt gewesen, und Jace hatte ihr unglaubliche vierzig Prozent vom Eintrittsgeld angeboten. Das Problem? Es sah aus, als ob Jace ihr das Geld geben würde, und nicht Axel.
Das hätte sie nicht so aufwühlen sollen, wie es der Fall war. Verdammt, wenn überhaupt, sollte sie erleichtert sein, dass Axel nicht auf ihre Notiz geantwortet hatte. Es wäre besser, den heutigen Abend als großartige Erinnerung abzuhaken und zu hoffen, dass sie dadurch die Möglichkeit bekäme, weitere Auftritte wie diesen zu erhalten. Voran und aufwärts und so weiter.
Jace öffnete die Tür und winkte sie vor sich die Treppe hinauf. „Die erste Tür, zu der du kommst. Ignoriere allerdings das Genörgel. Er bellt, beißt aber nicht.“
Lizzy verharrte mitten im Schritt und hielt die Tür weit offen. „Wer?“
Selbst in dem gedämpften Licht wirkte Jace’ Grinsen wie das eines nervtötenden Schuljungen, der es faustdick hinter den Ohren hatte. „Axel ist ein verdammt sturer Bock und unglaublich stolz, aber er wird keine hübsche Lady ignorieren, die singen und die Bühne so dominieren kann wie du.“ Er deutete mit einem Nicken auf die Stufen. „Geh schon. Rechne ab und sag ihm, was du sagen musst. Vielleicht hörst du ihm sogar ein Weilchen zu, während du dort bist.“
Damit zwinkerte er und ließ sie allein, indem er zurück in den schattigen Flur verschwand, durch den er sie geführt hatte.
Herrjemine. Das war das, was ihr Inneres zum Klingen brachte.
Die Tür am Ende des Flurs fiel ins Schloss, sodass nur ein Fernseher oder ein ähnliches Hintergrundgeräusch aus dem oberen Stockwerk ertönte. Während ihr Arm vor zwanzig Sekunden die schwere Tür noch problemlos offen gehalten hatte, zitterte er jetzt, als ob sie ihr vierfaches Gewicht stemmen würde. Zum ersten Mal, seit sie ihre hohen Stiefel angezogen hatte, fühlte sie sich so unsicher wie ein neugeborenes Fohlen.
Sie stieß einen langsamen Atemzug aus und schloss die Tür hinter sich. Es ging nur darum, das mit dem Geld zu regeln. Höflich zu sein und übers Geschäft zu reden.
Kinderspiel, richtig?
Die Stufen waren steiler als üblich, und der Teppich darauf war zu dünn, um ihre Schritte vollkommen zu dämpfen. Sie hatte gerade den Treppenabsatz erreicht und wollte sich wenigstens ein paar Sekunden sammeln, als Axels tiefe Stimme durch den offenen Türrahmen drang.
„Wenn du noch länger brauchst, um reinzukommen, Mädel, werde ich genügend Zeit haben, um diesen Stapel Geld, den du dir verdient hast, erneut zu investieren und Zinsen rauszuschlagen.“
Es war das erste Mal, dass sie seinen Akzent so deutlich hörte. Dazu der spielerische Unterton, und ein Großteil der Anspannung in ihrem Magen löste sich. Der Atem, den sie angehalten hatte, entwich mit einem Kichern. Sie trat in sein Büro. „Sie müssen zugeben, dass Ihre Bude ein wenig einschüchternd ist.“
Sie meinte damit die Beleuchtung und das schicke, moderne Dekor, aber in dem Moment, in dem er den Blick von dem massiven Mahagonitisch abwandte, stand außer Frage, dass er der beeindruckendste Punkt im Raum war. Anders als an dem Abend, an dem er sie im Crow angesprochen hatte, war sein Haar zu einem unordentlichen Knoten gebunden, den sie bei sich selbst nie hinbekam. Doch die Ärmel seines blauen Hemds waren hochgerollt, wie in der ersten Nacht, und zeigten die gebräunte Haut und die feinen Haare auf seinen Unterarmen.
Er erhob sich und deutete auf einen der beiden schwarzen Ledersessel, die vor seinem Tisch standen. „Einschüchtern ist das Letzte, was ich will. Ich hatte mehr auf Beeindrucken gehofft.“
„Alles unter diesem Dach ist beeindruckend. Sie haben es sogar geschafft, dass die Kondomautomaten in den Toiletten schick aussehen.“
Er lachte leise und kam hinter seinem Tisch hervor. „Du weißt doch, was man über Gelegenheiten sagt. Es soll nie behauptet werden, dass wir unsere Kunden nicht mit den Mitteln ausstatten, diese Gelegenheiten zu nutzen.“
Mann, er war groß. Ihr war schon beim ersten Mal aufgefallen, wie breit seine Schultern waren, aber irgendwie hatte ihr Kopf seit damals die Erinnerung ein wenig heruntergespielt. Vermutlich war es eine Überlebensstrategie, um sie davon abzuhalten, ihn anzurufen, bevor er auch nur vom Parkplatz des Crow gefahren war.
Er setzte sich in den Sessel neben sie, überkreuzte die Beine und legte die Ellbogen auf die niedrigen Armlehnen. Er wirkte wie ein eleganter, gut gepflegter Salonlöwe. Was seltsam war, wenn man bedachte, dass der Mann unter der Kleidung besser zu Motorrädern und Barbecues passte.
Sein Blick schweifte an ihr hinab und dann wieder hinauf – ein langsames, unverfrorenes Manöver, das eine angenehme Wärme in ihr zurückließ. „Ich bin froh, dass du den Auftritt angenommen hast.“
Macht.
Sie pulsierte förmlich in seinen klugen waldgrünen Augen und verlangte etwas, von dem sie nicht wusste, wie sie es geben sollte.
Sie schämte sich für diesen Gedanken und konnte seinen Blick nicht erwidern, daher konzentrierte sie sich auf ihre Armlehne und fuhr das Leder am Rand mit dem Finger nach. Ihre Armreifen funkelten in dem sanften Licht über ihnen und klimperten in der Stille, während sie nach einer Antwort suchte. „Na ja, ich muss dir dafür danken.“ Da es ihr seltsam schien, dass sie ihn weiter siezte, obwohl er sie duzte, wechselte sie nun auch zum Du.
Schweigen folgte ihren Worten, dicht und geladen, bis ihre Haut regelrecht prickelte. Fünf Jahre lang hatte sie sich gezwungen, härter zu sein. Direkter und furchtloser in ihren Interaktionen. Aber bei ihm schien es, als ob die Figur, die sie nicht nur geschützt, sondern die sie auch aus der Asche gezogen hatte, sich weigerte, mitzuspielen. Wie wenn sie sich scheute, sich diesem Mann zu stellen. Also hielt sie den Kopf gesenkt und versuchte, ihre Atemzüge langsam und gleichmäßig zu machen.
„Elizabeth.“ Leise und so beeindruckend wie näher kommender Donner. Sie hatte sich den Klang ihres Namens auf seinen Lippen Hunderte von Malen wieder ins Gedächtnis gerufen, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Sie hatte gestaunt, wie er einen Namen, der sich für sie ihr ganzes Leben lang fremd angefühlt hatte, genommen und ihn zu etwas Besonderem gemacht hatte. Zu etwas Wertvollem. „Sieh mich an, Mädel.“
Seltsam. Er hatte den Befehl nicht lauter ausgesprochen als alle anderen Worte, die seine Lippen verlassen hatten. Wenn überhaupt klang er sanfter. Ein seidiges Streichen über ihre Sinne. Aber es knisterte unter der Anordnung. Eine zärtliche Strenge, die ihr Kinn so wirksam hob wie eine körperliche Berührung.
Er wartete, bis ihr Blick sich mit seinem verband. „Wir haben beim ersten Mal auf dem falschen Fuß gestartet. Hauptsächlich deshalb, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, dass Vic seinen Scheiß abzieht, obwohl ich ihn aufhalten könnte. Aber diesmal machen wir es richtig, und das heißt, dass ich von Anfang an direkt bin.“ Er hielt inne und sah in ihr Gesicht, als ob er die Weisheit dessen überdachte, was er noch sagen wollte. „Ich habe dich nicht für heute Abend gebucht, um wiedergutzumachen, dass ich die Nase in Angelegenheiten gesteckt habe, die mich nichts angingen, und ich habe es nicht getan, um einfach nett zu sein.“
Da war sie. Die Möglichkeit, alle Fragen stellen zu können, die sie in den letzten drei Wochen jongliert hatte. Eine Tür, die offen stand.
Und nun? Würde sie hindurchgehen?
Oder den Köder ignorieren, abrechnen und weitermachen?
Neugier und ein anderer, fremder Instinkt, der in seiner Gegenwart zu übernehmen schien, antworteten für sie. „Warum dann?“
„Versuchung. Ganz einfach.“ Sein Blick fiel einen Augenblick lang auf seinen Tisch, bevor er sich vorbeugte und einen dicken, versiegelten weißen Umschlag nahm. Er lehnte sich wieder in seinem Sessel zurück und reichte ihn ihr. „Das Crossroads fasst zweitausend Besucher. Das haben wir nicht ganz geschafft, aber wir hatten auch nicht genug Zeit, um dich zu promoten, und die Hälfte der Leute, die aufgetaucht sind, dachten vermutlich, sie würden die Band sehen, die wir davor gebucht hatten. Die, die gekommen sind, sind geblieben. Bei zehn Dollar pro Kopf beträgt dein Anteil acht Riesen.“
Acht. Tausend. Dollar.
Sie hatte einen vernünftigen Anteil erwartet, verglichen mit den Veranstaltungen, auf denen sie normalerweise spielte, aber nicht viermal mehr als den üblichen Betrag. „Es wären acht, wenn die Höchstzahl erreicht worden wäre.“
„Und wir hätten volles Haus gehabt, wenn wir die Zeit gehabt hätten, deinen Auftritt hier publik zu machen. Ich werde dich nicht bestrafen, nur weil eine andere Band nicht so viel Publikum angelockt hat oder wegen der Tatsache, dass wir nicht schnell genug vorgegangen sind, um deinen Auftritt zu bewerben. Du wirst es das nächste Mal wiedergutmachen.“
„Das nächste Mal?“
Er grinste schelmisch, was durch seinen roten Bart nur betont wurde. „Nimm das Geld, Elizabeth. Es ist nicht gut, ein neues Geschäft zu planen, bevor man das aktuelle abgeschlossen hat.“
Er hatte leicht reden. Das letzte Mal, als sie achttausend Dollar in den Händen gehabt hatte, hatte sie ihr Konto in Florida geleert und sofort jeden Penny in den Toyota gesteckt, den sie immer noch fuhr.
Ihre Hand war überraschend ruhig trotz des Zitterns unter ihrer Haut, und ja, so viel Geld in den Fingern zu haben, reichte für ein Hochgefühl, sodass sie etwas überrascht war, dass sie nicht an die Decke schwebte.
Es war verführerisch, den Umschlag zu öffnen und die Scheine darin zu bewundern. Stattdessen legte sie ihn auf ihren Schoß, faltete ihre Hände darüber und tat so, als ob ein großzügiger Zahltag die Norm wäre statt eines Grundes zum Feiern. „Okay. Das alte Geschäft ist vorbei. Ihr habt garantiert für mindestens die nächsten drei Monate Bands engagiert, wenn nicht für länger. Die Band, die hier vor fünf Tagen gebucht war, hat heute Abend in einem anderen Club gespielt, den ihr in Fort Worth besitzt, daher weiß ich, dass der freie Platz nicht wegen einer Absage auf den letzten Drücker vorhanden war. Warum hast du an so vielen Schrauben gedreht?“
„Habe ich dir doch gesagt. Versuchung.“
„Warum?“
Einen Moment wirkte er gedankenverloren, dann sah er zu dem Fenster, das den Großteil der Innenwand einnahm. Er erhob sich und reichte ihr die Hand. „Ich will, dass du dir etwas ansiehst.“
Er mochte wie ein Model angezogen sein, aber seine Finger passten zu dem rauen Mann unter der Kleidung. Groß. Stark.
Solide wie ein verdammter Stein.
Wie am ersten Abend, als sie sich kennengelernt hatten, durchfuhr sie ein überwältigendes Gefühl der Vorahnung. Diesmal aber dicht gefolgt von Frieden. Als ob sie irgendwann heute nicht nur die Entscheidung getroffen hätte, die vor ihr liegende Gelegenheit zu nutzen, sondern auch das damit einhergehende Ergebnis akzeptiert hätte. Sie legte ihre Hand in seine und erwartete beinahe, dass es bloß eine höfliche Geste wäre, aber er zog sie allen Ernstes hoch. Er deutete auf das Fenster und wartete darauf, dass sie an ihm vorbeiging.
Es war fast zwei Uhr früh und das Publikum unten war deutlich weniger geworden. Der VIP-Bereich, der sich in einer U-Form um den ersten Stock herum wand, war vollkommen leer, aber das lenkte nicht davon ab, wie beeindruckend das Gebäude war. Blaue und rote Lichter betonten die Stahlsäulen, und vier große Bars mit verspiegelten Rückwänden und weichem weißen Licht waren gerüstet, um jede Art von Alkohol auf diesem Planeten effizient und mit Stil servieren zu können. Davor befand sich die riesige Bühne, auf der sie und ihre Jungs sich über vier Stunden lang ausgepowert hatten. Ehrlich, es war eine der besten Nächte ihres Lebens gewesen.
Axel trat hinter sie. Er berührte sie nicht, war ihr aber nah genug, dass sie seine Wärme auf ihrer Haut spürte. Seine Stimme grollte direkt hinter ihrem Ohr und war sogar noch wärmer als sein Körper. Wie das beruhigende Brennen eines guten Whiskeys, der sich im Bauch verteilte, und genauso berauschend. „Ich habe von diesem Fleck aus Hunderte von Bands beobachtet, Elizabeth. Keine von ihnen hat die Menge so gefangen genommen und unter Kontrolle gehabt wie du heute Nacht.“
Sie konnte sich nicht bewegen. Verdammt, sie konnte kaum atmen, weil er ihr so nah war, ganz zu schweigen davon, dass sie hätte verarbeiten können, was er sagte. Daher konzentrierte sie sich stattdessen auf die Bühne und erinnerte sich an die Zeit, die sie heute dort verbracht hatte. „Da fühle ich mich am wohlsten. Hier kann ich jede Person sein, die ich sein will.“
„Du kannst sein, wer du willst, egal ob auf der Bühne oder nicht. Mit der Zeit wirst du das begreifen, sofern ich mitreden darf. Aber wenn du dort stehst – wenn die Scheinwerfer auf dich gerichtet sind und die Musik dich umgibt –, kommt alles, was in dir ist, ans Tageslicht und berührt das Publikum. Es ist dasselbe mit den Liedern, die du schreibst. Dein Herz liegt in jedem Satz, und das spüren die Menschen, die dir zuhören. Deshalb bist du so gut in dem, was du tust.“
Das waren keine leeren Worte.
Es war kein Herumgesülze, damit ihr Talent von ihm ausgenutzt werden konnte.
Das war ehrlich. Es kam von Herzen und wurde ihr freimütig mitgeteilt.
Aber es war trotzdem nur ein Anfang. Eine Einführung in etwas, das erst noch angesprochen werden musste. Und bis sie wusste, womit sie es zu tun hatte, wäre sie verdammt blöd, wenn sie sich nicht konzentrieren und auf die Realität fokussieren würde.
Sie packte den Umschlag fester und zwang sich, einen Schritt weg zu machen. Dann noch einen. Erst als die klimatisierte Luft des Raums seine Hitze ersetzte, drehte sie sich um und erwiderte seinen direkten Blick. „Danke für das Kompliment, aber du hast mir nach wie vor nicht gesagt, worum es hier geht.“
Es war schwer zu sagen, ob das Funkeln in seinen Augen und sein schnelles Lächeln ein Lob für ihren Schneid war oder das Vergnügen, dass sie eine unausgesprochene Herausforderung so bereitwillig angenommen hatte. „Du gehörst auf Bühnen wie diese. Bessere. Größere. Und ich will dir helfen, das zu erreichen.“
Vor drei Wochen hatte sie erwartet, dass er so etwas sagen würde, doch die Worte jetzt von ihm zu hören, traf sie so überraschend wie eine Ohrfeige. „Du bist kein Promoter. Du buchst viele Bands für deine Clubs, aber du repräsentierst keine bestimmten Künstler.“
Sein Lächeln wurde breiter. „Du hast wohl deine Hausaufgaben gemacht.“
Das Geräusch, das aus ihrem Mund kam, war eine Mischung zwischen einem Glucksen und einem Schnauben und passte besser zu einer Unterhaltung mit ihrer Band statt zu einem Geschäftsgespräch. „Wenn man dieses Leben lang genug führt, lernt man, über jeden Nachforschungen anzustellen, sonst riskiert man, von allen Seiten übers Ohr gehauen zu werden. Promoter und Manager sind die schlimmsten. Deshalb hast du recht. Ich habe etwas recherchiert.“
„Und als du herausgefunden hast, dass mein Interesse in Sachen Musik sich allein auf die Veranstaltungsorte erstreckt, die mir gehören, dachtest du bei Jace’ Anruf, es wäre sicher, sein Angebot anzunehmen.“
Okay, es klang ein wenig paranoid und geldgierig, wenn er es so formulierte, aber sie wollte nicht länger um die Wahrheit herumtanzen. „So ähnlich.“
Er nickte, trat näher an das Fenster, sodass sie Seite an Seite standen, und schob die Hände in die Taschen. Sie würde drauf wetten, dass er unzählige Nächte so verbrachte und hinabstarrte auf das, was er geschaffen hatte, und die vielen Leute, die kamen, um Teil davon zu sein. „Ich vermute, deine Erfahrungen mit Managern waren nicht gerade die besten.“
„Ich hatte bisher nur einen, aber ja. Ich bin ein wenig vorsichtig, was sie betrifft.“
„Würdest du mir den Grund mitteilen?“
Gott, wo sollte sie anfangen? Bei den Lügen? Bei allem, was ihr gestohlen worden war? Dem vollständigen Mangel eines moralischen Kompasses, vermischt mit körperlichem und emotionalem Missbrauch? Jedes Mal, wenn sie sich auch nur erlaubte, daran zu denken, in welche Opferrolle sie sich geritten hatte, wollte sie sich selbst windelweich prügeln. „Lieber nicht.“
Entweder es waren die offenen Worte oder ihr trockener Tonfall, doch auf einmal besaß sie wieder seine volle Aufmerksamkeit. Da er sie so abschätzend ansah, erwartete sie halb, er würde nachbohren, aber stattdessen senkte er das Kinn, als ob er verstände. „Einverstanden. Und du hast recht. Ich bin kein Manager oder Promoter. Nicht im reinen Sinn des Wortes, wenn es um Bands geht. Für meine Clubs, ja, doch nicht für einzelne Künstler.“ Er hielt nur einen Augenblick inne. Es reichte, um dem, was er noch zu sagen hatte, zusätzliches Gewicht zu verleihen. „Wenn es um dich geht, wäre ich allerdings gerne einer.“
„Warum?“ Das schien ihr die logische Frage zu sein. Eine, auf die Menschen, die Geschäftliches im Sinn hatten, immer eine rasche Erwiderung parat hatten.
Aber nicht Axel. „Ich habe meine Gründe.“ Bevor sie weitere Hinweise auf seine Motive, die hinter seinen ausweichenden Antworten lagen, finden konnte, fiel sein Blick nach unten und auf eine Bewegung auf der Bühne. Die Lichter waren noch nicht wieder an, aber es bestand kein Zweifel daran, dass es Jace war, umgeben von Rex, Tony, D und Skeet. Axel neigte den Kopf. „Ich vermute, das ist Rex?“
Sie nickte bereits, als die Erkenntnis, dass er Rex noch nie getroffen hatte, einen Großteil ihrer Verteidigungswälle wieder auftauchen ließ. „Woher kennst du Rex?“
„Ich kenne ihn nicht. Aber Vic hat jemanden namens Rex im Crow erwähnt, und ich habe bemerkt, dass der Typ da unten zur Bar unterwegs war, als ich gegangen bin.“ Seine Lippen zuckten, während er nicht besonders erfolgreich versuchte, sein Grinsen zurückzuhalten. „Ich habe meine Fehler, aber mangelnde Beobachtungsgabe gehört nicht dazu.“
Das ergab Sinn – wenn auch auf leicht unangenehme Weise. Wenn er etwas so Subtiles mitbekommen hatte, war es ihr unglaublich peinlich, darüber nachzudenken, wie offensichtlich ihre körperliche Reaktion auf ihn gewesen sein musste. Sie senkte den Kopf und drückte den dicken Umschlag an ihren Körper, dankbar, dass sie wenigstens ein Hilfsmittel hatte, um den misslichen Moment zu überspielen. „Stimmt.“
„Erzähl mir von ihm.“
Sie riss den Kopf hoch, denn die direkte Frage und das Thema waren wie ein Volleyballaufschlag verglichen mit dem Rest der Nacht. „Rex?“ Selbst aus dieser Entfernung war leicht zu erkennen, dass ihr bester Freund derjenige war, der die Unterhaltung dominierte. Er war gut darin und fand immer einen Weg, um ein Gespräch am Laufen zu halten und dafür zu sorgen, dass sich die Menschen wirklich wohlfühlten, egal in welcher Situation. „Ich kenne ihn, seit ich fünf Jahre alt gewesen bin.“
„Ist er ein Freund der Familie gewesen?“
Kaum. Eher der einzige Mann in Tampa, mit dem ihre Mutter nicht geschlafen hatte – obwohl es nicht daran lag, dass sie es nicht versucht hätte. Das hatte dazu geführt, dass ihr Vater Rex genauso sehr hasste wie ihre Mutter sich bemühte, ihn ins Bett zu zerren.
Sie schüttelte den Kopf. „Er hat nebenan gewohnt und mir meine erste Gitarre geschenkt, als ich sechzehn war. Seither hat er niemals damit aufgehört, meine Musik zu unterstützen.“
„Aha. Ich glaube, er hat viele Menschen glücklich gemacht, indem er dafür gesorgt hat, dass du heute so weit gekommen bist. Mich eingeschlossen.“
Und … erneut waren sie bei diesem Thema angelangt. Sie räusperte sich, sah auf ihre Stiefelspitzen, bemerkte dann, was sie tat, und zwang sich, das Kinn wieder zu heben. „Also, mir ist klar, dass ich nicht besonders gut im Umgang mit Menschen bin, und die Jungs haben mir Millionen Mal vorgehalten, dass ich dumm bin, dass ich nicht jemandem erlaube, uns zu helfen, der weiß, was er tut. Aber ich habe es ernst gemeint, als ich gesagt habe, dass die ganze Manager-Sache keine gute Erfahrung gewesen ist.“ Ihr Hals fühlte sich so eng an, dass es schwer war, zu atmen, ganz zu schweigen von sprechen. „Selbst wenn ich zustimmen würde, dass wir uns einen neuen suchen, weiß ich nicht, ob ich denjenigen nicht innerhalb von zwei Tagen vollkommen durchdrehen lassen würde. Ich habe einen eigenen Kopf und bin verdammt störrisch, sodass viele es hassen, mit mir zu arbeiten. Außerdem ist Vertrauen nicht gerade meine Stärke – für den Fall, dass du es noch nicht bemerkt hast.“
„Aber du hast kein Problem damit, zu sagen, was dir durch den Kopf geht, und das ist die Hälfte des Kampfs, um eine Beziehung funktionsfähig zu halten.“ Ein seltsamer Ausdruck huschte über sein Gesicht. Eine dieser überraschten und doch neugierigen Mienen, die darauf hindeuteten, dass er gerade eine verblüffende Idee oder eine unerwartete Erleuchtung gehabt hatte. Er sah wieder zu seinem Tisch, dann hinab zu Jace. Mit dem Daumen fuhr er über sein Kinn und wirkte nachdenklich. Als er erneut das Wort ergriff, klang seine Stimme immer noch abgelenkt. „Hast du morgen schon etwas vor?“
„Es wird vier Uhr sein, bis ich genug runtergekommen bin und schlafen kann. Die Schicht bei meiner Arbeit am Montag beginnt um sieben Uhr, also hoffe ich, dass ich den Großteil der Zeit dazwischen schlafend verbringen kann.“
Die freche Antwort riss ihn aus seinen Gedanken und er warf ihr ein schelmisches Lächeln zu. „Aye, aber irgendwann wirst du etwas essen müssen.“ Er ging zu seinem Tisch, holte ein Blatt Papier aus einer Schublade und notierte etwas darauf. Bei jedem anderen wäre sie mehr daran interessiert gewesen, was er aufschrieb, als an der Person, die die Handlung ausführte. Aber die Art, wie er die Hand aufstützte, und der schicke Schnitt seines Hemds machten seine Schultern doppelt so breit. Er war wie ein uralter Krieger, der in der falschen Zeit gefangen war, doch vollkommen zufrieden damit schien, einen Stift zu führen statt eines Schwertes.
Er richtete sich auf, warf den Füller auf den Tisch und ging mit einer lockeren Kultiviertheit auf sie zu, die über das Raubtier hinwegtäuschte, das sich unter der maßgeschneiderten Kleidung befand. Er reichte ihr die gefaltete Notiz. „Sonntagsbarbecue. Wir feuern den Grill normalerweise gegen sechzehn Uhr an, hören aber meist erst nach neunzehn Uhr auf zu essen. Bring Rex und den Rest der Band mit.“
Seine Handschrift passte zu seiner beeindruckenden Persönlichkeit, denn sie war sehr nach rechts geneigt und jeder Buchstabe besaß eine gewisse maskuline Kunstfertigkeit.
„Wer ist wir?“
„Meine Familie.“
Aha. Und dabei hatte sie gedacht, sie hätte für den heutigen Abend bereits genügend Überraschungen erlebt. „Deine Familie?“
„Du glaubst, du hättest einen eigenen Kopf und wärst stur?“ Er deutete auf das Papier zwischen ihren Fingern. „Du bist nichts gegen die. Auch wenn ich total irre bin, dass ich ihnen die Gelegenheit gebe, dich in die Finger zu bekommen, wird das beweisen, dass deine Art von Sturheit mich nicht aufhalten wird.“
Sag Nein.
Besser noch, sag, du denkst drüber nach, und dann flieh und versteck dich eine Woche lang. Oder ein Jahr lang.
Ein nachgiebigerer Gedanke folgte den ersten beiden. Zaghaft, aber doppelt so mächtig.
Sag Ja.
Sie wollte. Dringend. Wenn auch nur, um die Menschen kennenzulernen, die einem so anziehenden Mann so nah waren. Sie faltete den Zettel und drückte ihn an den Umschlag. „Ich kann nichts versprechen, aber ich rede mal mit den Jungs.“
„Gut.“ Er trat ihr aus dem Weg und zeigte auf die Tür. „Na komm. Nach dieser Show musst du müde sein. Ich begleite dich runter.“
„Nein.“ Sie zuckte zusammen und schloss die Augen. „Entschuldigung. Das sollte nicht so harsch rüberkommen. Es ist nur …“ Seufzend öffnete sie die Augen und straffte die Schultern. „Ich würde gerne zuerst mit den Jungs sprechen. Allein.“ Genau genommen wollte sie erst ein paar Worte bezüglich Axel und Managern im Allgemeinen sagen, bevor Axel seine Magie auf die Band wirken konnte.
Sie mochte das nicht laut von sich gegeben haben, aber sein Grinsen zeigte ihr, dass er den Gedanken nichtsdestotrotz erahnte. „Alles klar. Dann eben allein.“ Er führte sie zu der Tür, eine Hand auf ihren Rücken gelegt, und diese Berührung ließ sie sich mehr wie eine Prinzessin fühlen, nicht wie ein unkultivierter Niemand aus den Gassen von Tampa.
Oben an den Stufen hielt er an und sah zu, wie sie allein hinabstieg. Er schwieg, bis sie die Tür unten geöffnet hatte. „Elizabeth.“
Mindestens drei Meter trennten sie, aber seine gesenkte Stimme tanzte dennoch wie eine sanfte Berührung über ihre Haut. Sie hielt inne, eine Hand gegen die Tür gestemmt, und holte zittrig Luft, bevor sie zu ihm zurücksah.
„Sei mutig für mich. Ein Nachmittag. Ein einfaches Barbecue. Wenn du mir dahingehend vertrauen kannst, wirst du sehen, dass du nichts zu befürchten hast. Nicht von mir.“
„Ich kenne dich nicht mal.“
„Noch nicht. Aber du wirst mich kennenlernen.“ Er neigte den Kopf. „Schlaf gut, Mädel. Ich sehe dich morgen.“
Und damit war er verschwunden. Er ließ sie allein in den Schatten zurück … und mit dem ersten Funken Hoffnung seit sehr langer Zeit.
Kapitel 6
Axels Familie beherrschte ein Ding wie Profis – sie wusste, wie man sich innerhalb von Sekunden anpasste und eine Kehrtwende machte. Da sie in Haven – der Ranch, die er mit Jace und ihren Müttern am Rand von Allen, Texas, bewohnte – eine strikte Nur-für-die-Familie-Politik verfolgten, hatte er keine Wahl gehabt, als früh am Morgen den ganzen verdammten Clan anzurufen und sie zu bitten, ihr Sonntagbarbecue auf das Anwesen in der Stadt zu verlagern. Aber wenn alles so klappte, wie er es sich erhoffte, wäre es den Aufwand wert.
Aus dem Kofferraum seines Shelby Cobra hatte er zwei Lebensmitteltüten genommen, die seine Mutter in Haven gepackt hatte, und schnappte sich nun den Henkel einer dritten. Dann schlängelte er sich durch die Autos und Motorräder, die auf der riesigen runden Einfahrt parkten, zu den Eingangstüren. Das Haus wurde liebevoll Anwesen genannt, weil es hier genug Räume gab, dass er und alle sieben Männer, die er Brüder nannte, auf einmal hier übernachten konnten. Das Gebäude befand sich mitten in einem der teuersten Viertel von Dallas und wirkte wie eine italienische Villa, was im Gegensatz zu den harten Männern stand, die dafür bezahlt hatten und es benutzten.
Er trat die Tür ins Schloss und eilte durch den großen Eingangsbereich in Richtung Küche in der hinteren Hälfte des Hauses. Wie üblich hatten seine Mutter, Sylvie, und Jace’ Mutter, Ninette, das Kommando übernommen und scheuchten alle in Rufweite herum, damit sie ihnen bei verschiedenen Vorbereitungen halfen. Die Hälfte seiner Brüder war nicht da, sondern vermutlich auf dem Hinterhof, wo sie sich auf den Tag vorbereiteten, während Beckett, Jace und Trevor wohlweislich die Klappe hielten und am Küchentisch außer Reichweite sitzen blieben. Ihre Frauen eilten so aufeinander eingespielt herum, dass es ein Superhirn verblüffen konnte.
Er stellte seine Tüten auf die Kücheninsel. „Das sind die letzten.“
Sylvie packte etwas in den Kühlschrank, fuhr herum und lugte in jede der Taschen. „Heilige Mutter Gottes, es ist nicht da.“
„Was ist nicht da?“
„Zucker.“ Ninette, die an der Spüle stand, warf ihm ein schiefes Grinsen über die Schulter zu. „Du hast uns so schnell aus dem Haus gescheucht, dass sie ihn vergessen hat, und du weißt, wie deine Mutter über ein Essen ohne Nachtisch denkt.“
„Es ist ein verdammtes Verbrechen.“ Jace kicherte am Küchentisch.
Gabe gluckste wie ein kleines Mädchen, was ein reines Vergnügen war, wenn man bedachte, wie scheu und reserviert sie gewesen war, als Zeke sie das erste Mal getroffen hatte. In den drei Jahren seither hatte sie sich sehr verändert – nicht zuletzt wegen der Unterstützung seiner Familie. „Das ist ein gottverdammtes Verbrechen. Sie hat mir heute hausgemachte Chocolate Chip Cookies versprochen.“
Vivienne schloss den Schrank, fuhr herum und starrte Axel an. „Und wer hat nicht mal Zucker auf Vorrat?“
„Jemand, der sich mehr auf Alkohol und Bier konzentriert als auf Cookies“, warf Beckett neben Jace ein.
Gia trat neben ihn, stellte einen Stapel Pappteller und Becher mitten auf den Tisch und schlug ihm, ohne innezuhalten, gegen die Schulter. „Gib hier nicht das Arschloch. Hol Zucker.“
„Warum ich?“
Ihr Lächeln war zuckersüß, aber ihre freche Antwort war verdammt heiß. „Weil ich auch Chocolate Chip Cookies mag, und du liebst es, wenn ich in guter Stimmung bin.“
Eine Sekunde war vergangen, und das, was bisher eine entspannte Atmosphäre gewesen war, hatte sich aufgeheizt.
Diese verdammten Frischvermählten.
„Ich hole den Zucker“, brummte Axel und drehte sich wieder zum Eingang.
„Oh nein, das tust du nicht.“ Ninette mochte ihre Worte spielerisch ausgesprochen haben, aber darin lag eine Härte, die ihn abrupt innehalten ließ, bevor er auch nur drei Schritte hatte machen können. „Wenn du glaubst, dass du entkommen kannst, ohne zu erklären, warum wir uns in einer Lage befinden, in der wir Zucker vergessen konnten, täuschst du dich.“ Er drehte sich rechtzeitig um, um zu sehen, wie sie Beckett in Richtung Ausgang winkte. „Beckett, du gehst. Und sorg dafür, dass Knox, Danny und Ivan sich nicht davon ablenken lassen, mit Mary und Levi zu spielen, statt den Grill aufzubauen.“
Beckett mochte über eins neunzig groß sein und körperliche Bedrohungen in einem Mann-gegen-Mann-Kampf regelrecht vernichten, aber wenn Ninette Kennedy eine Anordnung gab, bewegte selbst ein Mann wie er seinen Hintern und tat, was nötig war. Er sah Axel stirnrunzelnd an und schob sich vom Tisch zurück. „Ja, Ma’am.“
Ninette wandte ihre resolute Aufmerksamkeit wieder Axel zu.
Sylvie tat dasselbe, und das Handeln der beiden war so perfekt getimt, dass es wirkte, als ob sie es im Voraus geübt hätten. „Also? Wer ist der Gast, wegen dem du Fäden ziehst, die du sonst immer in Ruhe gelassen hast?“
„Ich ziehe an keinen Strippen. Ich mache nur das Beste aus einem Nachmittag und will ein wenig Geschäfte machen, während ich schon dabei bin.“
„Bruder, ich könnte an einer Hand abzählen, wie oft du dich in Familienpläne eingemischt hast, und hätte trotzdem Finger übrig“, sagte Trevor. „Worum geht es?“
Beckett hielt im Türrahmen inne, eindeutig interessierter an der Antwort als daran, eine Besorgung in letzter Sekunde zu machen.
Diese verdammten Wichtigtuer. Er hatte gewusst, dass es weit hergeholt war, zu hoffen, dass seine Familie ihre verfluchten Nasen nicht in seine Angelegenheiten stecken würde, aber er war nicht davon ausgegangen, dass sie sich so früh einmischen würden. Er sah zu Jace, da er sich unter dem Blick seines besten Freundes wohler fühlte als bei den anderen, die ihn ins Kreuzverhör nahmen.
Jace stieß ein leises Lachen aus. „Eines muss ich dir lassen. Wenn du loslegst, machst du keine halben Sachen.“
Ninette sah zwischen den beiden hin und her, wie sie es auch getan hatte, wenn sie versuchte herauszufinden, wer von ihnen etwas ausgefressen hatte, als sie klein gewesen waren. Ihr Blick blieb bei Jace hängen. „Du weißt, was los ist, und hast während der Fahrt hierher kein Wort gesagt?“
Jace hob eine Augenbraue in Richtung Axel. Einer dieser „Machst du jetzt Nägel mit Köpfen oder gräbst du dir dein Loch noch tiefer?“-Blicke.
Natalie schaute vom Schneidbrett hoch. „Mmm, die Handlung verdichtet sich.“
„Es gibt keine Handlung, verdammt.“ Axel bedachte sie alle mit demselben grimmigen Blick, der seine Barkeeper und Kellnerinnen auf Abstand hielt, und fing an, die Einkaufstüten auszupacken. Besser das, als stillzustehen und ihnen zu erlauben, alles einer Psychoanalyse zu unterziehen. „Ich habe schon gesagt, es geht ums Geschäft. Ich habe eine neue Idee, auf die ich mich konzentrieren will, und das Mädel ist ein klein wenig scheu.“
Daryas Kopf fuhr hoch, und der Salat, den sie für die Hamburger vorbereitete, war sofort vergessen. „Das Mädel?“
Vivienne trat neben Darya und schob eine Plastiktüte voller Tomaten und Zwiebeln vor sie. Ihre Worte waren schüchtern, aber der wissende Blick, den sie ihm unter den Wimpern hervor zuwarf, sagte ihm, dass Jace ihr bereits mehr Details anvertraut hatte, als es Axel lieb war. „Und es ist ernst genug, dass er die Familie als Unterstützung braucht. Wie spannend.“
Seine Mutter verlor sämtliches Interesse an allem, was in der Küche vor sich ging, und starrte ihn einfach nur an. Ein tiefer, durchdringender Blick, der ihm das Gefühl gab, er wäre wieder zwei Jahre alt.
Gia dagegen blieb bei Weitem nicht so still. „Und diese Geschäftssache … Hat sie einen Namen?“
„Lizzy Hemming.“ Er blickte zu seiner Mutter, die immer noch vollkommen schockiert und sprachlos zu sein schien. „Und es ist wirklich was Geschäftliches, also wage es nicht, online nach Hochzeitskuchenrezepten zu googeln oder Babyschuhe zu bestellen.“
„Noch nicht“, warf Trevor neunmalklug ein.
„Ihr habt doch alle einen an der Waffel!“ Axel deutete auf Jace. „Scheiße, sag ihnen, was zum Teufel los ist.“
Jace’ Lächeln war so hinterhältig wie selten. Andererseits ließ es Axel mal wieder nicht im Stich. „Er sagt die Wahrheit. Sie und ihre Band haben gestern Abend im Crossroads gespielt. Sie haben das Publikum gerockt.“
„Das ist nichts Neues“, entgegnete Beckett, der immer noch auf die richtige Bombe wartete, hinter ihm. „Du buchst ständig Bands.“
„Ja, aber bei der hier interessiert er sich für mehr als nur normale Buchungen“, sagte Jace.
Ninettes Stimme wechselte zu irgendwas zwischen Schalk und reiner Überraschung. „Wiiiiirklich? Von wie viel mehr sprechen wir hier?“
Vivienne und Jace sahen ihn an. Warteten.
Er wagte es nicht, seine Mutter anzusehen, während er den Rest erzählte, aber er antwortete stattdessen direkt Ninette. „Ich habe ihr gesagt, dass ich ihr Manager werden will. Ich will sehen, ob ich meine Verbindungen nutzen und ein wenig tiefer in das Musikgeschäft einsteigen kann.“
Schweigen senkte sich innerhalb einer Sekunde über das Zimmer.
Es wäre leichter, wenn er alles so beließe, wie es gerade war, und seine Familie die Löcher mit dem füllen lassen würde, was sie wollten, aber der einfache Weg war normalerweise scheiße. Seine beste Chance, Lizzy zu zeigen, was für eine Art Mann er war, war, sie den Menschen vorzustellen, mit denen er sich umgab. Und die größte Wahrscheinlichkeit, dass sie ihr ihre wahre Natur zeigten, war, ihnen gegenüber offen zu sein. Oder zumindest größtenteils offen. „Sie hat Talent. Das ganze Paket. Mit der richtigen Unterstützung könnte sie die Musikwelt im Sturm erobern, aber sie ist schon einmal durch die Mangel gedreht und verraten worden. Sie weiß nicht, wem sie vertrauen soll.“ Er zuckte mit den Achseln. „Ich fand, es wäre das Beste, wenn ich sie herbringe, um ihr zu zeigen, wie Vertrauen aussieht.“
Es blieb weiter still. So, dass er dachte, er würde daran ersticken.
„Also gut.“ Sylvie McKee würde ihren Jungen in einem unangenehmen Augenblick nie hängen lassen, egal, wie schockiert sie war. Sie strich die Schürze glatt, die sie sich in dem Moment angezogen hatte, in dem sie in die Küche getreten war, und eilte zum Vorratsraum. „Wenn mein Junge sich entschließt, etwas Neues anzufangen oder jemand Neuen unter die Fittiche zu nehmen, wird er es mit meinem Rückhalt tun. Beckett, schaff mir den Zucker her.“
„Ja, Ma’am.“ Beckett grinste Axel zu. „Ich glaube, ich gehe kurz raus und sehe nach dem Rest der Jungs, bevor ich losfahre. Wenn wir eine Mission haben, müssen wir dafür sorgen, dass alle Truppen bereit sind.“
Es klingelte an der Tür.
Die Frauen sahen nahezu aufgedreht von einer zur anderen.
Trevor kicherte. „Beeil dich besser. Scheinbar haben wir Showtime.“
Ein Blick auf seine Uhr zeigte 16:05. Sie tauchten früher auf, als er angenommen hätte, wenn man bedachte, wie nervös sie gestern Abend gewesen war. Entweder hatte sie über Nacht eine Offenbarung gehabt, oder ihre Band hatte sie bequatscht und davon überzeugt, dass sie sich zumindest anhören sollte, was er sagen wollte. Allerdings könnte es auch nur ein Kind aus der Nachbarschaft sein, das etwas verkaufen wollte.
„Verdammter Scheißdreck.“ Sie alle zu ermahnen würde nichts bringen, daher wandte er sich dem Eingang zu und versuchte, das Aufbranden der Unterhaltungen zu ignorieren, die in dem Augenblick begannen, in dem er die Küche verließ. Seine Familie meinte es gut. Tief in seinem Inneren wusste er, dass es die Wahrheit war, und in jeder anderen Situation, in der es um die Familie ging, würde er ihnen ohne jeden Zweifel vertrauen. Aber etwas an der Vorstellung, dass Lizzy und sein Clan zusammentreffen würden, ähnelte einem Bungeesprung von einer hohen Brücke – entweder würde es ein verdammt genialer Nervenkitzel werden, der alle anderen Erfahrungen übertreffen würde, oder er würde wie ein überfahrenes Tier am Straßenrand enden.
Er riss die Tür ein wenig heftiger auf, als er vorgehabt hatte – und seine Stimmung wechselte abrupt von ärgerlich und nervös zu sprachlos und gierig. Die Band war da. Auch dieser Rex. Aber nichts davon war wichtig. Nicht, wenn Lizzy direkt vorn stand und eine abgeschnittene Jeans trug, die so alt war, dass sie vermutlich weich wie Baumwolle war. Dazu hatte sie ein altes Stone-Temple-Pilots-T-Shirt an. Ihr unglaublich sexy Körper war nicht der Schock – nicht bei ihren Outfits auf der Bühne. Aber sie in etwas so Anschmiegsamem und Alltäglichem zu sehen, brachte ihn vollkommen durcheinander. Sie in einem Paar zierlicher brauner Sandalen mit kaugummirosa Zehennägeln statt in Stilettos oder hochhackigen Stiefeln zu bewundern, war das verdammt Sexyste aller Zeiten.
„Als du Barbecue gesagt hast“, meldete sich Lizzy zu Wort, „habe ich einen Grill und Musik in einer gewöhnlichen Gegend erwartet. Kein Anwesen im Nobelviertel von Dallas.“ Sie nickte in Richtung der Muscle-Cars, Pick-ups und Motorräder, die in der Auffahrt standen. „Wenn ich nicht all die da vorne gesehen hätte, hätte ich gedacht, wir wären falsch.“
Der Mann, den er von seiner Recherche und bislang nur vom Sehen kannte, trat vor und reichte ihm die Hand. „Der einzige Grund, weshalb wir an der Eingangstür geparkt haben, statt zurückzufahren und unsere Kleidung zu wechseln, ist der, dass Lizzy nicht am Steuer war. Ich bin Rex.“
Die Gruppe zu ignorieren und sich nur auf Lizzy zu konzentrieren, war verdammt verführerisch, aber das würde ihm vermutlich keine Pluspunkte einbringen und Vertrauen erwecken. Er schüttelte Rex’ Hand. „Axel McKee.“ Dann machte er die Runde und begrüßte jeden der Männer. „Freut mich, dass ihr es geschafft habt. Wir haben viel Essen und einen ganzen Nachmittag, um es zu genießen.“
Er beendete gerade die Begrüßung, als nackte Füße auf dem Holzboden des Wohnzimmers ertönten und Levis aufgeregte Stimme von der hohen Decke hallte. „Sind sie hier?“
Marys süßes Kichern folgte direkt dahinter.
Axel trat auf die Seite und winkte seine Gäste durch die Eingangstür, als die zwei kleinen Hooligans ins Foyer kamen und unmittelbar vor Lizzy innehielten. Beide atmeten schwer von ihrem Sprint nach drinnen.
„Hey!“, rief Levi und streckte die Hand aus. „Ich bin Levi. Dad sagt, du bist eine Rocksängerin und Onkel Axel wird dich berühmt machen.“
Lizzys Augen wurden so groß wie Untertassen und die Männer hinter ihr lachten leise, sie spielte jedoch mit und ergriff die Hand, die Levi ihr reichte. „Ich bin Lizzy. Und ja, ich bin eine Sängerin, aber was das Berühmtsein angeht, weiß ich nicht so recht.“
Trevor, Knox und Ivan kamen zum Eingang. Alle drei grinsten äußerst breit, was bedeutete, dass nicht nur die stille Post in der Familie perfekt funktionierte, sondern ein Plan geschmiedet worden war, wie man Lizzy überzeugen konnte, während er damit beschäftigt gewesen war, an die Tür zu gehen.
Axel warf den dreien einen warnenden Blick zu, dann konzentrierte er sich auf Levi. „Junge, wir müssen mal über dein Timing und die Umsetzung sprechen. Du kannst eine Frau nicht in dem Augenblick, in dem du ihr begegnest, überrumpeln. Und du hast Mary auch nicht vorgestellt.“
Levi nahm solche Hinweise nie übel, sondern lächelte strahlend, straffte die Schultern und legte einen Arm um Mary. Sie waren zehn beziehungsweise sechs Jahre und ihr Größenunterschied betrug kaum mehr als dreißig Zentimeter, wie Mary sich an Levi lehnte, zeigte allerdings, wie nah sie sich in den vergangenen zwei Jahren gekommen waren. „Ja, das hier ist meine Cousine, Mary. Sie ist auch eine hübsche Sängerin, aber sie spielt nicht so gut Gitarre wie ich.“
Die seltsame Vorstellung ließ Mary Levi stirnrunzelnd ansehen, und ihre Schüchternheit, die bisher dafür gesorgt hatte, dass sie geschwiegen hatte, verblasste im Hinblick darauf, dass sie sich als Frau herausgefordert fühlte. „Noch nicht, aber das werde ich. Onkel Axel meinte, er würde es mir auch beibringen, wenn meine Hände größer geworden sind.“
Lizzys Kopf fuhr zu Axel herum. Schock und ein wenig Ehrfurcht zeigten sich auf ihrer Miene. „Du spielst?“
Bevor er antworten konnte, mischte sich Levi ein. „Er spielt und er singt. Aber das macht er nicht außerhalb der Familie. Dad meint, weil er stur ist.“
Trevor lachte leise und neigte das Kinn. „Sohn, wir müssen die Tage mal darüber sprechen, was Filter sind.“
Das unweigerliche Warum lag Levi schon auf den Lippen, aber Axel mischte sich ein, bevor der Junge es laut sagen konnte. „Leute, das hier sind meine Brüder Trevor, Ivan und Knox.“ Er wandte sich an die Männer um Lizzy und beendete die Vorstellungsrunde. „Lizzy habt ihr vermutlich schon erkannt, aber das hier sind ihr Kumpel Rex, ihr Bassist Dewayne, der Gitarrist Jacob – oder Skeet, wenn ihr nicht auf Formalitäten besteht – und der Drummer Tony.“
Die üblichen Willkommensgrüße und das Handschütteln durchbrachen den Halbkreis, den die Band um Lizzy gebildet hatte, und gaben ihm die Gelegenheit, näher zu kommen. Glücklicherweise kannten seine Brüder sich ein bisschen mit strategischen Manövern aus, und Knox legte damit los, die Gruppe ein wenig weiter aufzubrechen. Er winkte Levi und Mary nach hinten ins Haus. „Helft ihr zwei doch aus und führt die Jungs mal im Hinterhof rum. Wie wär’s, wenn ihr euch die zwanzig Kröten verdient, die ihr mir abgeschwatzt habt, indem ihr Getränkebestellungen entgegennehmt?“
Levi runzelte die Stirn und sah zwischen Knox und Lizzy hin und her. „Aber ich will mit Lizzy noch über Gitarren reden.“
„Erst höflich sein“, sagte Trevor und hob auf eine Art erwartungsvoll eine Augenbraue, die seinen eigenen Vater stolz gemacht hätte. „Später kannst du Fragen stellen.“ Er sah zu Axel. „Außerdem wollen wir deinem Onkel doch die Möglichkeit geben, mit Lizzy über geschäftliche Dinge sprechen zu können.“
Skeet, der von dieser Idee eindeutig begeistert war, trat vor Levi. „Ich bin auch kein Trottel, wenn es um Gitarren geht. Zeig mir, wo das Bier ist, und ich fachsimpele den ganzen Nachmittag von nichts anderem.“
Rex, Dewayne und Tony stimmten mit Nicken und einer Reihe von Jas ebenfalls zu.
Sofort gab Levi mit frischem Enthusiasmus nach. „Deal!“ Er packte Marys Hand und bedeutete allen, sie sollten ihm ins Wohnzimmer folgen. „Kommt. Zum Hinterhof geht’s da lang. Meine Onkel sind wählerisch, daher gibt es alle möglichen Sorten von Bier, aber wenn ihr Zeug wie das von Onkel Axel wollt, muss es jemand anders holen. Mom will nicht, dass ich mit Fusel zu tun habe.“
Gelächter begleitete ihren Abmarsch und verschluckte, was auch immer Levi als Nächstes sagte.
„Sie sind niedliche Kinder.“ Sobald Lizzys Worte verhallt waren, schien ihr klar zu werden, dass sie als Einzige noch im Flur stand, in Beißdistanz zum großen bösen Wolf. Sie rieb mit den Handflächen über ihre Hüften und machte zögerlich einen Schritt weg. „Ich schätze, das sind Wahl-Brüder wie Jace, außer du hast einen äußerst interessanten Stammbaum.“
Er musste sich heftig zusammenreißen, um nicht ihr Handgelenk zu packen und sie wieder dorthin zurückzuziehen, wo sie gestanden hatte. „Das ist eine ziemlich interessante Art, es auszudrücken. Entweder bist du verdammt scharfsinnig oder Jace hat gestern sehr viel gequatscht.“
Ein verlegenes Lächeln hob einen ihrer Mundwinkel. „Er könnte das Wort Bruder in Verbindung mit dir benutzt und damit meine Neugier geweckt haben. Aber zu seiner Verteidigung sollte ich sagen, dass ich gerne viele Fragen stelle.“
Fragen waren gut. Sie deuteten auf ein Mindestmaß an Interesse hin, sogar wenn es nur schnöde Neugier war. Gott wusste, er hatte selbst genug Fragen, die ihm die letzten sechs Monate lang im Kopf herumgegeistert waren und von denen die meisten immer noch unbeantwortet waren. „Mädel, du kannst mich oder meine Brüder alles fragen, was du willst, wenn das bedeutet, dass du redest.“
„Ach?“ Ihr Grinsen wurde schelmisch. „Wie wäre es, wenn wir mit der Tatsache beginnen, dass du ein Musiker bist?“
„Und?“
Ihr Lächeln verrutschte leicht, aber die Aufrichtigkeit in ihrem Blick vertiefte sich. „Du hast gesagt, dass du Musik liebst. Wenn du sie selbst machen kannst, warum bringst du andere Leute auf die Bühne, obwohl du dort stehen könntest?“
„Du gehst davon aus, dass ich Talent habe. Levi hat gesagt, dass ich spiele, nicht, dass ich gut bin.“
„Er sagte auch, dass du singst.“
Das vertraute Stechen in seiner Brust kam mit dem Gedanken an Musik und die Leidenschaft, die er vor Jahren zurückgefahren hatte. Er hielt inne, um den Schmerz zu überspielen, aber seine Stimme klang dennoch ein wenig tiefer. „Aye, das auch.“
„Warum unterstützt du dann andere Bands, wenn du dich selbst promoten könntest?“
„Ich will keine anderen Bands unterstützen, Elizabeth. Ich will dich unterstützen.“ Er trat ein wenig näher, woraufhin sie überraschenderweise nicht zurückwich. „Und noch einmal, du hast noch keine Note von mir gehört. Vielleicht schaffe ich drei Akkorde und singe wie eine Katze, die man in den Zuber getaucht hat.“
„Irgendwie bezweifle ich das.“ Sie neigte den Kopf, und ihr Blick wirkte, als ob sie seine über Jahre festgefahrenen beschissenen Entschuldigungen direkt durchschaut hätte. „Ich sehe dich an und glaube nicht, dass es irgendwas auf der Welt gibt, das du nicht erreichen kannst, wenn du es dir in den Kopf setzt.“
Da hatte sie recht. Ihr unbeabsichtigtes Vertrauensbekenntnis gab ihm die perfekte Gelegenheit, sie wissen zu lassen, woran genau er gerade dachte. Er forderte sein Glück heraus und trat noch etwas näher, sodass die Entfernung zwischen ihnen nur wenig mehr betrug als das, was man als angenehm empfand. Ohne die Absätze, die ihren Größenunterschied ein bisschen verringerten, musste sie den Kopf zurücklegen, um seinen Blick erwidern zu können. Dank der hellen Sonne, die durch die Fenster im Flur fiel, passten ihre blauen Augen zum Himmel draußen.
Er behielt die Hände bei sich, obwohl es verdammt schwer war, weil ihre cremefarbene Haut durch das Oberteil frei lag. „Es ist gut, dass du das in mir siehst, Elizabeth, denn ich habe vor, einiges für dich in Bewegung zu setzen. Und für uns.“
Kapitel 7
Uns.
So ein kleines Wort. Aber wenn Axel es in seiner tiefen Whisky-Stimme aussprach, wand es sich mit der Hitze eines Samtseils um Lizzy. Ein Versprechen und eine besitzergreifende Behauptung, die winzige Risse in den Warnungen und Lektionen entstehen ließ, mit denen sie letzte Nacht ihren Entschluss untermauert hatte.
Beug dich vor.
Nur ein wenig.
Schau mal, wie er sich anfühlt.
Es wäre so leicht. Ein Verlagern ihres Gewichts würde ihn ermutigen. Es würde sie ihm nahe bringen, sodass sie seine Hitze so fühlen konnte wie letzte Nacht. Vielleicht könnte sie diesmal seine breite Brust an ihrer spüren und schauen, ob seine starken Arme sich um sie geschlungen so gut anfühlten, wie ihre Fantasie es ihr vorgaukelte.
Versau das nicht, Lizzy.
Du weißt, wie du bist. Wie du die Dinge verdrehst und Leute an dich heranlässt, die dir nicht nahekommen sollten.
Reiß dich zusammen.
Sie konzentrierte sich auf sein Brustbein. Auf das dunkelblaue T-Shirt und die Muskeln darunter. So zwanglos hatte sie ihn noch nicht gesehen. Die Jeans, die er damit kombiniert hatte, war abgetragen genug, um nahezulegen, dass er sie häufig anhatte, aber irgendwie schaffte er es dennoch, die Kombination aussehen zu lassen, als ob ein Designer sie zusammengestellt hätte. „Geschäftliches und Persönliches vertragen sich nicht gut.“
Näher kommende Schritte erklangen hinter ihr, wirkten aber leicht und nicht in Eile. Eine weibliche Stimme ertönte dazu, deren ausgeprägter schottischer Akzent nicht zu überhören war. „Axel McKee, sag mir nicht, du hättest das Mädel in die Ecke gedrängt, noch bevor du sie allen vorgestellt hast.“
Axel grinste und sagte leise: „Es verträgt sich sehr gut, Elizabeth. Und im Hinterhof gibt es eine ganze Reihe von Beweisen dafür. Aber momentan würde ich vorschlagen, dass du dich für einen wilden Ritt wappnest.“
Der Kommentar ergab überhaupt keinen Sinn, doch bevor sie nachhaken und eine Erklärung verlangen konnte, legte er eine Hand auf ihren Rücken. Er drehte sie zu einer Frau herum, die aus dem hinter ihnen liegenden Wohnzimmer kam. Sie war nicht größer als ein Meter sechzig und verglichen mit Lizzy winzig, aber so, wie sie auftrat, war klar, dass ihre Persönlichkeit überlebensgroß war. Ihr Haar – ein trendiger Bob in einer Farbe, die sie an dunkle Kirschen erinnerte – reichte ihr kaum bis zu den Schultern und passte zu ihrer restlichen Ausstrahlung.
„So!“ Die Frau wischte sich die Hände an einem Küchenhandtuch ab und warf es über eine Schulter, als sie vor ihnen hielt. Der Akzent war der erste Hinweis darauf gewesen, dass sie eine Verbindung zu Axel hatte, aber das Lächeln, das sie Lizzy schenkte, machte die direkte Verwandtschaft unmissverständlich deutlich. „Ich habe gehört, dass sich uns heute eine Berühmtheit anschließen wird.“ Sie reichte ihr die Hand. „Ich bin Axels Mutter, Sylvie McKee.“
Seine Mutter?
Auf keinen verdammten Fall. Die Frau, die vor ihr stand, war nie im Leben alt genug, um einen Sohn in Axels Alter zu haben. Und heilige Scheiße … apropos heikle Situationen. Hatte sie mitbekommen, wie Lizzy Axel abgecheckt hatte?
„Ich glaube, Ihr Sohn und sein Club sind berühmter als ich.“ Lizzy schüttelte ihr die Hand. „Ich heiße Lizzy Hemming.“
„Elizabeth“, korrigierte Axel und fuhr mit der Hand ihren Rücken hinauf, bis sie auf ihrem Nacken lag. „Und der Promistatus ist nur noch eine Frage der Zeit. Ma weiß, dass ich einen guten Geschmack habe.“
Sylvie hatte Lizzys Hand nicht wieder losgelassen, sondern bemerkte Axels vertraute Berührung an ihrem Nacken und seine Position neben ihr. Die offene Neugier auf ihrem schönen Gesicht verblasste und wurde von einem zärtlichen, wissenden Lächeln ersetzt, das um ihre Lippen spielte.
„Aye, mein Junge hat einen außergewöhnlich guten Geschmack.“ Sie zögerte nur einen Augenblick, als ob sie den Moment speichern und an einem heiligen Ort verwahren wollte, schließlich zog sie Lizzy nach vorn, damit sie Axels Platz übernehmen konnte. „Na, dann kommen Sie. Ich stelle Ihnen die vernünftigere Hälfte der Gruppe vor.“
„Vernünftiger … Das müssten wir ausdiskutieren“, sagte Axel, der hinter ihnen ging. Sein Akzent war während ihrer Unterhaltung nicht besonders ausgeprägt gewesen, aber jetzt schien er dank der Gegenwart seiner Mutter deutlicher zutage zu treten. „Allerdings gebe ich zu, dass es die besser aussehende Hälfte ist.“
„Besser aussehend, klüger und vernünftiger“, erwiderte Sylvie sofort.
Das Geplänkel zwischen ihnen dauerte an und zeigte eine Verspieltheit, die auf Respekt und Liebe basierte, die die meisten Leute nicht besaßen. Etwas, das sie mit ihrer Band und Rex ebenfalls teilte, aber nicht so innig wie zwischen Mutter und Sohn.
Sie sog es in sich auf. Sie erlaubte sich, die Anspannung loszulassen, die sie erfasst hatte, seit sie heute Morgen die Augen geöffnet hatte, und nahm ihre Umgebung einfach in sich auf. Wie das Foyer hatte das Wohnzimmer, durch das sie kamen, eine verdammt hohe Decke und diesen schicken Holzboden, der aussah, als ob er von Hand geschnitzt worden wäre. Die Einrichtung wirkte wie die einer italienischen Villa und stank förmlich nach Geld.
Aber die Küche.
Wow.
Viel Granit und Edelstahl überall, Platten mit Snacks und Soßen, Schüsseln mit Chips und genügend Platz, dass ein Team von fünf Sterneköchen gleichzeitig an die Arbeit hätte gehen können. Oder in diesem Fall: ein Team von sieben Frauen, von denen jede eine einzigartige Schönheit besaß – und die Lizzy offen anstarrten.
Der Drang, sich umzudrehen und direkt wieder nach draußen zu rennen, überwältigte sie fast. Wenn man sie mit einer Gitarre und einem Mikrofon vor eine riesige Menge stellte, war alles gut. Aber ein Zimmer voller Frauen, von denen sie nicht wusste, welche Gemeinsamkeiten sie hatten, war für sie die reine Folter.
Bevor sie eine Entschuldigung finden konnte, um in den Hinterhof zu den Jungs verschwinden zu können, zog Sylvie sie mitten hinein und wandte sich an die erste Frau, die fast genauso groß war wie Lizzy und silbergraues Haar hatte, das ihr wie ein Wasserfall über die Schultern fiel. Sie drehte das Wasser an der Spüle ab, wandte sich zu Lizzy um und lächelte. Obwohl sie eindeutig älter war als die anderen Frauen im Raum, hätten ihre klassischen Gesichtszüge und ihre verblüffend blauen Augen sie auf das Cover jedes Magazins bringen können.
„Ninnie“, sagte Sylvie, „das ist Axels Elizabeth.“
Axels Elizabeth? Lizzy sah sich im Raum um und entdeckte Axel, der mit einer Schulter am gewölbten Kücheneingang lehnte, die Arme verschränkt und ein enervierendes Grinsen im Gesicht.
Er zwinkerte ihr zu.
Lizzy sah böse zu ihm, dann wieder zu der wunderschönen Frau. „Eigentlich werde ich lieber Lizzy genannt.“
Die Frau lächelte, als ob sie die sprühenden Funken zwischen Lizzy und Axel sehr genießen würde. „Ich bin Ninette, Jace’ Mutter.“ Sie stellte sich an Lizzys freie Seite und deutete auf drei andere Frauen, die von dem wortlosen Match genauso amüsiert zu sein schienen. Eine hatte langes, braunes Haar mit so vielen Locken, dass die meisten Frauen neidisch wären, die zweite war aschblond und wirkte wie ein Abercrombie-Model und die dritte war eine schicke Brünette. Alle hatten verschiedene Drinks vor sich und schienen es sich richtig gemütlich gemacht zu haben. „Das sind Vivienne, Jace’ Frau, Gabe, die mit Zeke verheiratet ist, und Gia, die gerade Beckett unter die Haube gebracht hat.“
„Zeke besteht bei Gabe auch auf dieses Gabrielle-Ding.“ Sylvie öffnete einen Plastikbehälter und förderte etwas zutage, bei dem Lizzy ihr Einkommen von gestern Abend darauf verwetten würde, dass es hausgemachte Zitronenschnitten waren. „Wenn du mich fragst – ich finde das niedlich.“
Gabe lachte leise und schnappte sich einen Chip aus einer fast übervollen Schale mit Doritos, die vor ihr stand. „Es ist niedlich, außer er versucht, sich damit aus etwas herauszuwinden.“
Eine weitere Brünette an der Kücheninsel gluckste und rührte in einer riesigen Metallschüssel. „Er versucht doch eher, dich aus deinen Höschen zu winden.“ Sie betonte ihre Aussage mit einem deutlichen Klopfen ihres Löffels an der Schüssel, legte ihn auf die Granitarbeitsfläche und streckte die Hand aus. „Ich bin Natalie. Klang so, als ob du bereits meinen Sohn Levi und meinen Ehemann Trevor kennengelernt hättest.“
Sobald Lizzy ihre Hand losließ, deutete sie auf eine wunderschöne Frau mit langem, blondem Haar so hell wie Mondlicht, die neben ihr stand. „Das ist Knox’ Frau, Darya.“
„Schön, dich kennenzulernen“, sagte Darya. Sie hockte auf einer Stuhlkante, ein Weinglas locker in der Hand, und schien perfekt geeignet für ein Fotoshooting. Ihr russischer Akzent betonte nur ihr außergewöhnliches Aussehen. Sie neigte den Kopf in Richtung des großen Fensters, das auf den Hinterhof führte und die Männer zeigte, die sich um den Pool versammelt hatten. „Sind das die Männer deiner Band?“
Axel beobachtete sie so intensiv, dass es ihr schwerfiel, sich zu konzentrieren und nicht herumzuzappeln. „Ja, der Großteil.“
„Der Großteil?“, fragte Natalie.
„Rex ist kein Mitglied der Band. Er gehört mehr zur Familie.“
Gia drehte sich weit genug auf ihrem Stuhl, um einen besseren Blick zu erhaschen. „Welcher ist er?“
„Der Große mit dem grauen Haar.“
„Mmm“, murmelte Ninette neben ihr. „Der Sam-Elliott-Doppelgänger.“
„Wer ist Sam Elliott?“, fragte Vivienne.
„Ein Schauspieler“, warf Darya ein. „Knox und ich haben ihn vor ein paar Wochen in Road House gesehen.“
„Oh, ich habe ihn in dem Film geliebt.“ Sylvie stützte sich mit der Hüfte an der Kücheninsel ab, neigte den Kopf und besah sich Rex so, wie eine Frau ein verführerisches Outfit ansehen würde. „Er hat diese Ausstrahlung.“
„Langsam, Tiger.“ Axel drückte sich von seinem Platz am Türrahmen ab und kam ins Zimmer. „Das Ziel war, Elizabeth mitbekommen zu lassen, was wir so für Menschen sind. Nicht, dir weitere männliche Spielzeuge zu verschaffen.“
„Oh, den bekommt Sylvie nicht“, bestimmte Ninette, nach wie vor auf Rex konzentriert. „Den belege ich mit Beschlag.“ Sie runzelte die Stirn und sah zu Axel. „Und warum bist du immer noch hier?“ Sie scheuchte ihn zur Hintertür. „Kusch. Geh zu den Kerlen, trommle dir auf die Brust und sorge währenddessen dafür, dass Jace nicht die Hamburger verkohlen lässt.“
Vivienne spielte mit dem Stiel ihres Weinglases. „Äh, tut mir ja leid, aber Jace steht nicht am Grill.“
„Beckett auch nicht“, fügte Gia hinzu und warf Darya einen wissenden Blick zu.
„Ach Scheiße“, sagte Axel, der offensichtlich eine nicht ausgesprochene Nachricht empfangen hatte, und ging zur Schiebetür nach draußen. „Knox wird uns alle Dörrfleisch kauen lassen.“ In dem Moment, in dem das Glas zur Seite bewegt wurde, ertönten die leisen Klänge von alternativer Musik und tiefe männliche Stimmen. Er hielt, halb draußen, inne und warf einen etwas strengen Blick auf Sylvie und Ninette. „Ihr zwei bleibt besser brav.“
„Wir sind immer brav“, sagte Ninette.
„Sie wird so sicher wie ein Baby in den Armen seiner Mutter sein“, fügte Sylvie hinzu.
Axel schnaubte, aber in seinem Blick lag ein zufriedenes Glitzern. Er sah zu Lizzy. „Sag mir, was du trinken willst, Mädel, dann sorge ich dafür, dass du es bekommst.“
Ein Tequila wäre wirklich gut.
Oder, noch besser, eine ganze Flasche, denn wenn sie nach den neugierigen und frechen Mienen der Frauen um sich herum ging, brauchte sie eine Stärkung. Und sie war noch nie ein Weinfan gewesen.
Sie entdeckte eine schicke Flasche vor Gabe und schoss die Vorsicht in den Wind. „Hast du ein Bud Light?“
„Ich glaube schon.“ Er grinste, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, und warf ihr ein weiteres dieser Zwinkern zu, das sie an Orten spürte, an denen das nicht der Fall hätte sein dürfen. „Die Frauen werden sich gut um dich kümmern.“
Damit war er weg und ließ sie allein in einem Meer von Gedanken nach dem Motto Oh mein Gott, wie überlebe ich das.
Ninette ließ keine Sekunde verstreichen, sondern stellte sich an die Arbeitsfläche neben dem großen Herd, stützte die Hände am Rand ab und grinste breit. „Und jetzt, da wir allein sind … erzähl mir von deinem heißen Kumpel Rex.“
„Oh mein Gott, Ninette“, sagte Vivienne. „Du wirst sie verscheuchen, bevor sie auch nur Luft geholt hat. Willst du absichtlich dafür sorgen, dass Axel uns umbringt?“ Sie schnappte sich ihr Weinglas und bedeutete Lizzy, sie möge sich auf den freien Platz am Tisch setzen. „Wie wäre es, wenn du dich mal entspannst und uns erzählst, wie du angefangen hast, Musik zu machen? Jace sagt, du wärst eine Wucht auf der Bühne.“
Lizzy warf Natalie, die wieder das umrührte, was in der Schüssel war, und Sylvie, die gerade damit fertig wurde, Zitronenkuchen auf einen Teller zu stapeln, einen Blick zu. „Soll ich euch nicht lieber bei den Vorbereitungen helfen?“
Zum Beispiel etwas einkaufen fahren …
Oder mit dem Hintergrund verschmelzen, damit sie sich hier nicht zum Affen machte.
„Oh, das ist schon erledigt, Mädel.“ Sylvie eilte zur Ecke und stapelte den leeren Behälter auf die anderen, die dort bereits standen. „Das meiste davon haben wir gestern Abend vorbereitet. Natalie macht nur die Götterspeise fertig.“
„Ja, aber erzähl nicht den Jungs, dass wir hier nicht schuften“, meldete sich Gabe zu Wort. „Wir können sie unter anderem deshalb draußen halten, weil sie Angst haben, dass wir sie mitarbeiten lassen, wenn sie hier sind.“ Ein wissender Blick huschte über ihr Gesicht, und sie nickte in Richtung des Stuhls, auf den Vivienne gezeigt hatte. „Wirklich. Es ist okay. Wir mobben nur die Jungs.“
Gia gab ein Geräusch von sich, das äußerst wenig ladylike klang und vollkommen konträr zu ihrem Aussehen einer Südstaatenschönheit war. „Ich erinnere mich deutlich daran, dass ihr euch zusammengerottet und mich zum Kochunterricht geschleppt habt.“
„Ach, das war lustig, und das weißt du auch.“ Entweder spürte Ninette Lizzys Zögern oder sie war genauso tatkräftig wie ihr Sohn, denn sie ging dazwischen, führte Lizzy zum Tisch und nahm den letzten freien Platz neben ihr. „Also, erzähl mal. Wie bist du auf die Bühne gekommen?“
Lizzy zuckte mit den Schultern und machte es sich etwas bequemer. „Rex hat mir, als ich klein war, eine Gitarre geschenkt und mir beigebracht, wie man darauf spielt. Von da an ist alles einfach so … gekommen.“
„Schreibst du deine eigene Musik?“, fragte Darya.
„Anfangs nicht. Ich habe Coverversionen in Buchläden und Parks und so gespielt, bis ich einundzwanzig Jahre alt war. Dann habe ich herausgefunden, dass ich meine eigene Musik brauche, um höher hinaufzukommen. Es hat sich herausgestellt, dass es mir außerdem Spaß macht.“
„Genauso war Axel.“ Sylvie drehte sich vom Vorratsschrank weg und schloss die Tür hinter sich. „Er bettelte und flehte um eine Gitarre, die er in einem Pfandleihhaus gesehen hatte, bis ich nachgegeben habe. Er war ein richtiges Naturtalent und hat ein paar der schönsten Lieder geschrieben, die ich je gehört habe.“
„Oh Mann“, murmelte Ninette. „Es geht wieder los …“
Sylvie stürzte sich auf Ninette. „Was? Lizzy mag Musik und Axel auch. Ich bemerke nur die Gemeinsamkeiten. Außerdem singt der Junge wie ein verdammter Engel.“
Natalie schöpfte den Rest der Götterspeise in eine Glasschüssel. „Ich glaube, Engel und Axel sollte man nicht im selben Satz verwenden. Ich muss allerdings zugeben, als ich ihn an Weihnachten gehört habe, war ich vollkommen verblüfft.“
„Eben“, sagte Sylvie. „Es ist mir egal, ob er auf die Bühne geht wie Lizzy, aber sein Talent so zu verstecken, ist wirklich verdammt schade.“
„Ich verstehe es nicht“, bemerkte Lizzy. „Warum hat er aufgehört?“
Im Raum wurde es gruselig still, und Ninette und Sylvie sahen sich an wie zwei Leute, die keine Worte brauchten, um sich zu verstehen. Sylvie kniff die Lippen zusammen, als ob sie sich nur dadurch davon abhalten könnte, sich nicht auf gefährliches Terrain zu begeben, dann seufzte sie und ging zu Lizzy. „Die Einzelheiten sind nicht besonders schön. Nichts, was ich dir am ersten Tag erzählen sollte, weil er einen guten Eindruck bei dir hinterlassen will, also tue ich es nicht. Aber eines solltest du wissen.“ Sie hielt direkt neben Lizzys Stuhl und deutete auf das Zimmer um sie herum. „Alles, was du hier siehst – die Sicherheit und den Komfort, den Ninette und ich heute besitzen –, stammt daher, dass unsere Jungs wollten, dass wir es im Leben leichter haben. Der Rest der Männer macht dasselbe für ihre Frauen, damit sich keine von uns jemals wieder darum sorgen muss, dass uns etwas fehlt.“
„Ich glaube, ich verstehe nicht, inwiefern das etwas mit der Musik zu tun hat.“
„Weil Musik zu machen sein Traum war. Zu spielen. Zu schreiben. Zu singen. Alles. Aber er hat es aufgegeben, damit es mir gut geht. Das ist die Art von Mann, die mein Junge ist. Die Art von Mann, die sie alle sind.“ Sie lächelte etwas traurig und legte die Hand auf Lizzys Schulter. „Und nach dem, was ich sehe, Elizabeth, hat Axel sich dazu entschlossen, sich um dich zu kümmern.“
Stühle knarrten, weil manche ihr Gewicht verlagerten, und das gedämpfte Gelächter von Levi und Mary draußen wirkte wie ein Widerspruch zu dem drückenden Schweigen.
Vivienne nahm ihr Weinglas und räusperte sich. „Okay, das war ein ungemütlicher und sehr intensiver Moment mit zu vielen persönlichen Informationen für das neue Mädchen an seinem ersten Tag …“
Gabe kicherte und hob ihr schickes Bier zum Gruß. „Keine Sorge, du wirst dich daran gewöhnen.“
Da war sich Lizzy nicht so sicher. Okay, sie hatte nicht besonders viel Zeit mit Frauen an sich verbracht, aber diese Ladys waren entweder die entspanntesten, gastfreundlichsten und offensten Frauen der Welt oder sie hatten verdammt viel Alkohol getrunken, bevor sie angekommen war. „Ich glaube, es gibt nichts, woran ich mich gewöhnen muss. Axel ist nur ein möglicher Geschäftspartner.“
Gia lachte leise, und das, was Ninette von sich gab, klang fast wie das unweibliche Schnauben, das Lizzy bei den Jungs ausstieß.
„Mmm hmm“, sagte Natalie. „Vor langer Zeit haben wir alle mal gesagt, dass es nur was Geschäftliches ist.“
„Oh, zieh sie nicht auf.“ Ninette lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und legte ein gebräuntes Bein über das andere. „Sie wird es schon noch früh genug herausfinden.“
Da Vivienne die vernünftigste aus der Gruppe zu sein schien, konzentrierte sich Lizzy auf sie. „Was werde ich herausfinden?“
Vivienne lächelte mit einem Glitzern in den Augen, das in diesem Haus fast ansteckend zu sein schien. „Unter allen Männern, die du heute getroffen hast, gibt es keinen, der nicht Berge versetzen oder Geiseln nehmen würde, wenn er glauben würde, dass es uns glücklich machen würde. Und du, ob du es nun bemerkt hast oder nicht, scheinst die Neugier eines sehr entschlossenen Axel McKee erregt zu haben.“ Sie hob spöttisch salutierend das Glas. „Oder, wenn ich es deutlicher machen soll: Willkommen in der Familie.“
Kapitel 8
Apropos Geduld. Axel und Jace hatten ihr ganzes verdammtes Leben lang gemeinsam krasse Projekte gestemmt, aber Axel hatte das Gefühl, dass keines davon so eine Herausforderung gewesen war, wie Lizzys Vertrauen zu gewinnen.
Mary saß zwischen Lizzys Schenkeln auf dem Rand eines Liegestuhls am Pool, quietschte vergnügt, als sie erfolgreich einen weiteren Akkord gespielt hatte, und warf ihrer Mentorin ein breites Grinsen über die Schulter zu. Ihr ganzer Oberkörper wurde von der klassischen Martin D-28, die er aus seinem Zimmer geholt hatte, verdeckt, und sie schaffte es nur, den Klang zu erzeugen, weil Lizzy ihr half, die Saiten gegen den Gitarrenhals zu drücken. Mary war im siebten Himmel.
Levi saß dicht bei ihnen am Ende eines anderen Liegestuhls und konzentrierte sich auf jedes Wort, das Lizzy von sich gab.
In Badehose und ein Bohemia Weiss in der Hand, beobachtete Zeke das Trio von dort aus, wo sie sich zufällig im Außenbereich eingefunden hatten. Alle Brüder zeigten dieselbe gelassene Zustimmung. „Ich bin überrascht, dass sich die Band verabschiedet hat.“
„Wie wahr“, erwiderte Beckett. „Bei der Menge an Essen, die wir hatten, und so, wie sich die Mütter um sie gekümmert haben, dachte ich, sie wären eher daran interessiert, die Nacht hier zu verbringen.“
Jace schüttelte den Kopf und hob seinen Scotch von der Armlehne seines Stuhls. „Nein, das haben sie absichtlich getan.“
Nicht viel konnte seine Aufmerksamkeit von Lizzy ablenken, während sie mit den Kindern beschäftigt war, aber dieser kleine Satz schaffte es. „Ich dachte, Skeet sagte, sie müssten einem Kumpel beim Umzug helfen.“ Zumindest war es das, was Skeet zwischen dem Hauptgericht und dem Nachtisch erzählt hatte, als er Axel wie nebenbei gefragt hatte, ob er Lizzy später daheim absetzen könne.
„Ja, und das hätte ich ihnen auch abgekauft, wenn ich die vier nicht im hinteren Flur gehört hätte, als ich Viv eine Jacke aus meinem Zimmer holen wollte.“
„Ah, wie praktisch.“ Knox schnappte sich sein eigenes Bier und wackelte mit den Augenbrauen in Richtung Axel. „Klingt, als ob du Komplizen hättest.“
Das bezweifelte er nicht. Die reine Tatsache, dass Lizzy heute überhaupt aufgetaucht war, lag vermutlich mit daran, dass alle vier sie regelrecht hierher gezwungen hatten. Außerdem hatte Skeet ihm verdammt viele Fragen darüber gestellt, wie Axel Lizzys Aufmerksamkeit erregen wolle, was bedeutete, dass sie eher dafür waren, dass er sich einmischte, als dagegen. „Rex hing auch mit drin?“
„Ja. Er hat aus Loyalität zu Lizzy dafür gesorgt, dass Skeet derjenige ist, der sich bei dir meldet, aber sie wissen, dass das, was du anbietest, ein guter Deal für sie ist.“
„Ein Fremder auf der Straße wüsste, dass das was Gutes für sie ist“, warf Trevor ein. „Die Mütter mögen sich um ihre Band gekümmert haben, aber ich glaube, die Frauen haben es sich zur Aufgabe gemacht, einen Weg in ihr Herz zu finden.“
Ivan neigte den Kopf in Richtung seiner Tochter. „So, wie es aussieht, würde ich sagen, dass Mary am schnellsten ankommt.“
Danny lachte schnaubend. „Dieses Mädchen hat uns alle um den kleinen Finger gewickelt. Lizzy hat überhaupt keine Chance.“
Da hatte er recht. Seit er Elizabeth bei den Frauen zurückgelassen hatte, hatte er beobachtet, wie sie versuchte, sich in der Dynamik seiner Familie zurechtzufinden. Beim Geplänkel während des Essens hatte sie jeden mit offener Neugier angesehen. In den Momenten, in denen seine Brüder zärtlich mit ihren Ehefrauen umgegangen waren, hatte ihr Blick länger auf ihnen geruht. Der sehnsüchtige Ausdruck in ihren Augen war deutlich gewesen, als er sie dabei ertappt hatte, wie sie ihn bei einer Umarmung mit seiner Mutter beobachtet hatte.
Aber in dem Augenblick, als die Kinder sie erwischt hatten, nachdem ihre Band gegangen war? Ja, da war sie regelrecht dahingeschmolzen. Sie hatte ihre Rüstung vergessen und die Verwundbarkeit, die er in diesen frühen Musikstücken erhascht hatte, war zutage getreten.
Er wollte, dass sie diese Offenheit auch ihm schenkte.
Er wollte es, wie er noch nie etwas anderes gewollt hatte. Nicht mal eine Karriere in der Musikbranche. Was Wahnsinn war, weil er während des ganzen verdammten Abends nicht mehr als hier und dort eine leichte Berührung hinbekommen hatte.
Hierfür brauchte er definitiv Geduld.
Es war ein geheimes Katz-und-Maus-Spiel ohne Zurückhaltung, das vermutlich dazu führen würde, dass er die Wände hochging, bevor er endlich einen Kuss bekommen würde.
Becketts Stimme unterbrach seine Gedanken. „Oh, er ist vollkommen hinüber.“
Axel ließ den Rest seiner Eiswürfel im Scotch klirren und besah sich seine Brüder. „Wer ist hinüber?“
Jace kicherte und legte die Füße auf den Korbtisch. „Bruder, wir haben seit fünf Minuten mit dir geredet, und du hast kein Wort gehört, das wir gesagt haben.“
„Ich habe nachgedacht.“
Knox’ Lachen war so hinterhältig wie selten. „Oh, das wissen wir.“
„Also, wann haben wir unser Treffen?“, fragte Trevor.
Okay, vielleicht war er wirklich ein wenig abgelenkt gewesen, wenn er eine Unterhaltung überhört hatte, in der von der Notwendigkeit eines Treffens die Rede war. „Wie bitte?“
Beckett neigte den Kopf in Richtung Lizzy. „So, wie du sie ansiehst, glaube ich, dass da mehr ist als nur Geschäftliches, und offen gestanden habe ich den Tag herbeigesehnt, an dem du von deinem hohen Ross stürzt und endlich eine Frau für dich beanspruchst.“
„Amen“, fügte Knox hinzu.
Eine Inanspruchnahme.
Es war seltsam, das in Bezug auf sich zu hören. Und auch seltsam, dass es ihm so mangelhaft schien. Monatelang hatte Lizzy einen immer größeren Raum in seinen Gedanken eingenommen. Sie war ständig in seinem Kopf, so dass jede andere Aktivität eingeschränkt war. Ein Gedanke oder Bedürfnis, das er nicht abschütteln konnte. Verdammt, wenn überhaupt, war sie diejenige gewesen, die beim ersten Mal, als er sie gesehen hatte, ihren Besitzanspruch auf ihn erhoben hatte.
Aber diesen Schritt zu machen, war ein großes Risiko. Ein Geschäft, bei dem er möglicherweise nicht die Macht hatte, es zum Abschluss zu bringen.
Lizzy lächelte wegen etwas, das Mary gesagt hatte, und strich beruhigend über deren Hinterkopf. Beschützend. Geduldig. Zärtlich.
Wie würde sie mit ihren eigenen Kindern umgehen?
Mit seinen Kindern?
Die Gedanken schossen wie Blitze durch ihn, weckten jede Angst zum Leben und forderten sie gleichzeitig heraus.
Er behielt den Blick auf Lizzy gerichtet, die wie ein Anker fungierte, als ihm die verblüffende Wahrheit klar wurde. Seine Stimme war so tief, dass sie in seiner Brust vibrierte, aber mit jedem Wort legte sich endlich das Jucken, das ihn seit Monaten irregemacht hatte. „Alle sind hier. Wir brauchen keinen Keller und Richterhammer, um festzulegen, dass sie mir gehört.“
Niemand bewegte einen Muskel. Verdammt, so still waren sie vermutlich sein ganzes Leben lang nicht gewesen. Die Wärme der Juninacht drückte sanft auf sie nieder, da der Wind schwieg, als wäre er genauso verblüfft wie seine Brüder.
„Weiß sie das schon?“, fragte Jace.
Zur Hölle nein. Lizzy Hemming mochte auf der Bühne eine Powerfrau sein, die keine Gefangenen nahm, aber er würde sie nicht für sich gewinnen, wenn er es ihr um die Ohren knallte.
Nein, seine Elizabeth brauchte Zeit. Ein langsames Köcheln und Hinführen, dass sie das Risiko eingehen würde, das er sich vorstellte.
Und sie würden heute Abend anfangen, was bedeutete, dass es Zeit war, Marys und Levis Unterricht für beendet zu erklären und Zweisamkeit mit seiner Frau zu bekommen.
Er erhob sich und stellte sein leeres Glas auf den Tisch. „Noch nicht, und die Chancen stehen gut, dass sie sich mir bei jedem Schritt widersetzen wird.“ Er straffte die Schultern und sah Jace an. „Aber ich würde einen Krieg führen, um das in die Tat umzusetzen. Und ich werde gewinnen.“
Pulsuz fraqment bitdi.