Kitabı oxu: «Die verkannten Grundlagen der Ökonomie»
Riane Eisler
Die verkannten Grundlagen der Ökonomie
Wege zu einer Caring Economy
Mit einem Geleitwort von Ernst Ulrich von Weizsäcker
Aus dem Amerikanischen übertragen von Ulrike Brandhorst und illustriert von Christina S. Zhu

ISBN (Print) 978-3-96317-215-1
ISBN (ePDF) 978-3-96317-747-7
ISBN (ePUB) 978-3-96317-748-4
Copyright © 2020 Büchner-Verlag eG, Marburg Coverabbildungen und sämtliche Illustrationen: Christina S. Zhu. Der Essay ist die gekürzte und überarbeitete Fassung der amerikanischen Erstausgabe, die unter dem Titel The Real Wealth of Nations: Creating a Caring Economics 2007 in San Francisco bei Berrett-Koehler erschienen ist.
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Inhalt
Geleitwort
Vorwort: Der Weg zu einer realitätstauglichen Wirtschaft
– Ein Bewusstseinswandel verändert unsere Lebenswirklichkeit
– Ein kurzer Ausblick auf die folgenden Kapitel
1 1 Warum wir Wirtschaft neu denken müssen
– 1.1 Womit sich die Ökonomie eigentlich beschäftigen sollte
– 1.2 Die Wirtschaft neu vermessen
– 1.3 Kultur, Wirtschaft und Werte
– 1.4 Der Care-Wert
– 1.5 Die Schaffung einer Caring Economy
– 1.6 Die sechs Grundpfeiler einer Caring Economy
1 2 Wirtschaft im Weitwinkel
– 2.1 Die gesellschaftlichen Grundlagen der Wirtschaft
– 2.2 Das Dominanz- und das Partnerschaftssystem
– 2.3 Das unsichtbare Bewertungssystem
1 3 Der Doppelstandard in der Wirtschaft
– 3.1 Blind für das Offensichtliche
– 3.2 Geschichten, mit denen wir leben und sterben
– 3.3 Die Entfremdung der Care-Arbeit
– 3.4 Wirtschaftskennzahlen, die Fürsorge und Care-Arbeit berücksichtigen
1 4 Zusammenhänge verstehen
– 4.1 Neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen
– 4.2 Dominanzgeprägte Strukturen
– 4.3 Dominanzgeprägte Wirtschaftssysteme
– 4.4 Partnerschaftliche Strukturen
– 4.5 Antriebskräfte in der Gesellschaft
– 4.6 Partnerschaftliche Strukturen, Werte und Beziehungen
– 4.7 Partnerismus in Nordeuropa
– 4.8 Die Schaffung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Institutionen
1 5 Ökonomie der Unterwerfung
– 5.1 Unser grausames wirtschaftliches Erbe
– 5.2 Unmenschliche und ineffiziente Wirtschaft
– 5.3 Die Verstetigung von Hunger und Armut
– 5.4 Die Wirtschaft des Privathaushalts
– 5.5 Künstliche Knappheit
– 5.6 Die Eroberung der Natur
1 6 Ökonomie der Partnerschaft
– 6.1 Die kapitalistische Sichtweise
– 6.2 Die sozialistische Sichtweise
– 6.3 Revolution und Rückentwicklung
– 6.4 Von Kapitalismus und Sozialismus zum Partnerismus
– 6.5 Wirtschaft und Beziehungen
– 6.6 Wie können wir Wirtschaft neu denken?
– 6.7 Die Struktur wirtschaftlicher Institutionen
1 7 Technologien, Arbeit und das postindustrielle Zeitalter
– 7.1 Technologien und die Zukunft der Arbeit
– 7.2 Gebrauch und Missbrauch von Technologien
– 7.3 Von Distanz zu Fürsorge
– 7.4 Technik neu betrachtet
– 7.5 Technologische Fantasien und globale Realitäten
1 8 Wer wir sind und wo wir stehen
– 8.1 Was uns die Neurowissenschaft über die Wirtschaft lehrt
– 8.2 Wirtschaft, Politik und Stress
1 9 Die Care-Revolution
– 9.1 Von der Bewusstmachung zur Aktion
– 9.2 Die Dringlichkeit einer ökonomischen Neuordnung
– 9.3 Was Regierungen und Unternehmen tun können
– 9.4 Was die sozialen Bewegungen tun können
– 9.5 Die Dynamik der Transformation
– 9.6 Was wir selbst tun können
– 9.7 Das Entwicklungspotenzial von Mensch und Wirtschaft
Literatur
Dank
Endnoten
– 1 Warum wir Wirtschaft neu denken müssen
– 2 Wirtschaft im Weitwinkel
– 3 Der Doppelstandard in der Wirtschaft
– 4 Zusammenhänge verstehen
– 5 Ökonomie der Unterwerfung
– 6 Ökonomie der Partnerschaft
– 7 Technologien, Arbeit und das postindustrielle Zeitalter
– 8 Wer wir sind und wo wir stehen
– 9 Die Care-Revolution
Geleitwort
Riane Eisler wurde 1987 weltberühmt durch ihren Bestseller Kelch und Schwert – weibliches und männliches Prinzip in der Geschichte. Der Anthropologe Ashley Montagu nannte Eislers Buch »das wichtigste Buch seit Darwins Ursprung der Arten«. Ihr Buch konfrontierte das mit einer Primitivversion von Darwins »Kampf ums Dasein« verwandte Dominanzsystem, das letztendlich von Angst oder Gewalt geprägt ist. Als Gegenpol formulierte Riane Eisler das Partnerschaftssystem. Dieses bringt die menschliche Gemeinschaft (Frauen und Männer jeden Alters) in eine neue Balance, in der auch Hierarchie und Führung von Partnerschaftlichkeit – also gegenseitigem Respekt und Fürsorge – geprägt sind, womit es allen besser geht.
Riane Eisler ist mit ihren Eltern als siebenjähriges Kind vor den Nationalsozialisten aus Wien geflohen, erst nach Kuba, dann in die USA, wo sie eine glanzvolle akademische Karriere gemacht hat. Kampf ums Dasein ist für sie auch die Schreckenserinnerung an das, was sie als Kind gesehen hat.
Die heutige Ökonomie hat eine starke darwinistische Schlagseite. Der Starke gewinnt und soll gewinnen. Das nennt man dann Fortschritt. Der »Wohlstand der Nationen« wird seit Adam Smith, 80 Jahre vor Darwin, von den Ökonomen nach dem geldwerten Gesamtwohlstand gemessen. Seit 1934 gibt es das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das im Kern ein bloßer Indikator für Geldumsätze ist. So stärkt zum Beispiel jeder Verkehrsunfall den Umsatz, also das BIP, aber nicht den Wohlstand.
Kampf ums Dasein und schierer Umsatz charakterisieren das Dominanzsystem und sind doch nicht das, was wir wollen, sagt Riane Eisler im vorliegenden Buch. Die Messlatte des Erfolgs ist bei beiden Fällen das Prinzip der den Männern zugeschriebenen Arbeiten. Im Partnerschaftssystem haben die versorgenden, zugewandten und pflegenden Arbeiten – typischerweise Frauen zugeschrieben – ein viel größeres Gewicht, auch in der Welt der Ökonomie. Riane Eisler sieht die Gleichberechtigung nicht darin, dass Frauen möglichst viele derzeitige Positionen und Funktionen von Männern erobern. Ihr kommt es darauf an, dass die heute außerhalb des BIP blühenden gemeinschaftstragenden Fähigkeiten und Arbeiten gleichberechtigt werden, in der Anerkennung, im Status und auch monetär.
Der amerikanische Titel ihres Buches ist The Real Wealth of Nations. Eisler geht es eben nicht um den konventionell definierten Wohlstand, sondern um den wahren Wohlstand. Es geht um einen Wohlstand, bei welchem weder Frauen noch Männer diskriminiert werden, sondern die Fülle ihrer Talente nutzen können. Übrigens muss auch die Natur als Teil des Wohlstandes gesehen werden und nicht als zur Plünderung freigegebene Erzgrube.
Die Autorin kritisiert natürlich auch die heutige Art von Dominanzökonomie. Diese schafft künstlich Knappheiten, damit die Preise hochgehen. Oligopole schaffen das besonders gut. Sie zitiert auch Befunde, dass Kinder, die in Dominanz-Elternhäusern aufwachsen, feindselig und zugleich ängstlich gestimmt sind.
Das Kontrastprogramm dazu ist die Partnerschaftsökonomie. Sie ist der Inhalt des zentralen siebten Kapitels des Buches. In der Partnerschaftsökonomie achtet man darauf, dass möglichst viele am Wohlstand teilhaben. Man kümmert sich umeinander. Eltern kümmern sich um ihre Kinder und genießen das. Sie werden dafür nicht bezahlt, jedenfalls nicht von den Kindern. Es ist eine soziale Ökonomie, eine caring economy. Die verlangt natürlich auch einen deutlich höheren Rechtsschutz. Und der nationale Wohlstandsindikator soll die vielfach unbezahlten Leistungen der Partnerschaft und Fürsorge endlich angemessen berücksichtigen – und damit das BIP als einzigen Messwert überwinden.
Die Technologie erlebt ja ständige Wandel. Es fügt sich gut, dass der heutige Trend den Wert der Information erhöht. Hier gibt es keine Knappheiten. Informationsaustausch kann auch Informationspartnerschaft sein. Auch wenn Vorsicht geboten ist, denn die Digitalisierungswelt schafft extrem machtvolle Dominanzen!
Unsere junge Generation ist aufgerufen, sich um Riane Eislers Ideen zu kümmern, sich politisch dafür zu engagieren: für die Zukunft einer partnerschaftlichen Zivilisation. Das wäre sicher der größte Wunsch der Autorin.
Ernst Ulrich von Weizsäcker
Emmendingen, 1. September 2020
Vorwort: Der Weg zu einer realitätstauglichen Wirtschaft
Während ich diese Einleitung zu Die verkannten Grundlagen der Ökonomie schreibe, wütet weltweit die Covid-19-Pandemie, besonders hier in den USA, wo ich lebe. Hier haben wir nicht nur weltweit die höchste Zahl an Corona-Toten, sondern auch eine enorm hohe Arbeitslosenrate, die einhergeht mit einer explodierenden Zahl an Zwangsräumungen, Konkursen, Obdachlosigkeit, Armut und Hunger, während gleichzeitig die US-Aktienmärkte weiter nach oben schießen. Doch die Pandemie zwingt uns nicht nur in den reichen Nationen, unser »altes Normal« zu hinterfragen. Der Zusammenbruch der globalen Wirtschaft hat weltweit die Strukturfehler unseres derzeitigen Systems aufgedeckt, das weder nachhaltig, noch gerecht ist und in dem eine realitätsferne Politik sowie realitätsuntaugliche Regeln, Anreize und Praktiken herrschen.
Dieses Buch zeigt neue Perspektiven auf, die es uns erlauben, Wirtschaft über den konventionellen Tellerrand hinausgehend zu betrachten. Es benennt die verkannten Grundlagen der Ökonomie und macht deutlich, dass wir unsere Wirtschaft weder realitätstauglicher noch nachhaltiger gestalten können, solange wir diese Grundlagen nicht mitberücksichtigen. Dabei liefert dieses Buch auch die Bausteine, die wir für ein nachhaltiges und gerechtes Wirtschaftssystem benötigen, und zeigt uns Handlungsoptionen auf, mit denen wir ein solches System erreichen können.
Ich lade Sie dazu ein, die auf den folgenden Seiten aufgeführten neuen Perspektiven kennenzulernen und anzuwenden, und bitte Sie darum, dieses Buch unvoreingenommen und mit unverstelltem Blick zu lesen, denn wir werden hier Themengebiete behandeln, die weit über das hinausgehen, was herkömmlicherweise unter dem Begriff »Wirtschaft« verstanden wird. Darüber hinaus bitte ich Sie, beim Lesen immer im Hinterkopf zu behalten, was für Sie im Leben am Wichtigsten ist und was Sie sich im Leben am Sehnlichsten wünschen.
Ein Bewusstseinswandel verändert unsere Lebenswirklichkeit
Dieses Buch, Die verkannten Grundlagen der Ökonomie, hat sich aus der Grundannahme heraus entwickelt, dass wir – wie Einstein erklärte – Probleme nicht mit der gleichen Denkweise lösen können, mit der wir sie geschaffen haben. Diese Grundannahme war der Ausgangspunkt für die Arbeit, die ich in den letzten vier Jahrzehnten verfolgt habe.
Mein Buch Kelch und Schwert. Unsere Geschichte, unsere Zukunft hat in den USA mittlerweile die 57. Auflage erlebt und wurde in 27 Sprachen übersetzt – unter anderem auch ins Deutsche. Darin führe ich eine neue Sichtweise bei der Betrachtung sozialer Systeme ein, die uns hilft, diese besser zu verstehen und herauszufinden, wie wir die Grundlagen für eine gerechtere und nachhaltigere Welt schaffen können. Diese Sichtweise, die den Analyserahmen für all meine Bücher und Aufsätze bildet, unterscheidet soziale Systeme in die Kategorien »Partnerschaftssysteme« (Systeme, in denen gegenseitiger Respekt herrscht) und »Dominanzsysteme« (Systeme, die durch eine Top-Down-Kontrolle gekennzeichnet sind).
Diese gesellschaftswissenschaftlichen Kategorien (bzw. diese Partnerschaft-Dominanz-Skala) sind integrale Bestandteile einer Kulturtransformationstheorie, die ich in früheren Büchern eingeführt habe. Sie bilden die Grundlage dafür, dysfunktionale wirtschaftliche Strukturen, Regeln und Praktiken zu verstehen und zu verändern. Betrachtet man Systeme unter dem Gesichtspunkt dieser Kategorien, wird nämlich klar, dass dysfunktionale wirtschaftliche Strukturen, Regeln und Praktiken in dominanzgeprägten Traditionen wurzeln, was in kapitalistischen wie sozialistischen Wirtschaftstheorien gleichermaßen zu einer verzerrten Wahrnehmung geführt hat.
Kapitalismus und Sozialismus sind in der Frühzeit der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert entstanden. Das allein wäre schon Grund genug, sie als zu veraltet für die Herausforderungen der postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu betrachten. Doch das Problem wurzelt noch viel tiefer.
Weder Familien noch Politik, Bildung, Religion oder eben auch Wirtschaft entstehen in einem luftleeren Raum. Wirtschaft wird von Menschen geschaffen und wird von den Werten und Ansichten innerhalb der Gesellschaft bestimmt, zu der die jeweilige Wirtschaft gehört. Das Problem besteht darin, dass sowohl Adam Smith als auch Karl Marx ihre kapitalistische bzw. sozialistische Wirtschaftslehre in Zeiten entwarfen, in denen man sich in Europa und anderswo noch stark am Dominanzende der Partnerschafts-Dominanz-Skala orientierte.
Dabei waren sowohl Kapitalismus als auch Sozialismus eigentlich Versuche, eine dominanzgeprägte Wirtschaft hinter uns zu lassen, die uns den Großteil der überlieferten Geschichte begleitet hat – angefangen von der Top-Down-Wirtschaft der Stammesführer über die der chinesischen Kaiser und nahöstlichen Scheichs bis hin zu den europäischen Feudalherren. Smith stellte den Merkantilismus bzw. die durch Könige und Hofbeamte ausgeübte Top-Down-Kontrolle der Wirtschaft infrage. Marx wiederum übte Kritik am Kapitalismus und an der Ausbeutung der arbeitenden und bäuerlichen Bevölkerung durch die so genannten Adligen und die immer stärker wachsende Bourgeoisie.
Allerdings schenken weder die kapitalistische noch die sozialistische Wirtschaftslehre der Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen oder der essentiellen Bedeutung des Umweltschutzes in irgendeiner Form Beachtung. In beiden Theorien wird die Natur lediglich als Objekt betrachtet, das es zu beherrschen und auszubeuten gilt. Smith träumte von unbegrenztem Wirtschaftswachstum, das sich unter der Leitung der unsichtbaren Hand des Marktes und der Verfolgung reiner Eigeninteressen entfalten sollte. Die Vision von Marx beinhaltete eine grenzenlose Expansion der Industrie kontrolliert von der Diktatur des Proletariats.
Die überlebensnotwendigen Haushalts- und Pflegearbeiten wie die Versorgung von Kindern und Kranken oder die Führung eines sauberen und gesunden Haushalts galten sowohl für Smith als auch für Marx eher als »reproduzierende« denn als »produzierende« Tätigkeiten. Keiner von beiden erkannte den Wert der Fürsorgearbeit, angefangen von der Säuglingspflege bis hin zur Pflege der Alten und Kranken. Auch der wirtschaftliche Wert eines sauberen und gesunden Wohnumfelds entging ihnen vollständig, was sich auch auf ihre Einstellung gegenüber dem Umweltschutz – also die Pflege des natürlichen Umfelds übertrug. Für sie war die Sichtbarmachung dieser »Frauenarbeit« kein Thema, denn diese sollte umsonst in von Männern kontrollierten Haushalten geleistet werden.
Noch Mitte des 19. Jahrhunderts, als Marx über den Sozialismus schrieb, galt sowohl die in Privathaushalten als auch die auf dem Markt geleistete Arbeit von Frauen rechtlich als das Eigentum ihrer Väter bzw. Ehemänner. Wenn eine Frau fahrlässig verletzt wurde, konnte sie keine Klage deswegen einreichen, während ihr Ehemann das Recht hatte, Schadensersatz für die ihm dadurch entgangenen Dienstleistungen einzufordern.
Heute gelten Frauen – zumindest in einigen Teilen der Welt – nicht mehr als Eigentum ihrer Väter oder Ehemänner. Aber die Abwertung von Care-Arbeit, also Fürsorge- und Pflegearbeit, ist in der Wirtschaft immer noch die Norm, weil Kapitalismus wie Sozialismus auf einem Wertesystem beruhen, das Menschen je nach Geschlecht mit unterschiedlichem Maß misst. In den meisten Teilen der Welt wird immer noch davon ausgegangen, dass die Arbeit, die Frauen in Haushalten leisten, unbezahlt erbracht wird – und auch die auf dem Markt übliche Bezahlung von Pflegekräften ist jämmerlich gering: So verdienen laut US-Arbeitsministerium Menschen, die als Hundesitter arbeiten, mehr als Menschen, die in der Kinderbetreuung tätig sind.
Die aktuellen Wirtschaftskennzahlen wie zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt (BIP) machen deutlich, dass auch der Schutz und die Pflege unserer natürlichen Lebensgrundlagen allgemein immer noch als irrelevant für die Wirtschaftsleistung betrachtet werden. Aus diesem Grund werden auch von Unternehmen verursachte Umweltschäden im Wirtschaftsjargon als »Externalitäten« bezeichnet, obwohl es ohne die natürlichen Lebensgrundlagen überhaupt keine Wirtschaft gäbe. Gleiches gilt für Schäden, die Menschen, darunter auch zukünftige Generationen, durch Aktivitäten entstehen, die im BIP als »produktive Aktivitäten« betrachtet werden.
Dadurch, dass unser Wirtschaftssystem auf derart irrationalen Prämissen fußt, fehlt ihm jeglicher Bezug zur Realität. Das bedeutet, dass wir Wirtschaft von Grund auf neu denken müssen und das bedeutet wiederum, dass wir dabei Bereiche berücksichtigen müssen, über die uns beigebracht wurde, dass sie rein gar nichts mit Wirtschaft zu tun hätten: nämlich diejenigen Bereiche, die – wie wir auf den folgenden Seiten sehen werden –, die eigentliche Grundlage der Wirtschaft darstellen.
Ein kurzer Ausblick auf die folgenden Kapitel
Dieses Buch beschreibt die Kernelemente einer Caring Economy des Partnerismus, einem neuen Wirtschaftssystem, das Partnerschaftselemente aus Kapitalismus und Sozialismus integriert, jedoch über diese hinausgeht, da es den wirtschaftlichen Wert von Umweltschutz sowie von Pflege und Fürsorge, beginnend in der frühesten Kindheit, (an)erkennt. In den folgenden Kapiteln wird beschrieben, was notwendig ist, um in unserer postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft ein gerechtes und nachhaltiges Wirtschaftssystem zu schaffen, wobei von der Prämisse ausgegangen wird, dass ein Wirtschaftssystem das Wohlergehen und das Glück der Menschen fördern sollte.
In Kapitel 1 gehen wir über den engen Bereich der Wirtschaftsbeziehungen hinaus, die in konventionellen sozialistischen und kapitalistischen Modellen berücksichtigt werden. Hier wird die erste der fünf Grundlagen einer Caring Economy vorgestellt: Ein umfassendes und realitätsgetreues Wirtschaftsmodell, in dem die überlebensnotwendigen Beiträge von Privathaushalten, Kommunen und Natur berücksichtigt werden. Dabei wird deutlich, dass wir den Blickwinkel weiten und über den herkömmlichen Wirtschaftsbegriff hinausdenken müssen, wenn wir ein realitätsnäheres, gerechteres und nachhaltigeres Wirtschaftssystem schaffen wollen.
Aus diesem erweiterten Blickwinkel heraus betrachten wir die Wirtschaft in Kapitel 2 in ihrem umfassenderen kulturellen Kontext, was uns zur zweiten Grundlage einer Caring Economy führt: den kulturspezifischen Überzeugungen und Institutionen, in denen Fürsorge und Fürsorgearbeit ein hoher Wert beigemessen wird. In diesem Kapitel werden die Kategorien des Partnerschafts- bzw. Dominanzsystems eingeführt, bislang ausgeblendete Zusammenhänge sichtbar gemacht und neue Standards und Regeln für die Messung dessen vorgestellt, was wir als wirtschaftlich für wertvoll erachten. Zudem wird in Kapitel 2 deutlich, inwiefern all diese Fragen einen direkten Einfluss auf unser Leben und auf die Zukunft unserer Kinder und unseres Planeten haben.
In den darauffolgenden Kapiteln 3 und 4 führe ich zwei weitere Grundlagen des Partnerismus ein, nämlich zum einen wirtschaftliche Regeln, Maßnahmen und Praktiken, die auf Fürsorge beruhen, und zum anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen, die eher partnerschaftliches als dominanzgeprägtes Verhalten fördern. Auch in diesen Kapiteln wird der Zusammenhang zwischen unserem Alltagsleben, unserer Wirtschaft und unseren kulturellen Werten und Normen hergestellt. Sie zeigen, wie Problemlösungen, Kreativität und Unternehmertum durch eine auf Fürsorge basierende Politik und Praxis unterstützt werden und welche enormen Vorteile für Menschen, Unternehmen und unsere natürliche Mitwelt daraus erwachsen.
Dabei greifen wir auf die Arbeit fortschrittlicher Wirtschaftsdenker und Wirtschaftsdenkerinnen zurück und betreten dabei in Hinblick auf Arbeit, Werte und Leben ein spannendes Neuland. Um dem Begriff der produktiven Arbeit in einer postindustriellen Wirtschaft gerecht zu werden, definieren wir ihn neu, denn in der postindustriellen Gesellschaft besteht das wichtigste Kapital in dem, was in der Wirtschaftswissenschaft als »hoch qualifiziertes Humankapital« bezeichnet wird. Darüber hinaus berücksichtigen wir auch den Schutz unserer heute im Wirtschaftsjargon als »Naturkapital« bezeichneten natürlichen Lebensgrundlagen.
Außerdem begeben wir uns auch auf eine Reise in die Vergangenheit und stellen überlieferte toxische Mythen und Werte auf den Prüfstand, denn darin offenbaren sich versteckte Gender-Doppelstandards, die wir aus früheren, wirtschaftlich ungerechteren und ineffizienteren Zeiten übernommen haben. Dabei erkennen wir, dass diese Gender-Doppelstandards auch zu einem Doppel-Standard in der Wirtschaft und damit zu einer nicht nachhaltigen Art des Lebens und Arbeitens geführt haben – und machen uns auf die Suche nach gesünderen Alternativen.
Die enormen Kosten für Mensch, Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt, die durch unsere herkömmlichen wirtschaftlichen und politischen Systeme verursacht werden, untersuchen wir in Kapitel 5 – ebenso wie die Unfähigkeit dieser Systeme, mit den Herausforderungen, die vor uns liegen, zurechtzukommen. Dabei wird deutlich, dass viele Probleme, zwischen denen (wie uns beigebracht wurde) kein Zusammenhang besteht, aus überlieferten Dominanztraditionen heraus entstanden sind, was uns erlaubt, grundlegende Themen ausfindig zu machen, die herkömmliche Denkweisen und Kategorisierungen ausgeblendet haben.
In Kapitel 6 suchen wir nach dem Weg zu einer Caring Economy des Partnerismus. Das Kapitel skizziert kurz die Entstehungsgeschichte der modernen Wirtschaftslehren, welche die Grundlage und die Grundprinzipien für die Entwicklung eines neuen konzeptuellen Rahmens liefern, der die besten Elemente von Kapitalismus und Sozialismus aufgreift, jedoch über diese beiden hinausgeht.
Das Thema von Kapitel 7 sind postmoderne, technologische Durchbrüche auf Gebieten wie der Robotik, der Biotechnologie und der Nanotechnologie sowie deren Auswirkungen auf unser Leben und Arbeiten. Hier wird eine neue Betrachtungsweise von Technologie und Technik eingeführt, bei der nicht jegliche technische Erfindung – vom Dosenöffner bis zur Atombombe – in die gleiche technologische Kategorie eingeordnet wird. Außerdem wird gezeigt, dass diese rasante technologische Entwicklung in dem epochalen Übergang in das postindustrielle Zeitalter den Wechsel zu einer Caring Economy sogar noch dringlicher macht.
In Kapitel 8 machen wir eine Bestandsaufnahme: Wo stehen wir und wohin können wir von hier aus gehen? Anhand faszinierender Erkenntnisse der Neurowissenschaft stellen wir fest, dass eine Caring Economy die Fähigkeiten in uns fördert, die wir im Laufe der Evolution ausgebildet haben und die uns als Menschen auszeichnen.
Wie jeder von uns diesen Wechsel zu einer menschlicheren, nachhaltigeren und wirtschaftlich effektiveren Zukunft in der Praxis beschleunigen kann, wird in Kapitel 9 behandelt. Zu diesen praktischen Schritten gehören neue Kennzahlen für die wirtschaftliche Gesundheit, die anders als das BIP (und die meisten BIP-Alternativen) auch die überlebensnotwendigen Beiträge sowohl aus den Privathaushalten als auch aus der Natur miteinbeziehen und zeigen, welch enormer wirtschaftlicher Wert aus Investitionen erwächst, die in diese nach unserer neuen Sichtweise als Grundlagen der Wirtschaft anerkannten Bereiche getätigt werden.
Mit diesem Buch will ich zum Diskurs und zum Handeln anregen. Die verkannten Grundlagen der Ökonomie wurde für alle Menschen geschrieben, die sich ein besseres Leben und eine bessere Welt wünschen. Es soll ihnen praktische Werkzeuge zur Erreichung dieser Ziele mit auf den Weg geben.
Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam das Wirtschaftssystem schaffen können, das wir uns wünschen und das wir brauchen: Ein Wirtschaftssystem, das Kreativität und Großzügigkeit anstelle von Gier und Zerstörungswut fördert. Alle Zeichen weisen darauf hin, dass dies die einzige Möglichkeit ist, die uns an diesem kritischen Punkt in der Entwicklung unserer Spezies und unseres Planeten bleibt. Wenn wir gemeinsam daran arbeiten, können wir unsere enorme menschliche Kreativität dazu verwenden, dieses Ziel zu erreichen, indem wir eine Caring Economy des Partnerismus und damit eine Grundlage für eine neue, gerechte und nachhaltige Normalität schaffen.
Riane Eisler
Carmel, 15. August 2020

Kapitel 1: Warum wir Wirtschaft neu denken müssen
Jim Cross schloss seinen Kurs in Angewandter Informatik als Jahrgangsbester ab und war begeistert, als er kurz darauf einen Job im aufstrebenden kalifornischen Silicon Valley fand. Doch obwohl sein Einkommen weit über dem eines durchschnittlichen US-amerikanischen Arbeitnehmers liegt, ist Jim auf unabsehbare Zeit hoch verschuldet, denn die Wohnkosten in dieser Gegend sind enorm und er muss ein beachtliches Studiendarlehen abbezahlen.
In Nigeria beerdigt Marian Mfunde gerade ihr zweites Kind. Ihre fünf Monate alte Tochter starb, ebenso wie Marians erstes Kind, an Hunger. Marian selbst ist an HIV erkrankt. Sie hat sich bei ihrem Ehemann angesteckt, bevor dieser zur Arbeitssuche in die Hauptstadt aufbrach. Seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört.
Die neun Jahre alte Rosario Menen haust in den Straßen von Rio de Janeiro. Sie lebt in ständiger Angst vor Ratten und Vergewaltigern, aber auch vor Polizeitruppen, die regelmäßig auftauchen und die Straßenkinder unter brutaler Gewaltanwendung vertreiben. Rosario ist eines von vielen Tausend Kindern in Brasilien, die kein Zuhause haben und niemanden, der sich um sie kümmert.
In Riad hat sich der achtzehn Jahre alte Ahmad Haman gerade einer fundamentalistischen Terrorgruppe angeschlossen. In seinem Heimatland Saudi-Arabien gibt es für ihn wirtschaftlich kaum eine Perspektive.1 Die Bevölkerung im Nahen Osten hat sich im Zeitraum von 1950 bis 2000 von 100 Millionen auf 380 Millionen mehr als verdreifacht — und fast zwei Drittel der 380 Millionen Menschen im Nahen Osten sind jünger als 25 Jahre. Die Arbeitsmarktsituation ist prekär: Laut einem Bericht des Brooking-Instituts aus dem Jahr 2019 liegt die Arbeitslosenquote in Saudi-Arabien bei 42 Prozent (und das im Vergleich zur weltweiten Quote von 13 Prozent).2 Vor diesem Hintergrund erscheint es Ahmad vielversprechender, auf die Verheißung eines Lebens nach dem Tod im Paradies mit 72 Jungfrauen zu hoffen und sich bei einem Selbstmordattentat in die Luft zu sprengen, als auf eine irdische Zukunft in seinem Heimatland zu bauen, obwohl dieses doch so reich an Erdöl ist.3
Inmitten solch unfassbarer Missstände, unsagbarem Elend und einem überbordenden Wahnsinn führt man in den Wirtschaftswissenschaften endlose Diskussionen über das Für und Wider von freien Märkten gegenüber staatlichen Regulierungen oder von Privatisierungen gegenüber staatlich gelenkten Unternehmen. Man spricht über Unternehmensgewinne, internationale Handelsabkommen, Outsourcing von Arbeitsplätzen, Beschäftigungszahlen, Zinssätze, Inflation und das Bruttoinlandsprodukt (bis 1999 als Bruttosozialprodukt bezeichnet). Diese Themen, die in Nachrichten, Wirtschaftsakademien und Tausenden von Wirtschaftsverträgen gewöhnlich in einer für Laien unverständlichen Sprache behandelt werden, erscheinen den meisten Menschen als frustrierend weit entfernt von ihren tatsächlichen Problemen und Bedürfnissen.
Natürlich ignorieren nicht alle Wirtschaftswissenschaftler die lebensnotwendigen Bedürfnisse von Menschen. Manche, wie zum Beispiel die Nobelpreisträger Amartya Sen und Joseph Stiglitz, verurteilen Praktiken, die Hunger, Gesundheitsschäden und Umweltzerstörung bzw. -verschmutzung verursachen, aufs Heftigste.4 Einige wenige, wie zum Beispiel die MacArthur-Fellows Nancy Folbre und Heidi Hartmann, weisen auch darauf hin, dass erwerbstätige Eltern selbst in einem reichen Land wie den USA unter Druck stehen, weil ihnen nicht ausreichend Zeit zur Verfügung steht, um sich um ihre Kinder zu kümmern, und selbst Besserverdienende Schwierigkeiten damit haben, Erwerbs- und Familienarbeit zu vereinbaren.5 Bis zum heutigen Tag schenken die meisten etablierten Ökonomen den Auswirkungen von Wirtschaftsmodellen auf unser Alltagsleben jedoch nur wenig Beachtung.6
Die Wirtschaftswissenschaften betrachten Menschen meist nur in ihrer Eigenschaft als Arbeitgeber, Arbeitnehmer oder Konsumenten. Und selbst wenn sich Ökonomen mit Umwelt- oder Gesellschaftsproblemen befassen, bleiben sie für gewöhnlich immer noch in ihren Debatten über freie Märkte und Privatisierung vs. Zentralverwaltungswirtschaft und staatliche Regulierungen gefangen – Debatten, die das Grundgerüst für den Konflikt zwischen Kapitalismus und Kommunismus bilden.
Dabei wird die Tatsache ausgeblendet, dass es keinem der kapitalistischen oder kommunistischen Systeme gelungen ist, die chronischen Probleme von Umweltzerstörung, Armut oder kriegerischer und terroristischer Gewalt zu lösen, obwohl dadurch ökonomische Verluste entstehen und so viele Leben zerstört werden. Tatsächlich ist es sogar so, dass sowohl kapitalistische als auch kommunistische Wirtschaftspolitik Ursachen dieser Probleme sind.
Wenn wir unsere Probleme in Zeiten des raschen technologischen und gesellschaftlichen Wandels effektiv angehen wollen, müssen wir sehr viel tiefer gehen und uns mit Themen beschäftigen, die in konventionellen Wirtschaftsanalysen und -theorien bislang ausgeblendet wurden.
Die zunehmenden Probleme von Individuen, Gesellschaft und der natürlichen Umwelt, also unserer Mitwelt, haben eine gemeinsame Ursache: Einen Mangel an Fürsorge bzw. Care.7 Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, das uns über Kommunismus, Kapitalismus und andere herkömmliche Ismen hinausträgt. Wir brauchen wirtschaftliche Modelle und Regeln sowie eine Wirtschaftspolitik, die Fürsorge gegenüber uns selbst, gegenüber anderen und gegenüber unserer Mitwelt unterstützen.8
Manchen mag eine auf Fürsorge basierende Wirtschaft unrealistisch erscheinen, tatsächlich ist sie jedoch sehr viel näher an der Realität als die herkömmlichen Wirtschaftsmodelle. Letztere blenden auf befremdliche Art und Weise einige der grundlegenden Voraussetzungen der menschlichen Existenz aus – allen voran die essenzielle Bedeutung von Fürsorge und Care-Arbeit für jegliche ökonomische Aktivität.
Ohne Fürsorge und Care-Arbeit gäbe es keinen von uns. Es gäbe keine Privathaushalte, keine Arbeitskräfte, keine Wirtschaft – nichts davon. Und dennoch wird Fürsorge und Care-Arbeit in kaum einer der aktuellen Wirtschaftsdebatten auch nur erwähnt. Das ist auch deswegen befremdlich, weil der Begriff Ökonomie sich vom griechischen oikonomia herleitet, was »Haushaltsführung« bedeutet, und Fürsorge und Care-Arbeit ein Kernelement der Haushaltsführung sind.9
Dieses Buch zeigt, dass es nicht nur für unser Überleben, sondern auch für ein gutes Leben notwendig ist, Wirtschaft radikal neu zu denken. Dabei wird deutlich, dass das Ausblenden von Fürsorge und Care-Arbeit in der etablierten Wirtschaftstheorie und -praxis verheerende Auswirkungen auf die Lebensqualität von Menschen, auf unsere natürlichen Lebensgrundlagen sowie auf die wirtschaftliche Produktivität, Innovationsfreude und die Anpassungsfähigkeit an neue Bedingungen hatte und hat. Wenn es uns nicht gelingt, Fürsorge und Care-Arbeit in unsere Wirtschaftsmodelle zu integrieren, sind wir in keiner Weise auf die postindustrielle Wirtschaft vorbereitet, in der das wichtigste Kapital aus dem besteht, was Wirtschaftswissenschaftler gerne als »Humankapital« bezeichnen, nämlich aus Menschen. Darüber hinaus ist es unrealistisch, irgendwelche Änderungen einer rücksichtslosen Wirtschaftspolitik oder -praxis zu erwarten, solange Fürsorge und Care-Arbeit nicht mehr Wertschätzung erfahren.
Wie Einstein sagte, können wir Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Wir befinden uns an einem kritischen Punkt, der eine neue Denkweise hinsichtlich unseres Wirtschaftens verlangt.
Unsere Probleme werden sich nicht alle lösen, sobald wir Fürsorge und Care-Arbeit mehr Bedeutung beimessen – aber solange wir dies nicht tun, wird es uns nicht gelingen, Lösungen für die aktuelle globale Krise zu finden, geschweige denn, uns persönlich, wirtschaftlich oder global weiterzuentwickeln. Um etwas an den dysfunktionalen staatlichen Bestimmungen und Wirtschaftspraktiken zu ändern, ist ein neues Herangehen an die Wirtschaft notwendig, bei dem die Forderung nach Fürsorge bzw. allein schon deren Erwähnung kein Tabu mehr darstellt.
1.1 Womit sich die Ökonomie eigentlich beschäftigen sollte
Im Herbst 2004 wurde ich von der Dag Hammarskjöld-Stiftung zu einem Forschungsworkshop zur Zukunft der Wirtschaft eingeladen. Die Veranstaltung fand im Haus meiner langjährigen Freundin und Kollegin Hazel Henderson statt, die zu den Vorreiterinnen auf dem Weg zu einer neuen Art des Wirtschaftens gehört. Die 25 Teilnehmenden, darunter gegenwärtige wie ehemalige Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, sozialen Bewegungen und Regierungspolitik, kamen aus Lateinamerika, Europa, Asien, Afrika, Australien und den USA.
Ausgangspunkt unserer Diskussion war eine Kritik an der sogenannten Neoklassik, also der heute vorherrschenden und oft einzigen Wirtschaftstheorie, die an westlichen Universitäten gelehrt wird. Diese Theorie hat sich aus den früheren klassischen Wirtschaftstheorien von Adam Smith, David Ricardo und anderen »Vätern« der modernen Kapitalismuslehre heraus entwickelt. Sie beschäftigt sich vornehmlich mit der Analyse und Vorhersage dessen, wie der Markt funktioniert. Dabei bedient sie sich hauptsächlich mathematischer Modelle, die eine Art geschlossenen Kreislauf bilden und auf grundlegenden, ja als unantastbar geltenden Annahmen beruhen.
Zu diesen Annahmen gehört unter anderem die Vorstellung eines Homo oeconomicus, der auf Basis rationaler Eigeninteressen fundierte Entscheidungen trifft. Hinzu kommt die Vorstellung, dass der Wettbewerb diese auf Eigeninteressen basierenden Entscheidungen in einer sich selbst organisierenden Dynamik reguliert, was letztendlich dem Allgemeinwohl zugutekäme. Außerdem wird davon ausgegangen, dass die Regierung sich nicht in das Marktgeschehen einmischen solle – eine Ansicht, die als das eigentliche Kernstück der aktuellsten neoklassischen Theorie, dem sogenannten Neoliberalismus, betrachtet werden kann. Diese Theorie wird weltweit von den Vertretern des Neokonservativismus propagiert, die Privatisierungen, Deregulierungen der Märkte und einen von Nationalgrenzen und Nationalinteressen ungehinderten Handel als Wundermittel gegen alle unsere Probleme ansehen.
Zunächst lag der Schwerpunkt des Forschungstreffens der Hammarskjöld-Stiftung darauf, die Defizite der neoklassischen und neoliberalen Wirtschaftstheorien und -modelle zu benennen. Einige Teilnehmende erklärten, dass diese Modelle nicht mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen in Einklang zu bringen seien und verwiesen dabei auf Forschungsarbeiten aus der Physik, die Fehler in den computergestützten Analysemethoden und den orthodoxen Wirtschaftsmodellrechnungen offengelegt haben. Diese reduktionistischen Methoden, so ihre Schlussfolgerung, führten zu einem verzerrten Bild der Wirklichkeit. Andere Teilnehmer zeigten auf, wie Märkte heute massiv durch ausgeklügelte Marketingstrategien manipuliert werden, die künstliche Vorlieben und sogar künstliche Bedürfnisse schaffen. Auch die Prämisse, dass Wettbewerb den Markt reguliert, wurde infrage gestellt. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass überall auf der Welt Großkonzerne kleinere Firmen durch Übernahme bzw. Aufkauf schlucken oder sie durch Preisdruck in den Ruin treiben.
Die Diskussion ging dann von der Wirtschaftstheorie zur aktuellen Weltlage über. Viele Teilnehmende kritisierten zum einen den Trend zur Privatisierung von Trinkwasser und anderen lebensnotwendigen Gütern, zum anderen die Anhäufung von immer mehr Vermögen und Macht in multinationalen Konzernen und bei wenigen Superreichen. Andere beanstandeten die fehlende Rechenschaftspflicht für Akteure der Globalisierung (wie zum Beispiel Unternehmen) und internationale Handelsverträge oder das fatale Ausblenden der Umweltzerstörung. Außerdem wurden Neuerungen gefordert, wie zum Beispiel messbare Indikatoren für Lebensqualität (wie der Glücksindex im Königreich Bhutan), aber auch internationale Gerichtshöfe für Produkthaftung sowie neue Lehrbücher und Kurse, in denen alternative ökonomische Sichtweisen dargestellt werden.
Im Laufe der Diskussion wurde allerdings noch etwas anderes immer deutlicher: Trotz zahlreicher gemeinsamer Bedenken und Kritiken gab es in einem Punkt große Unstimmigkeit – und zwar bei der Frage, welchen Bereich die Wirtschaft umfasst bzw. umfassen sollte.
Einige Teilnehmende interessierten sich – ebenso wie die etablierten Wirtschaftswissenschaftler, an denen sie Kritik übten – nur für den schmalen Bereich der ökonomischen Beziehungen innerhalb der Marktwirtschaft. Sie lehnten ökonomische Modelle strikt ab, wenn in diesen auch unbezahlte Care-Arbeit berücksichtigt wurde, die vornehmlich in Privathaushalten und anderen nicht monetären Wirtschaftsbereichen geleistet wird.10 Dies rechtfertigten sie zunächst damit, dass diese Arbeit nicht quantitativ erfassbar sei. Als darauf hingewiesen wurde, dass dies durchaus möglich sei und bereits getan würde, blieben sie dennoch einmütig dabei, dass diese Arbeit nicht miteinbezogen werden solle.11 Während sie sich einerseits also durchaus im Klaren darüber waren, dass fehlerhafte Wirtschaftsmodelle zu fehlerhafter Wirtschaftspolitik führen, machten sie andererseits deutlich, dass sie kein Interesse daran hatten, den Wirtschaftsbegriff auszuweiten oder gar neu zu definieren.
Doch diese Ausweitung und Neudefinition ökonomischer Modelle findet bereits statt. Seit geraumer Zeit haben weltweit Tausende von Männern und Frauen auf die Absurdität hingewiesen, dass die elementarste menschliche Tätigkeit in der Wirtschaftspolitik und der Wirtschaftsgesetzgebung völlig ausgeblendet wird. Bereits 1988 veröffentlichte Marilyn Waring ein bahnbrechendes Buch zu diesem Thema.12 Seitdem haben auch Barbara Brandt, Ann Crittenden, Marianne Ferber, Nancy Folbre, Janet Gornick, Heidi Hartmann, Hazel Henderson, Marcia Meyers, Julie Nelson, Hilkka Pietilä, Genevieve Vaughan und weitere Wirtschaftswissenschaftlerinnen vehement darauf hingewiesen, dass Care-Arbeit in der Wirtschaftstheorie und -praxis berücksichtigt werden muss.13 Weitere Vordenker, wie zum Beispiel Edgar Cahn, Nirmala Banerjee, Herman Daly, Devaki Jain, David Korten, Paul Krugman, Amartya Sen und Thomas Piketty, weisen nachdrücklich darauf hin, dass wir ökonomische Beziehungen aus einem weiteren Blickwinkel heraus betrachten müssen.14 Ihre Arbeiten, besonders die von Pietilä und Henderson, bilden die Grundlage für das erweiterte ökonomische Modell, das für eine Caring Economy notwendig ist.
1.2 Die Wirtschaft neu vermessen
Wenn wir ein neues Wirtschaftsmodell entwickeln wollen, müssen wir ihm eine ganzheitliche Betrachtung der Wirtschaftsbeziehungen zugrunde legen – und zwar angefangen bei der Beziehung der Menschen zu ihrer Mitwelt bis hin zu den ökonomischen Beziehungen in Familien und anderen Lebensgemeinschaften. Hierfür ist eine umfassende und realitätsgetreue Darstellung nötig, die alle Bereiche der Wirtschaft berücksichtigt.
Im Zentrum dieses neuen Wirtschaftsmodells steht der Privathaushalt. Er ist das eigentliche Herzstück der Wirtschaftsproduktivität, denn er ist Grundlage und Voraussetzung für sämtliche anderen Bereiche. Haushalte sind – anders als in den meisten Texten der Ökonomie beschrieben – nicht nur konsumierende Einheiten, sondern vielmehr Produktionsstätten, wobei ihr wichtigstes »Produkt« seit jeher Menschen sind – und dieses »Produkt« ist in der postindustriellen Wirtschaft, in der Unternehmen mantrahaft nach »hoch qualifiziertem Humankapital« verlangen, von größter Bedeutung.
Das neue Wirtschaftsmodell

Unsere Herausforderung besteht darin, eine Caring Economy zu schaffen, die unseren Bedürfnissen und Fähigkeiten gerecht wird, unsere Mitwelt bewahrt und unser großartiges Potenzial an Fürsorge und Kreativität zur Entfaltung bringt.
Wenn in herkömmlichen Wirtschaftsanalysen die Voraussetzungen für hoch qualifiziertes Humankapital untersucht werden, finden Fürsorge und Care-Arbeit in der Regel keine Beachtung. In herkömmlichen Wirtschaftsmodellen werden die grundlegenden Wirtschaftssektoren – Privathaushalte, Non-Profit-Bereich und Ressourcenwirtschaft – ausgeblendet, was zu verzerrter Wahrnehmung und einer verfehlten Politik führt.
Das neue Wirtschaftsmodell beinhaltet alle sechs Wirtschaftssektoren:
• Erster und grundlegender Sektor: Privathaushalte
• Zweiter Sektor: Non-Profit-Bereich
• Dritter Sektor: Marktwirtschaft
• Vierter Sektor: Illegale Schattenwirtschaft
• Fünfter Sektor: Staatswirtschaft
• Sechster Sektor: Ressourcenwirtschaft
Den zweiten Sektor bildet der Non-Profit-Bereich, also die Gemeinwirtschaft, in der anstelle von Gewinn vorrangig nicht-monetäre Ziele verfolgt werden. Dazu zählen das ehrenamtliche Engagement für zivilgesellschaftliche Anliegen wie karitative Zwecke oder Fragen sozialer Gerechtigkeit ebenso wie manche Aspekte der alternativen Tauschwirtschaft, zum Beispiel lokale Tauschringe oder Regionalwährungen, die sich immer stärker verbreiten. Auch in diesem Sektor spielen Fürsorge und Care-Arbeit eine wichtige Rolle.
Die Marktwirtschaft bildet den dritten Sektor. Dieser Sektor steht im Zentrum der konventionellen Wirtschaftsanalysen und -beschreibungen – und obwohl der Markt von den beiden ersten Sektoren angetrieben wird, werden diese bei marktwirtschaftlichen Bewertungen und Regelungen nicht berücksichtigt. Zurzeit ist die Marktwirtschaft oft so aufgebaut, dass sie Fürsorge und Care-Arbeit eher verhindert als fördert – obwohl Studien gezeigt haben, dass Beschäftigte kreativer und produktiver sind, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden.
Zum vierten Sektor, der illegalen Schattenwirtschaft, gehören Drogen-, Sex- und Waffenhandel ebenso wie wirtschaftliche Aktivitäten, die von kriminellen Syndikaten oder Banden kontrolliert werden. In diesem Sektor mangelt es typischerweise an Fürsorge (ganz zu schweigen von den Morden und anderen Gräueltaten, die für ihn charakteristisch sind).
Die Staatswirtschaft bildet den fünften Sektor. Der Staat regelt die Marktwirtschaft durch politische Entscheidungen, Maßnahmen und Gesetze. Außerdem bietet er – entweder direkt oder indirekt über private Unternehmen – Dienstleistungen an, die Care-Tätigkeiten beinhalten, wie zum Beispiel das öffentliche Gesundheitswesen. Doch für unbezahlte Care-Arbeit in Privathaushalten und im Non-Profit-Bereich gibt es in den meisten Staaten nur wenig Unterstützung, obwohl alle anderen Wirtschaftssektoren doch von dieser Arbeit abhängig sind. Außerdem geht Regierungspolitik oft rücksichtslos an den Belangen der Mehrheit vorbei, um die Interessen der Wohlhabenden zu befriedigen, und den meisten Staaten gelingt es nicht, mit ihrer Politik die rücksichtslose Ausbeutung und Verschmutzung unserer Ressourcen zu verhindern.
Dabei ist die Ressourcenwirtschaft, die den sechsten Sektor darstellt, ebenso wie die Haushaltswirtschaft der Privathaushalte von grundlegender Bedeutung, denn unser natürliches Umfeld generiert Rohstoffe, von denen die Marktwirtschaft abhängig ist. Trotzdem findet auch die Natur in herkömmlichen Wirtschaftsmodellen nur wenig Berücksichtigung und dies hat eine Ausbeutung natürlicher Ressourcen zur Folge, deren Auswirkungen durch die Entwicklung immer wirkmächtigerer Technologien zunehmend katastrophaler werden. Lange Zeit wurde Umweltschutz in Wirtschaftstheorien gar nicht berücksichtigt, mittlerweile steht er in Kosten-Nutzen-Analysen üblicherweise auf der Kostenseite.
Die hier beschriebenen sechs Wirtschaftssektoren interagieren beständig miteinander. Wenn wir die Veränderungen herbeiführen möchten, die in unserer Welt heute nötig sind, müssen wir alle diese Sektoren in die Betrachtung miteinbeziehen. Die Herausforderung besteht darin, Wirtschaftsmodelle sowie Maßnahmen und Regeln zu entwickeln, die den ersten, zweiten und sechsten Sektor berücksichtigen und ihnen den gebührenden Wert beimessen – denn das ist die Grundlage für eine Caring Economy, eine Ökonomie, die auf Fürsorge basiert. Wir brauchen ein System, das unseren Bedürfnissen und Fähigkeiten gerecht wird, statt sie auszunutzen, das unsere Mitwelt bewahrt, statt sie zu zerstören, und das unser großartiges Potenzial an Fürsorge und Kreativität zur Entfaltung bringt, statt es einzuschränken.
1.3 Kultur, Wirtschaft und Werte
Wirtschaftssysteme werden von Menschen geschaffen. Sie ändern sich und können geändert werden. Im Lauf der vergangenen 500 Jahre und der technologischen Entwicklung entstanden im Westen unterschiedliche Wirtschaftssysteme. Während des Wandels von einer fast reinen Agrarwirtschaft zur Industriewirtschaft wurde der Feudalismus Schritt für Schritt durch den Kapitalismus und in manchen Ländern durch den Sozialismus ersetzt. Heute befinden wir uns mitten in einer weiteren großen Umwälzungsphase, doch der Übergang von der industriellen in eine postindustrielle Gesellschaft unterscheidet sich von früheren Transformationen.
Dieser Übergang in eine von technologischen Entwicklungen in den Bereichen Elektronik, Biochemie und Nuklearforschung geprägte postindustrielle Gesellschaft vollzieht sich nicht wie frühere Übergänge im Lauf mehrerer Jahrhunderte, sondern innerhalb weniger Jahrzehnte. Und anders als frühere Übergänge wird er bereits intensiv erforscht, noch während er sich vollzieht. Außerdem handelt es sich dabei um eine globale Entwicklung, in deren Rahmen uns immer bewusster wird, dass es so nicht weitergehen kann, weil unsere Zukunft auf dem Spiel steht, wenn wir keine grundlegenden Veränderungen in die Wege leiten.
Historisch gesehen hat die Einführung neuer Technologien auch immer einen gewissen Wertewandel zur Folge gehabt. Zum Beispiel galt in einer Agrargesellschaft Landbesitz als höchstes Gut, was sich mit dem Übergang zur Industriegesellschaft änderte, bei dem Maschinen und andere Anlagegegenstände zunehmend an Wert gewannen.
Doch Werte, die – wie im Beispiel oben – von technischen Faktoren bestimmt werden, sind nur eine (vergleichsweise unbedeutende) Variable in der Gesamtwirtschaftsrechnung. Viel bedeutender und änderungsresistenter sind die zugrunde liegenden kulturellen Werte und die sozialen Strukturen, zu denen die jeweiligen Wirtschaftssysteme gehören. Unsere Vorstellungen davon, was wertvoll ist und was nicht, sind meist unbewusst. Wie wir sehen werden, hängen sie stark von Annahmen ab, die wir aus früheren Zeiten übernommen haben. Damals galt alles, was mit der weiblichen Hälfte der Menschheit assoziiert wurde – wie zum Beispiel Fürsorge und Care-Arbeit – als weniger wertvoll. Heute ist die Gleichwertigkeit von Mann und Frau zu einem westlichen Ideal geworden, und immer mehr Männer lassen sich auf »weibliche« Tätigkeiten ein: So kümmern sich heute zum Beispiel viele Väter in einer Weise um ihre Säuglinge und Kleinkinder, die früher als »unmännlich« gegolten hätte. Dennoch lassen die meisten aktuellen Wirtschaftssysteme immer noch Fürsorge und Care-Arbeit in Familie und Gesellschaft unberücksichtigt, was zu massiver Ungleichheit und zu dysfunktionalen wirtschaftlichen Verhältnissen führt.
Tatsächlich beruht die Absurdität, die unsere Wirtschaft prägt, auf dieser systematischen Entwertung der Tätigkeiten, die am meisten zum menschlichen Wohlergehen und der menschlichen Entwicklung beitragen. So wird der Großteil der Care-Arbeit bei der Messung der Wirtschaftsproduktivität, zum Beispiel bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) oder des Bruttonationaleinkommens (BNE), überhaupt nicht berücksichtigt.15
Und das ist noch nicht alles: Die Wirtschaftspolitik versagt nicht nur darin, Care-Arbeit zu unterstützen, die unbezahlt in Privathaushalten geleistet wird – auch in der Marktwirtschaft erhalten Erwerbstätige in Care-Berufen unterdurchschnittliche Löhne. In den USA sind die Menschen mit Selbstverständlichkeit bereit, einem Installateur, der sich um ihre Abwasserrohre kümmert, 50 bis 100 Dollar pro Stunde zu zahlen, während die Erzieher, die sich um ihre Kinder kümmern, nach Angaben des US-Arbeitsministeriums im Schnitt nur einen Stundenlohn von unter 12 Dollar erhalten.16 Auch setzt man in den USA bei Installateuren eine Ausbildung voraus, während es akzeptiert wird, dass auch Menschen ohne entsprechende Ausbildung in der Kinderbetreuung arbeiten. Das ist nicht logisch, sondern pathologisch, und wenn wir etwas daran ändern wollen, müssen wir über die üblicherweise in Wirtschaftsanalysen betrachteten Bereiche hinausschauen.
1.4 Der Care-Wert
Derzeit wird in der Wirtschaftstheorie davon ausgegangen, dass sich der Wert eines Produkts oder einer Dienstleistung aus Angebot und Nachfrage ergibt, also knappe Güter oder Dienstleistungen wertvoller sind als solche, die reichlich zur Verfügung stehen. Dabei werden jedoch zwei wichtige Punkte übersehen: Zum einen schaffen die aktuelle Wirtschaftspolitik und -praxis, wie in den folgenden Kapiteln gezeigt wird, häufig künstliche Knappheit. Zum anderen – und auch hierauf wird noch ausführlicher eingegangen – wird die Nachfrage zum großen Teil davon bestimmt, was nach den kulturellen Überzeugungen wertvoll bzw. nicht wertvoll ist.
Sehr viel vernünftiger und realistischer wäre es, Standards für den wirtschaftlichen Wert von Produkten oder Dienstleistungen danach zu bestimmen, ob diese dem Überleben und der Weiterentwicklung der Menschen dienen oder nicht. Nach einem solchen Standard würde einer Care-Kultur – also einer Kultur, die unser Wohlergehen und unsere Entwicklung sowie das Wohlergehen und die Entwicklung unserer Mitmenschen und unserer Mitwelt berücksichtigt – ein hoher Wert beigemessen. Und das gälte auch für Care-Arbeit und die Schaffung menschen- und mitweltfreundlicher Umfelder 17 in Haushalten, Unternehmen, Kommunen und Staaten.
Das bedeutet keineswegs, dass jegliche Fürsorge oder Care-Arbeit finanziell entlohnt werden müsste. Es gibt sehr viele andere Möglichkeiten, wie diese Arbeit anerkannt und belohnt werden kann (und muss) — angefangen von informellen Tauschbörsen, in denen Fürsorgeleistungen ausgetauscht werden können, bis hin zu einer Unternehmens- und Regierungspolitik, die Fürsorge und Care-Arbeit unterstützt und fördert.
In den folgenden Kapiteln wird näher auf eine Caring Economy eingegangen. In diesem Zusammenhang soll noch einmal klargestellt werden, dass Care-Arbeit oder Fürsorgearbeit hier Tätigkeiten bezeichnet, die von Empathie, Verantwortungsbewusstsein und der Sorge um das Wohlergehen der Menschen und ihre optimale Entwicklung getragen werden. Außerdem wird in einer Care-Kultur Fürsorge und Care-Arbeit in allen Lebensbereichen sichtbar gemacht und wertgeschätzt – von den Privathaushalten und Kommunen bis hin zu den Unternehmen und der Politik.
1.5 Die Schaffung einer Caring Economy
Wir befinden uns an einem Kipppunkt, einem Wendepunkt der Weltgeschichte, der nicht weniger verlangt als einen grundlegenden Wandel. Wenn wir die wirtschaftlichen Kenngrößen betrachten, die auf den folgenden Seiten aufgeführt werden, erkennen wir, dass wir in der Weltwirtschaft gigantische Verluste zu verzeichnen haben. Es wird mehr als deutlich, dass wir unser natürliches Umfeld nicht weiterhin so ausbeuten und verschmutzen können wie bisher. Und es wird klar, dass wir – wenn wir ein erfüllteres und sorgenfreieres Leben führen wollen – Fürsorge und Care-Arbeit angemessen wertschätzen müssen, und zwar nicht nur die im Rahmen der Marktwirtschaft geleistete Care-Arbeit, sondern auch die Care-Arbeit in allen anderen Wirtschaftssektoren – angefangen bei den Privathaushalten bis hin zur Ressourcenwirtschaft.
Wir erliegen einer Selbsttäuschung, wenn wir glauben, wir könnten unsere Umweltprobleme allein durch weniger umweltschädliche Technologien oder eine Änderung unseres Konsumverhaltens lösen. Selbst wenn wir in dieser Hinsicht Erfolg hätten – was eher zweifelhaft ist, wenn wir uns nicht tiefergehend mit den Ursachen auseinandersetzen – würden immer wieder neue Krisen entstehen, solange wir keine fundamentalen Veränderungen vornehmen.
Voraussetzung für solche Veränderungen ist, dass wir uns bewusst werden, dass sich die ökonomischen Strukturen und Regeln sowie das Wertesystem einer Gesellschaft und ihrer Institutionen wie in einer Endlosschleife ständig wechselseitig beeinflussen. In Zeiten sozialen Gleichgewichts ist diese Schleife recht stabil und das dahinterstehende Wertesystem wird für so selbstverständlich erachtet, dass es gar nicht mehr bewusst wahrgenommen wird. In Zeiten starker Unbeständigkeit oder Ungleichheit wie den unseren treten die dem System zugrunde liegenden Strukturen und Werte jedoch deutlicher hervor. Deshalb sind heute grundlegende Veränderungen möglich – also Veränderungen, die das System transformieren, anstatt es einfach nur in gewissem Grade zu modifizieren.
Um eine Caring Economy zu entwickeln, müssen wir uns nicht nur auf die Wirtschaftstheorie und -praxis konzentrieren, sondern auch auf kulturelle Werte und gesellschaftliche Institutionen. Als Ausgangspunkt hierfür dienen drei Fragen:
1 1. Welchen Eigenschaften, Tätigkeiten, Dienstleistungen und Produkten wollen wir einen hohen bzw. einen niedrigen wirtschaftlichen Wert zuerkennen?
2 2. Können wir tatsächlich eine soziale und umweltfreundliche Wirtschaftspolitik und -praxis erwarten, solange Fürsorge nicht gesellschaftlich wertgeschätzt und finanziell anerkannt wird?
3 3. Welche wirtschaftlichen Konstrukte sind nötig, um ein Wirtschaftssystem zu schaffen, das stärker auf Fürsorge basiert und effektiver, innovativer und nachhaltiger ist als unser aktuelles?
Sämtliche wirtschaftlichen Institutionen sind Konstrukte – angefangen von Banken über Aktienbörsen, Sozialversicherungssysteme und Gesundheitsfürsorge bis hin zu Kolonialismus, Sweatshops und Kinderarbeit. Arbeitslosenversicherung und Elternzeit sind wirtschaftliche Konstrukte, die eine stärkere Fürsorge für alle Mitglieder einer Gruppe garantieren sollen. Aber auch Sklaverei und Zwangsarbeitslager sind wirtschaftliche Konstrukte – diese sind jedoch wie Sweatshops, Kolonialismus und Kinderarbeit darauf ausgerichtet, bestimmte Mitglieder einer Gruppe effektiver auszubeuten oder sie sogar, falls »nötig«, umzubringen.
Anders ausgedrückt ist ein wirtschaftliches Konstrukt eine Möglichkeit, natürliche, menschliche und menschengemachte Ressourcen zu nutzen und zu verteilen. Aber welcher Art diese Konstrukte sind – und welche Konsequenzen sie nach sich ziehen – hängt vom herrschenden Wertesystem und den auf diesem Wertesystem basierenden gesellschaftlichen Institutionen ab. In unserer Zeit, in der wir – von Werten wie Eroberung, Ausbeutung und Dominanz geleitet – unser Überleben durch Fortschrittstechnologien gefährden, brauchen wir einen Wandel zu einem Fürsorge-Ethos sowie wirtschaftliche Konstrukte, die von einem solchen Ethos getragen werden. Wir brauchen eine Care-Revolution.
Wir müssen entscheiden, welche bestehenden wirtschaftlichen Konstrukte wir beibehalten und welche wir verwerfen wollen. Außerdem müssen wir neue wirtschaftliche Kennzahlen und Regeln sowie politische Strategien und Praktiken entwickeln, die sich an Werten orientieren, die der gerechteren und nachhaltigeren Zukunft entsprechen, die wir uns wünschen und die wir brauchen. Vor allem aber müssen wir das kulturelle Fundament, auf dem sowohl das kapitalistische als auch das kommunistische Wirtschaftssystem basieren, neu errichten und darauf aufbauend ein neues Wirtschaftssystem entwickeln, in dem die grundlegendste menschliche Tätigkeit – die Care-Arbeit – echte Wertschätzung erfährt.
Eine Caring Economy fördert Fürsorge und Care-Arbeit im privaten Bereich ebenso wie in Organisationen, in der Gesellschaft und in Hinblick auf unsere Mitwelt. Sie berücksichtigt das vollständige Spektrum der menschlichen Bedürfnisse, also nicht nur unsere materiellen Bedürfnisse wie Nahrung und Unterkunft, sondern auch unser Bedürfnis nach sinnvoller Betätigung und Lebenssinn. Dieses Wirtschaftssystem ist in ein Gesellschaftssystem integrierbar, das auf Partnerschaft, also gegenseitigem Respekt und Verantwortlichkeit beruht (Partnerschaftssystem), und passt nicht zu einem hierarchischen Gesellschaftssystem der Dominanz (Dominanzsystem).
Die unterschiedlichen Strukturen dieser beiden Modelle (des Partnerschafts- und des Dominanzsystems), die über die herkömmlichen Kategorien von rechts/links, kapitalistisch/sozialistisch und religiös/weltlich hinausgehen, werden in Kapitel 2 beschrieben.
1.6 Die sechs Grundpfeiler einer Caring Economy
Eine Caring Economy beruht auf sechs Pfeilern: einem ganzheitlichen Wirtschaftsmodell; kulturellen Überzeugungen und Institutionen, die Fürsorge und Care-Arbeit wertschätzen; einer Wirtschaftsordnung, Wirtschaftspolitik und Wirtschaftspraxis, die auf Fürsorge basieren; umfassenden und realitätsgetreuen wirtschaftlichen Kennzahlen; partnerschaftlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen sowie einer Wirtschaftstheorie, die hier als Partnerismus bezeichnet wird, da sie sowohl die partnerschaftlichen Elemente des Kapitalismus als auch die des Sozialismus beinhaltet, aber zugleich über diese beiden Systeme hinausgeht, indem sie die essenzielle wirtschaftliche Bedeutung der Fürsorge für uns, unsere Mitmenschen und unsere Mitwelt (an)erkennt.
Der Wandel hin zu einer Caring Economy wird sich nicht abrupt, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg vollziehen. Er wird schrittweise erfolgen, und jede Verbesserung in einem Bereich wird eine Kaskade von Änderungen in allen anderen Bereichen anstoßen. Wenn sich unsere Vorstellungen davon ändern, was wirtschaftlich als produktiv gilt und was nicht, werden wir Wirtschaft neu denken – und das wiederum wird zu realitätsgetreueren wirtschaftlichen Kennzahlen führen. Diese geänderten Überzeugungen und Kennzahlen werden eine Entwicklung hin zu einer stärker auf Fürsorge basierenden Wirtschaftspolitik und -praxis beflügeln, was wiederum zu mehr partnerschaftlich orientierten Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen führt sowie zur Entwicklung eines ganzheitlichen Wirtschaftsmodells, umfassenderen wirtschaftlichen Theorien und Kennzahlen sowie kulturellen Überzeugungen und Institutionen, die Fürsorge und Care-Arbeit wertschätzen.
Anders ausgedrückt: Jeder Fortschritt auf einem dieser Gebiete treibt den Fortschritt in den anderen Bereichen voran. Je weiter wir in einem der Bereiche voranschreiten, desto schneller werden wir Veränderungen im gesamten Wirtschaftssystem beobachten können.
Der erste Schritt besteht darin, dass wir im öffentlichen Diskurs den Begriff »Care« mit dem Wirtschaftsbegriff verknüpfen und ein Bewusstsein dafür schaffen, welche wirtschaftliche Bedeutung Fürsorge hat. Das ist etwas, das jeder von uns tun kann.
Dass die aktuellen Wirtschaftstheorien und die gegenwärtige Wirtschaftspolitik versagen, wenn es darum geht, Fürsorge und Care-Arbeit als integralen Bestandteil der Gesundheit von Individuen, Wirtschaft, Ökologie und Gesellschaft zu begreifen, hat direkte Auswirkungen auf unser Leben und die Zukunft unserer Kinder: Uns wurden aus der Vergangenheit dysfunktionale Wirtschaftsmodelle und Bewertungsmaßstäbe aufgebürdet, die wiederum zu dysfunktionalen Praktiken und einer dysfunktionalen Politik geführt haben. Und diese Praktiken und diese Politik sind die Hauptursachen für scheinbar unlösbare globale Probleme wie Armut, Überbevölkerung und Umweltzerstörung. In der postindustriellen Wirtschaft sind diese Praktiken und diese Politik Erfolgshindernisse, denn das wichtigste Kapital in der postindustriellen Wirtschaft bilden weder Geld, noch Märkte oder mit neuester Computertechnik ausgestattete Büros – sondern Menschen, sogenanntes »Humankapital«. Außerdem wird dadurch ein unausgewogenes und ungesundes Wertesystem aufrechterhalten.
Dabei ist die Alternative dazu offensichtlich, sobald man nur einen Moment innehält und seinen Blick auf die Wirtschaft einmal nicht darauf ausrichtet, was uns bislang darüber gelehrt wurde, sondern auf das, was uns in unserem Leben und in unserem Zuhause am wichtigsten erscheint. Dann wird nämlich klar: Solange Gerechtigkeit, Fürsorge und Care-Arbeit nicht als wertvoll betrachtet werden, ist es unrealistisch auf die Entwicklung von Gesellschaften zu hoffen, die auf Fürsorge, Frieden, einer gesunden Mitwelt und Gerechtigkeit beruhen und in denen Menschen ein sinnvolles, kreatives und erfülltes Leben führen können.
Das ist keine graue Theorie, sondern von immenser praktischer Bedeutung für unser Alltagsleben – angefangen beim Familienleben über die Erziehung und Bildung unserer Kinder bis hin zu unserem Arbeits- und Geschäftsleben und letztlich dem Überleben unserer Spezies.
Wir können keinen wirklichen Rückgang der weltweiten Armutsrate erwarten, solange wir nichts dagegen unternehmen, dass in der Wirtschaft, was Männer und Frauen anbelangt, mit zweierlei Maß gemessen wird. Solange Frauen und alles, was mit Frauen assoziiert wird, eine Abwertung erfahren, werden Frauen und Kinder das Heer der Armen in der Welt weiter anwachsen lassen.17
Das bedeutet nicht, dass die auf dem Geschlecht beruhende wirtschaftliche Ungleichheit gravierender ist als die Ungleichheit, die auf sozialer oder ethnischer Herkunft oder anderen Faktoren basiert. Aber eines der grundlegenden Muster für die Einteilung der Menschheit in Über- und Untergeordnete, die Kinder von klein auf verinnerlichen, ist die für unsere Spezies typische Vorstellung des »übergeordneten Mannes« und der ihm »untergeordneten Frau«. Solange Menschen dieses geistige Bild als Muster für ihre Beziehungen vor Augen haben, ist es unrealistisch, auf Änderungen im schablonenhaften Ingroup-versus-Outgroup-Denken zu hoffen, das zu so viel Leid und Ungerechtigkeit geführt hat und führt.
Zudem gibt es keine berechtigte Hoffnung für eine auf Fürsorge abzielende Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik, solange die lebensfördernde Care-Arbeit als »Familie und Gedöns«18abgewertet wird. Solange Care-Arbeit keine gesellschaftliche Wertschätzung erfährt, wird sie auch in der Wirtschaftspolitik und -praxis keine erfahren.
In diesem Zusammenhang muss klargestellt werden, dass die Bezeichnung von Fürsorge und Care-Arbeit als »Frauenarbeit« hier nur ein Widerhall herkömmlicher Überzeugungen aus Zeiten ist, in denen die Geschlechterrollen sehr viel stärker festgelegt waren. Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der nicht nur Frauen Fürsorge leisten, sondern in der sie gleichberechtigte Erwerbsarbeitschancen haben und sich Männer und Frauen die Fürsorgeverantwortlichkeit teilen. Anders ausgedrückt: Ziel ist ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das Frauen nicht länger aus Bereichen ausschließt, die traditionell Männern vorbehalten waren, und in dem Fürsorge und Care-Arbeit nicht länger als reine Frauensache betrachtet werden bzw. Männer, die diese Aufgaben übernehmen, als »verweiblicht« gelten.
Es soll an dieser Stelle noch einmal betont werden, dass die Sichtbarmachung und die Wertschätzung von Fürsorge und Care-Arbeit für sich allein genommen unsere globalen Probleme nicht lösen können. Wie wir sehen werden, ist der Transformationsprozess von einem Dominanz- zu einem Partnerschaftssystem sehr viel komplexer. Doch es ist von grundlegender Bedeutung, dass wir aufhören, Frauen und Männer und das, was wir mit ihnen assoziieren, mit zweierlei Maß zu messen, denn erst dann kann der Wandel von einem Dominanz- zu einem Partnerschaftssystem stattfinden.
Wenn hier über die Abwertung von Frauen und dem »Weiblichen« geschrieben wird, soll damit nicht den Männern die Schuld an den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Missständen in unserer Welt gegeben werden. Die Traditionen, von denen hier die Rede ist, haben nicht nur auf Frauen, sondern auch auf Männer verheerende Auswirkungen. Natürlich sind Frauen davon besonders hart betroffen, aber letztlich leiden wir alle darunter.
Die Globalisierung und der Übergang hin zu einem postindustriellen Zeitalter haben zu großen wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen geführt, die bei vielen Menschen Ängste auslösen. Doch diese Verwerfungen eröffnen auch nie dagewesene Anknüpfungspunkte für neue und bessere Lebens- und Denkweisen. Sie geben uns die Gelegenheit, unsere Vorstellungskraft und unseren Einfallsreichtum dazu zu nutzen, gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedingungen zu schaffen, die unsere Weiterentwicklung fördern – sei es in Hinblick auf den Einzelnen, auf unsere Spezies oder auf die Erde insgesamt.
Die folgenden Kapitel zeigen, wie es uns besser gelingen kann, unsere menschlichen Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen und die Schönheit und den Reichtum unseres Planeten zu bewahren.
Kapitel 2: Wirtschaft im Weitwinkel
Mittlerweile gibt es Millionen von Menschen, die nicht länger bereit sind, Leid und Ungerechtigkeit als Willen Gottes oder als Ergebnis geheimnisvoller, scheinbar naturgegebener Wirtschaftsgesetze zu betrachten. Die gesundheits- und umweltschädigenden Auswirkungen einer außer Kontrolle geratenen Industrialisierung haben Menschen weltweit in Alarmbereitschaft versetzt. Sie sind besorgt darüber, dass die Regeln des globalen Handels zu sinkenden Löhnen führen und Arbeitsschutzbestimmungen aushebeln, die im Westen bislang als selbstverständlich galten. Diese Menschen sind sich dessen bewusst, dass in großen Teilen der Welt noch Hunger und Armut herrschen. Sie erkennen, dass selbst in den reichen USA die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, wenn dort zum Beispiel in deutlichem Missverhältnis Gelder für das Schulessen von Millionen von Armut betroffener Kinder gekürzt werden, während Unternehmen Millionen an Subventionen und die Superreichen Steuerrückerstattungen erhalten. Sie fordern die Abschaffung einer Buchhaltungspraxis, die es Führungskräften in Unternehmen erlaubt, sich selbst auf Kosten von Vorsorgeplänen für Angestellte oder Kapitalbeteiligungen von Anteilseignern zu bereichern. Kurz gesagt: Diese Menschen prangern rücksichtslose Wirtschaftspolitik und Geschäftspraktiken an und verlangen, dass diese durch auf Fürsorge basierende Politik und Praktiken ersetzt werden.
2.1 Die gesellschaftlichen Grundlagen der Wirtschaft
Wirtschaftssysteme entstehen nicht in einem Vakuum. Sie entwickeln sich in einem umfassenderen gesellschaftlichen, kulturellen und technologischen Kontext. Um eine Grundlage für ein neues Wirtschaftssystem schaffen zu können, müssen wir diesen umfassenderen Kontext verstehen und verändern. Erst dann können wir eine effektive Wirtschaftsordnung aufbauen, die das Wohlergehen und die Weiterentwicklung der Menschen unterstützt und fördert und die natürliche Lebensgrundlage unserer Kinder und zukünftiger Generationen schützt und erhält.
So seltsam es klingen mag: Wenn wir unser Wirtschaftssystem ändern wollen, dürfen wir uns nicht auf die Wirtschaft allein konzentrieren. Wir müssen tiefer und weiter gehen. Wir können ineffiziente, ungerechte und umweltschädigende Wirtschaftspraktiken überwinden – aber damit uns das gelingt, müssen wir die gesellschaftlichen Faktoren betrachten, die unsere Wirtschaft und unsere Wirtschaftstheorien formen und wiederum von diesen geformt werden. Anders ausgedrückt: Wir können Wirtschaftssysteme nicht verstehen, geschweige denn verändern, solange wir nicht den umfassenderen Kontext betrachten, also die psychologischen und gesellschaftlichen Beziehungsdynamiken in allen Lebensbereichen.
In Wirtschaftssystemen geht es um eine Form menschlicher Beziehungen. Es geht nicht um Verbindungen zwischen Gütern, sondern zwischen Menschen. Aus diesem Grund müssen Menschen sowie Tätigkeiten, die menschliches Leben und menschliche Beziehungen verbessern, im Mittelpunkt wirtschaftlicher Analysen stehen. Unser Leben wird von Beziehungen bestimmt. Beziehungen bilden die Grundlage aller gesellschaftlichen Institutionen – angefangen von Familie, Erziehung und Bildung bis hin zu Politik und Wirtschaft.
Die neuartige wissenschaftliche Herangehensweise an die Wirtschaft, die in diesem Buch vorgestellt wird, hat sich aus einer Fachgebiete übergreifenden Forschung heraus entwickelt und findet aus der Perspektive unterschiedlicher wissenschaftlicher Theorien wie der Systemtheorie der Evolution, der Chaostheorie, der Komplexitätstheorie, der Selbstorganisationstheorie und weiterer neuer Betrachtungsweisen sozialer Systeme statt. Die auf dieser Herangehensweise basierende Forschung führte zunächst zur Veröffentlichung von Kelch und Schwert. Unsere Geschichte, unsere Zukunft, worin ich eine mehrdimensionale Betrachtungsweise der Menschheitsgeschichte einführe, um zum Kern dessen vorzustoßen, was uns in unserer kulturellen Entwicklung vorantreibt bzw. zurückwirft.1 Im Rahmen dieser Forschung entstanden auch weitere Bücher, in denen ich das Thema Geschlechter und Macht aus dieser Perspektive untersuchte.2 Hier wende ich diese wissenschaftliche Herangehensweise auf die Wirtschaft an und schließe so den Kreis meiner Nachforschungen über Geschlechtlichkeit, Macht und Geld – von denen es heißt, sie würden die Welt am Laufen halten.
Meine Analyse der Wirtschaft bezieht sich auf aktuelle Ergebnisse aus der Erforschung evolutionärer Systeme und stützt sich auf die aus meiner Sicht besten Forschungsarbeiten auf dem Feld der Wirtschaftswissenschaften. Meine offizielle akademische Ausbildung habe ich nicht in Wirtschaftswissenschaft absolviert, sondern auf dem Gebiet der Rechts- und Sozialwissenschaften und der Anthropologie. Das macht mich zur Außenseiterin, was sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringt. Der Vorteil besteht darin, dass ich dadurch weniger vorgefasste Vorstellungen in meine Betrachtung der Wirtschaft mit einbringe – was einer der Gründe ist, warum Fortschritte in den unterschiedlichsten Disziplinen häufig von Außenseitern erzielt werden.
Mein Ansatz besteht darin, aus mehreren Fachströmungen zu schöpfen. Diese Forschungsmethode findet immer stärkere Verbreitung, denn wenn wir angemessen auf die Herausforderungen unserer komplexen Welt reagieren wollen, müssen wir zahlreiche Wissensgebiete miteinander verknüpfen. Bei dieser breit angelegten Analyse werden Themenbereiche – darunter auch kulturelle Überzeugungen und gesellschaftliche Institutionen – untersucht, die oberflächlich betrachtet nicht mit der Wirtschaft in Zusammenhang stehen und von der konventionellen Wirtschaftswissenschaft meistens nicht berücksichtigt werden. Besondere Beachtung schenkt diese Analyse den Überzeugungen davon, was wertvoll ist und was nicht. Zu den untersuchten Themenbereichen gehören Beziehungen, Männer und Frauen, Familie und Arbeit, Technik, Politik und all die vielen anderen Themen, die miteinander verknüpft sind und aus denen die lebendige Wirtschaft auf unserem vernetzten und zunehmend gefährdeten Planeten besteht. Tatsächlich werden Themenbereiche betrachtet, die in konventionellen Wirtschaftsanalysen völlig fehlen, wie zum Beispiel die frühe Eltern-Kind-Beziehung und die Beziehung zwischen der weiblichen und der männlichen Hälfte der Menschheit sowie die tiefgreifenden Auswirkungen, welche diese auf die Werte und die Interaktionen von Menschen haben – auch in Hinblick auf die Wirtschaft. Außerdem findet die Betrachtung hier aus einem neuen Blickwinkel statt, nämlich unter Berücksichtigung von zwei grundlegenden Beziehungsmodellen: dem von gegenseitigem Respekt getragenen Partnerschaftssystem und dem auf Hierarchie basierenden Dominanzsystem.
Frühere gesellschaftswissenschaftliche Kategorien, die mit Gegenüberstellungen wie rechts und links, religiös und säkular, Ost und West, industrialisiert und prä- oder postindustriell arbeiten, fokussieren jeweils nur Teilaspekte einer Gesellschaft, beispielsweise technologische Entwicklungen oder Fragen der geographischen oder ideologischen Ausrichtung. Das macht eine tatsächlich systemumfassende Untersuchung unmöglich. Das Partnerschaftssystem und das Dominanzsystem umfassen die Gesamtheit gesellschaftlicher Überzeugungen und Institutionen – angefangen bei der Familie über Bildung und Religion bis hin zu Politik und Wirtschaft. Das heißt, sie beschreiben umfassende soziale Strukturen, die aus dem herkömmlichen, auf enger gefassten Kategorien basierenden Blickwinkel nicht erkennbar waren.
Der Psychologe Robert Ornstein schreibt in seinem Buch Die Psychologie des Bewusstseins, dass Phänomene für uns nur schwer wahrnehmbar sind, wenn wir sie keiner Kategorie zuordnen können: Sprache stelle ein beinahe unbewusst festgelegtes Kategoriensystem dar, das es den Sprechenden ermöglicht, Erfahrungen auszublenden, die außerhalb dieses gemeinsamen Kategoriensystems liegen.3
Für einen Systemwandel brauchen wir Kategorien, die nicht einfach die grundlegenden Bereiche unserer Gesellschaft außer Acht lassen. Die Kategorien des Partnerschafts- und Dominanzsystems erfüllen diesen Anspruch. Sie umfassen die grundlegenden Werte und Institutionen einer Gesellschaft, sowohl in dem von uns als Privatsphäre bezeichneten Bereich der Familie und anderer enger Beziehungen als auch im öffentlichen Leben wie den lokalen, nationalen und internationalen Gemeinschaften. Von vorrangiger Bedeutung ist jedoch, dass sich mithilfe dieser Modelle beschreiben lässt, welche Werte und Institutionen diese beiden grundverschiedenen Beziehungsmuster jeweils fördern oder hemmen, und zwar in sämtlichen Lebensbereichen – einschließlich der Wirtschaft.
2.2 Das Dominanz- und das Partnerschaftssystem
In Dominanzsystemen gibt es in Beziehungen nur zwei Möglichkeiten: Man ist übergeordnet oder untergeordnet. Die Übergeordneten kontrollieren die Untergeordneten – sei es in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Gesellschaft. Wirtschaftspolitik und -praxis sind darauf ausgerichtet, den Übergeordneten auf Kosten der Untergeordneten Vorteile zu verschaffen. Es herrschen hohe Anspannung und ein Mangel an Vertrauen, weil das System vornehmlich durch Angst und Zwang aufrechterhalten wird.
Fürsorge und Mitgefühl müssen unterdrückt und abgewertet werden, um die Hierarchien aufrechtzuerhalten. Das beginnt in den Familien und reicht bis in Politik und Wirtschaft. Aus diesem Grund besteht einer der Grundpfeiler einer Caring Economy aus Überzeugungen und Institutionen, die sich stärker an einem Partnerschaftssystem orientieren.
In einem Partnerschaftssystem werden Beziehungen gestärkt, die von gegenseitigem Respekt und Fürsorge geprägt sind. Auch hier gibt es Hierarchien, um die Funktionalität des Systems zu wahren, aber ich nenne diese Hierarchien »funktionelle Hierarchien«4, denn anders als bei »dominanzgeprägten Hierarchien«5 gelten Rechenschaftspflicht und Respekt hier wechselseitig und nicht nur von unten nach oben. Außerdem sind die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen so gestaltet, dass alle Ebenen teilhaben und Einfluss nehmen können. In einem Partnerschaftssystem ermutigen, inspirieren und stärken Führungskräfte, anstatt zu kontrollieren und zu schwächen. Wirtschaftspolitik und -praxis in einem Partnerschaftssystem sind darauf ausgerichtet, unseren überlebensnotwendigen Grundbedürfnissen sowie unserem Bedürfnis nach Gemeinschaft, Kreativität, Sinnhaftigkeit und Fürsorge – oder anders ausgedrückt: der bestmöglichen Entfaltung unseres menschlichen Potenzials – gerecht zu werden.
Keine reale Gesellschaft beruht auf einem reinen Partnerschafts- oder Dominanzsystem, sondern enthält immer Anteile beider Systeme. Dennoch ist die allgemeine Lebensqualität in Ländern, die sich an einem Partnerschaftssystem orientieren, höher als in Ländern, die mehr Anteile eines Dominanzsystems aufweisen – wie im Folgenden am Beispiel der nordeuropäischen Länder gezeigt wird. Und das ist kein Zufall – es ist bekannt, dass in den Ländern des Nordens Fürsorge und Care-Arbeit durch die Politik sichtbar gemacht und wertgeschätzt werden.
In den aktuellen Wirtschaftsmodellen gibt es zwar partnerschaftliche Elemente – doch viele unserer globalen Probleme resultieren daraus, dass sowohl kapitalistische als auch kommunistische Wirtschaftssysteme stark dominanzgeprägt sind.
Obwohl es große Unterschiede zwischen kapitalistischen und kommunistischen Wirtschaftssystemen gibt, werden in beiden sowohl die natürlichen Ressourcen als auch die Produktionsmittel von »den Oberen« kontrolliert – was auf Mensch und Natur gleichermaßen negative Auswirkungen hat. Im Sowjet-Kommunismus übten das politische Establishment sowie die großen, von der Regierung gelenkten Staatsbetriebe eine hierarchische, auf Angst und Zwang basierende Kontrolle aus und verursachten Umweltprobleme, deren bekanntestes Beispiel die Tschernobyl-Katastrophe darstellt. Auch im aktuellen, an den USA orientierten Kapitalismus arbeiten Regierungen und Konzerne Hand in Hand. Mithilfe von Wahlkampfspenden, machtvollem Lobbyismus und anderen Maßnahmen üben Unternehmen enormen Einfluss auf Regierungen und damit auch auf die Wirtschaftspolitik und -praxis aus, was unter anderem in einer mangelhaften Umweltpolitik resultiert.
Diese hierarchische Kontrolle war typisch für frühere feudalistische und monarchische Gesellschaften, als ein noch sehr viel ausgeprägteres Dominanzsystem herrschte. Tatsächlich stammen viele Grundannahmen, auf denen unsere aktuelle Wirtschaftspolitik und -praxis beruhen, aus Zeiten, als Könige über Untertanen regierten und jedem, der von Freiheit und Gleichheit redete, grausame öffentlich inszenierte Foltermaßnahmen und Hinrichtung drohten. Diese Zeiten, in denen despotische Väter über die Familien herrschten und despotische Adlige und Könige über Stadtstaaten, Lehen und Länder, sind noch gar nicht so lange her – und wir haben sie keineswegs und nirgendwo auf der Welt vollständig hinter uns gelassen.
Aus diesen sehr viel ausgeprägteren Dominanzgesellschaften mit ihrer breiten Unterschicht aus Sklaven, Leibeigenen und später fast völlig verarmten Fabrikarbeitern stammt die heute noch immer verbreitete Annahme, dass die Angst vor Schmerz und Mangel der Hauptgrund dafür sei, dass Menschen arbeiten. Und noch heute wird die Wirtschaftswissenschaft in weiten Kreisen als eine Wissenschaft definiert, die sich damit beschäftigt, eine begrenzte Anzahl von Gütern in einer Welt unbegrenzter Bedürfnisse zu verteilen.6
Diese Definition basiert auf zwei Grundannahmen: unausweichlichem Mangel und einer dem Menschen inhärenten Gier, die zu unbegrenzten Wünschen und Forderungen führt. Tatsächlich ist es so, dass diese Definition nicht die Wirtschaft an sich beschreibt, sondern die Wirtschaft in einem Dominanzsystem. Und selbst hier halten diese Grundannahmen einer näheren Überprüfung nicht stand.
Zwar kommt es manchmal vor, dass Naturereignisse einen Mangel verursachen, aber in dominanzgeprägten Wirtschaftssystemen wird Mangel – und damit Leid und Angst – systematisch künstlich erzeugt und aufrechterhalten und zwar durch eine ungleiche Verteilung der Ressourcen zugunsten der oberen Gesellschaftsschichten, durch hohe Rüstungsinvestitionen, durch fehlende Investitionen in die menschlichen Grundbedürfnisse, durch rücksichtslose Ausbeutung der Natur sowie durch Verschwendung natürlicher und menschlicher Ressourcen durch Kriege und andere Formen der Gewalt – all dies Charakteristika eines Dominanzsystems.
Darüber hinaus ist es in Dominanzsystemen schwierig, unsere menschlichen Grundbedürfnisse – darunter auch unser Bedürfnis nach Wertschätzung, Fürsorge, Liebe, Anerkennung und Lebenssinn – zu befriedigen, sodass Menschen in diesen Systemen kaum Zufriedenheit finden können. Auf diesem Weg erzeugt ein Dominanzsystem künstlich Gier und den unersättlichen Wunsch nach mehr materiellem Besitz und Status. Dieses Gefühl, niemals genug zu bekommen, wird heute noch von Werbekampagnen angefacht, die künstliche und zum Teil schädliche Bedürfnisse und Wünsche generieren.
Wenn man den Einfluss dieser künstlich geschaffenen Mangelgefühle und der ebenso künstlich generierten Bedürfnisse und Wünsche in die Betrachtung miteinbezieht, zeigt sich ein ganz anderes Bild von Angebot und Nachfrage, als es uns in den üblichen Darstellungen des Wirtschaftsgeschehens präsentiert wird. Der Marktwert einer Sache wird also oft von Dynamiken verzerrt, die auf Vorannahmen aus Dominanzsystemen beruhen und verhindern, dass die tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse befriedigt werden.
Außerdem herrscht in Dominanzsystemen und damit auch in der Wirtschaft von Dominanzsystemen typischerweise eine Kultur des Misstrauens und der Feindseligkeit, wobei den Übergeordneten unbedingter Respekt und Gehorsam gezollt werden müssen.
Der in Dominanzsystemen verbreitete Mythos, dass Menschen grundsätzlich böse und selbstsüchtig seien und daher einer strikten hierarchischen Kontrolle unterworfen werden müssten, gehört zu den Grundpfeilern des dominanzgeprägten Denkens. Er findet sich sowohl in der religiösen Vorstellung der Erbsünde als auch in den soziobiologischen Theorien über egoistische Gene wieder.
Diese Ansicht über die menschliche Natur ist integraler Bestandteil weit verbreiteter Theorien zur freien Marktwirtschaft, die auf der Annahme beruhen, dass in einem Wirtschaftssystem alle davon profitieren, wenn einfach jeder seine eigenen Interessen verfolgt. Natürlich käme keiner auf die Idee, einem Kind zu erklären, dass alles perfekt funktioniert, wenn jeder nur an sich selbst denkt. Und trotzdem wird diese Vorstellung weiterhin verbreitet – wobei dadurch keineswegs eine freie Marktwirtschaft gefördert wird (die unter solchen Voraussetzungen gar nicht funktionieren könnte), sondern es zu einer Idealisierung der Gier kommt, von der die Wirtschaft in Dominanzsystemen angetrieben wird.
Eine weitere tradierte Grundannahme besteht darin, dass »weiche« Eigenschaften und Tätigkeiten – wie zum Beispiel Friedfertigkeit oder Fürsorge – für die Führung einer Gesellschaft oder Wirtschaft ungeeignet seien. Dazu gehört unter anderem auch die Annahme, Fürsorge und Care-Arbeit seien für die Produktivität hinderlich oder im besten Fall wirtschaftlich irrelevant. Anders ausgedrückt: Wir haben aus der Vergangenheit kulturelle Überzeugungen und Institutionen übernommen, die der Fürsorge und Care-Arbeit nicht zu-, sondern abträglich sind – und das hat zu zahlreichen unrealistischen wirtschaftlichen Theorien, Regeln, Maßnahmen und Praktiken geführt, die uns zunehmend gefährden.
2.3 Das unsichtbare Bewertungssystem
Gäbe es keine Fürsorge für Kinder, Kranke und Alte, dann wäre niemand von uns am Leben. Und wenn niemand sich um unsere alltäglichen Bedürfnisse wie Nahrung, saubere Kleidung und eine wohnliche Unterkunft kümmern würde, wäre es schlecht um uns bestellt. Ohne Fürsorge gäbe es keine Arbeitskräfte, die ihrer Arbeit nachgehen und in Unternehmen tätig sein könnten.
Warum wird dieser elementaren Care-Arbeit also so wenig wirtschaftlicher Wert beigemessen? Warum wurde Rücksichtslosigkeit in Unternehmen systematisch gefördert – gemäß dem alten Rechtsgrundsatz caveat emptor 7 ? Warum werden Menschen, die sich unermüdlich für eine sozialere und gerechtere Gesellschaft einsetzen, oft als »Gutmenschen« oder »sentimentale Spinner« verunglimpft? Und warum gelten Frauen (und zunehmend auch Männer), die sich in der nicht monetären Wirtschaft der Privathaushalte und des Ehrenamtes rund um die Uhr um Kinder, Kranke und Ältere kümmern, immer noch als »wirtschaftlich untätig«?
Die Abwertung der für uns überlebensnotwendigen Care-Arbeit – und die damit einhergehende Abwertung der Fürsorge an sich – entbehrt jeglicher Logik. Sie beruht einzig und allein auf Überzeugungen, die aus einer Zeit stammen, als unsere Gesellschaft noch sehr viel mehr von einem Dominanzsystem geprägt war: einer Form der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisation, die auf von Angst und Zwang gestützten Hierarchien basiert.
Ein Grundpfeiler dieses hierarchischen Systems bestand darin, dass die männliche Hälfte der Menschheit der weiblichen Hälfte übergeordnet war – was dazu führte, dass Männer und stereotyp »Männliches« automatisch als wertvoller betrachtet wurden als Frauen und stereotyp »Weibliches«. Das heißt, im Zuge der Unterordnung der Frauen unter die Männer wurde alles, was mit »echter« Männlichkeit assoziiert war, höher bewertet als das, was typischerweise mit Frauen und Weiblichkeit verbunden wurde, wie zum Beispiel Fürsorge und Care-Arbeit. Dieses Bewertungssystem spiegelt sich in allen Wirtschaftssystemen wider, die Fürsorge und Care-Arbeit nur geringen oder gar keinen Wert zuerkennen – unabhängig davon, ob sie stammesgesellschaftlich, feudalistisch, kapitalistisch, sozialistisch oder kommunistisch organisiert sind.
Die Abwertung von Eigenschaften oder Tätigkeiten, die stereotypisch mit Frauen assoziiert werden, ist integraler Bestandteil der unsichtbaren Bewertungsmaßstäbe in Dominanzsystemen. Selbstverständlich handelt es sich hierbei um Geschlechterstereotype und nicht um etwas, was Männern oder Frauen angeboren ist. Doch diese Stereotype und die Abwertung alles »Weiblichen« sind fest in unsere wirtschaftlichen und sozialen Regeln und Modelle eingebettet, die wir aus früheren, noch stärker dominanzgeprägten Zeiten übernommen haben.
Die aktuellen Wirtschaftskennzahlen wie BIP und BNE spiegeln diese Abwertung wider und setzen sie fort. Und was in diesen Kennzahlen berücksichtigt wird – oder eben nicht – hat direkte Auswirkungen darauf, was in der Politik Berücksichtigung findet. Auf diese Weise hat unser unsichtbares, auf Geschlechterstereotypen basierendes Bewertungssystem unsere Wirtschaftspolitik geformt.
Man kann sich dieses unsichtbare Bewertungssystem wie den nicht sichtbaren Teil eines Eisbergs vorstellen – ein massives Hindernis auf dem Weg zu einer gesünderen, effektiveren und menschlicheren Wirtschaft.

Kapitel 3: Der Doppelstandard in der Wirtschaft
Manchmal sind wir blind für das Offensichtliche – besonders, wenn es um Überzeugungen und Werte geht, mit denen wir aufgewachsen sind. Die Überzeugung, dass eklatante Ungerechtigkeiten naturnotwendig und daher auch moralisch gerechtfertigt seien, geht weit über die Geschlechterungerechtigkeit hinaus und wurde zur Grundlage unterschiedlichster Formen der Unterdrückung. Die daraus resultierende Überzeugung, dass die Unterordnung einer Gruppe unter eine andere naturnotwendig, ja sogar moralisch gerechtfertigt sei, diente als Vorwand für die Unterwerfung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion oder ethnischen Zugehörigkeit. Außerdem wurden so auch Sklaverei, Leibeigenschaft und andere Formen wirtschaftlicher Ausbeutung (kurz: alle Formen sozialer oder wirtschaftlicher Ungerechtigkeit) und darüber hinaus Pogrome, Lynchmorde, Terrorismus und Kriege zwischen Angehörigen unterschiedlicher Religionen und Ethnien gerechtfertigt.
3.1 Blind für das Offensichtliche
Ingroup- und Outgroup-Klassifizierungen sind Dominanzsystemen inhärent. Sie können auf Hautfarbe, Geschlecht, Religion, Ethnie oder anderen Unterscheidungskriterien beruhen. Alle diese Klassifizierungen verstärken einander gegenseitig und verfestigen zudem auch noch zwei für Dominanzsysteme grundlegende Annahmen: Erstens, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, nämlich über- oder untergeordnet zu sein und zweitens, dass Unterschiede mit Überlegenheit und Unterlegenheit gleichzusetzen sind – angefangen bei dem grundlegendsten Unterschied in unserer Spezies, dem Unterschied zwischen Mann und Frau.
Dieses Bild des überlegenen Mannes gegenüber der unterlegenen Frau verinnerlichen Kinder in dominanzgeprägten Familien von klein auf, da ihnen von Unterordnung gekennzeichnete Beziehungen als normal und moralisch richtig vorgelebt werden. Es dient als Vorlage für die Einordnung von Menschen als über- oder untergeordnet und ist daher von grundlegender Bedeutung für die Errichtung und Aufrechterhaltung eines Systems, das darauf ausgerichtet ist Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu verfestigen.
In den vergangenen Jahrhunderten haben Bewegungen für mehr soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit immer wieder versucht, diesen Doppelstandard für Machthabende und Machtlose abzuschaffen. Allerdings konzentrierten sie sich dabei vornehmlich auf die öffentlichen Bereiche der Politik und der Wirtschaft, die – bis vor kurzem – exklusive Männerdomänen waren.
Tatsächlich war es so, dass die bedeutendsten »Väter« des modernen Egalitarismus den Gender-Doppelstandard nicht etwa infrage stellten, sondern im Gegenteil vehement befürworteten. Die Tatsache, dass Frauen aus dem Menschenrechtsideal explizit ausgeschlossen wurden, wird in der Geschichts- und Politikwissenschaft jedoch weitgehend ignoriert.
John Locke, der wichtigste politische Vordenker in Demokratiefragen im 17. Jahrhundert, forderte, dass die autokratischen Monarchen durch in freien Wahlen gewählte Regierungen ersetzt werden sollten. Dabei begehrte Locke gegen die damals vorherrschende Vorstellung auf, nach der die absolute Monarchie ihre natürliche Berechtigung aus der patriarchalischen Familie ziehe. Gleichzeitig beharrte er jedoch weiterhin rigoros darauf, dass es eine »natürliche Grundlage« (a Foundation in Nature) dafür gäbe, dass Frauen rechtlich und traditionell ihren Ehemännern untergeordnet waren.1
Auch der im 18. Jahrhundert lebende und für seinen Einsatz für Freiheit und Gleichheit berühmte Jean-Jacques Rousseau wandte in dieser Hinsicht zweierlei Maß an. Er erklärte, dass Mädchen von klein auf Einschränkungen unterworfen werden sollten, weil »Fügsamkeit« eine Eigenschaft sei, die Frauen ihr Leben lang benötigten, da sie seiner Ansicht nach immer »entweder einem Mann oder dem Urteil der Männer« unterlegen seien und sein sollten.2
Die beiden Vordenker der modernen Demokratie- und Gleichberechtigungsbewegung erkannten diese Absurdität jedoch nicht: Wie kann jemand ernsthaft von einer freien und demokratischen Gesellschaft sprechen, solange die eine Hälfte der Menschheit der anderen untergeordnet ist?
Auch die beiden führenden Wirtschaftsphilosophen des 19. Jahrhunderts waren in dieser männerzentrierten Gesellschaftssicht verfangen. Zwar war Karl Marx und Friedrich Engels die untergeordnete Rolle der Frau bewusst, denn sie beschrieben die Unterdrückung der Frau durch den Mann als »die erste gesellschaftliche Unterdrückung« – allerdings betrachteten sie die »Frauenfrage« (wie viele heutige Sozialisten auch) als zweitrangig.
Obwohl Robert Owen, William Thompson, Anna Wheeler, August Bebel und einige weitere Sozialisten des 19. Jahrhunderts darauf hinwiesen, dass die ungleiche Verteilung des Wohlstands zwischen Frauen und Männern einen bedeutenden Faktor der wirtschaftlichen Ungleichheit darstelle3, erachteten Marx und Engels diese Problematik angesichts der Unterdrückung der Arbeiterklasse als nachrangig.
Dabei wurde im Jahr 1848 nicht nur das Kommunistische Manifest von Marx und Engels veröffentlicht, sondern auch das Feministische Manifest der US-amerikanischen Philosophin und Aktivistin Elizabeth Cady Stanton – doch Marx und Engels ließen diese Dokumentation der wirtschaftlichen Unterdrückung von Frauen unberücksichtigt. Als eine andere US-amerikanische Feministin, Victoria Woodhall, 1860 gegen die Diskriminierung weiblicher Arbeiterinnen in der entstehenden Arbeiterbewegung protestierte, empfahl Marx, die Gewerkschaft solle die Fraktion ausschließen, welche die Frauenfrage über die Arbeiterfrage stelle.4
Für Marx und Engels zählten nur die Klassenunterschiede. Anstatt also einen systematischen Ansatz zu wählen, der die Gesamtheit der Menschen betrachtet, lag ihr Fokus auf den Männern der Arbeiterklasse, über die sie in ihren revolutionären Traktaten leidenschaftlich schrieben. Das, was sie als »Frauenfrage« bezeichneten, sollte warten, bis das kapitalistische System zerstört war.
Da Marx und Engels alles, was Frauen betraf, als zweitrangig betrachteten, schenkten sie auch der stereotypisch mit Frauen assoziierten Fürsorge und Care-Arbeit wenig Aufmerksamkeit und erkannten daher auch nicht, wie stark die Wirtschaft, die sie doch menschlicher machen wollten, durch die Abwertung von Fürsorge und Care-Arbeit entmenschlicht wurde. Obwohl sie sich für wirtschaftliche Gerechtigkeit einsetzten, waren sie blind dafür, dass der für Männer und Frauen verwendete Doppelstandard nicht nur auf Frauen negative Auswirkungen hatte, sondern auf das gesamte Gesellschafts- und Wirtschaftssystem.
Allerdings ist ihre Blindheit gegenüber diesem Doppelstandard kein Einzelfall, sondern so verbreitet, dass sie die Weltsicht der meisten von uns trübte und trübt.
3.2 Geschichten, mit denen wir leben und sterben
Unser Leben wird von Geschichten bestimmt: Sie sagen uns, ob etwas natürlich oder unnatürlich, möglich oder unmöglich, wertvoll oder wertlos ist. Wir verinnerlichen diese Geschichten, lange bevor unsere kritischen Fähigkeiten und unsere Gehirne sich vollständig entwickelt haben. Deshalb neigen wir dazu, die darin enthaltenen Botschaften als unabänderliche Wahrheiten zu akzeptieren – und eine der Hauptbotschaften dieser überlieferten Geschichten ist die Abwertung von einer Hälfte der Menschheit und allem, was mit ihr assoziiert wird.
Ich wuchs in Zeiten auf, in denen der Glaube an die Unterlegenheit der Frau gegenüber dem Mann in den USA noch fest verankert war. Noch in den 1950ern reagierten die Leute auf die Geburt eines Mädchens mit dem Spruch: »Hoffentlich wird es das nächste Mal ein Junge.«
Die überlieferte Angewohnheit, Männerfragen über Frauenfragen zu stellen, ist so tief verwurzelt, dass selbst Menschen, die sich für ihre egalitären Prinzipien rühmen, bei allem, was Frauen anbelangt, oft noch denken, dass es sich dabei »nur um Frauenfragen« handele. Dabei käme selbstverständlich niemand auf den Gedanken, irgendetwas, das die männliche Hälfte der Menschheit anbelangt, als »einfach nur Männerfragen« abzutun.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich noch lebhaft an ein Gespräch mit einem bekannten Menschenrechtsaktivisten, den ich davon zu überzeugen versuchte, dass Frauenrechte Menschenrechte sind. Nachdem er sich meinen leidenschaftlichen Vortrag unter höflichem, zustimmendem Nicken angehört hatte, erklärte er mir, dass er sein Engagement nicht auf Frauenrechte würde ausweiten können, weil er bereits völlig mit so lebenswichtigen Fragen wie politischer Folter und politischem Mord beschäftigt sei. Als ich ihn darauf hinwies, dass es auch bei Frauenrechten um Leben und Tod ginge – die Gewalt gegen Frauen fordert jährlich Hunderttausende Todesopfer – beharrte er darauf, dass es sich dabei lediglich um »Frauenfragen« handele, derer man sich annehmen könne, wenn »wichtigere Probleme« gelöst seien.
Hier muss hinzugefügt werden, dass nicht nur Männer, sondern auch viele Frauen mit zweierlei Maß messen, wenn es um Geschlechterfragen geht: So entscheiden sich viele Frauen in den USA bei politischen Wahlen lieber für männliche als für weibliche Kandidaten – und in anderen Gegenden der Welt hat dieser Gender-Bias sehr viel extremere Auswirkungen:
In zahlreichen Ländern werden Frauen und Mädchen traditionell, rechtlich und politisch immer noch offen diskriminiert. So sind Frauen in vielen Ländern Afrikas, Südostasiens und des Nahen Ostens nicht berechtigt, Land zu besitzen oder sich als Unternehmerinnen selbstständig zu machen. In manchen Ländern dürfen sie sich nicht einmal frei bewegen. Oft kommt es in diesen Gegenden auch vor, dass Eltern ihren Töchtern den Zugang zu Bildung verwehren oder sie, was Nahrung oder Gesundheitsfürsorge anbelangt, gegenüber den Söhnen benachteiligen.5
Dieser Doppelstandard bei der Ernährung, der oft von Müttern auf die eigenen Töchter angewandt wird, hat direkte Auswirkungen auf die weibliche Sterberate. Laut dem Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Amartya Sen starben in Indien im Jahr 1990 ein Viertel der indischen Mädchen, bevor sie ihr fünfzehntes Lebensjahr erreicht hatten.6 Auch in anderen Ländern der Welt liegt die Sterblichkeitsrate von Mädchen deutlich höher als die von Jungen. Laut einem 1991 veröffentlichten UN-Sonderbericht über Frauen starben in Pakistan pro Jahr von 1000 Personen im Alter von zwei bis fünf Jahren 54,4 Mädchen und 36,9 Jungen. In Haiti waren es 61,2 Mädchen im Vergleich zu 47,8 Jungen, in Thailand 26,8 im Vergleich zu 17,3 und in Syrien 14,6 im Vergleich zu 9,3.7
Dadurch, dass wir diese Fragen als »Frauenfragen« abtun, werden wir blind für das Offensichtliche: Wenn Frauen und Mädchen weniger zu essen bekommen, leiden nicht nur Mädchen, sondern auch Jungen darunter. Es ist allgemein bekannt, dass Kinder von unterernährten Frauen oft in schlechtem Gesundheitszustand und mit unterentwickeltem Gehirn zur Welt kommen. Wenn Frauen und Mädchen in Hinblick auf Ernährung und Gesundheitsfürsorge benachteiligt werden, dann werden alle Kinder – egal ob männlich oder weiblich – ihres Geburtsrechts beraubt, nämlich ihres Potenzials für eine optimale Entwicklung.
Die Geschlechterdiskriminierung verursacht nicht nur enormes Leid und Unglück, sondern behindert auch massiv die menschliche und wirtschaftliche Entwicklung. So hat sie direkte Auswirkungen auf die Erwerbsbevölkerung, denn sie beeinträchtigt die Fähigkeit von Kindern – also langfristig auch Erwachsenen –, sich an neue Bedingungen anzupassen und Frustrationstoleranz zu entwickeln. Außerdem begünstigt sie gewalttätige Tendenzen. Diese Konsequenzen der Geschlechterdiskriminierung erschweren es, Lösungen für Probleme wie chronischen Hunger, Armut und bewaffnete Konflikte zu finden und Voraussetzungen für eine menschlichere, glücklichere und friedlichere Welt zu schaffen.
In den meisten Ländern erfährt auch die traditionell von Frauen geleistete Care-Arbeit nur wenig bis keine Unterstützung. So gibt es zum Beispiel nur in wenigen Ländern Beihilfen für Familien mit Kindern. In vielen Ländern wird Care-Arbeit selbst dann nur geringer Wert beigemessen, wenn sie innerhalb der Marktwirtschaft erfolgt – und gar keiner, wenn sie privat in Haushalten geleistet wird.
Betrachtet man diese Faktoren vor dem Hintergrund der traditionellen Diskriminierung von Frauen und Mädchen in Bildung, Gesundheitsfragen, Wirtschaft und sogar Ernährung, wundert es einen nicht, dass Frauen und Kinder weltweit die größte Gruppe im Heer der Armen bilden und hier zu den Ärmsten der Armen gehören.
Solange wir in Wirtschaft und Gesellschaft diesen Gender-Doppelstandard verwenden, ist es unrealistisch zu erwarten, dass sich etwas Grundlegendes an der Armutsrate in der Welt ändert, denn solange Frauen und alles, was mit Frauen assoziiert wird, eine Abwertung erfahren, werden Frauen und Kinder das Heer der Armen in der Welt weiter anwachsen lassen.8
Das bedeutet nicht, dass die auf dem Geschlecht basierenden wirtschaftlichen Ungleichheiten gravierender wären als die wirtschaftlichen Ungleichheiten, die auf der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht oder Ethnie oder anderen Faktoren beruhen. Doch wie oben bereits erwähnt, ist das Bild des überlegenen Mannes gegenüber der unterlegenen Frau ein Grundmuster für die Einteilung der Menschheit in »Unter- und Übergeordnete«, das bereits Kinder in dominanzgeprägten Familien verinnerlichen. Und solange Menschen solche mentalen Kategorien in sich tragen, ist es unrealistisch, irgendwelche Änderungen bezüglich des Ingroup-versus-Outgroup-Denkens zu erwarten, das so viel Ungerechtigkeit und Leid verursacht.
Ebenso wenig können wir ernsthaft auf eine allgemein mehr auf Fürsorge basierende Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik hoffen, solange die überlebensnotwendige, von Männern und Frauen geleistete Fürsorge und Care-Arbeit weiterhin als »bloße Frauenarbeit« abgewertet wird. Solange Fürsorge gesellschaftlich nicht mehr Anerkennung findet, wird sie auch in der Wirtschaftspolitik und -praxis nicht als wertvoll betrachtet werden.
Hier möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass ich – wenn ich von Fürsorge und Care-Arbeit als »Frauenarbeit« spreche – lediglich herkömmliche Überzeugungen wiedergebe, die wir aus Zeiten übernommen haben, in denen die Geschlechterrollen sehr viel rigider festgelegt waren. Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der nicht nur Frauen Fürsorge leisten, sondern eine Gesellschaft, in der Frauen gleiche Berufs- und Erwerbschancen haben wie Männer und sich Frauen und Männer die Care-Arbeit teilen. Anders ausgedrückt: Ziel ist ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem Frauen nicht länger aus Bereichen ausgeschlossen sind, die traditionell Männern vorbehalten waren, und in dem Fürsorge und Care-Arbeit nicht länger als reine Frauensache oder als etwas für »verweiblichte« Männer betrachtet wird.
Außerdem möchte ich noch einmal betonen, dass die Sichtbarmachung und Anerkennung von Fürsorge allein unsere globalen Probleme nicht lösen wird. Wie wir sehen werden, ist der Wandel von einem Dominanz- zu einem Partnerschaftssystem sehr viel komplexer. Es ist allerdings von entscheidender Bedeutung, dass wir aufhören, die Geschlechter mit zweierlei Maß zu messen, denn nur dann kann ein solcher Wandel stattfinden.
Kurz gesagt: Wenn ich hier über die Abwertung der Frauen und des »Weiblichen« berichte, sollen dadurch nicht die Männer für die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Missstände in unserer Welt verantwortlich gemacht werden. Wir sehen uns hier Traditionen gegenüber, die nicht nur Frauen, sondern auch Männer schädigen – natürlich leiden besonders die Frauen darunter, aber letztendlich sind wir alle davon betroffen.
3.3 Die Entfremdung der Care-Arbeit
Als Marx und Engels den Sozialismus als Alternative zum Kapitalismus forderten, schrieben sie auch über die Entfremdung der Arbeit.9 Sie erklärten, dass die Abwertung und Ausbeutung der Industrie- und Landwirtschaftsarbeiter die Wurzel der wirtschaftlichen Ungerechtigkeit darstelle. Bei meiner Forderung nach einer Wirtschaftsform, die über Kapitalismus und Sozialismus hinausgeht, verweise ich auf die Entfremdung der Care-Arbeit und benenne die Abwertung und Ausbeutung dieser grundlegenden Arbeit als Hauptfaktor für wirtschaftliche Ungerechtigkeit.10
Die Abwertung und Ausbeutung von Care-Arbeit gehen auf Zeiten zurück, in denen der weibliche Körper und die weibliche Arbeitskraft als männliches Eigentum galten.11 Infolgedessen waren Frauen und alles, was mit ihnen assoziiert wurde, in der Wirtschaftstheorie im Grunde genommen unsichtbar und der Fokus der Wirtschaftsdenker lag auf den Transaktionen zwischen Männern.
Sowohl Adam Smith als auch später Marx ordneten die von Frauen in Haushalten geleistete Care-Arbeit eher dem zweitrangigen Bereich der Reproduktion als dem Produktionsbereich zu und räumten dieser »Frauenarbeit« in ihren umfangreichen Werken nur minimalen Platz ein. Das Versäumnis, die stereotypisch als weiblich betrachtete Care-Arbeit in Wirtschaftstheorien und -modellen sichtbar zu machen, hat bis heute noch direkten negativen Einfluss auf wirtschaftliche Kennzahlen und Praktiken sowie die Wirtschaftspolitik.
Manche werden nun sagen, dass Care-Arbeit sehr wohl wertgeschätzt wird und dabei auf die Blumen und Süßigkeiten zu Muttertag und die traditionelle Anerkennung der mütterlichen Arbeit verweisen. Doch in der Realität erfährt Mutterschaft keine Wertschätzung. Wäre es nämlich so, dann läge in den USA die Armutsrate älterer Frauen – von denen die Mehrheit Mütter sind – nicht deutlich höher als die älterer Männer.12 Dasselbe lässt sich für den deutschen Kontext feststellen.13 Und Frauen und Kinder würden dann auch nicht die Mehrheit der Armen in der Welt stellen.
3.4 Wirtschaftskennzahlen, die Fürsorge und Care-Arbeit berücksichtigen
Das Problem ist also nicht wissenschaftlicher oder technischer Natur. Es besteht vielmehr in der uns überlieferten, tief verwurzelten Dominanzkultur, die mit zweierlei Maß misst und in der Fürsorge und Care-Arbeit wenig bis gar nichts gelten – unabhängig davon, ob es sich um Fürsorge gegenüber anderen Menschen oder gegenüber unserer Mitwelt handelt.
Manche Menschen denken, es sei unmöglich, die in Haushalten und anderen Wirtschaftsbereichen unbezahlt geleistete Care-Arbeit bei der wirtschaftlichen Bewertung mit zu berücksichtigen, da sie jenseits des Marktes stattfindet. Aber obwohl sich tatsächlich nicht alle Aspekte der Care-Arbeit in Geldwert erfassen lassen, ist es angesichts der Faktenlage schlichtweg falsch zu sagen, der wirtschaftliche Wert dieser Arbeit könne überhaupt nicht gemessen werden.
Bereits in den 1930ern zeigte die Wirtschaftswissenschaftlerin Margaret Reid, wie man die unbezahlte Arbeit in den Haushalten statistisch erfassen kann.14 Und wie Marilyn Waring in ihrem grundlegenden Werk If Women Counted darlegt, waren bis zu den 1980ern bereits mehrere Methoden entwickelt worden, um die jenseits des Marktes geleistete Arbeit quantitativ zu erfassen.15
Anfang der 1990er stellte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) drei Methoden vor, mit denen die außerhalb des Marktes in den Haushalten geleistete Arbeit und Produktion gemessen werden kann.16 Ein Ansatz war die Opportunitätskostenmethode. Diese basierte auf den entgangenen Gehaltsmöglichkeiten einer Frau, die sich – anstatt einer Erwerbstätigkeit nachzugehen – um ihre Kinder oder Eltern kümmert, Subsistenzwirtschaft betreibt oder andere unbezahlte Arbeit verrichtet. Dem zweiten Ansatz lag ein weltweiter Vergleich zugrunde, der auf dem marktüblichen Gehalt einer angestellten Hauswirtschafterin basierte (was meines Erachtens eine unzulängliche Methode ist, da der Hausarbeit auf dem Markt ein so geringer Wert beigemessen wird). Der dritte Ansatz bediente sich der Ersatzkostenmethode, die den Wert der Haushaltstätigkeiten misst, indem sie eine Kombination der marktüblichen Gehälter in Gastronomie, Pflege, Gartenbau und anderen Berufen zugrunde legt. Diese Methode wurde 2012 für den Australian Report verwendet, der zeigte, dass die (immer noch hauptsächlich von Frauen geleistete) Care-Arbeit in Haushalten gut 50 Prozent des australischen BIP ausmachen würde – wenn sie denn bei dessen Berechnung berücksichtigt würde.17
Zusätzlich zu diesen inputbasierten Methoden, die den Wert der Hausarbeit am Input wie zum Beispiel den Arbeitsstunden messen, hat das Internationale Forschungs- und Ausbildungsinstitut zur Förderung der Frau (INSTRAW) der Vereinten Nationen auch eine andere, outputbasierte Methode vorgeschlagen. Bei dieser Methode wird die Produktivität der Haushalte anhand des Marktwerts der von diesen zur Verfügung gestellten Produkten und Dienstleistungen gemessen. Als Grundlage dienen zum Beispiel die Preise für Mahlzeiten in einem Restaurant, professionelle Schülerhilfe und so weiter.
Bereits 1985 wurde auf der Internationalen Weltfrauenkonferenz in Nairobi gefordert, dass die von Frauen unentgeltlich geleistete Arbeit in allen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen berücksichtigt werden müsse. Diese Forderung wurde auf der UN-Frauenkonferenz im Jahr 1995 in Peking wieder aufgegriffen und verstärkt, was auch im UN-Bericht über die menschliche Entwicklung von 1995 seinen Ausdruck fand – dieser beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit Frauen und mahnte die Berücksichtigung der von Frauen unentgeltlich geleisteten Arbeit in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen an.
In dem UN-Bericht wird der Wert dieser von Frauen unentgeltlich geleisteten Arbeit auf atemberaubende 11 Billionen US-Dollar pro Jahr geschätzt. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass »die Politik den ›unsichtbaren‹ Beitrag von Frauen nicht mehr wird ignorieren können, wenn die volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen diesen vollständig wiedergeben«. Weiter steht in dem Bericht, dass »Frauen mehr Stunden als Männer arbeiten und sich in den meisten Gesellschaften wahrscheinlich als die Hauptversorgenden oder zumindest als ebenbürtige Versorgenden herausstellen würden, wenn ihre unbezahlte Arbeit angemessen bewertet würde.«18
Auf Druck von Frauenorganisationen und der UN-Weltfrauenkonferenz empfahlen die Vereinten Nationen 1993 deutliche Änderungen bei der Erstellung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung: In einem neuen Berechnungssystem sollte die in Haushalten geleistete Arbeit in einem »Satellitenkonto« miteinbezogen werden. Das sind wichtige Schritte auf dem Weg zu einer realistischeren internationalen Wirtschaftsbewertung, denn daran zeigt sich, dass es im Grunde genommen eine politische Frage und keine Frage statistischer Möglichkeiten ist, ob unbezahlte Care-Arbeit in Haushalten in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einbezogen wird oder nicht.
In Kapitel 9 werde ich neue Kennzahlen vorstellen, die vom Center for Partnership Studies entwickelt wurden. Es handelt sich dabei um wirtschaftliche Kennzahlen, die den sozialen Wohlstand messen und den wirtschaftlichen Wert von Care-Arbeit sowohl in der Marktwirtschaft als auch in den anderen Wirtschaftssektoren sichtbar machen. Die von dem Zentrum bereits 1996 durchgeführte Studie Women, Men, and the Global Quality of Life verglich anhand von Statistiken aus 89 Ländern Kennzahlen zum Status von Frauen mit Kennzahlen zur Lebensqualität und zeigte, dass der Status von Frauen aussagekräftige Rückschlüsse auf die allgemeine Lebensqualität eines Landes erlaubt.19
Der Zusammenhang zwischen dem Status von Frauen und der allgemeinen Lebensqualität in einer Gesellschaft wurde auch durch andere Studien bestätigt, unter anderem durch die World Values Survey, die umfangreichste internationale Umfrage zum Thema Wertvorstellungen und deren Wechselspiel mit Wirtschaftsentwicklung und politscher Struktur.20 Auch Ronald Inglehart, Pippa Norris und Christian Wetzel beziehen sich in »Gender Equality and Democracy« auf die Ergebnisse des World Survey 2000 und stellen fest, dass (zusammen mit anderen gesellschaftlichen Veränderungen, die mit einem höheren Status von Frauen einhergehen) eine »Feminisierung des Führungsstils« in engem Zusammenhang mit der Verbreitung demokratischer Institutionen sowie mit einem Wandel der traditionellen autoritären Kindererziehung steht, was wiederum mit zunehmendem gegenseitigem Vertrauen, weniger Abhängigkeit von äußeren Autoritäten und einem wachsenden subjektiven Wohlbefinden sowie einem höheren Lebensstandard verbunden ist.21
Werden in einer Gesellschaft Fürsorge und Care-Arbeit jedoch abgewertet, weil sie mit der »untergeordneten« weiblichen Hälfte unserer Spezies assoziiert werden, dann zeigt sich dort ein allgemein geringeres Maß an Fürsorge in Politik und Praxis. Dabei erfährt nicht nur »Frauenarbeit« wie die Pflege von Kindern, Alten und Kranken weniger Unterstützung, sondern Politik und Praxis weisen auch Defizite in den Bereichen Umweltschutz, Demokratie und Gerechtigkeit auf.
Dieser Mangel an Fürsorge kommt uns wirtschaftlich teuer zu stehen: Hohe Kosten für das Strafvollzugssystem und die Polizeikräfte sowie enorme Unternehmenseinbußen durch Produktivitätsverluste sind lediglich der am deutlichsten erkennbare Preis, den wir gesellschaftlich, wirtschaftlich und menschlich für den Mangel an Fürsorge zahlen. Und dennoch versagen die aktuellen wirtschaftlichen Kennzahlen nicht nur, wenn es darum geht, diese Verluste zu berücksichtigen, sondern sie unterschlagen auch die enormen Gewinne, die eine Gesellschaft durch die von Männern und Frauen geleistete Fürsorge und Care-Arbeit erhält. Und solange Politiker dies nicht begreifen, werden sie eine verzerrte Wahrnehmung dessen haben, was wirtschaftlich produktiv ist.
Eigentlich bräuchten wir keine Statistiken, um zu zeigen, dass Care-Arbeit die wertvollste, elementarste und menschlichste Tätigkeit ist. Ohne Fürsorge sterben wir, mit Fürsorge überleben wir nicht nur, sondern können auch unser Potenzial voll entfalten. Aber was nicht gemessen wird, fließt nicht in die Bewertung mit ein, und solange etwas nicht bewertet wird, wird ihm auch kein Wert beigemessen. Wenn Fürsorge und Care-Arbeit wirklich Wertschätzung erfahren, wird dies ein großer Beitrag zum menschlichen Glück und zur menschlichen Erfüllung sein sowie ein Grundstein für eine reichere, gerechtere und nachhaltigere Zukunft.
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