Kitabı oxu: «Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren»

Şrift:

Ricarda Huch

Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren

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2021 OK Publishing

EAN 4066338117441

Inhaltsverzeichnis

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

XXXI

XXXII

XXXIII

XXXIV

XXXV

XXXVI

XXXVII

XXXVIII

XXXIX

I

Inhaltsverzeichnis

Von Martin Luther, welcher die Anlagen hatte, ein großer Mensch zu werden, heißt es, daß er eines Tages habe zusehen müssen, wie ein im Gespräch neben ihm wandelnder Mann vom fallenden Blitz jäh erschlagen wurde. Dieses Erlebnis soll ihn im Gemüte so erschüttert haben, daß er sich von der Welt abkehrte, Mönch wurde und ins Kloster ging, worin er leider nicht verblieben ist. So ist es mir ergangen, wenn auch der Blitz, den ich blindlings niederfahren sah, nicht der äußerlichen Welt angehörte; aber er war nicht minder vernichtend.

Ich sah auf einmal, wie ich jetzt ausführlich beschreiben will, daß es nichts und gar nichts gibt, was im Leben einen festen Stand hat. Das Leben ist ein grundloses und ein uferloses Meer; ja, es hat wohl auch ein Ufer und geschützte Häfen, aber lebend gelangt man dahin nicht. Leben ist nur auf dem bewegten Meere, und wo das Meer aufhört, hört auch das Leben auf. Wie wenn eine Koralle aus dem Meere tritt, so erstirbt sie. Und wenn man die schönen, glasbunten Quallen aus dem Wasser nimmt, so hat man eine scheußliche Gallerte in der Hand. Nun, meine ich, ist es so mit den Menschen und dem Leben: man kann wohl Ruhe und Sicherheit erlangen, aber nur, wenn man auf das Leben mit seinem fröhlichen Wellenspiel, seinen wechselnden Farben, seinen tollen Stürmen verzichtet. Viele meinen, und besonders die jungen Leute und alte, die nichts erlebt haben, inmitten der unaufhaltbaren Bewegung, wo die erste Welle im Augenblick des Werdens schon mit der zweiten verschmilzt und so fort, und der vergangene und der nächste Augenblick so zwillingsmäßig miteinander verwachsen sind, daß sich kein kleinstes Stückchen mit Namen Jetzt oder Gegenwart dazwischen klemmen läßt, gäbe es so allerhand ewige Felsen. Damit meint man Liebe und Freundschaft und andere Empfindungen des Herzens; denn diese stimmen einen glücklich und darum gut, und darum hält man sie für heilig. Nun aber, was soll aus diesem kindischen Dinge, dem menschlichen Herzen, Ewiges kommen? dem Springinsfeld, der nie das Stillsitzen lernt in der Schule des Lebens? Das beständig hin und her zittert, als ob es auf allzu langem Stiele säße wie die Blätter der Espe? Es fährt als ein Kähnlein auf dem gewaltigen Lebensmeere umher, und bald schluckt es zuviel Wasser und sinkt und verzagt, bald tragen Wellen es in die Lüfte, daß es sich dem Himmel nähert, und dann jauchzt es voll Übermut und triumphiert. Aber es muß wieder hinunter, und wenn es unten ist, wieder hinauf. Es kann auch eine glatte Bahn durchlaufen oder in eine Meeresstille geraten, daß es still und bange daliegt wie vor dem Magnetberge. Aber wie es auch sei, den Hafen findet es nicht im Meere, Häfen sind am Ufer; das ist das Jenseits.

Mein Boot, welches eine leidlich unscheinbare Fahrt hatte, geriet in einen großen Sturm und Schiffbruch und wurde an den Strand geschleudert. Nicht gemächlich lief ich ein in die Bucht, ich ward ausgespieen wie Robinson. Meine wüste Insel und mein Jenseits ist das Kloster Einsiedeln. Da hause ich nun, und das Leben liegt auf immer dahinten. Aber es ward mir so gut, daß ich, wenn ich auch nicht mehr lebe, doch nicht tot bin, sondern das weite Wasser, das ich durchfuhr, vom Strande aus betrachten und meine Reise bedenken kann. Ich habe immer gefunden, daß das Beschauen das Schönste im Leben sei. Wer in einem prächtigen Umzuge mitgeht, schluckt den Staub ein und schwitzt und würgt hinter seiner Maske; was hat er von seiner eigenen kostbaren Verkleidung und den übrigen Festbildern um sich her? Er sieht es alles nicht, nur etwa das allernächste, und das nicht vollkommen. Wer aber oben auf dem Balkon steht oder nur auf eine Gartentür geklettert ist oder sogar nur aus einer Dachrinne mühselig hervorlugt, der hat es alles vor seinen Augen, als wäre er der Herrgott, und es würde alles ihm vorgeführt eigens zu seiner Lust. - So macht es mir Vergnügen, die Tage meines verflossenen Lebens an mir vorübergehen zu lassen wie eine Prozession. Es wird seltsame Gestalten zu sehen geben, bunte Fahnen, Bilder, Symbole und Schaustücke. Ich kann sie schneller und langsamer gehen heißen je nach Geschmack, und die schönsten und seltsamsten kann ich zu mir heranrufen, um sie genauer zu betrachten und zu betasten. In diesem Sinne schreibe ich die Geschichte meiner Erlebnisse, verborgen vor jedermann; denn eine fromme Legende wird es nicht sein.

Ich will auch von meiner Kindheit und frühen Jugend einiges erzählen; denn wenn man das niedliche Küken nicht kennt, tut man dem Huhne im Urteil unrecht, und der edle Schwan ist einem weniger wert, wenn man nicht weiß, daß er einmal das häßliche junge Entlein gewesen ist. Wer mit einem aufgewachsen ist, sieht im Gesichte immer noch die zarten, guten Züge des Kindes, und wer einmal in einem Museum ein altes Wikingerschiff gesehen hat, der betrachtet unsere Dampfschiffe mit doppelter Neugier und reicheren Gedanken.

II

Inhaltsverzeichnis

Ich bin in einer norddeutschen Hansastadt geboren, einer Stadt, deren ich niemals gedenken kann ohne Verwünschungen und niemals ohne Tränen. Mein Vater war ein begüterter Kaufmann; aus solchen setzt sich dort die angesehene Bevölkerung zusammen. Diese haben meist viele Länder und Völker gesehen und haben sich dadurch weltmännische Gewandtheit erwerben können. Da man sich in der Fremde weniger gehen lassen kann als zu Hause, haben sie sich eine feine Haltung und gefälliges Wesen angewöhnt, wie man es nicht in vielen Kreisen findet; damit machen sie Eindruck, und es erfüllt mich noch mit Behagen, mich im Geiste in eine Gesellschaft solcher Männer zurückzuversetzen. Wenn sie nun auch viele Sorgen haben, so geht doch alles im großen zu, und solange sie überhaupt mitspielen im Leben, haben sie auch Geld und geben es reichlich aus. Eine wahrhaft gediegene Bildung geht ihnen zwar ab, und sie fragen auch nicht danach, obwohl sie um keinen Preis den Anschein derselben missen möchten. Es ging schön und herrlich zu in meiner Jugendzeit, wie bei den Phäaken. In unserm Hause herrschte diese Art zu leben auch, und doch war vieles anders als bei den anderen. Meine Familie von Vaters Seite war auch nicht von jeher einheimisch in dieser Hansastadt gewesen, erst mein Großvater war eingewandert. Meine Vorväter waren Pfarrherren gewesen, wovon zwar nichts mehr an den Nachkommen haften geblieben war, als ein Hang zur Gelehrsamkeit und zu dem, was über diesem Irdischen ist.

Die Ursleuen der alten Zeit waren vielleicht religiöse Schwärmer; die, deren ich mich entsinne, hielten es nicht mehr mit der Religion, wie das denn jetzt dem Zeitgeiste weniger entsprechend ist. Sie beschäftigten sich mit der Poesie, den Künsten und Wissenschaften, nur obenhin zwar und nach der Weise von Laien, aber gerade darum so recht herzlich und voll Begeisterung und gar nicht wie die übrigen Phäaken, nur um es in den Gesellschaften wieder anwenden zu können. Denn wir lebten meist für uns, das will sagen innerhalb der Familie, die nun freilich groß genug war.

Mein Vater, Ludolf Ursleu der Ältere, mußte seine herrlichen Kräfte leider in kaufmännischen Geschäften und Sorgen aufzehren. Aber aus Rücksicht für uns und aus einem gewissen Schönheitssinn ertrug er das alles heimlich für sich. Denn im Herzen hielt er seine Beschäftigung für ein notwendiges Übel zum Zwecke des Gelderwerbens und verachtete sie; man hielt in unserem Hause für die eigentliche Aufgabe des Menschen, das Leben wie ein schönes Gewand oder Schmuckstück zu tragen, das Haupt hoch zu halten und heiter zu sein. Mein Vater mochte das auch darum für das Allerwürdigste halten, weil meine Mutter zur Verwirklichung solcher Auffassung geschaffen schien.

Wie schön war sie! Wenn man sie ansah, dachte man zwar zuerst nicht an das Schöne, denn sie war vollkommen und deshalb weit weniger auffallend als eine, der noch irgend etwas gemangelt hätte. Aber man wurde heiter und froh diesem Antlitz gegenüber, und soviel ich weiß, kam es auch den Frauen nicht in den Sinn, sie um dieses Vorzuges willen zu beneiden. Sie machte niemals Staat mit ihrer Schönheit, obwohl sie großes Vergnügen an ihr hatte; denn sie war in der Art kindlich, wie man es von den wilden Völkern geschildert liest, und wie solche hätte sie sich mit bunten Glasperlen behängen und ihr Spiegelbild im Wasser anlachen können, ohne daran zu denken, daß sie es sei, die da so reizend hervorglänze. Alles was sie sagte und tat war so lauter und urwüchsig wie ein Quell an der Stelle, wo er oben in prächtiger Waldwildnis aus der Erde herausspringt. Ich pflegte sie als Knabe öfters zu betrachten und darüber nachzusinnen, wie sie im Alter aussehen würde; das machte mich nachdenklich, denn ich konnte es mir in keiner Weise vorstellen, ebensowenig wie man sich die Venus von Milo als eine alternde Frau denken kann. Sie schien in Wahrheit den leichtlebenden, unsterblichen Göttern anzugehören. Mein Vater war wohl auch ein starker und schöner Mann, aber Denken und Sorgen und die Jahre gingen doch nicht über ihn hin, ohne ihre Furchen einzugraben. Als ich den Mythus von der Göttin der Morgenröte und ihrem sterblichen Gatten kennen lernte, wie er in ihren rosigen Armen unaufhaltsam welkte, kamen mir immer meine Eltern in den Sinn, weniger wie sie gegenwärtig waren, als wie ich sie mir in der Zukunft dachte. Meiner Mutter selbst wäre ein solcher Vergleich niemals eingefallen, denn sie dachte überhaupt wenig über sich nach, und empfindsam war sie gar nicht. Nichts, weder Liebe noch Haß, hätte bei ihr eine Leidenschaft werden können. Ihre glückliche Natur stand gewissermaßen mit ihrer Schönheit im Bunde; was sie fühlte war nie so heftig, daß es die letztere hätte verletzen können.

Ich, das älteste Kind, wurde nach meinem Vater benannt. Ich glich ihm aber wenig im Innern und Äußern, immerhin doch so viel, um anderen Leuten gegenüber die Gemeinschaft mit ihm stark zu empfinden. Ich hatte leichteres Blut als er. Das war die Ursache, daß ich eine wildere Jugendzeit durchlebte, als er sich je gewünscht oder gestattet hätte; hernach aber, daß meine Jugend rascher von mir abfiel als von ihm und ich ein griesgrämiger Greis wurde in einem Alter, wo er seinerzeit noch ein stattlicher Mann gewesen war.

Nach mir kam meine Schwester Galeide, von der ich auf diesen Blättern am allermeisten zu sprechen haben werde. Weil sie bei weitem nicht so schön war wie meine Mutter, kam ihr Äußeres bei uns nicht in Betracht. Doch war sie im Grunde ein wonnig Ding, weich und rund an allen Gliedern, bequem und wohlig auf dem Schoß zu haben wie eine junge Katze, still und zufrieden. Sie wurde deshalb gehätschelt und verzogen, was sie sich alles gleichmütig gefallen ließ und nur mit geringer Zärtlichkeit erwiderte. Ich muß aber sagen, daß sie auch sehr anhänglich und liebevoll sein konnte, wenn sie einmal eine Zuneigung gefaßt hatte; böse war sie eigentlich mit niemandem. Sie hatte gern, daß man sie gewähren ließ, und war nicht ungern allein. Sie lag dann etwa in der Sonne und spielte Theater mit den Wolken, oder träumte auch nur und hatte meistens ein Kätzchen, ein Kaninchen oder ein anderes Tier bei sich, wie sie denn überhaupt die Tiere den Menschen vorzuziehen schien. Es war auffallend, wie auch die Tiere sie von jeher aufsuchten und ihr zahm wurden. Weil sie für gewöhnlich sanft und friedfertig war, hatte man sich in der Verwandtschaft angewöhnt, sie »das gute Kind« oder »die gute kleine Galeide« zu nennen. Diese Redensart machte ich nicht mit; denn ich sagte mir immer, gut ist sie eigentlich nicht, sie tut nur, was ihr behagt, und es trifft sich, daß das gerade mit dem Behagen der anderen übereinstimmt.

Gegen mich ist sie immer sehr liebreich gewesen und obwohl ich um mehrere Jahre älter war, oft in mütterlicher Weise. Überhaupt war es eigentümlich, wie sie zugleich so kindisch und so mütterlich sein konnte; das war sie beides, solange sie lebte, dazu freilich auch noch manches andere, wovon ich später reden will.

III

Inhaltsverzeichnis

Wer meine Vaterstadt schön nennt, der liebt breite und gerade Straßen, große und reinliche Häuser und viereckige Plätze. Mir ist alles das zuwider. Es gibt da auch alte Quartiere, aber sie weisen sich als solche nur durch ihren Schmutz und ihre Enge und Dumpfheit aus, nicht durch ein würdiges Antlitz voll Erinnerung. Ja, in Schwaben sollte man leben, in den uralten Reichsstädten, in denen man einhergeht wie mitten in einem liebreichen Märchen der Vorzeit. In meiner Knabenzeit freilich verstand ich davon nichts, einesteils weil ich es nicht kannte, dann aber hätten mir auch die Kenntnisse und die Erfahrung dazu gefehlt.

Anders ist es mit der Natur; das Verständnis ihrer Sprache wird mit uns geboren. Ja, sie ist die älteste und treueste und echteste Freundin der Menschen. Einer, an dessen Wiege sie nicht steht, und dessen Jugend sie nicht behütet, auf dem liegt ein Fluch; seine Seele wird nie gelöst, sein Busen kann sich nie ganz eröffnen, er ist wie ein Keim, dem die Sonne fehlt. Ich wäre auch anders geworden, wenn ich in der Schweiz geboren wäre. Denn ich glaube, mein Genius war nicht übel geartet, und es fehlte nur wenig, daß ich etwas Rechtes geworden wäre. Aber wenig oder viel, fehlt überhaupt etwas, so ist es mißraten und taugt nichts.

Als ich ein Knabe von dreizehn Jahren war, nahmen meine Eltern mich mit in die Schweiz. Damals war ich noch leidlich brav, fleißig und verständig. Als ich nun die Berge eine Zeitlang gesehen und mich an sie gewöhnt hatte, kam ein nie geahntes und wahrhaft himmlisches Glück über mich. Ich liebte den Wald und die weißen Bergköpfe mit stürmischer Zärtlichkeit, Demut und Angst. Ich kann mich noch wohl in meine unschuldigen und seligen Gefühle aus jener Zeit versetzen, und kann es nicht ohne Rührung. Ich meine das zutrauliche Bübchen zu sehen unter den gewaltigen guten Tannen und zwischen den Felsblöcken mit ihren verwitterten Gesichtern. Galeide war auch mit, und ohne großes Erstaunen von sich zu geben, rannte sie mit wilder Freude in diese schöne Natur hinein, als ob sie es nie anders gehabt hätte. Während ich mich gern in den schönen Wäldern im Tale erging, verlangte sie beständig auf die hohen Berge hinauf, zu deren Besteigung sie auch eine Kraft und ein Geschick zeigte, die an einem Kinde ihres Alters in Erstaunen setzten. Wenn wir auf einer Höhe ankamen, pflegte sie vorauszuspringen, ein bacchantisches Triumphgeschrei erschallen zu lassen und ihre Locken im Winde zu schütteln.

Dies ärgerte mich, da ich es für indianermäßig, unästhetisch und ganz unmädchenhaft ansah. Indem ich es mir jetzt vergegenwärtige, sage ich mir, daß es immerhin charakteristisch für meine Schwester Galeide war.

Sie bekam einmal, während wir im Gebirge waren, ein Murmeltier geschenkt, worüber sie eine unsinnige Freude hatte, die mich auch ärgerte. Noch mehr die närrische Art, in der sie sich mit dem Tiere gebärdete, als ob es viel vorzüglicher sei als alle Menschen. Später, als wir wieder zu Hause waren, paßte das Bergestier nicht mehr in unsere städtischen Verhältnisse, und unsere Eltern nahmen es Galeiden fort. Sowie sie das erfuhr, erzeugte der Kummer ein heftiges Fieber in ihr; ich sehe sie noch, in einen goldfarbigen Plüschsessel gekauert, mit halber Stimme seltsam singen in ihren Phantasien. Der Zustand war so beängstigend und keineswegs von ihr erkünstelt, daß man ihr das Tier wiedergeben mußte. Das Merkwürdigste ist nun dies: als es starb, während sie gerade nicht zu Hause war, bemächtigte sich der ganzen Familie ernste Besorgnis vor Galeidens wilden Schmerzensausbrüchen. Keiner mochte der Überbringer so gräßlicher Nachricht sein (über die im Grunde jeder vernünftige und reinliche Hausbewohner von ganzem Herzen erfreute Loblieder anstimmte). Mit höchster Zartheit und Schonung wurde ihr endlich der Todesfall mitgeteilt, aber siehe da! nicht ein einziges Tränlein rötete ihre milden Augen. Sie streichelte den pelzigen kleinen Leichnam liebevoll und bemitleidete das Tierchen in den holdseligsten Ausdrücken, daß ihm sein lustiges Lebensfädlein so früh durchschnitten sei. Auch bewahrte sie ihm ein wahrhaft treues Andenken und erzählte stets gern Histörchen und Anekdoten aus Urselinos Leben (so hatte sie die unselige Kreatur benannt); wollte auch nie ein anderes haben. Aber ich hatte immer den Verdacht, als freue sie sich über das hübsche Bildchen, das als Zuwachs in ihren Gedächtnis- und Erinnerungskasten gekommen war.

Während meine jüngere Schwester solchergestalt noch mit ganz einfachen und kindlichen Leidenschaften wirtschaftete, entspann sich für mich das erste Liebesabenteuer. Ich kann nicht umhin, dieses artigen Geschichtchens hier zu gedenken; es verlief so unschuldig und sittig, wie es mir leider späterhin nicht mehr geraten ist. Hätte ich immer mit der Seele jenes dreizehnjährigen Bürschchens fürliebgenommen! So wäre manches nicht gewesen, was mich damals wenig beglückte, und dessen ich mich jetzt schäme.

Nun also: Wir waren an dem unsäglich schönen Wallensee, dem man tückische Wildheit nachsagt. Ich liebte ihn dafür umsomehr, daß er die Menschen befehdete, die ihn befuhren, und hegte daneben die Zuversicht, er werde wohl wissen, daß ich jenen nicht beizurechnen, sondern ein Mensch für sich sei, der ihn wohl verstehe und heilig halte. Außerdem hielt ich es für ein seliges Los, unter diesen grünen Wellenhügeln begraben zu sein und durch das bewegliche smaragdene Glas unbeweglich in den blauen Himmel darüber sehen zu können. Meine Eltern erlaubten mir aber niemals, allein auf den See zu gehen. Hierüber war ich anfangs schwer beleidigt und erschien mir für ewig geschändet, als mir der Schiffsmann einmal zur Begleitung sein Töchterlein mitgab, welches allem Anscheine nach jünger als ich war. Dies Ding, Kordula, ergriff behende die großen Ruder und setzte sie in Bewegung, und ich betrachtete voll Verwunderung die mageren, aber höchst zierlichen braunen Arme, wie sie wacker und unermüdlich arbeiteten. Ihre Haare waren ein wenig zottig, was ich aber bald, entgegen meiner sonstigen Geschmacksrichtung, sehr liebreizend fand; ihre dunklen Augen waren nicht groß, aber gluh und nicht ohne eine gutmütige Schlauheit im Ausdruck. Als sie anfing zu reden, entrüstete sich aber mein Schönheitsgefühl, und ich begann sie ärgerlich zu kritisieren wegen ihres heimatlichen Dialektes. Das ließ sie sich aber mit nichten gefallen, sondern sagte, das sei schön und vaterländisch, hingegen wir draußen im Reich müßten den Königen dienen, uns bücken wie Sklaven, kurz, wir seien nicht frei und könnten nicht tun, was wir wollten. Das reizte mich aufs höchste, und ich erinnerte mich mit Vergnügen, daß ich auch ein Republikaner war, was ich ihr aber nicht begreiflich machen konnte. Bald erlosch mein Übermut völlig und löste sich in Bewunderung des kühnen Schweizermädchens auf. Im Schatten der reckenhaften Churfirsten auf dem lauteren Wasser des Bergsees wurde es mir nicht schwer, mir mein Vaterland als schmachvoll geknechtet vorzustellen, und das kernigere Wesen der Schweizer, die Kraft und die Derbheit der Bergleute hielt ich alles für einen Ausfluß ihrer glücklichen Freiheitslage. In der Art verschmolz mir das braune Mädchen Kordula mit dem edelsten Gedanken, den der Mensch denken kann, mit der Freiheitsphantasie, und mein Herz bekam soviel Inhalt, daß ich ordentlich schwer daran zu tragen hatte; aber man lebt ja desto leichter, je voller das Herz ist.

Die Kordula hatte trotz ihrer gutgemeinten Vaterlandsprahlerei eine nicht geringe Ehrfurcht vor weithergekommenen Städtern mit ihren feineren Lebensgewohnheiten, so daß ihre Bewunderung meiner Person ungefähr ebensogroß war wie die meine der ihrigen, und das machte unsere Liebe zu einer so erfreulichen Erscheinung. Meine Eltern hielten sie für ein allerliebstes Idyll und behinderten uns gar nicht, verrieten auch nicht einmal das Vergnügen, das wir ihnen gewährten.

Einmal an einem Abend fuhren wir im Kahn, als die Sonne sich neigte. Ein Eisenbahnzug sauste schnaubend vorüber. Es wurde mir weich und wohl, als ich ihn dahinfahren sah, ohne mit ihm zu müssen, was doch einmal zu geschehen hatte; aber noch nicht. Als er vorbei war, erschien die Stille tiefer als vorher. Das Eisgrau der Bergspitzen nahm in der Sonnenbeleuchtung allmählich eine warme Veilchenfarbe an. Der See war ganz glatt und schien selbst atemlos das Wunder um sich her anzuschauen. Während ich unsagbar grenzenlose Empfindungen fühlte, gestaltete sich das in Kordulas Innern zu etwas ganz Bestimmtem, und sie fing plötzlich an, ein pathetisches Vaterlandsgedicht aufzusagen, welches sie in der Schule gelernt haben mochte.

Ich war über alle Maßen davon ergriffen. Eine heiße Verzweiflung erfaßte mich, daß ich kein Schweizer war und diese Berge und das geliebte grüne Wasser nicht mein nennen konnte. Ich machte nun auch Verse, richtete sie alle an Kordula und gab sie ihr. Ob sie sie nun verstand oder nicht, sah sie doch, daß es Reime waren, und also war ich für sie ein Dichter; denn zwischen guten und schlechten unterscheiden konnte sie noch nicht. Sie sah mich seitdem mit vergrößerter Ehrfurcht an, und besonders gern betrachtete sie meine Augen. Einmal fragte ich, was sie denn da sehe; da antwortete sie mit einem recht lieblichen Bilde: ich sehe deine Gedanken darin herumschwimmen wie schwänzelnde Fischlein in einem See, viele, viele. Ich wurde rot und schämte mich und war doch so stolz und froh wie noch nie.

Zuletzt mußten wir dennoch Abschied voneinander nehmen; das war herzzerbrechend. Das Allerschlimmste aber kam erst, als wir wieder daheim waren. Auszugehen war mir verleidet, und auf dem Wege zur Schule schlug ich trotzig die Augen nieder, um die verhaßten Steinhäuser und den ungeschmückten Horizont nicht sehen zu müssen. Am liebsten saß ich zu Hause und weinte und weinte in meinem untröstlichen Heimweh, und das Seligste, was ich mir auszudenken vermochte, war ein Grab im Wallensee unter den Zacken der Churfirsten. Es war ein großes Elend, und im Grunde hatte ich nicht so unrecht, zu weinen. Wenn man sich von der Natur entfernt, so entfernt man sich vom Guten und Schönen, und vor allem vom Glück. Ich hätte als Hirtenknabe auf einer Alp geboren werden sollen; dann säße ich wohl jetzt noch und jodelte und juchheite, anstatt daß ich hier im Kloster eine schleichende Träne erdrücke, wenn es von den Bergen herüber in mein kahles Gemach tönt.

IV

Inhaltsverzeichnis

Ich habe noch nichts von meinem Urgroßvater gesagt. Wenn, wie ich später einsah, unsere ganze Familie nicht in dies Jahrhundert hineinpaßte, so stand mein Urgroßvater, der Großvater meiner Mutter, Ferdinand Olethurm, dem jetztlebenden Geschlecht vollends ganz ferne; wie er ja tatsächlich einer anderen Zeit entsprossen war, da man noch nichts vom neuen Deutschland, Franzosenhaß und sozialer Frage wußte. Sein vaterländisches Gefühl galt einzig seiner hansischen Vaterstadt, die er so im Herzen hegte, als habe er selbst Steine zu ihrem Aufbau herbeigetragen. Obwohl er insofern ein echter Patrizier nach der alten Weise war, so besaß er doch eine so merkwürdige Beweglichkeit des Geistes, daß ihm nichts Neues, mochte es auch noch so weit außerhalb des Gesichtskreises seiner Jugend und seines Mannesalters liegen, unverständlich oder gar gleichgültig war. Was an ihm so äußerst erfrischend und wohltuend für die Jungen war, war dieses, daß er nie ein Ereignis oder eine Idee zuerst vom moralischen Standpunkt aus betrachtete, wie das von einem so alten und ehrwürdigen Manne vielleicht manche erwarten würden. Wenn ihm ein Mensch gefiel, so hätte er sich füglich als ein Strauchdieb und Pirat entpuppen können, mein Urgroßvater hätte schon eine Erklärung dafür gefunden. So groß war seine Fühlung für das Leben des Herzens; denn was in der Welt geschieht, das ist ja doch auch im letzten Grunde erklärlich, ja notwendig. Ferdinand Olethurm hätte einer Erklärung aber auch andernfalls entraten können und hätte frisch zugeliebt und gehaßt, wie es ihm ums Herz war. Dadurch machte er weniger den Eindruck abgeklärter Weisheit, als den unerschöpflicher Jugendkraft und unzerstörbarer Eigenart, und damit beherrschte er die Menschen und bannte sie unter seinen Einfluß.

Mich und Galeiden liebte er über die Maßen, sie wohl noch etwas mehr als mich; einesteils vielleicht schon deshalb, weil sie ein Mädchen war, dann aber auch weil sie bei ihrer großen Weichheit zuweilen eiserne Härte und Festigkeit zeigen konnte, die ihm reizend erscheinen mochte wie eine Mandel im Grießpudding. Überhaupt galt sie für ein merkwürdiges Kind, obschon ich nicht zu sagen wüßte, woran das lag. Ebensowenig wüßte ich zu sagen, warum jedermann in unserm Hause ein so unabweisbares Bedürfnis nach ihrer Gegenwart hatte, da es vorkam, daß man derselben gar nicht gewahr wurde, wenn sie auch eine Stunde lang mit einem im selben Raume war. Meine Eltern konnten sich nicht entschließen, sie, wie man es der Sitte gemäß mit den Töchtern macht, in eine Pension zu geben; anstatt dessen wollten sie, um sich doch etwas an die geläufigen Erziehungsgrundsätze ordentlicher Leute zu halten, eine Französin ins Haus nehmen, von der Galeide die scheu verehrte Sprache der übrigens verhaßten Nachbarn erlernen sollte.

Unter den jungen Mädchen, die auf dieses Gesuch antworteten, war eine mit Namen Lucile Leroy aus der welschen Schweiz. Es war damals mehrere Jahre her, seit ich in der Schweiz gewesen war, aber das Bergland lag noch immer in meiner Erinnerung da schön und fleckenlos im Sonnenstrahlglanze, und es sagte mir ungemein zu, daß ein Mädchen aus jenen wunderbaren Gegenden in unseren traurigen Norden kommen sollte. Meine Eltern hatten stets Lust zu etwas Besonderem, und ein Schweizer war für uns etwas Rares wie dort oben unsere Austern oder eine pommersche Gänsebrust. Galeide sagte nicht viel dazu, obwohl es sie besonders anging; es schien ihr aber mehr leid als lieb zu sein. Es wurde nun ausgemacht, daß die Lucile zu uns kommen sollte; alles ging so einfach von statten, daß man nicht am allerkleinsten Anzeichen bemerken konnte, wie verhängnisvoll diese Wahl für uns werden sollte. Denn zugleich mit den zarten Mädchenfüßen setzte das Schicksal seine eherne Sohle auf unsere glatte Schwelle und trat verhüllt und furchtbar mitten in unser gemächliches Phäakentum. Nicht daß von Lucile selbst irgend ein Unheil ausgegangen wäre, noch daß es sich überhaupt schon in nächster Zeit verkündet hätte. Sie wurde von meinen Eltern mit einer weitherzigen Liebenswürdigkeit empfangen, wie sie wohl nicht vielen Mädchen in solcher Stellung geboten wird. Man bemerkte aber bald an der Weise, wie sie es aufnahm, daß sie das wohl verdiente. Klug und tätig wie sie war, war es ihr ein leichtes, das zu leisten, was von ihr erwartet wurde, und in diesem Bewußtsein betrug sie sich im übrigen wie ein willkommener Gast, machte niemanden durch erzwungene und augenfällige Demut unglücklich, sondern genoß die Freundschaft, die sie empfing, und vergalt sie durch glühende Liebe und Anhänglichkeit. Sie war lebhaft, wußte immer von anregenden Dingen zu sprechen und, was meinen Eltern das Erwünschteste war, sie besprach sie in einer uns fremden Weise und stellte sich meist auf solche Standpunkte, die wir zu übersehen pflegten. Denn sie war in ganz anderen Kreisen und Verhältnissen aufgewachsen. Was wir unbewußt in uns aufgenommen hatten, die vielfachen Bildungseinflüsse einer großen Stadt, danach strebte sie mit Hintansetzung und Unterschätzung der Natur in bewußter, planvoller Weise; einen reichgebildeten Geist achtete sie über alles und suchte sich einen solchen mit achtunggebietendem Eifer und Fleiß anzueignen. Alles was sie bei uns fand, entzückte sie: die weiten hohen Räume unseres Hauses, die darin herrschende Anordnung, die mehr auf das Schöne als auf das Nützliche zielte, und unsere ganze Art zu leben, von der sich ungefähr dasselbe sagen ließ. Aber so sehr dies sie bezauberte, blieb sie doch dabei, mehr als sie wissen mochte, sie selbst und konnte den Zaun, der den wohlgepflegten Blumen-, Obst- und Gemüsegarten ihrer Seele einhegte, nie völlig durchbrechen. Infolgedessen mißbilligte sie manches, was bei uns geschah und äußerte es mit einem Freimut, der meinen Eltern umso besser gefiel, als sie sich nicht danach zu richten brauchten. Sie hörten gern zu, wenn sie in beredter Predigt ihre Grundsätze entfaltete und fingen sogar an zu bedauern, daß Galeiden eine solche Art zu reden und zu denken abgehe. Denn Galeide sprach wenig von Grundsätzen, hatte auch keine, oder wenn sie einmal äußerte, daß sie dies oder das gut oder schlecht fände, dies oder das tun oder nicht tun würde, sagte sie es kurz und derb, oft in unerhörten Ausdrücken, die sich freilich, von ihrer sanften Stimme getragen, weniger anstößig ausnahmen, als wenn ein anderes Mädchen sie gebraucht hätte. Immerhin gedieh mir diese Gewohnheit zum Ärger.

Trotzdem es Galeide mit Kummer empfand, wie sehr das interessante, fremdartige Wesen unsern Eltern einleuchtete, ließ sie doch Lucile die Eifersucht nicht entgelten; ich muß das als einen stolzen und würdigen Zug ihres Charakters anführen. Der Altersunterschied von fünf oder sechs Jahren machte sich zwischen den beiden Mädchen verhältnismäßig wenig bemerkbar. Ich erinnere mich, daß man überhaupt häufig dazu kam, mit meiner Schwester, die doch in mancher Hinsicht noch ein tolles und höchst unvernünftiges Kind war, wie mit einer reifen Person zu reden. Sie waren wie Schwestern miteinander, nein, weit inniger als solche gemeinhin zu sein pflegen. Galeide eiferte Lucilen sogar ein Unmerkliches nach und überhäufte die Fremde mit zarten, liebenswürdigen Zeichen ihrer Zuneigung. Lucile erwiderte diese Liebe nicht minder schwärmerisch, ja, sie übertraf Galeiden vielleicht noch darin. Mir gegenüber äußerte sie das zuweilen, wenn ich Galeiden einen zu geringen Willen zum Guten zur Last legte, den ich nebenbei gesagt nicht nur selbst nicht besaß, sondern damals sogar für etwas Verwerfliches hielt an einem Manne. »Sie mag ihn nicht haben,« sagte Lucile, »aber warum auch? Sie ist gut. Du weißt, daß es das Wesen des Genies bezeichnen soll, daß es nicht die bestehenden Gesetze befolgen muß, sondern in dem was es tut, selbst der Welt Gesetze gibt. Ein solches Wesen wird Galeide sein, und das ist auch das Geheimnis des unwiderstehlichen Zaubers, den sie ausübt.« Dies schien mir eine ungeheuerlich übertriebene Bemerkung zu sein.

Lucile und ich nannten einander du. Sie behandelte mich mitunter sehr als Knaben, was ich mir indessen nicht gefallen ließ. Und es glückte mir auch, mich auf eine höhere Staffel ihrer Achtung zu schwingen dank meiner Belesenheit und einer leidlichen Regsamkeit meines Geistes, wodurch es mir möglich wurde, ihr in den schöngeistigen Diskussionen, die sie liebte, ein willkommener Partner zu sein. Ehe sie da war, hatte ich mir eingebildet, sie müsse aussehen wie die Kordula vom Wallensee, obgleich das ein unbegreifliches Naturspiel gewesen wäre. Diese Vorstellung rührte mein Gemüt in angenehmer Weise, trotzdem ich in der Liebe bereits anfing, ganz andere und weniger erbauliche Wege zu gehen. Ich söhnte mich aber bald damit aus, daß Lucile nicht Kordula war; denn sie machte Eindruck auf mich, und es schmeichelte mir, daß sie sich nicht ungern mit mir beschäftigte. Ihre Gegenwart hielt mich in wohltätigen Schranken, wenigstens insofern, als ich die Folgen meines Leichtsinns zu unterdrücken trachtete. Wenn ich mit dem leisesten Anflug eines Rausches oder in der jämmerlichen Stimmung, wie sie den übertriebenen Schlemmereien junger Leute sich anschließt, zu Hause erschien, so zögerte sie nicht, mir ihre Mißbilligung und Verachtung in scharfer Weise zu zeigen. Ich wies das zwar mit anmaßender und unliebenswürdiger Empfindlichkeit zurück, aber doch fürchtete ich solche Zwiste und gab mir Mühe, die Anlässe dazu zu vermeiden. Im Grunde besserte ich mich freilich nicht, dazu war ihr Einfluß nicht stark genug. Wie hätte das auch sein sollen? Ich gab jedem Anstoß nach, ob er zum Guten oder zum Bösen lockte, wenn er nur in einer Weise ausgeübt wurde, die mir zusagte. Ich wollte ein Weltmann sein und war ein Tor; einer der zu leben weiß, wollte ich sein und lernte nichts als frühzeitiges Absterben. Ich glich dem Hunde, der, nach dem Spiegelbilde seines Knochens schnappend, ihn selbst ins Wasser fallen läßt und nicht mehr findet.

V

Inhaltsverzeichnis

Kaum kann ich es erwarten, und doch zage ich davor, den Schatten des Mannes im Zuge meiner Erinnerung heranschreiten zu sehen, an dem wie an keinem andern meine Seele Anteil nahm. Ich spreche von meinem Vetter Ezard Ursleu, dem einzigen Menschen, der ich hätte sein mögen, da er mir besser gefiel als ich. Sein Vater, mein Onkel Harre, war ein namhafter Arzt in meiner Vaterstadt. Er übte aber, solange ich denken kann, die Praxis nicht mehr aus, ausgenommen in einigen befreundeten Familien, wo er seit Jahren der Hausarzt war. Im übrigen suchte er fortwährend seine Wissenschaft zu ergründen und zu fördern, worin er auch von Erfolgen beglückt war, verfügte über ein ungemeines Wissen in seinem Fache, aber auch auf anderen Gebieten, denn nach der Art unserer Familie beschäftigte er sich mit vielen Dingen, die ihn von Rechts wegen nichts angingen. Es gibt zwar für einen ganzen Menschen nichts, das ihn nichts anginge, aber unsere irdischen Verhältnisse lassen solche nun einmal nicht werden: denn die Erde verschüttet unendlichen Überfluß, und die Schüssel, die wir zum Auffangen haben, ist flach und winzig. Harre Ursleu war indessen mehr als die meisten Menschen zu solcher Handlungsweise berechtigt, weil er mehr faßte als sie, und man durfte ihm nicht nachsagen, er wisse vieles anstatt viel. Seine gute Gesundheit und mäßige Lebensweise ermöglichten ihm stundenlanges Arbeiten und Denken. Er war aber kein Büchermensch, vielmehr stellte sich sein Geist mit soviel Glanz dar, daß man oft ungerechterweise an seiner Tiefe zweifelte, auch genoß er das Leben, und mehr als manchem Sittenrichter erlaubt schien. Aber so wenig er auf sie hörte, so aufmerksam gehorchte er seiner Natur und unternahm nie mehr, als er ohne sich zu schädigen ertragen konnte und hätte es für eine Schmach angesehen, eine wissenschaftliche Sitzung zu verfehlen oder irgend eine Arbeit hintanzusetzen um eines materiellen Vergnügens willen. So war er ein Mann von Bedeutung und der Jugend ein zusagendes Vorbild, da er beides in sich darstellte, was ihr erstrebenswert erscheint, einen in seinem Berufe rühmlich Ausgezeichneten und einen, der die Leckerbissen des Lebens zu würdigen und zu genießen weiß.

Sein Sohn, obwohl von ihm ganz verschieden, war sein vornehmster Stolz. Er sollte etwas Großes werden. Und wo waren dazu bessere Aussichten als in der alten Hansestadt? Er konnte als überseeischer Kaufmann in großartiger Weise den Strom des Goldes leiten zu eigenem und des Vaterlandes Gedeihen, oder als Mitglied unserer Regierung im kleinen Kreise das Ansehen eines Fürsten genießen. Es ist bekannt, daß die Herren einer aristokratisch regierten Republik sich oft mehr dünken als die Könige von Gottes Gnaden, wozu sie freilich auch berechtigt sein dürften; denn unsere jetzt lebenden Fürsten stammen alle nur von Vasallen ab, während sich von den Geschlechtern der alten Städte manche mit Fug Nachkommen der freien Leute unter den germanischen Eroberern nennen. Mein Onkel hielt es nach Erwägung und Verwerfung der anderen Pläne für das beste, seinen Sohn die Rechte studieren zu lassen, da er auf die Art am ehesten an die Spitze der Regierung gelangen konnte.

Ich war noch nicht zwanzig Jahre alt, als Ezard von den Universitäten zurückkehrte und ich zum ersten Male mit vollem Bewußtsein seine Bekanntschaft machte. Er kam gerade an dem Tage, als Galeide konfirmiert wurde und nahm an dem dazu veranstalteten Festessen teil. Die Aufmerksamkeit wandte sich von der eigentlichen Heldin des Tages, die in ihrem schwarzen Schleppenkleide sehr schlank, blaß und betrübt aussah, bald gänzlich auf ihn. Tritt er nicht wie Odysseus unter die Phäaken? so dachte ich. Denn so hatte ich mir den göttlichen Dulder vorgestellt, nicht etwa die Spuren überstandener Leiden im Gesichte, sondern in seiner Erscheinung den Bekämpfer und Besieger des Schicksals verratend. Und es gibt keinen Gegner, gegen den sich erfolgreich gestemmt zu haben so mit Kraftgefühl und Befriedigung erfüllen kann, wie das Schicksal. Ja, mit dem Schritt und der Haltung eines Siegers schritt er einher. Man begann sich gesichert zu fühlen in seiner Nähe, weil man ihm zutraute, er vermöge alle Widerwärtigkeiten des Lebens zu überwinden. Worin das eigentlich lag? Er war als Mann nicht groß; schlank, ebenmäßig. Seine Schönheit war edel und maßvoll, aber höchst eindringlich dadurch, daß sie vollkommen mit dem seelischen Ausdruck verschmolz; man hätte glauben können, sein Gesicht sei nur durch den Adel des Ausdrucks schön, wiederum, es sei nur die äußere Harmonie der Züge, welche die Erscheinung des Seelenvollen hervorbringe.

Ich empfand dies alles damals, ohne es mir ganz einzugestehen; denn ich war in den Jahren der Anmaßung und überhaupt zu gut beanlagt und ausgestattet, um mich mit dem Bewundern und Trabantsein in der Welt zu begnügen und nicht selbst etwas vorstellen zu wollen. Mein Vetter Ezard besaß die Zierde angeborener, natürlicher Bescheidenheit, die man wohl eine Zwillingsschwester der Schönheit nennen kann; ich meine der Schönheit, die das feine Gemüt durchschimmern läßt, das sie erfüllt und belebt, einem venezianischen Glaskelch von grüner Farbe vergleichbar, der seinen wahren Sinn erst dartut, wenn das tiefe Gold edelsten Rheinweins ihn durchleuchtet. Es hatte wohl kaum jemals ein Mensch meinem Vetter Ezard Liebe und Anerkennung versagt; eitel zu sein hatte er also auch keine Ursache. Man sagt, daß die Schäfer eine besondere Art haben, ihre Tiere anzugreifen, so daß sie sich geduldig von ihnen scheren lassen. Solchen glücklichen Griff hatte Ezard in der Behandlung der Menschen, die ihm gegenüber stets das Beste ihres Innern hergaben, freilich ebensoviel zum eigenen Vorteile wie zu seinem.

Es zeigte sich bald, daß Ezard ein besonderes Wohlgefallen an Lucile fand. Nach der Art reich entwickelter Männer, welche zu den Vorzügen ihres Geschlechtes auch einige des weiblichen mitbesitzen, bewunderte er hauptsächlich solche Frauen, die durch Selbständigkeit, Eigenart und Tatkraft hervorragten. Lucile ihrerseits war mit einem Schlage von Ezard bezaubert. Aber sie verbarg es hinter einer anmutigen Sprödigkeit, widersprach keinem so viel wie ihm, wobei sie äußerst launig und anregend sein konnte, und baute gewissermaßen eine Festungsmauer um sich herum, die für seine Jugendkraft und Lust zu handeln und sich zu regen ein neuer Antrieb war, dies Mädchen zu erringen. Onkel Harre liebte es, sich im Gespräch mit ihr zu messen. Sie bewunderte ihn; die Rastlosigkeit seines Geistes, der wie ein Wasserfall dahinschoß, jeden darübergleitenden Strahl in alle Regenbogenfarben zersplitterte und mit dem vielfarbigen Geschmeide spielte, blendete und entzückte sie. Ihn belustigte die gerüstete Unerschrockenheit, mit der sie ihn bald hierin bald darin angriff und tadelte. Häufig gab die Religion Anlaß zu Streitigkeiten. Lucile war, der Tradition ihrer Familie folgend, Katholikin. Das veranlaßte den Onkel, sie mit dem, was er für ungeheuerliche Auswüchse dieses Glaubens hielt, und was sich durch einen geschickten Redekünstler leicht als etwas Abenteuerliches und Widersinniges darstellen läßt, zu necken und zu reizen, was sie nicht ungern hatte, da es ihr Gelegenheit gab, ihren Glauben in beredten Auslassungen zu verteidigen. Galeide schämte sich bei solchen Gelegenheiten, daß sie sich zu keiner Partei mehr oder weniger hingezogen fühlte, und hätte gern ein heiliges Flämmchen der Gläubigkeit in ihrer unschuldigen Brust angezündet. Der Urgroßvater pflegte diejenige zu unterstützen, welche am schwächsten schien, oder er bildete für sich eine neue, indem er die buddhistischen oder meinetwegen parsischen Meinungen als die Fundgrube überirdischer Weisheit anpries. Onkel Harre begünstigte die Neigung seines Sohnes, solange er sie für eine Spielerei ansah, aber er betonte, daß er nie etwas Ernstliches daraus werden sehen wolle. Eine schweizerische Erzieherin zu heiraten, das war nicht, was er für Ezard erhofft hatte. Immerhin hätte dieses Vorurteil sich überwinden lassen; denn Harre Ursleu war kein gemeiner Jäger nach weltlichen Vorteilen und noch weniger ein barbarischer Vater, der dem Herzen seines Kindes nicht gegönnt hätte, sich auszuleben. Aber Lucile war die Frau nicht, die einen bedeutsamen Eindruck auf ihn ausüben konnte. »Sie hat Verstand, das kleine Ding,« sagte er von ihr. »Ihr Geist zuckt beständig wie ein Fixstern; aber ich ziehe das stille, stete Leuchten der großen Planeten vor. Ich frage auch, was für ein Modell könnte sie einem Bildhauer sein? Eine Hexe? Lächerlich! Eine Venus? Unmöglich! Eine Diana? Gott bewahre! Sie ist zu allem zu klein. Als Minerva könnte man sie sich am ehesten denken, wenn nicht wiederum die geringen Dimensionen störten. Ihr Körper ist zu klein, als daß sie ein herrliches Weib, und ihr Geist ist zu groß, als daß sie ein niedliches Püppchen sein könnte. Ich will wohl in Gesellschaft neben ihr sitzen, aber in meiner Familie will ich sie nicht haben.«

Ezard ließ sich durch die Meinung seines Vaters nicht im geringsten erschüttern. Ihm mochte manches an Lucile gefallen, was Onkel Harre selbst an sich hatte und darum an andern nicht bemerkte oder nicht schätzte. Er umwarb sie, und sie war von dieser Neigung, wie von einer bengalischen Flamme beleuchtet, hübscher, feuriger, kräftiger als früher. Galeidens liebevolle Aufmerksamkeiten setzten da ein, wo Ezard die seinigen einmal unterbrechen mußte. Das Glück trug sie froh dahin wie eine große Welle ihr glitzerndes, stolzes Schaumkrönchen. Es war ein lustiges Leben damals im Hause der Ursleuen; es ging den Berg hinan, und jeder war sich noch eines solchen Vorrats von Kräften bewußt, daß er getrost davon verausgaben mochte.

VI

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Ich habe das Wünschen ganz und völlig abgetan, denn wäre ich in dieses Kloster gegangen, wenn ich noch hätte wünschen mögen? Ich habe es oft mit angesehen und weiß es: wer wünscht ist wie einer, der sich Äpfel vom Baume schüttelt; die Erfüllung fällt ihm auf den Kopf und schlägt ihn blutig. Dennoch kann ich mich des einen Wunschgedankens nicht erwehren, daß die Studienzeit noch einmal wiederkäme, die Zeit, wo man sich den Stil auswählt, in dem man das Haus seines Lebens aufbauen will. Herr des Himmels, wie unreif und unberaten taumelte ich in diese Aufgabe hinein! Wollen und Streben hielt ich für Empfindeleien vergangener Zeitalter. Arbeiten, dachte ich, sei Knechtschaft und das Schicksal des Unfähigen wie die Kartoffel die Speise des Armen. Mir machten die Leute den größten Eindruck, die von den Spargeln nur die Köpfe, von den Austern nur die lose Gallerte aßen. So, fand ich, müsse man das Leben zu verzehren lernen, nur das Kostbarste davon nippen, daß man den Genuß und Geschmack, aber nicht die Last des Verdauens davon habe. Hätte ich nun diesen Grundsatz auf den wirklichen Vorgang angewendet, von dem ich das Bild entlehnte, so hätte ich aus dem Kampfe des Lebens wenigstens eine Trophäe davongetragen: einen guten Magen. Und dieses würde ich nicht gering anschlagen. Aber da war es mit Nippen und Abschäumen nicht getan, sondern ich beteiligte mich kräftig an allen Gelagen und wollte hier vor allem der erste sein; ein solcher Eifer war für einen Studenten der damaligen Zeit in keiner Richtung so schwer zu befriedigen wie in dieser. Auch ein guter Fechter wollte ich sein und brachte es mit vieler Übung ziemlich weit darin. Ich glaube, daß ich niemals so viel Fleiß und Ausdauer auf irgend etwas verwandt habe, wie auf den Gebrauch des Schlägers; und das tat ich nicht in dem Sinne wie die frommen Turnerknaben im Anfange des Jahrhunderts, um den Leib zu stählen, der für das Vaterland kämpfen sollte, sondern um ein Ansehen unter meinen Gefährten zu gewinnen, von denen kaum der zehnte den wahren Wert eines Menschen beurteilen konnte, geschweige denn selbst etwas davon in sich hatte.

Von dem was ich studierte dürfte ich billig schweigen, da es den allergeringsten Teil meiner Studienzeit in Anspruch nahm. Ich studierte nämlich die Rechte, hauptsächlich aus dem Grunde, weil Ezard es getan hatte, und weil ich die unverständige Einbildung hegte, freilich ohne mir selbst darüber klar zu sein, wenn ich nur so im gröbsten seine Handlungen nachahmte, würde ich ganz von selbst das werden und so werden wie er.

Liebschaften hatte ich auch. Es war aber nichts darunter, woran ich mich mit Lust erinnern dürfte. Nun, hie und da doch einiges, was der Aufzeichnung wert ist. Wiewohl ich mir vorgesetzt hatte, diese Pfade meines Lebens nicht noch einmal zu durchwandeln, verführt mich nun doch der eine oder andere mit anmutigem Schlängeln oder waldiger Vertiefung, ihn sinnend einzuschlagen. Wird man doch durch Verirrungen weise. Auch den heiligen Augustinus brannte das Feuer, ehe er geläutert daraus hervortrat. Wenn ich mir nun auch nicht anmaße ein Heiliger zu sein, so scheint es mir doch, daß meine Natur verwerfliche Vergnügungen nicht nur suchte, um sich zu vergnügen, sondern um sich durch Erfahrung vom Schlechteren zum Besseren zu erziehen. Dadurch unterscheidet sich ein wilder lasterhafter Jüngling vom stilleren, aber gemeineren Wüstling.

Es gab in einer Universitätsstadt, wo ich mich mehrere Semester lang aufhielt, in einem kleinen Häuschen eine Verkäuferin, die Süßigkeiten und allerlei Getränke feilhielt. Es galt unter den jungen Leuten für fein, die Gunst dieses Mädchens einmal besessen zu haben. Deshalb zeigten sich alle Studenten gern in dieser Bude, obschon sie die dort ausliegenden, abgestandenen Eßwaren verschmähten. Sie bezahlten sie, ohne davon zu sich zu nehmen, und gerade deshalb war es umso feiner. Das Mädchen hieß Georgine, war von weißer Hautfarbe und durch rötliche Haare ausgezeichnet. Sie war von Natur und durch die Gewohnheit des Dasitzens in der Bude sehr träge, langsam von Bewegungen, welcher Umstand sie davor bewahrte, gemein zu erscheinen. Ich war über alle Maßen in sie verliebt, und ich muß sagen, daß sie eine Schönheit an sich hatte, der man sonst nur in Märchen oder Träumen begegnet. Wenn sie sich zu ihrer vollen Höhe aufrichtete, ihre schweren Augenlider ein wenig hob und die vollen Lippen lässig bewegte, erwartete man, daß sie etwa so sprechen würde: Ich bin die Meerkönigin und habe einen Palast von Perlmutter und Stühle von Korallen; schwöre mir Treue, so darfst du mit mir kommen. Sie trug ihre leuchtenden Haare wie eine Krone und jede geschliffene Glasperle darin wie einen unschätzbaren Diamanten. Ein jeder wußte, daß sie ihre Liebesgunst an den Meistbietenden verschleuderte, aber daran dachte der nicht, dem sie einen Kuß gewährte, als wäre er ein Bettler, und sie reichte ihm ein Almosen aus ihrem Überfluß. Sie war auch im Empfinden träge und hatte sich lieben lassen, wie ein Schoßhündchen sich von vielen Händen streicheln läßt. Sie war vorher und nachher dieselbe. Überhaupt hatte sie etwas von einem schönen Tier oder Halbmenschen an sich, von einer Nixe mit Fischschwanz. So viel Anteil an ihrer Gunst zu gewinnen, wie sie jedem gab, der ihr nicht gerade mißfiel, war keine Kunst. Aber damit war mir denn doch nicht gedient. Es wurde mir klar, daß ich mir durch nichts ein so gewaltiges Ansehen erwerben könnte, wie wenn ich die Georgine ganz und ungeteilt für mich bekäme. Darauf ging nun mein Sinnen und Trachten. Ich darf zwar wohl sagen, daß ich es nicht nur aus Ehrgeiz erstrebte; mein Herz war damals noch frisch und unverdorben genug, um sich nicht mit Abfall abspeisen zu lassen. Ich wollte keine Katze im Sacke kaufen, ich wollte nicht nur einen Leib, sondern eine Seele dazu. Von der ich freilich mehr nicht verlangte, als daß sie mich lieben könnte. Eine solche hatte die Georgine wirklich aufzuweisen, wie nun an den Tag kam. Sie war wie das Blatt des Perückenbaumes, das nur duftet, wenn man es zerreibt; bisher hatte noch niemand versucht, die Würze herauszupressen.

Ich pflegte ihr zu erzählen von meinen Eltern und meiner Schwester und unserer Art zu leben. Davon verstand sie nicht viel, aber doch das, daß ich sie wenn auch nicht in höherem Grade liebte als die übrigen, doch in würdigerer Weise. Und das war ohne Zweifel die Hauptursache davon, daß sie mir wiederum mehr gab als allen übrigen. Die Art eines Menschen zeigt sich nicht nur, wenn er große Taten verrichtet, sondern ebensogut, wenn er ins Zimmer tritt und Gutenmorgen wünscht. Ein ungewöhnlicher Mensch küßt anders und läßt sich anders küssen als ein ganz gemeiner, und daran mochte es die Georgine bemerken, daß sie eine seltenere Beute am Schopfe hielt als sonst, eine, die sie nicht alle Tage wieder bekommen konnte. Nun fing sie an, mich mehr und mehr zu lieben, ängstlich und eifersüchtig zu werden. So sehr sind die meisten Geschöpfe bereit, sich höher hinaufzuschwingen, wenn man ihnen nur eine Leiter hinhält. Sie trat damit etwas aus ihrer Art heraus und verlor mit ihrer Ruhe auch von dem prächtigen Anstand einer orientalischen Haremskönigin; aber da ich einmal mitten in der Verliebtheit war, machte mich das nicht mehr irre, sondern verstärkte im Gegenteil die Gefühle.

Sie gab nun allen anderen um meinetwillen den Abschied und wurde unnahbar, weil ich es so haben wollte. Das verschaffte mir nun zwar das erhoffte Ansehen, aber nicht ohne Unliebsames auf der anderen Seite. Es war herkömmlich, daß die schöne Georgine in ihrem Stuhle lehnte, Limonade einschenkte und aus ihren grünen Augen wohlig lächelte. Wie sollten sich die jungen Leute nun zu dem schönen Weibe stellen? Sie hätten sich gern vor ihr auf den Knieen gewälzt; aber ein bißchen Achtung und Ehrfurcht vor einem Gemüte, das vom Schlechteren zum Besseren übergeht, wollten sie nicht haben. Vielmehr empfanden sie den Wechsel als eine arge Beleidigung. Aber Georgine kehrte sich nicht daran, sondern fuhr fort, mir als Liebesgabe blutende Männerherzen zu Füßen zu legen, wie ein Indianer seiner Geliebten die Skalpe erlegter Europäer überreicht. Es gefiel mir außerordentlich und ihr nicht minder. Sie behandelte die Verschmähten schnöder als nach allem Vergangenen billig und geraten war. So kam es dazu, daß ein niedriger Wicht eine höchst teuflische und unwürdige Rache an ihr nahm, indem er über ihr schönes, weißes Gesicht ätzende Schwefelsäure ausleerte und dies wunderbare Gebilde der Natur dadurch auf immer zerstörte. Es war ein Jammer, sie anzusehen. Die goldene Haarkrone thronte über dem elenden Antlitz wie die Sonne über einem wüsten, rauchenden Schlachtfelde. Sie war nicht nur nicht mehr schön, sie war scheußlich. Ich saß dabei und weinte, nicht anders wie ein Vater über den geschändeten Leib eines verlorenen Kindes. Die unselige Georgine war ganz und gar vernichtet. Sie löste mit zitternden Händen ihre Haare und preßte sie vor ihre Augen. »O mein schönes Gesicht! mein schönes Gesicht!« stöhnte sie, und weiter hörte ich überhaupt kein Wort mehr von ihr. Sie rief diese Worte mit solcher Seelenangst und flehentlicher Klage, daß man im innersten Herzen erbebte, obwohl sie nur einem äußerlichen, vergänglichen Vorzuge galt. Aber man fühlte, daß sie recht hatte, wenn ihr Herz brach; denn sie war nun ganz verwaist, entblößt, geschändet und arm. Ich fürchtete mich in meiner Kläglichkeit, daß sie mich anflehen würde, sie wie bisher zu lieben. Aber das kam ihr nicht in den Sinn, vielmehr schickte sie mich heftig fort und wollte auch kein Geld von mir annehmen. Ich ließ mir das nicht zweimal sagen und unternahm einen weiten Ausflug, um mich meinen Gedanken zu überlassen, die mir sehr tief und bedeutend vorkamen.

Unterdessen ertränkte sich das verlorene Weib. Sie hatte auf einen Fetzen Papier in großen, schiefen Buchstaben ihre letzte Bitte niedergeschrieben, nämlich daß man, wenn sie im Sarge läge, ihr Gesicht mit ihren Haaren zudecken möge. Das geschah, und es nahm sich recht symbolisch aus; denn ungefähr wie der Goldmantel die Schmach ihres Antlitzes verbarg, so hatte, während sie lebte, ihre Schönheit über der armen entstellten Seele ihre göttlichen Schwingen ausgebreitet, daß man ihr gern verzieh um der hohen Fürbitterin willen. Ihr seltsames Unglück rührte auch alle Gemüter, so daß ihr beim Leichenbegängnis alle Ehre erwiesen wurde: man huldigte unbewußt der waltenden Natur, die ihr Füllhorn ausgießt, wo es sie gutdünkt, nach keinem anderen Plane als ihrer Laune; aber die Launen der Natur sind Gesetz.

Ich weiß nicht mehr, ob ich mir vorzuspiegeln suchte, ich sei der Held dieses traurigen Abenteuers. Jedenfalls trug ich eine tiefgehende Verstimmung davon und bildete mir ein, das Schicksal verkümmere mir meine wohlerworbenen Genüsse und zeige mir die schönsten Früchte nur, um sie meinen greifenden Händen tückisch zu entziehen wie dem Tantalus. In Wahrheit war es ganz anders und ich oder vielmehr die Mischung meiner Seelenkräfte war an allem schuld. Es gibt unter den Vögeln die hin und her segelnden Schwalben, die wirbelnden Lerchen, die Bachstelzen, die auf und ab trippeln und wippen, die wackelnden, patschenden Enten. Der stolze und gewisse Flug des Falken, der sich wie ein Pfeil in die Lüfte wirft und packt was ihm taugt, dann wiederum über der Erde steht, als hinge er an einem goldenen Faden vom Himmel herab, ist nicht jedem verliehen.

VII

Inhaltsverzeichnis

Ich erzählte zu Hause von meinen Liebesabenteuern nur dem Urgroßvater, der mich selbst dazu ermunterte. Man darf sich aber nicht vorstellen, ihn habe eine häßliche Lüsternheit dazu bewogen; denn was ihn antrieb, lag ganz anderswo und ließe sich eher moralisch nennen. Er war überzeugt, daß das Gemüt aus jeder Liebesangelegenheit bereichert hervorgehe, wie sich der Körper im Turnen und jedem Gebrauch seiner Kräfte stählt. Da ich ihn wohl kannte, pflegte ich meine Geschichten romantisch auszuschmücken und vorzüglich mit allerhand Bemerkungen aus dem Gebiete der Seelenkunde zu verbrämen, als ob ich eigentlich mehr zum Behuf einer psychologischen Studie, als um des Vergnügens willen geliebt hätte. Ich erlog dies zwar nicht ganz, aber meine diesbezüglichen Beobachtungen kamen mir meist erst in dem Augenblick zum Bewußtsein, wo ich dem Urgroßvater gegenüber saß und erzählte. Er selbst besaß so viel natürliche Menschenkenntnis und Lebhaftigkeit, daß er über die in Frage kommenden Personen die zutreffendsten, feinsten Urteile fällen konnte, als hätte er jahrelang mit ihnen verkehrt.

Er schrieb mir auch, wenn ich fort war, über alles was zu Hause vorging, geistreiche und anmutige Briefe, in denen sein ganzes Wesen wie auf einer Photographie niedergelegt war, bis auf das allerjüngste Fältchen. Es belustigte mich besonders, wahrzunehmen, wie sich in jedem Briefe seine hauptsächliche Zu- und Abneigung verriet, nämlich die überschwengliche Liebe zu Galeiden und die Feindseligkeit gegen Onkel Harre. Denn Onkel Harre hielt er für einen nicht gut konstruierten Menschen, etwa einem gotischen Dome der Spätzeit ähnlich, den der ungewissenhafte Baumeister mit Hintansetzung der Kunstregeln in zu kühnen Formen hat aufschießen lassen, als daß sie sich noch selbst zu tragen vermöchten. Mit solchen Aussprüchen suchte er seine Abneigung vor sich zu erklären und zu rechtfertigen.

Um die Zeit, von der ich spreche, wurmte es ihn besonders, daß die Beziehungen zwischen meinem Vetter Ezard und Lucile Leroy sich immer fester knüpften; denn er hatte Ezard, dem er sehr gewogen war, meiner Schwester Galeide zugedacht und hielt diesen Plan, da er sich einmal in ihm festgesetzt hatte, für den Willen der Vorsehung, der mit allen Mitteln auszuführen sei. Er war also in dem einen Punkte mit Onkel Harre einig, daß Ezard nicht die Lucile heimführen dürfe. Aber dessenungeachtet maß er die Hauptschuld an der Durchkreuzung seiner Hoffnungen eben diesem zu; denn so fein auch sein Verstand war, immer trugen es seine Gefühle über ihn davon und verführten ihn zu den absonderlichsten Verstößen gegen die klare Logik. So behauptete er, durch sein verfrühtes, unvernünftiges Reden gegen eine Heirat mit Lucile habe Onkel Harre einen solchen Gedanken erst in Ezard geweckt, ja, durch seine Sucht, ihn eine möglichst vorteilhafte Verbindung eingehen zu lassen, habe er in seinem Sohne, der das natürlich nicht billigen könne, die Gegensucht rege gemacht, nun gerade eine Frau heimzuführen, die ihm nichts als sich selber mitbringe.

In Wahrheit lag ein solcher Eigensinn gar nicht in Ezards Art; er sah nun einmal sein Heil in dem braunaugigen, feurigen Schweizermädchen. Galeide war noch ein Kind; und warum hätte er überhaupt gerade die lieben sollen? Der Urgroßvater lächelte, indem er an sie dachte, und sagte, das verstände ich nicht; Brüder seien nie unbefangen und könnten nur entweder zu hoch oder zu niedrig schätzen. »Sie ist ein holdes, unschuldvolles Kind,« sagte er, »eine Blume. Oft mahnt sie mich an eine weiße Lilie auf hohem, schwankem Stengel, voll beseligender Düfte in ihrem tiefen Kelche. Sie wird euch noch alle in Erstaunen setzen.«

Dieses oder ähnliches sagte der Urgroßvater zu mir, als ich einmal in den Universitätsferien zu Hause war und unsere Unterhaltung, wie so oft, die Liebe zwischen Ezard und Lucile berührt hatte. An einem der folgenden Tage vollzog sich die Verlobung. Der Urgroßvater war voll Zornes und beschuldigte meine Eltern, die Verbindung begünstigt, ja, herbeigeführt zu haben, wie sie überhaupt, seit Lucile im Hause sei, ihr eigenes Kind, die »gute kleine Galeide«, in empörender Weise hintangesetzt und um ihre Anrechte betrogen hätten. Meine Mama nahm sich diese Anschuldigungen nicht sehr zu Herzen, freute sich vielmehr über des Urgroßvaters Vorliebe für Galeiden, die sie als eine Art Bürgschaft für ihre Vorzüge ansah. Denn diese sprangen damals nicht allen Menschen in die Augen.

Ezard war in liebenswürdiger Weise bekümmert darüber, daß der alte Herr so unzufrieden mit ihm war. »Aber,« sagte er, »ich kann mich doch nicht ihm zu Gefallen in Galeiden verlieben. Ich wüßte nicht, wie ich das machen sollte, und bezweifle noch mehr, ob sie es sich gefallen ließe. Sie zeigt bei weitem mehr Wohlwollen für ihre Salamander und Frösche - so ekelhafter Geschöpfe hatte sie nämlich einen ganzen Glaskasten voll - als für mich. Und ich kann doch nicht dem Urgroßvater zuliebe ein Amphibium werden.« Meine Eltern stimmten ihm völlig bei, denn Berechnung der Zukunft lag ihnen fern, und sie hatten innige Freude an dem bräutlichen Glück, das sich in ihrem Hause auftat.

Lucile war eine sehr reizvolle Braut. Das unablässige Strahlenspiel ihrer großen, glänzenden Augen zu sehen, war mein besonderes Vergnügen. Ihre Zunge war noch geläufiger als sonst, hingegen verfiel sie nun auch manchmal in eine träumerische Schweigsamkeit, die man vorher nie an ihr beobachtet hatte. Gegen ihren Verlobten war sie bald schelmisch und spröde, bald hingebend, anziehend und abstoßend zugleich. Sie liebte ihn, wie ein jeder bemerken konnte, über alle Maßen, aber sie schien sich Mühe zu geben, mit der Äußerung dieses Empfindens zurückzuhalten, als wolle sie die Würde der eigenen Persönlichkeit wahren.

Galeide verriet in ihrem schwermütigen Wesen, wie schwer es ihr wurde, Lucile zu verlieren; denn es war ihr, als ob es nun gleich nichts mehr wäre, da sie sie nicht mehr allein hatte. Sie hatte eine Art, die Menschen, die sie lieb hatte und die ihr gefielen, mit ihrer Zuneigung wie mit einem starken Magneten an sich zu ziehen und für sich zu haben. Sie verfuhr mit ihnen ungefähr so, wie sie es von ihren Tieren her gewohnt war, die sie dermaßen pflegte und verzärtelte, daß sie zuletzt gar nicht mehr ohne sie sein konnten und rein verderben mußten, wenn sie die Hand von ihnen abzog. Ich sage ihr das nicht als etwas Böses nach, es war ihre Natur, und sie handelte aus ihrem gedankenlosen unersättlichen Herzen heraus. Damals freilich war sie noch ein Kind, und für ihre Beute Lucile hatte es einen stärkeren Magneten gegeben. Immerhin war Lucile, unähnlich manchen von der Liebe ganz überwältigten und hypnotisierten Bräuten, nach wie vor von großer Zärtlichkeit für meine Schwester. Sie sagte einmal in meiner Gegenwart zu Ezard: »Wenn ich du wäre, so hätte ich Galeiden geliebt; es ist gut, daß du nicht weißt, wie wohl es tut, sie zu küssen.« Was denn in der Tat gut war, denn Lucile hätte dabei nicht so großmütig entsagend zugesehen, wie sie sich vom sicheren Port aus eingeredet hatte.

Onkel Harre suchte dem unerwünschten Verlöbnis dadurch einen Stein in den Weg zu legen, daß er von Lucile verlangte, sie müsse den protestantischen Glauben annehmen, obwohl er selbst unbedenklich eine Türkin geheiratet hätte, wenn es ihn gelüstet hätte. Ezard erklärte zwar, daß er an Lucile festhalten werde, welcher Kirche sie auch immer angehöre, aber er sah ein, daß es der Kinder wegen zuträglicher wäre, wenn sie protestantisch würde, und es war ihm wohl auch ein lieber Reiz, zu prüfen, ob sie ihm etwas recht Großes zuliebe tun könnte. Es setzte nun jedermann in Erstaunen, wie rasch sich Lucile zu diesem Schritt bereit erklärte. Das Verstandesmäßige im protestantischen Glauben mochte ihr zusagen; ich bemerkte aber, daß sie überhaupt gar nicht im stande war, eine Überzeugung, mit der sie in ihrer Umgebung allein stand, auf die Dauer festzuhalten. Während sie einen Grundsatz fortwährend in beredtester Weise verteidigte, wurde er unmerklich an den gegnerischen so abgeschliffen, daß er ihr entfremdet war, wenn sie ihn einmal wieder prüfend betrachtete. Sie hielt aber immer den Schein aufrecht und glaubte auch selbst, daß sie durch verständiges Erfassen der protestantischen Lehre von der Richtigkeit derselben überzeugt worden sei und einzig deswegen übertrete. Im Grunde wollte sie sich nur in ganz denselben Formen bewegen, in denen Ezard lebte. Der Urgroßvater, welcher Lucile längst nicht mehr leiden mochte, stellte leichthin, aber nicht ohne Bosheit, die Behauptung auf, es ließe sich begreifen, daß einer von der protestantischen zur katholischen Religion übergehe, nicht aber das Umgekehrte. Lucile errötete und sagte eifrig: »Wie die Menschheit vom Katholizismus zum Protestantismus gekommen ist, so ist dieser Weg auch für den einzelnen der richtige. Von kindlicher, unüberlegter Gläubigkeit schreitet man fort zur Forschung und zum geläuterten, bewußten Erkennen. Mir scheint das Umgekehrte den Rückschritt zu bedeuten.«

Galeide wiegte sich während dieses Gespräches in einem großen, grünen Schaukelstuhle, der in einer nur halb beleuchteten Ecke des Zimmers stand. »Aber warum streitet ihr?« sagte sie schläfrig; »man tritt einfach zum Glauben des Mannes oder der Frau über, um heiraten zu können.«

»Du Heidenkind,« rief Mama und lachte, »sag das niemals laut in Gesellschaft! Unter gebildeten Leuten hat man seine Überzeugung.« - »So?« entgegnete Galeide, »aber wenn ich nun ein Hindu werden wollte, würdet ihr mich doch nicht lassen.« Sie sah, indem sie dies sagte, so lieblich herausfordernd aus, daß ich einmal begriff, wenn einer sie hätte beim Kopf nehmen und recht gründlich küssen mögen.

Unterdessen neckte Ezard seine Braut, da er der unschuldigen und richtigen Meinung war, sie habe den Übertritt in erster Linie um seinetwillen vorgenommen und bedacht, daß der Unterschied zwischen protestantischem und katholischem Glauben nicht groß genug sei, um einen Gott in der Beurteilung von Menschenseelen zu beeinflussen; sie suche es nun aber nachträglich sich und andern als eine Folge ihrer klügeren Einsicht darzustellen, etwa um ihrer Würde als Erzieherin nichts zu vergeben. Als er aber sah, mit welcher Empfindlichkeit sie es aufnahm, wurde er traurig und sagte sehr freundlich zu ihr: »Nun, dann ist es ein Glück, daß deine Überzeugungen dir ermöglichen, einen Schritt zu tun, der meinen Vater mit so viel Freude und Dankbarkeit erfüllt.«

Lucile mochte durch seine Zartheit beschämt sein, denn sie legte plötzlich eine freiwillige Hingebung an den Tag, die bei ihrer vorherrschenden Herbheit wohl etwas Bezauberndes für den hatte, dem sie galt. So schienen sie nach jenem Streite verliebter und glücklicher als zuvor.

Der Urgroßvater sagte nachher zu mir: »Wenn man Lucile reden hört, so erfährt man reichlich, was sie sein möchte, und das ist etwas Außerordentliches; was sie in Wirklichkeit ist, wird man vielleicht später erfahren, vielleicht aber nie, wenn sie nämlich überhaupt gar nichts ist. Das kann bei den Leuten leicht vorkommen, die allzuviel aus sich machen wollen.«

VIII

Inhaltsverzeichnis

Lucile hatte eine Mutter und einen jüngeren Bruder. Vor diesen verheimlichte sie ihren Übertritt zur protestantischen Religion, was sie zwar selbst für tadelnswert hielt, aber sie hatte den Mut nicht, sich den Vorwürfen ihrer Familie auszusetzen. Sie war besonders reizend, wenn sie tief beschämt, daß sie so gar nicht ihren Grundsätzen entsprechend handelte, sich schwach und zaghaft entschuldigte, ohne daß irgend einer von uns ihr ihre Unfolgerichtigkeit vorgehalten hätte. Dies einzige Mal machte sie gar keinen Versuch, ihre Handlungsweise vor sich und andern geschmackvoll auszustaffieren.

Einige Wochen vor der Hochzeit reiste sie nach Hause und nahm von Galeiden einen nahezu verzweiflungsvollen Abschied, da diese nicht zur Hochzeit kommen sollte. Das geschah weniger deshalb, weil Galeide noch zur Schule ging, denn meine Eltern waren darin gleichgültig und betrugen sich zuweilen, als ob das merkwürdige Kind Galeide schon mit allen Kenntnissen zur Welt gekommen wäre, die andere Menschen mühselig im Laufe des Lebens erlernen müssen; aber sie fürchteten, daß sie sich zu sehr aufregen würde, wie denn meine Mama überhaupt ihr wildschmerzliches Gebaren um Luciles Verlust ungern mit ansah, wohl auch ein weniges eifersüchtig war. Überdem wollte der Urgroßvater, welcher vorgab, daß ihm die Reise in die Schweiz zu weit sei, Galeiden bei sich behalten. Ich meinerseits wäre am liebsten bei meinen Kumpanen auf der Universität geblieben, denn die Zeiten waren leider vorbei, wo mir der Name Schweiz das Herz mit Entzücken bewegte, indessen weil es Ezard anging, trug ich eine Teilnahme zur Schau, die eigentlich nichts war als Pietät für meinen ehemaligen besseren Menschen.

Die Mutter Luciles hatte ein nettes reines Häuschen inmitten einer ziemlich ausgedehnten Region bebauten Landes, von dessen Ertrag sie lebte. Sie besaß auch einen kleinen Weinberg und hantierte tüchtig darin herum, war aber in ihrem Äußeren keineswegs eine Bäuerin nach unseren Begriffen. Sie trat mit Sicherheit auf und redete neben ihrem Französischen auch ein wenig Deutsch; in der glänzendsten Gesellschaft hätte sie sich nicht unbehaglich gefühlt. Meine Mama fand hier reichliche Nahrung für ihren empfänglichen Sinn und legte unerwarteterweise ein großes Wohlgefallen für die Landwirtschaft an den Tag, von der sie gar nichts verstand. Sie ließ sich von der Madame Leroy unermüdlich überall herumführen und versetzte uns in die glücklichste Laune, wenn sie uns nun ihrerseits durch die Stallungen und Felder begleitete und die üblichen berufsmäßigen Ausdrücke, die sie eben zum ersten Male gehört hatte, mit wichtiger Miene wieder bei uns anbrachte.

Mir blieb nicht viel übrig, als mich an den jungen Gaspard zu halten; der mochte etwa zwölf Jahre alt sein, hatte aber ein so gewichtiges und abgerundetes Wesen an sich, als wäre er der ältere von uns beiden, was ich in meinem Ärger für das breitspurige Gepräge bäurischer Herkunft erklärte. Deutsch sprach er nicht, weil er es zu häßlich fand. Nun war ich zwar überzeugt, daß er es gar nicht gekonnt hätte, und wenn es eitel Musik und Melodie gewesen wäre, aber nach deutscher Art ließ ich mir durch sein gutes Französisch, das ja nun freilich sein Verdienst nicht war, doch imponieren, und das vermehrte meine Abneigung. Ich nannte ihn für mich den Kasper, um ihn vor mir herabzusetzen. Er verstand, obwohl er sich vorgesetzt hatte zu studieren, viel von der Landwirtschaft und war, wie seine Mutter angab, ein großer Blumenliebhaber und -züchter. Ich traute ihm höchstens das letztere zu. Madame Leroy hatte mir gestattet, Rosen zu pflücken, soviel ich wollte, wovon ich auch Gebrauch machte; denn die Rosen liebte ich von jeher über alles wegen des himmlischen Überflusses, den sie in Form, Farbe und Duft verschwenden.

Doch nahm sich Gaspard heraus, mir einige Knospen an Sträuchern, die ihm zu gehören schienen, zu verbieten, da er sie zu einem Hochzeitsstrauß für seine Schwester verwenden wolle. Von diesen blühte die eine dicht unter seinem Fenster; und da ich am Vorabend der Hochzeit dort vorbeiging und ihn am geschlossenen Fenster stehen sah, reizte es mich, ihn dadurch zu necken, daß ich ihn ansah und gleichzeitig eine Hand nach der Rose ausstreckte, als ob ich sie brechen wollte. In demselben Augenblicke stieß das Ungeheuer eine geballte Faust mitten durch die Glasscheibe und pflückte mit der blutenden Hand die Knospe, bevor ich sie hätte nehmen können, wenn ich überhaupt wirklich gewollt hätte. Der Anblick des fließenden Blutes war für mich zu angreifend, als daß ich den Kasper hätte auslachen können; ich war im Grunde erschreckt und sagte mit ärgerlichem Vorwurf, daß ich ihn nur hätte necken wollen. Worauf er nichts erwiderte, die zerbrochene Scheibe vollends aushob und seine Wunde verband. Seine Mutter fragte nach dem Fenster, als er aber sagte, es sei durch seine Schuld zerbrochen, mischte sie sich nicht weiter hinein und ließ ihn für die Wiederherstellung sorgen. Ich legte es ihr als Schwäche und Torheit aus, daß sie nicht eine nachdrückliche Prügelstrafe über ihn verhängte. Er schien übrigens sehr streng und methodisch erzogen zu sein, denn er war so ordentlich, pünktlich, fleißig, kurz ganz voll Tugend, daß es mir ekelte. Öfters betrachtete ich mit besonderem Widerwillen seine Hände, welche unleugbar etwas Niedliches, kindlich Täppisches hatten, dabei aber eine unbändige Kraft in ihrer Bildung verrieten. Er war mir ungemein zuwider. Ezard hatte eine ausgesprochene Vorliebe für ihn, was meinen Grimm nicht unerheblich verstärkte, obwohl ich mir einredete, der Bube verdanke diese Zuneigung nur seiner Verwandtschaft mit Lucile. Diese, die ich bei uns fast immer meisternd, besserwissend und ihrer Sache sicher gesehen hatte, schien an diesem Früchtchen, ihrem Bruder, wenig auszusetzen zu haben, vielmehr erkundigte sie sich nach seinem Tun und Treiben und seinen Zukunftsplänen, als ob er der ältere und reifere wäre, kurz, behandelte ihn mehr wie ihresgleichen als mich. Wenn sie ihn nun vollends bei der Ausübung seiner religiösen Pflichten betraf, womit er es ebenso genau nahm wie mit der Blumenzucht, bemächtigte sich ihrer eine peinliche Scheu, und ich sagte zu mir selbst: Wahrscheinlich würde dieser Unhold sie mit seinen klumpigen Fäusten prügeln, wenn er wüßte, daß sie eine Abtrünnige ist.

Die Trauung wurde in der kleinen Kirche des Dorfes vorgenommen. Wie wir nun alle so feierlich und gemessen den geheiligten Raum betraten, überkam mich doch ein beklemmendes Gefühl, daß wir eine Komödie aufführten, denn keines von den Brautleuten gehörte dem katholischen Glauben an. Von meinen Eltern wußte ich wohl, daß sie gar nicht daran dachten; Ezards schönes Menschentum schien an jedem heiligen Orte am rechten Platze zu sein, wäre es nun ein griechischer Säulentempel, ein germanischer Hain oder eine bunte Heiligenkapelle gewesen, und ich bin überzeugt, daß an diesem Tage keiner der Anwesenden so im tiefsten Sinne fromm war wie er, obschon er eine positive Religion nicht bekannte; völlig unverständlich war mir nur Lucile, die darauf beharrte, einen katholischen und einen protestantischen Gott zu unterscheiden und nun doch den einen oder den andern verriet. Man sah ihr aber wohl an, daß ihr im Grunde alle Götter der Christen- und Heidenheit einerlei waren neben ihrem Idol, meinem Vetter, und ich mußte für mich lächeln und dachte: sie wird sich schon vor ihrem himmlischen Vater zu rechtfertigen wissen, die Sophistin.

Da ich gar keine zusagende Gesellschaft hatte, verlegte ich mich aufs Beobachten und beobachtete umso schärfer, als ich selbst in diesem Kreise so wenig Verständnis für meine Person fand. Ich sagte zu mir, diese Leute sind Landleute, und daraus lassen sie sich erklären. Der Bauer ist Abkomme geknechteter Väter, und jetzt noch front er der strengen Mutter Erde. Er sieht das Leben als eine Pflicht an, die man ernsthaft vollführen muß. Glück und frevelhaften Übermut kann er nicht unterscheiden. Und die heiteren Menschen, die das Haupt mit Lachen in den goldenen Himmel tauchen, betrachtet er mit Mißtrauen als Narren oder Taugenichtse. Oder aber, wenn er sich unter die andern mischen und ihnen gleichen will, so verliert er sich selbst, und mit den andern kann er nicht fort. Für Leute der letzteren Art war mir Lucile ein Beispiel, ihr Bruder für die ersteren. Das einzige, was ich mir nicht ganz erklären konnte, war, daß meine schöne Mutter sich in diesem Lebenskreise so wohl und heimisch fühlte. Denn als wir andern am Tage nach der Hochzeit uns verabschiedeten, zog sie es vor, noch auf einige Zeit als Gast dort zu verweilen. Sie saß den ganzen Tag unter den Weinlauben und Rosen, und dahin paßte sie auch freilich, als ob sie eben da aus dem Boden gesproßt wäre. Madame Leroy und ihr Sohn Gaspard nicht minder behandelten sie wie eine wunderbare Tropenpflanze, die sich in ihre Spelzfelder verirrt hätte; und Pflanzen hielten sie unnütze Lieblichkeit zu gute, schienen sich ihrer sogar zu erfreuen. Noch sehe ich sie vor mir, meine Mutter, wie sie in einer sich herbstlich färbenden Laube saß, den Schoß voller Früchte und schwellende Trauben dicht über ihrem lockigen Haupte; wie sie die kräftigen weißen Zähne langsam in den roten Pelz eines überreifen Pfirsich senkte, den Duft mehr als den Geschmack genießend. So sah ich sie, als ich Abschied von ihr nahm. Sie hielt mich fest und wollte mir alle Taschen mit ihren Früchten füllen, aber ich wehrte mich lachend, und die gelben und roten Äpfel und die Pflaumen und Aprikosen rollten vor unsere Füße. Ich schwur mir in dem Augenblicke, so schön und glücklich sollte meine Mutter immer bleiben; nie mehr wenigstens sollte ein Kummer um mich dies blühende Antlitz beschleichen. Aber das hatte ich am nächsten Tage vergessen.

IX

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Ich trieb mich nun des weiteren auf den Universitäten herum, und meine Vorstellung von der Jurisprudenz war noch immer die von einer Arznei, die einmal geschluckt werden muß, die man sich aber in eine gebackene Zwetsche wickelt, worauf sie glatter hinuntergeht (aber auch weniger wirkt). Etwas Rechtes wurde ich doch einmal, weil ich zu den Ursleuen gehörte; ich brauchte mich nur hinzustellen und wie ein Schlaraffe das Maul aufzusperren, dann würde es schon hineingeflogen kommen. Ich dachte, ich würde mir ein schlechtes Zeugnis ausstellen, wenn ich arbeitete und schwitzte. Nur störte es mich, wenn mein Vater zuweilen schrieb, seine Geschäfte gingen nicht gut, ich möchte weniger verausgaben und mehr studieren. Mein Vater hatte leicht ein Pathos in seiner Rede, welches mich immer sehr erschütterte und zu bewunderungswürdigen Versprechungen und Plänen hinriß. Aber ich vergeudete nach wie vor das Geld zu den unsinnigsten und verwerflichsten Zwecken, wobei ich noch dazu das Verschwendertum in eine poetische Beleuchtung zu setzen wußte und mir dabei gar nicht übel gefiel. Es ist freilich gewiß wahr, daß ich mich damals im Allerinnersten unsäglich unglücklich fühlte, und sowie ich einen Augenblick Atem schöpfte und mich bedachte, beschlich mich eine fürchterliche Trostlosigkeit, daß es mir oft vorkam, als müßten mir die Zähne klappern vor seelischem Froste. Aber deswegen fing ich doch kein anderes Leben an; ich hatte nicht einmal die Ausdauer ein schönes Buch zu lesen, was ich als Knabe mit verfrühter Leidenschaft, aber doch auch mit Verständnis so gern getan hatte. Ich schmollte mit dem Schicksal, daß es mir nicht mehr Reichtümer zur Verfügung gestellt hatte; denn auf deren Mangel schob ich alles Elend. Es kam mir nie in den Sinn, frisch und fröhlich zu arbeiten und zu sparen; aber daß ich insgeheim die Verpflichtung dazu und daneben die Unfähigkeit ihr nachzukommen fühlte, das war es eigentlich, was mich so unglücklich machte.

Indessen arbeitete mein Vater unablässig, um uns die Mittel zu unserer behaglichen Lebensweise zu verschaffen, aber endgültig rettende Erfolge hatten seine Anstrengungen nie mehr. Das hätte ich nun wohl, so wenig ich auch vom Kaufmännischen verstand, bemerken können, aber ich kam meinem Vater in seinem Bestreben, den traurigen Stand der Dinge vor uns zu verbergen, allzu bereitwillig entgegen, anstatt daß ich versucht hätte, seine überhäufte Brust von den verschwiegenen Sorgen mitempfindend zu befreien.

Es glückte mir, zu anständiger Zeit das erste Examen nicht gerade rühmlich, aber ordentlich zu bestehen, und so zog ich denn nach vierjähriger Abwesenheit wieder in unsere Vaterstadt ein, um die übliche Laufbahn, zunächst als Referendar, durchzumachen. Ich fand in unserem Hause durch die immer zunehmende schlechte Geschäftslage alles gründlich verändert. Meine Mutter nahm sich aus wie etwa ein griechisches Götterbild zur Zeit des aufsteigenden Christentums in einem verödeten, heidnischen Tempel. Sie klagte nicht und war schön und heiter wie sonst, nichtsdestoweniger erfüllte ihr Anblick das Herz mit Gram, und ich hätte sie nehmen und weit forttragen mögen nach einem schönen, blühenden Eiland im stillen Ozean, oder auch nur nach jener traubenvollen Weinlaube in Welschland. Jene weiten und hohen Räume unseres Hauses, wo ehemals fröhlicher Schall und festliche Laune gewaltet hatten, wären jetzt eine Halle des Schweigens geworden, wenn nicht der Urgroßvater und Galeide gewesen wären. Der Urgroßvater hatte sich in der Zeit meines Fortseins am wenigsten, Galeide am meisten verändert. Sie erwartete mich am Bahnhof, als ich ankam: vom Wagenfenster aus sah ich sie einen Augenblick, ohne mir bewußt zu sein, wer es war, und dachte: Was ist das für eine Schöne? Aber als ich merkte, daß es Galeide war, fand ich sie nicht mehr schön, und sie war es auch nicht. Was sie eigentlich tat, daß man so viel Wesens von ihr machte, ist schwer zu sagen. Wenn sie nicht da war, hieß es sogleich: Wo ist Galeide? wo ist das Kind? und mein Vater benahm sich, als ob ein ernstliches Unglück geschehen wäre. Infolgedessen gab es Unruhe und Unbehaglichkeit im Hause, und das war die Ursache, daß auch ich ihre Anwesenheit sehnlich wünschte, damit nur die anderen zufrieden wären.

Wenn sie nicht bei uns war, war sie fast immer beim Urgroßvater oder bei Lucile. Der Urgroßvater, welcher sein ganzes Leben lang stets über soviel Mittel verfügt hatte, wie er brauchte, hatte einen Abscheu vor dem Gelde und verachtete zugleich die Menschen, die sich darum mühten, die es anbeteten, die es zur Schau trugen, die es nicht hatten, kurz alle, die sich merken ließen oder merken lassen mußten, daß sie vom Dasein des Geldes Bescheid wußten. Ich erinnere mich nicht, ihn ohne dringendsten Anlaß von Geld sprechen gehört zu haben. Da mein Vater nun in die Lage geraten war, beständig an das Geld denken zu müssen, war ihm seine Gesellschaft unerfreulich geworden, und er vermied es, in die Zimmer meiner Eltern zu kommen, obwohl er sie von ganzem Herzen liebte und ihnen für sein Leben gern mit Preisgebung seiner selbst geholfen hätte. Da er nun dem Onkel Harre nach wie vor abgeneigt war und Ezard mit Lucile zusammen nicht sehen mochte, war er ganz auf Galeiden beschränkt und suchte beständig Vorwände, um sie zu sich zu rufen, obwohl er selten unterließ ihr vorzuhalten, daß sie die Eltern um seinetwillen nicht vernachlässigen dürfe.

Am liebsten war Galeide in Ezards Hause, und es fiel mir auf, wie sie dort eine andere war als bei uns. Freilich war es dort auch anders als bei uns, und das war, soviel ich urteilen kann, bewirkt durch Ezards Persönlichkeit. Denn er, obgleich in manchem als ein rechter Ursleu kenntlich, stellte doch etwas wesentlich anderes dar. Wie ein Körper durch Hinzufügung eines einzigen Atoms zu einem völlig verschiedenen werden kann, war es vielleicht auch nur ein Geringes, worin er von uns abwich; doch in der Wirkung bedeutete es viel. Wie die Schönheit seines Äußern in der vollendeten Harmonie aller Einzelheiten bestand, so war es auch mit seinem Inneren; er war nicht so eigenartig, absonderlich oder hochbedeutend, wie nicht wenige unserer Familie gewesen waren und waren, aber ruhiger, willenskräftiger, sicherer. Es hatte hie und da ein Ursleue plötzlich sein Glück gemacht und im Hange zu Wagnissen und Abenteuerlichkeit ebenso wieder eingebüßt. Es hätte ihm ähnlich, aber nie ganz so gehen können. Er ließ sich wohl auch in Ungewöhnliches und Ungeheuerliches ein: aber er faßte es mit seinen kräftigen, geschickten Händen so an, daß allgemach etwas Gediegenes daraus wurde. Man hätte ihn ein Kind des Glücks nennen können, nicht aber Fortunens verzogenen Liebling. Von diesen Eigenschaften erhielt das ganze Hauswesen ein Gepräge, weniger von Lucile, da ihre Natur schwächer war als die seinige. Dies könnte überraschen, da sie in ihrer Lebhaftigkeit viel mehr in die Sinne fiel als er. Aber nach meiner Rückkehr fiel es mir bald auf, wie viel von ihrem Selbst sie verloren hatte. Sie ging ganz und gar in Ezard unter, sie vermochte nicht, sich festzuhalten. So pflegt es den Mädchen zu ergehen, die sich dem liebenden Manne gegenüber wie eine Festung verhalten, alle Brücken einziehen und die Kanonen zu den Schießscharten herausgucken lassen, im Vorgefühl, daß sie sich nicht ergeben können, ohne sich zu verlieren. Ist dann die Mauer erstürmt oder die Besatzung ausgehungert, und sind die Schlüssel dem Herrn ausgeliefert, so ist sie nichts für sich mehr; die Geschichte der Stadt Rottweil beschließt der Historiker, wenn sie aufhört eine freie Reichsstadt zu sein, hernach muß man sie in der Geschichte Württembergs suchen. Andere mächtige und kühne Städte gab es, die sich mit den Herren vertrugen und ihnen eine joyeuse entrée gestatteten, wo sie Flaggen und Girlanden und geputzte Bürger und Bürgerinnen bewillkommten, und sie den Hut zogen und sich's zur Ehre schätzten.

Lucile hatte fast nur noch Ezards Meinungen, was zwar nicht ausschloß, daß sie häufig in großer Unfriedfertigkeit miteinander lebten. Lucile pflegte es dann Galeiden zu klagen, die dem einen oder dem andern Recht gab, je nachdem es ihr gut schien, und meistens schnell die Versöhnung herbeiführte, ohne selbst etwas Besonderes dazu zu tun; es ging nur in ihrer Gegenwart besser, wie Lucile sagte. Lucile lud sich gern viele Leute ein, die sie aufs beste zu unterhalten wußte, so daß sie in der Gesellschaft eine ziemliche Beliebtheit gewann. Ezard fand daran keinen großen Geschmack, hätte auch so bedeutende und unnötige Ausgaben lieber vermieden, schon um der bedenklichen Lage meines Vaters willen, die er wohl kannte, aber er schlug ihr aus Güte nichts ab, was sie wünschte, außer wenn es völlig unverständig war. Von seiner Verliebtheit war bald nicht viel mehr übrig als eine große Freundlichkeit und ein Gefühl von Beschützerpflicht für die Frau, an die er sich gebunden hatte.

In der Weise war Lucile unverändert dieselbe geblieben, daß sie alle Menschen an der Hand ihrer gestrengen Grundsätze beurteilte, wobei denn doch stillschweigend vorausgesetzt war, daß sie selbst dieselben befolgte. Ihr fehlte die innerliche Geschmeidigkeit, mit der man in das Seelengehäuse der anderen hineinschlüpft und sich darin umtut, um sie völlig zu begreifen; deshalb mutete sie oft den Menschen Dinge zu, die ganz außer deren Bereiche waren und verschonte damit auch Ezard nicht. Denn sie hatte ein Idealbild von ihm in sich, womit er nun durchaus übereinstimmen sollte, während doch das ganze Lieben keinen Pfifferling gilt, wenn man nicht so geliebt wird, wie man ist; sonst brauchte man nur einen Kartenkönig, aber keinen Menschen dazu. Besonders häufig richtete sie ihren Tadel gegen meine Eltern, deswegen, weil sie nicht dem Rückgang ihrer Verhältnisse kräftiger zu steuern suchten und nicht den Mut besäßen, ihre Lebensweise in eine andere, niedrigere Form zu bringen, als die bisherige gewesen war. Hier hatte sie nun wohl recht, aber sie pflegte es mit einer Schärfe und Mitleidlosigkeit auszusprechen, die mich bitter kränkte, da ich meine Eltern nicht gerade mit Rat und Tat liebte, umsomehr aber auf eine bequemere, gewissermaßen ritterliche Art, indem ich mich mit blankem Schwerte vor ihr Wappenschild stellte, um seine Fleckenlosigkeit gegen jedes Lästermaul zu verteidigen. Mit großer Liebe und Zartheit verfuhr Lucile indessen stets gegen Galeiden. Einmal, als wir Geschwister bei ihr waren, sagte sie zu ihr:

»Geliebtes Herz, obwohl es sich besser für dich schicken würde, Kaiserin von Konstantinopel zu sein, so wäre es doch in Anbetracht der Blindheit des Schicksals ein Glück, wenn du die Möglichkeit ins Auge faßtest, einmal selbst für dich sorgen zu müssen. Möchtest du nicht das Lehrerinnenseminar besuchen? Zur geistigen Arbeit neigst du ja mehr als zur häuslichen.« Galeidens Gesicht verzog sich ängstlich. »Ich will gar nicht Kaiserin von Konstantinopel sein«, sagte sie, »aber Lehrerin kann ich durchaus nicht werden; es wäre mein Tod.« Ezard sagte hierauf in seiner ruhigen Weise: »Ich begreife nicht, warum. Ich finde, daß Lucile ganz recht hat. Du hast es noch nicht versucht und weißt nicht wie es ist. Du großes Walkürenmädchen siehst nicht aus, als ob dich ein so gelindes Unglück gleich umbringen würde.«

Da fuhr aber Galeide heftig auf und sagte: »O, du bist ein Mann und hast aus dir machen können, was du wolltest. Du hast gut reden! Für uns ist der Abfall da, das was euch zu gering zu tun ist. Und wäre es auch der höchste Erdenruhm, Lehrerin oder Erzieherin zu sein, das ist das wichtigste, daß ich nun einmal keine Lust dazu habe. Ich möchte weit lieber ein Tierbändiger oder ein Matrose sein.« Als sie das sagte, neigte sie den Kopf, den sie auf stattlich schlankem Halse trug, etwas zurück und warf einen stolzen und fast verächtlichen Blick auf Ezard; und ich muß sagen, daß sie in diesem Augenblick schön und kühn aussah, obschon das, was sie sagte, eine nahezu unsinnige Behauptung war. Ezard entgegnete, in jedem Beruf sei eigentlich die Beschäftigung das, was Befriedigung verschaffe; kein Beruf habe an sich einen höheren Wert als ein anderer, man müsse aus seinem Berufe etwas machen, anstatt daß es umgekehrt sei. Galeide sagte in derselben hochmütigen Art wie vorher: »So weiß ich nicht, warum du einmal zu Ludolf sagtest, es sei schade, daß die Mittel seines Vaters ihm nicht erlaubten, Schriftsteller zu werden, und warum du ein ander Mal sagtest, wenn du jetzt wählen dürftest, würdest du Naturforscher werden oder Landwirt.« Ezard mußte hierüber lachen und sagte: »Das ist wahr, aber du siehst ja, ich schlage mich auch als Verwaltungsrat mit leidlich zufriedener Miene durchs Leben, obgleich ich oft an die nun verschollenen Wasserwunder denke, die ich im Meere entdeckt haben könnte.« Worauf Galeide lustig fortfuhr: »Und das wird dir so gewiß leichter, als wenn du als Hauslehrer unter sieben ungezogenen Rangen säßest.«

Ich beobachtete, daß Ezard durch diese Unterhaltung nachdenklich gestimmt war, und ich mußte an die ehemaligen Pläne des Urgroßvaters denken und überlegte mir, ob mein Vetter und meine Schwester nicht doch vielleicht gut füreinander gepaßt hätten. Indessen sagte Ezard einmal, als Galeide nicht anwesend war, er hielte es doch für das richtigste, wenn sie sich zur Lehrerin ausbilden wollte; denn obwohl er im schlimmsten Falle von Herzen gern für sie sorgen würde, wie sich das von selbst verstehe, so möchte er ihr das gleichsam nicht antun müssen; denn sie würde sich dabei unglücklich fühlen und ihn, dem sie ohnehin nicht sonderlich gewogen zu sein scheine, zu hassen anfangen, wenn sie Wohltaten von ihm anzunehmen gezwungen sei.

»Was für eine Einbildung,« sagte Lucile hierauf, »daß sie dir nicht gewogen sei! Ihr seid seltsam. Ihr würdet so einzig füreinander passen, du der herrlichste Mann, den ich kenne, und sie die herrlichste Frau. Freilich dürftest du sie nicht so lieben wie mich, wenigstens nicht jetzt. Aber wenn ich gestorben sein werde, so sollst du sie heiraten, und dann wirst du so glücklich sein, wie du es zu werden hofftest, als ich noch deine Braut war.« Dieser wehmütige Einfall war Lucile jedenfalls ganz unerwartet und plötzlich gekommen, denn sie machte große, erschreckte Augen, und ihre Lippen zuckten. Ezard umarmte sie mit ungekünstelter Herzlichkeit und trocknete ihr mit dem Taschentuche die heruntertropfenden Tränen ab, mußte aber nebenbei über die Zumutung in Hinsicht Galeidens so vergnügt lachen, daß man wohl sah, wie völlig gleichgültig sie ihm war. Was ich auch ganz wohl begreifen konnte.

X

Inhaltsverzeichnis

Wie ich mir das vorhin wiedergegebene Gespräch zwischen Ezard und Galeide zurückrufe, kommen mir die neueren Bestrebungen der Frauen, gleiche Rechte mit dem Manne zu erwerben und ihr Wunsch, ihre Persönlichkeit um ihrer selbst willen auszubilden, in den Sinn. Ich hatte infolge einer gewissen Anhänglichkeit an die Schweiz eines meiner Studiensemester in Zürich zugebracht, wo den Frauen die Erlaubnis erteilt worden war, neben den Männern die Universität zu besuchen. Ich hielt dies für eine gröbliche Verirrung des guten Geschmackes und war bereit, das Ärgste von den Mädchen zu glauben, die ich dort antreffen würde. Nun aber tat die flüchtigste Umschau dar, daß es dort weibliche Wesen gab wie anderswo auch, nette und häßliche, gescheite und einfältige, überspannte und vernünftige, zumeist mit etwas mehr Frische und Kernigkeit ausgestattet, als die Hausweiber besitzen. Ich fuhr aber nichtsdestoweniger fort, diese Mädchen grundsätzlich zu mißbilligen und vermied sorgfältig, mich im Gespräch mit ihnen antreffen zu lassen.

Einmal besuchte ich aus Neugierde das Kollegium eines Professors, welcher über ein schwieriges philosophisches Thema las. In den Reihen seiner Zuhörer bemerkte ich ein junges Mädchen, welches mir trotz meiner Vorurteile ungemein anziehend vorkam, von schönem slawischen Typus, mit völlig farblosem, ovalem Gesicht, um das herum kurze, leidenschaftliche Locken der schwärzesten Färbung fielen. Ihre Augen voll trauriger Schwärmerei hingen unverwandt an den Lippen des Professors, und ich konnte nicht umhin, das junge Wesen zu bewundern, das diese trockenen und spitzfindigen Dinge so emsig verständnisvoll in sich aufnahm. Ich besuchte diese Vorlesung nun regelmäßig, und zwar einzig, um mich an dem Anblick des Mädchens zu weiden; denn ich muß sagen, daß ich immer, und vorzüglich damals, zu trägen und prachtliebenden Geistes war, als daß ich mich gern in abstrakte Philosopheme vertieft hätte. Die melancholische Schönheit mit soviel Geistesschärfe vereint bestrickte mich gänzlich und ich faßte den Entschluß, die Bekanntschaft der Fremden zu machen, was auch mit keinerlei Schwierigkeiten verbunden war. Sie benahm sich artig und fein, war sogleich sehr zutraulich gegen mich und hieß Vera mit einem langen, schweren, russischen Geschlechtsnamen. Meine Unfähigkeit, denselben richtig auszusprechen, gab mir den Vorwand, sie Fräulein Vera zu nennen, was sie mir auch lächelnd gestattete. Ich fing zuerst an, mit ihr über die in der Vorlesung behandelten Themata zu reden; da aber erklärte sie mir sogleich, sie besuche dieselbe nicht des Inhaltes wegen, sondern nur um Deutsch sprechen zu hören, denn sie sei der Sprache noch nicht ganz mächtig; sie hätte aber gehört, daß der betreffende Professor ein besonders gutes Deutsch rede, und deshalb gehe sie in alle seine Vorlesungen. Weit entfernt hierdurch entnüchtert zu sein, sagte ich mir frohlockend, mein Gefühl habe mich richtige Wege geleitet, ich habe es mit keinem gelehrten Fräulein, sondern mit einem unschuldigen, fleißigen Mädchen zu tun, und nur deshalb könne sie auch im Besitze einer so rührenden Schönheit sein. Da ich nun mehr Teilnahme für die Verhältnisse der studierenden Russenkolonie hatte, achtete ich auch mehr auf das, was von ihnen erzählt wurde, und darunter wiederholte sich am häufigsten der Bericht von der großen Armut dieser unglücklichen Menschen, die wirklich den Genuß der Wissenschaft mit Entbehrungen des eigenen Leibes erkauften, wie die braven deutschen Gelehrten zur Zeit des Humanismus. Auf einmal kam es mir in den Sinn, daß die blutlose Blässe des geliebten Gesichtchens von unzureichender Ernährung herrühren könne, und wohl wissend, wie jämmerlich ich selbst mich in solcher Lage benehmen würde, ergriff mich ein unbehagliches Mitleiden, und ich beschloß, dies keinen Tag länger mit anzusehen. Die zarteste Art ihr zu helfen schien mir die zu sein, daß ich sie zu Spaziergängen auf den nahen Berg einlud, wobei es sich dann von selbst ergeben würde, daß wir in einem schön gelegenen Wirtsgarten einkehrten, und etwas genossen. Es glückte mir so vortrefflich, wie ich nur hatte hoffen dürfen. Sie ging willig mit mir, war auch so schwächlich und des Wanderns so ungewohnt, daß sie bald auszuruhen verlangte und mir sogar noch einen Rat gab, wo wir am schönsten und besten einkehren könnten. Es war ein freundliches, von Pappeln umgebenes Haus zwischen Weinbergen, von wo wir die rauchende, emsige, weithinverlaufende Stadt tief unter uns sahen und in östlicher Ferne die silbergraue, zackige Linie der Alpen. Ich bestellte Wein, Brot und Käse; mehr wagte ich nicht. Veras Augen leuchteten, und während des Essens und Trinkens wurde sie sehr aufgeräumt und plauderte mit behendem Zünglein, was ich nur hören mochte: von ihren Eltern, ihrer Heimat, den dortigen Zuständen, den Nihilisten und Anarchisten. Es machte sie anfänglich stutzig, daß ich kein solcher war, aber da ich aus meinem vollen, liebenden Herzen bekannte, daß ich in der russischen Barbarei eiligst einer der hervorragendsten werden würde, wurde sie wieder ganz vergnügt und schien über meinen moralischen Wert beruhigt. Ich ließ unter dem Vorwande eigenen unersättlichen Hungers noch mehr Brot und Käse kommen, wovon sie auch noch etwas nahm; zuletzt aber sagte sie mit schüchternem Aufblick ihrer sinnenden Augen, der Käse sei so gut, daß sie gern einer kranken Freundin davon mitnehmen möchte, die das Zimmer mit ihr teile. Ich begriff sogleich, daß sie sich ein Abendessen davon machen wollte und verriet mit keiner Miene, wie gering ich die arzneiliche Wirksamkeit des Käses in krankhaften Zuständen anschlug, vielmehr half ich ihr ein strammes Paketlein von den reichlichen Überresten unserer Mahlzeit zu machen.

Da wir solche Spaziergänge nun häufig wiederholten, nahm sie sichtlich an Wohlbefinden zu, und es war lieblich zu beobachten, wie eine zarte Rosenröte sich immer mehr über ihre Wangen ausdehnte, ähnlich wie im Spätsommer das Aufblühen der Erika eine Purpurwelle über die dürre Heide ergießt, oder wie sich das erwachende Leben in Pygmalions Marmorweibe mit einer leicht durchschimmernden Blutröte angekündigt haben mag.

Auch meine Empfindungen mögen mit denen Pygmalions Ähnlichkeit gehabt haben, insofern als ich mich für den Schöpfer dieser Lieblichkeit hielt und ein Anrecht auf den Liebeslohn der Neubelebten selbstverständlich zu haben glaubte. Als das Semester sich seinem Ende näherte, sah ich ein, daß ich mit dem handgreiflichen Ausdruck meiner Gefühle nun beginnen müsse, denn alle meine stummen Andeutungen in Blicken und Mienen hatte sie bisher nie verstehen wollen. Ich führte deshalb, um genugsam Zeit vor mir zu haben, meine Vera nach einem entfernteren Ziele als gewöhnlich, nach einem anmutigen kleinen Ort am See, wo wir an Wochentagen ganz einsam unter breiten Linden sitzen konnten. Wir tranken dabei von dem heitern, prickelnden Landwein und sahen auf das gelind und regelmäßig bewegte Wasser träumerisch hinaus. Ich schob meine Erklärung noch hinaus, denn es schien mir schade, das friedliche Schlummern der Landschaft zu unterbrechen. Man hörte nichts als das Aufschäumen des Wassers beim Kommen und Gehen der Dampfer und das rieselnde Geplätscher um den Kiel der Kähne, die unablässig vorübergerudert wurden. Da wir so allein waren, bat ich Vera, mir ein russisches Volkslied vorzusingen, was sie mir schon mehrmals versprochen hatte. Sie war auch dazu bereit, setzte sich auf das Geländer, welches den Garten vom See schied, und sah nicht mich an, sondern über das Wasser hin gegen die beleuchteten Berge. Dann fing sie sogleich an, ein Lied zu singen, dessen Inhalt ich nicht verstand, wohl aber die seelenvolle, mit kindlicher Eindringlichkeit immer wiederholte Klage der Melodie, die sich wunderbar mit der klangreichen Sprache verband. Das Lied hatte viele Verse, die sich alle gleich waren, so daß man den Eindruck eines unerschöpflichen, unabänderlichen Wehs empfing, das das duldende Herz zuletzt unbewußt erleidet, wie Kinder unter ihren Tränen einzuschlafen pflegen. Auch mir, der ich zuhörte, ging es so; es kam mir vor, als wäre ich nur ein Schatten in einem Traume, und es wurde mir leicht, zu dem fremdartigen Mädchen, das, nachdem das Lied beendigt war, still auf dem Geländer sitzen geblieben war, von meiner Liebe zu sprechen. Da nun freilich riß mich ihr ängstliches Erschrecken schnell genug aus meiner wonnigen Stimmung.

»Ach,« sagte sie, »ich habe es Ihnen gerade heute mitteilen wollen, da Sie mir so sonderbar vorkamen, nämlich daß ich schon seit geraumer Zeit verheiratet bin.« Das war nun allerdings genug, um meine Schäferlaune ganz und völlig umzublasen und mich, nachdem ich Besinnung und Fassung wiedererlangt hatte, mit einem wohlerworbenen Ingrimm zu erfüllen. Vera schien denselben zwar gar nicht unberechtigt zu finden, ertrug ihn aber mit ziemlicher Leichtherzigkeit und erzählte mir in beschwichtigendem Plaudertone, daß der vermaledeite Gemahl Russe und Student sei wie sie, und daß sie, da seine wie ihre Eltern durch schlechte Ernte und sonstiges russisches Elend schwer betroffen gewesen seien, längere Zeit ohne Geld hätten auskommen müssen. Es sei ihnen sehr kümmerlich ergangen, und sie hätte dem hungernden Gatten stets die Käsebrote mitgenommen, die nach ihrer listigen Angabe für eine kranke Freundin bestimmt gewesen wären. Ich hatte anfänglich Lust, das leichte Wesen zu nehmen und mit kräftigem Schwunge weit in den See hinaus zu werfen, doch legte sich meine Wut, je mehr ich anfing, das Abenteuer seltsam und belustigend zu finden. »Aber,« sagte ich grollend, »war denn der einfältige Tropf nicht eifersüchtig?« »O,« sagte sie, »ich erzählte ihm Wort für Wort wieder, was ich mit Ihnen sprach, und dann bekam er doch das Brot und den Käse; wir sind auch nicht mehr so kindisch, da wir ja schon über ein Jahr verheiratet sind.« Sie erzählte mir weiter, daß die Verhältnisse ihrer Eltern sich gebessert hätten, daß sie wieder Geld bekämen, und daß sie, wie sie mir auch heute hätte ankündigen wollen, auf unsere gemeinsamen Spaziergänge nun verzichten wolle, da sie doch einmal anfangen müsse, gründlich zu studieren. »Ja, das wird denn auch wohl das Beste sein,« sagte ich und führte sie auf dem nächsten Dampfschiff in eintretender Dämmerung nach Hause. Wir trennten uns in Minne, und ich war bei späterer Überlegung im Grunde nicht unzufrieden mit dem gutartigen Ausgang dieser Liebesgeschichte. Auch darf ich mir das Zeugnis ausstellen, daß ich aus dem Ereignis in keiner Weise verallgemeinernde Schlüsse zog und mich mit Äußerungen über die moralische und intellektuelle Beschaffenheit der studierenden Mädchen stets behutsam zurückhielt, da es mir schien, als seien sie besser als ihr Ruf, so daß ich es für unbillig gehalten hätte, denselben aus Gehässigkeit und Rachsucht noch zu verschlechtern.

XI

Inhaltsverzeichnis

Ezard und Lucile bekamen einen Knaben und ein Mädchen. Das erste Kind, der Knabe, wurde nach seinem Großvater Harre benannt. Neben ihm war Galeide Patin wegen der Liebe, die sie und Lucile zueinander hatten, die sich in der Zeit, wo meine Schwester die junge Wöchnerin gepflegt hatte, noch um vieles gesteigert zu haben schien. Denn sowie das Kind geboren war, siedelte Galeide fast ganz nach Ezards Hause über, damit Lucile nie allein sei. Ezard war voll sorgfältiger Aufmerksamkeit gegen seine Frau und suchte sie jeden Tag durch irgend eine anmutige Gabe oder einen liebevollen Einfall zu unterhalten, aber er hielt sich nicht sonderlich gern in Krankenzimmern auf und mußte ohnehin während des Tages meist seinen Geschäften nachgehen. So ließ es sich denn Lucile gern in meiner Schwester Zärtlichkeit wohl sein und tat, als ob es überhaupt kein liebenswertes Geschöpf auf der Welt gäbe außer Galeide. Das ist allerdings zuzugeben, daß es in dem Krankenzimmer behaglicher war, als in vielen Gesellschaftsräumen, und daß das zum Teil Galeidens ruhig heiterem Gesicht und anmutigen Sitten zu verdanken war. Wenn sie um Lucile beschäftigt war, so erfreuten ihre sanften Bewegungen und ihr gleitender Gang; sonst aber saß sie in einem beweglichen Stuhl, den sie beständig leise, leise hin und her schaukelte, und plauderte harmlose, gute Dinge mit wohltönender Stimme, daß es an das Geräusch von Wassertropfen mahnte, die über ein stillstehendes Mühlrad hinabrieseln. In angemessenen Zwischenräumen brachte sie immer einen ihrer absonderlichen Einfälle vor, die zum Widerspruch oder zum Nachdenken reizten, wußte sich aber so spielerisch und gutgelaunt zu verteidigen, daß ernstlicher Hader vermieden wurde. Lucile war auch meistens Galeidens Meinung, weniger weil sie von gewichtigen Gründen überzeugt war, als weil sie einer gewissen überredenden Art und Weise, die meine Schwester an sich hatte, nicht widerstehen konnte; es hatte sich überhaupt zwischen den beiden ein Verhältnis gebildet, als ob Galeide die ältere wäre. Galeide pflegte über Welt und Leute zu reden, wie wenn sie von einer Wolke auf sie herabsähe und selbst gar nicht dazugehörte, womit sie vielen ganz ungemein imponierte. Häufig holte ich am Abend Galeiden ab, um sie nach Haus zurückzubegleiten; denn wie oft auch Lucile Ezard dazu anzuhalten suchte, stets wiesen sie es beide zurück. Galeide sagte sogar einmal in Ezards Gegenwart: »Warum soll er mich denn begleiten? Da wir einander doch so unaussprechlich langweilen!« Worüber beide herzlich lachen mußten; denn es macht immer Vergnügen, seine wahren Empfindungen einmal voll aussprechen zu dürfen und am meisten dann, wenn der gute Ton und die Regeln der Geselligkeit dem eigentlich im Wege stehen würden.

Harreke, der mich wegen seiner roten Hautfarbe und seines vielen Geschreis mit Schauder erfüllte, legte auch bald die übliche Zuneigung für Galeiden an den Tag, was freilich nicht zu verwundern war, da sie sich mit ihm schleppte und mit ihm spielte wie einst mit ihren Kaninchen und Kätzchen, und die Weichheit ihrer Stimme, wenn sie ihm Wiegenlieder vorsang, auf seinen jedenfalls noch tierisch ungeschlachten Organismus eine magnetisierende, beschwichtigende Wirkung üben mochte. Es erschien häufig, als ob Galeide und nicht Lucile die Mutter des Kindes wäre; denn während er nach meiner Schwester stets mit verlangendem Zappeln die Arme ausstreckte, suchte Lucile eine erzieherische Methode an ihm auszuüben, um ihn vermittels des besten Systems zum preiswürdigsten aller Menschen heranzubilden, was der Gequälte, der noch nichts als Lust und Unlust unterscheiden konnte, naturgemäß mit Furcht und Abscheu von sich abzuwehren suchte.

Zur Taufe veranstaltete Ezard ein Familienfest. Wenn ich daran zurückdenke, so ist es mir, da fast alle von denen, die daran teilnahmen, nun tot sind, als stände ich inmitten eines Kirchhofs, und die Gestalten stiegen, von meiner Sehnsucht heraufgefordert, aus ihren Gräbern in dem Putz, den sie damals trugen, und umkreisten mich im feierlichen Reigen, blaß und schweigend, die ich damals prangend in Kraft und Schönheit gesehen habe.

Das Volk drängte sich vor den Türen der Kirche, um die Ursleuen taufen zu sehen. Gott im Himmel, wie lange scheint es her zu sein! Ich fuhr mit dem Urgroßvater und Galeiden zur Kirche. Sie nahm einen Sitz allein ein, um ihr Kleid zu schonen, wie sie sehr wichtig verkündigte; man wußte aber wohl, daß ihr im Grunde nichts daran gelegen war. Wir waren aufgeräumt, und ich muß sagen, daß es sich sehr gut mit meiner Schwester scherzen ließ, da sie eine wahre Lust am Komischen hatte und von ferne witterte, wo es für ein gesundes Germanengemüt etwas zu lachen gab. Der Urgroßvater liebte es, uns dabei zuzuhören, und pflegte, wie er uns denn jede schmeichelhafte Bemerkung, die er über uns machte, sofort preisgab, zu sagen, unser Witz gleiche zwei Windspielen, die in anmutigen Windungen miteinander tanzen und jagen. Als wir in die Sakristei kamen, wo die jungen Eltern uns empfingen, wurde Galeide ernsthaft, und als sie, das Bübchen auf dem Arm, am Taufbecken stand, glich sie so völlig einer lieben heiligen Mutter Gottes, daß es mich zu rühren begann. Da ich ihr gleich darauf eine verstohlene Bemerkung über den Pastor zuraunte, der uns mit seinem grotesken Kirchenpathos beständig zu allerhand Späßen veranlaßte, verwandelte sich ihre Miene, mit der sie mich verständnisvoll lachend ansah, und sie hatte nun auf einmal ganz und gar das glückliche Kindergesicht wie zu der Zeit, als sie noch die gute kleine Galeide hieß.

Neben ihr stand als Taufpate Onkel Harre, der mit der Haltung eines Jünglings den geistreichen Kopf trug, an dem fast nur die dichten, ergrauenden Haare den Beginn des Alters anzeigten. Er war jetzt völlig von der Heiligkeit der Handlung hingenommen und stellte einen würdigen, christlichen Paten dar; ließ sich sogar willig von dem perorierenden Pastor zu Tränen rühren und versicherte uns hernach begeistert, daß es doch etwas Schönes um die kirchlichen Zeremonien sei, die man keinesfalls antasten dürfe, selbst wenn das Dogma noch mehr seines Ansehens beraubt sein würde als jetzt. In der allgemeinen Lustbarkeit vergaß ich der Sorge, die ich stet und starr wie ein schwarzes Steinbild in unserem Hause sitzen wußte. Jetzt aber, obwohl das alles nun schon lange der Vergangenheit angehört, schnürt es mir das Herz zusammen, wenn ich mir meinen Vater vergegenwärtige, wie er sich zwischen den Feiernden, gefeiert als eines der Häupter unserer Familie, bewegte. Wer ihn gut kannte, konnte ihm das verborgene Leiden ansehen, doch nahm er lebhaften Anteil am Gespräch und plauderte besonders mit Galeiden, wenn es ihm gelang, sich neben sie zu setzen und ihre Hände zu streicheln. Es gab ein rechtes Phäakenmahl mit fetten Braten, edlen Weinen, Behaglichkeit, Gespräch und Erzählung. Auch der Sänger fehlte uns nicht, da meine Mutter ein Taufgedicht gemacht hatte mit ungeheuerlichen und ganz unmöglichen Reimen und voll erstaunlicher Einfälle, das sie selbst vortrug, häufig von unserem jubelnden Entzücken unterbrochen. Ich glaube, daß sie dabei aufstand, und es ist mir, als hätte sie ein Kleid von rosig fliederartiger Farbe getragen; sie sah strahlend und hell aus wie das Glück. Ohne Zweifel war sie die Schönste von allen, obwohl sie nicht der jüngsten Generation angehörte. Was war es für ein Schwirren und Lachen und Rauschen: lauter Leben und Zukunftsfreude. Onkel Harre hielt eine Tischrede um die andere, wozu er eine vorzügliche Gabe besaß, so daß er nie damit langweilte; denn schon die Art und Weise, wie er seine reichlich zufließenden Einfälle hervorsprudelte, war erfrischend und stets belebend. Er redete auch den jüngsten Ursleuen, sein Paten- und Enkelkind, an in einer Weise, die mich besonders belustigte; er sagte ungefähr folgendes: »Dieses Kind, in welchem seine Tante Galeide schon jetzt die merkwürdigsten Eigenschaften entdeckt hat, die die vortreffliche Erziehungsmethode seiner Mutter ohne Zweifel zu noch größerer Merkwürdigkeit entfalten wird, dies Kind hat in unserer Familie eine hohe Aufgabe zu erfüllen. Ich vergleiche eine Familie mit einem gemusterten Gewebe, sagen wir schlicht weiß mit goldenen oder bunten Tupfen, die in gewisser Entfernung voneinander abstehen, oft in größerer, oft in geringerer. Nehmen wir als ein Beispiel die Familie der Hohenzollern: Da war Friedrich der Große ein dicker, goldener Tropfen; dann kam der schlichte Wollfaden Friedrich Wilhelm II. und III. und so weiter und so weiter. Das Gewand der Ursleuen so recht funkeln zu sehen, das wäre mir eine Freude gewesen, aber obwohl wir in unserem Zeitalter das Häßliche und Anstößige einer ungebrochenen weißen Fläche erkannt haben, bieten wir doch dem Auge gerade jetzt nichts als eine solche. Jawohl, ihr da haltet euch alle für goldene Tupfen, ich halte euch für nichts als wollene Fäden. Da ist mein Bruder Ludolf. Du hättest etwas werden können! Du bist in großen Verhältnissen angelegt! Aber dein Unstern machte dich zum Kaufmann. Ja, lebten wir in den vergangenen Jahrhunderten, da hättest du ein Fürst der Hansa sein können, mit Königen Bündnisse schließen und mit deinem Beutel den Reichstag meistern können. Oder du hättest neue Pfade auf dem Meere gesucht und die Welt belehrt, indem du dich bereichertest. Nun aber hockst du in einem geschmacklosen Arbeitszimmer vor einem stillosen Schreibtisch und schwitzest Angstschweiß und jetzt, anstatt dich zu schämen, sitzest du mir gegenüber und lachst und kosest mit deiner Tochter wie ein sentimentaler Pole. Du bist, wenn ich dich historisch abschätzen will, in eine Reihe mit dem Kaiser Wilhelm I. zu setzen, von dem mit gewaltigen Lettern auf Klios Tafel gegraben ist, daß er verstand, sich den rechten Minister zu wählen. So bleibt dir der Ruhm, eine Frau davongetragen zu haben, die im Gewebe der Olethurms mit ihrem Vater die Goldtupfen bildet, die uns leider mangeln. Ja du, Neffe Ludolf der jüngere,« sagte er nun, indem er sich an mich wandte, »sieh mich nicht so herausfordernd an. Du bist, wie Elias, nicht besser als deine Väter. Was hattest du an deinem dreiundzwanzigsten Geburtstage im Tempel des Ruhmes aufzuhängen oder anzuschlagen? Junge, du hast Geist, Verstand, Talent und manches Gute und Schöne, das in dir durcheinanderrennt wie lauter Rinnsale, Quellen und Bäche; aber nie vereinigt es sich zu einem mächtig rollenden Strom oder in einen See, in dem die Gestirne, wie Goethe sagt, ihr Antlitz weiden. Deine Schwester Galeide, auf die hoffe ich noch; aber sie ist noch unausgewachsen, und es kann noch sowohl ein Goldpunkt oder auch ein Wollfaden aus ihr werden. Du aber, mein eigener Sohn, Ezard, hast mich am grimmigsten getäuscht. Dein meisterhaftes Gesicht verbürgte sich für die Erfüllung meiner grenzenlosen Erwartungen. Gott weiß, was es bedeuten mag. Hättest du das nicht, so müßte ich dich einen Philister nennen. Wirst du jemals ein Abenteuer bestehen? Jemals eine Tollheit verüben? Jemals etwas tun, worüber das Volk sich bekreuzigt? dann aber sanfter hinzufügt: es ist nicht seine Schuld, es liegt ihm im Blute, er ist ein Ursleu. Nein, ohne Sang und Klang würdest du vorübergehen, wenn du nicht als der Vater deines Sohnes Aussicht hättest, dich denkwürdig zu machen.« Hiermit ging mein Onkel auf den kleinen Harreke über, der die Zielscheibe seiner Rede war, und von dem er nun ein phantastisches Zukunftsebenbild entwarf.

Möge das sich erfüllen, was mein Onkel damals im Scherz und Übermut sagte, das wenigstens, was seinen leichten Worten an ernstem und bedeutendem Sinne zu Grunde lag; möge der Knabe den Namen und die Art unserer Väter in die künftige Zeit hinüberführen. Damals brannte noch der Ehrgeiz in mir, daß ich mich wohl tüchtig fühlte, selbst ein Zierat in dem Gewebe unserer Familie zu sein; erst alternd begreift man jenen Unsterblichkeitsglauben, in dem man sich selbst entsagend aufgibt und den Nachkommenden die Stätte bereitet. Mögest du leben und wirken, Harreken Ursleu! Mögest du derer gedenken, die vor dir waren, in deren Asche du wurzelst und gedeihst. Mögest du den Geschichten ihrer Leiden und Kämpfe gerne lauschen und Mut daraus lernen, daß du gern und gut auch deine Schlachten schlägst, die die Zeit und das Schicksal dir bringen werden. Besuche ihre Gräber und bepflanze sie, und dann geh und sorge, daß die Menschen deinen Namen mit Ehrfurcht nennen; es ist der ihrige, und sie geben ihn dir wie der fallende Held das Schwert seinem Sohne. Da tropfte es von Blut. Raste du nicht, bis es blank und blitzend in der Rüstkammer hängt bei andern guten Waffen! Sei gesegnet, Harreken Ursleu!

XII

Inhaltsverzeichnis

Seit der Taufe des kleinen Harre feierten wir kein Familienfest wieder, keine Zusammenkunft, mein' ich, die wahrhaft festlich gewesen wäre. Denn obwohl die Sorge uns damals schon angefaßt hatte, so trug sie doch noch ein jeder vor dem anderen verborgen, und wenn sie auch der eine vom anderen wußte, so hatte doch noch keiner davon gesprochen, und deshalb konnte man auf Stunden so tun, als wäre nichts gewesen. Auch waren wir damals noch friedfertig untereinander und fühlten uns als eine Einheit, so daß, gerade wenn wir beisammen waren, das Gefühl unseres Zusammenseins tröstlich und ermutigend war; denn als Ganzes waren wir ein trutziges Häuflein, das sich den Anprall eines widrigen Geschicks aufzufangen wohl getrauen durfte. Nun aber fiel unserm Trupp ein neuer Angriff in den Rücken und trieb ihn auseinander, plötzlich, ungeahnt, daß kein Schirm und Schild zur Abwehr da war.

Wie der kleine Harre gesund weiterwuchs, faßte er eine herzliche Liebe zu Galeiden und sie zu ihm, so daß sie alle andern Menschen und Dinge darüber vernachlässigte. Denn das war ihre Art: wenn sie einmal etwas mit Neigung ergriff, so geschah es mit einer Kraft und Ausschließlichkeit, die etwas Hinreißendes an sich hatten und alles überwältigten. Der kleine Harre wachte und träumte von ihr, ließ sich von ihren Augen leiten, an denen doch eigentlich nichts Besonderes zu sehen war, lachte, wenn sie kam, und ließ die Mundwinkel erbärmlich hängen, wenn sie ging. Lucile duldete das hauptsächlich deshalb ohne Eifersucht, weil es Galeiden betraf, die sie vergötterte, dann aber auch, weil sie das kleine Mädchen, das sie hernach zur Welt brachte, dem Knaben vorzog. Vielleicht hätte sie ihn lieber gehabt, wenn er nicht Harre geheißen hätte, nun aber betrachtete sie ihn ganz als zu dem Großvater gehörig, der sie nicht sonderlich anerkannte; denn von solchen geringen und äußerlichen Dingen ließ sie sich mitunter beeinflussen. Dagegen war mein Vetter Ezard nicht zufrieden, daß der Kleine so gänzlich in Galeidens Gewalt war, obwohl er als der einzige fast zu gleichem Recht mit ihr in seinem Herzen herrschte. Er mochte fürchten, daß sie ihn allzusehr verwöhne; was er sonst daran auszusetzen haben konnte, weiß ich nicht, denn das kleine Geschöpf war im Grunde gut bei meiner Schwester aufgehoben, und er war zu gerecht, als daß er das nicht hätte einsehen müssen. Übrigens brachte es der höfliche Ton, in welchem Ezard und Galeide miteinander verkehrten, mit sich, daß er ihr niemals etwas Ernstliches darüber sagte, doch war es seinem Benehmen hie und da anzumerken und verursachte wohl einmal eine kleine Verstimmung. Mein Vater, der, wie seine Sorgen sich vermehrten, immer schwermütiger und immer mißtrauischer wurde, beobachtete dieses Verhältnis mit einer Aufmerksamkeit, deren es uns andern allen ganz unwürdig schien. Er gab sich der seltsamen Meinung hin, Ezard und Galeide seien sich einer strafbaren Neigung füreinander bewußt, und dies sei die Ursache ihres veränderten Benehmens (das überhaupt vielmehr als in der Wirklichkeit in seiner Einbildung bestand). Mit dieser merkwürdigen Verblendung peinigte er sich und uns alle und ging sogar, was er für seine Pflicht hielt, mit der vermeintlichen Hiobspost zu Lucile. Er trug dabei eine pathetische Feierlichkeit zur Schau, die Mama und mich halb belustigte, halb ärgerte. Lucile aber lachte ihn aus und nahm das ganze als einen köstlichen Spaß auf, wie denn häufig einer selbst Furcht vor Gespenstern hat, aber gleich nichts mehr davon verspürt, sowie ein anderer anfängt zu zittern und sagt: sieh, da hockt es im Winkel.

Sie erzählte die Unterhaltung, die sie mit unserem Vater gehabt hatte, nicht nur mir, sondern auch Galeiden wieder, wobei wir alle den immer schlimmer werdenden Zustand des unglücklichen Mannes beklagten, nicht minder aber uns, die wir darunter zu leiden hatten. Ob Lucile auch ihrem Manne davon sagte, weiß ich nicht oder habe ich vergessen; es ist aber gewiß, daß er und meine Schwester sich in vollständiger Unbefangenheit gegenüberstanden oder, wie man ebensogut sagen könnte, in der Befangenheit, die für Lucile immer ein Gegenstand des Bedauerns und der Verwunderung gewesen war.

Es kam aber noch etwas dazu, was meinen Vater in seinem Wahne bestärkte. Damals bewarben sich zwei junge Männer um meine Schwester, von denen der eine ihm als Schwiegersohn sehr zugesagt hätte. Es war ein Bürger unserer Stadt, nicht übel im Äußeren, geschmeidigen Geistes, so daß er, obwohl von anderem Schlage als wir, sich ganz in unsere Art hineingelebt hatte und dem Urgroßvater sowie meinen Eltern stets in der Weise zu begegnen wußte, die ihnen am besten zusagte. Er tat das aber nicht aus Berechnung allein, sondern es war auch eine natürliche Freundlichkeit der Gesinnung, die ihm ein richtiges Verständnis der Menschen vermittelte. Auch Galeiden und mir behagte er ausnehmend, da er, was wir vorzugsweise liebten, einen gutartigen und dabei feinen Witz in der Unterhaltung entfalten und bei anderen entfesseln konnte. Je trüber die Stimmung in unserem Hause zu werden drohte, sobald wir allein waren, desto mehr waren wir erfreut über die Zerstreuung und Ablenkung, die er uns brachte, und wir ermutigten ihn, seine Besuche recht oft zu wiederholen, ohne daran zu denken, welche Folgen das nach sich ziehen konnte. Er war auch musikalisch, was bei uns, da wir alle die Musik leidenschaftlich liebten und betrieben, einen jeden gut einführte und beliebt machte. Er war nämlich berufsmäßiger Cellospieler und hatte eine gute und angesehene Stellung im Orchester unserer Oper. Er hieß Georg Wendelin. Galeide war ihm sichtlich sehr zugetan, aber ebenso deutlich war ihr anzumerken, daß sie nichts für ihn empfand, was Liebe hätte erwarten lassen können. Sie war ihm auch, so reich wie er ausgestattet war mit Geist und Talent, dennoch überlegen, insofern als sie einen stärkeren, ausgeprägteren Charakter hatte als er, was sich auch bald zeigte; denn er ließ sich blindlings von ihr beherrschen, ohne auf die mindeste Gegenseitigkeit in dieser Hinsicht Anspruch machen zu können.

Der andere, ein Rheinländer, stand ihrem Herzen noch ferner, aber beschäftigte sie mehr durch die fremdartigen Ideen, die er in unseren Kreis brachte. Denn dieser war ein Jüngling nach der neuesten Mode, hatte alles gelesen und über alles nachgedacht, fand alles schlecht, was war, und vermaß sich, alles besser machen zu können, hing auch, wie man sich hiernach schon denken kann, dem sozialistischen Glauben an und übertrug seine Neuerungssucht auf alle Gebiete, als Poesie, Musik, Malerei und so weiter. Solche Dinge hatten starke Anziehungskraft für Galeiden, aber da sie sich nie von anderen etwas einreden ließ, sondern, und das sage ich zu ihrem Lobe, alles selbst eingesehen und erfahren haben wollte, bevor sie es als ihre Meinung vertrat, setzte sie dem jungen Manne zunächst noch ihre alten Ansichten entgegen, die großenteils nichts als überkommener Hausrat waren, den sie kaum einmal auf seine Brauchbarkeit geprüft hatte. Der junge Rheinländer gereichte mir wegen seiner Ansichten zu unausstehlicher Widerwärtigkeit, dagegen gefiel er meiner Mutter recht wohl, und sie erbaute sich höchlich an seinen überspannten Äußerungen. Sie war nämlich von so urwüchsiger Frische des Geistes, daß nichts Formelhaftes an ihr blieb und sie beeinflußte, darum störte sie das Ungewohnte einer Idee nicht, sondern sie brachte ihr immer wenigstens den Geschmack entgegen, den man am Durchstreifen einer unerforschten Gegend findet, auch wenn sie einem an sich nicht würde gefallen können. Der Urgroßvater vollends war durchaus für den Rheinländer, der nebenbei ein gefälliger und genialisch zugestutzter Mensch war; er bildete sich unvermerkt zum Sozialisten und Umstürzler heran, was er so prächtig mit seinen aristokratischen Vorurteilen zu vereinigen wußte, daß es mir ein psychologischer Hochgenuß gewesen wäre, wenn nicht der junge Mensch, Philipp Wittich hieß er, ganz aufgebläht durch diesen Erfolg geworden wäre. Deswegen machte es mir Verdruß. Galeide verkehrte mit ihren beiden Verehrern in aller Behaglichkeit; sie ließ sich überhaupt nicht ungern und recht anmutig den Hof machen, zumal wenn es die betreffenden Leute auf eine kurzweilige und nicht alberne Art anzustellen wußten.

Sie war dabei ihres Herzens ganz sicher; denn das blieb kalt wie Marmelstein, und es bekümmerte sie wenig, welches die Gefühle der armseligen Jünglinge sein mochten, wenn sie so zutraulich und geschwisterlich mit ihnen umging. Sie erinnerte in dieser Hinsicht an die Kinder, die zufriedenen Gemütes den Fröschen und Käfern Beine ausreißen und sie zappeln sehen, welche Grausamkeit uns wohl mit Abscheu erfüllt, aber den Kindern billigerweise nicht zur Last gelegt werden darf, da sie ohne Absicht und man möchte sagen unbewußt handeln.

Wir suchten es zu vermeiden, daß Wendelin und Wittich bei uns zusammentrafen; denn wegen der Nebenbuhlerschaft, dann aber auch wegen der Verschiedenheit ihrer Naturen und Ansichten, waren sie einander spinnefeind und erregten einen feindselig unruhigen Ton in der Unterhaltung, der die Gemütlichkeit verscheuchte. Allen beiden war wiederum mein Vetter Ezard nicht gewogen, und das war es eben, was meinen Vater in der Ansicht unterstützte, er gönne meine Schwester niemandem, trachte überhaupt danach, daß sie, wenn er sie nun auch nicht für sich haben könne, doch wenigstens keinem anderen angehöre. Da nun mein Vater, immer seine furchtbare Vermögenslage im Sinn, auf das heißeste wünschte, meine Schwester verheiratet und gut versorgt zu wissen, war er für eine Heirat mit dem Cellisten sehr eingenommen, wenn er auch zu zartfühlend war, um Galeiden mit der geringsten Andeutung beeinflussen zu wollen.

Daß Ezard dem Rheinländer nicht gewogen war, schrieb sich mehr von der Verschiedenheit ihrer Naturen als ihrer Ansichten her; denn obwohl er die Sucht nach Neuerungen, und noch dazu gewaltsam herbeigeführten, mißbilligte, suchte er doch nach seiner großen Gerechtigkeitsliebe stets die Person von ihren Meinungen zu trennen und bemühte sich oft, einen Menschen zu schätzen, indem er seine Ansichten bekämpfte. Aber bei der Jugendlichkeit des Rheinländers streiften dessen wie Offenbarungen verkündigte Behauptungen oft an Unbescheidenheit, denn er konnte sie kaum gründlich erfahren und erprobt, nur eben von der Straße aufgelesen haben. Man merkte ihm an, daß er auf trockenem, sandigem Boden erwachsen, zum Ungewöhnlichen und Überschwenglichen hinstrebte, ohne etwas Entsprechendes in seiner eigenen Natur zu haben, in der Art, wie verwachsene Menschen oft eine Sucht haben, sich mit buntem, auffälligem Flitter aufzuputzen. Weniger gut kann ich mir erklären, warum Ezard gegen Wendelin zurückhaltend war. Es scheint mir das Glaublichste, daß eine gewisse Unkraft und Mittelmäßigkeit in der Natur des Cellisten ihn zu dem Ausspruch bewog, er wolle zwar gern mit ihm scherzen und musizieren, halte ihn aber für keinen wünschenswerten Zuwachs unserer Familie.

Mein Vater bildete sich nun nicht nur ein, Ezard rede und handle so im Hinblick auf Galeiden, sondern ebenso glaubte er von ihr, sie verschmähe ihre Freier um Ezards willen; wenn sie ihn auch nicht liebe, obwohl dies wahrscheinlich sei, so könne sie es doch nicht übers Herz bringen, seinen Wünschen zuwiderzuhandeln. In dieser irrigen Meinung war er vollständig befangen und vertiefte sich mit der Vorliebe gewisser Menschen für ihr eigenes Leiden absichtlich immer mehr hinein, indem er Ezard und Galeiden, wo er nur konnte, unablässig beobachtete und stets neue Bestätigungen seiner Vermutung wahrzunehmen glaubte. Sich selbst aber machte der Unselige mit seinen schwarzen Befürchtungen und Verkündigungen bei uns allen so unwillkommen, wie die Propheten des alten Bundes dem Volke von Jerusalem waren, und er litt wie diese zwiefach Unerhörtes, einmal durch den Schmerz über das bevorstehende Unglück, an das er selbst fest glaubte, sodann durch die Kaltherzigkeit derer, die ihm nahe standen, und die sich nun, in ihrem bequemen Dahinleben gestört, ihm mehr und mehr entfremdeten.

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Litresdə buraxılış tarixi:
31 mart 2025
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ISBN:
4066338117441
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