Kitabı oxu: «Wallenstein: Eine Charakterstudie»
Ricarda Huch
Wallenstein: Eine Charakterstudie
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2021 OK Publishing
EAN 4066338117465
Inhaltsverzeichnis
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Titelblatt
Text
Das siebzehnte Jahrhundert war für das Deutsche Reich die Zeit der Auflösung: die einzelnen Organe des ungeheuren Körpers waren so selbständig geworden, daß die Kraft des Mittelpunktes nicht mehr ausreichte, sie zusammenzufassen. In ganz Europa war während des Mittelalters mit dem Feudalsystem die Vielheit der Grundgedanke der Staatenbildung gewesen, nirgends aber so im Wesen der Nation wurzelnd wie in Deutschland. Die strenge und kahle Einheit, die dem Romanen entspricht, widersteht dem kindlich phantasievollen Germanen, den es zur Fülle der Einzelerscheinung drängt, und dieser Geistesverfassung gemäß gestalteten sie die von den Romanen übernommene Idee des Weltreichs überschwenglich um. Sie wurde desto formloser, je weiter die Grenzen der Erde sich ausdehnten, vollends aber durch den Zusammenhang mit der weltumfassenden Kirche.
Daß der Süden Deutschlands Italien mehr zuneigte, war schon durch die geographische Lage und alles damit Zusammenhängende bedingt; in der Glaubensspaltung kam diese Verschiedenheit der Richtung unausgleichbar zum Ausdruck. Durch das in eine Menge von Einzelexistenzen zerfallende Reich war damit ein Schnitt geführt, der es in zwei gegensätzliche Hälften teilte, von denen die südliche als Sitz der Kaisergewalt stärker war, die nördliche als Quell frischer Energien und als Träger einer neuen, zweckmäßigeren politischen Idee.
Hätten sich nur die kaiserliche Zentralgewalt und die protestantischen Rebellen gegenübergestanden, so wäre ein entschiedener Sieg auf der einen oder anderen Seite möglich gewesen; aber in einem weit unheilbareren Gegensatz zum Kaiser standen seine uralten Gegner, die Aristokraten, von denen die vornehmsten, die Kurfürsten, in ihrer Gesamtheit ihm überlegen waren. Der Kaiser war für das Reich, das er nicht unmittelbar beherrschte, der Quell der Rechte und Freiheiten; es bezeichnet die Verzwicktheit der Verhältnisse, daß die Fürsten, insbesondere die Kurfürsten, sich die Vorkämpfer der deutschen Libertät nannten, womit sie ihre Unabhängigkeit vom Reichsoberhaupte meinten. Dies hätte die Städte, deren Selbständigkeit auf der Abhängigkeit vom Kaiser beruhte und durch die zunehmende Libertät oder Übermacht der Fürsten bedroht war, nicht täuschen können, wäre nicht der Kaiser zugleich Fürst, wäre er nicht katholisch und mit Spanien verbündet gewesen, wodurch er zum Feind auch ihrer Freiheit wurde, sowohl der äußeren wie der inneren. Ein Wirrwarr von Beziehungen ergab sich aus dem doppelten Gegensatz, so daß des Kaisers schärfste politische Gegner, die Kurfürsten, soweit sie katholisch waren, doch seine Stütze bildeten, während sie untereinander durch den Glauben getrennt und von den übrigen Fürsten durch ihre höheren Ansprüche geschieden wurden. Die natürlichen Verbündeten des Kaisers, die freien Städte, machte ihr evangelisches Bekenntnis zu seinen Gegnern; andererseits warnte sie berechtigtes Mißtrauen nicht nur vor den katholischen, sondern auch vor den glaubensverwandten Fürsten.
Die Dezentralisation hätte nicht der Zustand des Reiches sein können, wenn es nicht der Zustand seiner Bewohner gewesen wäre, die um die Wende des sechzehnten Jahrhunderts anfingen, von dem Typus abzuweichen, der sich in einer Reihe von Geschlechtern herausgebildet hatte. Man könnte das siebzehnte Jahrhundert, einen Teil des sechzehnten mit hinzunehmend, das interessanteste und anziehendste, vielgestaltigste und rätselhafteste unserer Geschichte, das Jahrhundert der Degeneration oder Entartung nennen, besser noch der Abartung oder Arterweiterung, damit durch den Ausdruck angedeutet sei, daß die abnormen Individuen, die nun erscheinen, nicht notwendig schlechter als der normale Typus sein müssen, wenn sie auch zu ihrer Erhaltung und zur Erhaltung der Art weniger gut geeignet sind.
An der Spitze des zerfallenden Riesenkörpers stand die Familie der Habsburger, in ihrer seelischen Zerrüttung ein erschütterndes Symbol des dem Untergange geweihten heiligen Reiches. Der Ausgangspunkt der Krankheit, die sich mittels der vielverzweigten Herrscherfamilie wie ein zersetzender Giftstrom durch Europa ergoß, wird in Johanna der Wahnsinnigen, der Erbin Spaniens, gesucht; wie es heißt, erkrankte sie beim Tode ihres Mannes, Philipps des Schönen, und wollte seinen Leichnam nicht von sich lassen. Es scheint jedoch, daß auch die Familie Habsburg sowie die Familie Burgund, von denen Philipp, Sohn des ersten Maximilian, abstammte, bereits in Entartung begriffen waren, so daß sich in dieser verhängnisvollen Ehe die Schwäche und Begabung zweier sich auflösender Geschlechter kreuzten. Nebeneinander treten nun bei den Habsburgern eine Neigung zur Schwermut auf und eine oft bis zum Vernunftlosen und Kindischen gehende Leichtfertigkeit, welch letztere schon im Charakter Maximilians I. sich zeigte. Auf einem zeitgenössischen Bilde von Johanna der Wahnsinnigen sieht man das lange Gesicht, die lange Nase, die schwere Unterlippe, die für die Habsburger charakteristisch wurden; ihre Augen haben den gegenstandslosen, trostlosen Blick der Schwermut.
In dem Enkel Karls V., dem Kaiser Maximilian II., erschien das Krankhafte nicht so sehr als Melancholie wie als Unentschlossenheit und Schwanken; die Disharmonie seiner Anlage war nicht so groß, daß sein lebhafter Verstand sie nicht einigermaßen hätte ausgleichen können. Zu deutlicher Entfaltung kam dagegen die Krankheit, die man die spanische nannte, an Maximilians Sohn Rudolf; war doch auch durch die Heirat Maximilians mit seiner spanischen Kusine das trübe habsburgische Blut anstatt erfrischt noch mehr zersetzt. Man bemerkte an Rudolf schon in seinen Jünglingsjahren Anwandlungen von Schwermut, Neigung zur Einsamkeit, Unlust zu allen Geschäften und Unfähigkeit, Entschlüsse zu fassen; um das fünfzigste Lebensjahr zeigte sich wirkliche Geistesverwirrung. Es wechselten nun Perioden, wo der Kaiser sich von aller Tätigkeit so zurückzog, daß er nicht einmal mehr Audienzen erteilte oder Unterschriften machte, mit solchen ab, wo er mit ungewohnter Schärfe handelte und in fast despotischer Weise den Herrscher herauskehrte; allerdings nicht persönlich, denn seine Scheu vor öffentlichem Auftreten blieb sich immer gleich. Die fortschreitende seelische Auflösung offenbarte sich auch in dem, was man Verschlechterung seines Charakters nennen könnte. Wer mit ihm verkehrte, pflegte zuerst durch die gehaltene Würde seines Wesens für ihn eingenommen zu werden, lernte ihn aber früher oder später als feige, falsch, verlogen, ränkesüchtig, rachsüchtig und grausam kennen. Durch seine prahlerisch verkündeten und nie ausgeführten Pläne besonders in Hinsicht auf Verheiratung machte er sich lächerlich; er ging bis zu seinem Tode auf Freiersfüßen, teils um seine Erben zu schrecken, teils weil das Spielen mit dem Gedanken ihn reizte. Aus krankhafter Schüchternheit und um sich gehen lassen zu können, zog er den Umgang mit Leuten niedrigen Standes vor; aber auch deshalb, weil sein unausgereiftes, kindlich gebliebenes Gemüt sich in solchen Kreisen am meisten zu Hause fühlte. Wenn er nicht handeln mußte, wo er nur aufnahm und betrachtete, wirkte er sympathisch mit seiner Liebe zur Natur und zu den Tieren, seinem Heimweh nach den Bergen Tirols, wo es ihm einmal wohl gewesen war, mit seinem Sichversenken in Kunstwerke aller Art. Das Sammeln von Kunstgegenständen war unter den Fürsten Mode; es scheint aber, daß für Rudolf die Beschäftigung mit der Kunst Bedürfnis war und daß er selbständigen Geschmack hatte. Der Mensch begann damals nicht nur mehr als geschlossene Einheit, sondern als ein Teil des Naturganzen begriffen zu werden, und man kann sich vorstellen, wie dies zugleich schmerzliche und süße Gefühl des Untertauchens in den Elementen das kranke Gemüt des Kaisers beruhigt haben mag. Er liebte die Bilder von Breughel und Roelant Savery, auf denen ein chaotischer Überfluß von Geschöpfen und Dingen die begrenzte Form verschüttet. Wie fast alle Habsburger regierte Rudolf nicht selbst, sondern durch Günstlinge, die er nach einem gewissen Zeitraume stürzte, wie um sie dafür zu bestrafen, daß sie einmal Macht über ihn gehabt und seine Schwäche erkannt hatten.
Ferdinand I. und Maximilian II. suchten den Frieden im Reiche und ihre Herrschaft dadurch zu erhalten, daß sie eine vermittelnde Stellung zwischen den Religionsparteien einnahmen, so jedoch, daß ein merkliches Übergewicht auf der katholischen Seite blieb, als auf der, wenn auch erschütterten, doch legitimen und deshalb stärkeren. Rudolf hingegen, der sachlichen Anteil an den öffentlichen Angelegenheiten überhaupt nicht nahm und dem Interesse oder Verständnis für die Ideen des Protestantismus ganz fehlten, vermittelte nicht, sondern spielte die beiden Parteien gegeneinander aus, je nachdem, welche gerade seinem Ansehen am meisten zu nahe getreten war. Als das damalige Haupt der evangelischen Kampfpartei, Christian von Anhalt, ihm den Gedanken nahelegte, sich an die Spitze der Protestanten im Reich zu stellen und die Kaisermacht auf sie zu gründen, schien er davon ergriffen zu sein; aber das war nicht mehr als Spiel und Traum; der im Innersten gebrochene Mann wäre zu einem solchen Wagnis unfähig gewesen. Voll Haß und Furcht wendete er sich gegen den elastischen, tatkräftigen jungen Fürsten, der Unmögliches von ihm verlangte und der ihn vielleicht einen Augenblick angezogen hatte; diesen seinerseits erfüllte Abscheu gegen den zweizüngigen Monarchen, auf den er so große Hoffnungen gesetzt hatte.
Auch Matthias, Rudolfs jüngerer Bruder, benutzte die Glaubensspaltung, um die Regierung an sich zu reißen, aber er tat es unter Gewissensbissen und fürchtete, sich durch das Liebäugeln mit den Ketzern zu versündigen. Dergleichen Bedenken kannte der eigentliche Regent, der leidenschaftliche Kardinal Khlesl, sein Minister, nicht; doch vollzog sich in diesem, der seine geistliche Laufbahn als Wiederhersteller des Katholizismus begonnen hatte, ein Umschwung, sowie er die Regierung in die Hand bekam. Er sah nämlich ein, daß man mit dem Ziel gänzlicher Unterdrückung der Evangelischen unfehlbar einen ungeheuren Krieg anfachen würde, und da er diese Verantwortung nicht auf sich nehmen wollte, kam er sogar dahin, daß er eine Heirat des künftigen Kaisers mit einer evangelischen Fürstin plante.
Eine viel unbedeutendere und schwächere Persönlichkeit, als Khlesl war, ergriff den Gedanken durchgreifender Wiederherstellung der katholischen Kirche im Reich und hielt an ihm fest: eben der Nachfolger des Matthias, sein Vetter Ferdinand II. Er war ein Sohn des jüngsten Bruders von Maximilian II., des Erzherzogs Karl, der mit der bayrischen Prinzessin Maria vermählt war. Sie stammte von einer Tochter Ferdinands I. ab, führte den Habsburgern also habsburgisches Blut zu, fühlte sich aber durchaus als Bayerin, so daß oft ein gewisser Widerwille gegen die habsburgische Schwäche und Charakterlosigkeit bei ihr durchbrach. Im Gegensatz zu ihrem Manne war sie fanatisch, davon durchdrungen, daß die ihr anerzogenen Überzeugungen der Inbegriff der Weisheit und Tugend, alle anderen Teufelswerk wären; ihr starkes Temperament und die Unmittelbarkeit ihres Wesens versöhnen mit ihrer Beschränktheit und der stellenweise damit verbundenen Roheit.
Von den fünfzehn Kindern, die sie in zwanzigjähriger Ehe ihrem Manne gebar, starben mehrere Töchter in jungen Jahren, von den Söhnen war einer epileptisch, ein anderer so schwachen Geistes, daß seine Lehrer an seiner Ausbildung verzweifelten. In Ferdinand, ihrem Ältesten, war das Spielerische, Unreife, Kindische des habsburgischen Familiencharakters vertreten, was von seiner klugen Mutter klar erkannt wurde und ihr nicht wenig Sorgen machte. Unbewußt half er sich selbst, indem er doch eine Sache ernst nahm, nämlich die ihm von ihr eingeprägten religiösen Grundsätze, gleichsam ein Knochengerüst, das ihm festen Stand und starke Bewegung ermöglichte. Dies eingefleischte Ideal verlieh dem Kaiser die Folgerichtigkeit, die auf die Dauer Erfolg verbürgt, sie trug ihm sogar, indem sie ihn in einem Punkte unerbittlich und unbelehrbar machte, den Ruf eines Tyrannen ein. Gewisse habsburgische Eigenschaften, seine Anhänglichkeit an die Familie, seine Liebe zur Musik, seine Umgänglichkeit, sein Mutterwitz geben ihm etwas Liebenswürdiges; was ihm durchaus fehlte, war die Gewalt seelischen Erlebens, ohne welche menschliche Größe nicht denkbar ist.
Soweit Ferdinand persönlich bestrebt war, die Reichseinheit zu stärken, folgte dies nur aus dem Wunsche, die katholische Religion wieder einführen zu können. In diesem Wunsche fühlte er sich eins mit Gott und der Kirche, und überzeugt, daß diese Mächte den für sie Streitenden schirmen und belohnen würden, störten ihn auch Wagnisse, Gefahren und Mißerfolge, in ihrem Namen übernommen und erlitten, nicht in seiner Behaglichkeit, die ihm wesentliches Bedürfnis war. Sein Familienstolz machte ihn zwar gegen die Übergriffe anderer sehr empfindlich, andererseits sah er die Größe seiner Familie zu sehr als in Gottes Weltplane liegend an, als daß er für nötig gehalten hätte, sich deswegen besonders anzustrengen. Es kam dazu, daß die staatsmännische Idee, das alte Reich vor dem Einsturze zu bewahren durch Unterordnung seiner zentrifugalen Kräfte unter die befestigte kaiserliche Macht, nicht ohne Rechtsbruch durchzuführen war, und einen solchen auf sich zu nehmen, hatte Ferdinand nicht genug Selbstvertrauen, war ihm die Idee an sich viel zu gleichgültig. Er fühlte sich im Rechte, wenn er etwa einen mit den Protestanten geschlossenen Vertrag verletzte, nicht aber, wenn er die Rechte der Kurfürsten, die er in der Wahlkapitulation beschworen hatte, mißachtete.
Wir sind geneigt, jeden zu bewundern, der die Hand daranlegte, das auseinanderfallende Reich, unbrauchbar gewordene Trümmer beiseiteschiebend, gewaltsam zusammenzufassen; damals empfand man überwiegend das Rebellische eines Angriffs auf die altheiligen Mächte oder Namen. Es gehörte entweder ein leidenschaftlicher Trieb oder eine hohe und freie Intelligenz dazu, um sich über die Scheu vor einem gewalttätigen Eingriff hinwegzusetzen. Beides hatte Wallenstein; aber ein Drittes ging ihm ab, was die wesentliche Bedingung des Handelns ist: Kraft nämlich, Sicherheit und Selbstvertrauen.
Bei jedem großen Manne ist der Trieb nach eigener Größe, man kann es Expansionstrieb nennen, das Erste und Grundlegende; diesem zufolge muß er sich dahin werfen, wo in seiner Zeit die größte Macht erreicht werden kann. Es war deshalb natürlich, daß im siebzehnten Jahrhundert die von starkem Expansionstrieb erfüllten Männer sich in den Kampf um die Herrschaft über Deutschland warfen, auch ohne daß sie bestimmt ausgearbeitete Ansichten und Pläne darüber im Kopfe hatten. Obwohl kein unwidersprechliches Zeugnis dafür vorliegt, hat doch sicherlich die allgemeine Meinung recht, die Gustav Adolf und Wallenstein zu ihren Lebzeiten nachsagte, daß sie nach der Kaiserkrone strebten, dem glänzendsten und bedeutungsvollsten Diadem der Christenheit, das von den Habsburgern aufgegeben worden war. Oxenstierna zwar widersprach der Ansicht in bezug auf Gustav Adolf und wahrscheinlich im guten Glauben; denn er war kein großer Mann, sondern nur ein bedeutender Staatsmann und läßt sich etwa mit Cavour vergleichen, der sich für die große Idee Mazzinis erst einsetzte, nachdem er sie für die Verwirklichung zurechtgestutzt hatte. Obwohl dem König persönlich nahestehend, mag er leicht für seinen innersten Drang weniger Verständnis gehabt haben als das Volk; er glaubte nur an fest umrissene, benennbare, erreichbare Ziele. Wie Gustav Adolf ging Wallenstein von dem dunklen Trieb nach dem Höchsterreichbaren aus; aber sein zweiter Flügel, der ihn hinaufgetragen hätte, hinweg über alle, auch die gerechtesten Bedenken, war gebrochen.
Die Geburt Wallensteins, im September 1583, fällt in die Regierungsjahre des unglücklichen Kaisers Rudolf, mit dem er in einigen Punkten eine verhängnisvolle Ähnlichkeit hatte. Aus seiner Kindheit und Jugend ist wenig bekannt, in bezug auf seine Persönlichkeit wesentlich das, daß man ihn den tollen Wallenstein nannte, ein Beweis, daß er von seiner Umgebung abwich und auffiel. Folgende Ereignisse und Tatsachen sind bemerkenswert: sein Übertritt zur katholischen Kirche, eine Handlung des Jähzorns aus seiner Studentenzeit, seine Verheiratung mit einer bejahrten Erbin und allerlei auf Bereicherung abzielende Machinationen.
Jede menschliche Erscheinung ist einmal in der Zeit, dann in sich selbst begründet. Nachdem im sechzehnten Jahrhundert der Protestantismus seinen Höhepunkt erreicht hatte, nahm teils seine Kraft von selbst ab, teils wurde er durch die von ihm erzeugte katholische Gegenbewegung zurückgedrängt. Von dieser wurden viele Söhne protestantisch gewordener Familien ergriffen, und es liegt die eigentümliche Tatsache vor, daß die meisten von den Männern, die im Laufe des Dreißigjährigen Krieges auf katholischer Seite eine bedeutende Rolle gespielt haben, als Protestanten geboren waren. Dies erklärt sich folgendermaßen: diejenigen Familien, die im sechzehnten Jahrhundert die neue Religion ergriffen hatten, waren die tatkräftigen, selbständigen, nach äußerer und innerer Unabhängigkeit trachtenden gewesen, während die schwachen, passiven, beschaulichen, mehr auf bequemen Lebensgenuß als auf Selbstbetätigung und Selbstverantwortung gestellten Naturen bei dem alten Glauben geblieben waren. Jene protestantischen Familien waren in einem Zeitraum von fünfzig bis hundert Jahren entartet und schwächer geworden, und ihre Glieder griffen deshalb nach den Stützen, die ihre Vorväter verschmäht hatten; doch war ihnen noch manches von der alten Tüchtigkeit geblieben, das nun der alten Religion zugute kam.
Zwar gingen allen Bekehrungen religiöse Gespräche und Belehrungen voran; denn man legte Wert darauf, das Bekenntnis als Ausdruck der Überzeugung erscheinen zu lassen; aber der materielle Vorteil, den die Konvertiten sich errangen, ist in allen Fällen klar als Beweggrund zu erkennen. Sagte doch Pappenheim mit unzweideutigen Worten, von seinem Glaubenswechsel datiere er seine glückliche Laufbahn. Damit, daß der Protestantismus eine gewisse Macht errungen hatte, ließen die Angriffskraft und der Opfermut seiner Bekenner nach; diese herrschten im ganzen nur noch bei den noch rechtlosen Kalvinern. An die Stelle des Strebens nach Daseinsberechtigung trat die Sucht nach Besitz, und davon hatten die Katholiken mehr und mit größerer Sicherheit zu vergeben als die Protestanten. Überhaupt waren die Katholiken, trotz aller Erfolge der Gegner, die Legitimen, die Evangelischen die Rebellen oder im besten Falle die Neuen, die Emporkömmlinge; indem man sich nach dem damals üblichen Ausdruck bequemte oder akkomodierte, erkaufte man sich das Ansehen, das alle durch das Alter geheiligten Einrichtungen haben, und den Zugang zu den Gnaden, die nur Kirche und Kaiser verleihen konnten.
Wallenstein war zu stolz, um abhängig, zu schwach, um Rebell zu sein, das heißt, um dem herrschenden Recht seine eigene Überzeugung entgegenzusetzen; dies war seine Tragik. Beinah hielt sich beides, Stolz und Schwäche, in ihm die Wage; doch konnte er eher aus Schwäche seinen Stolz überwinden, als kühn handeln, um sich nicht demütigen zu müssen. Bewußt oder unbewußt begann er damit, sich eine Grundlage künftiger Macht zu schaffen, indem er katholisch und indem er reich wurde. Da seinem Drang nach Größe die innere Kraft nicht entsprach, schuf er sich äußere Stützen; so ist sein Glaubenswechsel und so seine Heirat aufzufassen.
In noch höherem Maße als jetzt war es in früheren Jahrhunderten selbstverständlich, daß der Mann aus praktischen Erwägungen heiratete: um sein Vermögen zu vermehren oder um sein Ansehen zu erhöhen, womöglich beides zugleich. Nicht eine Geldheirat, sondern eine Heirat aus Neigung wäre eine Abnormität und würde der Erklärung bedürfen. Immerhin, da es auch junge und schöne Erbinnen gab, erregte es Aufsehen, daß Wallenstein mit 25 Jahren eine alte und häßliche Frau wählte. Es erklärt sich dadurch, daß derselbe Jesuit, Veit Pachta, der ihn zum Religionswechsel veranlaßt hatte, ihm die Heirat vorschlug; es lag den Jesuiten daran, daß die begüterte Witwe einen ihnen ergebenen Katholiken heiratete, damit ihre Besitzungen nicht in protestantische Hände fielen. Wallenstein ließ sich gern leiten, wenn er fühlte, daß man es gut mit ihm meinte: er nahm die ihm angetragene Frau und regierte die Herrschaften, die ihm mit ihr zufielen, ganz im Sinne der ihn beratenden Väter.
Aus der Dankbarkeit, die er seiner alten und kranken Frau zeitlebens bewahrte, läßt sich schließen, daß sie ihm das Leben nicht schwer machte. Nicht unmöglich ist, daß er sich im Umgange mit anderen Frauen schadlos gehalten habe für das, was er in der Ehe entbehrte. Im Jahre 1612, also in seinem 29. Jahre, litt er unter Gewissensbedenken und unternahm, wohl auf Anweisung seiner geistlichen Berater, eine Wallfahrt nach Loretto, um sich von den Sünden seines ganzen Lebens zu reinigen. Es könnten Sünden der Liebe gewesen sein, die ihn so bedrückten; wahrscheinlicher ist es aber, daß eine schwermütige Neigung zur Selbstquälerei dabei den Ausschlag gab. Manche Tatsachen lassen sogar die Vermutung zu, daß Wallenstein keine normal sinnliche, Frauen gegenüber leidenschaftliche Natur war.
Nach fünfjähriger, kinderloser Ehe, im Jahre 1614, starb seine Frau, und erst acht Jahre später verheiratete er sich wieder. Die Regel war damals, daß ein Mann, wenn seine Frau in zehn bis zwanzig Wochenbetten aufgezehrt war und starb, höchstens einige Monate verstreichen ließ, bis er eine andere nahm. Kriegsmänner führten nicht selten ihre Frauen auf ihren Zügen mit oder ließen sie zuweilen kommen, was Wallenstein nie tat; nur den Winter pflegte er in Gesellschaft seiner Frau zu Hause zuzubringen. Zuweilen jedoch brachten es die Umstände mit sich, daß längere Zeit verstrich: » Sed quia homo singularis,« schrieb ein Korrespondent dem Kurfürsten von Mainz im Jahre 1634, » intra triennium uxorem non vidit.« Nichts deutet darauf hin, daß er während seiner Witwerschaft und später außer der Ehe Beziehungen gehabt habe, was, obwohl selbstverständlich erlaubt und üblich, in diesem Falle doch zum Nachteil seines Rufes ausgebeutet worden wäre, wenn irgendwelche Tatsachen vorgelegen hätten. Es werden Äußerungen von ihm berichtet, daß er die Liebe im Lagerleben ungehörig fand, und das heißt doch so viel, daß er ihrer nicht bedurfte. Möglich, daß er sich in der Jugend erschöpft hatte; es ließe sich aber auch denken, wie überhaupt das Handeln bei ihm in die Sphäre der Phantasie verlegt war, daß seine geschlechtliche Sinnlichkeit sich aufgelöst hätte und er mehr in der Einbildung als in der Wirklichkeit Liebe zu genießen fähig gewesen wäre.
Wallensteins zweite Frau, Isabella von Harrach, gehörte dem Wiener Hofadel an und war die Tochter eines Günstlings des Kaisers; die Vorteile dieser Verbindung liegen demnach auf der Hand. Die Ehe scheint sehr glücklich gewesen zu sein, was allerdings bei dem seltenen Zusammensein der Gatten wenig bedeutet. Aus den Briefen Isabellas an ihren Mann spricht eine lieblich bescheidene Zärtlichkeit, und wenn man auch in Betracht zieht, daß dieser Ausdruck ergebener Liebe Stil der Zeit war und den Frauenbriefen des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts eigentümlich ist, so bleibt doch der Eindruck eines innigen Verhältnisses übrig. Ihr steter Wunsch, in seiner Nähe zu sein, ihre Besorgnis um die Gesundheit des kränkelnden Mannes, ihre anschmiegende Treue kommen zu überzeugendem Ausdruck, und der Ton ihres Geplauders setzt bei ihm jene liebenswürdige Zutraulichkeit voraus, mit der er auch sonst die Herzen gewinnen konnte.
Soviel sich beobachten läßt, war Wallenstein stets ritterlich liebenswürdig gegen Frauen und verständnisvoll auf sie eingehend, ohne ihnen doch eigentlich näher zu kommen. »Er ist gewiß ein feiner Herr,« schrieb die geschiedene Herzogin von Braunschweig ihrem Bruder, dem Kurfürsten von Brandenburg, »und nicht also, wie ihn etliche Leute gemacht haben; er ist gewiß sehr courtoisch und hat uns alle große Ehre erwiesen, ist gar lustig hier gewesen ... Allzeit habe ich Ursache, ihn für meinen besten Freund zu halten; denn er hats mir erwiesen und sich erboten, noch ferner zu tun.« Besonders Frauen gegenüber, die in Not waren und seinen Schutz suchten, war er immer hilfsbereit. Einer evangelischen Witwe, die von ihrem Bekenntnis nicht lassen, aber doch auf ihren Gütern bleiben wollte, erteilte er die erbetene Erlaubnis und wies seine Beamten an, zu warten, »bis ihr unser Herr bessere Gedanken gibt, daß sie den rechten Glauben begreifen möge«. Stets war er gütig und rücksichtsvoll gegen diejenigen, die seine jeden Vergleich ausschließende Überlegenheit ohne weiteres anerkannten; bei Frauen war das im allgemeinen vorauszusetzen.
Wie keinen Menschen von starkem Expansionstrieb jemals die Erfüllung seiner Wünsche befriedigt, so genügte Wallenstein der Besitz, den seine erste Ehe ihm eingetragen hatte, nicht; er erweiterte ihn zunächst dadurch, daß er die Güter der aussterbenden Familie Smirsičky, mit der er durch seine Mutter verwandt war, an sich brachte. Der letzte männliche Erbe dieser Familie war geistesschwach, die letzte weibliche Erbin ging nach der Schlacht am Weißen Berge als Protestantin ins Ausland; diese Umstände benutzte er, um ihre Rechte an sich zu bringen, wobei er jedenfalls, sollte er auch keinen Rechtsbruch begangen haben, doch nur sein Wohl, nicht das seiner unglücklichen Verwandten bedachte. Die Selbstsucht trug es über das Mitleid davon, das er sonst mit hilflosen Frauen zu haben pflegte. Er war im höchsten Grade geldgierig und geizig; leidenschaftlich erpicht, Geld zu erwerben, gab er es ungern aus und nur dann, wenn er sicher war, dadurch mehr zu gewinnen. Er hatte eine angeborene Begabung für Geldgeschäfte und scheute nicht vor häßlichen Mitteln zurück, um sich Geld zu verschaffen, wie er denn in den Jahren 1622 und 1623 großen Gewinn aus der Münzverschlechterung zog. Mit anderen Herren des höchsten Adels gründete er eine Gesellschaft, die Münzen unter dem Wert prägte, um die kaiserlichen Finanzen zu heben; den Hauptgewinn indessen trug die Gesellschaft davon, und zwar so, daß die aristokratischen Teilhaber den größeren, die deutschen und jüdischen Geschäftsführer den bei weitem geringeren erhielten. Weit entfernt, sich derartigen Gewinnes zu schämen, verachtete Wallenstein vielmehr diejenigen, die, ohne Geld zu haben, eine Rolle spielen wollten; er hatte offenbar das Gefühl, daß Geld ihm zukam, ihm gebührte, und hätte ja auch das Bild, das ihm von seiner Größe vorschwebte, ohne ungeheuren Reichtum nicht darstellen können. Ohne Reichtum wäre er nicht er selbst gewesen, der Reichtum mußte ihm die mangelnde Kraft vortäuschen, die gebrochene Schwinge des Adlers mußte durch eine goldene ersetzt werden.
Im Jahre 1609, nach seiner ersten Heirat, ließ sich Wallenstein von Kepler, der damals im Dienste Kaiser Rudolfs stand, das Horoskop stellen. Vielleicht war er gespannt, da nun der Grund künftiger Größe gelegt war, das ihm eignende Schicksal wahrsagerisch vorgespiegelt zu sehen.
Einleitend stellt Kepler seine Ansicht über Astrologie fest: daß er zwar eine allgemeine Beziehung zwischen Gestirnen und Menschen annehme, daß er aber zweifle, ob diese sich im einzelnen ausdeuten lasse, und daß das Schicksal des Menschen seine unmittelbare Quelle in der Beschaffenheit seines Körpers und seiner Seele habe. Man sieht daraus, daß Kepler bei der Charakteristik seiner Kunden sich auf sein eigenes Urteil verließ, soweit er Gelegenheit hatte, sich ein solches zu bilden, welches er dann mit den Ergebnissen der Sterndeutekunst in Zusammenhang brachte. Persönlich kannte er damals den jungen böhmischen Edelmann noch nicht; aber obwohl ihm bei der Einsendung der erforderlichen Daten der Name verschwiegen werden sollte, erfuhr er ihn, wie es scheint, doch und mag sich Kenntnis seiner Lebensumstände und des Rufes, den er genoß, verschafft haben.
Kepler betont das »wachende, aufgemunterte, emsige, unruhige« Gemüt Wallensteins, das nach Neuerungen begierig sei; das gemeine menschliche Wesen und Handeln gefalle ihm nicht, er trachte nach neuen, unversuchten, seltsamen Mitteln, habe aber viel mehr in Gedanken, als er äußerlich sehen und spüren lasse. Er habe müßige, melancholisch, allzeit wachende Gedanken, halte sich an Magie und Zauberei, suche Gemeinschaft mit Geistern, verachte menschliche Gebote und Sitten, auch die Religion. Was Gott und die Menschen handeln, betrachte er argwöhnisch, als sei es alles nur Betrug und etwas ganz anderes dahinter; infolgedessen werde er für einen einsamen, leichtschätzigen Unmenschen angesehen. Er sei unbarmherzig, ohne brüderliche und eheliche Liebe, niemand achtend, nur sich selbst und seinen Wollüsten ergeben, an sich ziehend, geizig, betrüglich, ungleich im Verkehre, meist stillschweigend, oft ungestüm, streitbar, unverzagt, aber auch furchtsam.
Das Zwiespältige in der Anlage Wallensteins faßte Kepler in den Ausdruck, er sei Mann und Weib zusammen; eine aus tiefsinniger Auffassung des menschlichen Wesens hervorgegangene Bezeichnung, die zur mittelalterlichen Psychologie gehörte. In bezug auf Wallenstein wollte Kepler, wie es scheint, nicht auf die intellektuelle Bereicherung hinweisen, die aus der Doppelheit hervorgeht, sondern auf das Lähmende, das sie mit sich bringt. Weder zum Manne noch vom Weibe mit instinktiver Kraft hingezogen, erscheint er kalt und in sich selbst versunken, einem in seinem Inneren stattfindenden Austausch hingegeben.
Nachdem Kepler aus dem einen der beiden Wallensteins Leben beherrschenden Gestirne die eben geschilderte melancholische Eigenart abgeleitet hat, bringt er mit dem anderen, dem Jupiter, seinen großen Ehrendurst, sein Streben nach Macht und zeitlichen Dignitäten in Verbindung. Er werde sich, sagt er, dadurch große und kleine Feinde machen, denen er aber meistenteils obsiegen werde.
Kepler schildert einen Melancholiker, bei dem das grüblerische, kritisierende Denken das Gefühl hemmt und die Tätigkeit lahmlegt; neben einer dunklen, saturninischen Seele nimmt er eine jovische Helle an, die zu jener in unvereinbarem Gegensatze stehe. Die letztere jedoch bringt Kepler in seinem Bilde nicht zur Geltung, teils vielleicht weil sie sich damals noch nicht hatte entfalten können, teils wohl auch, weil er ihn nicht persönlich kannte. Insofern ist die Charakteristik zwar zutreffend, aber unvollständig. Wallenstein war ein geborener Herrscher; das zeigte sich, wo er nicht kämpfen mußte, sondern die Herrschaft rechtmäßig besaß. Die legitimen Fürsten stützten sich meistens auf den Adel, zuweilen auch auf die Kirche, in gewissen Fällen auch auf das Volk; Wallenstein stand nach Gefühl und Einsicht über allen Parteien und Ständen. Dies unterschied ihn von so vielen ehrgeizigen und habsüchtigen Zeitgenossen: die gottähnliche Gabe zu herrschen war ihm angeboren und machte sein Auftreten merkwürdig und glanzvoll. Hätte er Napoleons unbedenkliche Tatkraft gehabt, würde er trotzdem, wie jener, tragisch geendet haben; aber er hätte andere Werke und einen anderen Ruhm hinterlassen.
Mit dem siebzehnten Jahrhundert beginnt ein Menschentypus zu erscheinen, den man den vornehmen nennen möchte. Die Begriffe des Aristokratischen und des Vornehmen decken sich nicht, sind vielmehr Gegensätze. Der Aristokrat sieht den wesentlichen Gehalt seiner Stellung darin, daß er so viele Vorrechte und so wenige Pflichten wie möglich hat, wie er denn in seiner Blütezeit darauf ausging, fortwährend seine Vorrechte zu mehren, seine Pflichten zu verringern; unter dem Vornehmen verstehen wir denjenigen, der sich seines Adels, beziehungsweise der Vorzüge seines Daseins, als Verpflichtung zu einer das Gemeine überragenden Lebensführung bewußt ist, dessen Adel also weniger auf äußeren Vorteilen, als auf der Gesinnung beruht. Die deutschen Aristokraten des sechzehnten und zum großen Teil auch noch des siebzehnten Jahrhunderts strebten im allgemeinen nach den derben Genüssen des Essens und Trinkens, der Liebe und des Kampfs oder der Rauferei; mit erschreckender Würdelosigkeit umschmeichelten sie den Fürsten, von dem sie abhingen, während sie den Schwächeren mit Füßen traten. Daß sie den rechtlosen Bauern mißhandelten, verstand sich fast von selbst; aber ebenso schnöde verließen sie den gestürzten Standesgenossen, um sich einen Anteil an der Beute zu verdienen. Es wurde zwar die Ehre des Kavaliers beständig im Munde geführt; aber man sah sie nur darin, daß man vom Nichtebenbürtigen Unterwürfigkeit forderte und sich namentlich von ihm nie ernstlich an etwaige Pflichten mahnen ließ. Auch den Standesgenossen gegenüber war die Empfindlichkeit stark entwickelt; besonders an den Höfen, wo alle um die Gunst des Fürsten warben, gab es stets Kabalen, und die Zurückgesetzten ruhten nicht, bis der Nebenbuhler verdrängt, seines Ansehens beraubt, etwa gar getötet war. Körperliche Tapferkeit war neben dem unbedingten Gehorsam im Verhältnis zum Fürsten die einzige Tugend, die zur Erhärtung ihrer Ansprüche von ihnen gefordert wurde; zwar hatte diese der gemeine Mann auch oder konnte sie haben; aber der Kavalier sah sie als ihm eigentümlich an und tat den Schwung und die große Gebärde dazu. Die Habgier war so maßlos wie das Betteln unverschämt; daß nichts umsonst geleistet werde, war Voraussetzung, der unentgeltliche Frondienst war das Abzeichen der Leibeigenschaft.
Es ist anzunehmen, daß die Vornehmheit sich, wenn auch zum Teil im Schoße der Aristokratie, im Gegensatz zu ihr entwickelt hat, gleichlaufend mit einer Abnahme der äußeren Kraft und Grobnervigkeit, welche Abnahme eine Verinnerlichung und Verfeinerung zur Gegenerscheinung zu haben pflegt. Auch der um diese Zeit entstehende Protestantismus, der oft zu schweren, große Opfer fordernden Konflikten führte, bedeutete eine Verinnerlichung. Daneben muß man aber auch an einen anderen Ursprung der Vornehmheit denken, der von dem Sinn für Schönheit und Monumentalität der Italiener, von der Grandezza der Spanier und der Zurückhaltung der Engländer herzuleiten wäre, was allerdings, abgesehen von der romanischen Eigenart, auch Symptome einer bereits erreichten Kulturhöhe waren. Der vornehme Mensch prahlt und triumphiert nicht laut, es ist ihm am Erreichen eines begehrten Zieles nicht mehr gelegen als an der Wahrung seiner persönlichen Würde, deshalb liegt es ihm unter Umständen näher, zu leiden als zu kämpfen. Im sechzehnten Jahrhundert sahen ein Kurfürst von Sachsen und ein Herzog von Braunschweig hinter einem Vorhang zu, wie ihre Feinde gefoltert wurden; der vornehme Mensch würde seine Rachsucht und Grausamkeit, wenn überhaupt, nur gedämpft, etwa als Verachtung äußern. Die ursprüngliche menschliche Roheit ist in diesem Typus gebrochen, der infolgedessen weniger gut befähigt ist, im Kampf ums Dasein obzusiegen, und insofern als Verfallserscheinung aufzufassen ist.
Als Beispiel eines vornehmen Mannes läßt sich der 1564 geborene böhmische Edle Karl von Zierotin anführen. Er war von zartem Körperbau und kränklich, namentlich hatte er ein sehr reizbares Nervensystem und litt an dem, was man damals treffend morbus imaginationis nannte. In seiner Jugend hing er der Idee eines großen evangelischen Bundes an und begab sich nach Paris, um dem zum Haupte desselben in Aussicht genommenen Heinrich IV. zu dienen. Durch den Übertritt des Königs zum Katholizismus wie durch andere Schwächen enttäuscht, die Zierotin an Heinrich und seiner Umgebung wahrnahm, kehrte er bald zurück; vielleicht auch weil der böhmische Adel sich nur zu Hause wohl fühlte, wo er ein fürstliches Ansehen genoß. Zierotin suchte sich desselben durch Bildung, sowohl gelehrte wie weltmännische, und durch anständige Lebensführung wert zu machen. Nachdem er hatte erfahren müssen, daß er wegen seines Zuges nach Frankreich zur Rechenschaft gezogen wurde, lebte er abseits. Konnte er sich der Mitwirkung an den Kämpfen der Zeit nicht entziehen, so suchte er zu vermitteln; das Übertriebene und Einseitige stieß ihn ab. Obgleich dem evangelischen Bekenntnis unbedingt ergeben, riet er doch stets zur Nachgiebigkeit, wenn seine Glaubensgenossen um gewisse Rechte stritten, zum Beispiel um das des Kirchenbesuchs oder der Totenbestattung innerhalb der Stadt; es komme, meinte er, auf Äußerlichkeiten in Glaubenssachen nicht an. Eine melancholische Verachtung war seine Grundstimmung den Menschen gegenüber. Er kleidete sich dunkel, meist in schwarzbraunen Samt, wie denn überhaupt die Fürsten und Herren anfingen, sich nicht mehr wie gute Hausväter zu kleiden, noch sich mit schimmernden Stoffen und Edelsteinen zu behängen, sondern das Schwarze und Schlichte vorzuziehen, nur daß es kostbar und elegant sein mußte. Der Glanz und die Farbigkeit des Reichtums und der hohen Stellung wurde auf Gefolge und Dienerschaft abgelegt.
Es ist durchaus nicht unmöglich, daß die Persönlichkeit Karls von Zierotin, als eines hervorragenden, allgemein angesehenen Mannes, auf den um neunzehn Jahre jüngeren, ihm verschwägerten Albrecht von Wallenstein Eindruck gemacht und ihm in mancher Hinsicht vorgeschwebt habe, trotz des wesentlichen Unterschiedes zwischen ihnen. In Zierotin war kein Widerstreit zweier gleichstarker Seelen, sein Leben war, um es astrologisch auszudrücken, überwiegend vom Saturn, nur in geringem Maße vom Jupiter beeinflußt.
In seinem Auftreten und Erscheinen war Wallenstein, wie Zierotin, zurückhaltend. Er kleidete sich dunkel, aber irgendwo pflegte er etwas Scharlachfarbe anzubringen, sei es am Futter der Ärmel oder des Mantels oder der Stiefel, gleichsam ein Zeichen seines vulkanischen Temperaments und seiner leidenschaftlichen Phantasie; auch bestärkte diese seltsame Vorliebe die abergläubischen Meinungen, die über ihn im Umlauf waren. Soweit es nicht seine Person betraf, liebte er es, mit einem Prunk aufzuziehen, der den der reichsten und mächtigsten Potentaten, ja den des Kaisers übertraf; es war ihm Bedürfnis, in allem der Erste zu sein. Alle Fürsten suchten sich gegenseitig durch den Aufwand ihres Hofstaates auszustechen; was Wallenstein von ihnen unterschied, war, daß sein Geschmack weniger auf das Auffallende und Glänzende, als auf das Schöne, Solide und Zweckmäßige ging. Als er sich einmal ein türkisches Zelt machen ließ, ordnete er an, daß nicht viel Seide, noch weniger Gold daran sein solle, aber sauber und zierlich solle es sein. Sauber und zierlich, aus Stein und Ziegeln, sollten auch die Häuser in den Städten werden, die er in seinen Ländern gründete; nicht nur legte er Wasserleitungen an und ließ den Schmutz von den Straßen entfernen, sondern er wollte auch durch Gräben die Orte trockenlegen, damit »die Luft um so viel reiner sein möge«.
Auch seine Tafel war reich besetzt, während er selbst, zum Teil aus Gesundheitsrücksichten, mäßig war. Er bevorzugte Geflügel und Obst, von Getränken Veltliner Wein. In seiner Jugend war er ein starker Trinker, für seine »stets wachsamen, emsigen Gedanken« wird das Lähmende des Rausches eine Notwendigkeit gewesen sein; später schränkte er das ein und hielt sich besonders von Gelagen fern, wobei mitbestimmend gewesen sein mag, daß er sich unter dem Einflusse des Weins im Sprechen mehr gehen ließ, als ihm hernach lieb war. Indessen scheint ihm überhaupt das Tierische, das der Rausch freimacht, widerwärtig gewesen zu sein. »Was führt er für ein Leben und was für ein Vieh ist er,« sagte er vom Kurfürsten von Sachsen in bezug auf dessen Trunkfälligkeit. Gegen seine Landsleute, die Böhmen, war er wegen ihres Mangels an Kultur eingenommen; was ihm an den Italienern angenehm war, wird die gefällige Form, die zugleich große und leichte Lebensgebärde gewesen sein.
Übrigens mißfiel ihm an den Italienern wie an den Spaniern das prahlerisch Anspruchsvolle, dem die Leistungen nicht entsprachen. Die »spanischen Fanfaronaden« und »romanischen Competenzen« waren ihm schwer erträglich; doch sagte er gelegentlich von den Spaniern, daß sie bei weitem »mit den Competenzien nicht also wie die Romanen exorbitieren«. Als der Papst dem Kaiser einmal Kriegsvolk und Indulgenzen zur Unterstützung anbot, schrieb Wallenstein seinem Schwiegervater, er, der Papst, solle beides behalten und anstatt dessen Geld zahlen: »Hab ich des Monats 5000 Kronen, so schaff ich dem Kaiser mehr Nutz als mit 5000 Italienern.« Die Wallonen, die er einmal die gens non sancta nennt, scheinen ihm wegen ihrer Roheit unsympathisch gewesen zu sein; am abfälligsten aber äußerte er sich über die Polen. Er schrieb in bezug darauf an Gallas, als ein polnischer Oberst wegen der Bezahlung Schwierigkeiten machte und mit seinem Regiment davonzugehen drohte, Gallas solle ihm seine Impertinenzen nicht gestatten, »denn wenn diese nacion sicht, daß einer nachgiebt oder ihrer von nöthen hat, so seindt sie insuportabili, dahero denn der Herr nicht nur mit ihm, sondern mitt allen den Polen diesen stilum gebrauche; wollte Gott, das sie alle schon weck wehren, denn sie schaden uns mehr als sie nuz bringen, man hat sie wider meinen Willen geworben, doch hat der Don Balthasar solches durch sein laufen verursacht; ich lasse sonst viel Dalmatiner, Crabaten und Ungarn werben, werde also der Polen gar nicht bedürfen; es wird von nöthen sein, das man ihnen solches dextramenti zu verstehen giebt, auf das sie in terminis bleiben oder vor tausend teufl wo sie herkommen seindt wiederum hinbegeben«. Für wieviel ehrliebender er die Deutschen hielt, geht daraus hervor, daß er gelegentlich befahl, einen gewissen Platz, der ohnehin nicht zu halten war, mit Polen zu besetzen, da es für sie nicht so spöttlich sei wie für die Deutschen, wenn sie sich mit Flucht salvieren müßten. In ähnlichem Sinne sagte er einmal, man werde sehen, daß man es mit Deutschen, nicht mit Polen zu tun habe. Obwohl er es nicht ausdrücklich gesagt hat, darf man aus dem Fehlen seines Tadels und Spottes wohl schließen, daß er die Deutschen, wenigstens als Soldaten, vorzog, wahrscheinlich als diejenigen, die sich am willigsten unterordneten; denn pünktlicher Gehorsam ist diejenige Tugend, die ein Herrscher von den Menschen vor allem fordert. Vielleicht stand bei ihnen auch am ehesten die Tüchtigkeit in einem leidlichen Verhältnis zur Anmaßung. Ihrerseits waren die Deutschen ihm am meisten zugetan und hatten das stärkste Gefühl für das Große in ihm, wenn sie ihn auch am wenigsten durchschauten; es mögen manche geneigt gewesen sein, ihn, wie der Herzog Heinrich Julius von Sachsen-Lauenburg, allzu gutgläubig als den »frommen unschuldigen Herzog« aufzufassen.
Deutschland und Böhmen haben Wallenstein für sich in Anspruch genommen, bei welchem Wettstreit Deutschland kaum einen anderen Titel als seinen Namen aufweisen kann. Ob er nun aber deutsches Blut in sich gehabt habe oder nicht, er war jedenfalls kein reiner, sondern ein gemischter Typus und fühlte sich zu deutschem Wesen und deutscher Kultur besonders hingezogen. Das zeigt sich besonders in seiner Vorliebe für die deutsche Sprache. In einem Brief an Collalto schreibt er einmal: »Vor lauter Freuden hab ich ihm zuvor welsch geschrieben, jetzund wende ich mich wieder zu der teutschen Sprache«; aber das mag eine Höflichkeit dem Italiener gegenüber gewesen sein oder eine augenblickliche Stimmung, oder es kam die Vorliebe darin zum Ausdruck, die gerade der Deutsche für Fremdes und Schönes hat. Die italienische Sprache schrieb er nur mangelhaft, in der deutschen fühlte er sich heimisch, und trotz der Menge der Fremdwörter, deren er sich bediente, lebt der Geist der deutschen Sprache in seinem Stil. Er drückte sich knapp, treffend, derb aus; neben der Sicherheit eines scharfen Verstandes spürt man das Erwärmende eines gemütlichen Humors. Auch in der Unterhaltung bei Tische gab er sich witzig und umgänglich; in den Briefen Questenbergs, seines treuesten Anhängers, die stellenweise im behaglichen Plauderton gehalten sind, glaubt man die Freunde zu hören, wie sie über die Schwächen des Wiener Hofes Späße machen.
Am meisten ließ sich Wallenstein in seinen Briefen an seinen Schwiegervater Karl von Harrach gehen. Da nannte er die Hofkriegsräte »kahle Kerle«, sprach vom Kurfürsten von Bayern in Ausdrücken, die Harrach auszustreichen für notwendig hielt, schimpfte, klagte und gebärdete sich oft etwas ungezogen, zugleich aber kindlich ergeben und zutraulich. Dem älteren Manne gegenüber, der ihn väterlich liebte und zugleich unbedingt hochachtete, der bis zur Unvorsichtigkeit für ihn eintrat, nahm er niemals die streng verhüllte Miene des auf Abstand bedachten, unnahbaren Herrschers an, und es scheint, daß er sich in diesem zutunlichen Gehenlassen besonders wohl fühlte.
Es war etwas Kindliches, der Anlehnung Bedürftiges, Weiches in Wallenstein; aber da er kein Selbstvertrauen hatte, sondern eine Vorstellung von seiner Größe, der er, weil er sie nicht verwirklichen konnte, zugleich selbst mißtraute, und die insofern als Wahn bezeichnet werden muß, mißtraute er auch anderen und verwehrte sich selbst die Hingebung. Es war dasselbe Mißtrauen, das nach der Aussage Khlesls, der sie gut kannte, allen Habsburgern eigentümlich war. Stolz wie Luzifer nannten die Zeitgenossen Wallenstein; und sicher ist, daß er niemanden, auch Gott nicht, als sich überlegen fühlte, und daß er Abhängigkeit, von wem es auch sei, nicht ertragen hätte. Indessen war das gerade der unlösbare Widerspruch in ihm, daß er trotz seiner Menschenverachtung die Menschen und ihr Urteil fürchtete, daß er trotz seines Stolzes nicht selbständig zu sein vermochte, daß er, obwohl keine Einmischung duldend, unfähig war, allein zu stehen und die Verantwortung eigenmächtiger Handlungen auf sich zu nehmen.
Das Widerspruchsvolle seines Wesens, seine Launenhaftigkeit und Unberechenbarkeit fiel allgemein auf. Er sei nie derselbe geblieben außer in der Veränderlichkeit, sagte sein Biograph, der Italiener Gualdo Prioroto von ihm, der unter ihm diente und ihn persönlich kannte und verehrte; nach Art des Mondes habe er beständig in seinen Plänen gewechselt. Vom Glücke habe er die Launenhaftigkeit gelernt, bald sei er streng, bald weich, bald hochmütig, bald freundlich gewesen, je nach der Stimmung, in der er sich eben befunden habe. Kleinigkeiten hätten ihn sehr aufbringen, große Verfehlungen hätten ihm unter Umständen gefallen können. Der Mangel an Gerechtigkeit und System war es wohl auch, der ihm den Namen des Tyrannen eintrug; es gab für den Untergebenen keine Richtschnur, an der sich haltend er seiner Zufriedenheit sicher sein konnte, sondern was heute seinen Zorn reizte, belohnte er morgen. Der kluge Aldringen, als er einmal Wallensteins Günstling war, spottete darüber und erwartete gelassen den Umschwung. Neuen Bekanntschaften brachte Wallenstein, da das Neue ihn anzog, oft ein gutes Vorurteil, Zutrauen und Neigung entgegen, das aber in den meisten Fällen in Widerwillen umschlug. Man hat zuweilen den Eindruck, als sei Wallenstein der Treuherzige, arglos Vertrauende zwischen lauter Falschen gewesen; aber nicht nur das Regelmäßige des Verlaufs, sondern auch andere Zeichen deuten darauf, daß Wallensteins Hochmut, Empfindlichkeit und Launenhaftigkeit die Ursache der disgusti waren, mit denen seine freundschaftlichen Beziehungen so oft abbrachen. Allerdings darf nie vergessen werden, daß seine Herrschernatur und seine Herrschergabe, das Organisationstalent, ihn zwangen, die Menschen als Werkzeuge zu betrachten, als Mittel, seine Kunstwerke zu verwirklichen. Zusammenstöße mit dem auf seine Titel pochenden, anmaßenden Adel konnten da nicht ausbleiben: als Menschen von überlegenem Verstande, als General und Fürsten mußten ihm die breitspurigen und dabei oft so untauglichen Herren unleidlich im Wege sein. Sein Mißtrauen gegen die Offiziere, die der Kaiser ihm empfahl, war gewiß berechtigt, und er nahm keinen Anstand, sie zurückzuweisen, wie er sogar zwei dem Hofe verwandte toskanische Prinzen abblitzen ließ, als junge Leute, »deren Sachen auf lautere Vanitäten fundiert« wären. Ein geborener Fürst hätte sich das allenfalls erlauben dürfen; gegen den Emporkömmling lehnten sich die Fürsten auf, die mehr als er, und die Aristokraten, die seinesgleichen zu sein glaubten.
Nach Wallensteins unmittelbarem Gefühl war ihm alles erlaubt, gab es für ihn andere Gesetze als für alle anderen. Die Titelsucht anderer verspottete er, es machte ihm sogar augenscheinlich Vergnügen, sie nicht zu berücksichtigen; er selbst verlor Fassung und Besinnung vor Zorn, wenn ihm die Titel nicht gegeben wurden, auf die er Anspruch machte. Weil des Kaisers Bruder, Erzherzog Leopold, ihn nicht »Euer Liebden« sondern »Er« anredete, ließ er sich gegen seinen Schwiegervater folgendermaßen aus: »Wie schmerzt mich in der Seelen, daß mich der Kaiser, der mein Herr ist, wie einen Reichsfürsten tractirt, dieser aber, der mein Herr nicht ist und nicht werden wird, tractirt mich wie einen Hundsbuben; mir vergeht gewaltig die Lust zu dienen, denn von allen meinen Verdiensten habe ich nur disgusti und travagli. Ich hab dem Herrn Verda geschrieben und gebeten, er wolle solches mit dem Fürsten und meinem Herrn communiciren; denn sollte ich vor meine lange und treue auch nützliche Dienste despectirt werden, so wäre mirs in der Gruben leid, daß ich ein Tritt je in des Hauses Österreich Dienste gethan hette.«
Ein anderes Mal schreibt er, es genüge nicht, daß man in allen Kanzleien befehle, denen von Liechtenstein das Prädikat Herzog nicht zu geben, man müsse ihnen einstellen, daß sie selbst sich Herzog nennten; »denn«, sagt er, »es präjudicirt mir«.
Natürlich konnte Wallenstein aus den Titeln, die man ihm gab, erkennen, als was man ihn wollte gelten lassen, und insofern ist es begreiflich, daß er Wert darauf legte; aber daß andere in ihren Grenzen ebenso dachten, ging ihm nicht ein. Charakteristisch ist ferner für ihn, daß man stets überrascht ist, ihn kleinlich zu finden; denn wo er nur kritisch und theoretisch ist, wußte er das Wesen von der Sache wohl zu unterscheiden.
Wenn irgend etwas Wallenstein reizte, wurde er sehr zornig, oft so, daß er nicht wußte, was er tat. Der einzige bemerkenswerte Vorfall, der aus seiner Jugend bekannt ist, war eine Tat des Jähzorns: als Student in Altdorf schlug er einen Knaben, der ihn bediente, so heftig, daß die Angehörigen desselben auf Schadenersatz klagten und auch damit durchdrangen. Als Grund seines Zornesausbruchs gab der junge Albrecht an, der Knabe sei müßig gewesen: eine geringfügige Schuld also, die ihn aber zufällig in dem Augenblick aufbrachte; vielleicht reizte den innerlich Ruhelosen überhaupt der Anblick untätiger Menschen ganz besonders.
Manches spricht dafür, daß es sich bei diesen Zornesausbrüchen um Anwandlungen handelte, die mit einer gewissen Regelmäßigkeit wiederkehrten und die ihre erste Ursache in dem Zustande seiner Nerven hatten. In seiner Umgebung sprach man davon, daß er »seinen Schiefer« habe, etwa wie man von jemandem sagt, er habe seine Migräne. Es war bekannt, daß man ihn während dieser Zeit allein lassen mußte, daß man nichts Unangenehmes an ihn herankommen lassen durfte und daß man namentlich jedes Geräusch zu vermeiden hatte; er konnte dann keine Glocken läuten, keine Hunde bellen, keine Hähne krähen, keine Sporen klirren hören. Durch ernste Widerwärtigkeiten konnte dieser Zustand offenbar nicht nur verstärkt, sondern auch herbeigeführt werden; er schlug dann wohl seine Diener und fuhr sie mit drohenden Worten an, während er für gewöhnlich freundlich und zum Scherz geneigt war. Man darf sagen, daß er sich seelisch im labilen Gleichgewicht befand; irgend etwas Unerwartetes und Unerwünschtes konnte sofort eine Störung herbeiführen.
Wallensteins »schieferige Affekte«, wie sie genannt wurden, wollten ihre Zeit haben, gingen jedoch bei richtiger Nichtbeachtung ziemlich schnell und ohne Folgen vorüber. »Ich hab etliche wort sein Bewegung zu lindern darzu geredt,« schrieb Trauttmansdorff im November 1633 an den Kaiser, »im übrigen das meiste von sich selbsten lassen ausrauchen.«
Übrigens stand seinen nach außen drängenden Trieben eine ebenso starke Neigung, sich selbst zu beherrschen, gegenüber; sich vom Zorn hinreißen zu lassen, paßte nicht zu seinem Gefühl von Würde, und er fürchtete wohl auch, dabei zu viel von seinem innersten Wesen zu verraten. Daß er in Glück und Unglück immer gefaßt gewesen sei, betont Gualdo Prioroto; jedenfalls lag ihm daran, immer so zu erscheinen. Als er kurz vor seinem Ende in einem Kriegsrat mit dem Obersten Wahl in Widerspruch geriet und dabei heftig wurde, sagte er nach einer Weile, jener möge nicht meinen, er commoviere sich; das sei nur sein Gebrauch so. Seine Sucht, sich zu beherrschen, ging so weit, daß man von einem Sichverbergen sprechen könnte; wo aber irgend sein Zutrauen erweckt war, teilte er sich bis zur Unbesonnenheit mit, gab er jeder Regung Ausdruck. Bei seinen häufigen Stimmungswechseln dürfen seine Äußerungen deshalb durchaus nicht zu ernst genommen werden. Er kenne den Humor des Herzogs ziemlich wohl, sagte Collalto gelegentlich, und wolle versichern, seine Intention sei nicht bös; wenn er auch bisweilen eine Rede schießen lasse, so sei es ihm darum doch nicht allezeit Ernst. Dies wird nur dadurch bemerkenswert, daß es an einem so ernst erscheinenden Manne nicht vorausgesetzt wurde. Alles, was Wallenstein sagte, hatte in der Meinung der Fernestehenden tiefe Bedeutung; man glaubte, jedes seiner Worte sei gründlich erwogen und voll geheimer Absichten.
Überhaupt pflegten sich die Menschen, die von seinem Ansehen, seiner Macht, seiner Herrschsucht gehört hatten, eine ganz falsche Vorstellung von ihm zu machen, und waren sehr überrascht, wenn sie einem liebenswürdigen, wohlwollenden, oft zartfühlenden, entgegenkommenden Manne begegneten. Als der bayerische Gesandte Leuker im Jahre 1627 zum ersten Male eine Audienz bei Wallenstein erhielt, war er erstaunt über die Willfährigkeit des Herzogs, den man, wie er sich ausdrückte, im allgemeinen für ein cavallo indomito halte. Man hat den Eindruck, daß es ihm schwerer fiel, Gesuche von Gesandten abzuweisen, als sie zu bewilligen. Seine Liebenswürdigkeit konnte ihren Gegenstand bezaubern und bestechen. Man wußte, daß er die langen, gewundenen und geschraubten Denkschriften der Diplomatie seiner Zeit verabscheute, wie auch lange Vorträge ungern anhörte; er erschräke gleichsam, wenn er Schreiben sähe, und würde darüber schieferig, berichtet der brandenburgische Gesandte seinem Herrn. Ein Anliegen des Kurfürsten von Bayern schickte Questenberg dem Herzog im Auszuge: »Das Original wäre E. F. G. des langen geschwätz wegen zue wider gewöst.« Er wisse, schrieb Questenberg dem Freunde ein anderes Mal, daß er nicht gern »Tschartecken« läse. Von dieser Eigentümlichkeit des Gefürchteten unterrichtet, fragte Schwarzenberg, als er eine umständliche Klage des Kurfürsten von Brandenburg vorzubringen hatte, vorsichtig beim dritten Punkte, ob es ihm auch nicht zu lang würde? Zu seiner Überraschung antwortete Wallenstein auf das freundlichste, es werde ihm gar im wenigsten nicht zu lang. Als er einem anderen brandenburgischen Gesandten eine abschlägige Antwort geben mußte, steckte er das Gesicht ins Kopfkissen – er erteilte die betreffende Audienz im Bette – und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu, bis jener von etwas anderem zu sprechen anfing; ein Beispiel für die kindliche und unbekümmerte Art, die er haben konnte.
Auffallend ist bei dem meist liebenswürdigen und gefälligen Wesen Wallensteins, bei seiner inneren Unsicherheit und Schwäche, mit was für einer Vorsicht alle ohne Ausnahme ihn behandelten. Nicht auf den Kaiser nahm man so viel Rücksicht wie auf Wallenstein, ja der Kaiser selbst bedachte sich zehnmal, ehe er ihm etwas sagte oder sagen ließ, was ihn hätte ärgern können. Bei des Herzogs Empfindlichkeit oder bei seinem bekannten Humor, so etwa pflegte man sich auszudrücken, wolle man ihm dies oder das nicht geradezu sagen, oder die Sache lieber ganz gehen lassen, um ihm keine Offensionen zu kausieren. Er wurde behandelt wie eine sehr künstliche Maschine, die, wenn man sie nicht ganz richtig anfaßte, explodieren könnte. Das ist nicht nur dadurch zu erklären, daß er als Herr eines großen Heeres imstande war zu schaden; denn es gingen auch diejenigen behutsam mit ihm um, die nicht gerade Gewalttätigkeiten von ihm befürchteten; sondern die Erklärung davon muß in der Eigenart seines Wesens zu suchen sein. Die Erfahrung lehrt, daß in dem Maße, wie jemand zurückhaltend gegen andere ist, andere es gegen ihn sind, und so war es die Zurückhaltung Wallensteins im Verkehr, die andere band. Es war eine Atmosphäre um ihn, die die Leute hinderte, ihm ganz nahe zu kommen, und sie in einer solchen Ferne von ihm hielt, daß ihr Betragen als Ehrfurcht erschien und in seinen Wirkungen der Ehrfurcht gleichkam, selbst wenn vielleicht gar keine Ehrfurcht empfunden wurde. Ein Zeitgenosse, der Wallenstein mit vielem Verständnis zergliedert hat, war der Meinung, er verfolge mit seinem den üblichen Höflichkeitsformen nicht angepaßten Benehmen den Zweck, erstens Überlästige von sich fernzuhalten, zweitens sich so gefürchtet zu machen, daß man sich nicht getraue, ihm Unangenehmes zuzufügen. Allerdings wird es immer die Folge eines sehr zurückhaltenden Wesens sein, daß die Menschen sich an den Betreffenden nicht leicht heranwagen; aber deswegen muß es nicht der Zweck gewesen sein. Die Art und Weise, wie einer im Verkehr sich gibt, ist zu sehr angeboren, als daß sie auf die Dauer durch Verstellung zu regeln wäre. Dem Bewußtsein nach hätte Wallenstein wahrscheinlich manches Mal gern die unsichtbare Schicht, die ihn umgab, durchbrochen; aber er vermochte es vielleicht nur unter dem Einfluß des Zornes oder des Weines. Andere Male mag es ihm bequem gewesen sein, sich hinter der aus Menschenfurcht und Menschenverachtung, aus Erhabenheit und Schüchternheit gebildeten Mauer zurückzuziehen; immer aber war sie der unmittelbare Ausfluß seines tiefinnersten Wesens. Es war die Maske, hinter der der Stolze das tragische Geheimnis seiner Seele verbarg: seine Größe und seine Ohnmacht.
Wie Wallensteins Zurückhaltung die Menschen ihm gegenüber zurückhaltend machte, so machten seine Unsicherheit und Ängstlichkeit sie unsicher und ängstlich: niemand wußte recht, wie er sich im nächsten Augenblicke verhalten würde. Er glich insofern wirklich einer gefährlichen, schwer zu handhabenden Maschine: nicht nur ein ungeschickter, sondern jeder Griff konnte die unerwartetsten und unerwünschtesten Wirkungen haben. Ganz abgesehen von den politischen Zwecken, die er etwa damit verfolgte, liebte er es, Menschen und Mächte abwechselnd anzuziehen und abzustoßen, so daß sie sich, obwohl an Kreuz- und Querzüge der Diplomatie gewöhnt, des Gefühls nicht erwehren konnten, er spiele zu seinem Vergnügen mit ihnen. Was der böhmische Unterhändler Rašin ihn sagen läßt, er habe mit den Sachsen gespielt wie die Katze mit der Maus, entspricht durchaus den Umständen und seiner Natur.
Dies ist ein unheimlicher Zug in Wallensteins Wesen, den man die Grausamkeit der Schwäche nennen kann; wenn er auch aus der Unfähigkeit, sich zu entschließen, hervorgeht, so scheint doch auch eine grausame Lust dabei im Spiele zu sein, die Wollust des Machtgefühls, welche den letzten Genuß, die Tat, hinausschiebt, der sie zugleich enden würde.
Auch darin irrten sich Fernerstehende, daß sie glaubten, energischer Widerstand werde Wallenstein zu desto gewaltsamerer Gegenwehr reizen; er pflegte dann im Gegenteil einzulenken. Seine Feinde hätten leichtes Spiel mit ihm gehabt, wenn das Herrscherhafte seines Wesens seine Furchtsamkeit nicht so gut verhüllt hätte.
Die innere Unsicherheit und Schwäche war der Grund von Wallensteins Beschäftigung mit der Astrologie. Sie war ihm dasselbe, was dem Kaiser Ferdinand die Religion war; wenn er, bevor er irgend etwas tat oder unternahm, wenn er etwas fürchtete oder hoffte, Astrologen um Rat fragte, so tat er dem Wesen nach nichts anderes, als wenn Ferdinand Gelübde ablegte, in Prozessionen ging oder Erleuchtung im Gebet suchte. In der geistigen Veranlagung allerdings bestand ein großer Unterschied: ebenso selbständig im Urteil wie unselbständig im Handeln hätte Wallenstein der Autorität überlieferter Dogmen und beliebiger Priester sich nicht unterworfen; die unerreichbaren und unbeirrbaren Sterne und ihr vorausgesetzter Zusammenhang mit dem menschlichen Schicksal verkörperten ihm eine ganze, übereinstimmende, aber unpersönliche Welt, die seinem Verstande einleuchtete und sein Gefühl nicht durch Forderungen beunruhigte. Bedingt das auch nicht die abergläubischen Folgerungen, die er daraus zog, so kann es doch erklären, warum er astrologischen Aberglauben einem religiösen vorzog.
Pulsuz fraqment bitdi.