Kitabı oxu: «Meine offizielle Frau»

Şrift:

Richard Henry Savage

Meine offizielle Frau

Roman

Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen

von

Natalie Rümelin.

Saga

Ebook-Kolophon

Richard Henry Savage: Meine offizielle Frau. © 1896 Richard Henry Savage. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.

ISBN: 9788711462935

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

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Erstes Buch.

Die offizielle Verheiratung.

Erstes Kapitel.

Wir fröstelten alle in der kalten Winternacht, während die knirschenden Räder durch die Ebenen Ostpreussens so eilig dahinrollten, dass Bauernhöfe, Dörfer, Wälder und Bäche, Moräste und Flüsse in wildem Tanz an uns vorüberzufliegen schienen. Unser Eilzug näherte sich dem unwirtlichen alten Königsberg.

In ihre Decken eingewickelt, drückten sich die vielsprachigen Reisenden mollig in die roten Polster der kleinen Wagenabteilungen und schlummerten, rauchten, brummten oder schwatzten unbefangen, wie es gerade die jeweilige Stimmung mit sich brachte. Von meinen Reisegefährten hatte ich nur wenige gesehen, da die Querteilung der kleinen deutschen Eisenbahnwagen die Entdeckungsreisen im Zug, wie sie der Reisende in Amerika gewöhnt ist, unmöglich machen.

Für die Abfahrt des Schnellzugs von Berlin nach Petersburg ist die ungewöhnliche Zeit „zwölf Uhr nachts“ bestimmt, worin sich die vornehme Verachtung kundgibt, womit die büreaukratische Eisenbahnverwaltung auf das Behagen des reisenden Publikums herabsieht.

In der letzten halben Stunde vor der Abreise hatte ich eben noch Zeit gehabt, meine Verwandten in der russischen Hauptstadt telegraphisch von meiner Abreise aus Berlin zu benachrichtigen und mir eine durchgehende Fahrkarte via Eydtkuhnen nach dem neuen Paris am Newastrande zu lösen. Uebrigens war eine Nacht in einem üppig ausgestatteten Wagen erster Klasse keine grosse Strapaze für einen alten Veteranen.

Meine Rüstung für den Einfall in Russland bestand aus einem guten Reiseteppich, einem Paket der wenigst greulichen im Handel vorkommenden Tabakfabrikate, ein paar Bänden Tauchnitz und, als Würze dazu, einigen französischen Romanen. Einen wohlgefüllten „Seelentrost“ verwahrte ich in der Tasche meines warmen Ulsters. Es war Mitte Oktober und die mageren, steinigen Felder lagen kalt und erstorben im Mondscheine da. In meinem Coupé befanden sich ausser mir noch zwei hübsche, stramme russische Offiziere mit weissen, juwelengeschmückten Händen, die auf der Heimreise von Paris begriffen waren, wo die Russen so gern ihren Urlaub verbringen.

Nachdem ich es mir auf meinem weichen, breiten Sitze möglichst bequem gemacht hatte, schlummerte ich bald ein, während meine militärischen Gefährten mir gegenüber sich Cigaretten drehten, über allerlei Einkäufe und Pariser Weiber plauderten und sich über vaterländische Angelegenheiten mit jener kühnen Freiheit äusserten, die der reisende Russe auswärts so gerne zur Schau trägt und die ihm zu Hause unter dem eisernen Szepter des „weissen Zaren“ ein ganz unerreichbarer Luxus ist.

Als der Morgen dämmerte, fuhren wir durch die Festungswerke der alten preussischen Krönungsstadt Königsberg, der letzten Hauptstadt des Militärstaates Preussen, nach der russischen Grenze hin.

Nach dem Frühstück vertieften sich meine kriegerischen Reisegenossen in die Freuden des „Baccarat“ und des Cigarettenrauchens. Aus ihrer Unterhaltung entnahm ich bald, dass ich den Hauptmann Gregory Schewitsch und den Lieutenant Alexis Michaelowitsch von der allervornehmsten Waffe, von der kaiserlich russischen Garde, vor mir hatte.

In dem ihrer Nation eigenen guten Französisch plauderten sie über allerlei landläufige Gegenstände, während das wechselnde Spielglück vollends über alles nicht in Paris verbliebene Taschengeld verfügte. Ihre Unterhaltung, der ich, anscheinend in mein Buch vertieft, meine Aufmerksamkeit zuwandte, war von grösstem Interesse für einen ausgedienten amerikanischen Offizier, der ihr romantisches Vaterland zum erstenmal besuchen wollte, und während ich die langweiligen Blätter umdrehte, war ich ganz Ohr. Unter anderm erörterten sie auch die kürzlich erfolgte Ernennung eines wahren Ungeheuers von einem boshaften, schlauen Beamten zum Chef der russischen Geheimpolizei.

Dieser Herr erfreute sich, obgleich er nicht slavischer, sondern deutscher Abstammung war, einer selbst für ein despotisches Land unerhörten Macht; von seinem geheimen Lugaus in Petersburg traf die unsichtbare Hand dieses Machiavelli überall hin und sein hoher Rang, seine ausgedehnten Machtbefugnisse und sein hochwichtiges Amt verschafften ihm allezeit freien Zutritt bei dem neuen Zaren, dessen erhabener Name ihm als Donnerkeil diente.

„Gregory,“ sagte Alexis, „ich habe gehört, die Nihilisten seien gegenwärtig wieder sehr thätig und arbeiten aus Leibeskräften daran, ihre durch Loris Melikoff zerstörte Post- und Telegraphenverbindung wieder herzustellen.“

„Das stimmt,“ erwiderte Gregory, indem er seine Karten mit dem geldgierigen Instinkt eines schlauen Slaven betrachtete, „diese armen Teufel können nicht über unsre Grenzen, ohne die höchste Gefahr zu laufen, lebenslänglich nach Sibirien geschickt oder zu noch Schlimmerem verurteilt zu werden. Der neue Polizeipräsident ist so klug wie Bismarck und so schlau wie Vidocq.“

Nachdenklich drehte sich Gregory seine Cigarette und sagte: „Sie müssen jetzt verzweifelte Versuche machen, auf irgend eine noch nie dagewesene Weise herüberzukommen, denn wenn es ihnen nicht gelingt, sich über neue Signale und eine andre Geheimschrift zu verständigen, so müssen sie ihre Verschwörungen für immer aufgeben. Uebrigens haben sie eine Unmasse Geld und verfügen über einige sehr gewandte Unterhändler.“

„Das ist wahr,“ erwiderte der andre und hob ab, „mein Onkel, der Gesandte, sagte mir, einige unsrer Telegraphenbeamten gehören auch zu ihrer Verbindung und leisten ihnen ganz unschätzbare Dienste.“

„Nun, sie mögen so durchtrieben sein, wie sie wollen, der neue Polizeichef ist doch noch ein wenig schlauer und wird sie schliesslich in eine Sackgasse treiben.“

„Vorausgesetzt, dass sie ihn nicht vorher ermorden,“ sagte Alexis und händigte seinem siegreichen Kameraden eine handvoll zerknitterte Noten ein — mit einem unterdrückten Fluch über sein Pech.

Gregory lachte, während er die Rubel wohlgefällig betrachtete und einsackte: „Die Nihilisten werden kaum glücklicher sein, als du, alter Bursche! Erinnerst du dich noch des hübschen Salons der Fürstin Trubetskoi in Paris?“

Alexis lächelte und streichelte in Erinnerung an seine kürzlichen Eroberungen liebevoll seinen blonden Bart.

„Nun,“ fuhr der Hauptmann fort, „manch dickes blaues Paket von Noten der Bank von Frankreich sind von der ‚Haute Direction‘ in diese weissen, juwelenblitzenden Hände geglitten, denn die Fürstin liefert Abschriften der nihilistischen Pläne, — ja, man hat mir sogar erzählt, sie habe Dinge in Erfahrung gebracht, die in Bälde die Verhaftung der —“

Misstrauisch sah er nach mir hin und flüsterte seinem Gefährten einige mir unverständliche Worte ins Ohr.

„Bei Sankt Wladimir,“ rief Alexis, „das ist ja das Frauenzimmer, dessen seit dem Tod unsres lieben, alten Kaisers die ganze Polizei vergeblich habhaft zu werden suchte? Na, die ist ein netter Bissen für den Henker, wenn man sie erst hat! Sie soll, wie man sagt, von engelhafter Schönheit sein.“

„O,“ stimmte Kapitän Gregory mit einem lüsternen Ausdruck auf seinem tatarischen Gesicht bei, „in diesem Fall wäre ich gar nicht ungern selbst ‚le maître des épaules.‘“ Nun begannen die Offiziere sich zum Aussteigen fertig zu machen, denn wir näherten uns der letzten Grenzstadt.

„Schafsköpfe, bald bin ich eure widerliche, rohe Gesellschaft los,“ dachte ich und vertiefte mich wieder in meinen Roman, denn ich hegte bei meinem Eintritt in Russland nicht die mindeste persönliche Befürchtung.

Wozu auch? Ich war ja der glückliche Besitzer eines von der russischen Gesandtschaft sorgfältig visierten und „en règle“ erklärten Passes. Ausserdem hatte ich auch noch die wärmsten Empfehlungen an den mit mir verschwägerten Constantin Weletsky, einen der Räte des Zaren, der als einstiger Page der hochseligen Zarin bei der kaiserlichen Familie hoch in Gunst stand.

Diese und andre Empfehlungen sollten mir in Russland die allerhöchsten Kreise erschliessen, denn meine Tochter war mit Weletskys einzigem Bruder Basile verheiratet gewesen, einem tapfern, ritterlichen Offizier, der bei Plewna ein Bataillon befehligt hatte, dann im fernen Osten gefallen war und seine jugendliche Witwe mit einem kleinen vaterlosen Kind hinterlassen hatte.

Meine Tochter hatte diesen Herrn in Japan kennen gelernt und geheiratet, und um sie wieder zu sehen und ihre Interessen wahrzunehmen, reiste ich nun zum erstenmal nach Russland.

Meine Frau hatte ich in Paris zurückgelassen, weil sie den strengen Winter fürchtete und erst meinen Bericht abwarten wollte, ehe auch sie sich aufmachte, unser Kind zu besuchen, das nur wenige Wochen mit uns in Amerika verlebt hatte und dann, nachdem ihr Gatte im russischen Dienst in Asien gefallen war, in eine neue Heimat und zu unbekannten, aber gütigen Verwandten geeilt war.

Gellende Glockenzeichen und ein schriller Pfiff verkündeten unsre Ankunft in Eydtkuhnen, der Grenze des„heiligen Russland“, wo man zur Untersuchung des Gepäckes und der Pässe zwei und eine halbe Stunde Aufenthalt hat.

Mit den betreffenden Nationalfarben angestrichene Grenzpfähle ermahnen den Reisenden zu Stille, Vorsicht und politischer Klugheit, und dieser Warnung wird durch die Anwesenheit der in Zwischenräumen von wenigen Metern aufgepflanzten Soldaten weiterer Nachdruck verliehen.

Ein stattlicher, internationaler Bahnhof nebst Zollamt mit einem prächtigen Restaurant auf der russischen Seite lockte meine hungrigen Augen, und ich sehnte mich rasend nach dem letzteren, denn der Hunger quälte mich und meine Seele lechzte nach Speise.

Aber ach, die Grenze zwischen den beiden Kaiserreichen wurde von einem Gitter aus Schmiedeeisen gebildet und machte die Stillung meines Hungers gänzlich abhängig von dem Befund meines Passes nach Russland.

Mit Schwertern umgürtet und mit Revolvern bewaffnet standen die Wachen da, bereit, den Kühnen zu verhaften, der es wagte, unberechtigterweise eindringen zu wollen.

Zu etwa hundert hungrigen Reisenden wurden wir in einen Wartesaal gesperrt und aufgefordert, unsre Pässe und unser Gepäck zur Durchsuchung herzurichten. Während ich dem ernsten, strengen Befehl gehorchte und meine Papiere und Schlüssel hervorsuchte, betrachtete ich mir die Reisenden. Wir waren alle durcheinander gedrängt: Gräfinnen in Samt und Pelzwerk, flinke französische Kammerjungfern, behäbige Bürger, schmutzige polnische Juden mit Locken und schmierigen Reiseröcken, Geldwechsler, Soldaten und Vergnügungsreisende vereinigten sich hier zu einem recht sonderbaren menschlichen Mischmasch. Hochmütige Offiziere schleuderten umher, warfen den schönsten unsrer weiblichen Reisenden verliebte Blicke zu und liessen ihre langen Schleppsäbel herausfordernd klirren.

Als ich an die Reihe kam, entfaltete ich meinen Pass mit dem amerikanischen Adler darauf, und ein bärtiger, mit Orden und Medaillen förmlich bedeckter Oberst ergriff ihn und brach in die freundlichen Worte aus: „Ah, Amerikaner — sehr gut!“

Als ich dies hörte, bedauerte ich die fünf Dollars nicht mehr, die ich auf der Gesandtschaft für dies Papier erlegt hatte. Dieser Pass lautete auch auf den Namen meiner Frau für den Fall, dass sie mit mir reisen wollte, obgleich ihr auch noch ein besonderer Pass ausgestellt worden war, den sie in Paris zurückbehalten hatte, um mir möglicherweise nachreisen zu können.

Man wies mich nach der Gepäckinspektion und liess mich durch, während einige Verdächtige, die wegen Unregelmässigkeiten in ihren Papieren zurückgewiesen worden waren, sich zu einem Entrüstungsmeeting zusammenthaten. Ganz glücklich faltete ich eben mein „Sesam öffne dich“ für die russische Restauration wieder zusammen, als ich plötzlich die liebliche Nähe eines weiblichen Wesens verspürte.

Eine volle, wohlklingende Stimme sagte im gewähltesten Englisch: „Ich bitte um Vergebung, mein Herr, könnte ich Sie nicht einen Augenblick sprechen?“

Die Dame, die diese Worte sprach, war sehr jung und sehr schön für das Auge eines Veteranen, denn gleich den meisten alten Soldaten war ich nicht ganz unempfänglich für weibliche Reize. Der Anzug und alles, was die schöne Unbekannte an sich hatte, war durchaus ladylike.

Als ich sie ansah zeigte ihr ganzes Wesen eine solche Unschuld und Unerfahrenheit, dass ihre Hilflosigkeit einem Mann von Welt, wie mir, entschieden zu Herzen gehen musste. Ihre klaren dunklen Augen blickten ängstlich, ihre schönen Korallenlippen zitterten aufgeregt, welliges braunes Haar umrahmte ein zartes, liebliches, etwas stolzes Antlitz und das Ganze war ein entzückendes Bild. Obgleich ihr Wesen einen beinahe kindlichen Eindruck machte, schien doch ihre Gestalt für die allerfrüheste Jugend zu sehr entwickelt, ein dunkelbraunes, mit Zobel besetztes Kostüm hob die Umrisse ihrer wundervollen Formen aufs vorteilhafteste hervor.

Hübsche Händchen steckten in einem Muff, flehende Augen blickten unter der zierlichen, kleinen Mütze hervor und niedliche Füsschen trippelten in hohen polnischen Stiefelchen hin und her.

Ich nahm meinen Hut ab vor der unbekannten eleganten Erscheinung, lächelte mit meinem sanftesten Sonntagsschullächeln und entgegnete: „Stehe Ihnen ganz zur Verfügung, gnädige Frau.“

„Eine schöne Landsmännin,“ dachte ich dabei, obgleich der blaue Fuchsbesatz der seidenen „Shuba“, die die anmutigen Schultern umschloss, ein etwas lokaler Luxus zu sein schien.

„Bitte, geben Sie mir Ihren Arm, wir wollen ein wenig auf und ab gehen, damit wir keine Aufmerksamkeit erregen,“ flüsterte der schöne Wandervogel mit einem leichten Zittern in der Stimme.

„Hoffentlich macht sie’s kurz,“ dachte ich, weil ich das liebliche Klappern von Tellern und Bestecken von jenseits der russischen Grenze vernahm und die schwalbenschwänzigen Kellner hin und her fliegen sah, denn die ersten Gäste hatten bereits die Pforten des epikuräischen Paradieses überschritten.

„Ich bin eine Amerikanerin und reise nach Russland,“ begann sie, „um dort mit meinem Gatten zusammenzutreffen, der vorausgefahren ist. Er hat nur einen Pass für uns beide, und nun sehe ich ganz unerwartet, dass ich nicht über die Grenze kann. Ich weiss gar nicht, was ich anfangen soll.“

Während sie dies sagte, durchzuckte mich der leise Druck ihres Armes wie ein elektrischer Schlag, und ihre Stimme klang so melodisch wie das Murmeln eines Bächleins.

„Das bedaure ich unendlich,“ brummte ich, „aber ich wüsste nicht, was ich in der Sache thun könnte, denn ich bin ein einfacher amerikanischer Reisender ohne irgend welche offizielle Stellung — ein ausgedienter Offizier, der auf Besuch zu Verwandten nach St. Petersburg geht und hier gar niemand kennt.“

Diese Bemerkung brachte ich so recht harmlos vor, denn auch ich hatte einst über die Stränge geschlagen und wusste, dass derartige kleine Anbandeleien oft sehr heikel werden können.

„Aber ich habe bemerkt, dass Sie keine Dame bei sich haben und Ihr Pass lautet, wie ich gesehen habe, ‚mit Gemahlin‘.“

„Gewiss,“ sagte ich, vermutlich in etwas ungeduldigem Ton, denn das immer lebhafter werdende Geklapper von Messer und Gabeln bewies mir, dass die Mahlzeit, nach der ich begehrte, jenseits des Gitters, in Russland, schleunigst vertilgt wurde.

Nun erhob sie sich auf ihre zierlichen Fussspitzen, faltete ihre Hände um meinen Arm, drückte ihn bedeutungsvoll und flüsterte: „Nicht wahr, Sie nehmen mich mit über die Grenze als — — als Ihre Frau?“

„Grosser Gott,“ rief ich aus, „aber meine Frau!“ Denn Frau Lenox ist zeitweise sehr zur Eifersucht geneigt. Unterdessen nagte der Hunger in mir wie eine Ratte in einer leeren Rosinenkiste.

„Ich bitte, ich beschwöre Sie,“ fuhr sie fort, und ihre Stimme klang herrlich in ihren tiefen Tönen, „lassen Sie mich nicht hier im Stich! Ich muss jetzt über diese Grenze kommen, und man hält mich bereits für Ihre Frau — man hat gar nicht einmal nach meinem Pass gefragt.“

„Für meine Frau!“ stiess ich fast atemlos hervor.

„Gewiss, der Oberinspektor nahm an, ich sei Ihre Frau. Sie sind ein Landsmann von mir — nehmen Sie mich mit bis Wilna, dort erwartet mich mein Gatte und wird Ihnen selbst seinen Dank abstatten.“ Und in kindlicher Angst schmiegte sie sich an mich an.

Meine Gedanken verwirrten sich, meine Nerven prickelten und mein Herz klopfte bei ihrer Berührung. Schon manchmal war ich auf einigen weiten Reisen für hübsche Damen eingetreten.

Eine Art Geheul des russischen Zollbeamten mahnte mich zur Eile, denn unser Gepäck lag noch allein auf dem hohen Zinktisch, und beinahe alle andern Reisenden waren schon fort.

Der dienstthuende Oberst, der sich eben auch in den Speisesaal begeben wollte, warf im Vorübergehen einen bewundernden, begehrlichen Blick auf das schöne Geschöpf an meinem Arm und flüsterte: „Die schöne Amerikanerin.“

„Sie dürfen eine Landsmännin nicht in einer solchen Verlegenheit lassen! Wahrhaftig, ich glaube man märe im stand mich zu verhaften,“ sagte sie mit einem unschuldigen, leichten Schaudern.

Ich warf dem Inspektor meine Schlüssel hin und blickte zögernd auf die schöne Bittstellerin neben mir.

Wo trieb ich hin? Ganz betäubt stand ich da, während der Beamte hastig meine spartanische Ausrüstung durcheinander warf.

Ein leises Lüftchen trug die verlockenden Düfte eines leckeren Mahles und eines trefflichen Mokkas durch die wohlbewachten Pforten zu uns herüber.

„Sie werden mich gütigst entschuldigen,“ sagte ich mit einer rauh und heiser klingenden Stimme.

Der bärtige Beamte warf einen Blick auf das umfangreiche Gepäck der Dame — ich musste mich sofort entscheiden.

„Um Gottes willen, lassen Sie mich nicht hilflos hier zurück,“ flehte sie mit einem angstvollen Ausdruck in ihren wunderschönen Augen, und zugleich gab sie mir ruhig und gelassen ihre Schlüssel in die Hand, die ich mechanisch in die ausgestreckte Pfote des hungrigen Beamten fallen liess. Dann aber winkte ich, von Reue befallen, verneinend mit der Hand.

„Sie werden doch gewiss nicht wollen, dass meine Reise durch ein solches Missgeschick unterbrochen wird, wenn Sie es durch blosses Schweigen verhüten können?“ flüsterte sie mir zitternd ins Ohr, und ihre wundervollen dunklen Augen blickten mich traurig und klagend an. „Facilis est descensus Averni!“ Ich fühle, ich weiss, dass ich im Begriff bin zu unterliegen. Hastig sehe ich mich um. Ach, wenn nur ihr Mann und meine Frau hereinträten! Aber kein so glückliches Ereignis erfolgt. Dagegen bemerkte ich, dass die Augen des Obersts fragend, forschend auf meiner schönen Bürde ruhten. Schöpft er etwa Verdacht? Das darf nicht sein! Wütend fahre ich den Zollbeamten an und frage, warum er nicht schneller mache.

Die ganze Zeit über tickt die grosse Uhr und mahnt geisterhaft daran, dass der Augenblick entschwindet; unterdessen durchwühlt der Inspektor die in den offenen Koffern aufgespeicherten Schätze der Schönheit, und ich betrachte mit erbärmlicher hohler Freude all dies geheimnisvolle Zubehör der weiblichen Toilette. Da ich kein Worth und kein Pingat bin, kann ich mich nicht auf eine Schilderung der Einzelheiten einlassen, aber ich will ehrlich gestehen, dass ich stolz war auf die Ausstattung meiner Dame, denn sie wäre einer Herzogin würdig gewesen, so zart und fein waren die Spitzen und Stickereien, so reich und weich die Seide, der Atlas, der Samt und so elegant die Pantöffelchen und Stiefelchen aller Art.

Der blosse Anblick dieser Dinge lässt mein empfängliches altes Soldatenherz höher schlagen und ich betrachte die Dame, deren Lieblichkeit durch diese Gegenstände geschmückt und erhöht werden soll. Ein Bild der Unschuld, der Schönheit und der Ungeduld hängt sie an meinem Arm.

Nun ist die Untersuchung zu Ende; die Koffer werden wieder geschlossen. Mechanisch werfe ich dem Beamten einen Rubel hin, und er stürzt gierig fort zu seinem Mahl.

Der Druck auf meinem Arm wird fester, und der Duft, der ihren Gewändern entströmt, umweht mich; mechanisch wende ich mich zu ihr; ihre Augen, noch schöner in der Angst, begegnen den meinen, ihre Gestalt zittert, schwankt und lehnt sich an mich an. Guter Gott! Sie ist einer Ohnmacht nahe!

Um sie zu ermutigen, flüstere ich ihr mit unsinnigem Gekicher zu: „Welch schöne Ausstattung Sie haben!“

Wir nähern uns dem Gitter, und die schöne anmutige Fremde schmiegt sich dicht an mich an, aber ihr Schritt scheint kräftiger zu werden.

Unaufgehalten schreiten wir durch die Pforte und stehen nun auf dem Boden des„Heiligen Russland“.

Zweites Kapitel.

Schmetternd fiel das Gitterthor hinter uns ins Schloss, denn wir waren die letzten der Reisenden. Es wollte mich bedünken, als erbebe die kleine Hand auf meinem Arm bei diesem Klang und als zittere die Dame an meiner Seite. Keck blickte ich sie an und sah, dass ihr schönes Antlitz sich mit tödlicher Blässe bedeckt hatte, doch sofort raffte sie sich gewaltsam auf, und um Mund und Auge spielte ein Lächeln, als sie flüsterte: „Bitte, behalten Sie meine Schlüssel, es sieht verheirateter aus!“ Dabei zog sie ein verlegenes Mäulchen, das mir Herzklopfen verursachte.

„Natürlich müssen wir die Komödie jetzt weiterspielen, meine Liebe,“ antwortete ich; aber bei dieser vertraulichen Anrede wich sie von mir zurück und ein heftiges Erröten verwischte die letzte Spur der vorhergegangenen Blässe. Das Erröten war ansteckend, denn das Wort „meine Liebe“ lenkte meine Gedanken zu meiner wirklichen Gattin nach Paris zurück.

Da ich solche Anwandlungen durchaus verscheuchen wollte, und mein Hunger sich aufs neue meldete, führte ich die Schöne an meinem Arm in den Speisesaal, der mit eiligst essenden Reisenden angefüllt war.

Nur an dem für den russischen Oberst bestimmten Tisch waren noch freie Plätze zu sehen. Der Oberkellner flüsterte dem Herrn, der sich eben niederliess, einige Worte zu, die dieser mit einem Lächeln erwiderte. Nun wurden wir an den Tisch des Würdenträgers geführt, der mir gar nicht unzufrieden darüber zu sein schien, dass er in dem Anblick meiner blendenden Begleiterin schwelgen konnte.

Der durch eine silberne Kette um den Hals ausgezeichnete Oberkellner überreichte der gnädigen Frau Speise- und Weinkarte, und sie bestellte mit der gelassenen Sicherheit einer verwöhnten Frau und setzte mich in grosse Verwunderung, indem sie zärtlich lispelte: „Und was möchtest denn du, lieber Arthur?“

Woher wusste sie denn meinen Taufnamen? Nach einem Augenblick der Ueberlegung kam mir der Gedanke, sie werde ihn auf meinem Pass gelesen haben.

Kurz darauf stellte sich uns der Oberst, der unsre Sprache meisterhaft beherrschte, als Iwan Petroff vor, und während ich dem Burgunder zusprach und einen gebackenen Fasan und andre Leckerbissen mit der ganzen Energie meines Hungers in Angriff nahm, plauderte meine Schutzbefohlene lächelnd mit dem russischen Offizier, der uns mitteilte, er sei Kommandeur der Wilnaer Grenzdivision und freue sich, Amerikaner in Russland zu sehen, denn er zweifle nicht, dass wir uns mit eigenen Augen überzeugen würden, die Russen seien besser als ihr Ruf.

In diesem Augenblick trat ein Beamter grüssend an ihn heran, worauf unser Oberst aufstand und uns mit ein paar Worten der Entschuldigung verliess. Sofort wendete ich mich an die Dame neben mir und sagte: „Sie haben mich Arthur genannt, meine Gnädige; aber wenn wir diese kleine Komödie durchführen wollen, so müssen Sie mir auch schnell, ehe der Russe zurückkommt, Ihren Vornamen sagen.“

„Gewiss,“ antwortete sie, „mein erster Name ist Helene.“

„Und Ihr zweiter?“

„Marie.“

„Helene, Marie — wundervoll!“ erklärte ich. „Und Ihr Geschlechtsname?“

„Sagen Sie mir erst den Ihren,“ bat sie, „Ihren Taufnamen habe ich auf dem Pass gelesen, aber Ihren Familiennamen konnte ich nicht sehen.“

„Lenox,“ entgegnete ich, „Arthur Bainbridge Lenox.“

Bei dieser Mitteilung schien sie stutzig zu werden, aber gleich darauf sagte sie mit einem etwas verlegenen Lächeln: „Dann heisse ich auch Lenox, denn für den Augenblick muss der Name Ihrer Gattin der meine sein. Ein einziger Fehlgriff konnte jetzt uns beiden die schlimmsten Ungelegenheiten machen, weil ein falscher Pass —“

Sie brach kurz ab, denn eben nahm Petroff wieder an ihrer Seite Platz und bemerkte: „Es war mir schmerzlich, mein Essen im Stich lassen zu müssen, aber noch ungleich schmerzlicher, mich von Ihnen trennen zu müssen, meine gnädige Frau.“ Diesen Worten verlieh ein beredter Blick der dunklen Tatarenaugen auf die neugetaufte „Helene Marie Lenox“ noch mehr Nachdruck. Dann fuhr er fort: „Es war aber eine Passangelegenheit, die sofort erledigt werden musste. Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass wir soeben einen guten Fang gemacht haben.“

„Falscher Pass vermutlich?“ bemerkte meine schöne Gefährtin.

„Mann oder Weib?“

„Mann,“ entgegnete Petroff kurz.

„Natürlich,“ rief Helene mit einem Anflug von Koketterie in ihrem Lächeln, „wäre es ein Weib, ein schönes Weib gewesen, so hätten wir Sie nicht so schnell wieder hier gehabt.“

„Auch die schönste Verbrecherin in ganz Russland hätte mich nicht einen Augenblick länger von Ihnen entfernt zu halten vermocht, gnädige Frau,“ erwiderte der galante Oberst, Bewunderung im Blick, Koketterie im ganzen Wesen.

Obgleich ich fleissig mit Messer und Gabel hantierte, fing ich den Blick auf, und es überkam mich dabei etwas von der Empfindung eines Ehemannes. Ich suchte das Gespräch abzulenken und sagte gleichgültig: „Ich glaube, derartige falsche Passgeschichten sind in Russland etwas ganz alltägliches.“

„Keineswegs,“ erwiderte Petroff, „dazu sind die Strafen für dies Verbrechen viel zu streng.“

„Vermutlich nicht nur Geld-, sondern auch Freiheitsstrafe,“ sagte ich vielleicht etwas erregt.

„Ja, lebenslängliche Einsperrung — Sibirien,“ flüsterte der Oberst. „Nur unsre allerverzweifeltsten Verbrecher wagen einen falschen Pass zu gebrauchen.“

Klirrend fielen mein Messer und meine Gabel auf den Teller.

„Koste einmal diese Majonnaise, lieber Arthur,“ warf die vermeintliche Frau Lenox ein, „du bist ja, wie ich sehe, mit deinem Fasan fertig, und sie ist wirklich ganz vorzüglich; Oberst Petroff muss auch welche nehmen.“ Und damit reichte sie dem Offizier die Schüssel mit einem solchen Lächeln und so viel Anmut, dass der bewundernde Russe gar nicht bemerkte, wie völlig mir Nervenstärke und Esslust abhanden gekommen waren.

„Falsche Pässe — Strafen — Sibirien — nur verzweifelte Verbrecher wagen sie zu gebrauchen,“ summte es in meinem Kopf.

Nun kam ein plötzlicher Entschluss über mich.

Dies blendende Weib stempelte mich durch den Gebrauch eines falschen Passes zu einem russischen Verbrecher, aber die deutsche Grenze lag nur fünfzig Schritt von hier, und ich wollte wieder hinüber, so lange noch Zeit war, den Pratzen des russischen Bären zu entkommen.

Mit einer leichten Entschuldigung gegen die Circe, die mich in diese falsche Stellung gelockt hatte und nun mit dem russischen Oberst ganz harmlos aber entzückend über den Salat plauderte, stand ich vom Tisch auf, schritt zum Saal hinaus und auf das im Augenblick glücklicherweise offene Gitterthor zu.

Nun war ich nur noch ein paar Fuss weit von Deutschland entfernt, und im nächsten Augenblick wäre ich ausser aller Gefahr gewesen, wenn mir der Ausweg nicht plötzlich versperrt worden wäre.

„Halt! Ihre Erlaubnis, Russland zu verlassen!“

„Natürlich habe ich keinen derartigen Pass. Sie haben mich ja vor noch nicht einer halben Stunde mit dem Berliner Zug ankommen sehen. Ich will nur geschwind nach dem Zug zurückgehen, denn ich habe ein Paket liegen lassen, das sehr wichtig für mich ist und ohne das ich unmöglich weiter reisen kann,“ erklärte ich dem Beamten in meinem besten Französisch.

„Ohne einen Pass können Sie das Reich des Zaren schlechterdings nicht verlassen,“ erwiderte der Beamte entschieden aber höflich.

„Aber es muss sein! Ich kann das Paket nicht zurücklassen!“

„Unmöglich!“

Und es war unmöglich — die beiden gekreuzten Bajonnette vor mir sagten das deutlicher als alle Worte.

„Vielleicht kann dem gnädigen Herrn aber doch geholfen werden,“ sagte der Cerberus und flüsterte einem Assistenten auf der andern Seite der Grenze ein paar Worte zu. In der nächsten Minute stand mir der Schaffner unsres Berliner Zuges auf der deutschen Seite des Grenzgitters gegenüber.

„Wenn Sie mir den Gegenstand beschreiben wollen, so werde ich ihn suchen und Ihnen nach Petersburg nachschicken,“ sagte der Schaffner höflich.

Nun blieb mir keine andre Wahl — ich musste weiter lügen. Nachdem ich dem Schaffner den verlorenen Gegenstand beschrieben, ihm meine Petersburger Adresse angegeben und einen deutschen Thaler in die Hand gedrückt hatte, schlenderte ich langsam nach dem Speisesaal zurück. Nun musste ich mich wohl oder übel wieder neben meine Mitschuldige setzen und die Komödie bis zum guten oder schlimmen Ende weiter spielen.

In diesem Augenblick überkam mich die entsetzliche Vorahnung eines schlimmen Endes mit aller Macht, denn der erste Reiz des Abenteuerlichen war vorüber, und nun begann sich das Gewissen zu rühren und kniff mich ganz gehörig.

Was würde mein einziges, geliebtes Weib in Paris wohl sagen, wenn ihr diese Geschichte je zu Ohren käme? Wie würden ihre ehrlichen blauen Augen vor Entrüstung blitzen und flammen, wenn sie wüsste, dass ich irgend einem andern Weib gestattete, sich ihren Namen und ihre Stellung anzumassen, dass ein andres Weib ihren Platz an meiner Seite ohne ein Wort des Widerspruchs von mir einnehmen durfte? Und doch hatte mein übereiltes Vorgehen dies alles meiner Sicherheit wegen notwendig gemacht. Ach Gott! noch zum Abschied hatte sie gesagt: „Nimm mir dein empfängliches Herz hübsch in acht, du lieber, alter Arthur, lass dich durch deine militärische Ritterlichkeit in keine Schlingen locken und sei hauptsächlich vor schlauen Weibern auf der Hut. Denke dran, wie du bei unsrer letzten Spritzfahrt nach New York auf einem transatlantischen Dampfer beinahe wegen Schmuggels verhaftet wurdest, bloss weil du zu höflich warst, um einer niedlichen französischen Putzmacherin, die dir ein Paket zu tragen gab, deinen Arm und deinen Schutz auf dem Gang über die Fallreepstreppe zu verweigern. Denke daran, was damals die Zeitungen alles über dich brachten!“

Und nun befand ich mich hier in einer noch viel schlimmeren Lage, denn in den Vereinigten Staaten trifft den Schmuggler nur eine leichte Busse, während die Strafe, die in Russland auf einem falschen Pass steht, sehr schwer ist.

Mit einem unterdrückten Fluch kehrte ich zu meiner Mahlzeit zurück. Als ich eintrat, bemerkte ich gleich, dass Helene ängstlich nach dem Eingang blickte und offenbar, trotz ihres lebhaften Gespräches mit dem Oberst, an mich gedacht hatte, wenigstens atmete sie erleichtert auf, als ich mich neben sie setzte.

Wohl war meine Esslust verschwunden, aber die Angst hatte mich durstig gemacht, und so machte ich mich, den Burgunder beiseite schiebend, über den Cognac her.

Das Benehmen meiner sogenannten Frau war geradezu vollkommen. Mit ganz selbstverständlicher Zärtlichkeit fragte sie: „Nun, lieber Arthur, was für eine dumme Eisenbahnangelegenheit hat dich denn mir und deinem Essen entzogen?“

„Das Gepäck und die Sorge, eine eigne Wagenabteilung zu bekommen, liebes Herz,“ erwiderte ich, indem ich eine Zärtlichkeit zur Schau zu tragen suchte, die ich durchaus nicht fühlte, denn durch ihre einschmeichelnden Reize hatte sie mich sowohl meiner Frau in Paris als auch der russischen Polizei gegenüber in eine sehr peinliche Lage gebracht.

Der ritterliche Offizier an Helenes Seite beugte sich nun mit der den gebildeten Russen eignen höflichen Gewandtheit vor und sagte, ich möchte mir doch über unsre Bequemlichkeit im Zug keine Sorge machen. Er werde das Glück haben, auf einer Inspektionsreise noch ein Stück des Weges mitzufahren, und nehme es auf sich, mir und meiner Gattin das beste Coupé zu verschaffen; ein Wort von ihm sichere uns jede denkbare Rücksichtnahme.

Dann neckte er uns mit der sichtlichen Angst der gnädigen Frau um mich und berichtete, sie habe ihm von dem Augenblick an, wo ich vom Tisch aufgestanden sei, nur noch mit halbem Ohr zugehört und sei mehr als einmal auf dem Punkt gewesen, mir nachzulaufen. Dann fragte er noch, während er der gnädigen Frau zutrank, lachend: „Vermutlich befinden sich die Herrschaften auf der Hochzeitsreise?“

Errötend lächelte sie mich an und rief ihm mit kindlicher Unschuld in vorwurfsvollem Tone zu: „O, Herr Oberst, wir sind ja schon eine ganze Ewigkeit verheiratet!“

„Meinen Glückwunsch Ihrem Herrn Gemahl,“ erwiderte der Russe, „bei ihm hat der Ehemann den Liebhaber noch nicht verdrängt.“ Dazu seufzte der schwarzbraune Riese; allem Anschein nach beneidete er mich um den Besitz dieses reizenden Wesens, das seine Gedanken erriet und dadurch so in Verlegenheit gebracht wurde, dass er ausrief: „Sie machen sich über mich lustig; ein solches Erröten sieht man nur auf dem Gesicht einer Neuvermählten! Vermutlich,“ fuhr er zu meiner grössten Verlegenheit fort, „begeben Sie sich zur Saison nach St. Petersburg, und ich hoffe, Sie diesen Winter dort zu treffen.“

Mein Schützling antwortete darauf nur mit Blicken, und ich stöhnte innerlich.

Grosser Gott! Wenn nun der Oberst im Zug blieb! Ein kalter Schauer überlief mich bei dem blossen Gedanken daran, denn dann konnte ich die Dame in Wilna nicht verlassen!

Jetzt wurde das erste Zeichen gegeben, und unser neuer Freund entfernte sich mit höflicher Verbeugung. Offenbar hatte die gesellschaftliche Eleganz meiner Frau Eindruck auf ihn gemacht; übrigens hatte auch ich für dies kurze entrée in der russischen Hofgesellschaft mein Möglichstes gethan.

Nun wendete ich mich streng zu ihr und flüsterte: „Meine liebe, junge Dame, Sie vermehren die Schwierigkeiten unsrer Lage! Sie haben diesen Mann auf den Glauben gebracht, wir gingen nach St. Petersburg.“

„Ich habe ihm nur nicht widersprochen,“ entgegnete sie vorwurfsvoll, „weil ich wusste, dass er Ihre Fahrkarte nach der Hauptstadt gesehen hatte. Hätte ich denn diesem Oberst, der mich für Ihre Frau hält, sagen können, ich gehe nach Wilna? Meine Angst während der Zeit, wo Sie ferne von mir waren, hat ihn ohnehin auf den Glauben gebracht, ich hänge noch mit romantischer Liebe an Ihnen.“

„Ihre Angst, während ich fern von Ihnen war?“ wiederholte ich in seltsamer Erregung, halb von ungestümer Freude, halb von thörichtem Kummer bewegt, denn ihre traurigen, vorwurfsvollen Augen waren so schön wie die einer aus den Fluten auftauchenden Najade.

„Ja,“ unterbrach sie mich, „denn ich wusste, dass Sie versuchen würden, über die Grenze zurückzukommen, und wagte doch nicht, Ihnen zu folgen, um Sie umzustimmen, weil dies den Verdacht des Obersten hätte erregen können. Aber wäre es Ihnen durch ein Wunder Gottes gelungen, nach Deutschland hinüberzukommen, so hätten Sie mich in die tödlichste Verlegenheit gebracht, in der sich je eine Dame befunden hat. Ich wäre ohne Pass in Russland zurückgeblieben und als ‚declassée‘ von dem ersten besten Polizisten verhaftet und eingesperrt worden. Sie sind drauf und dran gewesen, mich in diesem fremden Land im Stich zu lassen und den Pass mitzunehmen, auf dem sowohl Ihre eigne als auch meine Sicherheit beruht. Während Sie ungefährdet nach Berlin zurückgefahren wären, hätte man mich in einen russischen Kerker geworfen.“ Dann fügte sie traurig hinzu: „Was glauben Sie, was Dick Gaines dazu sagen würde, dass Sie seine Frau in dieser Weise behandeln?“

„Dick Gaines!“ stammelte ich.

„Ja,“ erwiderte sie, „Dick Gaines, Ihr alter Stubenkamerad von West-Point im Jahr 65. Mein Mann hat mir stundenlang von Ihnen erzählt, Arthur Bainbridge Lenox! Als Sie mir vorhin Ihren Familiennamen nannten, fiel mir alles wieder ein, was Dick von Ihnen berichtet hat, aber ich wollte Ihnen erst verraten, wer ich bin, wenn ich in Wilna Ihre Hand in die Dicks legen konnte. Da Sie aber durch die Bemerkung des Obersten über falsche Pässe in solche Angst versetzt worden sind, halte ich es für meine Pflicht, Sie darüber zu beruhigen, dass Sie kaum in ernstliche Verlegenheiten geraten können, wenn Sie Ihrem alten Stubenkameraden seine Frau nach Wilna bringen.“

Wohl spendeten mir diese Worte Trost und Erleichterung, aber sie beschämten mich auch. Wie hatte ich nur wagen können, an diesem unschuldigen Geschöpf zu zweifeln! Dick Gaines war mein alter Stubenkamerad aus der Kadettenzeit, und obgleich ich ihn seit etlichen Jahren aus dem Gesicht verloren hatte, war mir doch bekannt, dass er bei irgend einer Petroleumbohrung in Baku beteiligt war, was mir seine Anwesenheit in Russland ganz natürlich erscheinen liess.

Möglicherweise hatte die Dame meine Selbstvorwürfe auf meinem Gesicht gelesen, wenigstens sagte sie mit lachender Stimme und lachendem Auge: „Für was haben Sie mich denn eigentlich gehalten? Für eine Abenteuerin? Für eine Nihilistin? Schnell, gestehen Sie — was haben Sie gedacht, dass Dick Gaines’ Weib eigentlich sei?“

„Das kann ich am besten dadurch erklären, dass ich Ihnen sage, ich halte Dick Gaines für den glücklichsten Mann unter der Sonne,“ rief ich nun völlig unbefangen und vertrauensvoll.

Nun war es natürlich leicht für mich, meiner Frau zu erklären, dass ich der Gattin meines Stubenkameraden Dick Gaines aus einer Verlegenheit geholfen habe, und wohlgefällig ruhten meine Augen auf ihr, als sie mir plötzlich ein reizendes kleines Taschenbuch gab und sagte: „Bitte, lösen Sie mir eine Karte nach St. Petersburg.“

„Aber Sie bleiben ja in Wilna,“ stammelte ich.

„Gewiss, ich bleibe in Wilna, aber der Oberst muss doch denken, ich reise mit Ihnen nach der Hauptstadt, denn er hält mich ja für Ihre Frau. Ich habe nämlich nicht gewagt, den Oberst in betreff von Dick Gaines in mein Vertrauen zu ziehen,“ sagte meine schlagfertige Gefährtin mit spitzbübischem Lächeln.

So ging ich also hinaus und erwarb meiner hübschen Schutzbefohlenen eine Fahrkarte um ihr eigenes Geld, denn das mir übergebene Taschenbuch war mit Hundertrubelscheinen angefüllt; gleichzeitig sandte ich ein Telegramm an meine Frau. Obgleich ich nun über Dick Gaines’ Gattin völlig beruhigt war, getraute ich mir doch nicht, meiner eignen Hausehre mehr zu telegraphieren als: „Eydtkuhnen. Glücklich angekommen.“

Die Adresse lautete: „Lenox per Adresse Drexel, Harjes & Co., Paris.“

Das Blut stieg mir in die Wangen bei dem Gedanken, dass ich es nicht wagen durfte, einen Brief an mein eignes Weib zu richten, bis ich mich aus der merkwürdigen Verwickelung herausgewunden haben würde, die die russische Polizei zu der Annahme berechtigte, ich habe im Reiche des Zaren eine andre Frau.

Dann telegraphierte ich auch an die Weletsky in Petersburg: „Ankunft morgen abend, sieben Uhr.“

Völlig ruhig in meinem Gemüte, steckte ich mir eine Cigarre an, schlenderte in den Speisesaal zurück und geleitete meine untergeschobene Ehehälfte sorgsam und liebevoll nach dem Zug, wo schon der galante russische Würdenträger auf sie wartete und Sorge trug, dass sie entsprechend empfangen und ihr der beste Raum in einem der breiten, geräumigen Wagen angewiesen wurde.

Mit einer wahren Flitterwochenbeflissenheit hüllte ich ihre reizende Gestalt in warme Decken und rief lustig: „Was würde Dick Gaines dazu sagen?“

Darauf brach sie in ein unbezähmbares, kindliches Gelächter aus, was mir riesig gefiel, denn welcher Veteran freut sich nicht, wenn seine Spässe Anklang finden?

Drittes Kapitel.

Von unsrem Gelächter angelockt, trat der Oberst, nachdem er zuvor höflich angepocht hatte, in unser Coupé, als sich der Zug eben in Bewegung setzte.

Ueber die Schulter meiner hübschen Gefährtin hinweg sah ich zum Fenster hinaus, aber der erste Anblick, den mir Russland gewährte, war keineswegs verlockend. Durch die russische Hälfte der Grenzstadt hinaus, rollten wir auf dem von dem ungeduldigen Finger des grossen Autokraten Nikolaus bezeichneten Weg dahin. Nach und nach veränderte sich der Charakter der Landschaft; russische Verwahrlosung trat an Stelle der deutschen Wohlhabenheit; niedere, wellenförmige Hügel, trübselige Birkenwälder, einsame Seen, frostige Tümpel, vereinzelte schilfbewachsene Sümpfe gaben zusammen ein düsteres Bild. Alle paar Minuten kamen wir an kleinen Dörfern vorbei, die aus etlichen zwanzig unsaubern Blockhütten bestanden, und in deren Nähe armselig aussehendes Vieh auf den erfrorenen Feldern hin und her lief. Ungeschlachte Bauern in schmutzigen Schaffellen und Wasserstiefeln stierten uns nach, während wir immer weiter und weiter sausten. Der Oberst und Helene plauderten munter, und ich wendete meine Blicke von dem wenig ansprechenden Bild draussen ab und liess sie auf der Zauberin im Wagen ruhen, denn ich fand meine vorgebliche Gattin hübscher als je.

Sie hatte ihre Schuba abgeworfen, und nun sah man, dass ihre biegsame, anmutige Gestalt doch die eines reiferen Weibes war, und dass man sie — wäre nicht die kindliche Unschuld ihrer Züge gewesen — auf mindestens fünfundzwanzig Jahre hätte schätzen müssen. Obgleich sie lebhaft sprach, war sie doch wie ermüdet auf ihren üppigen Sitz zurückgesunken, fast als fühle sie sich von irgend welchem Zwang oder einer Gemütserregung befreit, was ich der Angst zuschrieb, die sie ausgestanden hatte, ehe sie sicher über die Grenze war.

Unterdessen kam der Oberst wieder auf unsern Aufenthalt in St. Petersburg zu sprechen.

„Amerikaner Ihres Standes stehen an der Newa hoch in Gunst; ich denke, Ihnen, Herr Lenox, wird es in unsrer Hauptstadt gefallen und der gnädigen Frau noch viel mehr.“

„Wirklich,“ gab Helene zurück, „und warum das?“

„Weil wir gar viele schmucke Offiziere in unsrer Hauptstadt haben,“ erwiderte der Oberst mit liebenswürdigem Grinsen, „und weil Bälle, Gesellschaften, Schlittenfahrten nach den Inseln, fortwährende Huldigungen von klirrenden Sporen, funkelnden Epauletten und grossen Schnurrbärten jeder Frau ein Paradies bedeuten. Ich habe die Koffer der gnädigen Frau gesehen und weiss deshalb, dass sie in voller Kriegsrüstung naht.“

Diese Bemerkung über das Gepäck machte mich auf eine neue Schwierigkeit aufmerksam, denn es fiel mir ein, dass ich nur einen gemeinschaftlichen Gepäckschein für uns beide hatte, und dass alle Koffer der Dame nach St. Petersburg eingeschrieben waren. Blieb sie nun in Wilna zurück, so eröffnete sich mir eine liebliche Perspektive auf neue Lügen und Gesetzesübertretungen.

Der Oberst plauderte weiter und zeigte seine Neugierde, unsre Petersburger Adresse zu erfahren, ganz offen, indem er die Hoffnung aussprach, uns dort wieder zu treffen.

Als seine Fragen immer deutlicher wurden, bewunderte ich den echt weiblichen Takt, mit dem meine Pseudogattin seiner Neugierde eine höfliche Ermüdung entgegensetzte. Ihre Versuche, dann und wann ein anmutiges Gähnen zu unterdrücken, waren so unzweideutig, dass unser Gast mit sehr viel Lebensart bemerkte: „Nun will ich aber gehen und sehen, ob ich nicht jemand zu einer Partie Piquet auftreiben kann, — die gnädige Frau bedarf der Ruhe.“

Sobald die Thür hinter ihm geschlossen war, wendete ich mich zu Helene, um ihr die neue Verwicklung wegen des Gepäckes mitzuteilen, aber zu meinem Staunen sah ich, dass sie sofort eingeschlafen war.

Ach wie lieblich und selbstvergessen lag sie da! Ihr anmutvolles Haupt, von einem blauen Kissen gestützt, war etwas nach hintenüber gesunken und ermöglichte einen Blick auf den herrlichen Hals, der in dem durch das Fenster hereinfallenden Sonnenschein wie Elfenbein glänzte. Ihre roten Lippen waren leicht geöffnet und zeigten zwei Reihen weisser Perlen, während der kleine Fuss, der unter den Falten ihres Rockes vorguckte, dem verführerischen Bild einen gewissen pikanten Reiz verlieh.

Während ich so in den Anblick der schlafenden Schönheit versunken dasass, beneidete ich Dick Gaines mehr als je.

Solch vollkommene Ruhe durfte nicht gestört werden; ich sah, dass das arme Kind nach all den Aufregungen der letzten zwei Stunden dringend der Ruhe benötigte, und zog sorglich den Vorhang zu, um ihr Antlitz vor den Sonnenstrahlen zu schützen; dann wandte ich mich ab und versuchte mir mit Hilfe eines Romans dies Bild aus dem Sinn zu schlagen. Aber so französisch und so gepfeffert er auch war, vermochte er mich doch nicht zu fesseln, und immer wieder wunderte mein Blick zu der schlafenden Schönheit hinüber, zu diesem Weib, das ich seinem Gatten zuführte — zu dem Weib meines alten Stubenkameraden. Nein, ich durfte ihrer Lieblichkeit nicht mehr gedenken! Ich versuchte sie aus meiner Einbildungskraft zu verscheuchen, indem ich nicht mehr zu ihr hinübersah, ja sogar, indem ich meines fernen Weibes in Paris gedachte, aber immer wieder wanderten meine Blicke zu der Schönen zurück.

Nach einer Weile wurde durch eine unbewusste Bewegung ihre Haltung noch entzückender als zuvor; ihre Schönheit erschien noch träumerischer und berückender, und mit der Glut eines Jünglings drückte der Veteran einen Kuss auf die weisse Stirn vor ihm, und die Schöne fuhr empor.

Ich lachte und rief: „Was würde Dick Gaines dazu sagen?“

„Dass Sie das wohl verdient haben,“ sagte sie und stimmte in mein Lachen ein, „weil Sie so trefflich für seine Frau gesorgt haben. Wahrhaftig, ich habe Sie so lieb, wie wenn Sie mein — Bruder wären.“

Als aber ihr Auge dem meinigen begegnete, wendete sie sich in reizender Verlegenheit ab.

In diesem Augenblick klopfte der russische Oberst an die Thür.

„Sie sind so lustig,“ sagte er, als er eintrat, denn unser Gelächter hatte sein Ohr erreicht, „bitte, lassen Sie mich an Ihrer Heiterkeit teilnehmen.“ Und damit fing er wieder an, Frau Gaines mit einer Galanterie zu huldigen, die mein Blut in Wallung brachte.

„Es ist Dick Gaines gegenüber meine Pflicht,“ dachte ich in einer Anwandlung von tugendhafter Entrüstung, „seine Frau vor der senilen Huldigung dieses russischen Don Juans zu schützen!“ Die Verachtung, die ein verliebter junger Fünfundvierziger bei solchen Gelegenheiten für einen aufmerksamen alten Sechziger hegt, ist nämlich geradezu schrecklich.

Um meinen Nebenbuhler aus dem Feld zu schlagen, begann ich nun furchtbar mit Frau Gaines zu kokettieren an und erwies ihr tausendundeine eheliche Aufmerksamkeit mit weit mehr als dem Feuer eines Ehemannes. Ich bestand darauf, ihre niedlichen Füsschen seien kalt, und wickelte sie in meine Reisedecke; auch wollte ich durchaus nicht zugeben, dass sie bequem sitze, und schob ihre Kissen mit der Andacht eines seit zehn Minuten verheirateten Mannes zurecht, und bei jeder dieser Aufmerksamkeiten rief ich: „Was würde Dick Gaines dazu sagen?“ so dass das liebe, unschuldige Geschöpf zur grössten Verwunderung des Oberst immer wieder in schallendes Gelächter ausbrach.

Da auch der Oberst sehr aufgeräumt war, verbrachten wir unsre Zeit ganz lustig miteinander, bis die Lichter von Kowno in Sicht kamen und wir in den Bahnhof einfuhren, wo der Russe ausrief: „Ich muss mich nun von Ihnen trennen, aber Sie haben Zeit, eine Erfrischung einzunehmen — Sie müssen mit mir Thee trinken. Ich nehme keine Absage an, mein lieber Oberst Lenox! Sie und Ihre Frau Gemahlin müssen heute abend meine Gäste sein!“

„Gewiss, sehr gern,“ rief die gnädige Frau und stützte sich leicht auf seinen Arm, während ich hinter ihnen drein ging und bemerkte, dass Frau Dick Gaines’ reizende Gestalt allgemein bewundert wurde, denn ihre Schönheit besass jenen wunderbaren Zauber, der das Auge der Menge auf sich zieht, und als wir in den hellerleuchteten, vollen Speisesaal traten, folgten gar manche Blicke der reizvollen Dame und betrachteten mich, ihren galanten Gatten, mit Neid.

Einen Augenblick später thronte meine Grenzkönigin an einem üppig besetzten Tisch, und nach dem sehr guten Abendessen trank unser Wirt in dem in Russland stets bereiten gelbgesiegelten Cliquot auf das Wohl der gnädigen Frau und sagte: „Ich kann mich nicht für immer von Ihnen trennen! Ein ‚Auf Wiedersehen‘ werde ich zu ertragen suchen, aber ein ‚Lebewohl‘ ginge über meine Kräfte!“

Nun stand ich schon wieder einem neuen Dilemma gegenüber; ohne unhöflich zu sein, konnte ich ihm meine Petersburger Adresse nicht verschweigen; wenn er aber kam und mich besuchte und ohne die Anziehungskraft traf, die ihn zu diesem Besuch veranlasst hatte, wie sollte ich ihm dann das Verschwinden meiner angeblichen Gattin, der bewunderungswürdigen Frau Gaines, erklären?

Aber die rasch bereite Harmlosigkeit meiner Begleiterin kam mir zu Hilfe. Lächelnd blickte sie in Petroffs fragendes Gesicht und bemerkte: „Wir werden uns ungemein freuen, Sie im Hotel de l’Europe zu sehen. Vergessen Sie ja unsern Namen nicht: Oberst Arthur Lenox und Frau — schreiben Sie ihn, bitte, in Ihr Taschenbuch, denn sonst haben Sie uns gewiss schon im nächsten Augenblick vergessen.“

Die Augen des Tartaren sagten ihr mehr als deutlich, er werde ihrer stets gedenken.

„Sie vergessen, gnädige Frau,“ seufzte der süssliche Krieger, als er aufstand, „das ist ganz unmöglich! Sie kennen das russische Herz noch nicht!“

„Ich das russische Herz nicht kennen!“ fuhr Helene auf, und in ihrem Auge loderte ein Zorn, den ich mir nicht erklären konnte. Noch grösser aber war mein Staunen, als sie diese Aufwallung rasch unterdrückte und mit ihrer naiven, kindlichen Stimme lispelte: „In St. Petersburg lehren Sie mich dann das russische Herz kennen, nicht wahr? Wir hoffen, dort Ihre heutige Gastfreundschaft erwidern zu können.“

„In Bälde werde ich Ihnen dort meine Aufwartung machen,“ sagte der Oberst, als er seinen kostbaren Mantel über den Arm warf, seinen Säbel fasste und mit feierlicher Anmut der gnädigen Frau die Hand küsste.

In diesem Augenblick wurde das Zeichen zur Abfahrt gegeben. Ich bot der bezaubernden Frau meinen Arm, und mit klirrenden Sporen und rasselndem Säbel geleitete uns Petroff an den Zug. Ein eiliges Lebewohl, und wir waren schon in Bewegung, als uns der verliebte Russe noch nachrief: „Ich werde das Hotel de l’Europe ganz gewiss nicht vergessen.“

„Hotel de l’Europe — ich wohne aber bei meinem Verwandten Constantin Weletsky, am Englischen Quai Nummer 5, meine hübsche, kleine Verführerin,“ lachte ich und kniff Helene scherzend in den Arm — ich war so vergnügt, dass wir endlich den alten Oberst los und allein bei einander waren!

„Sie sind mit der vornehmen Familie Weletsky verwandt?“ fragte meine Gefährtin nachdenklich, ohne das Kneifen irgendwie zu beachten.

„Gewiss, durch Heirat.“

„Das wird uns vielleicht nützlich ...“ sagte Frau Gaines ungestüm, brach aber plötzlich ab und rief: „Wie nett, dass wir nun den alten, greulichen Russen los und allein sind!“ Sie äusserte dies in einem so befriedigten Ton, dass ich den Augenblick segnete, wo ich mit ihr zusammengetroffen war, und ihr zuflüsterte: „War’s nicht ein Glück, dass Dick vorausgereist ist und Sie ohne Pass zurückgelassen hat?“

„Bst! Der Schaffner kommt, um Licht anzuzünden,“ gab sie zurück und legte mir warnend einen Finger auf die Lippen, worauf wir schweigend zum Fenster hinaussahen, bis der Schaffner unser Gelass erleuchtet hatte.

Wir befanden uns jetzt in voller Bewegung und mussten innerhalb weniger Stunden nach Wilna kommen, wo Dick Gaines uns erwartete; beinahe that es mir leid, dass sich Dick nicht in St. Petersburg befand, denn in dem milden Schein der Lampe, der gerade auf sie fiel, erschien mir meine Gefährtin schöner als je. Während aus den andern Wagenabteilungen lautes Schwatzen und Lachen zu uns herüberklang, wurde ich düster und still, allein Helene wendete sich zu mir und sagte: „Seit ich Sie kennen gelernt habe, habe ich ein lebhaftes Interesse für Sie gefasst, mein gütiger Beschützer. Erzählen Sie mir von Ihnen und Ihrer Familie, dann kann ich es Dick berichten, den es lebhaft interessieren wird.“

„Bah,“ entgegnete ich, „Ihre Geschichte würde viel interessanter sein.“

„Wohl möglich,“ sagte sie mit einem leichten Seufzer, „aber erst die Ihre, dann die meine — wir haben ja Zeit genug. Also bitte!“

Dies wurde mit dem Schmollen eines verwöhnten Kindes geäussert, worauf ich mich fügte und ihr meine Geschichte seit der Trennung von ihrem Dick in kurzen Zügen entwarf. Offenbar fühlte sie lebhaftes Interesse für meine Familienangelegenheiten, ich setzte ihr daher meine Beziehungen zu den Weletsky auseinander und gab ihren ernsten Fragen gar manche Einzelheit meines häuslichen Lebens preis. Vielleicht war es im Interesse meiner Pflicht gegen meinen alten Kameraden am besten, wir beschäftigten uns in dieser Weise — die Zeit ging doch herum!

„Und nun,“ sagte ich, als ich mit der geheimen Geschichte der Familie Lenox zu Ende war, „bitte ich um die Chronik des Hauses Gaines!“

Zu meiner grossen Verwunderung erwiderte sie, dass sie eigentlich nicht viel davon wisse — „Dick und ich sind schon so lange fort in Europa,“ murmelte sie.

„Aber Sie müssen doch etwas von Mamie, seiner Schwester, wissen,“ sagte ich.

„Ach ja, Mamie,“ erwiderte sie. „Mamie ist verheiratet — Gott weiss wie lange schon, und lebt in — in Mexiko.“

„Wie heisst denn ihr Mann?“ fragte ich weiter.

„Smith — glaube ich,“ erwiderte sie rasch. „Sie können sich gar nicht denken, wie oft Dick von Ihnen zu sprechen pflegte,“ rief sie, von dem Gegenstand unsres Gespräches abspringend. „Mein lieber, alter Arthur, sagte er oft und streichelte dabei seinen schwarzen Schnurrbart.“

„Seinen schwarzen Schnurrbart!“ stammelte ich. „Aber früher war Richard ja blond!“

„Freilich,“ entgegnete sie verblüfft, fuhr aber dann eilig fort: „aber er ist in der letzten Zeit grau geworden und färbt sich die Haare.“ Im nächsten Augenblick sagte sie lachend: „Ihr Haar ist noch so dunkel, dass Sie vorderhand Dicks Beispiel nicht zu folgen brauchen! Sie haben wundervolle Haare“ — und dabei tätschelte sie mich auf den Kopf wie ein mutwilliges Kind.

Diese unschuldige Schmeichelei bezauberte mich vollends ganz.

„Welch glücklicher Kerl ist doch Dick, dass er Sie bekommen hat! Wie haben Sie denn geheissen, ehe Sie ihm die Erde zum Himmel machten?“

„Aus dieser etwas übertriebenen Umschreibung glaube ich zu entnehmen, dass Sie sagen wollten, ehe ich ihn geheiratet habe?“ fragte sie und lachte hellauf dazu.

„Gewiss — Ihren Mädchennamen!“

„Da! Nun sind wir in Wilna,“ sagte sie, denn die Lichter dieser Stadt tauchten eben aus der Dunkelheit vor uns auf. „Dick wird im Augenblick hier sein.“

„Ja, aber Ihren Mädchennamen! Ich möchte Sie mir gerne als Mädchen denken können,“ drängte ich von einer Art romantischem Dusel befallen, denn wir hatten dicht nebeneinander gesessen und uns flüsternd unterhalten, und jeder Hauch von ihr hatte mein Herz höher schlagen machen.

„Ich lasse Sie nicht gehen, ehe Sie mir geantwortet haben,“ erklärte ich, denn mittlerweile hatte der Schaffner die Thüre aufgemacht und gerufen: „Wilna — zwei Stunden Aufenthalt.“

„Dick wird uns sehen,“ flüsterte sie, denn ich hatte einen Arm um den Elfenleib geschlungen; „bitte, bitte, ich muss sofort in den Gasthof gehen — er könnte sich ängstigen. Er kann fortgehen — ich nichts erfahren — und dann bin ich verloren!“

„Wer kann fortgehen?“ fragte ich besorgt, denn ihre Stimme klang angstvoll.

„Dick, natürlich — ich muss gehen!“

„Ihr Mädchennamen?“

„Vanderbilt-Astor,“ rief sie und sprang aus dem Wagen, während ich höchst verwundert über diese Verbindung von zwei der bekanntesten amerikanischen Namen ihre Sachen zusammenlegte und ihr dann folgte.

Viertes Kapitel.

Auf dem Bahnsteig holte ich sie ein, während sie sich im Weitereilen hastig in ihre pelzbesetzte Schuba hüllte.

„Sie scheinen es ja sehr eilig zu haben, Frau Gaines geborene Vanderbilt-Astor,“ sagte ich und half ihr zärtlich beim Anlegen ihrer Schuba.

Inmitten eines Teiles unsrer Mitreisenden schritten wir, von der scharfen, schneidenden russischen Luft zur Eile angetrieben, auf das Portal des Gasthofes zu. Frau Gaines’ Schritte wurden immer leichter und schienen sich zu beflügeln, „je näher das Wiedersehen mit ihrem Gatten kommt,“ dachte ich traurig. Sonderbarerweise schien dieser Gedanke auf meine Stimmung und auf meinen Schritt eine ganz entgegengesetzte Wirkung auszuüben.

Die Vorhalle des Gasthofes war strahlend erleuchtet, und mehrere reichgekleidete Dvorniks und Portiers standen unter der offenen Thür bereit, die Menge der Reisenden der ersten Klasse zu empfangen, die gewöhnlich unter diesem gastlichen Dach zwei Stunden bis zur Weiterfahrt verbringen.

Als wir uns dem Eingang näherten, spähten Helenes Augen neugierig umher, als suche sie jemand.

„Sie erwartet den Gatten,“ dachte ich.

Einen Augenblick später schritt ein nach Art des russischen Mittelstandes gekleideter Herr auf sie zu, als er aber sah, dass ihre Hand auf meinem Arm ruhte, schien er zu zögern und warf mir einen misstrauischen Blick zu, flüsterte ein paar russische Worte und machte kehrt, um sich wieder zu entfernen! Dabei bemerkte ich aber, wie er mit wahrer Taschenspielergewandtheit der Dame neben mir ein Stück Papier in die offenbar zum Empfang desselben ausgestreckte Hand steckte.

„Eine Botschaft von Dick? Verstehen Sie denn russisch?“ fragte ich.

„Nur ein paar Worte,“ flüsterte sie und warf einen eiligen Blick auf das Papier. Im nächsten Augenblick erbebte sie wie in einem Fieberschauer, vielleicht infolge der kalten Nachtluft, vielleicht auch infolge einer inneren Erregung.

„Schlechte Nachrichten?“ fragte ich.

„Ja, von Dick,“ stiess sie zwischen ihren klappernden Zähnen hervor. „Bringen Sie mich rasch in den Gasthof — es ist hier aussen so kalt!“

Erstaunt führte ich sie in die Vorhalle, wo ein grosser Kachelofen angenehme Wärme ausstrahlte, und ich war im Begriff, sie in dessen Nähe unterzubringen, aber der Fieberschauer hörte auf sie zu schütteln noch ehe sie ins Bereich der Ofenwärme gekommen war. Plötzlich trat sie von mir weg ins Büreau des Gasthofes und bereitete mir eine neue Ueberraschung dadurch, dass sie nachlässig, aber mit weithin vernehmbarer Stimme fragte, ob keine Briefe für Frau Arthur Lenox da seien. Auf die verneinende Antwort hin sagte sie eilig: „Ein Zimmer oben und Nachtessen für zwei Personen.“

Dann lächelte sie mich an und mit einem: „Ich denke, so wird dir’s auch recht sein, lieber Arthur,“ schwebte sie die Treppe hinauf, und ich folgte ihr rasch, um mir erklären zu lassen, wie Frau Dick Gaines dazu kam, in Wilna Briefe unter dem Namen meiner Frau zu erwarten.

Der aufmerksame Kellner flog an uns vorbei und riss die Thüre zu einem prächtigen Gemach auf. In Russland hält man alle Amerikaner für reich, und deshalb bekamen wir das beste Zimmer im Haus.

„Der gnädige Herr befehlen?“ fragte er und verbeugte sich bis zur Erde.

„Das beste Abendessen, das Sie gleich beschaffen können.“

Sofort reichte er mir die Speise- und die Weinkarte, und während ich bestellte, warf Frau Dick ihre Schuba und ihre Pelzmütze auf einen Stuhl.

Nachdem der Kellner gegangen war, wandte ich mich sofort an das hübsche Rätsel vor mir und fragte etwas streng: „Was veranlasste Sie, hier in diesem Gasthof nach Briefen für meine Frau zu fragen?“

„Habe ich das gethan?“ fragte sie unsicher.

„Haben Sie das schon wieder vergessen?“

„Vielleicht habe ich’s gethan,“ entgegnete sie und streifte erregt ihre Handschuhe ab. „Ich war so überrascht und entsetzt über die Nachricht, die mir der Mann — ein Untergebener von Dick — übermittelte, dass ich im Augenblick gar nicht wusste, was ich that.“

„Schlechte Nachrichten von Ihrem Gatten?“ sagte ich mit gelindem Bedauern, denn trotz der zwanzig Jahre, die darüber hingegangen waren, lebte die Erinnerung an meinen alten Stubenkameraden in meiner Brust weiter.

„Bst! Nicht so laut! Hier bezeichnet man Sie als solchen,“ flüsterte sie, „rücken Sie näher zu mir heran.“ Dann sagte sie plötzlich ganz aufgeregt: „Es ist entsetzlich — entsetzlich — ganz entsetzlich!“

„Was ist entsetzlich?“ forschte ich in leisem Flüstern, während ich dicht neben ihr auf dem Sofa Platz nahm. Die schönen nussbraunen Augen glänzten durch einen Thränenschleier zu mir herüber und ihre volle Brust wogte heftig unter ihrer seidenen Hülle — und Nervenanfälle bei hübschen Damen haben mein Soldatenherz stets gerührt.

„Er — er ist — nach — St. Petersburg gegangen!“ stöhnte sie. „Gestern ist er in Geschäften dorthin abgereist. Nun bin ich hier ganz allein. Was soll ich thun, Arthur? Ach Gott im Himmel droben, was soll ich nun anfangen!“ Und nun tropften die Perlen hernieder aus ihren Augen.

„Gestatten Sie der Erfahrung eines Mannes von Welt, Ihnen zu Hilfe zu kommen,“ flüsterte ich begeistert.

Mit einem atemlosen: „Gott segne Sie, Arthur,“ schlug ihr Herz an dem meinen; ihr duftendes Haar lag auf meiner Schulter und sie brach in Schluchzen aus.

„Nicht weinen, nicht weinen,“ flüsterte ich ganz verzweifelt, „was soll denn der Kellner denken?“ Denn Nervenanfälle bei Damen machen mich verlegen, so reizend sie auch sind.

„Ich — ich kann nicht anders,“ flüsterte sie, „ich muss — o, Arthur, Sie sind so gut! Wenn Sie gehen — habe ich keinen Pass. Mein Gepäck nach St. Petersburg aufgegeben — man wird mich vernehmen — vielleicht verhaften, und Sie — Sie, sogar Sie könnte man verdächtigen. Sie haben gehört was Petroff über falsche Pässe sagte — ach Gott, in welche Verlegenheit hat meine Thorheit uns beide gebracht! Und die grässlichen Zeitungen — Dick wird es erfahren!“

Das Zittern, von dem sie bei diesem Gedanken befallen wurde, dehnte sich auch auf mich aus — wenn die Sache in die Zeitungen kam, so musste es meine Frau ja auch erfahren.

„Was soll ich nun thun?“ rief sie, vor Angst erbebend.

„Was thun?“ rief ich von einer plötzlichen Eingebung ergriffen: „Was thun? Nun, mit mir nach Petersburg weiter reisen, um Dick zu treffen!“

„Natürlich!“ antwortete sie. „Wie kindisch von mir, dass mir das nicht gleich eingefallen ist! Ich habe ja eine Fahrkarte! O wie selbstlos und klug, wie edel und überlegt Sie sind, Arthur!“ Dann liess sie mit einem Seufzer der Zufriedenheit wie eine müde Taube ihr liebliches Köpfchen an meine Brust sinken, während ich in einem unsinnigen Anfall von Entzücken meinen Arm um sie schlang.

„Fassen Sie sich, kleine Frau,“ rief ich tröstend, „schluchzen Sie nicht so! Gleich kommt der Kellner und bringt den Thee.“

So ermutigt, lebte Frau Dick wieder auf; als sie bemerkte, dass ich sie im Arm hielt, errötete sie, richtete sich auf und rief ganz vergnügt: „Was uns Ihr Plan Spass machen wird! In zwanzig Stunden sind wir in Petersburg; Sie führen mich ins Hotel de l’Europe, treiben dann Dick auf und erzählen ihm unser Abenteuer. Wird das lustig werden! O, Sie sind mein Schutzengel!“ Und damit begann das unschuldige Geschöpf mit der grössten Freude im Zimmer herumzutanzen, bis der Kellner ein lukullisches Abendmahl auftrug, über das sie mit einem wahren Kinderappetit herfiel, der mich entzückte, denn ich schloss daraus, dass sie meiner Welterfahrung vertraute und deshalb an einen guten Ausgang des Abenteuers glaubte.

Aber während sie lachte, plauderte und ass, fing ich an zu überlegen, und als mir die Schwierigkeiten meiner Lage allmählich klar wurden, verging mir der Appetit, ich hörte auf zu essen, fing an zu trinken und wurde einsilbig, finster und trübsinnig.

Sobald der Kellner draussen war, schmollte sie: „Sie sehen nicht aus, als wären Sie sehr entzückt darüber, mich noch ein paar Stunden länger unter Ihrer Obhut zu haben.“

„Das ist es nicht, aber nachher,“ murmelte ich. „Denken Sie, wenn die Weletsky mich an der Bahn abholen und Sie an meinem Arm sehen; ach du grosser Gott, und wenn ich denke, dass man vielleicht meiner Tochter telegraphiert hat, dass ich komme, und sie am Ende auch auf dem Bahnhof steht! Glauben Sie denn, sie werde nicht wissen, dass Sie nicht ihre Mutter sind, auch wenn alle Bahnbeamten darauf schwören, Sie seien mein rechtmässiges Weib.“

„Ihre Tochter befindet sich in Rjäsan?“ fragte sie.

„Gewiss.“

„Und Sie haben heute von Eydtkuhnen aus telegraphiert?“

„Ja.“

„Dann ist es gar nicht menschenmöglich, dass Ihre Tochter, morgen zeitig genug nach Petersburg kommt.“

„Sie sprechen sehr bestimmt für jemand, dem Russland ganz unbekannt ist.“

„Ich weiss genug, um bestimmt sprechen zu können,“ rief sie heftig; dann schlug sie aber plötzlich einen andern Ton an und stammelte: „Ich weiss übrigens ebenso bestimmt, dass Sie bereuen, mir beigestanden zu haben.“

„Durchaus nicht,“ sagte ich, stöhnte aber gleich darauf: „ach Gott, unser falscher Pass!“

Sie wurde sehr bleich und jammerte: „Sie wollen mich hier zurücklassen — hier ganz allein — Arthur, Sie mich — Sie!“ Damit schwankte sie auf mich zu, ergriff meine Hand und streichelte sie wortlos, aber so ausdrucksvoll, dass ich mich so stolz fühlte wie ein Indianer mit einem frischen Skalp.

„Niemals!“ rief ich. „Sie thörichtes Kind, ich erwähnte ja diese Schwierigkeiten nur, um Ihrer Unschuld all die uns umgebenden Fallstricke zu zeigen, die ich aus Erfahrung kenne, und um Sie ein bisschen zur Vorsicht zu mahnen.“

„Vorsicht,“ sagte sie verhältnismässig ernst, „fürchten Sie nichts von mir — ich will ganz Vorsicht sein.“ Dann wurde sie plötzlich wieder lebhaft und rief: „Ich muss ganz entschieden verlangen, dass du heute abend keinen Wein mehr trinkst, mein lieber Mann. Thust du’s doch, so lass ich mich von dir scheiden, du böser Mensch!“ Dies sprach sie, während sie feierlich warnend den Finger emporhob und ein Paar lachender Augen zeigte, die für mich weit berauschender waren als der Champagner, den ich zum Munde führte. Natürlich schlug ich nun alle Sorge in den Wind, und wir beendeten unser mitternächtliches Mahl recht munter und vergnügt.

Aber das Ticken der Uhr auf dem Kamin mahnte daran, dass die Zeit enteilte; ich klingelte dem Kellner, bezahlte und warf dem sich kriechend verbeugenden Menschen ein paar Rubel hin. Frau Dick sah dies und reichte mir schweigend ihr kleines Taschenbuch.

„Wozu?“ fragte ich überrascht.

„Für meine Auslagen,“ gab sie rasch zurück. „Frau Dick Gaines bezahlt selbst für sich.“

„Aber Frau Arthur Lenox —“ wendete ich ein.

„Will ebenfalls bezahlen,“ flüsterte sie. „Bitte, weisen Sie das nicht zurück! Meine Lage bringt weiss Gott genug Verlegenheiten mit sich, auch ohne dass Sie mich zwingen zu erröten, so oft Sie Ihr Taschenbuch öffnen. Nehmen Sie, bitte, das Geld! Sie müssen es durchaus — wenn nicht alles, so teilen Sie wenigstens mit mir.“

Dabei drückte sie mir gewaltsam eine Menge Banknoten in die Hand und sagte dann: „So, jetzt kann ich Sie doch morgen früh mit gutem Gewissen um ein Frühstück bitten.“ Gleich darauf standen wir auf, um zu gehen.

„Und Sie sind wirklich nicht unglücklich darüber, dass Sie sich nicht schon in Wilna von mir trennen?“ fragte mein Schützling mit lächelndem Mund; dann warnte sie mich spöttisch: „Nicht, Arthur! Der Kellner sieht ja zu! Sie sind viel zu aufmerksam für einen echten Ehemann;“ denn ich half ihr mit gemächlicher Beflissenheit, die mit ehelicher Gleichgültigkeit nichts gemein hatte, in ihren Pelz.

Einen Augenblick danach schritt ich, sie am Arm führend, die Treppe hinunter und durch eine Menge müssiger, bewundernder Gaffer zur Hausthür. Als ich am Büreau vorüberging, rief mich der Buchhalter an: „Bitte um Vergebung, Herr Oberst, wollen Sie sich gütigst hier einschreiben und mir einen Blick auf Ihren Pass gestatten? Eine reine Formsache, aber eben einmal Vorschrift,“ sagte er ehrerbietig.

Natürlich blieb mir nun nichts übrig als „Arthur Lenox mit Frau“ in das Fremdenbuch zu schreiben — ein weiterer schrecklicher Beweis gegen mich, falls das Unglück wollte, dass die wahre Frau Lenox einen Blick auf dieses Blatt werfen sollte.

Bei dem Anruf des Buchhalters hatte Frau Dick plötzlich erschreckt meinen Arm fester gepackt, aber als ich mich nun einschrieb, rief sie dem Mann zu: „Ach, diese Pässe — diese Pässe! Wir haben den unsern schon so oft zeigen müssen, Arthur, dass er vermutlich bald abgenützt sein wird.“

Dann nahm sie meinen Arm, hing sich fest an mich, und als wir in der Dunkelheit der Nacht nach der Bahn hinübergingen, flüsterte sie: „Ich erschrecke jedesmal furchtbar, wenn man nach dem schrecklichen Pass fragt. Sie sind der liebste, beste Mann von der Welt, dass Sie so freundlich für so ein unerfahrenes, dummes Ding sorgen, wie ich eines bin.“

Auf dieses Kompliment erwiderte ich nichts, obgleich es dem Mann von Welt in mir viel zu denken gab, sondern strich nur meinen Schnurrbart, der noch immer kohlpechrabenschwarz war — dank einer orientalischen Behandlung, die mir Ali Khan, Barbier in Alexandria, verraten hatte, als ich noch bei der Armee des Khedive stand.

In wenig Augenblicken hatten wir den Zug erreicht und stiegen in unsre Abteilung ein, wo Frau Dick mit einem Seufzer der Erleichterung in die üppigen Kissen sank, denn die verschiedenen Aufregungen unsres Aufenthalts in Wilna schienen ihre Nerven denn doch angegriffen zu haben.

Ein Blick auf meine Uhr belehrte mich, dass wir bis zur Abfahrt noch eine Viertelstunde Zeit vor uns hatten, und da die kalte Nachtluft auf Helene hereinströmte, schloss ich die Thür unsres Coupés und half ihr mit beflissener Zärtlichkeit Hut und Schuba ablegen.

„Sie sind zu gütig ... ach, ich bin so müde!“ sagte sie.

„Kann ich sonst noch etwas für Sie thun?“ fragte ich, denn sie lag wirklich völlig erschöpft und regungslos in den Kissen.

„Meine Pantoffeln,“ flüsterte sie, und im nächsten Augenblick hatte ich aus ihrer Handtasche zwei winzige also benannte Gegenstände hervorgesucht und betrachtete sie mit Bewunderung, denn sie waren im feinsten französischen Geschmack aus Goldlackleder gearbeitet.

Dann sank ich vor den bewunderungswürdigen Füssen nieder, die klein genug waren, in einer solchen Hülle Platz zu finden, und schnürte mit der Ritterlichkeit des ancien régime, auf die ich mir was zu Gute that, die hohen polnischen Stiefelchen auf. Nachdem sie sich ein wenig dagegen gesträubt hatte, liess sie mich gewähren, und ich zog ihr die zierlichen Pantöffelchen an. Dabei fielen aber meine bewundernden Blicke auf zwei in perlfarbene, glitzernde Seide gehüllte, entzückende Knöchel, das Blut stieg mir zu Kopfe und mit einem unsinnigen Kichern rief ich eben: „Was würde Dick Gaines dazu sagen?“ als ein plötzliches, gottverdammtes Klopfen an der Thür meiner vorübergehenden Verrücktheit ein schnelles Ende bereitete.

Als ich die Thür öffnete, fuhr Helene mit dem angstvollen, erschrockenen Blick eines gehetzten Rehes in die Höhe. Die Mütze in der Hand stand der Schaffner draussen.

„Bitte den gnädigen Herrn um Entschuldigung, aber ich muss um eine grosse Vergünstigung nachsuchen. Die Fürstin Palitzin und ihre Schwägerin aus Warschau befinden sich im Zug. Die gnädige Frau hat den einzigen Salonwagen inne,“ stammelte er mit tiefer Verbeugung. „Würde die gnädige Frau nicht vielleicht dieses Gelass mit den Damen teilen, und der gnädige Herr sich’s in einem andern Schlafcoupé bequem machen?“

Wuterfüllt war ich im Begriffe zu schreien: „Die Fürstin Palitzin kann man von mir aus der Teufel holen,“ als Frau Dick mit lieblichem Lächeln vergnügt und erleichtert ausrief: „Gewiss, sehr gerne, Schaffner.“

Während dieser sich ganz glücklich entfernte, lachte Helene über mein enttäuschtes Gesicht und flüsterte mir zu: „Sie lieber, guter Arthur, begreifen Sie denn nicht, wie günstig dies für uns ist? Die Reisegefährten solch grosser Damen, wie die Fürstinnen Palitzin wagt niemand nach Stellung oder Pass zu fragen.“

Nun kam der Schaffner zurück und brachte mein bisschen Handgepäck in eine anstossende, für zwei Personen bestimmte Abteilung, wo eben noch ein andrer Herr einstieg. Zur Wahrung des Scheins liess ich Helene meine französischen Romane und einige andre Kleinigkeiten zurück.

Die beiden Fürstinnen stiegen ein. Offenbar hatte ihnen der Schaffner unsre höfliche Bereitwilligkeit gerühmt, denn sie begannen sofort Helene in der Sprache ihres Landes zu danken.

Frau Dick, die unterdessen wieder frisch und munter geworden war, lächelte und sagte auf französisch: „Ich bitte um Entschuldigung, ich spreche nicht russisch.“

Sofort bediente sich die vornehme Dame der französischen Sprache und drückte auch mir ihren huldvollen Dank aus, worauf ich so höflich erwiderte, als es mir bei meiner inneren Wut überhaupt möglich war; gleichwohl sah ich, dass meine militärische Haltung und meine altmodische Höflichkeit auf sie und ihre reizende Begleiterin Eindruck machten. Die ältere der beiden Damen war eine hübsche, gebietende Erscheinung, die jüngere, etwa achtzehnjährige, besass die frische, kindliche Schönheit und jene eigentümliche Anmut, die man bei vornehmen Russinnen so häufig findet.

„Sie sind Amerikaner, mein Herr?“ fragte die ältere der Damen. Ich verbeugte mich bejahend.

„Und die gnädige Frau ebenfalls?“

Frau Dick lächelte und nickte mit dem Kopf.

„Ich werde Sie jetzt verlassen,“ flüsterte ich Helene zu, aber in so verdriesslichem Ton, dass sie leicht auflachte, gleich darauf schien sie aber diese Grausamkeit zu bereuen, trat an mich heran und flüsterte: „Sei doch nicht so ärgerlich, du lieber alter Arthur — gute Nacht!“

„Gute Nacht!“ erwiderte ich heiser, aber im nächsten Augenblick überkam mich die Versuchung; ich machte mir die Lage der Dinge zu nutze und drückte einen glühenden Kuss auf die roten Lippen, die unter meinem Schnurrbart zu zucken schienen ach — und dies Erröten! Dieses wurde noch tiefer, als die ältere Fürstin in russischer Sprache etwas zu ihrer Schwägerin sagte, worauf diese nur mit einem leisen Lachen antwortete.

Nun begab ich mich in die andre Wagenabteilung und versank, ganz betäubt von dem Kuss, der mir noch auf den Lippen brannte, in tiefes Sinnen und Träumen, aus dem ich durch die in richtigem Englisch, aber mit halb deutscher, halb russischer Aussprache gemachte Bemerkung: „Sie sind wohl Amerikaner?“ aufgeschreckt wurde.

Als ich mich nun umsah, fand ich, dass diese Bemerkung von meinem neuen Reisegefährten ausging, einem wohlbeleibten, kleinen Mann mit teutonischem Gesicht, kleinen, durchdringenden, tatarischen Augen, französischem Schnurrbart und ganz barbarischem Haarwuchs.

Er war unauffällig, aber gut gekleidet und sah, obgleich er höchstens fünfundvierzig oder fünfzig Jahre alt war, aus wie ein Sechziger, weil ihn die bläuliche Reisebrille, die seine Augen bedeckte und versteckte, älter erscheinen liess.

Das merkwürdigste an ihm war seine auffallend weiche, melodische und einschmeichelnde Stimme.

Höflich antwortete ich auf seine Frage und sagte ihm mit der meinen Landsleuten eigenen Bescheidenheit, dass ich als Offizier in der Armee der Vereinigten Staaten und noch vieler andrer Länder gedient habe.

„Sie scheinen mit der Fürstin Palitzin befreundet zu sein,“ sagte er, und fuhr dann mit einem leichten Anklang von Neid in der Stimme fort: „Ihr Amerikaner habt ja in Europa überall ‚entrée‘.“

Etwas verletzt durch diese Bemerkung wollte ich den Herrn in seine Schranken zurückweisen und erwiderte: „Ich befinde mich hier, um die Familie Weletsky zu besuchen; meine Tochter war mit dem jüngern Bruder Constantins, mit Basile, dem Helden von Plewna, der später in Japan starb, verheiratet.“

„Ah, Sie sind ein Verwandter der Weletsky!“ Sein Ton verriet, dass ich durch die Erwähnung einer der ältesten und aristokratischsten Familien Russlands in seiner Achtung gebührend gestiegen war.

„Ihr Amerikaner seid eine grosse Nation,“ fuhr er fort und richtete dann eine Menge neugieriger aber wohl überlegter Fragen über meine Heimat an mich, so dass wir bei etlichen guten Cigarren in eine lebhafte, beinahe vertrauliche Unterhaltung gerieten. Ich erzählte ihm einige Kriegsabenteuer mit Indianern, und er erregte meine höchste Verwunderung durch die Erzählung etlicher Anekdoten aus dem Privatleben einiger jungen New Yorker, die kürzlich Petersburg besucht hatten.

Später, als ich mich eben niederlegen wollte, sagte er: „Ich kann möglicherweise genötigt sein, den Zug zu verlassen, ehe Sie aufwachen, Herr Oberst. Sollte ich Ihnen irgendwie dienen können, so bitte ich, bei mir vorzusprechen.“ Dabei händigte er mir eine Karte ein, auf der nichts stand, als:

Baron Friedrich

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9788711462935
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