Kitabı oxu: «Eis. Abenteuer. Einsamkeit»




| PROLOG | |
| 1 | VORBEREITUNGEN IN JAKUTSK |
| 2 | ABZWEIG INS UNGEWISSE |
| 3 | EISGEBADET NACH TOPOLINOE |
| 4 | OFFROAD DURCHS GEBIRGE |
| 5 | MIT WODKA IM BLUT |
| 6 | BATAGAJ – DER SPION, DER IN DIE KÄLTE GING |
| 7 | UNTER NORDLICHTERN NACH UST’-KUJGA |
| 8 | SCHNEEVERWEHT INS NIRGENDWO |
| 9 | ÜBER DEN ARKTISCHEN OZEAN |
| 10 | FINALE IN TIKSI |
| DANKSAGUNG / ANHANG |
PROLOG
Es ist der 8. April 2017, Tag 35, bisher zurückgelegte Kilometer: 1.550. Mit zusammengekniffenen Augen starre ich in eine blendende Leere. Nichts lenkt ab, nichts scheint bedeutsam. Selten im Leben war ich so konzentriert, so fokussiert. Ich fühle meinen Herzschlag, meinen Puls, wie mir das warme Blut die kalten Wangen hinaufsteigt. Ein frostiger Lufthauch überstreicht sie. Ich ziehe meine Gesichtsmaske ein Stück höher. Es ist zwar schon April, doch der Winter ist noch längst nicht vorbei. Ich bin in Sibirien, draußen in den menschenleeren Weiten der arktischen Tundra, weit nördlich des Polarkreises. Das letzte Dorf liegt vier Tagesetappen hinter mir. Wann werde ich das nächste erreichen? Ich weiß es nicht. Zu groß sind die Unwägbarkeiten, ich muss sie nehmen, wie sie kommen. Klagen bringt nichts. Die Einsamkeit schenkt mir Klarheit. Hier draußen zählt nur die Tat. Und so trete ich wieder in die Pedale, setze mein schwer bepacktes Rad in Bewegung, hinter mir einen Schlitten ziehend, und fahre mit nüchternem Blick der tiefstehenden Sonne entgegen. Es gibt nur einen Weg, und der führt nach vorn. Meine Sehnsüchte haben mich hierhergeführt, und sie werden mich auch weiter tragen.

Fahrspur über den gefrorenen Arktischen Ozean.
Seit fünf Tagen schon folge ich dem Fluss Omoloj seiner Mündung entgegen. Straßen gibt es hier keine, der gefrorene Flusslauf gibt die Richtung vor. Ich fahre direkt auf seinem Eispanzer. Eine freigeschobene Schneise im Schnee weist mir den Weg. Seit Stunden sehe ich nichts als Schnee und blauen Himmel – keine Anzeichen mehr von Land. Lediglich ein paar versprengte, weit entfernte Fischerhütten deuten darauf hin, dass es hier noch irgendwo festen Grund geben muss. In der Monotonie der polaren Landschaft schärft sich mein Blick zunehmend für kleine Details. Am Horizont bemerke ich eigenwillige Eisberge, die ihre Form und Größe verändern und dann plötzlich anfangen zu schweben. Werde ich langsam verrückt? Nein – es ist eine Fata Morgana, eine Luftspiegelung entfernter Hügelketten.
Bei Sonnenuntergang treffe ich auf das Räumfahrzeug, das mich erst gestern, nach mehreren Tagen des Offroad-Radelns, überholt hatte. Es hat zunehmend Mühe, sich durch die harte Schneekruste zu stemmen, und ist nun langsamer als ein Radfahrer im Schnee daneben. Ich umgehe das ratternde Ungetüm und folge der Spur eines Lastwagens, die einzig verbleibende Leitlinie in dieser sonst orientierungslosen Weite. Genau an dieser Stelle entdecke ich ein unscheinbares Holzschild im Schnee. Es ist, als hätte sich jemand einen Scherz erlaubt, als ich die kyrillischen Buchstaben entziffere: Море Лаптевых steht für Laptewsee. Ich bin am Arktischen Ozean angekommen, und das, ohne es zu merken! Denn ob Tundra oder gefrorenes Meer, hier ist alles mit derselben Schneedecke überzogen, ohne erkennbaren Übergang. Voller Faszination, aber auch mit einer gehörigen Portion Ehrfurcht begebe ich mich hinaus in ein weißes, konturloses Nichts. Lediglich einer Fahrspur folgend, die jederzeit wieder verweht werden könnte. Etwa 220 Kilometer sind es noch bis zur Polarhafenstadt Tiksi – 220 Kilometer über den gefrorenen Ozean – durch die schutzlose Einöde der Arktis. Eine Woche noch, schätze ich, vielleicht aber auch zwei, je nachdem, wie sich Wetter und Piste geben.
Dann erscheint ein schwarzer Punkt am Horizont. Er bewegt sich, wird größer, kommt näher: ein Lastwagen! Er kommt mir direkt vom Meer entgegen. Der erste heute, beziehungsweise der erste überhaupt aus dieser Richtung – ein gutes Zeichen. Ich wuchte mein 100 Kilogramm schweres Gespann aus der Spur, um das Fahrzeug passieren zu lassen. Natürlich stoppen die zwei Trucker und staunen über den Radfahrer, der auf sie wie ein Außerirdischer wirken muss. Und doch wissen sie schon von mir, der Buschfunk funktioniert auch hier draußen prächtig, und so begrüßt mich Nikolaj, der als Erster aus dem Fahrzeug steigt, scherzhaft mit den deutschen Worten: »Hände hoch!« Ich … hebe als Antwort einfach nur die Hände hoch. Gelächter. Kurz darauf sitze ich bei ihm und seinem Kollegen im Fahrzeug und schlürfe heißen Tee. Nikolaj steht voller Begeisterung hinter meiner Idee, mit dem Rad nach Tiksi zu fahren. »Molodets« – »Prachtkerl« – höre ich immer wieder aus seinem Mund. Sein Kollege jedoch scheint mich für bescheuert zu halten, bleibt er doch die ganze Zeit todernst und führt im Verlauf unserer Unterhaltung ein paar Mal symbolisch den Zeigefinger zum Kopf …
In der überhitzten Fahrerkabine wird mir schnell unwohl. Nach und nach reiße ich mir alle Jacken vom Leib und merke, wie sich mein Körper an dieses mittlerweile komplett ungewohnte Klima anzupassen versucht. Ich weiß, dass es nicht allzu lange dauert, bis sich meine innere Heizung abstellt. Falls das passieren sollte, werde ich jämmerlich frieren, sobald ich wieder draußen der Kälte ausgesetzt bin. Nach einer halben Stunde erkläre ich ihnen, dass ich weitermuss. Zum Abschied drücken sie mir noch einen aufgeschnittenen Apfel in die Hand, dann krachen die Fahrertüren zu, der Motor dreht auf, ein letztes Hupen, und schon machen sie sich wieder davon. Solch herzliche Begegnungen sind hier draußen etwas ganz Besonderes, Inseln der Wärme in einem Land voller Kälte. Gedankenversunken schaue ich ihnen noch lange nach, bis das letzte Motorengeräusch von der arktischen Stille verschluckt wird.

Ein Schild kennzeichnet den Übergang vom Festland zum Meer.


Insel der Wärme: Begegnung in endloser Schneewüste.
Umgeben vom Dämmerlicht des Abends, stehe ich nun wieder allein in dieser endlosen Schneewüste. Die Lufttemperatur ist inzwischen auf –25 °C abgesackt. Ich komme mir vor wie ausgesetzt, doch ich bin freiwillig hier. Ein überwältigendes Gefühl überkommt mich im Bewusstsein, den ganzen langen Weg hierher selbst erkämpft zu haben. Es wäre nicht das Gleiche, hätte ich mich mit einem der Fahrzeuge mitnehmen lassen. Ich fühle mich inzwischen eins mit dieser eiserstarrten Welt. Würde sie nicht wollen, dass ich hier bin, hätte sie mich gar nicht erst so weit kommen lassen. Eine starke Zuversicht entwächst diesem Gedanken und lässt mich trotz aller noch bevorstehenden Unwägbarkeiten positiv nach vorn schauen.
Da es schon spät ist, gehe ich mit meinem Rad nur noch ein kleines Stück. Etwas abseits der Fahrspur stelle ich gegen 11 Uhr abends mein Zelt auf, verankere es windsicher im harten Schnee und koche mir meine obligatorische Nudelsuppe. Laut Karte müsste ich mich jetzt vor dem Kap Uon-Pastach befinden. Zu erkennen ist davon nichts, keinerlei Konturen deuten auf die Küstenlinie hin. Alles um mich herum sieht gleich aus. Der Ostwind hat etwas angezogen und lässt gelegentlich die Zeltwand flattern. Ansonsten bin ich von Totenstille umringt, die nur durch das Fauchen des Kochers und das Knirschen meiner Schritte durchbrochen wird. Am Südhimmel prangt der Vollmond, er wirft ein mystisches Licht über die surreal anmutende Szenerie. Dann flammt ein Polarlicht auf, züngelt in grünen Bögen und Vorhängen über das kalte Firmament, während im Norden die Mitternachtsdämmerung den Beginn der Weißen Nächte ankündigt. Ich genieße das Privileg, hier zu sein, diese friedliche Stimmung in arktischer Schönheit so intensiv erleben zu können.
Doch die friedliche Stimmung trügt, ein Wetterumschwung deutet sich an.

Stimmungsvolle Nacht auf dem Meereis.
1
VORBEREITUNGEN IN JAKUTSK
Flughafen Berlin-Schönefeld. Eine Traube von Polizisten umringt mich. Man verdächtigt mich, Sprengstoff dabeizuhaben. Ein routinemäßiger Abstrich an meinem Fahrrad hat das ergeben. »Hey, Leute, ich will euch ja nicht enttäuschen, aber ihr werdet bei mir nichts finden!« Sie wiederholen den Abstrich – erneut positiv. Es sind die Reifen meines Fatbikes. Das sperrige Ungetüm ist das Einzige, was am Zugang zum Check-in nicht durchleuchtet werden konnte, es passt nicht durch den Gepäckscanner. Man gibt mir zu verstehen, dass ich die Räder ausbauen soll, um zumindest diese scannen zu lassen. Ich reagiere etwas genervt, weil ich schon damit begonnen hatte, das Fatbike flugfertig vorzubereiten: Vorderrad raus, mit Kabelbindern am Rahmen fixieren, Pedale ab, Lenker quer, Schaltwerk sichern, Scheibenbremsen polstern und am Ende alles in einen großen Sack verpacken. Ich war schon fast fertig, doch jetzt soll ich das durchdachte Konstrukt wieder auseinanderfriemeln.

Orthodoxe Kirche in der Altstadt von Jakutsk.
Hastig hole ich beide Laufräder raus und lege sie auf das Band. Prüfende Blicke. Natürlich ist nichts Verdächtiges zu erkennen. Ratlose Blicke. »Was jetzt? Ich muss mich beeilen, sonst hebt mein Flieger ohne mich ab!«, sage ich und baue die Laufräder flugs zurück in das Radpaket. Ich weiß, dass ich damit gleich noch mal zur Sperrgepäckannahme rennen muss. Dort wird es dann noch einmal komplett durchleuchtet. Man lässt mich ziehen, wenn auch ein wenig skeptisch, wie mir scheint. Vielleicht bin ich auf dem Weg zum Flughafen einfach nur durch die Überreste eines alten Silvesterböllers gefahren …
Nun wird es spannend. Am Check-in bin ich tatsächlich der Letzte. Inständig hoffe ich, dass mein aufgegebenes Gepäck noch rechtzeitig verladen wird. Mein Ziel ist Jakutsk, mit einem Umstieg in Moskau. »Jakutsk? Wo ist das denn?«, fragen mich die Damen, die mir das Ticket ausstellen. Wie bitte? »Jakutsk, das ist die Hauptstadt der größten autonomen Republik Russlands, ganz im Osten, in Sibirien«, erwidere ich mit leicht erstauntem Unterton. »Hmm … Irkutsk sagt uns was, aber Jakutsk? Noch nie gehört, das muss was Neues sein.« Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, sage aber nichts mehr dazu. Vom russischen Bordpersonal hätte ich ein bisschen mehr Kenntnis von den inländischen Zielen erwartet. Egal, Hauptsache, der Pilot kennt die Flugroute.
In sprichwörtlich letzter Minute erreiche ich meinen Flieger. Doch dann heißt es erst einmal warten. Nach einer Weile ertönt eine klärende Durchsage: »Es gibt Probleme mit dem Gepäck eines Passagiers.« In mir kommt der Verdacht auf, dass dieser ominöse Passagier auf den letzten Drücker ein Fahrrad als Sperrgepäck aufgegeben hat. Ich atme kurz auf und schaue mit betont unschuldigem Blick aus dem Fenster. Dann hebt das Flugzeug endlich ab, mit 20 Minuten Verspätung.
Am Morgen des 1. März lande ich in Jakutsk. Die Sonne scheint durch diffuse Wolkenschleier, Eisflitter glitzert in der Luft. Als ich hinaustrete, füllen sich meine Lungen mit beißender Kälte, die mir aber alles andere als unangenehm vorkommt. Durch die kontinentale Trockenheit wirken hier –20 °C erträglicher als Temperaturen um den Gefrierpunkt in Berlin. Im Flughafengebäude warte ich auf mein Gepäck. Zwischen unzähligen Koffern erspähe ich schon bald meine zwei großen Packtaschen und nehme sie vom Gepäckband. Auf das Fahrrad warte ich jedoch vergeblich. Ich warte so lange, bis nur noch ein letzter verlorener Koffer seine Kreise dreht. Als das Band schließlich stoppt, rufe ich fragend durch die Luke, ob da noch Sperrgepäck durch die Tür kommt? Man verneint … Mist! Das geht ja gut los, ist aber nach den Verzögerungen in Berlin auch nicht verwunderlich. Ich gehe zur Gepäckaufsicht. Man nimmt meine Daten auf und will mich informieren, sobald das Rad auftaucht.
Dann rufe ich Maria an, bei der ich eine Unterkunft gebucht habe. Sie will mich mit dem Auto direkt vom Flughafen abholen, und wenige Minuten später ist sie schon da. Wir fahren direkt zu dem Wohnblock, in dem ich mich für ein paar Tage einrichte, um in Ruhe die letzten Vorbereitungen zu treffen. Meine Basis ist zentrumsnah, so kann ich vieles zu Fuß erledigen – Bargeld tauschen, eine russische SIM-Karte beschaffen, mich mit Proviant eindecken und mit Unterstützern meiner Reise verabreden. Auf den stark befahrenen Straßen der Innenstadt herrscht reges Treiben. Dick eingepackt flanieren Junge wie Alte mit bizarr knirschenden Schritten über den festgetretenen Schnee der breiten Gehwege, jeder eine Dampfwolke der ausgestoßenen Atemluft hinter sich herziehend. Während ich mich mitten im tiefsten Winter wähne, ist für diese Menschen bereits der Frühling angebrochen – mit längeren Tagen, höherem Sonnenstand und nicht mehr so tiefen Temperaturen. Ich versuche mir vorzustellen, wie sich der Hochwinter um den Jahreswechsel anfühlen muss: tags wie nachts um –50 °C nebliger Smog, Raureif, Dunkelheit. Da geht der gemeine Städter nur noch vor die Tür, wenn er unbedingt muss, möglichst schnell von A nach B, von einer wärmenden Insel zur nächsten. Verständlich, dass dann ein paar sonnige Tage mit –30 °C am Morgen und –20 °C am Nachmittag schon Frühlingsgefühle auslösen. Das Kälteempfinden hat hier einen anderen Maßstab.
Jakutsk ist die kälteste Großstadt der Welt, mehr als 300.000 Menschen leben hier, die Hälfte davon Jakuten. Von Künstlern geschaffene Eisskulpturen wachen wie Denkmäler über das Zeitgeschehen, als würde es nie einen Sommer geben.
Jakutsk ist die kälteste Großstadt der Welt, mehr als 300.000 Menschen leben hier, die Hälfte davon Jakuten. Von Künstlern geschaffene Eisskulpturen wachen wie Denkmäler über das Zeitgeschehen, als würde es nie einen Sommer geben. Und auf den Märkten wartet schockgefrosteter Fisch auf seine Käufer. Die Wohnblöcke stehen hier alle storchenhaft auf Betonstelen, damit die Abwärme der Gebäude nicht den darunterliegenden Permafrostboden auftaut. Ebenso sind sämtliche Rohre oberirdisch verlegt, was dem Stadtbild zuweilen einen industrieartigen Charakter verleiht. Lediglich das Zentrum um die historische Altstadt sticht heraus – mit seinen großen Plätzen, pompösen Verwaltungsbauten und fein restaurierten Holzhäusern. Zwischen all dem glänzen die blank polierten goldenen Zwiebeltürme einer prunkvollen orthodoxen Kirche. Ein Ort der Kontraste.
Hier treffe ich mich am Abend mit Larisa, einer Jakutin, die wunderbares Deutsch spricht und im Sommer als Reiseleiterin bei Lenaturflot arbeitet. Ich hatte sie vor zehn Jahren während meiner ersten Radtour quer durch Jakutien kennengelernt. Damals führte sie mich durch das Museum für Landeskunde und erläuterte mir die Geschichte Jakutiens. Dass ich nach all der Zeit noch mal Kontakt zu ihr aufnehmen sollte, verdanke ich einer zufälligen Begegnung in Potsdam bei einem Vortragsabend namens »360° OST« kurz vor meinem Tourstart. In der russlandaffinen Besucherschar traf ich auf Christina, eine junge Frau, die selbst schon mal in Tiksi war – mit einem Kreuzfahrtschiff über die Lena. Ich fragte sie, wie sie an das Permit für Tiksi gekommen war. Die Polarhafenstadt befindet sich nämlich in der arktischen Grenzzone Russlands und darf offiziell nur mit einer Sondergenehmigung des russischen Geheimdienstes FSB besucht werden. Dessen Ableger in Jakutien hatte ich bereits im Dezember angeschrieben, doch meine Mails mit dem Antrag blieben unbeantwortet, die Mailadresse schien nicht mehr gültig zu sein. Im Januar bat ich dann diverse jakutische Reiseagenturen, mir bei der Beschaffung des Permits behilflich zu sein. Doch niemand konnte oder wollte sich darauf einlassen. Zu verrückt erschien ihnen mein Vorhaben, auf eigene Faust und ohne professionelle Begleitung loszuziehen. Sie waren offenbar nicht bereit, mir das nötige Vertrauen entgegenzubringen. Denn wer den Antrag für mich einreicht, hält in gewissem Sinne seinen Kopf für mich hin und trägt Verantwortung für mein Tun.
Bei einer Flusskreuzfahrt ist die Permitbeschaffung natürlich Teil des touristischen Angebots und wird vom Reiseveranstalter organisiert. Ob ich da jemanden um Hilfe bitten kann, fragte ich Christina. Sie überlegte eine Weile, dann fiel ihr ein: Die Reiseleiterin von dem Schiff, die könnte Bescheid wissen! Sie spreche Deutsch, Larisa sei ihr Name. Larisa? Moment, etwa die Larisa, die ich 2007 bei meinem ersten Besuch in Jakutsk kennengelernt hatte? Ich ließ mir die Mailadresse geben – sie war identisch mit jener, die ich mir vor zehn Jahren in mein Tagebuch notiert hatte. Also schrieb ich sie einfach an, mit Verweis auf unser damaliges Treffen. Prompt kam eine herzliche Antwort. Sie erinnerte sich an mich und war sofort bereit, die nötigen Formalitäten in Erfahrung zu bringen und meinen Antrag direkt im Büro des FSB einzureichen. Eigentlich war das Zeitfenster schon längst abgelaufen, denn üblicherweise dauert die Bearbeitung eines solchen Antrags zwei Monate, bis zu meinem geplanten Tourstart verblieben aber nur noch vier Wochen. Es war die letzte Chance, das Permit für Tiksi zu bekommen. Und tatsächlich – zwei Tage vor meinem Abflug kam die Antwort: der Propusk, wie das Permit auf Russisch heißt, war genehmigt worden! Larisa hatte es bereits abgeholt und musste beim FSB auch ihre Daten hinterlassen. Ich bin ihr zutiefst dankbar für das Vertrauen, das sie mir entgegenbringt – nach all den Jahren und nur einer persönlichen Begegnung.
Als Dankeschön lade ich sie und einen Freund von ihr zum Essen ein, ins Restaurant Machtal. Hier übergibt sie mir das unterzeichnete Dokument. Und während wir traditionell jakutisch speisen, erzählen wir uns, was wir in den letzten zehn Jahren so erlebt haben. Dabei kommen wir auch auf den jakutischen Tour-Operator Michail Mestnikov zu sprechen, den ich vor zwei Jahren in Jakutsk kennenlernte, als ich mit Robert, einem sibirienerfahrenen Reisegefährten, zu meinem ersten richtigen Wildnisabenteuer durch das Suntar-Chajata-Gebirge aufbrach. Michail half uns damals, eine geeignete Mitfahrgelegenheit zu finden, die uns zum Startpunkt der sechswöchigen Rucksack-Schlauchboot-Tour bringen sollte. Larisa ermutigt mich, ihn auch diesmal zu fragen. Er werde mir sicher helfen, einen Fahrer zu finden. Mein Plan sieht nämlich vor, dass ich nicht direkt in Jakutsk mit dem Rad starte, sondern erst an dem Abzweig, an dem die Winterstraße beginnt, etwa 500 Kilometer östlich von hier, am Rande des Werchojansker Gebirges. Die Strecke dahin ist mir wohlbekannt, befuhr ich sie doch schon 2007 mit dem Rad und 2015 nochmals mit einem Sammeltaxi. Es ist eine gut frequentierte Fernverkehrsstraße, die bis zum Gebirgsrand keine besonderen Höhepunkte bietet. Also warum sich das antun und wertvolle Zeit vergeuden? Ich will dort anfangen, wo es interessant wird – dort, wo ich noch nicht war und wo von Beginn an der Reiz des Unbekannten in der Luft liegt.

In den Straßen der Stadt regiert der Frost.




Wiedersehen mit Larisa und Michail.
Am nächsten Tag gehe ich unangemeldet in das Büro der Tourfirma Nordstream[1]. Michail erkennt mich sofort wieder und lässt seine Arbeit spontan ruhen. Es ist ein herzliches Wiedersehen, das von großem gegenseitigen Interesse geprägt ist. Michail organisiert teils anspruchsvolle Wildnis- und Raftingtouren durch die schönsten Regionen Jakutiens, die er auch regelmäßig begleitet, und kennt sich gut aus mit den Gepflogenheiten abseits der Zivilisation. Klar, dass er vor zwei Jahren auch den Verlauf unserer Wildnistour durch das Suntar-Chajata-Gebirge mitverfolgt und einige unserer Abenteuergeschichten mitbekommen hat – die Begegnungen mit hungrigen Bären, unsere Trennung mitten im Nirgendwo, die entkräftete Rückkehr … Wir waren früh in der Saison gestartet, eigentlich zu früh, um problemlos über den bis zu 3.000 Meter hohen, noch im Schnee liegenden Gebirgszug zu gelangen, denn erst dahinter lag der Fluss, auf dem ein 500 Kilometer langes Rafting zum Ochotskischen Meer folgen sollte. Alle erfahrenen Wildnisgänger, die wir um eine Einschätzung zur Durchführbarkeit baten, machten uns wenig Hoffnung. Wir sind trotzdem losgezogen, allerdings kamen wir nur mit deutlicher Verzögerung voran, sodass wir am Ende unseren Proviant strecken mussten, um wieder heil aus der Sache rauszukommen. Und nun erzähle ich Michail von meinem neuen Vorhaben, das für einen Moment auch seine Vorstellungskraft sprengt. Mit dem Fahrrad bis Tiksi!? Im Winter!? Allein!? Er werde mir auf jeden Fall helfen und mich informieren, sobald er einen Fahrer findet, der mich in einem Sammeltaxi zum Startpunkt der geplanten Radtour bringen würde.
Inzwischen ist auch mein Fahrrad eingetrudelt, das mir vom Flughafen direkt zur Unterkunft gebracht wurde. Ich bin sichtlich erleichtert und checke den Zustand: alles da, alles ganz. Nur an der Lenkertaschenhalterung ist eine Ecke abgebrochen, mit dem darunter montierten Gepäck sollte sie aber genug gestützt sein. Jetzt kann ich auch endlich einen Termin nennen, an dem es losgehen soll. Ich gebe Maria Bescheid, dass ich nur noch zwei Nächte in der Unterkunft bleibe. Dann fahre ich mit einem der vielen Linienbusse zu einem riesigen Supermarkt am Stadtrand und besorge mir den Proviant für die erste 900 Kilometer lange Radetappe. Ich rechne mit drei, maximal vier Wochen, ehe ich wieder eine größere Siedlung mit Einkaufsmöglichkeit erreiche. Für die Hauptmahlzeiten plane ich Nudeln, Hafer, Grieß, Rosinen, Zucker und Butter ein, als Snacks Räucherkäse, Salami, Speck, Knäckebrot, Zwieback, Kekse, Lebkuchen, Halva und ein paar Müsliriegel – 13 Kilogramm kommen zusammen. Aus Berlin hatte ich zudem schon mitgebracht: Ei- und Milchpulver, Trockengemüse, Tütensuppen, Salz, Gewürze, Knoblauch, Trockenobst, Nüsse, etwas Schokolade und ein Fläschchen Honiglikör, was für die gesamten sechs Wochen reichen muss, da sich derlei »Luxus« unterwegs nur schwer oder gar nicht auftreiben lässt. Und wenn doch, dann nicht unbedingt in der gewünschten Qualität oder Portionierung. Am nächsten Tag hole ich mir noch drei Liter Benzin von einer Tankstelle, um jederzeit autark kochen zu können. Und Signalpatronen für den Fall, dass ich am Ende der Tour noch auf Eisbären treffen sollte.
Dann ein Anruf von Michail. Mit meinen rudimentären Russischkenntnissen verstehe ich nur irgendetwas mit »Velosiped« – »Fahrrad« – und dass ich um 5 Uhr nachmittags ins Restaurant Trapeza eingeladen bin. Als ich dort aufkreuze, heißt mich eine Männerrunde mit diversen Reportern zu Pizza und Kompott willkommen. Michail hat eine kleine Pressekonferenz organisiert, damit die lokalen Medien über mein ungewöhnliches Reisevorhaben berichten können. »Ihr solltet mich interviewen, wenn ich zurück bin«, sage ich. Es widerstrebt mir, etwas an die große Glocke zu hängen, noch bevor der erste Schritt getan ist. Ja, ich will unbedingt nach Tiksi, aber ich habe mir noch einen Plan B und C zurechtgelegt, falls es doch anders kommen sollte. Es gibt einfach zu viele Unsicherheiten, um heldenhaft dieses eine Ziel zu verkünden, so als wäre die Tour nur dann erfolgreich, wenn ich Tiksi tatsächlich erreiche. Nein, der Weg ist das Ziel! Der Weg durch den unbekannten, im Sommer unzugänglichen jakutischen Norden. Das Erlebnis, dort unterwegs zu sein, zählt. Das versuche ich ihnen irgendwie klarzumachen, und so lasse ich mich doch noch breitschlagen, ein paar Antworten zu geben.
Auf Englisch komme ich mit Ivan ins Gespräch. Ich erzähle ihm, dass ich vom Abzweig bei Chandyga nordwärts bis nach Tiksi fahren möchte, und dass die Idee schon mindestens acht Jahre alt sei. Im Netz habe ich viel über diese Route recherchiert, sie wurde schon von einigen Autoexpeditionen bewältigt. Radfahrer scheinen es noch nicht versucht zu haben, zumindest fand ich keinerlei Hinweise. Mein Plan ist nun, in sechs Wochen rund 1.800 Kilometer zu überwinden. Ich rechne damit, etwa 50 Kilometer am Tag zu schaffen, solange die Straßenverhältnisse gut sind, und 20 bis 30 Kilometer, wenn die Bedingungen nicht so optimal sein sollten. »Und was nimmst du alles mit?«, will er schließlich noch wissen. »Das Übliche: ein Zelt, einen Schlafsack, Kleidung, Essen. Aber alles zusammen wiegt mehr als 100 Kilogramm, einschließlich des Fahrrads.«
Tags darauf erscheint das komplette Interview auf den Internetseiten von Yakutia Info und Yakutia Travel[2]. Bei Letzterem wird im Hauptmenü sogar eine zusätzliche Verlinkung mit dem Subtitel »Ричард Левенхерц« (»Richard Löwenherz«) eingefügt, damit der interessierte Leser mit nur einem Klick zu einer interaktiven Karte gelangt, auf der er meine Route tagesaktuell nachverfolgen kann. Es ist geplant, dass ich die Koordinaten meiner Übernachtungsplätze an den Redakteur sende und er diese dann in die Karte überträgt. Die Kunde von meiner geplanten Radreise sollte sich also gut verbreiten.
AUFBRUCH ZUM STARTPUNKT
Gegen 10 Uhr am Vormittag stehe ich bei –20 °C mit meinem Rad sowie dem ganzen Gepäck vor dem Häuserblock meiner Unterkunft und warte auf das von Michail organisierte Sammeltaxi. Es dauert eine Weile, anderthalb Stunden vergehen, bis der Fahrer endlich aufkreuzt – sibirische Pünktlichkeit. Aber dann geht alles ganz schnell. Rad und Gepäck werden in wenigen Minuten auf dem Dach verzurrt, ich übergebe die erste Hälfte des vereinbarten Fahrpreises, und schon sausen wir los. Zunächst quer durch die Stadt, um die übrigen Fahrgäste einzusammeln, dann an einem Ausrüstungsladen vorbei, in dem ich mir für den Notfall noch eine Gaskartusche hole. Schließlich verlassen wir Jakutsk und fahren über das Eis der gefrorenen Lena. Die freigeschobene Schneise wirkt wie eine normale Hauptverkehrsstraße in einer weißen weiten Ebene. Doch links und rechts des Weges ragen aufgeschobene Eisschollen aus dem Schnee und erinnern daran, dass unter uns das Wasser des größten Stroms Sibiriens dahinfließt. Am anderen Ufer gelangen wir auf die berüchtigte Kolyma-Trasse, die einst unter der Herrschaft Stalins von Gulag-Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen erbaut wurde und aufgrund der vielen Todesopfer auch »Straße der Knochen« genannt wird. Bis heute ist sie die einzige ganzjährig befahrbare Straße, auf der man in die unermesslichen Weiten des Fernen Osten Russlands vordringen kann. In der dünn besiedelten Bergwildnis rund um den namensgebenden Fluss Kolyma führt sie vorbei an ehemaligen Gulags, devastierten Siedlungen und Goldgräbercamps, um nach 2.000 Kilometern am Pazifik, in der Hafenstadt Magadan, ihr Ende zu finden. Etwa auf halber Strecke liegt Ust’-Nera, das Ziel meiner Fahrgemeinschaft. Sieben Leute teilen sich die Fahrt, den Letzten sammeln wir in Nizhnyj Bestjach ein. Wir durchqueren die jakutische Tiefebene mit ihren weiten Waldgebieten und passieren etliche kleinere Dörfer. Hölzerne Blockhütten mit rauchenden Schornsteinen und im Schnee grasende Kleinpferde prägen das Landidyll. Man hat den Eindruck, in eine vergessene Welt abzutauchen, unvergleichbar mit dem städtischen Leben in Jakutsk.
Als wir einen etwas größeren Ort durchqueren, pausieren wir in einem Straßencafé und stärken uns mit einer Portion Kantinenfutter. Das Angebot der Küche ist einfach, aber deftig, genau nach meinem Geschmack. Zu trinken gibt es wie so oft in Russland Mors, ein Beerensaftgetränk mit Preiselbeeren. Während wir uns die Bäuche vollschlagen, verdichten sich am Himmel die Wolken – ein leichter Flockenwirbel setzt ein. Seit unserem Start in Jakutsk sind auch die Temperaturen spürbar gestiegen und liegen nun im einstelligen Minusbereich. Ein Tiefdruckgebiet scheint milde Luftmassen vom Ochotskischen Meer ins Landesinnere zu verfrachten. Etwas, das in diesem hochkontinentalen Klima nur sehr selten vorkommt, da mehrere Gebirgszüge am Übergang zum Pazifik eine natürliche Barriere bilden und einen maritimen Wettereinfluss im jakutischen Inland kaum zulassen. Nun scheint aber mal Bewegung in die sonst still daliegende Kaltluftzone zu kommen.
Wir fahren weiter nach Osten. Kurz vor dem Ort Chandyga erreichen wir in der Abenddämmerung den Aldan, ein weiterer Strom, der irgendwann in die Lena mündet und wie jeder Fluss hier im Winter komplett gefriert. Die Überfahrt auf dem Eis ist diesmal etwas holprig, nur auf der abgesackten Eisfläche der Flussmitte fährt es sich ganz gut. Im Sommer kommt man wie an der Lena nur mithilfe einer Fähre auf die andere Flussseite. Als ich hier bei meiner ersten Jakutien-Reise im Herbst 2007 mit dem Rad ans Ufer rollte, drängelten sich bereits mehrere Fahrzeuge um den Anleger. Warum, wurde schnell klar, denn die Fähre querte den Fluss nur zweimal am Tag – einmal morgens und einmal abends. Entsprechend groß war das Gerangel, um sich einen Platz für die Überfahrt zu sichern. Dass es jetzt im Winter eine Straße über das Eis gibt, macht die Lage natürlich viel entspannter.
In Chandyga kehren wir noch einmal ein. Ich nutze die Gelegenheit, ein letztes Mal mit meiner Freundin Ania zu telefonieren. Später würde es kein Netz mehr geben, wahrscheinlich auf den gesamten 900 Kilometern der ersten Etappe, also etwa drei Wochen lang. In dieser Zeit können wir nur über meinen Satellitenmessenger, ein DeLorme InReach, kommunizieren. Textnachrichten via Satellit sind möglich, Gespräche jedoch nicht. Sie hat Vertrauen in mein Vorhaben und macht sich zum Glück keine unnötigen Sorgen. Allerdings ist sie nicht gerade erfreut, dass ich schon wieder für so lange Zeit aus dem gemeinsamen Leben ausbreche, war ich doch erst im vergangenen Sommer für drei Monate in der nordsibirischen Wildnis unterwegs. Eine Auszeit von einem Monat fände sie noch in Ordnung, aber sieben Wochen oder gar zwei, drei Monate? Ich verstehe ihre Perspektive, ihren Wunsch nach mehr Beständigkeit, doch mich zieht es immer wieder hinaus, um etwas Unbekanntes auf eigene Faust zu entdecken, etwas Neues mit allen Sinnen zu erleben – da reicht ein einzelner Monat oft nicht aus, vor allem, wenn es in so abgelegene Gebiete geht wie jetzt.
Nach neun Stunden Fahrt erreichen wir endlich den Abzweig, an dem ich meine Radtour starten möchte. Es ist bereits stockduster, im Lichtkegel der Scheinwerfer erkenne ich nur das Schild, das auf die Orte nördlich der Trasse verweist, daneben schemenhaft die Umrisse der tief verschneiten Lärchentaiga. Ich sage dem Fahrer, dass er mich hier absetzen kann, ich würde mich schon zurechtfinden. Das erscheint ihm offenbar etwas zu suspekt, und so steuert er kurzerhand auf eine Einsiedlerhütte zu, die es vor zehn Jahren an dieser Stelle noch nicht gab. Es wird gehupt, bis ein Mann vor die Tür tritt. Schließlich kommen sie ins Gespräch und handeln irgendwas aus. So wie es scheint, soll ich die Nacht in der Hütte verbringen und nicht irgendwo im Wald. Ich füge mich den Umständen, verabschiede mich von meiner Fahrgemeinschaft und deponiere meinen ganzen Krempel an der Hauswand.


Mit einem Sammeltaxi lasse ich mich an den Rand des Werchojansker Gebirges bringen.

Abendliche Ankunft an Valodias Haus, das früher ein Truckercafé war.
Wortkarg und mit ernstem Blick bittet mich mein überrumpelter Gastgeber in die warme Unterkunft. Valodia ist sein Name, er wohnt hier allein mit drei Hunden und einer Katze. Erbaut wurde die Hütte als Café für durchkommende Trucker, ein paar Jahre hat er damit seinen Unterhalt verdient. Doch irgendwann nach 2015 rentierte sich das Geschäft nicht mehr, und er machte den Laden dicht. Seither scheint ihn die Jagd über Wasser zu halten. Mehr gibt es nicht zu erzählen. Auch von mir will er nichts weiter wissen. Bei einer Scheibe Brot und Tee schauen wir schweigend auf den flackernden Flachbildfernseher, der neben Mikrowelle und Kühlschrank an der Decke befestigt ist. Ein schwaches kaltes Licht sorgt für etwas Helligkeit im Raum. Müdigkeit überkommt mich, deshalb frage ich ihn bald, wo ich die Nacht verbringen kann. Er führt mich in einen gut isolierten Nebenraum mit einem Bett und einer Holzpritsche am Boden. Letztere ist für mich, und so haue ich mich ohne Umschweife aufs Ohr. Der Raum ist vollkommen überhitzt – unerträglich, kaum auszuhalten. Ich bleibe wach, liege ohne Decke, am Fußende die Katze. Nach einer Weile wage ich es, das Fenster aufzureißen, nur einen Spalt, in der Hoffnung, dass es Valodia nicht bemerkt. Erst dann gelingt es mir einzuschlafen.
Ich bleibe wach, liege ohne Decke, am Fußende die Katze. Nach einer Weile wage ich es, das Fenster aufzureißen, nur einen Spalt, in der Hoffnung, dass es Valodia nicht bemerkt. Erst dann gelingt es mir einzuschlafen.

Zwischenstopp in einer jakutischen Siedlung.
2
ABZWEIG INS UNGEWISSE
TAG 1, KILOMETER 0
Als die Morgensonne über die weißen Berggipfel des Werchojansker Gebirges emporsteigt, stehe ich an dem Abzweig und blicke auf das Schild, das mir den Weg in eine mir noch unbekannte Richtung weist. Ich könnte sofort einbiegen, doch etwas hält mich. Zu bedeutsam erscheint mir der Ort, als dass ich in der Lage wäre, einfach an ihm vorüberzufahren. Mitte September 2007 stand ich schon einmal an dieser Stelle. Goldgelb leuchteten damals die Lärchen und boten einen schönen Kontrast zum Grau des Himmels, der den nahenden Winter mit bald aufkommenden Schneefällen ankündigte. Mysteriös kam mir dieser Abzweig vor, zeigte doch das damalige Schild gleich drei Orte, die ich auf meiner Übersichtskarte nicht finden konnte – weit im Norden, irgendwo im Nirgendwo: Batagaj 900 km, Ust’-Kujga 1.295 km, Deputatskij 1.519 km. Dass man diese Siedlungen ausschilderte, wunderte mich, denn auf meinen Karten waren keinerlei Wege zu finden, die über den ersten, ebenfalls genannten Ort Topolinoe in 189 Kilometer Entfernung hinausreichten. Was sind das für Orte, wenn dort keine Wege hinführen? Oder was sind das für Wege, wenn sie auch in der aktuellsten Karte nicht verzeichnet sind?

An diesem Abzweig beginne ich meine Radtour in den arktischen Norden.
Erst als ich wieder zu Hause war, fand ich die Antwort darauf: in einem kleinen russischen Straßenatlas, der auch große Teile des nördlichen Sibiriens abbildet. Hier sind sie verzeichnet, die mysteriösen Wege, dargestellt als ein paar unscheinbare Linien, die von der Kolyma-Trasse in die unendlichen Weiten des fast menschenleeren Nordens reichen – gekennzeichnet mit dem Begriff »автозимник« (avtozimnik), kurz auch »зимник« (zimnik). Was übersetzt heißt: Winterstraße für Autos, abgeleitet von »zima«, dem russischen Wort für »Winter«. Es stellte sich heraus, dass auch vom Dorf Topolinoe ein Zimnik weiter nach Norden führt – nach Batagaj und Ust’-Kujga, zu ebenjenen Orten, die auch auf dem Schild verzeichnet waren. Dieser Abzweig ist also ein offizieller Einstieg in das temporäre Winterstraßennetz des jakutischen Nordens. Nur im Winter, wenn Flüsse, Seen und Sümpfe gefroren sind, ist es möglich, diese unfassbar weit entfernten Orte auf dem Landweg zu erreichen. Eine faszinierende Vorstellung, die mich nicht mehr loslassen wollte.
Ich begann zu recherchieren, wollte mehr über diese Winterwege erfahren – welche der im Atlas verzeichneten Zimniks tatsächlich existieren, wo genau sie entlangführen und in welchem Zustand sie sind. Über Jahre hinweg filterte ich immer wieder das Internet nach allen erdenklichen Infos und Andeutungen, sichtete Berichte, Fotos und Videos von diversen russischen, osteuropäischen und internationalen Autoexpeditionen, teils auch von lokalen Fernfahrern, notierte, skizzierte und speicherte mir alles ab, was irgendwie von Bedeutung sein könnte. So vervollständigte sich das Bild mehr und mehr, insbesondere in den letzten Jahren, da bei den Suchergebnissen einige Geländewagenexpeditionen hinzukamen, die ihre gefahrenen Tracks in guter Auflösung für jedermann verfügbar machten. Schließlich wurde die Informationslage so detailliert, dass ich begann, alles Wissen in mehreren Übersichtskarten anschaulich zu bündeln, ergänzt durch eine flächendeckende Analyse der Google-Maps-Satellitenbilder, um mir einen umfassenden Überblick zu den aktuell vorhandenen Winterwegen des russischen Nordens zu verschaffen.
Ich war sichtlich überrascht, wie viele autotaugliche, regelmäßig vom Schnee befreite Winterwege es allein im Norden Jakutiens gibt, wie diese zum Teil miteinander verbunden sind und wie weit einige in die polaren Gebiete vordringen – bis hin zu den letzten Siedlungen in der arktischen Tundra –, ein Wegenetz von Abertausenden Kilometern! Und irgendwie hatte jede Variante ihren Reiz. Doch im Vergleich untereinander wurde schnell klar, dass der Zimnik über Batagaj und Ust’-Kujga der mit Abstand reizvollste sein muss, denn dieser geht nicht nur durch eine abwechslungsreiche Gebirgslandschaft, sondern führt auch auf mehreren Hundert Kilometern über das Eis gefrorener Flüsse und auf seiner Verlängerung zur Polarhafenstadt Tiksi sogar noch gute 200 Kilometer über die Eisdecke des Arktischen Ozeans. Wo hat man so etwas sonst noch auf der Welt? Tatsächlich nirgendwo!
Der Zimnik nach Tiksi sollte also mein unangefochtener Favorit bleiben – diesen und keinen anderen möchte ich fahren! Hier werde ich bis zum Schluss Neues entdecken können, bis zum Schluss immer etwas vor mir haben, das meine Motivation weckt, weiterzumachen und nicht aufzugeben. Denn ich habe eins gelernt in den vergangenen Reisejahren: Um die Moral bis zum Schluss aufrechtzuerhalten, muss ich sie regelmäßig mit etwas Neuem füttern, um auch unter widrigen Umständen nicht einfach das Handtuch zu werfen oder den Sinn des Ganzen zu hinterfragen. Solange ich etwas vor mir habe, das mich begeistert und das ich unbedingt noch sehen möchte, ergibt es für mich auch Sinn, ein Ziel aus eigener Kraft zu erreichen – nicht der Kilometer wegen, sondern des Erlebnisses wegen! Und das gefrorene Polarmeer als Finaletappe ist definitiv etwas, das ich mir auf keinen Fall entgehen lassen möchte.
Der Zimnik nach Tiksi sollte also mein unangefochtener Favorit bleiben – diesen und keinen anderen möchte ich fahren! Hier werde ich bis zum Schluss Neues entdecken können, bis zum Schluss immer etwas vor mir haben, das meine Motivation weckt, weiterzumachen und nicht aufzugeben.
Noch immer stehe ich an dem Abzweig, doch beschwingt von dem letzten Gedanken trete ich nun endlich in die Pedale und mache mich auf den Weg. Der Startschuss ist gefallen, es geht los! Die ersten 190 Kilometer bis zum Dorf Topolinoe sind noch eine normale Schotterpiste, jetzt natürlich schneebedeckt, die auch im Sommer mit dem Auto befahren werden kann. Der nächste größere Ort danach: Batagaj in 900 Kilometer Entfernung. Es ist die längste Etappe zwischen zwei Versorgungspunkten, und so bringt mein bepacktes Rad ein noch nie da gewesenes Gesamtgewicht von gut 110 Kilogramm auf die Waage. Allein den Anteil des Proviants schätze ich auf rund 20 Kilogramm. Zudem habe ich zwei Thermoskannen mit Tee dabei, drei Liter Benzin, zwei Benzinkocher, einen Gaskocher, ein Beil, eine Handkettensäge, ein Solarpaneel, Werkzeug, Ersatzteile, Unmengen an Klamotten und natürlich eine umfangreiche Fotoausrüstung, bestehend aus einer Pentax-Spiegelreflexkamera mit drei Objektiven, einer Sony-Kompaktkamera, einer Go-Pro-Actioncam und einem Stativ, dazu etliche Akkus, Ladegeräte und so weiter. Viel zu viel, könnte man meinen, doch hier draußen, fern jeder Zivilisation, schleppe ich lieber etwas mehr mit mir herum als zu wenig. Sicher ist sicher, denn ich möchte einerseits vollkommen autark bleiben, um auch in schwierigen Situationen nicht auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, andererseits auch nicht auf den Luxus verzichten, ein gutes Foto schießen zu können.
Mit dabei ist auch eine Rollpulka – ein leichtes Kunststoffteil, das nur 400 Gramm wiegt, sich einrollen lässt und im Gepäck um das Zelt gewickelt quasi keinen zusätzlichen Platz wegnimmt. Aber ausgerollt kann ich sie wie einen Schlitten hinter meinem Rad herziehen und einen Teil meines Gepäcks auf sie auslagern. Eigentlich war der Plan, sie erst dort einzusetzen, wo ich eventuell auf Schneemobilpisten ausweichen muss, also dort, wo eine Verteilung der Gepäcklast auf eine größere Fläche von Vorteil wäre, um nicht zu tief in den Schnee einzusinken. Das ist auch der Grund, warum ich mich für das Surly Pugsley entschieden habe, ein Fatbike mit vier Zoll beziehungsweise zehn Zentimeter breiten Reifen. Doch schon jetzt stehe ich vor dem Problem, wie ich diese Unmengen an Gepäck am Fahrrad transportieren soll. Ich müsste alles noch einmal umpacken, aber darauf habe ich im Moment keine Lust. Also entscheide ich mich kurzerhand dafür, die Rollpulka gleich hier ans Rad zu binden und mit einer großen Tasche zu beladen. Vor zwei Jahren hatte ich dieses Konzept schon einmal getestet. Es funktioniert, nur bergab kann es passieren, dass mich der Schlitten überholt und die Zugleinen sich um das rotierende Hinterrad wickeln …
VON HÜTTE ZU HÜTTE
Es ist unglaublich mild: 0 °C zeigt mein Thermometer! Normal ist das nicht, hatte ich doch um diese Zeit eher mit –50 in der Nacht und –30 °C am Tag gerechnet. Bis Mitte März kann es im Werchojansker Gebirge noch vereinzelt solche Werte geben. Mental hatte ich mich darauf eingestellt, dass die ersten Tage hart werden würden. Doch nun das völlige Gegenteil – eine regelrechte Hitzewelle! Ich fahre nur mit langärmeligem Unterhemd und T-Shirt, zeitweise auch ohne Mütze. Es geht auf und ab, vor allem an den Anstiegen komme ich mächtig ins Schwitzen. Ich bin noch vollkommen untrainiert und muss mir erst einmal etwas Kondition erarbeiten. Fast schon aussichtslos erscheint mir das Vorhaben, mit solch einer Gepäckmasse noch 1.800 Kilometer bewältigen zu wollen, als könne ich dieser enormen Belastung nicht standhalten. Aber ich weiß: Das kommt noch. Die erste Reisewoche ist meine Trainingswoche. Ruhig angehen und dann durchstarten, das ist meine Devise. Zumal ich jetzt am Anfang ohnehin meinen Fokus auf die Eingewöhnung an die winterlichen Umstände und die alltägliche Routine richten muss. Da kommt es mir natürlich entgegen, dass ausgerechnet jetzt so milde Temperaturen herrschen, das erleichtert den Einstieg ungemein.
Ich genieße es, endlich auf eigene Faust unterwegs zu sein, dieses Land in seinem Winterkleid hautnah mit allen Sinnen und viel Zeit erleben zu können. Immer, wenn ich eine Freifläche oder eine Anhöhe passiere, schweift mein Blick in die Weite, um jedes Detail dieser faszinierenden Welt einzusaugen. Rechts die blendend weißen Gipfel der über 2.000 Meter hohen Gebirgskette, links die unendlich wirkende Lärchentaiga der jakutischen Tiefebene. Das alles in das strahlende Licht der wärmenden Märzsonne getaucht. Als jene am Abend als glühend roter Ball über der weiten Waldebene untergeht, spüre ich, wie mich meine Kräfte verlassen. Ich könnte auf der Stelle umfallen und einschlafen, doch ich will noch ein Stück weiter. Valodia hatte mir von einer Hütte erzählt, direkt am Weg, in etwa 40 Kilometer Entfernung. Wenn ich sie erreiche, kann ich mir den Zeltaufbau ersparen und hätte zudem einen wirksam schützenden Unterschlupf.
Auch wenn es im Moment noch nicht danach aussieht, dass es nachts kälter als –15 °C werden könnte, will ich auf dieser Reise von Beginn an jede sich bietende Möglichkeit nutzen, nicht im Freien zu übernachten, um meine körpereigenen Energiereserven zu schonen. Nur so glaube ich, sechs Wochen ohne erholende Pausentage durchstehen zu können. Mein Erfahrungsrepertoire geht zurück auf drei längere Winterradreisen, die mich in der Vergangenheit durch Skandinavien und das nördliche Russland führten. Jede dieser Expeditionen dauerte rund drei Wochen, und jedes Mal fühlte ich am Ende, dass die Luft raus war, dass ich bei einer Verlängerung keinen Spaß mehr haben würde, mich physisch und psychisch vollkommen verausgaben müsste. Diesen Zustand muss ich diesmal unbedingt so weit wie möglich hinausschieben, um bis zum Schluss bei Kräften zu bleiben. Und so fange ich heute schon an, eher aus Prinzip als aus Notwendigkeit, und fahre weiter in die Nacht hinein, fest entschlossen, diese Hütte als ersten Lagerplatz zu erreichen.

Fantastischer Weitblick: auf der einen Seite das Werchojansker Gebirge, auf der anderen die jakutische Tiefebene.


Als das letzte Licht des Tages dahinschwindet, funkeln immer mehr Sterne am Firmament auf. Richtig dunkel wird es aber nicht, denn der zunehmende Halbmond steht in dieser Phase schon hoch am Abendhimmel und beleuchtet mit seinem fahlen Schein die winterliche Szenerie. Durch den hell reflektierenden Schnee ist alles gut zu erkennen, sodass ich ohne Kunstlicht in die Nacht fahren kann. Ein tolles Gefühl, bei solch stimmungsvollen Umständen durch dieses menschenleere Land zu streifen. Und so vergesse ich für eine Weile, dass ich eigentlich schon umfallen wollte.
Dann, nach 43 Kilometern, taucht sie endlich auf: eine kleine hölzerne Blockhütte am rechten Wegesrand. Erleichtert stelle ich mein Rad an die Außenwand und checke die Lage. Anscheinend war schon lange niemand mehr hier, denn es gibt keinerlei Spuren, und die Eingangstür ist von einem Schneewall blockiert. Mit einem Brett, das neben der Tür an der Hüttenwand lehnt, schiebe ich den Schnee zur Seite und trete hinein. Im Schein meiner Kopflampe erkenne ich einen kleinen Tisch, eine breite Bank, einen Ofen, davor ein paar Holzscheite. Alles macht einen gepflegten Eindruck, sogar die Fenster scheinen alle gut abgedichtet – mit einer transparenten, offenbar sehr robusten Plastikfolie. Flugs quartiere ich mich ein, taue noch etwas Schnee für neuen Tee und eine Nudelsuppe auf und lege mich ohne Umschweife in den Schlafsack.
Ich bin völlig am Ende. Dieser erste Tag hat mir eine Menge abverlangt. So viele Eindrücke, die Eingewöhnung an eine neue Routine, an den Winter, ans ständige Draußensein, dazu noch vollkommen untrainiert Leistung bringend. Ich spüre Erschöpfung, aber auch Erfüllung, wiege mich in Gedanken und Erinnerungen. Unzählige Bilder huschen vor meinem geistigen Auge dahin – Gesehenes, Erlebtes, Erdachtes … Immer noch in die Pedale tretend, gleite ich hinüber ins Reich der Träume. Sechs Wochen werde ich nun in dieser Winterwelt unterwegs sein, mit all ihren Herausforderungen. Tag für Tag, Kilometer um Kilometer. Rastlos, atemlos, erbarmungslos. Bei Kälte, bei Schnee, bei Sturm. Den Naturgewalten ausgeliefert, in endloser menschenleerer Weite, so ziehe ich dahin. Unbeirrt, unermüdlich, unaufhaltsam …
Rums! Ein lautes Krachen reißt mich aus dem unruhigen Schlaf, zurück an den behüteten Ort, der mir Schutz bietet vor all dem gedanklichen Unbill des sibirischen Winters. Benommen richte ich mich auf, versuche mich zu orientieren. Doch dann trifft mich ein greller Lichtschein, drei schemenhafte Gestalten nähern sich, murmeln etwas in einer mir fremden Sprache. »Zdorovo!« – »Hallo« –, donnert es mir entgegen, und mit einem Schlag ist mein Bewusstsein wieder im Hier und Jetzt. »Hallo«, antworte ich und schaue kurz auf meinen Radcomputer – es ist zehn vor vier. Wer kommt mitten in der Nacht auf die Idee, in eine abgelegene Blockhütte zu schauen, die seit Wochen von niemandem betreten wurde – ausgerechnet jetzt? Wie sich herausstellt, handelt es sich um eine kleine Fahrgemeinschaft aus Topolinoe. Nikolaj, der mit seiner Frau und deren Mutter nach Chandyga fahren will, hatte über seinen Bruder von mir erfahren. Gestern gegen 8 Uhr abends sei er mit mir zusammengetroffen. Ich erinnere mich an etwa ein Dutzend Fahrzeuge, die mir im Laufe des Tages begegnet sind, und das letzte war tatsächlich eines, das aus Topolinoe kam. Mit dem Fahrer hielt ich ein kurzes Schwätzchen. Dabei erzählte ich ihm offenbar auch, dass ich noch bis zur besagten Hütte fahren will, um dort zu übernachten. Wie leichtfertig! Nur deswegen habe ich jetzt Besuch. Aber gut, irgendwie auch nett, dass man kurz anhält, um mich kennenzulernen, auch wenn es mitten in der Nacht ist.
Natürlich wird der Zwischenstopp gleich mit einem kleinen Imbiss kombiniert. Nikolaj wirft ein paar der herumliegenden Holzscheite in den Ofen und entfacht ein wärmendes Feuer, während die Frauen ihr mitgebrachtes Essen auf dem Tisch ausbreiten. Ich bin aufgefordert, mich zu bedienen, und greife mir die eine oder andere hausgemachte Leckerei. Es herrscht eine freundliche familiäre Atmosphäre, als wäre ich ein alter Bekannter, zu Gast an einem vertrauten Ort. In dieser Abgeschiedenheit ist sich niemand fremd, hier gehen alle aufeinander zu und erkundigen sich nach dem Wohl des anderen. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, das mir schon auf früheren Russlandreisen vor Augen geführt wurde: je abgeschiedener ein Gebiet, desto größer die Hilfsbereitschaft der dort lebenden Menschen. Und so kommt es, dass ich mich hier draußen, weitab jeglicher Zivilisation, zuweilen sicherer fühl, als in den infrastrukturell gut erschlossenen Gegenden Europas. Sicherheit ist ohnehin nur ein Gefühl, ein Gegenspieler der Angst. Vertrauen hilft. Und hier sind es die Menschen, denen ich vorbehaltlos vertraue.
Nach einer guten halben Stunde packen sie wieder ein und machen sich auf den Weg, weiter in Richtung Chandyga. Das, was vom Imbiss übrig geblieben ist, überlassen sie mir: eine Pirogge, drei Eier, einen Apfel, eine Birne, Mandarinen. Über jeden Bonus bin ich dankbar! Die Hüttentemperatur ist inzwischen von –8 auf +10 °C angestiegen – viel zu warm! Ich lasse die Tür ein wenig offen, um im dicken Winterschlafsack keinen Hitzekoller zu erleiden. Die klare Frostluft … Ja, sie hat auch etwas Angenehmes. Die große Kälte soll ruhig kommen. Ich spüre, ich bin bereit! Und schon sind sie wieder da, die Bilder von den winterlichen Szenen – mit mir, allein, ausgesetzt, den Naturgewalten trotzend. Unbeirrt, unermüdlich, unaufhaltsam schleiche ich mich wieder hinüber in eine schläfrige Gedankenwelt. Eine, die mich mental auf all das vorzubereiten scheint, was mir in der realen Welt tatsächlich noch widerfahren könnte.
Als ich mich am nächsten Tag aufs Rad schwinge, hat die Sonne ihren höchsten Stand schon hinter sich. Den Schlitten habe ich wieder eingepackt, ich muss ihn schonen, denn er hat bereits ein Loch. Auf der Piste ragen einfach zu viele Steine durch den festgefahrenen Schneepanzer. Nun bin ich gezwungen, die gesamten 80 bis 90 Kilogramm Gepäck direkt am Rad zu befestigen. Es gelingt, auch wenn das Gefährt jetzt aussieht wie ein Eselskarren. Ich rolle weiter am Gebirgsrand entlang, auf und ab, diesmal jedoch mit weniger Ausblicken. Es ist immer noch unglaublich mild: +2 °C zeigt das Thermometer. Aber der Wind hat aufgefrischt, lässt die Wipfel der kahlen Lärchenwälder schwanken. Stürmische Böen fegen die Wegschneise hinab, wirbeln Pulverschnee über die Piste. Erst am Abend kommt wieder Ruhe in die Atmosphäre, und die Temperatur sackt ruckzuck auf unter –10 °C. Sobald die Sonne an Kraft einbüßt und der Wind einschläft, kühlt es sich bodennah schnell ab. In der Höhe jedoch bleibt die Luft noch länger mild und deckelt die darunterliegende Kaltluft regelrecht ab – eine thermale Inversion entsteht. Als die Sonne untergeht, bekomme ich die Grenzschicht der unterschiedlich temperierten Luftmassen zu sehen. Sie wirkt wie ein Spiegel und lässt die Sonne in jenem Moment wieder aufgehen, als sie gerade dabei ist, am Horizont zu verschwinden. Ein skurriles Schauspiel, das etwa zehn Minuten andauert, ehe sich auch das Spiegelbild der untergegangenen Sonne verabschiedet.



Die erste Nacht verbringe ich in einer leer stehenden Blockhütte, doch dann bekomme ich nächtlichen Besuch …

Zu Gast bei den Jägern Pavel und Semjon.
Ich fahre weiter in die vom Mond erhellte Nacht. Bis etwa 8 Uhr versuche ich Strecke zu machen, den Tag so gut es geht auszunutzen. Erst dann will ich mich nach einem Schlafplatz umschauen. Laut Karte liegt wieder eine Hütte in Reichweite, die Izbuschka Menkjule am gleichnamigen Fluss. Als ich die Stelle erreiche, eröffnet sich mir ein idyllischer Ort in einem stimmungsvollen Licht. Die Hütte scheint gut in Schuss, aber auch bewohnt zu sein. Als ich auf sie zugehe, um einen Blick hineinzuwerfen, bemerke ich im letzten Moment einen schwachen Lichtschein aus einem der Fenster. Hmm, mag ja sein, dass die Einheimischen keine Hemmungen haben, mitten in der Nacht einen Fremden zu begrüßen, aber mir widerstrebt es, mich um diese Zeit selbst einzuladen. Ich hab ja keine Not, also lasse ich die Leute einfach in Ruhe und suche mir einen Platz unter dem schönen Sternenhimmel. Aber ein Foto muss noch sein von dieser rustikalen Szenerie, die wie aus einer anderen Zeit erscheint. Und so schraube ich kurzerhand meine Pentax aufs Stativ, um mit einer Langzeitbelichtung die Hütte im Mondlicht auf meine Speicherkarte zu bannen. Just in dem Moment geht die Tür auf und zwei Männer treten ins Freie. Sie haben mich bemerkt, als ich kurz meine Kopflampe aufleuchten ließ, und rufen nun irgendwas in meine Richtung. Also gut, dann machen wir uns doch noch bekannt. »Bist du der Radfahrer, von dem alle erzählen?« – »Ja, der bin ich.« – »Komm rein und sei unser Gast!« So schnell, so einfach kann es gehen. Und ich weiß, dass solche Einladungen, einmal ausgesprochen, immer ernst gemeint sind, sie auszuschlagen sogar unhöflich wäre.
Semjon und Pavel sind vom kleinen indigenen Volk der Ewenen, einer halbnomadisch lebenden Minderheit, die auch heute noch in großem Stil mit Rentieren umherzieht. Pavel aber ist wie Semjon Trassenarbeiter und Jäger, er hat zwei Söhne, einer lebt in Moskau, der andere in Novosibirsk. In Europa war er auch schon einmal, hat Berlin gesehen und den Eifelturm von Paris. Aber eigentlich träumt er wie Semjon von einer Safari in Afrika, die Jagd sei ihr Adrenalin. Was sie hier jagen? Oleny – Hirsche, offenbar auch wilde Rentiere. Und so gibt es zum Abendessen gebratenes Rentierfleisch und als Vorspeise rohes Gehirn – eine ewenische Delikatesse … Aus Höflichkeit probiere ich ein bisschen, doch was daran so delikat sein soll, will sich mir nicht erschließen. Das fettige Fleisch hingegen schmeckt vorzüglich und liefert die nötige Energie, ohne die man in diesem Land zu dieser Jahreszeit nicht überleben könnte. Dann zeigen mir die beiden ihr Schlaflager. Ein Bett ist noch frei, allerdings ohne Decke. Doch die braucht man hier sowieso nicht, der Raum ist mal wieder vollkommen überhitzt. So wie ich bin, lege ich mich auf die Seite und wälze mich mehr schlecht als recht in den Schlaf. Gegen 2 Uhr nachts kommt der nächste Besuch. Das scheint hier gang und gäbe zu sein, denn auch dieser wird ganz selbstverständlich willkommen geheißen und mit dem restlichen Rentierfleisch beköstigt. Offenbar ist diese Hütte eine Art Raststätte für durchkommende Fernfahrer. Das erklärt die vielen Betten und die unkomplizierte Bewirtung nächtlicher Besucher.
Pulsuz fraqment bitdi.