Kitabı oxu: «Die Bewohner von Plédos»

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 3

Weltkarte 4

Die Kontinente der Inselwelt 6

Der Komponische Märchenwald 13

Der Dunkle Mond 24

Die Expedition 36

Sabut 57

Die Schlangenburg 71

Der Kyruppengraben 83

Die Donnerstadt 97

Die Küstenstadt 107

Die Polreise 118

Im Land der Mammutfresser 133

Unter Touristen 149

Die Reise nach Gorkan 160

Das Tal des Todes 178

Bei den Pessianern 194

Panokrel 212

Aufbruch nach Omonu 234

Im Bauch des Felsendrachen 243

Der Missionar 257

Die grüne Halbinsel 273

Bei den Wildhörnern 279

Berbis Tat 297

Die Wildhornversammlung 311

Die Strafe 320

Das Geheimnis des Grizzly-Fressers 329

Die Passbewohner 339

Der Orkan 350

Die Windsbraut 358

Die Kordelstadt 370

Die Lichtmaschine 381

Der Flug nach Totenmund 394

Die Gerichtsverhandlung 405

Alte Bekannte 421

Im Kunstverein 435

Die Bekehrung 446

Sendbriefe nach Haihaupt 456

Wieder zu Hause 468

Impressum

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-85022-464-2

ISBN e-book: 978-3-99131-283-3

Lektorat: Mag. phil. Barberi Alessandro

Umschlaggestaltung und Innenabbildungen: Winfried Nowotny

www.novumverlag.com

Weltkarte



Die Kontinente der Inselwelt

Etwa viertausend Jahre braucht das Licht, um von einem großen weißen Stern zu unserer Erde zu gelangen. Dieser Stern wird von zwölf Planeten umbahnt. Der siebente unter ihnen ist eine geheimnisvolle Inselwelt. Unter den Weisen der Vorzeit, die noch über ein Wissen verfügten, das heute verschollen ist, wurde sie wegen der Vielfalt ihrer Lebensformen die Welt von Plédos genannt. Sie ist mit einem Umfang von über neunundfünfzigtausend Kilometern etwas größer als die Erde und ihre Achse ist nur wenig geneigt. Diese Inselwelt wird in einem Abstand von nur hundertfünfzigtausend Kilometern von einem großen dunklen Mond umkreist. Einige nennen diesen Mond einen Planetenmond. Sie nennen ihn deshalb so, weil sich beide Himmelskörper, Plédos und sein Mond, um eine gemeinsame Achse drehen, die etwa in der Mitte zwischen beiden liegt. Obendrein drehen sich beide relativ zu dieser Bahn auch um ihre eigene Achse und wenden einander stets unterschiedliche Seiten zu. Sie haben ein gemeinsames Schwerefeld und der Planetenmond besitzt eine Atmosphäre, die der von Plédos sehr ähnlich ist. Er ist im Verhältnis zur Welt von Plédos viel größer, als jeder gewöhnliche Mond im Verhältnis zu seinem Planeten ist. Sein Umfang liegt bei fünfundzwanzigtausend Kilometern. Die Bewohner der Welt von Plédos nennen ihn Pessian. Pessian besitzt wie Plédos einen reinen, blauen Himmel mit mäßiger Dunstbildung, aber er verfügt nur über wenige Meere, die sehr unrein sind. Der Planetenmond ist von vielen kleinen und großen insektenartigen Lebewesen bewohnt. In früheren Zeiten fanden von Plédos aus Raumflüge nach Pessian statt, aber das ist eine andere Geschichte, die an anderer Stelle erzählt werden soll.

Die Welt von Plédos ist, abgesehen von ihren beiden Polen, in sieben verschiedene Kontinente aufgeteilt, die sehr unterschiedlich geformt sind und eine ungeheure Vielfalt an Lebensformen beherbergen. Allein die Unterschiede zwischen den menschlichen Völkern sind vielfältiger als auf den anderen Welten vergleichbarer Größe, umso mehr die zwischen den Tieren.

Der Kontinent Stiefelburg gleicht am ehesten einem lang gestreckten Rechteck und läuft im Nordosten in den Kopf eines Seeungeheuers oder in so etwas wie einen gewaltigen, geschwungenen Damenstiefel aus. Es ist der Kontinent der Abenteurer. Die Völker von Stiefelburg stehen auf unterschiedlicher Kulturstufe. Die nördlichen Nationen sind mit den Kulturen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts vergleichbar, die kriegerischen, südlicheren haben viel Ähnlichkeit mit der Kultur des Mittelalters. Sie haben viele große Burgen und Ländereien und gehen in Rüstungen einher. Sie befinden sich im ständigen Krieg mit einer außergewöhnlichen Menschenrasse, die ebenfalls im Süden heimisch ist, – den Wildhörnern.

Bei den Wildhörnern handelt es sich um die geheimnisvollste und außergewöhnlichste Menschenrasse auf Plédos. Ihr Blut ist besonders eisenhaltig und kann in besonderem Maße Sauerstoff binden, der ihr Gehirn und ihre Muskeln versorgt. Ihre Haut ist von matter, silbergrauer Farbe und ausgesprochen zäh und sie verschmähen es, Kleidung zu tragen. Sie haben große, grüne Katzenaugen und ihre Stirn ist wie ein Pilzdach oder ein Helm nach außen gewölbt. Ihr Haar gleicht einem einzigen langen Schweif, der sich in der Mitte des Kopfes befindet und von unterschiedlicher Farbe, aber meist feurig rot ist und sie tragen Hörner auf dem Kopf, wonach sie benannt sind. Sie besitzen lang gestreckte Burgen, die sich in der Unendlichkeit des Kontinentes verlieren. Frauen und Männer unterscheiden sich äußerlich kaum voneinander. Beide Geschlechter sind ungeheuer gewandt im Kampf. Da der Geburtskanal der Frauen wegen der Zähigkeit ihrer Haut und Muskulatur nur wenig dehnbar ist, kommen die Kinder ganz klein, kaum größer als ein Daumen, zur Welt. Schon im Säuglingsalter sind sie ungeheuer flink und gewandt und handhaben die Waffen ohne große Mühe. Trotz der großen Grausamkeit, die man ihnen nachsagt, sind die Wildhörner sehr auf Ästhetik und Sauberkeit bedacht. Unter den Stiefelburgern sind es die Gentlemen. Sie verfügen über große Spiralschwerter mit einer unglaublich dünnen Schneide von unübertrefflicher Schärfe, mit denen sie schnell und präzise umzugehen verstehen. Wenn sie damit auf ihre Gegner einschlagen, so bleibt das von diesen zunächst fast unbemerkt, vorausgesetzt, sie lassen ihre Arme dabei nicht senkrecht nach unten hängen. Im Gegensatz zu ihren Gegnern, den übrigen Südländern, lassen sie keine blutigen Leichen zurück, vorausgesetzt, die von ihnen so behandelten haben sich noch nicht von der Stelle bewegt. Tun sie dies aber, so kann es geschehen, dass sie in saubere Scheibchen zerfallen, aus denen dann erst, wenn sie in Panik davonzulaufen versuchen, langsam das Blut quillt. Ohne sich von der Stelle zu bewegen, können sie sogar einige Wochen überleben, essen und trinken und sogar Stuhlgang haben, wenn sie sich dabei auf den Beinen halten. Den Wildhörnern selbst ist es unbegreiflich, dass ihnen Grausamkeit nachgesagt wird. Vielmehr halten sie sich selbst für äußerst kultiviert. Sie verfügen auch über sehr viele Wissenschaften, die den meisten Menschen auf Plédos unbekannt sind. Da sie aber sehr traditionsbewusst sind, haben sie ihre Sitten und Kulturgüter seit Jahrtausenden nicht geändert. Dennoch gehörten sie zu den ersten, die sich für Sternkunde interessierten und eine Form der Weltraumfahrt entwickelten.

Es ist noch nie beobachtet worden, dass irgendein Wildhorn im Kampf gegen Menschen gefallen ist. Der Flinkheit und Stärke der Wildhörner ist niemand gewachsen, noch hat jemals ein gewöhnlicher Sterblicher ihren Erfindergeist ergründet. Dennoch treibt der Herrscher der Südländer, König Artobald, seine Ritter unter Androhung der Todesstrafe an gegen die Wildhörner, deren Grausamkeit er nie genügend hervorheben kann, zu kämpfen. Wer den Befehlen des Königs nicht gehorcht, muss unter entsetzlichen Qualen den Tod erleiden. Seine Güter verfallen an die Henkersknechte und seine Familie wird ehr- und mittellos. So wählen die Ritter des Königs lieber den Tod im Kampf. Es ist zu vermuten, dass den Wildhörnern diese Tatsache nicht bekannt ist. Wüssten sie davon, so würden sie die gegen sie anstürmenden Südländer gewiss schonungsvoller behandeln. So aber glauben sie im Recht zu sein, wenn sie sich verteidigen. Wahrscheinlich sagen sie sich, dass die mittelalterlichen Südländer ganz schöne Dummköpfe sein müssen, wenn sie nicht den Mut aufbringen, sich gegen einen König, der sie grausam unterdrückt, zur Wehr zu setzen. Wahrscheinlich können sie sich nicht vorstellen, dass ein Volk einen anderen König haben könne als den, den es selbst gewählt hat und der es repräsentiert. Wahrscheinlich sind sie deshalb so wenig geneigt, die Ritter, die von allen Seiten ihre Burgen anzugreifen suchen, als bloße bemitleidenswerte Opfer zu betrachten. Wer weiß es? Wie dann doch die Wildhörner am Ende eine Lösung des Problems fanden, die beiden Seiten zugute kam, das ist eine andere Geschichte, die später berichtet werden soll.

Einer der berühmtesten Nordländer von Stiefelburg ist hauptsächlich unter dem Namen „Männelein“ bekannt. Eigentlich nennt er sich Galun. Er war ein Einzelkind und wuchs bei seiner Mutter auf, mit der er in ständigem Konflikt stand. Gemeinsam mit seinem Freund Bilon, einem munteren Blondschopf, unternahm er Streifzüge durch die ganze Welt. Seine Abenteuer sind legendär. Über sie wird später noch zu berichten sein.

Östlich von Stiefelburg liegt Íoland. Íoland gleicht in der Gestalt einer Flunder mit erhobener Schwanzflosse. Der Kontinent ist vorwiegend von Fischern und solchen Menschen bewohnt, die auf ihren persönlichen Nutzen bedacht sind. Sie betreiben Handel, fahren zur See und haben prunkvolle Städte.

Es gibt nur zwei sehr große Kontinente auf Plédos, die untereinander durch eine Landbrücke verbunden sind. Den nördlichen nennen wir Windlanden, den südlichen Totenmund.

Windlanden hat die Form eines schemenhaften, geschlängelten Menschen mit großem Kopf und ohne Gliedmaßen. Den Namen hat der Kontinent von den Luft- und Feuerstürmen, die dort wüten. Solche Stürme kommen und gehen in kurzer Zeit, richten ungeheure Verwüstungen an und sind so schnell vorüber, wie sie begonnen haben. Die Bewohner von Windlanden sind kaum eine Stunde vor solchen Stürmen sicher. Um sich vor den schrecklichen Winden zu schützen und nicht alle Tage ihr Hab und Gut zu verlieren, haben sie sich unterschiedliche Methoden ausgedacht. Viele ihrer Städte gleichen Spinnennetzen, die zwischen ungeheuer hohen, biegsamen Pfeilern ausgespannt sind. In diesen Netzen aus feuerfestem Material sind Häuser wie schwingende Gondeln eingewoben, ebenfalls feuerfest, die den Luft- und Feuerstürmen trotzen sollen. An anderen Orten befinden sich feuerfeste niedrige Häuser, deren wandelbare Dächer ihre Schräge verändern und sich der Windrichtung anpassen können. Die Einwohner gehen dort mit glatten, schimmernden Kleidern und großen Hüten aus einem asbestartigen Material durch die Straßen.

Durch den Kontinent erstrecken sich große, hohe Gebirgszüge. Hier wohnen in Höhlen und aus den Felsen gehauenen Wohnungen versteckt andere Völkergruppen. Viele dieser Felsendörfer sind in den nieder gelegenen Gebirgspässen fast vollständig vor den Luft- und Feuerstürmen geschützt.

Der Kontinent Totenmund gleicht einem menschlichen Totenschädel mit leicht geöffnetem Mund und vorgeschobener Unterlippe. Er ist von Hexen, Zauberern und Kobolden bewohnt, die ein eigenes Volk bilden. Diese Wesen sind von ausgesprochener Hässlichkeit und mit Alraunen vergleichbar. Sie sind äußerst zäh und widerstandsfähig und werden mehrere tausend Jahre alt. Sie wohnen in Höhlen und Hütten in dichten Wäldern, die von Nebelschwaden durchzogen sind. Mit ihren einfachen Fluggeräten eilen sie vom Wind getragen durch die Luft. Insbesondere die Völker im Bereich der an Windlanden angrenzenden Landbrücke haben sich diese Fähigkeit zunutze gemacht.

Östlich von Windlanden und Totenmund liegt der Kontinent Haihaupt. Seine Form ähnelt einem Bumerang. Dieses Land ist von mächtigen, etwa zehn Meter hohen Riesen bewohnt. Ihre Kultur ist sehr einfach und roh. Sie wohnen in Hütten, die aus Bäumen geflochten sind, und sind meist von unsäglicher Grausamkeit. Man sagt, dass einer von ihnen, der missgebildet war und zwei Hörner auf dem Kopf und ein weiteres auf der Stirn trug, sich auf eine einsame Insel im Ostmeer zurückgezogen habe, wo er sich von Bären ernähre, die er roh verzehren würde. Diese Insel nennt man die Grizzlyfresserinsel. Ihr Namensgeber ist auch für gestrandete Menschen sehr gefährlich. Seine Zähne sind spitz. Die Landsleute des Grizzlyfressers behaupten, dass dieser den Verstand verloren habe. Aber sie haben nichts unternommen, um ihren wahnsinnigen Bruder zurückzuholen. Sie lassen ihn gewähren.

Ein weiterer, noch weiter östlich gelegener Kontinent ist Ómuo. Er besteht eigentlich aus zwei größeren Inseln, einer kleineren südöstlichen und einer relativ kleinen, nordwestlichen, die durch eine Landbrücke miteinander verbunden sind. Die kleinere, südöstliche, wird von ihren Bewohnern Omonu genannt. Die größere, nordwestliche nennen die zivilisierten Völker Sonnenostun. Sie heißt deshalb so, weil sie, wie auch die Halbinsel Omonu, im sogenannten Sonnengürtel des Planeten liegt, der sich durch außerordentliche Hitze auszeichnet. Sonnenostun hat eine nordwestliche Ausbuchtung, die der Karikatur eines menschlichen Gesichtes im Profil gleicht, und läuft südwestlich in eine riesige Zacke aus, die einem Bart ähnelt und sich in mehreren kleinen Inseln fortsetzt. Für das zusammenhängende Festland hat sich der Name Ómuo eingebürgert. Die Vegetation auf Ómuo ist in besonderem Maße schwefelhaltig und erzeugt Ausdünstungen, die das Sonnenlicht sammeln und eine unerträgliche Hitze verursachen, sodass selbst die Haut der schwarzen Völker unter ihrer Einwirkung verbrennen würde. Es hat sich daher auf Ómuo eine besondere Menschenrasse herausgebildet, die statt Pigmenten Chlorophyll in der Haut trägt und daher grün erscheint. Selbst ihre Augäpfel sind grün. Sie besitzen die Fähigkeit der Fotosynthese, können daher von Licht und Wasser leben und sind weder Vegetarier noch Fleischesser. Sie brauchen nicht zu arbeiten, um sich Nahrung zu beschaffen, was bei der unerträglichen Hitze tagsüber auch kaum möglich wäre. Sie haben es daher auch nie zu einer höheren Kultur gebracht. Ihre Zähne sind klein und spitz und werden außer zum Abschaben von Steinen nur zur Selbstverteidigung benutzt. Auch ihre selbst gefertigten Waffen, große, lange Speere, setzen sie nur zur Verteidigung ein. Sie tragen keine Kleidung, behängen sich aber mit Schmuck. Die grünen Völker bekämpfen sich nicht untereinander, da sie friedliebend sind. Es gibt aber viele große gefährliche Tiere auf Ómuo, die fast alle fleischfressend sind. Selbst viele Pflanzenarten auf Ómuo sind fleischfressend. Wegen der aufsteigenden Schwefeldämpfe gedeihen grüne Pflanzen nur schlecht. Viele haben sich daher auf ein Dasein als Zwitterwesen – halb Tier, halb Pflanze – spezialisiert und lauern ihren Opfern aus dem Hinterhalt auf. Da die Eingeborenen von Ómuo, besonders die Kinder, nicht immer Waffen bei sich tragen, müssen sie sich oft ihrer kleinen Zähne bedienen, um die Pflanzen zu zerstückeln, die sie überraschend ergreifen, um sie zu verzehren. Darüber hinaus müssen sich die grünen Völker gegen die Fischer aus Íoland und die Abenteurer aus Stiefelburg verteidigen, die nach Ómuo reisen. An der Eroberung des Kontinentes sind diese bisher gescheitert.

Der Kontinent Rüsselschwein im Osten von Ómuo gleicht einer plumpen Sau auf zwei südwestlichen Beinen mit gewaltigem Kopf, den man als eine Mischung aus Schwein und Elefant bezeichnen könnte, und der im Norden in einen riesigen, aufgerichteten Rüssel ausläuft. Unter allen Kontinenten von Plédos ragt Rüsselschwein – von seinen Bewohnern „Kirisag“ genannt – durch seine reiche Tierwelt hervor. Manche dieser Tiere sind denen auf der Erde ähnlich. Gewöhnliche Menschen gibt es in Rüsselschwein nur wenige, aber es leben dort einige Riesen- und Zwergenvölker. Unter diesen stechen die fünf Meter hohen Giplomben, blaue, dumpfe Riesen mit Stielaugen, und die Zwergenrasse der Kunos hervor. Ausgewachsene Kunos werden in der Regel siebzig Zentimeter hoch, haben Schweinsnasen, dicke Bäuche und langes, struppiges Haar. Im Norden des Landes befindet sich der ausgedehnte Löwensee, wo sich Herden großer löwenartiger Tiere treffen. Weiter südlich liegt die große, eintausend Kilometer tiefe Ganganjer-Schlucht. Sie ist das Wahrzeichen des Kontinentes. Alles, was in diese Schlucht stürzt, wird an ihrem Grund zu Staub zermalmt. Man sagt, dass diese Schlucht entstanden sei, als sich einst in grauer Vorzeit der Planetenmond Pessian von Plédos trennte. Damals sei der Inselwelt diese große Wunde gerissen worden.

Am nördlichen Rande der Ganganjer-Schlucht befindet sich der Komponische Märchenwald. Er wurde von den beiden Riesen Idan und Oler gepflanzt, die über ihn wachen. Sie sind Brüder und vor Jahrhunderten aus Haihaupt geflohen, weil sie die Grausamkeit der dortigen Bewohner nicht mehr ertrugen. Idan und Oler sind die größten und mächtigsten Wesen in Rüsselschwein. Auf einer Reise nach Windlanden rettete Idan einst einen Menschensäugling, dessen Eltern von Wegelagerern umgebracht worden waren. Er nahm ihn mit sich und zog ihn groß. Er gab ihm den Namen: „der kleine Idan“. Der kleine Idan ist in Rüsselschwein der einzige richtige Mensch. Im Komponischen Märchenwald können die Tiere sprechen – wenigstens erscheint es dort dem kleinen Idan so – und sie leben in Frieden zusammen. Und hier ist es, im Komponischen Märchenwald, wo unsere Geschichte beginnt.

Der Komponische Märchenwald

Vor der tausend Kilometer tiefen Ganganjer-Schlucht, auf deren Grund alles zu Staub zermalmt wird, was hineinfällt, lag der Komponische Märchenwald. Er wimmelte von Elefanten, grizzlyartigen Bären, Löwen, Affen und vielen, vielen anderen Tieren. Unter ihnen lebte der kleine Idan, der der einzige gewöhnliche Mensch im ganzen Walde und, wenn man es genau nimmt, auf dem ganzen Inselkontinent war. Er lebte in Frieden mit den Tieren zusammen. Zu der Zeit, in der unsere Geschichte beginnt, war der kleine Idan gerade neun Jahre alt und hatte seine ganze Kindheit im Komponischen Märchenwald verbracht. Er hatte keine Eltern und es gab auch sonst weit und breit keine gewöhnlichen Menschen, die sich um ihn kümmerten. Wer hatte ihn groß gezogen? Immerhin trug der kleine Idan einen weißen Wollpullover und eine lange schwarze Hose mit Hosenträgern und irgendjemand musste sie ihm gemacht haben. Auch konnte der kleine Idan sprechen. Irgendjemand musste ihm die Menschensprache beigebracht haben. Abenteurer, die den Komponischen Märchenwald besucht hätten – nur hatte das bisher noch keiner getan – hätten sich wahrscheinlich sehr gewundert, wenn sie den Jungen so mutterseelenallein hier angetroffen hätten, und sich ganz bestimmt diese Frage gestellt. Und wahrscheinlich hätte nur ein Blick nach oben zur rechten Zeit und am rechten Ort, ein gewagter Blick über die Wipfel der Bäume hinaus die Lösung des Rätsels erbracht. Denn unbestrittene Herrscher des Waldes und womöglich weit und breit im ganzen Kontinent waren die mächtigen Riesen Idan und Oler. Sie waren Brüder und hatten selbst den Wald gepflanzt und die Tiere aus allen Teilen und Ländern Rüsselschweins herbeigeholt, um ihn zu bevölkern. Sie waren es, denen der kleine Idan Nahrung, Kleidung und das Leben verdankte. Der große Idan, der übrigens genauso angezogen war wie der kleine Idan, hatte den kleinen Idan auf einer seiner Reisen mitgenommen, als er mit Oler, seinem älteren Bruder, unweit der Ostküste von Windlanden Rast gemacht hatte. Unvermittelt war ein Orkan ausgebrochen und barbarische Wegelagerer, die sich die Situation zunutze gemacht hatten, hatten einem Ehepaar, das mit seinem Säugling geflohen war, aufgelauert und es erschlagen, um es auszurauben. Den Säugling der beiden hatten sie achtlos liegen gelassen. So hatte der große Idan den kleinen gefunden, ihn zu sich genommen und großgezogen und ihm seinen Namen gegeben. Der große Idan hatte diese Geschichte seinem Zögling immer wieder erzählt, bis dieser ihn eines Tages fragte, woher er denn gewusst habe, dass seine Eltern von Räubern umgebracht worden seien. Da gestand ihm der Riese, dass er die Szene kurz nach dem Ausbruch des Orkans von Weitem beobachtet hatte, aber er sei zu spät gekommen. Die Eltern seien schon tot gewesen. In seiner Wut habe er die Raubmörder, vier an der Zahl, an einem Felsen zermalmt. Den Säugling aber hätten sein Bruder und er vor dem Sturm geschützt und mit auf ihr großes Floß genommen. Unterwegs hätten sie von Fischen gelebt, die die Riesen mit der bloßen Hand gefangen hätten. Sie hätten auch eine kleine Feuerstelle auf dem Floß über zusammengeschichteten Steinen errichtet. Darüber hinaus hatten sie große Getreidesäcke geladen. Der kleine Idan sei durch die Milch eines Schafes ernährt worden, das sie mit sich führten.


Den Komponischen Märchenwald hatten die beiden Brüder Jahrhunderte zuvor, nach ihrer Flucht aus Haihaupt, gepflanzt. Diese Flucht aus Haihaupt hatte ihren guten Grund gehabt. Denn die Riesen dieses Kontinentes hatten trotz ihrer hohen Lebenserwartung überaus rohe Sitten und waren ausgesprochen grausam. Sie waren ausländerfeindlich und pflegten Abenteurer, die mit ihren Schiffen an den Meeresgestaden anlegten, sofort gefangen zu nehmen und hinzurichten. Auch genossen sie unter den Völkern der übrigen Kontinente den Ruf, Kannibalen zu sein. Gewöhnliche Menschen jagten und fraßen sie und sie bildeten sich obendrein noch viel darauf ein. Vom Blut der gewöhnlichen Menschen berauschten sie sich ebenso sehr, wie sich die Völker der Erde vom Wein berauschen. Soldaten aus Stiefelburg und Íoland hatten schon oft versucht, mit großen Flotten nach Haihaupt vorzudringen und das Land für sich in Besitz zu nehmen. Aber es war ihnen übel ergangen. Die Haihauptriesen hatten sie von den Küsten aus mit großen Felsbrocken beworfen und ihre Schiffe versenkt. Diejenigen unter ihnen, die sich hatten an Land retten können, waren aufgegriffen und getötet worden. Ihr Blut wurde wie ein edler Tropfen genossen. Und so hatten sich die zivilisierten Völker damit getröstet, dass es in Haihaupt ohnehin nicht viel zu holen gegeben hätte. Der Kontinent wurde als unwirtlich und wegen der Größe und Härte seiner Lebewesen als uninteressant bezeichnet. Freilich gab es noch immer einige Abenteurer, die die Reise zu den Haihauptriesen wagten, und zwar wegen der vielen Edelmetalle, die es dort zu holen gab. Die wenigsten kehrten lebend zurück. Die meisten wurden gefangen, als Staatsverräter verurteilt und unter entsetzlichen Qualen hingerichtet, von ihren Peinigern höhnisch als lebende Trauben bezeichnet. Ihr Blut wurde abgezapft und ohne Angabe seiner Herkunft als Genussmittel verkauft.

Die beiden Brüder fühlten sich von den Verhältnissen in den Ländern ihres Kontinentes in höchstem Maße abgestoßen. Der Unterricht an den Schulen, in denen sie ihre Jugend verbracht hatten, konnte sie nicht befriedigen und so entschlossen sie sich auf Reisen zu gehen. Nun war den Riesen aus Haihaupt die Ausreise von Staats wegen zwar erlaubt, doch musste diese beruflich begründet sein. Und die gängige Begründung war der Menschenfang. Da immer mehr Haihauptbewohner nach berauschenden Blutgetränken verlangten, mussten Menschen aus den benachbarten Inseln und Kontinenten eingefangen werden und um dies zu bewerkstelligen, hatte sich ein eigener Berufszweig entwickelt. So machten die beiden Brüder eine Zusatzausbildung in Menschenfang, um ohne Probleme auszureisen. Sie kehrten natürlich schon von ihrer ersten Reise nicht mehr zurück.

Der Kontinent Rüsselschwein galt – ebenso wie Totenmund – für die Haihauptriesen als eine verbotene Zone. Totenmund war der einzige Inselkontinent, der wegen der magischen Kräfte seiner Bewohner von ihnen zu Recht gefürchtet wurde. Einige Riesen, die es auf ihren Reisen dorthin verschlagen hatte, waren nicht mehr zurückgekehrt. Statt selber Menschen zu fangen, waren sie von den Alraunenwesen überwältigt und verzehrt worden. In Totenmund galt Menschenfleisch als Delikatesse. Die Alraunenkobolde errichteten ganze Fleischberge gut gesalzener Haihauptriesen. Riesen, denen es gelang, von dort zurückzukehren, berichteten von der ausgesprochenen Zähigkeit dieser Wesen und ihren Zauberkräften. Zum Essen waren die Totenmunder wegen ihrer gummiartigen Zähigkeit nicht geeignet und dies war ein weiterer Grund, warum der Kontinent gemieden wurde. In der Staatspropaganda von Haihaupt war es der einzige Grund, den man bekannt machte, denn die mächtigen Könige von Haihaupt waren zu stolz, um zuzugeben, dass die Bewohner von Totenmund eine Gefahr für sie darstellen konnten. In der offiziellen Begründung, die schon die Kinder in der Grundschule auswendig lernen mussten, hieß es:

Wo nicht das Fleisch der Menschen zart,

dorthin verboten ist die Fahrt.

Und wo nicht weiche Leute,

da gibt es keine Beute!

Idan und Oler, die Sprüche wie diese als Grundschüler im Chor hatten singen müssen, widerten solche hochgepäppelten Lügen und Halbwahrheiten an. Von den Abenteurern aus Íoland und Stiefelburg hatten die Haihauptbewohner erfahren, dass auch der Inselkontinent Rüsselschwein nicht von gewöhnlichen Menschen besiedelt war. Die Abenteurer hatten von den schrecklichen Schlangenwesen und Kyruppen berichtet und von den hässlichen Kunovölkern, die über das ganze Land verbreitet waren. Das Wort „hässlich“ war von den Haihauptriesen gefürchtet und durfte kaum ausgesprochen werden, seit ihnen von der ausgesprochenen Hässlichkeit der totenmunder Alraunenwesen berichtet worden war. Als sie hörten, dass die Gesichter der Kunos runzelig und ihre Münder breit waren und dass sie breite Schweinsnasen hätten, ging bei ihnen schon der geistige Rollladen herunter. Gerüchte über die magischen Kräfte der Kyruppen und Schlangenwesen taten das ihrige. Denn die Riesen waren in der Mehrheit abergläubisch. Der Kontinent Rüsselschwein war gefürchtet, obwohl noch nie ein Haihauptriese dort gewesen war. So endete denn auch das Propagandalied:

Drum meide Totenmund allein

und nebenbei auch Rüsselschwein!

Noch ein dritter Kontinent wurde von den Riesen – zwar nicht in der Theorie, aber in der Praxis – gemieden: Ómuo, bestehend aus dem großen Lande Sonnenostun und der Halbinsel Omonu. Die Existenz dieses Kontinentes wurde, obwohl das Wissen über seine Verhältnisse allgemein zugänglich war, penetrant verschwiegen. Weiterhin wurde verschwiegen, dass die Jagd auf die wilden Einwohner Ómuos trotz ihres zarten Fleisches wegen ihrer scharfen Zähne und der Tatsache, dass ihre Mägen hochkonzentrierte Salzsäure enthielten, verpönt war. Das allgemeine Bekanntwerden solcher Hinderungsgründe hätte in der Bevölkerung von Haihaupt Zweifel an der unumstrittenen Heldenhaftigkeit des Haihauptmenschen geweckt. Nur die Zähigkeit des Fleisches und die allgemeine Furcht vor Zauberei durften als Hinderungsgründe gelten.

Idan und Oler nützten diesen Aberglauben, um nach Rüsselschwein zu siedeln, wo sie vor Verfolgung sicher waren. Schon von Jugend an war ihnen klar, dass die Berichte über die Verhältnisse auf Rüsselschwein übertrieben und die Furcht vor seinen Bewohnern unbegründet sein musste. Und sie irrten sich nicht. In den Kunos begegneten ihnen weise und friedliebende Leute. Sie waren außerdem im Verhältnis zu den Riesen winzig klein – eine Tatsache, die die Staatspropaganda verschwiegen hatte. Die Schlangenwesen und Kyruppen waren auf ihre Gebiete beschränkt und wollten nur in Ruhe gelassen werden. Und so durchwanderten sie die weiten, menschenleeren Landschaften, bis sie zu der Ganganjer-Schlucht kamen. Dort pflanzten sie den Märchenwald. In dem Märchenwald siedelten sie Tiere an, die sie aus verschiedenen Gegenden des Kontinentes zusammentrugen. Sie lebten in Frieden in diesem Wald. Wegen der Vielfalt an Lebensformen, die in diesem Wald vereint waren, wurde er auch Komponischer Märchenwald genannt. Alle Tiere im Komponischen Märchenwald konnten sprechen, denn die Riesen hatten ihnen die Menschensprache beigebracht.

Das stärkste und zugleich gefährlichste Tier des Waldes war zweifellos Bär Porbulo, der Grizzlyhauptmann. Aufgerichtet maß er wohl drei Meter und fraß jeden Neuen auf, der in den Komponischen Märchenwald kam. Treu zur Seite standen ihm sein Bruder Zotti-Momi und Barion-Bär, sein erster General. Diese Tiere waren mächtig und grausam. Nur dem kleinen Idan und den Tieren innerhalb des Märchenwaldes taten sie nichts. Ihre Nahrung jagten sie in großen Gruppen außerhalb des Waldes unter dem Oberbefehl von Barion-Bär, und selbst Büffel und Auerochsen waren nicht sicher vor ihnen. Da war Urlu, der Löwenkönig, wieder ein anderer Typ. Er fraß nur schwächere Kälber und Hasen. Er war gutmütig, gelassen und träge. Mit seinem Löwenclan zog er jedes Jahr zum großen Löwensee im Norden des Kontinentes, wo er sich mit anderen Löwenkönigen traf. Über Urlu und Bär Porbulo wunderte sich wiederum Kiri, der Anführer der Elefanten, der größer und stärker als ein Mammut war. „Warum fressen die denn immer Fleisch?“, mochte er bei sich denken, wenn er die Löwen und Grizzlybären beobachtete. „Davon kriegt man ja nur Bauchweh! Überhaupt eine dumme Sache, das Fleischfressen! Wenn man bedenkt, dass man andere Wesen dafür töten muss, gegen die man ja nichts hat! Ich töte nur die, die mir etwas getan haben. Käme mir schlecht dabei vor, wenn es anders wäre! Seltsam: Dass einen die Natur dazu zwingen soll, ungerecht zu sein! Aber ohne mich!“

Der schlaueste und listigste von allen war Flexy, der Waschbär. Jeden Tag saß er auf einem Ast und schaute mit seinen schwarzen Knopfaugen um sich, ob er nicht irgendeinem anderen einen Streich spielen könne. Er liebte den Schabernack von Herzen. Und er konnte den ganzen Tag vor Freude vor sich hin keckern, wenn ihm ein guter Scherz, ein ausgefallener Witz, die Beschämung anderer gelungen war. Der kleine Idan fragte ihn oft um Rat, denn er wusste, dass Flexy ihn mochte, aber ihm fiel auf, dass der Waschbär trotz seiner Schlauheit immer nur dumme Sachen und schräge Einfälle im Kopf hatte. Eine ernsthafte Unterhaltung mit dem klugen Tier war ihm kaum jemals möglich.

Immerhin war Flexy der große, gefeierte Held des Giplombenkrieges gewesen. Der Giplombenkrieg hatte noch in einer Zeit stattgefunden, als der kleine Idan noch nicht geboren oder zumindest noch nicht in Rüsselschwein war. Die Giplomben hatten auf ihren Raubzügen den Komponischen Märchenwald überfallen, während Idan und Oler auf Reisen waren. Aufgrund ihrer Größe und Körperkraft hatten sie es sogar mit den Löwen und Grizzlybären aufgenommen und selbst Bär Porbulo hatte aus dieser Zeit noch einige Narben unter seinem Fell vorzuweisen. Obwohl einige der Giplomben ihr Leben hatten lassen müssen, wären die Tiere des Waldes von der Übermacht des feindlichen Heeres am Ende doch besiegt worden. Bei der großen Zahl der Feinde wäre sogar fraglich gewesen, ob Idan und Oler die Situation in den Griff bekommen hätten, wenn sie nicht verreist gewesen wären, und das, obwohl sie fast doppelt so groß wie ausgewachsene Giplomben waren und mit mehrfacher Körperkraft begabt. In dieser aussichtslosen Lage war es Flexy gewesen, der die Rettung brachte. Er lockte den Giplombenkönig in eine Falle, und das ganze Heer folgte ihm hinterher – direkt in die Ganganjer-Schlucht. Flexy hatte dem Giplombenkönig weisgemacht, dass er sich im Besitz eines wertvollen Schatzes befände. Er hatte geprahlt, hatte ihn verspottet, war zwischen seinen Stielaugen herum gesprungen und zurück ins Geäst der Bäume und der Giplombenkönig war ihm mit dem ganzen Heer gefolgt. In voller Jagd waren sie ihm hinterher gestürzt. Flexy hatte sie auf verborgenen Wegen nahe an die Schlucht herangeführt und zwar an eine Stelle, die von der Sicht verdeckt war. Und als sie bemerkten, wohin sie ihre Füße gesetzt hatten, war es schon zu spät gewesen. Zwischen den Klippen waren sie an einem schrägen Abhang abgerutscht, den Flexy zuvor mit Schmierseife aus Olers Haushalt bearbeitet hatte, und hatten ein jämmerliches Ende gefunden. Noch heute sprach man von Flexys Großtat. Aber ein ruhiges vernünftiges Gespräch konnte man mit Flexy nicht führen. Er konnte nicht still halten, musste immer etwas zu tun haben, immer von einem Ort zum anderen laufen, wurde von einem witzigen Gedanken nach dem anderen gejagt. Flexy wohnte mit anderen Waschbären zusammen, die ebenso umtriebig waren wie er selbst. In Unterhaltungen waren sie kaum genießbar. So einer war Flexy.

Neben dem Tag der Freude, an dem die Giplomben besiegt worden waren, gab es aber noch einen anderen Tag, einen Tag der Trauer. Das war der Tag gewesen, an dem Silena, die ängstliche Hirschkuh, in die Ganganjer-Schlucht gestürzt war, nachdem man ihr einen heftigen Schrecken eingejagt hatte. Das war durch Flexys Schuld geschehen, der sie durch Lügenmärchen in große Aufregung versetzt hatte. Der ganze Wald trauerte um Silena an diesem Tag. In all den langen Jahren, soweit die Tiere sich entsinnen konnten, war im Wald bisher noch nie ein Tier gestorben. Nur die beiden Riesen, die schon einige Generationen hatten kommen und gehen sehen, hatten vor den Tieren das Geheimnis der Sterblichkeit bewahrt.

In den folgenden Tagen waren die Kunos gekommen und hatten die Bewohner des Waldes getröstet. Sie sagten, dass alles seine Bestimmung habe. Nichts sei umsonst und sinnlos und das wirkliche Leben sei immerwährend und ohne Ende. Auf der Erde aber habe alles seine Zeit und sein bestimmtes Ziel. Für alles sei hier ein Rahmen gesteckt und es sei keinesfalls alles möglich. Nur die böse Tat sei nicht bestimmt. Dieses Leben aber sei ein Samenkorn für ein ungleich höheres und freieres. Auch die Hirschkuh Silena sei jetzt frei für ein anderes, höheres Leben. Mit diesen Worten beruhigten die Kunos die Schar der Tiere. Die Kunos vereinten großes handwerkliches Geschick bei einfachster Lebensweise mit hoher Denkkraft. Sie waren weise, aber nicht schön von Gestalt. Sie hatten einen breiten Mund mit Spaltlippen, dicke Bäuche, große abstehende Ohren und breite Schweinsnasen. Die Gliedmaßen waren kurz und plump und der Kopf fast halb so groß wie der gesamte übrige Rumpf. Sie trugen einen ungeheuer langen Haarschopf, der fast senkrecht empor stand und bei jedem Individuum unterschiedlich gefärbt war. Da die Kunos neben ihrem ausgezeichneten Gehör unter den menschlichen Wesen auf Plédos über den schärfsten Blick verfügten und ausgesprochene Augenmenschen waren, hatten sie für jede der ihnen bekannten rund zweihundert Millionen Farben ein anderes Wort. So kam es, dass jeder Kuno von Geburt an nach seiner speziellen Haarfarbe benannt wurde. Meist war es so, dass mit jedem neugeborenen Kunokind eine neue Farbe entdeckt und benannt wurde, denn so viele Farbnuancen, wie die Haartracht der Kunos zeigte, gab es trotz des feinen Unterscheidungsvermögens der Kunoaugen in der freien Natur überhaupt nicht. So ist es nur verständlich, dass es, wie oben angedeutet, in der Kunosprache mehr Wörter für Farben gab als für andere Dinge – nämlich etwa zweihundert Millionen – und es kaum einen Kuno gab, der den Namen eines anderen trug. Die Kunosprache, die an sich schon überaus reichhaltig war, verfügte über einen Wortschatz von dreihunderttausend Wörtern, wenn man die Namen für Farben abzog, und das ist schon überaus viel für eine Menschensprache und umfasst wohl mehr als hundert Sprachen unserer Erde. Es gab nur zwei Personen unter den Kunovölkern, die eine höchst langweilige Haarfarbe hatten, eine Farbe, die genau an den beiden Enden aller möglichen und auch uns bekannten Farbskalen lag, nämlich Schwarz und Weiß. Es waren Kuno Weißhaar und sein Cousin Kuno Schwarzschopf. Natürlich sagte ihnen niemand, dass man ihren Namen und ihre Farbe für langweilig hielt, aber man gab es ihnen durch Gesten, Mienenspiel und zweideutige Worte zu verstehen. Und das war der Grund, warum sich beide von ihrem übrigen Volk abgesondert hatten und einen engen Kontakt zum kleinen Idan pflegten. Viel lieber hätten die beiden „Kuno Kaloramis“ geheißen, was eine warme Feuerfarbe bedeutete, ein besonders leuchtendes Orange, das in Worten unserer Erdensprache nicht von anderen, nach unseren Begriffen sehr ähnlichen Orangetönen, zu unterscheiden ist, aber von den Kunos sehr wohl unterschieden wurde. Oder sie hätten es begrüßt, „Kuno Fulgur“ oder „Amirabilis“ genannt zu werden, was beides eine weißgoldene Glanzfarbe in ganz verschiedenen Nuancen bezeichnet. Kuno Weißhaars Mutter hieß zum Beispiel Kuna Kaloramia. Man kann sich wohl denken, wie sehr entsetzt sie war, als sie in Erwartung ihres Kindes und womöglich einer völlig neuen, bisher unbekannten Farbe das schlichte Weiß auf dem Kopf ihres Sohnes entdeckte. Das war natürlich eine große Schande. Freilich wurde nicht ausgesprochen, dass dies eine Schande war. In der Sprache der Kunos, so reich sie auch war, gab es das Wort „Schande“ überhaupt nicht. Das war ein Wort, das die Kunos erst im Umgang mit anderen Völkern erlernten, aber unter sich so gut wie nie gebrauchten. Dennoch spürte Kuno Weißhaar wohl von früher Jugend auf den Gram seiner Mutter. Denn der ganze Stolz der Kunos ist ihr Haarschopf, der oft dreimal so lang ist wie ihre Statur. Und Kuno Weißhaars Haarschopf war eben weiß und der Haarschopf seines Vetters eben schwarz und das waren ganz banale Farben, die überall vorkamen. Ja, man stritt sich oft darüber, ob es sich um echte Farben handelte. „Weißhaar … Schwarzschopf … isch des iberhaupt e’ Farb’?“, pflegten Verwandte zu sagen und die Mutter Kuna Kaloramia und Kuno Schwarzschopfs Mutter, die mit Namen Kuna Fulgurana hieß, schämten sich dann gewaltig, denn sie mussten vor sich selbst bekennen, dass es eigentlich gar keine Farben waren. Wie oft hatte Kuno Weißhaar seine Eltern angefleht, ihm doch einen anderen Namen zu geben. Aber es war nun einmal Gesetz, dass ein Kuno nach seiner Haarfarbe benannt werden musste. Da war nichts zu machen. Das war so ziemlich das einzige Problem, aber ein nicht geringes – zumindest nicht für Kuno Weißhaar und für Kuno Schwarzschopf. Sie spürten deutlich die Verachtung, die man ihnen gegenüber hegte, und diese hing eben mit ihrem Namen und ihrer Haarfarbe zusammen, die eigentlich gar keine Farbe war. Insgeheim tuschelte man, sie seien Missgeburten. Hätten sie kleinere Ohren oder menschliche Nasen oder einen Elefantenrüssel statt Schweinsnasen gehabt, so hätte man sie nicht als Missgeburten bezeichnet. Aber eine Haarfarbe, die eigentlich gar keine war, kam eigentlich nur in zwei besonderen Fällen vor – eben bei Kuno Weißhaar und Kuno Schwarzschopf. Und das war völlig außergewöhnlich. Da die Kunos trotz ihrer sonstigen Weisheit nicht von der Überbewertung der Haarfarben ablassen wollten und Kuno Weißhaar und Kuno Schwarzschopf das ständig zu spüren bekamen, fühlten sich die beiden gezwungen, ein Wanderleben zu führen. Dabei machten sie Erfahrungen und Entdeckungen wie selten ein Kuno. Den Komponischen Märchenwald besuchten sie regelmäßig.

Dann wohnte auch noch ganz in der Nähe von Idan, dem Kleinen, eine Familie von Menschenaffen, bestehend aus dem großen Affenvater, der Affenmutter, Äffchen und dem Großen-Bruder-Affen. Eigentliche Namen hatten diese Affen nicht, obwohl sie die Sprache der beiden Riesen gelernt hatten. Äffchen aber, das jüngste Mitglied der Affenfamilie, nannte man auch Erfinder-Äffchen, weil es der klügste Affe im ganzen Wald war und von erfinderischen Einfällen nur so sprühte. Dieses Äffchen hatte einen eigenartigen Verstand, der auf die ungewöhnlichsten Dinge verfiel und geradezu imstande war, aus dem reinen Nichts etwas zu machen. Es war ein außerordentliches Äffchen. Dabei zählte es – nach der Meinung seiner Artgenossen – nur wenige Jahre und war verglichen mit dem hohen Lebensalter der Plédo-Affen, noch ein recht junger Bub. Nun sollte man wissen, was Plédo-Affen sind. Es sind eben solche Affen, zu deren Art die Affenfamilie zählte. Plédo-Affen sind nach dem Planeten Plédos benannt, auf dem sie wohnen, weil sie dort die älteste, klügste und größte Art der bekannten Menschenaffen darstellen. Sie sind rothaarig und im ausgewachsenen Zustand beinahe vier Meter hoch. Diese stattliche Größe hatten auch die beiden Eltern der jungen Affen. Erfinder-Äffchen selbst reichte dem kleinen Idan gerade bis zur Brust. Dieses Erfinder-Äffchen war Idans bester Freund. Es lebte in einer abgesonderten Behausung, einer geräumigen Grotte, die es sich heimisch eingerichtet hatte. Dort befanden sich zahlreiche Gerätschaften. Erfinder-Äffchen nannte daher seine Behausung Labor. Der kleine Idan besuchte Erfinder-Äffchen beinahe täglich.

Der Dunkle Mond

An diesem Morgen eilte der kleine Idan mit großen Schritten zur Behausung von Erfinder-Äffchen. Erfinder-Äffchen begrüßte ihn freundlich und fragte ihn nach seinen Wünschen.

„Ach“, meinte der kleine Idan, „mir ist so entsetzlich langweilig. Wir führen hier alle ein so schönes, harmonisches Leben und ein Tag vergeht wie der andere. Ich weiß nicht, was ich gegen die Langeweile machen soll. Ich würde so gerne etwas Neues erleben. Vielleicht hast du ja eine Idee.“

„Langeweile ist etwas für Dummköpfe“, sagte Erfinder-Äffchen. „Im Übrigen kenne ich das Problem. Manchmal geht es mir ähnlich. Nur habe ich den Vorteil, mir meine Zeit mit sinnvollen Gedanken zu vertreiben. Die anderen Tiere sind furchtbar dumm und bemerken ihre Langeweile nicht. Sie leben ein Leben, in dem es nichts zu tun gibt. Flecki, der Waschbär, der schlaueste unter den Tieren, vertreibt sich seine Zeit mit lustigen Streichen. Du aber bist ein Mensch und weder mit Dummheit gestraft noch mit besonderen Gaben des Geistes gesegnet. Ich verstehe dein Dilemma wohl. Menschen sind eben seltsame Tiere. Und auch ich verspüre solch eine Verwandtschaft zur Seltsamkeit. Sind mir doch gerade kürzlich die guten Ideen ausgegangen und ich habe mich auf etwas Neues besinnen müssen. Es ist mir auch schon etwas eingefallen. Kürzlich las ich in einer uralten Chronik über einen wundersamen Schatz, der in dem finsteren Tal des Todes auf der Insektenwelt Pessian verborgen liegen soll. Dieser Schatz, so heißt es, soll seinem Besitzer geheimnisvolle Kräfte verleihen. Weißt du was, den wollen wir uns holen!“

Da machte der kleine Idan große, erstaunte Augen und fragte: „Was ist denn das, die Insektenwelt Pessian? Was ist eine Welt?“

„Auf welche Schule bist du denn gegangen“, meinte Äffchen, „dass du noch nicht einmal weißt, was eine Welt ist?“

„Was ist Schule?“, fragte der kleine Idan.

„Potz Blitz“, rief Äffchen, „dass einem da nicht der Geduldsfaden reißt bei soviel Ungelehrsamkeit! Aber ruhig Blut! Am besten, wir fangen einmal ganz von vorn an. Also: Eine Welt ist eine Welt wie die unsere auch.“

„Was heißt das: Wie die unsere auch? Was ist denn unsere Welt?“

„Eins nach dem anderen“, meinte Äffchen. „Also: Du weißt nicht, was eine Welt ist?“

„Schon“, sagte der kleine Idan. „Eine Welt ist der Boden, auf dem ich stehe, und alles, was darauf ist, und der Himmel über uns.“

„Und was glaubst du, wie das Ganze aussieht, wenn du es von hoch, hoch oben betrachtest?“

„Dann wird wohl alles viel kleiner aussehen und man hat einen weiteren Blick.“

„Und sonst, glaubst du, verändert sich nichts, nur, dass man immer mehr und mehr sieht, je höher man aufsteigt?“

„Es wird wohl schon so sein“, erwiderte der kleine Idan.

„Nun, gehen wir die Sache anders an“, sagte Äffchen. „Wenn du immer weiter und weiter in eine Richtung geradeaus gehen könntest, wie weit könntest du gehen?“

„Man kann immer weiter gehen“, meinte der kleine Idan.

„Gut! Sehr gut!“, rief Äffchen. „Man sieht: Ein Spekulant bist du nicht! Die Welt der Spekulanten ist begrenzt. Die Spekulanten warten nicht ab, bis sie etwas erlebt haben, sondern setzen an die Stelle dessen, was sie noch nicht erlebt haben, etwas anderes, das sie erlebt haben. Mehr wollen sie gar nicht wissen. Aber Leute wie du haben die besten Anlagen zum Wissenschaftler. Sie können sich auch in Dinge hineinversetzen, die sie noch gar nicht erfahren haben. Aber weiter! Du redest von einem Boden. Der ist für dich die Welt, auf der wir leben. Aber warum stehen wir denn darauf und schweben nicht einfach darüber?“

„Wir würden herunterfallen“, sagte der kleine Idan.

„Sehr richtig“, meinte Äffchen. „Aber der Boden – was ist mit ihm? Ist er vom Fallen befreit? Worauf steht er, damit er nicht fällt?“

„Der Boden? Ja, das ist der Boden. Ich glaube nicht, dass noch etwas darunter ist. Wahrscheinlich ist er unendlich dick. Wenn etwas darunter wäre, müsste darunter auch noch etwas sein und darunter auch noch etwas und immer so fort und das Allerletzte müsste fallen.“

„Das ist sehr gut bemerkt“, meinte Erfinder-Äffchen. „Und du bist damit der Wahrheit sehr nahe. Überlege: Kann es möglich sein, dass der Boden unendlich ist? Was ist überhaupt unendlich? Kann es unendlich viele Dinge geben, die zugleich sind? Dann wären sie doch irgendwie abgeschlossen. Wenn sie aber alle gleichzeitig abgeschlossen irgendwo vorliegen würden, dann wären sie ja nicht unendlich.“

„Das ist mir zu hoch“, sagte der kleine Idan und kratzte sich am Kopf.

„Aber es beweist, dass es kein Ding gibt, das unendlich ist.“

„Und der Weltraum?“, fragte Idan. „Kann der Weltraum endlich und begrenzt sein? Kann man nicht immer weiter und weiter fliegen?“

„Der Weltraum ist auch kein Ding“, sagte Äffchen. „Er ist mit Dingen gefüllt. Aber es könnte sein, dass der Weltraum, der mit Dingen gefüllt ist, irgendwo aufhört und alles, was sich darüber hinaus bewegt, erst einen neuen, zusätzlichen Raum bildet, der zuvor noch nie existiert hat. Jedenfalls ist der Boden, auf dem du stehst, nicht unendlich dick. Der Boden und alle Länder und Meere auf dieser Erde, die du bereisen kannst, sind kugelförmige Gebilde.“

„Eine Kugel?“, fragte ungläubig der kleine Idan.

„Eben das. Und der dunkle Mond Pessian und alle Planeten und Sterne, die du draußen am Himmel siehst, sind ebensolche Kugeln.“

„Was ist dann oben und unten?“, fragte der kleine Idan.

„Oben ist alles, was sich über der Oberfläche der Kugel befindet, und unten ist alles, was in Richtung ihres Mittelpunktes liegt.“

„Wenn ich aber jetzt anfange in der Erde zu graben“, sagte Idan, „und ich grabe immer tiefer und tiefer, bis ich zum Mittelpunkt komme, kann ich dann nicht auch noch über den Mittelpunkt hinaus graben, und zwar so lange, bis ich auf der anderen Seite herauskomme? Und müsste ich dann nicht auf der anderen Seite von der Erde herunterfallen? Oder kehrt sich im Erdmittelpunkt oben und unten einfach um?“

„Du kannst gar nicht bis zum Erdmittelpunkt graben“, sagte Äffchen. „Je näher du dem Mittelpunkt kommen würdest, desto schwerer würdest du, und in der Mitte würdest du ganz zu einer Kugel zusammengepresst. Nun aber sollst du auch wissen, was es mit dem Planetenmond Pessian auf sich hat. Dieser Pessian oder auch Pessima, wie ihn die grünen Eingeborenen von Ómuo nennen, wurde in Urzeiten von unserer Heimatwelt Plédos ausgestoßen, damit sich auf dessen Oberfläche das Leben in weichen Formen und in all seiner heutigen Vielfalt bilden konnte. Diese neu entstandene Welt Pessian, der dunkle Planetenmond, enthält alles Böse, Schlechte und Finstere, das damals noch mit unserer Welt von Plédos vereinigt war und der Entfaltung des Lebens ein starkes Hindernis bot. Auf Pessian dagegen haben sich wundersame und schreckliche Lebensformen gebildet, über die ich dir gleich berichten werde. Während die meisten Monde der anderen Welten beinahe tote Körper sind, ist Pessian zu einem echten, selbstständigen Planeten geworden, der sogar beinahe die gleiche Atmosphäre hat wie unsere Welt. Auch das Leben auf ihm ist ein selbstständiges und allerdings recht wunderliches geworden. Du musst dir nämlich vorstellen, dass große Teile der Oberfläche des Planetenmondes Pessian – einige größere Inseln und die schleimigen Meere ausgenommen – mit einer Schicht winziger, sechzehnbeiniger Gliedertiere verschiedener Farbe und Größe überzogen sind, die dort überall herumwimmeln. Das sind zurückgebildete Windruten, wie sie auf vielen Welten zuhause sind. Windruten sehen tatsächlich aus wie zusammengebundene Ruten, die oben und unten in je acht spinnenartige Beinchen auslaufen, sodass man oben und unten nicht unterscheiden kann. Man könnte sagen, sie haben in ihrer Entwicklung den Gipfel der Kopflosigkeit erklommen und stehen in ihrer Lebensweise noch unter den Pflanzen, bei denen man ja wenigstens Wurzeln und Blüte unterscheiden kann. Den Mineralien und Steinen schon ähnlicher und dennoch wie Tiere belebt, bilden sie das Nahrungsangebot und zugleich die äußeren Häute der intelligenten Bewohner des Planeten, der schrecklichen Pessianer. Diese Pessianer sollen so furchtbar anzuschauen sein, dass sie jeglicher Beschreibung spotten und dass selbst in der uralten Chronik, aus der ich mein Wissen über den Planetenmond Pessian entnehme, nichts darüber verzeichnet ist. Am ehesten ließen sie sich noch, so heißt es, mit riesigen, gespenstartigen Insekten vergleichen, die entfernt an Menschen erinnern. Sie bewegen sich aufrecht und in ständiger Drohgebärde und pfeifen dabei durch ihre Tracheensysteme wie ausgewachsene Windruten in Íoland oder in Totenmund, was sich dann anhört wie das Heulen des Windes. Außerdem rasseln und klappern sie ständig dabei, als schlügen die blanken Zähne von Totenschädeln aufeinander. Dieses Zähneklappern ist übrigens ein ganz typisches Geräusch der Pessianer.“

„Das ist ja grausig!“, rief da der kleine Idan.

„I wo“, erwiderte Äffchen, „es ist ja nur halb so schlimm! Zwar riechen die Pessianischen Weltmeere nicht besonders gut und es empfiehlt sich auch nicht, an ihren Stränden zu baden, zumal der Sand dort aus winzigen Windrütchen besteht, die nur darauf warten, die Badegäste mit einem dicken Kokon zu überziehen, während sie sich sonnen. Und so ist es nicht wenigen unserer Vorfahren während ihres Sommerurlaubes auf Pessian ergangen. Das war zu einer Zeit, als es noch eine Wissenschaft von der Raumfahrt gegeben hat. Aber ich habe dir die Hauptsache, nämlich die wundersame Schönheit des Planetenmondes Pessian, noch gar nicht erzählt. Es muss ja wohl auch einen Grund gehabt haben, dass es dazumal so viele Feriengäste nach Pessian gezogen hat und dass sogar mein Vorfahr, der hundertvierundvierzigmal Urgroßaff, der als ein rechter Pingelfritze bekannt war, die klare, frische Luft auf Pessian in seiner Chronik lobend erwähnt. Tatsächlich soll dort im Allgemeinen das herrlichste Wetter herrschen und zu gewissen Jahreszeiten pflegen sich die Kontinente des Planeten mit den kunstreichsten, wunderbarsten und farbenprächtigsten Burgen und Türmchen zu überziehen, in denen sich vor Jahrtausenden zahllose Feriengäste während ihres Sommerurlaubes durchaus heimisch fühlen konnten. Sie sonnten sich inmitten von skurrilen Gebäuden, Kapellchen und beweglichen Kathedralen, die sich durch das Ineinanderflechten von Billionen jener windrutenartigen Gliedertierchen wie von selber bildeten. Es war das reinste Ferienparadies.“

„Und die Pessianer haben den Wesen unserer Welt von Plédos nichts getan?“, fragte zögernd der kleine Idan, und sein Gesicht begann sich aufzuhellen.

„Und ob sie denen was getan haben“, rief Äffchen, „und ob! Über sie hergefallen sind sie! Mit Haut und Haaren haben sie sie aufgefressen!“

„Au weh!“, ließ sich da der kleine Idan vernehmen.

„Der einzige Überlebende“, fuhr Äffchen fort, „war mein Vorfahr, der hundertvierundvierzigmal Urgroßaff, der später die uralte Chronik verfasst hat. Mit knapper Not gelang es ihm, über den Raumbruch – so nannte man damals die Methode der interplanetarischen Raumüberbrückung – nach Plédos zurückzukehren. Da er aber seine Pubertät schon hinter sich hatte und ein alter, dummer Aff geworden war, hat er die Reisetechnik vollständig vergessen und das Geheimnis der interplanetarischen Raumüberbrückung ist der Nachwelt nicht überliefert worden. Er war der Einzige, der das hätte tun können, denn sämtliche Wissenschaftler, die davon wussten, waren aus Neugier nach Pessian übergesiedelt, wo sie alle umgekommen sind. Und mein hundertvierundvierzigmal Urgroßaff war eben der letzte Überlebende dieser Wissenschaftler, deren Siedlung an jenem schicksalsschweren Sommernachmittag vor siebentausend Jahren von Pessianern überfallen wurde. Es war ein teuflisches, organisiertes Massaker, das allen Abkömmlingen unserer Welt auf Pessian den Garaus machen sollte. Nun waren ja die Plédo-Affen zumindest damals gewiss die klügsten Wesen auf unserer Welt, vorausgesetzt sie waren noch in jugendlichem Alter. Und mein hundertvierundvierzigmal Urgroßaff hatte das Pech, gerade die Geschlechtsreife erlangt zu haben. Das hat nämlich bei uns Affen mit besonderer Reife gar nichts zu tun, sondern ist die Ursache für allgemeine Verdummung. So war es wenigstens damals. Es ist in diesem Falle auch der Grund, warum seit siebentausend Jahren kein Bewohner unserer Welt mehr nach Pessian gelangt ist.

Kurze Zeit vor diesem schrecklichen Ereignis war übrigens schon eine ganze Schar von Plédo-Affen auf der Suche nach dem verborgenen Schatz im Tal des Todes spurlos verschwunden, alles Verwandte meines hundertvierundvierzigmal Urgroßaff. Das muss dem armen Manne einen zusätzlichen Schlag versetzt haben. So brachte er es auch am Ende nur noch zu Gestammel und tatsächlich bricht er gegen Schluss der Chronik in wildes Gegacker aus. Man hat die größte Mühe, etwas zu verstehen, und am Ende kann man nicht einmal die Schrift mehr lesen, da muss er völlig den Verstand verloren haben.

Mit dem Tal des Todes hat es nun etwas ganz Besonderes auf sich, wie aus der Chronik hervorgeht: Es liegt am Fuße des riesenhaften, finsteren Berges Krogull, der weit über die Atmosphäre des Planeten hinausreicht und alles ringsherum mit seinem tiefen, schwarzen Schatten ertränkt, und es ist gewiss der grauenvollste Ort auf Pessian. Da der Berg Krogull sich auf der Morgenseite des Tales befindet und so den Sonnenaufgang verdunkelt, kann man dort überhaupt nur am Nachmittag oder gegen Abend die Hand vor Augen sehen.

Dies ist das Tal, das dir kein Name nennt,

das finstre Tal, das keinen Morgen kennt!

So schrieb der hundertvierundvierzigmal Urgroßaff in seiner Chronik, während er heftig mit der geistigen Umnachtung seiner Spätpubertät zu ringen hatte. Wehmütig blickte er dem drohenden Verlust seiner Denkkraft entgegen und erinnerte sich dabei an die Finsternis des schrecklichen Todestals. Und weiter heißt es in dem Gedicht:

Doch wie der Abend auf den Morgen weist

und Morgensonnenlicht den Abend speist,

so leuchtet auch das Gute auf im Bösen

das finstre Tal vom Tode zu erlösen.

Das Böse muss aus gutem Grunde sein,

denn alles mündet in das Gute ein.

Es ist die Harmonie, die alles hält

und stützt, was lebt und atmet in der Welt.

Aus ihrer Wahrheit ist die Wirklichkeit,

mit Tod vermischt entsprang aus ihr die Zeit.

Das Böse stammt aus Falschem, ist nicht wahr,

hör, wie aus gutem Grund es trotzdem sich gebar:

Die Freiheit lag zugrunde allem Sein,

in Freiheit schloss das Böse selbst sich ein,

und hat, als drin der Urgrund ward entleert,

in einen finstren Kerker sich verkehrt.

Der Schatz des innern Grundes glüht im Tal,

glüht in der Nacht und leuchtet ihr zur Qual.

Das Tal des Todes muss er überwinden

und sich in hehrer Eintracht wieder finden.

Einst wird die Nacht aus diesem Tale schwinden,

und in der Morgenröte wird sich finden,

dass aller Welten Grund die Liebe heißt,

im Sieg erst ihre Gnade sich erweist.“

„Das verstehe ich nicht“, sagte der kleine Idan.

„Ich auch nicht“, sagte Äffchen. „Weißt du, wenn die Affen noch ganz klein sind, dann liegt so etwas wie ein seltsames Leuchten in ihren Augen, das sich bald darauf verliert. Sie sehen aus, als stammten sie aus einer fernen, anderen Welt und seien gar nicht von Affen geboren. Später dann, in jugendlichem Alter, werden sie Erfinder, Wissenschaftler und Vielwisser, wie ich einer bin. Dann werden sie sentimentale Dichter, die Dinge schreiben, von denen wir Jungen kein Wort verstehen, dann denken sie nur noch ans Essen und Trinken und schließlich verblöden sie vollends. Weißt du, ich glaube, das hat nicht immer so sein müssen, ich meine, das mit dem Verblöden. Es muss etwas mit dem Tal des Todes zu tun haben. Hauptsache aber, dass in dem Gedicht vom Schatz des innersten Grundes die Rede ist. So wissen wir wenigstens, dass es ihn gibt und welche Kräfte er in sich trägt. Den wirren Rest der Dichtung kann man wohl vergessen. Es sind bestimmt die ersten Symptome der Geistesschwäche.“

„Merkwürdig kommt es mir aber doch vor“, sagte der kleine Idan. „Dass aller Welten Grund die Liebe heißt, im Sieg erst ihre Gnade sich erweist? Was soll das bedeuten?“

„Musst nicht alles so ernst nehmen, was der alte Wirrkopf aufgeschrieben hat“, meinte Äffchen. „Viel wichtiger ist, in welchem Verhältnis der Komponische Märchenwald zu diesem Tal des Todes auf Pessian steht. Als nämlich in Urzeiten unsere Welt sich spaltete und Pessian aus ihr herausgerissen wurde, da trennte sich auch der riesenhafte Berg Krogull von ihr ab und riss eine tiefe Wunde in unsere Welt. Diese planetarische Wunde aber ist keine andere als die tausend Kilometer tiefe Ganganjer-Schlucht vor unserem Wald. Und an derselben Stelle, wo auf Pessian das Tal des Todes liegt – zu Füßen des Berges Krogull – da entstand auf unserer Welt der Komponische Märchenwald. So ist Pessian tatsächlich der dunkle Spiegel unserer Welt von Plédos. Was bei uns tief ist, das ist dort hoch. Was bei uns hoch ist, das ist dort tief. Die ganze Oberfläche des Planetenmondes ist ein negativer Abdruck unserer Welt. Und es ist schon ein besonderes Geheimnis, dass gerade an der Stelle, wo auf Pessian das Tal des Todes liegt, bei uns der Komponische Märchenwald steht, der die größte Vielfalt der Lebensformen enthält. Wenn es uns also gelänge, nach Pessian zu reisen, könnten wir die Forschungen meines Urahnen fortführen. Wir könnten dann herausfinden, woher der Tod und das Böse kommen. Wir müssten dazu den Schatz des inneren Grundes heben. In der uralten Chronik befindet sich ein Lageplan.“

„Aber wie sollen wir dort hinkommen?“ fragte Idan.

„Nun, ich weiß nicht recht“, überlegte Äffchen. „Freilich ist die Methode des Raumbruchs nun seit Jahrtausenden verschollen, und niemandem ist es gelungen, sie wieder zu entdecken. Aber vielleicht gibt es andere Möglichkeiten. Einige davon habe ich mir schon durch den Kopf gehen lassen.“

„Woran hast du gedacht?“, fragte der kleine Idan.

„Nun, zum Beispiel habe ich mir überlegt, dass wir uns eine dieser Flugechsen einfangen könnten, nun, du weißt schon, eine von denen, wie sie regelmäßig über den Komponischen Märchenwald fliegen. Dann müssten wir dieser Flugechse natürlich einen Raumanzug verpassen. Über den Kopf käme ein großer ausgebuchteter Helm. Wir selbst müssten uns ebenfalls in Raumanzügen auf ihren Rücken setzen. Durch eine besondere Schaltung, die sich im Raumanzug der Flugechse befinden müsste, könnten wir dem Tier mit einer Nadel in den Rücken stechen. Die Flugechse würde dann vor Angst und Schmerz immer höher und höher fliegen und wenn sie seitlich ausweichen wollte, könnten wir per Knopfdruck unseren Wünschen Nachdruck verleihen. Wir würden sie also zwingen immer höher und höher zu fliegen und wenn sie die Anziehungskraft unserer Erde überwunden hätte, würde sie mit derselben Geschwindigkeit weitersegeln, mit der sie gestartet ist – bis nach Pessian.“

„Aber das ist Tierquälerei“, sagte der kleine Idan.

„Eben das dachte ich auch. Also vergiss es lieber!“

„Hast du noch eine andere Idee?“

„Nun ja – möglicherweise könnten wir eine große luftdichte Kapsel bauen, diese dann an einen großen, starken Baum hängen und die Kapsel mit starken Tauen nach unten ziehen, sodass sich der Baum zur Erde beugt. Dann schließen wir uns in der Kapsel ein, unsere Freunde kappen unten die Taue, während gleichzeitig mein Bruder oben die Taue zerschneidet, die die Kapsel mit dem Baum verbindet, und – lassen die Kapsel schnalzen.“

„Glaubst du, dass so etwas funktionieren kann?“

„Wenn der Baum groß und stark genug ist und die Geschwindigkeit, mit der die Kapsel geschnalzt wird, so hoch ist, dass sie die Anziehungskraft der Erde überwindet – dann vielleicht! Natürlich dürfen wir auch einen Fallschirm nicht vergessen, den wir allerdings erst auf Pessian einsetzen dürfen.“

„Aber wie sollen wir dann von Pessian wieder nach Hause zurückkommen?“, fragte Idan.

„Da hast du auch wieder recht. Also vergiss es lieber!“

„Es gibt noch eine andere Möglichkeit“, meldete sich da eine Stimme. Äffchen und Idan blickten sich um. Es war Kuno Weißhaar.

„Soviel ich weiß, ist es noch vor wenigen hundert Jahren einigen Abenteurern gelungen, eine Reise nach Pessian zu unternehmen“, sagte er.

„So? Und wie?“, fragte Äffchen.

„Über den Turm von Gorkan.“

„Der große Himmelsturm von Gorkan, in Íoland? Aber der wurde vor dreitausend Jahren zerstört.“

„Ja, das sagt man, aber das ist ein Gerücht. Der Turm von Gorkan steht, das haben mir meine Verwandten bezeugt. Er ist im südlichen Urwald verborgen. Gorkan ist vor dreitausend Jahren zerstört worden, das ist wahr, aber der Turm ist erhalten geblieben. Er ist bis zum Blätterdach des Waldes von Schlingpflanzen umwachsen.“

„Aber wie kommt es, dass er nicht aus der Ferne oder von einem Flugzeug aus gesehen wird?“, fragte Äffchen.

„Das hängt damit zusammen“, erwiderte Kuno Weißhaar, „dass die Erbauer des Turmes diesen mit einer wetterfesten Tarnfarbe angestrichen haben. Es handelt sich um eine sogenannte Wechselfarbe, die die Eigenschaft besitzt, sich an die Farbe der Umgebung vollständig anzupassen, sodass der Turm nicht gesehen werden kann.“

„Das heißt, der Turm ist unsichtbar?“, fragte der kleine Idan.

„Gewissermaßen. Allerdings kann man nicht durch ihn hindurch sehen.“

„Und wie kommt es, dass noch kein Flugzeug mit ihm zusammengestoßen ist?“

„Der südliche Urwald von Íoland ist für den Flugverkehr gesperrt“, erwiderte Kuno Weißhaar. „Er war es schon immer, denn die Íoländer wollen ihren Urlaub in den Urwäldern ungestört verbringen. Sie verabscheuen fremde Geräusche, wie sie von Flugzeugen ausgelöst werden.“

„Wie war es möglich, dass der Turm damals nicht mit der Stadt zusammen zerstört worden ist?“, wunderte sich Äffchen.

„Du kennst doch die Geschichte! Als Gorkan von Feinden belagert wurde, wurden die Bewohner gezwungen, ihre Stadt zu zerstören bis auf den Turm. Den wollten die Feinde zu ihrem Zweck verwenden. Nun heißt es, die Einwohner Gorkans hätten auch den Turm zerstört, um zu verhindern, dass er in den Besitz der Feinde gerät. Das haben sie aber nicht, sondern sie haben ihn mit einem Material bestrichen, das die Farbe der Umgebung annimmt, bis in die Wolken hinauf. So konnte er von den Feinden nicht entdeckt werden und man hat ihnen gesagt, der Turm sei zerstört worden. Viele Einwohner von Gorkan sind in dem Turm den Feinden entkommen und wurden nicht mehr gesehen.“

„Und der Turm von Gorkan ist tatsächlich hundertfünfzigtausend Kilometer hoch?“, fragte Äffchen.

„Hunderttausend Kilometer. Er ist hunderttausend Kilometer hoch!“

„Sehr schön! Und die restlichen fünfzigtausend Kilometer können wir dann wohl nach Pessian springen?“

„Du beliebst zu scherzen“, sagte Kuno Weißhaar. „Der Turm enthält einen Fahrstuhlschacht. In diesem können Fahrstühle auf eine so hohe Geschwindigkeit beschleunigt werden, dass sie aus der Spitze des Turmes nach Pessian abgeschossen werden können. Sie sind auch oben mit einem Fallschirm versehen.“

„Sehr schön. Was für ein Glück, dass Pessian eine Atmosphäre hat und der Fahrstuhl durch den Fallschirm gebremst werden kann. Aber – wenn wir schon mal dort sind – wie kommen wir wieder zurück?”

„Die Fahrstuhlkapsel enthält, soviel ich weiß, ein eigenes Triebwerk. Damit kann man zumindest bis zur Spitze des Turmes zurückfliegen.“

„Gut“, sagte Äffchen, „unter dieser Bedingung können wir es wagen. Die Frage ist jetzt nur noch: Wie kommen wir nach Íoland?“

„Auch das dürfte nicht weiter problematisch sein. Ich habe Beziehungen zu Kuno-Stämmen an der Küste, die ständig mit Seeleuten in Verbindung stehen. Diese Seeleute aus Íoland treiben Handel mit meinem Volk. Manchmal kommen auch Abenteurer nach Rüsselschwein, allerdings nur selten, sehr selten Touristen. Vielleicht haben wir Glück, und es schließen sich uns einige Abenteurer an. Für die Reise zur Küste könnte ich euch einige Reittiere zur Verfügung stellen.“

„Abgemacht“, sagte Äffchen. „Kommst du denn mit?“

„Was wird mir anderes übrig bleiben?“, erwiderte Kuno Weißhaar. „Ohne mich findet ihr nie den Turm von Gorkan.“

Die Expedition

Silena hatte ein Geheimnis. Ihre Geweihansätze leuchteten bei Nacht wie kleine Glühbirnen. Und es war nicht dieses Leuchten allein, ein Leuchten in vielen Farben, das die Bewohner des Märchenwaldes erfreute, die Geweihansätze sangen auch, während sie leuchteten. Sie klangen in verschiedenen Tönen, wie der Wind klingt, wenn er durch eine geheimnisvolle Kraft geformt wird. Es war dieses Singen, Klingen und Tönen, das die Bewohner des Märchenwaldes vermissten. Und sie waren sich einig: Hätten sie diese Geweihansätze zurück, so würde wieder Freude herrschen unter den Bewohnern des Märchenwaldes, wie zu der Zeit, da Silena noch lebte. Es gab noch andere Gründe, warum gefordert wurde, dass man eine Expedition in die Ganganjer-Schlucht unternehmen sollte: Der Körper Silenas sollte einer ehrenvollen Beerdigung zugeführt werden. Da seit der Gründung des Waldes vor hunderten Jahren wie durch ein Wunder keiner seiner Bewohner jemals gestorben war, als hätte die hohe Lebensdauer der beiden Riesen auch auf die Tiere abgefärbt, so wusste natürlich niemand, was eine Beerdigung war – bis zu dem Tag, an dem Silena zu Tode kam. Danach hatten die beiden Riesen den Tieren von dem Brauch der Begräbnisse erzählt und es bedauert, dass der Körper der armen Hirschkuh fern von ihren Angehörigen in der Ganganjer-Schlucht verschollen war, statt eine ehrenvolle Beerdigung zu erhalten. Die Tiere hatten den Riesen sofort geglaubt, dass es etwas Herrliches sein müsse, beerdigt zu werden, und forderten nun, Silena müsse geborgen werden. Die Riesen sollten sie ihnen holen. Idan und Oler aber verbaten dies streng. Eine Reise in die Ganganjer-Schlucht sei viel zu gefährlich. Selbst wenn es dem Abenteurer gelänge, all die Gefahren zu überwinden, die auf dem Weg nach unten auf ihn lauerten, so warte dennoch am Grunde der sichere Tod. Denn wie in den schwindelnden Höhen der Berge der Luftdruck stetig abnimmt und man den inneren Druck der eigenen Ohren spüre, so sei am Grunde dieser unbeschreiblich tiefen Schlucht der Luftdruck um ein Vielfaches höher. Kein Wesen aus der oberen Welt könne den Druck überleben. „Bedenkt“, sprach Oler zu den versammelten Tieren, „die Tiefe der Ganganjer-Schlucht übertrifft die Höhe der höchsten Berge um das Mehrhundertfache. Vergegenwärtigt euch, wie bereits auf einem Berg von siebentausend Metern Höhe die Ohren wehtun wegen des geringen Außendruckes. Bär Porbulo, der schon so manche Reise unternommen hat mit seinen Getreuen, kann euch ein Lied davon singen. Nun stellt euch vor, dass in demselben Maße, wie mit zunehmender Bergeshöhe der Luftdruck abnimmt, derselbe mit wachsender Tiefe steigt, so könnt ihr erkennen, welcher immense Druck den Abenteurer am Grunde der Schlucht erwartet.“

Die Tiere des Waldes bestaunten die Weisheit Olers und glaubten ihm. Sie fügten sich in ihr Schicksal, wohl niemals wieder in den Genuss der glühenden Geweihspitzen Silenas zu gelangen oder ihr ein Grabmal errichten zu können. Auch würde ja sicher Silenas Geweih nicht mehr leuchten, wenn sie nicht lebte, versicherte ihnen der Riese.

Erfinder-Äffchen aber war anderer Meinung. Es war zu der Erkenntnis gekommen, dass das Geweih Silenas durch einen chemischen Prozess leuchte und singe und dass es einen Weg geben müsse, diesen Prozess auch künstlich in Gang zu setzen, sobald die Überreste der Hirschkuh gefunden würden. Auch ging es davon aus, dass die Ganganjer-Schlucht nur einen schmalen Spalt ausmachen würde im Verhältnis zur übrigen Erdoberfläche. Das Luftmeer könne daher auf diesem nicht auf dieselbe Weise lasten wie auf der Erdoberfläche und es dringe nur ein geringfügiger Teil davon in die Schlucht, der entsprechend verdünnt werde. Diese Luftverdünnung werde wiederum ausgeglichen durch die zunehmende Schwerkraft. Es müsse also möglich sein, am Grunde der Schlucht ganz normal zu atmen und zu überleben. Äffchen hatte diesen Einwand vorgebracht, aber er war von den Riesen Idan und Oler nicht anerkannt worden. Darum hatte es beschlossen, das Unternehmen heimlich und auf eigene Faust zu planen.

Erfinder-Äffchen hatte heimlich zu einer Expedition in die Ganganjer-Schlucht aufgerufen. Es meldeten sich mehrere Freiwillige. Diese waren der kleine Idan, Kuno Weißhaar und sein Vetter Schwarzschopf und der große Bruder von Erfinder-Äffchen, den man unter dem Namen „Großer-Bruder-Affe“ kannte. Oler und der große Idan durften nichts davon erfahren, denn sie hätten gewiss sofort die Abenteurer an ihrem Unternehmen gehindert. Sämtliche Erkundigungen der Schlucht waren in der Vergangenheit daran gescheitert, dass die Wände zu glatt und zu steil waren. Und niemand kannte ein Seil, das lang genug gewesen wäre, um bis auf den Grund zu reichen. Darum hatte Erfinder-Äffchen anfangs an einen Heißluftballon gedacht, mit dem man hinunterschweben konnte. Aber dessen Herstellung wäre so aufwendig und der Ballon selbst so groß gewesen, dass es den Riesen sicher aufgefallen wäre. Darum hatte sich Erfinder-Äffchen ein neues Strickleitersystem ausgedacht. Dieses bestand aus einer langen ringförmigen Strickleiter, an deren beiden Polen sich künstliche Saugschrauben befanden. Was Saugschrauben waren, das wusste der kleine Idan anfangs auch noch nicht. Es handelte sich um wurmartige Tiere, die sich mit Hilfe extrem starker Saugnäpfe an glatten Wänden empor angeln konnten. Das Geheimnis, wie sich diese Saugnäpfe automatisch wieder lösen ließen, hatte Erfinder-Äffchen herausgefunden. Sie reagierten auf Spannung. Aber dieses Prinzip konnte im Falle der künstlichen Saugschrauben nicht angewandt werden. Erfinder-Äffchen hatte sich etwas anderes einfallen lassen. Es hatte nämlich eine kleine Klappe an der Oberfläche der großen künstlichen Saugnäpfe angebracht, die man öffnen konnte. Und wenn man sie öffnete, drang Luft in den Hohlraum zwischen Saugnapf und angesaugtem Gegenstand, es kam zu einem Druckausgleich und der Saugnapf sprang ab. Der Plan war nun folgender: Die Strickleiter sollte an ihrem oberen Pol mithilfe des Saugnapfes an der Wand des Abhangs befestigt werden. Dann würden die Expeditionsteilnehmer – zwei auf jeder Seite – an der ringförmigen Strickleiter herabsteigen und, unten angekommen, diese mithilfe ihres am unteren Pol angebrachten Saugnapfes an der Wand befestigen. Natürlich musste einer oben bleiben, der, nachdem die Strickleiter unten befestigt war, den oberen Saugnapf mithilfe der Klappe von der Wand lösen musste, und für diese Aufgabe hatte sich der Große-Bruder-Affe bereit erklärt, der sich durch besondere Geschicklichkeit im Klettern und Lianenschwingen auszeichnete. Nachdem er den oberen Saugnapf gelöst hatte, sollte er die Strickleiter an ihrem unteren Pol fassen und sich nach unten schwingen, während sich die anderen vier unten an der Strickleiter festhielten. Natürlich hätte ein solches Hinunterschwingen eigentlich zur Folge gehabt, dass der Große-Bruder-Affe unten mit voller Wucht an die Wand der Schlucht geprallt wäre. Um solches zu vermeiden, trug er an den Füßen große Sprungfedern, mit denen er gezielt auf der Felsenwand aufkommen musste und noch einige Zeit in Ruhe abfedern konnte. Natürlich wurden dadurch die vier anderen am unteren Pol der Strickleiter Hängenden ebenfalls erheblich erschüttert und mit dem Rücken gegen die Wand des Abhangs geschlagen, und um den Aufprall zu dämpfen, trugen sie ebenfalls Sprungfedern auf ihrem Rücken. Wenn sie abgefedert und zur Ruhe gekommen waren, sollten sie wieder – zwei auf jeder Seite – die Strickleiter hinunterklettern, um den einstigen oberen Saugnapf, der jetzt zu unterst hing, an der Felswand zu befestigten. Zur gleichen Zeit sollte der Große-Bruder-Affe nach oben klettern, um den oberen Saugnapf wieder zu lösen. Dieses Verfahren sollte solange wiederholt werden, bis sie unten angekommen waren. Und so wurde es auch gemacht. Da die Reise lange und beschwerlich werden würde und es nicht möglich war, so viele Lebensmittel mitzunehmen, hatte Erfinder-Äffchen ein kleines Gerät mitgenommen, das es „Rückwärtsgang“ nannte. Das war kein gewöhnlicher Rückwärtsgang wie bei einem Kraftfahrzeug – so dachte wenigstens Erfinder-Äffchen. Dieses Gerät sollte dazu dienen, die Zeit umzukehren, wie in einem Film. Erfinder-Äffchen hatte das Gerät aus dem Rückwärtsgang eines tatsächlichen ausrangierten Kraftfahrzeuges entwickelt, das die Kunos aus Gandovir, einer Touristenstadt an der Nordküste, herbeigeschleppt hatten. Es war ernsthaft der Auffassung, dass ein Vorgang, der für den Raum gelte, nämlich das Rückwärtsfahren, sich auch auf die Zeit anwenden lasse. Kuno Weißhaar und sein Vetter Schwarzschopf hatten dagegen eingewandt, dass man die Zeit nicht zurückdrehen könne. Dies sei deshalb nicht möglich, weil es nur Bewegungen, aber keine Zeit an sich gäbe, die man zurückdrehen könne. Aber Erfinder-Äffchen war anderer Ansicht. Wenn man in der Erinnerung zurückgehen könne, dann müsse man das auch in der Wirklichkeit können und dieses Zurückgehen in der Wirklichkeit sei ein Zurückgehen in der Zeit. Der kleine Idan wollte sich an solchen Diskussionen nicht beteiligen. Sie waren viel zu kompliziert für ihn. Jedenfalls hatte Erfinder-Äffchen seine eigene Meinung darüber, was Zeit war. Wenn man die Zeit zurückdrehen könne, so meinte es, dann müsse es möglich sein, einen Vorgang, der sonst Energie erfordere, auch ohne Zufuhr von Energie zu erzeugen. „Wenn ich ein Haus baue, stecke ich viel Energie hinein“, sagte Äffchen. „Wenn ich es zerstöre, brauche ich nur wenig Energie. Wenn ich es aber aus dem zerstörten Zustand wiederherstelle, indem ich die Zeit umkehre, brauche ich so gut wie keine Energie. Ich brauche also nur die Zeit umzukehren, die Träger der Bewegung ist, und schon hat sich die Sache!“ So argumentierte Äffchen.

„Man kann nicht die Zeit umkehren“, sagte Kuno Weißhaar. „Zeit bezeichnet nur Bewegungsdauer und wenn man etwas bewegen will, dann muss man Energie hineinstecken. Und man braucht mehr Energie, wenn man etwas aufbaut, als wenn man es zerstört. Eine bloße Dauer aber kann man nicht umkehren und wenn man die Sache recht betrachtet, dann gibt es so etwas wie Dauer eigentlich gar nicht, zumindest nicht in unserer Welt. Außer den Ideen hat noch niemals irgendetwas in unserer Welt überdauert. Dauer nennt man also einen Zustand, den wir noch gar nicht kennen. Und den willst du umkehren? Viel Glück dabei!“

„Du irrst dich“, hatte Erfinder-Äffchen entgegnet. „Bewegungen ereignen sich ja nicht im leeren Raum. Sie müssen in einem Zeitraum stattfinden. Sonst könnten sie nicht aufeinander bezogen werden. Und eben diesen Zeitraum möchte ich – zumindest streckenweise – mit meiner Maschine umkehren. Das ist gerade so wie mit den Filmen in zivilisierten Ländern. Und was ist der prinzipielle Unterschied? Was man vorwärts anschauen kann, das kann man auch rückwärts ansehen!“

„Nein“, hatte darauf der Kuno erwidert. „Es ist ein Unterschied, ob du dir eine Bewegung nur anschaust oder ob du sie ausführst. Die gesehene Bewegung ist nur ein Abbild und erfordert keine Anstrengung. Die ausgeführte ist eine Wirklichkeit und sie verbraucht Energie.“

„Nein“, hatte Erfinder-Äffchen gesagt. „Wie alles, was ist, sich in einem Raum befindet und in diesem in jede beliebige Richtung verschoben werden kann, so spielt sich auch alles in einem Zeitraum ab, in dem es nach vorn oder nach hinten verschoben werden kann, und das ist völlig unabhängig von der Energie, die eine Bewegung zu ihrer Ausführung benötigt.“

„Beweise das mal“, hatte Kuno Weißhaar noch gerufen. „Beweise, dass es so etwas gibt wie einen Zeitraum, in den man in zwei verschiedene Richtungen gehen kann. Das wirst du nie beweisen können!“

Aber Erfinder-Äffchen war bei seiner Meinung geblieben. Über das Für und Wider sollte ein Experiment entscheiden. In seinem Labor hatte es ein solches Experiment durchgeführt und Kot in köstliche Nahrung verwandelt. So hatte Äffchen jedenfalls behauptet und da es ein ehrliches und aufrichtiges Äffchen war, hatte ihm jeder geglaubt.

Während die Affen mit der kreisförmigen Strickleiter keine Schwierigkeiten hatten, kamen die beiden Kunos mit ihren kurzen, plumpen Gliedmaßen und Fingern nur langsam voran. In der Mitte lag der kleine Idan, der den beiden Kunos half.

Nachdem die Gefährten unter großen Anstrengungen an der Wand der Ganganjer-Schlucht eine gewisse Strecke zurückgelegt hatten, war es an der Zeit, den Rückwärtsgang auszuprobieren, und zwar noch bevor sämtliche Lebensmittel verbraucht waren. Es war Kuno Weißhaar, der diesen Vorschlag gemacht hatte. Er wollte auf Nummer sicher gehen. Alle anderen vertrauten Äffchen machten an einem Felsenvorsprung in der Nähe eines großen Adlernestes Rast. Erfinder-Äffchen holte den Motor aus seinem Rucksack, während Großer-Bruder-Affe mit Hilfe einer ausfahrbaren Angel ein wenig Kot aus dem Adlernest fischte. Erfinder-Äffchen steckte den Kot in die Maschine und drückte den Auslöser. Der Motor brummte. Dann kam ein wenig mehlige Substanz zum Vorschein und Großer-Bruder-Affe, der viel auf seinen kleinen Bruder hielt, verzog enttäuscht sein Gesicht zu einem verschämten Grinsen, während die beiden Kunos missmutig drein blickten. Schließlich huschte quiekend eine kleine graue Maus hervor.

„Das Experiment ist gelungen!“, schrie Äffchen. „Wieder ist es gelungen! Die Adler haben Mäuse verspeist!“

„Das hat gar nichts zu sagen“, wandte Kuno Weißhaar ein. „Die Maus kann schon vorher in der Maschine gewesen sein. Durch das Geräusch des anspringenden Motors wurde sie aufgeschreckt! Das ist eine graue Waldmaus, wie sie öfter bei uns vorkommt.“

„Willst du meine Intelligenz in Frage stellen?“, schrie Äffchen. „Also gut: ein weiteres Experiment!“ Äffchen zerdrückte eine Tomate zu Matsch und führte sie in die Maschine ein. Es drückte den Auslöser. Die Maschine gurgelte. Roter Tomatensaft spritzte heraus.

„Das war wohl zu viel des Guten“, bemerkte Kuno Weißhaar. „Diese Maschine ist ein einziger Humbug! Allein die Idee ist idiotisch! Ich wusste gleich, dass das nicht funktionieren kann!“

„Der Tomatensaft ist kein Gegenbeweis“, entgegnete Äffchen. „Die Maschine hat die Tomate nur in ihren Urzustand zurückversetzt. Und wie ich wissenschaftlich bewiesen habe, ist alles aus Wasser entstanden.“

„Bravo“, rief Kuno Weißhaar. „Du bist ein fantastischer Kerl, der keinem eine Antwort schuldig bleibt. Du kannst wohl alles erklären, sogar den vollendeten Unsinn, aber wir können nichts essen. Das eine ist Erfindung, das andere Wirklichkeit. Da fällt mir gerade ein: Das mit dem Hinuntersteigen war keine schlechte Idee, aber hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie wir wieder hoch kommen sollen? Das dürfte mit der Ringstrickleiter schwierig sein! Wer soll den oberen Saugnapf nach oben befördern, ohne zu springen?“

Erfinder-Äffchen schaute betroffen. Tatsächlich hatte es sich darüber noch keine Gedanken gemacht. Dass es nahezu unmöglich war, mithilfe seines ausgeklügelten Strickleitersystems wieder nach oben zu gelangen, kam ihm erst jetzt in den Sinn. Es blieb ihm förmlich die Spucke weg.

„Mein Gott“, schrie Kuno Weißhaar, „das Äffchen hat tatsächlich nicht daran gedacht! Ich bin ja selbst ein Idiot, dass ich nicht kritisch nachgefragt habe! Was bin ich für ein Idiot! Einem Affen trauen! Ich hätte viel früher daran denken sollen, dass wir ja wieder zurückkommen müssen! Selbst wenn wir den Grund der Schlucht erreichen, werden wir wohl unten bleiben müssen!“

Bei solchen Aussichten war es dem kleinen Idan ganz angst und bange zumute geworden. Vor Angst begannen ihm die Knie zu schlottern, und plötzlich wurde seine Hose nass. Erfinder-Äffchen reagierte geistesgegenwärtig. Es streifte Idan die Hosenträger mitsamt der Hose herunter und fing den Urin in einer Flasche auf. Diese goss es dann in die Maschine. „Jetzt werdet ihr ein Wunder erleben“, behauptete Äffchen. Es drückte den Auslöser, die Maschine brummte und Wasser spritzte heraus, das Äffchen in seiner Flasche sammelte.


„Was hast du gestern und heute getrunken?“, fragte Erfinder-Äffchen den kleinen Idan, während sich dieser wieder die Hose anzog.

„Quellwasser“, antwortete dieser.

„Hab ich’s nicht gesagt?“, rief Äffchen. „Das ist reines Wasser. Ein weiterer Beweis, dass meine Maschine funktioniert!“

„Schon probiert?“, fragte Weißhaar.

„Wieso? Das sieht man doch!“

„Wenn es reines Wasser ist, darf es nicht salzig schmecken!“, sagte Kuno Weißhaar. „Urin schmeckt unter anderem salzig!“

„Kannst ruhig probieren“, sagte Äffchen und streckte dem Kuno die Flasche entgegen. Dieser probierte tatsächlich. Er verzog das Gesicht, spie aus und wurde rot vor Wut. „Blöde Maschine!“, rief er und versetzte dieser einen Tritt, sodass sie den Felsenvorsprung hinuntergefallen wäre, wenn nicht Erfinder-Äffchen sie aufgefangen hätte. Um dies zu tun, musste es aber mit einem Satz nach vorne springen und dabei rumpelte es Idan an. Dieser verlor das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen in der Luft – und fiel. Es brauchte eine Weile, bis der kleine Idan – unter den Schreckensrufen der anderen – realisiert hatte, was eine unabänderliche Tatsache war. Er stürzte tatsächlich.

Normalerweise bleibt einem Stürzenden nicht viel Zeit, sich während seines Sturzes allzu viele Gedanken über sein Schicksal zu machen. Nun war aber die Ganganjer-Schlucht fast tausend Kilometer hoch, und ein Stürzender musste mit fünf Stunden Flugdauer rechnen, bis er unten ankam. Zeit genug, um noch einmal in Ruhe sein Leben zu überdenken und es noch einmal ordentlich mit der Angst zu tun zu bekommen. Und so bekam tatsächlich auch der kleine Idan ordentliche Angst. Das Schrecklichste war seine gänzliche Hilflosigkeit. Er konnte absolut nichts tun und blickte nur mit großen Augen seinem sicheren Ende entgegen. Dabei gingen ihm so manche Gedanken durch den Kopf. Er bereute bitterlich, dass er nicht auf den Rat seiner Ziehväter gehört hatte und zu Hause geblieben war. Er stellte sich vor, wie die beiden Riesen um ihn trauern würden, und weinte bittere Tränen darüber, dass er daran schuld war und ihr Vertrauen missbraucht hatte. Ein kalter Zugwind wehte ihm entgegen und wenn dieser nicht gewesen wäre, so hätte der kleine Idan sich völlig schwerelos gefühlt. Er hatte sich auf den Bauch gelegt, um die Fallgeschwindigkeit zu drosseln und der Wind wehte ihm die Tränen aus den Augen, die immer wieder von Neuem flossen. Ganz bewusst konnte er erleben, wie er immer schneller und schneller wurde. Die rötlichen felsigen Klippen an den Wänden des Abgrundes rasten immer schneller an ihm vorbei. Und irgendwann einmal bemerkte der kleine Idan, dass er mit gleich bleibender Geschwindigkeit fiel. Der Zugwind hatte aufgehört, noch stärker zu werden, und blies ihm mit gleicher Stärke ins Gesicht. Und die Felsenformationen zogen jetzt gleichmäßig an ihm vorüber. Noch konnte er keinen Grund erkennen. Die Fluchtlinien des namenlosen Abgrundes verloren sich in einem unscheinbaren Punkt. Der kleine Idan betete zu Gott. Seine Ziehväter hatten ihm erzählt, dass alle Dinge aus einem gütigen Urwesen hervorgegangen seien und zu diesem als seine Kinder zurückgeführt werden sollten. „Bitte, lass mich leben“, schrie der kleine Idan, „ich will noch nicht sterben! Wenn du mich leben lässt, werde ich meinen Vätern auch gewiss keine Schande mehr machen! Bitte lass mich leben! Ich weiß nicht wie, aber du wirst schon irgendeinen Weg finden! Es heißt doch, dass dir nichts unmöglich ist!“

Idan blickte wieder in den namenlosen Abgrund, der immer neue Felsenformationen freigab, und plötzlich überkam ihn eine nie gekannte, selige Ruhe. Er schloss die Augen und war bald eingeschlafen.

Als er erwachte – es mochten mehrere Stunden seliger Träume verflossen sein – dauerte die Fahrt noch an. Er durchschwebte zarte Wolken. Und dann – dann nach vielen Minuten innerer Ruhe und vertrauensseligem Ausharren – erkannte er aus mehreren tausend Metern Höhe den Grund der Schlucht. Es bot sich ihm ein Bild der Zerstörung. Der Boden war über und über von wolkigem grauen Staub bedeckt. Der kleine Idan schrie laut auf. Aber es nützte ihm nichts. Er sah dem unabwendbaren Ende entgegen. Idan hatte insgeheim gehofft, dass sich auf dem Grunde der Schlucht der Staub schon meterdick aufgetürmt hätte und dass er mit ein wenig Glück eine weiche Landung haben würde – trotz einer gleich bleibenden Geschwindigkeit von zweihundertfünfzig Stundenkilometern, wie sie Äffchen berechnet hatte. Aber er hatte sich getäuscht. Der Staub berührte den Boden nur hauchdünn und fetzenartig und gab den nackten Lavaboden frei. Und an manchen Stellen war er zu flockigen, Furcht erregenden Gebilden aufgetrieben. Diese aber waren wohl ebenso wenig geeignet seinen Sturz abzubremsen. Vergeblich hielt Idan nach einem Gebilde Ausschau, das dazu vielleicht in der Lage gewesen wäre. Von Äffchen hatte er gelernt, dass es dem aus großer Höhe Fallenden möglich war, den Ort seiner Ankunft selbst zu wählen, wenn er mit Armen und Beinen durch die Luft ruderte. Hätte er solch einen gewünschten Ort erspäht, er hätte es versucht. Aber er fand nichts. Wie er nun abschätzen konnte, war seine Fallgeschwindigkeit schon weitaus höher, als die von Äffchen errechnete, und keine der flockigen Formationen konnte ihn davor bewahren, gänzlich zerschmettert zu werden. Idan rang nach Atem. Der Angstschweiß rann ihm aus allen Poren. Noch einmal erhob er sein Herz flehend zu Gott. Er schrie um Hilfe. Noch war er nur noch knappe tausend Meter vom Ziel seiner Reise entfernt. Da sah er plötzlich zwischen den nebeligen Gebilden aus grauem Staub so etwas wie eine Brunnenöffnung, groß genug für einen Menschen, um sich bequem darin bewegen zu können. Hastig ruderte er mit Armen und Beinen, um möglichst über der Brunnenöffnung zu liegen zu kommen. Da bemerkte der kleine Idan, dass er schräg durch die Luft schwimmen konnte, der kleinen abgrundartigen Öffnung entgegen, die seine letzte Rettung zu sein schien.

Tatsächlich erreichte er sie. Statt auf dem Grund aufzuschlagen, was sein sicheres Ende bedeutet hätte, raste er durch die brunnenähnliche Öffnung in eine finstere Tiefe hinab. Was er nun hier beobachten konnte, überstieg sein Vorstellungsvermögen. Der Schacht, den er durchraste, war nicht unbewohnt. An seinen Wänden türmten sich Balustraden empor. Sie waren mit Säulen versehen und Gänge führten tiefer in das Innere der Lavafelsen hinein. Manchmal bekam er auch ihre Bewohner zu Gesicht. Es waren Wesen mit roter, lederner Haut und spitzen Ohren. Einige von ihnen hatten ihn erblickt, wie er durch ihren Schacht fiel. Lächelnd entblößten sie ihre scharfen Reißzähne und grüne, leuchtende Augen blitzten ihn an. Erfinder-Äffchen hatte Idan von einer Hölle erzählt, von der die südländischen Stiefelburger sprachen. In diese Hölle, so glaubten sie, gelangten die bösen Menschen nach ihrem Tod. Niemand wusste genau, wo man sie zu suchen hatte, aber einige vermuteten sie tief unter der Erde. Idan zweifelte keinen Moment: Gewiss passierte er gerade diese Hölle. Es musste so sein! Und wie er tiefer und tiefer stürzte, an all den Balustraden vorbei, die nur ein züngelnder Lichtschein erhellte, fragte er sich, ob er in Wahrheit vielleicht gerade gestorben war. Vielleicht war er am Grunde der Schlucht zerschmettert worden und war nun in Wirklichkeit tot. Möglicherweise führte sein Weg direkt in die unterste Hölle, wo er nun bei all den bösen Teufeln wohnen musste. Bei diesem Gedanken schauderte es Idan gewaltig. Aber er hatte doch das väterliche Urwesen um Rettung gebeten. Konnte es denn sein, dass Gott so unbarmherzig war? Nein, es durfte nicht sein! Vielleicht war dies alles ein Traum!

Von Balustrade zu Balustrade sah Idan gierige Augen auf sich gerichtet. Der Schacht selber war stockdunkel, aber die Gänge, die von den Balustraden aus in die Wände hineinführten, waren hell erleuchtet, und voll unterirdischer, sie kreuzender Lavaströme, die von den Teufelswesen gebändigt wurden. Idan erkannte dies daran, soweit er es im Vorüberfliegen beurteilen konnte, dass diese Teufel sich an der glühenden Lava zu schaffen machten. Die meisten von ihnen hielten metallene Dreizacke in ihren Klauen bewährten, schuppigen Händen. Manch einer streckte seinen Dreizack in den Schacht hinein, um damit nach Idan zu angeln. Doch sie verfehlten ihn stets. Der Schacht schien kein Ende zu nehmen. Und jeden Moment war sich der kleine Idan der Möglichkeit bewusst, dass er plötzlich aufschlagen und sein Fall ein abruptes Ende nehmen konnte. Dann wäre er, sofern er nicht schon tot war, sicher tot gewesen. Aber auch diese grausame Erwartung sollte sich nicht erfüllen.

Nach einer bangen Weile hörten die Säulengehänge und Balustraden auf und Idan flog nackte Wände entlang. Jedenfalls zeigte ihm dies seine Taschenlampe, die er im Flug aus dem Rucksack gezogen hatte, weil er die Ungewissheit über den Ort seines Aufenthaltes nicht mehr ertrug. Die Wände des Schachtes waren nun grau und glatt. Und die finstere Tiefe darunter war nicht zu erhellen. Dann durchflog der kleine Idan einen Hohlraum, der vollkommen leer und stockdunkel war. Das Licht der Taschenlampe wurde nicht mehr reflektiert und Idan steckte das Gerät in den Rucksack zurück. Der Zustand dauerte wohl mehrere Stunden, und betend fiel Idan wieder in eine tiefe Betäubung. Diesmal war es die Angst, die seine Ohnmacht erzeugte.

Als er wieder zu sich kam, war es ihm, als könne er oben und unten nicht unterscheiden. Er hätte nicht sagen können, ob er nach unten fiel, oder ob er einen hohen Schacht hinaufflog. Es schien ihm fast das Letztere der Fall zu sein, obwohl der Verstand ihm sagte, dass es nicht sein konnte. Aber die Balustraden, die er jetzt wieder auf allen Seiten des Schachtes erblickte und auch die zwielichtigen Teufelswesen, die sich bisweilen zwischen den Säulen zeigten, schienen mit ihren Köpfen nach unten zu hängen. Wenn er allerdings den Kopf voran nach unten fiel, kehrte sich die ganze Szene um. Jetzt war er der Fliegende, der alles unter sich zurückließ. Dies konnte Idan daran erkennen, dass ihm die Teufelswesen mit staunend aufgerissenen Glühaugen nachblickten und sie die Köpfe nach oben reckten, um seinem Sturz zu folgen. Der kleine Idan mochte wohl zwei Tage nichts gegessen und getrunken haben und es dürfte wohl keinen wundern, dass er in der entsetzlichen Lage, in der er sich befand, keinen großen Hunger verspürte. Der Appetit war ihm schon lange vergangen. Doch machte sich allmählich großer Durst bemerkbar, denn viel länger als drei Tage kann man ohne Flüssigkeit nicht überleben. Die ganze Mundhöhle war wie ausgetrocknet und die Zunge klebte brennend am Gaumen.

„Wasser“, rief Idan, „Wasser! Gebt mir doch Wasser!“

Es war nicht sehr wahrscheinlich, dass die zähen Lederteufel, die er gleichsam unter sich zurückließ und die ihm sprachlos und ihn offenbar bewundernd hinterher starrten, auch nur ein Wort seiner Sprache verstehen würden. Ob er nun flog oder fiel, das wusste Idan schon lange nicht mehr. Aber er hatte herausgefunden, dass er sich mehr Respekt verschaffte, wenn er mit dem Kopf voran fiel, was im Verhältnis zur Lage der Teufel bedeutete, dass er denselben nach oben hielt. Denn wenn er auf dem Bauch lag oder mit den Beinen voran fiel, verzogen sich die Teufelsgesichter in missbilligendem Mienenspiel. Wenn er aber seinen Kopf nach unten hing, relativ zu den nach unten gerichteten Balustraden, zollten sie ihm Achtung und Respekt. Staunend rissen sie die ledernen Mäuler auf, dass die Reißzähne in ihnen blitzten und manch einer warf sich beim Anblick Idans auch betend nieder, wie vor einem emporstrebenden Gott. Es lag außerhalb jeder Wahrscheinlichkeit, aber offenbar mussten ihn einige dieser Wesen doch verstanden haben. Denn sie holten große metallene, mit Flüssigkeit gefüllte Wasserzuber herbei und huldigten niederkniend Idan, indem sie sie ihm entgegenschütteten. Es war so, als sprengten sie Weihwasser aus, wie solches die Pfarrer in Stiefelburg aus Furcht vor den Teufeln tun. Oler und Äffchen hatten davon erzählt. Idan brauchte nur den Mund zu öffnen und es erreichte ihn labende Flüssigkeit. „Danke! Danke!“, rief er, und ein Strom erfrischenden Wassers traf ihn von oben. Oder sollte er sagen, dass es von unten kam. Das Wasser fiel jedenfalls in die entgegengesetzte Richtung wie er. Flog er tatsächlich nach oben? Hatte sich alles umgekehrt? Was war geschehen? Weiter und weiter flog er und von überall her leuchteten ihm Gesichter entgegen, die voll Demut und Ergebenheit zu ihm hinab und später zu ihm hinaufblicken, je nach dem, wie man es haben wollte.

Schließlich kam lange Zeit nichts mehr. Die Balustraden und Säulengehänge an der Wand des Schachtes hatten aufgehört. Um ihn herum war nur noch schwarzes, massives Lavagestein.

In der Ferne konnte Idan so etwas wie einen kleinen blauen, leuchtenden Teich erkennen, in den der Schacht zu enden schien. Die Balustraden mit den Teufelswesen hatten nun längst aufgehört und ein mildes Tageslicht, das von dem Teich zu kommen schien, erleuchtete die Wände des Schachts. Er stürzte oder flog geradewegs auf diesen Teich zu. Der kleine Idan fürchtete schon, dass er in kaltes Wasser fallen und unweigerlich ertrinken musste, denn aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich um einen unterirdischen Gebirgsbach. Er würde den Aufprall auf die Wasseroberfläche wohl nicht überleben. Und selbst wenn er ihn überlebte, so hatte er doch keine Möglichkeit, jemals wieder nach oben zu gelangen. Vorsichtshalber kramte er jetzt doch die kleine Atemmaske aus seinem Rucksack, die er von Äffchen bekommen hatte und die für den Fall vorgesehen war, dass der Luftdruck mit zunehmender Tiefe doch immer stärker werden würde. Eigentlich hätte er sie bei der Tiefe, die er erreicht hatte, schon längst aufsetzen müssen, aber es war nicht nötig gewesen. Jetzt tat er es. Vielleicht nützte sie ihm etwas, wenn er in den Teich fiel. Idan schloss die Augen. Er raste direkt auf den Teich zu. Hinter den geschlossenen Lidern schien es taghell. Wider allem Erwarten kam es zu keinem Aufprall. Als Idan die Augen öffnete, fiel er mitten in den blauen Himmel hinein. Er blickte zurück und unter ihm gähnte ein rauchender Krater. Noch ehe er sich von seinem Schrecken erholt hatte, wurde er plötzlich abgebremst. Der Sturz in den Himmel hörte auf und er purzelte unsanft auf das karge Moos am felsigen Kraterrand. Idan raffte sich auf und blickte sich um. Der Krater, aus dem er gekommen zu sein schien, war äußerst ausgedehnt. Gelbe Schwefelschwaden stiegen auf. War dies nun die unterste Hölle? Immerhin sah der blaue Himmel über ihm viel freundlicher aus als die vielen Balustraden, an denen er vorübergeflogen war. Idan erkundete die Gegend. Unterhalb des Kraterrandes lag eine ausgedehnte, grüne Wiesenlandschaft. Nein, das konnte nicht die Hölle sein. Sein erster Gedanke war, dass er – so unwahrscheinlich es klang – mitten durch den Planeten hindurch gefallen sein musste. Eine andere Erklärung gab es nicht. Ganz in der Nähe weideten Hirsche und Rehe in einer idyllischen Landschaft. Jetzt erst nahm Idan seine Atemmaske ab, die er die ganze Zeit getragen hatte. Und – er traute seinen Augen nicht: Ja konnte es denn sein? – da sah er Silena. Er erkannte sie sofort an ihren sanften Augen. Die Spitzen ihrer Geweihfortsätze leuchteten selbst in der Nachmittagssonne ein wenig. An den Rändern des Kraters sah Idan einige wandernde Feriengäste. Etliche von ihnen deuteten mit dem Finger auf ihn und sprachen mit aufgeregter Miene zueinander. Da sie so weit entfernt waren, konnte Idan nichts verstehen. Aber das kümmerte ihn nicht weiter.

„Silena!“, rief Idan. „Bist du es wirklich?“

Die Hirschkuh drehte sich um. „Idan“, sagte sie in ihrer sanften, kaum hörbaren Gefühlssprache, die der Junge verstand, „der kleine Idan! Wie kommst du denn hierher?“

„Das frage ich dich!“, erwiderte der Junge. „Sind wir denn beide gestorben und befinden uns in einem jenseitigen Land?“

„Nicht, dass ich wüsste“, sagte Silena. „Ich bin durch die Mitte der Erde hindurchgefallen. Du auch?“

„So scheint es gewesen zu sein“, sagte der Junge kleinlaut. „Ich habe es mir fast gedacht. Aber es schien mir so unwahrscheinlich, dass ich eher glaubte, ich müsste gestorben sein.

„Ich weiß, dass ich noch lebe“, sagte Silena.

„Ich wusste gar nicht, dass man von der anderen Seite der Erde nicht herunterfallen kann“, grübelte Idan. „Wo sind wir denn hier?“


„Weiß nicht!“

„Hast du denn gar keine Lust, nach Hause zurückzukehren? Wir alle haben so große Sehnsucht nach dir.“

„Oh, nein! Mir geht es hier gut! Ich habe genug zu fressen und ich habe einen stolzen Mann gefunden und viele kleine Kinder bekommen.“

„Da wir gerade davon sprechen“, sagte der kleine Idan. „Ich habe großen Hunger bekommen, denn ich habe wohl ganze vier Tage nichts mehr gegessen. Ob ich hier wohl etwas Essbares finde?“

„Komm mit“, erwiderte Silena. „Ich will dir zeigen, wo es was zu fressen gibt.“ Und sie führte ihn auf eine grüne, saftige Wiese, die sich zu Füßen des aufgeworfenen Kraterrandes nach allen Seiten ausbreitete. Hier fand Idan herrliche Obstbäume, deren Früchte er mit ausgestreckter Hand leicht pflücken konnte. Sie schmeckten ihm köstlich. Danach ruhte er sich im Schatten der Bäume aus. Silena war inzwischen weggegangen, um ihre Familie zu holen. Die wollte sie dem kleinen Idan zeigen. Mittlerweile waren die Feriengäste, die Idan in der Ferne gesehen hatte, immer näher gekommen und er konnte jetzt ihre Stimmen deutlich vernehmen und unterscheiden. Idan war gerade ein wenig eingedöst, erschöpft von der langen Reise, als ihre Worte deutlich an sein Ohr klangen und ihn aus seinem Schlummer rissen. „Verfluchter Junge“, schrie einer, „er hat die Hirschkuh vertrieben! Das wird er teuer bezahlen!“

„Die hat doch immer so schön mit ihrem Geweih gesungen und hat am Abend geleuchtet!“, hörte er eine andere, weibliche Stimme kreischen.

„Er hat sie verjagt, der Lump!“, hörte er eine dritte. „Wer weiß, ob die wiederkommt!“

„Wahrscheinlich nie mehr im Leben!“, rief die erste Stimme. „So abscheulich hässlich, wie der ist! Ich habe ihn durch meinen Feldstecher beobachtet. Es handelt sich zweifelsohne um einen Menschen!“

„Mein Gott! Ich kenne keinen Menschen, der tierlieb ist!“, sagte die weibliche Stimme. „Die fressen ja Tiere! Was für Barbaren!“

„Und habe ich es nicht gesagt? Er ist tatsächlich einer! Habt ihr gesehen: Als er hier auftauchte, hatte er eine Maske auf!“

„Wahrscheinlich, um seine Hässlichkeit zu bedecken!“, rief der zweite.

„Jedenfalls führt er etwas im Schilde“, mutmaßte der dritte. „Und jetzt fühlt er sich sicher. Er hat sich hingelegt. Auf die faule Haut seiner Übeltaten. Na, das wird wohl ein böses Erwachen!“

Als Idan die Augen öffnete, schrak er zusammen. Das hätte er nicht erwartet. Die vier Gestalten, die über ihm standen, waren abscheulich hässlich. Er hätte eigentlich viel eher schöne Gesichter erwartet, denn das wäre logisch gewesen, wenn sie das seine als hässlich empfanden. Aber ihr Begriff von Schönheit schien verkehrt zu sein. Ihre Köpfe waren struppig und die Gesichter schrecklich aufgedunsen, zäh und lederartig und ihre Zähne groß und abstoßend. Die Haut war graugelb bis graubraun und faltig wie Baumrinde und offenbar durfte man ihre Körperkräfte nicht unterschätzen.

„Er hat Angst vor uns, der Lump!“, krächzte das alte Weib und verpasste Idan eine pfeifende Ohrfeige. „Und dieses war nur der erste Streich!“

„Ja“, bestätigte ein anderer, der aussah, als sei er aus Wurzeln zusammengesetzt, mit der Stimme des ersten, der die anderen aufgehetzt hatte, und verabreichte dem Jungen einen klatschenden Hieb auf die andere Backe. „Ich wollte neue Tonaufnahmen machen vom Gesang der Hirschkuh. Wozu habe ich denn meine Tonträger mitgebracht? Ich bin Hobbyforscher und möchte Vergleiche anstellen, ob sich die wunderbaren Eigenschaften dieses Tieres ändern. Gestern habe ich Tonaufnahmen gemacht und heute wollte ich es wieder tun. Jedes Jahr reise ich extra hierher. Ohne die Hirschkuh ist doch mein ganzer Urlaub versaut! Wer weiß, wann sie wiederkommt!“

Die Wange des Jungen brannte. Sofort machte er sich auf seine Füße, raffte seinen Rucksack auf die Schultern und wollte davonrennen. Aber die Schreckensgestalten zupften ihn von hinten an seinen Kleidern und wollten ihn am Rucksack fassen und festhalten. Idan verhinderte dies, indem er einen Purzelbaum schlug. Als er wieder auf die Füße kam, waren ihm die schrecklichen Gestalten von Neuem dicht auf den Fersen. Das seltsame wurzelartige Wesen, dem die Stimme des Hetzers gehörte, fuhr ihm mit einem schwarzen Holzknüppel zwischen die Füße und versuchte ihm ein Bein zu stellen. Idan stolperte wieder zu Boden und raffte sich wieder auf. Dann duckte er sich vor ihren Griffen und lief davon. Die Feriengäste aber begannen mit Gegenständen nach ihm zu werfen. Sie holten sie aus ihren Rucksäcken. Es hagelte Messer, Gabeln, Feilen, Hammer und Meißel und nur wiederholtes, nicht zu früh ausgeführtes Ducken verhinderte Schlimmeres. Als den Unholden die Gegenstände ausgegangen waren, rissen sie sich ihre goldenen Knöpfe von den Strickjacken und schleuderten sie auf Idan. Manch einer traf ihn empfindlich, aber die Knöpfe waren zu klein, um größeren Schaden zu verursachen. Unter den Protestrufen der Schreckensgestalten bückte sich Idan bei jedem Wurf, dem er zu entgehen trachtete, sammelte die schon gefallenen Knöpfe auf und steckte sie in seinen Rucksack. Der Wurzelsepp drohte mit seinem Prügel, den er dann endlich auch schleuderte. Er verfehlte Idan nur knapp am Kopf. Der Wurzelsepp heulte vor Wut. Goldene Knöpfe hatte er keine mehr. Schließlich kramte er einige silberne Scheiben aus seinem Rucksack hervor und schleuderte sie – eine nach der anderen – nach dem Jungen. Die Scheiben zischten wie scharfe, sich drehende Wurfgeschosse durch die Luft. Sie verfehlten ihn um Weniges. Idan sammelte sie alle und verstaute sie im Rucksack. Mittlerweile hatte sich der Junge hinter das Geröll am Kraterrand zurückgezogen und hatte die Krateröffnung erreicht. In namenloser Wut sprang ihm der Wurzelsepp entgegen. Die alte Alraunenhexe machte ein Foto von ihm. „Nein, nein, nicht auflesen!“, schrie der Wurzelsepp. „Das gehört mir! Rück es heraus!“ Er wollte Idan, der zurückwich, mit seinen derben Klauen am Hals packen und der Junge stolperte nach hinten und verlor das Gleichgewicht. In diesem Augenblick kam Silena, die Hirschkuh, zurück. Ihr Ehemann war ein gewaltiger Hirschbock und süße, kleine Kinder folgten ihnen. „Halt! Halt! Aufhören! Was macht ihr da!“, rief Silena. Leider aber war der Wurzelsepp der Sprache der Tiere nicht mächtig. Nur wenige Sekunden ließ er von Idan ab, erstaunt über die vermeintliche Zutraulichkeit der wundervollen Tiere und diese mit seinen Kumpanen begaffend, gerade soviel Zeit, wie der Junge brauchte, um sich wieder aufzuraffen. Dann stürzte sich der Wurzelsepp erneut auf Idan.

„Meine Knöpfe! Meine Silberscheiben! Rück sie heraus! Sie gehören mir!“

„Herausrücken?“, rief Idan, mutiger geworden durch Silenas Gegenwart.

„Aber ich kann sie ja nicht aus meinem Rücken rücken, sie sind ja auf meinem Rücken, nicht in ihm!“ Durch solche Scherze glaubte Idan die Atmosphäre ein wenig aufzulockern. Er war überzeugt davon, dass sich das Missverständnis bald aufklären würde, jetzt, da Silena und ihre Familie anwesend waren. Doch leider war dem nicht so. Vielmehr hatte durch Idans Bemerkung der Wurzelsepp jede Beherrschung verloren und versetzte dem kleinen Idan einen solchen Fußtritt, dass er über den Kraterrand flog. Er war bloß froh, dass er sich zuvor satt gegessen hatte. Denn diesmal wusste er, welch lange Reise ihm bevorstand. Es braucht nicht nochmals geschildert zu werden, welche wundersamen Dinge dem kleinen Idan auf dieser Reise begegneten, denn er erlebte sie alle ein zweites Mal, nur diesmal in der umgekehrten Reihenfolge. Die roten Teufel, die ihn zuletzt nach oben hatten emporstreben sehen, sahen ihn nun aus seiner vermeintlichen Höhe fallen und machten vergrämte oder verächtliche Gesichter dazu, zogen Fratzen oder drückten ihre Verachtung durch das Herausspeien von Spucke aus. Leider aber traf ihn diese Spucke nicht, da sie ihm stets hinterher eilte und ihn nie einholte. Und so musste der kleine Idan wieder mindestens zwei Tage durstig sein. Manch einer der Teufelsburschen warf ihm auch einen Götzen aus gebranntem Ton hinterher, der genau die Züge Idans trug und ihnen nunmehr entthront dünkte. Nachdem der Junge den dunklen Hohlraum im Mittelpunkt der Erde passiert hatte, erwartete ihn ein besseres Schicksal. Die Teufel auf den Balustraden der anderen Höllenhälfte sahen den einst Gestürzten fliegen, huldigten ihm und schütteten Weihwasser aus. Da dieses ihm entgegenflog, so konnte er sich erfrischen und seinen Durst stillen. Die einstigen Spötter zollten ihm plötzlich Achtung. Die Nachricht vom Flug des göttlichen Jünglings verbreitete sich wie ein Lauffeuer, wahrscheinlich durch ein ausgeklügeltes Signalsystem. Und als Idan die oberen Stockwerke erreichte, präsentierten ihm die Kreaturen Götzenbilder, die ihm glichen, und verneigten sich vor ihm. In wenigen Stunden hatten die Teufel diese Figuren angefertigt. Wasserfontänen, die als eine besondere Form der Huldigung galten, trafen ihn von allen Seiten, sodass er nicht Durst litt.

Endlich hatte Idan den Schacht passiert und fiel in die freie Höhe hinauf, den Grund der Ganganjer-Schlucht hinter sich lassend. Er durfte nun hoffen, dass seine Reise ein glückliches Ende nehmen würde. Aber nirgends sah er seine Kameraden. Weder am Grunde der Ganganjer-Schlucht noch irgendwo an ihrer steilen Felsenwand waren sie anzutreffen. Idan strebte den Wolken entgegen. Dabei hatte er streng genommen nicht einmal die Erdoberfläche erreicht. Es dauerte noch einige Stunden, bis er am Rand der Schlucht angekommen war. Idan machte einen Purzelbaum nach vorn, um nicht in die Schlucht zurückzufallen, und überschlug sich im Gras. Dann raffte er sich auf und wanderte in den Komponischen Märchenwald zurück. Dort fand er alle Tiere versammelt in großer Trauer um seinen Verlust. Wie groß war da die Wiedersehensfreude! Erfinder-Äffchen hatte so manche Träne vergossen und alle Tiere des Waldes hatten ihm große Vorwürfe gemacht. Besonders die beiden Riesen hatten es hart getadelt. Sie waren untröstlich gewesen. Jetzt aber waren alle überglücklich. Als Erstes fragten sie ihn danach, ob er die Geweihspitzen der Hirschkuh mitgebracht habe. Als Idan verneinte, waren sie erst enttäuscht. Umso erfreuter zeigten sie sich aber, als er berichtete, dass Silena auf der anderen Seite der Erde in Glück und Frieden lebe. Sie fragten Idan, wo denn das sein könne. Aber dieser wusste es nicht zu sagen. Er zeigte ihnen aber die goldenen Knöpfe, die er aufgelesen hatte. Sie trugen unbekannte Ornamente. Aber auch Oler und der große Idan hatten als Schüler in Erdkunde nie so richtig aufgepasst und konnten nicht sagen, aus welchem Lande die goldenen Knöpfe stammten. Als der kleine Idan seinen Rucksack entleerte, fielen die silbernen Scheiben heraus. Und alle fragten, worum es sich dabei handle. Der kleine Idan konnte es nicht sagen. Aber die Riesen wussten Bescheid. „Das sind Ton erzeugende Scheiben“, sagte der große Idan. Wenn man sie mit dem Loch in der Mitte auf einen Stab setzt und sie zum Schwingen bringt, erzeugen sie Töne. Das wurde dann auch gemacht. Erfinder-Äffchen hatte in seinem Labor einen Stab, den es mithilfe einer Maschine drehen konnte. Und auf diesen Stab setzten sie die Scheiben. Da hörten sie die wunderbaren Lieder, die der Wind in dem Geweih Silenas gesungen hatte und alle Bewohner des Märchenwaldes waren mehr als genug entschädigt für den Verlust der sanften Hirschkuh.

„Jetzt möchte ich aber noch wissen, wie ihr es geschafft habt, von dem Felsenvorsprung aus wieder nach oben zu kommen“, sagte Idan zu Äffchen.

„Gewusst wie!“, erwiderte Äffchen stolz und reckte den Zeigefinger in die Höhe.

„Hast du die Zeit zurücklaufen lassen?“, fragte der kleine Idan.

„Nein, aber wir haben den beiden Riesenadlern, als sie in ihr Nest zurückkehrten und wir uns vor ihrem Angriff verteidigen mussten, die beiden Enden der Strickleiter mit den künstlichen Saugschrauben um die Hälse gelegt. Sie standen dabei so über ihrem Kopf, dass sie glaubten, echte Saugschrauben würden über ihnen davonfliegen. Und um sie zu erhaschen, jagten sie ihnen nach und nahmen die Strickleiter und uns, die wir daran hingen, mit nach oben.“

Da lachten alle und umarmten sich. Und sie durchlebten noch schöne Tage.

Sabut

Die geplante Reise zur Nordküste wurde zunächst aufgeschoben. Es gab wichtigere Dinge zu regeln. Erfinder-Äffchen musste sein Labor neu einrichten. Außerdem wusste es, dass sich die beiden Riesen Oler und Idan noch im Wald aufhielten und diese hätten sie niemals gehen lassen.

Eines Morgens rannte der kleine Idan aufgeregt im Wald umher.

„Heute hat Entchen Geburtstag! Ich muss ihm was schenken!“ Entchen war eine dicke, weißgrüne kleine Wildente.

Jetzt lief der kleine Idan auf Bär Porbulos Höhle zu – und mitten hinein. Bär Porbulo, der mit seinem stärksten Diener Barli-Bär und seinem Bruder Zotti-Momi noch im Halbschlaf lag, gähnte laut und fragte Idan nach dem Grund seines Kommens.

„Weißt du denn das nicht? Entchen hat doch Geburtstag. Du musst ihm etwas schenken!“

„Was ist denn das wieder für ein Quatsch, mit dem du mir da ankommst?“, brummte Bär Porbulo.

Idan erklärte alles, so gut er konnte. Es war nicht leicht, Bär Porbulo die Bedeutung von Geburtstagen zu erläutern. „Na schön“, brummte der schließlich. Er holte etwas Bräunliches aus seiner Höhle hervor und ging damit zu Entchen. Dort angekommen öffnete er seine Pfoten und man konnte etwas erkennen, das Idan und Entchen zunächst erschrecken ließ. Es war etwas Lebendiges, nur etwa einen halben Meter hoch, braun, hatte einen zottigen Kopf und links davon einen kleineren, kaum wahrnehmbaren zweiten. Auf beiden Köpfen befand sich jeweils ein Horn. Auf den Stirnen trug das Wesen ein großes Auge und an der Stelle, wo die Nase sitzen müsste, waren fünf Augen nebeneinander gereiht. Es hatte an den Händen, die unbehaart waren, zwei Greiffingerchen und an den Füßen zwei lange Zehen.

„Das ist ein Mammutfresser“, erzählte Bär Porbulo, „eines jener seltsamen Wesen, die am Südpol in einem riesigen Meer auf Eisschollen leben. Vor fünf Jahren kam ich dort einmal im Urlaub hin. Ich sah etwas Schreckliches: Die Wildhörner, die Eisenmenschen also, die mit Helm, zwei Hörnern und einem Federbusch geboren werden, kämpften gegen die Mammutfresser, um die wertvollen Eisenstoffe aus ihrem Blut zu gewinnen. Es war ein großes Gemetzel. Wie ein Ameisenschwarm stürzten sie sich auf die riesigen Mammutfresser. Ganz winzige Mammutfresserchen wurden von den Rabauken achtlos mit dem Fuß ins Wasser gestoßen. Eines davon fischte ich auf. Ich nahm es mit in den Komponischen Märchenwald. Da er mir zu klein erschien, nahm ich auch noch Mammutfleisch mit, damit ich ihn mästen und nachher verzehren könnte. Das Mammutfleisch habe ich in einem Kühlschrank gelagert, den mir Äffchen gebaut hat. Aber jetzt, nach fünf Jahren, ist er kaum so groß wie ein Biber geworden und immer noch zu klein! So kannst du ihn meinetwegen nun haben, Entchen. Die Vorräte an Mammutfleisch gehen sowieso bald zur Neige.“

Entchen nahm dankend das Geschenk an und versuchte, dem Menschentier ein paar Wörter beizubringen. Entchen war ein gelehriges Tier und hatte von den sprechenden Vögeln des Waldes, von den beiden Riesen und dem kleinen Idan schon manches Wort in menschlicher Sprache gelehrt bekommen, sodass es sich mithilfe dieser Worte notdürftig unerhalten konnte. Und schon betrachtete es sich als Lehrerin, und der kleine Mammutfresser war sein erster Schüler. Aber Sabut, so nannte Entchen den Mammutfresser, hatte wohl kein allzu großes Hirn. Statt „ja“ sagte er „kraa“, statt „nein“ sagte er „Schwein“. Sich selbst nannte er „Mammut“, und wenn er richtiges Mammutfleisch sah, piepste er: „Sabut!“ Entchen konnte leicht abschätzen, dass das Fleisch in wenigen Wochen verbraucht sein würde. Idan ging zu Erfinder-Äffchen und fragte um Rat. Äffchen ließ ihn in seine Werkstatt, kramte in allen Ecken und zog schließlich ein dickes Lexikon hervor. Es blätterte darin. „Marmor – Mammut – Mammutbaum – aha: Mammutfresser!“ Äffchen las vor. Es fiel ihm schwer, die Schrift auf den schon vor Alter vergilbten Seiten zu entziffern.

„‚Die Mammutfresser bewohnen das Heißmeer des Südpols. Auf dem Heißmeer treiben Eisschollen. Warum das so ist und warum die Eisschollen nicht schmelzen, hat bisher noch kein Forscher herausfinden können. Aber es ist so. Die Mammutfresser sind bei ihrer Geburt so groß wie ein Goldhamster und werden im ausgewachsenen Zustand dreihundert Meter hoch. Sie wachsen sehr langsam und werden mehrere tausend Jahre alt. Sie haben zwei Köpfe, von denen einer bei der Geburt schon ausgebildet ist. Der zweite Kopf ist zunächst noch verkümmert und holt im Laufe des Lebens das Wachstum des ersten Kopfes ein. Wenn der Mammutfresser erwachsen ist, sind beide Köpfe gleich groß. Insgesamt haben die Mammutfresser zwölf Augen, sechs davon auf jedem Kopf. Auch ihre Füße haben nur zwei große Zehen. Mammutfresser gehen aufrecht wie Menschen. Ihre Zähne sind scharf und in jedem Kiefer haben sie einen langen, spitzen Schneidezahn. Wie der Name sagt, ernähren sie sich von Mammuts, die sie mit ihren zangenartigen Greifhänden von den Eisschollen picken. Nach allem, was wir wissen, ist es das einzige Fleisch, das ihnen zusagt.‘ Da haben wir’s“, sagte Äffchen, „‚das einzige Fleisch, das ihnen zusagt‘. Das bedeutet, dass wir zu der Polgegend aufbrechen müssen, um den Kleinen mit Fleisch zu versorgen.“

„Ich sehe leider auch keine andere Möglichkeit“, meinte Bär Porbulo.

„Wie kommt man eigentlich zum Südpol?“, fragte der kleine Idan. „Wie bist du denn damals hingekommen?“, fragte er Bär Porbulo.

„Oh, das war eine sehr, sehr lange Wanderung“, erwiderte der Grizzly-Hauptmann. „Ich bin damals mit einer großen Karawane von Bären gereist. Alle meine Gefolgsleute sind mitgezogen. Im Süden haben sich uns die weißen Bären des Polareises angeschlossen. Du erinnerst dich doch sicher, kleiner Idan, dass ich jedes Jahr wenigstens einige Monate mit all meinen Volksgenossen unterwegs auf Wanderzügen bin. Das nennen wir Ferien. Solange du lebst und du dich hier auf diesem Kontinent Rüsselschwein befindest, muss dir das aufgefallen sein.“

„Ja, tatsächlich“, sagte der kleine Idan. „Ich erinnere mich. Das war, soweit ich mich entsinnen kann, bisher jedes Jahr so. Aber wie seid ihr denn über das Meer gekommen? Ihr habt doch keine Schiffe?“

„Mit einer Bärenfähre“, brummte der Hauptmann.

„Bärenfähre? Was ist denn das?“

„Es sind zahme Wale, die an der Südostküste angeschwommen kommen und bereit sind, jeden Bären in ihren Mäulern mitzunehmen, den sie sehen. Sie tun dies gerne und erwarten dafür ein gewisses Entgelt. Dieses besteht darin, dass wir den Walen die Zähne putzen. Du musst nämlich wissen, dass es sehr große Zähne sind. Viele enthalten Löcher, die im Verhältnis zur Größe der Rachen so klein sind, dass die Walzungen nicht in sie vordringen können und in diesen Löchern sammeln sich Speisereste. Auch zwischen den Zähnen bleibt so manches stecken und nur wir Bären mit unseren starken Tatzen sind in der Lage, all diese Speisereste in und zwischen ihren Zähnen zu entfernen. Ein Mensch wäre dazu wohl kaum in der Lage. Es fehlt ihm an Kraft und Geschick, und er müsste Instrumente mitbringen und anwenden, die von den Walen nicht gerne gesehen werden. Diese Wale misstrauen den Menschen. Wir Bären dagegen sind ihnen willkommen. Normalerweise transportieren uns die Wale nur bis zur Nachbarinsel, wo sie uns dann absetzen. Sie liegt nicht weit entfernt vom südwestlichen Zipfel von Rüsselschwein und heißt Waliland. Gegen ein gewisses zusätzliches Entgelt können wir die Wale aber dazu bringen, dass sie uns noch weiter tragen. Wir müssen ihnen nur versprechen in ihren Rachen während der Reise als Putzmänner zu dienen. Dann sind sie auch bereit, uns noch eine weitere Strecke des Weges mit sich zu führen. Wenn sie dazu keine Lust mehr haben, geben sie uns an andere Wale ab, die weiter nach Süden unterwegs sind. Wir springen dann willig von einem Rachen in den anderen. Und so tauschen wir unseren Träger solange, bis wir den Südpol erreicht haben. Diese Wale – wir nennen sie Bärenwale oder Bärenfähren – sind so groß, dass ganze Heere von Bären in ihren Rachen Platz haben.“

„Ist denn noch niemand von euch von ihnen verschluckt worden?“, fragte Idan und man merkte seiner Stimme an, dass er voller Angst und Sorge war.

„Allerdings noch niemand“, beruhigte Bär Porbulo den Jungen. „Wir Bären verstehen es schon, uns an den Zähnen, die wir gerade bearbeiten, festzuhalten, während der Wal eine mit Fischen gesättigte Ladung Wasser in seinen Rachen zieht. Vorher kündigen die Wale durch ein Warnsignal uns ihre Absichten an. Wie gesagt sind auch Scharen weißer Eisbären mit uns gezogen, die uns auf unserer Wanderschaft nach Südrüsselschwein begegnet sind. Einige stammten vom Südpol und befanden sich auf der Rückreise in ihre Heimat. Sie luden uns bei sich zu Hause ein und wir nahmen das Angebot gerne an. Nach nur zwei Wochen hatten wir bereits den Südpol erreicht. So kamen wir gerade rechtzeitig zu dem Massaker, das die Wildhörner unter den Mammutfressern angerichtet haben.“

„Aber wie kommt es, dass diese Wildhörner die lieben Mammutfresser getötet haben? Haben die Mammutfresser ihnen denn was getan? Wie kann man nur so böse sein?“

„Freilich haben ihnen die Mammutfresser nichts getan“, erwiderte der Grizzly. „Die armen Mammuts haben den Mammutfressern ja auch nichts getan! Und böse – böse sind die Menschen immer, mehr oder weniger zumindest. Wildhörner aber sind ganz einfach abenteuerlustig. Sie wollen ständig ihren Lebensraum erweitern, na ja, und es ist bekannt, dass sie keinen Respekt vor Menschen haben. Wie Erfinder-Äffchen mir erzählte, haben sie große Scherereien mit König Artobald, dem Herrscher von Südstiefelburg. Darum haben sie sich wohl auch in ihre lang gestreckten Burgen zurückgezogen. Sie sind menschenscheu und betrachten die Menschen als ihre Feinde. Möglicherweise hat sie der aufrechte Gang der Mammutfresser an Menschen erinnert. Im Allgemeinen sollen sie recht tierlieb sein!“

„Aber es sind doch selber Menschen“, wandte der kleine Idan ein.

„Würden sie wohl nicht von sich behaupten. Wir behaupten’s ja auch nicht von uns! Was ein Mensch ist und was nicht, unterliegt im Allgemeinen einer gewissen Definition.“

„Was ist eine Definition?“

„Eine Bestimmung. Man versteht darunter eine hervorragende Eigenschaft! Die Wildhörner können zum Beispiel riesige Sprünge machen, bis zu fünf Meter hoch. Welcher Mensch ist dazu in der Lage? Welcher Mensch hat Hörner? Welcher Mensch hat Zehen, die so eng beieinander liegen, wie die der Wildhörner, so eng, dass sie einen Rundfuß bilden? Welcher Mensch hat die Kraft eines Wildhorns?“

„Und doch sind es Menschen“, sagte der kleine Idan. „Sie denken wie Menschen und sind vernünftig.“

„Das bin ich auch“, mischte sich Erfinder-Äffchen ein, „und bin kein Mensch.“

„Du bist eben eine Ausnahme wie alle Plédo-Affen“, sagte Idan.

„Ja, es gibt Grenzfälle“, pflichtete Bär Porbulo bei, „und wenn ich’s recht bedenke, bin ich auch nicht dumm, obwohl ich ein Bär bin. Würdest du mir vernünftiges Denken absprechen?“

„Nein“, sagte Idan.

„Ich schon!“, rief Erfinder-Äffchen.

„Bist du aber hochmütig!“, sagte Idan.

„Bin ich nicht! Immerhin kann ich vernünftig reden. Diese Tiere aber verständigen sich nur durch dumpfe Laute, und da du ein sehr feinfühlender Mensch bist und ihre Gefühle verstehst, kannst du diese Laute übersetzen. Am Ende deutest du aber mehr hinein, als darin enthalten ist.“

„Tue ich nicht! Du verstehst sie ja auch – genauso wie ich.“

„Nun ja – ich bin ein Affe!“

„Aber ein sprechender!“

„Richtig, und daher vernünftig!“

„Bär Porbulo, was sagst du denn dazu“, wandte sich der kleine Idan Hilfe suchend an den Grizzly-Hauptmann.“


„Was soll ich dazu sagen? Ich habe meine Gefühle und meine Gefühle sind meine Gedanken und du verstehst sie. Das ist die Hauptsache!“

„Da bin ich aber froh, dass du dich verstanden fühlst“, jubelte der kleine Idan.

„Kannst du nicht wissen, dass er dich verstanden hat“, konterte Äffchen. „Du hast seine Laute nur gedeutet. Du kannst nicht sicher sein. Es sind ja bloße Laute!“

„Dann wundere ich mich, dass du diese bloßen Laute genauso deutest wie ich“, fuhr Idan das Äffchen an.

„Bin ja selbst auch ein Tier“, gackerte Äffchen.

„Aber ein sprechendes!“

„Eben!“

„Mensch, du machst mich verrückt!“, rief Idan und wandte sich wieder Bär Porbulo zu.

„Richtig wäre es, zu sagen: Affe, du machst mich verrückt!“, spottete Äffchen und eilte davon.

„Jedenfalls finde ich es sehr, sehr ungehörig von den Wildhörnern, was sie da getan haben“, beeilte sich Idan zu sagen. „Das ist gar nicht lieb! Und Tierfreunde sind sie auch nicht! Und das mit der Menschenähnlichkeit lasse ich nicht gelten! Die Mammutfresser gleichen ja sicher den Menschen nicht mehr als die Wildhörner selbst! Und ein echter Tierfreund ist zugleich ein Menschenfreund und umgekehrt! Wie will man das trennen?“

„Ich weiß nicht“, sagte der Bär, „frage sie selbst! Tatsache ist, dass wir auf diese Weise zu den Mammutfressern kamen und der Ente ein Geschenk machen konnten. Und Tatsache ist leider auch, dass die Lebensmittel zur Neige gehen, mit denen wir dieses Kerlchen ernähren können. Wir müssen also dringend etwas unternehmen!“

Auf Äffchens Anregung wurde eine Versammlung aller Bewohner des Waldes einberufen. Die beiden Riesen Idan und Oler nahmen nicht teil. Sie waren gerade auf Reisen und Erfinder-Äffchen hatte sich, schlau wie es war, gerade diesen Termin gewählt, um über einen Plan entscheiden zu lassen, den die Riesen nie gebilligt hätten.

In der Mitte der Versammelten saß der bibergroße Sabut und lallte die wenigen Worte, die er gelernt hatte: „Schwein, Mammut schlicht viel Reis.“ Mit „Mammut“ meinte er selbstverständlich sich selbst, mit „Schwein“ meinte er „nein“ und mit „Reis“ meinte er „Fleisch“. Entchen, als die gestrenge Frau Lehrerin, die es war, versuchte Sabut zu korrigieren. Aber das Mammutfresserchen weigerte sich und rief: „Schwein, Mammut schlicht still! Wanderreis!“ Das hieß soviel wie: „Nein, Sabut nicht will! Was andres als Fleisch!“ Aber natürlich verstand ihn weder Mensch noch Tier und folglich konnte ihn Entchen auch nicht richtig korrigieren, was zu weiteren Auseinandersetzungen führte. Im Übrigen beachtete auch niemand so recht das seltsame Streitgespräch zwischen Sabut und seiner Lehrerin. Es gab wichtigere Dinge zu regeln. Es sollte nämlich entschieden werden, was für den Fall zu tun sei, dass die Fleischvorräte völlig zur Neige gehen sollten.

Urlu, der Löwenkönig räumte ein, dass man es mit der Art des Fleisches nicht so genau nehmen solle, vorausgesetzt, es handle sich nicht um Menschenfleisch, das ekelhaft süß und nur im Notfall zu verzehren sei. Im Übrigen sei aber Fleisch gleich Fleisch.

„Schwein! Reis schlicht schleich Reis fischt!“, plapperte Sabut empört. Und das hieß natürlich: „Nein! Fleisch nicht gleich Fleisch ist!“ – Was aber niemand verstand. „Brenn Reis schleich Reis schwer, Pfann Mammut Sabut messen föhnte!“, fuhr er fort. Und das bedeutete: „Wenn Fleisch gleich Fleisch wär, dann Sabut Mammut fressen könnte!“ „Haber Korn Pfann Mammut Reis schon Sabut messen!“, sagte Sabut, was bedeutete: „Aber kaum kann Sabut Fleisch von Mammut essen!“ Aber alle Anwesenden lachten nur und hielten die Worte Sabuts für sinnloses Geplapper.

Erfinder-Äffchen wandte sich gegen die Meinung des Löwenkönigs. „Ich glaube kaum, dass Fleisch gleich Fleisch ist“, sagte es. „Mammutfresser fressen nun mal Mammutfleisch! So steht’s im Lexikon! Sonst würden ja Mammutfresser nicht Mammutfresser heißen, was nur wieder logisch ist! Also ist Sabut auf das Fleisch von Mammuts angewiesen!“

„Schwein!“, rief Sabut, „Schwein! Mammut schlicht Reis schon Sabut messen!“ Aber das gelehrige Entchen unterbrach ihn sofort: „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du kein Schwein bist! Du bist ein Mammutfresser!“

„Schwein!“, rief Sabut und stieß mit den beiden Fingern seiner Rechten aufgeregt und widerspenstig in Entchens Federkleid, dass dieses laut aufschnatterte. „Mammut schlicht Sabut fern messen!“

„Was redest du nur für einen Unsinn“, sagte Entchen. „Das versteht ja weder Mensch noch Tier! Du beharrst darauf, dass du ein Schwein bist? Na bitte, dann bist du eben ein Schwein! Du benimmst dich ja auch wie eines! Man zeigt nicht mit nackten Fingern auf Leute mit Federkleid!“

„Mammut schlicht Sabut messen viel“, wiederholte Sabut. „Sabutreis Mammut Vieh decken! Mammut Rind!“ Das bedeutete natürlich: „Sabut nicht Mammut fressen will. Mammutfleisch Sabut nie schmecken, Sabut Kind!“

„Nein, Sabut, ein Mammut ist sicher kein Rind!“, belehrte ihn Entchen. „Da bringst du mal wieder alles durcheinander!“

Niemand schenkte Sabut weitere Beachtung. Sein Verhalten galt als ungehörig.

„Ich muss Äffchen Recht geben“, sagte Bär Porbulo. „Gewiss ist Mammutfleisch das einzige Nahrungsmittel, das Mammutfresser vertragen! Es wird daher nötig sein, eine Südpolreise zu unternehmen. Ich aber werde derjenige nicht sein, der sie antritt, denn es sind noch keine Sommerferien und es stehen derzeit keine Bärenfähren zur Verfügung.“

„Ich und meine Freunde werden die Reise antreten“, sagte Erfinder-Äffchen. „Wir haben schon manches Abenteuer gemeistert und, wie ihr wisst, mit Erfolg. Wir werden zum Südpol reisen. Freilich aber nicht auf gleiche Weise wie Bär Porbulo. Wir werden die Route nach Norden einschlagen.“

„Verzeihung“, sagte Kiri-Rüssel, der Elefantenhauptmann. „Höre ich richtig? Um zum Südpol zu gelangen, willst du nach Norden reisen? Das mag Affenlogik sein! Meine Logik ist es nicht! Seit wann erreicht man sein Ziel, wenn man in die entgegengesetzte Richtung läuft?“

„Hängt das damit zusammen, dass die Erde rund ist?“, fragte der kleine Idan.

„Nein, das hängt damit zusammen, dass sich an der Nordküste die Touristenstädte befinden“, erwiderte Äffchen. „Und da gibt es Flugzeuge, mit denen wir zum Südpol fliegen können.“

„Schwein!“, schrie Sabut, „Schwein! Schlicht blödig! Sabutreis Mammut Vieh decken!“

Das hieß natürlich: „Nein! Nicht nötig! Mammutfleisch Sabut nie schmecken!“

Aber alle lachten nur. „Pfui“, sagte Entchen bloß, „wie unanständig! Ein Mammut ist doch kein Rind!“

„Wenn alle Stricke reißen“, fuhr Äffchen fort, „werden wir vielleicht in den Besitz der sieben Kristalle gelangen, die auf Pessian versteckt sind. Dann haben wir das Lebenselixier gefunden und brauchen das Mammutfleisch nicht mehr. Ich bin mir sicher, dass wir in diesem Falle die erste Reise mit der zweiten verbinden können!“

„Du willst hoch hinaus“, sagte Urlu, „das nenne ich Mut!“

„Forschergeist verlangt auch Mut“, bestätigte Äffchen. „Falls unsere Südpolmission glücken und wir mit dem Mammutfleisch zurückkehren sollten, werden wir als Nächstes nach Íoland reisen und den Turm von Gorkan ausfindig machen. Mit dessen Hilfe werden wir dann nach Pessian gelangen.“

„Das stellst du dir alles so furchtbar einfach vor“, klagte der Große-Bruder-Affe. „Erfinder-Äffchen, du lebst in einer Fantasiewelt!“

„Wenn du das so siehst! Aber wenn du Recht hast und ich tatsächlich in einer Fantasiewelt lebe, dann bedeutet das, dass ich allen Grund habe, an das Gelingen unserer Mission zu glauben.“

„Das ist logisch“, sagte Kiri-Rüssel und klopfte sich mit seinem Rüssel gegen die Stirn, „denn in einer Fantasiewelt ist alles viel einfacher!“

„Nein“, sagte der Große-Bruder-Affe zu Äffchen. „Ich meinte nicht, dass du tatsächlich in einer Fantasiewelt lebst. Ich meinte, du bildest dir bloß ein, in einer Fantasiewelt zu leben.“

„Das gilt nicht und ist auch nicht logisch“, erwiderte Äffchen. „Du hast nicht gesagt, dass ich mir einbilde, in einer Fantasiewelt zu leben, du hast gesagt, ich lebe in einer Fantasiewelt. Also entweder handelt es sich bei der Welt, in der ich lebe, tatsächlich um eine Fantasiewelt, oder ich lebe in einer realen Welt und bilde mir nicht ein, in einer anderen zu leben. Denn sonst müsste ich ja um den Unterschied zwischen der Fantasiewelt, in der ich mir einbilde zu leben, und der realen Welt wissen. Ich bin mir aber nicht darüber bewusst, mir einzubilden, in einer Fantasiewelt zu leben.“

Da kratzte sich der Große-Bruder-Affe verlegen am Kopf, denn er konnte den Einwand von Erfinder-Äffchen nicht widerlegen. Urlu, der Löwenkönig, aber, der von dieser Diskussion fast nichts verstanden hatte, sagte zu Äffchen: „Dann ist die Reise zum Südpol also dein fester Entschluss?“

„So ist es!“

„Wer soll mit dir reisen?“

„Meine Kameraden. Das sind mein Bruder, die beiden Kunos und der kleine Idan.“

„Gut“, sagte Urlu. „Dann lasst uns den Reisenden durch die Anführer unserer Völker nacheinander unseren Segen aussprechen.“

Als Erster begann Bär Porbulo seine Rede, da er der eigentliche Verantwortliche für die Reise gewesen war. „Ihr lieben Kameraden“, fing er an, „wenn ich euch eine Kraft auf eure Reise mitgeben kann, dann ist es die Bärenstärke. Die Kraft eines Bären liegt in seiner Ausdauer. Wenn der Bär unter den Tieren eine außergewöhnliche Fähigkeit hat, dann ist es seine Zähigkeit.“

Nun ergriff Urlu, der Löwenkönig, das Wort: „Meine lieben Genossen und Genossinnen! Nach Löwenlogik ist es klar, dass dem Gegner unbedingt zu trotzen ist. So heißt es, sei mutig und stark und fürchte den Feigling nicht. Erfahrungsgemäß sind Menschen meist Blender, die mit großen Kräften protzen, aber dahinter ist in der Regel nicht viel. Ihre Macht und Stärke ist nur vorgetäuscht. Setz einem Menschen deine Pranke auf die Brust und schon ist alle Beherztheit vergangen und der freche Knabe zittert wie Espenlaub unter deiner Tatze. Du brauchst ihn gar nicht zu verletzen, er ist es nicht wert. Drum geb’ ich euch den alten Löwenrat: Hat dich einer beleidigt, will dich einer zum Narren halten, so pinkle ihn an, zeig ihm damit, was du von ihm hältst! Sei Menschen gegenüber immer unerschrocken! Und gebe niemals die Hoffnung auf!“

Und Kiri-Rüssel, der Elefant, begann seine Rede: „Liebe Freunde, hört auf einen alten Elefanten! Über alles geht dem Elefanten sein Gedächtnis. Nur der Gedächtnisreiche weiß Freund und Feind zu trennen. Darum achtet auf alles, was euch begegnet. Prägt es euch gut ein! Wer jeden Augenblick nutzt, um aus dem Erlebten zu lernen, der wird nie ratlos sein. Er wird in allen Situationen das Richtige zu tun wissen! Er wird die Erfahrung machen, dass alles, was geschieht, nach einer gewissen Logik erfolgt. Bald wird er den Dingen auf den Grund gehen und ein Weiser werden. Denn die Weisheit liegt vor eurer Haustür, nicht in den Sternenwelten!“

Und Flexy, der Waschbär, sagte: „Ihr Lieben, vergesst nicht die List! Wer euch Böses will, den müsst ihr täuschen. Aber täuscht nie um des Vorteils willen und täuscht nie in böser Absicht, um euch einen Scherz zu machen! Ich habe es bitter bereut, als damals Silena, die außergewöhnliche Hirschkuh, die sogar ein Geweih trägt, wegen meiner Scherze in die Ganganjer-Schlucht gestürzt ist und ich bin unendlich froh, dass sie das Glück gehabt hat, durch den Planetenmittelpunkt zu fallen und jetzt auf der anderen Seite unserer Erde ein glückliches Dasein führen kann. Freunde, lernt aus meinem Verhalten! Ich habe aus meinen Fehlern gelernt, bin ein anderer geworden und werde niemals wieder böse Scherze treiben!“

Und schließlich sprach der Plédo-Affenvater: „Liebe Freunde, wenn ein alter Affenvater auch was sagen darf, dann sei es dies: Bedient euch eures Erfindungsreichtums! Denn dadurch ist ein Affe ein Affe, dass er sich seines Verstandes bedient. Ihr mögt durch meinen jüngsten Sohn eine Menge gelernt haben und ich zweifle nicht daran, dass er euch noch in manchen Lebenslagen nützen wird! Hört doch auf ihn! Die Gabe des Einfallsreichtums ist bei ihm ausgeprägter als bei allen Generationen zuvor! Er macht dem Affen wahrhaftig die Ehre, ein Affe zu sein! Und jedem Menschen sollte es eine Ehre sein, auf einen wie ihn zu hören!“

Kuno Schwarzschopf aber wandte sich an Kuno Weißhaar, flüsternd: „Ist das denn wahr, kommt dieser Erfinder-Affenkerl wirklich mit auf unsere Reise?“

„Aber klar doch“, sagte Kuno Weißhaar, „er gehört zu unserem Team.“

„Dann ohne mich!“, erwiderte Schwarzschopf und wandte sich zum Gehen.

„Aber Kuno Schwarzschopf, warte doch!“, rief Weißhaar. „Er ist der Einzige, der um das Geheimnis der sieben Kristalle weiß!“

„Sieben Kristalle, ach was! Wer weiß denn, ob es sie überhaupt gibt! Und sie sollen ja auf dem Mond liegen! Wie dort hinkommen, bitte? Das wird genauso eine Wahnidee sein wie der Rückwärtsgang, den er erfunden hat! Ich habe noch jetzt die Schnauze voll davon. Also bitte ohne mich!“ Und schon rannte er davon.

„Erfinder-Äffchen ist vielleicht unsere einzige Hoffnung“, rief ihm Kuno Weißhaar hinterher.

„Es ist ein Idiot!“, schrie Kuno Schwarzschopf. „Durch seine Schuld wären wir jetzt fast nicht mehr am Leben! Nein danke, von Erfinder-Äffchen will ich nichts mehr wissen!“ Sprach’s und ward nicht mehr gesehen.

„Sieh’s von der positiven Seite“, murmelte Kuno Weißhaar. „Ohne die Expedition in die Ganganjer-Schlucht müssten wir jetzt auf Silenas schöne Stimme verzichten.“ Aber er sagte das für sich selbst, denn Kuno Schwarzschopf war schon außer Reichweite, um ihn zu hören.

„Auch ich will nicht mitkommen“, sagte der große-Bruder-Affe. „Was ich in der Ganganjer-Schlucht erlebt habe, reicht mir jetzt schon für alle Zeiten. Ich denke nicht, dass ich mich jemals wieder auf meinen kleinen Bruder verlassen kann!“

„Was soll das heißen?“, beschwor der Vater-Affe seinen ältesten Sohn. „Willst du den kleinen Bruder verleugnen? Ist es der Neid, der dich treibt? Er ist nun einmal von uns allen der klügste Kopf! Willst du das bestreiten?“

„Ja, das will ich bestreiten! Er hat nur Unsinn im Kopf! Denk dir nur, er hat versucht, eine Perpetuum-mobile-Maschine zu erfinden, eine Maschine, die einen Zerstörungsvorgang rückgängig macht! Er glaubte sogar, die Zeit rückwärts laufen lassen zu können! Wenn das kein Unsinn ist! Nein, mit einem solchen Unsinnmacher werde ich nicht reisen!“

„Großer-Bruder-Affe, du weißt deinen kleinen Bruder nicht zu schätzen“, sagte der Vater und schüttelte traurig den Kopf.

„Dann bleiben also nur drei, die ihr Leben für Sabut aufs Spiel zu setzen wagen. Ich kann nur sagen: Viel Glück!“

„Viel Glück“, sagte Flexy. „Und nehmt euch vor den Schlangenmenschen und den Kyruppen in Acht. Ihr Gebiet liegt auf dem Weg nach Norden. Die Schlangenmenschen sind listig und böse, grausam und unbarmherzig. Ihr König wohnt zusammen mit vielen Getreuen auf einer großen Schlangenburg nördlich der Ganganjer-Schlucht. Weitere, kleinere Burgen gibt es in der Umgebung, alle von Schlangenmenschen bewohnt. Den Fremden sind sie nicht freundlich gesinnt. Noch gefährlicher sind die Kyruppen.“

So kam es, dass sich am Ende nur drei Personen auf den Weg nach Norden machten: Der kleine Idan, Erfinder-Äffchen und Kuno Weißhaar. Kuno Weißhaar gelang es, zwei kleine Esel zu beschaffen, auf die sie das nötigste Gepäck luden. Außerdem hatte Idan seine Blockflöte mitgenommen, auf der er wunderbare Lieder spielen konnte. Die hatte ihm alle der große Idan beigebracht. Erfinder-Äffchen hatte einige alte Weltkarten und Karten von Rüsselschwein mitgenommen, aber sie waren nicht besonders exakt und nach den Angaben der Kunos gezeichnet. Bereits am folgenden Tage verließen sie den Komponischen Märchenwald. Sie umgingen die Ganganjer-Schlucht, bahnten sich einen Weg durch die Wälder und drangen in Gebiete vor, wo zuvor noch nie normale Menschen waren. Und Idan war der einzige normale Mensch.

Die Schlangenburg

Der Schlangenmenschenkönig Schlankerli befand sich hoch oben in seinem Gemach auf der Schlangenburg und betrachtete sein graues Gesicht in einem blitzenden Spiegel. „Ssön – ssöön – ssööön!“, lispelte er, wie das für Schlangenmenschen üblich ist. „Jedoss nisst sslank genug! Wer kann mir selfen, sslanker ssu werden?“

Wer den Schlangenmenschenkönig Schlankerli in seinem Spiegel gesehen hätte, der hätte dieses seltsame Wesen gewiss für schlank genug befunden, freilich auch für hässlich genug. Der Kopf quoll wie ein dicker Knoten aus einem enorm langen Halse, war aber immer noch schmal und niedrig genug, um zwischen jede Leitersprosse gesteckt zu werden. Die Augen waren geschlitzt, der Mund breit und mit zierlichen Kusslippen versehen, und die schmale Zunge zuckte und züngelte gespalten aus der Lücke. Haare fehlten ihm gänzlich. Die Gliedmaßen waren außerordentlich lang und konnten gedehnt und über alle Maßen gestreckt werden. Sie bestanden nicht aus festen Knochen, sondern aus Knorpelgewebe, von Muskelschläuchen umhüllt. Schlankerli betrachtete seine Arme und Hände im Spiegel. Er verlängerte seine Finger, beugte und streckte sie. Er ließ die dunklen Sterne seiner Augen in allen Formen spielen und lächelte sich selbst im Spiegel zu. „Ssön, Ssöön, ssööön! Aber nisst sslank genug!“

In diesem Augenblick eilte ein Bote in sein Gemach. „Soßeit Sslankerli! Eure Dursstlausstheit! Wir saben Menssen gesesen, genauer gesagt: Einen Menssen, einen Kuno und einen Affen!“

„Festnehmen, die sswei!“, donnerte Schlankerli.

„Soßeit! Es sind drei!“

„Sssssss!“, zischte Schlankerli ärgerlich. „Iss dulde nisst, dass ihr mir widerspresst! Iss meinte natürliss: sswei Menssen! Den Affen lasst laufen! Was soll iss mit einem Affen?“

„Soßeit! Der Affe sseint der Führer der sswei ssu sein!“

„Dann sind das aber sehr, sehr dumme Menssen! Bringt sie trotssdem! Kluge Menssen saben bisseer kein Sslankseitsmittel gefunden!“

„Eure Dursstlausstheit! Wie sollen wir dummen Menssen ein Sslankseitsmittel entlocken?“

„Mit Freundlisskeit!“, erwiderte Schlankerli. „Je dümmer desto unempfänglisser für Folter! Freundlisskeit ist das Mittel der Wahl!“ Sprach’s und eilte von dannen. Mit stolzen, weitausladenden Schritten ging er den Freunden entgegen. In der Abenddämmerung erblickten Idan und seine Gefährten die unheimliche, hoch aufgerichtete Gestalt. König Schlankerli war mit einem Gewand aus feinem Goldstaub angetan, das seine anmutig schlanken Formen recht gut zur Geltung brachte. Auf seinem breiten Schlangenhaupt war eine zierliche Krone befestigt. Die großen Schlangenaugen funkelten tückisch.

„Ssönen Abend, iss bin Sslangenmenssenkönig Sslankerli. Seid mir gegrüßt, ihr Reisenden! Iss lade euss ein auf mein Ssloss! Ihr müsst wissen: Fast mangelt es uns an nissts, iss bin ein sslanker Geselle! Ssön, ssöön, ssööön muss iss sagen, jedoss nisst sslank genug! Ihr könntet miss unterstütssen, noss sslanker ssu werden! Sabt ihr ein Mittel dassu?“

„Sie könnten es vielleicht einmal mit einer Diät versuchen“, meinte Kuno Weißhaar.

„Alles sson ausprobiert mit ausgesussten Diäten“, erwiderte Schlankerli, „leider nur Misserfolge! Möglisserweise wisst ihr einen Ssaubertrank. Man sagt, die Kunos seien so weise! Ihr seid wohl keine Gelehrten, iss weiß, aber bewandert in Ssauberkünsten!“

„Ich bezweifle, ob man das Zauberkünste nennen kann“, versetzte Weißhaar bescheiden. „Ich bin zwar kein Gelehrter, wie du richtig bemerkst, doch haben wir einen Gelehrten unter uns.“

„Wer? Iss sehe keinen! Meinst du den smarten Jungen?“

Kuno Weißhaar wies auf Äffchen.

„Das ist ja kein Menss!“

„Aber ein Plédo-Affe! Er kann sprechen und dürfte dir weiterhelfen!“

„Ja“, sagte Erfinder-Äffchen, „ich habe auch schon ein paar Ideen für eine Diät! Ich denke schon, dass ich dir helfen kann!“

Da war der Schlangenmenschenkönig Schlankerli gar hocherfreut und geleitete die Gefährten den Hügel hinauf zu der Schlangenburg, deren hohe Zinnen in der Abendsonne gleißten. Der König ging ihnen voraus und die Gefährten bewunderten seinen anmutigen, federnden Gang, in dem sich Schlankerli schlangenlinienförmig vor ihnen herbewegte.

Auf der Schlangenburg bekamen die Freunde Gemächer zugewiesen, erhielten freie Kost und Logis, und Äffchen bemühte sich Diäten nach eigenem Rezept herzustellen. Als Gegenleistung hatte der König den Dreien freies Geleit, Lebensmittel und eine ausgezeichnete Landkarte versprochen. Erfinder-Äffchen entwarf und mixte einige Tinkturen, von denen Schlankerli Durchfall bekam. Aber auch nach einigen Tagen wollte der König nicht abnehmen, wie das tägliche Wiegen auf einer Waage bewies. Jeden Morgen schaute er von Neuem in den Spiegel und sagte: „Ssön, ssön, ssööön, jedoss nisst sslank genug!“

Er war sehr unzufrieden. Darum wurden die Freunde unter dem Vorwand, dass für neue Diener Platz zu schaffen sei, von einem Tag auf den anderen in weniger freundliche Gemächer geführt und dies wurde solange fortgesetzt, bis sich ganz unmerklich die Glasscheibe vor der Türe und die Vorhänge vor den Fenstern in Gitter verwandelt hatten. Als die Freunde es bemerkten, war es schon zu spät und sie waren seitdem in ihren Zellen gefangen. Die Ratgeber Schlankerlis drangen darauf, dass eine Entscheidung getroffen werden müsse, aber Schlankerli unternahm nichts. Er ließ sich zwar von Äffchen keine Tinkturen mehr zubereiten, aber er zögerte andererseits mit einer Bestrafung. In seinen Mußestunden ließ sich der König auf Idans Flöte Lieder vorspielen, woran er sich sehr ergötzte.

Eines Tages musste Schlankerli auf Drängen seiner Berater eine Versammlung einberufen, auf der das Problem mit den Fremden geregelt werden sollte.

„Noss immer saben die Reisenden siss nisst als nütssliss erwiesen!“, wurde ihm vorgehalten.

„Lasst uns noss ein wenig warten!“, beschwichtigte Schlankerli. „Der Bursse sspielt so ssön!“

„Wir saben genug gewartet. Das Gesetss besagt, dass diese ssterben müssen!“, erwiderte der Ratgeber des Königs. „So ist es gesetssliss besslossen!“

„Absolute Sseiße“, lispelte Schlankerli. „Iss mösste den Menssen besalten! Sseiß Gesetss!“

„Es lässt siss nun mal nisst ändern! Das Gesetss ist alte Tradission! Auss ein König muss siss danass rissten!“

„Äußerst bessissen! Kann man das nisst umgehen?“

„Leider keine Ssance! Menssen, die nisst nütssliss sind für Sslangenmenssen, müssen ssterben!“

„Aber er singt doss so ssön!“

„Sosswürden meinen, er sspielt!“

„Freiliss meinte iss das! Wie sollte iss es sonst meinen! Also, wenn er so ssön sspielt, ist das nisst ein Grund, ihn ssu ssonen?“

„Leider gar nisst! Flötensspielen ist als nütssliss noss nisst anerkannt. Das Gesetss sat kein Versständnis für die Kunst!“

„Dann mösste iss wenigstens das Insstrument des Menssen besitssen!“, erwiderte Schlankerli trotzig. „Dies wird mein einssiger Trost sein!“

Noch am gleichen Abend eilte Schlankerli in das Verlies des kleinen Idan, um sich die Flöte geben zu lassen. „Du und deine sswei Genossen müssen leider ssterben“, sagte er, „drum gib mir dein Musikinsstrumen!Musikinsstrument! Du wirst’s nisst mehr braussen! Vielleisst finde iss sspäter einen anderen Menssen, der mir damit vorsspielen kann! Wäre sonst ssade drum!“

„Aber warum müssen wir denn sterben?“, rief Idan entgeistert.

„Weil ihr nisst von Nutssen für uns seid! Ihr sabt auf unsere Kosten gelebt und könnt nisst bessahlen dafür, darum auss die Sstrafe!“

„Aber ... aber wir könnten arbeiten, um für das Essen, das ihr uns gegeben habt, aufzukommen“, sagte der kleine Idan.

„Nisst nötig! Wir wüssten nissts, was ihr arbeiten solltet! Können wir alles besser! Das Problem ist, dass ihr Fremde seid! Fremde, die in unser Land eindringen, müssen ssterben! Es sei denn, dass sie von Nutssen sind! Aber das seid ihr nisst!“

„Aber ich könnte dir täglich auf meiner Flöte vorspielen!“

„Damit sab iss auss versusst, unser Gesetss ssu beugen. Jedoss geht das leider auss nisst! Kunst ssählt leider gar nissts!“


„Gnade, Gnade!“, schrie der kleine Idan und sank auf die Knie. „Ich will nicht sterben! Bitte schone unser Leben! Wir wollen das Land verlassen und auch bestimmt nicht wiederkommen!“

„Leider kann iss auf diese Wünsse nisst Rücksisst nehmen! Es ist sson Gnade, dass ihr morgen sterben dürft! Früher gab es erst lebenslängliss – und dann erst den Tod! Jetsst aber bitte – das Insstrument!“

Idan war einige Schritte zurückgewichen, aber Schlankerli verlängerte seinen Arm durch die Gitterstäbe, erhaschte die Flöte aus seiner Hosentasche und zog die Hand schnell zurück.

„Aber was soll denn aus unseren Eselchen werde?“,werden?“, rief Idan und Bäche von Tränen rannen ihm über die Wangen.

„Keine Sorge! Die werden versorgt! Die dürfen siss paaren. Und ersst ihre Kinder werden an Sslangen verfüttert!“

„Und unser Sabut, unser kleiner Mammutfresser?“, heulte Idan. „Er wird sterben, wenn wir ihm nicht Mammutfleisch besorgen!“

„Das ist leider nisst unser Problem“, erwiderte Schlankerli. „Warum habt ihr ihn nisst dort gelassen, wo er wohnt?“ Mit diesen Worten entfernte sich der König und ließ den kleinen Idan allein.

Also war es beschlossene Sache. Nichts konnte an dem unerbittlichen Schicksal ändern, das die drei Freunde erwartete. Die Hinrichtung war für den folgenden Tag geplant und noch am Abend hörte man bis zu der Schlangenburg herauf das laute Hämmern und Sägen der Zimmermannsleute, die die Galgen vorbereiteten. Dann, nach einer langen, schrecklichen Nacht, nahte endlich der Morgen, ein überaus trauriger Morgen.

Zu hilflosen Bündeln zusammengeschnürt wankten die Gefährten zum Ort ihrer Hinrichtung. Ihre Hälse steckten in Schlingen und waren in kurzem Abstand mit einem Strick verbunden, der sich zwischen ihren Füßen befand und deren Bewegungsfreiheit einschränkte. Eine zweite Schlinge, ebenfalls um den Hals geknüpft, war mit den hinter dem Rücken gefesselten Händen verbunden. Derart wohl verschnürt konnten sie sich nur in tapsenden Schritten und in gebückter Haltung fortbewegen. Es war ein langer Weg, denn der Burgplatz, auf dem die Hinrichtung stattfinden sollte, lag ziemlich weit unten und der kleine Idan kam durch die grausamen Fesseln behindert nur äußerst langsam voran. Ein wenig schneller war Äffchen, aber auch dieses war durch seine gebückte und gebundene Haltung äußerst behindert. Nur Kuno Weißhaar ging aufrecht. Sein Hals war zu kurz, als dass man eine Schlinge hätte darum legen können, ebenso waren die Arme zu kurz, als dass man die Hände auf seinem Rücken hätte übereinander fesseln können. Seine Füße waren nur mit einer einzigen Fessel verbunden, die ihm einen bequemen Spielraum ließ, gerade soviel, dass er nicht davonlaufen konnte. Ebenso ließen die Fesseln auf seinem Rücken ihm einen gewissen Spielraum. Es schien den Unglückseligen, als sollte ihre Reise enden, bevor sie richtig begonnen hatte. Endlich, nach langem, mühevollem Weg, hatten sie den Ort ihrer Bestimmung erreicht. Dem kleinen Idan stiegen Tränen in die Augen, als er die hohen Galgen auf dem Burgplatz sah. Sie waren mit stattlichen Halsschlingen ausgerüstet. „Wie wollen sie mich hängen?“, fragte Kuno Weißhaar. „Mein Hals ist zu kurz!“

„Der Kunomenss wird an den Füßen aufgesängt! Da sat er länger ssu ssappeln!“, sagte einer der Schlangenmenschen, die die Eskorte der Gefangenen an ihrem Bestimmungsort empfing.

„Nehmt dem Affen und dem Burssen die Halsslingen ab, die mit den Füßen verbunden sind“, befahl Schlangenmenschenkönig Schlankerli. „Sie sollen siss ausssapeln können!“

Die Henkersknechte, es waren drei, kümmerten sich rührend um die Gefährten und lösten ihnen die Schlingen mit sanfter Hand, sodass sie sich aufrichten konnten, aber nur, um ihren Kopf in die heruntergelassene Schlinge des Galgens zu stecken. Der kleine Idan schluchzte kläglich auf. Die Schlangenmenschen aber johlten, was in den Ohren normaler Menschen wie Zischen klang: „Ssssssss!“

Der König selbst verlas die Anklageschrift und das Urteil: „Diese mensslissen Versager saben versagt, ein Slankheitsmittel ssu finden, sie saben nisst gründliss danass gesusst und müssen büßen! Sie satten ihre geresste Ssance! Sie werden dessalb ssu Ssappelqualen verurteilt, ssu unserer Augenweide, damit sie ssu etwas gut sind.“ Die Begründungen und Urteile der Schlangenmenschen waren schon immer denkbar kurz, doch konnte sich der König nicht enthalten, noch seine persönliche Meinung bedauernd hinzuzufügen: „Iss sätte den Burssen verssont, doss will das Gesetss, dass er sstirbt! – Große Sseiße!“ Dann gab er mit ausgestreckter Hand das Zeichen für den Beginn der Hinrichtung. Die Henkersknechte lösten die Fesseln von Kuno Weißhaars Füßen, drehten ihn um, steckten seine Füße in die Galgenschlinge und hievten ihn hoch. Nun kam der kleine Idan an die Reihe. Der Henker legte ihm die Schlinge um den Hals und zog sie einmal kräftig an, damit sie auch straff saß. Idan schluckte und brachte ein leises Röcheln hervor. Es klang fast, als wollte er etwas sagen. Aber seine Kehle war ganz trocken.

„Ein lesster Wunss ssu wünssen?“, fragte Schlankerli.

Plötzlich fasste Idan wieder Mut. „Ja“, sagte er, „ich möchte noch einmal auf meiner Flöte spielen!“

Dem König Schlankerli trat ein Lächeln auf den breiten, schmallippigen Mund. „Ssehr ssön! Sspielen will der Bursse! Mag er sspielen! Wir sören es gerne! Sspielen mag er und ssingen!“

„Ich kann nicht singen, wenn ich spiele“, erwiderte Idan.

„Nun, das sseint nisst so ssön!“

„Aber ich kann singen“, sagte Äffchen. „Ich kann singen, während er spielt.“

„Ssehr ssön! Ssehr ssön!“, sagte Schlankerli und er befahl, Mikrofone herbeizuschaffen und überall Schallverstärker aufzustellen, die die Musik des kleinen Idan im ganzen Schlangenreiche verbreiten sollten. Diener eilten durch die Menge, Mikrofone in den schlanken Händen, die sie vor Idan platzierten. Elektriker, die an ihren Mützen mit einem Zitteraalzeichen zu erkennen waren, legten Kabel aus. Eine mächtige Bewegung ging durch die ganze Runde der Schlangenmenschen.

„Ihr müsst mir aber noch die Schlinge und die Hand- und Fußfesseln abnehmen, sonst kann ich nicht flöten!“, sagte Idan.

„Sseiße, fast vergessen, wie konnte iss bloß! O Entssuldigung“, entschuldigte sich Schlankerli. „Entfernt die Fesseln!“

Die Henkersknechte gehorchten aufs Wort. Neben Idan zappelte und stöhnte Kuno Weißhaar.

„Und ihr müsst Kuno Weißhaar wieder abhängen, damit er genießen kann, was ich spiele!“, ergänzte Idan.

„O der brausst nisst ssu genießen! Ssoll sson mal ssappeln!“, erwiderte Schlankerli. „Ihr andern kommt auss noss dran!“

„Wenn ihr ihn nicht abhängt, spiele ich nicht!“ drohte Idan.

„Sson resst! Sson resst! So löst ihn also doss!“,loss!“, befahl der König den Henkersknechten. Der Kuno wurde sofort heruntergeholt. Er war ganz erleichtert und versuchte mit seinen gefesselten Armen die Haare zu ordnen, die jetzt hoch zu Berge standen. Freilich gelang ihm das nicht.

Die Schlangenmenschen posierten hoch aufgerichtet und aufmerksam vor den drei Galgen in einer Reihe.

„Meine Flöte bitte!“, forderte Idan.

„Oh, Entssuldigung! Vergessliss wie iss bin!“, seufzte der König auf. „Ssss! Sssss! Ssssss! Sssssss!“, pfiff er verlegen vor sich hin. Er befahl einem Leibwächter, zur Schlossburg zu eilen und aus dem Arbeitszimmer Schlankerlis die Blockflöte zu holen, die er dort zum Andenken an den wundersamen Knaben aufbewahrt hatte. Der Diener fand sie nicht gleich und musste den Weg einige Male machen. Und mit jeder neuen, ergänzenden Erklärung des Königs kam er der Sache um einige Schritte näher. Doch waren die Erläuterungen Schlankerlis leider nicht in allen Punkten ausreichend, denn der Knecht war ein wenig schwer von Begriff und hatte das meiste wieder vergessen, wenn er oben im Königsgemach angelangt war. Schließlich schrieb Schlankerli dem Knecht die Position der Blockflöte auf, aber der Knappe konnte nicht lesen und so war es wieder nichts. Drauf verfertigte der König eine Zeichnung, aber der Knappe war dreidimensionales Denken nicht gewohnt und konnte die Gegenstände auf der Zeichnung nicht mit den realen Objekten im Arbeitszimmer des Königs in Verbindung bringen. Am Ende eilte der König selbst von dannen. Nach einer Stunde kam er zurück. So waren inzwischen viele Stunden vergangen. Das Schlangenvolk, das begierig auf das zierliche Flötenspiel gewartet hatte, war mittlerweile ermüdet und viele von ihnen an allen Orten des Landes der gespannten Erwartung wegen in eine Art Trance verfallen. Manch einer war zuhause unter seinen Kopfhörern eingeschlafen und in den Reihen der vor dem Galgenplatz Wartenden waren viele in eine gelähmte Erstarrung gefallen. Endlich – es war schon Abend geworden – überreichte König Schlankerli persönlich dem kleinen Idan seine Blockflöte. Dieser prüfte sie, spitzte die Lippen und blies sie einmal kurz durch. Allein schon dieses Lippenspitzen des Jungen erregte das allgemeine Aufwallen einer Begeisterung, die wie ein magisches Licht aus den Augen der Zuschauer strahlte. Noch niemals hatte ein Schlangenmensch die Lippen gespitzt, um einer Flöte Töne zu entlocken. Dazu waren Schlangenmenschen gar nicht fähig. Es war für viele ein unbeschreibliches Wunder. Dann aber fing der kleine Idan an zu spielen. Er begann mit einer Melodie, die der König Schlankerli schon kannte, und Äffchen begleitete ihn mit kehliger Stimme. Die Schlangenmenschen begannen sich rhythmisch zu wiegen und ihre Wirbelsäulen schlängelten sich im Wechsel der Töne. Jetzt änderte Idan allmählich sein Lied. Die wogenden, zuckenden Bewegungen der Wirbelsäulen übertrugen sich unmerklich auf die Arme und schließlich auch auf die Beine der Schlangenmenschen. Die Arme verlängerten sich, verschlangen sich ineinander und bildeten am Ende Knoten ganz in der Nähe der Achselhöhlen, Knoten, die sich nicht mehr lösen konnten. Genau dasselbe geschah mit den Beinen. Solches aber widerfuhr dem ganzen Schlangenvolk im ganzen Schlangenland. Denn alle verfolgten sie Idans Flötenspiel über Kopfhörer und Schallverstärker. Niemand wollte sich die Sensation entgehen lassen, die darin bestand, dem Flötenspiel eines Menschenjungen zu lauschen, der so fein die Lippen spitzen konnte und kurz vor der Hinrichtung stand. Ein menschliches Wesen also, das angesichts des Todes sein Letztes gab, um sich zum Ausdruck zu bringen.

Als Idan endete, gab es ein böses Erwachen. Mit dem letzten ausklingenden Flötenton wurden sich die Schlangenmenschen schlagartig ihrer Situation bewusst. Des kleinen Idan Lied war mit dem letzten Schein der Dämmerung verklungen und die darauf einsetzende Stille führte innerhalb weniger Sekunden zu einem urplötzlichen Erwachen. Ein langes, züngelndes Zischen ging durch die Reihen der Zuhörer: „Sssssss!“ Dann wanden sie sich und versuchten ihre Arme und Beine freizubekommen, was aber nur den Erfolg hatte, dass sie der Länge nach hinstürzten und nicht wieder aufstehen konnten.

„Ssu Silfe!“, rief der König Schlankerli. „Das war ein falsses Sspiel! Man sat uns verarsst! Iss befehle sofort, unsere Fesseln ssu lösen! Iss, König Sslankerli, sabe gesprossen! Meine Besslüsse gelten!“

Aber niemand konnte helfen. Sie waren alle gefesselt. Nun befreite Idan unverzüglich seine Freunde von ihren Stricken.

„Jetzt seid ihr in unserer Gewalt“, sagte der Junge. „Wenn wir wollen, wird euer ganzes Volk in dieser gefesselten Stellung verhungern. Das wird dann eine Diät sein, die wirklich schlank macht! Sollen wir euch verhungern lassen?“

„Nein, bitte nisst! Iss bitte um Gnade!“, schrie Schlankerli.

„Ich habe dich gestern auch um Gnade gebeten und du wolltest sie mir nicht gewähren. Meinst du, dass du nun deinerseits Gnade verdient hast?“

„Versseisung“, lispelte Schlankerli, „Versseisung! Dies war nisst meine Ssuld! Iss sätte dir Gnade gewährt! Das Gesetss sat es verlangt! Iss sätte diss ja sonst als Sklave angenommen! Iss sätte diss leben lassen!“

„Und meine Freunde? Hättest du die auch leben lassen?“

„Wossu? Sie waren nisst nütssliss! Nisst einmal künstleriss!“

„Und du erwartest, dass wir dir Gnade gewähren? Ist es nicht viel gerechter, dass wir dich und dein ganzes Volk in euren Knoten verhungern lassen, ihr herzlosen Schlangenmenschen?“

„Mein Volk kann nissts dafür“, keuchte der König. „Es ist die Ssuld des Gesetsses! Das Volk sat das Gesetss ja nisst gemasst! Iss weiß, nass deiner Meinung sabe iss und alle meine Berater verdient, ssu ssterben. Aber iss bitte um Gnade für mein Volk! Risstet miss und die, die euss verurteilt saben, überlasst uns meinetwegen unserm Ssicksal, doss ssonet das Volk! Es ist nisst ssuldig!“ Bei diesen Worten kullerten dem König große Schlangentränen über die Wangen.

„Ich sehe, du hast doch ein Herz!“, sagte der kleine Idan. „Da können wir, denke ich, Milde walten lassen! Gut! Wir werden euch befreien! Aber nur unter einer Bedingung: Du, als der König dieses Volkes, musst vor allen Anwesenden feierlich versprechen, dass du uns das Leben schenkst und uns ziehen lässt.“

„Ja“, sagte Kuno Weißhaar, „genau das verlangen wir. Außerdem fordern wir Lebensmittel und Verpflegung für unsere weitere Reise. Und – wir fordern eine Weltkarte, eine gute Weltkarte, auf der alle Kontinente von Plédos verzeichnet sind. Willst du uns das versprechen?“

„Iss verspresse es feierliss“, lispelte König Schlankerli, während ihm Idan eines der Mikrofone hinhielt. „Iss leiste den Sswur eines Fürsten! Vor allen diesen Sseugen sswöre iss, dass euss nissts gessehen wird, wenn ihr die Knoten löst. Wir werden alle eure Forderungen sösst getreu erfüllen!“

„Das ist ein Wort“, sagte Idan und begann den König aus seinen Verwindungen zu befreien.

„Vorsicht, Schlangenmenschen lügen“, warnte Erfinder-Äffchen.

„Er wird sich an seinen Schwur halten“, sagte Idan. „Er hat vor tausenden Zeugen geschworen. Er wird die Ehre als König verlieren, wenn er den Schwur bricht.“

„So ist es“, bestätigte Schlankerli.

Endlich hatten die Gefährten sowohl den König als auch seine Diener, Getreuen und Henkersknechte von ihren Verknotungen befreit und die Diener begannen sofort, ihren Volksgenossen zu helfen. Bald waren zahllose Schlangenmenschen wieder bewegungsfähig.

König Schlankerli aber hielt eine große Ansprache über das Mikrofon an alle Genossen seines Volkes.

„Wahrliss, iss salte mein Versspressen“, sagte er, „und iss bin froh darüber. Unter diesen außergewöhnlissen Umsständen ist das Gesetss nisst mehr gültig und das ist auss gut so – sseiß Gesetss – Versseisung! Iss bin froh, dass dieser Menssenbursse nisst ssterben muss! Auss der Affe sat ja ssön gesungen! Und dieser Kuno ist gar ein lustiger Kerl. Mögen sie noss viele Menssen mit Gesang und Flötensspiel beglücken! Iss wünsse es ihnen! Dieser Menssenbursse sat viel Edelmut gesseigt! Er sätte uns alle ssterben lassen können! Er und seine Gefährten sätten uns ausrauben können! In wenigen Tagen wäre das gansse Volk der Sslangenmenssen vernisstet gewesen, vernisstet durss einen einssigen Burssen. Es sätte ihm niemand übel genommen, denn wir sind ja bei den andern Völkern unbeliebt. Er sätte uns einfass versungern lassen können. Sstattdessen sat er uns gessont und einen besseidenen Preis verlangt!“ König Schlankerli schluchzte vor Rührung laut auf. „Dieser Edelsinn ist beißpielhaft! Wir waren selbstsüsstig! Wir saben gesündigt! Der Bursse aber sat uns nisst Gleisses mit Gleissem vergolten. Iss werde eine Änderung unsrer Gesetsse im Namen des Volkes bessließen. Dieser Tag soll in das Gedässtnis unserer Nassion als der Tag der Besinnung eingehen! Iss werde alle Forderungen der Fremden erfüllen!“

Am nächsten Morgen schon waren die beiden Esel mit neuen Sätteln versehen und darauf ein Proviant mit den vorzüglichsten Speisen aus der Schlangenburg aufgeladen. Schlankerli selbst überreichte dem kleinen Idan eine nagelneue Weltkarte, auf der alle Kontinente abgebildet waren. Der König selbst sprach ihnen den Segen aus. Dann zogen sie mit den Eseln davon. Tausende Schlangenmenschen blickten ihnen nach.

Der Kyruppengraben

Auf ihrer Wanderung durch Rüsselschwein durchquerten sie ein unfruchtbares Wüstengebiet und die Freunde waren sich nicht sicher, ob ihre Vorräte ausreichen würden, die sie ihren beiden Eseln aufgeladen hatten. Auch schien die Sonne ziemlich prall herab.

„Wie lange ist es denn noch bis zur Nordküste?“, stöhnte der kleine Idan. „Ungefähr noch siebenhundert Kilometer bis zum Löwensee“, sagte Kuno Weißhaar.

„Ich kann mir das gar nicht richtig vorstellen“, erwiderte Idan. „Ich würde gar zu gerne wissen, wo wir jetzt sind.“

Kuno Weißhaar streckte dem kleinen Idan die Karte hin. „Siehst du, dieser Inselkontinent ist Rüsselschwein. Er heißt so, weil er aussieht wie eine fette Sau, deren Hinterbeine hinter einem Fettwulst versteckt sind und die sich nur noch auf den Vorderbeinen aufrecht hält. Schau, wie sie den hässlichen Rüssel, der oben eine Verdickung trägt, emporstreckt! Der Auswuchs rechts daneben ist ein unförmiges Ohr. Wir haben keinen guten Ruf bei den Bewohnern der anderen Inselkontinente! Unser Image ist ziemlich im Arsch, wenn man so sagen darf.“ Und einige Tränen kullerten seine Wangen hinunter. „Unser Kontinent sieht aus wie eine fette Sau und ich selbst habe eine Schweinsnase und riesige Ohren.“ Kuno Weißhaar schniefte.

„Ich finde nicht, dass er wie eine fette Sau aussieht“, sagte der kleine Idan. „Was ist denn das blaue Dreieck dort oben in der Mitte des Rüssels?“

„Das ist der große Löwensee“, erläuterte Kuno Weißhaar. „Dort versammeln sich große Löwenherden, um zu trinken.“

„Wenn man sich den See als einen Ausschnitt denkt“, fuhr Idan fort, „dann kann man auch eine andere Gestalt darin sehen.“

„Welche denn?“

„Eine tanzende Frau mit wehendem Kleid, die mit ihren Armen nach oben greift und mit Pauken zusammenschlägt oder einen Ball hält. Seht ihr: Das Schweineohr rechts ist dann der Kopf der Frau!“

„Idan hat Recht“, bemerkte Äffchen, „keine schlechte Beobachtung!“

„So habe ich die Sache noch nie betrachtet“, sagte Kuno Weißhaar. „Kleiner Idan, du hast unser Image gerettet! Du hast das Ansehen unseres Landes wiederhergestellt! Wir werden unseren Kontinent umbenennen! Wir werden ihn umbenennen in ‚musizierende Frau‘!“

„Nein“, sagte Äffchen, „es muss ein Name sein, der den anderen angeglichen ist, ein Name in einem Wort. ‚Frauentanz‘ wäre geeignet.“

„Also gut, ‚Frauentanz‘“, stimmte Kuno Weißhaar zu. „Das ist ein guter Name. Aber wir müssen ihn noch populär machen. Erst dann können wir das Ansehen unseres Kontinentes erhöhen!“

Äffchen kratzte sich nachdenklich an der Stirn.

„Was ist?“, fragte der Kuno.

„Mir fiel gerade ein: Mit dem Namen stimmt doch etwas nicht! Im Augenblick komme ich nur nicht darauf, was es ist!“

„Ich glaube, ich weiß, was du meinst“, sagte Kuno Weißhaar. „Die Namen der Kontinente beziehen sich auf Dinge, die man sehen und anfassen kann: Haihaupt, Stiefelburg, Totenmund und so weiter. Einen Frauentanz kann man nicht anfassen. Ob ‚Tanzende‘ der richtige Name wäre? Aber dann wäre er nicht aus zwei Wörtern zusammengesetzt. ‚Tanzfrau‘ vielleicht?“

„Ich weiß noch einen besseren Namen“, sagte der kleine Idan. „Was haltet ihr von ‚Jubelfrau‘?“

„Ausgezeichnet!“ lobte Äffchen. „Das ist der passende Name. Lasst uns von nun an Rüsselschwein so nennen! Unter uns zumindest!“

Auf ihren Eselchen zogen sie weiter. Endlich gelangten sie durch bewaldete Gegenden, die aber völlig unbewohnt und menschenleer waren. Der kleine Idan staunte über die vielen bunten Vögel, von denen es zahllose Arten gab. Einige von ihnen hatten Schnäbel, deren unterer Teil wie eine Schüssel oder ein Waschbecken aussah. Wenn sie zu ihren Jungen in ihre Nestbauten flogen, öffneten sie ihren Schnabel und ließen ihre Zöglinge trinken, die das Wasser eifrig aus der Schnabelschüssel becherten. Die Schnäbel anderer Vögel waren sternförmig, glichen Krallen und waren beweglich. Die Vögel fingen mit ihnen große Insekten aus der Luft. Rauschende Bächlein begleiteten die Kameraden. Ein weiteres beliebtes Nahrungsmittel waren die Schwebequallen. Sie bewegten sich mithilfe eines Gases durch die Luft, das sie in ihrem Inneren erzeugten. Oft kreuzten Rollmopskopffüßler ihren Weg. Das waren pelzige, kugelförmige Wesen auf zwei Beinen, die es vorzogen, auf steilen Strecken ihre Gliedmaßen einzuziehen und sich rollend fortzubewegen. Sie hatten einen Saugrüssel, der teleskopartig ein- und ausgefahren werden konnte, und verständigten sich durch pfeifende Töne. Der kleine Idan erwischte einen von ihnen und wollte ihn in seine Reisetasche stecken.

„Lass das, die sind ungenießbar“, belehrte ihn Kuno Weißhaar.

„Glaubst du denn, ich will ihn essen?“, fragte Idan mit beleidigtem Gesichtsausdruck.

„Was sonst?“

„Ich will doch mit ihm spielen!“

„Mit Rollmopskopffüßlern kann man nicht spielen, die beißen!“

„Wie sollten sie denn beißen? Sie haben doch einen Saugrüssel!“

Aber Kuno Weißhaar hatte Recht, denn schon zwickte den kleinen Idan etwas in seinen Finger.

„Der Saugrüssel enthält kleine Reißzähnchen“, ergänzte der Kuno, aber es war schon zu spät. Der kleine Idan rieb sich den wunden Finger. Und der Rollmopskopffüßler entwischte.

Endlich ging die Reise durch eine karge Gebirgslandschaft. Hier wuchsen nur wenige Fruchtbäume, und es gab nur vereinzelte Tümpel und kleinere Seen.

„Achtung“, sagte Äffchen, „wir nähern uns dem Kyruppengebiet.“

„Kyruppen? Was ist denn das?“, wollte der kleine Idan wissen.

„Oh, das sind Wesen, die aussehen wie aufrecht gehende Drachen. Sie sind etwas größer als Menschen – aber nicht sehr viel größer – und sie haben drei Beine. Ihre Füße haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Vogelklauen. Sie haben genau drei Zehen. Die kleinere, hintere Zehe dient ihnen zur Stütze, die beiden anderen sind nach vorn gerichtet. Auch ihre Hände haben nur drei Finger. Sie sind leicht gebaut und schneller als Laufvögel, zu denen sie eine gewisse Verwandtschaft haben. Sie haben scharfe spitze Zähne, aber eigentlich sind das gar keine Zähne, sondern die Ausläufer einer Hornkruste, die zu einem Schnabel gehört. Die Kyruppen sind neben den Plédo-Affen die einzigen Wesen, die eine menschliche Sprache besitzen und so vernünftig wie Menschen denken. Ich meine, wenn man von den Bewohnern des Komponischen Märchenwaldes absieht. Man möchte es eigentlich gar nicht glauben. Aber diese Kyruppen sind weise Wesen. Das Volk der Kyruppen wird von den sogenannten goldenen Drei angeführt. Das sind alles Weibchen. Denn du musst wissen, dass bei den Kyruppen die Weibchen dominant sind.“

„Was heißt dominant?“, fragte der kleine Idan.

„Nun, so nennt man jemanden, der über den anderen herrscht. Mit anderen Worten: Bei den Kyruppen herrschen die Weibchen über die Männchen.“

„Ist das nicht ungerecht, wenn Weibchen über die Männchen herrschen oder umgekehrt?“, fragte Idan.

„Nun, ob gerecht oder ungerecht – es ist nun einmal so! Bei den meisten höheren Tieren herrschen die Männchen. So sollte es ja auch sein!“

„Finde ich nicht“, sagte Idan.

„Das wundert mich“, erwiderte Äffchen. „Du wirst selbst einmal ein Mann sein!“

„Wieso? Man muss auch an andere denken.“

„Aber nicht, wenn man selbst dabei benachteiligt wird. Das ist zumindest einmal so meine Auffassung. Da ich selbst ein Männchen bin, würde ich benachteiligt, wenn bei den Plédo-Affen die Weibchen das Sagen hätten. Also, wo war ich stehen geblieben? Die Kyruppen werden von den goldenen Drei angeführt, die größer und weiser sind, als alle anderen Kyruppen. Ihre Namen sind Traula, Goa und Gran. Und die Gefährlichste und Stärkste von diesen dreien ist Traula. Sie und ihre Gefolgschaft wachen über ein Gebiet, das wir den ‚Kyruppengraben‘ nennen. Es ist eine Erdsenkung, die sich über viele hunderte Kilometer erstreckt. Dort wächst Petersilie.“

„Petersilie?“

„Ja, Petersilie in ungeheuren Mengen. Der ganze Graben ist voll davon, vom Boden bis zum Rand. Im Graben fließt ein Bach, den man ‚Silberpfad‘ nennt. Es heißt, dass er für das Gedeihen der Petersilie verantwortlich sei. Die Kyruppen wachen über die Petersilie. Wehe, ein anderes Wesen verirrt sich in den Graben und wagt, von der Petersilie zu kosten. Es ist des Todes und wird von ihnen sofort verspeist.“

„Sofort?“

„Sofort! Vorausgesetzt, es wird von den Kyruppen entdeckt. Was aber beinahe sicher der Fall ist. Denn die Kyruppen haben feine Nasen.“

„Und gibt es keine Möglichkeit, mit ihnen zu verhandeln? Du hast gesagt, die Kyruppen können sprechen und denken wie Menschen! Gibt es da wirklich keine Möglichkeit?“

„Doch“, sagte Äffchen nachdenklich, „eine Möglichkeit gibt es, eine einzige!“

„Und welche?“

„Du musst ihnen Rätsel aufgeben! Die Kyruppen lieben es, Rätsel zu lösen. Es gibt nur einen Haken.“

„Und der wäre?“

„Sie sind sehr klug. Und die Rätselfragen werden von den ‚Goldenen Drei‘ gestellt und beantwortet. Es ist nicht bekannt geworden, dass einer sie besiegt hätte.“

„Also Finger weg von der Petersilie!“, sagte Kuno Weißhaar.

Sie zogen weiter. Die Fruchtbäume wurden immer spärlicher. Weit und breit waren keine Seen und Tümpel mehr zu sehen. Einen ganzen Tag lang hatten sie nichts gegessen und getrunken. Der Abend dämmerte, und die tiefen Schatten der Berge, die das Land überzogen, kündigten an, dass es sehr kalt werden würde. Und dann begann der sogenannte Kyruppengraben. Er sah aus wie ein Wald aus baumhoher Petersilie, der eine Talschneise ausfüllte. Und tief unten leuchtete der Silberpfad.

„Lasst uns in den Petersilienwald hinabsteigen“, schlug Kuno Weißhaar vor. „Es wird sehr kalt werden heute Nacht.“

„Nein, das ist lebensgefährlich“, raunzte Äffchen.

„Nicht, wenn wir die Petersilie nicht anfassen“, erklärte der Kuno.

„Wie wollen wir das beweisen?“, fragte Erfinder-Äffchen.

„Brauchen wir nicht. Es heißt, dass die Kyruppen fühlen, wenn Petersilie gegessen wird.“

„Aber wir könnten die Petersilie zertreten“, sagte der kleine Idan. „ist das dann nicht dasselbe?“

„Da müssen wir eben aufpassen“, sagte Kuno Weißhaar. „Wir müssen zwischen der Petersilie hindurchgehen. Hauptsache, wir werden dadurch ein wenig angewärmt. Dieser Petersilienwald ist ein guter Wärmespeicher!“

Idan und Äffchen hörten auf Kuno Weißhaar, da dieser ein erfahrener Trapper war. Äffchen selbst hatte den Komponischen Märchenwald kaum je verlassen, ganz zu schweigen vom kleinen Idan. Tatsächlich wurde es bald empfindlich kalt und sie fanden in der Abenddämmerung kunstvoll angelegte Fußwege, die zwischen den Petersilienbeeten hindurchführten. Zwischen den üppigen Kräutern wurde es ihnen wieder warm. Und unten im Graben auf der rechten Seite des silbernen Flusses setzten sie ihre Reise fort. Sie gingen solange, bis es dunkel wurde und Äffchens Taschenlampe nicht mehr ausreichte, um die Umgebung zu erhellen. Dann kauerten sie sich nieder und schlugen am Flussufer ihr Lager auf. Der dichte Petersilienwald schützte sie vor der einbrechenden Kälte. Am nächsten Morgen zogen sie weiter. Ihren Durst konnten sie mit Wasser aus dem silbernen Fluss stillen, denn Kuno Weißhaar hatte versichert, dass solches erlaubt sei. Das Wasser sei in ständiger Bewegung, es plätschere über die Felsen und Steine, bilde allenthalben Wirbel und die Kyruppen, so überaus feine Sinne sie auch besäßen, stünden nicht immer mit dem Fluss in Verbindung und könnten nicht abschätzen, wann ein Mensch das Wasser berührte. Bei den Pflanzen sei das anders. Alles, was die Petersilie spüre, jede noch so geringe Bewegung der Angst, teile sich auch dem Volk der Kyruppen mit. Das Wasser des Silberpfades war sehr wohlschmeckend. Aber es reichte nicht, um auch den Hunger zu stillen. Und am Nachmittag überkam die Freunde ein schreckliches Hungergefühl. Äffchen und Idan konnten sich noch am besten beherrschen. Aber Kuno Weißhaar war das Hungern nicht gewöhnt. Und alle Ermahnungen in den Wind schlagend, auch seine eigenen Grundsätze, rief er aus: „Nur ein kleines, kleines Kräutchen! Ein winzig, winzigkleines Petersielchen, nur ein winzigkleines Petersielchen!“

Und schon war er über die Petersilie hergefallen, noch ehe Äffchen und Idan ihn daran hindern konnten, und hatte sich den Rachen damit voll gestopft. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis ein feines Beben durch den ganzen Wald lief, ausgehend von der Stelle, an der sich die Freunde befanden. Und schon vernahmen sie Schritte, die im Dreitakt aufeinander folgten, Schritte von hunderten Wesen und ein jedes hatte seinen Takt. In der Ferne tauchten diese Wesen auf und sie kamen immer näher. Ihre Köpfe erhoben sich über die Petersiliewälder. Sie glichen grazilen Vogelköpfen mit langen, vorspringenden Schnauzen, die schnabelartig vorgewölbt waren. Und sie trugen keine Zähne im Maul, sondern gezackte Hornscheiden und ihre Körper waren schuppig und metallen glänzend. Sie alle hielten ihre scharfen Klauen vorgestreckt und gingen auf drei Beinen. Es waren unzählig viele. Sie verstopften die linke Seite des Kyruppengrabens und kamen geradewegs auf die Reisenden zu. Angeführt wurden sie von den Goldenen Drei, und diese waren leicht zu erkennen an ihren weißgoldenen Schuppenpanzern, die in der Sonne strahlten. Die größte Kyruppe schritt ihnen voraus und wie man sehen konnte, war es die größte im ganzen Heer. Sie kamen ganz nahe heran und machten erst unmittelbar vor den Gefährten halt. Die größte Kyruppe öffnete ihren Rachen und die Stimme, die aus ihm hervorging, formte Laute in der Menschensprache. Sie war grauenvoll und ungewohnt, aber ihre Worte waren klar und unmissverständlich: „Ich bin Traula, das Haupt der goldenen Drei, und diese, meine beiden Gefährtinnen sind Goa und Gran, meine Mitregenten. Ihr habt Petersilie gegessen. Ihr habt es gewagt, euch an unserem Wald zu vergehen. Dies ist der Grund, warum ihr sterben müsst.“

„Ich habe nur ein wenig ge … k … k … k … kostet“, stotterte Kuno Weißhaar. „K … k … kaum probiert!“

Die Kyruppen stießen hohe, lachende Trillertöne aus.

„Reicht schon, um selbst gefressen zu werden“, entgegnete Traula.

„W … w … wenn ihr uns fresst, w … w … was passiert dann mit unseren Eseln? Sie sind unschuldig! Wenn ihr sie leben lasst, müsst ihr uns leben lassen. Sie sind ja ohne uns hilflos.“

Wieder lachte Traula in hohen Tönen und die übrigen Kyruppen stimmten in ihr Lachen mit ein.

„Den Eseln geschieht nichts“, sagte sie. „Sie haben ja nichts getan. Wir werden sie zu uns nehmen und gut versorgen.

„Aber e … e … es gibt noch einen weiteren Grund, warum ihr uns schonen müsst“, rief Kuno Weißhaar. Er gab noch nicht auf. „W … w ... wir haben einen jungen Mammutfresser, der mit Fleisch versorgt werden muss. Deshalb sind wir aufgebrochen, um den Nordpol zu erreichen. Unsere Fleischreserven gehen uns aus. Wenn ihr uns tötet, wird der Kleine ohne Nahrung sein. Er wird ebenfalls sterben. Und er ist unschuldig!“


Traula stieß einen leisen Pfiff aus, als sei sie über die Unverschämtheit solch einer Lüge zu höchst entrüstet.

„Das ist wohl die unglaubwürdigste Ausrede, die ich je gehört habe“, sagte sie. „Wo ist denn dieser kleine Mammutfresser?“

„Z … z … zu Hause im Komponischen Märchenwald! Wir mussten ihn bei den Fleischvorräten lassen. Er wäre uns hier verhungert.“

„Also habt ihr auch keine Beweise. Und ohne Beweise gilt auch deine Ausrede nicht. Es ist beschlossene Sache, dass wir euch umbringen werden!“

„Halt!“, rief Äffchen. „Es heißt, ihr liebt Rätsel. Ihr müsst uns eine Rätselfrage stellen. Wir wollen um unser Leben kämpfen.“

„Gut, lasst uns Rätsel raten“, sagte die mächtige Kyruppe, „aber die Bedingungen stelle ich. Drei Fragen ihr, drei Fragen wir, aber seht euch vor: Wenn wir an der Reihe sind, werden die Fragen im Schwierigkeitsgrad ansteigen. Und in jedem Durchgang werden wir nur ein Thema behandeln. Mit anderen Worten: pro Durchgang ein Thema. Das tun wir, weil wir fair und unsere Fragen schwer sind. Von euch verlangen wir nicht dasselbe. Ihr habt die freie Wahl, weil ihr die Gäste seid und ihr fangt an, damit es spannender wird! Aber wohlgemerkt: Wenn ihr nur eine Frage falsch beantwortet und uns nicht spätestens im dritten Durchgang besiegt habt, habt ihr verloren. Und noch eine weitere Bedingung. Es sind nur Fragen nach Gegenständen oder Begriffen erlaubt. Jede Frage muss mit ‚Was ist das?‘ beginnen. Der kleine Mensch da soll anfangen. Er sieht so unbedarft aus!“

„Was ist das?“, fragte der kleine Idan. „Es ist klein, hat einen kleinen und einen großen Kopf und auf jedem Kopf ein Horn?“

„Ein junger Mammutfresser“, sagte Gran. „Hübsches Rätsel, aber leicht. Weiter!“

„Was ist das?“, fragte Kuno Weißhaar. „Es dreht sich immer um sich selbst und es wird ihm doch nicht schwindlig. Während es aber so tut, als ob es sich um sich selbst dreht, dreht es sich immer um einen anderen.“

„Das ist doch einfach“, erwiderte Goa. „Das ist ein Planet.“

„Was könnte es noch sein?“, fragte der Kuno.

„Das gilt nicht. Es ist nur eine Antwort gefordert.“

„Dann stelle ich die Frage als drittes Rätsel“, meldete sich Äffchen. „Was könnte es noch sein?“

Goa schluckte.

„Ich bin dran!“ zischte Traula. „Die Antwort ist: Ein Egoist.“

„Und warum?“, fragte Äffchen.

„Eine vierte Frage ist nicht erlaubt, aber du sollst es trotzdem wissen: Der Egoist dreht sich immer nur um sich selbst und glaubt, das ganze Weltall drehe sich um ihn. In Wahrheit dreht er sich um den Teufel! Wir sind dran!“

„Was ist das?“, fragte Gran. „Es ist im Wasser langsamer als in der Luft. Es wird überall zerbrochen, wohin es fällt und wenn es ganz zerbrochen zurückspringt, freuen wir uns und unsere Freude ist keine Schadenfreude.“

„Hmmm … das Licht! Licht!“, sagte Kuno Weißhaar. „Du beschreibst das Licht, wie es Farben erzeugt.“

„Das ist korrekt. All diese Eigenschaften treffen auf das Licht zu. In dieser Runde gebe ich mich geschlagen.“

„Ich aber nicht“, rief Goa siegessicher. „Was ist das? Wer es sieht, fühlt sich eins mit dem All. Ruhige Freude umhüllt ihn. Und doch vollführt der Tänzer mehr Sprünge, als wenn er in Unruhe ist. Tanzt aber der Tänzer um ein Drittel weniger, dann wirkt er unruhig und glühend.“

„Du beschreibst die Farbe Blau“, erwiderte Äffchen. „Und das andere ist ihre Komplementärfarbe Orange.“

„Ihr seid nicht die Dümmsten“, sagte Traula. „Ja, das ist korrekt. Aber jetzt bin ich dran. Kannst du mir auch sagen, warum der Tänzer mit vielen kleinen Sprüngen Blau erzeugt und mit wenigen großen Gelb, warum er bei vielen Sprüngen ruhiger wirkt und bei weniger Sprüngen unruhiger?“

„Der Tänzer ist das Lichtteilchen“, erwiderte Äffchen. „Je höher das Lichtteilchen schwingt, desto lockerer ist der Verband, in dem es sich bewegt, desto zerstreuter ist das Licht. Deshalb macht die Farbe Blau einen so gelösten Eindruck auf uns und befreit unsere Seele, während wir Orange als dichter, glühender, aufreizender empfinden.“

„Ausgezeichnet“, erwiderte Traula. „Du bist ja ein richtiger kleiner Wissenschaftler. Bisher sind alle an spätestens dieser Frage gescheitert. Ihr seid dran! Jetzt geht es um die Wurst!“

„Ich weiß nichts mehr“, sagte entmutigt der kleine Idan.

„Hihihi! Der kleine Pimpf gibt auf!“, tönte Traula mit schrillem Lachen. „Ihr beiden anderen werdet auch aufgeben müssen. Früher oder später. Das sehe ich kommen!“

„Keineswegs“, sagte Äffchen. „Was ist das? Man verwechselt beide miteinander. Zu Unrecht gibt man ihm denselben Namen. Und doch ist das eine wahr, das andere falsch. Das eine umschreibt die Angst vor der Strafe, das andere Verantwortung aus Mitgefühl.

„Eine leichte Frage. Du meinst das schlechte Gewissen.“

„Das ist leider richtig“, knurrte Äffchen.

„Weiter!“, forderte Traula.

„Was ist das?“, fragte Kuno Weißhaar und seine piepsende Stimme klang zaghaft und weinerlich. „Man verwechselt beide miteinander. Im einen Falle foltert man sich selbst und fühlt sich vernichtet in Anbetracht seiner Schwäche, im anderen Fall betrachtet man ruhigen Mutes seine Fähigkeiten, indem man sich als Glied eines großen Ganzen fühlt. Beide Geisteshaltungen haben verschiedene Namen, aber von den Unkundigen werden sie oft verwechselt. Um welche Namen handelt es sich?“

Gran und Goa zögerten mit der Antwort. Aber Traula kam ihnen zuvor.

„Du meinst den Unterschied zwischen der quälenden Selbstzerknirschung, die man auch Kleinmut nennt, und der wahren Demut des Weisen“, sagte sie.

„Einer Demut, die du nicht kennst“, bemerkte zähneknirschend der Kuno.

„Eure Rätsel langweilen mich“, sagte Traula, ohne auf Weißhaars Bemerkung einzugehen, „es dürfte wohl keine Frage geben, die ich nicht beantworten kann. Ich denke, jetzt bist du wieder dran, Plédo-Affe, da es dem kleinen Menschen die Sprache verschlagen hat und der Kuno eben erst dran war! Gib lieber auf, du kleines, freches Äffchen, und füge dich ins Unvermeidliche und ich verspreche euch einen schnellen Tod!“

Äffchen biss sich auf die Lippen.

„Dieses Rätsel wirst du nicht beantworten können. Wer ist das: Er wurde auf einer Insel geboren und ist auf einer anderen, kleineren Insel gestorben. Er war kein König, sondern erst Soldat, wurde aber zum Herrscher eines großen Weltreiches. Er hat viele Kriege geführt und am Ende haben ihn seine Feinde auf der kleinen Insel festgesetzt, wo er gestorben ist. Wer ist es?“

„Eine solche Person kenne ich nicht“, antwortete Traula. „Sollte mich wundern, wenn sie je existiert hätte.“

Äffchen stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

„Ätsch, gewonnen! Wir haben gesiegt! Die Antwort ist Napoleon!“

„Napoleon? Wer soll denn das gewesen sein?“

„Siehst du, du weißt es nicht! Das ist eine echte Bildungslücke!“

„Ein Napoleon hat sicher auf unserem ganzen Planeten niemals gelebt“, sagte Traula. „Die Ereignisse, die du anführst, hat es nie gegeben. Das würde ich wissen.“

„Wer sagt denn, dass er auf unserem Planeten gelebt haben soll? Hat er natürlich nicht. Sein Heimatplanet wird von seinen Bewohnern so ähnlich wie Ea genannt und ist viertausend Lichtjahre von hier entfernt.“

„Das gilt nicht“, erwiderte Traula. „Woher willst du denn so etwas wissen? Das ist nur ein Ablenkungsmanöver. Man kann viel zusammenfantasieren über Dinge, von denen man keine Kenntnis hat und haben kann.“

„Verdammt, sie hat mich durchschaut“, murmelte Äffchen.

„Dann gibt es also gar keinen Napoleon?“, flüsterte der kleine Idan.

„Woher soll ich das wissen“, flüsterte Äffchen zurück, „ich habe ihn bloß erfunden. Habe gehofft, sie fällt auf den Trick herein.“

„Du langweilst mich mit deinem Gewäsch“, sagte Traula mit durchdringend heller Stimme. „Offenbar willst du nur Zeit gewinnen! Stelle mir eine intelligentere Frage oder lass es bleiben und lass dich fressen. Du hast sowieso nichts mehr vom Leben! Und es wird dir wenig nützen, deine Frist hinauszuschieben. Besser ist’s, ihr lasst uns ein Ende machen! Ich werde euch von eurer Angst befreien! Je schneller desto besser!“

„N … n … n … nein!“, schrie Kuno Weißhaar.

„Doch! Wirst sehen, dass ich Recht habe“, lockte Traula mit flötender Stimme. „Wirst nichts spüren, wenn dir meine Kiefer das Genick zerbrechen!“

„Wir geben nicht auf“, rief Äffchen, aber es merkte, dass ihm die Ideen ausgingen. „Wie schnell ist das Licht?“

„In einer Sekunde fünfmal um unsere Welt. Die Frage ist ungültig. Zu eurem Glück! Das war eine reine Wissensfrage. Es sind aber nur Was-Ist-Das-Fragen erlaubt. Du darfst nicht glauben, dass ich etwas nicht wüsste, was mit unserer Welt zusammenhängt. Rätselfragen sind mir aber lieber, da denkt man etwas dabei! Ich möchte eine Rätselfrage gestellt bekommen! Aber eine, die mit unserer Welt zusammenhängt, bitte schön!“

Erfinder-Äffchen holte tief Luft.

„Mit unserer Welt zusammenhängt, mit unserer Welt“, murmelte Kuno Weißhaar und es ging ihm ein Licht auf. „Denk an die Frau“, flüsterte er.

Äffchen begriff sofort. „Was ist das? Eine tanzende Frau mit wehendem Kleid hält einen Ball in die Luft, eine Rassel, eine Pauke, ein Musikinstrument. Sie ist in freudigem Taumel. Und jeder, der seine Augen auf unsere Welt richtet, kann sie erkennen!“

„Was ist das schon wieder? Soll wohl wieder so ein Trick sein! Nie von einer solchen Frau gehört! Sollte mich wundern, wenn es sie gäbe. Vielleicht ist es eine Tänzerin in Íoland oder in Stiefelburg. Aber dass jeder, der unsere Welt sieht, seine Augen auf ein solch unbedeutendes Mädchen richtet, wäre mir neu! Das hast du sicher erfunden!“

„Es ist Rüsselschwein!“, rief Äffchen. „Hinter dem Kontinent Rüsselschwein verbirgt sich solch eine Gestalt!“

Und wie zum Beweis hielt Kuno Weißhaar der großen Kyruppe den Plan vor Augen.

„Ja“, sagte er, „es ist nicht alles immer so, wie es scheint. Manchmal verbirgt sich Schönheit hinter dem Hässlichen!“

Traula stand da mit offenem Maul und stieß einen lauten, melodischen Pfiff des Staunens aus.

„Wirklich, ihr habt Recht! Ihr habt das Rätselspiel gewonnen!“

„Werdet ihr uns leben lassen?“

„Ja, wir werden euch leben lassen“, erwiderte Goa. „Und nicht nur das. Euer Rätsel hat einen Preis verdient!“

„Einen hohen Preis“, sagte Gran, „denn ihr habt uns zu einer Erkenntnis gebracht. Zu der Erkenntnis, dass das Land, das wir bewohnen, die Gestalt einer tanzenden Frau hat. Ja, auch wir sind Frauen.“

„Und wir wollen so schön werden wie diese tanzende, jubilierende Frau, die unseren Kontinent bildet“, ergänzte Traula. „Könnt ihr uns dabei behilflich sein?“

„Wie sollten wir das?“, fragte Kuno Weißhaar verwundert und misstrauisch, als vermute er eine Falle. „Wenn wir dazu ein Rezept wüssten, wären auch wir Kunos sicher keine Kunos mehr.“

„Es gibt da eine Möglichkeit. Es geht um die Frage, was entsteht, wenn die sieben Strahlen des Lebens vereinigt werden.“

„Die sieben Strahlen des Lebens?“, murmelte Äffchen. „Das habe ich doch irgendwo schon einmal gehört!“

„Würde mich wundern, wenn dem so wäre“, erwiderte Traula. „Davon wissen nur die höchsten Eingeweihten. Der Fairness halber stellen wir so etwas nicht als Rätselfrage. Dieses Geheimnis ist selbst dem Volk der Kyruppen verborgen geblieben. Nur wir Anführerinnen haben Kenntnis davon. Wir selbst wurden von unsren Vorgängerinnen darin eingeweiht.“

„Und doch kommt es mir irgendwie bekannt vor“, sagte Äffchen. „Ich habe es bestimmt schon irgendwo gehört.“

„Jedenfalls“, fuhr Traula fort, „habt ihr die Kenntnis, die Intelligenz und den Mut, die erforderlich sind, um die sieben Strahlen des Lebens zu entdecken. Wenn ihr sie entdeckt habt, wenn ihr das Geheimnis erfahren habt, wie man sie herstellen kann, dann kommt zu uns und wir werden euch eine Linse geben, mit der ihr sie sammeln könnt. Dann werden wir gemeinsam unsere Vollendung finden.“

Die Freunde folgten den goldenen Drei und wurden von ihnen in eine Stadt geführt. Solch eine Stadt hatten sie noch nie gesehen. Die Gebäude sahen aus, als seien sie aus Bäumen geflochten, deren Äste sich spiralförmig emporwanden. Kein Haus war völlig in sich abgeschlossen. Kein Turm hatte ein Dach oder war völlig vom Regen geschützt.

„Was ist das?“, fragte der kleine Idan.

„Das ist Trodonk, die große Donnerstadt, Hauptstadt des großen Kyruppenreiches“, erwiderte Traula. „Wir haben einige Hundert solcher Städte, aber Trodonk ist die größte.“

„Warum heißt sie denn Donnerstadt?“, wollte der kleine Idan wissen.

„Blick nach oben!“, forderte Traula. „Was siehst du?“

Idan folgte der Aufforderung. Er sah, wie sich hoch über ihnen der Himmel in drohenden Gewitterwolken zusammenballte. Die Wolken waren fast schwarz. Und dazwischen lagen helle, gleißende Stellen freien Himmels, die wie Blitze zwischen ihnen aufzuckten.

„Das ist der Grund“, fuhr Traula fort. „Trodonk ist so gebaut, dass sie Gewitterwolken anzieht und es regnen lässt.“

„Aber eure Häuser haben keine Dächer“, sagte Idan. „Sie sind überhaupt nicht dicht!“

„Es ist nicht die Nässe, die wir fürchten. Das Wasser perlt von unserem Panzer ab. Es ist die Trockenheit. Unsere Türme laden die Atmosphäre auf. Sie erzeugen Elektrizität. Und diese brauchen wir genauso wie die Feuchtigkeit.“

Tausende Kyruppen standen zu beiden Seiten der Straße und grüßten die Freunde.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Idan.

„Das bedeutet, dass ihr die Ersten seid, die das Rätselraten überlebt haben.“

Bei diesen Worten taumelte der kleine Idan und drohte zu stürzen. Erst jetzt wurde ihm so recht bewusst, in welcher Gefahr er sich befunden hatte. Und vor Entsetzen darüber wurde er ohnmächtig.

Die Donnerstadt

Der kleine Idan erwachte in einem durchlichteten Gebäude, dessen Wände aus metallenen Ranken bestanden. Der Abend dämmerte und ein rötlich glühender Feuerschein floss über den mit Holztafeln belegten Fußboden. Idan bemerkte, dass es ein erst kürzlich hergestellter Boden war, den die Kyruppen für ihre Gäste eigens bereitet hatten. Sie selber brauchten keinen solchen Boden. Man sah es daran, dass Holzscheiben in die Maschen eines starren Metallnetzes hineingetrieben worden waren. Erfinder-Äffchen und Kuno Weißhaar unterhielten sich mit einer Gruppe Kyruppen. Sie saßen um ein maschenartiges Metallgestell, das einem Tisch glich.

„Was ist eure Hauptbeschäftigung?“, fragte Erfinder-Äffchen gerade.

„Wir stellen Linsen her“, erwiderten die Kyruppen mit hohen singenden Stimmen.

„Und was macht ihr mit den Linsen?“

„Mit diesen Linsen brechen wir das Licht auf eine Weise, dass wir verschiedene Arten der Wirklichkeit sehen können, und zwar auch das, was unseren Augen normalerweise unsichtbar ist.“

„Was könnt ihr denn damit sehen?“, fragte Idan.

„Schau einmal selbst hindurch!“, forderte ihn Traula auf und hielt ihm eine Linse hin, die im Sonnenlicht die Farbe des Regenbogens spiegelte. „Du musst sie dicht vor das Auge halten“, sagte die Kyruppe. „Das andere Auge kneife am besten zu.“

Der kleine Idan folgte der Aufforderung und sah die ganze Umgebung von farbigem Licht durchflutet. Die Personen, die sich im Raum befanden, waren von einem farbigen Lichtkranz umgeben. Der Lichtkranz der Kyruppen war orange bis hellrot, der Lichtkranz von Äffchen gelbgrün und der von Kuno Weißhaar blau bis violett.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Idan.

„Das ist eine Linse, die die Farben der Seele bricht“, erwiderte Traula. „Wenn wir sie als Brille tragen, erkennen wir, mit wem wir es zu tun haben.

„Und was bedeuten die Farben?“

„Rot ist die Farbe der Kraft, der Öffnung, des Anfangs, des festen Willens, des Zorns und der Leidenschaft. Ohne Rot gibt es keine Urkraft. Gelb ist die Farbe der Zündung und des durchdringenden Verstandes. Ohne Gelb gibt es keine Zeugung. Grün ist die Farbe der Gärung und Hoffnung. Ohne Grün gibt es kein Gedeihen. Blau ist die Farbe der Weisheit und der Geduld. Ohne Blau gibt es weder Ziel noch Ruhe. Violett ist die Farbe der Vollendung. Zwischen diesen Farben gibt es zahlreiche Zwischentöne und Schattierungen, die der einen oder anderen benachbarten Farbe zuneigen. Daneben gibt es auch noch unreine Farben in der Gestalt der vielen Braun- und Grautöne. Solche Farben entlarven eine verschattete Seele.“

„Aber ich dachte immer, dass es sieben verschiedene Grundfarben gibt“, sagte Erfinder-Äffchen, „und nicht nur fünf.“

„Wir unterscheiden fünf Grundfarben“, sagten die Kyruppen. „Alles andere ist in unseren Augen Willkür und entbehrlich.“

„Quatsch Grundfarben“, rief Kuno Weißhaar. „Es gibt viele Millionen Farben. Und jede Farbe ist anders und unvergleichlich! Jede hat ihre besondere Eigenschaft. Wenn wir Kunos einander Namen geben, dann schauen wir auf die Haarfarbe. Wir benennen jeden nach seiner Haarfarbe und schreiben ihm dadurch eine bestimmte Eigenschaft zu. Das ist meistens nicht gerecht. Besonders ich bin dabei schlecht weggekommen. Ausgerechnet weiß! Das ist ja überhaupt keine Farbe!“

„Wir kennen gar kein reines, ungetrübtes Weiß“, versetzte Gran.

„Wir auch nicht“, sagte der Kuno. „Aber wenn den Haaren die Pigmente fehlen, sind sie weiß. Und Kunohaare ohne Pigmente sind immer gleich weiß. Es ist eben das spezifische Weiß von Kunohaaren ohne Pigmente. Sie können in der Sonne ein wenig gilben, das ist aber schon alles! Und leider bin ich der einzige Kuno, dessen Haare keine Pigmente haben. Ich bin eben eine Missgeburt!“

„Bist du nicht“, sagte der kleine Idan. „Dein Lichtkranz ist blau.“

„Tatsächlich? Welches Blau? Gib mir die Linse!“

Idan reichte sie ihm. „Aber du kannst dich doch nicht selber sehen!“ wandte er ein.

„Meinst du wohl? Ich kann meinen Arm ausstrecken. Dann sehe ich mich!“ Das wollte er tun, aber der Arm war zu kurz. „Oder ich kann mich im Spiegel ansehen“, ergänzte er. „Habt ihr einen Spiegel?“, wandte er sich an die Kyruppen.

Goa reichte ihm aus einem Fach einen ovalen Handspiegel aus blankem Metall. Kuno Weißhaar blickte hinein und bewunderte seinen Strahlenkranz.

„Wunderbar!“ rief er aus. „Das ist Hyazinth-Awara! Eine ganz seltene Farbe! Kommt in der Natur nicht vor! Nur an lichtreflektierenden Metallflächen! Kuno Hyazinth-Awara müsste ich mich nennen! Könnt ihr mir die Herstellungsanleitung für diese Linse verraten? Ich werde in ganz Rüsselschwein solche Linsen herstellen lassen. Künftig sollen alle Kunos nur noch nach ihren Farbenkränzen benannt werden!“

„Leider ist die Herstellung dieser Linsen ein Geheimnis, das wir den Menschen nicht preisgeben“, erwiderte Goa.

„Den Menschen?“, fragte Idan. „Aber seid ihr keine Menschen? Ja, offenbar nicht! Aber wie kommt es dann, dass ihr wie Menschen denkt? Und wie kommt es eigentlich, dass ihr alle einen roten Farbkranz habt? Wozu braucht ihr die Linsen, wenn jeder von euch gleich aussieht?“

„Es sieht nicht jeder von uns gleich aus“, erwiderte Gran. „Wir können unsere Farbenkränze unterscheiden.“

„Aber sie sind alle rot“, warf Idan ein.

„Ja, aber die Farbe Rot hat viele Zwischentöne. Und wir sind auch keine Menschen. Menschen denken immer wieder um, sie wandeln tagtäglich ihre persönliche Wahrheit, rätseln an der Wahrheit herum und erreichen sie nie. Das tun wir Kyruppen nicht. Unsere Kultur ist seit Jahrtausenden dieselbe. Unser Leben ist ein gleichmäßiger Schritt. Wir leben in der Wahrheit und leben uns immer tiefer in sie ein. Und so entwickelt sich unsere Kultur ganz langsam, während die Menschen tagtäglich um die Wahrheit herumtanzen und immer neuen Unsinn aushecken. Es ist klar, dass für euch Menschen Rot Rot und Grün Grün ist, aber nicht für uns Kyruppen. Da gibt es die größte Vielfalt!“

„Ihr sprecht einem Kuno aus dem Herzen“, sagte Kuno Weißhaar. „Farben gibt es Millionen!“

„Und fünf Grundfarben“, sagte Goa.

„Sieben“, beharrte Äffchen. „Der Regenbogen hat sieben Farben.“

„Wir unterscheiden fünf“, sagte Traula.

„Kann man nicht sagen, dass alles aus einer Farbe geworden ist?“, fragte Idan. „Aus der einen Farbe sind dann zwei geworden, aus der Mischung dieser eine dritte und aus deren Mischung und Verdünnung viele, viele Zwischenfarben!“

„Welches soll denn die eine gewesen sein?“, fragte Traula mit sirrender Stimme.

„Ich glaube weiß“, erwiderte Idan. „Alles Weiße kann einen warmen oder einen kalten Ton enthalten. Der warme Ton ist gelblich. Wenn man Gelb weiter verdichtet, kommt man zu Rot. Der kalte Ton ist bläulich. Wenn man Blau und Gelb mischt, erhält man Grün, wenn man Blau und Rot mischt, Violett.“

„Womit wir fünf Grundfarben hätten“, flötete Traula befriedigt.

„Wenn man die Grundfarbe Weiß dazuzählt, sind es sechs“, versetzte der kleine Idan.

„Ist es wahr?“, rief Kuno Weißhaar. „Du betrachtest die Farbe meiner Haare als die Grundfarbe schlechthin? Ich, Kuno Weißhaar, vereinige in der Farbe meiner Haarpracht alle Millionen Farben der Kunos?“ Der Kuno jubelte förmlich.

„Ja“, sagte Idan verlegen.

„Wir rechnen Weiß nicht zu den Farben“, belehrte Traula. „Schwarz ist ja auch keine Farbe. Grundfarben gibt es nur fünf.“

„Sieben, wenn man Orange und Indigo hinzurechnet“, beharrte Äffchen.

„Gilt nicht, Orange ist ein verdünntes Rot oder verdichtetes Gelb“, warf Goa ein.

„Ebenso gut könnte man die Existenz der Farbe Rot als Grundfarbe abstreiten, weil sie ein verdichtetes Gelb ist“, entgegnete Äffchen. „Trotzdem erregt Rot einen völlig anderen Gefühlseindruck als Gelb, und es ist auch ein Unterschied, ob ich Gelb oder ob ich Rot mit Blau mische. Grün und Violett haben wenig miteinander gemein.“

„Richtig, aber mische mal Orange mit Blau“, erwiderte Traula, „da kommt nur dreckiges Braun heraus.“

„Jedenfalls unterscheiden wir sieben Farben im Regenbogen“, sagte Erfinder-Äffchen. „In der Mitte treffen sich in Grün das warme und kalte Spektrum. Nach außen hin verdichten sich die Spektren, das warme von Gelb zu Rot, das kalte von Blau nach Indigo und Violett.“

„Das ist eine reine Konstruktion“, erwiderten die Goldenen Drei.

„Mehr als eine Konstruktion“, erklärte Äffchen. „Die sieben Farben haben ihre Entsprechung in sieben Kristallen auf dem Insektenplaneten Pessian. Und dieser Planetenmond ist unser nächstes Ziel, wenn wir die erste Aufgabe erledigt haben, Nahrung für unser Haustier zu beschaffen.“

„Was hat es mit diesen sieben Kristallen auf Pessian auf sich?“, fragte Traula.

„Sie sind die Grundlage für ein Lebenselixier“, sagte Kuno Weißhaar. „Sonnenstrahlen, die zur gleichen Zeit durch alle sieben Kristalle fallen, müssen zu einem einzigen Strahl vereinigt werden. Wenn dann ein Mensch von diesem durchflutet wird, erhält er das ewige Leben. Das ist eine alte Kunoweisheit.“

„Du sprichst von den sieben Strahlen des Lebens!“, rief Traula erstaunt. „Dann sind also nach eurer Meinung die sieben Strahlen des Lebens Farbstrahlen und diese sieben Kristalle filtern sie heraus?“

„Es sind besondere Farbstrahlen“, sagte Weißhaar. „Es sind konzentrierte Farbstrahlen, die noch andere Eigenschaften des Lichtes enthalten. Alle diese Eigenschaften werden durch die Kristalle herausgefiltert. Und, wie gesagt, die Strahlen müssen gleichzeitig durch alle sieben Kristalle fallen, sich vereinigen und als ein Ganzer den Kandidaten treffen.“

„Und ihr seid sicher, dass sich diese sieben Kristalle auf Pessian befinden?“

„Ganz sicher!“, schnatterte Äffchen. „Das besagt die alte Plédo-Affen-Überlieferung. Und wir Plédo-Affen sind die intelligentesten Lebensformen auf Plédos.“

„Nimm den Mund nicht so voll!“, sirrte Goa empört.

„Und wie wollt ihr die sieben Kristalle von Pessian holen?“, fragte Traula. „Wie wollt ihr das denn bewerkstelligen?“

„Wir werden versuchen, ihn über den Turm von Gorkan zu erreichen“, sagte Kuno Weißhaar.

„Über den Turm von Gorkan? Aber der ist doch eine Legende! Und falls er früher einmal existiert haben sollte, so ist er vor Jahrtausenden zerstört worden.“

„Das ist er nicht. Die Bewohner von Gorkan haben ihn damals nur mit einer Chamäleonfarbe bestrichen. Weiß der Teufel, wie sie in den Besitz einer solchen Farbe gekommen sind! Aber der Turm existiert noch. Und wir werden ihn finden.“

„Und das wäre wieder eine Wissensfrage, in der wir euch Kyruppen voraus sind. Wir sind eben doch die Schlausten!“

„Sei du doch ruhig!“, zwitscherte Gran.

Äffchen schnitt eine Grimasse zurück.

„Wir würden selbst diese Aufgabe für euch erledigen“, sagte Traula. „Leider aber liegt Gorkan in Íoland, das von Menschen bevölkert ist. Und Kyruppen werden von Menschen nicht gerade willkommen geheißen. Darum müsst ihr es für uns tun. Aber versprecht uns, zu uns zurückzukehren, wenn ihr die Kristalle gefunden habt. Ihr müsst es wohl tun, denn wir sind die Einzigen, die eine Linse besitzen, die von verschiedenen Seiten kommende Sonnenstrahlen vereinigen kann.“

„Die Schwierigkeit besteht hauptsächlich darin, dass es beinahe unmöglich ist, dass Sonnenstrahlen gleichzeitig von verschiedenen Seiten durch alle sieben Kristalle fallen“, sagte Kuno Weißhaar.

Aber Äffchen legte den Zeigefinger an den Mund und machte ein leises „Pssst“. Es ahnte nämlich, dass die Kyruppen sie nicht würden gehen lassen, wenn sie ihnen die Hoffnung auf das Lebenselixier nahmen.

Am Nachmittag nahmen die Kyruppenköniginnen Idan und seine Gefährten auf einen Streifzug durch die Stadt mit. Sie wurden von einer Eskorte gewöhnlicher Kyruppen, die als Diener fungierten, begleitet.

Alle Kyruppen, die den Goldenen Drei auf der Straße begegneten, grüßten sie mit einem hohen, sirrenden, ehrfürchtig klingenden Gesang und tanzten einige Male um sie herum. Auch die kleinen Kyrüppchen, kaum dem Säuglingsalter entwachsen, denen man kaum zutraute, reden zu können, vollführten mit heller Stimme flötend unbeholfene Tänze um die Goldenen Drei. Idan bemerkte, dass viele Kyruppen sich auf einem merkwürdigen Rollbrett fortbewegten, auf dem sie mit ihrem mittleren Bein standen, während sie sich mit den seitlichen Beinen abstießen. Sie erreichten hierbei hohe Geschwindigkeiten. Auch die Vorüberrasenden verlangsamten ihre Fahrt und huldigten den Königinnen. Übrigens waren alle Kyruppen bis auf die Goldenen Drei blass silbern bis bläulich und allenfalls bräunlich gefärbt. Keine von ihnen erreichte das Gold der Königinnen. Und alle waren von großer Ehrfurcht erfüllt, als die Eskorte vorüberschritt.

„Was machen sie da?“, fragte der kleine Idan.

„Sie erweisen uns die gebührende Ehre“, erwiderte Traula.

„Gebührende Ehre – warum?“

„Weil wir hier die Königinnen sind. In anderen Ländern gibt es einzelne Könige. Das halten wir für Unsinn! Königtum lässt sich nur in verschiedenen Personen praktizieren, nicht in einer einzigen.“

„Ich frage mich aber, ob es überhaupt nötig ist, einen König oder mehrere Könige oder Königinnen zu haben“, versetzte Idan.

„Wie meinst du das?“, fragte Goa ein wenig barsch.

„Ich meine das so: Könige regieren zwar, aber am Ende müssen sich ja auch die Könige nach einem Gesetz richten, das die Mehrheit des Volkes sich ausgedacht hat. Und ob dieses Gesetz richtig ist, das ist die Frage! Nehmen wir doch zum Beispiel den Schlangenmenschenkönig Schlankerli. Der wollte uns töten lassen. Und das begründete er so: „Diese drei Sslawiner müssen hingerisstet werden! Ssappelqualen sind vorgesehen für sie! Den jungen Burssen hätte iss ssonen lassen, aber das Gesetss sieht es nisst vor! Ssöne Sseiße! Sseiß Gesetss!“ Dabei wusste der kleine Idan die Lispelstimmen der Schlangenmenschen so trefflich nachzuahmen, dass den Kyruppen vor Lachen die Tränen in die Augen traten.

„Wer soviel Witz hat wie ihr, dem sind wir auch etwas schuldig“, sagte Traula später. „Ihr dürft euch einige Linsen nehmen, mit deren Hilfe ihr in der Lage sein werdet, zu beurteilen, wer euch böse oder gut gesonnen ist. Aber die eine große Linse, die die Lichtstrahlen der sieben Kristalle bündeln und vereinigen kann, wird euch noch vorenthalten bleiben. Die werdet ihr dann erhalten, wenn ihr die sieben Kristalle gefunden habt und hierher zurückkehrt!“

Äffchen schwieg und Kuno Weißhaar nickte den Goldenen Drei dankbar zu, denn er wollte die Kyruppen im Hinblick auf ihr großzügiges Angebot nicht verstimmen. Aber der kleine Idan war noch immer nicht zufrieden.

„Ihr habt noch nicht die Frage beantwortet, warum Königinnen und Könige notwendig sind“, sagte er.

„Sie sind notwendig, weil die Geschöpfe unvollkommen sind und jemanden brauchen, zu dem sie aufblicken können“, erwiderte Gran. „Geschöpfe können eben alles nur in gebrochenem Zustand wahrnehmen, haben daher über alles eine unterschiedliche Meinung und brauchen daher jemanden, zu dem sie aufblicken können und der für sie Einheit und Gesetz repräsentiert.“

„Würde es aber nicht genügen, wenn sie alle zu Gott aufblicken würden?“, fragte Idan.

Traula stieß ein sirrendes Lachen aus. „Gott? Gott ist ein wenig zu groß für sie! Sie können ihn nicht hören, sie können ihn nicht begreifen! Darum müssen Klügere, als sie es sind, an seiner Stelle den göttlichen Willen verkünden.“

„Aber woher wissen die Geschöpfe denn, ob diese Leute wirklich so viel klüger sind als sie?“

„Das ist eine Frage der Wissenschaft“, antwortete Goa. „Man kann eben nachprüfen, was ein Klügerer sagt. Wenn es richtig ist, vertraut man ihm.“

„Aber es könnte auch etwas sein, was alle anderen glauben zu kennen“, versetzte der kleine Idan. „Und es könnte sein, dass diese angeblich Klügeren nur deshalb gewählt und anerkannt werden, weil sie genau das sagen, was die anderen hören wollen.“

Kuno Weißhaar stieß einen leisen Zischlaut aus und gab Idan durch Handzeichen zu verstehen, dass er die Kyruppen nicht verärgern solle. Er wünschte nicht, die vielen versprochenen Linsen aufs Spiel zu setzen. Aber der kleine Idan ließ sich nicht von seiner Frage abbringen.

„Könnte es nicht sein, dass unvollkommene Geschöpfe genau solche Könige bekommen, die zu ihnen passen?“

„Wir werden nicht gewählt“, verteidigte sich Traula. „Demokratie funktioniert nicht. Das Volk kann nicht lehren, es muss belehrt werden. Und darum sind wir da. Die Nachfolge erfolgt durch Erbrecht. Zu diesem Zwecke paart sich jede Königin einmal im Leben mit einem der klügsten und kräftigsten Kyruppenmänner unserer Wahl. Wir kennen natürlich genau die Bedingungen, unter denen ein Mädchen gezeugt werden wird, und richten uns streng nach denselben. Selbst wenn das einmal schief gehen sollte und ein Junge geboren wird, ist das nicht weiter schlimm, und wir werden es auf eine weitere Paarung ankommen lassen. Die als Nebenprodukte erzeugten Jungen werden freilich eine besondere Erziehung am königlichen Hof genießen und später in ausgezeichnete Ämter eingesetzt.“

„Wie kommt es, dass ihr so versessen auf Petersilie seid?“, fragte der kleine Idan weiter.

„Wir sind nicht versessen auf Petersilie“, erwiderte Traula entrüstet. „Nie kämen wir auf den Gedanken, sie zu verspeisen. Vielmehr ist es der überaus wundersame Geruch dieser Pflanze, der uns zu Kunst und Wissenschaft inspiriert. Aber dafür seid ihr Menschen gänzlich unzugänglich.“ Weiter sagte die Königin nichts, und sie sprachen während des ganzen Spazierganges kein Wort mehr.

Nach weiteren drei Tagen erhielten die Reisenden Bescheid, dass sie nun genug der Ehre erfahren hatten und wieder abreisen müssten. Als Abschiedsgeschenk erhielten sie eine einzige Linse, die ihnen die seelische Verfassung möglicher Feinde sichtbar machen sollte. Diese Linse, so meinte Traula, sollte ausreichend sein.

„Wer zu viel fragt, kriegt wenig“, fügte sie hinzu. „Nur der Bescheidene wird belohnt.“

Mithilfe der Kyruppen erreichten sie in wenigen Tagen den Löwensee. Dessen Ufer waren von Korkenzieherpalmen bewachsen. Das waren Palmen, deren Blätterkronen sich wie Korkenzieher nach oben wanden. An seinem Schaft war dieses Gewinde von einem breiten Kragen aus Palmblättern begrenzt. Hier wuchsen exotische Nüsse. Äffchen holte für die Freunde einige davon herunter.

Der Löwensee wurde auch das Löwenmeer genannt, weil er so groß wie ein Meer war. Freilich war es ein Süßwassermeer. Mit bloßem Auge konnte man weder Länge noch Breite abschätzen. Es war das einzige Binnenmeer der sieben Kontinente. Nur in Íoland gab es eine Reihe größerer Seen, die aber weit davon entfernt waren, die Größe des Löwensees zu erreichen.

Am Ufer des Löwensees trafen sich zahlreiche Löwenfamilien, aber auch anderer Tiere. Es gab rote, goldene, orange, hellgelbe und silberne Löwen von unterschiedlicher Größe. Auch Herden großer, gehörnter Büffel und Rudel von Wölfen und Bären konnten der kleine Idan und seine Gefährten beobachten. Sie versammelten sich friedlich, um zu trinken. Keiner tat dem anderen etwas zuleide.

Die Kyruppen begleiteten die Freunde noch weiter nach Osten, bis in die Gegend, in der das vordere Ufer des Löwensees endete. Von da an ging es geradeaus. Da der See ein Dreieck bildete, das sich nach Norden verjüngte, wäre es nicht von Vorteil gewesen, das Ufer weiter entlang zu wandern. Das hätte nur einen Umweg bedeutet. Allerdings versäumten sie nicht, sich einen gehörigen Vorrat an Trinkwasser mitzunehmen. Die Gegenden, durch die sie kamen, waren fast paradiesisch zu nennen. Hier gab es verschiedene Halbaffenarten, die lustige Kunststückchen vollführten und sich mit Nüssen bewarfen. Von Erfinder-Äffchen wurden sie verächtlich als „Halbaffenfritzen“ und „Gesindel, das nur Unsinn im Kopf hat“ bezeichnet. So zogen sie weiter und gelangten unbehelligt zur Nordküste.

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