Kitabı oxu: «Bus nach Bingöl»

Şrift:

RICHARD SCHUBERTH

Bus nach Bingöl

Roman


Die Herausgabe dieses Buches erfolgte mit

freundlicher Unterstützung durch die Stadt Wien.



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Lektorat: Martin Gastl

Copyright © dieser Ausgabe 2020 bei Drava Verlag

Klagenfurt/Celovec

Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten

ISBN 978-3-85435-944-9

eISBN 978-3-85435-962-3

Inhalt

Vorbemerkung

1. Von İstanbul nach Elazığ

2. Meltem und Hatice

3. Die Frau im Sarg

4. Das Dorf

5. Die letzten Tage

6. Epilog Die Geschichte zweier Esel

7. Nachspiel

Glossar

Vorbemerkung

Das Fundament dieses Buchs waren zwei themenverwandte Erzählungen, die ich 2007 schrieb. Freunde rieten mir, sie zu einem Roman oder zumindest einer Novelle zu ergänzen. Einige Jahre vergingen, bis ich daran weiterarbeitete. Das Vorhaben wurde aber von anderen Projekten rüde zur Seite geschoben. Nach der Niederschlagung des Putschversuchs in der Türkei im Juli 2016 und der endgültigen Umwandlung des Landes in einen autokratischen Staat wurde mir klar, dass der Roman zu Ende geschrieben werden musste.

Ahmet Arslans Heimatdorf Holike sowie das Bergdorf Belekan, die Berge Koyo Derg und Koyo Serd, der Kinkor-Pass und der Fluss Derê Saniku sind frei erfunden. Somit habe ich der Topografie Süd-Dersims ein weiteres geheimes Gebiet geschenkt, vom dem sie bis jetzt nichts wusste …

Dieser Roman ist einer Generation von Männern und Frauen gewidmet, die im Bewusstsein internationaler Solidarität ein Beispiel gaben und den Weg des Widerstandes gegen den türkischen Staat wählten, die getötet, eingesperrt oder ins Exil getrieben wurden und deren Andenken nur im Gedächtnis ihrer Freunde, Mitstreiter und Verwandten fortlebt.

1.

Sabiha Gökçen Airport

Sabiha Gökçen – Leitstern weiblicher Emanzipation.

Sabiha Gökçen – die erste Frau in der Türkei, die ein Flugzeug flog.

Sabiha Gökçen – die erste Frau in der Türkei, die zur Kampfpilotin ausgebildet wurde.

Sabiha Gökçen – die erste Frau in der Türkei, die aus der Luft Kurden tötete.

Ihre ersten Einsätze flog die Ziehtochter Kemal Atatürks gegen kurdische Dörfer während der Dersim-Massaker 1937 und ’38. Im Jahr 2004 erbrachte der Journalist und Menschenrechtsaktivist Hrant Dink den Nachweis, dass sie aus einer armenischen Familie stammte, die den Massakern von 1915 zum Opfer gefallen war. Drei Jahre zuvor war der neue İstanbuler Flughafen im Osten der Stadt nach ihr benannt worden.

Ahmet Arslan stand an einem Apriltag des Jahres 2008 vor der Passkontrolle. Er hatte die Wahl gehabt zwischen drei Kabinen. In der ersten saß eine junge Beamtin mit hochgesteckten Haaren, in der zweiten ein Mann mit dunklem Bartschatten – beide trugen die respekteinflößende Unnahbarkeit ihres Amtes zur Schau. Doch suchten sie nur selten auf dem Bildschirm nach Verdachtsmomenten. Warum hatte sich Ahmet Arslan ausgerechnet in die dritte Reihe gestellt, die von einem mürrischen Polizisten mit harten Gesichtszügen abgefertigt wurde? Trotz war es. Gepaart mit dem Versuch, seiner Angst die härteste Prüfung zu gönnen. Er dachte: Du bist Bauer, ich bin Bauer, lassen wir es darauf ankommen. Zudem hat die Bürokratie bekanntlich kein Gesicht. Gelangweilt winkte der Beamte die Leute in der Reihe durch, deren letzter Ahmet Arslan war. Ahmets Hochmut fiel wie ein Schleier von ihm, als der Beamte seinen Pass prüfte. Nicht einmal den üblichen Abgleich zwischen Foto und Gesicht, der auch Unbescholtene nervös macht, ließ er Ahmet angedeihen. Er tippte bloß eifrig in die Tastatur und verglich die Daten des Passes mit denen des Bildschirms, über welche Ahmet dunkle Ahnungen hatte.

Der Beamte stand auf und verließ die Kabine. Ahmets Herz begann zu rasen. Der Beamte kam zurück und befahl ihm, sich an den Schalter 47 zu wenden, es gebe ein Problem.

Ahmet trippelte zu jenem Schalter 47, in dem die Vorgesetzten der Passkontrolleure Zweifelsfälle behandelten. Auch sie kamen ihm zivilisierter vor als die türkischen Beamten seiner Erinnerung. Doch was heißt das schon. Nervös schob Ahmet ein Dokument, das er aus seinem Rucksack geholt hatte, in die Durchgabemulde.

Hören Sie, fuhr Ahmet einen kleinen Polizisten mit Bürstenhaarschnitt an, hier haben Sie die Bestätigung des Innenministeriums über die Aufhebung des Einreiseverbots.

Der junge Polizist musterte Ahmet mit einem Anflug von Amüsement. Er sah den Schweiß auf Ahmets Stirn. Und ließ ihn, um den Augenblick noch ein wenig auszukosten, mit der Antwort warten.

Nein, nein, sagte er schließlich, das geht schon klar. Keine Sorge, Herr Arslan. Ein Formfehler bloß, das passiert immer mit diesen österreichischen Pässen, das System erkennt sie nicht, weil auf den Visa das P vor der Passnummer fehlt. Immer derselbe Mist.

Er reichte ihm den Pass mit einem freundlichen Lächeln und hieß ihn willkommen in der Türkei.

Ahmet schämte sich bei der Gepäckabholung ein wenig, weil er den kleinen Beamten am liebsten umarmen wollte, und mit ihm diese ganze neue zivile Türkei, die ihm zunächst solch eine Angst eingejagt hatte, nur um damit zu prahlen, dass sie nicht mehr die alte war, dass sie nicht mehr das Land war, das er vor 28 Jahren verlassen hatte. Durfte er dieser alerten, gut gelaunten Service-Türkei trauen?

Esenler Otogar

Wie hässlich der Busbahnhof war. Esenler Otogar. Doch sogar das gefiel ihm. Hier erst fing Anatolien an. Die zweite Etappe seiner Reise. Ahmet Arslan war noch benommen von der Zeit in İstanbul mit den alten Freunden, von übermütigen Tagen, die ihn mit der neuen Version dieses Landes versöhnt hatten. Zwei seiner ehemaligen Kampfgefährten waren Geschäftsleute geworden, großzügige zumal. Nein, du bist unser Gast. Keine Widerrede. Was, so weit kommen wir noch, dass wir uns von einem dahergelaufenen Alman wie dir einladen lassen. Augenzwinkern, Backenzwicken, gemeinsames Tanzen. Sie hatten sich einen Spaß gemacht, den Zeybek zu tanzen und jenes Machogehabe dabei zu persiflieren, das besonders bei den Emporkömmlingen wieder groß in Mode war. Şerafettin hatte ihnen dann gezeigt, wie wirkliches Tanzen aussieht und unter allgemeinem Beifall Horons von der Schwarzmeerküste getanzt. Man war durch die Klubs gezogen. Ahmet, wie alle aufrichtigen kurdischen Helden schüchtern, hatte geflirtet, was das Zeug hält. Wobei es aber die Frauen waren, die den ersten Schritt taten: diese neue Generation unverschämt selbstbewusster Mittelstandsfrauen, noch nicht in seinem Alter, aber schon reif genug, um nicht nur junges Gemüse zu ernten. Ein sehr eindeutiges Angebot war ihm gemacht worden. Er hatte sich geschmeichelt gefühlt. Und geschämt. Und das alles war in seinem Gesicht zu lesen gewesen. Weil er solch ein Bauer ist. Şerafettins Schwester, sie war frisch geschieden und wollte dies feiern, saugte von seiner Unsicherheit wie von schwerem Nektar. Sie fand ihn süß, und nur die Angst, Jagdobjekt und Trophäe zu sein, hatte ihn bewogen, nicht mit ihr nach Hause zu gehen. Das könne er Laura nicht antun. Sogar sich selbst versuchte er mit seiner Treue zu Laura zu täuschen. Wie kurz dieser Selbstbetrug währte, bewiesen seine abenteuerlichen Pläne für seine Rückkehr nach İstanbul. Zwei Telefonnummern hatte er in seiner Brieftasche, die hütete er wie Eintrittskarten fürs Paradies.

Er reckte und streckte sich, denn eine dreizehnstündige Busreise startet man besser nicht mit Verspannungen. Dann versuchte er sich an das Treiben hier vor 30 Jahren zu erinnern. An kodakfarbene Tage, an all die Landeier wie er, die ihre Angst hinter protzigen Schnurrbärten und bunten, weit geöffneten Fledermauskrägen versteckten. Die Unsicherheit der Bauern war noch immer dieselbe. Dann fiel ihm ein, dass es den Esenler Otogar damals noch gar nicht gegeben haben konnte. Er querte den Platz zur anderen Seite, wo sich in Billigläden und Imbissstuben ein wenig die Türkei seiner Jugend bewahrte.

Ein Busunternehmen neben dem anderen war hier aufgefädelt. Die Bäuche der Busse wurden fortwährend geleert und gefüllt. Koffer, riesige Ballen und ganze Hausgerätschaften schob man in die Laderäume. Familienväter instruierten die Packer argwöhnisch. Noch gar nicht alte Frauen mit geschwollenen Füßen schleppten sich am Stock zu den Eingängen und wurden von ihren Kindern am Gesäß in den Bus geschoben.

Sonnenstrahlen hatten die graue Wolkendecke perforiert. Der Bussteig füllte sich mit Fahrgästen. Einer der Stationsangestellten schien der ungekrönte König hier zu sein. Er kannte jeden, jeder kannte ihn, ein hagerer Bursche mit eingefallenen Wangen. Mit seinem schnellen Mundwerk kommentierte er alles und jedes, scherzte und versuchte das blasse Mädchen, das wie eine Säule am Randstein stand, mit einem Moonwalk zu beeindrucken. Nach einer Weile gab er es auf. Blass war sie, rote Lider, selbst die Glasaugen der Katze auf ihrem lila Mohairpulli schauten traurig. Sie zündete sich eine Zigarette an, denn zu ihrer Schwermut gesellte sich Unruhe. Jemand beobachtete sie. Sie spürte die Blicke. Dort beim Auslagenfenster der Firma Vangölü Tours stand eine Frau und fixierte sie mit wissendem Lächeln. Das Mädchen blies eine Rauchschwade der Unnahbarkeit in die Luft, dann drehte sie sich schnell nach der Spannerin um, um das Machtspiel zu wenden, doch die war verschwunden. Das Mädchen erschrak, als sie die ebenfalls bleiche, ältere Frau in der Mitte des achteckigen Platzes zwischen den Autos sie weiter anstarren sah.

Seit es günstige Flüge nach Elazığ, Diyarbakır und Kars gab, nahmen nur wenige junge Menschen den Bus in den Osten. Weniger der Flugpreis als Flugangst ließ die Älteren die Straße vorziehen. In der kleinen Wartehalle saßen jene Passagiere, die fürs Telefonieren, Rauchen, Auf-und-ab-Gehen zu müde waren: ältere Leute, anatolische Männer mit karierten Hemden, Tellermützen und Schnurrbärten, nie sicher, ob sie bei der richtigen Kompanie gelandet waren. Bei jedem Geräusch, jeder Durchsage flackerten ihre Augen wie die verfolgter Tiere. Nicht abwarten konnten sie, diesen Großstadtpfuhl der Verwirrungen und Täuschungen zu verlassen und ihren Platz wieder dort einzunehmen, wo sie bessere Figur machten, diese Männer, die nichts anderes erwarteten und gewohnt waren, als von Geschäftsleuten übervorteilt, den staatlichen Autoritäten gedemütigt und ihren Frauen verspottet zu werden. Ihre Frauen wirkten ruhiger, denn sie hatten schon längst sich unter die Schildkrötenpanzer ihrer Beleibtheit verkrochen und starrten leer vor sich hin. Das war auch vernünftig, denn sie hatten eingesehen, dass auch ihre letzten Jahre nicht mehr versprachen als die übliche Schufterei. So ein Leben bietet kein anderes Vergnügen, als am Selbstwertgefühl der Männer zu sägen.

Ein junges Pärchen versprach Hoffnung, denn ihre schlafenden Köpfe waren aneinandergelehnt – von solch einer Symmetrie konnten die Älteren nur träumen, und einige von ihnen fanden sie mit Bestimmtheit obszön.

Noch eine Figur in diesem Ensemble stach hervor, ein aufrecht sitzender Mann mit blondgrauen Haaren. Seine Hände lagen auf den Knien und starr war sein Blick. Dabei hätte er seine Unnahbarkeit nicht nötig gehabt, denn niemand wunderte sich über diesen Europäer, der einen Bus nach Bingöl nimmt. Kurze Blicke der Neugier vielleicht, kurze Versuche, sich diese Erscheinung zu erklären. Ein Russe gar? Oder ein Ukrainer? – Und man verfiel wieder in die Lethargie des Wartens. Der leblose Ausdruck seines Gesichtes mochte vielleicht das Vorurteil mancher hier bestätigen, dass diese Europäer reservierte Leute seien. Das ist bestimmt ein Alman, ein Deutscher. Alfred Horn war zufällig wirklich Deutscher.

Und die nächste auffällige Erscheinung lenkte die Blicke auf sich. Eine großgewachsene Frau in Trenchcoat durchmaß selbstbewusst den Raum, ging auf den Schalter zu und wartete mit ihrem Anliegen gar nicht, bis der Beamte den Kopf hob.

Ob es noch Tickets für zwei nebeneinanderliegende Sitze gebe, herrschte sie ihn an. Ihr langes brünettes Haar war in der Mitte gescheitelt, und ihr Gesicht, das zu einem Teil hinter einer riesigen Retrosonnenbrille verschwand, versprach, anmutig zu sein.

Müden Blickes fragte sie der Beamte, ob sie alleine reise.

Was das zur Sache tue, antwortete sie ungeduldig.

Weil der Bus fast voll sei und jeder Sitz genutzt werden müsse.

Hören Sie zu, mein Herr, ich brauche Platz und bin bereit, dafür auch den vierfachen Preis zu zahlen.

Der Beamte schnalzte mit der Zunge. Dies sei für diesen Tag der letzte Bus nach Bingöl, sagte er. Wenn sich keine neuen Passagiere einfänden, dann könne sie sich nach Belieben ausstrecken. Aber er werde allfällig auftauchende Reisende nicht ihr zuliebe auf den nächsten Tag vertrösten. – Das sehen Sie doch ein, gnädige Frau.

In diesem Augenblick trugen vier Männer einen groben quaderförmigen Sarg durch den Warteraum. Er war mit einem grünen Seidentuch bedeckt, auf dem in arabischer Schrift eine Sure gestickt war.

Die elegante Frau blickte den Schalterbeamten entsetzt an. Dieser lächelte.

Nein!

Doch.

Wie weit?

Bis Karakoçan.

Die Frau kaufte das Ticket und lief den Trägern auf den Steig nach. Dort war der Busliniendiener schon dabei, Koffer umzuschlichten, um den Sarg noch irgendwie zu verstauen. Sie hatte es befürchtet. Der Sarg landete auf ihrem fliederfarbenen Koffer.

Die elegante Frau musste ihn einige Male ansprechen, bis er sich ihr zuwandte.

Ich gebe ihnen 30 Lira, wenn sie meinen Koffer so weit wie möglich von der Leiche verstauen.

Das ist unmöglich, Angelina, ich müsste alle Koffer und das andere Zeug wieder ausräumen.

Ich heiße weder Angelina noch sehe ich ihr ähnlich. Mein Koffer ist jedenfalls kein Schwamm für Leichensäfte.

Der Diener musste über diese Bemerkung lachen.

Aber, aber, der Abi ist gut gekühlt und geräuchert wie ein Hering. Ich hab Erfahrung. Da stinken die Socken im Bus mehr, wenn die Bauern ihre Schuhe ausziehen.

Ach erinnern Sie mich bloß nicht daran.

Zwischen der Dame und dem Arbeiter flackerte ein kurzer Moment scherzhafter Vertraulichkeit auf. Da Männer wie er eine solche gerne als Einladung auffassen, nahm ihre Stimme wieder den Ton herrischer Strenge an.

Also, was ist? Kommen wir ins Geschäft?

Der Diener nahm die 30 Lira, ging zum Fahrer und plauderte kurz mit ihm. Der hielt die Hand auf, der Diener ließ ein Drittel der eingerollten Scheine in seiner Hand verschwinden. Er ging zum Laderaum, betrachtete das perfekt verstaute Werk und überlegte, wie er das Mikadospiel angehen sollte. Schließlich presste er seine linke Schulter gegen den Sarg und versuchte den lila Koffer mit kleinen Rucken rauszuziehen. Als er merkte, dass der Sarg keine Anstalten machte, sich aus seiner Verstauung zu lösen, riss er den Koffer mit Schwung heraus, zwinkerte dessen Besitzerin zu und trug ihn in den Bus, wo er Platz unter den Füßen des Beifahrers fand. Der Motor begann zu brummen und zu keuchen, die letzten Passagiere stiegen ein. Der Packer näherte sich der Frau mit der Sonnenbrille grinsend, um sich sein Dankeschön abzuholen. Doch das war ihm nicht genug.

Eigentlich hätte ich ein Küsschen verdient.

Deinen Arsch kannst du küssen!

Der Packer war keineswegs beleidigt. Dass diese Dame aus Taksim oder irgendeiner anderen noblen Gegend seinen Jargon beherrschte, nötigte ihm Respekt ab. Traumfrau, keine Frage. Aber ewig träumen macht auch keinen Spaß.

Ahmet Arslan war zurückgekehrt, er hatte sich noch einmal den Bauch vollgeschlagen und würde gut schlafen im Bus. Früher, als alle noch mit dem Bus fuhren, da bedeutete solch eine Reise etwas. Die Abschiede waren Feste. Zigeuner spielten Klarinette oder Zurna und schlugen die Davul, eine Ziege wurde geschlachtet, und die Busse besprengte man mit ihrem Blut.

Bus fährt ab

Die Frau im Trenchcoat stieg als Letzte ein. Ahmet Arslan stellte sich schlafend. Er hatte sich nämlich eingebildet, dass sie schon in der Station seinen Augenkontakt gesucht habe, und der Sitz neben ihm war einer der letzten freien Plätze. Würde sie ihm das abnehmen, dass er jetzt, wenige Minuten, nachdem er draußen gestanden hatte, schon schlief? Man schläft doch frühestens erst nach einer halben Stunde ein, nachdem die Hektik des Sicheinfindens sich gelegt und der Bus einen gelinde in die Müdigkeit gefedert hat.

Ahmet Arslan wollte allein sein. Mit sich, der Landschaft, der Straße, seinen Gedanken. Nach so vielen Jahren der Abwesenheit wollte er sich durch nichts und niemanden ablenken lassen. Mit dieser Frau würde sich bestimmt ein Gespräch ergeben. Er würde zuhören, Interesse heucheln müssen, und all die Unterschiede zwischen der Türkei seiner Jugend und der aktuellen versäumen. Zwei weitere Gründe trieben ihn in den falschen Schlaf. Diese Frau war sehr attraktiv – und vermutlich eine dieser konsumfreudigen Großstadtkemalistinnen.

Vielleicht begehrte er sie, aber er respektierte sie nicht. Er würde auf seine vorsichtige Art versuchen, sie anzumachen, und sie zugleich geringschätzen. Diesen Zwiespalt wollte er sich ersparen. Das alles ging durch seinen Kopf, während sie durch den Gang schritt, und ein klein wenig nur die zusammengepressten Lider zu öffnen reichte, um zu erkennen, dass ihr er und der Platz neben ihm gar nicht auffielen, da sie weiter hinten bereits vor einer halben Stunde freie Sitze mit einem Kaschmircape besetzt hatte. Nun gut, die Gefahr war gebannt. Der Bus setzte sich in Bewegung, fuhr quietschend in einer Kurve aus dem Esenler Otogar heraus, bahnte sich über geschwungene Auffahrten, die den darunterliegenden Häusern das Licht nahmen, seinen Weg zur Stadtautobahn. Bald befanden sie sich auf der Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke. Hektisch drehte Ahmet den Kopf nach beiden Seiten, um so viel wie möglich vom Anblick des Bosporus zu erhaschen.

Die Stadt nahm kein Ende, Sultanbeyli hieß diese Siedlung, auf deren Boden vor 30 Jahren Ziegen und Schafe geweidet hatten. Kaum franste İstanbul mal an den Hängen eines von Weißdornbüschen bewachsenen Hügels aus, schossen aus dessen Kuppel schon wieder protzige Wohnsiedlungen. Diese da sahen anders aus als die hässlichen Plattenbauten von damals. Sie prätendierten Wohlstand, Modernität und Traditionsbewusstsein. Abstrakte Zitate muslimischer Ornamentik zierten Erker und Fenster, Dubai-Style. Welchen Geistes die neue Staatsideologie war, sah er an den unzähligen kleinen Moscheen, die oft von noch größeren Shopping-Malls überschattet wurden. Die Religion gab es jetzt also im Sonderangebot. Wenn die Männer zur rituellen Waschung ihre Schuhe in der Moschee auszogen, konnten sie in dieser perfekten Servicezone gleich die neuen anprobieren, die sie zuvor in der Mall, dem eigentlichen Zentrum ihrer Spiritualität, erstanden hatten.

Der Anblick der Bucht von İzmit entschädigte Ahmet für diese Scheußlichkeiten, obwohl das Erste, was er von ihr sah, ein riesiges Sandwerk am Meer war.

Er wandte sich um und musterte die Mitreisenden. Die Kemalistin hatte drei Sitze hinter ihm Platz gefunden und telefonierte, als wäre der Bus ihr Penthouse. Auffällig war der Deutsche. Ahmet hatte keinen Beweis dafür, dass er Deutscher war. Vielleicht war er Russe, vielleicht doch ein Türke oder Kurde. Sein Instinkt aber sagte ihm, dass das ein Deutscher war. Dicht gewelltes graublondes Haar, nach oben hin etwas ausgedünnt, ausrasierte Koteletten. Nach vorne gebeugt saß er da, Oberkörper und Kopf schwangen leicht mit dem Bus mit. Katatonisch starrte er vor sich hin. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Ahmet lehnte sich zurück.

Wie laut die Kemalistin hinter ihm mit ihrer Freundin tratschte. Auch was sie sagte, empörte ihn. Doch erst das Dämpfen ihrer Stimme erweckte die Aufmerksamkeit von Mithörern. Sie verriet ihrer Gesprächspartnerin, dass sich hauptsächlich Kopftuchweiber und Ziegenhirten im Bus befänden und sie kaum abwarten könne, dass die ihre Schuhe auszögen. Was zum Teufel, fragte sich Ahmet Arslan, nimmst du dann den Bus? Die Antwort kam prompt. Den Flug nach Bingöl, erzählte sie ihrer Freundin, habe sie versäumt. Und Papa habe darauf bestanden. Mein Gott, ein Königreich für ein Auto. Dann begann sie wieder über die Bauern zu lästern. Ahmet war das peinlich. Er warf einige prüfende Blicke auf die Ziegenhüter und Kopftuchweiber. Die starrten schicksalsergeben vor sich hin, als wären sie keine andere Behandlung gewöhnt. Noch immer konnte er nicht fassen, dass diese Frau sich so laut zu reden traute. Und dann kam ihm, der sich in Wien als Feminist verstand, ein schrecklicher Verdacht. Empörte ihn diese Frau, weil sie zu selbstbewusst war? War er wieder zum Anatolier geworden, erwartete er hier von emanzipierten Frauen bestenfalls, dass sie tugendhafte Kommunardinnen waren, ansonsten ihn die schlichten Dorffrauen allemal lieber waren als eine wie sie? War seine Abneigung also nicht einmal ihrer Schicht geschuldet, sondern der Fehlentwicklung, dass Frauen, wenn sie sich aus dem Patriarchat befreiten, so wie sie wurden? Hätte auch er mitgelacht, wenn seine ehemaligen Genossen die Empfehlung ausgegeben hätten, dass es der Luxusschlampe einmal ordentlich besorgt gehöre?

Diese Selbstkritik überforderte Ahmet Arslan. Der Schlaf langte mit haarigen Pfoten nach ihm. Und wurde durch allerlei Störungen vereitelt. Zunächst durch eine Bremsung – ein Verrückter hatte bei Gegenverkehr den Bus überholt –, später durch das Schließen der Klotür an der Stiege. Der Deutsche hantelte sich von einem Sitzgriff zum anderen zurück zu seinem Platz. Auf Ahmets Höhe fiel ihm etwas runter. Dumpf schlug es am Boden auf. Der Deutsche bückte sich. Als er sich erhob, sah Ahmet, wie er sich eine Pistole in den hinteren Hosenbund schob. Er dachte lange nach, was der Deutsche damit vorhabe und in welche Schwierigkeiten er sich damit bringen könnte.

Nach İzmit und Hendek dräuten dichte Laubwälder an den Hängen zu beiden Seiten der Straße. Ahmet genoss ihren Anblick, deren Gleichförmigkeit ihn bald in tiefen Schlaf wog.

Ali

In Düzce stieg ein junger Reservist zu, der wie ein Ali aussah. Er war untersetzt, hatte kindliche Gesichtszüge und blieb mit seinem Armeerucksack zweimal an den Haltegriffen hängen. Einer älteren Frau streifte er den Kopf damit. Sie fuhr ihn an, ob er nicht wisse, dass das Ding zwei Schleifen habe. Ahmet musste lachen. Er wusste, dass der Kleine sich den Rucksack nie und nimmer wie ein Schuljunge am Rücken fixiert hätte, so lange er nicht im Feld war, und selbst wenn er allen Passagieren damit gegen den Kopf geschlagen hätte. Und ihn amüsierte auch die verächtliche Miene, hinter welcher dieser tapfere Krieger sein Unbehagen verbarg. Der Junge, der wie ein Ali aussah, blieb kurz stehen, hielt Ausschau nach einem freien Platz, entschied, sich nicht neben die Kemalistin zu setzen, und fragte Ahmet. Ahmet lud ihn lächelnd ein, er erwiderte das Lächeln kurz, ehe er es von seinem Gesicht löschte.

Ahmet taufte ihn auf Ali. Er hatte diese Marotte, bestimmte Gesichter bestimmten Namen zuzuordnen. Dieser Junge sah wie ein Ali aus. Natürlich wusste er, dass solche Assoziationen sich nach Stars oder Menschen ausrichten, die man gekannt hat, die ähnlich aussahen und die Ali oder Ahmet hießen. Andere redeten Quatsch über Sternzeichen und er gönnte sich eben dieses alberne Spiel.

Ali setzte sofort Kopfhörer auf. Ein deutliches Zeichen, an Kommunikation nicht interessiert zu sein. Aus dem Augenwinkel beobachtete Ahmet den jungen Mann, und glaubte, alles über ihn zu wissen, über seine tiefe Verunsicherung, über die Angst, die Freuden der Kindheit gegen die Rolle eines ganzen Kerls eintauschen zu müssen, vor den nächsten Wochen, der Kaserne, dem Drill, dem Keuchen, vor körperlichem Versagen bei den Wehrübungen, den Strafen, dem Spott der Kameraden wegen seiner Statur, dem Brüllen der Offiziere, den sexuellen Übergriffen vielleicht. Ahmet wusste genau, wie man aus einem lieben Jungen eine wütende Kampfmaschine macht, wie man seine sozialen Regungen kastriert, und wie man vor allem die Weichlinge, Dicken und Schlusslichter in die effizientesten Rädchen der Maschine umfunktionierte. Solche sind für die Offizierslaufbahn vorgesehen und werden rücksichtslose Ausbildner, so sie ihr Wagemut, mit dem sie ihre humane Feigheit überspielen, an der Front nicht das Leben gekostet hat.

Plötzlich bot ihm Ali Salzmandeln an. Kurz nahm er die Kopfhörer ab.

Was hörst du da für tolle Musik, Soldat?

İsmail YK.

Cool?

Super.

Ali bot ihm einen seiner Kopfhörer an. Ahmet presste ihn an sein rechtes Ohr und hörte nichts als den üblichen türkischen Pop, bei dem es sich nach seinem Dafürhalten stets um dieselbe Nummer handelte. Ahmet wippte mit dem Kopf dazu. Ali erkannte es als Anbiederung, ließ es sich aber gerne gefallen. Ahmet gab ihm den Kopfhörer zurück.

Ali erklärte ihm, dass Şekerim nicht die beste Nummer von İsmail YK sei. Bomba bomba gefalle ihm viel besser. Er war vor zwei Monaten in Bodrum bei seinem Konzert.

Wie heißt du eigentlich, Soldat?

Oktay.

Freut mich, Ahmet.

Händeschütteln.

Bald befanden sich die beiden in einem angeregten Gespräch. Oktay war in der Tat auf dem Weg zum Militärdienst nach Diyarbakır. Als Ahmet das Wort Diyarbakır hörte, sagte er:

Möge Gott dir beistehen.

Oktay durchschaute schnell Ahmets vorsichtigen Versuche, eine antimilitaristische Haltung aus ihm herauszukitzeln.

Der Militärdienst sei schon okay.

Aber du sagtest, du hast eine Spenglerlehre gemacht. Ist das nicht sinnvoller, als in der Gegend herumzuschießen?

Ich weiß noch nicht. Als Offizier verdienst du besser. Und die Leute achten dich mehr.

Ja, leider.

Sind Sie Pazifist?

Theoretisch schon. Aber wenn man sich wehren muss, dann kann es schon sein, dass man den Angreifern Angst macht.

Das sehe ich genau so.

Mann, Oktay, gegen wen musst du dich wehren?

Gegen die Kurden.

Der entschlossene Ton, in dem der kleine Dicke das sagte, noch dazu, ohne lange nachzudenken, ließ Ahmets Gesicht rot anlaufen.

Und wenn ich Kurde bin?

Gegen Sie muss ich mich nicht verteidigen.

Hör mal, Oktay, sagtest du nicht, dass deine Mama aus Kars kommt? Stammt die von Tscherkessen ab?

Nein.

Aha? Von Armeniern.

Auch nicht.

Wär ja auch eine Schande, nicht wahr?

Das haben Sie gesagt.

Beiden behagte der gereizte Ton nicht, in dem sie miteinander sprachen. Und Ahmet wusste, dass er den kumpelhaften und doch souveränen Abi nicht mehr hinkriegen würde.

Okay, ich geh mal davon aus, dass deine Mutter Kurdin ist, oder zumindest in ein, zwei Generationen von Menschen abstammt, die Kurdisch sprachen.

Ja, das waren sicher Kurden. Ihre Großeltern sprachen kein Türkisch. Das hat sie mir erzählt.

Ahmet ergriff lächelnd Oktays Hand und schüttelte sie mit starkem Druck.

Willkommen im Klub. Ich bin Kurde.

Was Oktay nun sagte, erstaunte Ahmet.

Sie verstehen mich falsch, Arslan Ahmet Bey …

Nenn mich einfach Ahmet.

Ich habe nichts gegen Kurden, und ich finde es super, wenn sie ihre Sprache und Sitten pflegen können. Mein Vater ist Türke, aber er hat gesagt, dass die beste Sazmusik von den Kurden kommt. Ich rede von den radikalen Kurden. Von denen, die den türkischen Staat zerstören und meine Kameraden aus dem Hinterhalt angreifen.

Natürlich war Ahmet mit dieser Antwort noch lange nicht zufrieden, aber da sie sich doch verdächtig manchen seiner eigenen Aussagen näherte, die er in Wien kurdischen Hitzköpfen an den Kopf geworfen hatte, wollte er es dabei belassen. Er hatte keine Lust, mit dem Kleinen einen Streit vom Zaun zu brechen. Er wollte sein Herz gewinnen.

Ist schon gut, Oktay. Mir wird nur ganz anders bei dem Gedanken, dass du da in den Bergen dein junges Leben verlieren könntest oder dass jemand anderer sein junges Leben durch dich verliert. Ist beides nicht schön.

Die anfängliche Harmonie zwischen den Sitznachbarn wollte nicht wieder einkehren. Ahmet schien beim Versuch, alles richtig zu machen, einiges falsch gemacht zu haben.

Wenn es sein muss, muss es sein, sagte Oktay.

Wow, du bist aber cool.

Sein Lieblingscousin sei schon 42 Jahre alt, er verehre ihn wie einen Vater, er sei Offizier bei der Terrorabwehr und habe 25 von den kurdischen Schweinen ins Jenseits befördert. Er habe ihm ein paar PKK-Ohren versprochen.

Ahmet spürte, wie von den Beinen aufwärts die Kontrolle über sich aus seinem Leib fuhr.

Mit spöttischem Ton bohrte Oktay in Ahmets Wunde, die sich da vor ihm auftat:

Kann es gar nicht abwarten, bis ich mein erstes kurdisches Schwein abknalle.

Je mehr Ahmet seine Hilflosigkeit vor dem Jungen verbergen wollte, desto sichtbarer wurde sie. Seine Hände ballten sich, seine Rückenmuskeln pressten das Rückgrat zusammen, als wollten sie die Bandscheiben herauswringen. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Die heiß ersehnte Pause rettete Ahmet davor, dass er den Jungen erwürgte. Der Bus hielt schnaubend bei einer riesigen Haltestelle nach Bolu. Der Fahrer sprach durchs Mikro sogar etwas von 45 Minuten, da eine kleine Reparatur erforderlich sei.

Los, lass mich raus!

Da der beleidigte Reservist nicht schnell genug seiner Anweisung folgte, war Ahmets Wunsch, als Erster den Bus zu verlassen, vereitelt. Er bekam keine Luft. Oktay stieß er zur Seite. Dann musste er hinter zwei alten humpelnden Frauen und drei Männern warten. Umso schneller stürmte er aus dem Wagen, ins Gebäude, ins Klo. Eine Kabine war noch frei. Und in gerade die wollte der Deutsche, jener Deutsche, dem im Bus die Pistole zu Boden gefallen war. Heftig stieß Ahmet ihn zur Seite. Aber hallo, rief ihm dieser nach. Ahmet sperrte ab, rief Entschuldigung, fiel auf die Knie und übergab sich ins Klo-Basin. Es war ein langes Kotzen – je älter er wurde, desto seltener, aber qualvoller war es. Nahtoderfahrung, die Angst, dass der Magen sich nach außen stülpt. Bittere gelbe, mit Blutschlieren durchzogene Magensäure spuckte er aus. Schwer atmend ließ er sich dann gegen die Wand fallen und wischte mit dem Saum seiner Lederjacke das Sekret von der Unterlippe. Tränen hatten seinen Blick verschleiert. Nachdem die Galle draußen war, kamen die Erinnerungen hoch, und dann ging es erst richtig los. Ein Weinkrampf erfasste Ahmet.

Du kurdisches Schwein

Der erste Polizist, der Ahmet Arslan je geschlagen hatte, nannte ihn kurdisches Schwein, und war damit seiner Zeit weit voraus. Solche ethnischen Spezifizierungen waren damals eher ungewöhnlich, denn in der Regel war man ein kommunistisches Schwein oder ein roter Eselssohn. Ganz richtig hatte Ahmets Genosse Murat Atalay denselben Sprecher des Empfangskomitees im Polizeigefängnis darauf hingewiesen, dass es gemäß der türkischen Verfassung keine Kurden gebe und dass er sich mit der Nennung dieses Namens strafbar mache. Er werde, fügte Murat hinzu, dieses Mal noch Gnade vor Recht ergehen lassen und bitte ihn daher, ihn türkisches Schwein zu nennen. Dieser Scherz kostete Murat den unteren Zahndamm.

Am 5. Mai, vier Tage nach einer der schlimmsten Auseinandersetzungen mit der Polizei im Bezirk Ümraniye, bei der vier seiner Genossen das Leben ließen, holte ihn die Polizei aus dem Bett und fuhr ihn in die Birinci Şube, die Erste Politische Abteilung. Dort verbrachte er die schlimmsten drei Wochen seines Lebens. Nur der Umstand, dass die Überlebenden seiner Gruppe vor ihm verhaftet worden waren, ersparte ihm die Schande, Genossen verraten zu müssen. Die er verriet, saßen schon. Und er wusste nicht, wer von ihnen seinen Namen verraten hatte, und wollte es auch nicht wissen.

In diesen drei Wochen wurde Ahmet täglich gefoltert. Und zwar immer vom selben Mann. Man nannte ihn İbrahim Doktor. İbrahims Doktors professionelle Grausamkeit war nicht das Schrecklichste an ihm. Wäre er einer der primitiven Sadisten gewesen, die im Staatsdienst ihre perversen Neigungen ausleben, ihre Minderwertigkeitsgefühle kompensieren, als Schwächlinge erkennbar waren, denen bloß ihre Position Macht gab, er wäre berechenbar gewesen. Doch nein, İbrahim Doktor trat den Häftlingen als Übermensch entgegen. Ein kühler Bürokrat, weder Lust noch Abscheu schien er zu empfinden. Als wäre er gleich einem Geschworenen per Los für sein Amt bestimmt worden und müsste es nun mit all der Würde und Professionalität ausüben, die er sich und dem Staat schuldig war. Es gab sicher weitaus mehr von der anderen Sorte, Ahmet hatte nur ihn erlebt. Und viele seiner Schicksalsgenossen, welche die Haft überstanden, hatten seine Erfahrung geteilt. İbrahim Doktor, der Spitzname kam nicht von ungefähr, arbeitete wie ein praktischer Arzt, nur dass er die Leiden seiner Patienten nicht heilte, sondern verursachte, nur dass er nicht ihre Reflexe prüfte, sondern ihre Knie zerschmetterte. Kontrolliert, schweigsam, als wäre er mit Aktenkoffer und Krawatte in den Knast gekommen, als hätte er seine Frau mit Kuss verabschiedet und die Kinder beim Frühstück nach ihren Leistungen in der Schule gefragt.

Solche Folterer waren eine Katastrophe, denn sie stahlen ihren Opfern das Gefühl der moralischen Überlegenheit. Nie ließen sie sich gehen, nie beschimpften sie einen. Weder Du rote Sau noch Ich ficke dich kam diesen Herren des Schicksals über die Lippen, nicht einmal Hass oder Freude. Aber auch kein Mitleid zeigten sie, was doch der fieseste Trick gewesen wäre: den verlorenen Sohn, der jeder von ihnen war, an sich zu binden.

Er sah wirklich wie ein Doktor aus, glatt rasiert und grau meliert, dicke Brille und pomadisiertes Haar, wie ein Relikt aus der guten alten postkemalistischen Nachkriegszeit. Wie so eine gottverdammte Orhan-Pamuk-Figur. Ahmet mochte Orhan Pamuk nicht, wie von ihm zu erwarten war, pries er Yaşar Kemal, obwohl er auch den längst überwunden hatte. Doch das ist eine andere Geschichte …

İbrahim Doktor hätte auch Anwalt sein können. Vielleicht war er es und verdiente sich was dazu. Es dauert nicht lange, mein Junge, flüsterte er ihm vertrauensvoll zu. Es dauert nicht lange, sagte er ihm beinahe zärtlich, nicht etwa: Wenn du vernünftig bist, pack aus, dann erspar ich mir Arbeit und dir Schmerzen. Es gab nichts mehr auszupacken. Die notwendigen Geständnisse hatten ihm die Polizisten schon in den ersten Tagen rausgeprügelt. Dieser Bürokrat des Schreckens hatte nicht die Aufgabe, Geständnisse zu pressen. Er hatte bloß die Aufgabe, Ahmet weh zu tun. Er war nicht einmal überzeugt von seiner Aufgabe. Er hasste die Linken nicht. Er hatte keine politischen Neigungen. Er verriet ihm, Ahmet, bloß seinen Arbeitsplan, dass für ihn, wie sich herausstellen würde, vier Minuten reichten. Bis zum Abendessen – kam seine Schwiegermutter zu Besuch oder hatte seine Frau Karten für den neuesten Film besorgt? – mussten noch sieben weitere Fälle erledigt werden. Wer weiß, vielleicht hätte er seinen Vorgesetzten auch sagen können: Dem Jungen tu ich nichts, er hat so hübsche Augen. Und niemand hätte widersprochen. Oft waren nicht einmal Wachebeamte im Raum. Er hätte Ahmet auch Zigaretten anbieten und mit ihm plaudern können. Aber er war kein Gesprächstherapeut – er war Diplomfolterer. Er arbeitete um der Arbeit willen, sine ira et studio. Die Gummihandschuhe zog er über, die Elektroden befestigte er an Ahmets Hoden und den Ohren, und nestelte wie ein Hobbyfunker an den Schaltern herum. Ahmet brauchte ihm nicht zu sagen, dass er sich melden solle, wenn es zu sehr schmerze – seine Schreie waren beredt genug, und dann erhöhte Dr. İbrahim die Spannung.

Ahmet Arslans Selbstkritik befahl ihm, diesen Typus nicht zu verallgemeinern, nur weil er so schön paradox schien und bei seinen fiktiven Zuhörern Erstaunen auslösen würde. Es gab genug von den Kerlen, die genau so waren, wie man sie sich vorstellte. Und die Schweine, die Jungs vergewaltigt haben, waren sicher keine väterlichen Bürokraten.

Einmal hatte man ihm einen Gummiknüppel in den Anus geschoben. Es war bei diesem einen Mal geblieben. In vielen anderen Knasten standen Vergewaltigungen an der Tagesordnung. Das war das Schrecklichste, was man einem jungen Mann antun konnte. Bevor er ein solcher wurde, stahl man ihm die Männlichkeit. Zeitlebens würde er sich rächen wollen und, falls er überlebt, den Täter nie finden und deshalb seinen Rachedurst an allen möglichen anderen Objekten stillen wollen, am ehesten bei denen, die ihm am nächsten stehen.

Das orientalische Paradox: Sagtest du dem Gefängniswärter oder dem Polizeioffizier, der regelmäßig Jungs fickt, er sei schwul, würde er dich auf der Stelle erschießen. Keine größere Verletzung seiner Ehre ließe sich vorstellen. Ihm zu erklären, wie so eine hübsche Latte zustande käme, hätte nicht viel Sinn. Nach eigenem Dafürhalten ist er alles andere als schwul. Auch Männer zu lieben ist nicht schwul. Schwul ist der Abschaum, der sich penetrieren lässt und Lust dabei empfindet. Der Ficker kann auch Lust empfinden, aber solange es nur die Lust der Erniedrigung ist, bleibt er ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft. Er hat doch bloß Lust – ein für jeden Mann nachvollziehbarer Lausbubenstreich –, weil er einen Mann zu so etwas Erbärmlichem wie einer Frau macht. Als aktiver Part wäre er nur schändlich, wenn er seine zärtlichen Gefühle für einen Mann, bis dahin tolerabel, in gelebte körperliche Lust verwandelt. Ahmet resignierte bei dieser Kettenreaktion der Widerwärtigkeiten immer, wenn er sich eine moralische Hierarchie ausdenken, die Antwort auf die Frage finden wollte, was hier am widerlichsten sei: die Schwulenverachtung, die Verachtung von Frauen, die Demütigung des Schwachen durch den vermeintlich Starken, der Sadismus oder die peinliche Leugnung der eigenen Homosexualität.

Mirhat Balık

Zu seinem Glück wurde Ahmet ins Zivilgefängnis von Bayrampaşa verlegt. Dort blieb er auch nach dem Urteilsspruch. Fünf Jahre hatte er ausgefasst. In Bayrampaşa wurde wenig gefoltert. Zu Beginn war er öfter geschlagen worden. Andere Genossen landeten in Gaziantep, İzmir und Metris. Dort wurde systematisch gefoltert. In den Militärgefängnissen nach dem Putsch von 1980 kam niemand mehr der Marter aus. Was allerdings zu dieser Zeit und vor allem später in den 1990er-Jahren im Gefängnis der 5. Abteilung in Diyarbakır im Osten des Landes mit den Häftlingen geschah, das überstieg Ahmets Vorstellungskraft, und vermutlich geschieht es noch immer.

Dass die Gefängnisleitung in Bayrampaşa auf systematische Folter verzichtete und kaum sadistisches Personal anstellte, hieß aber mitnichten, dass man dort ohne Gefahr lebte. Mit regelmäßigen Hungerstreiks fügten sich die Genossen lebenslange gesundheitliche Schäden zu.

Die Kriminellen fürchteten die Politischen wegen ihrer Organisation und Unerschrockenheit. Aber verirrte sich mal ein verlorenes Schäfchen im Gefängnishof in falsche Gesellschaft, konnte es leicht sein, dass man es schlug, ausraubte oder vergewaltigte. Der Respekt dieser Halunken vor den Politischen war deren Schutz, denn der Ruf ihrer Taten und die völlig unverständliche Tatsache, dass sie diese Taten nicht irgendeines Gewinns willen außer dem einer besseren Gesellschaft vollbrachten, eilte ihnen ins Gefängnis voraus. In Wirklichkeit waren sie allesamt durch die Prügel der Untersuchungshaft eingeschüchterte Jungs, die Bürgerlichen weich und verzweifelt, die härteren Arbeiter- und Bauernjungs chaotisch und desorganisiert. Es dauerte, bis aus ihnen, den unversöhnlichen Konkurrenten aus Dutzenden linken Splittergruppen, ein Block wuchs, und ihr verdientester Anführer, das war Mirhat Balık.

Mirhat Balık war ein Monster und der edelste Kizilbasch zugleich. Er hatte in der Schlacht vom 1. Mai an vorderster Front gekämpft, ein kleiner drahtiger Kurde aus Erzurum. Liebenswürdig, hilfsbereit, politisch unendlich naiv, aber ein meisterlicher Organisator. Hatte er, Ahmet Arslan, je intellektuelle Arroganz gegenüber den ungebildeten Genossen verspürt, spätestens mit Mirhat Balıks festem Händedruck war die aus seinem Körper gefahren. Mirhat Balık hatte ihm das Leben gerettet.

Bald hatten die Kriminellen die Schwäche vieler Politischer erkannt. Manche von ihnen, vor allem die Bürgerlichen, erlagen der romantischen Anziehungskraft der Gauner, Zuhälter und Mafiosi und begannen für sie zu arbeiten. Zudem kamen alte Animositäten zwischen den rivalisierenden politischen Zellen hinzu. Einen Jungen aus Mardin, der wie Ahmet bei Dev-Yol organisiert war, hatten ein paar Messerstecher im Gefängnishof so sehr verletzt, dass er wenige Tage später starb.

Einer der Unterbosse hatte ausgerechnet an Ahmet Gefallen gefunden und um ihn geworben. Ahmet hatte ihm dann bei einer seiner Avancen die Nase eingeschlagen und war davongelaufen. Eines Tages schickte man ihn mit einem Brief in den Trakt der Kriminellen, den er an einen Boss übergeben sollte, den sie Padişah nannten. Plötzlich sah sich Ahmet von einer Bande lüstern grinsender und ihre Messer zückender Häftlinge umringt. In diesem Augenblick fuhr wie ein Blitz Mirhat Balık dazwischen. Ahmet versuchte sich immer wieder diese Szene ins Gedächtnis zurückzurufen, doch war damals alles so schnell gegangen, dass sich auch so viele Jahre später eine logische Abfolge schwer rekonstruieren ließ. Mirhat Balık hatte vier Männer zu Boden gestreckt, einen in den Schwitzkasten genommen und seinen Kantinenlöffel in dessen Kehle gedrückt. Er hatte Ahmet gerufen, zu ihm rüberzukommen, und den anderen befohlen, in ihren Trakt zu verschwinden. Auch ohne diese Geisel hätten die Kriminellen den Rückzug angetreten. Mirhat Balık war tags zuvor aus Gaziantep nach Bayrampaşa verlegt worden, und diesem glücklichen Umstand verdankte er sein Leben.

Warum die Einwohner das Atatürk-Viertel noch immer Viertel des 1. Mai nennen

Drei Tage vor seiner Verhaftung war er ihm das erste Mal begegnet, an jenem schrecklichen 1. Mai 1978, als Ahmet und vierzehn seiner Genossen einer Armee von 300 Polizisten eine Schlacht lieferten: Mirhat Balık, jenem unerschrockenen Hitzkopf, der nicht die Kraft, aber die Behändigkeit eines Superhelden besaß. Wann immer sich Ahmet die Ereignisse dieses Tages in Erinnerung rief, spulten sie sich wie ein Film ab, den er teilnahmslos ansah und auf dessen Besetzungsliste er fehlte. Aber wenn die Szene kam, da er seinen sterbenden Freund Mustafa in Armen hielt, auf dessen Mund sich Blutblasen bildeten, die mit dem letzten Atemzug zerplatzten und seine rechte Hand mit kleinen Tröpfchen benetzten, wenn er das hübsche bärtige Gesicht seines Genossen vor sich sah, bleich und leer, kam ihm jede Sekunde dieses Tages in den Sinn zurück.

Dieser verfluchte 1. Mai. Heute ist die Gegend ein verbautes Viertel im asiatischen Stadtteil Ümraniye, damals war sie Stadtrand. Jahr für Jahr, Monat für Monat, Woche für Woche waren Familien aus Anatolien hierher geströmt und hatten Land in Besitz genommen. Für die Hütten, die sie darauf errichteten, gab es keine Baugenehmigungen. Eine kleine Stadt, Hunderte Hütten und Häuschen, so weit das Auge reichte, war in wenigen Monaten aus dem Boden geschossen. Ihre Erbauer waren wie Ahmet Menschen aus dem Osten, Lumpenproletariat, in die Stadt gespült, um dort rechtlos und ausbeutbar die Mühlen des Wirtschaftswachstums anzutreiben. Ahmet und seine Genossen hatten nicht gezögert und sofort mit der Politisierung der Migranten begonnen. Ob sie Türken oder Kurden oder Christen waren, spielte damals keine Rolle. Es waren ihre Leute, sie sprachen ihre Dialekte, sie waren ihr Fleisch und Blut. Und oft hatten sie dieses Fleisch und dieses Blut verdammt, so begriffsstutzig waren viele von ihnen. Mustafas Zelle war wesentlich beteiligt daran, eine funktionierende Administration einzurichten: provisorische Schulen, faire Wasserverteilung, Siedlungsräte, Bürgermeister, Diskussionsgruppen. Die meisten Bewohner vertrauten ihnen. Die Polizei wagte sich kaum in diese Siedlungen, und die Grauen Wölfe nach ein paar Versuchen auch nicht mehr, denn sofort stießen ihre Angriffe auf Gegenwehr.

Am 1. Mai 1978 war alles anders. Zwanzig Caterpillars waren angerückt, um die illegale Siedlung endlich platt zu machen. Hinter diesen und fünf Tanks war eine schwer bewaffnete Armee in Stellung gegangen. Die Leute aus der Siedlung waren, durch die politische Agitation von Mustafas Organisation angestachelt, zum Äußersten bereit. Mit Holzlatten und Steinen und rostigen Stangen bewaffnet, schrien sie ihre Wut aus den Lungen.

Ahmet und seine Genossen befanden sich plötzlich in einer absurden Funktion. Sie, die keine bewaffnete Konfrontation scheuten, waren nun Ordner, ein diplomatisches Corps geworden, alle ihre Kräfte aufwendend, die wütende Masse zu beschwichtigen, mit weißen Tüchern den Kontakt zur Polizei zu suchen und ein Massaker zu verhindern. Die Polizisten hätten ihre Emissäre, Mustafa und einen baumlangen Lazen namens Ibo, auf der Stelle verhaften können, doch sie akzeptierten sie als Sprecher, denn auch sie zeigten wenig Lust, Menschen zu töten.

Während Mustafa und Ibo mit der Polizei verhandelten, wurde Ahmet ein neuer Genosse vorgestellt, Mirhat Balık, ein kleiner drahtiger junger Mann, ein Kizilbasch, der bei den Linken İstanbuls als Legende galt. Viele der Geschichten um ihn mussten erfunden sein, dachte Ahmet, ehe er ihn das erste Mal im Kampf erlebte. Er soll am helllichten Tag eine der größten Juweliergeschäfte İstanbuls ausgeraubt und nichts vom Schmuck für sich zurückbehalten haben.

Niemand hatte um seine Unterstützung angesucht, er war einfach aufgetaucht wie ein erfahrener Spezialist, der den göttlichen Auftrag verfolgte, auf die Grünschnäbel, die Ahmet und seine Genossen nun einmal waren, aufzupassen. Niemand wusste zudem, welcher Organisation er angehörte. Dass man ihn nicht als Agent vertrieb, lag an dem guten Ruf, den er überall genoss. Im Vergleich zu ihnen, die nur Pistolen und Mauser hatten, war er bis an die Zähne bewaffnet. Ein Schnellfeuergewehr hing ihm am Rücken, zwei Pistolen steckten im Hosenbund, und eine beachtliche Sammlung an Molotowcocktails und selbstgebastelten Dynamitgranaten hatte er schon in der Dämmerung, lange bevor sie anmarschiert waren, am Fuß eines Sandhaufens in Stellung gebracht. Mirhat Balık war gekommen, um mit ihnen zu sterben. Und er war quietschvergnügt.

Ahmet und er hatten nicht viel Zeit zu reden, ein kurzer Händedruck reichte, ein kurzes freundliches Lächeln. Mirhat Balık war nicht politisch gebildet, möglicherweise konnte er nicht einmal lesen, er kämpfte aus reiner Menschenliebe. Das klingt heute seltsam. Doch nie hatte sich ein prinzipientreuerer Alevit zu den Kommunisten verirrt. Er war der Inbegriff des treuen Genossen.

Mustafa und Ibo kehrten zurück. Die Polizei gab der Menge fünfzehn Minuten, den Weg freizugeben. Fast heulend beschworen sie die Siedler, dieses Mal klein beizugeben, doch das machte diese nur noch wütender. Dann begannen die Caterpillars, die ersten Hütten niederzureißen. Steine flogen, einige Polizisten schossen ohne Befehl drauflos, einer der Siedler wurde tödlich getroffen, mehrere wurden verwundet von ihren Angehörigen weggetragen. Verzweifelt schrien die Genossen einander an, was sie nun tun sollten. Und alle hofften sie insgeheim, dass sie sich zur Flucht entschließen könnten. Doch Mustafa erhob seine Pistole und schrie: Wir kämpfen. Und dann eröffneten sie das Feuer, denn wenn sie stürben, so würden sie nicht als Verräter, sondern Märtyrer in Erinnerung bleiben. Wie zu erwarten liefen die Siedler bei den ersten Schüssen davon. Und die Weltgeschichte sah eine ihrer verrücktesten Schlachten, wie sich vierzehn Straßenkämpfer mit Pistolen auf ein Kontingent von Hunderten Polizisten stürzten. Dass nur vier von ihnen an diesem 1. Mai ihr Leben ließen, lag an den vielen Sand- und Erdhaufen, hinter denen sie Deckung suchten.

Mirhat Balık bat um Feuerschutz, und beide Pistolen abfeuernd lief er auf die Feinde zu, schleuderte seine Molotowcocktails und setzte zwei Tanks in Brand. Dann sprintete er unverletzt zurück und hechtete hinter einen Sandhaufen, der kurz danach von einer Panzergranate zerstört wurde. Ahmet war der festen Überzeugung gewesen, dass Mirhat Balık das unmöglich überlebt haben konnte. So viel Tollkühnheit hatte keiner der Genossen je gesehen noch sich vorstellen können.

Der Besatzung der brennenden Tanks wurde es bald zu heiß, und sie kam aus den Luken gekrochen. Als Cem Kaya, ein Genosse aus Yeyladere, auf sie zu schießen begann, rief ihm Mirhat Balık hinter dem Sandhaufen zu, dass er sofort damit aufhören solle. Mirhat empfand es als feige, diesen armen, schutzlosen Kerlen, denen er schließlich beinahe einen Feuertod beschert hätte, in den Rücken zu schießen. So bekamen die Kombattanten des 1. Mai nicht nur ein Zeichen, dass er noch am Leben war, sondern zudem seiner sprichwörtlichen Ritterlichkeit. Das war das Letzte, was sie von ihm hörten und sahen, denn dort, von wo aus er geschrien hatte, detonierte bald eine weitere Granate.

Keine zwanzig Minuten dauerte der Kampf. Als Ahmet klar wurde, dass es für Mustafa keine Rettung gab, war er davongelaufen. Wie die anderen Kameraden auch. Vier hatten sie tot, zwei verwundet zurückgelassen.

Zwei Tage später wurde Ahmet verhaftet. Er wusste nicht, warum, aber die Siedlung wurde nicht abgerissen. Man nannte sie in Erinnerung an diesen traurigen Tag Siedlung des 1. Mai. Sie bildet heute das Herz eines Bezirks, den man auf – wie auch anders – Mahalle Atatürk taufte. Doch im Gedächtnis der älteren Leute ist er noch immer als Mahalle 1 Mai, Viertel des 1. Mai, bekannt.

Mirhat Balık in Bayrampaşa

Mit Mirhat Balık veränderte sich im politischen Trakt des Baryrampaşa-Gefängnisses alles. Am Tag nach Ahmets Rettung aus den Fängen der Kriminellen war er alleine und unbewaffnet zum Padişah gegangen und hatte vor den Augen der versammelten Menge dessen Stellvertreter halbtot geschlagen. Dann fragte er in die Menge, wer als Nächstes wolle. Dem Padişah drohte er mit dem Tod, sollte nur einem der politischen Häftlinge je nur ein Haar gekrümmt werden. Wie waren die Kriminellen feig. Seitdem kuschten sie und wurden – vor allem im Kampf um Gefangenenrechte – ehrfurchtsvolle Verbündete der Politischen. Mit diesen organisierte Mirhat Balık Gefangenenmilizen und Diskussionsrunden. Obwohl er von Theorie kaum eine Ahnung hatte, war er einer der treibenden Motoren dafür, dass all die konkurrierenden linken Splittergruppen hier im Gefängnis zu einer brüderlichen Einheit zusammenwuchsen, die irgendwann gemeinsam diese Gesellschaft verändern würde. Dazu kam es nie, denn unmittelbar nachdem die meisten von ihnen per Generalamnestie entlassen worden waren, putschte das Militär.

Mirhat Balık war im Gefängnis von Gaziantep drei Monate hindurch beinahe täglich am rechten Arm aufgehängt worden. Die geschwollenen Füße schlug man so lange, bis sie platzten. Dann ließ man ihn durch Salzlauge waten. Er soll nie geschrien haben, und keinen seiner Genossen hatte er je verpfiffen. Ahmet hatte er erzählt, wie stolz sein Vater auf ihn gewesen sei. Bevor du einen Kameraden verrätst, ist es besser, du stirbst, hatte er ihm zugesteckt.

Baryrampaşa, scherzte Mirhat Balık, sei ein Kuraufenthalt im Vergleich zu Gaziantep. Dort hätten ihn seine Lebensgeister beinahe verlassen, aber hier fühle er sich wieder lebendig und froh, hier nehme er es mit jedem auf. Niemand würde es je glauben oder es für Martial-Arts-Fantasien abtun, doch Ahmet hatte es mit eigenen Augen gesehen. Mirhat schien unbesiegbar, seine Gegner spürten, dass jede seiner Körperzellen ein perfekt aufeinander abgestimmtes Ganzes bildete, das stets zum Letzten entschlossen war. Hätte man seinen Körper zerhackt, seine Arme hätten weitergekämpft, hätte man davon die Hände abgetrennt, sie wären ihren Gegnern noch an die Gurgel gefahren. Eine Druckwelle der Entschlossenheit ging von ihm aus. Dabei fehlte ihm jeglicher Sadismus, jegliche Angeberei, jegliche Freude an der Aggression. Diese setzte er nur im Notfall ein. Sobald er sein Ziel erreichte, ließ er vom Gegner ab. Wir Schwächlinge, wusste Ahmet Arslan, hätten in unserer Wut, die immer eine Wut der gekränkten Schwäche ist, noch auf die Darniederliegenden eingetreten. Mirhat Balık war von beinahe kindlicher Freundlichkeit.

Ahmet Arslan verachtete sich ein wenig für das Blitzen in seinen Augen, wenn er trotz seiner vorgeblichen Ablehnung von Gewalt bei vorgerückter Stunde die alten Erlebnisse dann doch wie Actiongeschichten vortrug. Zur Zeit, als sie sich ereigneten, bedeuteten sie Angst und Schmerz oder seelische Abgestumpftheit und nackte Notwendigkeit. Doch sie waren nun einmal Erlebnisse, Wegmarken der eigenen Biografien, und er und seine Leidensgenossen hatte nur diese. Das ununterdrückbare Ausschmücken der Heldentaten entschädigte für die Demütigungen und Entmännlichungen, die man ihnen tagtäglich zufügte.

Niemand wusste, was aus Mirhat Balık geworden war, ehe Ahmet seine Spur fand. Er lebte als Autohändler in einer Kleinstadt südwestlich von Stockholm und war mit einer Schwedin verheiratet, deren Namen er angenommen hatte. Er hieß nun Mirhat Svenson. Vor sechs Jahren besuchte ihn Ahmet. Welch ein Erlebnis war das, den wildesten Kizilbasch aller Zeiten als kleinen, sanftmütigen Familienvater in seinem kitschig eingerichteten schwedischen Holzhäuschen wiederzutreffen, etwas bevormundet von seiner korpulenten Greta Svenson, die als Krankenschwester im örtlichen Spital arbeitete. Es schien ihm unangenehm, an seine Abenteuer erinnert zu werden. Das hatte Ahmet sehr gerührt, denn ein richtiger Kizilbasch ist nicht stolz auf die Gewalt, die er anwenden muss. Nach der halben Flasche Cognac, die er Ahmet mitgebracht hatte, wurde der Kizilbasch aber ein Mensch und beinahe zu kindisch stolz auf seine Vergangenheit. Doch wollte er weiter nicht, dass seine Kinder und seine Frau von seinem früheren Leben erführen. Die Kinder vielleicht. Aber erst, wenn sie erwachsen seien. Ahmet hatte ihm geraten, seiner Frau doch ein bisschen davon zu erzählen, das könne ihrem Liebeslieben unerwarteten Aufschwung verschaffen. Betrunken gekichert hatte Mirhat Balık, und hinzugefügt, dass das nicht mehr so wichtig sei. Es reiche ihm, sich in Gretas wunderbaren Busen zu kuscheln. Was für ein liebenswerter Bauer. Ein schüchterner Superman, aus dem nie ein Macho wurde, Mirhat Svenson Balık.

Dilek

Ahmet Arslan verließ das Klo. Die Autobusstation bot ihm einen bizarren Anblick und bestätigte ihn in seiner Annahme der spirituellen Vereinigung von religiöser Notdurft und Konsum. Das WC war eine große Halle, und in ihr gab es mehr Armaturen für rituelle Waschungen als Waschbecken und Pissoire zusammen. Dort saßen die Gläubigen, zogen ihre verschwitzten Socken von den Füßen, und wuschen diese, zogen sich Wasser in die Nasen und spuckten krächzend Rotz zu Boden. Dann begaben sie sich in den Gebetsraum.

Ahmet musste den Deutschen finden, um sich bei ihm zu entschuldigen. Und um seine Angst zu besänftigen, dass der Deutsche bereits Selbstmord begangen haben könnte. Doch der saß an einem Tisch in der hintersten Abteilung des geräumigen Speisesaals apathisch vor einem dampfenden Teller Köfte.

Wie sich die Raststationen verändert hatten. In seiner Erinnerung waren das klebrige Imbissbuden. Die waren blitzblanken Servicezonen gewichen mit über Drehkreuze begehbaren riesigen Selfservicekantinen. Von der Wand dahinter glänzten orientalische Fliesen. Und daneben fing die Shoppingmall an.

Wie Fremdkörper irrten die anatolischen Bauern durch die Konsumzone, wie falsch besetzte Komparsen in einem Werbefilm für die neue Türkei. Ahmet merkte ihnen an, wie unwohl sie sich in dieser Umgebung fühlten, wo die nächste Wand so weit entfernt war wie die Tenne im Dorf. Sie saßen stumpf wie der Deutsche da und tunkten Weißbrot in ihre Linsensuppen, welche sie nach allerhand demütigenden Ungeschicklichkeiten aus dem Kantinenlabyrinth zum Tisch befördert hatten. Ein Teil der Mitreisenden war gleich draußen auf den Stufen geblieben und verspeiste dort Sucuk. Ahmet Arslan fühlte sich ihnen tief verbunden. Vielleicht wurden die Videos der Überwachungskameras an Privatfernsehstationen geschickt, damit das städtische Publikum in Comedyshows über seine eigene Vergangenheit lachen konnte.

Ahmet Arslan brauchte eine Zigarette. Vor der automatischen Glastür stand die Kemalistin und rauchte. Es war zu spät, ihr auszuweichen.

Mit süffisantem Lächeln bot sie ihm eine Zigarette an.

Sie sehen wie ein eiserner Nichtraucher aus, der sich zwischendurch wieder mal eine gönnen mag.

Da haben Sie leider recht.

Ahmet Arslan und Dilek Demir kamen ins Gespräch. Es dauerte keine Zigarettenlänge, bis sie sich beschnuppert hatten. Als sie gemeinsam ins Stationsgebäude zurückgingen, wusste sie, dass er ein in Wien lebender Intellektueller und ehemaliger politisch Verfolgter war, der nun endlich in sein Heimatdorf zurückkehrte – Ahmet hatte das so kurz wie möglich referiert, aber nicht ohne die Geschichte in eine Lasurlösung aus Romantik zu tunken –, und er wusste, dass sie Modedesignerin und Tochter eines reichen Agas aus Solhan war, der eine Geburtstagsparty für sie hat ausrichten lassen, die sie nicht versäumen dürfe, weil Papa ihr dort die Schlüssel ihres neuen Geländewagens überreichen würde. Dummerweise habe sie den Flug versäumt und müsse nun diese beschwerliche Busreise auf sich nehmen. Man müsse das positiv sehen, immerhin lerne sie ihr Land von einer anderen Seite kennen. Ahmet beschloss ihr die restliche Pause ein charmanter Zuhörer zu sein und sie in dem Bild zu bestätigen, das sie zu vermitteln versuchte. Von ihrer sprudelnden Vertraulichkeit ließ er sich mitreißen, denn sie besaß ein unerwartetes Maß an Selbstironie – und schon war geschehen, was er gerne vermieden hätte: Sie war ihm sympathisch geworden.

Wissen Sie, Herr Arslan, auf was ich jetzt wirklich Lust habe?

Sie leckte sich die Lippen und schenkte ihm einen schalkhaft verführerischen Blick.

Nur Pommes mit Ketchup und Mayo, sagte sie. Dafür eine Riesenportion. Und ein Bier.

Ahmet nickte freudig. Menschen wie sie pflegen ihre kulinarischen Vorlieben wie weltanschauliche Bekenntnisse auszubreiten. Genau das Gleiche wolle er auch zu sich nehmen, verriet er ihr. Wenn das so sei, dann solle er sich einen Platz suchen, und sie werde Speis und Trank holen. Sie müsse üben, ergänzte sie, denn noch nie in ihrem Leben habe sie einen Mann bedient.

Er blickte ihr nach. Und war bereits etwas verschossen in sie. Markierte sie die Ulknudel, weil sie spürte, dass er sie für ein verwöhntes Mädchen hielt? Dabei waren dieser sorglose Humor und die schlagfertige, aber kindliche Koketterie doch das sicherste Indiz für ihre Verwöhntheit. Gut nur, dass er bei Elazığ ausstieg, wo würde das noch enden? Auf der Hacienda ihres Vaters?

Ahmet erinnerte sich plötzlich des kleinen Rekruten und suchte nach ihm. Der saß einige Tische weiter, mampfte traurig seinen Bohneneintopf und ließ sich nicht anmerken, dass er Ahmets Blicke bemerkte.

Die Kemalistin kam mit zwei Pagoden dampfender Pommes frites zurück, die beiden Bierdosen hatte sie zwischen Teller und Brust geklemmt. Ahmet half ihr beim Abstellen.

Sie fragte ihn, was er in Wien so mache.

Er habe Philosophie und Politikwissenschaften studiert und eine Zeit lang an der Universität unterrichtet, das habe nicht viel eingebracht, er sei nun Sozialarbeiter, unterrichte an Volkshochschulen politische Bildung, lektoriere Diplom- und Doktorarbeiten und reiche hie und da ein Projekt ein.

Dilek fand das alles höchst interessant. Sofort offenbarte sie ihre Vermutung, dass er in der Türkei ein linker Widerstandskämpfer gewesen sei. Ahmet aß die Pommes zu schnell, während Dilek nach einigen Minuten noch immer dasselbe Stück zwischen den Fingern hielt und zum Gestikulieren verwendete.

Sie finde solche Leute wie ihn unglaublich interessant, jemanden, der Prinzipien und Werte habe, für die es sich zu kämpfen lohnt, ja, für die er sein Leben zu geben bereit sei.

Viele ihrer Freunde hätten die Türkei nur aus wirtschaftlichen Gründen verlassen, sie selbst habe zwei Präsentationen in der Schweiz gehabt, eine in Basel, eine in Fribourg. An Angeboten habe es beileibe nicht gemangelt. Aber man müsse im Leben kämpfen. Auch wenn sie nicht so aussehe, auch sie habe Durststrecken durchlaufen, ehe sie mit ihrem Start-up Erfolg hatte. Es sei so einfach, einem zurückgebliebenen Land wie der Türkei den Rücken zu kehren und dem Ruf des besseren Angebots, der besseren Nachfrage zu folgen. Mutiger sei es doch, sich der Herausforderung zu stellen, im eigenen Umfeld etwas auf die Beine zu stellen.

Ahmet konnte nicht einmal ärgern, dass sie ihm da – unabsichtlich zumal und indirekt – Fahnenflucht vorgeworfen hatte, da wäre ihr hektisches Nachhaken gar nicht nötig gewesen, dass sie damit keinesfalls ihn meine, der – so zumindest ihre Annahme – aus politischen Gründen das Land verlassen musste. Ahmet nickte lächelnd und schluckte.

Sie und ihre Freundin Özlem hatten die Idee, eine Art Fair-Trade-Kampagne für kleine Textilproduzenten aufzuziehen und auch das Self-Empowerment bäuerlicher Produzentinnen zu fördern. Aber, sagte sie entschieden und stach mit ihrer Pommes ein Loch der Aufmerksamkeit in Ahmets Blickfeld, glauben Sie, diese armen, unterdrückten Geschöpfe Gottes würden sich helfen lassen.

Letzten Sommer fahre ich extra nach Kappadokien raus in eines dieser Yörükdörfer. Sie wissen schon, die sesshaften Nomaden. Natürlich wissen Sie. Verzeihen Sie. Die stellen in Heimarbeit diese wunderschönen Hamamtücher her. Großartige Arbeit. Wirklich. Wir wollten Pareos und Kleider daraus machen. Für so was sind die noch nie verwendet worden. Diese Mädels waren wirklich super. Keine Frage. Total freundlich und trotzdem stolz und eigenwillig. Aber leider auch sehr dumm. Die verkaufen das Zeugs pro Stück zu fünf Euro an ihre Cousins in Antalya, die sie um 20 Euro oder mehr weiterverkaufen. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ja? Dreihundert Laufmeter zu 1500 Euro. Das ist unsere Schmerzgrenze.

Ahmet nickte mit vollem Mund und versuchte, sein Schmatzen zu dämpfen.

Sie berät sich mit den anderen Frauen, kommt zurück und sagt brühwarm Nein. Nein. Stellen Sie sich das vor. Okay. Ich versuch’s mit Argumenten. Rechne Ihnen vor, was für einen Gewinn sie dadurch machen. Was für Prestige ihr Dorf bekommt. Was sie sich dadurch leisten könnten. Sie sagt mir, nein, nein, wir sind zufrieden damit, wie es ist, und wollen keine Großproduktion anfangen. Ich sage ihr, liebe Frau, ich kenne eine chinesische Firma, die stellt den Laufmeter für 40 Cents her, aber voll Turkish Style. Wissen Sie, was sie mir geantwortet hat? Das freut mich aber, sagt sie, dann lassen sie doch die Chinesen ihre Ware herstellen. Ich weiß nicht mehr, vielleicht bin ich etwas lauter geworden. Aber was macht sie? Sie drückt mir drei Handtücher, in jeder Farbe eines, in die Hand, sagt, das sei ein Geschenk, und wünscht mir einen guten Tag und dass Allah mich beschütze. Sie hat mich mit einem Lächeln auf den Lippen aus dem Dorf geschmissen. Verpiss dich. … Ja, ja, ich weiß, super, super, an Ihrem stillen Lächeln, so blöd bin ich auch nicht, merke ich, dass sie die Frauen toll finden, ja, stolz, unabhängig, klar. Verstehe schon. Mir geht es ja genauso. Toll, wie die sich dem freien Markt versperren. Ja, Rebellinnen. Aber sie kennen doch als gebildeter Mensch sicher den Ausdruck rebel without a cause. Und in diesem Fall ist die Rebellion nämlich gar nicht cool. Vom ökologischen Standpunkt, vom Frauenstandpunkt her … und … nun, der dritte Standpunkt fällt mir nicht ein. O Gott, das Bier wirkt schon. Sehen Sie meine Wangen? Die müssen total glühen. Zumindest fühlt es sich so an. Ich brauche nur einen Schluck von dem Zeug nehmen, und schon beginne ich zu glühen.

Nein, Frau Demir, Ihre Wangen haben bloß einen leichten Anflug von Abendröte. Man merkt es kaum und es sieht sehr reizvoll aus.

Na da sieh her. Ist das Viennese Style? Çok güzel. Schauen Sie, ich weiß vieles nicht und benehme mich manchmal total daneben. Aber auf meine Menschenkenntnis lasse ich nichts kommen. Ich hab Sie von Anfang an durchschaut.

Nun waren es Ahmets Backen, die sich röteten.

Machen Sie mir nichts vor, ich kenne euch kurdischen Krieger. Ich weiß, was Sie von mir halten.

Und was halte ich von Ihnen?

Ja, ja, stehen Sie dazu, Sie halten mich für eine verwöhnte Taksim-Tusse aus der Ausbeuterklasse, selbstbezogen, dämlich, unerträglich laut und schnatternd wie eine Ente. Eine gottverdammte luxuriöse Platzverschwendung. Eine, die noch nie was Richtiges erlebt hat, und deshalb den Mund umso voller nimmt. Eine, der es einmal richtig besorgt gehört, von uns wütenden Klassenkämpfern.

Nein, danke, dafür besteht kein Bedarf.

Sehr witzig.

Liebe Dilek, seitdem uns Ihre Verteidiger der Säkularität und des Fortschritts täglich Elektroden an die Schwänze hängten, sind wir völlig impotent. Sie haben also nichts zu befürchten.

Dilek warf ihm ein Stück Pommes ins Gesicht.

Verzeihen Sie.

Verzeihen Sie, ich wollte zunächst nur einen Scherz machen. Es tut mir leid, dass unser nettes Gespräch diesen Verlauf genommen hat. Aber ja, ich gebe zu, dass ich, bevor ich Sie kennen lernen durfte, einiges von dem, was Sie soeben sagten, geglaubt habe. Wenngleich nicht so drastisch, wie Sie es ausdrücken.

Dilek Demirs Gesicht nahm einen spöttischen Ausdruck an.

So, so, und was hab ich bis jetzt Superkluges von mir gegeben, dass Sie Ihre Meinung geändert haben?

Ich finde Sie klug und selbstkritisch.

Küsschen, Küsschen. Sagen Sie mal, da ich mal einen echten Indianer vor mir habe. Was mich schon immer interessiert hat, wie ist das mit euch Kurden? Ich meine, ihr habt ja diese verschiedenen Dialekte, nicht wahr. Ich habe einen kennengelernt, der bestand darauf, kein Kurde zu sein, sondern … wie hieß das Zeug noch?

Zaza?

Genau, so klang das. Zaza. Zazaki. Lustiges Wort.

Gut. Kurdisch besteht im Großen und Ganzen aus zwei Großdialekten, Kurmandschi und Sorani. Sorani wird eher im Irak und im Iran gesprochen. Dann gibt es noch das Gorani im Iran und das Zazaki, mit welchem ich aufgewachsen bin. Bei uns in Dersim spricht man sowohl Zazaki als auch Kurmandschi. Ein bisschen verwirrend ist, dass wir dazu nicht Zaza sagen, sondern Kırmancki, in Ost-Dersim nennen sie es Dımıli, und Kurmandschi nennen wir Kırdaşki, was so viel wie Sprache der Kurden heißt, was eigentlich ein Beweis sein könnte, dass wir Kirmancki- oder Zazakisprecher uns nicht als Kurden empfinden. Da aber außerhalb Dersims unsere Sprache Zaza heißt und die Linguisten der Meinung waren, dass sie so heißen soll, heißt sie so in der großen Welt, die von Zaza ohnehin nichts wissen will. Und jetzt wird es noch komplizierter. Linguistisch ist dieses Zaza Gorani näher als den anderen kurdischen Dialekten. Sind wir also Kurden? Nun, da unsere türkischen Freunde auch uns Bergtürken getauft haben, weil sie uns für Kurden hielten, wurden wir welche. In gewisser Hinsicht sind die Kurden ebenso eine Erfindung wie die Türken …

Hören Sie, fiel ihm Dilek, die seinen genüsslichen Ausführungen kaum zugehört hatte, ins Wort, Sie haben doch nicht die geringste Ahnung, wie sehr ich mich verachte. Mich, meine Herkunft, mein behütetes Leben. Meinen Sie, ich merke den Unterschied zwischen uns beiden nicht. Ich liebe die Kurden, und es schnürt mir jedes Mal das Herz zu, wenn ich daran denke, welches Unrecht Ihnen angetan wurde. Ich wirke nur so selbstsicher. Ich bin schon 33, und stehe erst am Anfang meiner Politisierung, aber ich möchte unbedingt lernen. Denn dazu ist das Leben ja schließlich da. Lachen Sie nicht, aber mich interessiert am meisten der Umweltschutz. Vor drei Jahren habe ich eine Gruppe von Jungs kennengelernt, die haben gegen Staudämme in Ostanatolien protestiert. Super Typen, lange Haare, Bart, super. Ja, natürlich war ich in einen von ihnen verliebt. Es läuft am Anfang immer übers Persönliche. Es hat nicht funktioniert zwischen mir und Ekin. Er war im Gefängnis. Sie waren auch im Gefängnis. Ja, ja, ich weiß, das waren nicht die Leute, mit denen Sie im Widerstand waren, sondern richtig süße Ökojungs aus guten İstanbuler Familien. Verdammt, man kann ja nichts für seine Herkunft, oder? Ich weiß, dass Sie sich schon die ganze Zeit wundern, warum ich meine Pommes kalt werden lasse und wir gleich in den Bus zurückmüssen, und ich weiß auch, dass ich das Bier nicht vertrage. Aber sei’s drum. Ich brauche Ihre Hilfe, mein Herr. Ja, Ihre Hilfe. Ich habe bislang nur mich selbst, mein gottverdammtes Ego im Kopf gehabt. Und meinen Erfolg. Was auf das Gleiche hinausläuft. Ich will mich engagieren, ich will endlich aus meinem kleinen Schneckenhäuschen ausbrechen. Wer bin ich schon? Und was sind meine Probleme gegen die Probleme der Welt? Ich frage Sie jetzt nicht, was ich lesen soll? Das können mir meine studierten Freunde auch verraten. Ich sehe Ihre innere Ruhe, ja, mein Herr, Sie ruhen in der Sache, das hab ich genau gemerkt. Viele Kurden haben das. Ich kann es nicht beschreiben, ohne kitschig zu werden. Ich weiß, dass Sie mich insgeheim verspotten, weil ich mich für Bäume und Tierarten und Flüsse stark mache und glaube, wir können die Welt schon verändern, wenn wir ein paar alternative Boutiquen einrichten. Da ergriff sie Ahmets Hand.

Was soll ich tun? Wie kann ich lernen, für eine Sache einzutreten? Wie kann ich die Welt verändern? Wo ansetzen? Wie schaffe ich es überhaupt, mich für irgendwas zu interessieren, und es nicht gleich nach wenigen Augenblicken wegzuwerfen. Lachen Sie mich bitte nicht aus.

Ahmet blickte finster auf die letzten drei Pommes und die gelben Fetttröpfchen auf seinem Teller. Die Mayonnaise hatte er nicht angerührt, denn er hasste Mayonnaise. Seine Augen benetzte ein glasiger Schlimmer. War es das Bier oder die Traurigkeit, die kurz seine Sinne geflutet hat? Er holte tief Luft.

Ich danke Ihnen, dass Sie mir Ihr Vertrauen schenken, und, glauben Sie mir, nichts läge mir ferner, als über Sie zu lachen. Das sind ernste und schwierige Fragen, die Sie mir stellen, und zunächst muss ich Ihnen gestehen, dass Sie mich überschätzen. Denn ihre Fragen nagen nicht nur an Ihrer, sondern überraschenderweise auch an meiner Seele. Und das ist gut so. In meiner Selbstwahrnehmung lebe ich nämlich von früheren Gedanken, Leiden, Erfolgen. Ja, Sie haben Recht, ich war ein sehr politischer Mensch, sowohl als Aktivist als auch als theoretischer Denker. Als ich vom Land nach İstanbul kam, war ich dumm, aber voller Kampfeslust, getrieben vom nackten Ethos, mich im Kampf gegen jede Ungerechtigkeit zu bewähren. Aber das bequeme Leben in Wien hat mich faul gemacht. Ich sehe noch immer das Unrecht, ich interessiere mich immer noch für politisches Denken, aber alles nur halb und ohne wirkliche Überzeugung. Der Antrieb ist schlecht durchblutet. Und ich wärme mich an den glosenden Ascheresten meines früheren Feuers. Ich bin müde. Und deshalb ein schlechter Berater für Sie. Diese Welt scheint sich in vielen Belangen zum Besseren zu wenden und doch ist das nur ein Clinch, bevor die nächsten Schläge folgen. Ich bin alt und feige und kehre in mein Heimatdorf zurück, um meine Mutter noch einmal zu sehen und Frieden mit meinem Bruder zu schließen – mit dem ich mich nie überworfen habe. Ich versuche mein Wissen an jüngere Menschen weiterzugeben, aber hüte mich, sie zu mehr Radikalität anzustacheln, weil das ein Stachel in mein eigenes Fleisch wäre. Ich habe mich mit der Welt abgefunden, und zu große Umwälzungen würden bloß meine Urlaubspläne durcheinanderbringen.

Ich kann Ihnen nur aus eigener Erfahrung raten, meine Liebe, nicht auf ihr Ich zu verzichten, und im Übrigen ist nichts eitler als prahlerische Selbstlosigkeit. Ich weiß schon, was Sie meinen. Sie meinen diese wunderbare Freude von Kindern, die die Welt erforschen und dabei sich selbst vergessen. Wir sollen uns aber selbst gefallen. Das Problem beginnt erst dann, wenn wir die Wahrheit zurechtkneten, damit wir Gefallen bei anderen Menschen finden. Das ist der Sündenfall. Nicht der harmlose Egoismus.

Wir sind alle Kinder unserer Herkunft, liebe Dilek. Ich bin in Armut aufgewachsen. So etwas macht einen nicht automatisch zum Kapitalismuskritiker. Die meisten werden nur Neider. Aber es sensibilisiert für den Kern aller Probleme. Wenn man materiell sorglos aufwächst, ist man stärker mit sich selbst beschäftigt und sieht die Welt mehr als Design, als ästhetischen Aufputz der eigenen Allmachtsfantasien. Man interessiert sich für die Bäume, die Schmetterlinge, für Dekor und Lifestyle und Psychologie und nimmt die Gesellschaft als Kulturen wahr; dann schult man seinen Gerechtigkeitssinn dadurch, dass man glaubt, Kulturen wollen anderen ihre Kulturen wegnehmen. Dabei sind das Scheinrealitäten. Ich weiß nicht …

Seien Sie nicht so hart gegen all die einfachen Menschen, die ungebildeten Frauen, die ihr Kopftuch tragen. Das sind keine Islamistinnen. Das Problem: Sie sind leicht manipulierbar. Ich bin ein Bauernsohn. Ich weiß, wie dumm Bauern sein können. Aber sie haben mitunter auch eine wunderbare Großzügigkeit und Herzensgüte. Und das sage ich ohne jede Spur der Idealisierung. Doch die Moderne hat sie verwirrt. Sie widerstehen den gefährlichen Ideologien, wie religiösem Eifer, Nationalismus und Faschismus schon aufgrund ihrer eigenen Unbeweglichkeit am längsten. Sobald es sie aber einmal erwischt hat, werden sie ihre willfährigsten Vollstrecker. Ich hatte mit 18 an den Leninismus wie an eine Religion geglaubt. Und musste erst lernen, ihn kritisch zu befragen. Aber stellt ihr Liberalen mehr Fragen als die Leute, denen ihr euch so überlegen fühlt?

Dilek, Schwester, ich kann dir nur sagen, bekämpfe das Wirtschaftssystem. Dort wo es sich smart und zivilisiert und ausgewogen und vernünftig gibt. Ich habe keine schönen Aussichten. Zeit meines Lebens habe ich gegen Apokalyptiker geschimpft, und das mit guten Gründen. Aber diesmal ist es anders. Ich kann in die Zukunft sehen, und was ich dort sehe, macht mir Angst. Die Türkei ist konservativer geworden, doch gleichzeitig scheint es, dass sie toleranter gegenüber Minderheiten und wirtschaftlich erfolgreicher ist. Glaub mir, das ist nur eine Phase. Die Ouvertüre zum nächsten Faschismus. Und wir werden nirgends vor ihm fliehen können. Auch nicht in Europa. Die Hölle kehrt wieder. Schwester, du musst dich jetzt schon rüsten gegen die Wiederkehr der Barbarei. Die Hüter des westlichen Lebensstils und der offenen Gesellschaft werden dir ritterlich die Hand und Schutz gegen die Barbaren anbieten. Nimm ihre Assistenz an, um das Schlimmste hinauszuzögern, aber vergiss nie, dass ihre Geschäftsgrundlagen die nie versiegende Quelle der scheußlichen Ideologien sind, gegen die wir uns zu wehren haben. Wer sie zuschüttet, macht dem Spuk ein Ende. Ich fürchte, der Faschismus des vorigen Jahrhunderts war nur ein Aperitif, ein erster Versuchslauf. Wenn ich betrachte, wie die Ökonomie ihre Diktatur festigt, welche Rattenfänger sie auf den Plan ruft und wie schwach und dumm die Linken sind, so steuern wir auf eine schreckliche Eiszeit zu. Und wenn ich realistisch wäre und nicht Berufsverbot, Irrenhaus und Ächtung fürchten müsste, dann würde ich dir raten, sofort alle Banker, Bosse und Spekulanten des freien Marktes zu töten. Würden der Papst und der Dalai-Lama und … komm hilf mir, Schwester … nenne mir noch irgendjemanden, den jeder liebt und cool findet und nicht auf der Straße verbluten lassen oder von der Polizei zusammenschlagen lassen würde wie einen rechtlosen Flüchtling.

Johnny Depp?

Ja, warum nicht. Also würden der Papst und der Dalai-Lama und Johnny Depp gemeinsam in die nahe Zukunft reisen, würden sie nach ihrer Rückkehr keine Sekunde zögern, sie alle umzubringen, wie eine Notmaßnahme, wie das Ausschalten des Zeitzünders in der letzten Sekunde. Und die Blicke des Papstes und des Dalai-Lamas und von Johnny Depp wären entschlossener als meine, weil sie vielleicht wirkliche Idealisten wären, ich mich aber nur am erlöschenden Idealismus meiner Jugend wärme. Ich wäre mit dieser Einsicht Public Enemy, und alle Mitstreiter, Liberalen, Pazifisten, selbst die Revolutionäre würden sich von mir abwenden, weil solche Gedanken ja doch nur dazu beitrügen, Linke als stalinistische Massenmörder darzustellen und die Rechten als eigentliche Humanisten. Aber Benedikt und Dalai und Johnny hätten vielleicht eine winzige Chance: Sie würden in Anbetracht ihrer schrecklichen Erfahrungen aus der Zukunft sofort Privatarmeen rekrutieren und zur gleichen Zeit in alle Chefetagen der neoliberalen Schaltzentralen eindringen und alles bis auf die mittlere Ebene niedermetzeln. Und die Sicherheitskräfte wären dann plötzlich in der unangenehmen Situation, den Papst, den Dalai-Lama und Mr. Depp zu erschießen, und bevor die das Feuer eröffnen, werden die drei ihnen zurufen: Um Himmels willen, geht nach Hause und vertraut uns, wir müssen das tun, um die Welt zu retten. Man wird sagen, dass das ein abscheulicher, bloß symbolischer Akt war, der nur einzelne Menschen geopfert hat, aber das System nicht in seinem Kern traf. Irrtum, das Räderwerk würde kurz stillstehen, lange genug, um zu enteignen und die Drähte aus den Computern zu ziehen. Und es würde Jahre dauern, bis man erkennt, dass sie einen Zug gestoppt haben, der auf den Abgrund zuraste. Aber warum würde ich mich nicht diesen drei Helden anschließen? Weil ich ein feiger Hund bin, Dilek. Und weil ich ein feiger Hund bin, werde ich weiter wählen gehen, meine Rosen gießen und ein blödes Demokratengesicht aufsetzen.

Du siehst, Schwester, ich kann dir nicht wirklich helfen und bin ebenso ratlos wie du. Und was mir soeben über die Lippen gekommen ist, entlarvt mich auch in deinen Augen als gefährlichen Irren. Verzeih mir, ich war vermutlich noch nie so ehrlich. So, und jetzt müssen wir in den Bus. Der Kaptan, der Fahrer, sucht bereits nach uns.

Während sie sich gleichzeitig erhoben, lächelte ihn Dilek an.

Nein, nein, das hat alles schon Sinn.

Und siehst du, wandte Ahmet ein, das macht mir auch Angst, dass dich meine Gewaltfantasien nicht ängstigen. Du hast zu viel Kill Bill gesehen.

Ahmet war sehr stolz, dass er mit einer kulturellen Anspielung prahlen konnte, die ihm nichts bedeutete, ihr aber einiges bedeuten könnte.

Nein, sagte Dilek, du hast mir mehr geholfen, als du ahnst. Und ich habe dich sehr gut verstanden. Ich weiß nicht, wie weit ich gehen kann. Zumindest lass ich mich von meinen reichen Verehrern nicht mehr zum Dinner einladen. Dein Massaker aber, lass dir das von einer Frau vom Fach gesagt sein, hat einen Schönheitsfehler. Es hat zu wenig gute PR. Auch deine drei Musketiere, das wäre wirklich ein amüsanter Actionfilm, bräuchten gezielte Werbestrategien, sonst wäre alles umsonst. Nach meiner Rückkehr werde ich mit den drei Herren mal Kontakt aufnehmen und ihnen vorsichtig das Projekt Save the World unterbreiten. Ich werde dich jetzt nicht länger belästigen. Ich habe gekriegt, was ich wollte. Du setzt dich an deinen Platz, ich an meinen. Und dort werde ich sehr viel nachdenken. Sag mir, falls es mir bei meinem Vater zu langweilig wird, darf ich dich in Dersim mit meinem neuen Jeep besuchen kommen? Wie heißt dein Dorf?

Natürlich darfst du. Mein Dorf heißt Holike, nördlich von Elazığ zwischen Hozat und Pertek.

Die beiden küssten einander vor der Station auf die Wangen und bestiegen den Bus. Ohne einander anzusehen. Oktay hatte woanders Platz genommen und wich Ahmets Blick aus, als dieser an ihm vorbeiging. Der Deutsche schlief.

Oktay und die Liberalen

Ahmet fragte sich nach dem Grund seiner guten Laune. War es das Interesse der jungen Frau an ihm? Oder dass ihm solch ein prägnantes Pamphlet gelungen war, an das er selbst nicht glaubte – noch dazu in einer Sprache, die er nur noch bei seinen Männerabenden in Wien pflegte? Dort redete man nicht nur aus Rücksicht gegenüber den türkischen Freunden Türkisch. Auch nicht deshalb, weil es sich bei den Muttersprachen der Kurden um Dialekte handelte, die untereinander schwer verständlich waren. Und nicht einmal der Umstand, dass die meisten von ihnen von Abstammung her Kurden waren, aber nie Kurdisch gelernt hatten. Einige holten es nach und radebrechten dann in Kurmandschi, obwohl sie aus Gegenden kamen, in denen Zaza üblich war. Die meisten aber plauderten bei ihren Treffen in von Kurden geführten Pizzerias in der Sprache, in der sie politisiert wurden, in der sie Gedichte schrieben und in der auch ihre Helden Nâzım Hikmet, Yaşar Kemal und Aziz Nesin schrieben.

In theoretischen Belangen hatte sich Ahmet Arslan stets unzulänglich gefühlt. Auch wenn er in Wien von Fachkollegen und -kolleginnen konsultiert wurde, schwärte lange noch diese Wunde in ihm. Seine Organisation damals in İstanbul war leninistisch ausgerichtet gewesen. Viele seiner Genossen aber hatten den maoistischen Weg gewählt, der von all den linken Wegen, die die wenigsten, die darauf schritten, auch wirklich verstanden, der dümmste war. Der chinesische Bauernkommunismus sprach die opferbereiten Dorfburschen am meisten an. Moderne, Industrialisierung, Urbanität und Zivilisation waren ihnen fremde Konzepte, und ihre ersten Marxtexte lasen sie wie epische Dichtungen oder Zaubersprüche, die man eingerollt in Glücksamuletten mit sich herumträgt, am liebsten hätten sie diese zur Saz gesungen, so wie sie auf Kurdisch sangen: Bîrnakim ha bîrnakim, riya Lenin bîrnakim – Vergiss nicht, vergiss nicht den Weg Lenins.

Als die Nachrichten von der Kulturrevolution, von Hungersnöten und Staatsterror auch nach Holike, Çemişgezek oder in die Vororte İstanbuls drangen, wandten sich viele von Mao ab und suchten Ersatz. Da die Leninisten und Trotzkisten zu viel umständliches Zeug redeten, fanden sie ihn in Maos europäischer Filiale, bei Albaniens Diktator Enver Hoxha. Ein Genosse hatte ihm das Verhältnis zu diesem neuen Leitstern einmal folgendermaßen erklärt: Wenn es in Tirana regnete, spannten wir in İstanbul die Regenschirme auf.

Ahmet Arslan begann ein Politologiestudium an der Istanbuler Universität und trat der Dev-Yol, einer Nachfolgeorganisation der Dev-Genc, bei. In Wien setzte er sein Studium fort. Hatte er in İstanbul die gesamte Theoriegeschichte bis zur Frankfurter Schule rezipiert (die ihm das größte Kopfzerbrechen bereitete, und das nicht nur wegen der schlechten Übersetzungen), so stürzte er sich in Wien mit Ehrgeiz auf all die neuen französischen Lehren, die bereits in der Türkei die Vorherrschaft des Neomarxismus an den Unis zu unterwandern begannen. Doch fand er in ihnen keinen Halt. In der Wiener Szene gab es zwei Intellektuelle, die er bereits in İstanbul gekannt hatte. Er und sie gehörten völlig verschiedenen Welten an, obwohl der österreichische Blick ihrer aufgeschlossenen Bekannten sie ein und derselben zuordnete. Cahir und Alparslan hatten sich in der Heimat schon die neuen Jargons zugelegt. Sie gehörten zu der Schicht, die Ahmet und die anderen anatolischen Landeier belächelte, wenn diese mit unsicherer Leidenschaft halbverstandene Slogans aus dem marxistischen Fundus predigten. Es waren Jungs aus İstanbuler Bürgerfamilien. Linksliberale – Ahmet und die seinen nannten sie etwas abfällig Liboşlar. Dabei bewunderten die Liboşlar sie, die Genossen und Genossinnen aus Dersim, Gaziantep, Erzurum, Diyarbakır, Hakkari, den Tauros- und den Pontosbergen, und suchten ihre Freundschaft. Intellektuell nahmen die Liboşlar sie nicht für voll. Sie waren deren Indianer. Edle Wilde aus dem Osten. .

Ahmet Arslan verstieg sich wieder einmal in Reflexionen über sein Verhältnis zu den liberalen Genossen, mit denen er noch die eine oder andere Rechnung offen hatte.

Die Liboşlar versuchten sowohl unsere grobschlächtige Unmittelbarkeit als auch unsere naiv-blumigen Redewendungen nachzuahmen. Wir waren ihre Reservoirs für ihr Selbstbild als Revolutionäre: Männlichkeit, Ehre, verträumte Rauheit, Brüderlichkeit, Sazspiel. Sie klaubten uns die Distelkletten von den speckigen Jacketts und steckten sie sich auf ihre bunten Pullis. Mit ihren langen Haaren und Bärten sahen sie wie Banditen aus den Bergen aus, während wir Bergbanditen lange Zeit unsere Scheitel kämmten und Schnurrbärte stutzten, bis wir selbst der Mode erlagen. Dennoch scherzten wir darüber, wie ihre Mütter ihnen vor den Demonstrationen die Mähnen und Schnauzer frisierten und sie sich diese dann, kaum außer Haus, wieder zerrupften. Ausgiebig naschten sie von unserer Entschlossenheit im Straßenkampf. Doch während wir uns mit den Grauen Wölfen Schusswechsel lieferten, warteten sie lieber mit gezückter Pistole hinter der Ecke ab, wie die Schlacht ausging. Trieben wir die Feinde in die Flucht, und meistens taten wir das, kamen sie aus ihren Deckungen hervor, umarmten uns und feierten mit uns den gemeinsamen Sieg. Der Unterschied: Sie gingen nach der Aktion, nach der Demonstration, nach der Schießerei nach Hause, weil Mamas Abendessen auf sie wartete und sie Dallas nicht versäumen wollten. Das, wie mich mein kluger Freund Erol Sentürk aufklärte, gar nicht so dumme Kapitalismuskritik sei, zumindest schön zeige, wie Macht in repressiv-imperialistischen Gesellschaften gestaffelt ist. Ich verstand nichts, ich verstand nur, dass sich wir anatolischen Helden in den Baracken am Stadtrand verstecken mussten. Doch vielleicht nehme ich den Mund zu voll. Denn ich teilte mit zwei anderen Freunden eine Wohnung in Cihangir mit Bosporusblick, und mein Vater finanzierte mein Studium mit, so gut es halt ging. Ich war so etwas wie ein Missing Link zwischen den Liboşlar und den ruhmreichen Bauernterroristen. Und dennoch lud mich Erol Sentürk nie zu sich nach Hause ein. Und die Liboşlar uns Bauern allgemein nicht. Teils weil sie sich für ihren Wohlstand genierten, teils weil sie dort unter sich sein wollten, ihren Deleuze und Guattari diskutieren und die neueste Led-Zeppelin-Scheibe hören wollten. Von uns erwarteten sie alevitische Lieder.Von den wichtigen gesellschaftlichen Fragen des sozialistischen Umbaus der Gesellschaft, der Hegemonien und der Praxen der Macht schlossen sie uns aus. Anstatt ihr Wissen mit uns zu teilen, sahen sie Analphabeten oder moskautreue Totalitäre in uns, was für sie aufs selbe rauslief. Und diese feinen Eselsöhne hatten sogar recht, doch hatten sie kein Recht, rechtzuhaben. In ihren klimatisierten Kinderstuben glaubten sie, bloß eine repressive Demokratie zu erleben, die sich eben wie die USA ihrer linken Opposition erwehren musste, und die es mit friedlichen und demokratischen Mitteln zu einer gerechten Gesellschaft zu transformieren galt. Ich wurde selbst nicht aus ihnen schlau. Für uns verhielten sie sich in ihrem Denken wie bei den Straßenkämpfen. Unsicher wankten sie zwischen linkem Kemalismus, Eurokommunismus, Sozialdemokratie oder Anarchismus hin und her, aber nicht wie wirkliche Zweifler, deren Unentschlossenheit die Ehre selbstquälerischen Denkens ist, sondern eher wie solche, die abwarten, wer angeschossen am Boden zurückbleibt, um dann die Partei des Siegers zu ergreifen. Es stimmt, wir waren totalitär. Das war unser Fehler. Sie waren feig. Das war der ihre. So kann man es belassen.

Ihre Türkei war eine andere als die unsere. Unsere war die der Bauern, Kurden, der Landlosen, Tagelöhner und Getretenen. Wir hatten nichts zu verlieren. Sie ihre Häuser, Plattenspieler und Haare. Ja, wir beteten den Moskauer Katechismus nach, aber wir taten es mit den besten Absichten. Sie wollten den Faschismus nicht wahrhaben. Wir erlebten ihn. Wenn wir uns in den Fabriken gewerkschaftlich organisieren wollten. Wenn wir uns in der Schule weigerten, die Liebesgedichte für Atatürk aufzusagen. Wenn wir einen der Grauen Wölfe abknallten, nachdem er einen der unseren umgelegt hatte, und wenn ein Polizist mal eine blutige Nase abbekam, nachdem er Dutzende unserer Nasen eingeschlagen hatte, warnten sie uns oft vor der Sinnlosigkeit gewaltvoller Eskalationen. Jahrzehnte hatte es gedauert, bis ich erkannte, dass all ihre subtilen, komplizierten Theorien der Gesellschaft auch die Funktion hatten, den einzigen klaren Unterschied zwischen Zivilisation und Barbarei auf der einen, den zwischen Kapital und Arbeit auf der anderen Seite mit interessanten Spekulationen auszupolstern, bis man ihn nicht mehr sah. Darauf bauten sie ihre akademischen und politischen Karrieren.

In Wien dann versuchte ich wie sie zu werden, weil wir dort die Annehmlichkeiten einer sozialen Demokratie genossen. Wir begegneten einander freundlich, doch ich spürte weiter ihre Herablassung. Noch immer war ich ein Indianer in ihren Augen. Und zwar ein Indianer, der den Liboş spielen konnte, das machte mich zu ihrem natürlichen Feind. Denn gegenüber den reinrassigen kurdischen Indianern konnten sie selber ein bisschen den Bruder und den gefühlvollen Anatolier raushängen lassen. Ich aber drang in ihr Revier ein, ich kannte ihre Lieder, durchschaute sie und konnte mich gut ausdrücken, obwohl ich ihnen gegenüber noch immer die alte Unsicherheit verspürte.

Auf Podien, auf die uns wohlmeinende Österreicher einluden, welche unsere unausgesprochenen Konflikte nicht kannten, entwickelten sich kultivierte Gespräche. Die Liboşlar erweckten den Eindruck, als wären wir alte Kumpels, ein Debattierclub gar, der sich wöchentlich trifft. Nach der Podiumsdiskussion wurde nicht politisiert. Wir misstrauten einander. Wir waren noch immer die dummen Radikalinskis und sie die feigen Arschkriecher, die sich mit ihrer seriösen Verbindlichkeit gewinnbringend den Weg zu ansehnlichen Positionen im akademischen und kulturellen Bereich geebnet hatten. Als ich meine Dozentur an der Uni hatte, hofierten sie mich und richteten mich hinter meinem Rücken aus. Als Sozialarbeiter war ich schließlich bedeutungslos für sie.

Ahmet Arslan legte den Kopf in die Nackenstütze und musste schmunzeln. Wie sehr ihn das noch immer bewegt. Wenn er es sich recht überlegte, handelte es sich bei der Gegnerfront der Wiener Liboşlar aus der Türkei doch bloß um eine Handvoll Menschen. Und vielleicht tat er ihnen doch unrecht, denn sie waren zumindest Linksliberale geblieben, während so mancher seiner radikaleren Freunde unpolitisch oder AKP-Sympathisant geworden war.

Noch immer war Ahmet in ihren Augen also das unkorrumpierbare Ausrufezeichen vor ihrer Anpassung. Wie sehr sie ihn überschätzten. Sie wussten offenbar nicht, dass ihm selbst der Hüftspeck der Konformität gewachsen war. Und vielleicht war er es, von dem die abweisenden Signale kamen. In Wirklichkeit wartete er auf die große letzte Aussprache, in welcher er mit ihnen souverän und gut begründet abrechnen würde. Und das wussten sie, und deshalb vermieden sie diese Option durch unverbindliche Höflichkeit, um derentwillen er ihnen einfach grollen musste. Und zeigte er seinen Groll, dann hatten sie gesiegt, weil dann er derjenige war, der die Probleme macht. Er wusste, dass sie es noch immer mit den Kemalisten hielten; es waren dieselben Leute, welche, um von den Grünen und den Multikultifeministinnen gemocht zu werden, jede Kopftuchträgerin mit liberalen Theorien verteidigten, aber beim İstanbultrip mit größter Verächtlichkeit über sie spotteten.

Genug der schlechten Gedanken, dachte sich Ahmet, er müsse noch mit Oktay ins Reine kommen. Drei Sitze vor ihm auf der rechten Seite saß der junge Reservist. Geduldig wartete Ahmet, bis sich Ali nach ihm umdrehen würde. Und als er es tat, konnte er Ahmets Blicken nicht mehr ausweichen. Dieser schlug mit der flachen Hand auf den leeren Sitz neben sich und schickte Oktayein vertrauensseliges Lächeln, das von dessen breitem Kindergesicht erwidert wurde. Oktay kam zurück. Als er sich entschuldigen wollte, wehrte Ahmet mit einer eindeutigen Handbewegung ab. Eine halbe Stunde plauderten die beiden in bester Eintracht, ehe sie bei Sonnenuntergang in Ankara einfuhren und es Zeit war, Abschied zu nehmen. Sie umarmten einander. Dann verließ der Rekrut den Bus. Er wurde draußen von einem jungen Mann und dessen Frau erwartet. Oktay blickte nicht mehr zurück. Ahmet stellte sich vor, wie man den Reißverschluss über Oktays bleichem Gesicht zuzieht, wenn er dereinst seinen Eltern überstellt wird.

Ahmet überlegte sich, ob er sich zu Dilek setzen sollte, denn eine gierige Spätnachmittagswollust hatte in ihm das Bedürfnis entfacht, ihr nah zu sein, sie zu riechen, seinen Oberschenkel an ihrem zu reiben. Er blickte zurück und sah sie mit offenem Mund schlafen. Auch recht.

Als der Bus Ankara verließ, hatte sich blaue Dunkelheit über das Land gelegt.

2.

Ertappt

Bleich war Meltem im Gesicht. Und bleich war auch die ältere Frau. Beide trugen sie Kopftuch. Meltem am Hinterkopf geknotet und einmal um die Stirn geschlagen. Das Tuch der anderen bedeckte auch Hals und Teile der Schulter, doch eine grauschwarze Tolle ragte über der Stirn heraus und verlieh ihr einen noblen Anstrich. Lächelnd fragte die Ältere die Jüngere, ob der Platz neben ihr noch frei sei. Meltem nickte, laute Musik drang aus ihren Kopfhörern. Als sie erkannte, dass noch zwei Sitzreihen im Bus nicht belegt waren, war es zu spät.

Die ältere Frau lächelte still in sich hinein, während sie Meltem aus den Augenwinkeln fixierte. Alles in Meltem krallte sich zusammen vor Schmerz. Was lächelt die so blöd? Schon draußen in der Station war ihr die schwarz gekleidete Frau mit der kleidsamen grauen Strähne im schwarzen Scheitel aufgefallen. Sie sah gut aus, aber auch unheimlich. Auf ihrem linken Nasenflügel saß wie ein bleicher Käfer, der die Kunst der Mimikry beherrscht, eine Warze. Meltems EDV-Lehrerin hatte so eine Warze gehabt, allerdings über der Lippe. Und Meltems beste Freundin Meral hatte ihr im Unterricht zugesteckt, das sei der verschiebbare Deckel eines USB-Ports, wo man sich die Fantasie dieser Lehrerin runterladen könne. Diese habe in etwa ein Datenvolumen von 2,4 Kilobyte. Dann hatte Meltem, die von Meral geliebt werden wollte und sich deshalb von ihr zu schrägen Meldungen anstacheln ließ, gesagt, wenn die Frau Lehrer vor dem Wichsen an Kenan İmirzalıoğlu denke, steige das Volumen kurz auf 2,7 und falle danach sofort auf 1,8 runter. Und Meral hatte sie zwar mit Lachen belohnt, aber, weil sie immer das letzte Wort haben musste, noch eins draufgesetzt: Vielleicht hat die ja die Klitoris im Gesicht, und unten, wo sie sein sollte, ein blinkendes Kontrolllämpchen. Die beiden hatten so gekichert, dass sie von der Lehrerin mit dem Kontrolllämpchen unter dem braunen Cordrock aus der Klasse geschmissen wurden. Siehst du es blinken?, hatte Meral sie gefragt, und das Kichern hallte noch vom Gang in die Klasse, und die Lehrerin hatte sich vergessen und ihnen hässliche Komplimente nachgeschrien.

Was waren das für schöne und lustige Tage. In welchen Abgrund fiel sie nun. Und was wollte die Alte bloß von ihr? Die Alte ging von kurzen, durchdringenden Seitenblicken zu direktem Anstarren über. Meltem presste ihre Wange fest ans Fenster, doch spürte sie, dass diese seltsame Frau nicht mehr von ihr ließ. Schließlich riss sie sich die Kopfhörer runter und fragte sie:

Warum starren Sie mich so an?

Die ältere Frau fasste nach Meltems Hand. Meltem zog sie zurück.

Wo war es?, fragte Hatice. Gülbahar Caddesi oder bei Dr. Arınç?

Meltems bleiche Wangen füllten sich mit Blut.

Woher wissen Sie …?

Die lächelnde Frau ergriff abermals Meltems Hand. Nun ließ es Meltem zu.

Nenn mich Hatice.

Das klang vertrauensvoll. Wollte diese verrückte Frau sie trösten?

Was wollen Sie?

Gerechtigkeit!

Meltem fasste sich an den Mund. Durch Anspannung der Zungenwurzel gelang es ihr, den Brechreiz zu unterdrücken. Sie war zu schwach für Diskussionen. Die Tränen schossen ihr über die Lider.

Bitte lassen Sie mich in Ruhe! Bitte!

Ich weiß, was du getan hast. Niemand von euch kommt ungestraft davon.

Da sammelte Meltem all ihre Kraft und versuchte, diese Hatice so gehässig und herablassend anzustarren, wie es ihr nur möglich war, doch das Machtspiel verlor sie nach Sekunden, denn schon hatte Hatices Hand nach ihrem Gesicht gepackt und dieses zusammengequetscht.

Wo steigst du aus?

Bingöl.

Gut. Ich auch. Wir werden beide zur Polizei gehen, und du wirst Selbstanzeige erstatten. Das mindert das Strafmaß.

Hatice ließ sie los.

Meltem sprach: Sie können mich nicht einschüchtern, ich war in der siebenten Woche. Ich kenne die Gesetze.

Da packte sie Hatice am Ohr.

So, so, sie kennt die Gesetze. Will mir einen juristischen Vortrag halten. Die Gesetze Gottes scheinst du nicht zu kennen. Was hält eigentlich dein Vater davon?

Mein Vater ist tot.

Schon spürte Meltem einen Streich auf den Kopf.

Lügen kann sie auch, das Miststück. Ich hab doch vorher gesehen, was du deinem Baba geschrieben hast. Morgen um zehn bin ich zu Hause, Baba. İstanbul war sehr schön. Tante Serap lässt dich grüßen. – Weiß Tante Serap davon, deckt sie den Mord? Eine schöne Familie.

Es hatte keinen Sinn, diese fremde Frau, ihre Nemesis, die wie aus dem Nichts erschienen war und plötzlich so viel Macht über sie gewonnen hatte, darauf hinzuweisen, dass sie kein Recht habe, in diesem Ton mit ihr zu sprechen. Meltems Kopf fiel nach vorne und kam mit der Stirn am rauen Kunststofffilz des Vordersitzes zu lehnen. Sie schluchzte.

Wein nur, du kleine Schlampe. Das hättest du dir früher überlegen sollen.

Seien Sie bitte nicht so laut!

Man kennt mich hier im Bus. Ich mache die Tour nicht das erste Mal.

I am a passenger and I ride and ride

Nachdem Hatice das Mädchen gebrochen hatte, begann sie ihr von ihrer Mission zu erzählen. Sie sei die Vizevorsitzende der AKP-Frauenorganisation von Kaleönü und erst wenige Monate zuvor von der Staatsministerin und der Generaldirektorin für den Status der Frau, Nimet Çubukçu, mit dem Verdienstabzeichen der Republik Türkei ausgezeichnet worden. Während Hatice ihren Vortrag über die Verdienste der Regierung für die Rechte der Frau hielt, dachte Meltem bloß an das Butterflymesser in ihrer Handtasche, das ihr Meral geschenkt hatte. Mit diesem wollte sie bereits den Typen umbringen, der ihr den Embryo angehängt hatte. Nun stand die Waffe vor ihrer Bewährung. Zwei Optionen standen offen. Entweder würde sich Meltem am Klo der nächsten Busstation die Pulsadern öffnen. Oder … Wieso ihr junges Leben opfern? Ihre Fantasie schlug einen extremen und doch so logischen Pfad ein. Sie würde Frau Hatice töten. Ein Stich ins Herz. Schnell. Weglaufen. Nein, zuvor die Wertsachen an sich nehmen. Identitätskarte nicht vergessen. Und das Zeug irgendwo verschwinden lassen. Bis sie identifiziert ist, dauert es ein paar Tage. Raubmord, klarer Fall. Der Beifahrer wird zwar die Businsassen vor der Weiterfahrt abzählen, aber die Jungs haben ständig Stress, er wird sich einbilden, die Passagiere seien vollzählig. Meltem wird sich schlafend stellen, und in ein paar Stunden, nach ihrem Aufwachen, den Busfahrer darauf hinweisen, dass die komische Frau fehle, die doch nach Bingöl wollte. Nein, keine gute Idee. Sie ist einfach auf dem Weg ausgestiegen. Kann ja sein. Bloß keinen Staub aufwirbeln.

In Wirklichkeit wollte sie die Alte abstechen wie den Ziegenbock, den ihr Bruder beim letzten Opferfest geschlachtet hatte. Das erste Mal hatte sie ein Tier sterben sehen. Das ängstliche Mähen, als wüsste es, was ihm bevorsteht, das Röcheln, das Zittern, der ewig lange Todeskampf in den Augen. Meltem hatte weinen müssen und nichts von den Innereien angerührt. Aber die Vorstellung, diesen Ausdruck im Gesicht der alten Hexe zu sehen, ihr kotziges Röcheln, während der weit geöffnete Hals das Grinsen ihres hässlichen Mundes übernimmt …

Dieses kurze Aufwallen eingebildeter Macht versiegte jäh. Und so ließ es Meltem sich gefallen, dass Frau Hatice den linken Arm um ihre Schultern legte und sie an sich drückte, an diesen verwitternden Körper mit dem muffigen Geruch des Anstands.

Weißt du, Kleine, sprach sie, eigentlich ist es ja gut, dass es diese Kliniken und Ärzte gibt. In unserer Zeit taten wir es mit Stricknadeln. Zwei Freundinnen habe ich so verloren. Mach dir keine Sorgen, das bleibt unser kleines Geheimnis. Ist dein Vater streng?

Er würde mich umbringen, antwortete Meltem.

Es würde mich freuen, wenn du zu unseren Sitzungen kommst. Du hast wahrscheinlich ein völlig falsches Bild von uns. Weißt du, mir sind Menschen, die überhaupt keine Religion haben, lieber als die Heuchler, die nach außen hin Anstand wahren, die Gesetze lieblos befolgen, die Feiertage einhalten, aber sich nichts daraus machen. Man sagt, die Atheisten kämen in die Hölle. Ich persönlich glaube das nicht. Ich habe nichtreligiöse Menschen kennengelernt, die eine sehr hohe Moral hatten. In die Hölle kommen die Gedankenlosen, die nur glauben, sie seien Muslime. Die wie du ein Kopftuch tragen und ab und zu beten und auch in die Moschee gehen, aber nichts empfinden dabei. Ich habe in Deutschland gelebt. Dort glaubt man, der Islam sei eine Frauenunterdrückerreligion. Oh diese Unwissenden. Komm uns besuchen, Meltem. Dann wirst du ein anderes Bild bekommen. Es ist die Unwissenheit über ihre Religion, die Männer dazu veranlasste, Frauen zu unterdrücken, weil sie glauben, dies wäre erlaubt. Ebenso ist es Unwissenheit der Frauen, dass sie ihre gottgegebenen Rechte nicht einfordern. Kinder werden erwachsen, um die Dummheit ihrer Eltern zu verewigen. Über die islamische Geschichte hinweg haben Frauen und Männer beiderseits als Gelehrte und Lehrer des Glaubens Respekt geerntet. Die Bücher des Ridschal beinhalten Namen von vielen prominenten Frauen, beginnend mit Aisha und Hafsa.

Sie werden mich also nicht verraten?, fragte Meltem.

Das hängt ganz von dir ab, mein Kind.

Sie wollen, dass ich Ihrer Organisation beitrete?

Weißt du, mein Kind, ich bin nicht sehr religiös aufgewachsen. Mein Vater war Trinker. Er arbeitete im Hafen von İstanbul. Ich trug kein Kopftuch. Geschminkt hab ich mich und amerikanische Musik gehört. Ich trug Lederjacken und Jeans, und die Haare ganz kurz. Da staunst du. Wenn ich so ein Landei wie dich gesehen hätte mit dem Fetzen auf dem Kopf, hätte ich mich bloß lustig gemacht über dich. Selbst als Gottlose hatte ich mehr Persönlichkeit als ihr Jungen. Weder Fisch noch Fleisch seid ihr.

Und dann zeigte Hatice Meltem auf ihrem Handy ein Foto von sich als junger Frau, und Meltem staunte über diesen hübschen Punk auf dem Scan eines ausgebleichten Fotos aus irgendeiner längst zurückliegenden Zeit. Als Hatice Meltems Lächeln sah, verdunkelte sich ihre Miene. Ganz gleich ob es aufrichtig war oder nicht, Hatice kannte kein anderes menschliches Motiv als Berechnung. Wütend packte sie ihr Handy ein.

Schwänze, nicht wahr?

Wie bitte?

Du stehst auf Schwänze.

Seien Sie bitte leise.

Ach was. Wenn man einmal die Wahrheit sagt, muss man leise sein.

Das Grinsen auf Hatices gekräuselten Lippen bedeutete nichts Gutes.

Du hast geglaubt, es sei Liebe, nicht? Wie heißt er denn, der Vater deines ermordeten Kindes?

Ekrem.

Wie passend.

Hatice kicherte sich in die höheren Register hoch.

Bitte, die Leute schauen schon auf uns.

Tatsächlich wandten sich ein paar Passagiere nach der etwas lauten Frau um, schenkten ihr aber keine weitere Beachtung. Für Meltem war der Mord hiermit abgeblasen, und es würde wohl der Freitod werden.

Du hast Angst, aufzufallen, was? Bist überhaupt ein ängstliches Häschen. Aber wir Frauen werden nie was erreichen, wenn wir uns ständig ducken. Allahu ekber. Ich liebe Allah. Er ist mein Licht. Er ist mein Pfad der Freude und der Zuversicht.

Und dann begann sie zu singen.

I am a passenger, I am a passenger, I am a passenger and I ride and ride.

Wieder und wieder sang sie mit verfehlter Tonlage diese eine Zeile und Meltems Wangen füllten sich mit der Hitze der Scham.

Iggy Pop, sprach Hatice, das haben wir damals gehört. Verstehst du. Und was hörst du? Tarkan. Ha?

Dabei parodierte sie die schmatzenden Kussgeräusche aus Tarkans Hit Şımarık.

Und glaubst du, Tarkans Schwanz riecht nach Rosen?

Als sie merkte, wie peinlich Meltem ihr Benehmen war, sang sie mit triumphierendem Lächeln weiter.

Singing la la la la la la la la, singing la la la la la la la la …

Meltem setzte sich die Kopfhörer auf. Hatice riss sie ihr runter.

Wäre es ein Mädchen oder ein Junge geworden?

Ich weiß nicht. Wirklich nicht.

Und dein Ekrem hat sich aus dem Staub gemacht.

Woher wissen Sie …?

I am a passenger, and I ride and ride.

Du warst über beide Ohren verliebt in ihn. Du hast ihn gebeten, ein Kondom zu nehmen oder zumindest aufzupassen.

Meltem nickte.

Als der Streifen rosa war, hast du dich gefreut, und dir vorgestellt, wie du im Ikea von Bingöl gemeinsam mit deinem Ekrem Möbel aussuchst.

Meltem starrte Hatice fassungslos an.

Lass mich raten, dein Ekrem arbeitet bei einer Versicherungsgesellschaft.

Damit war Hatice zu weit gegangen. Ekrem war Baggerfahrer, und Meltems Erstaunen war wieder nüchterner Abneigung gewichen.

Ach, Sie wissen überhaupt nichts.

So nahe beugte sich Hatice zu Meltems Gesicht hinunter, dass ihre Nasenspitzen einander beinah berührten.

Ich weiß überhaupt nichts, sagst du? Ich weiß nicht viel. Aber das Wichtigste weiß ich. O ja! Ich weiß, dass immer, wenn er seinen stinkenden Bockschwanz in dich gejagt hat und seine ganze Verachtung, seinen Triumph in dich gerammelt hat, dann hast du geglaubt, er liebt dich, und je brutaler er dich mürb gefickt hat, desto mehr hieltst du das für Leidenschaft, du selten blödes Weiberschaf.

Aus Meltems tränenschweren Augen loderte Hass, und dieser Hass gab Hatice recht.

Ihr seid alle so dumm. Mit euren dummen Mädchenträumen. Amán, amán, wie dumm ihr seid. Sie waschen ihre Elefantenrüssel nicht einmal, so sehr verachten sie uns. Und am liebsten würden sie hundert Löcher in uns schneiden, um uns auch dort demütigen zu können, nachdem unsere Fotzen von tausend Vergewaltigungen, Geburten und Fehlgeburten ausgeleiert sind wie die Lippen alter Esel. Und wenn sie unsere Seelen aufgefressen haben, dann kommen die Europäerinnen dran, und selbst die Feministinnen fallen auf sie herein. Am Anfang ist es antirassistische Sozialarbeit, wenn sie sich die Eselsschwänze unserer Männer reinstecken lassen, aber wenn unsere Mustafas ihren ganzen Hass dann in Sybille und Susi reinficken, dann glauben auch die, dass es Liebe ist. Ich war dort und hab es gesehen.Nirgends ist die Würde der Frau besser aufgehoben als in unserer alten Religion, glaub es mir, Canım, wir müssen sie nur für uns zurückerobern.

Das war Hatices Hauptthese, und sie verspürte Lust, diese zu wiederholen. So wollte es Meltem scheinen. Doch wie alle Menschen mit Mitteilungszwang war die Alte schwächer, als sie sich anfangs dargestellt hatte. Achteinhalb Stunden blieben Meltem, sie für sich einzunehmen. Also nickte sie und gab Interesse vor. Doch Meltem war eine schlechte Schauspielerin. Denn Hatice hatte nicht nur Sendungsbewusstsein, sondern wie alle unaufrichtigen Menschen einen Sinn für die Aufrichtigkeit anderer. Oder nennen wir es Verfolgungswahn, der eher aus Zufall als aufgrund von Beweisen recht behält.

Und du kleine Hure glaubst wirklich, dass du mich reinlegen kannst. In Bingöl und Umgebung hat unsere Organisation tausendsiebenhundert Mitglieder, wir haben Informantinnen in beinahe allen Kliniken und Organisationen des Landes. Ich werde mit dir zu deinen Eltern gehen. Und selbst wenn du entwischst, wir finden dich. Die gottlosen Gesetze mögen dich schützen, aber der gerechten Strafe Gottes entgehst du nicht. Als uns der Präsident vor vier Monaten besuchte und wir ihn auf das Gesetz ansprachen, da hat er uns bei der Ehre seiner Mutter geschworen, dass er alles dafür tun werde, es zu Fall zu bringen. Mein Kind, die Zeiten ändern sich.

Ein plötzlicher Schmerz durchzuckte Meltems Unterleib.

Ha, schickt dir dein Töchterchen Grüße aus dem Paradies? Möge der Frieden und Segen auf unserem Propheten Muhammad, seiner Familie und seinen Gefährten sein.

Wieder keimte in Meltem der Wunsch, Hatice zu töten. Ihr Und in Gedanken flehte sie Ekrem um Hilfe an. Und der kam auch – in Gedanken – und stieß der Hexe das Butterflymesser in den Nacken. Meltems Fantasien korrigierten sich. Nichts würde von Ekrems Entsatz künden. Nur plötzlich, gerade in dem Moment, wenn das Weib die niederträchtigsten Beschimpfungen ausstieß, würde plötzlich die Messerspitze aus ihrem Adamsapfel treten und Hatices Tiraden würden in ebenso grässlich anzuhörendem Röcheln ersterben. Ekrem würde sie an der Hand nehmen und mit ihr gemeinsam flüchten, nach Almanya. Und ihre schändliche Tat würde sie bis an ihr Lebensende aneinanderbinden. Der Bus hielt in der Station von Bolu. Der Kaptan kündigte durchs Mikrofon an, dass die Pause wegen einer kleinen Reparatur länger dauern würde.

Hatice ließ nicht mehr von der jungen Frau.

Komm mit!

Sie nahm Meltem an der Hand und führte sie zur Toilette.

Was wollen Sie von mir?

Wir gehen in den Gebetsraum.

Ich muss zuvor pinkeln.

Aber mach schnell.

Als Meltem ihre mit Blut vollgesogene Binde sah, und darauf kleine Gewebsstücke zu erkennen glaubte, musste sie wieder heulen. Die Tränen hörten auch nicht auf zu fließen, als sie in den großen Vorraum zurückkam, wo die Zahl der Fußwaschhähne die der Waschbecken übertraf und wo Hatice ungeduldig auf sie wartete.

Hatice hieß sie auf einem der kleinen Hocker neben einem der Wasserhähne Platz nehmen, zog ihr grob die Sneakers aus, streifte die Socken von ihren Füßen und wusch diese. Das kitzelte. Mit strengem Blick gebot Hatice Meltems Lachen Einhalt.

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