Kitabı oxu: «Die wichtigsten Werke von Richard Voß»

Şrift:

Richard Voß

Die wichtigsten Werke von Richard Voß

Brutus auch Du!, Das Haus der Grimaldi, Die Auferstandenen, Alpentragödie, Römische Geschichten…


Books

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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-2300-8

Inhaltsverzeichnis

Romane

Rolla

Die Auferstandenen

Römisches Fieber

Michael Cibula

Villa Falconieri

Brutus, auch Du!

Das Haus der Grimaldi

Zwei Menschen

Alpentragödie

Erzählungen

Die Todteninsel

Römische Geschichten:

Die Sabinerin

Felice Leste

Die Mutter der Catonen

Die Rächerin

Santa Maria di Galera

Die Lichter Roms

Der Hamlet von Tusculum

Ägyptische Geschichten:

Wenn einer in die Wüste geht

Der goldene Tod

Der Rächer von Philä

Das Liebesnest

Der ritterliche Sir John

Das Große

Die weiße Stadt

Die Königin Makere

Ein Totschläger

Drei Frauengestalten des Herodot

Die Sperre der Rhodopis

Die Memnonssäule klingt nicht mehr

Die Camaldolenserin

Licht aus!

Der gute Fra Checco

Romane

Inhaltsverzeichnis

Rolla

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil

Erstes Kapitel Schwankende Gestalten

Zweites Kapitel Unser Häuschen

Drittes Kapitel Junge Talente, junge Freuden und Leiden

Viertes Kapitel Allerlei Wehmütiges und Sehnsüchtiges

Fünftes Kapitel Unser Mietsherr

Sechstes Kapitel Große Entscheidungen

Siebentes Kapitel Die ersten Lehrjahre

Achtes Kapitel Ein Freund und ein Arzt

Neuntes Kapitel Mein lieber Arzt fängt seine Kur an

Zehntes Kapitel Die Kur wird fortgesetzt

Elftes Kapitel Ohne Ruhe und Maß

Zwölftes Kapitel Lehrmethoden

Dreizehntes Kapitel Es wird wahr

Vierzehntes Kapitel Vorbereitungen

Fünfzehntes Kapitel Die Kerkerszene

Sechzehntes Kapitel Umfaßt von meinen Armen

Siebzehntes Kapitel Am Vorabend großer Ereignisse

Achtzehntes Kapitel Die junge Hofschauspielerin

Neunzehntes Kapitel Ich lebe!

Zwanzigstes Kapitel Ich lebe

Einundzwanzigstes Kapitel Der kranke Königssohn

Zweiundzwanzigstes Kapitel Meines Trauerspieles erster Akt

Zweiter Teil

Erstes Kapitel »Frau Prinzessin«

Zweites Kapitel Auf nach Rom!

Drittes Kapitel Sie rückt und weicht

Viertes Kapitel Neues Leben

Fünftes Kapitel Dämonen

Sechstes Kapitel Vor dem Sturm

Siebentes Kapitel Der neue Tag

Achtes Kapitel Vor der Katastrophe

Neuntes Kapitel Meines Trauerspiels dritter Akt

Zehntes Kapitel Ein Erwachen

Elftes Kapitel Neues Leben

Zwölftes Kapitel Ich mache Entdeckungen

Dreizehntes Kapitel Das Drama wird in Szene gesetzt

Vierzehntes Kapitel Das Passionsspiel

Fünfzehntes Kapitel Auf der Wasserfallalm

Sechzehntes Kapitel Herbststimmungen

Siebzehntes Kapitel Beglücken und beglückt

Achtzehntes Kapitel Frühlingsfluten

Neunzehntes Kapitel Die Flut steigt

Zwanzigstes Kapitel Sie wächst und wächst

Einundzwanzigstes Kapitel Es durchbricht den Damm und vernichtet

Zweiundzwanzigstes Kapitel Künstlerin und Virtuosin

Dreiundzwanzigstes Kapitel »Singt: Weide, Weide, Weide«

Es ist nichts Erdachtes und Gedichtetes, was in diesen Blättern erzählt wird, so daß man dabei von keinem Verfasser, sondern nur von einem Herausgeber sprechen kann. Etwaiges Forschen nach der hochsinnigen und unglücklichen Frau, die, eine geniale Schauspielerin, in diesem Trauerspiel als Dichter und Akteur zugleich vor uns tritt, mögen unterlassen bleiben; es wäre verlorene Mühe. Bei der Veröffentlichung dieser Erinnerungen – dieser Bekenntnisse – mußte nämlich so verschweigend, so verhüllend verfahren werden, daß selbst Vermutungen nicht rege werden durften. Aus solchem Grund sah sich der Herausgeber genötigt, das Leben seiner Heldin nicht nur in eine etwas mehr zurückliegende Zeit zu versetzen, sondern auch von den Aufzeichnungen alles dasjenige wegzulassen und zu unterdrücken, was darin die intimsten Verhältnisse gewisser Bühnen und noch lebender Personen berührte. Er tat dies mit dem Bewußtsein, dem Buche gerade den Teil seines Inhaltes nehmen zu müssen, der für viele das größte, ja ausschließlichste Interesse gehabt haben würde. Auch um seiner lieben Idealistin willen, war ihm solches Verfahren eine bedauernswerte Notwendigkeit. Mußte er doch von ihrer Gestalt vieles ablösen und ausscheiden, was so sehr ihr eigenstes Selbst war, daß dadurch an ihrem Bilde mancher liebenswürdige und bedeutende Zug zerstört wurde. Es werden sich demnach in diesen Mitteilungen Lücken bemerklich machen, deren Ausfüllung einer späteren Zeit vorbehalten bleiben mag. Für den Moment erwarte niemand, von dieser Lektüre die angenehme Aufregung etwaiger »Enthüllungen«, dieses heutzutage so beliebten, pikanten literarischen Gewürzes. Es ist in der Tat nur ein tragisches Frauenschicksal mehr, von dem der Leser erfahren wird: eben eine echte wahre Lebenstragödie. Vielleicht nur dadurch besonders erschütternd wirkend, weil »Komödiespielen« zufällig der Beruf der Heldin war. Die Gestalt, in welcher die Schauspielerin in diesem Drama vor das Publikum tritt, ist vor allem die der Frau. Allerdings gibt es keine tragischere Rolle.

Also nur Schicksale, nicht Namen!

Wozu Namen?

Sie bedeuten so wenig, wenn es nur ihre Geschichte ist, durch die sie die Gemüter bewegen – sie bedeuten so viel, wenn man sie der Verleumdung preisgibt.

Den Namen unserer Freundin – als solche sei sie hier gleich bezeichnet –- nennt, von unverwelklichem Lorbeer umkränzt, die Geschichte der Schauspielkunst. Ihn nennt ihr Grabstein, den der Rosenstrauch beschattet, welchen die Hand eines treueren Freundes pflanzte, als der Herausgeber dieser Hinterlassenschaft der Verstorbenen sein durfte. Ihren Namen nennt gewiß noch mancher Mund, der ihr einst zujubelte, als sie, jung und schön, die begeisterte Menge fortriß zu Ausbrüchen stürmischen Entzückens.

Nun wäre es indessen vielleicht doch möglich, daß dieser oder jener besonders Vertraute sie erkennt. Plötzlich sieht er sie wieder vor sich stehen: als Gretchen und Klärchen; als Desdemona und Ophelia, als Hero und Sappho. Eine ganze Schar leuchtender, unsterblicher Gestalten zieht an ihm vorüber.

Doch gewiß wird er schweigen; er weiß ja warum. Streifte doch auch ihr Kleid die Erde!

Du aber, beschaulicher Freund, der du als Wanderer das Leben durchschreitest, du magst bei etwaiger Betrachtung dieses vernichteten schönen Daseins mit jenem anderen Wanderer ausrufen:

Schätzest du so, Natur,

Deines Meisterstücks Meisterstück?

Unempfindlich zertrümmerst du

Dein Heiligtum.

Frascati, Villa Muti, im März 18..

Erster Teil

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel
Schwankende Gestalten

Inhaltsverzeichnis

Heute, beim Kramen in alten Papieren, fiel mir ein Paket Photographien in die Hände. Das vergilbte Seidenband, welches es zusammenhielt, löste sich, so daß die einzelnen Blätter sich vor mir ausstreuten. Gedankenlos nahm ich eines der Bilder auf: ein junges Mädchen im altmodischen, weißen Mullkleid, Blumen im Haar, mit großen, sehnsuchtsvollen Augen – –

Nachdem ich das Bild lange betrachtet, legte ich es fort, ohne eine der übrigen Photographien angesehen zu haben. Dann stand ich auf, trat zum Spiegel und blickte lange auch mein Spiegelbild an. Aber wie betäubt ließ ich endlich von der Totenschau ab. Beide Hände vor das Gesicht gepreßt, das solche Veränderung erlitten, versuchte ich darüber nachzudenken; und jetzt – es ist tief in der Nacht – sitze ich und beginne die Geschichte jener Wandlung niederzuschreiben.

Ich führe den ungewöhnlichen Namen Rolla, nach meiner Großmutter so genannt, einer schönen, stolzen, unerbittlich strengen Frau, die von meiner Mutter, obgleich ihrer Heirat wegen von ihr verstoßen, schwärmerisch geliebt wurde.

Mein Vater war Lehrer an einer Stadtschule und zwar in so bescheidener Stellung, daß er Zeit seines Lebens mit Sorgen zu kämpfen hatte. Er starb in seinen besten Jahren, kurze Zeit nach meiner Geburt. Kaum konnte er das kleine Geschöpf an sein Herz drücken, sich freuend, daß es die blauen, strahlenden Augen der Mutter hatte und allem Anschein nach den trotzigen Mund des Vaters bekommen würde.

Diesen frühen Tod des Gatten und Ernährers machten besondere Umstände noch trauriger.

Mein Vater hatte sich leidenschaftlich in meine Mutter verliebt, als er in der reichen, nordischen Patrizierfamilie dem schönen Mädchen Unterricht im Zeichnen erteilte. Seine Neigung geheim haltend, denn er war arm und stolz, suchte er eine Empfindung zu unterdrücken, die ihn unglücklich machen mußte. Er beschloß, zu gehen, ging auch, nachdem er beim Abschied erfahren, daß er wieder geliebt werde.

Lange Zeit widerstand meine Mutter den Bitten, Vorwürfen und Drohungen der Ihrigen. Ihr Vater starb unterdessen, ebenso einer der Brüder; während ihre einzige Schwester, die eine Konvenienzheirat geschlossen, sich von ihrem Manne scheiden lassen wollte. Doch nichts konnte meine Großmutter erweichen. Sie sah ihre zarte Tochter hinwelken, die Ärzte sprachen sogar von Auszehrung: aber das Rettungsmittel, das so leicht hätte gegeben werden können, wurde der Ärmsten verweigert.

Ebenso unerschütterlich blieb ihr Verlobter. Er war ein Handwerkerssohn und besaß keine großen Fähigkeiten, wenigstens nicht zum Lehrberuf. Mit seinem kräftigen Wesen und seiner freien, zuweilen wild ausbrechenden Natur hätte er besser zum Landmann oder Jäger gepaßt. Zu hartnäckig, um aufzugeben, was er einmal angefangen (ein kleines Zeichentalent und drückende Verhältnisse gaben die erste Veranlassung zu seiner Wahl), bekleidete er in der Hauptstadt die Stellung an einer guten Volksschule. Hoffnungslos, jemals das heißgeliebte Mädchen sein Weib nennen zu dürfen, beschwor er dieses, ihn aufzugeben.

Er erwartete gerade ihren letzten Brief; da kam sie selber: eine Ausgestoßene, eine Verlorengegebene – eine Gerettete! Aber es dauerte lange, bis Liebe und Glück diese, in ihrem innersten Sein zerrüttete Natur wiederherzustellen vermochten, und erst nach vielen Jahren wurde das erste Kind geboren. Der glückliche Vater sah es und starb.

Gottesglaube und Mutterliebe machten es der Witwe möglich weiterzuleben; aber ihr Dasein, das sich eben erst zu einer spaten Blüte hatte entfalten wollen, war für immer geknickt. Solange sie lebte, blieb sie zart und kränkelnd, für ihre schwärmerisch angelegte Tochter in ihrer himmlischen Güte und Holdseligkeit eine fast unirdische Gestalt.

Denke ich an meine ersten, schattenhaften Erinnerungen zurück, so sind das Bild meines Vaters und das Grab meines Vaters die ersten starken Eindrücke, auf die ich mich besinnen kann. Wenn ich noch das schöne, stille Antlitz meiner angebeteten Mutter und das freilich minder liebliche unserer getreuen Magd nenne, so habe ich damit die vier großen Empfindungen meiner Kindheit bezeichnet.

An sonnigen Sommernachmittagen ging die Mutter, die immer ein schwarzes Gewand trug, zuweilen mit mir zum Tor hinaus. Wie ich mich jedesmal darauf freute! Ich hatte mein Sonntagskleid an und beide Händchen voll Blumen. Wir kamen in einen großen Garten – wie war es da schön! Unter dunklen Bäumen standen viele weiße, schimmernde Steine, viele blasse Bilder, um welche Rosen und Lilien blühten. An kleinen, umgitterten Blumenbeeten knieten Frauen, alle schwarz gekleidet wie die Mutter. Einige weinten. Ringsum war's geheimnisvoll, lautlos und feierlich! Wenn ich über einen Schmetterling, der im Sonnenschein über die Blüten gaukelte, aufjubeln wollte, so ward mir das gleich verwiesen. Dann mußte ich meine Blumen auf einen Stein niederlegen, der ganz voll hübscher, goldiger Zeichen war.

Zu Hause spielte ich dann: »Das Grab meines Vaters«.

Selbst ein Grab zu haben war damals meine höchste Sehnsucht. Ein solches dünkte mir schöner, als die rosigen Abendwolken und der Sternenhimmel. Seltsam ist, daß jetzt, da ich dieses schreibe, meine heftige Kindersehnsucht wieder zurückkommt: ein Grab mir lieber ist und mir schöner deucht, als der Himmel mit all seinen Seligkeiten.

Ich war ein äußerst phantastisches Kind. Leicht konnte ich mir vorstellen, daß die Steine Lichter seien, die allabendlich von den Engeln angezündet wurden. In meinen Träumen sah ich das ganze Firmament mit lichten Gestalten bevölkert. Aber trotz meiner glühenden Vorstellungskraft gab es ein Wesen, dem ich keine Gestalt zu verleihen vermochte; das war Gott.

Daß ich mir diesen großen und guten Geist gar nicht denken konnte, verursachte mir seltsamem Kind bereits damals heftigen Schmerz; denn bereits damals hatte ich das dringende Bedürfnis, mir alles, wovon ich hörte und was mich lebhaft beschäftigte, zu verkörpern und dann in diese leuchtenden Erscheinungen mein eignes kleines Ich hineinzuphantasieren.

Da mag man sich denn vorstellen, was für mich die Märchen waren. Meine feinsinnige Mutter, tief erschrocken über die heftige Aufregung, in die ich durch jede Geschichte versetzt wurde, versuchte ängstlich, mich vor solchen Erschütterungen zu bewahren. Dennoch wußte ich mir die verbotenen Genüsse zu verschaffen, deren gefährliche Wirkung durch die Heimlichkeit, mit der ich sie genoß, nur verstärkt wurde. Ich sehe mich noch, ein ganz kleines Ding, zitternd vor Erregung, in die Küche schleichen, Luisen, die gute Seele, die mir nichts abschlagen konnte, beschwörend: mir aus »Barmherzigkeit« die Geschichte von dem armen Aschenputtel oder dem lieben Schneewittchen nur »noch ein einziges Mal« zu erzählen. Es bedurfte stets eines großen Aufwands von Liebkosungen und Schmeichelworten, bis ich Luisens Zaudern und Zweifeln überwunden und sie dazu vermocht hatte, mir unter Brummen und Schelten einige Brosamen von ihrem Märchenschatz zuzuwerfen. Die Mutter war vielleicht gerade ausgegangen oder in der Dämmerstunde ein wenig eingenickt.

Da hockte ich nun auf meinem kleinen Fußschemel, die Händchen gefaltet, wie ich es beim Gebet tun mußte, mit großen staunenden Augen an den unlieblichen Lippen der Erzählerin hängend. Für meinen heißen Durst erhielt ich wirklich nur tropfenweise gespendet. Nichts weniger als ein weiblicher Cicero, stammelte Luise die einfachen Geschichten so verwirrt her, wie auf der ganzen Welt nur sie allein es fertig bekam. Schon beim drittenmal kannte ich sie besser als meine Fatima selbst. Eine Weile ertrug ich's, bis ich – Luise befand sich vielleicht gerade in einer hoffnungslosen Konfusion über das verwandtschaftliche Verhältnis Schneewittchens zu ihrer Stiefmutter – flehentlich bat: »Willst du es mir nicht sagen, liebste, beste Luise?«

Sie sagte mir's, aber gräßlich falsch! Das hielt ich nicht aus. Ich sprang auf.

»Ach, Luise, das ist ja nicht wahr!«

»So!« rief diese, höchlichst entrüstet, »willst du's besser wissen, kleines Ding? Will das Küchlein schon jetzt klüger sein als die Henne?«

»Sei mir nicht böse; aber es war ganz gewiß anders.«

Nun erzählte ich das Märchen, wobei ich die Personen stets selbst sprechen ließ. Hatte Dornröschen oder Aschenputtel etwas zu sagen, so stellte ich mich vor Luisen hin, bewegte meine Ärmchen und ließ meine kleinen Heldinnen mit rührender Stimme ihr Leid klagen. Kam es zum Sterben, so konnte ich oft vor Schluchzen nicht weiter; wachte jedoch Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg wieder auf und wurde Aschenputtel zuletzt gar Prinzessin, so war die Freude grenzenlos.

Luise, die, zuerst auf das tiefste beleidigt, mächtig mit ihren Tellern und Schüsseln geklappert, war allmählich ganz still geworden. Von Zeit zu Zeit brach sie in begeisterte Ausrufe aus, womit sie mir immer förmlich weh tat. Hatte ich geendet, pflegte sie niederzuknien, mich zu küssen und an sich zu drücken, bis es mir den Atem benahm. In stillem Glück ging ich fort, hinaus in den Garten, wo ich mich unter einem Strauch niederkauerte und noch eine gute Weile Aschenputtel oder Schneewittchen weitererlebte.

Ich müßte jetzt von meiner Mutter sprechen – als ob sich's von einer Mutter sprechen ließe! Ich will erzählen, wie sie aussah, was sie tat, wie sie mich liebte. Wie sie aber war, was sie war, das kann ich so wenig erzählen, als sich's erzählen läßt, was Liebe und Güte ist. Ich sehe sie vor mir. Sie trägt ihr schlichtes, dunkles Kleid. Ihr lichtbraunes Haar ist tief über Stirn und Wangen gelegt. Wie blaß diese sind! Oft fährt sie mit ihrer zarten, weißen Hand über den Scheitel hin, den weichen Glanz mit leichter, leiser Bewegung glättend. Was ist's für eine sanfte, gütige Hand! Außer einem, der längst im Grabe ruht, weiß das nur ihr Kind.

Während mir die Mutter wie eine meiner Märchengestalten selbst erschien, sah ich sie viele Stunden des Tages eine Arbeit verrichten, die mir, die ich staunend zuschaute, ein Wunder deuchte. Die Blumen, die draußen aufsproßten und dufteten, erblühten vor meinen Augen auf ihrem Schoß, ein ganzer Garten von Knospen und Kelchen!

Mit ihrem zarten Gesicht und ihrer schmächtigen, zierlichen Gestalt, sah sie fast jugendlich aus; und das selbst dann noch, als ihr brauner Scheitel bereits zum reinsten Weiß erbleicht war. Das kam allerdings sehr früh. Wie sie später nicht mehr zu sorgen und zu sparen brauchte, vertauschte sie ihr schwarzes Kleid mit einem lichten. Als käme ihr mit dem späten Glück noch einmal die Jugend zurück, sah ich die geliebte Gestalt von da an immer gleichsam von Schimmer umflossen. Und so erblicken meine Augen sie jetzt, wo ich nicht mehr zu dem heiligsten Platz, den der Mensch auf der Welt hat, flüchten kann, zu der Brust der Mutter, um dort auszuruhen und Frieden zu finden.

Zweites Kapitel
Unser Häuschen

Inhaltsverzeichnis

Wir wohnten in der großen Stadt in einer Weise, die noch jetzt als das wunderlieblichste Idyll in mir nachklingt.

Auch die Residenz hatten einst Mauern umzogen, an denen Gärten und Gemüsefelder lagen oder gar Getreideland anstieß. Allmählich wandelte sich die ganze freie Weite in Stadt um. Wo sich keine Straßen zogen, entstanden Villen oder Fabriken. Von den Feldern blieb nichts übrig, von den Gärten wenig; zuletzt mußte selbst die alte, ehrwürdige Stadtmauer fallen. Aber noch war hier und dort das Häuschen eines Gärtners stehengeblieben und wohl auch der Garten, der nun inmitten hoher, düsterer Wände recht wie ein freundliches, grünes Eiland dalag; auch wie ein solches von dem rauschenden und tosenden Gewühl der Großstadt umbrandet.

Ein derartiges, trauliches Asyl war meiner Kindheit und ersten Jugend zur Heimat beschieden. Das kleine niedere Haus lag ganz von Grün umgeben und war bis zum Dach von Efeu umsponnen; im Juni blühte ringsumher hochstämmiger Holunder, und ein prachtvoller Nußbaum überschattete es. Eine schmale Holztreppe führte vom Garten zu dem einzigen Geschoß des Häuschens hinauf. Vor der Tür gab es einen kleinen Altan, den tief überhängende Weinreben zu einer Laube machten. An jedem sonnigen Tag zog sich das Leben des Hauses ins Freie hinaus. Unter Blumen bildete die Mutter ihre Blumen; auf der Türschwelle saß Luise, las das Gemüse oder rührte ihren ewigen Strickstrumpf, indessen ich ab und zu lief, die kleine Brust voller Kinderlust, die mir gewiß aus den Augen strahlte, hell wie der Sonnenschein selbst. Dann wiederum konnte ich stundenlang dasitzen, der Mutter zusehen oder in den leuchtenden Tag hinausträumen, wie dieser auf den Rebenblättern und dem Laub des Baumes seine goldigen Lichter tanzen ließ. Oder ich saß da, die Schreibtafel auf dem Schoß, emsigst deren glänzendes Schwarz mit Hieroglyphen füllend; auf dem Schoß lag auch das Büchelchen, daraus zur stillen Freude der Mutter und zum lauten Entzücken Luisens mit lauter Stimme vordeklamiert wurde.

»Nein, was das Ding gescheit ist! Solch ein Kind, wie unseres, gibt's gar nicht mehr. Was aus dem wohl noch einmal werden wird!?«

Zu solchen und ähnlichen Ausrufen einer völlig fanatischen Bewunderung meiner hübschen, klugen und wohl auch recht liebenswürdigen, kleinen Person war die Getreue zu jeder Zeit bereit. Es mußte denn sein, daß sie sich gerade in der Stimmung befand, in welcher sie mit großer Entschiedenheit die unbestreitbare Behauptung aufstellte, daß »man doch auch ein Mensch sei«.

Unsere gute Luise! Mit feuchten Augen muß ich lächeln. Sie war eine hoch aufgeschossene, überaus schlank gewachsene Jungfrau, schwarzhaarig und schwarzäugig. Von Antonios Wiege waren die Grazien nur fern geblieben; wären diese Huldinnen durch einen unglücklichen Zufall an die Wiege unserer Luise geraten, darin dieses merkwürdige Wickelkind mit hochrotem Gesicht (das sie zeitlebens beibehalten) die Welt anschrie – die entsetzten Göttinnen hätten sich sicher wehklagend geflüchtet. Zu der glücklichen Zeit, da ich die Vortreffliche als »meine Luise« liebte und – fürchtete, führte sie zwar mit ihrer ehrlichen Hand Samstags kräftig genug den Besen; aber daß dieselbe Hand des Sonntags jemals zu karessieren verstanden, wage ich nicht zu behaupten.

Sie war aus demselben Dorf, wie mein Vater, den sie vergötterte, und dem sie, schon damals, eine Person in den gesetztesten Jahren, in der Stadt die kleine Wirtschaft führte, Freude und Leid der Familie nicht als Dienerin, sondern als Freundin tragend. Sie hatte mich in die Wiege gelegt, den Vater in den Sarg und war mit den Jahren so sehr zu »unserer« Luise geworden, daß ich mir damals die Welt ohne sie gar nicht zu denken vermochte.

Sie war eine schlichte, rechtliche und kräftige Natur, gedankenlos, aber mit ungemeiner Heftigkeit der Empfindung, die sie auf die leidenschaftlichste Weise auszudrücken pflegte. Von den Menschen dachte sie lieber Schlechtes als Gutes, war immer ahnungsvoll, immer mißtrauisch, witterte überall Hinterlist und Tücke, befand sich stets gegen alle Welt in der Defensive. Mit höchstem Pathos bejammerte sie fortwährend die Armen, beneidete sie fortwährend die Reichen, wobei sie sich feierlichst als eine »Demokratin« erklärte. Sie war natürlich sehr fromm, hegte eine leidenschaftliche Vorliebe für alle geistlichen Vereine und Bibelgesellschaften, hielt sich dann und wann für eine arge Sünderin, schluchzte bei jeder Predigt und kritisierte nebenbei den neuen Hut ihrer Nachbarin. Sie glaubte an Geister und Träume, war stets voller »Ahnungen«, prophezeite für jeden Tag in der Woche ein Unglück, buk meisterhaft Schmalzkuchen und machte unübertrefflich Salzgurken ein. In ihrer Küche erhielt der Sonntag noch dadurch eine besondere Weihe, daß sie, eine mächtige Hornbrille auf die stattliche Nase rückend, unter lautem Gestöhn eine Bußandacht abbuchstabierte. Nie hätte sie einem Bärbelchen verziehen, einem Gretchen noch weniger.

Trotz solcher gestrengen Sinnesart hatte sie ihre großen Schwächen, deren größeste wohl meine kleine Person war: ihre Rolla! Dann kam die Mutter: » ihre Frau«! Dann die Küche: » ihre Küche«, bis zum letzten blitzblanken Kessel darin: » ihre Kessel«! Auch auf die stets reinlich leuchtenden Fußböden und schneeweißen Gardinen war sie ganz unchristlich stolz, und, was die ersteren anbetraf, auch wohl christlich unduldsam.

Sie besaß eine bedenkliche Neigung für die lebhaftesten Farben, die sie womöglich alle an ihrem eignen Leibe unterzubringen suchte. Mit besonderem Entsetzen entsinne ich mich einer hochroten Flanelljacke, nur um eine Nuance heller als Gesicht und Hände. Da ich sie tagtäglich behaupten hörte, daß jeder Mensch seine Eigenheiten habe, hielt ich bewußtes Konglomerat von Farben: die ihrer Jacke und die ihres Gesichtes für Luisens angeborene Eigenheit und ergab mich darein.

Natürlich war nicht die Mutter Herrin und Beherrscherin unseres kleinen Reiches, sondern Luise, Was diese wollte, geschah, was diese nicht wollte, geschah nicht. Sie gebot und wir waren gewöhnlich sehr glücklich und dankbar, wenn es unserer gestrengen Dienerin beliebte, guter Laune zu sein, oder einmal Gnade vor Recht ergehen zu lassen.

Mit mir trieb sie eine Art von Götzendienst. Ich war für sie nämlich ein so schönes, so kluges, so wunderbares Kind, daß mein Dasein sie geradezu fassungslos machte. Offnen Mundes staunte sie das Wunder meiner Existenz an, mit unerschütterlichem Glauben prophezeiend (die gute Seele hatte von ihren Märchen profitiert!), daß sicher noch einmal etwas »Großes« aus mir werden würde; zum Beispiel eine Prinzessin. Ihrer durchaus maßgeblichen Meinung nach brauchte ich nur zu wollen, um mich eines schönen Tages per goldener Kutsche auf irgendeinen gerade vakanten Königsthron befördern zu lassen. Kurz diese »böse- gute, liebe-schlechte« Luise verwöhnte mich gründlichst.

Ihr schönen, glücklichen Zeiten! Ihr verklungenen Klänge, noch einmal klingt in mir nach!

Kindheit! Kindheit! Ist es denn möglich, daß die Sonne so hell scheinen, eine Blume so duften kann?! Kindheit! Kindheit! Du schönstes Märchen, du wundersamstes Gedicht, bist du auch mir jemals erklungen? Noch immer mit braunem Haar, kann ich kaum noch begreifen, wie der gramvolle Mensch je ein fröhliches Kind gewesen sein soll, das junge Herz so voll Sonnenscheins, daß ihm die trüben Tage nicht dunkler deuchten als die heiteren. Kindheit! Kindheit! Ich erlebe dich wieder und mir wird so wohl, mir wird so weh! Ich schließe die Augen, um einzuschlafen und noch einmal so selig zu träumen. Ein Meer von Strahlen steigt wirbelnd aus dem Dunkel auf. Töne umbrausen, Melodien umrauschen mich. Still, weckt mich nicht!

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Yaş həddi:
18+
Litresdə buraxılış tarixi:
13 noyabr 2024
Həcm:
4220 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788027223008
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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