Kitabı oxu: «Slow Dancing In A Burning Room»

Şrift:

Rika Mayer

Slow Dancing In A Burning Room

Volume 3 2013-2014

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Coda

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Anmerkung

Impressum neobooks

Coda

Slow Dancing In A Burning Room

Volume 3

2013 - 2014

Roman

Rika Mayer

für Kathi, Maret, Chris und Daniel

“You think you know a story, but you only know how it ends.

To get to the heart of the story, you have to go back to the beginning.”

Jonathan Rhys Meyers as King Henry VIII in The Tudors

1

„Du musst ihn nicht tragen.“ Er saß im Bett, völlig verschlafen, mit wirrem Haar und starrte auf die kleine Schachtel die Linnea ihm in die Hand gelegt hatte, kaum dass sie ihn mit einem langen Kuss wach geküsst hatte. Sie saß vor ihm und beobachtete ihn, sah wie die Gedanken in seinem Kopf übereinander stolperten und wusste, sie hätte ihm etwas anderes schenken sollen. Etwas Banales. Oder gar nichts. „Haydn“, versuchte sie, die Sache etwas herunterzuspielen. „Haydn, ich hab ihn nur gesehen und gedacht, er könnte dir gefallen. Es hat nichts zu bedeuten, oder so.“ Er erwiderte immer noch nichts und sie begann etwas nervös zu werden. „Ich kann ihn bestimmt zurückgeben und dir ein paar neue Gitarrenseiten kaufen.“ Er nahm den Ring aus der Schachtel und drehte ihn langsam hin und her. „Haydn…“ „Léa“, sah er endlich auf. „Würdest du aufhören, dich dafür zu entschuldigen?“ Oh… „Ich… Ich habe nur aus deinem Blick gelesen.“ „Ich habe nur noch nie etwas Derartiges bekommen.“ Okay, das stimmte nicht, aber das konnte er ihr nicht sagen. Er reichte ihr den Ring und hielt ihr seine Hand hin. Seine linke Hand. Sie ließ seinen Blick nicht los, als sie ihn ihm ansteckte. „Was ist mit den Ringen die du immer trägst?“ Er hielt ihre Hand fest. „Den einen habe ich dem Rektor der Schule in Paris geklaut.“ Sie betrachtete ihre Hände ineinander, sein Ring an ihrem und ihr Ring an seinem Finger. „Hast du nicht.“ „Lies mein Zeugnis. Am Ende findest du eine Notiz an meine Eltern.“ „Nach allem was du mir vor Weihnachten erzählt hast, schaffst du es immer noch, mich zu überraschen.“ Seine Augen blitzten und er hob ihre Hand an den Mund, um seinen Ring zu küssen. „Wetten, ich schaff das noch mal?“ Sie zog eine Augenbraue hoch und er reckte sich zu seinem Nachttisch und öffnete die oberste Schublade.

„Um was wetten wir?“, richtete er sich wieder auf. „Haydn“, winkte sie ab. „Ich wette nicht mit dir.“ „Weil du weißt, dass du verlieren würdest“, triumphierte er und legte eine Box vor sie hin. Sie musterte sie einen Moment, als könnte sie jeden Moment explodieren und nahm dann den Deckel ab. „Oh, eine Schachtel in der Schachtel.“ „Es wird noch besser“, lachte er und sie öffnete die Schachtel. „Oh…“ Es war eine Kette. Eine fast unsichtbar schmale Silberkette und daran ein kleiner blauer Saphir-Anhänger. „Haydn...“ Er nahm die Kette aus der Schachtel und deutete ihr an sich umzudrehen. „Der Stein ist doch nicht echt, oder?“ Sie fasste ihr Haar zusammen und er lege ihr die Kette um den Hals und schloss sie in ihrem Nacken. „Nein, er war eine Zugabe zu einer Tüte Popcorn“, küsste er ihre Schulter und sie sprang auf, um sie im Spiegel zu betrachten. „Haydn… Sie ist wunderschön.“ Sie drehte sich wieder herum und kam zu ihm zurück, um sich zu ihm zu beugen und ihm einen langen Kuss zu geben. „Danke, danke, danke“, war sie völlig überwältigt. „Ich weiß leider nicht, was man seiner Frau so schenkt“, lächelte er und küsste sie zurück. „Or any woman for that matter… Schon gar nicht, wenn sie 30 wird.“ Sie streckte ihm die Zunge heraus und er war schnell genug, um es in einen Kuss zu verwandeln. „Wie fühlt es sich an, so alt zu sein?“ „Warte noch zwei Jahre, dann weißt du es.“ „Ich werde immer jung sein.“ „Natürlich wirst du das.“ „Die Kette passt zu dir, sie ist antik.“ „Haydn…“ „Lass mich dich noch einen Moment damit aufziehen.“ „Die Kette ist wunderschön, Haydn. Sie ist perfekt.“ Sie küsste ihn wieder und er packte sie und brachte sie unter leisem Quieken neben sich zu Fall. Dann schob er den Saphir zur Seite und küsste ihre Haut darunter. „Iiiieh, das kitzelt. Lass das!“ Er zog ihren Slip über ihre Knöchel. „Weißt du, dass du verdammt sexy bist?“ „Sagst du das zu allen alten Frauen, die dein Baby erwarten?“ „Ja.“ „Gut.“ Sie zog ihn zu sich herunter. „Haydn?“ „Ja?“ „Du musst den Ring nicht tragen.“ Er lachte. „Ich geb ihn aber nicht zurück.“ „Haydn!“ „Hey, ich mag diesen Ring“, zog er seine Hand zurück und legte sie an seine Brust. „Er gefällt mir und du hast ihn mir gegeben.“ „Haydn…“ „Hey, ich hab dir noch nicht dein ganzes Weihnachtsgeschenk gegeben. Und dein Geburtstagsgeschenk.“ „Oh“, setzte sie sich lachend auf, doch er drückte sie wieder nach unten. „Erst Sex, dann der Rest.“

„Der Mann in meinem Abteil hatte einen Mäusekäfig auf der Gepäckablage.“ „Mach deine Jacke zu.“ „Er hat ihn manchmal herunter geholt und dann hat er den Finger durch das Gitter gesteckt und sie haben daran geknabbert.“ Er zog ihr ihre Haube über die Ohren. „Es war ekelig.“ „Manche Leute glauben wirklich, dass sie alles tun können.“ Linnea holte Brionys Handschuhe aus ihrer Jackentasche und zog sie ihr über. „Irgendwie war es aber auch cool.“ „Du kriegst keine Mäuse.“ „Wir haben doch aber auch Cookie.“ „Ja, aber sie ist ein Hund, lebt in ihrer Hütte und braucht allenfalls ein bisschen Futter und ein paar Streicheleinheiten.“ „Außerdem ist sie süß und kann ein Haus bewachen.“ „Thanks, Baby.“ „Anytime, honey.“ Die drei verließen den Bahnhof, das Kind in der Mitte, ein klein bisschen schmollend.

Zurück in der Wohnung folgte der dritte Teil von Linneas Weihnachts-/Geburtstagsgeschenk. Während Linnea mit Briony in ihrem Zimmer saß und sich von dem Mädchen die neue Dampfmaschine erklären ließ, stand Haydn in der Küche und ging seiner zweiten Lieblingsbeschäftigung nach: Kochen. Was schon etwas eigenartig war für jemanden, der nicht aß. Die beiden Mädchen dabei nicht um sich zu haben machte die Sache um Einiges leichter. Er konnte seine eigene Musik hören und konnte alles ausbreiten und vorbereiten, ohne dass sie ihm im Weg waren und ihn mit ihrem Geplapper nervten.

„Papa, sieh mal was Léa mir geschenkt hat.“ Er verbrannte sich fast an der Ofentür. „Bibi!“ „Pardon.“ Er schüttelte seine Hand und richtete sich dann auf. „Schon okay. – Also, was hat sie dir geschenkt?“ „Eine DVD mit coolen Filmen.“ Sie streckte ihm das Geschenk entgegen und er nahm es an. „Astrid Lindgren. Das ist gut, du magst ihre Geschichten.“ „Ja!“, riss sie ihm die DVD wieder aus der Hand und hüpfte auf und ab. „Können wir das heute Abend ansehen?“ „Whoa, calmes-toi, chouchou!“, klopfte er ihr auf den Kopf. „Sonst hörst du nicht mehr auf zu hüpfen.“ Er drehte sie herum und sie hüpfte fast Linnea auf die Zehen, die gerade herein kam. „Hey, Gummiball.“ „Hej, Mamma!“

„Wow, es riecht großartig!“ Sie warf einen Blick in einen der Töpfe. „Danke“, schob er sie aus dem Weg und streute etwas Petersilie in die Suppe. „Du hättest ein Chef werden sollen.“ „Ich hätte vieles werden sollen. – Nimm deine Finger da weg.“ Sie gehorchte eilig. „Übrigens werden wir es Briony sagen müssen“, murmelte sie dann und holte einen Teebeutel aus dem Oberschrank. „Man sieht es mir an.“ Sie hatte bereits ihre komplette Garderobe auf den Kopf stellen müssen. Es war nicht so lustig Schwangerschaftsmode zu kaufen wie normale Kleidung. Vor allem, weil es schwerer war die Sachen an- und auszuziehen. „Léa…“, begann er das organisierte Chaos aufzuräumen. „Du hast gesagt, sie würde sich freuen“, warf sie ein. „Und du hast gesagt, dass du deine Zeit nicht teilen willst, also willst du uns alle gemeinsam zusammen sehen. – Hab ich noch etwas vergessen?“ Sein Blick war, gelinde gesagt, überrascht – und Linneas war fast so etwas wie triumphierend. Immerhin waren es seine Worte gewesen. „Erm…“, legte er das Schneidbrett in der Spüle ab. „Maybe.“ Ohne Fragezeichen. „Okay“, nahm sie darüber trotz allem überrascht eine Karotte und biss hinein, bevor sie sich umdrehte und wieder nach draußen ging. Haydn blieb an der Spüle zurück und runzelte die Stirn. Hatten sie gerade nicht gestritten? Linnea fragte sich dasselbe, während sie das Leintuch glatt strich. Sie waren gerade noch rechtzeitig am Bahnhof angekommen, aber das Bett zu machen war nicht mehr drin gewesen.

Nach einem großartigen Essen gab es sogar noch eine kleine Torte. Und ja, Haydn hatte sie selbst gebacken, bevor Linnea angekommen war. Mohntorte mit Sahne. Das hatte er sich tatsächlich gemerkt? „Du solltest öfter einen Zusammenbruch haben“, konnte Linnea nur kommentieren, die ein bisschen das Gefühl hatte, dass sie in einem Paralleluniversum aufgewacht war und hoffentlich den Weg zurück vergessen hatte. „Ja, ich habe auch irgendwie das Gefühl, dass hier irgendwas nicht ganz koscher ist. I just can’t quite get my head around it.“ „Papa, haben wir Schlagsahne?“ Er löste sich von Linneas Blick. „Ja, im Kühlschrank.“ „Okay“, rutschte Briony von ihrem Stuhl und trottete zum Kühlschrank. Nicht ohne zwischen ihrem Vater und Linnea etwas skeptisch hin und her zu sehen. Sie war zwar kein Kleinkind mehr, aber Erwachsenensprache verstand sie trotzdem noch nicht.

„So, ich nehme an das bedeutet, dass du wirklich mal in einer Küche gearbeitet hast“, nahm Linnea eine Gabel voll Torte in den Mund und Haydn schenkte ihr Traubensaft nach. In ein Weinglas, damit es festlicher wirkte. „Ich hatte zig Jobs, um meinen Anteil am Hausleben finanzieren zu können. Und man bekommt einiges an einem Tag unter, wenn man nicht zur Schule geht.“ „Ich gehe gern zur Schule“, kam Briony zurück und kletterte wieder auf ihren Stuhl. „Hat dir Papa erzählt, dass ich einen Preis für mein Science Projekt gewonnen habe?“ „Nein“, schüttelte Linnea den Kopf. „Aber das ist toll! Ich gratuliere dir“, drückte sie die Hand des Kindes. „Danke“, grinste das Mädchen fröhlich und furchtbar stolz auf sich selbst. „Ich bin mir ja noch immer nicht sicher, ob ich dir zu deinem nächsten Geburtstag nicht doch ein Barbiehaus und ein Prinzessinnenkleid schenken sollte“, ertappte sich Haydn dabei wie er tatsächlich einen Bissen Torte aß. Linnea fiel es ebenfalls auf und sie schmunzelte zu sich selbst. „Kein Prinzessinnenkleid“, schüttelte Briony heftig den Kopf. „Prinzessinnen sind doof. – Aber ein Barbiehaus nehm ich gern.“ „God, you’re way too sharp witted.“ „Das hab ich von dir. – Entre autres choses.” „Kein Zucker mehr für dich.“ Linnea lehnte sich zurück und beobachtete das Schauspiel vor ihr mit einem zweideutigen Blick.

Nachdem der Geschirrspüler vollgeladen war, schleppte Haydn seine Tochter ins Wohnzimmer und ließ sie auf die Couch plumpsen. „Okay, dann sehen wir uns jetzt deinen Film an und dann ab ins Bett mit dir.“ „Mamma soll bei mir sitzen!“ Linnea, die es sich längst im Fauteuil bequem gemacht hatte und der der Gedanke daran, sich wieder aufhieven zu müssen gänzlich missfiel, warf Haydn einen eiligen Blick zu. Dieser reagierte sofort, setzte sich, packte Briony und klammerte sich an sie. „Nein, ich lass dich nicht gehen. Ich hab dich noch nicht richtig zerknuddelt.“ „Iiiiieh.“

Haydn schaffte es, bei der Hälfte des ersten Films einzuschlafen. Linnea und Briony flüsterten darüber und kicherten, ließen ihn aber schlafen. So konnte er ihnen den Film nicht verderben. Linnea liebte Pippi Langstumpf, es mit einem Kind zu sehen und ihre Schwangerschaft boten ihr die perfekte Entschuldigung, selbst wieder ein Kind zu sein. Am Ende des Films schickte Linnea ihre Stieftochter ins Badezimmer und erschrak dabei über den Gedanken, dass sie sie geistig als ihre Stieftochter bezeichnet hatte. Gut, sie war ihre Stieftochter, aber sie sollte dieses Wort niemals gebrauchen, auch nicht in Gedanken. Zumindest nicht in Haydns Gegenwart – auch wenn er schlief. Sie schüttelte sich, dann weckte sie den Vater.

„Du hast es alles versäumt“, saß Briony in ihrem Bett und zog die Decke über sich. „Pippi ist mit einem Ballon um die ganze Welt geflogen.“ „Nicht um die ganze Welt“, reichte er ihr ihren Teddy und drückte sie sanft in die Kissen. „Nur um die Stadt.“ „Du hast geschlafen, du hast es nicht gesehen.“ „Ah, du hast also die Extended Version. – Augen zu und schlafen, Kröte.“ Er ließ sich umarmen und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann, noch bevor er sich umdrehen und sein Blick auf Linneas treffen konnte, räusperte er sich und strich dem Mädchen eine Strähne aus der Stirn. „Übrigens habe ich noch ein etwas verspätetes Weihnachtsgeschenk für dich.“ „Ja?“, war das Kind sofort wieder hell wach, ohne die Geste bemerkt zu haben. „Ja...“ Er zögerte, dann nahm er ihre Plüsch-Mickey-Maus vom Fußende des Bettes, setzte sie in seinen Schoß und seufzte. „Aber vorher möchte ich dir nur sagen, dass das nicht heißt, dass sich etwas an unserem Arrangement ändert, das geht einfach noch nicht. Du wirst nur ein bisschen was von Schweden zu sehen kriegen.“ „Schweden?“ Er nickte und Linnea war in diesem Moment eben so überrascht wie das Kind vor ihr. Was hatte er vor? „Das ist das Land wo Pippi wohnt“, erriet sie. „Erm… Ja.“ „Können wir dann Pippi besuchen?“ „Aber sicher.“ „Cool.“ „Bibi?“, spielte er ein bisschen mit der Maus, um Zeit zu gewinnen. „Léa wohnt auch in Schweden.“ „Kennst du Pippi?“, sah das Mädchen hinter ihn. „Bibi“, hob er den Finger, um ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. „Hast du verstanden, dass das das Einzige ist, was sich ändern wird?“ Sie stutzte und nickte dann. „Okay.“ Er schluckte. „Du bekommst im Frühjahr dein Geschwisterchen, Bibi.“ Ihre Augen erhellten sich auf der Stelle und sie kämpfte sich aus ihrer Decke. „Ja?“, fragte sie aufgeregt and kniete sich vor ihren Vater. „Ja“, nickte Haydn langsam. „Huuiii“, fiel sie ihm in die Arme. Dann machte sie sich los, fiel halb vom Bett, wenn Haydn sie nicht abgefangen hätte, und streckte dann Linnea die Arme entgegen. Und obwohl es nicht so einfach war, hob Linnea sie hoch und drückte sie an sich. Es fühlte sich so gut an.

„Okay, okay“, nahm Haydn Briony aus Linneas Armen. „Jetzt ab ins Bett mit dir.“ „Aber…“ „Nein!“, wickelte er sie in ihre Decke. „Es ist spät und du willst ja morgen nicht den ganzen Tag verschlafen, oder?“ „Nein.“ „Gut. – Arme hoch!“ „Wo ist meine Schwester?“ „Ich weiß nicht, ob es eine Schwester wird“, hoffte er, dem ersten Teil der Antwort zu entgehen. „Ich will aber eine Schwester“, ließ sie sich zudecken. „Das kann man nicht bestimmen, Schatz.“ „Weißt du was?“, kam Linnea Haydn zur Hilfe. „Morgen früh kannst du mir alle Fragen stellen die du willst“, beugte sie sich zum dem Mädchen und küsste sie auf die Wange. „Aber jetzt wird geschlafen.“ „Okay“, gab sie den Kuss zurück und machte wie auf Befehl die Augen zu.

„Du hast’s ihr gesagt“, flüsterte Linnea, als Haydn die Tür zu Brionys Zimmer hinter sich schloss. Obwohl sie es ihm praktisch befohlen hatte, konnte sie trotzdem nicht ganz fassen, dass er es tatsächlich getan hatte. „Ja“, schob Haydn die Hände in die Hosentaschen und ging zurück ins Wohnzimmer, ließ sich auf die Couch fallen und legte die Beine auf den Tisch. Linnea folgte ihm mit etwas Abstand und setzte sich nicht neben ihn, sondern ins Fauteuil, aber sie machte es sich nicht bequem. Er gab sich zwar alle Mühe es zu verstecken, aber sie konnte ihm ansehen, dass er die letzten Minuten am liebsten sofort wieder rückgängig gemacht hätte. Bevor sie etwas sagen konnte, beugte Haydn sich nach der Fernbedienung und drehte den Fernseher auf. Das war neu. Sie sahen nie fern. Haydn hatte keine Ahnung von Fernsehshows, also nahm sie an, dass er, auch wenn er allein war, den Fernseher kaum benutzte. Außer um sich Filme anzusehen.

„Hey“, stemmte sie sich wieder hoch und ging zu ihm. „Wir könnten uns den französischen Film ansehen“, setzte sie sich zu ihm. „Den den Lafayette dir geschenkt hat.“ Doch anstatt zu antworten, legte er den Arm um ihren Nacken und bettete ihren Kopf auf seine Schulter. Es war der wahrscheinlich verwirrenste Moment in ihrer ganzen Beziehung.

Sie gingen getrennt zu Bett. Linnea schlief bereits als Haydn den Fernseher abdrehte, seine Sachen auf den Schaukelstuhl legte und unter die Decke kroch. Als Linnea aufwachte, hatte er sie an sich gezogen und sie spürte seinen Atmen in ihrem Nacken. Er schlief tief und fest. Das war der zweitverwirrenste Moment in ihrer Beziehung. Und das Letzte was sie erwartet hatte, nach allem was im Dezember passiert war.

Doch der Moment währte nur sehr kurz, denn, als würde er spüren, dass sie wach war, zog er plötzlich seinen Arm zurück und drehte sich auf die andere Seite. Dann stöhnte er, schlug die Decke zurück und ging in die Küche. Linnea setzte sich auf und seufzte. Gut, sie hatte es nicht anders erwartet. Etwas steif hievte sie sich hoch und ging auf die Toilette. Überglücklich, dass sie von morgendlicher Übelkeit und Fressanfällen verschont geblieben war, konnte sie das von ihrem Harndrang nicht sagen.

Haydn stand in der Küche und machte Frühstück. „Hey“, kam sie herein und zog ihren Morgenmantel zu. Das Fenster stand offen und es war kalt. „Es ist früh, was machst du schon auf?“ „Ich brauchte eine Zigarette“, sah er kurz von den Eiern auf und streute dann etwas frisch geschnittene Petersilie darüber. „Dann fiel mir wieder ein, dass ich damit aufgehört habe, aber ich war schon zu munter.“ Ihr war schon aufgefallen, dass er sich nie mehr entschuldigt hatte und keine Zigaretten mehr in der Wohnung herumlagen. Er hatte ihr gesagt, dass er damit aufhören musste, als er krank war, sie hatte nicht erwartet, dass er einen kalten Entzug machen würde. „Soll ich Briony wecken?“, akzeptierte sie seine Ausrede. „Dann können wir zusammen frühstücken.“ Er nahm die Pfanne vom Herd und stellte sie in den Ofen. „Wenn du möchtest...“ „Okay“, ging sie rückwärts aus dem Zimmer, aber er sah ihr nicht nach.

Den Vormittag verbrachten Vater und Tochter mit Malen. Briony hatte eine kleine Leinwand auf dem Boden ausgebreitet und malte darauf eine Küstenlandschaft mit Leuchtturm; Haydn saß auf der Couch, hatte einen Block auf den Knien und skizzierte ein neues Outfit für den roten Teppich. Linnea saß ihm gegenüber und blätterte in einer Zeitschrift für Babyausstattung die sie am Flughafen gekauft hatte.

„Also, wo ist meine Schwester?“, tauchte Briony dann plötzlich neben ihr auf. „Hm?“, legte Linnea ihre Zeitschrift zur Seite. „Wo ist meine Schwester?“ Haydn sah ebenfalls erwartungsvoll von seinem Block auf, gespannt, was Linnea einem kleinen Mädchen antworten würde und Linnea nahm Brionys Hand, um sie auf ihren Bauch zu legen. „Da drin.“ „So wie Gracey in Mamies Bauch war?“ „Genau.“ „Mamie war aber viel dicker als du.“ „Das Baby wird noch wachsen“, rückte Linnea zur Seite, sodass Briony sich neben sie setzen konnte. „War ich auch im Bauch meiner Mamma?“, legte sie beide Hände auf Linneas. „Jedes Baby ist im Bauch seiner Mutter, bevor es auf die Welt kommt.“ „Wie kommt es da rein?“ Linnea warf Haydn einen kurzen Blick zu, der sich grinsend hinter seinem Block versteckt hatte. Er amüsierte sich königlich darüber, dass nicht er es war, der diesen ach so komplizierten Fragen ausgesetzt war. „Erm… Das erzähl ich dir, wenn du älter bist.“ „Warum?“ Haydn schnaubte hinter seinem Block. „Weil du noch ein bisschen zu jung bist.“ „Warum?“ „Bon“, legte Haydn seinen Block weg. „Wer hat sonst noch Lust zu tanzen?“ „Ich! Ich!“, sprang das Mädchen eifrig auf und lief sofort zur Plattensammlung.

„Und jetzt musst du mit Mamma tanzen“, ließ Briony schließlich Linneas Hände los und hängte sich ihren Vater auf den Rücken, der am Boden hockte und eine Plattenhülle studierte. „Muss ich das?“, sah er nicht auf und sie nahm seinen Kopf und deutete damit ein Ja. Linnea war etwas schwindlig und sie saß auf dem Hocker vor dem Schlagzeug. Sie wäre eigentlich ganz froh gewesen, sich wieder ausruhen zu können, da erhob er sich langsam und setzte seine Tochter ab. Dann ging er zur Anlage und wechselte die Platte. „Also gut.“ Es rauschte und knackte. „Darf ich bitten, Mylady?“, verbeugte er sich dann vor ihr und sie musste lächeln. „Komm schon, Mamma“, drängte Briony von hinten und Linnea legte seufzend ihre Hand in seine. „Gerne, der Herr.“ Es war ein Frank Sinatra Song und er hätte keine überraschende Wahl treffen können. Linnea brauchte einen Moment, um darüber hinwegzukommen und stieg ihm dabei zweimal auf die Füße, sodass Briony laut lachen musste. „Du bist ja schlimmer wie ich!“, rief sie fröhlich und Linnea lachte ebenfalls. „Ja, viel schlimmer.“ Aber er war zu gut. I get no kick from champagne. Mere alcohol doesn't thrill me at all. So tell me why should it be true that I get a kick out of you?

2

„Wisst ihr was das Problem an diesem Shindig hier ist?“, lehnte Bobby sich an die Bar und deutete mit seinem Drink um sich. „Dass du mit Nicole hier bist?“, riet Lafayette und Barclay schnaubte in sein Glas. „Ja, genau. Jetzt wird sie mir das Messer an die Kehle setzen und mich dazu zwingen endlich ein Datum festzulegen.“ „Ihr geht ja auch nur schon fast sieben Jahre miteinander aus“, nippte Haydn an seiner Limonade und zwinkerte vielsagend. „Oh ja“, nickte Bobby gewichtig. „Und wenn sie noch weitere sieben Jahre mit mir ausgehen will, sollte sie keinen Trauschein beantragen.“

„Na, ihr seid ja vielleicht ein fröhlicher Haufen!“, schob Barclay die Hände in die Hosentaschen und kam über die Tanzfläche geschlendert. „Heyho, der Trauzeuge!“, hob Lafayette ihm sein Glas entgegen. „You do look pretty snazzy in this thing“, musterte Haydn mit einem süffisanten Grinsen Barclays Anzug mit Kummerbund und Fliege. „Very Rock’n’Roll.“ „Oh absolutely“, drehte Barclay sich einmal um die eigene Achse und zupfte an seinem Smoking. „But for the record: I’m only doing this for Ian, ’cause I’ve known him since kindergarten. I won’t do that for any of you guys.” „Not even if Cavendish got married?“, grinste Bobby mit einem leichten Zwinkern. „If Cavendish“, nahm Barclay sein Glas entgegen, „really got married, I would walk down the aisle n.a.k.e.d.” Dabei deutete er von einem zum anderen. „And you can quote me on that.“ Haydn sagte nichts. „Nun“, stieß Lafayette seinen besten Freund deshalb an, dem dadurch etwas Limonade aus der Nase sprudelte, „wenn das kein Anstoß ist…?“ „Das ist der beste Grund nicht zu heiraten“, tupfte Haydn sich die Limonade vom Kragen.

Das Brautpaar ließ auf sich warten und Barclay verabschiedete sich eilig, um nachzusehen was sie aufhielt. Obwohl alle vier sich denken konnten was sie aufhielt. Lafayette ließ das Eis in seinem Glas klingen und stützte seine Ellbogen auf die Bar. „Ich weiß ja, dass Myra zwei recht schlagende Argumente hat, aber wie hat Ian sich eigentlich zu all dem rosa Spitzenzeugs überreden lassen?“ „Das ist meine zweite Angst“, stöhnte Bobby und zog an seiner Krawatte, um sie zu lockern. „Dass Nicole sich hier Inspirationen holt.“ „Ha-ha“, grinste Haydn und checkte seine Haare in einem silbernen Tablett. „Ich seh dich schon in einem weißen Anzug mit Zylinder.“ „Ehrlich, Jungs“, seufzte Bobby. „Ich liebe Nicole. - Ihr wisst, dass ich sie liebe, oder?“ Beide Angesprochenen nickten gewichtig und verbissen sich jeglichen Kommentar. „Ich finde nur“, fuhr Bobby zufrieden fort, „dass man doch nicht gleich heiraten muss. Wieso nicht einfach nur so zusammen leben?“ Er sah zu Lafayette, der sein Glas geleert hatte und an einem Eiswürfel lutschte. „So wie du und Layla. Ich meine, Nicole weiß, dass ich ihr nicht immer ganz treu bin und ich hab geglaubt, dass sie kein Problem damit hat. Aber die ganze Ehesache ist doch nur ein Versuch, mich an sie zu binden.“ „Oh mein Gott, hast du dir gerade selbst zugehört?“, stellte Lafayette sein Glas energisch ab und sah Bobby fest in die Augen. „Du redest schon wie Haydn hier“, deutete er hinter sich. „Und willst du wirklich so enden wie er?“ Obwohl er versuchte, es scherzhaft klingen zu lassen, entging Haydn nicht der sarkastische Unterton und er nickte langsam über seinem Spiegelbild. „Lay hat Recht, Strachan“, richtete er sich dann auf. „Nicole ist ein fantastisches Mädchen, das den Boden anbetet auf dem du stehst. Sonst würde sie nicht ständig ertragen, dass du mit anderen Mädchen rummachst. Gib ihr den verdammten Ring und werd anständig. So wie Ian.“ „Kann jemand bitte zurückspulen und mir ein Aufnahmegerät geben?“, stutzte Bobby und musterte seinen Leadsänger argwöhnisch. „Hast du gerade ein Plädoyer für die Ehe gehalten? Bist du krank?“ „Ich glaube die ganzen Rüschen sind ihm ein bisschen zu Kopf gestiegen“, wollte Lafayette anhängen, aber Haydn lachte nicht. Und das war noch verstörender als seine kleine Rede. „This joke is really gettin’ old“, antwortete er stattdessen, machte auf dem Absatz kehrt und ging zur Bühne, um sein Mikrophon zu testen. Bobby sah ihm nach als hätte er gerade einen Geist gesehen und Lafayette schluckte. Sie alle, aber er am meisten, wussten, wieso Haydn an diesem, Ians, Hochzeitstag etwas gereizter war, als er es bei dem Thema sonst wurde.

Ian und Myra hatten Bobby, Lafayette und Haydn gebeten, einen Teil der Unterhaltung zu bestreiten und es war das Mindeste, was die drei für ihren Flötisten/Violonisten tun konnten. Die ganzen Feierlichkeiten trugen auf eine schmerzvoll auffallende Weise Myras Handschrift. Im tiefsten Inneren war sie immer noch ein kleines Mädchen das es nicht fassen konnte, dass sie sich einen echten Rockstar geangelt hatte und die Kirche und der Festsaal waren ganz in weiß und rosa gehalten und so gar nicht das, was die Jungs von Ian erwartet hatten. Aber wenigstens hatte sie die Musikauswahl ihrem künftigen Ehemann überlassen und diese bildete genügend Kontrast zu all dem Mädchenkram, um die Party wieder etwas männerfreundlicher zu gestalten, ohne die Integrität der Veranstaltung zu gefährden. Lafayette übernahm größtenteils den Gesang und Haydn saß am Klavier, um die Motown-Klassiker zu begleiten für die Lafayettes einfach besser geeignet war. Es machte ihnen wie immer Spaß zwischen den Songs ein bisschen herumzualbern und ihren Bandkollegen in Verlegenheit zu bringen. So wie auf Tour eben, nur mit etwas feineren Klamotten und ein paar zusätzlichen Rüschen.

„Na, kotzt ihr schon?“, kam der Bräutigam auf die Bühne, wo Barclay den drei Jungs dabei half, ihre Sachen abzubauen. „Nun ja“, schraubte Bobby eine Hi-Hat ab. „Es ist sehr pink.“ Ian lachte. „Whatever makes Myra happy subsequently makes me happy“, zuckte er dann die Schultern. „Aber ich werde bestimmt noch eine Woche lang rosarote Alpträume haben – mit Tüll.“ „Solange sie nicht auch noch die Gestaltung eurer neuen Wohnung übernimmt…“ „Oh Gott“, fasste Ian sich an den Kopf und leerte sein Glas in einem Zug bei dem Gedanken daran, für den Rest seines Lebens auf eine rosa Toilette gehen zu müssen. „Zu spät, Baby“, tätschelte Haydn ihm mitleidig die Schulter und die anderen lachten über ihren Bandkollegen, der für wenige Sekunden äußerst blass geworden war.

„Send us a card from Hawaii, will you?“, steckte Lafayette das Mikro in den kleinen Koffer. „If you find the time…“ „Aber natürlich“, nickte Ian, der seine Fassung wieder gewonnen hatte. „Und ich bin auch bestimmt rechtzeitig zurück, um diese Interviews für die DVD aufzunehmen.“ „Oh, lass dir Zeit“, winkte Haydn ab. „Ich drehe einen Werbspot in LA und wie ich die Agentur kenne überschreiten wir wieder mal maßlos den zeitlichen Rahmen. Dann krieg ich wenigstens nicht allein den Anschiss dafür, dass ich zu spät zum Beginn der Aufnahmen komme.“ „Cav, du kannst nicht schon wieder zu spät kommen!“, protestierte Bobby. „We too have a life, you know? And you’re keeping us away from it!” „It’s not like I don’t have one“, setzte Haydn sich zur Wehr und begann die Kabel aufzurollen. Roadies hin oder her, manchmal musste die Band doch selbst anpacken. „What about a dance, my dear?“, unterbrach Ian. „I thought, my love“, atmete Haydn auf, „you’d never ask!“

Es mochte sein, dass manche der Gäste – auf der Seite der Braut – etwas verblüfft darauf reagierten, dass die beiden jungen Männer den Tanzboden betraten, doch Ians Freunde kannten die Geschichte. Haydn und Ian trafen aufeinander, als Lafayette seinen besten Freund das erste Mal mit auf die Uni brachte. Wie Ian offen zugab, hatte er – wie viele andere vor und nach ihm - zuerst gedacht, der Besuch wäre ein Mädchen und obwohl oder - wie er später gestand – weil er eines Besseren belehrt wurde, war er von dem Jungen fasziniert und als Haydn schließlich in die Band aufgenommen wurde, begannen die beiden eine Affäre – am Anfang immer in dem Wissen, dass es nur ein Experiment war und Ian letztendlich wieder mit Mädchen ausgehen würde. Kam nicht ganz so. Irgendwann waren sie verliebt und Haydn – der eigentlich nicht vorgehabt hatte, sich je wieder auf jemanden einzulassen und noch zu genau wusste, wie das Experiment mit Lafayette ausgegangen war – gab auf und entgegen aller Warnungen von ihren Freunden redeten sie bald von Hochzeit und davon, Briony zu sich zu holen. Natürlich hatte es nicht sollen sein, Haydn hatte es in seinem tiefsten Inneren immer besser gewusst. Myra wurde für die Garderobe angestellt und Ian verliebte sich zu offensichtlich am ersten Tag. Haydn ließ ihn gehen, aber nicht ohne seine geistige Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Trotzdem waren sie enge Freunde geblieben – oder besser geworden. Schon allein der Band wegen.

„Ich sollte das ja wirklich nicht laut sagen“, murmelte Ian an Haydns Ohr, „aber ich finde, du hast in einem Brautkleid besser ausgesehen als Myra.“ „Oi!“, trat Haydn ihm auf den Fuß. „Das darfst du nicht einmal leise denken!“ Ian kannte den Tonfall und grinste nur. Immerhin war er vor Haydn auf die Knie gefallen, als er ihn damals im Studio abgeholt hatte – der junge Mann ganz züchtig im weißen Kleid mit Hochsteckfrisur, die junge Frau neben ihm im Frack mit zurückgegeltem Haar. „Tut mir leid, aber das hab ich mir schon den ganzen Tag gedacht. Ich hab es irgendwem sagen müssen und du bist wohl der Einzige, der mich nicht umbringt dafür.“ „Ha, man sollte meinen, ich wäre der Einzige, der dich dafür umbringt. Immerhin hätte das hier unser Hochzeitstanz sein können.“ „Ha…“, konnte Ian da nur sagen, aber er drückte seinen Freund etwas enger an sich. Er führte, Haydn war besser darin die Frau zu spielen – war in ihrer Beziehung immer so gewesen. „Ich hoffe aber, dass du glücklich bist“, flüsterte Haydn und Ian nickte. „Ja.“ „Gut.“ „Ich wäre mit dir auch glücklich gewesen, Maus.“ „Oh, fiddlesticks!“, wehrte Haydn ab und rückte wieder in einen anständigen Abstand. „Das hier ist besser!“ Aber irgendwie tat es gut, das zu hören, auch wenn er es nicht hören wollte.

3

Der Nachmittag wurde Abend und der Abend wurde Nacht. Ian und Myra kuschelten auf der Tanzfläche und Bobby und Nicole knutschten wild hinter der Bühne. Barclay hatte es geschafft, eine betrunkene Brautjungfer von seinem Charme zu überzeugen und Lafayette und Layla waren dazu übergegangen, Shots zu trinken. Lucienne sah fürchterlich gequält aus, als sie die Drinks vor Haydn auf den Tisch stellte. „Nur fürs Protokoll: Wie lange muss ich noch so tun, als würde ich mich in diesen Sachen wohlfühlen?“ Sie nahm eine Zigarette aus ihrem Silberetui, das Haydn ihr als Bestechung geschenkt hatte, damit sie ihn begleitete und machte einen tiefen Zug. „Du siehst sehr hübsch und elegant aus und du weißt das“, strich Haydn ihr eine Strähne hinters Ohr. Ihr langes Haar war nach oben frisiert und im Fünfzigerjahre-Stil um ihren Kopf gewickelt. Sie trug ein schwarzes Kleid das Haydn designed hatte und so gegenteilig war zu allem was sie sonst trug, dass Lafayette sie zuerst gar nicht erkannt hatte. „Es ist trotzdem das letzte Mal, dass ich dir einen Gefallen tue“, steckte sie sich die Cocktailkirsche in den Mund und nahm einen großen Schluck. „Als würdest du es nicht genießen“, grinste er und legte seinen Arm um sie. Lucienne sah ihm eine Weile in die Augen, dann blinzelte sie. „D’accord. – Aber ich habe ein paar Leute mit kleinen Zaubern belegt.“ „Natürlich hast du“, streichelte er ihren Nacken und so saßen sie eine Weile und sahen den betrunkenen Gästen zu, die es spätestens dann bereuen würden, wenn sie die Fotos sahen.

„Und ich habe jedem erzählt, dass ich deine Verlobte bin.“ „Du hast was?“ Sie lachte in seine entsetzten blauen Augen. „Na irgendetwas musste ich ihnen doch erzählen. Ich bin nicht eines deiner Püppchen, die man sonst an deinem Arm sieht.“ „Deshalb habe ich dich ja auch mitgebracht.“ „Du weißt, dass ich solche feinen Affären hasse.“ Er lachte. „Ich auch. Deshalb warst du die perfekte Begleitung.“ „Du hättest Sebastian bringen können, das hätte die Sache ein bisschen aufgelockert. Er liebt es, sich in Szene zu setzen. So ein bisschen Vorspiel auf der Tanzfläche hätte bestimmt die Stimmung aufgelockert.“ Haydn nickte etwas gedankenverloren, dann nahm er einen Schluck aus seinem Glas. „Tatsächlich gab es in letzter Zeit äußerst wenig Vorspiel zwischen Jan und mir.“ Lucienne drehte den Kopf zur Seite und musterte das Gesicht ihrer Begleitung. „Irgendwas nicht in Ordnung mit euch beiden?“ Er stellte das Glas wieder ab und schüttelte den Kopf. „Wann war schon jemals alles in Ordnung mit uns?“ „Nun, das ist eine Frage, die nur du beantworten kannst.“ „Hmm…“ „Ich bin im Allgemeinen überrascht darüber, dass du mich eingeladen hast“, stellte Lucienne daraufhin fest. „Ich dachte, wir beide…“ „Ich habe das Gefühl, dass meine Jugend mir langsam entgleitet, egal wie fest ich mich daran klammere.“ „Ach, deshalb klammerst du dich an mich?“ „Du hättest ablehnen können.“ „Hey, ich bin immer noch deine Freundin. Und wir beide sind nie auf irgendwelche Parties gegangen, als wir noch zusammen waren. Ich hab mir nur gedacht, du hättest doch bestimmt bessere Angebote…“ „Ich hatte einfach das Bedürfnis, dich zu sehen, okay?“ Er seufzte. „Ich bin im Moment einfach ein bisschen sentimental, wie mir scheint.“ Luc kannte die Geschichte von Haydns letzter echter Beziehung, aber sie war vielleicht die Letzte die darüber urteilen sollte, dass Ian begriffen hatte, dass er und Haydn keine Zukunft hatten. Sie waren fabelhafte Freunde und so viel besser dran. Genau wie Haydn und sie. „Nun, du bist auch nicht mehr der Jüngste“, lächelte sie und zupfte seine Fliege zurecht. „Zeit für eine kleine Rückschau.“ „Vielen Dank“, sah er ihr in die Augen und sie zuckte die Schultern. „Du weißt, dass ich glaube, dass alles aus einem bestimmten Grund passiert. Und wenn nicht, dann ist es Hexerei.“ „Und was ist der Grund?“ „Das wirst du schon noch herausfinden.“

4

Agneta saß in der Küche und blätterte in einer Zeitschrift, als Linnea müde und erschöpft nach Hause kam. Obwohl sie einen Bürojob hatte, fand sie es zunehmend anstrengend, ihn auszuüben. „Hej, Linn.“ „Hej, Mamma.“ Sie zog einen Stuhl zurück und ließ sich ächzend darauf fallen. „Wie hast du es geschafft, einen ganzen Arbeitstag zu überstehen, als du schwanger warst?“ „Ich hatte damals keinen Job.“ „Oh…“ Das hatte sie nicht gewusst. „Möchtest du was zu trinken?“, erhob Agneta sich und ging zum Kühlschrank. Linnea nickte. „Ja, danke. – Wo ist Erik?“ Kaum dass sie es gesagt hatte, hätte sie sich dafür ohrfeigen können. Ihre Mutter sah etwas nachdenklich aus, vielleicht hatten sich die beiden getrennt. Nicht, dass es Linnea besonders überraschen würde, aber keiner hatte sich so lange gehalten wie Erik und sie hatte sich irgendwie an ihn gewöhnt. „Er ist zu Hause“, nahm Agneta jedoch eine Packung Apfelsaft aus dem Kühlschrank und stellte sie neben der Spüle ab, um Gläser aus dem Schrank zu holen. „Wir sehen uns nicht jeden Tag, wir haben unsere eigenen Leben.“ Sie füllte die Gläser und kam dann zu ihrer Tochter zurück. „Natürlich“, nickte diese. „Ich wollte nicht…“ „Wie geht es Albin?“, kam die zu erwartende Gegenfrage und Linnea nippte an ihrem Saft. „Erm… Gut. Sehr gut, danke.“ „Er kommt doch am Wochenende vorbei, oder? Erik bräuchte jemanden, der ihm im Garten hilft. Die Hecke hält dem Schnee nicht mehr lange Stand.“ Linnea nickte langsam. „Ja, er kommt Freitag gleich nach der Arbeit.“ „Gut dass du das sagst“, nickte Agneta, „dann können wir noch einkaufen gehen. Erik hatte noch keine Zeit.“ „Morgen Nachmittag, wenn ich aus dem Büro komme?“ „Perfekt.“ Sie stand auf und ging zur Spüle zurück, um ihr Glas aufzufüllen, das noch fast voll war. Etwas beschäftigte sie sichtlich und Linnea kam nicht umhin sich zu sagen, dass es zu früh gewesen war, ihr das von Albin und sich zu erzählen.

„Wo wir gerade von Albin sprechen“, drehte Agneta sich dann ruckartig wieder um und Linnea sah auf. „Ich habe ehrlich versucht, mich nicht einzumischen, aber es geht nicht.“ Sie kam zurück zum Tisch, schlug eine Seite in dem Magazin auf und schob es ihrer Tochter hin. Es war eine Werbekampagne für Dior Homme Parfüm und Haydn Cavendish zeigte sich darauf in äußerst provozierender Pose mit einer halbnackten Frau auf seinem Schoß. Linnea schluckte schwer. Verdammt, sah er heiß aus. Aber sie wusste, dass es hier nicht darum ging. Sie hatte es immer gefürchtet und doch immer gewusst, dass es unvermeidlich war. Agneta hatte damals fast augenblicklich wieder das Haus verlassen und seither war dieser Tag über ihnen geschwebt und hatte nur darauf gewartet, aufgeklärt zu werden. Keine Mutter der Welt hätte das Geschehene einfach so hinnehmen können.

„Wieso war Haydn Cavendish in meiner Küche?“ Linnea wusste, was sie eigentlich fragen wollte, war ihr aber dankbar, dass sie es nicht aussprach. Es hätte ihr die Antwort um so vieles erschwert. „Mamma, ich glaube nicht, dass ich dir das wirklich erklären kann“, seufzte sie und nahm einen großen Schluck, um den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. Aber er blieb. „Versuch es“, erwiderte Agneta. „Denn ich fürchte, das übersteigt alles was ich an Vorstellungskraft habe.“ „Mamma…“ „Das war keine einmalige Sache, habe ich Recht?“ Linnea schluckte erneut und seufzte kopfschüttelnd. „Wir treffen uns gelegentlich.“ Wo war Haydn wohl gerade? Im Studio? Vor der Kamera? In einem Schlafzimmer? Er war jedenfalls nicht hier und konnte ihr nicht helfen, aus dieser Situation herauszukommen, an der er genauso Schuld hatte wie Linnea.

„Was heißt das?“, war Agneta wenig zufrieden mit Linneas Antwort. „Du triffst dich mit ihm? Um Sex zu haben? – Linn, Kind, sagst du mir gerade, dass du eine seiner Frauen bist, die er über den ganzen Erdball verstreut hat?“ Ihre Stimme war aufgebracht und Linnea wurde auf ihrem Stuhl etwas kleiner. Was sollte sie denn sagen? Konnte sie jetzt auch lügen? Konnte sie in wenigen Sekunden eine Lüge aus dem Ärmel schütteln, die Agneta zufrieden stellen würde? „Wie kannst du nur, Linn?“, schüttelte Agneta den Kopf als keine Antwort kam. „Wie kannst du dich so billig verkaufen?“ All die Aufregung darüber, dass sie ihre Tochter mit einem Star angetroffen hatte war mit der Zeit abgeklungen und in Unverständnis übergegangen. Immerhin war es nicht irgendein Star gewesen, sondern Haydn Cavendish, dessen kleines schwarzes Telefonbuch dicker war als die Bibel. „Hast du das wirklich nötig?“, stieß sie hervor und deutete auf das Foto in der Zeitschrift. Es war fast als würde es sich über alles lustig machen, was Linnea ihrer Mutter über ihn klarmachen wollte. „Mamma…“ Es tat weh! Aber Agneta würde es nie verstehen. Sie war nicht dabei, wenn er ihr die Welt versprach. Wenn er sie im Arm hielt, sie küsste, ihr Baby in den Schlaf summte… Und die Tatsache, dass ihre Mutter sie gerade als eine Hure bezeichnet hatte, machte die Sache so überhaupt nicht besser.

„Linn“, legte Agneta ihre Hand auf Linneas in dem Versuch sie zu beschwichtigen. „Ich weiß ich habe selbst oft genug gesagt, dass ich ihn nicht von der Bettkante stoßen würde, aber meine Tochter ist eine viel zu anständige junge Frau, um sich auf sein Niveau herab zu lassen.“ „Du weißt doch gar nicht wovon du redest, Mamma!“, zog Linnea ihre Hand zurück. „Er ist nicht so ein Arsch wie du denkst!“ „Dass du so denkst, sagt doch schon…“ „Ich kenne ihn, Mamma!“, schnitt sie ihr harsch das Wort ab. „Ich kenne ihn.“ Sie kannte ihn und sie kannte ihn gleichzeitig überhaupt nicht und deswegen war es so schwer, ihn zu verteidigen. „Er ist vielleicht ein bisschen kompliziert, aber er ist auch liebevoll und zärtlich und…!“ Als sie den Blick ihrer Mutter sah, brach sie plötzlich ab. Für den Bruchteil einer Sekunde war Agneta überrascht, dann gewann sie ihre Fassung zurück. „Wie lange kennst du ihn denn, um so etwas sagen zu können?“, fragte sie kopfschüttelnd. Das arme Kind war doch übergeschnappt. „Fast fünf Jahre!“, schnaubte Linnea zurück. War es tatsächlich schon so lange her? Damals war er ja tatsächlich fast noch ein Kind gewesen, das unzählige Dummheiten im Kopf hatte. Und sie war eine junge Frau mit Komplexen und einem Freund gewesen, die Angst davor gehabt hatte, sich jemals wirklich binden zu müssen. Und nun saß sie vor ihrer Mutter und versuchte zu rechtfertigen, dass sie sich jeden Tag psychisch quälen ließ, weil sie ihn nicht aus dem Kopf bekam und er das so gar nicht teilte.

„Oh, Linn, du willst doch nicht sagen, dass du ihn in einem Interview wirklich kennen gelernt hast?“, schüttelte Agneta den Kopf. „Das ist ewig her und jeder weiß, dass er es mit der Wahrheit nicht besonders genau hält.“ Dieses eine Mal angeblich doch mehr als jeder zu wissen glaubte. „Mamma, wir kennen uns seit fünf Jahren“, gab Linnea auf. Es hatte keinen Sinn eine Lüge schön zu reden. Jetzt nicht mehr. „Und das zwischen uns geht seit vier Jahren. Ich kenne ihn besser als du dir vorstellen willst.“ Die Knotenpunkte in Agnetas Gehirn begannen zu rechnen und ihre Augen wurden immer größer, je näher sie der Wahrheit kam. Der Wahrheit die da war, dass ihre Tochter eine Affäre gehabt hatte, während sie mit ihrem Freund unter einem Dach gewohnt hatte. Die Wahrheit die besagte, dass ihre eigene Tochter sie jahrelang belogen hatte. Die einzige Wahrheit die ihr noch entging war jene, dass Linnea ihren Freund erneut betrog. Denselben Freund. Und zwar mit ihrem Ehemann. Nur das wusste Agneta noch nicht und Linnea würde lieber sterben, als ihr das zu gestehen.

„Ja genau“, sprang Linnea dann plötzlich auf, die nicht mehr die Geduld hatte zu warten, bis Agneta zu den richtigen Schlüssen gekommen war. Warum sollte sie? Es war alles wahr und sie schämte sich nicht im Geringsten dafür. „Ich bin eine billige Hure, die dem falschen Charme eines Casanovas erlegen ist, für den Frauen Einwegprodukte sind! Ich habe meinen Freund betrogen und lasse mir Flüge bezahlen, um mich durchficken zu lassen!“ Endlich, endlich, endlich! Verdammt, es tat so gut, das alles endlich zu sagen. Auszusprechen. Loszuwerden. „Aber du, du hast dich jahrelang durch die Betten von Männern geschlafen, die meine Brüder hätten sein können – meine kleinen Brüder. Und ich habe nie etwas gesagt!“ „Du hattest auch nichts zu sagen. Das war meine Angelegenheit.“ „Und das hier ist meine! – Du solltest doch eigentlich stolz auf mich sein: Ich habe mir einen jüngeren Mann geangelt, der Geld hat – und den du anhimmelst.“ „Du hast dir überhaupt niemanden geangelt, du hast dich angeln lassen. – Das ist der Unterschied zwischen uns beiden.“ „Nein, der einzige Unterschied ist, dass du dich nie von einem von den Jungs hast schwängern lassen!“

5

Es war wahrscheinlich nicht die originellste Idee, nach London zu ziehen, um ein Album aufzunehmen, aber Toningenieur Sam McKay Kelly war in ihren Augen der Beste für den Job – und er war nunmal in England. Er hatte ihnen schon bei ihrem ersten Album den Weg gezeigt und die Band war sich bewusst, dass das hier ihr schwerstes Album werden würde – aber es konnte daher auch ihr bestes werden und deshalb brauchten sie den Besten.

Während Ian sich mit seiner Frau und Bobby und Barclay sich mit ihren Freundinnen in drei Studioapartments in der Nähe des Studios einmieteten, zogen Lafayette und Layla zum ersten Mal in die Wohnung, die sie sich erst zwei Monate zuvor gekauft hatten. Layla hatte darauf bestanden, da sie nicht gerne flog und so zumindest nicht ständig den Atlantik überqueren musste, wenn Lafayette auf Tour in Europa war. Es war die erste von vielen kleinen Gesten die Lafayette zu verstehen geben sollten, dass auch Layla sich irgendwie, irgendwo, irgendwann vorstellen konnte, ihm treu zu werden – so viele Witze sie auch jetzt noch darüber machte. Haydn hingegen zog ganz selbstverständlich in seine alte Wohnung und ging am ersten Abend die wenigen Schritte hinüber zu dem alten Speicher, dessen Wände voller Skizzen und Farbspritzer war. „Oh, look at what the cat dragged in“, sah Devon von ihrer Leinwand auf und musterte den jungen Mann der das Tor hinter sich schloss. „Good to see you too, White“, drehte er die Musik etwas leiser. „Was verschafft mir die Ehre?“, wischte sie ihre Hände in ihrem Mantel ab und ließ sich hochziehen. „Tut mir leid“, gab Haydn ihr einen sanften Kuss. „I’ve been alienating many people lately.“ „Eine Postkarte hier und da wäre nett gewesen”, sah sie auf ihr Werk hinunter und begann dann, ihre Pinsel einzusammeln. „Dafür kriegst du mich jetzt für eine ganze Weile“, reichte Haydn ihr ihre Palette. „Wir haben das Studio bis Mai.“ „Glory Days!“, steckte sie die Pinsel in eine Terpentinlösung und knöpfte ihren Mantel auf. „Is there any point in asking if you’re hungry?“ „Nein, nicht wirklich”, warf er einen flüchtigen Blick in den kleinen staubigen Spiegel über dem Waschbecken und rieb sich die Nase. „Okay“, zuckte sie die Schultern. „Dann werde ich nicht fragen.“ „Ha-ha. – You know you can always eat, I like watching you.“ „You are creepy.“

Obwohl es kein einfaches Album war und man zwischen den Aufnahmen Tourdaten abzuhaken hatte, verliefen die Aufnahmen überraschend gut. Abgesehen von dem einen oder anderen Streich, den sich jemand nicht verkneifen konnte. So war auf einer eigentlich abgeschlossenen Version des Titelsongs plötzlich Jodeln zu hören oder Ians Violine war plötzlich falsch herum bespannt. Haydn fand heraus, dass man seine Stimme einen ganzen Nachmittag durch den Verzerrer aufgenommen hatte und Bobbys Sticks waren mit Honig beschmiert. Irgendwie musste man ja verhindern, dass man alt wurde.

An den Abenden an denen sie früh genug nach Hause entlassen wurden, um nicht im Studio trinken zu müssen, trafen sie sich in diversen Bars und Restaurants und waren vielleicht ein bisschen zu laut, ein bisschen zu kanadisch, tranken ein bisschen zu viel und trällerten hin und wieder ein Lied. Auch wenn es London war, man konnte auch als Star hier in der Anonymität der unzähligen Pubs untertauchen und mit den anderen Betrunkenen am Gehsteig rauchen. Da sie alle in verschiedenen Richtungen wohnten, verließen sie die Trinkstätten zu verschiedenen Zeiten und erschienen am Morgen unterschiedlich aufgeweckt und hatten keine Ahnung, wie man das jeweilige Instrument zu halten hatte. Nicht, dass sich ein Profi wie Sam davon gestört fühlte. Es war ein Übel, aber ein Übel mit dem er zu arbeiten gelernt hatte.

Es war vielleicht auch das umstrittenste Album innerhalb der Band. Zu ernst, zu persönlich. Wollte Haydn wirklich mit solchen Texten an die Öffentlichkeit? Wusste er denn nicht, was ihm dann ins Haus stehen würde? Doch Haydn schüttelte alle Sorgen einfach ab. Er hatte sich bis jetzt auch immer über alle Verdächtigungen hinweg reden können. Aber natürlich würde er niemals laut zugeben, wie wichtig ihm dieses Album war. Es war eine Art Selbstverwirklichung, eine Art Selbstbefreiung. Doch noch konnte nicht einmal er wissen, dass die wirklich guten Texte noch nicht geschrieben worden waren und den ganzen Zeitplan durcheinander bringen würden.

Nichts desto Trotz waren sich alle einig, dass es ein fantastisches Album werden würde. Die Musik war intensiv und eine Herausforderung an die Band und die Fans und die Texte waren gut genug um in einem Seminar auf der Universität studiert und analysiert zu werden. „Ich hoffe ja nur, dass das unsere Fans nicht zu sehr vor den Kopf stößt“, äußerste Anthony dennoch jeden Tag aufs Neue seine Bedenken, wenn er den aufzunehmenden Song aus seiner Mappe zog und auf dem Mischpult ausbreitete. Er ließ es sich nicht nehmen, regelmäßig bei seinen Schützlingen vorbei zu schauen und ihren Aufnahmetag durcheinander zu bringen. Nicht, dass ihm das schwerfallen würde, Agents Provocateurs waren sicher alles andere als organisiert und er musste eigentlich eher einen Ablauf in die Vorgänge bringen als ihn zu stören.

Die fünf Jungs saßen meist auf dem Boden des Studios und rauchten, während sie über einem Arrangement brüteten. Auch wenn die Musik Haydns Hirngespinst war, durfte doch jeder mitspinnen und meistens entstanden die Akkordfolgen erst direkt auf diesem Boden, regelmäßig mit Zigarettenasche und Bierflecken unterschrieben. Wenn der Rauch zu dicht wurde, gingen sie dann nach draußen und kickten die Bierdosen über den Hof oder benutzen sie als Baseballbälle. Sams Cricketschläger war bestens dafür geeignet und Haydn bekam davon ein Cut auf der Unterlippe, Ian ein aufgeschrammtes Knie und Bobby renkte sich fast den Arm aus.

An manchen Tagen wurden sie auch wegen guter Führung entlassen und durften sich einen ganzen freien Tag in der Stadt herumtreiben. Oder schlafen – oder was Rockstars sonst noch so machten, wenn sie sich außerhalb des Business bewegten. Haydn liebte diese Tage an denen er in der National Gallery sitzen konnte und Waterhouses „Lady of Shalott“ so lange studieren konnte, bis die Aufseher skeptisch wurden; oder im St. James’ Park Tauben füttern und im Pavillon ein unsichtbares Orchester dirigieren; oder mit Devon in den Secondhandläden am Camden Market stöbern bis sie etwas gefunden hatten, das sie weder brauchten noch wollten, nur um es zu kaufen weil sie Mitleid damit hatten. Dasselbe hatten sie damals gemacht, als Haydn Devon das erste Mal dazu hatte überreden können, die Schule zu schwänzen und stattdessen den Zug nach London zu nehmen. Sie fanden diesen perfekten Laden, der sich auf die Fünfziger spezialisiert hatte und kleideten sich darin völlig neu ein. Alles war aufregend, spannend und sie wurden von der Atmosphäre der Stadt und ihrem eigenen Fantasiespiel gänzlich aufgesogen und natürlich versäumten sie ihre letzte Verbindung nach Hause. Aber anstatt so verzweifelt zu sein, wie man es von zwei Zwölfjährigen erwarten würde, die zum ersten Mal allein in einer großen Stadt waren die sie nicht kannten, taten sie das Nächstbeste: Sie spazierten die ganze Nacht über durch die Viertel und Parks – ganz wie im Film - und frühstückten bei Sonnenaufgang auf der Westminster Bridge – wo sie die Polizei fand und sofort zurück nach Liverpool transportierte.

6

„London sure is a dreary place around this time of year!“, zog Haydn an seinem Hemdkragen und schlang seinen Schal einmal elegant um den Hals. „Oh, you miserable sod“, hakte Devon sich fröhlich bei ihm unter. „London is simply the most devine place in the world – anytime of year.“ „My sentimental old friend“, wich Haydn einem Hund aus und Devon zwickte ihm in den Oberarm. Nicht, dass er durch ihre Handschuhe, seinen Mantel, das Jackett und das Hemd viel gespürt hätte. „You’re in love with Montréal.“ „Ja, aber dort wurde ich geboren.“ Sie lachte laut und Passanten, Touristen die keine Sekunde ihres Aufenthalts mit Schlafen versäumen wollten und eilige Büroangestellte drehten sich zu ihnen herum. Welche Gestalten wandelten durch London so früh am Morgen? Daraufhin reckte Devon das Kinn vor und setzte einen Blick auf, der Milliardärstochter sagte. Der falsche Pelzmantel, die Schuhe und die kurzen Fingerwellen halfen dabei ebenso wie die Tatsache, dass sie am Arm eines jungen Mannes in schwarzem Anzug, schwarzem Mantel, weißem Schal und schwarzem Hut hing. Heute Nacht waren es die Zwanziger gewesen. Sie hatten einen Jazzclub besucht und in einem Nachtclub einen Drink genommen und waren dann mit einem Taxi zum Ritz gefahren, wo sie sich Champagner aufs Zimmer bestellt hatten, sich in der Badewanne geliebt hatten und das Hotel wieder verlassen hatten, um auf der Tower Bridge den Sonnenaufgang zu beobachten. Nun waren sie auf dem Heimweg, übernächtigt und aufgedreht und Devon tanzte an Haydns Arm, obwohl ihre Füße in den etwas engen Schuhen entsetzlich schmerzten.

Am darauffolgenden Wochenende waren es die Siebziger. Toupiertes Haar, Schlaghosen, Rüschenhemden, Plateausohlen. Rollschuhlaufen mit Kopfhörern im Hydepark – in Ermangelung einer Rollerdisco und trotz des Wetters – und eine schrille Disco am Abend, danach in die Wohnung eines befreundeten Künstlers, wo sie im Lichte einer Lavalampe psychedelische Bilder malten und Haschischpfeifen rauchten.

Einige Tage später war es Hollywood im Savoy. Die guten alten Tage der Schauspielerlegenden, um genau zu sein. Herren waren in Smoking und Fliege, Damen in Abendkleid, Brillianten und Pelz. Die anwesende und in diesem Fall sogar geladene Presse liebte es. Glamour war gar kein Ausdruck. Haydn Cavendish zog an einer Zigarre, schob seinen Hut aus der Stirn und sprühte vor Charme. Devon an seinem Arm war eine Puppe aus Porzellan mit tiefroten Lippen unter den grünen Augen, in einem Kleid aus fließendem Gold und einer Pelzstola die nur knapp ihre aufreizende Rückenansicht verdeckte.

Der Champagner floss in Strömen, es spielte eine Bigband und um Mitternacht gab es eine private Vorführung von An Affair to Remember. Die Band saß auf einem Divan, umgeben von glitzernden Bewunderinnen, lachte, diskutierte und gestikulierte. Andere Berühmtheiten wechselten laufend die Plätze mit ihnen. Zeitungen nannten es eine eitle Parade der jungen Stars und Starlets. Haydn nannte es seine Geburtstagsparty.

Am Morgen, um 6:24 Uhr um genau zu sein, wurde er 28. Er stand im Bad seines Hotelzimmers, der Hut zu weit nach hinten gerutscht, die Fliege lose über dem aufgeknöpften Kragen, einen Lippenstiftabdruck auf der Wange und drehte eine kleine Dose in seiner Hand hin und her. Selbst hier oben hörte man das Gelächter und den Gesang der mittlerweile angetrunkenen Partygesellschaft die Zimmer im Hotel genommen hatte ohne daran zu denken sie aufzusuchen. Er musterte sein Gesicht im Spiegel über dem Waschbecken. Sah er anders aus? Etwas war anders an seinem Gegenüber, aber er konnte bei Gott nicht sagen, was. „Joyeux anniversaire“, flüsterte er. Für die letzten zehn Jahre hatte er sich an jedem seiner Geburtstage fast besinnungslos getrunken und hatte dann eine Dose Schlaftabletten geschluckt. Nur um sie auszukotzen, bevor die Tabletten richtig wirken konnten. Er nahm den Deckel von der Dose und leerte den Inhalt in seine Hand. Diesmal war er nicht betrunken genug. Er zählte die Tabletten und sah dann wieder auf sein Spiegelbild. Es widersprach ihm nicht. Und plötzlich machte er auf dem Absatz kehrt und ging zur Toilette. Jede einzelne Tablette ließ er in die Muschel fallen, dann drückte er den Spülknopf. Er hatte vergessen einen Abschiedsbrief zu schreiben.

Should I Tell the Truth Or Something Beautiful?

7

„Rise and shine! Rise and shine!“ Edda tanzte zur Tür herein und riss die Vorhänge zur Seite. „Mmmmm“, drehte sich Linnea missmutig auf die andere Seite, um dem frühlingshaften Sonnenlicht zu entkommen, das durchs Fenster ins Zimmer schlich. „Linn, komm, auf mit dir!“ „Mmmm…“ „Linn, auf mit dir. Schluss mit dem Brüten. Die Sonne scheint, die Vögel singen…“ „Ich will nicht aufstehen!“, wehrte Linnea ab und zog die Decke über den Kopf. „Ich hab keinen Grund aufzustehen“, kam es dann darunter hervor und Edda seufzte. „Okay, jetzt ist es genug!“ versuchte sie ihr die Decke wegzuziehen, aber Linnea klammerte sich daran fest. „Linn, du bist kein kleines Kind mehr!“ „Ich wünschte ich wäre es.“ „Zu spät! Du bist erwachsen und du wirst bald für dein eigenes Kind Verantwortung übernehmen müssen.“ „Noch einen Tag“, stöhnte Linnea. „Ein Tag. Morgen steh ich auf und kehre in die Wirklichkeit zurück, aber heute will ich mich noch in meinem Schmerz vergraben.“ „Schön zu sehen, dass du deinen Sarkasmus nicht verloren hast“, schüttelte Edda den Kopf und nützte dann den Moment, um Linnea die Decke aus der Hand zu reißen. „Hey!“, setzte Linnea sich auf. „Komm in die Küche, ich mach dir ein schnelles Frühstück. Du hast seit Tagen nicht gegessen.“ Sie warf einen Blick auf das Tablett auf der Kommode, das nicht angerührt worden war. „Kein Hunger.“ „Okay!“, erhob Edda ihre Stimme. Etwas, das sie nur in Sonderfällen tat. Aber das hier war ein Sonderfall. Ihre Nichte machte sich lächerlich – und das in ihrem Alter. „Schluss jetzt! Du hattest einen Streit mit deiner Mutter. So was kommt vor! Aber du bist erwachsen und du hast Verantwortung zu übernehmen und nicht davon zu laufen!“ Sie ging zum Fenster und öffnete es, um die kühle frische Luft davor herein zu lassen. „Du hattest ein paar Tage um dich abzureagieren, jetzt ist es Zeit, dass du aus diesem stickigen Zimmer gehst und in die Wirklichkeit zurückkommst!“ Linnea stöhnte und wich vor der kalten Luft zurück, aber Edda hatte ihre Decke in Beschlag genommen. „Morgen!“ „Nein, heute! – Linn“, wurde Eddas Stimme wieder etwas sanfter und sie ging zu ihr und setzte sich auf die Bettkante. „Linn, ich verstehe ja, dass du etwas Abstand brauchst. Und glaub mir, nichts macht mich stolzer als die Tatsache, dass du hierher geflüchtet bist, aber bist du sicher, dass du und deine Mutter euch wirklich nicht versöhnen könnt?“ Linnea zog ihre Decke an sich und zuckte die Schultern. „Nein, ich glaube nicht.“ „Vielleicht möchtest du mir sagen, was genau passiert ist? Zu beichten kann oft sehr befreiend sein.“ „Oh nein, komm mir nicht mit dem ganzen Kirchenzeug“, hob Linnea die Hand und hievte sich aus dem Bett. „Ich will nichts davon hören, wie göttlich Vergebung ist oder wie ein Ave Maria mich von meinen Sünden befreit! Denn um ehrlich zu sein, will ich gar nicht davon befreit werden. Nicht davon, was ich zu meiner Mutter gesagt habe, denn ich habe jedes Wort ernst gemeint; und nicht davon, was den Streit ausgelöst hat, denn das meiste davon war es wert! Und ich kann dir auch nicht sagen, was alles passiert ist, denn erstens geht es dich nichts an, weil du nicht Teil des Ganzen bist und zweitens würdest du mich dafür vielleicht noch mehr verachten als Agneta es tut.“

Edda musterte ihre Nichte einen Moment, dann stand sie auf und nickte. „Komm jetzt mit nach unten und ich mach dir ein schönes Frühstück. Schluss mit Hungern, das schadet dem Baby.“ „Ich brauche zuerst eine Dusche.“ Edda lächelte. „Gut, geh unter die Dusche und ich mache dir einen schönen Kamillentee, Eier und Speck.“ „Tant Edda?“ „Ja?“ „Danke, dass du mich hier wohnen lässt.“ „Du bist Familie“, zuckte sie nur die Schultern und schloss die Tür hinter sich.

Linnea streckte sich vor dem Fenster und sog die frische Luft tief ein. Es tat gut und sie fühlte sich sofort etwas munterer. Dann schleppte sie sich über den Flur ins Bad. Mein Gott, sie sah so furchtbar aus, dass sie vor sich selbst erschrak. Mit steifen Gliedern stieg sie in die Dusche und seufzte tief. Das Wasser tat gut und sie spürte wie auch das Baby in ihr aufwachte. Es war ein unbeschreibliches Gefühl zu spüren wie sich etwas in einem tatsächlich bewegte. „Guten Morgen, mein Schatz“, streichelte sie ihren Bauch und wusch sich dann das Shampoo aus den Haaren.

Erfrischt und gleich etwas besser gelaunt, ging sie schließlich in die Küche hinunter, in der Edda sie bereits erwartete. Jetzt siehst du gleich wieder viel besser aus.“ „Ich glaube, es geht mir auch ein kleines bisschen besser. Es ist ein Wunder was frische Unterwäsche bewirken kann.“ „Dein Frühstück steht auf dem Tisch. Möchtest du Orangensaft?“ „Gerne“, setzte Linnea sich und sah auf ihren Teller. Essen war doch etwas Großartiges.

„Ich habe mir gedacht, ich werde meine Einkäufe erledigen, solange die Kinder noch in der Schule sind“, kam Edda mit einer Gießkanne zurück in die Küche, wo Linnea sich gerade den letzten Bissen Toast in den Mund schob. „Dann geht es schneller. – Möchtest du mich begleiten?“ Aufzustehen, sich zu duschen und zu essen war eine Sache, aber war sie schon bereit, wieder nach draußen in die echte Welt zu gehen, nachdem sie so viele Tage in der Dämmerung von Eddas Gästezimmer verbracht hatte? „Ja, gern.“ „Sehr gut“, nickte Edda und stellte die Gießkanne in den Schrank unter der Spüle. „Dann geh jetzt nach oben und zieh dein Bett ab, damit ich das Bettzeug in die Waschmaschine stecken kann.“ Sie nahm Linnea ihren Teller ab, bevor diese protestieren konnte und Linnea stand auf. „Okay“, antwortete sie dann immer noch etwas zögerlich.

Sie fuhren zum nächsten großen Supermarkt und kauften so viel ein, dass es wohl für den nächsten Monat reichen würde. Linnea bot an, ihren Teil beizusteuern, aber Edda wollte nichts davon hören. „Du bist Familie und du bist Gast.“ „Aber ich weiß nicht, wie lange ich hier sein werde, ich möchte wirklich nicht…“ „Unsinn. Du kannst so lange bleiben wie du willst. Es ist nett jemanden zum Reden haben. Mit der Zeit wird es einsam, jeden Tag allein zu Hause zu sitzen, wenn Jasper in der Arbeit und die Kinder in der Schule sind.“ „Ich bestehe darauf, ein bisschen beizutragen…“ Doch Edda ließ sie gar nicht ausreden. „Du kannst mir im Haushalt helfen, das genügt. Du brauchst dein Geld für das Baby bis du einen neuen Job suchen kannst.“ Linnea schob den Einkaufswagen Richtung Kassen und nickte. „Das kann ich machen.“ Sie konnte ihr nicht sagen, dass sie mehr als genug Geld hatte, das hätte nur zu neuen Fragen geführt. „Gut“, lächelte Edda zufrieden. „Dann hätten wir das auch geklärt.“

Nach dem Mittagessen zog Linnea sich ihre Stiefel an und spazierte hinunter an den Strand, um den Wind ihren Kopf freiblasen zu lassen. Es war viel passiert in den letzten Wochen. Agneta und sie hatten es versucht. Nach allem was Linnea gestanden hatte, nach allem was Agneta ihr an den Kopf geworfen hatte. Aber selbst die Tatsache, dass Agneta sich zu Erik zurückzog beruhigte Linnea nicht. Wahrscheinlich war es wirklich an der Zeit gewesen. Eine dreißigjährige Frau sollte wirklich nicht mehr bei ihrer Mutter wohnen, egal wie sehr sie deren Unterstützung mit dem Baby brauchen würde. Aber wo sollte sie hin? Sie hatte an Kristina gedacht, aber die hatte nur eine Couch und ein eigenes Baby und würde zu viele Fragen stellen.

Sie ging eine Weile an der Brandung entlang, dann setzte sie sich auf einen Felsen und sah aufs Meer hinaus. So war es besser. Weit weg von Stockholm und allem was passiert war. Und sie war sowieso unglücklich gewesen in ihrem Job und hatte nicht mehr die Energie gehabt jeden Tag aufs Neue hinzugehen. Hier würde sie sich etwas Zeit nehmen können zu überlegen, was sie wirklich machen wollte. Wenn das Baby da war und sie wieder zur Arbeit würde gehen können. Oh mein Gott, sie konnte nicht glauben, wie nahe der Geburtstermin bereits gerückt war. Sie hatte noch so viel Zeit gehabt, jetzt lief die Uhr langsam ab. Und sie hatte Angst. Sie hatte Angst vor der Geburt und davor, ein Baby aufziehen zu müssen, ohne das Geringste darüber zu wissen. Sie hätte das nicht allein durchstehen sollen, so war es nicht geplant gewesen. Aber sie hatte Albin doch nicht noch ein zweites Mal anlügen können. Nicht auf Dauer. Es war von Anfang an nicht fair gewesen und hatte ja doch nie eine Zukunft gehabt, auch wenn sie versucht hatte, es sich einzureden. Haydn hätte über das Arrangement wahrscheinlich nicht mal mit der Wimper gezuckt, aber Albin hätte es niemals verstanden. Und er hätte Fragen gestellt. Hätte sie ihm wirklich sagen können, dass sie eine Affäre gehabt hatte, während er sich bemühte, sie zu heiraten? Würde sie je den Mut aufbringen, ihm auch das zu gestehen, was sie ihrer Mutter gestanden hatte? Nein, sie musste ihm ein zweites Mal das Herz brechen, damit er loslassen konnte und jemanden finden, der ihn zu schätzen wusste. Und sie war weit weg genug, um es ihnen beiden einfacher zu machen.

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