Kitabı oxu: «Pikatzo»
Pikatzo
Rita Janaczek
Buch 4 der Katzenbuchreihe

Impressum
©Rita Janaczek 2020
Machandel Verlag Haselünne
Charlotte Erpenbeck
Coverbild und Illustrationen: Pototska / depositphotos.com
ISBN 978-3-95959-298-7
1. Stillleben
Künstler sein ist kein Beruf, hatte Pias Vater mehr als einmal gewarnt, Künstler sein ist eine Fehlentscheidung. Aber Pia Lindefeld war ein kreatives Individuum, auch ein kämpferisches und besonders ein sehr bockiges. Nachdem sie sich ein Jahr nach dem Abi die Zusage der Uni für Bildende Künste erkämpft hatte, war sie mit ihrem Dickkopf so lange gegen die väterliche Wand gerannt, bis der Ytong zerbröselt und er seufzend in die Planung für das kommende Studium mit eingestiegen war. Er hatte ihr geholfen, eine Wohnung zu finden und zu renovieren. Auch beim Umzug in die Stadt hatte er mit angepackt. Wenn sie ganz ehrlich war, dann musste sie zugeben, dass er eigentlich alles allein gemacht hatte. Pia war froh, dass wenigstens er für sie da war. Ihre Mutter ließ sich nur selten sehen, seit sie direkt nach der Scheidung zu ihrem neuen Partner nach München gezogen war.
Der Start ins Studentenleben war super gewesen, aber inzwischen quälte sich Pia durch das zweite Semester. Manchmal war es genauso ätzend wie in der Schule. Schon da hatte sie die Vorgaben im Kunstunterricht mehr als flüssig gefunden, doch die gab es hier leider genauso. Sie war sich darüber im Klaren, dass auch die Kunst Technik brauchte, Kenntnis von Perspektiven, Farblehre und noch endlos mehr Wust, auf den sie gern verzichtet hätte und der sie in letzter Zeit immer häufiger panisch machte. Die Grundlagen und Vorschriften entsprachen einfach nicht ihrem intuitiven Verständnis von Kunst. Wie sollte sie bloß die anstehenden Prüfungen überstehen? Das geforderte Werkstück, Acryl auf Keilrahmen 100 x 100, stand immer noch klinisch weiß in ihrer kleinen Wohnung hinter dem Schreibtisch. Da sollte ein Stillleben entstehen, ausgerechnet ein Stillleben! Das war sowas von öde! Alles andere hätte sie lieber gemalt.
Frau Professorin Grell-Sebses schritt durch das Atelier der Uni, ihr Gesichtsausdruck immer gleich zitronensauer. Unter den Studenten kursierte das Grücht, sie sei schon mit nach unten weisenden Mundwinkeln auf die Welt gekommen. Ihr schwarzes, knöchellanges Kleid raschelte aufdringlich bei jedem ihrer Schritte. Alle hier fürchteten ihre bitterbösen Kommentare. Ihr Seminar schrammte nur knapp am Prädikat seelische Folter vorbei. Grell-Sebses konnte einem mit einem einzigen Blick das Gefühl geben, null Talent zu haben. Pia blickte unauffällig von ihrer Staffelei auf. Sie liebte es, frei zu malen und zu zeichnen, das war ihre wirkliche Stärke. Jetzt schlug die Professorin einen Bogen. Pia zuckte zusammen. Sie hoffte inständig auf ein Ende der Stunde, bevor die schwarze Gefahr ihr Machwerk erreichte. Aber heute war nicht sie das Ziel, denn gerade schoss sich Grell-Sebses auf Dominik ein, ausgerechnet Dominik. So laut, dass es auch ja jeder hören konnte, schüttete sie ihre Häme über ihm aus.
Als Pia am Abend von der Uni kam, gähnte ihr die weiße Leinwand frech entgegen. Missmutig hängte sie den alten, abgewetzten Trenchcoat ihrer Mutter an die Garderobe und schob die Vans von den Füßen. Sie öffnete die Tür zur kleinen Dachterrasse und ließ es eine Weile von draußen hineinwehen, während sie sich an der kleinen Küchenzeile einen Toast schmierte und Tee aufgoss. Als sie anschließend kauend an dem kleinen Tisch hockte, fiel ihr Blick nach draußen. Da saß sie wieder auf dem Nachbardach, die kleine, weiße, struppige Katze. Ob die niemandem gehörte? Ein wenig verkommen sah sie schon aus, auch ziemlich mager. Pia nahm den letzten Schluck Tee, seufzte und schob die Tür wieder zu. Sie wusch lieber ihr Geschirr ab, anstatt sich mit dem Stillleben zu befassen, das war definitiv.
Nach einem weiteren Tee und zwei Stunden büffeln für Kunstgeschichte kroch sie ins Bett. Morgen würde eine weiße Leinwand sie wie jeden Tag anklagend begrüßen.
Die Stimmung in der kleinen Studentenclique war gelöst. Die letzte schriftliche Prüfung hatten sie heute hinter sich gebracht, der Sommer kündigte sich mit T-Shirt-Temperaturen an und in ein paar Tagen würden die Semesterferien beginnen. Die kommenden Ergebnisse interessierten im Moment niemanden. Sie saßen zu fünft auf der Terrasse des Bistros, hatten Flammkuchen und Wein bestellt und redeten ausgelassen. Bereits in den ersten Wochen des Studiums hatte sich die kleine Gruppe nach und nach zusammengefunden, und in den letzten Wochen hatten sie dann festgestellt, dass nicht nur Pia Stillleben hasste.
„In der neunten Klasse hat unser Kunstlehrer mal Obst von zu Hause mitgebracht“, erzählte Dorina, „dann hat er ´nen Apfel, ein paar Trauben und eine Banane auf das Pult gelegt und wir sollten das Ganze malen. Die Banane hatte schon braune Flecken. Zuhause sieht mein kleiner Bruder das Bild und fragt mich, was das für eine hässliche Giraffe wäre.“
Alle lachten und Pia verschluckte sich beinahe an ihrem Wein.
„Ich denke im nächsten Semester wird es entspannter“, sagte Ulla.
„Glaub ich nicht dran“, wandte Dominik ein. „Jeder redet immer von Kunst als Ausdruck des eigenen Selbst, von Freiheit, Kreativität, und wie läuft es hier? Du sperrst ein wildes Tier in einen engen Käfig – und dadurch soll es lernen, wild zu sein?“
„Is klar“, grinste Dorina, „und das wilde Tier bist du.“
Lennie ließ ein tierisches Knurren hören und zeigte die Zähne.
„Man, das ist `ne Metapher“, beschwerte sich Dominik.
Die anderen vier nickten brav und gleichzeitig, dann gab es wieder gemeinsames Gelächter. Pia mochte Dominik, er war rein optisch zwar nicht ihr Typ, aber er war kreativ und intelligent, außerdem alles andere als oberflächlich.
„Morgen noch das Werkstück vorlegen, und wenn wir Glück haben, ist das dann unser letztes Stillleben“, konstatierte Dominik.
„Wie? Morgen?“, fragte Pia fassungslos. „Ich dachte, wir müssen Mittwoch abgeben!“
„Morgen ist Mittwoch“, warf Ulla trocken ein.
„Nicht nächste Woche?“ Die Hoffnung stirbt zuletzt.
„Neehee“, Dorina zog das ausführliche Statement in die Länge und sah Pia aus den Augenwinkeln an.
Die Hoffnung ist gerade auf dem Weg zum Container. Pias Körper spannte sich unangenehm.
„Definitiv morgen!“, bestätigte Dominik nochmal und alle nickten. „Sag bloß, du bist noch nicht fertig? Da kennt Grell-Sebses kein Pardon, Frist ist Frist“, ergänzte er besorgt.
„Doch natürlich, es fehlen nur noch ein, zwei Pinselstriche, Fünfminutensache.“ Das war natürlich gelogen. Die Leinwand stand noch immer so jungfräulich wie eh und je hinter dem Schreibtisch. Pia spürte, wie ihr der Puls bis zum Hals schlug, sie musste unbedingt nach Hause, und zwar sofort. Das war jetzt sowas von peinlich. Um keinen Verdacht zu erregen wartete sie noch ein paar Minuten, bis die imaginären Kopfschmerzen kamen, dann verabschiedete sie sich und sprintete zur U-Bahn. Das durfte nicht wahr sein, wie hatte sie sich mit dem Termin so versehen können? Eigentlich konnte sie unter Druck wesentlich stringenter arbeiten, doch das hier war mehr als Druck. Sie würde die Nacht durchmachen müssen. Trocknen würde das blöde Ding dann auch nicht mehr rechtzeitig.
Als sie in der Wohnung ankam, warf sie Schuhe und Mantel vom Leib, streifte sich das alte Oberhemd ihres Vaters über, das sie als Malkittel nutzte, und legte den Küchentisch mit Folie aus. Die Leinwand war natürlich größer als der Tisch, das Teil wackelte, die Farben und Utensilien stellte Pia auf die Anrichte. Eine Staffelei wäre jetzt ideal gewesen. Sie hatte oft darüber nachgedacht, sich eine anzuschaffen, aber wo hätte sie die in der kleinen Wohnung aufstellen sollen? Sie verschwendete keinen weiteren Gedanken an hätte, könnte oder wäre und legte los. Etliche Stunden arbeitete sie mit wachsender Unzufriedenheit, das Ergebnis überzeugte sie überhaupt nicht, maximal Obertertia. Gegen fünf Uhr morgens legte sie das Machwerk entnervt auf den Balkon. Bei der lauen Vorsommerluft würde es draußen sicherlich schneller trocknen als in ihrer kleinen Bude. Auch ihre Utensilien stellte sie einfach nach draußen, lediglich die teuren Pinsel wusch sie sorgfältig aus und legte sie auf ein altes Tuch neben die Spüle. Dann kroch sie völlig übermüdet ins Bett.
Sie hätte heulen können. Das Bild in ein Laken gewickelt saß sie in der U-Bahn und starrte auf den Boden. Das war‛s dann wohl, womöglich war ihr das dritte Semester jetzt versperrt. Die Blicke von Professorin Grell-Sebses allein hätten schon gereicht, der Redeschwall danach hätte nicht nötig getan. Zuletzt hatte Pia gar nicht mehr zugehört, the Person you have called ist überhaupt nicht mehr available. Wie sollte sie dieses Desaster nur ihrem Vater beibringen? Er tat alles für sie, unterstützte sie wo er nur konnte, auch finanziell, obwohl er selbst Probleme hatte, über die Runden zu kommen. Außerdem wollte sie mit den anderen zusammenbleiben und auf keinen Fall dieses verdammte zweite Semester wiederholen. Ihre Hand krallte sich um den Rand des Keilrahmens. Irgendwie sah das Bild ja jetzt richtig gut aus, über Nacht gereift, nur war es alles andere als ein Stillleben, und das war das Problem. Als sie am Morgen nach zwei Stunden Schlaf wieder aufgestanden war, hatte das Bild völlig anders ausgesehen, die Joghurtbecher mit den Farbresten hatten kreuz und quer auf dem Balkon gelegen. Die verschiedenen Flaschen und die Schale, die sie gestern mehr schlecht als recht auf die Leinwand gebracht hatte, waren nur noch in Fragmenten zu erkennen. Die Acrylfarbe, die völlig abstrakt darüber gearbeitet wurde, machte das Bild zu einem surrealistischen Traum. Hätte sie dieses Machwerk in einer Galerie entdeckt, sie hätte sich gewünscht, so malen zu können. Sie hatte einen dunklen Verdacht, wer ihr das eingebrockt hatte, eine verräterische orange Signatur war am unteren rechten Rand zu erkennen, der Täter hatte vermutlich weißes Fell und vier Pfoten.
„Ist der Platz noch frei?“ Der dunkelhaarige Typ setzte sich, bevor sie geantwortet hatte. Sie nickte nachträglich und wandte ihren Blick, um nach draußen zu sehen.
„Sie malen?“, quatschte er sie von der Seite an. Pia hatte so gar keine Lust auf Konversation, aber er machte einen netten Eindruck und zickig rüberkommen wollte sie auch nicht.
„Ich studiere Kunst“, das klang gerade so hochtrabend, dass sie die Antwort am liebsten gelöscht hätte.
„Ich studiere Sport“, schob er nach. „Kann man auch nichts mit anfangen.“ Er grinste wie ein Schuljunge und schob seinen Rucksack zwischen den Füßen zurecht.
Sie sah hinaus auf die Tunnelwände, die an ihr vorbeizogen, und war überzeugt, die kurze Unterhaltung dadurch beendet zu haben.
„Darf ich mal sehen?“
Pia wusste nicht, ob sie seine Hartnäckigkeit interessant oder lästig finden sollte. Sie drehte sich zu ihm, erst jetzt wurde ihr bewusst wie dicht sie nebeneinandersaßen, und zog das Laken ein Stück zur Seite. Er pfiff durch die Zähne. „Das haben Sie gemalt? Also wenn ich so malen könnte, würde ich mir die Uni sparen.“ Er grinste wieder.
„Das sagen Sie nur so.“ Sie konnte nicht leugnen, dass sein Kompliment sie verlegen machte.
„Nein, ehrlich. Das sieht richtig gut aus.“
Sie spürte, wie ihr die Hitze in den Kopf stieg. „Ich hab es nicht allein gemalt“, gab sie ehrlich zu. „Die Basis kommt von mir, und ein … ein Freund hat daran weitergearbeitet.“
Er nickte und fuhr sich mit der Hand durch das wirre, halblange Haar. „Ich würde es gern jemandem zeigen.“ Er kramte ein Smartphone aus der Jackentasche. „Darf ich?“
Pia zuckte mit den Schultern, er nahm das sofort als Zustimmung und brachte sein Handy in Position. Sie nahm das Laken komplett herunter, positionierte das Bild so, dass er genug Abstand hatte und ließ es von ihm ablichten. Sie gab ihm auch noch ihre Handynummer, als er sie darum bat und eine Station danach stieg er aus.
Als sie in ihrer Wohnung war, hatte Pia keine Ahnung mehr, warum sie sich dazu hatte hinreißen lassen. Sie kannte diesen Mann überhaupt nicht und der hatte jetzt ihre Nummer. Sicherlich konnte er problemlos herausfinden, wo sie wohnte. Womöglich war er ein Hacker und würde sie jetzt über das Smartphone ausspionieren und irgendwann beginnen, sie zu stalken. Sein Interesse an dem Bild war sicher nur ein Vorwand gewesen. Wie bescheuert kann man sein? Sie schob das Bild hinter den Schreibtisch und wünschte sich, die Leinwand wäre noch immer unberührt und weiß und sie könnte den heutigen Tag einfach aus ihrer Biografie streichen.
2. Farbtiger
Als Pia am nächsten Morgen mit leichten Kopfschmerzen aufwachte, war sie noch immer schlechtlaunig. Daher beschloss sie als erste gute Tat des Tages, der Uni so fern wie möglich zu bleiben, Weltbewegendes würde in den letzten zwei Wochen vor den Semesterferien ohnehin nicht mehr geschehen. Unter der Dusche verharrte sie eine Weile unbeweglich mit geschlossenen Augen und genoss das beruhigende Fließen des warmen Wassers. Dann drängte sich ihr wieder der vergangene Tag in den Sinn. Sie versuchte die Situation zu analysieren und sich mit dem Gedanken abzufinden, dass sie es gründlich vermasselt hatte. Die Katze hatte daran überhaupt keine Schuld, sie, Pia, hatte das unvermeidliche Stillleben von Woche zu Woche geschoben, über das gesamte Semester hinweg. Dieses Desaster geschah ihr ganz recht, es war ihre Verantwortung, es hätte problemlos und ganz entspannt laufen können.
Schon bevor sie sich Frühstück machte, öffnete Pia die Tür zur Dachterrasse, es war Bilderbuchwetter. Als sie sich mit einem Seufzer am Tisch niederließ, fiel ihr Blick wie immer nach draußen, über die Dächer der alten Wohnblocks. Und da saß sie wieder auf dem Nachbardach, die kleine, weiße, nein, die grellbunte Katze. Sie machte einen apathischen Eindruck, das Fell war durch die Farbe völlig verklebt. Pia ließ die Tasse sinken und trat auf die Terrasse. Auch wenn das Tier vorher schon kränklich und hager ausgesehen hatte, so war der jetzige Zustand wohl der Tatsache geschuldet, dass sich die Mieze in der letzten Nacht künstlerisch völlig verausgabt hatte. Da musste sie sich jetzt kümmern, es waren schließlich ihre Farben, die waschecht im Fell des Tieres klebten. Die Mieze ließ sich nicht anlocken und gab nur ein jämmerliches Maunzen von sich. Das Nachbardach grenzte beinahe übereck an ihre Dachterrasse, es gab einen Spalt, der kaum einen Meter breit war, aber darunter gähnte ein Abgrund, der vier Stockwerke hinunterreichte. Da würde sie auf keinen Fall drüber steigen, zu solch einem Stunt fehlten ihr die Nerven. Pia stellte ein Schälchen mit Kondensmilch auf, vielleicht würde die Katze sich dadurch anlocken lassen. Sie war schließlich auch zuvor schon auf ihre Dachterrasse gelangt.
Geschlagene zwei Stunden später saß das Tier noch immer an der gleichen Stelle. Selbst von weitem konnte Pia erkennen, wie der kleine Körper zitterte. Ihr fiel nur Dominik ein, der sicherlich mit einem großen Ausfallschritt auf das Nachbardach gelangen konnte, ganz ohne Anstrengung, oder mit einem kleinen Sprung. Sie würde ihn anrufen, und zwar sofort. Im Moment dieses Gedankens klingelte ihr Smartphone, sicher einer aus der Clique. Pia achtete gar nicht auf die Nummer im Display und nahm das Gespräch an.
„Hier ist Keno, wir kennen uns aus der U-Bahn.“
Kennen? Ohne nachzudenken schoss es aus ihr heraus: „Ich hab hier einen Notfall. Ich muss sofort auflegen.“
„Kann ich helfen?“ Seine Stimme klang so besorgt, als würde er für eine kitschige Schmonzette vorsprechen.
„Nein.“
„Dann melde ich mich später nochmal, okay?“
Sie drückte ihn weg, ohne noch etwas zu sagen. Blödmann! Erst die billige Anmache in der U-Bahn und dann ihr Handy blockieren.
Dominik erreichte sie nicht, stattdessen Lennie beim dritten Versuch. Die zwei waren oft zusammen unterwegs und wohnten im gleichen Block.
„Ich bin grad in der Umkleide, Dominik und ich waren schwimmen. Was gibt’s denn?“
„Bei mir sitzt ´ne Katze auf dem Nachbardach, die hat sich mit meiner Farbe versaut und ist total verklebt.“
„Wem gehört die denn?“
„Keine Ahnung. Ich glaub, sie ist ein Streuner“, mutmaßte Pia knapp.
„Dann lass sie da doch einfach sitzen.“ Hilfsbereitschaft klang anders.
„Die geht ein da oben. Die lass ich da nicht sitzen, verdammt.“
„Ist ja okay, Pia. Dominik und ich sind in ´ner halben Stunde bei dir.“
Da hatte Pia doch auf absolute Helden gesetzt. Dominik und Lennie waren eine richtige Hilfe, was das Diskutieren des richtigen Plans anbelangte, über den Spalt auf das andere Dach wollte allerdings keiner von ihnen. Ihre Bedenken deckten sich haargenau mit denen, die Pia gehabt hatte.
„Aber ihr seid Jungs!“
„Is klar. Aber ein falscher Schritt und wir sind Leichen. Wenn das nicht so übereck läge, würde ich es sogar riskieren.“ Lennie verschränkte die Arme.
„Wir könnten einen Kescher mit Teleskopstiel besorgen und versuchen, die Katze von hier aus zu fangen“, war Dominiks sicherheitsbewusster Vorschlag.
„Wer hat denn so ein Ding?“
Pia konnte die beiden schon verstehen, sie hatte ja selbst Bedenken gehabt. Und wenn wirklich etwas passierte, das würde sie sich nie verzeihen. Nein, sie würde nicht drängeln. Wenn die beiden beschlossen hatten, nicht aufs Nachbardach zu steigen, dann würde sie das akzeptieren. „Ist doch was für Angler. Kennt ihr einen?“, schob sie nach.
„Nee, keine Ahnung. Aber wir könnten einen im Angelgeschäft besorgen“, schlug Dominik vor.
„Ja, direkt im Erdgeschoss“, witzelte Lennie.
„Da gibt’s doch diesen Laden direkt hinter dem Bahnhof. Ich fahr mit der U-Bahn hin. Da bin ich in einer dreiviertel Stunde wieder hier.“ Dominik ließ es mehr wie eine Frage klingen.
„Was kostet denn so ein Ding? Ist bestimmt nicht billig“, wandte Lennie ein. „Nur für das eine Mal hier mit der Katze, das lohnt doch gar nicht. Und Fische gibt’s hier oben auch nicht so viele.“ Er grinste.
„Kannst du mal einmal ernst bleiben?“ Pia knuffte ihn entnervt in die Seite. Sie warf einen Blick auf das benachbarte Dach. Die Katze harrte noch immer an gleicher Stelle aus, und genauso unschlüssig standen sie herum. Die chinesischen Tonkrieger wären dagegen impulsiv rübergekommen.
„Dann geh ich jetzt rüber“, platzte Pia in die Stille und riss entschlossen die Tür zur Dachterrasse auf. Eilig trat sie nach draußen, um keine Zeit zu haben, es sich anders zu überlegen. Als sie ihr rechtes Bein über das Geländer schwang, meldete sich ihr Handy. Sie schwang das Bein zurück und war erleichtert, denn so merkten die beiden Männer nicht, dass auch ihr der Mut fehlte.
„Wir können ja beim Nachbarblock mal anklingeln. Die haben doch sicher einen Hausmeister, der da rauf kann“, fiel Pia ein, während sie ihr Smartphone entgegennahm, das Dominik ihr herüberreichte.
Keno betrachtete die Lage von der Dachterrasse aus. „Es wäre leicht, wenn es nicht so blöd übereck läge.“ Er runzelte die Stirn, sein ungekämmtes Haar gab ihm etwas Verwegenes.
Jetzt, wo dieser athletisch aussehende Sportstudent in ihrer Wohnung stand, wusste Pia nicht mehr, was sie da eben am Telefon geritten hatte. Der Gedankenblitz war unkontrolliert aus ihr hochgeschossen, als Keno sich am anderen Ende gemeldet hatte und sie hatte ihn mit ihrem inneren Auge bereits von Dach zu Dach springen sehen. Auf Kenos Frage, ob jetzt alles wieder okay sei, hatte sie mit einer Gegenfrage geantwortet. „Kannst du Katzen retten?“ Die Tatsache, dass die beiden anderen noch hier in ihrer kleinen Wohnung waren, sicherte die Situation ab, es gab ja nichts Verfängliches.
Als würde Keno den ganzen Tag nichts anderes machen, landete er mit einem eleganten Sprung auf dem Nachbardach. Pia blieb beinahe das Herz stehen, so ohne Vorankündigung hatte sie mit diesem Stunt nicht gerechnet. Die Katze rührte sich nicht, anscheinend ging es dem Tier wirklich schlecht. Keno redete beruhigend auf den Tiger ein, während er sich langsam und mit ruhigen Bewegungen dem Farbklecks näherte. Ohne Widerstand ließ sich das verklebte Knäuel aufheben. Einen Moment lang hielt er die Katze dicht am Körper. Pia konnte nicht umhin den Anblick mit einem Strom innerer Wärme richtig süß zu finden. Dann reichte Keno ihnen mit lang ausgestrecktem Arm das Tier entgegen. Dominik lehnte sich weit über das Geländer und nahm es in Empfang. Mit einem großen Satz folgte der Retter, schwang sich über das Geländer und grinste. „Jetzt könnte ich einen Kaffee gebrauchen.“
Pia fragte sich, wie sie hier in der U-Bahn bei den anderen Fahrgästen wohl rüberkamen. Drei Männer und eine Frau, die eine kleine rote Reisetasche mit sich trugen, aus der es miaute. Sie hatten den Tierarztbesuch gemeinsam gemacht, gemeinsam das Wartezimmer blockiert, zusammen den Tierarzt mit Fragen gelöchert, sogar gemeinsam bezahlt. Pia war heilfroh, die Rechnung hätte ihre Finanzen gesprengt. Als kleines Dankeschön würde sie die drei Mitstreiter heute Abend bekochen, Nudeln mit Pesto, soviel Anstand musste sein. Die Mieze war jetzt nackt, abgeschoren, weil sich Acrylfarbe nicht auswaschen lässt. Durch das gespritzte Aufbaupräparat gestärkt, schimpfte sie jetzt vor sich hin.
„Willst du die behalten oder bringst du sie ins Tierheim?“, wollte Lennie wissen.
„Ein Haustier steht nicht wirklich bei mir auf dem Plan“, gab Pia zu, „aber ich würde es nicht übers Herz bringen, sie ins Tierheim zu geben.“
„Sie gehört ja quasi schon zur Familie“, grinste Keno.
Pia sah ihn finster an. Wie konnte der denn jetzt von Familie reden? Sie kannten sich doch gar nicht. Ihr war auch nicht bekannt, dass vier Stunden jemals gereicht hätten, um eine Familie zu gründen. Es war vielleicht ein Fehler gewesen, auch ihn an der Rechnung zu beteiligen, womöglich stellte er noch irgendwelche Ansprüche. „Wenn, dann gehört sie zu mir. Sie treibt sich ja schon wochenlang auf meinem Dach herum. Willst du dein Geld wiederhaben?“
„Hast du eine Sperre, was Familie angeht?“, fragte Keno erheitert.
„Nein, ich krieg nur Probleme, wenn mir Unbekannte sofort so dicht auf die Pelle rücken.“
„Ich sitz dir gegenüber, Dominik rückt dir auf die Pelle.“
„Du weißt genau, was ich meine, Keno.“
Der grinste nur.
„Bleib mal locker, Pia“, kam Lennie ins Gespräch. „Immerhin kennst du schon seinen Namen, er hat die Katze gerettet und irgendwie passt er auch ganz gut zu uns.“
Pia blickte wortlos vor sich hin. Ja, fall mir mal gepflegt in den Rücken, Lennie. Ihr innerer Peilsender versuchte auszuloten, wie die Geschehnisse der letzten Stunden in diese Situation münden konnten und wo das jetzt hinführen sollte. Die alte Komödie kam ihr in den Sinn, drei Männer und ein Baby. In ihrem hin und wieder leicht paranoiden Gedankenlabyrinth gab es gerade einen Keno, der alles eingefädelt hatte, die Begegnung in der U-Bahn und die passgenauen Anrufe, nachdem er die Katze auf dem Dach platziert hatte. War natürlich Blödsinn, die Mieze hatte sich schon immer dort rumgetrieben. Das Ganze war auch ohne diese bescheuerten Hirngespinste schon abenteuerlich genug.
„Wir sollten noch Katzenfutter besorgen“, holte Keno sie aus ihren Gedanken.
3. Signatur
Die Katze schlief in ein altes Handtuch gekuschelt im Karton eines Versandriesens. Pia lag auf der Seite, der Anblick, der sich dort in der Zimmerecke bot, war so beruhigend wie sonst nur die Kombination aus dicker Decke, leiser Musik, Tee und einem Glas Rotwein. Vielleicht sollte sie die Mieze Propofol taufen. Aber das passte eher zu ihrem Kunstdozenten Professor Jadebusch, der war eine Schlaftablette mit Füßen. Wenn der zeichnete, fiel ihm erst der Stift aus der Hand und fünf Minuten später der Kopf aufs Papier. Pia seufzte, sie stand kurz vor einer Entscheidung. Sie hatte das Fund-Tier beim Amt gemeldet, hoffte aber schon jetzt, es würde sich niemand melden, um es bei ihr abzuholen. Die Mieze einfach zu behalten schien ihr nicht mehr so abwegig wie noch am Vorabend. Sie würde das mit ihrem Vater besprechen, er mochte Tiere. Als sie klein war, hatten die gemeinsamen Zoobesuche sie beide immer wieder vollends fasziniert. Am Wochenende hatte sie mit ihrem Daddy auf der Couch Tierfilme gesehen. Und er hatte sich gefreut, wenn die Katze des Nachbarn draußen auf der Fensterbank gelegen hatte. Das hat sowas Gemütliches, hatte er dann immer geschwärmt. Ihre Mutter hatte dann ausführlich über das Viech geschimpft, sie mochte nur Tiere, die man umrühren konnte. Pia zog sich die Decke enger um den Körper und ließ ihren Blick auf dem Katzentier ruhen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie den Burschen nennen sollte, dass es ein Kater war hatte die Tierärztin ganz nebenbei erwähnt. Aber das hatte ja keine Eile, zuerst musste sie sich darüber klar werden, ob sie tatsächlich bereit war, ein Dosenöffner zu werden.
Der Tag war ereignisarm vorangeschritten, der kleine Kater hatte viel geschlafen und hin und wieder am Futter geschnuppert. Entweder es ging ihm nicht gut, oder er war wählerisch, sozusagen als lebender Beweis, dass vollmundige Werbeversprechen für Katzenfutter nicht unbedingt mit der Realität konform gingen. Ihren Vater hatte Pia noch nicht erreicht, das machte sie nervös. Sie wurde immer unruhiger bei dem Gedanken, mit der Entscheidung womöglich bis zum nächsten Tag warten zu müssen, es brodelte in ihr. Beim Ordnungsamt der Stadt wollte sie anfragen, ob sich bereits jemand wegen des Katers gemeldet hatte. Der Typ am Apparat hatte sie weiterverbunden zu einer genervten Frau, die sie ebenfalls weiterverbunden hatte zu einem scheinbar unausgeschlafenen Mitarbeiter, der sie weitergestellt hatte zu … Pia hatte es dann aufgegeben. Sie war erleichtert, als das Tier gegen Abend ein paar Happen nahm und die Nase kurz ins Trinkwasser steckte. Und sie freute sich ehrlich, als Dominik und Lennie mit der Ankündigung vor der Tür standen, dass auch Ulla und Dorina auf dem Weg zu ihr waren.
Dorina bezweifelte, ob es gut war, den Kater in einer dermaßen kleinen Studentenbude zu halten. Besonders deshalb, weil das Tier bislang über den Dächern der Stadt zu Hause gewesen war, wild und frei. Pia ließ dieses Argument nicht gelten. Die Begriffe verwildert und ausgesetzt waren vermutlich treffender. Die Tierärztin hatte das kleine Fellknäuel auf höchstens ein halbes Jahr geschätzt, wintergeboren. Vermutlich würde es auch nicht mehr wesentlich wachsen. Stoppelkatzen bleiben meistens klein und zart, hatte sie erklärt. Vielleicht war eine streunende Katze die Mutter. Es gab auch die Möglichkeit, dass eine trächtige Hauskatze einfach ausgesetzt worden war, die draußen völlig überfordert die Jungen mehr schlecht als recht durchgebracht hatte. Traurig fand Pia beide Möglichkeiten. Der geschorene Kater genoss derweil Dominiks Streicheleinheiten und schnurrte leise, während Ulla die beiden mit dem Smartphone festhielt.
Als es klingelte, zückten alle in Erwartung des Pizzaboten ihre Geldbörsen. Pia war sich im Moment des Erkennens bewusst, dass sie ziemlich dumm aus der Wäsche guckte, als Keno mit zwei großen Pizzakartons vor der Tür stand. „Du fährst Pizza aus?“
„Nee“, grinste er. „Als ich hier ankam, stand der Bote gerade vor deiner Tür. Ich hab das mit dem Bezahlen schon mal erledigt.“ Er schob sich an Pia vorbei in die Wohnung und wurde von Dominik und Lennie überschwänglich begrüßt. „Ich lad euch ein“, ließ Keno verlauten und platzierte die Kartons vorsichtig zwischen die Gläser auf dem Tisch. Dann stellte er sich Ulla und Dorina vor.
„Du hast die Katze vom Dach gerettet!“, stellte Ulla fest.
Keno winkte ab. „War nicht so wild.“
Pia legte einen Stapel Servietten in die Mitte und holte sich einen Stuhl ran. Keno quetschte sich auf die Couch neben Ulla und Dorina. Wie er da zwischen den beiden thronte! Pia beäugte ihn unauffällig, während alle sich aus den Kartons bedienten. Was wollte er eigentlich schon wieder hier? Nur weil er die Mieze knappe zehn Meter weit befördert hatte, gab es noch kein Abo auf ihre Wohnung.
„Hast du eigentlich kein Zuhause?“, platzte es aus ihr heraus.
Der irritierte Gesichtsausdruck ihrer Freunde bescheinigte ihr augenblicklich, dass sie sich mit dieser ausgesprochenen Höflichkeit gerade vergaloppiert hatte. Sie stammelte etwas Unverständliches, quetschte dann ein „Tschuldigung“ heraus und zuckte mit den Schultern.
„Ich wollte nur mal nach dem kleinen Racker sehen“, ließ Keno verlauten. „Und ich dachte, dann könnte ich auch das Bild gleich mitnehmen.“
„Das Bild mitnehmen“, wiederholte sie tonlos. „Hast du gedacht.“ Über die Katze hatte Pia alles andere völlig vergessen, selbst Kenos geheucheltes Interesse an ihrem misslungenen Stillleben.
„Was willst du denn mit dem Ding?“
„Mal sehen, ob es einen Markt dafür gibt.“
„Wenn du glaubst, du kannst mich hier veralbern, dann solltest du gleich gehen.“
„Ich meine es ernst, Pia. Ich hab das Bild meinem Onkel gezeigt, er will es in seiner Galerie ausstellen, allerdings erst einmal im Onlinebereich.“
„Ist ja geil“, platzte Lennie heraus. „Zeig mal her.“
„Kennst du schon.“ Pia war alles andere als begeistert. „Keno spricht von dem Bild, mit dem ich durch die Prüfung gefallen bin.“
„Das sieht ja auch richtig toll aus“, befand Dorina. „Nur, dass es eben kein Stillleben ist.“
„Wieso nicht ausprobieren?“, mischte sich Lennie wieder ein. „Du verlierst doch nichts dabei. Und stell dir mal vor, jemand würde es tatsächlich kaufen, vielleicht sogar für nen Hunni.“
Als alle zustimmend nickten, selbst Dominik, bröckelte ihr Misstrauen.
„Das ist völlig unverbindlich“, erklärte Keno. „Es kostet dich nichts und mit ein bisschen Glück verkaufst du bald dein erstes Bild.“
„Ich hab es ja nicht wirklich gemalt“, warf sie beinahe verzagt ein. „Die Mieze hat ja den letzten Schliff gemacht.“
„Genau das ist der Clou.“ Keno setzte wieder sein unwiderstehliches Grinsen auf. „Mein Onkel findet dieses Konzept ausgezeichnet.“
Konzept? Zweifelnd blickte sie in die Runde, doch unter dem Druck erwartungsfroher Gesichter hauchte sie ein „Okay.“
„Du solltest es jetzt auf jeden Fall noch signieren.“ Sein Blick war ernst, Pia erwischte sich dabei, diesen Sportstudenten gar nicht mal so übel zu finden. Sie erhob sich, kramte die Leinwand hinter dem Schreibtisch hervor und hielt sie zur Ansicht hoch.
„Da unten rechts“, schlug Keno vor. „Eine lockere Signatur schräg über dem orangen Pfotenabdruck.“
Pia lehnte das Bild an die Fensterbank und setzte sich wieder zu den anderen. Allmählich leerten sich die Pizzakartons und Lennie philosophierte bereits über die künftigen Erfolge in der Kunstszene. „Bei Picasso war der Erfolg ja auch nicht gleich vorprogrammiert. Aber er hat halt was völlig Neues geschaffen.“
Pikatzo! Es gab nichts anderes, das besser gepasst hätte. Pia plus Katze gleich Pikatzo äquivalent Kunst! Pia sprang unvermittelt auf, nahm einen schwarzen Acrylstift vom Schreibtisch und signierte das Bild, ohne zu zögern, mit leichtem Schwung über die Pfotensignatur hinweg.
Dorina und Ulla verbrachten ein paar Tage an der Ostsee, Dominik und Lennie waren nach Hause gefahren. Pia hatte schon einige Tage nichts von ihnen gehört. Und auch Keno ließ sich nicht blicken, das war ihr sowas von klar gewesen. Bei ihrem letzten gemeinsamen Abend mit der Clique hatte Pia beschlossen, dass der kleine Kater Pikatzo heißen sollte, genau wie die Signatur. Sie gehörten ab jetzt zusammen und nichts hätte das deutlicher nach außen tragen können als die Wahl dieses Namens. Die Entscheidung, das Tier zu behalten, war somit gefallen. Ihren Vater hatte sie am nächsten Tag vor vollendete Tatsachen gestellt, insgeheim hatte sie sich dabei gewünscht, dass er ihre Entscheidung nicht nur respektierte, sondern wohlwollend aufnahm. Genau das tat er, und eigentlich hatte Pia mit nichts anderem gerechnet. Papa, weiche Schale, weicher Kern. Pikatzo hatte inzwischen die kleine Studentenbude völlig in Beschlag genommen, der kleine Kater wuselte in jeder Ecke. Nur das neue Körbchen verschmähte er, sein beliebtester Rückzugsort blieb weiterhin der Karton. Pia hatte das zerfledderte Ding inzwischen mit einer alten Obstkiste von außen verstärkt. Anscheinend begann auch das Fell zu wachsen, der Kater fühlte sich jetzt, nach den wenigen Tagen, schon weicher an. Pia beförderte den Kleinen in die Transportbox, die sie sich günstig im Second-Hand-Shop für Tierzubehör besorgt hatte. Dann erst öffnete sie die Balkontür. Sie hatte sich im Internet schlau gemacht, und die Gefahr, dass Pikatzo sich aus dem Staub machte, war ihr noch zu groß. Jetzt, wo sie sich tatsächlich auf dieses Tier eingelassen hatte, hatte sich ihr Leben innerhalb kürzester Zeit verändert, sie hatte ihr Herz verschenkt. Draußen umfächelte sie ein lauer Sommerwind. Unwillkürlich schnupperte sie genauso wie ihr kleiner Kater und musste lächeln, als sie es bemerkte. Sie stellte die Box draußen auf einen der roten Klappstühle. In der Küche brodelte bereits der Wasserkocher. Sie ging noch einmal hinein, goss sich einen Cappuccino auf und nahm die Tasse, die Keksdose und ein paar Leckerlis für Pikatzo mit auf den Balkon. Das Buch, das sie am Vorabend begonnen hatte, lag noch auf dem Tisch. So ließ es sich aushalten.
Immer, wenn Pia umblätterte, warf sie auch einen kurzen Blick in die Box, hin und wieder lockte sie den Kater mit einem Leckerli an das Türchen. Noch ein paar Tage konnte sie den Sommer genießen, danach musste sie leider die Semesterferien noch für eine schriftliche Seminararbeit nutzen. Außerdem hatte Pia vor, ihren Vater zu besuchen, zusammen mit Pikatzo. Sie ließ das Buch sinken und schaute eine Weile den Wolken nach, die sich wuchtig und weiß am Horizont auftürmten. Pikatzo miaute gelangweilt, dann sprang er plötzlich auf und begann einen wilden Kampf mit dem alten Handtuch, das sein Gefängnis polsterte. „Komm, wir gehen rein“, entschied Pia. „Dann kannst du dich drinnen austoben.“
Als es am frühen Abend an Pias Tür klingelte, stutzte sie kurz. Es konnte niemand aus der Clique sein. Oder gab es jetzt einen Überraschungsbesuch ihres Vaters? Vielleicht wollte sich auch nur jemand was leihen. Sie hatte schon einiges an Nachbarn „verliehen“, ohne es je wiederzubekommen. Aber das war schon okay. Ein Ei, eine angebrochene Tube Zahnpasta, zwei Heftzwecken, eine halbe Tasse Mehl, eine Briefmarke für einen Standardbrief und noch etliches mehr.
Aber das war es nicht. Vor der Tür stand Keno, und er wollte sich nichts ausleihen.
„Hi!“ sagte er nur und wieder ging dieses freche Grinsen über sein Gesicht.
„Hi“, gab sie irritiert zurück. Keno stand ihr wie angewurzelt gegenüber, die Hände hinter dem Rücken und auch sie selbst harrte bewegungslos aus. Sie fragte sich, was er hier wollte, ein Gedankengang, der bei ihren Freunden nie aufkam. Sie konnte einfach kein vertrautes Gefühl in sich wahrnehmen, sie wusste selbst, dass es auch daran lag, weil sie sich innerlich dagegen sperrte.
„Ich brauche deine Kontonummer.“
Erst glaubte Pia sich verhört zu haben, dann stieg Empörung in ihr auf. Was war denn das für eine Masche? Was ging denn jetzt ab?
„Dein Bild ist verkauft“, holte er sie aus ihren Gedanken.
„Was?“
„Dein Bild, es ist schon weg. Es war nur vier Tage online. Mein Onkel braucht die Bankverbindung. Oder willst du kein Geld?“
Sein Körper wankte leicht in Richtung Tür.
„Komm rein“, kam sie ihm zuvor. „Kaffee? Tee? Ich hab auch Bier da, allerdings nur noch eins.“
Er offenbarte die Flasche Sekt, die er hinter sich verborgen hatte. „Vielleicht sollten wir hiermit anstoßen.“
„Dann müssen wir aus den einfachen Weingläsern trinken, Sektgläser hab ich keine.“
Er zuckte nur amüsiert mit den Schultern, setzte sich ungefragt auf die Couch und machte sich am Sektkorken zu schaffen.
„950 Euro, die Galerie bekommt allerdings zweiunddreißig Prozent.“
„Was?“ Beinahe wäre ihr das Glas aus der Hand gerutscht. Sie glaubte sich verhört zu haben.
„950 Schleifen, Pia. Das ist doch schon mal ein guter Einstand.“
4. Galerie
Von der Fußgängerzone ging es in eine Seitenstraße. Pia war hier schon häufig langgekommen, immer, wenn sie von der Uni noch ins Bistro gegangen waren. Sie kannte natürlich auch die edle Galerie, die an dieser Straße lag, mehr als einmal war sie mit ihrer Clique vor dem Schaufenster stehen geblieben und hatte die modernen Bilder und Skulpturen bewundert. Keno ging neben ihr her und während Pia sicher war, dass es sich unmöglich um diese Galerie handeln konnte, schlenderte er zielstrebig darauf zu. „Galerie Barenhoff?“, fragte sie fassungslos.
Keno nickte. „Ja. Wolf Barenhoff ist mein Onkel.“
Ihre Füße spürten gerade einen Hauch von Mafia, ihr war, als steckten sie in Beton, der sie schlagartig vor dem Eingang zum Halten brachte.
„Willst du nicht mit reinkommen?“ Keno zog eine Augenbraue hoch. „Wäre jetzt schlecht, er will dich unbedingt kennenlernen.“
Pia atmete tief durch und folgte Keno in den exklusiven Laden. Der Boden war mit dunklem Holzparkett belegt, Wände und Decken waren in mattem Weiß gehalten, wurden aber von indirektem Licht mit blassen Farben illuminiert. Auf schlichten Sockeln standen Skulpturen aus Holz, Stein, Bronze und Drahtgeflecht. An den Wänden hingen einige wenige großformatige Bilder. Keno ging voran, sie folgte ihm in einen weiteren Raum, dort waren kleinere Skulpturen auf Ablagen an der Wand ausgestellt, die Bilder in einer Art Regal angeordnet. Auch in diesem Raum blieb viel Luft für das weiße Nichts dazwischen. Pia folgte Keno eine große Wendeltreppe aus Stahl hinauf ins Obergeschoss. Gedanklich hatte sie sich auf einen Mann vorbereitet, der Ähnlichkeit mit Keno hatte, schließlich waren die beiden verwandt. Sicherlich war er groß, dunkelhaarig, schlank und sportlich. Einen korrekt sitzenden, dunklen Anzug setzte sie ebenfalls voraus. Der Mann, der sich hinter dem Chromgestell-Schreibtisch erhob, entsprach nicht wirklich ihren Erwartungen. Er war etwas größer als Keno, dabei aber auffallend hager. Er trug ein Sakko zu T-Shirt und Jeans und hatte die langen hellen Haare im Nacken zusammengebunden. Sein Alter konnte sie nicht wirklich gut einschätzen, dafür gaben auch die vereinzelten weißen Haare kein Indiz. Aber sicherlich ging er auf die vierzig zu, er hatte ein paar feine Fältchen in den Augenwinkeln. Pias Blick sprang zweimal zwischen den beiden Männern hin und her. Wer war das Original, wer die Fälschung?
„Wolf“, stellte Keno sie vor, „das ist Pia.“
Sie reichte dem Mann die Hand und er nahm sie mit einem freundlichen Lächeln, das dann doch leicht an Kenos Grinsen erinnerte. Zumindest die Mimik verriet ein paar gemeinsame Gene. „Freut mich sehr. Sie sind also die Künstlerin, die gemeinsam mit ihrer Katze malt.“
„Na ja“, druckste Pia herum. „Es war ja eher ein Zufall.“
„Kunst und Zufall widersprechen sich nicht zwangsläufig“, entgegnete er heiter. Er bot ihnen einen Platz in der anthrazitfarbenen Sitzgarnitur an und holte Gläser von einem weißen Sideboard, während sie sich setzen. „Was möchten Sie trinken? Kaffee, Sekt, Wasser, Bitter Lemon, O-Saft?“
Pia schaute einen Moment unsicher zu Keno.
„Ich denke, wir sollten uns einen Sekt gönnen“, wartete Wolf Barenhoff die Antwort nicht ab. „Du auch Keno?“
„Klar.“
Als Barenhoff eingegossen hatte, setzte er sich zu ihnen, sie stießen an und sie nahm einen Schluck. Das Zeug perlte schön im Mund und hatte eine leichte, kaum wahrnehmbare Süße.
„Ich wollte gern die Frau kennen lernen, von der Keno so …“
Pia bemerkte sehr wohl, dass es Kenos Blick war, der seinen Onkel innehalten ließ.
„Mein Neffe hat sehr von ihrem künstlerischen Talent geschwärmt. Von dem kleinen Kater natürlich auch. Dass Sie ihn Pikatzo getauft haben, war ein brillanter Schachzug.“
„Es war eine Eingebung“, korrigierte Pia. „Ich hab damit keinen Zweck verfolgt.“
„Ich bin Künstler, Kunstliebhaber, aber ich bin auch Geschäftsmann. Wenn ein Projekt bereits so ausgereift rüberkommt, dass sich ein Bild vom Fleck weg verkauft, dann wäre ich ziemlich dumm, da nicht nachzugreifen.“
„Ich will ehrlich sein. Es war eher ein Zufallsprodukt“, gestand Pia zum zweiten Mal.
„Das Ergebnis war dennoch sehr überzeugend und ich würde gern mehr Ihrer Bilder hier in meiner Galerie anbieten.“
„Es gibt nur das eine.“
„Spricht etwas dagegen, mit der Katze zusammen in eine kreative Phase einzutreten?“, hakte Barenhoff nach.
Pia sah wieder zu Keno herüber, der zuckte mit den Schultern. „Das musst du schon selbst entscheiden.“
Sie sog die Luft hörbar durch die Nase ein. „Ich hätte schon Lust, es zu versuchen. Aber ich kann natürlich nichts versprechen.“
Barenhoff nickte. „Keno hat mir ihre räumlichen Verhältnisse geschildert. Das ist vermutlich zu beengt für das Vorhaben, besonders, wenn der Kater seinen Freiraum braucht. Ich würde Ihnen Räume zur Verfügung stellen. Ich habe ein kleines Atelier am alten Güterbahnhof, das nutze ich selbst kaum noch. Die Volkshochschule hat sich für Kurse eingemietet, und ein Freund fertigt dort seine Drahtskulpturen an. Sobald weitere Bilder verkauft sind, würden wir uns auf eine kleine Miete einigen.“
„Klingt fair“, warf Keno ein. „Also, damit du weißt, worauf du dich einlässt“, fuhr er fort. „Wolf ist keiner, der Leute über den Tisch zieht. Du kannst ihm da schon vertrauen. Und wenn es Probleme gibt, kann man immer reden. Und ich bin ja auch noch da.“
„Du“, wiederholte Pia knapp. „Du weißt, dass wir uns auch noch nicht wirklich lange kennen“, raunte sie leise.
Er nickte. „Aber ist doch entspannt mit mir, oder etwa nicht?“ Sein Grinsen kam wieder durch, und zum ersten Mal fiel ihr sein Grübchen auf.
Pia hatte mit Keno noch eine Stunde in der Couchgarnitur gesessen, dabei hatten sie sich den Sekt einverleibt und in Kunstkatalogen geblättert. Barenhoff hatte derweil im Erdgeschoss Kundschaft bedient und anschließend noch einige Dinge am Schreibtisch erledigt. Als er den Computer herunterfuhr, schlug er vor, Pia das Atelier direkt nach Ladenschluss zu zeigen. Inzwischen war sie voller Ideen und so mit Energie und Sekt aufgeladen, dass sie es gar nicht abwarten konnte. Als sie den Laden verließen, begann es zu regnen. Pia hielt mit den langen Schritten der Männer mit und machte zwischendrin immer wieder kleine Hüpfer. Sie hatte doch zu viel von dem Sekt getrunken. Aber es fühlte sich richtig an, richtig, angenehm und sicher, obwohl sie mit zwei Männern unterwegs war, die sie kaum kannte. Oben auf dem Parkdeck stiegen sie in Wolf Barenhoffs dunklen Audi. Als die Zentralverriegelung klackte, streifte sie ein mulmiges Gefühl, das sie jedoch zügig beiseite drängte.
Pia war von dem alten Industriegebäude restlos begeistert. Die kleine Halle war in mehrere Bereiche geteilt. Neben einer Teeküche mit einer Lounge aus Europaletten gab es zwei große und ein kleines Atelier, auch ein Bad mit Dusche, um sich nach großen Farbsauereien wieder unter Menschen trauen zu können. Der Boden bestand aus Estrich, der mit einer dunkelgrauen Betonfarbe versehen war, praktisch und unempfindlich. Barenhoff erklärte, dass er den kleinen Raum für sie vorgesehen hatte, und das reichte Pia voll und ganz. Eine Wand war mit Regalen bestückt, um Arbeitsmaterialien unterzubringen, es gab drei Staffeleien in verschiedenen Größen, ein Waschbecken, Ablagen und einen großen Arbeitstisch. Der Raum war beinahe doppelt so groß wie ihre gesamte Studentenbude und durch die Fensterfront fiel genügend Tageslicht hinein. Die Deckenbeleuchtung konnte in verschiedenen Abstufungen gedimmt werden.
„Ich habe die Halle vor etwa zwölf Jahren erworben und für meine Zwecke umbauen lassen“, erklärte Wolf Barenhoff. „Das einzige Problem ist die Dämmung, das hat nicht so umfassend funktioniert wie geplant. Wenn es im Winter längere Zeit richtig kalt ist, dann wird es problematisch, das Ganze hier noch warm zu halten.“
„Okay. Das hieße dann dick anziehen oder pausieren.“
„So wird es sein“, Barenhoff nickte mit einem Schulterzucken durch das er optisch ein „Sorry“ implementierte.
„Bis dahin ist ja noch hin“, bemerkte Keno leichthin.
Pulsuz fraqment bitdi.