Kitabı oxu: «Jüdisches Leben in Wort und Bild»

Şrift:

Ritter von Leopold Sacher-Masoch

Jüdisches Leben in Wort und Bild


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066112219

Inhaltsverzeichnis

Vorwort.

ISRAEL.

Bessure towe.

Lewana.

Der Buchbinder von Hort.

Rabbi Abdon.

Das Mahl der Frommen.

David und Abigail.

Schimmel Knofeles.

Galeb Jekarim.

Wie Slobe ihre Schwester verheirathet.

Frau Leopard.

Der schöne Kaleb.

Gelobt sei Gott, der uns den Tod gegeben!

Schalem Alechem.

Machscheve.

Der Todesengel.

Haman und Esther.

Die Erlösung.

Das Trauerspiel im Rosengässchen.

Kätzchen Petersil.

Der falsche Thaler.

Zwei Aerzte.

Die Iliade von Pultoff.

Die Geschichte von der römischen Matrone.

Du sollst nicht tödten.

Bär und Wolf.

Zweierlei Adel.

Fußnoten

Vorwort.

Inhaltsverzeichnis

Man hat viel über die Juden geschrieben, aber erst seit einem halben Jahrhundert hat man angefangen sie ohne Voreingenommenheit, ja mit Interesse zu betrachten. Bis dahin waren ihre grossartigen wechselvollen Schicksale im Alterthum und ihr langes Märtyrerthum nach und während ihrer Zerstreuung nur von Gelehrten und Geschichtsforschern in parteiischen, von Leidenschaft getränkten Werken gewürdigt worden, die der jüdischen Rasse oft mehr feindlich als sympathisch gesinnt waren.

Unter der Einwirkung der liberalen und humanitären Ideen, welche jetzt die Welt beherrschen, werden die barbarischen Vorurtheile, welche die Juden ausnahmslos als Parias betrachteten, bald gänzlich verschwunden sein. Ueberall weichen diese Vorurtheile von den Fortschritten der Freiheit und Zivilisation zurück; man findet sie nur noch und zwar sehr abgeschwächt, in einigen Provinzen des östlichen Europas. Sonst geniessen die Juden überall, wo Freiheit herrscht und besonders in den westlichen Staaten in Frieden alle Vorrechte des freien Mannes, gerade so wie sie dessen Rechte ausüben und dessen Pflichten erfüllen. Sie hängen aufrichtig an dem Lande, in dem sie geboren wurden, ohne jedoch im geringsten die Lebensfähigkeit ihrer Rasse einzubüssen, ohne ihre traditionellen Gefühle zu verleugnen, ohne die Gemeinschaft mit den über die ganze Erde zerstreuten Brüdern aufzuheben. Sie lieben ihr Vaterland und dienen ihm treu.

Sobald es ihnen gestattet ist mit demselben Rechte wie ihre übrigen Mitbrüder nach allen Berufsstellen, Ehren und Auszeichnungen zu streben, wissen sie sich derselben auch würdig zu bezeigen und viele unter ihnen erreichen sogar die höchsten Stellen. Dadurch haben die Juden ihre Befähigung zur Litteratur, zu den Wissenschaften ebenso wie zu den Gewerben und zum Handel bewiesen.

Seit aber Juden unter den gebildeten Nationen Bürger geworden sind wie alle anderen, müssen sie sich dem Einflusse des Kreises, in dem sie geboren wurden oder in dem sie leben, beugen. Allmählich und unmerklich nehmen sie die äusseren Gewohnheiten und Sitten desselben an; die intimen Gebräuche widerstehen länger, aber für viele unter ihnen ist das alte jüdische Leben heute nur noch eine poetische Erinnerung wie die an das Ghetto.

Um die alten jüdischen Sitten mit ihrem biblischen Charakter, ihrem naiven Aberglauben, ihren poetischen Legenden und ihrem stark ausgeprägten Gefühl für das patriarchalische Leben wiederzufinden, muss man sie in den Dörfern und kleinen Städten des Ostens, im Elsass, im östlichen Deutschland, in Oesterreich, Polen und sogar in England und Spanien, das heisst so ziemlich überall mit Ausnahme der grossen Städte aufsuchen.

In diesen verschiedenen Landschaften nun hat Sacher-Masoch, der wohl bekannte Autor des »Vermächtniss Kains« und zahlreicher ebenso origineller, entzückender Werke, Beobachtungen gesammelt, die er in dem »Jüdischen Leben«, das heute veröffentlicht wird, niedergelegt hat. Auf diese Weise hat er eine abwechslungsvolle Reihe kleiner Gedichte in Prosa geschaffen, von dichterischem Schwung und Kraft, voll schlagender Gegensätze, lebhafter bald scherzhafter, und komischer, bald ernster, düsterer aber immer wahrheitsgetreuer Gestalten und Szenen.

Die Litteraturfreunde wissen in wie hohem Grade Sacher-Masoch es versteht, seinen Schöpfungen Bewegung und Farbe zu verleihen, wie man zuerst versucht ist zu glauben, dass alles auf einer Nadelspitze erbaut ist, und wie es sich dann plötzlich zu einer weiten Szene öffnet, in der sich Personen und Situationen in überraschender Weise vervielfältigen. Man kennt die glänzenden Eigenschaften des Autors, seinen humoristischen Geist, seine alles durchdringende Poesie, seine heit're milde grossmüthige, wenn auch mit einem leichten Anflug von Pessimismus gefärbte Philosophie, seinen kräftigen, massvollen Stil voll Leben, Kraft, diesen so originellen, so ganz persönlichen Stil, der im Geiste des Lesers zahllose Gedanken und Bilder wach ruft.

Der litterarische und moralische Werth dieser reizenden Sittenschilderungen haben uns veranlasst eine reich illustrirte Ausgabe zu veranstalten. Wir haben infolge dessen die berufensten Künstler, die das jüdische Leben aus dem Grunde kennen, zur Mitarbeiterschaft herangezogen. Nach unserer Meinung hätte der Text nicht geistvoller, wahrheitsgetreuer, schöner interpretirt werden können, als es Gérardin, Alphons Lévy, Emil Lévy, Henri Lévy, Eduard Loevy, Schlesinger, Wolf und Worms gethan haben. Die zahlreichen im Text verstreuten Zeichnungen tragen einen lebenswarmen Ausdruck.

Wir wagen desshalb zu hoffen, dass alle Leute von Urtheil und gutem Geschmack uns das Zeugniss geben werden, dass das »Jüdische Leben« zu den originellsten litterarischen und künstlerischen Erscheinungen unserer Zeit gehört.

ISRAEL.

Inhaltsverzeichnis

Goethe sagt: Das auserwählte unter den Völkern ist nicht das beste, sondern das andauerndste.

In diesem wunderbaren Ausspruch ist die ganze Geschichte des israelitischen Volkes enthalten, alle seine Schicksale, gute und böse, spiegeln sich in demselben. Ja, es war unter allen Völkern, die den Erdball bewohnen, das ausdauerndste und deshalb hat es viel grössere und wichtigere, als es selbst war, überlebt und sah den Ruhm, die lärmenden Thaten, den Glanz der Jahrhunderte vorüberziehen, gleich Schemen. Es hat das üppige Babylon in den Staub sinken sehen und das Reich der Pharaonen und Rom, der Sturm der Völker brauste an ihm vorüber, Gothen, Vandalen und Hunnen, das römische Kaiserreich Karl's des Grossen fiel in Trümmer, das geistliche Weltreich der Päpste, die Monarchie Karl's V., in der die Sonne nicht unterging, Holland, Schweden, Polen, traten vom Schauplatz ab, Spanien erntete die traurigen Folgen seiner Verfolgungswuth, der Thron der Bourbonen wurde umgestürzt, und der neue Cäsar fand in den Eiswüsten Russlands sein Ende, doch Israel bestand noch immer. Es trotzte dem Mord, der Pest, dem Scheiterhaufen und ging durch den Wechsel der Zeiten, ergeben und geduldig, die heiligen Gesetzrollen im Arm.

Kein Volk ist so oft von Eroberern unterjocht, in die Sklaverei geschleppt, getheilt und zerstreut, keines so mit Feuer und Schwert verfolgt, unterdrückt, beraubt, geschmäht und gequält worden und es lebte immer und lebt noch heute, frisch und kräftig, wie einst in den gesegneten Thälern Kanaans.

Und doch ist heute wieder eine grosse Verfolgung gegen dasselbe im Zuge, ein Kampf, der durch alle Länder Europas geht, bedroht die schwer errungenen Rechte, die Bildung, das Eigenthum der Israeliten, ja ihre Existenz.

Woher in unserer Zeit, genau ein Jahrhundert nach der grossen Revolution, nach der Proklamation der Menschenrechte, dieser Hass, dieser Rassenkrieg, dieser religiöse Verfolgungswahn?

Mögen sich auch starke, egoistische, zumeist ökonomische Interessen unter der religiösen und nationalen Maske verbergen, es zeigt sich trotzdem in dieser ganzen Bewegung unleugbar eine Leidenschaft, welche nicht durch nüchterne Motive dieser Art erklärt werden kann.

Das jüdische Volk ist das älteste Kulturvolk Europa's. Das ist der Grund. Andere Völker, welche eine gleich alte Kultur besitzen, sind ohne Einfluss auf uns geblieben, wie die Chinesen und Inder, oder vom Schauplatz verschwunden, wie die Egypter, Griechen, Römer. Hier ist aber ein Volk, mitten unter uns, das eine geordnete, musterhafte Staatsverfassung, das gute, vernünftige, humane Gesetze, eine reine Religion, einen erhabenen Kultus, edle Sitten, die einzig richtige Moral und eine grosse, herrliche Litteratur besass, zu einer Zeit, wo unsere Voreltern noch in Höhlen oder Pfahlbauten wohnten, und im Kampfe mit wilden Thieren selbst ein halbthierisches Dasein führten. Und diese alte Kultur, dieser reine Glaube, diese herrliche Moral sind diesem Volke nicht zu einer Vergangenheit geworden, mit der spätere Schicksale und eine neue Civilisation jeden Zusammenhang zerrissen haben, sie sind keine interessanten Antiquitäten geworden, oft nur mit dem Reiz der Rarität, wie die Religion des Inkas, wie die altgermanische Götterwelt der Edda oder der Perun und die Lada der alten Slaven, nein, der Strom ihrer Bildung geht ununterbrochen, nur immer breiter und mächtiger durch die Jahrhunderte von Palästina an, durch die Blüthezeit griechischer Kunst und römischen Staatswesens, durch das finstere Mittelalter mit seinem grossen Kampfe der Kaiser gegen die Päpste, durch die kirchliche Revolution Luther's und die Umwälzung von 1789 hindurch bis in unsere Tage.

Das Volk Israel ist aber nicht nur das älteste Kulturvolk, sondern auch heute in Europa mitten unter gebildeten Völkern, die eine hohe Stufe der Gesittung erreicht haben, das gebildetste, jenes, das den reinsten Gottesglauben, die beste Moral, die mildesten Sitten besitzt und auf allen Gebieten menschlichen Wissens die regste Thätigkeit entwickelt.

Die alte Kultur ist nicht ohne Einfluss auf seine physische Natur geblieben. Durch Jahrtausende mit grossen Ideen, erhabenen Empfindungen, edlen Gesinnungen und guten, menschlichen Sitten vertraut, hat es die thierischen Instinkte, die barbarischen Atavismen, weit mehr überwunden, als jedes andere und übertrifft alle an Humanität, das ist an Friedensliebe, Abscheu vor Gewaltthat und Blutvergiessen, Sittlichkeit und Nächstenliebe.

Dies beweist die europäische Statistik und gegen die Sprache der Zahlen gibt es keine Einwendung. Der Hass anderer Völker gegen das Volk Israel's ist also nichts anderes, als der Hass des Indianers gegen den Trapper, der Hass des Wilden gegen civilisirte Menschen.

Nie hat ein wahrhaft gebildeter Geist, ein wahrhaft edles Herz, ein wahrhaft reiner Charakter die Juden gehasst oder verfolgt, im Gegentheil, die erleuchteten Männer aller Zeiten, aller Nationen haben sie vertheidigt und beschützt.

Diese Auserwählten liebten und lieben die Juden aus verschiedenen Gründen.

Zuerst, weil in dem jüdischen Volke, wie in keinem anderen, der Familiensinn lebendig ist, welcher die wichtigste Grundlage einer gesunden, sittlichen, politischen und sozialen Entwickelung ist.

In unseren Tagen wird viel und von verschiedenen Seiten gegen die Familie agitirt; in Deutschland sind es die Sozialisten und die Poeten der freien Bühne, in Frankreich die Kommunisten und die naturalistische Schule, im Osten die Nihilisten, welche ihr den Untergang geschworen haben.

Alle diese Feinde der Familie sind in dem merkwürdigen Irrthum befangen, dass die Ehe, die Familie, eine rein jüdisch-christliche Einrichtung ist und gegen die Gesetze der Natur verstösst.

Die Natur kennt allerdings in Bezug auf das Verhältniss von Mann und Weib nur ein Ziel: Die Erhaltung der Gattung.

Es sieht so aus, als ob ihr die Eltern gleichgiltig, die Kinder alles wären. Um die Gattung zu erhalten, hat sie den Eltern den Trieb gegeben die Kinder gross zu ziehen, bis sie sich selbst erhalten können.

Wir sehen in Folge dessen bei den Thieren, dass die Gatten mit wenigen Ausnahmen so lange beisammen bleiben, bis die Jungen gross gezogen sind.

Für die Menschen galt wohl im Urzustand ausschliesslich dasselbe Naturgesetz.

Da aber kein Thier so viel Zeit zu seiner Entwickelung braucht wie der Mensch, welcher – sogar im Naturzustand – nicht vor dem zehnten Jahre im Stande ist, selbst seine Nahrung zu suchen, so musste es geschehen, dass, während das erste Kind langsam heranwuchs, ein zweites, drittes und viertes folgte, und so der Trieb, die Pflicht ihre Kinder aufzuziehen, die Eltern gebieterisch zwang bis in ihr Alter zusammen zu bleiben.

Auf diese Weise entstand die Ehe, die Familie, nicht durch religiöse Satzungen oder politische Gesetze, sondern ausschliesslich infolge eines Naturtriebes und vollständig den allgemeinen Naturgesetzen entsprechend.

Wer gegen die Familie ist, ist also nicht allein gegen die Religion und die Moral, sondern vor allem gegen die Natur, und jenes Volk, wo Mann und Weib die Ehe scheuen und der Pflicht, Kinder zu erziehen aus dem Wege gehen, sündigt gegen die Natur und befindet sich in der Phase des Verfalls und der Auflösung.

Dass das israelitische Volk, als das älteste Kulturvolk den Sinn für Ehe und Familie am kräftigsten bewahrt hat, dass Ehelose in demselben eine seltene Ausnahme bilden, dass es mit Kindern reicher gesegnet ist, als jedes andre, dass in ihm die Liebe zwischen den Gatten, die Liebe der Eltern zu ihren Kindern und der Kinder zu ihren Eltern so lebendig ist, beweist, dass die Kultur, welche es besitzt, die geistigen Vorzüge nicht auf Kosten der physischen entwickelt hat, dass sie, statt den Verfall der jüdischen Rasse herbeizuführen, dieselbe in einem blühenden Zustand erhalten hat, somit, dass diese Kultur eine gesunde und naturgemässe ist.

Ein zweites Moment des jüdischen Wesens, das ihm die Herzen gewinnt, ist das Mitleid.

Schopenhauer, der Philosoph des Pessimismus, sieht im Mitleid die edelste, schönste Blüthe des Menschenthums, die Ueberwindung des Willens, der Selbstsucht.

Diese schönste Blüthe der Menschennatur, sie treibt nirgends so reich wie an dem jüdischen Stamm, in keinem Volke ist das höchste Moralgesetz, das Gesetz der Nächstenliebe so lebendig wie in dem israelitischen.

Als die Judenbill im englischen Oberhause diskutirt wurde, fragte ein Mitglied des Hauses den Erzbischof von Canterbury, den Primas der englischen Hofkirche: Ist es wahr, dass die Juden eine andere Moral haben als die Christen?

Da erwiderte der erleuchtete Oberhirt: Die Juden haben dieselbe Moral wie wir, der Unterschied besteht nur darin, dass sie dieselbe befolgen und wir nicht.

Kein Volk ist so mitleidig, so wohlthätig wie das jüdische, und es fragt nicht erst lange, ob der Unglückliche die Hülfe auch verdient, es fragt auch nicht, welchem Volke oder Glauben er angehört. Der Jude sieht in dem Hilfsbedürftigen einen Menschen, einen Bruder und hilft ihm, er kleidet den Blossen, speist den Hungrigen und pflegt den Kranken.

Der Jude ist so glücklich, wenn er helfen kann, dass der jüdische Bettler gar nicht gewohnt ist zu bitten, er verlangt und ist stolz auf seine Armuth, denn indem er dem Wohlhabenden Gelegenheit gibt ein gutes Werk zu verrichten, baut er ihm eine Stufe in das Himmelreich, welche die Frommen sicherer dahin führt als Gebet und strenge Befolgung der rituellen Vorschriften.

Eine weitere Tugend des jüdischen Stammes, welche derselbe aus seinen ältesten Wohnsitzen mitgebracht und unter allen Verhältnissen bewahrt hat, ist die Achtung vor dem Geiste und dem Wissen.

Der Jude als wahrhaft gebildeter Mensch, den die Bildung von allem Erbtheil einer finsteren Zeit freimacht und bei dem sie die ganze physische Konstitution verändert und verfeinert hat, verabscheut den Krieg und alles was damit zusammenhängt. Der Kampf mit geistigen Waffen sagt ihm besser zu und mit Recht, denn hier muss, welcher Theil auch Sieger bleibt, das Ganze, die Menschheit, immer gewinnen, während dort die Menschheit sich geschädigt, gestört in ihren friedlichen Fortschritten unterbrochen sieht, gleichgiltig wer die blutigen Lorbeeren davon trägt.

Mit dieser Achtung vor dem Geiste, vor dem Wissen geht Hand in Hand die Liebe zur Freiheit und zum Fortschritt. Diese grosse, jüdische Eigenschaft hat das Volk Israel zu einer ganz besonderen für die ganze Menschheit segensreichen Rolle berufen. Zerstreut über den ganzen Erdboden sind die Juden doch ein Volk, eine grosse Gemeinde geblieben, und so wurden sie gleichsam die elektrischen Drähte, auf denen die neuen Ideen und Tendenzen durch die Welt liefen, zugleich aber, gewohnt in den Juden eines fernen Landes ebenso gut einen Bruder zu sehen wie in jenem, der Thüre an Thüre mit ihnen wohnte, wurden sie erst unbewusst, dann mehr und mehr mit der edelsten Absicht die Träger des Kosmopolitismus.

Wenn die andren Völker von ihren nationalen Interessen beherrscht und eingeengt wurden, blickte der Jude frei über die Grenzpfähle hinweg und fühlte sich vor allem als Mensch. Sein Gesichtskreis war jederzeit ein weiter, er umfasste die ganze gebildete Welt, ja, darüber hinaus die Menschheit, und wenn die Andren sich befehdeten, beraubten, mit Feuer und Schwert verfolgten, so erinnerte sie der Jude an jene höheren, grösseren Ziele und Interessen, welche Allen gemeinsam sind und Allen Segen bringen, während das Schwert dem Sieger ebenso gut Wunden schlägt wie dem Besiegten.

Eine wahrhafte Geschichte der europäischen Zivilisation, nach den einzig richtigen naturwissenschaftlichen Prinzipien eines Thomas Buckle ist noch nicht geschrieben; wenn wir sie eines Tages haben werden, wird sie zugleich eine ruhmreiche Geschichte des jüdischen Namens sein.

Indem ich es unternommen habe, die Juden in den verschiedenen europäischen Ländern in einer Reihe kleiner Erzählungen vorzuführen, hat sich von selbst eine Geschichte des jüdischen Volkes daraus ergeben.

Wir sehen in den östlichen Ländern die Juden vielfach auf einer Stufe, die nicht weit von jener entfernt ist, die sie im Mittelalter einnahmen, ja manchmal sogar an biblische Verhältnisse erinnert, man sieht noch die Herrschaft des Aberglaubens, den Kampf, den erleuchtete Geister gegen denselben führen, und langsam gegen Westen ziehend, verfolgen wir die Fortschritte des Judenthums im Laufe der Jahrhunderte, bis wir dasselbe in den westlichen Landen auf dem Höhepunkt der Freiheit und der Gesittung finden, gleichberechtigt im Staate wie in der Gesellschaft, und infolge der errungenen Rechte doppelt eifrig in der Erfüllung aller nationalen und patriotischen Pflichten.

Zugleich mit dieser Kulturgeschichte des jüdischen Volkes ziehen die Sitten, die religiösen Lehren und Meinungen, die mit dem Glauben und den Schicksalen Israels eng verbundenen, jährlich wiederkehrenden Feste vorüber, und so fügt sich Bild zum Bilde und hilft das grosse Gemälde vollenden, das ein Denkmal sein soll für Israel, seine Kämpfe und Leiden, seine Befreiung und Erhebung.

Leopold von Sacher-Masoch.


Bessure towe.

Inhaltsverzeichnis

– GALIZIEN. –

Der Prosteck. – Cheder. – Chassidim. – Masser.

Herz Maisel galt bei den Chassidim, den Zeloten, die in Sadagora herrschten, als Prosteck. Es ist dies nicht etwa ein Mensch, der die Gesetze verletzt, aber ein Simpel, der die Welt nicht versteht und deshalb stets an der Schattenseite stehen bleibt. Und doch hatten ihn die Chassidim sorgsam beschützt, als er zur Welt kam und während er sich die Kinderschuhe ablief, sie hatten Alles gethan, um sein Glück auf Erden und im Himmel zu sichern.

Kaum war Herz geboren, gab der Zadik, der weise wunderthätige Rabbi der Chassidim, dem Himmel und Hölle gehorchten, seinem Vater einen Zettel. Sein Vater hatte einen besonderen Eifer entwickelt, dem Zadik die Lulka (Pfeife) zu stopfen, er hatte also ein Anrecht auf diesen Zettel, welcher den Neugeborenen während der ersten acht Tage beschützen sollte.

In dieser Zeit umschwärmt nämlich Lillith, die schöne Teufelin, das Haus im Bunde mit ihrem Gefolge von vierhundert und achtzig unreinen Geistern. Der Pergamentstreifen mit den Namen der drei Engel Senoï, Sansenoi und Sammangelef an den Thürpfosten genagelt, beschirmte den kleinen Herz vor dieser Vorhut des höllischen Heeres.

Nun rückten aber andere Dämonen an, zu Tausenden, zu Millionen. Wieder ging der Vater zum Zadik, und diesmal brachte er einen ganzen Stoss kleiner Zettel mit, sorgsam in sein rothes Schnupftuch gewickelt. Auf diesen Zettelchen standen die Namen der Erzväter und Erzmütter, der Propheten und der grossen Talmudisten und Zadikim und noch verschiedene kräftige Stellen aus der heiligen Schrift und dem Talmud.

Es galt nun dieselben richtig zu vertheilen. Abraham, Isaak und Jakob wurden rechts vom Kinde postiert, Sarah, Rebekka, Lea und Rachel links, Moses und der grosse Bescht, der Begründer des Chassidismus, kamen unter den Kopfpolster. Mit den übrigen Zettelchen wurden die Fenster, die Schlüssellöcher, der Rauchfang und die Ritzen in der Mauer besetzt.


An die Thüre kamen die Namen der Engel Jehoel, Michael und Sangsagael, welcher der Lehrer des Moses war und die Stelle aus dem Psalm 55: »Er erlöst mein Leben, dass sie sich mir nicht nahen können.«

Trotzdem wollte der kleine Herz kein kaballistisches Genie werden, ja er lernte in der Cheder nur mit Mühe hebräisch lesen. Aleph und Beth waren für ihn zwei Dämonen, die ihn quälten, er verwechselte sie unausgesetzt, und der Melamed (Lehrer) verschwendete vergeblich alle seine Geduld an ihn, wenn der Unglückliche vor dem Sidur (Gebetbuch) sass. Vergeblich zeigte er ihm immer wieder die Buchstaben mit dem Deutel (Stäbchen), vergeblich versprach die hübsche, dunkeläugige Rebezin (Frau des Lehrers) dem Chederjüngel Kuchen und Obst. Die Hühner, welche in dem Schulzimmer umherliefen und gackerten, beschäftigten ihn mehr als die Hieroglyphen, welche er entziffern sollte. Da sagte der Melamed: »Höre, Herz, sobald Du Aleph und Beth kannst, wird Dir ein Engel von der Decke einen Groschen herabwerfen.«

Das verstand der Bocher (Junge) und blickte nun mit Eifer statt nach dem Buche, nach der Decke der Stube und erwartete den Groschen mit offenem Munde. Der Melamed griff nun zu einem drastischeren Mittel, er griff in die grosse Dose, die auf dem Tisch stand, schob dem kleinen Herz eine Prise Schnupftabak in die Nase und jagte ihn unter den Tisch, wo schon zwei andere Jüngel dieselbe Strafe erduldeten. Jedesmal, wenn unten ein verzweifeltes Niesen ertönte, rief der Melamed: Zur Gesundheit! und die ganze Cheder rief mit ihm: zur Gesundheit!

Doch Herz begriff noch immer nichts. Es währte lange Zeit, ehe er das Alphabet erlernt hatte und der Melamed erklärte eines Tages, dass er keinen Kopf zum Lernen habe und schickte ihn aus der Schule fort.

So kam es, dass Herz im Geschäft seines Vaters mitzuhelfen begann, dass der Zadik seine mächtige Hand von ihm zurückzog und dass er ein Prosteck wurde.

Als echter Prosteck nahm er ein Weib ohne Mitgift, setzte ein Dutzend Kinder in die Welt und kämpfte bei allem Fleiss, allem Geschäftsgeist, den er besass, sein Leben lang mit Noth und Elend.

Es kümmerte ihn wenig, dass die Chassidim ihn einen Chamer (Esel) und einen Schlemil (ungeschickten, unglücklichen Menschen) nannten, wusste er sich doch keines Chilul hasthem (Vergehen gegen Gott oder das Gesetz) schuldig, konnte er denn dafür, dass sich Riceh (Teufel) und Dalles (Elend) bei ihm ein Stelldichein gegeben hatten?

Er wohnte mit seiner Familie in einem kleinen Hause, dessen Mauern von aussen mit Balken gestützt waren. Eine grosse Stube war durch einen Kreidestrich abgetheilt, wie die Staaten auf der Karte durch farbige Grenzen von einander geschieden sind. Auf einer Seite wohnte Herz mit seiner Frau Jüdke, seiner erwachsenen Tochter Riffke und seinen anderen Kindern, jenseits des Striches hauste der Schneider Saduel Pjetruschka mit seiner alten Mutter, seinem Sohne Gideon und seinem Schwager, dem Talmudisten Reb Isaschar.

Herz ertrug alles geduldig, die Grenzstreitigkeiten mit Saduel, den Rauch, mit dem der Ofen die Stube füllte, den Regen, der zu Zeiten durch die Decke herabtropfte, die kärgliche Nahrung, den Mangel an Kleidern, alles, nur eines schmerzte ihn, dass er für seine Riffke, die so hübsch und klug war, keinen Mann fand und dass sie immer so »verschmuddelt« (vernachlässigt) herumging.

Er hätte sie so gern wie eine Prinzessin oder doch mindestens wie eine Schlachtzizenfrau angezogen.

Doch Riffke verlor deshalb ihre gute Laune nicht. Sie sang den ganzen Tag, denn sie konnte nicht arbeiten ohne zu singen und sie arbeitete den ganzen Tag. Während sie ihre grobe Wäsche nähte, sass jenseits der Grenze Gideon auf seinem Tisch da wie ein Pascha mit gekreuzten Beinen und liess gleichfalls die Nadel fliegen, nur dass es prächtige Stoffe waren, Seide, Sammt, türkische Gewebe, die er zu Kunstwerken der Toilette vereinte.

Allmählig begannen die jungen Leute ein Wort, eine Phrase zu wechseln, und endlich fing Gideon an mit Riffke zu wetteifern. Sobald sie ihren Gesang unterbrach, begann er zu erzählen und gab als wahre Geschichten zum Besten, was er in den abgegriffenen Bänden der Leihbibliothek zusammengelesen hatte, heute den Grafen von Monte-Christo, morgen die Kapitänstochter, übermorgen die Geisterseher.

Und jedesmal, wenn irgend eine reiche Robe, eine prächtige Kazabaika, ein königlicher Mantel fertig war, lud er Riffke ein, das Kunstwerk zu probiren, und dann hoben alle die Köpfe um sie zu bewundern, und sogar Reb Isaschar vergass für einen Augenblick seinen Talmud.

»Wissen Sie etwas, Herz?« sagte dieser einmal plötzlich in der Nacht, als Alle bereits zu Bette waren.

»Was? Ich weiss nichts.«

»Sie müssen versuchen Ihr Glück, um zu bekommen eine Mitgift für Ihre Riffke.«

»Kann ich dafür,« rief Herz, »dass ich habe Unglück in Allem? Wenn Jemand etwas Dummes thut in Sadagora, muss ich es gewesen sein, und thut Jemand etwas Schlechtes, ist es wieder Herz Maisel, der Bösewicht, gewesen. Soll ich denn das Kaporehändl sein für alle?«

»Sie haben recht, Herz,« gab der Alte zur Antwort, »und so will ich Ihnen geben einen guten Rath. Heute ist die Hoschana-Raba-Nacht, wo ein Jeder kann sein Schicksal befragen. Stehen Sie auf, wir wollen suchen drei Nummern im Talmud. Geben Sie mir das Buch.«

Herz brachte das Buch, und Reb Isaschar, ohne sein elendes Lager zu verlassen, die Augen geschlossen, schlug es auf.

»Sehen Sie die Seite nach.«

»Es ist einunddreissig.«

»Schreiben Sie einunddreissig.« Wieder schlug der Alte den Talmud auf.

»Und jetzt?«

»Sieben.«

»Schreiben Sie sieben, und jetzt?«

»Fünfundachtzig.«

»Schreiben Sie fünfundachtzig! Jetzt haben Sie drei Nummern 31, 7, 85. Diese Nummern setzen Sie morgen in die Lotterie, secco terno und setzen zehn Gulden darauf.«

»Wo hab' ich zehn Gulden?«

»Sie müssen leihen zehn Gulden, Herz, es muss geliehenes Geld sein, das bringt Glück.«

Herz Maisel ging am Morgen über Land, brachte der Edelfrau Bistonizka verschiedene Gegenstände, die sie bestellt hatte und bat sie ihm zehn Gulden zu leihen. Mit diesen zehn Gulden ging er in die Lotteriekollektion und setzte die drei Nummern, die ihm der Talmud gegeben. Dann ging er auf den Friedhof auf das Grab seines Vaters, um zu beten.

Am nächsten Sonntag, als beide Familien gerade den Mittagstisch deckten, kam Reb Isaschar feierlich herein, die Zobelmütze kühn wie ein Kosak auf dem Kopfe. Sein gutes Gesicht strahlte wie eine Sonne aus Lebkuchen. »Bessure towe« (Gute Nachricht!) rief er, »Bessure towe!«

»Was ist geschehen?« fragten alle zugleich.

»Welch' ein Massel! (Glück!) Soll noch einer sagen, dass der Herz ist ein Schlemil.«

»Reden Sie doch, Reb Isaschar.«

»Ich rede ja immerfort. Also – aber setzen Sie sich Herz, sonst fallen Sie um.«

Herz setzte sich.

»Hören Sie, Herz. Bessure towe! Sie haben gewonnen, Herz! Das grosse Terno haben Sie gemacht, Herz, 48,000 Gulden haben Sie gewonnen, Herz!«

Herz blieb wie versteinert auf seinem Stuhle sitzen.

»Hören Sie, Herz, 48,000 Gulden!«

Das erste Wort, welches Herz aussprach, war »Riffke!«, dann fügte er nach einiger Zeit hinzu: »Jetzt sollst Du haben einen Mann, mein Kind, jeden, den Du willst.«

Dann stand er auf, ging langsam bis zu der Wand und, das Gesicht gegen diese gekehrt, begann er laut zu beten und zu schluchzen.

Als man sich etwas von dem Schrecken erholt hatte, denn eine grosse Freude zermalmt uns ebenso wie ein grosses Unglück, sagte Herz: »Nun, vor allem will ich geben Masser und dann erst soll Riffke einen Mann haben.«

»Wenn Sie wollen geben Masser«, sagte Reb Isaschar, »das macht 4800 Gulden nach dem Gesetz.«

»So will ich geben die 4800 Gulden dem Saduel Pjetruschka«, sagte Herz, »es ist besser zu helfen einem braven Menschen, als vielen geben eine Kleinigkeit, das kann keinem dienen.«

Saduel sah Herz erstaunt an, dann nahm er ihn um den Hals und küsste ihn.

»Danken Sie mir nicht«, sagte Herz, »es geschieht um meinetwillen. Und Riffke? Hast Du etwa schon einen Bocher gefunden, der Dir gefällt? Sprich, mein Kind, Du sollst ihn haben.«

»So will ich Gideon«, sagte sie rasch, »wenn er mich nämlich will.«

Gideon lächelte verlegen und reichte ihr die Hand. »Sagen Sie mir, Riffke«, flüsterte er, »ist das alles ein Traum oder ist es wahr?«



Lewana.

Inhaltsverzeichnis

– TÜRKEI. –

Das Mondheiligen. – Befreiung aus der Sklaverei.

In einer jener engen dunklen Strassen des alten Belgrad, die zugleich ein Bazar, ein Paradies Muhameds und ein Schlupfwinkel des Verbrechens sind, befand sich ein kleines Kaffeehaus, das von einer Italienerin, Frau Peregrino, gehalten wurde. Hier sass eines Abends ein junger Mann in ein Wiener Journal vertieft, während ringsum Geschäfte aller Art verhandelt wurden und im Hinterzimmer Zigeuner ihre wilden Weisen spielten, gluthäugige Zigeunerinnen die Tambourine schwangen und tanzten.

Plötzlich legte ihm die Wirthin die Hand auf die Schulter und flüsterte: »Sie sind immer so traurig, Herr Bukarest, was haben Sie denn eigentlich?«

»Ich möchte fort«, gab er zur Antwort.

»Weil Sie das Mädchen, das Sie lieben, nicht bekommen können.«

Nahum Bukarest zuckte die Achseln. »Mein Oheim ist Kaufmann in Konstantinopel«, sagte er, »ich will zu ihm reisen. Können Sie mir sagen, wie ich am billigsten hinkomme.«

»Oh! das trifft sich sehr gut«, erwiderte die Wirthin, »hier ist eine Dame, die Sie schon mehrmals gesehen hat und Gefallen an Ihnen findet. Ihr Vater ist Kapitän, er wird Sie auf sein Schiff nehmen. Kommen Sie.«

Frau Peregrino führte den jungen, hübschen Israeliten in ein kleines Kabinet, in dem nur ein türkischer Divan stand. Auf diesem sass ein schönes Weib in halborientalischer Tracht und begrüsste Nahum mit einem koketten Lächeln. Die Wirthin sprach von seinen Plänen und liess ihn dann mit der schlanken Schönen allein. Diese zog ihn zu sich auf die schwellenden Kissen, und während sie heiter plauderte, fühlte Nahum mehr und mehr die Macht ihrer fremdartigen Reize und befand sich endlich in einer Art von Opiumrausch, von anmuthig phantastischen Bildern umgaukelt.

Es wurde abgemacht, dass er mit Varsava, so hiess die Fremde, und ihrem Vater, dem griechischen Kapitän Trifoniades, nach dem goldenen Horn segeln sollte, und als die Schöne das Kaffeehaus verliess und Nahum sie begleitete, schlang sie plötzlich auf der dunklen Strasse die Arme um seinen Hals und küsste ihn.

Am folgenden Abend erschien der Kapitän in demselben Kaffeehaus und vereinbarte mit Nahum das Reisegeld. Es war in der That sehr wenig, was er verlangte, so dass Nahum von der Summe, die er zur Verfügung hatte, noch einen beträchtlichen Theil in seiner Tasche behalten konnte.

Er fand diesmal Varsava in dem kleinen Kabinet in Gesellschaft von drei jungen bildhübschen Mädchen, von denen zwei Ungarinnen waren, während die Dritte aus Serbien stammte. Varsava hatte ihnen gute Stellen in Konstantinopel zugesichert. Die eine sollte in einem Konfektionsgeschäft, die zweite als Kassiererin in einem Kaffee, die dritte als Kammerjungfer bei einer österreichischen Gräfin eintreten.

»Sehen Sie, mein Freund,« rief Varsava, »was Sie für eine reizende Reisegesellschaft haben werden. Ich fürchte, dass Sie mir untreu werden.«

Nahum erröthete und Varsava gab ihm einen leichten Schlag mit der Hand, der beiläufig sagen wollte: Oh! ich bin Deiner vollkommen sicher.

Zwei Tage später bestiegen alle zusammen das Schiff des Kapitän Trifoniades und fuhren die Donau hinab. Varsava beschäftigte sich viel mit Nahum. Sie wechselte Blicke mit ihm, welche ihm die kühnsten Hoffnungen erweckten und erlaubte sich eine Reihe kleiner Vertraulichkeiten, welche den jungen, unerfahrenen Mann mit unsichtbaren magischen Schlingen umgaben.

Es wurde Abend, als sie die Donaumündung verliessen. Mitten in der Nacht, im offenen Meer, steuerte ein anderes Schiff auf sie zu. Die beiden Kapitäne wechselten Zeichen, dann legten sich ihre Fahrzeuge gegen einander, und der Grieche hiess Nahum und die drei Mädchen auf das fremde Schiff übersteigen.

»Weshalb?« fragte Nahum erstaunt, »Was soll denn dies bedeuten?«

»Fragen Sie nicht erst lange,« rief Varsava, »kommen Sie.«

Sie ging voran über die Brücke, die man von Bord zu Bord gelegt hatte und die Anderen folgten.

Während der Grieche weitersegelte, gab die seltsame Schöne Nahum einen Wink ihr zu folgen und führte ihn in eine geräumige Kajüte, die einem kleinen Harem glich, mit ihren türkischen Divans, ihren persischen Teppichen und ihren weichen Pantherfellen. Varsava streckte sich auf den goldgestickten Kissen aus, betrachtete den immer mehr verwunderten Nahum mit einem spöttischen Lächeln und sprach: »Jetzt bist Du mein.«

Zugleich rauschte der Teppich, welcher den Eingang schloss, und ein kräftiger hübscher Mann, in armenischer Tracht trat ein. Er stemmte die Arme in die Seiten und lachte, dann stiess er einen leisen Pfiff aus, und sofort drangen zwei Neger in die Kajüte, ergriffen Nahum, warfen ihn zu Boden und fesselten ihn.


»Du hast einen guten Fang gemacht«, sagte der Armenier, »die Mädchen sind jung und schön, sie werden jedem Harem zur Zierde gereichen, was willst Du aber mit diesem hier beginnen?« Er deutete auf Nahum.

»Wir werden ihn in Kleinasien verkaufen«, erwiderte Varsava, »weisse Sklaven sind heute eine Seltenheit, es findet sich leicht ein Liebhaber für solche Waare.«

Die Neger hoben jetzt den armen Nahum wie einen Sack auf, trugen ihn hinaus und warfen ihn in einen dunklen Winkel, in dem Taue und Tonnen lagen.

»Sagt mir doch, wo bin ich«, bat Nahum die Matrosen, »wer ist der Mann, dem das Schiff gehört?«

»Der Herr heisst Sahag und ist ein armenischer Sklavenhändler.«

»Und Varsava?«

»Das ist seine Frau. Sie ist schlau wie eine Schlange und geschickt im Vogelfang wie keine zweite. Du bist nicht der erste, den sie liefert. Sie versteht sich auf Menschenwaare und auf den Sklavenhandel.«

Nahum fragte nicht weiter. Er sank zurück auf die Schiffstaue und presste seine heisse Stirn gegen die feuchte Holzwand.

Sahag landete in einem kleinen Hafen an der Küste von Kleinasien. Die vier Opfer wurden jetzt geknebelt, in Säcke gesteckt und mit anderen Waaren auf einen Wagen geladen. In dem von hohen Mauern umgebenen kleinen Hofe des Hauses, das dem Armenier gehörte, befreite man sie von ihren Fesseln.

»Meine Lieben«, sprach Varsava zu den Mädchen, die furchtsam vor ihr standen, »Euch steht ein grosses Glück bevor, bald wird Euch Glück und Reichthum umgeben, aber vorher müsst Ihr erst eine Schule bei mir durchmachen, ich werde Euch die Kunst lehren Eurem künftigen Herrn stets zu gefallen und ihn zu fesseln. Und Du«, – wendete sie sich an Nahum – »Du musst erst Gehorsam und Demuth lernen. Ich gebe Dir deshalb einen guten Rath. Ergieb Dich ruhig in Dein Schicksal. Du wirst an Sahag einen trefflichen Lehrmeister haben, wenn Du Dich aber wiederspenstig zeigen solltest …«

»Dann gibt es Mittel«, sagte der Armenier ruhig, »die noch jeden zahm gemacht haben.« Er nahm die grosse Sklavenpeitsche vom Nagel und liess sie knallen, während die schöne Verrätherin in ein lautes brutales Gelächter ausbrach.

Nahum senkte stumm das Haupt und ergab sich. Sahag liess ihn verschiedene Arbeiten im Hause und Garten verrichten. Er zeigte sich willig und gelehrig, so dass der Armenier mit ihm ausnehmend zufrieden war und keinen Anstand nahm, ihn schon einen Monat später einer reichen Wittwe vorzuführen, welche zu ihm kam, um einen Sklaven zu kaufen.

Nahum blickte scheu von der Seite auf die mittelgrosse schlanke Gestalt, die in einem blauen, goldgestickten Burnus vor ihm stand und deren schwarze Augen ihn aus dem dichten Schleier hervor neugierig musterten.

»Das ist ein Prachtstück«, sprach Sahag, indem er Nahum auf die Schulter klopfte, »jung, kräftig, aus gutem Hause, unterrichtet und gelehrig. Sie werden einen vorzüglichen Diener an ihm haben, Zamira Ben Oporte, und solch' ein Gesicht zu sehen, ist auch angenehmer als das eines Negers.«

Zamira erwiderte nichts, sondern begnügte sich die angebotene Waare zu prüfen. Sie untersuchte den Arm, sie besah, wie bei einem Pferde, die Zähne und klopfte auf Nahum's Brust. Endlich nickte sie und verlangte den Preis zu wissen. Nach langem Handeln wurden sie einig. Die Wittwe bezahlte, und eine Stunde später wurde der neue Sklave in ihrem Hause abgeliefert.

Zamira war die Wittwe eines reichen Kaufherrn. Sie handelte mit orientalischen Stoffen, Pantoffeln, Schmuckgegenständen, Pfeifen und Waffen, und besass drei Schiffe, die abwechselnd auf dem schwarzen Meer, dem Mittelmeer und nach Indien segelten.

Es machte sie von Anfang ungeduldig, dass Nahum nur wenig arabisch verstand, sie wollte ihn in ihrem Kaufladen beschäftigen und musste sich vorläufig damit begnügen, ihn den Lastträgern beizugesellen, welche die Waarenballen in ihrem Hause abluden und in den Magazinen aufstapelten.

Es regte sich jedoch noch eine Empfindung in dem stolzen Herzen des schönen Weibes, welche Zamira gegen Nahum aufbrachte. Sie war böse auf sich selbst, weil sie mehr und mehr an ihrem Sklaven ein Wohlgefallen fand, das ihr unwürdig und verächtlich erschien.

Und er? Er hatte nur einmal ihre schlanke, elastische Gestalt, ihr edles, feingeschnittenes Gesicht unverhüllt gesehen, und seitdem gehörte er ihr, auch ohne dass sie ihn gekauft hätte, seine Phantasie beschäftigte sich Tag und Nacht mit ihr, und ihre Nähe versetzte ihn jedesmal in eine unbeschreibliche Verwirrung.

Eines Tages rief ihn Zamira in ihr Gemach und kündigte ihm an, dass er fortan im Hause zu bleiben und sie selbst zu bedienen habe. Nahum sah mit einem wollüstigen Schauer das schöne Weib, das in einem langen Pelz von grünem, silberdurchwirkten persischen Stoff in den rothseidenen Kissen ruhte und die schwarzen, bösen Augen auf ihn geheftet hatte. Sie befahl ihm, ihr die kleinen, goldgestickten Pantoffel anzuziehen und nachdem dies geschehen war, ihr den Kaffee zu bringen.

Nahum gehorchte, aber in seiner Verwirrung stolperte er auf dem Teppich und vergoss den duftenden Mokka.

»Du bist ungeschickt«, rief Zamira zornig, »man muss Dich zuerst abrichten, wie ich sehe.«

Sie erhob sich und ergriff die Peitsche, die stets für ungehorsame Sklaven bereit lag. Nahum warf sich vor ihr auf die Knie nieder und kreuzte die Arme auf der Brust, aber seine Demuth entwaffnete sie nicht. Zamira schwang die Peitsche und traf ihn wiederholt mit grausamer Energie.

Plötzlich warf sie dieselbe weg und hiess ihn gehen. Dann warf sie sich unmuthig in die Kissen zurück und nagte an den Nägeln ihrer kleinen Hand. Sie war unzufrieden mit sich selbst, sie schämte sich, während er die Stelle an seinem Arm küsste, wo ihn ihre Peitsche getroffen hatte.

An demselben Abend war der Mond in sein erstes Viertel eingetreten. Als es dunkel war, hüllte sich Zamira in Pelz und Schleier und ging hinaus in den Garten. Die schöne Lewana schwebte bereits an dem tiefblauen Himmel. Ihr holder tröstender Schimmer hatte auch Nahum herausgelockt. Er sass unter einem Oelbaume, vor ihm war ein kleiner Grasplatz mit Anemonen, Skabiosen und Schwertlilien bedeckt, weiter hinaus standen Orangen- und Zitronenbäume und schimmerte das Meer. Um ihn war die Stille der Nacht und der balsamische Duft des Orients. Nahum erinnerte sich der schönen Mythe, welche der Talmud erzählt.


»Als der Schöpfer die beiden Himmelslichter vollendet und eingesetzt hatte, näherte sich ihm der Mond und sprach: »Herr! es ist doch nicht schicklich, dass zwei Diener den gleichen Rang haben, lass mich um etwas grösser und leuchtender sein als die Sonne.« Das erzürnte Gott und er erwiderte: »Da Du Dich über Deinen Gesellen erheben willst, sollst Du vielmehr erniedrigt werden. Du sollst von nun an kleiner sein als er und Dein Licht soll dem seinen nachstehen.«

Der Mond erblich und ging bedrückt von dannen. Da erbarmte sich Gott seiner und gab ihm das funkelnde Heer der Sterne zur Gesellschaft.«

Der fromme Jude aber vergisst keinen Monat den Mond zu segnen, wenn dieser in seinem ersten Viertel steht und Nahum empfand hier in der Fremde, im Unglück, in der Sklaverei noch mehr das Bedürfniss dieser Pflicht zu genügen als daheim, im Kreise der Seinen.

Als Zamira sich der kleinen Wiese näherte, sah sie ihn mitten auf der Wiese stehen, dort wo ein Cypressengebüsch sie seinen Blicken verbarg. Sie hörte ihn den Segensspruch sprechen, den sie so lange nicht gehört: Gelobt sei der, der den Mond erneuert! Sie sah ihn dreimal gegen die leuchtende Sichel hüpfen und lauschte immer erregter den Worten, mit denen er diese Bewegung begleitete: »So wie ich gegen Dich hüpfe und Dich nicht berühren kann, sollen auch meine Feinde mir stets fern bleiben.« Während Nahum noch die Zipfel seines Kaftans schüttelte und ausrief: »Wie ich den Staub von mir schüttle, so sollen auch meine Hasser und die bösen Geister von mir weichen«, trat Zamira rasch aus dem Gebüsch.

Nahum erschrack und warf sich zu ihren Füssen nieder.

»Du bist ein Jude!« rief Zamira und da er keine Antwort gab, fuhr sie fort, »warum hast Du mir das verschwiegen? Auch ich bin eine Jüdin. Ich muss jedoch hier, wo nur Muhamedaner und Armenier wohnen, meinen Glauben verbergen. Vergieb mir, was ich Dir gethan. Ich will es gut machen, indem ich Dir die Freiheit schenke, und Dich mit dem nächsten Schiff zu den Deinen zurücksende.«

»Nein Herrin«, erwiderte Nahum, »das wäre eine Strafe, grausamer als die Peitsche. Lass mich bleiben, ich verlange nichts weiter, als immer Dein Sklave zu sein. Setz' Deinen Fuss auf meinen Nacken und erlaube mir ihn nur jedesmal zu küssen, wenn er mich getreten hat.«

Zamira sah ihn überrascht an. »Du hassest mich nicht?« fragte sie verwirrt.

»Wer könnte Dich hassen?«

»Gut, Du bleibst bei mir«, entschied sie mit einer stolzen Kopfbewegung, »aber nicht als mein Diener, das ginge nicht an.«

»Wie Du willst«, rief er, »schick mich nur nicht fort.«

Die schöne Wittwe begann leise zu lachen.

»Weisst Du, warum ich Dich geschlagen habe?« fragte sie schalkhaft. »Weil ich gegen mich aufgebracht war. Ich schämte mich meinen Sklaven zu lieben und einen Mann, der nicht meines Glaubens ist, dem ich niemals meine Hand reichen könnte.«

»Zamira! Ist es möglich!« stammelte Nahum.

Statt zu antworten legte sie ihm die Arme um den Hals, neigte sich zu ihm und küsste ihn.



Der Buchbinder von Hort.

Inhaltsverzeichnis

– UNGARN. –

Das jüdische Handwerk. – Liebe zum Vaterland. – Wissensdrang. – Der Liebessekretär.

Wenn man von der Höhe hinter Esced in die ungarische Ebene hinausblickt, die sich hier vom Fusse der Matra bis Szolnok und weiter bis zur Theiss ergiesst, erblickt man mitten unter Weinbergen und Weizenfeldern eine grosse grüne Insel. Es ist weder ein Wald, noch ein Park, noch ein grosser Obstgarten, der uns so freundlich anlacht, sondern das stattliche Dorf Hort, dessen weisse Häuser sich hinter dem üppigen Blattwerk verbergen.

In diesem Dorfe lebte ein jüdischer Buchbinder, Namens Simcha Kalimann, welcher sich durch verschiedene Eigenheiten bemerkbar machte. Er war zugleich ein Orakel und eine lebende Chronik der Gegend, des ganzen Komitates.

In seinen Schicksalen spiegelten sich jene seines Volkes in Ungarn. Er stammte noch aus der Zeit, wo der Jude rechtlos war, er hatte damals manches ertragen müssen, manches erduldet und bewahrte mehr als eine tragikomische Geschichte aus jenen Tagen in dem Schatzkästlein seiner Erinnerungen auf. Dann war die grosse Bewegung der Geister gekommen, deren Grenzstein das berühmte Buch: »Licht« des Grafen Szechenyi bildet, den man den »grössten Ungar« nannte.

Die Revolution von 1848 brachte die neue ungarische Konstitution, das Ende des Feudalstaates. Das Licht drang auch in die finsteren Gassen des Ghetto, und durch die Fenster, die sich sonst nur beim Gewitter geöffnet hatten, den Messias zu empfangen, zog der Erlöser ein, der den fast zweitausend Jahre Verfolgten Freiheit und Gleichheit brachte. Und das arme furchtsame jüdische Herz verstand sofort die grosse Botschaft.

Der ungarische Jude hatte ein Vaterland gefunden, und an demselben Tage fand dieser ängstliche, bespöttelte Mensch auch den Muth, dieses Vaterland zu vertheidigen.

Tausende verliessen das Ghetto und schaarten sich um die ungarische Trikolore, unter ihnen auch Simcha Kalimann. Als einfacher Honved folgte er der Trommel Koszuth's und focht bei Kapolna, bei Waitzen und bei Temesvar.

Dem Aufschwung, der Begeisterung folgte die Niederlage, folgten schwere Jahre des Stillstandes, des Druckes, aber der Jude hatte seine Menschenrechte errungen, und er vergass nicht, wem er sie verdankte.

Als der Ausgleich Ungarn seinen König und seine Konstitution wiedergab, da gab es nirgends so viele jubelnde, glückliche Herzen, als im Ghetto. Diesmal zog die Freiheit nicht mit Schwerterklang ein, mit ihr kam der Friede, die Versöhnung.

Damals begannen die Juden die ungarische Sprache und ungarische Namen anzunehmen. Da diesmal mit den letzteren nicht jener schlimme Handel getrieben wurde, wie zur Zeit Joseph's II., wo sich die Beamten die Familien-Namen, welche die Juden annehmen mussten, je nach ihrer Schönheit theuer und theurer bezahlen liessen, da diesmal ein schöner Name nicht mehr kostete als ein hässlicher, so nahm Kalimann den schönsten, den er nach seinen Begriffen in der Geschichte fand und nannte sich Húniády Sándor.

Damals war es auch, wo er die Flinte und die Patronentasche ausgrub, die er nach der Kapitulation von Vilagós in seinem Garten verscharrt hatte, und seine Trophäen aus der Honvédzeit stolz über seinem Bette aufhing.

Wo Freiheit ist, herrscht auch der religiöse Friede. Die gegenseitige Achtung und Toleranz aber erzeugt wieder die Aufklärung und zerstört die Vorurtheile.

Húniády oder Kalimann galt in Hort als Freigeist, und doch war er fromm und beobachtete streng alle religiösen Vorschriften, aber er hatte sich von verschiedenen Gebräuchen losgemacht, die ihm weder in der Lehre begründet, noch mit dem Fortschritt vereinbar erschienen.

Er bedeckte sein Haupt nur im Tempel, er kümmerte sich wenig um die minutiösen Speisegesetze des Talmud, er zog sich an, wie alle anderen, er gestattete seiner Frau, das Haar wachsen zu lassen und verbot in seinem Hause strenge jede Art von Aberglauben.

Seine Erscheinung war durchaus nicht die eines Helden. Er war klein, hager, unansehnlich, hatte ein fahles Gesicht voll Sommersprossen, blondes Haar, einen blonden Schnurrbart und zwinkerte stets mit den kleinen grauen Augen. Kalimann war nämlich furchtbar kurzsichtig, und da er seine grosse Brille nur dann aus dem rothen Futteral hervorzog, wenn er an die Arbeit oder an das Lesen ging, so geschah es ihm zuweilen, dass er auf der Landstrasse einen Meilenzeiger für den Obergespan ansah und ehrfurchtsvoll grüsste, oder ohne von ihr Notiz zu nehmen an Frau Barkany, seiner besten Kundin, vorüberging, weil er sie in ihrem weissen Kleid für Wäsche ansah, die zum Trocknen vor dem Hause aufgehängt war.

Kalimann arbeitete allein, mit einem kleinen Lehrbuben, Hirsch, den er mehr aus Mitleid zu sich genommen hatte, denn er hielt sich für fähig, allein, ohne jede Hilfe, die gesammte europäische Litteratur einzubinden. Er arbeitete fleissig und gut, er verbrachte meist den ganzen Tag in der Werkstätte und, wenn es nöthig war, arbeitete er bis in die Nacht hinein bei einem elenden Talglicht und später bei einer kleinen Petroleumlampe.

Die Arbeit war sein Stolz und die Lektüre sein Glück. Wenn es in dieser einfachen, braven Existenz einen Schatten gab, so kam dieser ausschliesslich auf Rechnung der Frau Rachel Kalimann oder Rosa Húniády, wie sie sich jetzt gern nannte. Nicht dass diese stattliche, hübsche Frau, welche durch ihren Körperumfang für das Geschäft ihres Mannes Reklame zu machen schien, irgend welche bösen Eigenschaften an sich gehabt hätte, aber sie hatte absolut kein Verständniss für die geistigen Interessen ihres Gatten, für das was sie seine Grillen nannte.

Vergebens versuchte Kalimann ihr durch Stellen aus der Schrift oder dem Talmud zu imponiren, vergebens zitirte er das Buch Hiob, um den Werth der Weisheit zu erläutern: »Nicht wird geläutertes Gold für sie gegeben, und nicht wird Silber gewogen als ihr Kaufpreis. Nicht wird sie aufgewogen gegen Ophir's Schätze, gegen kostbaren Onyx und Saphir. Der Weisheit Schmelz ist mehr als der von Perlen.«

Frau Rosa erwiderte kurz und bündig: »Was kauf' ich mir für Deine Weisheit? kann ich mich von ihr nähren? kann ich sie anziehen? Nein. Folglich ist sie werthlos.«

Der gelehrte Buchbinder seufzte und schwieg, aber manchmal reizte ihn diese Verachtung seiner heiligsten Gefühle doch, und dann gab es einen Wortwechsel und Streit. Das Ende war aber immer eine Kapitulation Kalimann's, denn er liebte seine Frau gar zu sehr, um ihren Zorn lange ertragen zu können. Er suchte in der Regel Rosa zu täuschen, seine Freuden vor ihr zu verbergen.

Einmal entdeckte sie ihn Abends im Gänsestall, wohin er sich mit Shakespeares Hamlet und einer kleinen Laterne geflüchtet hatte, und nachdem sie ihm eine Strafpredigt gehalten hatte, zwang sie ihn sofort zu Bett zu gehen.

Kalimann gehorchte, aber nahm den Hamlet mit ins Bett. Doch kaum hatte er ein paar Verse gelesen, so erhob sich Rosa in ihrer ganzen Majestät und blies ihm das Licht aus.

Kalimann war verzweifelt, aber er wagte keinen Widerstand. In stummer Ergebung legte er sein Haupt auf den Kopfpolster und schnarchte bald mit Hirsch um die Wette. Nach einiger Zeit richtete er sich jedoch vorsichtig auf, und nachdem er sich überzeugt hatte, dass seine Frau schlief, nahm er leise sein Buch und seine Brille, schlich hinaus und las draussen auf der morschen Bank vor dem Hause, beim Licht des Mondes die Tragödie des Dänenprinzen zu Ende.


Ja, er liebte die Bücher zärtlich, leidenschaftlich, und da er nicht genug Geld hatte um sie zu kaufen, so las er jedes Buch, das ihm anvertraut wurde, ehe er dasselbe einband. Und da nicht er die Bücher wählte, die sich bei ihm in der Werkstatt ein Stelldichein gaben, da der Zufall ihm heute einen Roman, morgen ein medizinisches, übermorgen gar ein theologisches Werk in die Hand spielte, so las er alles durcheinander und es entstand in seinem armen Kopf ein unglaublicher Wirrwarr der mannigfachsten Kenntnisse und Anschauungen. Je besser ihm ein Buch gefiel, desto sicherer konnte der Eigenthümer sein, es erst nach langer Zeit und nach wiederholten Mahnungen zurück zu erhalten.

In Bezug auf den Einband hatte Kalimann seine Nuancen. Natürlich gab der Preis, den man ihm festsetzte, den Ausschlag in Bezug auf das Material, aber Farbe und Verzierung wählte er, unbeirrt durch die Wünsche und Forderungen seiner Kunden, stets nach dem Inhalt und Wesen und dem Werth des Buches.

Wenn er die gebundenen Bücher ablieferte, brachte er dieselben stets in einem grossen farbigen Taschentuche eingeschlagen und benutzte die Gelegenheit um sein Urtheil abzugeben.

Manchmal hatte er jedoch Meinungen, die ihm gefährlich schienen, die er nicht auszusprechen wagte, und dann sagte er regelmässig: So lange man lebt, darf man nicht reden, und wenn man todt ist, kann man nicht reden.

Da war z. B. Frau Zoë Barkany, eine hübsche, reiche Jüdin, welche eigentlich Sarah Lämmel hiess. Von ihr erhielt er Werke der klassischen Litteratur und Romane zum Einbinden. Er nahm für den Deckel blau, grün oder roth und als Zierrath eine goldene Lyra oder ein von einem Pfeil durchbohrtes Herz.

Hier schwelgte er in Aesthetik und wagte manchmal Bemerkungen, welche an ritterliche Galanterie streiften, denn alle Heldinnen der Stücke und Romane, die er verschlang, nahmen für ihn die Gestalt und die Züge der hübschen Frau Barkany an.

Als er sie einmal im Garten traf, im weissen Kleide, die Guitarre im Arm, rief er aus: »Gott soll mich strafen! Die Prinzessin Eboli aus Don Carlos von Schiller!« Ein anderes Mal, wo sie eine Morgenjacke aus türkischem Stoff trug, verglich er sie mit der Rebekka aus Walter Scott's Ivanhoe.

Später wusste Frau Barkany schon, was der Buchbinder auf dem Herzen hatte, und rief jedesmal lachend: »Nicht wahr? die Esmeralda bin ich, oder bei der Herzogin haben Sie natürlich wieder an mich gedacht.«

Dem Notar band er juristische Werke ein, da entwickelte er jedes Mal seine eigenthümliche Rechtsphilosophie, beim Doktor stürzte er sich mit Eifer in eine medizinische, bei dem in Ruhestand versetzten Professor Harburg in eine historische oder geographische Diskussion. Und immer fand er einen originellen, nicht selten spasshaften Gesichtspunkt. So behauptete er steif und fest, schon Moses habe die Trichinen entdeckt und deshalb den Genuss des Schweinefleisches verboten.

Simcha Kalimann übte aber auch eine Art moralisches Richteramt aus. Frau Barkany gab ihm eines Tages Zola's »Nana« in der Budapester deutschen Ausgabe mit Illustrationen. In der Dämmerungsstunde ertappte er Hirsch, der sich im Winkel beim Fenster an den Bildern ergötzte. Er ergriff ihn beim Schopf, schüttelte ihn wie einen jungen Hund und begann dann in dem Buch zu blättern. Er schüttelte den Kopf, dann wischte er seine Brille ab, als traue er seinen Augen nicht und endlich klappte er das Buch zu.

Frau Barkany wartete lange Zeit geduldig auf ihre »Nana«, dann sendete sie ihre Köchin Gütel und bat um dasselbe, da aber Kalimann Ausflüchte gebrauchte und wieder ein paar Wochen vergingen, ohne dass Zola's Roman abgeliefert wurde, so erschien eines Tages die schöne Frau selbst in Kalimann's Hause.

»Ich möchte doch endlich meine »Nana« haben«, sagte sie.

»So?« Kalimann fuhr fort zu arbeiten.

»Haben Sie das Buch noch nicht gebunden?«

»Nein.«

»Wann kann ich es also haben?«

»Das Buch bekommen Sie nicht zurück, Frau Barkany.«

»Wie? Sie sind wohl nicht gescheidt!«

»Es ist besorgt und aufgehoben,

Der Herr wird seine Diener loben«,

antwortete Kalimann mit den Versen aus Schiller's Gang nach dem Eisenhammer, »die »Nana« habe ich einfach in den Ofen gesteckt.«

»Kalimann, das ist wirklich stark!«

»Das ist kein Buch für eine jüdische Frau.«

Frau Barkany war roth geworden, aber sie gab sich noch nicht für besiegt. »Wenn Sie mir das Buch verbrannt haben«, sagte sie, »werden Sie mir Schadenersatz dafür leisten.«

»Sehr gerne«, sagte der Buchbinder, nahm ein Bild von der Wand und gab es ihr. Es war die Scene aus Schiller's Glocke, wo die Mutter von ihren Kindern umgeben im Erker ihres Hauses thront. Unter dem Bilde waren die Verse zu lesen:

Im Hause waltet

Die züchtige Hausfrau,

Die Mutter der Kinder,

Und herrschet weise

Im häuslichen Kreise.

Gelehrte, Dichter, Künstler verehrte der Buchbinder von Hort fanatisch, ob sie Juden, Christen oder Türken waren. Als er das erste Mal bei Frau Barkany das bekannte Bild sah, das Schiller zu Karlsbad auf einem Esel sitzend, darstellt, begann Kalimann zu weinen.

»So ein Mann muss reiten auf einem Esel«, rief er aus, »während so gewöhnliche Menschen, wie der Baron Fay oder der Herr von Mariassy reiten stolz auf Pferden.«

Später erinnerte er sich aber, dass Bileam eine Eselin geritten hatte und kam schliesslich zu dem Resultat, dass Schiller auch ein Prophet war.

Vielleicht steckte auch in Kalimann ein Poet, ein Prophet.

Er trieb nämlich neben der Buchbinderei noch ein anderes Handwerk, das unter den Juden im Osten nicht allzu selten ist und auch seinen goldenen Boden hat.

Kalimann war nämlich Liebessekretär.

Das will sagen, er machte ein Geschäft daraus, Leuten, die weder lesen noch schreiben konnten, Liebesbriefe zu verfassen. Hier zeigte er sich als der Anakreon und Petrarca von Hort. Zahlreiche Kunden strömten ihm zu und Kalimann sicherte sich durch seine zärtliche, gefühlvolle Feder ein ganz hübsches Nebeneinkommen.

Eines Tages erschien auch Gütel Wolfram, die Köchin der Frau Barkany, bei ihm und bestellte einen Liebesbrief an ihren Freund in Gyöngös.

»Also, mein Schatz, Sie hat auch Amor's Pfeil getroffen«, sagte Kalimann schäkernd.

»Gott über die Welt!« rief Gütel, »er heisst doch nicht Amor, sondern Mendel Sucher und mit Pfeilen schiesst er auch nicht.«

Nachdem die verliebte Köchin dem Buchbinder ihre Gefühle geoffenbart hatte, verlangte sie den Preis zu wissen.

»Das hängt nicht von der Länge des Briefes ab«, erwiderte Kalimann, »sondern ganz von der Qualität.«


1. Ein freundlicher Brief 10 Kreuzer
2. Ein Brief, der liebenswürdig und ermunternd 15 "
3. Ein zärtlicher Brief 20 "
4. Rührend 30 "
5. Ein recht zum Herzen sprechender ½ Gulden.

»Also für diesmal einen freundlichen«, sprach Gütel und legte 10 Kreuzer auf den Tisch.

»Für Sie«, sagte Kalimann galant, »soll er für denselben Preis freundlich, liebenswürdig und ermunternd sein.«

Mendel Sucher bekam den nächsten Tag den Brief, und da er auch nicht lesen konnte, so ging er zu Saul Wehl, der Schreiber bei einem Advokaten in Gyöngös war und dasselbe erotische Metier betrieb.

Wehl las ihm den Brief Kalimann's mit solchem Pathos vor, dass Mendel ganz ergriffen war und sofort einen Zwanziger auf den Tisch legte, damit Saul ihm einen ebenso schönen an Gütel schreiben möge.

Saul erkannte sofort Kalimann's Schrift und dachte: »Ich will dem Buchbinder einmal beweisen, dass man auch in Gyöngös Briefe schreiben kann und die Klassiker liest«. Und er schrieb an Gütel einen Brief, der vollständig gespickt war mit Zitaten aus dem hohen Lied, aus Goethe, Petöfii, Heine und Chateaubriand, dass der armen, kleinen Köchin der Kopf davon ganz wirblig wurde, als Kalimann ihr die Liebesepistel vorlas und dass der Buchbinder selbst sich hinter dem Ohr kratzte und murmelte: Er ist belesen, der Saul, und hat eine kräftige Feder; wer hätte das gedacht!

In dieser Weise ging der Briefwechsel zwischen Gütel und Mendel, oder eigentlich zwischen Kalimann und Saul fort.

Wenn Kalimann den Mendel »mein holder Freund« oder »mein Täubchen« nannte, so prunkte wieder Saul mit Wendungen, wie: »Ihre Gazellenaugen, Ihre Elfengestalt, Ihre Rosenlippen, Ihre Stimme, die wie Sphärenmusik erklingt.«

Dem liebenswürdigen Brief hatte Kalimann mehrere zärtliche und zwei rührende folgen lassen. Endlich kam der recht zu Herzen sprechende. Gütel hatte sich entschlossen, den halben Gulden zu opfern und brachte Kalimann überdies noch eine gute Flasche Wein. Der Buchbinder schenkte ein, trank, schnalzte mit der Zunge und begann zu schreiben.

Plötzlich aber rief er aus: »Wissen Sie, Gütel, das war eine gute Idee mit dem Wein, aber Hafis singt nicht vom Wein allein, auch frische Mädchenlippen haben ihn begeistert.«

Diesmal verstand Gütel sofort: »Da ich schon einen halben Gulden spendirt habe«, sagte sie verschämt, indem sie sich den Mund mit der Schürze abwischte, »und die Flasche Wein, kommt es mir auf einen Kuss auch nicht mehr an«, und sie gab dem glücklichen Buchbinder einen kräftigen Schmatz. Nun flog die Feder über das Papier, und als Kalimann Gütel den Brief vorlas, vergoss sie Thränen.

Mendel war vollständig geknickt, als Saul ihm den zum Herzen sprechenden Brief noch überdies mit tremulirender Stimme vordeklamirte. Er stürzte hinaus, lief geradenwegs zu Herrn Schönberg, in dessen Fabrik er beschäftigt war und bat um seinen Abschied.

»Was haben Sie denn?« fragte der Fabrikant, »weshalb wollen Sie denn fort? soll ich Ihnen den Gehalt aufbessern?«

»Nein, nein, Herr Schönberg, aber ich halte es nicht mehr in Gyöngös aus, ich muss nach Hort.«

»Nach Hort? Weshalb?«

Stumm reichte ihm Mendel den Brief.

Der Fabrikant las und lächelte. »Ein Teufelskerl, der Kalimann!« murmelte er, »an dem ist ein Romancier verdorben. Aber das wollen wir anders machen, Mendel. Sie bleiben bei mir und heirathen die Gütel. Ich gebe Ihnen eine kleine Wohnung im Fabriksgebäude, und Frau Barkany soll das Mädchen ausstatten.«

Mendel strahlte, am Liebsten hätte er den guten Schönberg umarmt. Dieser gab ihm gern Urlaub für einen Tag und der Glückliche eilte nach Hort in die Arme Gütel's. Wirklich entschloss sich Frau Barkany, ihre Köchin, die vom dreizehnten Jahre treu bei ihr gedient hatte, auszustatten, und zur fröhlichen Zeit der Weinlese wurde in Hort die Hochzeit gefeiert.

Oben an der Tafel, auf dem Ehrenplatz neben dem Rabbiner sass der Buchbinder von Hort. War doch alles sein Werk und es war nicht das erste Paar, das er vereint und das der Rabbiner gesegnet hatte.

Als die Reihe an ihn kam, einen Toast auf das Brautpaar auszubringen, erhob er sich, das Glas mit dem perlenden Wein in der Hand und sprach die Verse Schiller's:

Ehret die Frauen, sie flechten und weben,

Himmlische Rosen in's irdische Leben.



Rabbi Abdon.

Inhaltsverzeichnis

– RUSSLAND. –

Die Kabbalah. – Der Jude als Ackerbauer.

Die Sonne war untergegangen. Die Nebel des düsteren Winterabends breiteten sich langsam um die Thürme und Dächer der kleinen Stadt, welche tief im Süden Russlands zwischen wilden Waldrevieren, Sümpfen und Steppen verloren war. Der Sturm hatte überdies hohe Schneewälle aufgeführt, welche die Menschen in ihren kleinen hölzernen Häusern gefangen hielten. Im letzten Abendstrahl schienen die Frostblumen an den kleinen Fenstern noch einmal in den Farben des Frühlings aufzublühen.

Dann erlosch auch dieser armselige Schimmer und graue eintönige Dämmerung erfüllte das weite Gemach, in dem der greise Rabbi Abdon sass, vertieft in seltsame Gedanken und Erinnerungen.

Die alte Magd kam leise herein, zündete die Lampe an und verschwand wieder unbemerkt, wie sie gekommen. Der Rabbi regte sich keinen Augenblick. Das flackernde Licht tauchte all' die heiligen und geheimnissvollen Dinge, die ihn umgaben, die Gesetzrollen, die Lederbände des Talmud, den Sochar, das Buch des Glanzes und den Ilan, den Baum des Lebens, an der Wand in eine Art Verklärung, aber der Greis sah sie heute nicht. Sein hagerer Körper, in sich zusammengesunken, schien leblos, sein mit Runzeln bedecktes Antlitz erstarrt, nur die grossen Augen verriethen, dass sein Geist noch nicht entflohen war.

Er fragte sich in diesem Augenblick, warum er noch lebe? Er hatte ein gottesfürchtiges tadelloses Leben hinter sich, und er hatte alle Geheimnisse der Kabbalah erschlossen, ihn erwartete die Seligkeit der Frommen und der grosse Lohn, welcher jedem zugesagt ist, der sich mit der Wissenschaft beschäftigt, die Gott selbst dem Adam überliefert haben soll. Was half ihm aber seine Frömmigkeit? was half ihm sein Wissen. Er war allein, einsam in einer Welt, die er nicht verstand, und die ihn nicht verstand, verlassen, ohne Liebe, unter Menschen, die ihm nur mit heiliger Scheu und Ehrfurcht nahten.

Was nützten ihm am Rande des Grabes Gematria, Notarikon und Themurah, die Lehre, mit deren Hilfe man den geheimen Sinn entziffert, den Gott in die heilige Schrift gelegt? Was nützte es ihm, dass er in stillen Nächten den Urquell des Lichtes, des Geistes und des Lebens, den Verborgendsten der Verborgenheiten wie hinter einem Schleier sah? dass er im Menschen die Welt im Kleinen wie in einem Zauberspiegel betrachten konnte? dass er mit den zehn Sephirot und den vier Welten vertraut war, dass die Engel bei ihm aus- und eingingen? Wozu diente ihm seine Macht über die Geister und Dämonen? Er konnte Samael und Aschmadin bannen, wenn er wollte und die schöne Lillith zwingen seinen Geboten zu gehorchen, aber er war machtlos gegen den Nebel, der sich um ihn zu Gestalten zusammenballte, gegen die Stimmen, die in der Stille des Abends heimlich zu flüstern begannen.

Ja, er war allein mit seinen todten Schätzen, und er hatte doch einst ein geliebtes Weib gehabt, schön und tugendsam, und einen Sohn – ja dieser Sohn – wo war er? lebte er noch? oder war er geschieden von der Erde wie seine Mutter?

Sie war ein stilles, reizendes Geschöpf, diese kleine Frau, die schlank und scheu wie ein Reh durch seine Zimmer schlüpfte, wenn er in seine Folianten versunken war. Selten nur stahl sich ihr Lächeln wie Mondlicht in seine Seele, meist beachtete er sie gar nicht. Vergebens schmückte sie ihre anmuthigen Glieder, vergebens liess sie ihre helle Stimme, ihr verschämtes Lachen in diesem finstern Raum ertönen, in dem sich ein kleiner Menschengeist vermass die Pforten des Paradieses und der Hölle aufzureissen.

Und sie hatte ihn dennoch geliebt, aber einsam, mit ihrem armen, darbenden Herzen war sie zu früh dahingewelkt, und eines Tages lag sie mit ihrem letzten Lächeln auf den kalten Lippen da.

Er hatte sie verloren für immer.

Und jetzt! jetzt hätte er den kleinen Sammtpantoffel an ihrem Fusse küssen mögen, wenn er nur wieder einmal ihren leisen Schritt hätte vernehmen können inmitten dieser mit Staub und Moder bedeckten Welt, die ihn umgab.

Aber sein Sohn! Er lebte vielleicht noch, nur weit von ihm, sehr weit in der Ferne.

Er war sein ganzer Stolz gewesen. Er sollte nicht allein der Erbe seines Namens, aller seiner Habe werden, ein ungleich kostbareres, heiliges Vermächtniss wollte er ihm hinterlassen, seine ganze Weisheit, das Gold der Wissenschaft, das er aufgespeichert, alle Geheimnisse, die ihm die Zauberkraft der Kabbalah aufgeschlossen hatte, und er hatte dies alles verschmäht um eines thörichten Mädchens, um einiger grünen Bäume und um eines Feldes voll reifender Aehren willen.

Zum Rabbiner war er bestimmt, der kleine Simon, aber er liebte die Stubenluft nicht. Wenn der erste Sonnenstrahl auf den Lederband fiel, vor dem er sass, war es wie ein goldener Faden von Feenhand gewoben, der ihn hinauszog und hatte er erst diese schwarze Erde betreten, die der russische Bauer so zärtlich liebt, da fühlte er gleich diesem den Athem der treuen unwandelbaren Freundin, der einzigen, die uns jede Sorgfalt, jeden Dienst tausendfach zurückgiebt, da hörte er in den säuselnden Halmen, in den rauschenden Blättern die geheimnissvolle Stimme der ewigen Mutter.

»O! ich kenne ein schöneres Buch«, sprach er dann zu seinem Vater, auf den Talmud deutend, »das hat Gott selbst geschrieben, darin ist der grüne Wald zu sehen und Sonne, Mond und Sterne.«

Wenn die Bauern ackerten, folgte er von Ferne gleich den Krähen ihrem Pfluge, und wenn die Sicheln zur Erntezeit erklangen, verbarg er sich hinter den Garben und weinte.

Rabbi Abdon hatte ihn schon als Kind verlobt mit der Tochter eines reichen Mannes, von gleich edlem Stamme, des Kaufherrn Jonathan Ben Levy in Amsterdam, dessen Schiffe bis nach Indien segelten.

Als Simon aber herangewachsen war, nahm eine Andere sein Herz gefangen.

Es war ein armes Mädchen, Darka Bariloff. Ihre Eltern besassen eine elende Schenke in der Vorstadt draussen und einen kleinen Acker.


Auf diesem Acker hatte Simon das schöne kräftige Mädchen mit dem Leib einer Judith und dem holden, von rothblonden Flechten gekrönten Haupt einer Ruth, das erste Mal getroffen. Er war mit seinem Sohne Luchot-Haberith hinausgegangen in die Felder, um sich in den Geist der Kabbalah zu versenken und sah plötzlich das jüdische Mädchen, das hinter dem Pfluge ging, vor den ein mageres kleines Pferd gespannt war. Da warf er den kostbaren Band weit von sich, ergriff den Pflug und setzte die Furche fort, welche Darka begonnen hatte, und als die Arbeit gethan war, sassen sie auf dem Feldrain und sprachen zusammen ernst und verständig, während sie aus Feldblumen einen Kranz wand, und zwischen ihnen blühte unsichtbar eine Wunderblume auf, die Blume der Liebe.

Der alte Rabbi erinnerte sich auch des Tages, wo es zu der verhängnissvollen Auseinandersetzung mit seinem Sohne kam. Er sah ihn in diesem Augenblicke vor sich mit seinen leicht gerötheten Wangen und seinen leuchtenden Augen. Jedes der harten Worte, die er damals im Zorn herausgestossen, war noch in seinem Gedächtniss geblieben, und er hörte in dieser einsamen Stunde der Verlassenheit noch einmal die Antwort seines Simon, der ruhig und ehrerbietig, aber muthig und begeistert wie ein Prophet sprach:

»Der Jude«, rief er zuletzt, »hat sich die unglückliche Lage, in der er sich heute noch in den östlichen Ländern befindet, nicht selbst geschaffen; er wurde durch seine Verfolger in die engen, finsteren Strassen des Ghetto gesperrt und von jeder Arbeit, jedem anderen Berufe ausgeschlossen, gezwungen sich ausschliesslich dem Handel zu widmen. Es ist aber unsere Schuld, wenn wir heute diese zweite babylonische Gefangenschaft verlängern, die Ketten sind gesprengt, die Schranken gefallen. Wer es mit seinem Volk, seinem Glauben ehrlich meint, der verlasse diese finstren Winkel, in denen nur ein kleinlicher, engherziger Geschäftsgeist zu blühen vermag, oder eine düstre, grillenhafte, unfruchtbare Wissenschaft. Heute liegt das Feld der geistigen Arbeit offen vor uns, offen jede Art menschlicher Thätigkeit. In Odessa haben erleuchtete Männer unseres Stammes sich an die Spitze einer Bewegung gestellt, welche den Juden vor allem zu der Landwirthschaft, zum Ackerbau zurückführen soll, welche das Volk Israel im gelobten Lande glücklich und mächtig gemacht hat.

Ich will nicht mein Leben bei den Büchern versitzen, ich will nicht handeln und feilschen in einem dunklen Gewölbe, ich brauche Luft und Licht, und ich will selbst meinen Acker bestellen wie Boas.«

Der Vater blieb seinen Bitten verschlossen wie seinen Gründen, und als der Sohn bei seinem Entschluss beharrte, hatte er schon den Fluch auf den Lippen, aber er sprach ihn gottlob nicht aus.

Dieselbe Nacht hatte sein Sohn die Stadt verlassen, und Darka war mit ihm entflohen.

Seither, seit mehr als zehn Jahren, hatte man nichts von ihm gehört.

Die Lampen brannten trüber, der Nebel um ihn wurde dichter, seine Augen schienen zu erlöschen. Der alte Rabbi barg sein Gesicht in den Händen und heisse Thränen flossen seine Wangen herab.

Da ging leise, ganz leise die Thüre, ein Schritt liess sich vernehmen, so sanft und zaghaft wie vormals jener seines Weibes, und dann zupfte es am Aermel, erst furchtsam und dann immer dringender.

Rabbi Abdon liess die Hände sinken und hob den Kopf. Träumte er noch weiter oder war es eine selige Vision? Vor ihm stand ein Knabe, gross und schön – Simon – sein Sohn – wie er in jenen Tagen gewesen war, als der Greis sich abgemüht hatte ihn beim Talmud und der Kabbalah festzuhalten. Langsam, immer von der Furcht geleitet, das schöne Bild könnte zerfliessen wie der Nebel, wie die Phantome, die seine Erinnerung ihm vorzauberte, hob Rabbi Abdon die zitternde Hand und berührte den Knaben.


Nein es war kein Schemen, er lebte. Der Greis, welcher die Arme nach ihm ausbreitete, um ihn zu segnen, um ihn an sein Herz zu ziehen, sprach feierlich den Namen des Ewigen aus, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs und begann dann laut zu schluchzen.

Durch die offene Thür stürzte jetzt Simon herein und zu den Füssen seines Vaters, der den verlorenen Sohn stumm an seine Brust drückte. Darka folgte, ein kleines Mädchen an der Hand und ein zweites auf dem Arme.

Als Simon aufstand, staunte ihn der Rabbi an, er stand so gross, so kräftig vor ihm in seinen hohen Stiefeln, seinem rothen Hemde und seinem langen Tuchrock, und wie schön kleidete das junge jüdische Weib der gestickte Lammpelz und der Kokoschnik der russischen Bäuerin.

»Deine Kinder!« sprach Rabbi Abdon. Es waren die ersten Worte, die über seine Lippen kamen.

»Ja, Vater, dies ist Simon, der älteste, er hilft mir schon säen und führt die Pferde, wenn ich pflüge, und er liest auch schon die Thora und den Talmud.«

»Ihr habt Land gekauft? womit?« fragte der Rabbi.

»Aus dem Erlös unserer Arbeit«, erwiderte Simon, »wir haben gepflügt, gesäet, geerntet und gespart, und heute sind wir reiche Bauern.«

»Und es wird Dir nicht schwer, Dein Feld zu bestellen?« forschte der Greis, »kann Dein Körper es aushalten?«

»Vater, ich war auch Soldat«, rief Simon stolz, »ich habe mich gegen die Türken in Asien geschlagen und war dabei, als Grenadier, an dem Tag der Ehren, wo wir Russen die Festung Kars mit Sturm nahmen.«

»Wir sind gekommen, um Dich zu holen, Vater«, sprach jetzt Darka mit einem herzlichen Lächeln.

»Ja, Grossvater«, rief der Enkel, der zwischen seinen Knieen stand, »ich habe schon eine Laube für Dich gebaut vor dem Hause, dort werden wir zusammen die Haggadoths lesen, willst Du?«

»Ob ich will?« rief der Greis, »gewiss will ich, Simonchen.«

Heute wohnt Rabbi Abdon bei seinen Kindern und mitten unter seinen Enkeln. Die Gesetzrollen, der Talmud, der Sohar und der Ilan haben die Reise mitgemacht, er sitzt aber lieber in der Laube vor dem Hause, die der kleine Simon ihm erbaut hat und noch lieber in dem Haus aus Garben, das der Knabe ihm aufrichtet jedesmal, wenn die Ernte begonnen hat. Dann leuchtet der blaue Himmel über ihm, um ihn wehen die Halme und Gräser, klingen die Sicheln, die Lieder der Schnitter, und er sitzt mitten in dem Segen mit seinem Talmud, ein Patriarch.



Das Mahl der Frommen.

Inhaltsverzeichnis

– NORDDEUTSCHLAND. –

Der Possenreisser.

Adolf Tigersohn war der offizielle Possenreisser der jüdischen Gemeinde zu Lindenberg. Er war berühmt in Israel, so weit man eben in einer kleinen Stadt, in einem verlorenen Winkel, zwischen Haide und Moor berühmt sein kann.

Tigersohn war zur lustigen Person der göttlichen Komödie geboren. Alles an ihm war komisch, seine hagere Gestalt mit den langen krummen Beinen, sein galliges, bewegliches Gesicht mit der grossen Hakennase, seine grossen blauen Rabenaugen, sein Gang, seine Bewegungen, seine Redeweise und doch war er im Grunde ernster als Alle, die ein grämliches Gesicht machten. Vielleicht war er nur verkappter Philosoph, dem die Welt aus der Höhe, aus der er sie betrachtete, klein und lächerlich erschien, aber sicher hatte er etwas von einem Narren Shakespeares und von dem Knappen des Ritters von la Mancha an sich.

Seine Talente waren unerschöpflich. Er war zugleich Taschenspieler, Sänger, Schauspieler, Akrobat, Musiker, Zeichner und Poet. Wenn er die Anwesenden nachzuahmen, wenn er Karrikaturen zu zeichnen, Gedichte, Lieder zu improvisiren begann, so nahm die Heiterkeit kein Ende. Alle Welt liebte ihn, die Jugend vergötterte ihn. Wer Tigersohn in seinem Glanz sehen wollte, musste einer Hochzeit in Lindenberg beiwohnen, da gab er sein bestes nach dem Spruche des Talmud: »Wer Braut und Bräutigam erfreut, der hat soviel gethan, als habe er eine der Ruinen Jerusalems auferbaut.«

Auch seine Heirath war in der lustigsten Weise vor sich gegangen.

In Lindenberg lebte ein hübsches und kluges jüdisches Mädchen Fischele Löwenhaupt, ein Muster von einem Mädchen, aber sehr mager. Diese gute Seele hatte den unglücklichen Einfall, eines Tages zu behaupten, dass ein so lächerlicher Mensch, wie Adolf Tigersohn, niemals eine Frau bekommen könne.

»Wer hat das gesagt?« fragte der Possenreisser, als ihm dieses Urtheil hinterbracht wurde.

»Fischele Löwenhaupt.«

»So – gerade sie wird mich nehmen.«

Nicht lange darnach war Purim, der jüdische Karneval. Fischele war zu ihrem Oheim, dem reichen Kaufmann Marderkopf, geladen, und als die jungen Leute heiter zu werden begannen, erschien auch der Possenreisser, denn was wäre Purim ohne Adolf Tigersohn gewesen.

Der heitere Weise war diesmal als Türke gekleidet, hatte eine riesige Maskennase, eine grosse Brille und eine fuchsrote Perücke.

Ein von Frau Marderkopf wunderbar nach Art des Leviathan zubereiteter Hecht gab dem Possenreisser Anlass, mit den Leberreimen zu beginnen, in denen er besonders gross war. Nachdem er alle Anwesenden mehr oder minder durchgehechelt hatte, wendete er sich an Fischele und sprach unter köstlichen Grimassen:

Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Bär,

Wenn manches Mädchen schweigen könnt', es vielmals besser wär.

Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Rochen,

Man findet schwerlich einen Mann mit nichts als Haut und Knochen.

Während die Anderen in ein schallendes Gelächter ausbrachen, floh die arme Fischele hinaus auf den Flur und als Tigersohn sich nun gleichfalls aus dem Staube machte, sah er sie draussen in einem dunklen Winkel stehen und weinen.

Der Possenreisser liess erst ein paar Wochen in das Land gehen, dann kam er eines Tages in das Haus des Tapezierers Löwenhaupt, und da er ein helles Kleid hinter den Stachelbeerhecken erblickte, schlich er vorsichtig in den Garten und sah richtig Fischele in der Laube mit einem Buch und einem Strickstrumpf.

Sie sah ihn gar böse an, wie eine Katze, die sich zum Sprunge bereit macht, aber er kehrte sich nicht daran.

»Na, das ist schon ein guter Anfang,« sprach er, »Sie lachen wenigstens nicht mehr über mich.«

»Gehen Sie, Sie sind ein schlechter Mensch,« rief Fischele, »wenn ich keinen Mann bekomme, so sind Sie daran schuld, Sie allein.«

»Einen Mann bekommen Sie schon,« erwiederte der Possenreisser, »aber hier in der Gegend nimmt Sie keiner – ausser mir. Das ist richtig.«

»Sie geben es zu.«

»Gewiss, aber ich nehme Sie.«

Fischele sah ihn starr an, dann begann sie laut zu lachen.

»Sie wollen mich zur Frau nehmen? Das ist doch gar zu komisch.«

Tigersohn setzte sich gelassen auf die Bank zu Fischele und suchte ihre Hand zu erhaschen, aber sie versteckte sie und rückte von ihm fort.

»Hören Sie,« flüsterte er, »jetzt haben wir uns nichts mehr vorzuwerfen. Ich bin lächerlich, Sie sind lächerlich, das stimmt. Tigersohn und Löwenhaupt stimmt auch. Man kann einen Pfau und eine Gans nicht zusammen einspannen, aber zwei reissende Thiere, wie wir, geben ein herrliches Gespann.«

Fischele wendete sich ab und lachte in ihr Taschentuch hinein.

»Sind Sie noch böse?«

Sie antwortete nicht, aber er erhaschte ihre Hand und küsste sie.

»Ich werde aber immer über Sie lachen müssen, Adolf, wenn ich Ihre Frau bin.«

»Es ist doch besser, als wenn Sie über mich weinen müssten.«

»Und …«

»Was, meine einzige Fischele?«

»Sie lieben doch die mageren Frauen nicht?«

»Ich kenne einen kleinen Doktor, der wird Sie von Ihrer Magerkeit kurieren.«

»Also, Sie wollen mich durchaus?«

»Durchaus.«

»Gut. Ich nehme Sie.«

Der Possenreisser klatschte jubelnd in die Hände, dann packte er das hübsche Mädchen beim Kopf und küsste sie.

Im Herbste feierten sie ihre Hochzeit. Alle Welt wünschte ihnen Glück und Segen, aber heimlich sagte ein Jeder:

Was soll das werden? Ein Narr und eine Närrin, denn wäre sie keine Närrin, hätte sie ihn nicht genommen.

Und was wurde es? Die beste Ehe, welche Lindenberg seit Menschengedenken gesehen hatte.

Vor allem geschah ein Wunder, Fischele war mit einem Male nicht mehr mager. Sie fragte wiederholt nach dem kleinen Doktor, der lange auf sich warten liess, aber plötzlich war er da, es war der kleine Possenreisser, der schreiend in der Wiege lag und komische Gesichter schnitt, wie sein Vater, und zugleich war Fischele zu einem üppig schönen Weibe erblüht, um das mehr als einer den lächerlichen Tigersohn beneidete.

Sie lebten wie zwei Täubchen. Wenn es überall Zank gab, im Hause des Possenreissers gab es keinen, ja nicht einmal eine Gardinenpredigt, die doch in einem deutschen Hausstand unerlässlich scheint.

»Wie macht es doch dieser Narr,« sagte eines Tages der reiche Moritz Weintraub, »dass ihm seine Frau niemals den Kopf wäscht. Er sitzt doch oft länger im Gasthaus als wir und niemals hat er Verdruss mit ihr.«

Das war so einfach. Als die Honigwochen zu Ende waren, kam der Possenreisser einmal spät in der Nacht aus dem Wirthshaus zurück. Die junge Frau war schon zu Bett. Tigersohn kam in aller Hast herein und rief: »Schnell, Fischele, steh' auf, aber recht schnell.«

»Brennt es denn?« fragte sie erschrocken, während ihr Mann ihr die Hausschuhe anzog.

»Nein, nein, zieh' Dich nur an.«

Sie schlüpfte rasch in den blauen Morgenrock, welchen der Possenreisser bereit hielt.

»So,« sagte er, »noch die kleine Haube, die Dir so gut steht.«

Sie lächelte und setzte auch die Haube mit den rothen Bändern auf.

»Nein, bist Du hübsch!« rief der Possenreisser, »wer hat solch' eine Frau in Lindenberg? Niemand als Adolf Tigersohn. So, jetzt kann es losgehen.«

Er kniete vor ihr nieder, faltete die Hände und bat: »Gieb mir eine Maulschelle, Fischele.«

»Warum?«

»Weil ich eine Dummheit begangen habe.«

»Was für eine Dummheit?«

»Bin ich doch geblieben so lang in der Kneipe und hab' so ein Frauchen zu Hause. Ist das nicht eine grosse Dummheit?«


Fischele begann zu lachen; sie war nicht mehr böse.

»Also – ich bitte Dich …«

Sie gab ihm, noch immer lachend, eine Ohrfeige.

»Noch eine, Fischele.«

Sie gab ihm noch eine.

»Aber weisst Du, dass das eigentlich gar keine Strafe ist?« rief Tigersohn, »das thut so gut, Dein kleines Patschhändchen. Ich habe Dich nur deshalb so hübsch angezogen, weil ich mir die Strafe versüssen wollte, aber ich sehe, dass es überflüssig war, eine Frau, wie Du, kann thun was sie will, sie wird dem Manne immer ein Vergnügen bereiten.«

Er begann ihre kleinen Hände zu küssen und sie – vergass die Vorwürfe, die sie ihm machen wollte.

Und so geschah es jedesmal. Wenn der Possenreisser irgend etwas auf dem Gewissen hatte, sagte er zu Fischele: »Ich bitte Dich, gieb mir eine Maulschelle.« Und sie gab ihm lachend einen Streich auf die Backe und ärgerte sich keinen Augenblick, wenn er auch wirklich einen Fehler gemacht hatte.

Ja, es war eine gute Ehe und eine lustige Wirthschaft. Der Possenreisser spielte seine Schwänke vor keinem Publikum mit soviel komischem Eifer als vor seiner Frau. Sie bekam alle seine Einfälle und Schnurren aus erster Hand.

Eines Abends hatte sie nichts als Bohnen gekocht, die er nicht so sonderlich liebte. Dagegen trank er gern ein Gläschen Branntwein. Tigersohn setzte sich also an die dampfende Schüssel und bat Fischele, die Branntweinflasche auf den Tisch zu stellen. Dann begann er: »Adolfchen, wenn Du die Bohnen aufisst, bekommst Du ein grosses Glas Branntwein.«


Nachdem er einige Zeit tapfer zugegriffen hatte, sagte er wieder: »Adolfchen, wenn Du die Bohnen aufisst, bekommst Du ein kleines Glas Branntwein.«

Nun ging es wieder vorwärts. Endlich als der Teller vor ihm fast geleert war: »Adolf, wenn Du die Bohnen aufisst, bekommst Du einen Tropfen Branntwein.«

Eine letzte Anstrengung, und der Possenreisser hatte die Bohnen gezwungen.

»So,« sprach er, sich den Bauch streichelnd, »jetzt bekommst Du erst recht keinen Branntwein, Spatzenkopf, warum warst Du so dumm und hast die Bohnen gegessen.«

Einmal, am Freitag, hatte Fischele eine Kugel gemacht und zum Bäcker getragen. Die Kugel war klein und bescheiden, und als sie zurückkam, war sie gross und duftete gar köstlich.

»Unsere Kugel ist vertauscht worden,« sagte Tigersohn, als sie sich zu Tisch setzten.

»Was macht mir das?« erwiderte Fischele, »ich habe die Köchin des reichen Moritz Weintraub im Hausthor getroffen, es wird ihn nicht umbringen, wenn er einmal unsere kleine Kugel isst.«

»Du hast recht,« sagte der Possenreisser, aber mit einem Seufzer. Da klopfte es, und ein Schnorrer trat herein und bat um Speise und Trank. Vergnügt lud ihn Tigersohn ein, sich mit ihm an den Tisch zu setzen und ging in seiner Gastfreundschaft sogar so weit, dem Bettler zuerst die Kugel anzubieten. Als das Mahl zu Ende war und der Schnorrer sich entfernt hatte, sprach Fischele: »Und Du verlangst keine Maulschelle?«

»Wofür?«

»Weil Du dem Schnorrer zuerst die Kugel angeboten.«

»Oh!« rief der Possenreisser, »das habe ich wohl überlegt. Wie der reiche Weintraub unsere kleine Kugel aufgetischt bekommen hat, da hat er gewiss ausgerufen: Ersticken soll der, der zuerst von meiner Kugel isst. Darum habe ich sie zuerst dem Schnorrer angeboten und nicht Dir.«

Fischele lachte und war zufrieden.

Da ihr Mann jedesmal viel Zeit gebrauchte, um sich an- und auszuziehen, stellte ihm Fischele vor, er möchte doch seine Kleider jedesmal ordentlich der Reihe nach hinlegen.

»Du hast recht,« sagte der Possenreisser, und als er Abends nach Hause kam, nahm er Tinte, Feder und Papier und schrieb, so wie er die Gegenstände der Reihe nach ablegte:

1 Den Hut auf den Tisch;

2 Den Oberrock im Schrank;

3 Den Rock gleichfalls;

4 Die Weste auf dem Stuhl;

5 Das Beinkleid auf dem Nagel an der Thür;

6 Die Stiefel neben dem Bett;

7 Die Socken unter dem Kopfkissen;

8 Das Hemd auf der Bettlehne;

9 Die Halsbinde auf dem Bilde neben dem Bett;

10 Tigersohn liegt im Bett.

Als Fischele am Morgen ihren Mann weckte, rief er: »Nun sollst Du sehen, wie alles am Schnürchen geht.« Hierauf begann er sich anzuziehen und zwar fing er mit Nummer 1 an. Er setzte den Hut auf, zog den Oberrock an, darüber den Rock, die Weste, das Hemd und endlich schrie er: »Aber wo ist Adolf Tigersohn? – hier steht: er liegt im Bett, Du siehst, dass das Bett leer ist. Wo ist Adolf Tigersohn?« und er suchte sich selbst in der ganzen Stube, während Fischele lachte, dass ihr die Thränen herabliefen.

Eines Tages kündigte der Possenreisser an: Morgen ist bei mir ein Pferd zu sehen, das soviel Augen hat, als man Tage im Jahre zählt.

Ganz Lindenberg strömte am folgenden Tag zusammen, um das Wunderthier zu sehen, und jeder bezahlte gern zehn Pfennig Eintritt.

Endlich führte der Possenreisser feierlich sein Pferd vor.

»Aber das Thier hat doch nur zwei Augen,« schrie Weintraub, »wie jedes andere Pferd.«

»Ich habe gesagt, soviel Augen, als man Tage im Jahr zählt,« erwiderte der Possenreisser würdevoll, »und heute ist der zweite Januar.«


An einem kalten Herbstmorgen ging Tigersohn nach der Stadt. Fischele, um seine Gesundheit besorgt, zwang ihn, seinen schweren Pelz anzuziehen. Doch bald kam die Sonne heraus, es wurde heiss, und der Possenreisser schleppte seinen Pelz keuchend, wie eine Last. Da holte er bei einem Wirthshause den Krämer Nathan Formstecher ein, der gleichfalls nach der Stadt ging.

Nachdem sie eine kurze Strecke gegangen, begann Tigersohn: »Nathan, können Sie mir fünf Thaler borgen?«

»Ich borge nur auf Pfand,« sagte Nathan.

Der Possenreisser, der diese Antwort erwartet hatte, erwiderte: »Natürlich, hier ist mein Pelz, ich verpfände ihn so lange, bis ich die fünf Thaler abbezahlt habe.«

»Abgemacht,« sagte Nathan, zog die fünf Thaler aus der Tasche, gab sie Tigersohn und zog dessen Pelz an.

Nun keuchte Nathan unter der Last, und der Possenreisser schritt leicht und fröhlich neben ihm her, bis zu dem Stadtthor. Hier sagte er: »Hören Sie, Nathan, ich habe mir die Sache überlegt, es könnte kalt werden bis zum Abend. Ich brauche meinen Pelz, geben Sie mir ihn wieder, hier sind die fünf Thaler.«

Pulsuz fraqment bitdi.

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
18+
Litresdə buraxılış tarixi:
10 oktyabr 2024
Həcm:
276 səh. 94 illustrasiyalar
ISBN:
4064066112219
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar