Kitabı oxu: «Hooligans»

Şrift:

Robert Claus

HOOLIGANS

Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik

VERLAG DIE WERKSTATT

Der Autor

Robert Claus, Jahrgang 1983, forscht und hält Vorträge zu den Themen Fankulturen, Hooligans, Rechtsextremismus, Männlichkeiten, Soziale Bewegungen und Gewalt. Zudem ist er (Mit-)Autor der Bücher „‚Was ein rechter Mann ist‘ – Männlichkeiten im Rechtsextremismus“ (2010), „Zurück am Tatort Stadion“ (2015) und „Geschlechterverhältnisse in Fußballfanszenen“ (2016). Seit 2015 arbeitet er bei der „Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“ (KoFaS gGmbH).

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-7307-0362-5

Copyright © 2017 Verlag Die Werkstatt GmbH

Lotzestraße 22a, D-37083 Göttingen

www.werkstatt-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, Göttingen

Inhalt

Vorwort von Gerd Dembowski

Vorwort von Julia Düvelsdorf

Hooligans – eine ausdifferenzierte Szene

Einleitung

40 Jahre Hooliganismus

Kurze Geschichte der Fußballgewalt in Deutschland

„Es gab viele gewaltbereite Fußballfans, aber keine organisierte Szene“

Interview mit Frank Willmann über Hooligans und Fußballgewalt in der DDR

Hooligans altern

Eine Bewegung zwischen Geschäften, Einigkeit und Spaltung

Training, Gruppenkampf und Straßengewalt

Hooligans erfinden „den Acker“

„Die Verstrickungen der polnischen Hooligans zur Mafia sind groß“

Interview mit Thomas Dudek über Hooligans in Polen, Russland und der Ukraine

Gewaltbereit und gut organisiert

Hooligans und rechte Ultras

Hooligans professionalisieren ihre Gewalt

Über Kampfsport und Mixed Martial Arts

„Mixed Martial Arts ist Sport und Event: Jede Veranstaltung braucht ihre Dramaturgie!“

Interview mit Frank Burczynski über die Entwicklung von MMA in Deutschland

Wessen Kurve? (mit Pavel Brunßen)

Hooligans und Ultras in den Fanszenen

Arbeitsfeld und Taktgeber: die Fans

Arbeit gegen Rechtsextremismus und Diskriminierung im Fußball

„Gewalt ist ein gesellschaftlich-institutionelles System“

Interview mit Narciss Göbbel

Fazit

Danksagung

Quellenverzeichnis

Vorwort

Von Gerd Dembowski

Manager für Vielfalt und Antidiskriminierung der FIFA

Der Ursprung des Fußballs europäischer Prägung ist die Gewalt. Er entsprang ihr nicht plötzlich, sondern schrittweise. Mittelalterlicher Massenfußball entstand als Reaktion auf zunehmende Selbstbeherrschung, auf sich entwickelnde Rollen und Charakterpanzer im sogenannten Zivilisationsprozess seit dem zehnten Jahrhundert. Der postmoderne Fußball wiederum, wie wir ihn heute kennen, ist domestizierte und institutionalisierte Gewalt, kontrollierte Emotion, ritualisierte Aggression – die „Überführung der Gewalt in eine Kunstform“, wie es Horst Bredekamp für den Florentiner Fußball bis 1739 treffend formuliert. Christoph Bausenwein beschreibt die Genese des Fußballspiels, den darauf begründeten Fußballsport mit seinem Appendix, den Zuschauerkulturen seit den historischen Vorformen des Fußballs, dem mittelalterlichen „Folk Football“ der britischen Inseln sowie dem auf öffentlichen Plätzen volksfestartig zelebrierten Florentiner Calcio, als ritualisiertes „Mittel der Konfliktbewältigung sesshaft gewordener Gemeinschaften“.

Im Vergleich zum mittelalterlichen Massenfußball ist die Gewalt im heutigen Fußball und in seinen Fankulturen jedoch ein Pappenstiel. Denn er war regellos, ohne Teilnehmerbegrenzung. Mit der Nacht als Halbzeit, versuchten die männlichen Bewohner des einen Stadtteils den unkaputtbaren Ball zum mitunter kilometerweit entfernten Tor des anderen Stadtteils zu bugsieren. Verbote und die parallele Entwicklung von verregelten Spielen zunächst in den besseren Gesellschaften bis hin zum heutigen Fußballsport haben die Teilnehmerzahl schrittweise verringert, die Möglichkeiten zum Ausdruck von Gewalt dezimiert. Der Zivilisationsprozess übertrug sich auf die Ballspiele, die eigentlich zu seiner Verarbeitung aufgekommen waren. Rannten, traten und schlugen die Massen früher selbst mit, wurden sie im Zuge der Entwicklung des Fußballs an den Spielfeldrand verdrängt. Doppelt entkoppelt, bildeten Menschen Zuschauerkulturen, die die versportete Gewalt auf dem Spielfeld und das Prinzip von „Wir“ gegen „die Anderen“ auf den Rängen symbolisch nachvollziehen, bis hin zu den nur noch seltenen Massengewaltphänomenen einerseits und den konstant kleinen gewaltförmigen Hooligangruppen und Teilen der Ultragruppen andererseits. Aus dem Spiel gedrängt, fand die Gewalt ihren Weg auf die Zuschauerränge oder die Zuschauertreffpunkte oder auf die Anreise zu den Spielen.

Im Laufe der Spezialisierung von Sicherheitsmaßnahmen wurde und wird Gewalt auch dort verstärkt eingedämmt. Zumindest so lange, bis Zuschauerkulturen kreativ darauf reagieren und immer wieder neu spezialisierte Nischen für gewaltförmiges Handeln entstehen. In diesen Nischen formiert sich Gewalt z. B. mittels durchdachterer Organisationsformen von kleinen oder Teilen von Zuschauergruppen, gewaltförmiger Rufe und Banneraufschriften, Social-Media-Einträgen und Videoclips, des Vertriebs von hooliganaffiner Kleidung, Fitnesstraining und zum Teil Mixed Martial Arts als Grundlage von kommerziell organisierten Hooligankämpfen.

Auch die schrittweise zugenommene Brutalisierung des Calcio Storico kann als eine spezialisierte Nische, ja sogar als offizialisierte Form der Gewaltausübung bezeichnet werden. Vier männliche Stadtteilteams mit je 27 Spielern zelebrieren diese Körperverletzung mit Ball alljährlich im Juni auf den Stadtplätzen von Florenz. Und das ungleich brutaler, als es ihre Wurzeln im 15. Jahrhundert zulassen. In einer regellosen Mischung aus Gladiatorenkampf, Massenfußball und auch Hooliganismus finden diverse historische Gewaltrepräsentationen im Calcio Storico perpetuiert wieder zueinander. Würde man die Interviews seiner Protagonisten in der 2010 erschienenen Dokumentation „Florence Fight Club“ aus dem Zusammenhang reißen, könnten sie auch ins Hooliganmilieu passen. Genauso wie die Spieler des Calcio Storico konstituieren gewalttätige Fans, Ultras und insbesondere Hooligans das, was sie gern auch mal als „alte Werte“ bezeichnen.

Diese kennzeichnen sich durch hegemonial männliche Ausformungen von trennscharfen Identitäten, ihrer Performanz, ihrer unmissverständlichen Manifestation, ihrer konstant wiederkehrenden Repräsentanz. Bestandteile davon sind die Selbstbestimmung in einem imaginierten Freiraum und stets flexible Aushandlungsprozesse zwischen Individuen und Kollektiven. Auffallend ist das Bedürfnis nach Gruppenidentitäten mit einem deutlichen „Wir“ hier und „die Anderen“ dort, nach sozialmächtigen wie personenfixierten Hackordnungen, nach Pejorisierung und Diskriminierung als Abgrenzungstechniken. Es geht um ein Patchwork aus Autoritarismus, „Destruktivität und Zynismus“ und „Projektivität“ (Theodor W. Adorno), territorialem – häufig weißem – Überlegenheitsdenken und Sozialdarwinismus, soldatischem Kämpferideal, Sozialchauvinismus, Antiintellektualismus, Überdrehung kapitalistisch geprägter Ellenbogenmentalität und einer entsprechenden, auf Selbstbeweisung angelegten Körperfokussierung. Die sich so konstituierenden „alten Werte“ beinhalten und zelebrieren symbolisch wie physisch immer die Akzeptanz von Gewalt. Doch genug mit diesem Begriffsgeschwader.

Robert Claus macht das anders. Er arbeitet eher erzählerisch, passagenweise tief aus dem Feld heraus. So zeigt sein Buch detailliert, wie solch hegemonial männlich überdüngtes Lebensgetue immer wieder und in neuen Formen die Straße hinuntergerollt kommt, den Weg freimachend für regressive Lebensweisen und Politiken mit archaischen, vormodernen, antidemokratischen Zügen mitsamt ihren Widersprüchen, Lernfähigkeiten und Winkelnischen. Um dies herauszuarbeiten, geht Claus nah ran und rein. Aus den so gesammelten Einblicken und Aussagen entstehen Abbildungen. Erst darauf basierend können Claus und auch die Lesenden dieses Buchs kühl analysieren und distanziert verstehen. Wenn mehr gewollt ist, als die Welt verschieden zu interpretieren, dann ist ein ständiges Neuverstehen doch so sehr die Grundlage für eine stets emanzipatorische Positionierung und Veränderung. Dieses Buch ist ein Angebot zu einem solchen Verständnis, nicht aber zur Akzeptanz von Gewalt.

Zürich, 10. Juli 2017

Gerd Dembowski

Vorwort

Von Julia Düvelsdorf

Leiterin der Fan- und Mitgliederbetreuung des SV Werder Bremen Bundessprecherin der Fanbeauftragten

Eine Begebenheit im Stadion werde ich niemals vergessen. Mir wurde einmal gesagt: „Julia, es ist mir doch egal, wer beim Fußball neben mir steht. Ob es ein Nazi ist oder nicht. Es geht doch um Werder. Die sollen mich doch wenigstens beim Fußball mit ihrer Politik in Ruhe lassen.“ Dieses entsetzte Gefühl nach diesen Sätzen begleitet meine Arbeit. Mein lautes „Nein, es ist eben nicht egal, wenn ein Nazi neben mir steht“, hat sich fest eingeprägt.

Nein, ich will keine menschenverachtende Denkweise, keine Diskriminierung in meiner Umgebung. Nein, auch nicht im Fußball. Diese Grundhaltung einfach als „linke Politik“, „anstrengend“, „zu kompliziert“ oder mit „Wir sind doch beim Fußball“ abzutun, öffnet das Tor für menschenfeindliche Gedanken in den Stadien. Als wäre der Fußball, als wäre ein Stadion ein rechtsfreier Raum. Ein Raum, in dem man Pause von der Gesellschaft draußen machen kann. In dem andere Regeln herrschen. In dem man endlich so sein kann, wie man will. Nein. Fußball ist Gesellschaft und Gesellschaft ist Fußball. Jeder Mensch, auch der Mensch, der sich im Kontext Fußball bewegt, ist ein Teil der Gesellschaft. Es gibt keinen Weg aus der Verantwortung, die jeder von uns für gutes Miteinander trägt. Das ist die Aufgabe, die man hat, wenn man in einer Demokratie lebt. Eine Aufgabe, aber auch eine ganz eigene Möglichkeit der Mitbestimmung. Jeder hat seinen Anteil an einem toleranten und offenen Zusammenleben in einer demokratischen und freien Gesellschaft. Es ist wichtig, diese Botschaft und Werte in den Fußball zu tragen. Sie als Selbstverständlichkeit in den Vereinen und in den Kurven zu verankern.

Da fragt man sich: Ist das noch nicht passiert? Würde nicht jeder Bundesligaverein unterschreiben, dass er sich für Demokratie und gegen jegliche Form von Diskriminierung engagiert? Als kleinste Form der demokratischen Struktur steht jeder e.V. – und damit die Ursprünge der Bundesligavereine – für diese Werte. Wie kommt es dann, dass sich viele antidemokratische Strömungen und Alltagsdiskriminierungen in den Stadien verbreitet haben? Wie konnte es passieren, dass dies unter den Augen der Vereine geschehen ist? Wurde nicht hingeschaut oder nicht weit genug gesehen? Vielleicht das Problem unterschätzt? Wurde Beteiligten nicht zugehört? Wurden die Vereine vielleicht aber auch damit alleine gelassen? Und sind aber diese Werte – auch wenn deren Benennung in manchen Kreisen als anstrengend empfunden wird – nicht auch ein Grundbedürfnis vieler Fans, die Woche für Woche in die Stadien strömen? Das Gefühl von Zugehörigkeit, Akzeptanz, Gemeinschaft und der gegenseitigen Rücksichtnahme, das Anerkennen eigener Stärken und das Streben nach eigenen Zielen, wie dem sozialen Engagement vieler Fans? Es ist offensichtlich, dass es in weiten Teilen der deutschen Fankultur eben auch ein politisches Bewusstsein gibt, was sich vor allem im lokalen gesellschaftlichen Engagement widerspiegelt.

Fragen über Fragen. Sich diesen als Verein zu stellen, erfordert eine kritische Selbstreflexion. Vor allem ein Bewusstsein dafür, dass man Verantwortung für die Wertebildung in seinem Stadion und rund um seinen Verein trägt. Diese Verantwortung sollte man selbstbewusst annehmen und nicht als Last, sondern als Chance verstehen. Die Chance, ein fester Baustein einer offenen, toleranten und lebendigen Fankultur zu sein. Und sie mit jedem Menschen, der mit an Bord ist, ein Stück zu festigen. Um hier nachhaltige Erfolge zu erzielen, sind vereinsinterne Strukturen, die sich mit sozialen Projekten beschäftigen und soziales Engagement dauerhaft konzipieren, ideal. Keine plakativen Aktionen, sondern nachhaltige Arbeit mit und für sozial Benachteiligte, die Vermittlung eines positiven Menschenbildes und integrative Angebote. Dies sind die besten Wegbereiter für Toleranz, Verständnis, Offenheit und Menschlichkeit. So bildet sich eine belastbare Basis für die Wertebildung und künftige Zusammenarbeit mit den Menschen rund um den Verein. Künftig? Aber was ist mit der aktuellen Kurve? Es ist unabdingbar, die Fanstrukturen zu kennen. Sich mit den Fans in ihrer unterschiedlichen Ausprägung zu beschäftigen, ihnen zuzuhören. Die Strukturen in einer Kurve sind kompliziert und verworren. Die Fanszenen haben sich über Jahre entwickelt. Regionale Eigenheiten spielen dabei ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle. Wenn man sich als Verein im Profifußball-Business befindet, kann man überhaupt einen kompletten Überblick über die Entwicklungen der Kurve haben? Seit einigen Jahren beschäftigen die Vereine Fanbeauftragte, um genau diesen Einblick zu bekommen.

Fanbeauftragte sind Seismographen für Strömungen innerhalb der Fanszenen, haben im besten Fall ein Gespür für Entwicklungen innerhalb „ihrer“ Kurven und können einschätzen, welchen Stellenwert Menschlichkeit, Offenheit und Toleranz bei den Fans einnehmen. Und welchen Stellenwert haben Werte in den Vereinen, die sich in einem immer härteren weltweiten wirtschaftlichen Wettbewerb befinden? Ist die Zeit da, um sich tiefgreifend mit diesem Thema zu beschäftigen, oder bleibt es bei Lippenbekenntnissen? Es reicht hier nicht, an der Oberfläche zu kratzen. Nein. Diese Werte müssen gelebt werden, sonst verpuffen sie. Vor allem ist es wichtig, sie gemeinsam zu leben: Fans, Verein, Stadion und Stadt. Die Arbeit für diese Werte und vor allem den Erhalt dieser ist effektiver, wenn sie auf mehrere Schultern verteilt ist. Dies sollte allen Beteiligten bewusst sein. Hier die Verantwortung von sich zu schieben, ist grob fahrlässig und birgt die Gefahr, dass sich populistische Denkweisen durchsetzen können. Eine starke und aufeinander abgestimmte Allianz gegen Menschen- und Demokratiefeindlichkeit zu bilden, gibt den Beteiligten die Chance, mutig zu sein, sich sicher zu fühlen und nicht alleine im Gegenwind zu stehen. Denn den wird es geben. Das ist sicher. Gemeinsam kann man sich Windschutz geben. Neben den regional verankerten Bündnissen sollte es auch standortübergreifende Zusammenarbeit geben. Wenn sich Bundesligavereine und ihre Fans für antidiskriminierende Aktionen zusammenschließen, hat dies eine enorme Strahlkraft. Mit ihrem Verein im Rücken, haben die Fans eine bessere Möglichkeit, klar Position gegen Menschenfeindlichkeit zu beziehen. Und sie wissen, dass sie damit nicht alleine sind. Sie können sich gegenseitig in der Kurve unterstützen und der jüngeren Fangeneration diese Werte mit auf den Weg geben.

Es braucht eigentlich nicht viel, um dieses oben genannte „Nein“ zu sagen. Eben nur eine klare Position. Als Verein, als Kurve und am besten auch als gesamter Standort. Manchmal scheint dieser kleine Schritt enorm schwierig zu sein. Es braucht immer Menschen, die andere an die Hand nehmen und diesen Schritt gehen. Menschen, die sich in den Wind stellen, helfen, die aufklären, Veränderungsprozesse begleiten. Menschen, die über den Tellerrand schauen und sensibel für gesellschaftliche Entwicklungen sind. Sie begleiten den Fußball wissenschaftlich und stehen den Beteiligten zur Seite, auch wenn Hürden unüberwindbar erscheinen. Sie können die Akteure rund um den Fußball auf dem Laufenden halten und versetzen sie in die Lage, im besten Fall präventiv auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren zu können. Menschen, die die Courage haben, auch unangenehme Themen auf die Agenda zu setzen. Themen, die nicht in eine „heile“, glitzernde Fußballwelt passen, aber dazugehören. Es braucht Menschen mit Mut, sich mit ihnen zu beschäftigen und diese öffentlich zu machen. Menschen, die genau dieses „Nein“ hartnäckig und offen sagen.

Bremen, 10. Juli 2017

Julia Düvelsdorf

Einleitung

Hooligans – eine ausdifferenzierte Szene

Marseille, Juni 2016: Das Vorrundenspiel der Europameisterschaft zwischen England und Russland steht an. Doch schon am Vortag sind die Bilder nicht vom Fußball, sondern von brutalen Szenen am Hafen der am Mittelmeer gelegenen Stadt geprägt. Hunderte russische Hooligans attackieren englische Schlachtenbummler. Schrecken nicht davor zurück, am Boden liegende Gegner auf den Kopf zu treten. Bilder blutüberströmter Engländer geistern durch die Medien. Doch nicht nur das. Wenige Tage später taucht in den sozialen Medien ein weiteres Video auf. Es ist mit einer „GoPro“ aufgenommen, einer hochauflösenden Kamera, die ein russischer Hooligan während der Ausschreitungen auf dem Kopf trug und somit seine Sicht der Dinge mit der Welt teilt. Das Video zeigt, wie gut geordnet und in Kleingruppen organisiert die Russen vorgegangen sind. Das war keine alkoholisierte Fußballrandale vergangener Jahrzehnte, sondern das taktisch ausgeklügelte Manöver bestens trainierter Hooligangruppen. Es war eine Machtdemonstration gegen die einstmals gefürchteten englischen Hools und sollte die Wachablösung aufzeigen.

Zugleich war es das Aufeinandertreffen zweier Generationen an Hooligans, die sich voneinander unterscheiden. Zwar sind beide männlich und gewaltaffin, doch die Praxis ihrer Gewalt unterscheidet sich enorm. Gut zu unterscheiden an einem weiteren Post, der in den sozialen Medien die Runde durch die Foren der Hooliganwelt machte. Der Post ist zweigeteilt. Links darauf zu sehen: ein durchtrainierter junger Mann in Kampfsportmontur. Rechts: ein Mann mittleren Alters mit Sonnenbrille in Jeans. Die englische Fahne auf den Bauch gepinselt. Die Bildunterschrift links: Name: Andrei „Death“ Nikolayev, Age: 24, MMA-Record: 78-0-0, Favorite Food: Raw Bear Meet, Favorite Drink: Water, Speciality: Spinning Elbow. Die Bildunterschrift rechts: Name: Dave „Big Lad“ Johnson, Age: 49, MMARecord: Yes Sky Plussed it, Favorite Food: Pie and Chips, Favorite Drink: Stella, Speciality: Jägerbombs.

Natürlich kommt dieser Post von russischen Hooligans, die ihren Sieg in Marseille feiern wollen. Natürlich arbeitet er mit Ironie. Und natürlich gibt es auch in Russland Hooligans, die Bier trinken, in England welche, die Kampfsport trainieren. So homogen ist keine Szene. Und doch kommen in dem Post zwei höchst unterschiedliche Ideen von Hooliganismus zum Tragen: Viele der heutigen Hooligans trainieren Kampfsport unter (semi-)professionellen Umständen, nicht wenige nehmen aktiv an Kampfsportveranstaltungen teil. Sie ernähren sich gesund, manchmal vegetarisch und konsumieren weniger Bier oder Nikotin, sondern eher aufputschende Mittel. Auch verdingen sie sich teilweise in gesellschaftlich renommierten Berufen. Noch während der Europameisterschaft wurden in Köln russische Hooligans auf der Durchreise festgenommen, die spanische Touristen angegriffen hatten. Es waren zwei Köche, ein Manager, ein Wirtschaftsprüfer und ein Mathelehrer. Hooliganismus hat sich weiterentwickelt: weg von den alkoholisierten Randalen, hin zu durchtrainierten und organisierten Manövern. Die Ereignisse in Marseille gaben der breiten Öffentlichkeit einen kleinen Einblick.

Vier zentrale Entwicklungen

Doch haben uns nicht nur die russischen Hooligans bei der Europameisterschaft vor Augen geführt, dass es sich um eine lebendige Szene handelt. Bereits im Oktober 2014 sorgten die „Hooligans gegen Salafisten“ für Aufruhr, als sie mit knapp 5.000 Menschen durch die Kölner Innenstadt zogen. Sie gehören seither zu den Bildern rechter Demonstrationen gegen die staatliche Migrationspolitik. Hooligans stellten einen Teil des Ordnungsdienstes bei den Pegida-Aufmärschen in Dresden und randalierten mit 300 Menschen durch die Leipziger Innenstadt am Rande des ersten Geburtstags von Legida – dem Leipziger Ableger.

Dabei gestaltet sich die dynamische Szene für Außenstehende oft unübersichtlich. Viele Fragen werden aufgeworfen, wenn Hooligans – wie in den aufgeführten Beispielen – für Aufruhr sorgen: Woher kommen diese Hooligans nach den vielen Jahren? Ist Hooliganismus nicht eine Fankultur der 1980er Jahre? Sind alle Hooligans rechts? Gibt es das nur im Osten? Wo überschneiden sich Hooligan-, Rocker- und Kampfsportszene?

Hooligans existieren in Deutschland seit über 40 Jahren und haben über die Zeit viele Entwicklungen mitgemacht. Auch leben sie nicht fernab dieser Gesellschaft, sondern verändern sich – sowohl durch eigene Lerneffekte wie auch äußere Einflüsse. So lassen sich letztlich vier zentrale Entwicklungen beschreiben, die in der Hooliganszene stattgefunden und ihren Werdegang entscheidend geprägt haben.

I. Hooligans altern

Durch „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) wurde offensichtlich, was lange Zeit vergessen war: Große Teile der Hooligannetzwerke und -szenen, die in den 1980er und 1990er Jahren entstanden, existieren noch immer. Zwar haben sich die Lebenswege ein Stück weit verstreut: Manche sind Väter geworden oder haben ihre Erfahrungen in Büchern verarbeitet, andere sind den Weg in die Security- oder Rockerszene gegangen, die seit Ende der 1990er Jahre verstärkt Hooligans umwirbt. Doch auch wenn ihre Zeit als aktive „Kämpfer“ meist hinter ihnen liegt und sie ins Alter gekommen sind, halten die sozialen Kontakte. Ihr Fußballbezug existiert ungebrochen.

II. Hooligans erfinden den „Acker“

Infolge der gestiegenen Repression um das Jahr 2000 verlagern Hooligans ihre Kämpfe immer stärker auf Plätze fernab der Innenstädte und Stadien, auf Äcker und Feldwege – an sogenannte Drittorte. Dabei entstehen detailliert organisierte Gruppenkämpfe. Es schützt die Szene vor Strafverfolgung und öffnet sie zugleich für Türsteher und Kampfsportler jenseits der Fanszenen. Nicht selten jedoch gerät „der Acker“ zum zentralen Trainings- und Vernetzungsort für rassistische Schläger.

III. Hooligans und rechte Ultras

Stand ein Großteil der Ultrakultur der Gewalt lange Zeit eher fern, waren rechte Ultras schon immer Brüder im Geiste der Hooligans und haben sich über die vergangenen Jahre angenähert. Sie verbinden zwei zentrale Eigenschaften der beiden Szenen: die Gewalt der Hooligans und den hohen Grad der Selbstorganisation der Ultras. Somit bewegen sie sich sicher in beiden Welten – ihre Gewalt zielt dabei auch auf die eigene Fanszene ab, mit dem Ziel der Machtausübung.

IV. Hooligans professionalisieren ihre Gewalt

Waren die Ausschreitungen von Hooligans in früheren Jahrzehnten oftmals von alkoholgeschwängerten und wüsten Randalen geprägt, haben viele aus der jüngeren Generation den Weg in den organisierten Kampfsport gefunden. Dies wurde auch durch die generelle Professionalisierung des Kampfsports jenseits des klassischen Boxens befördert. Mittlerweile betreiben Hooligans eigene Gyms und veranstalten eigene Events. Sie dienen als Infrastruktur sowie als Treffpunkt der Szene: für aktive Kämpfer, für das gewaltaffine Umfeld sowie für Schaulustige, für rechtsoffene Hooligans und gewalttätige Neonazis. Nicht nur ihre Events, sondern auch ihre Produkte, ihre Werbung und ihre Präsenz in den sozialen Medien sind professionell organisiert.

Nicht selten sind aus diesen einzelnen Entwicklungen auch spezifische Gruppen und Organisationen entstanden: Gehört beispielsweise die Bremer Band Kategorie C zu den alten Hooligans, ist die Dortmunder „Northside“ eine Gruppe, die ihre Kämpfe „auf dem Acker“ austrägt. Stehen die „Boyz Köln“ wiederum für eine Vereinigung von rechten Hooligans und Ultras, verdeutlicht das „Imperium Fight Team“ aus Leipzig, wie sich Hooligans im Kampfsport professionalisieren. Darüber hinaus sind diese Gruppen und Szenen mannigfaltig miteinander verbunden: Einerseits bilden sie ein gewaltaffines Milieu, das durch Fußball, Kampfsport, Konzerte einschlägiger Bands und Social Media miteinander vernetzt ist. Andererseits griffe es zu kurz, die Widersprüche zwischen ihnen nicht auch wahrzunehmen. Denn mancherorts tragen sie einen gewalttätigen Kampf darüber aus, wer die dominante Gruppe in der Szene bzw. Stadt ist und das jeweilige Gewaltmonopol innehat. Es folgt einer Logik des territorialen Besitzes und des zugespitzten Männlichkeitsfetischs. Es geht stets um das Faustrecht des Stärkeren.

Dieses Buch ist entsprechend den vier dargestellten Entwicklungen aufgebaut: Nach einem Abriss der Geschichte des Hooliganismus in Deutschland werden sie anhand der lokalen Geschichten einzelner Orte geschildert. Stets sind dabei Hinweise auf die anderen Entwicklungen zu finden. Ebenso verlaufen die Themen Gewalt, Politik und Netzwerke sowie Verständnisse von Ehre und Macht quer durch die Kapitel. Sie werden außerdem gerahmt durch Interviews mit Experten zu Hooligans in der DDR sowie in Osteuropa, zu Mixed Martial Arts (MMA) sowie der Forschung zu Gewalt. Das Ziel ist eine sachliche und differenzierte Schilderung einer Szene, die sich vielfach ausdifferenziert hat – auch wenn die Gewalt schockierend ist, die Szenen undurchsichtig sind und die Motivation vielen fremd bleibt.

Eine gewachsene Jugendkultur

Doch wäre es zu einfach, diese Kultur pauschal zu verurteilen. Denn sie ist ein lebendiger Teil dieser Gesellschaft, der sich stets fortentwickelt hat: Zum einen laufen verabredete Kämpfe zwischen organisierten Gruppen entgegen der landläufigen Meinung sehr strukturiert ab. Man trifft sich an einem etwas abgelegenen Ort, spricht vorher über die Größe der Gruppen und Regeln. Nicht selten kommt man nach einem Kampf zu einem gemeinsamen Gruppenfoto zusammen, um sich die Ehre zu erweisen. Es gibt immer Ausnahmen, doch in den meisten Duellen ist keine Spur von Hass zu sehen. Vielmehr geht es für die Beteiligten um einen Sport, der sich seine eigenen Regeln setzt, stetig neu verhandelt und sich selbst reguliert – fernab großer Institutionen.

Weshalb er bis heute illegal ist. Jede andere Sportart bzw. Jugendkultur etabliert nach einer gewissen Entstehungszeit ihre Organisationen: Ehemalige Punks betreiben Musiklabels, Plattenläden und Konzerte, Skater produzieren Kleidung, Boards und Parcours. Derartige Entwicklungen sind im Hooliganismus eher im Kampfsport zu sehen. Doch auch wenn sich die Szene seit 40 Jahren prügelt, existiert bis heute kein Sportverband der Hooligans, der Strukturen stellt und Lobbyarbeit leistet. Versuche ihrer Legalisierung sind marginal. Und dennoch gehört die Hooliganszene zu den ältesten Jugendkulturen der Bundesrepublik.

Eine Szene, die ihre Erfahrungen und Einstellungen auch künstlerisch verarbeitet. Graffitis mit dem eigenen Gruppennamen oder zum Gedenken der Toten werden gesprüht sowie Musik produziert. Zudem haben es zwei Hooliganfilme in der Szene zu einem besonderen Standing gebracht. Zum einen ist dies „Green Street Hooligans“ (2005), der in Deutschland nur den Titel „Hooligans“ trägt. Er handelt von der „Green Street Elite“, einer „Firm“, wie englische Hools ihre Gruppen nennen, des West Ham United FC. Hauptfigur Matt Buckner kommt frisch vom College und erlebt eine Welt aus roher Gewalt und brüderlicher Gemeinschaft. Am Ende stirbt sein Idol und Gruppenanführer. Und doch – bzw. gerade deshalb – romantisiert der Film die Gewalt in diesen Szenen, den Gedanken von Kameradschaft. Auch die Marke „Stone Island“ und andere für englische Hooligans typische Kleidungsstücke werden oft präsentiert. Aufgrund des Erfolgs wurden noch zwei weitere Filme gedreht, doch „Hooligans II – Stand your Ground“ sowie „Hooligans III – Never back down“ blieben weitestgehend unbekannt. Die Szene postet unverändert gerne Ausschnitte des ersten Films auf ihren Accounts in den sozialen Medien. Der zweite Film heißt „Okolofutbola“ und handelt von Hooligans des russischen Klubs Spartak Moskau. Er wurde 2013 veröffentlicht und trägt in der deutschen Fassung den Namen „Kicking Off – Anstoß zur 3. Halbzeit“. Auch dies ist ein Film über eine Gruppe junger Männer zwischen Gewalt, Fußball und Liebe. Und er scheidet die Geister: Die Bilder sind brutal, die Schlägereien recht ungeschönt. Ein weiterer beliebter Film ist die britische Produktion „Football Factory“ (2004). Letzten Endes bleiben Hooligans eine sehr bewegliche, dynamische Szene, geprägt von mannigfaltigen pop-, jugend- und subkulturellen Einflüssen wie auch internationalen Entwicklungen.

Wer ist Hooligan?

In Anbetracht einer derart breit gefächerten Landschaft an Aktivitäten, Orten und Szenen dieser gewalttätigen Welt stellen sich zudem die Fragen: Was sind Hooligans? Wie groß ist die Szene, wie viele Mitglieder zählt sie? Dabei sind genaue Zahlen kaum zu benennen, vielmehr muss mit Definitionen und Näherungswerten gearbeitet werden. Denn die Szene ist dynamisch, klare bzw. feststehende Grenzen lassen sich kaum ziehen.

Dementsprechend schwer hat sich die Wissenschaft über Jahrzehnte getan, Hooliganismus zu definieren. Ingo-Felix Meyer z. B. verstand Hooligans 2001 in seiner Studie „Hooliganismus in Deutschland“ als „Personen, die im Umfeld von Fußballspielen und Ereignissen durch gewalttätige Aktionen gegenüber Personen und Sachen auffallen“. Dabei fehlen jedoch Gewalthandlungen jenseits von Spieltagen. Ähnliches trifft zugleich auf die wohl bekannteste Einteilung von Fußballfans in Bezug auf Gewalt zu: die Kategorien A, B und C, welche die polizeiliche Arbeit prägen. Kategorie A steht dabei für friedliche Fans, Kategorie B für situativ gewaltbereite Fans und Kategorie C für aktiv gewaltsuchende Fans – also Hooligans. Nicht ohne Grund bezieht sich die Szene positiv-ironisch auf die letzte Kategorie.

Des Weiteren wurde in der wissenschaftlichen Landschaft das Thema Hooligans in den vergangenen Jahren sehr vernachlässigt, standen seit Beginn der 2000er Jahre doch eher die Ultras im Fokus der Beschäftigung mit Fankultur. So stammt auch die letzte breiter angelegte Studie zu Hooligans aus dem Jahr 2001. Das Team, bestehend aus den Wissenschaftlern Friedrich Lösel, Thomas Bliesener, Thomas Fischer und Markus Pabst, hat darin einerseits Experten aus der Arbeit mit Fußballfans befragt, andererseits aber auch 33 männliche Hooligans zwischen 17 und 44 Jahren interviewt. Die Studie trägt den Titel „Hooliganismus in Deutschland. Ursachen, Entwicklung, Prävention und Intervention“.

Dabei haben die Autoren eine breite Palette an Themen in den Leben der Hooligans erkundet: von der familiären Situation, der schulischen und beruflichen Laufbahn, über Straftaten und Persönlichkeitsmerkmale bis hin zu Drogen- und Medienkonsum. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass viele Hooligans in sogenannten Broken-home-Verhältnissen aufgewachsen sind, geprägt von Scheidungen und teilweise mehrfach wechselnden Versorgungsträgern. Derweil stammten die Eltern größtenteils aus handwerklichen oder kaufmännischen Berufen, und die befragten Hooligans gaben mit großer Mehrheit an, zu Hause keine bzw. kaum physische Gewalterfahrungen gemacht zu haben. Die wiederum große Masse der Befragten hatte einen Haupt- oder Realschulabschluss und eine Ausbildung absolviert. Ebenso besaß ein Großteil Erfahrungen mit strafrechtlich relevanten Delikten – von Raub bis Körperverletzung und dem Konsum illegaler Drogen. In Bezug auf charakterliche Eigenschaften stach vor allem hervor, dass die befragten Hooligans deutlich leichter erregbar waren und aggressiver wurden als vergleichbare Gruppen. Überdies antworteten die in der Studie befragten Experten, dass sie Querverbindungen in andere Szenen bzw. Milieus sähen: 37 % sahen Verbindungen in den Drogenhandel, 13 % in die Zuhälterszene, 44 % zu Türstehern, 41 % in den professionellen Kampfsport und 52 % in ein allgemein kriminelles Milieu.

Darüber hinaus differenzierten die Autoren die Gruppen anhand ihrer Interviews in drei Ebenen: die Führungspersonen, den harten Kern sowie Mitläufer, die sich durch Eingebundenheit, Entscheidungsbefugnisse und Kampferfahrung unterscheiden. Auch wurde nach der Einhaltung des Ehrencodex der Szene gefragt: gleiche Gruppengröße, kein Einsatz von Waffen, Ende des Kampfes, wenn der Gegner am Boden liegt. Nur eine Minderheit gab an, diesen immer einzuhalten: 14,3 % für „abgesprochene“ und 17,2 % für „spontane Fights“. Die große Mehrheit gestand, sich „häufig oder gelegentlich“ daran zu halten. Als Gründe für einen Ausstieg aus der Szene wiederum nannte die Mehrheit strafrechtliche Maßnahmen und familiäre Ursachen, gefolgt von der präventiven Arbeit der Fanprojekte und dem drohenden Verlust des Arbeitsplatzes.

Zu guter Letzt hilft auch der Begriff „Szene“ weiter, um Hooligans zu analysieren. Die Sozialwissenschaftler Ronald Hitzler und Arne Niederbacher definieren eine Szene in ihrem Buch „Leben in Szenen“ (2010) als thematisch fokussierte Netzwerke, in denen sich Menschen durch Kommunikation und Interaktion mit anderen verorten. Sie verfügen über eigene Treffpunkte und Codes sowie Eliten, die für die Organisation der Szene sorgen. Überträgt man diese Gedanken auf Hooligans, muss letztlich in Anbetracht der geschilderten und über Jahre entwickelten Ausdifferenzierung in mindestens drei Ebenen unterschieden werden: Erstens gibt es die kleine, aber zentrale Gruppe aktiver Hooligans, die an den Kämpfen teilnehmen. Sie stehen im Zentrum des Geschehens. Zweitens gibt es viele Angehörige der Szene, die über Gewalterfahrung verfügen und die Netzwerke kennen – z. B. aus der Erfahrung ihrer früheren Tage oder weil sie sich im Umfeld der prügelnden Gruppe bewegen, selber aber nicht zu abgemachten Kämpfen fahren. Und drittens gibt es Sympathisanten, die Hooliganmusik hören, sich an dem Kleidungsstil orientieren und auf Facebook die entsprechenden Videos teilen. Ihr gemeinsames Thema ist die Gewalt – zumeist im Zusammenhang mit Fußball –, worüber sie in Kneipen, Internetforen und bei Kampfsportturnieren sprechen.

Nicht zuletzt gibt es aktive Hooligangruppen an fast allen Orten des höherklassigen Fußballs in Deutschland. Auch wenn die Mitglieder nicht homogen sind und sich unter ihnen Menschen finden, die nicht rechts denken, sind viele doch rechtsoffen und sympathisieren mit rechtsextremen Einstellungen. Die meisten Gruppen haben zwischen 20 und 70 Mitglieder (wobei nicht alle konstant an den Kämpfen teilnehmen), von denen wiederum zwischen drei und sechs zur Führung gehören. So kann die Größe der gesamten Szene letztlich auf einige hundert aktiv kämpfende Hooligans, dazu Angehörige der gesamten Szene im hohen vierstelligen und Sympathisanten bzw. Interessierte im niederen fünfstelligen Bereich geschätzt werden, wie die Zahlen der stark frequentierten Facebookseiten aufzeigen. Dabei verfügen in der letztgenannten Gruppe bei weitem nicht alle über eigene Erfahrung aus Kämpfen. Auch Hooliganismus hat somit eine eigene Fankultur entwickelt. Wohlgemerkt sind die Zahlen Schätzungen anhand von Eindrücken, Demonstrationen und Facebookseiten. Eine vollständig abgesicherte Zahl durch Mitgliederlisten kann es kaum geben.

Eine umstrittene Datei: „Gewalttäter Sport“

Eine weitere Quelle für das Thema Gewalt im Fußball – und somit auch bedingt über Hooliganismus – ist der Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS). Sie wurde 1992 beim Land Nordrhein-Westfalen eingerichtet und übernimmt bundesweite Aufgaben. Sie arbeitet auch dem BKA zu, welches die Datei „Gewalttäter Sport“ leitet. In dieser waren im Juni 2017 10.646 Personen aus den ersten drei landesweiten Ligen vermerkt. Zur Eintragung führen u. a. schwere Eingriffe in den Verkehr, Haus- und Landfriedensbruch, Raub- und Diebstahldelikte sowie Volksverhetzung im Rahmen von Sportveranstaltungen, also auch außerhalb eines Stadions am Spieltag. Gleichwohl kritisieren Fanorganisationen die Datei. Das Bündnis ProFans mahnte wiederholt an, dass auch Personen in die Datei geraten, die schlichtweg zur falschen Zeit am falschen Ort und nicht an strafrechtlich relevanten Handlungen beteiligt waren. Eventuelle Folgen, wie ein Stadionverbot, hätten dennoch Bestand, bis die teilweise über Jahre dauernden Ermittlungen abgeschlossen seien.

Im Jahresbericht für die Saison 2014/15 wird der Anteil „rechtsmotivierter“ Fans in der Datei „Gewalttäter Sport“ mit 3,5 % bzw. 410 Personen angegeben. Die Anzahl der Strafverfahren gemäß § 86a StGB – Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen – lag im Vorjahr bei 31. Die verhältnismäßig geringen Zahlen lassen sich mit einer Reihe an Anmerkungen erklären. Zuallererst ist es gar nicht das Ziel des Jahresberichts, eine Übersicht über die Größe der deutschen Hooliganszene zu geben, sondern allein die registrierten Straftaten und Ermittlungen im Umfeld von Fußballspielen zu vermerken. Im Bericht selber wird darauf hingewiesen, dass jenseits der Spielorte „Drittorte“ für gewalttätige Auseinandersetzungen aufgesucht werden. Die Dunkelziffer ist dementsprechend hoch. Zweitens konzentrieren sich weite Teile des Berichts auf die erste, zweite und streckenweise dritte Liga. Tiefer spielende Vereine mit größerem Fanaufkommen und Hooligangruppen – wie der BFC Dynamo, Lok Leipzig und Waldhof Mannheim – fallen so aus der Statistik. Drittens entscheiden die einzelnen Länderpolizeien darüber, ob ein Vorfall als rechtsextrem einzuordnen ist. Die Erfahrung aus anderen Bereichen zeigt, dass es entsprechend unterschiedlich gehandhabt wird.

Auch Till Claus beschäftigt sich beruflich mit der Datei „Gewalttäter Sport“. Er ist beim LKA 645 in Berlin tätig, „Ermittlungsgruppe Hooligan“ (EGH). Seit 2007 arbeitet er im Kommissariat, seit 2015 als stellvertretender Kommissariatsleiter. Zum Interview auf dem großen Gelände der Polizeidirektion im Berliner Stadtteil Lankwitz gehen wir einen langen, hell beleuchteten Flur entlang, über einen großen Hof in ein zweites Gebäude. Im Trakt der Ermittlungsgruppe angekommen, empfangen uns Wände, die mit Fußballutensilien gekleidet sind: Schals vom BFC Dynamo, von Legia Warschau und ein Bilderrahmen mit einem T-Shirt, auf dem „Hoolizei“ steht. Daneben ein Badge „Good Night – Cop Side“ sowie ein Artikel aus der „BZ“ über die Hooligans vom BFC. Es sind Relikte aus früheren Einsätzen. Claus war lange Jahre szenekundiger Beamter. Wie für Wissenschaftler und Pädagogen bleiben auch für ihn Fragen von Nähe und Distanz zentral. Jede Berufsgruppe altert mit ihrer Klientel.

„Wir sind keine Ermittlungsgruppe mehr im klassischen Sinne, aber der Begriff hat sich Anfang der 2000er Jahre etabliert und wurde seither beibehalten“, sagt Claus über seine Tätigkeit. Er leitet die größte Dienststelle der „Szenekundigen Beamten“ (SKB) in der Bundesrepublik, 20 Mitarbeiter. Dies hat zwei Gründe: Zum einen sind seine Beamten keine reinen SKBs, denn sie führen auch Ermittlungsverfahren. Zum anderen spielen in Berlin drei höherklassige Vereine. Deren „Problemfans“, wie Claus sie nennt, machen auch den Großteil der in den Dateien aufgelisteten Personen aus. „Ein Problemfan ist eine Person, die im Umfeld eines Berliner Sportereignisses entweder als Straftäter oder als Störer auffällig wird und dafür auch zukünftig in Betracht kommt“, führt Claus aus. Die Polizei pflegt indessen zwei Dateien. Da wäre erstens die erwähnte deutschlandweite Polizei-Verbunddatei „Gewalttäter Sport“. „Sie soll jeden Beamten bundesweit in die Lage versetzen, eine akute Lageeinschätzung erstellen zu können. Denn ein bayerischer Polizeibeamter kann aufgrund des föderalen Systems nicht auf das Berliner Dateisystem zugreifen.“ Sie umfasse „Stummeldaten“ und Angaben über Vorfälle mit den Personen, keine Daten über Lebensläufe oder konkrete Vorwürfe. Doch die Landespolizeien handhabten die Auswahl und Übermittlung der Daten durchaus unterschiedlich, gibt Claus zu.

Zweitens gibt es die lokale Datei „Sportgewalt Berlin“. Sie umfasst derzeit knapp 1.400 Datensätze. Über 400 davon beziehen sich jeweils auf Fans von Hertha BSC und Union Berlin, 364 auf Anhänger des BFC Dynamo. Daneben finden sich vereinzelte Daten über Fans anderer Fußball-Bun-desligisten, von Eishockeyklubs wie den Berliner Eisbären oder dem ES Jungfüchse Weißwasser sowie dem polnischen Verein Pogon Stettin. In der Datei werden Personaldaten wie Name, Geburtsdatum, Adresse, Telefonnummer, Arbeitsstelle, vorgangsbezogene Daten über Strafanzeigen, Verfahrensausgänge sowie polizeiliche Maßnahmen gespeichert. Es bedarf keines Strafverfahrens, um in die Datei aufgenommen zu werden. Vielmehr werden auch „Störer“ verzeichnet, gegen die beispielsweise Platzverweise erfolgt sind. In jedem einzelnen Fall sei jedoch eine Begründung für die Speicherung notwendig, erläutert Claus.

„Die Arbeitsdatei ist unser kollektives Gedächtnis“, beschreibt er ihre Funktion. Doch er sagt auch: „Schon aus Eigeninteresse halten wir unsere Datei klar und klein. Nicht sinnlos sammeln, sondern alle rechtlich erlaubten Daten zu den Personen in unserem Fokus. Denn nach der WM 2006 wurden sämtliche Daten, die im Rahmen der Fanmeile angefallen sind, dort mit reingestopft. Das hat niemandem geholfen.“ Es gelten die gesetzlichen Löschfristen: zehn Jahre für Erwachsene und fünf Jahre für Jugendliche. Zudem kontrolliert der Datenschutzbeauftragte des Landes Berlin die Datei und ihre Nutzung regelmäßig. Darüber hinaus macht Claus ein paar Einschränkungen: Erstens könne er keine Zahl Berliner Hooligans nennen. Zweitens seien nicht alle 1.400 Personen in der Berliner Datei Hooligans. Und drittens fänden sich nicht alle Daten aus der Datei „Sportgewalt Berlin“ auch in der bundesweiten Datei „Gewalttäter Sport“. „Denn Menschen, die nur Berliner Heimspiele besuchen, werden nicht in die bundesweite Datei übertragen. Auch andersrum: Menschen, die nur internationale Länderspiele besuchen, finden sich nicht in der lokalen Datei ‚Sportgewalt Berlin‘.“ Das übernimmt dann die ZIS.

Zur politischen Einschätzung sagt Claus: „Berliner Fanszenen betrachten sich selbst als unpolitisch. Ich verorte Hooligans als grob rechts. Menschen mit Spaß ins Gesicht zu schlagen, entspricht für mich einem eher rechten Weltbild. Aber sie engagieren sich kaum politisch, und wir betreiben keine Gesinnungsschnüffelei.“ Ultras hingegen verorte er aufgrund der in der Szene behandelten Themen wie Datenschutz eher links. Auch an ihnen übt er Kritik: „Selbstregulierung wird zwar immer eingefordert von Fußballfanszenen, aber meine Meinung ist: Sie funktioniert nicht. Denn es gibt keine Verantwortlichen, bei Straftaten ist niemand ansprechbar.“ Deshalb brauche es die Dateien der Behörden, um Menschen zur Verantwortung ziehen zu können.

Monika Lazar sieht das anders. Sie ist Bundestagsabgeordnete für „Die Grünen“ und Obfrau im Sportausschuss. „Wir stehen der Datei ‚Gewalttäter Sport‘ skeptisch gegenüber. Schon der Name suggeriert, dass sich darin nur Gewalttäter fänden. Das ist jedoch nicht der Fall. Allein eine Kontrolle im Umfeld eines Fußballspiels kann für die Aufnahme ausreichen“, sagt sie. 2017 hatten sie und ihre Mitarbeiter eine Kleine Anfrage im Bundestag gestellt und im Vorfeld mit Fananwälten besprochen. Ihr Ergebnis: „Außerdem ist die Datei sehr intransparent: Die Aufgelisteten werden nicht benachrichtigt. Sie wissen nicht Bescheid, dass ihr Name in der Datei steht, und können somit kaum dagegen vorgehen. Zudem werden zum Teil groteske Daten wie Tätowierungen und Dialekte einzelner Personen verzeichnet.“ Auch die Daten, die sie einsehen konnte, seien zum Teil verdeckt gewesen.

„Wir fordern Transparenz. Menschen müssen informiert und die Löschfristen verkürzt werden.“ Eine Auflistung von z. B. Tätowierungen solle sich auf strafrechtlich relevante oder verfassungsfeindliche Tattoos beschränken. „Zudem müssen die Datenschutzbeauftragten der einzelnen Länder in die Entwicklung der Dateien eingebunden werden. Das war nicht überall der Fall, beispielsweise in Bayern“, kritisiert Lazar. Bei allem berechtigten Vorgehen gegen Neonazis und Gewalttäter müssten dennoch datenschutzrechtliche Standards und Bürgerrechte eingehalten werden. Beispiele für derartige Strafverfolgungen gibt es indessen viele.

Dresden: Hooligans zwischen Pegida und langwierigen Gerichtsprozessen

Januar 2015, ein kalter Montagabend in Dresden – 18 Uhr, es ist bereits dunkel. Knapp 20.000 Menschen haben sich in der Innenstadt getroffen. Sie nennen sich „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Die Abkürzung Pegida wird die deutsche Debatte um Flucht und Migration prägen. Denn viele Montage strömen mehrere tausend Menschen in die Dresdner Innenstadt, um ihren Unwillen gegen alles Mögliche auszudrücken – bei weitem nicht nur den politischen Islam. Putin-Propagandisten finden sich ebenso unter ihnen wie Verschwörungstheoretiker, Neonazis und Fußballfans: Sie tragen Mützen des BFC Dynamo, von Dynamo Dresden, dem Chemnitzer oder auch dem Halleschen FC. Es ist der größte Aufmarsch, den Pegida bewerkstelligt. Die islamistischen Anschläge auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ liegen wenige Tage zurück. Man versteht es, sich als trauerndaggressive Gemeinschaft zu organisieren. Am Ende der Demonstration halten die Teilnehmer ein Licht in die Luft und rufen: „Wir sind das Volk!“ Die Stimmung bleibt unterschwellig höchst aggressiv.

Pegida ist gut organisiert. Vom Lautsprecherwagen tönen die Redebeiträge, Nachahmer haben sich bundesweit gefunden. Zudem verfügen die Organisatoren über einen bestens aufgestellten Ordnungsdienst. Breitschultrige Herren in schwarzen Jacken mit Ordnerbinden begleiten den riesigen Tross in festen Abständen. Sie wirken professionell, manche von ihnen verdingen sich als Türsteher. Doch gibt es noch eine Art zweiten Ordnerdienst. Informell, ohne Ordnerbinden und doch deutlich sichtbar. Denn in kleinen Trupps bewegen sich flexible Gruppen sportlicher, jüngerer Männer um den Aufzug herum. Checken die Lage ab, greifen politische Gegner an. Manche von ihnen tragen Symbole von Dynamo Dresden. Sie sind Hooligans.

Eine Verbindung, aus der einige Organisatoren der montäglichen Aufzüge keinen Hehl gemacht haben. Ende Oktober 2015 hielt die damalige Mitorganisatorin Tatjana Festerling in Mainz einen Vortrag zu Pegida bei der schlagenden Burschenschaft Halle zu Mainz. Davon existiert auch ein Mitschnitt auf YouTube, worin sie sich zu den Dresdner Ordnern äußert: „Wir haben eben von Anfang an bei Pegida, muss man so sagen, Hooligans und Leute aus dem Sicherheitsgewerbe gehabt. (…) Dass es in Dresden weniger Berührungsängste gibt wie hier jetzt zum Beispiel im Westen zu den ‚bösen Hooligans‘. Aber in Dresden sind das auch teilweise [die] von Dynamo und so weiter, die für Sicherheit gesorgt haben.“ Festerling, damals bei der AfD, hatte schon nach dem Aufmarsch der „Hooligans gegen Salafisten“ im Oktober 2014 den Hooligans applaudiert. Sie weiß die Szene für ihre politische Arbeit zu schätzen.

Die Hooliganszene in Dresden hat indessen seit den 1990er Jahren zum Teil eine gemeinsame Geschichte mit rechten Kameradschaften und geriet wiederholt in den Fokus der staatlichen Strafverfolgung. So wurden in den vergangenen Jahren gleich gegen zwei Dresdner Hooligangruppen aufgrund ihrer kriminellen sowie politischen Aktivitäten ermittelt: die „Faust des Ostens“ (FdO) und die „Hooligans Elbflorenz“. Erstere wurde im April 2010 gegründet, prägte zwei Jahre lang die aktive Fanszene im Stadion und bedrohte die eher antirassistische Gruppe „Solo Ultra“. Doch beschränkten sich ihre Aktivitäten nicht allein auf das Fußballumfeld. Ladendiebstähle und rassistische Übergriffe gehörten ebenso zu ihrem Repertoire. Nachdem die FdO maßgeblich für Randale beim DFB-Pokalspiel in Dortmund in der Saison 2011/12 und somit für den anschließenden Ausschluss von Dynamo Dresden aus dem Pokal verantwortlich zeichnete, reagierte die Fanszene. Sie drängte die Gruppe aus dem berühmten K-Block.

Jedoch hat die sächsische Staatsanwaltschaft 2013 ein Verfahren gegen fünf Angeklagte eröffnet. Die Vorwürfe: Bildung einer kriminellen Vereinigung, gefährliche Körperverletzung, Landfriedensbruch und schwerer Bandendiebstahl. Dem waren im Juni 2012 Durchsuchungen von 17 Wohnungen und Firmensitzen vorausgegangen. Die Gruppe soll aus 20 Personen im Führungskreis und 200 im Umfeld bestanden haben. Doch hat das Verfahren kaum zur Auflösung der Gruppe geführt. Auch der sächsische Verfassungsschutz schreibt in seinem Jahresbericht 2015: „Die rechtsextremistische Fußballfanvereinigung ‚Faust des Ostens‘ trat nicht mehr mit eigenen Aktivitäten in der Öffentlichkeit in Erscheinung. Gleichwohl standen die rechtsextremistischen Hooligans weiterhin als Mobilisierungspotenzial für andere rechtsextremistische Aktivitäten zur Verfügung.“ Einige Mitglieder zeigten sich im Juni 2016 zur Europameisterschaft in Frankreich mit einer Reichskriegsflagge und nahmen an Randalen teil. Bis Anfang 2017 hat trotz der Ermittlungen jedoch noch kein Verhandlungstag vor Gericht stattgefunden.

Anders bei den „Hooligans Elbflorenz“. Auch ihre Zaunfahne hing lange im K-Block, auch sie waren an Gewalttaten im Umfeld von Fußballspielen sowie an „Drittorten“ beteiligt. Zur Last gelegt wurden Teilen der Gruppe auch Überfälle auf türkische Dönerläden in der Dresdner Innenstadt nach dem Spiel der DFB-Auswahl gegen die Türkei im Juni 2008. Einige Gruppenmitglieder waren früher bei den „Skinheads Sächsische Schweiz“, die mit 120 gewaltbereiten Neonazis eine der größten Kameradschaften der vergangenen Jahre darstellte. Sie wurde 2001 verboten.

Die Aktivitäten der „Hooligans Elbflorenz“ führten letztlich zu einem juristischen Präzedenzfall am Landgericht Dresden. Der Vorwurf: Gründung einer kriminellen Vereinigung. Der Fanforscher Jonas Gabler charakterisierte die „Hooligans Elbflorenz“ in einem für das Verfahren erstellten Gutachten: „Aus meiner Sicht besteht kein Zweifel daran, dass die ‚Hooligans Elbflorenz‘ dieser Szene (des modernen Hooliganismus, Anm. d. Autors) zuzurechnen sind. An Spieltagen treten sie kaum in Erscheinung und beteiligen sich nicht an spontanen Auseinandersetzungen.“ Stattdessen seien die Aktionen gut geplant. Das Gericht verurteilte fünf führende Mitglieder der Gruppe im April 2013 wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, gefährlicher Körperverletzung sowie teilweise Landfriedensbruchs. Vier der Täter erhielten Haftstrafen zwischen neun Monaten ohne Bewährung und vier Jahren. Ein weiterer bekam eine Geldstrafe über 3.000 Euro. Nach einer durch die Angeklagten eingereichten Revision wurde das Urteil zu großen Teilen vom BGH bestätigt. Die Folgen des Urteils in der juristischen und polizeilichen Praxis müssen abgewartet werden. Aus Angst vor einer schärferen Strafverfolgung haben einige Gruppen Auflösungserklärungen veröffentlicht.

Magdeburg: Hooligans im Amateurfußball

Zugleich ist diese Entwicklung nicht ganz neu, Auflösungen unter Verfolgungsdruck und staatliche Verbote haben eine Vorgeschichte. Die „Blue White Street Elite“ hatte sich 2005 nach ihrem Vorbild aus dem englischen Kinofilm „Hooligans“ gegründet und war eine rechtsextreme Gruppe in der Fanszene des 1. FC Magdeburg. Ihr Gruppenkern bestand aus 15 bis 20 Personen, doch konnten sie bis zu 60 für Gewalttaten mobilisieren. Man verstand sich als „Fight Club“, ging aus verschiedenen Kameradschaften im Jerichower Land hervor und beging Übergriffe auf Linke sowie gegnerische Fußballfans. Die Gruppe wurde von Sachsen-Anhalts Verfassungsschutz beobachtet und am 1. April 2008 vom Innenminister verboten. Zunächst bestätigte das Oberlandesgericht das Verbot, doch wurde es im zweiten Rechtsgang 2010 aufgehoben.

Nur ist die Geschichte damit nicht am Ende. Führende Mitglieder der Gruppe gründeten 2011 den Fußballverein „FC Ostelbien Dornburg“ und meldeten sich für den Spielbetrieb im lokalen Amateurfußball an. Der Hintergrund des Klubs war den Verantwortlichen in den Sportstrukturen Sachsen-Anhalts bewusst, trotzdem erstritt sich der Verein vorerst seine Spielberechtigung. 2015 erhielt er dann abermals Aufmerksamkeit: 49 von 56 Schiedsrichtern im Kreis weigerten sich, weitere Spiele mit Beteiligung des „FC Ostelbien Dornburg“ zu leiten, auch andere Vereine wollten nicht mehr antreten. Anlässe hierfür gab es zu Genüge: Regelmäßig fielen Spieler, Trainer und andere Vereinsmitglieder durch Diskriminierungen und Gewaltausbrüche auf dem Rasen auf.

„Fitim Cimili muss schnell vom Platz. Der kleine, dunkelhaarige Spieler ist an einem Samstag zum Freiwild auf dem Platz des SG Blau-Weiß Niegripp geworden. Insbesondere Dennis W. vom FC Ostelbien Dornburg lässt dem Kosovo-Albaner keine Ruhe mehr. Erst spuckt er ihm ins Gesicht, und nachdem der protestierende Cimili vom schreienden Schiedsrichter zum Schweigen verdonnert wird, rückt ihm W. auf den Leib, schubst und drangsaliert ihn, lässt ihm fast keinen Bewegungsspielraum mehr. Der Trainer wechselt Cimili umgehend aus. Ein Betreuer schickt ihn mit dem Rat in die Kabine, sich nicht mehr blicken zu lassen, bis die Gäste das Gelände verlassen haben. ‚Wenn die Dornburger in Rückstand geraten, drehen die frei‘, wird nach der Partie ein Niegripper Spieler sagen. Dass sie dabei Cimili ins Visier nehmen, ist kein Zufall. Er ist der einzige Ausländer im Team von Niegripp und zudem im nahegelegenen Burg auch noch für die Jusos und gegen Ausländerfeindlichkeit aktiv“, beschreibt Johannes Kopp in der „TAZ“ eine Partie im April 2015.

Stets mittendrin: Dennis W., Stürmer, gewalttätig, Rückennummer 18 – der Neonazicode für „Adolf Hitler“. Jenseits des Platzes kandidierte er 2014 für die NPD zum Bürgermeister der nahegelegenen Gemeinde Stresow und griff einen Gegenkandidaten tätlich an. Eine Gemeinde, in der zur Landtagswahl 2011 knapp 25 % NPD gewählt hatten. W. gewann die Wahl nicht. Der Landessportbund Sachsen-Anhalt (LSB) schloss den FC Ostelbien wegen „Verstößen gegen sportliches Verhalten oder gegen die Interessen des LSB“ sowie wegen der „Duldung extremistischer, rassistischer und fremdenfeindlicher Gesinnung“ auf Antrag des Fußballverbands Sachsen-Anhalt 2015 letztlich aus. W. zog nach dem Verbot des FC Ostelbien Dornburg weiter und sorgte auch bei seinem neuen Verein für Gewalt und Ärger. Die nächste Gewalttat ist nicht ausgeschlossen, hat er sich doch nie von seiner Vergangenheit distanziert. Hooligans im Amateurfußball.

Gelsenszene: rockernah und nazifern

An den Beispielen aus Dresden und Magdeburg wird schnell deutlich: Oft haben Hooligans Kontakte in Neonazi-Kreise oder gehören ihnen selber an. Sie bewegen sich in rechten Milieus und sind an rassistischen Gewalttaten beteiligt. Nur beschreibt dies nicht die gesamte Hooliganszene in Deutschland. Denn in Gelsenkirchen beispielsweise hatte sich über Jahre eine Szene entwickelt, in der sowohl Sinti Mitglied waren wie auch schwarze Hooligans. Darüber hinaus prägte die Nähe zu den Rockern der Bandidos die sogenannte Gelsenszene.

Symbolisch hierfür steht die Geschichte von Rudi Heinz Elten. Er war langjähriges Mitglied der Gelsenkirchener Hooligans, unter dem Namen Eschli bekannt und nutzte seine Gewaltbereitschaft für eine kleine Karriere in der Rockerszene, bei den Bandidos aus dem Pott. Eschli gehörte zu den jungen Schlägertrupps, was ihm letzten Endes zum Verhängnis wurde. Am 8. Oktober 2009 erschoss ihn ein Hells Angel und MMAKämpfer an einer Straßenkreuzung in Duisburg. Es war das vorläufige Ende eines fragilen Rockerfriedens.

Peter Maczollek und Leslav Hause haben Eschli ihr Buch „Ziemlich böse Freunde“ gewidmet. Maczollek ist einer der drei „Vice Presidents Germany“ der Bandidos. In dem Buch erzählen sie, wie die Rocker in Deutschland aus den Jugendgangs entstanden, wie die „Ghostrider“ 1999 aus dem Ruhrpott zu den Bandidos wechselten, dass Les Hause in der Jugend für Schalke 04 spielte und wie ihn ein Vereinsanwalt aus Ärger „boxte“. Die Gewaltneigung beider Szenen wird dabei nicht verschwiegen. Doch grenzen sie sich strikt von Neonazis ab: „Was uns mit Sicherheit von den Rot-Weißen maßgeblich abhebt, ist die Offenheit des Clubs gegenüber anderen Ethnien. Die Bandidos lehnen es strikt ab, Anwärter aufzunehmen, die Mitglied in einer neonazistischen Partei sind oder anderweitig rassistische Aktivitäten ausüben und diese im Club weitergeben wollen.“ Mit den Rot-Weißen sind die Hells Angels gemeint.

Über Eschli schreiben die beiden: „Eschli kam aus einer Sinti-Familie und war ein Heißsporn. Aber einer, der das Herz am richtigen Fleck trug. Der Junge hatte seine ‚Karriere‘ bei den Schalker Hools gemacht, bevor er mit Anfang 20 bei uns vorstellig wurde. Wir spürten sofort, dass uns da ein Wildpferd gegenüberstand, das nur sehr schwer zu bändigen sein würde.“ So begann Eschlis Hang zum Ärger nicht nur auf Gegenliebe bei den Bandidos zu stoßen: „Auch diese ganze Hooligansache ging uns manchmal mächtig auf den Geist, obwohl wir sehr gute Kontakte zu den Führungsmitgliedern der Gelsen-Szene haben. Es nervte eben, weil Eschli ständig bei irgendwelchen Ausschreitungen im Vordergrund stehen musste.“ Doch traditionelle Werte wie Solidarität und Loyalität werden in dem Buch oft beschworen.

Zu Eschlis Beerdigung erschienen über 1.000 Rocker – Bandidos aus ganz Europa. Sie bedeckten seinen Sarg mit den Farben des Klubs und führten Memorial Runs – Ausflüge auf Motorrädern – in Erinnerung an den Verstorbenen durch. In dem Buch ist auch ein Bild von Eschli abgedruckt, ergänzt mit den szenetypischen Codes „Expect no Mercy“ und „G.N.B.F.“. Der erste wird Mitgliedern verliehen, die sich durch Gewalt verdient gemacht haben. Die Abkürzung „G.N.B.F.“ steht für „Gone but not forgotten“. Zur Beerdigung erschienen auch Mitglieder aus der Gelsenszene und zeigten ihr Banner. Zudem fand sich unter den zahlreichen Kränzen auch ein blau-weißer der „Ultras Gelsenkirchen“.

Eschli ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass die Hooliganszene in Gelsenkirchen zwar gewaltbereit ist, dabei aber Neonazis eher fern steht. Ein Mitbegründer der Gelsenszene war Pele Corral. Der gelernte Speditionskaufmann arbeitete für die „Raveline“ (ein Magazin für elektronische Tanzmusik, das in Gelsenkirchen entstanden ist) und betrieb dann eine eigene DJ-Booking-Agentur. Auch er ist begeisterter Schalke-Fan und Gewalt gegenüber nicht abgeneigt. Im Interview mit dem Fanmagazin „Schalke unser“ sagte er: „Was wir machen, ist eine Art Sport unter Gleichgesinnten. Da kommt selten jemand Fremdes zu Schaden.“ Auf die Frage „Was sagst du zum Thema Rassismus bei Hools?“ antwortete er: „Nichts … soll doch mal einer von denen kommen.“ Heute arbeitet Pele Corral in Portugal als DJ.

An die Leser_innen: Sachlichkeit statt Medienpanik

Ein Buch über Hooligans zu schreiben, trifft auf verschiedene Probleme. Denn zum einen entsteht um die Themen Fußballfankultur generell und Hooligans speziell oftmals Panik. Nicht selten erreichen auch mich Interviewanfragen, in denen Hooligans, Ultras und Fanklubs grob über einen Kamm geschoren werden. Interviewer fragen, weshalb „Fußballfans“ immer so ein Problem seien, wobei man noch im Vorgespräch auf die nötige Differenzierung hingewiesen hat. Insofern sei diesem Buch eines vorweggeschickt: Es ist kein Buch über Fußballfankultur generell. Viele Fans und Fangruppen gehen ihrer größten Leidenschaft mit enormem Einsatz nach, feiern friedlich und singen für ihr Team. Und auch bei den Gewalttätern muss sich eine Gesellschaft stets fragen, was sie dazu beigetragen hat, dass jugendliche Fußballfans Gewalt ausüben. Dies hier ist ein Buch über Hooligans, die nicht mit der großen Masse an Fans verwechselt oder gar vermischt werden dürfen.

Dennoch wird ein Buch über Hooligans wohl auch als Teil eines Sicherheitsdiskurses gelesen, der oftmals dramatisierend und alarmistisch geführt wird sowie teilweise zu unangebrachten Superlativen neigt. Seine Kernmetapher ist die „neue Dimension der Gewalt“: Von der „Süddeutschen Zeitung“ am 7. Mai 2010 über Krawalle zwischen Fans von 1860 München und Waldhof Mannheim, der „Berliner Zeitung“ am 7. März 2012 über Angriffe von Kölner Hooligans auf Gladbacher Fans und der „Frankfurter Rundschau“ am 21. Januar 2014 über eine Schlägerei von Kölner Ultras mit Schalkern bis zur „Mittelbayerischen Zeitung“ am 7. Februar 2017 nach den Ausschreitungen von BVB-Fans gegen die Anhänger von RB Leipzig: Sie alle schreiben von einer „neuen Dimension der Gewalt“.

Es ist unbestritten, dass diese Vorfälle von physischer Gewalt geprägt waren, aber erreicht die Gewalt im Fußball wirklich alle paar Jahre eine „neue Dimension“? Nach welchen Kriterien ließe sich dies überhaupt messen? Die Metapher scheint eher dem Arsenal dramatisierender Debatten geschuldet zu sein: zwischen sicherheitspolitischen Interessen und medialem Auflagenverkauf. Jedoch hilft sie nicht weiter, um eine Lage angemessen zu beschreiben oder gar zu differenzieren. Letztlich bleibt dies aber die Aufgabe. Dabei muss unterschieden werden zwischen differierenden Gewaltformen, Anlässen, Phänomenen, Standorten und Strömungen in den jeweiligen Fanszenen. Zudem muss dies eingebettet werden in eine Beschreibung unserer Gesellschaft und der Landschaft des Fußballs mit all seinen Akteuren, von den Vereinen und Verbänden über Fans und Fanprojekte bis hin zur Polizei.

Ein zweites Problem ist die Quellenlage: Zwar existieren ganze Regale an Publikationen zu Hooligans und noch mehr Zeitungsartikel. Doch viele bilden nur punktuelle Ausschnitte ab, zumeist verbunden mit Ereignissen, die für gesellschaftlichen Aufruhr sorgten – wie die „Hooligans gegen Salafisten“. Zudem ist die letzte breiter angelegte Studie zu Hooligans 16 Jahre alt. Jenseits dessen liegen viele Fanzines der 1980er und 1990er Jahre in teilweise privaten Kellern und Archiven. Es existiert kein Archiv der „Fanszenen in Deutschland“, welches eine zentrale und geordnete Recherche ermöglichte. Im Gegenzug haben die sozialen Medien zu einer schieren Informationsflut geführt: Videos, Bilder und Memes werden zuhauf gepostet. Hier besteht die Aufgabe eher darin, zu sortieren, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und zu einer Analyse zu führen. Überdies erschweren die Gewalt und Verstrickungen in kriminelle Machenschaften die Recherche. Denn vieles, was Hooligans betreiben, findet nicht den Weg in die Öffentlichkeit. Es war nicht einfach, gesprächsbereite Kenner von „Matches“ und rechten Kampfsportturnieren zu finden. Das Bedürfnis nach Anonymität und Schutz vor Strafverfolgung ist sehr hoch. Somit sind die hier angeführten Orte, Entwicklungen und Daten als sequenzielle Reise durch die Szene zu lesen, wobei niemals ein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann.

Darüber hinaus scheint auch in den bisherigen Schilderungen immer wieder auf: Bei Taten von rechten Hooligans gibt es meistens drei beteiligte Personen bzw. Gruppen: erstens die Täter, zweitens die Opfer und Betroffenen, drittens die Zuschauer und Dabeistehenden, die einschreiten oder auch nicht. Die letzten beiden werden in der öffentlichen Debatte allzu oft vergessen. So dürfte die Anzahl der Opfer und Betroffenen der Gewalt rechter Hooligans die Zahl der Täter bei weitem übersteigen. Doch Fußballfanszenen sind oftmals wie ein Dorf. Jeder kennt fast jeden, über wenige Ecken kennen sich alle. Dies hat Folgen für die Gewalt: Anzeigen werden äußerst selten erstattet. Zu groß ist oft die Angst der Betroffenen, in der Fanszene isoliert zu werden. Oder auch davor, dass die Polizei keinen ausreichenden Schutz gewährleisten kann. So berichten Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt unisono, dass sie überraschend wenig Kontakt zu Fußballfans haben. Umso größer ist die Dunkelziffer. Fälle, die nicht bekannt werden.

Dennoch diente letztlich eine Vielzahl an Quellen für dieses Buch: ältere und neuere Fanzines, Accounts und Posts auf Facebook, VK sowie Instagram, Interviews und informelle Gespräche mit aktiven sowie ehemaligen Hooligans, Polizisten, Experten und Zeitzeugen des Fußballs der 1980er und 1990er Jahre, Fans, die sich gegen Gewalt engagieren, Wissenschaftler und Pioniere der Fanprojektarbeit sowie gerichtliche Akten, Urteile, Zeitungsberichte, Bücher und Broschüren. Und vor allem: eigene Beobachtungen, von Demonstrationen bis hin zu Kampfsportturnieren mit teilweise sehr rechtem Publikum. Mit dem Ziel, die Szene und ihre Entwicklungen zu beschreiben – für eine breite, interessierte Leserschaft.

Zu guter Letzt sei noch auf den Unterschied zwischen Verstehen und Verständnis hingewiesen: Verstehen bedeutet, Logiken und Denkweisen ein Stück weit nachvollziehen zu wollen, um einordnen zu können, was Hooligans zu Gewalt bewegt, wie sie diese organisieren und welchen Einflüssen sie unterliegen. Verständnis hingegen würde Sympathie oder gar Unterstützung bedeuten. Somit bietet dieses Buch Streifzüge durch die von Gewalt geprägte Welt der Hooligans. Es gibt Einblicke und versucht sich dabei weder verharmlosend noch alarmistisch zu geben.

Kurze Geschichte der Fußballgewalt in Deutschland

40 Jahre Hooliganismus

Seit über 40 Jahren versetzen Hooligans die europäische Fußballwelt in Aufruhr. Sie sorgten für verwüstete Innenstädte, Strafen der Fußballverbände sowie die Entstehung ganzer wissenschaftlicher und pädagogischer Stränge. Die Landschaft der Fanprojekte würde ohne sie ebenso wenig existieren wie das „Nationale Konzept Sport und Sicherheit“ (NKSS). Stets war dabei umstritten, ob es sich bei Hooligans um ideologische Neonazis handele oder um identitätssuchende Jugendliche aus der Arbeiterschicht, denen mehr pädagogische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit zukommen müsse. Wie man zu Hooligans auch steht: Sie haben diese Gesellschaft und insbesondere den Fußball ein ganzes Stück weit mitgeprägt.

Frankfurt: Vom „Presswerk“ zur Yogaschule

Der Samowar rauscht. Er übertönt für einen kurzen Moment die meditative Musik, die uns leise aus dem Nebenzimmer begleitet. Dort liegen weiche Matten, symmetrisch geordnet auf dem hellen Parkett, mit Kissen bestückt für die jüngst eröffnete Yogaschule. Ein großer Raum im Erdgeschoss der kleinen Villa, in der wir uns treffen. Es ist ein ehemaliges Wohnund Esszimmer inmitten des rheinischen Worms. Es gibt Tee und Gebäck. Alles ist sehr stilvoll eingerichtet, von seichten, pastellenen Farben und kleinen Verzierungen getragen. Warum ich dieses Buch schreibe, fragt mich mein Gesprächspartner. „Weil ich es wichtig finde, die Szene zu beschreiben, auch Dinge zu kritisieren. Und Sachlichkeit in die mediale Panik um Fußballfans zu bringen“, antworte ich. Thomas Oetker nickt. Er sitzt in seinem Sessel, ein Bein hochgeschlagen. Jeans und Trainingsjacke. „Ich war lange dabei“, beginnt er.

1978 kam Oetker zur Frankfurter Eintracht. 15 Jahre alt war er da. Er war oft der Jüngste und habe zu den Älteren aufgeschaut, sagt er. „Die Gewalt war damals schon wichtig, dabei waren wir kaum Hooligans. In jeder Halbzeit haben wir versucht, den Gästeblock im Waldstadion zu stürmen. Ein liebgewonnenes Ritual.“ Oetker trägt damals noch seine eigene Kutte mit großem „United“-Aufnäher seines Fanklubs auf dem Rücken, wie er betont. „Damals war äußerlich kaum zwischen friedlichen und gewaltbereiten Fußballfans zu unterscheiden.“ Kölner Fans hätten später zuerst Militärjacken der britischen Soldaten getragen, die nahe der Domstadt stationiert waren. Danach, erinnert er sich, kamen die Bomberjacken durch die Skinheads auf, auch Marken wie Chevignon wurden populär. Man hob sich stilistisch ab, versuchte in der Öffentlichkeit nicht mehr als Fußballfan erkennbar zu sein.

Der Fußball war damals, zu Beginn der 1980er Jahre, noch übersichtlich – selten englische Wochen, kaum verzerrte Spieltage von Freitag bis Montag. Samstag, 15:30 Uhr hieß es: Fußball und Gewalt. Doch einigen reichte der Samstag nicht aus. „Uns war am Sonntag langweilig. Deshalb haben wir 1983 das ‚Presswerk‘ gegründet. Zuerst waren wir gar keine Hooligans von Eintracht Frankfurt. Wir hatten auch Gladbacher und Nürnberger dabei“, erinnert sich Oetker. Die „Presswerker“ – was Oetker noch immer in einem leicht sentimentalen Ton ausspricht – kamen aus Rüsselsheim, arbeiteten zum Teil bei Opel. Dort gab es ein Presswerk. „Der Name entstand in einer Bierlaune.“ Die Gruppe besuchte über Jahre hinweg jeden Sonntag die Spiele des SC Opel Rüsselsheim in den unteren Amateurligen.

Das Frankfurter Fanprojekt stellt 1986 einen Mitarbeiter für zwei Jahre ab. Er soll sich aufgrund der steigenden Gewalt um „Presswerk“ beim SC Opel in Rüsselsheim kümmern. In seine Arbeitszeit fällt auch eine Schlägerei im August 1986, die für den 19-jährigen Punker Uwe Richter tödlich endet. Ein ehemaliges Mitglied der „Presswerker“, das gerade eine Haftstrafe verbüßt hatte, verletzte ihn schwer durch Tritte gegen den Kopf. Die Freunde des Opfers, die sich im nahegelegenen Raunheimer Jugendclub „Perla“ trafen, reagieren empört und organisieren öffentliche Protestaktionen. Dabei übergießt sich eine Frau symbolisch mit Ketchup. „Presswerk schlägt zu – Ihr schaut nur zu“, steht auf dem Transparent dahinter und klagt die „faschistoiden Schläger“ an.

Die Debatte um den Todesfall kocht hoch. Thomas Oetker schreibt am 23. August 1986 einen Leserbrief an das „Rüsselsheimer Echo“. Darin distanziert er sich vom Täter: „Ich möchte ein klares Dementi zur Lage abgeben: Der 22-jährige Täter war Mitglied im Fan-Club Presswerk. Durch seine Inhaftierung kam es zwangsläufig zum Abbruch der Kontakte. Nach seiner Entlassung war er nicht mehr Mitglied in unserem Fan-Club“, heißt es darin. „Ein Opfer ist eines zu viel. Ich bin Presswerker, aber kein Faschist“, beendet er den Text.

Thomas Gehrmann und Gerold Hartmann verfassen 1986 im Namen des Frankfurter Fanprojekts eine Dokumentation über den Fall. Sie trägt den Titel „Ich bin Presswerker und steh auch dazu!“. Die beiden versuchen die Lage zu beruhigen und zwischen den Jugendgruppen zu vermitteln. Es kommt zu einem Treffen. Man tauscht sich aus über Fußballfans, das „Presswerk“ und den Umgang miteinander. Letztlich veranstalten die Jugendlichen aus dem „Perla“ ein Festival mit dem Titel „Toleranz statt Arroganz“. Auch Mitglieder des „Presswerks“ nehmen daran teil und verlesen eine Stellungnahme zu den Vorfällen. Der Dialog hat Ergebnisse gebracht.

Zudem diskutieren die „Presswerker“ auch intern. Es ist teilweise wörtlich in der Dokumentation von Gehrmann und Hartmann wiedergegeben. Einer von ihnen, „Pfälzers Kumpel“ genannt, sagt zum Thema Rechtsextremismus: „Wenn ich ‚Sieg heil‘ brülle, dann habe ich nicht im Hinterkopf: Rechts, ein paar Millionen Juden, die Kanaken alle in den Ofen. ‚Sieg Heil‘ ist einfach ein starker Ausdruck. Das hat mit dem NSRegime doch überhaupt nichts zu tun. Und das Hakenkreuz sieht doch genial aus, mir gefällt’s.“ „Pfälzer“ selber widerspricht sofort: „Das ist ein faschistischer Ausdruck. Wenn du den benutzt, wirst du als Faschist abgestempelt. Das ist scheiße!“

Kaum ein Dokument beschreibt so nah, wie die Gruppe ihre politischen Ansichten bespricht, mit sich selber beschäftigt ist, auf öffentlichen Druck reagiert – widersprüchlich und ehrlich, gewaltbegeistert und zum Teil um Reflektion bemüht. „Dieser Vorgang ist vor allem darauf zurückzuführen, dass innerhalb der Gruppe unterschiedliche politische Positionen vorhanden sind und diskutiert werden – der deutschtümelnde Nationalist, der bürgerliche Konservative, der Gewerkschafter und Sozialdemokrat und der Anhänger der autonomen Gruppen stecken ihre Positionen ab“, fassen die Autoren die Entwicklung letztlich zusammen.

Oetker blickt heute leicht frustriert zurück: „Zwei Leute von uns haben für die ‚Aktion Ausländerrückführung‘ einmal zur Kommunalwahl kandidiert. Ab da galt die ganze Gruppe als rechts. Dabei war das eine Minderheit. Doch den Stempel wurden wir nie wieder los.“ Die Gruppe sei viel heterogener gewesen – auch Punks und Skinheads hätten teilgenommen. „Wir haben auch darüber geredet, aber wichtiger war letztendlich, dass es schepperte. Wir waren auch auf der Startbahn West und bei den Protesten gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage 1986 in Wackersdorf. Hauptsache, es war etwas los“, beschreibt er den Charakter des „Presswerks“.

Es scheppert nicht nur beim Fußball. Gemeinschaft und Action, Bier und Erlebnis liegen nahe beieinander. „Wir sind damals aus vielen Kneipen rausgeflogen und bekamen ständig Ärger. Deshalb haben wir uns dann den ‚Burggrafen‘ in Rüsselsheim besorgt, unsere eigene Kneipe. Da konnte uns keiner rauswerfen! An genaue Jahreszahlen erinnere ich mich kaum noch, das ist alles zu lange her. Aber ohne den ‚Burggrafen‘ wäre die Gruppe auseinandergefallen“, erinnert sich Oetker. Der Laden wird zum Zentrum der Gruppe. Der Ort ist Oetker so wichtig, dass er ihn Mitte der 1990er Jahre übernimmt und zwölf Jahre führt. Zuvor hatte er eine Lehre als Motorradmechaniker sowie eine Ausbildung zum Sportlehrer absolviert.

Durch „Presswerk“ war Oetker in den 1980er Jahren zum Boxen gekommen und führt dies nun im „Burggrafen“ fort: Im Keller richten sie ein eigenes Box-Gym ein und melden einen Verein an: „Presswerk“. Sie werden Mitglied im Boxverband und nehmen an Turnieren teil. Die Firma „Hooligan“ wird Sponsor, sie tragen den Schriftzug groß auf ihrer Sportkleidung. Doch der Boxverband interveniert. „Presswerk“ zieht sich zurück, trainiert nur noch für sich und begründet eine eigene Tradition: „Aus einer Bierlaune heraus kämpfte ich zur Weihnachtsfeier gegen einen Kumpel. Das haben wir dann jedes Jahr gemacht.“ Fortan veranstalten sie Boxturniere zur Weihnachtszeit. Mitten in der Kneipe werden Seile gespannt. Hundert Menschen drängen sich nah am Ring, Rauchschwaden und Biergeruch durchziehen den Raum. Hooligans aus anderen Städten – u. a. Gelsenkirchen und Duisburg, mit denen man sich früher telefonisch verabredete – treten an. Das Event ist beliebt, die Szene kommt stets zusammen.

Die Zeit hat Oetker geprägt. „Ich hatte zu viel Energie und musste sie loswerden“, blickt er zurück und gießt uns Tee nach. Bis 2006 war er Mitglied im „Presswerk“. „Es war meine Ersatzfamilie. Meine Mutter war Stewardess und kaum zu Hause. Mit den Jungs fühlte ich mich wohl.“ Von seinem Vater spricht er nicht. Doch umso mehr von Orten, an denen es „gescheppert“ hat, mit dem „Presswerk“, aber auch auf Fahrten mit der Nationalmannschaft. 1984 scheppert es in Straßburg. Oetker sitzt ein paar Stunden mit dem berüchtigten Dortmunder Neonazi „SS-Siggi“ Borchardt im Knast. „Der wollte sich darstellen, hat den dicken Max gemacht“, erinnert sich Oetker. 1986 fliegt er zur WM nach Mexiko, doch mit knapp 30 Leuten reicht es nicht für Action. Anders zur EM 1988 in Deutschland: Auch Oetker ist bei den Kämpfen in der Hamburger Hafenstraße dabei, als es dort kracht. Er besucht die WM 1990 in Italien und berichtet, wie enttäuscht die deutschen Hooligans von den ausbleibenden Kämpfen mit den Engländern im Halbfinale waren. Schweden 1992 lässt er ebenso aus wie 1994 die USA. Doch 1996 besucht er England zur EM und erfährt 1998 im Wohnmobil auf dem Heimweg aus Lens, was dort am Vortag dem französischen Gendarmen Daniel Nivel widerfahren ist.

Es ist die Zeit, zu der Oetker zum ersten Mal spürt, dass sich etwas in ihm ändert. „Mit den ostdeutschen Hooligans kam ein neuer Wind auf. Die waren trainiert und gut organisiert. Da war spürbar: Hier entsteht etwas Neues.“ Während sich die westdeutschen Hooligans zu Länderspielen stets zusammengefunden hatten, machten die BFCer aus Berlin immer „ihr eigenes Ding“, erinnert er sich. „Und 1997 hatten wir zwei Auseinandersetzungen mit Hooligans aus Chemnitz und Zwickau. Das erste Match haben wir auswärts brutal verloren. Der Rückkampf – ausgemacht für den Frankfurter Ostpark – verloren wir ebenso. Die formierten sich wie eine Schildkröte nach römischem Vorbild. Wir waren verstreut und boxten unorganisiert drauflos.“ Um diese Zeit entstanden die sogenannten Matches, verabredete Kämpfe jenseits von Spieltagen, an geheimen „Drittorten“. „Das war alles nicht mehr meins. Ich boxte zwar, aber die waren richtig trainiert. Die fuhren stundenlang durch Deutschland für zwei Minuten Kampf. Mir fehlte der Spaß daran. Ich war auch schon um die 40 und wollte nicht mehr gegen 20-jährige Kampfsportler antreten“, resümiert Oetker seinen Ausstieg. Der noch eine Weile dauerte. Er hängt an der Szene und ihrem intensiven Lebensstil. Erst 2006 verlässt er den „Burggrafen“ und damit auch die Gruppe.

Oetker findet zum Yoga und denkt viel über seine Erfahrungen nach. Er hat spürbar Distanz aufgebaut. „Manche der alten Bekannten sind an Drogen gestorben. Sie haben den Absprung nicht mehr geschafft und konnten nicht loslassen. Vom ‚Presswerk‘ gehen heute nur sehr wenige mit auf den Acker.“ Die „Brigade Nassau“, eine andere, Mitte der 1990er Jahre gegründete Hooligangruppe aus Frankfurt, habe das übernommen. „Ich habe nur noch ab und zu Kontakt, manchmal erzählen mir die Jungs noch was.“

Auf nahezu drei Jahrzehnte Hooliganismus kann Oetker in seiner eigenen Biografie zurückblicken. In dieser Zeit nahm er an mehreren Veränderungen der Szene teil: Erst entstanden die Hooligans aus gewalttätigen Fanklubs, durch modische Einflüsse grenzte man sich zusehends ab. Zudem erlebte er auch den Wechsel von den Fußballrandalen hin zu abgemachten „Matches“ an geheimen Orten. Nicht zuletzt betrieb er mit dem „Burggrafen“ einen wichtigen Treffpunkt der Szene und begründete mit den Boxturnieren ein Event, das bis heute beliebt ist. Oetker war umtriebig in der Szene. Heute leitet er Yogakurse und zweimal pro Woche Boxtrainings im lokalen Gym. „Ich habe meine Ruhe gefunden“, sagt er zum Abschied und bringt mich zur Tür. In einer Stunde beginnt der abendliche Kurs.

Zuschauergewalt

Hooliganismus ist keine Erfindung des Fußballs. Und Gewalt im Sport keine Erfindung der Hooligans. Denn wie historische Studien zeigen, ist Gewalt von Zuschauern im Umfeld von Sportereignissen seit der Antike nachweisbar. Bereits unter Tacitus gab es „Stock- und Peitschenträger“ zur Wahrung der öffentlichen Ordnung, in Delphi wurde um 450 vor Christi gar ein Alkoholverbot im Stadion erlassen, um Randale zu vermeiden. Die Stadt London verfügte 1314 ein Ballspielverbot, da es wiederholt zu Ausschreitungen gekommen war. So zieht sich das Phänomen von gewalttätigem Zuschauerverhalten durch die Jahrhunderte. Stets dienten die Spielimpulse und die Identifikation mit dem Team zum Anlass.

Hooligans hingegen fanden sich lange Jahrzehnte gar nicht im Fußball, sondern als randalierende Jugendbanden in den wachsenden Städten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Dabei ist die Geschichte des Begriffs unklar. Er soll auf die irische Familie „O’Hoolihan“ zurückgehen, die im 18. Jahrhundert angeblich für diverse Prügeleien auf Dorffesten sorgte. Doch ist umstritten, ob die Familie wirklich existierte. Danach taucht der Begriff unregelmäßig und an verschiedenen Orten auf. Einziger Zusammenhang: der irische Ursprung. 1898 findet sich der Name in einem Londoner Polizeibericht über den Iren Patrick Hoolihan mit dem Spitznamen „Hooley“. Er war Anführer einer Jugendbande namens „O’Hooligan Boys“ im Londoner Stadtteil Lambeth. Auch in den Vereinigten Staaten war der Begriff durch irische Einwanderer bekannt. So existierte in den 1930er Jahren eine Bande von Italo-Amerikanern in Ocean Hill, New York. Sie nannten sich „Ocean Hill Hooligans“. Zudem traten Hooligans ab den 1950er Jahren als Rowdys und Störer bei Tanzveranstaltungen auf der britischen Insel auf.

Ebenso wie die Gewalt von Zuschauern hat auch die Gewalt im Fußballspiel selbst eine lange Tradition: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden erst das Tragen von eisenbeschlagenen Stiefeln sowie Tritte gegen das Schienbein verboten, später auch das Schlagen. 1884 werden erstmals Schiedsrichter eingesetzt. Ab 1909 kommt der Platzverweis, erst ab 1970 kommen Gelbe und Rote Karten zum Einsatz. Daran wird deutlich, dass Fußball über Jahrzehnte bei weitem nicht so technisch filigran und rasant wie heutzutage war, zumal die Verregelung mit jedem Beschluss der Verbände für neue Strafen und Techniken weitergeht.

Nicht zuletzt waren auch moderne Fankulturen schon vor den Hooligans zum Teil gewalttätig. Dies begründet sich unter anderem in ihrer Herkunft aus proletarischen Milieus, in denen körperliche Gewalt nahezu zum Alltag gehörte. Rudolf Oswald schildert in seinem Text „Von Tschammer und Osten – dein Pokal soll verrosten“ vielfache Fälle von Zuschauergewalt bereits in den 1920er Jahren. Der Fußball seinerzeit ist von lokalen und regionalen Derbys geprägt. Bei Spielen zwischen den Mannheimer Vereinen Waldhof und VfR beispielsweise kommt es zwischen 1922 und 1933 zu mehr als 50 schweren Ausschreitungen. Nachdem sich die Lage in den 1960er Jahren beruhigte, entstehen in proletarischen Milieus die „Fanatics“ – Fans –, die ihre Identifikation mit dem lokalen Verein und die Abgrenzung zum Gegner schon vor den 1980er Jahren durch Prügeleien ausleben: Im Oktober 1974 beispielsweise lösen Anhänger von Schalke 04 einen Zaun in der Nordkurve der Kölner Radrennbahn, was zu intensiven Handgemengen führt, im Herbst 1975 verprügeln Essener Fans Duisburger Ordner im Stadion und im Oktober 1976 berichtet die „FAZ“ über Randale in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Auch der DFB reagierte seinerzeit auf das Phänomen. Der damalige Präsident Hermann Neuberger sprach schon im Dezember 1976 im Pressedienst des Verbandes von „bedrohlichen Entwicklungen“ und forderte eine energische Strafverfolgung. So gilt bereits für die Jahre vor der Entstehung der Hooliganszene, was der Bielefelder Wissenschaftler Wilhelm Heitmeyer 2007 zum Setting des Fußballs sagte: Die Gewalt werde begünstigt durch die Motivationsstruktur, sich aggressiv durchzusetzen, ein männerdominiertes Milieu, in dem Körperlichkeit von Wert ist, relativ homogene Kollektive, verdichtete Orte wie Bahnhöfe oder Stadien sowie die Verfügbarkeit von klaren Feindbildern.

Eine Jugendkultur aus England

In den 1960er Jahren finden sich Hooligans immer stärker im britischen Fußball wieder. Dieser professionalisiert und kommerzialisiert sich enorm zu jener Zeit. Es entstehen die ersten „Firms“. Ihre Mitglieder kommen zumeist aus der Arbeiterschicht, nutzen den Fußball und ihre Gewalt für eine öffentliche Präsenz und zum Protest. Sie identifizieren sich sowohl mit ihrem Klub als auch mit ihrem Stadtteil, suchen die extreme Abgrenzung zu den Gegnern. In den 1970er Jahren entwickeln sich die Hooligans zur dominanten Jugendkultur in England, erarbeiten sich einen internationalen Ruf, der bis heute gilt. Darunter sind „Firms“ wie die rechtsextremen „Headhunter“ vom FC Chelsea aus London, die in den 1960er Jahren als „Chelsea Shed Boys“ gegründet wurden. Oder auch die „Inter City Firm“ bei West Ham United. Ihrer Rivalität mit den Hooligans des FC Millwall, den „Millwall Bushwackers“, ist der Film „Green Street Elite“ gewidmet. Sie umfassen bis zu 500 Menschen, liefern sich ihre Duelle und Prügeleien im Umfeld der Fußballspiele, in den Stadien und davor. Gemeinsam fahren sie zudem zur Nationalmannschaft.

Die Gewalt der Hooligans und die dramatischen Ereignisse im Brüsseler Heysel-Stadion 1985 sowie in Sheffield 1989 sorgen für weitreichende Konsequenzen im internationalen Fußball. Am 29. Mai 1985 sterben in Brüssel 39 Menschen durch eine Massenpanik – ausgelöst von Liverpooler Anhängern, die den mit Fans von Juventus Turin besetzten Block Z stürmen wollen. Die in Panik geratenen Zuschauer werden gegen eine Mauer gedrückt und niedergetrampelt. Schließlich bricht die gesamte Mauer zusammen und begräbt weitere Menschen unter sich. Nach dieser Katastrophe werden die meisten englischen Vereine für fünf Jahre von allen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen, der FC Liverpool sogar für sechs. Außerdem werden bauliche Veränderungen an Stadien vorgenommen, die als Austragungsort größerer Spiele oder Turniere in Frage kommen – dazu gehört auch die Abschaffung von Stehplätzen bei internationalen Wettbewerben.

Die Katastrophe von Hillsborough in Sheffield am 15. April 1989 (nur vier Jahre nach Heysel), bei der nach einer Massenpanik und falscher Polizeitaktik 96 Liverpool-Anhänger sterben, trägt schließlich dazu bei, dass in englischen Stadien die Stehplätze komplett abgeschafft werden und man somit ein neues Publikum in die Stadien lockt. Die britischen „Firms“ gibt es zwar noch immer – aber die Gewalt musste die Stadien weitgehend verlassen.

Darüber hinaus hatte sich die Szene der britischen Hooligans im Laufe der Jahre ausdifferenziert. Trugen viele von ihnen in den Anfangsjahren klassische Fanbekleidung in Vereinsfarben, entstanden in den 1970er Jahren die „Casuals“. Sie kleideten sich mit teuren Marken – insbesondere Adidas-Sneakers, Burberry-Schal und Stone-Island-Windbreaker waren gefragt. Der ehemalige „Casual“ Peter Hooton beschrieb jene Zeit in einem Interview mit der schottischen Tageszeitung „Herold Scotland“ 2005 so: „Man schrieb das Jahr 1981, und Liverpool stand mal wieder im Finale des Europapokals der Landesmeister. Das Endspiel sollte in Paris unter der Woche stattfinden, doch Tausende Reds-Fans waren schon am Wochenende zuvor aufgebrochen. Auf der Fähre Richtung Frankreich machte dann das Gerücht die Runde, dass es in Paris einen Laden namens ‚The Adidas Centre‘ geben solle. Dort würden Modelle verkauft werden, die man nirgendwo sonst auf der ganzen Welt bekommen könnte. Auf der Suche nach dem Heiligen Gummisohlen-Gral zogen Hunderte Liverpool-Hooligans das ganze Wochenende von Sportgeschäft zu Sportgeschäft, ohne jedoch fündig zu werden. Es war wohl bloß ein Mythos. Ab Montagmorgen hatten dann alle Pariser Sportgeschäfte entweder dichtgemacht oder Security vor der Tür stehen.“ England prosperierte wirtschaftlich zu der Zeit, die Arbeiterkinder wollten daran teilhaben. Nicht immer waren die Sachen gekauft, oftmals nutzten die Hooligangruppen ihre Macht und Gewalt, um plündernd durch die Geschäfte zu ziehen. Zudem diente die Kleidung als Tarnung: In teuren Sportklamotten oder gar feinen Anzügen ließen sich die Hooligans nicht so einfach von der Polizei erkennen.

Durch die internationalen Begegnungen entdecken auch deutsche Fußballfans die Szene der Hooligans. Die ersten Hooligangruppen gründen sich Ende der 1970er Jahre, viele Anfang der 1980er: die „Borussenfront“ in Dortmund, die „Anti-Social-Front“ in Offenbach, die „Gelsenszene“ auf Schalke, die „Destroyer“ in Karlsruhe. Dabei ist der Tod von Adrian Maleika 1982 in Hamburg ein entscheidender Moment: Nicht nur bleibt der Bremer Fan dem Gedächtnis des Fußballs als erster Toter in Erinnerung. Vielmehr setzt nach seinem Ableben eine gesellschaftliche Debatte um Fangewalt ein, und die polizeiliche Repression steigt. Daraus resultiert ein größerer Druck für Fans, sich gegen Gewalt zu positionieren und von gewalttätigen Anhängern zu distanzieren. Diese forcierte Fantrennung treibt die Entwicklung der Hooligans als eigene Szene voran; zuvor waren viele Fans zwar gewalttätig, aber wenig organisiert.

Dabei stehen bzw. bahnen sich große Teile dieser Jugendkultur schnell den Weg nach rechts. „Hooligans FFM“ aus Frankfurt beispielsweise verkleben 1988 Aufkleber, auf denen drei Männer über den Rand einer Zeitung linsen. „Vorsicht Zivis“ steht dabei. Die Ästhetik erinnert an antisemitische Karikaturen der Nationalsozialisten aus den 1930er Jahren. In Berlin wiederum kündigen Hertha-Hooligans vor dem Länderspiel zwischen dem deutschen und dem türkischen Team im Oktober 1983 „Aktionen gegen Ausländer“ an, im August 1987 randalieren sie in Berliner U- und S-Bahnen, schmieren dabei Nazi-Parolen an die Wände, und im Juni 1989 stechen sie einen türkischen Mann bei einer Massenschlägerei nieder. Mit derlei Berichten auch von anderen Orten ließen sich ganze Bücher füllen. Rufe wie „Jude, Jude“ gegen Schiedsrichter und „Asylanten, Asylanten“ gegen gegnerische Spieler sind zeitweise eine regelmäßig anzutreffende Normalität in den Stadien. Das von rhythmischem Klatschen begleitete „Sieg“ wird nicht selten durch ein „Heil“ ergänzt.

Auch die Fanzines der einzelnen Hooligangruppen – nahezu jede hat seinerzeit eins – strotzen nur so vor rechtsextremer Symbolik. Auf der ersten Ausgabe des Zines der Oldenburger „Hooligans Fighters“ prangt prominent ein White-Power-Zeichen, im „No-Name“ Nr. 3 der „Waldhof Power Speyer“ findet sich eine Zeichnung „Hooligans gegen Links“ vor einer Reichskriegsflagge. In einer anderen Ausgabe werden Bilder der Comicfigur „Werner“ spielerisch pro rechts eingesetzt. So geht es Ausgabe für Ausgabe: Die durchaus liebevoll selbstgemachten Hefte sind gefüllt mit Gegnerbeschimpfungen, kleinteiligen und gewaltvollen Berichten über Auswärtsfahrten und alkoholisierte Randale sowie popkulturell beeinflusster rechter Symbolik.

Zudem entwickelt sich die 1980 gegründete Frankfurter Band „Böhse Onkelz“ zum kulturellen Begleitprogramm der Szene. Insbesondere ihr Song „Mexiko“ vom gleichnamigen Album, das 1985 vor der anstehenden Fußballweltmeisterschaft in dem zentralamerikanischen Land erscheint, gerät zur Hymne der Hooligans. Darin heißt es in einer klassischen Mischung aus Fußball und Alkohol:

Mit ’nem Sombrero auf und Doc Martens an / So geht die Reise los / Nach Mexiko, auch ohne Geld / Wenn’s sein muss mit ’nem Floß / Und wenn wir drüben sind, drüben sind / Dann wird’s erst richtig schön / Wir werden unsere Mannschaft wieder siegen seh’n!

Die Böhsen Onkelz ziehen mit ihren größtenteils männerlastigen und von Alkohol gesättigten Liedern ein sehr rechtes Publikum an, unter ihnen viele Hooligans. Kritiker werfen der Band zudem Lieder wie „Türken raus“ aus dem Jahr 1981 vor, in dem es heißt: „Türkenpack, raus aus unserm Land, geht zurück nach Ankara, denn ihr macht mich krank.“ Über Jahre entspannt sich eine hitzige Debatte um den politischen Charakter der Band. Auch das verbindet sie zeit ihres Bestehens mit der Hooliganszene. Bis heute füllen altgewordene Hooligans die Touren der Band auf deren Retro-Konzerten seit 2014.

Darüber hinaus orientierte sich die Hooliganszene der 1980er Jahre kulturell zuerst an England, später kamen weitere internationale Einflüsse hinzu, die sich auch im weiteren Verlauf dieses Buchs finden. Hooligans in Deutschland trugen in den 1970er Jahren erst klassische Kutten, hatten keine eigene Szenekleidung jenseits der liebevoll verzierten Jeansjacken mit Aufnähern. In den 1980er Jahren wirkte die Jugendkultur der „Popper“ auf die Hooligans ein. Zusammen mit dem britischen Einfluss der „Casuals“ bildete sich eine Hooliganszene heraus, die Sneaker und Chevignon-Jacken für sich entdeckte. Es folgte eine Phase der Bomberjacken, deren Vorbild die amerikanischen GIs waren. Bis heute existieren zwei kulturelle Stile der Hooligans in Deutschland: Einerseits die modebewussten „Casuals“, die sich durch qualitativ hochwertige und teure Kleidung abheben. Andererseits die „klassischen“ Hooligans, die durch Jogginghose, Turnschuhe und Gürteltasche ihre Gewaltbereitschaft ausdrücken.

Der politische Einfluss aus England blieb derweil über Jahrzehnte erhalten. Ebenso wie die englische Szene standen auch die deutschen Hooligans über Jahrzehnte mehrheitlich – wenn auch nicht komplett – sehr weit rechts. Viele Gruppen haben ihre Gewalt nicht nur im Stadion ausgelebt, sondern sind nach Spielen und unter der Woche durch die Innenstädte auf der Jagd nach Opfern ihrer rassistischen Gewalt gezogen. Der Aachener Politologe Richard Gebhardt nannte das Selbstverständnis der Hooligans als „unpolitisch“ deshalb eine „Lebenslüge“.

Darüber hinaus sammelten sich große Teile der rechten Hooligans in England ab 2009 in der „English Defense League“ (EDL), einer rassistischen und vor allem islamfeindlichen Bewegung. Regelmäßig organisiert die EDL Demonstrationen, zuweilen in von Muslimen dominierten Städten und Stadtteilen. Oft kommt es dabei zu Prügeleien. Die EDL war zeitweise sehr mobilisierungsfähig und versuchte stets, Spannungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu erzeugen bzw. zu verschärfen. Als Islamisten im Mai 2013 in London den Soldaten Lee Rigby ermordeten, marschierten EDL-Anhänger noch am selben Tag grölend durch die Straßen. In Newcastle trommelte die Organisation ihre Leute zu deren bisher größter Demonstration zusammen. Die Familie des Ermordeten distanzierte sich von der EDL. Die deutschen „Hooligans gegen Salafisten“ jedoch nahmen sich die EDL zum Vorbild. Sie beobachteten die Tätigkeiten über Facebook und wollten eine eigene Bewegung nach dem britischen Beispiel gründen.

Vernetzung im Fantreff

Hooligans entstanden zu einer Zeit ohne Internet, ohne Smartphones, ohne Chats, Messengerdienste oder E-Mails. Und dennoch war die deutsche Hooliganszene seinerzeit vernetzt. Hierzu dienten zum einen die Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft, zum anderen der „Fantreff“. 1986 zunächst als Sprachrohr friedlicher Fans entstanden, entwickelte sich dieses Fanzine rasch zum zentralen Organ der Hooliganszene, mit einer Auflage von 3.000 Heften und bundesweitem Vertrieb. Der „Fantreff“ verstand sich als „Das Sprachrohr der Fans“, was im Laufe der Zeit stärkere Kritik einbrachte. Denn der Inhalt wurde immer rechter und enorm gewaltverherrlichend. „Fantreff“ brachte es bis 1995 auf 88 Ausgaben und blieb dabei stets nah an der Szene. Politisch betrachtet, vertrat der „Fantreff“ eine Mischung aus typisch jugendkulturellem Patchwork und offen rechtsextremen Inhalten. Grußworte der NPD wurden ebenso abgedruckt wie Berichte von eher fußballfernen Skinheadgruppen und Kameradschaften wie der Hofheimer „Taunusfront“ (37/1989).

Die Kriterien für die eingesandten Artikel und Berichte waren unterdessen deutlich: „Leider mussten auch diesmal einige Skripts von euch unberücksichtigt bleiben, entweder entsprechen sie nicht dem humanen Charakter dieser Zeitung (waren also gut und objektiv), oder sie fielen mangels Klasse (immer noch nicht ‚blutrünstig‘ genug) durch die Bewertungsmaschinerie“, hieß es augenzwinkernd im Vorwort zu Ausgabe 36, Jahrgang 1989. Die Bildsprache war passend gewählt: Neben Fotos von Fankurven fanden sich Männergruppen mit Bier und aktionsreiche Aufnahmen von Polizeieinsätzen. Zudem betrieb das Fanzine das für seine Zeit und für Jugendkulturen prägende Patchwork, welches auch schon in den lokalen Fanzines zum Tragen kam: ein selbstgemachtes Puzzle aus Symbolen und Codes, rechten Zeichen und Comicfiguren neben Büsten Stalins, mit denen z. B. die „Rot-Front“ aus Kaiserslautern provozieren wollte.

Mittendrin waren aber auch Anzeigen für Bücher des Wissenschaftlers Gunter A. Pilz zur Fankultur sowie gesellschaftspolitische Beiträge des Adorno-Schülers und Fanprojektmitarbeiters Dieter Bott zu finden – aus heutiger Perspektive eine skurrile Mischung. Denn Bott äußerte sich sehr kritisch. Im Text „Soziologe langweilt sich beim FAN TREFF-Lesen! Seine Kritik“ (43/1990), schrieb er: „Die Redaktion begründet den Abdruck der immergleichen Hooligan-Berichte mit dem Hinweis, dass Gewaltförmigkeit ein Teil der Wirklichkeit ist, der nicht unterschlagen werden darf. Das kommt mir vor wie Heuchelei. Denn kein einziger dieser Frontberichte beschreibt auch nur annähernd die Wirklichkeit. Kein einziger hat den Mut, über den Stress, den Schiss und die Opfer zu schreiben, die eine sogenannte ‚geile Boxerei‘ bedeuten.“ Und weiter: „Längst häufen sich auch im FAN TREFF die Hinweise darauf, dass sich an die angeblich selbst verordneten ‚Spielregeln‘ (Nicht gegen Unbeteiligte und Kuttenträger, sondern nur auf Gleichgesinnte und ohne Waffen) so gut wie niemand mehr hält.“ Interessant an dem Text ist neben der Kritik auch die Tatsache, dass er als solcher abgedruckt worden ist. Es herrschte eine gewisse Bereitschaft zur Auseinandersetzung über die Entwicklung der eigenen Szenen – sporadische Verhandlungen des eigenen Codex.

Zugleich war Bott zwar kritisch, aber in der Szene durchaus anerkannt. Als die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften 1990 ein Indizierungsverfahren wegen Gewaltverherrlichung gegen den „Fantreff“ einleitet, bittet sie Bott um Stellungnahme. Seiner Einschätzung nach diene das Fanzine dazu, notwendige Diskussionen über Gewalt zu führen: „Wie sonst – wenn nicht öffentlich und offen über Randale von den Betroffenen geschrieben und diskutiert wird – soll sich eine vernünftige Haltung durchsetzen?“ Letztlich stellte die Prüfstelle das Verfahren ein.

Dabei tat der „Fantreff“ damals lediglich das, was andere Zines auch heute noch tun; nur in einer technisch weniger fortgeschrittenen Zeit, außen bunt, innen schwarz-weiß: Sie druckten eingesandte Berichte von Gruppen über deren Partys, Auswärtsfahrten, Kämpfe und weitere Aktivitäten ab. Zudem bot der „Fantreff“ einen eigenen „Shirt-Shop“. Für einen Preis zwischen 20 und 30 D-Mark konnten Shirts mit diversen Hooliganaufschriften erworben werden. Tiermotive waren ebenfalls beliebt, allen voran Bulldoggen. Auch Hoodies und Jogginghosen fanden sich im langsam wachsenden Angebot.

Mode spielte mit der Zeit eine zunehmende Rolle im „Fantreff“. So fasste ein Gladbacher Hooligan der „Sturmtruppen“ zusammen: „Da die Bomberjacke schon seit drei Jahren bei uns totgesagt ist, tragen wir nun Popperklamotten. Angesagt sind bei uns: Lacoste, Boss, Nike oder Armani“ (36/1989). „Bulldog Fashion“ schaltete regelmäßige Werbeanzeigen. Aufnäher konnten für 6 D-Mark plus 1 D-Mark Rückporto erworben werden. Zur WM in Italien 1990 gab es ein Special: ein T-Shirt mit dem Schriftzug „Deutschland Mob“ und einer Bulldogge mit schwarz-rot-goldener Fahne in der Pranke (41/1990). Auch eine Tipprunde und Werbung für ein Video von den Hool-Partys in Kaiserslautern und Offenbach (42/1990) wurden dargeboten, ebenso wie eine Anzeige für die damals in Fanblöcken beliebten Riesenbananen aus Plastik.

Ein breites Spektrum vorrangig westdeutscher Hooligans trug regelmäßig zum „Fantreff“ bei: „OS-Hools“ (Osnabrück), „Anti-Social-Front“ (Offenbach), „Sturmtruppen“ (Mönchengladbach), „Blue Caps“ und „Blue Army“ (Bielefeld), „Darmstadt-Hooligans“, „Rot-Front“ (Kaiserslautern), „MA Hall Boys“ (Mannheim), „Gelsenszene“ (Schalke), „MSVHools“ (Duisburg), „The Invincibles“ (Saarbrücken), „Destroyers“ (Karlsruhe), „Right Choice“ (Oberhausen), „Essener Löwen“, Hooligans aus Aachen, Hannover, Dortmund, Berlin und Düsseldorf, um nur ein paar zu nennen. Schon seinerzeit hat man sich nicht nur gegenseitig vermöbelt, sondern auch kräftig zusammen gefeiert. In Ausgabe 35 (1989) z. B. findet sich eine Anzeige für eine „Hooligan-Party“ in Kaiserslautern, zu der alle Hools außer den direkten Rivalen eingeladen sind. „Hooligans on tour“, steht darunter. Auch die Stuttgarter „Neckar-Fils“ warben in Ausgabe 37 (1989) für ihre Fahrt nach Rotterdam zum Europacupspiel.

So blieb das Zine ein buntes Potpourri des Mit- und Gegeneinanders. Denn in der gemeinsamen Faszination für Gewalt ging es vielen Autoren darum, aufzutrumpfen, die eigene Szene in ihren Erfolgen zu überhöhen. Was nicht unwidersprochen blieb und mit andauernder Zeit zu immer größeren Leserbrief-Battles der Abonnenten führte. „Ein Offenbacher“ schrieb z.B. unter dem Betreff „Ehrlichkeit“: „Ich finde die Leute, die hier im FT ihre Randale-Stories loswerden, sollten lieber bei der Wahrheit bleiben! (…) Also meine Bitte an Euch, bleibt ehrlich, auch wenn ihr mal eine Niederlage einstecken müsst. BLEIBT FAIR IM KAMPF, LASST BASEBALLER, STANGEN und MESSER zuhause, denn wir sind HOOLS und keine MÖRDER! Grüße gehen an: Alle Deutschen, die in Rotterdam waren, außer die Darmstädter“ (36/1989). So führte die Szene ihre Selbstverständigung um Ehrlichkeit, Netzwerke, wechselnde Fanfreundschaften und den Gebrauch von Waffen.

Zur ostdeutschen Szene wiederum existierten bereits vor 1990 Kontakte durch auswärtige Fahrten, die nach der Wende intensiviert wurden. Dresden, Magdeburg und Leipzig wurden zunehmend Thema. Auch der internationale Blick hatte mit Ende der 1980er Jahre begonnen. Gelegentlich finden sich Berichte über Fußball und Fans in England, Österreich, den Niederlanden, Italien – Fokus auf die rechtsextremen „Irriducibili“ von Lazio Rom – oder Griechenland (75/1993). Gerade anstehende Länderspiele der deutschen Auswahl wurden genutzt, um den Gegner zu thematisieren sowie sich zu Fahrten zu treffen.

Die Feindbilder ähnelten und wiederholten sich dabei nahezu unverändert: Polizei, Antifa, Spießbürger, Ausländer, Schwule („Grüße an die Anal-Front“ in Ausgabe 39/1989) und andere Minderheiten sowie verfeindete Hools. Wobei Letztere immerhin Respekt genossen. Somit wurde der „Fantreff“ seinem Namen zum Teil sehr gerecht: Zwar bildete er keineswegs die gesamte Fanszene ab, doch avancierte er über die Jahre zu einem zentralen „Treffpunkt“ der Szene. Hier wurde sich vernetzt, man tauschte Berichte aus und hielt die bundesweiten Gruppen zusammen, durch Gewalt in Konkurrenz und Einigkeit. Der „Fantreff“ stellte somit über Jahre eine wichtige Plattform für die gemeinsamen Interessen dar. Nach dem Aus 1995 wegen sinkender Abonnentenzahlen und der gestiegenen Konkurrenz anderer, teils sehr professionell layouteter Fanzines entstand das Magazin „Match live“ aus dem Autorenstamm.

Hooliganfahrten zur Nationalmannschaft

Eine zweite zentrale Funktion zur Vernetzung erfüllten die gemeinsamen Fahrten zu Spielen der deutschen Nationalmannschaft. „Da war nicht nur der kleine Mob der jeweiligen Stadt, da waren viele vertreten. Und das half, das Netzwerk untereinander auszubauen. Wobei es nicht immer einfach war, wenn man sich eine Woche zuvor noch beharkt hat. Das waren schon komische Momente“, erinnert sich „Dr. Love“, ein Frankfurter Hooligan, im Interview mit Michael Pettau an seine aktive Zeit. Pettau kommt selber aus der Szene, hat einen Interviewband herausgegeben und dafür mit alten „Veteranen“ bundesweit gesprochen. Das Buch heißt „Fußballrowdies“ und erschien 2012. Die Interviewten kommen unkommentiert zu Wort: manchmal erschreckend, oftmals ehrlich, nicht selten nationalistisch – zumeist alles zusammen.

Insbesondere Spiele gegen Länder, in denen es große Hooligangruppen bzw. „Firms“ gab, waren von Interesse: allen voran England, aber auch Belgien, Italien und osteuropäische Staaten. Vor allem aber die Spiele gegen die Niederlande haben ihre Spuren im Gedächtnis vieler Hooligans hinterlassen. Denn zum Mythos in der Szene geriet die Partie der DFBAuswahl gegen die Oranje-Elf im Halbfinale der Europameisterschaft 1988 in Deutschland. Während das Spiel im Hamburger Volksparkstadion ausgetragen wurde, fand neben dem Stadion des Lokalrivalen FC St. Pauli, auf dem Heiligengeistfeld, eine Übertragung auf Videoleinwänden statt – umgeben vom linken, subkulturellen Milieu.

Nach dem Spiel warteten die deutschen auf die niederländischen Hooligans. Doch die ließen sich nicht blicken. Die Stimmung schwankte, und ein anderer Feind bot sich an in der Hafenstraße, damals Symbol für die autonome Szene der Stadt. Doch die war vorbereitet. Thomas Schneider, heute Abteilungsleiter Fanangelegenheiten der DFL, schildert die Situation in seinem Buch „Fußballrandale“ von 1998 wie folgt: „Vor den Hafenstraßenhäusern standen einzelne und kleine Gruppen beisammen, Modefarbe Schwarz überwiegend, der Frauenanteil und das durchschnittliche Alter etwas höher als bei den Hooligans. Genau wie bei jenen waren viele zum erwarteten Ereignis von auswärts angereist.“ Auf der Seite der Hooligans fanden sich Hamburger, Dortmunder, Münchner, Karlsruher – Leute aus der gesamten Bundesrepublik. Auch knapp 30 niederländische Hooligans mischten mit. Man wollte der autonomen Szene endlich ein Zeichen setzen. Stärke beweisen, Macht demonstrieren und das Viertel der Szene auseinandernehmen. Die Autonomen antworteten mit Molotow-Cocktails und Wurfgeschossen, konnten die Hooligans immer wieder vertreiben. Die Randale dauerte die halbe Nacht an.

Zudem nutzten Hooligans auch jenseits von Länderspielen ihre Auswärtsfahrten immer wieder, um linke und alternative Stadtteile anzugreifen. So wollten die „Braunen Adler“ aus Frankfurt – deren Name kein Zufall war – ihre Fete zum 1. Mai 1988 im alternativen Stadtteil von Gießen begehen. Ein lokales Bündnis wusste dies zu verhindern. Doch standen Besuche in der Hafenstraße für auswärtige Hooligans bei Spielen gegen den HSV oder St. Pauli stets auf dem Programm.

Im Nachhinein schildern Hooligans der 1980er Jahre das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Niederlande in Rotterdam 1989 als einen weiteren Höhepunkt der damaligen Szene. Es war ein Qualifi-kationsspiel zur WM 1990 in Italien. Niederländische Hooligans galten weiterhin als wichtigste Gegner – neben England. Das Spiel endete 1:1. Doch schien dies nebensächlich, es kam zu schwersten Krawallen. Hooligans aus ganz Deutschland waren zu dem Spiel angereist. „Jeder, der in Rotterdam war und diese tausend Leute gesehen hat – tausend Leute, die wirklich Gewalt wollten, keine Mitläufer –, der wird sich an das riesige Potential erinnern. Das ist nie wieder erreicht worden“, erinnert sich der Braunschweiger Hooligan „Henry“ im Interviewband von Michael Pettau. Auch in Ausgabe 35 (1989) des „Fantreffs“ wird die Fahrt zum Länderspiel des DFB in Rotterdam ausführlich und begeistert beschrieben: „In Holland wurden sofort die Käsköpp angepöbelt, und die Reichskriegsflagge durfte natürlich nicht fehlen. (…) Dieser Riesen-Mob war gigantisch.“

So dienten die Fahrten zu Spielen der deutschen Nationalmannschaft als verbindendes Element in der Szene. Der Nationalismus, der mit Hass und Gewalt gegen die Fans und Hooligans anderer Länder einherging, verband die deutschen Hooligans zumeist über lokale Rivalitäten hinweg. Zudem boten die gemeinsamen Fahrten zu Länderspielen jenseits des „Fantreffs“ und abseits der Bundesligaspieltage die einzigen Möglichkeiten, sich zu treffen und Kontakte zu pflegen – nicht selten ging dies mit Angriffen auf Migranten und dem Skandieren rechtsextremer Parolen einher.

Kühnens Strategie: Hooligans als moderne SA

Auch rechtsextremen Parteien blieb nicht verborgen, wie gewalttätig und teilweise offen neonazistisch viele Hooligangruppen auftraten, und versuchten, dies für sich zu nutzen. Der Kameradschaftsführer Michael Kühnen rief Anfang der 1980er Jahre in einem Strategiepapier des Rundbriefs „Die innere Front“ zur Rekrutierung auf: „Kameraden, lasst uns verstärkt die Fußball-Fans für uns gewinnen, um sie als gewalttätiges Potential für uns einsetzen zu können. Mitglieder verschiedener gewalttätiger Neonazigruppierungen wurden und werden vor allem in die jeweiligen führenden Fanclubs eingeschleust. Von dort aus versuchen sie dann, im Stadion noch mehr Fuß zu fassen“, schrieb er. Kühnens Ziel bestand dabei weniger darin, Vereine zu übernehmen oder ganze Fanszenen zu unterwandern. Vielmehr sollten gewalttätige Fans aus den entsprechenden Gruppen rekrutiert werden, um eine moderne SA für den politischen Straßenkampf aufzubauen.

Kühnen war indessen kein Unbekannter, sondern die zentrale Figur des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik der 1980er Jahre. Er wurde 1955 in Bonn geboren und wuchs in einem liberal-katholischen Elternhaus auf. Nach seinem Abitur 1974 diente er als Zeitsoldat bei der Bundeswehr, wurde jedoch 1977 als Leutnant aufgrund seiner Gesinnung fristlos entlassen. Schon in den 1960er Jahren war Kühnen für jeweils kurze Zeit bei der „Jungen Union“, der NPD sowie den „Jungen Nationaldemokraten“ aktiv gewesen. 1977 gründete er den „SA-Sturm Hamburg“ sowie die „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ (ANS). Diese wurde 1983 verboten, doch Kühnen blieb umtriebig: 1984 gründete er die „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“ (GdNF). Aus ihr entstand später die „Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei“ (FAP). Gleichzeitig organisierte Kühnen die „Wehrsportgruppe Werwolf“. So war sein Leben von vielen politischen Aktivitäten geprägt, doch er fand einen frühen Tod: 1991 starb Kühnen im Alter von 35 Jahren an AIDS.

Jenseits seiner vielen organisatorischen Umtriebe verfasste Kühnen zentrale Strategiepapiere des zeitgenössischen Rechtsextremismus – zum Teil während seiner verschiedenen Zeiten in Haft. So publizierte er u. a. „Führertum zwischen Volksgemeinschaft und Elitedenken“, „Einführung in die NS-Lebensanschauung“ sowie „Das 25 Punkte Programm der NSDAP neukommentiert“. Darüber hinaus veröffentlichte Kühnen 1986 „Nationalsozialismus und Homosexualität“ als Eigendruck in Paris. Darin schildert er das Prinzip des Männerbundes als zivilisatorische Kraft, dem homosexuelle Energien nicht fremd seien. Er versuchte somit, Homosexualität einen Platz in der nationalsozialistischen Ideologie zu schaffen. Es blieb nicht ohne Widerspruch, die GdNF spaltete sich an dem Papier sowie der Homosexualität Kühnens. Nichtsdestotrotz kann Kühnen aufgrund seiner ideologischen, organisatorischen sowie charismatischen Fähigkeiten als führender Kopf der militanten deutschen Neonaziszene der 1980er Jahre eingeordnet werden.

Dementsprechend wichtig war sein Aufruf, stärker in den gewaltaffinen Fanszenen für rechte Kameradschaften zu rekrutieren – wenngleich mit äußerst unterschiedlichem Erfolg. Zwar entwickelten sich langjährige Überschneidungen der Hooligan- und Kameradschaftsszene z. B. in der Dortmunder „Borussenfront“, bei den Hamburger „Löwen“ oder auch den „Alemannia Supporters“ aus Aachen. Sie zogen nach Spielen regelmäßig durch die Innenstädte, skandierten u. a. „Die SA marschiert, bis alles in Scherben fällt“ und griffen türkische Jugendgruppen und Restaurants an. Hooligans aus Hannover attackierten in den 1990er Jahren gemeinsam mit Kadern der FAP linke und alternative Kneipen. Doch blieben andere – durchaus rechte – Hooligangruppen der offiziellen Parteipolitik eher fern. Sie wollten sich nicht instrumentalisieren lassen und hielten auch nicht viel von der geforderten Disziplin. Bier, Spaß an der Gewalt und gefühlte Unabhängigkeit standen im Vordergrund.

Aber unabhängig vom Erfolg an den einzelnen Standorten des Fußballs in der BRD hielten sich Kühnens Ideen und Strategien über Jahre und Jahrzehnte. 1990 verfasste er den „Arbeitsplan Ost“. Ziel war es, direkt nach der Wiedervereinigung eine schlagkräftige Kameradschaftsszene in den neuen Bundesländern aufzubauen. Er tourte durch die ehemalige DDR und war dabei enorm erfolgreich. Die Hooligans immer im Blick. Sowohl in Dresden als auch in Rostock gab es Überschneidungen zwischen Rechtsextremen und militanten Hooliganstrukturen. Somit hatte Kühnen – wenngleich bei weitem nicht alleine – den Weg für das in den 1990er und 2000er Jahren in Ostdeutschland florierende Kameradschaftswesen gezeichnet, das seither – abgesehen von Ausnahmen – viel enger mit den lokalen Hooliganszenen verbandelt ist als die Szene im Westen der Republik. Konkrete Beispiele hierfür finden sich im weiteren Verlauf dieses Buchs.

Die „Borussenfront“

9. April 1982, Karfreitag, eine Kneipe in Dortmund: Der „Grobschmied“ ist mit nationalistischen Symbolen und holzgetäfelten Wänden geschmückt. Der Wirt schenkt Bier in großen Mengen aus. Er nimmt es an diesem Abend mit der Rechnung nicht so eng. Immerhin haben sich über 20 seiner Freunde vom Fußball versammelt, allesamt heiß auf Gewalt. Gemeinsam gründen sie an diesem Abend eine Gruppe, die die Geschichte der Hooligans in Deutschland prägen wird: die „Borussenfront“. Ihr Motto: „Stehenbleiben und Draufhauen!“

Neben der Gewalt bewegen die Anwesenden vor allem zwei Dinge. Zum einen hat man es satt, den Schalkern so wenig entgegensetzen zu können. In der Dokumentation „Die sind eben so“ des Regisseurs Ulrich Leinweber* kommen die damals noch jungen Mitglieder der „Borussenfront“ sowie der Schalker „Mighty Blues“ zu Wort und übertrumpfen sich gegenseitig in menschenfeindlichen Beschimpfungen. Einige der Dortmunder geben dabei offen zu, von Schalkern in Jugendjahren verdroschen worden zu sein und sich nun wehren zu wollen.

Zum anderen sind einige in der NPD organisiert. Sie hassen Ausländer, sagen sie. Die gibt es in Dortmund viele. Der „Grobschmied“ liegt in der Stahlwerkstraße, gleich um die Ecke der für den BVB so wichtige Borsigplatz. In den 1960er und 1970er Jahren sind viele Migranten in den alten Arbeiterbezirk gezogen. Sie haben Restaurants und Vereine gegründet, sind gut sichtbar im Stadtbild. Das will die „Borussenfront“ ändern, zieht nach den Spielen des BVB durch die Straßen und geht auf die Missliebigen los.

Im Februar 1983 übernimmt sie die Rolle der Schutztruppe für eine Kundgebung der NPD am Alten Markt. Im August desselben Jahres überfällt ein Trupp aus Rockern und Hooligans einen türkischen Imbiss in eben jener Stahlwerkstraße. Flaschen und Stühle werden geworfen, Gaspistolen kommen zum Einsatz. Türken werden im nahegelegenen Park verprügelt, mit scharfen Waffen wird auf Wohnungstüren türkischer Familien gefeuert. Dortmund ist schon damals ein Schwerpunkt rechter Gewalttaten in der BRD. Doch versucht die „Borussenfront“ auch, sich zuweilen ein friedliches Image zu geben: Noch im Sommer 1983 veranstaltet sie ein Kinderfest. Nur „ausländische Kinder“ dürfen nicht daran teilnehmen.

Die „Deutsch-Ausländische Freundschafts-Initiative“ (DAFI) hat diese Ereignisse in einer Dokumentation 1984 gesammelt. „26.10.83. Zum Fußballspiel Deutschland-Türkei in Berlin kursieren wochenlang vorher Flugblätter in neonazistischen Fußballkreisen. Fußballfans werden aufgefordert, nach Berlin zu reisen, da dort dem ‚stinkenden Türkenpack‘ der Kampf angesagt werden müsse. Auf Anfragen wird das Lokal Grobschmied als Kontaktadresse benannt“, heißt es darin. Der junge Lothar Matthäus wendet sich seinerzeit in einem offenen Brief an die Fangemeinde. „Als Nationalspieler fordere ich alle Fans auf: Geht den Neonazis nicht auf den Leim!“, appelliert er. Und formuliert seine Gedanken aus: „Die türkischen Mitbürger in der Bundesrepublik haben genauso ein Recht, hier zu leben, wie jeder andere. Sie haben oft seit Jahrzehnten hier gelebt und gearbeitet – mit ihrer Arbeit haben sie zum Wohlstand in unserem Land beigetragen. Sie haben keine Schuld an der Arbeitslosigkeit.“

Doch entwickeln sich die Spiele der DFB-Auswahl immer mehr zum Treffpunkt der deutschen Hooliganszene. Auch die „Borussenfront“ ist dabei und gut vernetzt. Mitglieder der befreundeten „Hamburger Löwen“ mischen bei den rassistischen Prügelorgien mit. Gemeinsam mit der Frankfurter „Adler-Front“ nimmt man an der „Aktion Ausländerrückführung“ der ANS teil. Zudem wächst die „Borussenfront“, zieht immer mehr Gewalttäter und rechte Fußballfans an. Schätzt die DAFI die Mitgliederzahl der Gruppe 1983 noch auf 50 bis 60, umfasst sie zu Höchstzeiten Anfang der 1990er Jahre bis zu 250 Personen. Sie bleibt der rechten Szene dabei stets verbunden.

Die zentrale Figur in der „Borussenfront“ ist Siegfried Roland Borchardt, bekannter als „SS-Siggi“. Geboren 1953, absolvierte er zuerst eine Ausbildung zum Industriekaufmann, ehe ihn seine Biografie in die Fanszene von Borussia Dortmund führte. Dann spalten sich die Erzählungen für kurze Zeit. Journalistische Quellen besagen, dass er 1982 die „Borussenfront“ mitgründete. Zeitzeugen aus der Dortmunder Fanszene berichten, dass er erst 1983 zur Gruppe stieß. Jedenfalls war Borchardt in Kühnens „Aktionsfront Nationaler Sozialisten / Nationale Aktivisten“ aktiv und baute nach deren Verbot den Landesverband Nordrhein-Westfalen der „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP) mit auf. Für diese trat er 1984 bei den Kommunalwahlen und 1985 als Spitzenkandidat zur Landtagswahl an, wurde 1988 ihr Landesvorsitzender und stellvertretender Bundesvorsitzender. Nach dem FAP-Verbot 1995 organisierte er die „Kameradschaft Dortmund“, den Vorläufer des „Nationalen Widerstandes Dortmund“. Im Laufe seiner politischen Karriere verbüßte Borchardt diverse Haftstrafen, u. a. wegen schweren Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung. 2014 kandidierte er schließlich für die Partei „Die Rechte“ bei der Wahl zum Dortmunder Stadtrat und errang einen Sitz. Borchardt war stets fähig, sich zwischen den verschiedenen Spektren der rechtsextremen Szene zu bewegen. Das können nicht alle. Er wurde so zur Schlüsselfigur, konnte Fußball-Hooligans, parteilose Neonazis und rechtsextreme Parteien vernetzen. Dies begründet seinen langen, bis heute andauernden Ruf.

2012 feierte die „Borussenfront“ indessen ihren 30. Geburtstag und hing vielerorts ihr Banner auf. „Ein Mythos stirbt nie!“, war darauf gedruckt. Doch viele der ehemaligen Kameraden haben sich vom Fußball abgewandt, neue kamen hinzu. Aus verschiedenen Gründen: Einige landeten in Haft, andere waren der Kommerzialisierung des deutschen Fußballs überdrüssig. Zudem ist das Logo der „Borussenfront“ mittlerweile im Signal Iduna Park verboten. T-Shirts und Gürteltaschen mit dem signifikanten Schriftzug werden vom Ordnungsdienst einkassiert. So tritt die „Front“ nicht mehr oft als Gruppe auf und nutzt eher vereinzelte Momente, um sich zu präsentieren und daran zu erinnern, dass sie noch da ist. Im Februar 2016 beim Heimspiel gegen Hannover zeigte man beispielsweise ein Banner, auf dem eines verstorbenen Kameraden gedacht wurde. Unterschrieben war es mit „Old Firm 26“. Die Zahlen stehen dabei für den zweiten und sechsten Buchstaben im Alphabet: B und F – Borussenfront. So gelang es, den Ordnungsdienst zu überwinden. Der Versuch, eine neue junge Garde zu rekrutieren, scheiterte hingegen. Vorerst. Auf Bildern einer zeitweise eigens eingerichteten Facebook-Seite posierten zwar bis zu 15 kräftige, junge Herren. Doch war das Unterfangen von widersprüchlichem Erfolg. Die Facebook-Seite wurde nach knapp einem Jahr abgeschaltet. Der gewaltaffine Teil der Dortmunder Ultraszene grub der „Front“ manch Nachwuchs alsbald ab. Zudem entstanden die „Borussenfighter“ als eigene Abspaltung. Die Szene bleibt unübersichtlich, die „Borussenfront“ kämpft um ihre Macht.

Tote und Verletzte

Die Liste der durch Hooligangewalt Verletzten ist lang, die Namen sind größtenteils unbekannt. Zudem muss differenziert werden zwischen Opfern und solchen, die die Gewalt selber gesucht haben. Denn zwar werden in den Auseinandersetzungen viele Hooligans selber verletzt. Doch ihre Schäden sind selbst „gewählt“, ihr Kampf ist gewollt. Der Begriff des Opfers oder des Betroffenen wäre hier also falsch. Zudem existierte zumindest in den 1980er Jahren kaum eine Anlaufstelle, an die sich die Betroffenen hätten wenden können. Noch heute meiden Ultras und andere Fußballfans die Beratungsstellen für Betroffene rechter Gewalt weitestgehend. Zu groß ist oftmals die Angst vor Vergeltung im Fanblock. Jenseits der langen Liste an Unbekannten haben vier Namen eine traurige Berühmtheit als Opfer von Gewalt im Fußball – teilweise durch Hooligans – erreicht.

Der erste war der 16-jährige Glaserlehrling Adrian Maleika. Er kam am 17. Oktober 1982 in Hamburg-Altona ums Leben. Am Tag zuvor, auf dem Weg zum DFB-Pokalspiel seines SV Werder Bremen beim Nordrivalen Hamburger SV, wurde Maleika in einer Gruppe von Werder-Fans durch die berüchtigte Hooligangruppe „Hamburger Löwen“ angegriffen. Diese nutzten unter anderem Gaspistolen, Leuchtspurmunition, CS-Gas und Knüppel. Maleika wurde von einem Mauerstein am Kopf getroffen. Am Tag darauf erlag er einem Schädelbasisbruch und schweren Hirnblutungen. 30 Jahre nach seinem Tod wurde in der Ostkurve des Bremer Weserstadions eine Gedenktafel angebracht.

Der zweite bekannte Tote ist Frank Bayer. Er war Mitglied des Saarbrücker Fanklubs „Crusaders“. Der 1. FC Saarbrücken spielte an jenem 14. September 1988 zu Hause gegen Schalke 04. Bayers Fall ist bis heute der mysteriöseste. Zeitweise war sein Tod sogar vergessen. Zwar tauchten Hinweise auf den Vorfall vereinzelt in Fanpublikationen auf. So schrieb der ehemalige Hooligan Michael Pettau in seinem Buch „Fußballrowdies“ 2012 über den „tragischen Tag“, an dem Bayer starb. Er beklagt darin: „Warum dieser Totschlag niemals seinen Weg ins kollektive Gedächtnis der deutschen Öffentlichkeit schaffte, warum, mehr noch, kein einziger investigativer Journalist die Sache je thematisierte und den Vorfall in einer Reihe mit den Dramen um Adrian Maleika und Mike Polley einordnete, bleibt unerklärlich.“

Erst der „11 Freunde“-Redakteur Ron Ulrich korrigierte dies 2016 in seinem Artikel „Der vergessene Tote“, für den er tiefer recherchierte. Bei dem Täter handelte es sich demnach um ein Mitglied der Gladbacher Hooligangruppe „Sturmtruppen“. Diese hatte personelle Verbindungen zu Kühnens FAP, die in Mönchengladbach und Umland mehrere Ortsgruppen unterhielt. Auch der Gladbacher Täter war bereits durch rechtsextreme Äußerungen aufgefallen und Mitglied in der „Wiking-Jugend“ sowie bei den „Jungen Nationaldemokraten“. Laut Ulrich hätten ca. 50 Hooligans aus Saarbrücken einige Schalker, darunter auch der mit diesen befreundete Gladbacher, überfallen. Es kam zu einer wüsten Schlägerei, völlig unübersichtlich. Dabei wurde Bayer mit einer Latte tödlich am Kopf getroffen. Der 20-Jährige erlag seinen Verletzungen am 20. September 1988. Saarbrücker Hooligans sagten aus, den jungen Frank Bayer nicht zu kennen. Er war kein Hooligan, sondern zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

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