Kitabı oxu: «Die Hölle um Maria Giotti»
Die Hölle um Maria Giotti
Robert Heymann
SAGA Egmont
Die Hölle um Maria Giotti
Copyright © 1950, 2018 Robert Heymann und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711503737
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Einleitung.
„Die Hölle um Maria Giotti“ ist ein Kriminalroman aus dem Leben. Unwesentliches hat dichterische Freiheit hinzugefügt, Nebensächliches ist zeitlich verändert worden. Ich habe den Versuch unternommen, dem Kriminalroman die Form zu geben, die unsere Zeit, ihre Probleme und die Wahrheit, der jede Feder dienen soll, zu fordern haben. In diesem Roman ist keine Hauptfigur erfunden, keiner dieser verschiedenartigen Charaktere ist willkürlich gezeichnet. Dieser italienische Untersuchungsrichter lebt, er hat gelebt, er hat so, wie es geschildert ist, nicht anders, seine Sache, die nicht die Sache des göttlichen Rechtes war, geführt.
Diese unglückliche Heldin trägt aus rein menschlichen Rücksichten — wie alle Personen — nicht ihren wahren Namen. Alles aber ist wahr, alles, was sie erlebt, erlitten, erduldet hat! Jeder Schimpf ist wahr, keine dieser schreienden Ungerechtigkeiten einer in sich selbst erstarrten Justiz ist erfunden.
Dieser Roman beweist, daß das System der Justiz, die Voruntersuchung, die Allmacht des Richters, die Hilflosigkeit überraschter Angeklagter, daß die forensischen Martern, die Spitzfindigkeit der Untersuchung, die Heuchelei der öffentlichen Meinung, der Ehrgeiz von Beamten, die Abhängigkeit der Geschworenen von dieser „Öffentlichen Meinung“ —, daß dies zusammen immer von neuem „Stimmungsurteile“ begünstigt. — Dies ist der nicht gewollte, aber nicht zu verbergende Sinn dieses Romans. — Es gibt keinen Kriminalfall, der nichts bewiese — und wäre es schließlich nur die immer wiederkehrende Wahrheit von der Unvollkommenheit aller menschlichen Einrichtungen.
Wenn das Leben die besten, spannendsten und vielleicht aufregendsten Romane schreibt — dann haben sie vor den erfundenen Romanen den Vorzug, eine Moral zu enthalten. Die gewollte Tendenz, die Tendenz um der Tendenz willen, die Absicht, tendenziös zu schildern, verstimmt. Aber die Wahrheit, die aus den lebendigen Bildern gelebter Geschehnisse heraustritt, ist klar und funkelnd wie ein Edelstein. Es ist eine alte Schwäche der Menschen, schneller zu urteilen als zu begreifen. Und es ist ein Rückfall ins Mittelalter, daß auch wir modernen Menschen so leicht geneigt sind, nach der Beurteilung schon zu verurteilen, daß so oft die Person abgeurteilt wird, nicht die Sache.
Es gibt keinen Roman ohne Problem, und wäre es das uralte der Liebe. Es sollte kein Kriminalroman geschrieben werden ohne die lebendige Wahrheit.
Berlin, Januar 1930.
Robert Heymann.
1.
Es war Herbst in Bologna, aber es herrschte sommerliche Wärme. Auch über die Via Mazzini schüttete die Sonne noch ihre Gluthitze, schmal und dürftig lag der Schatten vor dem Palazzo Bisteghi.
Julia Straglia schritt unschlüssig auf und ab. Sie schlenderte, spielte mit ihrer Tasche, griff sich in das nußbraune Haar und äugte zu Vittorio hinüber, der eben träge vom Rüsterlagäßchen herkam. Hände in den Taschen der engen Beinkleider, den Strohhut schief über dem Ohr, Zigarette im Mund. Auf dem schwarzen Rock leuchtet eine rote Nelke, aus der linken Brusttasche hängt ein gelbseidenes Tuch wie eine kleine Fahne.
Vittorio hat ein brutales, vortretendes Kinn, er schaukelt beim Gehen wie ein Weib, aber die Beine setzt er voreinander wie ein Raubtier.
„Geh schon! Geh!“ murmelt er zwischen den Zähnen, die groß und gelb vom Rauchen zwischen dem halbgeöffneten Mund sichtbar werden.
Julia zuckt die Achseln, ihre beweglichen Augen mustern nochmals schnell die verschlossenen Fenster der Wohnung des Grafen Martini. Sie zaudert, denn die Portière steht unter der Tür, die Achtzigjährige, sauber, mit schneeweißem Haar. Sieht und hört noch alles.
Was glotzt sie mich so an, denkt die Junge, steht herum wie nicht abgeholt, krumm, wie einer unserer schiefen Türme. Schließlich tritt sie mit einem Ruck ein. Geht die kühle Steintreppe empor und klingelt an der Wohnung Martinis. Nichts regt sich. Sie klingelt nochmals, horcht mit schiefgehaltenem Kopf. Julia ist von robuster römischer Schönheit. Den kleinen Kopf trägt ein kräftiger runder Hals. Ihr Gesicht ist leicht verschlafen, erinnert an eine Katze, die sich sonnt, aber der aufgeworfene Mund ist lebendig, und die roten Lippen leuchten über das ganze Gesicht.
„Madonna!“ sagt sie, geht zaudernd, kehrt noch einmal um, klingelt wieder. Wartet aber den Erfolg nicht mehr ab, geht langsam nach unten. Sie schüttelt sich und starrt in die forschenden Augen der Alten, die keinen Blick von ihr gewandt hat. Diese Augen sind die Treppe hinauf hinter ihr hergewandert und kleben noch an ihr, während Julia unschlüssig am Haustor verharrt.
Die leuchtende Straße liegt mit überhellen Konturen in dem dunklen Ausschnitt des Tores, mitten drin steht lauernd Vittorio.
Was sage ich ihm? denkt Julia, und woher Geld nehmen? Es war so fein ausgedacht, aber doch bin ich froh, daß der Graf nicht zu Hause ist. Ja, ich freue mich schon auf das enttäuschte Gesicht Vittorios, weil er mich immer quält, dieser Jettatore, dessen böser Blick mich nicht losläßt.
„Eh?“ beginnt die Alte. „Was wollen Sie hier?“
„Graf Martini öffnet nicht!“
„Hat er Sie eingeladen?“
„Das nicht. Ich wollte nur —“
„Geld fordern?“
„Geht es Sie etwas an?“
„Ja! Eine Schande und Pfui sage ich, wenn ein Mann verheiratet ist! Diese arme Frau, diese schöne Frau! Wie sie leidet! Solch ein vornehmer Mann, und gibt sich noch mit Weibern ab!“
„Ich reiße dir alle Haare aus, alte Giftkröte!“ stammelt Julia, weiß vor Zorn, mit plötzlich ganz wachen Augen. Fäuste in die Hüften gestemmt, legt sie los. Ein Wasserfall von Beschimpfungen.
Die Alte hält die Hände an die Ohren und geht, so schnell die matten Beine sie tragen, in die Wohnung.
Vittorio ist langsam über die Straße gekommen.
„Öffnet nicht?“
„Nein. Nicht zu Hause!“ Julia macht ein verängstigtes Gesicht, die Wutausbrüche Vittorios gehen ihr auf die Nerven. Aber er bleibt sonderbar ruhig, sie wundert sich. Hat er es denn gewußt?
„Gestern nicht zu Hause, vorgestern nicht zu Hause! Er hat eine andere, sage ich dir!“
Julia wiegt sich einige Augenblicke nachdenklich in den Hüften.
„Er hat keine andere. Er kennt mich lange genug. Aber warum schickst du mich zu ihm, wenn du doch siehst, daß die Fensterläden geschlossen sind, daß es zwecklos ist?“
Sie schaut ihn forschend an. Das ist gerade der Blick, der Vittorio die gute Laune verderben kann.
„Brütest du schon wieder über was?“ schreit er sie an, zerrt sie am Arm mit. „Warum soll ich das nicht tun! Woher soll ich wissen, daß er nicht da ist? Warum richtest du immer die aller dümmsten Fragen der Welt an mich, du rote Hexe?“
„Ich dachte mir doch nichts dabei!“ entgegnet Julia eingeschüchtert. „Gehen wir!“
„Gehen wir! Gehen wir!“ äfft ihr Vittorio nach. „Hast du Geld? Wovon sollen wir die Miete bezahlen, he? Es ist ein Elend! Warum sollte ich wissen, daß er nicht zu Hause ist? Habe ich ihn vielleicht umgebracht? Warum hast du ihn alle die Tage her nicht getroffen? Oder hast du ihn getroffen? Lügst du mich an?“
Er krallt die fünf Finger in ihr dichtes Haar und reißt ihr den Kopf zurück, daß sie taumelt.
„Geld! Ohne Geld ist nichts!“ Er schauspielert, ahmt Julias Stimme nach, sogar ihre Bewegungen: „Lieber Vittorio! Teurer Vittorio! Mein König! Ich liebe dich! — — Tante grazie! — Liebe! — Schaff Geld, Närrin! Geld!“
Er steht mit erhobenem Arm und spielt den tragischen Helden, mitten auf der Straße, ohne auf die Wagen zu achten, die vorüberkommen. Er spielt so oft sein Theater vor Julia, aber immer tut es seine Wirkung. Ungezählte Rollen hat er sich eingeübt, er lebt in ihnen, er glaubt, was er zusammenlügt. Bald mimt er den Sentimentalen, bald den Leidenschaftlichen, bald den Kopfabschneider. Er ist Sizilianer, — ohne Komödie kann er nicht leben. Seine verschleierten Augen schimmern manchmal dunkel wie ein Sumpf, grün wie Oliven. Wenn er eine Träne in ihnen zerdrückt, wie jetzt, sieht er erbärmlich aus — nur nicht für Julia.
„Ich habe kein Glück“, deklamiert er. „Tante Nana hat es immer gesagt, ich habe die schlechtesten Karten, die sie je einem Manne gelegt hat! Immer Pique Zehn neben Herzdame!“
Julia tröstet ihn. Sie wird Geld besorgen! Sie liebt ihn! Er hat doch Glück in der Liebe! —
Aber er gibt ihr einen Stoß, daß sie in den Rinnstein fällt.
„Du hast Geld von ihm bekommen“, schreit er sie plötzlich an. „Aber du hast mir nichts gegeben! Du hast dir Stiefelchen dafür gekauft! Natürlich! Du! Du bist wie ein widerspenstiger Esel, und nun geh allein nach Haus, ich verziehe mich ins Café Corso.“
Julia schaut ihn erstaunt, musternd an.
„Hast du Geld?“
„Natürlich!“
„Woher hast du Geld?“ Mit zwei Schritten ist sie neben ihm. „Hast du etwa von Maria Battista Geld? Ja? Von dieser Ziege, die überall herummeckert, der jeder Mann recht ist, wenn er nur die Nase in der Mitte des Gesichtes hat?“
„Gerade! Ja! Von ihr habe ich Geld! Sie gibt mir Geld! Sie hat immer Geld! Du bist ja zu dumm! Sogar für Francesco Martini bist du zu dumm! Wirklich, scusi, sogar für Martini! Zu allem zu dumm!“
Er redet sich in Wut. Er haßt Julia, einfach, weil er sie satt hat, weil er sie nicht mehr mag und von ihr los will. Schließlich bricht er in ein Gelächter aus: „Sie war vor fünf Tagen bei dem Grafen, daß du es weißt!“
„Wer? Maria?“
„Veramento! Maria! Ich wollte es dir noch nicht sagen! Starr nicht so! Ja! Während er dich nicht einließ oder nicht zu Hause war, was weiß ich, fand sie ihn zu Hause! Ecco! Die Maria Battista! Das ist ein Weib! Mit Absicht öffnet er nicht, wenn du klingelst! Wird sich hüten! —
Giulietta! — — Was ist Giulietta? —“ Er macht eine laszive Bewegung. „Aber Maria! He! Ho!“ Weg ist er.
Julia steht wie betäubt. Sie starrt noch immer die Straße entlang. Sie hat gewußt, daß Vittorio ihr etwas verbarg. Seit Tagen belog er sie, das fühlt ein Weib, aber daß es Maria sein soll, diese Chantant-Tänzerin, diese magere Sorte, dieses verderbte Luder, das macht Julia rasend.
Sie rennt nach Hause. Atemlos kommt sie in der kleinen Stube an, die von den Trillern zweier Kanarienvögel dröhnt und nach dem Stall riecht, dessen Mist vor dem Hoffenster liegt. Mit fliegenden Händen rafft sie zusammen, was Vittorio gehört: Die Mandoline, die paar Hemden, die Stiefel, Kamm, Pomade, — raus damit! Raus! Raus!
Der ganze Plunder fliegt vor die Tür in das Gäßchen. Die Weiber draußen kreischen vor Vergnügen, die Männer schmunzeln.
Aus einem Stiefel fällt da klirrend ein Messer.
Sie sieht, wie es fällt! Madonna! Ein Stilett! Ein langes Messer, die Schneide ist schmutzig, voll sonderbarer Flekken!
Mit einem leisen Schrei ist Julia draußen.
Blutflecken!
Sie schaut links und rechts. Augen! Überall Augen! Blitzschnell läßt sie das Messer in den Blusenausschnitt gleiten. Fühlt eine Schnittwunde an der linken Brust! Achtet es nicht, stürzt in das Zimmer zurück, holt das Messer heraus, stößt es in die hölzerne Tischplatte. Da steht es, leise wippend.
Wie von einem Rausch erfaßt, starrt sie auf die Flecken. Nie hat sie dieses Messer bei ihm gesehen! Es ist neu. Warum hat er ihr nichts davon gesagt? Wozu hat er es gebraucht? Wen hat er gestochen? Den von Maria?
Pah! Den wirft er mit dem kleinen Finger, da braucht er kein Messer.
Aber schon während der letzten Tage war er so sonderbar. — Sentimental!
Wenn Vittorio sentimental wird, hat er etwas auf dem Kerbholz!
Da tönten Stimmen. Die Weiber draußen halten es nicht länger aus. Sie hat doch den Vittorio auf die Straße gesetzt! Darüber muß man näheres erfahren! Man hat nicht viel zu tun in der kleinen Gasse. Man redet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, dazwischen bereitet man den Thunfisch in Öl für den Mann, dann redet man über das Geredete.
Julia wirft eine Schürze über das Messer und reißt es aus dem Tisch.
*
Inzwischen ist nach Julias Weggang die Tatsache, daß Graf Martini sich seit fünf Tagen nicht hat sehen lassen, wie ein Feuer in Frau Cicognani gefahren, die in der Via Mazzini 39 Portière ist. Plötzlich kommt ihr die Gleichgültigkeit wie eine schwere Unterlassungssünde vor. Zwei Freunde haben auch bereits nach dem Grafen gefragt, sind kopfschüttelnd wieder fortgegangen. Weder Tür noch Fenster öffnet er, fünf Tage schon hat sie ihn nicht gesehen! Madonna! Wie konnte sie nur solange warten! Wo hatte sie ihren Kopf? Da muß etwas geschehen sein! — Ganz gewiß ist etwas geschehen, und von ihr, der Cicognani, wird es heißen, sie ist eben zu alt, sie hat ihre Gedanken nicht mehr beisammen — — —
Sofort geht sie zur Wache. Der Polizist will erst wissen, was geschehen ist, aber sie will den Leutnant selber sprechen, sie geizt jetzt mit Minuten, die verloren sein könnten.
Also erscheint sie vor dem Gendarmerieleutnant Sonzo und erzählt mit ihren kurzen, sprechenden Handbewegungen, die Wohnung des Grafen Martini sei schon seit dem 28. August verschlossen.
„Und heute ist der 2. September, und er hat sich noch immer nicht gezeigt!“
Der Leutnant nimmt gleichmütig ein kurzes Protokoll auf. Die Angelegenheit scheint nicht weiter wichtig. Martini? Kennt er nicht. Was wird sein? Ein galantes Abenteuer! Überhaupt die Portierfrauen! Die hören das Gras wachsen!
Die Aussage der Cicognani ergibt, daß Graf Martini am 28. August abends aus Venedig gekommen ist. Er fuhr im Wagen vor dem Hause vor.
„Wir mußten noch lachen, die Nachbarin und ich, Herr Leutnant! Der Wagen fällt knapp vor dem Hause um, und der Herr stürzt heraus. Ein so großer, schwerer Mann! Wie das aussah! Er hat sich glücklicherweise nicht verletzt —“
„Wer bewohnt außer dem Grafen die Räume?“
„Die Frau Gräfin, zwei Kinder, der Kammerdiener, die Köchin, die Zofe, aber alle sind in Venedig, nur der Herr Graf kam, um den Zins zu zahlen!“
„Ganz allein?“
„Ganz allein. Ich sah ihn am 28. abends kommen, etwa um acht Uhr, dann ging er nicht mehr fort. Seitdem ist die Wohnung verschlossen, alles still —“
„Dann wartet man nicht bis zum 2. September“, sagt der Leutnant und gibt Befehl, zwei Carabinieri sollen sich nach der fraglichen Wohnung begeben.
Da tritt der Gendarmerieoberst Amago mit einem Schriftstück in der Hand ein.
„Die Gräfin Martini telegraphiert, man möchte Nachforschungen nach ihrem Gatten, Palazzo Bisteghi, Via Mazzini 39, anstellen. Er wollte am 29. August nach Venedig zurückkommen, sie hat kein Lebenszeichen von ihm.“
„Heilige Madonna!“ ruft die Alte. Ihre noch immer lebhaften und sprechenden Augen heben sich zu dem Oberst. „Habe ich es nicht gesagt? Es ist ein Unglück geschehen! Ein großes Unglück! Heute morgen, als ich aus dem Hause trete, was sehe ich zuerst? Einen Leichenwagen! Auf der rechten Seite! Was das schon bedeutet! Vielleicht ist der gnädige Herr gar ermordet worden! Ermordet! Madonna! Ermordet!“
Sie steht hilflos mit offenem Munde da. Der Leutnant macht sich nun selber fertig. Läßt noch den Kommissar Grassi benachrichtigen, er möchte sich bereit halten für den Fall, daß wirklich etwas an der Sache wäre. In Begleitung dreier Carabinieri begibt er sich in die Via Mazzini. Sofort sammeln sich Leute an. Der Leutnant hat nach einem Schlosser gesandt. Der kommt gleich und beginnt, die verschlossene Wohnungstür aufzubrechen.
Auf jedem Flur des Palazzo befinden sich zwei Wohnungen. Der Leutnant orientiert sich mit einigen Blicken, während der Schlosser arbeitet. Die Portière gibt Auskunft:
„Hier gegenüber wohnen zwei Schwestern namens Aldini. Oben rechts über dem Herrn Grafen wohnt Signora Santoni, auf der anderen Seite, der Santoni gegenüber, hat Herr Pizotti vier Zimmer. Ein seltsamer Herr, den man nie sieht! Darüber rechts ein alter Herr Salvatini, gegenüber eine Dame mit Papagei, Signora Sighi, die einst an der Oper war.“
Eben kommt die Dame Santoni, deren Wohnräume über denen des Grafen liegen, die Treppe herab, die schwarz ist von Neugierigen.
„Sie lassen aufbrechen?“ ruft die Dame. „Ich habe einen Schrei gehört! Jawohl! Vor einigen Tagen — warten Sie! Es war in der Nacht vom 28. zum 129. August! — Da tönt ein durchdringender, entsetzlicher Schrei zu mir empor. Ich war eben eingeschlummert, aber ich schlief noch nicht fest. Ich fahre hoch. — Jemand schreit auf! — Dann wird es unheimlich still. Aber noch lange klang dieser Schrei in meinen Ohren nach!“
„Warum haben Sie das nicht gemeldet?“ fragt der Leutnant, schon unter der Tür, denn sie ist bereits geöffnet.
„Ich wußte doch nicht — vielleicht hatte es nichts zu bedeuten — vielleicht war es auch eine Frau, es klang so schrill …“
Sie spricht zu den Umstehenden, denn der Leutnant ist mit zweien seiner Leute bereits in der Wohnung verschwunden, der dritte bleibt vor der Tür stehen.
— — „Eine Frau! Wie kann man wissen? Kennen Sie den Herrn Grafen Martini? Hat er nicht immer Frauen mitgebracht? Gab es nicht oft Spektakel? Machte er nicht auch seiner eigenen Frau Szenen über Szenen? Soll ich mich in Dinge mischen, die mir widerwärtig sind? Was weiß man?“
Die Leute nicken beifällig. Die Tür der gegenüberliegenden Wohnung wird leise geöffnet, die eine der Schwestern Aldini schaut durch den Spalt.
„Was für ein Lärm! Was ist geschehen? Graf Martini ermordet? Daran habe ich doch immer schon gedacht!“
„Wieso ermordet?“ mischt sich der Carabiniere ein. „Wieso? Was wissen Sie denn?“
„Nichts weiß ich! Aber wenn Sie die Wohnung aufbrechen! — Tun Sie das, um ihn zu besuchen?“
Der Polizist schweigt.
„Seit fünf Tagen ist er in der Wohnung“, sagt der Zeitungshändler. „Abends um acht Uhr gekommen —“
„Und seitdem nicht mehr fortgegangen!“ ergänzt die Portière.
„Ein Irrtum“, erwidert Fräulein Aldini, ohne die Tür nur eine Spanne weiter zu öffnen. „Der Herr Graf ist am 28., gleich nachdem er eingetroffen ist, noch einmal weggegangen.“
„Da hätte ich ihn doch sehen müssen!“ widerspricht die Cicognani.
„Aber ich sage Ihnen —“ das Kinn des Fräuleins wird spitz, und ihre Stimme klingt schrill, „ich sage Ihnen, er ist nochmals fortgegangen! Wie können Sie sagen, er sei nicht fortgegangen?“ Sie wendet sich mit ausgestrecktem Zeigefinger gegen den Carabiniere: „Meine Schwester Maria und ich, wir saßen auf dem Balkon, wir sahen den Grafen ankommen, und nach fünf, vielleicht sechs, acht Minuten ist er wieder fortgegangen. Ich rief meiner Schwester, die eben ins Zimmer zurückgetreten war, noch zu: ‚Da geht Graf Martini durch die Rüsterlagasse fort!’ Er trug einen eleganten Abendmantel und hatte sicherlich noch allerhand vor! Die Männer! So sind sie!“
In diesem Moment betritt der dritte Carabiniere aufgeregt die Wohnung, und dann wissen es alle, und es geht wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt:
Graf Francesco Martini ist ermordet worden!
Dreizehn Messerstiche!
2.
Als Gendarmerieleutnant Sonzo den Korridor der Wohnung Martini betrat, warf er sofort einen prüfenden Blick auf das Fenster, das nach dem Hof ging. Es war fest geschlossen. Ein Vorhang verbarg den Eingang in das Arbeitszimmer. Dort sah es wüst aus. Der Schreibtisch war erbrochen, der Boden mit Schriftstücken übersät, Bilder von der Wand gerissen, Bücher von den Regalen gezerrt. „Als ob ein Wilder hier gehaust hätte“, sagt leise einer der Carabinieri.
Im anschließenden Bibliothekzimmer sieht man schon von der Tür aus den Toten.
Er liegt auf dem großen, gelbroten Teppich.
Der weite Raum ist in Halbdunkel gehüllt. Der Tod hat ein ernstes, strenges Milieu gefunden. Längs der einfach grün gestrichenen Wände stehen riesige Schränke mit Büchern wie stumme Wächter. Das Feuer ist aus dem Kamin gerissen worden und hat weitrandige schwarze Brandmale in den Teppich gezeichnet. Wollte der Täter Feuer anlegen?
Der Tisch am rechten Ende des Raumes ist umgeworfen, die Lampe zur Erde gefallen, der Schirm liegt über einen Schemel gestülpt. Zwei breitlehnige, mit grünem Damast bezogene Sessel sind umgeworfen, ein dritter zertrümmert. Ein kleiner, in die Wand gebauter Schrank steht weit offen. Er ist beraubt, Papiere liegen umher, Briefe, Geldscheine, an denen noch die rostbraunen Male der Mörderhände sichtbar sind.
„Raubmord“, sagt Leutnant Sonzo zu den Carabinieri.
„Rufen Sie schleunigst Herrn Inspektor Beghi an! — Straße absperren!“
Auch die Schränke in den angrenzenden Zimmern sind erbrochen, Schubladen aufgerissen, Schreibtische durchwühlt. In dem Schlafzimmer des Grafen sind sogar die Betten zerfetzt. Ein Spiegelschrank in dem Damenschlafzimmer (das offenbar von der Gattin des Grafen bewohnt wird), ist eingestoßen. Dieses Zimmer ist in Weiß und Purpur gehalten, ein Stil zwischen Biedermeier und Empire, mit steifen Möbeln und domartig gewölbter Decke. Es ist ein feierliches Zimmer ohne Freude. Das Speisezimmer dagegen hat eine lilablaue, blumenreiche Tapete mit hellen Vorhängen an den hohen Fenstern. Kostbares Porzellan steht auf der mahagonifarbenen Anrichte. An der Wand hängt ein Bild in lodernden Farben, der Tisch ist von windhundschlanken Stühlen umstanden. Eine gelbe Tür, flankiert von einer kleinen, jonischen Säule, führt zurück in ein Kinderzimmer, das wieder mit dem Schlafzimmer der Gräfin zusammenhängt. Da sind bunteste Bilder, da ist alles hell und rosa und voller Licht und Duft.
Alle Fenster in allen Räumen, auch in der Küche, sind verschlossen.
Nachdem der Leutnant seinen Rundgang beendet hat, stellt sich der herbeigerufene Arzt ein. Er erklärt, daß der Tod schon vor mehreren Tagen eingetreten ist. „Dreizehn Stiche! Drei davon unbedingt tödlich! Ein heftiger Kampf muß stattgefunden haben. Der Überfallene hat verzweifelten Widerstand geleistet!“
Die Beamten treffen ein. Kommissar Grassi, Polizeiinspektor Beghi, ein Stab von Begleitern, der Photograph, Carabinieri. Man hört die kühlen, kräftigen Stimmen durcheinanderklingen.
Leutnant Sonzo geht den Beamten entgegen, erstattet kurz und schnell Bericht. Kommissar Grassi hört zu, die Augen auf den Boden gerichtet. Deutet auf die Kokosmatte: „Hier — da, Herr Inspektor Beghi: Der Mörder ist hier durchgegangen. Wenn Herr Leutnant Sonzo alle Fenster verschlossen gefunden hat, dann gibt uns diese Spur sichere Anhaltspunkte.
Eine deutliche Fußspur! — Sofort photographieren, bitte, Abdruck nehmen, muß in der Kriminalabteilung rekonstruiert werden. Blutspritzer!“ Der Kommissar, dessen Untersuchung der Inspektor schweigend und zustimmend folgt, deutet auf das Parkett im Arbeitszimmer. „Laufspuren! Nach vorne, in der Gehrichtung, immer nochmals ein kleinerer ovaler Spritzer. Der Täter verließ hier das Zimmer, ging zur Tür. Bitte, Herr Inspektor, die zugespitzten, gezackten Ränder der Spuren weisen deutlich die Gehrichtung. Hier —“, der Kommissar geht den Weg zurück zur Wohnungstür — „hier am Fenster blieb der Verbrecher stehen. Bitte, diese runden Spuren — wie Blumendolden — kaum gezackt — Stehtropfen!“
Der Kommissar öffnet die Wohnungstür, blickt hinaus, sein Auge schweift die Treppe empor. Er lächelt, auch der Inspektor hat bereits gesehen, daß die äußere Tür ganz oben Einschnitte eines Messers zeigt.
„Das ist uns in der Dunkelheit des Treppenhauses entgangen! Versuche, die Wohnungstür auszuschneiden“, sagt Grassi. „An der dicksten Stelle! Der Mann hält uns für Narren. Ein Verbrecher schneidet so die Türfüllung nicht aus. Das ist Mache! Wir sollen glauben, ein Berufsverbrecher sei am Werk gewesen. Diese Komödie zeigt uns aber, daß kein Berufsverbrecher die Tat begangen hat.
Avanti, meine Herren! Zu dem Toten!“
Alle Beamten arbeiten bereits. Peinlich werden die Fingerabdrücke festgestellt. Der Inspektor bemerkt, daß der Mörder Gummiabsätze getragen hat. Der Absatz läßt sich rekonstruieren.
Grassi kniet neben dem Toten. „Nie läßt es ein gewiegter Verbrecher auf solch einen ungleichen Kampf ankommen. Und dieser Kampf war furchtbar.“
Die Beamten gehen durch alle Zimmer. Blitzschnell flammt es da und dort auf. Der Photograph macht Aufnahmen.
„Der Täter ist mit einem Nachschlüssel eingedrungen. Er hat die. Wohnung auf dem gleichen natürlichen Wege wieder verlassen und die Tür hinter sich abgeschlossen“, sagt der Kommissar. „Allem Anschein nach war er mit der Örtlichkeit gut vertraut. Kaum anzunehmen, daß niemand ihn gesehen haben soll.“
„Weibergeschichten“, bemerkt Cavaliere Beghi, der Polizeiinspektor, lakonisch. Er steht in dem Schlafzimmer des Grafen, hat in dem Papierkorb gekramt und eine in der Mitte durchgerissene Karte herausgeholt, die noch halb im Briefumschlag, steckt. Die Karte geht von Hand zu Hand, nachdem sie sofort auf Fingerabdrücke untersucht worden ist. Sie lautet:
„27. August
Ich komme um zehn Uhr zu Dir, wie immer,
Carissimo! Laß die Tür offen!
Deine Giulietta.“
„Diese Giulietta werden wir ja wohl bald gefunden haben“, meint Leutnant Sonzo. „Die Art der Handschrift verrät gewöhnlichen Durchschnitt. Eine kleine amica — man kennt diese Art Briefchen —“
Der Inspektor betrachtet finster das entfärbte Gesicht des Toten. Seine Hand streicht langsam über das Kinn.
„Die Gräfin Martini ist eine rührend schöne Frau“, sagt er. Die Bemerkung ist ganz unmotiviert.
Cavaliere Beghi, der mit seinen Gedanken öfters abseits ist, wirft einen schnellen Blick auf seine Kollegen. Aber nur Sonzo fragt: „Kennen Sie die Gräfin, Herr Inspektor?“
„Vom Sehen. Eine Tochter Professor Giottis.“
„Giotti?“
„Ja. Eine berühmte Persönlichkeit. Ein großer Arzt.“ Die Leiche Martinis wird mit einem Teppich bedeckt. Die Portière wird hereingerufen, die Gräfin Scudellari, eine Kusine des Toten — die Cicognani kennt sie —, telephonisch benachrichligt. Sie sagt ihr sofortiges Erscheinen zu, um Aufschlüsse zu geben.
Carabinieri haben das Treppenhaus gesäubert, die Straße ist in weitem Umkreis abgesperrt.
Inzwischen erscheint aufgeregt der bekannte Außenredakteur eines der meistgelesenen Morgenblätter: Erneste Grandi. Ein Berichterstatter, der nicht vorgelassen worden war, hat ihm die Alarmnachricht gemeldet. Grandis Aufsätze gegen die Opposition finden seit Jahren das stärkste Interesse Bolognas. Eine Kampfnatur, ergeht er sich sofort in den wildesten Verwünschungen des unbekannten Mörders.
„Das mußte so kommen! Die Frauen! Die Frauen! Was sollte Martini denn beginnen? Ich kenne die Geschichte seiner Ehe mit der Gräfin. Mit dieser Frau könnte kein Mann leben! Die Familie! Der Vater Atheist, der Bruder hemmungslos, die Mutter unterdrückt, die Tochter Maria eine eigenwillige, sich selbst hofierende Frau, emanzipiert. Der Graf mußte ja schließlich galante Abenteuer suchen!“
Inspektor Beghi mahnt den Redakteur zur Ruhe. Es sei hier nicht der Ort, seinem Temperament die Zügel schießer zu lassen und das Eheleben des Grafen zu schmähen. Trotzdem läßt sich Beghi einige Auskünfte erteilen. Ob die Gräfin etwa keinen gemeinsamen Haushalt mit dem Grafen führte? Es seien getrennte Schlafzimmer in der Wohnung, ferner sei es seltsam, daß der Graf allein nach Bologna komme — oder ob das Ehepaar in Venedig eine zweite Wohnung besitze?“
„Ja! Sie wohnen augenblicklich in Venedig, das ist mir bekannt! Es konnte auch kein Geheimnis bleiben, daß Maria Giotti ihren Gatten bereits einmal böswillig verlassen hat. Dann kehrte sie wieder reumütig zurück. Der Graf, ein Mensch von beispielloser Güte, nahm sie wieder auf. Sie lebten aber bald wieder getrennt in der gemeinsamen Wohnung, und Martini trug sich mit dem Gedanken, die Kinder in einem vornehmen Erziehungsheim unterzubringen, um sie dem Einfluß der Mutter zu entziehen!“
„Das ist alles sehr traurig, für uns aber nicht uninteressant“, entgegnet Beghi nachdenklich. „Sind Sie ein Freund der Familie?“
„Ich? Im Gegenteil. Martini ist mir zwar oberflächlich bekannt. Aber die Familie Giotti! Verkehr mit dieser? Ausgeschlossen! Professor Giotti ist ein Führer der Oppositionspartei. Unser politischer Gegner! Sein Sohn gehört zum extremsten Flügel! Wie sollte ich da der Freund dieser Familie sein?“
„Aber Ihre Informationen über diese Ehe —“
„Man hat sie uns eingesandt! Immer wieder! Seit langem schon werden wir bestürmt, auch einmal gegen Professor Giottis Privatleben zu schreiben.“
Ernesto Grandi macht sich eilig Notizen und entfernt sich schließlich, nachdem er von Grassi einige Auskünfte über den Stand der polizeilichen Feststellungen erlangt hat. Die Vernehmung der Portière durch Leutnant Sonzo hat nichts Neues ergeben.
Lisetta Aldini, eine der Schwestern aus der Wohnung gegenüber, ist von sich aus erschienen. Sie bleibt bei ihrer Aussage, sie habe gesehen, daß Graf Martini am Abend des 28. August noch einmal das Haus verlassen hat. Wann er zurückgekehrt ist, kann niemand sagen, mutmaßlich erst spät in der Nacht. Dann aber meldet sich noch ein Zeuge, der Tabakhändler Nipulos, ein Grieche. Er hat gesehen, daß ein Mann am Abend des 28. August aus der Wohnung des Grafen gekommen ist.
„Wann?“ fragt Grassi.
„Gegen acht Uhr. Ich wollte Herrn Pizotti sprechen, er ist aber verreist. Ich sah zufällig auf meine Uhr, weil ich noch eine Verabredung hatte. Wenige Minuten später also sah ich den Menschen.“
„Das muß ein Irrtum sein“, erwidert Inspektor Beghi. „Wenn Graf Martini am 28. abends in Bologna eingetroffen ist, dann kann er nicht um acht Uhr aus der Wohnung gegangen sein. Der Expreßzug trifft, ich weiß das zufällig genau, erst nach acht Uhr in Bologna ein, der Graf kann also in Minuten nicht den weiten Weg vom Bahnhof hierher zurückgelegt haben und wieder ausgegangen sein! Übrigens wird er auch einige Minuten auf dem Bahnhof aufgehalten worden sein. Alles Umstände, die es ausschließen, daß Graf Martini um acht Uhr in seiner Wohnung war oder sie etwa schon wieder verlassen hat!“
Der Grieche kann kaum erwarten, daß er zu Worte kommt.
„Es war ja gar nicht der Herr Graf, den ich sehr gut kenne. Es war ein Fremder, den ich gegen acht Uhr aus der Wohnung treten sah.“
„Am 28. August?“
„Si, Signore!“
„Wie sah er aus? Gewöhnlich?“
„Nein! Er machte den Eindruck eines gebildeten Mannes, war schlank und nicht schlecht gekleidet. Mir fiel aber sein verstörter Blick auf, die Eile, mit der er fortlief.“
Der Polizeiinspektor schüttelt den Kopf. „Vor dem Mord? Verstört? Sie werden sich in der Zeit irren! Es war später. Vielleicht neun Uhr!“
„Wo denken Sie hin, Herr Inspektor!“ ereifert sich der Händler „Ich bin doch bei Sinnen! Ich sagte schon, es war zehn Minuten vor acht, meine Uhr ist durchaus verläßlich! Im übrigen hatte mich Herr Pizotti um acht Uhr bestellt. Ich bin eine Viertelstunde früher gekommen, aber, wie gesagt, ich habe meinen Kunden nicht angetroffen!“
„Wer ist Herr Pizotti?“ wendet sich der Inspektor an die Portière, die noch immer im Zimmer ist.
„Herr Pizotti?“ Die Alte zieht die schmalen Schultern hoch.
„Uno straniero — ein Fremder, Herr Inspektor, fast nie zu Hause!“
„Wieso? Er wohnt doch schräg über dieser Wohnung?“
„Si! Si! Aber er kommt oft wochenlang nicht — ist viel auf Reisen, ich habe ihn schon lange Zeit nicht gesehen!“
„Seit dem 28. August nicht?“
„Länger nicht! Wochen nicht!“
„Das stimmt nicht!“ wirft Nipulos ein. „Ich habe ihn vor vierzehn Tagen besucht!“
„Ein Beweis, daß Sie nicht alle Leute sehen, die aus und eingehen“, sagt der Kommissar zur Portière. „Graf Martini kann also doch noch abends ausgegangen sein! Es ist nun von ungeheurer Wichtigkeit, daß wir feststellen, welcher Mann um acht Uhr aus der Wohnung des Grafen Martini gekommen ist. Verstört, wie Herr Nipulos behauptet.“
„Ja, Herr Inspektor. Mit irrem Blick, ich sah ihn vorbeirennen, aber er bemerkte mich nicht. Raste die Treppen hinab, verschwand — wie ein Wahnsinniger!“
Die Beamten lassen bei Herrn Pizotti nachforschen. Die Wohnung ist verschlossen, an der Tür ein Schild: „Verreist!“
Die Bewohnerin der Räume über dem Grafen Martini, Signora Santoni, hat auf ihre Vernehmung gewartet. Sie erklärt mit Bestimmtheit, daß sie schon in der Nacht vom 27. zum 28. August Lärm in der Wohnung gehört habe.
„Ich leide an Schlaflosigkeit. — Der 27. August bedeutet für mich ein besonderes Ereignis — eine Jugenderinnerung —“ sie macht eine kleine Pause —, „ich weiß also, daß es die Nacht vom 27. zum 28. August war, da hörte ich deutlich ein Möbelstück fallen, dann die Stimme einer Frau und eines Mannes. Und die Nacht darauf, vom 28. zum 29. August, vernahm ich einen Schrei. Aber ich habe ihm, obwohl ich sehr erschrocken war, keine weitere Bedeutung beigemessen!“
Die Gräfin Scudellari wird gemeldet.
Der Polizeiinspektor geht ihr entgegen, will sie schonend über das Verbrechen, dem ihr Vetter zum Opfer gefallen ist, aufklären. Aber sie weiß schon alles. Sie ist sehr blaß, erregt, doch bleibt sie seltsam kühl, will den Toten nicht mehr sehen und bedauert in bewegten Worten die Witwe und die beiden Kinder, die der Tote hinterläßt. Den Beamten fällt diese Teilnahmlosigkeit auf, sie beobachten die Gräfin. Eine Frau von vierzig Jahren, schon etwas stark geworden, eine interessante Erscheinung mit großer, edler Nase und guter Haltung, kann sie noch immer für schön gelten. Aber der wohl einmal lebensfreudige Mund hat eine seltsame Starre, die Pupillen sind erweitert wie unter der Einwirkung von Belladonna. Alles in allem das Antlitz einer Aristokratin, doch nicht ohne Geheimnisse. Der ironische Mund scheint sich über die Beamten lustig zu machen. Sie weiß nichts Neues zu sagen. Ihrer Meinung nach ist es ausgeschlossen, daß vor dem 28. August Leute in der verschlossenen Wohnung waren.
„Sie brauchen nicht weit zu suchen, meine Herren! Die Korrespondenz des Grafen wird Ihnen genügend Aufklärung geben!“
„Sie glauben also auch, Frau Gräfin, daß ein galantes Abenteuer der Hintergrund dieser Tragödie war?“
„Was sonst? Nur eine derartige Affaire! Mein Vetter hatte sich durch seine Torheiten viel Sympathien verscherzt.“
„Sie sind mit der Frau Gräfin Martini befreundet?“
„Sehr!“
Der Inspektor beendet die kurze Aussprache mit einer Verneigung. Die Gräfin wirft einen kurzen Blick durch halbgeschlossene Augen ins Arbeitszimmer, wo die Leiche unter dem Teppich liegt. Der Kommissar beobachtet sie. In seinem kalten Gesicht ist nicht zu sehen, welche Gedanken ihn bewegen.
Unten wartet schon der Wagen, die Leiche zu überführen. Vom Gericht ist Richter Castel gekommen, von den Beamten ehrerbietig begrüßt. Er hat keine Funktion hier, nur Berufsinteresse hat ihn an den Schauplatz dieses Verbrechens getrieben. Er geht stumm umher, den runden Stockgriff gegen das Kinn gepreßt, alles beobachtend, mit dem steinernen Blick der Gorgo.
Irgendein Gedanke treibt ihn von Zimmer zu Zimmer. Vor dem Bildnis der Gräfin Martini bleibt er stehen. Ein unbekannter Künstler hat es gemalt, aber er hat den Ausdruck der jungen Frau überraschend getroffen. Ein Mädchen blickt aus dem Rahmen herab, ein zartes Mädchenantlitz, rührend in einer leidenden Zärtlichkeit, die mit schwärmerischen großen Augen sich dem unbekannten Leben hingibt, mit dem Wissen um das Leiden des Weibes.
Richter Castel zeigt bei der Betrachtung dieses Bildes keine Bewegung. Sein regelmäßiges Gesicht bleibt starr wie eine Maske, seine Augen sind überschattet von den starken Brauen, die sich langsam zusammenziehen, bis sie einen einzigen drohenden Strich bilden, eine schwarze Warnung. Sein geschliffener Mund, eine Degenklinge in rhetorischen Duellen, der Mund eines Asketen, an dem zurückgehaltene Leidenschaften um Entfesselung ringen, zieht sich spitz zusammen und verrät Hohn, Ablehnung, Haß.
Inzwischen ist es Richter Castell entgangen, daß die Beamten, eigentlich Leutnant Sonzo, eine wichtige Entdeckung gemacht haben, die für die Ermittlungen den Kriminalisten das bedeutet, was der Schöpferrausch dem Dichter ist, für den Diplomaten die Schwäche des Gegners:
Die Spur.
Sonzo hat unter dem Teppich im Mordzimmer einen zerknitterten Zettel gefunden. Er lautet:
„Für fünfhundert Lire ärztliche Instrumente in Pfand genommen.
Strozzi.
Bologna, 20. August.“
Die Bestätigung ist mit kräftiger Handschrift niedergeschrieben.
„Strozzi“, sagt der Kommissar. „Unbekannt. Einen solchen Pfandleiher gibt es in Bologna nicht.“
„Wir müssen ihn in den Kneipen suchen“, erwidert der Inspektor. Sein Fingernagel deutet auf zwei Worte auf der Rückseite. Der beschmutzte Zettel ist das Stück einer Speisekarte. Uova con — das Weitere ist abgerissen. „Soll heißen: Uova con prosciuto, Eier mit Schinken. Hektographiert! Ein kleines Restaurant also.
Meine Herren, wir haben die Spur des Verbrechers.“
3.
Am Abend des 24. August, zwei Tage also vor der Abreise des Grafen Martini aus Venedig, war es zur letzten Auseinandersetzung zwischen ihm und seiner Gattin gekommen.
Die Szene war so furchtbar, daß Ferdinand Pichi, der Kammerdiener, schreckensbleich nach dem Schlafzimmer der Gräfin stürzte, um ihr zu Hilfe zu kommen. Aber vor der Tür blieb er stehen. Sie war angelehnt, man konnte jedes Wort im Korridor verstehen. Frieda, die Köchin, stand in einem Winkel, Adele, die Zofe, war zu den weinenden Kindern geeilt.
Der Graf war, von einigen angezechten Freunden begleitet, nach Hause gekommen. Vor dem Tor des alten Palazzo hatten sich die Freunde verabschiedet.
Mit schweren Schritten war Francesco Martini die Marmorstufen emporgestiegen. Dieser Palast stammte, wie so viele andere aus der Umgebung des Canal Grande, noch aus den Glanzzeiten der venezianischen Adelsgeschlechter. In den mächtigen Räumen des Inneren versanken förmlich die Menschen, wie die Jahrhunderte in ihnen versunken waren. Nur die Schatten blieben …
Vor dem Gemach der Gräfin blieb Martini stehen.
„Maria“ — er klopft an die schwere Eichentür — „Maria, schläfst du?“
„Nein, Francesco“, tönt die helle Stimme der Gräfin zurück. „Schlafe wohl! Buona notte!“
„Der Teufel soll — —“ brummte Francesco. Und laut: „Öffne, angelo mio!“
„Nein, Francesco, ich bin müde!“
„Aber meine Liebste! Carissima! Nur ein paar Minuten! Ich möchte noch mit dir plaudern!“
Die Gräfin stand vor dem großen Spiegel. Sie trug bereits ihr seidenes Nachtkleid, an den kleinen Füßen bunte Pantoffel. Eher klein als groß, glich sie nicht den norditalienischen Frauen, von denen die Turinerinnen die schönsten sein sollen. Das zarte Gesicht ist nur Hintergrund für die großen, ovalen Augen. Sie können durch Wände und Türen sehen, durch Häuser und Städte, weithin zum Meer, zu fremden Gestaden und Blumen. Sie sind voll Verträumtheit, und die Stirne blüht hell und weiß.
Wieder pochte Martini. Sie fuhr zusammen und raffte die Seide über der mädchenhaften Brust. Mit zuckenden Brauen schaute sie hochmütig zur Tür.
„Wir haben vereinbart, Francesco …“
„Aber nicht, daß ich kein Recht habe, dich zu sehen!“
„Du hast versprochen — geschworen —“
„Alles, Liebste! Nur sehen —“
„Zu so später Nachtstunde“, sagte sie tonlos bittend, legte dann den Kopf zurück. „Nein, Francesco, ich öffne nicht!“
Er hatte auf dies Stichwort gewartet. Vom Wein erhitzt, berauscht von Gesprächen mit den Freunden, erotischen Aufschneidereien, wüsten Phantasien, warf er sich plötzlich mit seinem schweren Körper gegen die Tür, die in ihren Angeln krachte. Sein Brüllen dröhnte durch das ganze Haus. Ein Schwall von Worten folgte. Er sei Herr hier. Nicht nur Mann, — Herr! Was sie sich denke? Ob er etwa noch mit Puppen spiele? Er habe nicht einmal als Knabe dazu Lust gehabt. Sie mache ihn lächerlich, ihn, den Grafen Martini! Vor den Domestiken! Ihr liege eben nichts daran, was Dienstboten denken! Sie mache sich gemein mit ihnen, seine Frau! Die Gräfin Martini! Ihm sei es aber nicht gleichgültig! In seinen Adern fließe — —
Aber da merkt er, daß Marias Hand schon den Riegel zurückgezogen hat.
Die Kinder sind erwacht von dem Lärm und weinen. Maria steht mitten in dem kalten Raum. Es war keine Zeit, diesen runden Turm mit Geschmack auszustatten, sie wohnt ja nur vorübergehend hier. Ein heftiger Sturm weht durch die schlecht schließenden Fenster und läßt die Vorhänge aufwallen, rüttelt an allen Türen im Hause.
Wie zerbrochen steht die junge Gräfin, mit schmerzhaft hochgezogenen Brauen, die Augen voll Erstaunen und Armut. So sind die Männer?
Kalt, frierend, das Unverständliche mit Ekel ablehnend, tritt sie zurück. Er wuchtet ihr nach mit seinem hünenhaften Körper, das Gesicht rot, mit Blicken dem Weib die Hüllen abreißend, sich an vorgefühlter Nacktheit, an ratloser Ablehnung weidend. Seine Hände reißen sie zu sich, betasten sie, ergreifen Besitz.
Sie stöhnt auf, entwindet sich, entkommt, flüchtet leichtfüßig, wirft Raum zwischen ihn und sich, Abgründe schimmern in ihrem Antlitz, ihr roter kleiner Mund zittert vor Entschlossenheit und Gegenwehr.
Ernüchtert starrt er. Schmeichelt. Noch fremder ist er ihr als Bettler. Sie entgegnet zornig. Ihre Nase ist schmal, aber die Flügel beben, hohnvoll wird ihre Abweisung. Sie entflieht ihm wieder, weicht aus, — er taumelt über den Fußschemel, sein Zorn raucht aus Schmerz und Mannqual. Er beugt sich vor, ganz nahe ihren bösen, grüngoldenen Augen. Der Hauch ihres jungen Körpers schlägt über ihn. Er sagt furchtbare Worte. Sie sind nie wieder gut zu machen. Er schleift alles durch den Schmutz: Die Liebe der ersten Zeit ihrer Ehe — ihre Kinder — ihre Familie (ein besonders beliebtes Thema) — und dann fliegen Gegenstände durcheinander. Selbst der Sturm über dem Meer verstummt vor dem Toben dieses Rasenden. Seine Stimme überschlägt sich: „Zu zart bist du? Zu zart für die Liebe? Für meine Liebe? Du Heuchlerin! Du Weibsbild! Ja, ich weiß! Ich habe vor dem Kardinal geschworen, dich nicht zu berühren! Aber man hat mich getäuscht! Man hat mich erpreßt! Du warst aus meinem Haus geflohen! Was sollte ich tun? Man hat mir von deiner schwachen Gesundheit vorgeredet! Ecco! Du bist gesund wie der Fisch im Wasser! Du bist schön, blühst, bist jung! Ich, ein Mann, kraftvoll, die Weiber drehen sich nach mir um, ich soll an dir vorbeischleichen wie ein Aussätziger! Ich will nicht! Nein! Ich will nicht!“
Er schweigt. Wartet auf eine Antwort. Fühlt sich schon besiegt durch ihre unerschütterliche Festigkeit, will parlamentieren. Sie sagt leise:
„Setze dich, Francesco. Ich will dir antworten. Als ich dich heiratete, sagte meine Mutter: ‚Gehorche deinem Gatten in allen Dingen! In allen!’ — Ich gehorchte. Aber du hast meine Schamhaftigkeit verletzt. Immer wieder. Ich glaubte, die Liebe sei so — —. Aber auch in der Liebe, — dieser Liebe, — gibt es eine Würde. Nicht alles ist erlaubt! Nicht alles Pflicht für die Frau. Das habe ich allmählich begriffen. Hingabe wurde mir zur Marter. Du sagst: Gesetz und Kirche! Du bist der Herr! Ich bin dein Eigen!
Nein! Francesco. Mag das Gesetz es so wollen: Ich will nicht! Du hast mich wieder zur Rückkehr in dein Haus bewogen, indem du einem Vertrag zugestimmt hast, der mir Sicherheit und Unantastbarkeit durch Eide sicherte.
Ich ließ dir deine Freiheit. Du willst den Vertrag brechen! Das ist unmännlich! Das macht dich verächtlich!“
Er schnellt hoch. Er, Martini, Graf Martini, verächtlich!
„In deiner Familie sind ja die Advokaten zu Hause! Rede nur! Rede! Ich werde handeln! Ich fahre nach Bologna! In einigen Tagen, si! Ich werde die Wohnung dort auflösen. Auflösen! Wir ziehen nach Padua! Nichts mehr von Bologna! Kein Wort mehr! Da wohnt der Herr Papa, der Obermufti! Der Herr Bruder! Die Frau Mama! Man geht täglich mit den Kindern hin. Man hetzt gegen den Aristokraten! Man bringt den Kindern unwürdige Ansichten bei! Man konspiriert in dieser Bürgerstube!
Schluß! Aus! Ende! Die Wohnung in Bologna wird aufgegeben. Wir ziehen nach Padua: du und ich. Nur du und ich. Sofort nach meiner Rückkehr aus Bologna kommen die. Kinder fort! Jawohl! Ins Internat! Du bist nicht würdig, sie zu erziehen! Schreie! Wüte! Klage an! Der heilige Bischof hilft dir nicht! Auch dein Vater nicht! Kann nicht! Ich bin der Herr! Ich bin der Vater deiner Kinder! Ich habe Freunde! Ich will! Ins Internat kommen sie! Ich will sehen, ob ich dich in Padua nicht zähme, du blasse Lucrezia!“
Ein höhnisches Lachen, Zuschlagen der Tür.
Pichi ist vorher schon geflüchtet. Der Graf geht mit dröhnenden Schritten durch die Zimmer. Macht überall Licht. Sieht die junge Köchin Frieda. Den Regenmantel übers Nachthemd geworfen, steht sie da in einem Winkel. Überrascht in ihrer Neugierde, sprachlos vor Schrecken, verlegen sich in den starken Hüften wiegend, lächelnd, mit gespreizten Bewegungen, in komödienhafter Geziertheit, sucht sie die Tür.
*
Die Gräfin ist zu ihren Kindern geflüchtet.
Ninetto, der Kleine, Maria, die Ältere, klammern sich bleich an die heißgeliebte Mutter.
„Keine Angst! Keine Angst, meine Engelchen“, stammelt die Gräfin. „Ich bin da! Ich kämpfe um euch! Nichts darf euch geschehen! Schlaft still! Schlaft, meine süßen Kleinen!
Ihre Stimme lullt sie ein. Ihre Augen schließen sich. Sie schlafen. —
Aber Gräfin Maria schläft nicht. Mit weiten Augen schaut sie ins Dunkel. Horcht auf den Sturm, der wieder eingesetzt hat, macht sich leise frei aus der Umarmung der Kinder. Am Fenster stehend lauscht sie auf das Aufklatschen der Wellen an der Landungstreppe.
Unendlich traurig ist Venedig im Herbst! Eine weinende Stadt! Venedig ist die einzige Stadt der Welt, die ihr Leid in die Herbstnächte schluchzt — — —
Am Morgen ist Francesco frühzeitig fort. Maria eilt selbst zur Post und gibt Depeschen auf. Der Tag schleicht bleiern hin.
„Gnädigste Frau Gräfin,“ sagt Pichi, der Diener, „ich habe alles gehört — ich wollte helfen —! Der Herr Graf hat nicht erst heute nacht den Entschluß gefaßt, nach Padua zu ziehen. Nein! Ich hatte schon längst Auftrag, wenn Sie mit ihm in der Schweiz zur Erholung weilten, die Wohnung in Bologna in aller Stille aufzulösen, die Möbel nach Padua zu schaffen …
Auch wegen der Kinder verhandelt er schon länger mit Internaten — —“
„Es ist gut, Pichi! Ich danke Ihnen!“
„Der Herr Graf darf um Gottes willen nicht erfahren, daß ich …“
„Keinesfalls, Pichi! Ich danke Ihnen für Ihre Anhänglichkeit.“
Aber die Ruhe, die Gräfin Maria zur Schau trug, war nicht echt. Die Erklärung des Kammerdieners hatte einen furchtbaren Sturm in ihr wachgerufen. Im ersten Augenblick fühlte sie sich unfähig, etwas zu unternehmen. Wie eine Verratene, wie eine Gefangene ging sie in den Zimmern auf und ab, Selbstgespräche führend. Es war nicht das erstemal, daß Pichi sie über Beschlüsse, ja, über Stimmungen seines Herrn unterrichtete. Es waren immer Schmähungen und Drohungen, Schändlichkeiten, die die Gräfin im Innersten erschütterten.
Was soll ich tun? Mein Gott, was soll ich tun? stöhnte Maria. Sie hatte auf den Wunsch ihres Gatten den Scheidungsakt zerrissen, der seinerzeit die Grundlage für die endgültige Trennung bilden sollte. Alles mußte nun wieder neu aufgebaut werden. Sie dachte an den Tod — aber der Gedanke an ihre Kinder riß sie sofort wieder in die Wirklichkeit zurück.
Schließlich nahm sie an ihrem Schreibtisch Platz, ihre Verzweiflung in Briefen auszuschütten. Sie schrieb an die Mutter, an den Vater. Sie schrieb an Freunde in Bologna.
*
In der folgenden Nacht kam Francesco nicht nach Hause.
Aber dann wurde zeitig am Morgen die Glocke gezogen. Ehe Adele noch auf war, stand Frieda schon am Tor. Ein Mädchen wartete draußen. Jung, nicht eben schön, aber sehr freundlich, mit zärtlichen braunen Augen, einem lieblichen Mund.
„Ich muß die Frau Gräfin sprechen.“
„So früh? Frau Gräfin schläft noch.“
„Sagen Sie ihr, die Angelegenheit ist dringend.“
„Um was handelt es sich?“
„Ich muß es persönlich ausrichten.“
„Wen melde ich?“
„Rosina Bonetti.“
Mißtrauisch ging Frieda nach oben. Sie haßte die Gräfin. Aus Instinkt. Aus Auflehnung. Aus ihrer sinnlichen Seele heraus. Die Gräfin hatte schon vor längerer Zeit ihre Entlassung verfügt.
Die Zofe kam Frieda entgegen. Sie mußte berichten.
„Ich melde Sie“, sagte Adele zu Rosina Bonetti. Wechselte einen raschen Blick mit ihr.
Mich täuscht ihr nicht, ihr Schlangen, dachte Frieda. Ihr seid im Einverständnis.
Rosina Bonetti wartete. Die Gräfin kam bald.
Frieda machte sich im Nebenzimmer zu schaffen. Die Fremde erzählte krauses Zeug. Von einem Kleid, das sie hätte besorgen sollen — sie wisse nicht: grün oder gelb oder schwarz — und wann der Herr Graf nach Bologna komme?
„Er ist in einigen Tagen dort!“ erwiderte die Gräfin.
Durch die halboffene Tür sah Frieda, wie die Fremde Maria Martini einen Zettel in die Hand drückte. Die Gräfin öffnete das Papier, las, nickte dieser sonderbaren Rosina lebhaft zu.
„Wohin? Ins Café Florian?“
„Nein! In den öffentlichen Garten!“
„Sage ihm, ich komme“, sagte die Gräfin leise.
Die seltsame Person eilte fort.
Nach einer Stunde verließ die Gräfin das Haus. Frieda folgte ihr heimlich. Wenn sie ein Geheimnis in die Hände bekäme! Der Graf wäre damit gefügig zu machen! Wer konnte wissen, welche Möglichkeiten sich da eröffnen würden!
Sie folgte Maria bis in den öffentlichen Garten. Um diese Zeit war kein Mensch hier.
Nur ein eleganter Herr ging in sichtlicher Erregung auf und ab. Frieda verbarg sich rasch.
Kaum hatte der Herr die Gräfin gesehen, eilte er ihr entgegen. Sie sank fast in seine Arme. Er küßte sie auf das Haar.
„Liebste! Du Arme! Du siehst aus wie ein Leichnam!“ rief er.
„Ich bin sehr, sehr unglücklich“, erwiderte die Gräfin.
Frieda konnte jedes Wort verstehen. Sie kamen beide ahnungslos näher. Aber sie konnte den Herrn nicht erkennen, sie verwünschte ihre Kurzsichtigkeit.
„Mache dir keine Sorgen“, hörte sie die Gräfin sagen. „Alles wird in Ordnung kommen. Aber du, weshalb bist du gekommen?“
Der Herr ging wieder nervös hin und her. Maria neben ihm. Er schwieg eine Weile. So wandelten sie beide auf und ab, als wollten sie ihrer fiebernden Erregung Luft schaffen.
„Ich habe deinen Expreßbrief bekommen,“ sagte er, „kurz vor der Abfahrt. Du hast auch an Mama geschrieben. Du willst mit den Kindern fliehen? Unglückliche, weißt du nicht, daß dein Mann dich dann ins Verderben stürzen kann mit der Anklage, daß du die eheliche Wohnung verlassen hast? Das Gericht würde die Scheidung aussprechen und dich als Schuldige erkennen. Man würde dir deine Kinder entreißen!“
Aber Maria schüttelte den Kopf. „Das Unrecht ist nicht auf meiner Seite! Mein Mann hat die beschworenen Bedingungen nicht erfüllt. Bin ich da nicht berechtigt, mich zunächst in das Haus meines Vaters zu flüchten?“
Der Herr war anderer Meinung. Sicher ein Advokat, dachte Frieda. Warum aber behandelt er die Gräfin so vertraulich? Und sie ihn? Ein Liebhaber? Sollte die keusche, stolze Gräfin Maria Martini einen Liebhaber besitzen?
Das Gespräch mit dem Fremden wurde unverständlich, Frieda konnte nichts weiter hören. Die Gräfin schien müde, nervös und mutlos zu sein. Sie brach in Tränen aus. Aber dann kamen sie wieder näher.
„Was soll ich tun?“ rief Maria. „Ich habe nicht mehr die Kraft zu kämpfen! Wenn ich nicht für meine Kinder leben müßte, würde ich dieses jammervolle Dasein beendigen!“
Sie standen nun dicht vor Frieda. Die duckte sich hinter einem Rhododendronstrauch.
„Maria,“ stammelte der Fremde, „wie darfst du dich mit solchen Gedanken abgeben! Meine liebe, arme Maria! So weit ist es also gekommen!“ Die Stimme des Fremden klang plötzlich hart, entschlossen und wutentbrannt. „Gut! Machen wir ein Ende! Glaubt er dich schutzlos? Er wird sich irren! Jetzt werde ich eingreifen!“
Sie entfernten sich wieder, Frieda hörte die Gräfin aufgeregt sprechen, ohne den Sinn der Worte zu verstehen. Dann, in die Nähe kommend, wieder den Mann, laut, vernehmlich:
„Ich will sofort mit ihm sprechen!“
Darauf die Gräfin: „Er ist nicht in Venedig. Ich will auch nicht, daß du hier mit ihm zusammenkommst.“
„Dann richte es ein, daß ich ihn an einem anderen Ort treffe!“
„Es hat noch einige Tage Zeit! Wie glücklich bin ich, zu wissen, ich stehe nicht allein auf der Welt! Ihr werdet mir helfen, Ich werde nicht den Mut verlieren!“
„Ja,“ antwortete der Unbekannte, „wir helfen dir! Die Entscheidung muß fallen! Du mußt von ihm befreit werden! Wann ist er in Bologna?“
„Am 28. abends, vielleicht schon am 27.“
„Dieser Schuft!“
Der Wind verwehte das Weitere. Sie hatten sich wieder entfernt, Frieda schlich sich fort und eilte nach Hause. Aber sie kam nicht mehr dazu, dem Herrn zu berichten, was sie beobachtet hatte. Der Graf war für eine Stunde wiedergekommen und dann gleich abgereist. Pichi erzählte, er wollte erst nach Mailand fahren, dann nach Bologna.
„Ich muß dich allein sprechen“, stammelte Frieda, zog ihn in ihre Kammer. „Hat die Gräfin einen Liebhaber?“
„Du bist verrückt! Ich antworte gar nicht auf solche Fragen!“
„Sie hat ein Rendezvous gehabt mit einem Herrn!“
„Sie hat viele Freunde!“
„Du Narr! Sie planen etwas gegen den Grafen! Ich sage dir, sie werden ihn ermorden!“
Pichi tippte dem Mädchen, das als Verleumderin und Zwischenträgerin im ganzen Hause bekannt war, auf die Stirn: „Du hast einen Vogel, Frieda!“
Ohne weiter auf sie zu hören, ging er.
Er fand die Gräfin schon zu Hause. In allen Zimmern wurde fieberhaft gepackt. Maria machte kein Hehl mehr aus ihren Absichten.
Sie floh!
Wohin? Wann?
Niemand wußte Näheres. In die Schweiz, hieß es. Alles war bereit. Die Gräfin wartete nur die ersten Nachrichten ihres Gatten ab, um sicher zu sein, daß er in Bologna angekommen war. Dann wollte sie mit ihren Kindern fort.
Selbst Pichi schüttelte den Kopf. Überlegte, ob er dem Grafen Mitteilung nach Bologna machen sollte. Aber er unterließ es. Die abscheuliche Nachrede Friedas erfüllte ihn mit Ekel. Sollte auch er die Gräfin preisgeben? Sein Herz sprach für sie. Wenn sie den Quälereien ein Ende setzte — er konnte sie nicht tadeln.
Plötzlich erklärte die Gräfin, sie reise nach Rimini. Allein. Für zwei Tage. Die Kinder blieben unter Adeles Obhut.
Pichi war verwirrt. Er wagte einzuwenden: „Wenn der Herr Graf zurückkehrt, die Frau Gräfin nicht vorfindet —“
„Mein Mann ist in Bologna, Pichi! Ich bin rechtzeitig wieder dal“
Er wagte nicht, weitere Fragen zu stellen.
Frieda erzählte ihm, die Gräfin hätte eine Depesche erhalten und sie sofort verbrannt.
Die Gräfin reiste fort, blieb zwei Tage aus, kam zurück. Sie schien verjüngt, war frisch, bester Laune, scherzte den ganzen Tag mit den Kindern. Inzwischen waren fünf Tage seit der Abreise des Grafen Martini verflossen, ohne daß er Nachricht gegeben hätte.
„Ist das Schweigen des Herrn Grafen nicht auffallend?“ fragte Pichi die Gräfin. „Ich sollte doch noch verschiedene Dispositionen von dem gnädigen Herrn erhalten! Das ist noch nie vorgekommen, daß der Herr Graf so lange nichts von sich hören ließ!“
„Warten wir“, antwortete Maria gleichmütig, fast heiter.
Pichi verstand das nicht.
Wußte sie denn etwas? Was wußte sie? Die Bemerkung Friedas fiel ihm ein, die in wenigen Tagen das Haus verlassen sollte. Aber ebenso schnell strich er die abscheulichen Worte dieser Intrigantin aus der Erinnerung.
Doch am nächsten Tage konnte er seine Unruhe nicht mehr meistern.
Es war der 1. September, am 23. August war der Graf abgereist. Pichi telephonierte nach der Wohnung in Bologna. Aber das Gespräch konnte nicht zustande kommen. In der Wohnung antwortete niemand. Die Unruhe des Kammerdieners wuchs.
Warum reist die Gräfin nicht? dachte er. Sie wollte fliehen — der Graf müßte längst zurück sein — worauf wartet sie?
„Der Herr Graf wollte doch von Bologna aus noch nach Carvarzere reisen“, erklärte ihm die Gräfin. „Kann er sich nicht verspätet haben?“
Aber ganz plötzlich überfiel Bestürzung auch die Gräfin Maria.
Ist sie über Nacht zur Besinnung gekommen? dachte Pichi.
Wie dem auch war: Sie befahl, nach allen Seiten, an alle Freunde Depeschen zu senden. Pichi rannte aufgeregt zur Post. Noch zweimal versuchte er, mit der Wohnung in Bologna telephonisch zu sprechen. Schließlich alarmierte die Gräfin die Polizeibehörde von Bologna.
*
Inzwischen war Marias Mutter in Venedig eingetroffen.
„Was soll das alles bedeuten?“ fragte sie. „Du depeschierst, du willst fliehen, erst zu uns, dann in die Schweiz, und jetzt kehrt dein Gatte nicht zurück zu dir, und du bist noch hier? Francesco ist doch in Bologna eingetroffen, die Bonetti, die ich auf der Straße getroffen habe, hat telephonisch mit ihm gesprochen!“
Frau Professor Giotti war noch viel unruhiger als ihre Tochter. Sie war immer noch eine schöne, mädchenhafte Erscheinung, eine Eigenart, die Maria von ihr geerbt hatte. Trotzdem — wie verschieden waren diese beiden Frauen! Die Mutter düster, melancholisch, den meist abwesenden Blick mit schmerzlichem Ausdruck ins Leere gerichtet, als lese sie im Buche des Schicksals.
Sie ist nervös und reizbar. Seitdem sie eines ihrer Kinder in sehr jugendlichem Alter unerwartet verloren hat, neigt sie dazu, den kleinsten Begebenheiten die schlimmste Bedeutung beizumessen.
Anders Maria! Trotz der unglücklichen Ehe, die sie bisher geführt hat, ist sie heiter, schwärmerisch. Obgleich von zarter Gesundheit, ist sie keinen Launen unterworfen, allem Schönen zugeneigt. Von schlankem Körperbau, schmalhüftig, mit edlen, hohen Beinen und sehr kleinen Füßen, gleicht sie eher einem schönen Knaben als einer Frau von dreißig Jahren. Erst in letzter Zeit hat die Furcht, ihre über alles geliebten Kinder zu verlieren, einen Zug schmerzlicher Erwartung um ihren frischen Mund gelegt.
Die Zerwürfnisse der Ehe Marias waren der Mutter nur zu wohl bekannt. Die Katastrophe schien unabwendbar — war es nun da, das Ende mit Schrecken?
„Vielleicht ist er auf dem Wege, für die Kinder ein Institut ausfindig zu machen, um sie dir zu nehmen. Vielleicht ist er noch in Bologna und verbirgt sich, um seine Pläne zu verschleiern!“
Maria war bei diesen Worten der Mutter totenblaß geworden.
„Du hältst es für möglich, Mama, daß Francesco noch in Bologna ist? Hinter welche Geheimnisse will er kommen?“
Maria wandte sich ab. Sie preßte die Stirn gegen die Fensterscheibe. Ihre schmale Hand irrte wie eine arme Seele in der Luft umher, um schließlich matt und hilflos auf ihre Brust niederzusinken.
Frau Giotti beobachtete ihre Tochter.
„Fürchtest du etwas, Maria?“
„Fürchten? Ich habe die Furcht verlernt!“
Maria wandte sich um. Ihre großen Augen irrten unruhig über das ewig ernste Gesicht der Mutter. Wie dürfte ich es ihr jemals sagen? Sie ist meine Mutter. Eine gute Mutter, aber mir völlig entfremdet.
Maria warf den Kopf qualvoll hin und her. Ihre Hände zerknüllten ein feines Taschentuch. Nein, nie werde ich eine Vertraute an ihr haben, ewig wird das Geheimnis in meinem Herzen verschlossen sein. Wie sollte sie mich verstehen? Niemand würde mich verstehen! Steinigen würden sie mich, von der Seite meiner Kinder würde ich gerissen, in den Abgrund geschleudert!
Die Mutter sprach nicht aus, was sie dachte. Daß sie die Unruhe ihrer Tochter nicht nur dem Ausbleiben jeder Nachricht von Francesco zuschrieb.
„Ich habe an alle, die ihn kennen, depeschiert!“ sagte Maria endlich. „Auch an die Polizei in Bologna. Wir werden so am schnellsten erfahren, wenn Francesco — etwas zugestoßen sein sollte.“
Aber die Antworten, die einliefen, lauteten alle unbefriedigend. Niemand hatte Francesco gesehen. Inzwischen verging die Zeit. Stunden wurden zu Ewigkeiten. Die Wohnung in Venedig war nur bis zum 31. August gemietet, die Gräfin konnte täglich damit rechnen, daß sie das Haus verlassen mußte. Sie lagerte einen Teil des Gepäcks auf dem Bahnhof in Venedig ein, bereitete ihre Abreise vor. Bestimmte, daß Pichi nach Bologna in die Wohnung zurückkehren sollte.
Pulsuz fraqment bitdi.