Kitabı oxu: «Josephine Beauharnais. Der Liebesroman einer Kaiserin»
Robert Heymann
Josephine Beauharnais
Der Liebesroman einer Kaiserin
Saga
Josephine Beauharnais. Der Liebesroman einer Kaiserin
German
© 1901 Robert Heymann
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711503461
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
I.
„Wer ist der kleine Offizier mit der gelben Haut und der schäbigen Uniform, ma chérie?“ fragte Madame Beauharnais, die schöne Kreolin, sich an ihre Freundin wendend, die am Cours de la Reine in ihrem eleganten Hotel die Honneurs machte.
Madame Tallien, die Geliebte des allmächtigen Barras, warf einen flüchtigen Blick zu dem Brigadegeneral der Artillerie hinüber, der ziemlich schüchtern inmitten der hin und her wogenden glänzenden Menge stand:
„Ach, Bonaparte? Der Arme! Er steht seit längerer Zeit schon à la suite und hat mich soeben um meine Verwendung gebeten.“
„Beim Direktorium?“
„Bei Bürgerdirektor Barras.“
„Um Wiedereinstellung in die Armee?“
Die schöne Madame Tallien lachte hell auf.
„O nein! Um eine neue Uniform!“
Madame Beauharnais schien einigermaßen enttäuscht. Ihre Freundin legte die schmale weiße Hand auf den Arm der Kreolin.
„Was interessiert dich so an ihm? Das lange, strähnige und borstige Haar? Ach, er ist gelb wie eine Zitrone und, bei Gott, er kann eine neue Uniform brauchen! Er riecht förmlich nach Pulver!“
Die Kreolin erwiderte:
„Er wird seine Uniform auf dem Schlachtfelde abgenutzt haben ...“
„Zweifellos. Nach dem Erlaß vom Fructidor des Jahres III hat er kein Anrecht auf Gratislieferung von Militärtuch. Mon dieu, ich habe ein Herz für diese armen Soldaten, die unter diesen kleinlichen Miseren des Lebens zu leiden haben!“
Für Madame Tallien war der Fall damit erledigt. Ein Kreis glänzender Kavaliere zog sie ab. Ihr Liebhaber, der zwar keine großen Eigenschaften besaß, sich aber für den schönsten Mann von Paris ansprechen ließ, legte den Arm um ihre schlanke Taille und führte Notre-Dame de Termidor promenierend durch den Saal, wo man bereits anfing, einen jener seltsamen Tänze zu arrangieren, die damals Soziale Tänze hießen und gerne in großen Orgien ausarteten. Die Bürgerinnen Hainguerelot, Hamelin, Mailly de Chateau-Renault, de Navailles, de Stael, de Saint-Fargeau — die sich gerne la fille de la nation nennen ließen — sie alle waren in Fragen der Tugend nicht allzu strenge und paßten sich der Zeit an, in welcher die Frauen in griechischen Kostümen gingen, die Männer der unglaublichsten Mode huldigten, wo die Sinnlichkeit die unerläßliche Beigabe des Talentes war.
Madame Tallien zeigte sich ja auch bei Ranelagh als Diana, wenn das Wetter irgend dem Kostüm günstig war. Dann trug sie Hacken von unglaublichen Dimensionen an den Schuhen, eine Tunika bis zum Knie, die die Brust entblößt ließ.
Bei Barras, sagte man, hätte sie oft genug nackt getanzt, und Damen, die es mit der Moral etwas genauer nahmen, als die berühmten Frauen dieser Zeit, so Madame Remusat, behaupteten, auch die Witwe des Generals Beauharnais, der erst vor einigen Jahren guillotiniert worden war, schämte sich nicht, an solchen Vergnügungen teilzunehmen.
In Wahrheit wußte man nicht viel von Madame Beauharnais. Was man wußte, ließ allerdings darauf schließen, daß sie gerne galante Männer sah und nicht allzu spröde mit ihren Reizen umging. Man sah sie in allen Vergnügungslokalen von Paris, die zur Zeit des Direktoriums eine Rolle spielten. Sie erschien im Luxembourg bald in einer Robe à la Vestale, bald in einem Überwurf à la Galathée. Sie war im Idalin zu finden, im Tivoli, im Hotel Longeville, das eben auch nicht den besten Ruf besaß.
In dieser Zeit war die schöne Kreolin bereits Mitte der Dreißig. Sie war gut mittelgroß; zu dem matten, bronzenen Teint standen seltsam pikant die dunkelblauen Augen mit schweren Wimpern, deren nach oben gekrümmte Spitzen dem Blick einen rätselhaften Zauber verlichen. Sie hatte eine feine Nase, deren antike Linie durch die etwas nach oben gerichtete Spitze unterbrochen wurde, was die Pikanterie dieser stets wechselnden Züge noch hob. Schade, daß der schöngeschwungene Mund durch häßliche Zähne entstellt war, für Frau von Beauharnais ein Grund, nur sehr selten zu lachen. Immerhin konnte man über diesen Fehler die vollendeten Arme, die jugendliche Büste, den harmonischen Gang nicht übersehen. Im übrigen — „obwohl sie die Frische der Jugend bereits verloren hatte, so hatte sie doch Mittel bei der Hand, um zu gefallen“. (Marmont.)
Sie hatte eine seltene Gabe, Menschen auf ihren Wert hin zu prüfen und zu durchschauen.
Allerdings folgte sie selten ihrem Verstand, meist ihren Leidenschaften und ihrem Gefühl; das ergab Konflikte, die entscheidend in das merkwürdige Leben dieser seltsamen Frau eingriffen.
Eine Zigeunerin hatte ihr prophezeit, sie werde Königin von Frankreich werden, nicht aber als diese sterben. Ihr Leben war bisher abenteuerlich genug gewesen. Sie hatte zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, die beide noch unversorgt waren, kein Wunder also, daß sie schon seit langem nach einem Manne Umschau hielt, den sie zum Gatten wählen konnte, ehe ihre Reize verblüht waren.
Der General gefiel ihr. Sie war weit davon entfernt, etwas wie Zuneigung für ihn zu verspüren. Doch etwas Rätselhaftes zog sie an.
Sie fand rasch Gelegenheit, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Der General wurde bald blaß, bald rot. Er war nicht gewöhnt mit Frauen zu verkehren. Sein Platz war auf dem Schlachtfeld, seine Stimme weit mehr geschaffen, Befehle zu geben, als einer Frau zu gefallen. Aber die Art Frau von Beauharnais’ ließ ihn rasch die angeborene Scheu überwinden. Er wurde lebhaft und bewegt, berichtete von seinen Leiden: daß er à la suite gestellt sei und nichts sehnlicher wünsche, als wieder zur Front abzugehen, wenn möglich zur italienischen Armee.
Josephine Beauharnais war liebenswürdig genug, der Verdienste zu gedenken, welche Bonaparte sich vor Toulon als Artillerieoffizier erworben hatte. In den Blättern hatte ja Rühmenswertes genug darüber gestanden.
Der junge General lehnte bescheiden dankend ab. Aber er war nicht wenig verblüfft, von Frau von Beauharnais eine Einladung in ihr Haus zu erhalten.
Den ganzen Abend über hatte er für nichts mehr Auge und Sinn als für die schöne Witwe des Generals, um dessen Schicksal er sehr wohl wußte und das ihm einmal nahe gegangen war.
Josephine hatte geschickt einige Klagen über die Einsamkeit ihres Lebens, ihre Verlassenheit hindurchfließen lassen. General Bonaparte, der noch nicht jene Beziehungen hatte, die ihn über das Vorleben der schönen Frau hätten aufklären können, empfand neben einer rasch aufkeimenden Neigung tiefes Mitleid mit ihr.
Er kam schon am nächsten Tage. Das Haus der Madame Beauharnais imponierte ihm nicht wenig. Er übersah, daß es an dem Nötigsten fehlte, daß Kasserollen, Teller und Gläser nur in sehr beschränkter Anzahl vorhanden waren. Er hatte nur Augen für den Luxus, die kostbaren Spiegel, goldene Geschirre, den Überfluß an Geflügel und Früchten.
Er ahnte nicht, daß hinter diesem scheinbaren Reichtum sich die Armut verbarg. Er hatte wieder nur Augen für seine schöne junge Freundin, die ihn in einem griechischen Kostüm empfing, das ihre wunderbaren Formen erraten ließ. In Paris erzählte man sich, Madame de Beauharnais hätte eine Rente von 25 000 Frank. In Wahrheit hatte sie nur Schulden, und sie kalkulierte so. Nehme ich den General Bonaparte zum Mann, so habe ich alle Aussicht, in Paris eine Rolle zu spielen, denn er scheint zu den Männern zu gehören, die Karriere machen. Fällt er, so habe ich seine Pension und kann mich wieder verheiraten.
Gewiß, er war ihr sympathisch. Sie überhäufte ihn mit Liebenswürdigkeiten, die den jungen General vollkommen betörten und als er nach dem ersten Besuch ihr Haus verließ, da war er sich bereits klar, daß er diese Frau liebe.
Sie war die Erste, die ihm bisher so nahe gekommen war. Es lag allerdings schon eine Idylle mit einem jungen Mädchen hinter ihm — aber was war diese Geliebte im Vergleich zu dieser glänzenden Frau, die in allen Künsten der Koketterie erfahren war und es in gleicher Weise verstand, durch äußere Pracht zu wirken, wie durch den Zauber ihrer sinnlichen Persönlichkeit zu fesseln.
Der General, der immer noch auf seine Anstellung wartete, wurde ein häufiger Gast im Hause der Kreolin. Er kam so oft, daß die, welche im Luxembourg sich damit die Zeit vertrieben, über andere zu klatschen, galante Frauen und die Jeunesse dorée, aufmerksam wurden.
Josephine bekam Anspielungen zu hören. Um diese Zeit schrieb sie an eine Freundin, gleich als wollte sie von vornherein den Verdacht zerstören, sie sei verliebt:
„... Du hast übrigens auch den General Bonaparte bei mir gesehen. Ich will gestehen, daß er es ist, der den Waisen Alexander Beauharnais’ ein neuer Vater, seiner Witwe Gatte sein möchte.
Natürlich fragst Du alsbald, ob ich ihn liebe. Ah — nein! Ob er mir etwa zuwider ist? Nein. Aber offen gestanden, ich befinde mich in einem Zustand von Lauheit, die mich selbst ärgert, und die in Sachen der Religion den Gläubigen ärgerlicher gilt als alles andere.“
Es war also weit mehr Berechnung als Liebe, was sie den jungen General bestricken ließ. Sie war ihm so nahe gekommen, daß sie längst für seine Freundin gelten durfte. Es gab nichts, worüber er nicht mit ihr sprach, was er ihr nicht anvertraut hätte.
Josephine ihrerseits tat alles, ihren Verehrer in dem Rausch zu erhalten, in dem er lebte. Kam er nicht zu ihr, so besuchte sie ihn mit Madame Tallien in den drei kleinen Räumen, welche er in der Kapuzinerstraße bewohnte. Als er einmal ein paar Tage ausblieb — man näherte sich dem 13. Vendémiaire, und Napoleon bereitete sich für den neuen Umschwung vor — da schrieb sie ihm:
„... Sie kommen nicht mehr, um eine Freundin zu sehen, welche Sie liebt! Sie überlassen dieselbe ganz sich selbst. Sie tun unrecht, denn sie ist Ihnen zärtlich zugetan.
Kommen Sie morgen über acht Tage und frühstücken Sie bei mir. Ich habe das Verlangen Sie zu sehen, und mit Ihnen über Ihre Angelegenheiten zu sprechen.
Guten Abend, teurer Freund, ich umarme Sie!
Am 6. Brumaire.
Witwe Beauharnais.“
Das Verhältnis wurde indessen intimer. Frau von Beauharnais wurde die Geliebte Napoleons. Sie brauchte nicht mit ihrer Gunst zu geizen, denn der junge Offizier verstrickte sich immer tiefer in ihre Reize. War er fort von ihr, so schrieb er leidenschaftsdurchglühte Briefe ...
„Ich erwache ganz voll von dir. Dein Bild und der berauschende gestrige Abend lassen meine Sinne nicht zur Ruhe kommen. Süße, unvergleichliche Josephine, welchen wunderbaren Eindruck machen Sie auf mein Herz! Sind Sie ärgerlich, traurig, beunruhigt? Meine Seele ist schmerzzerrissen und Ihr Freund findet keine Ruhe. Aber es ist mir auch nicht besser, wenn ich mich dem tiefen Gefühl überlasse, welches mich unterjocht. Ich fühle auf Ihren Lippen, Ihrem Herzen die Flamme, die mich versengt.
Ach! In dieser Nacht bin ich mir klar darüber geworden, daß Ihr Bild etwas anderes ist als Sie selbst! In drei Stunden bin ich bei dir! Inzwischen, mio dolce amor- eine Million Küsse, aber du darfst mir keinen wiedergeben, denn er setzt mein Blut in Flammen!“
Die Leidenschaft des Generals, sein Wesen ließen Josephine nicht unberührt. Sie empfand allmählich doch mehr für ihn, als sie sich einzugestehen wagte, wenn auch bei ihrer flatterhaften Natur dieses Gefühl nicht stark genug war, um Liebe genannt zu werden.
Nun aber trug sie sich endgültig mit dem Gedanken, Bonaparte zu heiraten. Sie bot ihren ganzen Einfluß auf, ihm die Möglichkeit zu bieten, sich auszuzeichnen. Da sie früher, wie man sagt, die Geliebte des Barras gewesen war, so fiel es ihr nicht schwer, den einflußreichsten Mann des Direktoriums für den General zu gewinnen.
Barras erklärte: „Madame, wenn Sie den General heiraten, so bin ich bereit, ihm das Oberkommando über die italienische Armee anzuvertrauen.“
Der gute Barras hoffte auf diese Weise, alle etwaigen Verpflichtungen gegen die Witwe Beauharnais abzuschütteln. Das Oberkommando über die von den Österreichern eingeschlossene Armee in Italien war schließlich kein allzu beneidenswerter Posten. Man wußte ja doch schon in Paris, daß diese Armee keine Pferde mehr besaß, statt der Stiefel Lumpen trug und die Säbel mit Schnüren um den Leib schnallen mußte.
Als Napoleon abends zu Josephine kam, umarmte sie ihn und sagte voll Freude:
„Deine Ernennung, mein Freund, ist gesichert. Ich habe heute mit Barres gesprochen ...“
Aber Napoleon unterbrach sie:
„Ich weiß, was du sagen willst. Aber Barras kann gar nichts für mich tun. Carnot wird meine Ernennung durchsetzen — und im übrigen: brauche ich denn diese Leute? Ich habe keine Protektion nötig, aber sie alle werden einmal froh sein, die meine zu bekommen. Meine Protektion ist der Degen, den ich an der Seite trage, und damit werde ich am weitesten kommen!“
Das war schon die Sprache des Cäsaren.
In der Tat erfolgte alsbald seine Ernennung, und damit erklärte er sich auch Josephine.
Sie zauderte nicht, die Werbung anzunehmen, welche nun für sie ehrenvoll genug war. Freilich ahnte sie noch nicht, welche Triumphe ihr bevorstanden.
Napoleon war überglücklich.
Seine Familie bot allerdings alles auf, ihn von dieser unseligen Heirat abzubringen. Seine Mutter, Madame Laetitia, schrieb, diese Heirat wäre nichts für ihn, seine Brüder widersetzten sich ganz offen.
Aber Napoleons Plan stand unerschütterlich fest.
Übrigens gab es auch Leute, welche Josephine warnten.
Kurz vor ihrer Verheiratung begab sie sich mit Napoleon zu ihrem Notar Raguideau. Ménéval erzählt darüber:
„Frau von Beauharnais wollte von ihrem Notar wissen, was die Welt über ihre Verheiratung sagte. Der Notar erwiderte, man mißbillige im allgemeinen diesen Schritt, denn der Offizier sei jung, viel zu jung für sie, und wenn er auch durchaus empfehlenswert wäre, was er nicht bestreiten wolle, so besitze er doch nichts als la cape et l’épée.“
Napoleon befand sich im Vorzimmer, trommelte mit den Fingern gegen die Scheiben und hörte dieses Gespräch mit an, denn Josephine hatte vergessen, die Türe zu schließen.
Er sagte kein Wort, als Josephine wieder herauskam. Aber viele Jahre später, am Krönungstage des Kaisers, sandte Napoleon, noch im vollen Ornat, den Degen an der Seite, auf dessen Knopf der berühmte Diamant le Regent funkelte, zu dem Notar und ließ ihn auf der Stelle herbeiholen. Zitternd kam derselbe, ungewiß, was der Kaiser in diesem bedeutungsvollen Augenblick von ihm wollte. Napoleon empfing ihn huldvoll und fragte:
„Nun, mein Freund, wie steht es? Habe ich wirklich nichts wie la cape et l’épée?“
Das allerdings war viel später.
Am 9. März 1796 fand abends um sechs Uhr die Trauung Josephine de Beauharnais’ und des Generals Napoleon Bonaparte auf der Mairie des zweiten Arrondissements statt. Josephine gab bei der Trauung an, um vier Jahre jünger zu sein, Napoleon machte sich um ein Jahr älter.
Er verlegte nun seine Wohnung in das Haus seiner Gemahlin. Sein Glück kannte keine Grenzen. Er übersah, daß Josephine mit dem Tage, wo sie erreicht hatte, was sie wünschte, eine auffallende Kälte an den Tag legte. Er hatte auch keine Zeit, darüber nachzudenken, denn das Direktorium drängte ihn, zur Armee abzureisen, und kaum, daß er begonnen, seine Flitterwochen zu genießen, war er gezwungen, Haus und Gattin zu verlassen und abzureisen.
Mit dem Augenblick, wo Napoleon aus Paris hinausfuhr, um auf den schnellsten Wegen Italien zu erreichen, litt er unter einer Sehnsucht, die keine Grenzen hatte.
Er hatte keine Ahnung, daß Josephine sich sehr gut amüsierte, sobald sie allein war. Sie nahm ihre alten Gewohnheiten auf, besuchte die vornehmen Bälle und ließ sich als Gattin des Grenerals huldigen, von dem man die Befreiung der französischen Armee erhoffte, die in Italien bereits halb und halb aufgegeben worden war.
Indessen traf der erste Brief Napoleons ein.
„... Ich habe vom Chatillon aus geschrieben, Geliebte, daß man Dir gewisse Gelder anweist, auf welche ich einen Anspruch habe. Nun entfernt mich jeder Augenblick weiter von Dir, und mit jedem Augenblick wird meine Kraft geringer, diese Trennung zu ertragen. Unaufhörlich muß ich an Dich denken, angebetete Freundin. Meine Phantasie quält sich, herauszubringen, was Du tust. Sehe ich Dich traurig, so ist es, als zerrisse mein Herz, mein Schmerz nimmt zu. Bist Du vergnügt und ausgelassen im Kreise Deiner Freunde, so werfe ich Dir vor, daß Du schon in drei Tagen die schmerzliche Trennung vergessen hast. Du erscheinst mir dann leichtfertig, ohne tieferes Gefühl.
Du siehst, es fällt mir schwer, zufrieden zu sein. Aber sofort denke ich anders, wenn ich mir vorstelle, Geliebte, daß Deine Gesundheit erschüttert ist, oder daß Du Dir über irgend etwas, das ich nicht erraten kann, Kummer machst. Dann ist mir die Schnelligkeit, mit der ich mich von Dir entferne, schrecklich.
Mir ist, als existiere Deine Güte für mich nicht mehr. Möge der Genius, der mich stets inmitten der größten Gefahren beschirmt hat, Dich in seinen Schutz nehmen und mich ungeschützt lassen! Ach, sei nicht zu lustig sei ein wenig nachdenklich, einzig Geliebte! Schreibe mir, süße Freundin, und recht ausführlich, und biete mir Deine Lippen für tausend Küsse der wärmsten und aufrichtigsten Liebe.“
Dies schrieb der Siebenundzwanzigjährige der Frau, welche fünfunddreißig zählte! Ihn erwarteten in Italien Sorgen, Gefahr, Not und Kampf! Aber fast täglich findet er Zeit, ihr Briefe voll Feuer und Glut zu schreiben, während Josephine sich kaum die Mühe nimmt, zu antworten.
Ach, wie langweilig findet sie diese überströmende Zärtlichkeit! Und wie interessant ist Paris!
Sie hat ganz vergessen, daß sie verheiratet ist.
Aber allmählich horcht sie auf. Napoleon ist in Italien angekommen. Er hat eine vollständig heruntergekommene Armee vorgefunden, Legionen, die kaum mehr brauchbare Waffen hatten, wq keine Mannes zucht mehr herrschte und keine Aussicht mehr auf Sieg bestand.
Die Kraft seines Wortes riß sie mit sich fort. Sein Wille schaffte Helden.
Nun folgte die Reihe von Siegen, die Napoleons Namen durch ganz Europa trugen. Paris jubelte auf. Zeigte sich Josephine auf der Straße, so grüßte in ihr das Volk mit lautem Beifall die Gattin seines kühnen, jungen Helden.
Dies schmeichelte ihrer Eitelkeit. Aber immer noch fand sie nicht das Herz, die sehnsuchtsvollen Briefe, die Napoleon ihr sandte, zu beantworten.
Eines Tages zerbrach das Glas über dem Medaillonporträt Josephinens, das er immer bei sich trug.
Es war im Zeltlager, und Oberst Marmont, sein Freund, war eben zugegen.
Napoleon wurde blaß, wandte sich an den Kameraden und stammelte:
„Marmont, meine Frau ist entweder sehr krank oder sie ist mir untreu!“
Das eine war nicht der Fall, wohl aber das andere. Josephine fand Vergnügen daran, mit allerlei leichtfertigen jungen Galants zu schwärmen und zu flirten, während ihr Gatte in Italien für Frankreichs Ehre auf Tod und Leben kämpfte.
Böse Ahnungen quälten ihn. Schon drangen Gerüchte über die merkwürdige Lebensweise seiner Gemahlin bis nach Italien. Von Schmerz zerrissen, von Sehnsucht geschüttelt, schrieb er an Josephine:
„Mein Leben liegt wie ein Alp auf mir, der nicht weichen will. Eine verderbenkündende Ahnung verhindert mich, zu atmen. Ich lebe nicht mehr; aber ich habe mehr verloren, als das Leben, mehr als das Glück, mehr als die Ruhe, ich bin nahezu ohne Hoffnung. Ich schicke Dir einen Kurier. Er soll nur vier Stunden sich in Paris aufhalten und mir Deine Antwort überbringen. Schreibe mir zehn Seiten: das allein könnte mir Trost bringen. Du bist krank, Du liebst mich, ich habe Dich in Kummer versetzt, Du bist guter Hoffnung, und deshalb soll ich Dich nicht sehen. Ich habe so viel Unrecht Dir gegenüber begangen, daß ich nicht weiß, wie ich es wieder gutmachen, wie ich es sühnen soll. Ich schelte Dich, daß Du in Paris bleibst, und Du bist dort erkrankt. Verzeihe mir, meine Teuerste! Die Liebe, die du mir eingeflößt, raubt mir alle Vernunft; ich werde sie nie wieder finden. Man erholt sich von einem solchen Übel nicht. Meine Ahnungen sind so entsetzlicher Art, daß ich mich darauf beschränken würde, Dich zu sehen, Dich zwei Stunden lang ans Herz zu drücken und dann mit Dir in den Tod zu gehen. Wer sorgt für Dich? Ich denke mir, Du hast Hortense zu Dir kommen lassen; ich bin dem liebenswürdigen Kinde tausendmal mehr zugetan, seit ich denke, daß es Dir ein wenig Trost bringt. Für mich aber gibt es keinen Trost, keine Ruhe, keine Hoffnung, bis ich den Händen des Kuriers einen langen Brief von Dir entnehme, in welchem Du mir sagst, was für eine Krankheit Dich quält und inwiefern sie ernster Art sein könnte. Ist sie gefährlich, so werde ich sofort nach Paris abreisen. Ich war immer glücklich, niemals hat mein Geschick sich gegen meinen Willen aufgelehnt, und nun bin ich gerade an der Stelle getroffen, an der ich verwundbar bin. Ohne Appetit, ohne Schlaf, ohne Interesse für die Freundschaft, für den Ruhm, für das Vaterland ... Du, Du, nur Du, der Rest der Welt besteht für mich ebensowenig, als ob er vernichtet wäre. Ich halte fest an der Ehre, weil du es tust, am Siege, weil er Dein Gefallen erregt, ich hätte sonst alles aufgegeben, um Dir zu Füßen zu eilen. Oh, sei darauf bedacht, Teuerste, mir zu sagen, daß Du gewiß bist in bezug auf meine Liebe, die alles übertrifft, was man sich denken kann, daß Du überzeugt bist, daß jeder Augenblick Dir gehört, daß ich jede Stunde an Dich denke. Es ist mir niemals eingefallen, an andere Frauen zu denken. Sie entbehren in meinen Augen jeden Reizes und haben weder die Schönheit noch den Geist wie Du, denn Du bist die einzige, die mir gefällt. Meine Seele hat keine Falte, in die Du nicht blicken dürftest, keinen Gedanken, der Dir nicht untertan wäre. Der Tag, an welchem es anders würde, oder an welchem Du aufhören würdest, zu leben, wäre der meines Todes. Es wäre mir unmöglich, neben Dir einen Liebhaber zu sehen. Ihn sehen und ihm das Herz aus dem Leibe reißen, wäre eins, und hernach — wenn ich meine Hand gegen Deine geheiligte Person erheben dürfte, doch nein, niemals, niemals werde ich es wagen — aber ich würde ein Leben verlassen, in dem das, was für mich der Inbegriff der Tugend war, mich getäuscht hätte. Tausend Küsse auf Deine Augen, Deine Lippen, Angebetete. Ich bin krank von Deiner Krankheit, dazu habe ich noch ein hitziges Fieber. Halte den Kurier nicht länger wie sechs Stunden zurück, daß er ohne Aufenthalt zurückkommt und mir die teure Schrift meiner Gebieterin einhändigt!“
Pulsuz fraqment bitdi.