Kitabı oxu: «Radanika. Die Gefangene des Urwalds»

Şrift:

Robert Heymann

Radanika
Die Gefangene des Urwalds

Roman

Saga

Radanika. Die Gefangene des Urwalds

© 1930 Robert Heymann

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711503706

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Zwei Zeitungsausschnitte aus letzter Zeit.

„Kriminalistische Rundschau“, 29. August 1927.

Der Höhlenknabe. — Mythus, Roman und Wirklichkeit. — Sprache der Tiere. — Ein grausames Experiment.

Von Regierungsrat Dr. Tartaruga.

Englische wissenschaftliche Blätter beschäftigen sich mit der Auffindung eines sogenannten „Wolfskindes“, das durch britische Offiziere zufällig in einer Wolfshöhle entdeckt worden sei. Der Knabe habe die sich ihm nähernden Menschen angeknurrt, habe die Zähne wie ein wildes Tier gefletscht und wütend nach seinen Rettern geschnappt. Es sei nicht leicht gewesen, den Unglücklichen unversehrt zu bändigen und in das indische Dorf Miawana zu bringen, von wo er zu Studienzwecken nach London geschafft werden soll.

Derartige Meldungen sind nicht ohne weiteres als Ausgeburten der „Sauregurkenzeit“ zu bezeichnen, denn in Indien gelten Wolfskinder keineswegs als Seltenheit. Bekanntlich hat Rudyard Kipling den jungen Maugli ebenfalls als Helden in den Mittelpunkt seines Dschungelbuches gestellt, um ihn zu einem Prachtmenschen heranwachsen zu lassen, der es vorzüglich versteht, auch mit menschlichen Bestien umzugehen. Ohne realen Hintergrund wären solche Romane naive Lächerlichkeiten. Tatsächlich gab es zu allen Zeiten in Indien verwilderte Menschen, die man wegen der dort häufigen Hungersnöte einfach schon als Kinder ausgesetzt hatte. Die meisten gingen wohl bald zugrunde, teils am Hunger oder durch Krankheit oder als Beute von Raubtieren, andere scheinen sich aber irgendwie durchgekämpft zu haben, denn schon der Reiseschriftsteller Valentine Bell berichtet im Jahre 1874 sehr ausführlich und mit Berufung auf glaubwürdige Zeugen, dass er in Agra auf einen Knaben gestossen sei, der nur auf allen vieren kriechen konnte. — Eine andere Frage ist es freilich, ob es unter den wilden Tieren — wie die Inder behaupten — Weibchen mit so stark ausgeprägten mütterlichen Instinkten gibt, dass sie ein ihnen völlig artfremdes Kind mit den eigenen Sprösslingen nähren und aufziehen. Vergleiche mit dem übrigen Tierreiche sprechen gewiss nicht dagegen. Auch beim Menschen erzeugen ja die gemeinsam ausgestandenen Sorgen die Zusammengehörigkeitsgefühle zwischen Mutter und Kind, und nicht das Blut allein. So wäre es wohl nicht undenkbar, dass eine Hündin oder Wölfin das ihr nach einem Wurf irgendwie zugewachsene, ebenfalls noch ganz junge Menschenkind wie ihre Hündlein und Wölflein betreut. Wenn die altrömische Sage Romulus und Remus durch eine Wölfin säugen lässt, so enthält sie sicherlich, wie jeder Mythus, ein Körnchen Wahrheit, d. h. die spezifisch römische Königssage muss ja nicht wahr sein, aber die prinzipielle Möglichkeit ist nicht zu leugnen.

In Indien soll es sogar ein Pantherkind gegeben haben, das von der grossen Katze in die Nordcacharberge entführt und drei Jahre lang gegen die Menschen verteidigt worden sei. Das gleiche wird von den Affenmüttern erzählt

Dass ein nach der Geburt ausgesetztes und in die Gewalt und Gesellschaft von Tieren gekommenes Menschenkind eine menschliche Sprache nicht erlernen kann, dass es sich seine Nahrung auf tierische Art suchen und vor plötzlich auftauchenden Menschen ebenso erschrecken wird wie die Tiere des Waldes, ist leicht begreiflich, immer aber wird es die ererbten menschlichen Fähigkeiten mitbringen. Eine vollständige Vertierung ist ebenso ausgeschlossen wie eine Blutvermischung mit Tieren. Ob Kreuzungen zwischen Menschen und Affen möglich sind, sieht allerdings noch aus. Gelehrte behaupten es. —

*

„B. Z.“, Mittwoch, 2. März 1929.

Weib in der Affenherde.

Seltsames Abenteuer eines Elefantenjägers.

Der Berliner Direktion von Kolonialgesellschaften, die in Afrika (es handelt sich um die frühere deutsche Kolonie Togo und um die Firma Kristeller) wieder ihre Pflanzungen betreiben, ist gestern der Monatsbericht eines Pflanzungsassistenten zugekommen, der u. a. folgenden, sehr seltsamen, als „echt afrikanisch“ bezeichneten Fall enthält: Der von der Firma angestellte schwarze Elefantenjäger schoss mitten im Urwald aus einer starken Affenherde einen besonders kapitalen Affen, der in einer Baumgabel sass. Die Kreatur fiel tot herunter.

Das Staunen des Jägers war gross, als er entdeckte, dass er nicht einen Affen aus der Herde herausgeschossen hatte, sondern ein schwarzes Weib! Sofort ging er nach Victoria, brachte den Fall selbst vor dem Distriktsobersten zur Sprache. Sämtliche Nachforschungen über die Herkunft des Weibes blieben erfolglos. Nirgends in der Gegend wurde eine Negerin vermisst. Die Negerin war übrigens ganz nackt und ohne Schmuck oder übliche Tätowierungen.

Man ist zu der Annahme gekommen, dass sie als Kind von den Affen geraubt und grossgezogen worden ist. Das Weib kann auch zu keiner Negersiedlung gehören, denn seit Jahren ist in diese verlassene Urwaldgegend kein Mensch gekommen, die jetzt von dem Elefantenjäger sozusagen erst entdeckt wurde. Der Jäger ist freigesprochen worden. Aber, abergläubisch, wie die Neger sind, hat er sich noch nicht entschliessen können, wieder auf die Jagd zu gehen. Es ist bekannt, dass bei den Negern ein altes, ungeschriebenes Gesetz besteht: „Du sollst nicht auf deine ‚Verwandten‘ schiessen.“ Gemeint sind die Affenvölker, denen sich die Schwarzen irgendwie verwandt fühlen. Der Jäger hält den Fall vielleicht für Zauberei. Die Sache ist interessant genug, denn bisher hielt man solche und ähnliche Geschichten für Film- und Schundromanphantasie oder Jägerlatein. Hier ist der Fall zum erstenmal gerichtlich beglaubigt.

1.

Aus dem tiefgrünen Vorhang der Laubgänge am Rande der Dschungeln tritt ein menschliches Wesen, schlank und schmal, jede Bewegung verhalten, geschmeidig. Ein Mädchen, bronzefarbig, seltsam weiss gefleckt — so steht es im funkelnden Gerank des Convolvus und blinzelt träge in das sinkende Licht, wie der Panther, ehe er sich aufmacht, auf Raub zu wandern. Rosenrot sinkt die Sonne. Die gelben Augen des Waldkindes folgen ihr, als könnte kein Blitz diese goldenen Sterne blenden.

Ein wundersames Geschöpf, halb Kind, halb Weib. Blauschwarz flutet das Haar über den zarten Nacken. Sie hebt das Haupt. Spannung ist der Körper. Sprungbereit sind die sehnigen Muskeln.

Ein Tier richtet sich zu ihren Füssen auf. Ein Leopard von seltsamer Schönheit und Grösse. Die dunklen Flecken um die Maulwinkel schieben sich drohend zurück. Das gewaltige Gebiss, über das selbst der königliche Tiger nicht verfügt, funkelt unter der hochgehobenen Schnauze. Senkrecht stehen die schwarzen Streifen über der gelben Iris. „Was siehst du, Maha?“ fragt das Mädchen. Eine leise, hinsingende Stimme, die der Wind entführt. Ihre kleine Hand ruht auf dem mächtigen, runden Kopf des Raubtieres. Doch die Berührung der Menschenhand beruhigt das Tier nicht. Zornig mit dem langen Schweif das Unterholz peitschend, hebt der Leopard flüchtig und warnend den Kopf zu der Gebieterin, stösst ein heiseres Miauen aus. Sein kurzer Hals ist in unruhiger Bewegung. Der geschmeidige Körper windet sich wie in unsichtbaren Fesseln. Er wendet zur Flucht, kehrt wieder zurück, unhörbar, ein Bild unheimlicher Anmut und Leichtigkeit.

Das Kind wendet die Augen in die Richtung, die die hellen Lichter ihres Begleiters nehmen.

„Maha! Du träumst! Oder spielt schon die Nacht in deinem Blut? Witterst du Beute?“

Der Leopard hebt knurrend eine Pranke. Dann umschleicht er, sein geflecktes weiches Fell an ihren Knien reibend, die Herrin. Hält wieder inne, wittert und stösst plötzlich ein durchdringendes Brüllen aus.

Mit gesträubtem Schwanz steht das mächtige Tier, das mehr als zweieinhalb Meter misst, im Glanze des scheidenden Tages. Und wachsamer, aufmerksam die ährenfarbigen Augen nach den Bambusbüschen wendend, lauscht Radanika.

„Gefahr, Maha?“ stammelt sie. Presst sich an den Freund.

Der Leopard heult auf.

Lauschend steht jetzt Radanikas Kopf auf palmschlankem Halse. Ihre Augen brennen goldgelb ins hereinbrechende Dunkel. Der heisse rote Mund ist leicht geöffnet, zittert in Erwartung.

Unheimliches geht vor am Rande der Dschungeln!

Fremde Witterung trägt der Wind zu.

Leise warnend neigen sich die scharlachroten, gesprenkelten Orchideen den Händen des Mädchens entgegen. Wie eine Rakete, hundert bunte Farben sprühend, geht ein Schwarm von Vögeln aus dem Bambusdickicht hoch in die Luft.

Ein Schrei des bronzefarbenen Mädchens antwortet den Warnern, so tief, als stiesse ihn das Herz der Dschungeln aus. Der Urwald schweigt. Ein tödlich banges Schweigen.

Die runden Schultern hochziehend, geht das Mädchen langsam rückwärts. Ein mächtiger Pandanus senkt seine Riesenblätter über das Kind, als wolle er es einhüllen in seinen schillernden Mantel, bergen vor den Späheraugen der Räuber, die, Flinten in den Händen, leise, unhörbar durch die Bambusbüsche schleichen, von dem mehr als zwanzig Fuss hohen Rohre gedeckt.

Pfeilschnell wendet sich jetzt die Gefährdete. Zu spät.

Schon ist es einigen Räubern gelungen, ihr den Rückweg abzuschneiden. Aus dem langen Gras springen sie auf, treiben mit lautem Geschrei, als gelte es, Tiger in die Schusslinie der Jäger zu schrecken, das edle Wild vor sich her, denen entgegen, die sich von der anderen Seite laufend nähern.

Noch einen verzweifelten Schrei stösst das Menschengeschöpf aus, und das Echo antwortet aus den Dschungeln.

Ein Brüllen, unheimlich rollend, anwachsend zur Lava von Mordgier und Zorn. Ein Elefant bricht trompetend zum Rande der Wildnis vor. Sein Rüssel knickt einen Bananenbaum in helltönender Wut. Die gelben Trauben der Früchte regnen wie Gold in das Grab der Riesenblätter.

Die Dschungeln drohen.

Jeder Hindujäger, der kühnste Mann weisser Rasse, würde flüchten vor diesem Inferno der Wut.

Doch diese Horde mit dem Lingamzeichen auf den Stirnen fürchtet nicht den Zorn des „Erleuchteten Siddhartha“. Diese Menschenjäger beten heute zu Siwa, morgen zu irgendeinem Götzen, den die Laubkrone eines Margosabaumes birgt. Denn die indischen Götter Brahma und Buddha teilen ihre Macht mit Wischnu, dem Erhalter der Welt, dem Gott der Sonne, den die Waischnasvas verehren. Die Saivas beten zu Siwa, auf dem weissen Stiere reitend.

Seit Wochen lauern die Räuber auf die märchenhafte Beute, nachdem einer sie beobachtet hat, wie sie zur Tränke kam, weiss und braun, eine Blume an Schönheit, ein Vogel in flüchtigem Flug, dem Leoparden gleich, wenn sie geschmeidig den Körper zur Sonne dehnte.

Völlig eingekreist rennt die Gejagte hierhin, dorthin. Meinen die Jäger das Wild schon greifen zu können, dann schnellt es hoch wie eine getroffene Antilope, entgleitet den plumpen Eingeborenenhänden, schiesst wie ein Pfeil durch das Buschwerk, verkriecht sich in undurchdringliches Gebüsch, flieht, aufgescheucht durch Gewehrsalven, von neuem dem Urwald zu.

Wieder eilen ihr von dort die unbarmherzigen Jäger entgegen.

Wieder wirft die Unglückliche das Haupt zurück, dass die Haare wie Pfauenfedern in der stillen Luft stehen, wieder jagt sie zurück. Immer enger wird der Menschenring, immer undurchdringlicher ziehen sich die Maschen des lebenden Netzes zusammen. Wirrer, flackernder wird der Blick der Geängstigten.

Sie stürzt in Schlammlöcher. Dschungeligel saugen sich an das Geäder der schlanken Beine. Ihre Arme fliegen. Der Leib neigt sich, sie verschwindet, taucht dicht vor einem der Verfolger auf, bannt ihn mit ihrem starren, sonnengelben Blick, nützt die Überraschung, verschwindet wieder, schnellt in waghalsigem Sprung über kniende Männer und glucksende Wasser.

Und vor ihr, neben ihr rennt in langen geschmeidigen Sprüngen das gefleckte Tier. Nicht eine Sekunde lässt es die Gefährtin aus den Augen.

Fauchend, ein langgezogenes Miauen ausstossend, jagt der Leopard, lange Sätze springend, wieder umkehrend, den geliebten Menschenkörper umkreisend, zur Eile spornend, vor dem schönen Geschöpf her, dem es durch rätselhafte Kräfte verbunden scheint. Tier und Mensch suchen in wildem Jagen einen Ausweg.

Jetzt hat einer der Schützen im pappelhohen Bambus den Leoparden gesichtet.

Der schnelle Fuss der gehetzten Herrin verklingt im Teppich der Blumen und Gräser.

Sekundenlang äugt der Leopard, versucht, die Flucht des Menschengeschöpfes, dem seine Seele gehört, zu decken. Nimmt den Feind an.

Dieser ist im Jagdeifer zu weit vorgedrungen. Hat sich von den anderen getrennt, die, geblendet von dem Anblick des menschlichen Wildes, Auge und Ohr nur für das Mädchen hatten.

Der Schütze, Visier nehmend, schreit, Auge in Auge mit dem wilden Raubtier, um Beistand.

Die Riesenkatze duckt sich. Bildet einen Knäuel von Gelb und Schwarz. Brüllt auf und schnellt sich zu fliegendem Sprung.

Der Schuss kracht, der Schütze hat das Ziel gefehlt. Er wirft die Flinte fort und flieht.

Ebenso schnell saust der Leopard durch die Luft.

Das fürchterliche Gewicht klatscht auf die Schultern des baumstarken Jägers. Von Todesangst und Entsetzen gepeitscht, wankt dieser keuchend, schreiend mit der fürchterlichen Last einher. Blutlachen folgen dem schauerlichen Ritt.

Der Überfallene stürzt, der Leopard hat sein gewaltiges Gebiss in die Wirbelsäule des Menschen geschlagen. Über den Sterbenden kollert das Tier. Die Freunde des Getöteten eilen herbei, von Wut und Furcht zum Äussersten getrieben.

Mit einem Sprung ist der Leopard auf einem wilden Farnbaum. Schneller kletternd als die gewandten Affen, duckt er sich in Blätterbündel.

Schüsse knattern.

Doch unbeweglich funkelt die herrliche Schabracke des Tieres in grüner Deckung.

Blind vor Jagdwut rennt wieder ein Schütze vor, ihn vom Baum zu knallen. Zum zweiten Male fliegt der herrliche Körper geschmeidig durch die Luft, und während von allen Seiten die Gewehre knattern, während viele Kugeln das buntfarbige Fell durchbohren, schlägt das Tier noch im Todeskampf einen der Schützen mit einem Prankenhieb nieder.

Dann ist es zu Ende!

2.

Zur selben Minute —

Viele, viele Meilen entfernt:

Ein europäisches Wohnhaus, umschattet von Tamarindenbäumen, Kaffeesträuchern. In der Ferne weisse Teeblüten. Noch ferner die blaue Silhouette der Berge. Silbern das Bungalo, silbern der Mond. In den Ställen stampfen die Büffel, die Kühe. Der Arbeitselefant trompetet aufgeregt, Grauen witternd.

Einsamkeit. Stille.

Einsamkeit über dem Teich der goldenen Lilien. Im offenen Arbeitszimmer des Sahib brennt Licht. Von dem Schreibtisch springt Sir Kennath auf. Eine Salve, noch eine ... klatschend schlagen die Schüsse an sein Ohr. Er stürzt ans Fenster.

Still liegt der Park. Der zahme Sambarhirsch lugt nach dem Herrn im Licht.

Die Bäume regen sich nicht. Kein Hund schlägt an. Ein Stoss ... ein Poltern ... und das Fallen eines mächtigen Körpers. Ein Todesschrei, ein letzter lauter Atemzug in hinlöschender Qual — ——

Sir Kennath fährt herum und klammert sich an das Gesimse.

Schweigen ringsum. Nur: Die Stelle an der Wand über dem Schreibtisch, wo das Bildnis der wunderschönen Lady Kennath hing, ist leer.

Das Gemälde ist von der Wand gestürzt!

In weiter Ferne, als trügen Radiowellen das Geräusch an das Ohr des mit allen Fibern Lauschenden, erlischt Geschrei.

Sir Kennath reisst, zerrt an der Klingel. Farbige Diener stürzen verstört herein.

„Wer schoss? — Wer ruft? — Wer starb?“ stammelt der Sahib mit irren Augen. Winzige Schaumflocken stehen weiss auf seinen Lippen.

Die Hindu sehen sich an. Herbeigelockt von dem Alarm eilen der Pferdeknecht, der Boy hinzu. Trotz aller Hast so leise, als bewegten sie sich im Sahasrastam-Mandapam, im Tempel der tausend Säulen.

Von allen kommt die gleiche Antwort:

„Nichts, Sahib! Niemand schoss. — Niemand schrie. — Kein Mensch ist gestorben!“

Sir Kennaths Augen wandern zu dem Bildnis. Diensteifrig hebt es der Schikari, der Jäger, von der Erde auf.

„Ihr hörtet nichts?“ wiederholt der Engländer mit dunkelnden Augen.

„Nichts Sahib! Nichts!“

„Dann fiebere ich ... träume ... aber nein! Nein! Ihr alle lügt! — So täuscht kein Wahn! — Ein Mensch starb! ... Ein Wesen seufzte in letzter Todesnot! Noch schwingt der leise Ton hier in der Luft — ach, so seufzte Mary, ehe sie starb.“

Der Schikari, treuester Gefährte des Europäers seit Jahren, deutet auf das Bild:

„Runde Löcher, Sahib, wie von Schüssen!“

Sir Kennath zittert. Doch er antwortet nicht.

Der Schikari schaut seinen Herrn an und neigt nur leise das Haupt, als verstehe er die seltsamen Gedankengänge des Sahib. Das Gesinde schleicht sich fort.

„Durga, die Grausame, ist erzürnt“, flüstert draussen der Boy. „Sie hat ihre Dämonen über den Sahib gesandt. Er ist krank.“

Der Schikari ist noch bei dem Herrn, wirft sich zu Boden vor dem Götzen, der auf Sir Kennaths Schreibtisch steht, berührt den Staub des Erdbodens.

„Siwaja nama“, sagt er leise in verzückter Andacht.

„Ich bete dich an, Siwa“ — dann erhebt er sich.

„Sahib, das Bild der toten Memmsahib ist durchbohrt. Die edle Memmsahib hat den zweiten Tod erlitten!“ Der Engländer starrt seinen Jäger, den tapferen Genossen bei manch waghalsigem Abenteuer, sprachlos an.

„Lady Memmsahib“, fährt dieser geheimnisvoll fort, „ist vor Jahren gestorben. Ihre Seele musste wandern. Alle Seelen wandern. Was willst du, Sahib? Selbst die Götter werden Menschen in der Wiedergeburt. Menschen können Götter werden. Die ruhelosen Seelen wandern auch in Steine und Tiere. Finster ist der Weg der Seelen bis zum Nirwana.“

Der Engländer lächelt. Ein müdes, trauriges Lächeln.

„Tscham“, sagt er mit unsicherer Stimme, „die Seelen der Toten wandern nicht. Die Memmsahib, meine angebetete junge Frau — war sie nicht wie ein Engel unter euch? Habt ihr sie nicht alle geliebt?“

„Wir haben sie alle geliebt, Sahib. Aber so sprach Gautama Buddha, der Vollendete, vor seinem Tode zu seinen Jüngern im Rhandagama: ‚Ohne Ruhe und ohne Rast müssen wir den mühsamen Weg der Wiedergeburt wandern, weil uns noch nicht die Erkenntnis von den vier Dingen geworden ist: von der Moral, der Selbstbestimmung, der Weisheit und der Erlösung!‘ — Sahib, wenn die Erleuchteten so viele Leben leben müssen, wundert es dich, dass der Weg der Nichtwissenden lang und mühselig ist?“

Sir Kennath antwortet:

„Ich verstehe dich nicht, Tscham, und ich will nichts wissen. Meine Gattin ist tot — —“

Der Schikari aber antwortet rasch:

„Und wer schoss in dieser Nacht auf sie?“

„Niemand! Wer schiesst auf Tote in Gräbern?“

„Es gibt keine Toten. Alles Leben lebt, Sahib. Du hast die Schüsse gehört, denn die Liebe ist stärker als der Tod. Sündige Menschen haben die Memmsahib in ihrem zweiten Leben getötet!“

„Ich will nichts mehr hören!“ ruft der Europäer und hält sich die Ohren zu. „Du machst mich wahnsinnig, Tscham!“

„Ich gehe“, sagt der Schikari unterwürfig. „Doch noch eins, Sahib: In den Dschungeln wohnt ein Heiliger, ein Yoghin, ein Brahmane, der wie der Erleuchtete selbst allen Glanz des Lebens verlassen hat und nur der Besinnung lebt. Er ist mitten unter den wilden Tieren, aber die Seelen erkennen ihn. Frage den Erleuchteten, dessen Haupthaar so lang ist, wie sein Körper an Höhe misst, dessen Augen so unergründlich sind wie die Smaragde des Himalaja. Frage ihn, Sahib.“

Der treue Schikari geht.

Sir Kennaths Blick ruht auf dem Bildnis der Toten. Ihre Augen waren gross, länglich und von dunklem Blond. Sie hielten den Beschauer magisch fest, ohne sich ihm selbst jemals gefangen zu geben. Die Brauen spannten sich darüber wie zierliche Lackbogen, flüchtig und schnell beweglich, die schmerzliche Süsse um den mädchenhaften Mund steigerte den Eindruck einer Seele, die, stets beschwingt, dem Leben bald traurig entgegenfliegt, bald mit gebrochenen Flügeln ihm entflieht ...

Bei diesen Gedanken senkt Sir Kennath den Kopf auf die Hände. Denn Lady Kennath hat in der Blüte ihres Lebens ihrem Leben selbst ein Endegesetzt — und nie konnte ihr Gatte erfahren, was sie zu dieser Flucht aus einer harmonischen Ehe bewogen hatte. Was konnte ihr fehlen?

Tochter eines schottischen Grossgrundbesitzers aus altem Adel, war sie selbst sehr reich. Ihre Mutter freilich — hier zieht fahle Blässe über das braune Gesicht des Engländers — ihre Mutter war die berühmte Schulreiterin Viktoria Maria Sulfon gewesen, und beide, Vater und Mutter, hat ein unbekanntes grausames Geschick verschlungen.

Sir Kennath ist wieder allein in der Einsamkeit mit seinem Schmerz und seiner Trauer, die wie das Fieber in den Dschungeln in ihm wütet.

Fieber?

Was ist das? Was sieht er?

Fieber?

Eine Vision?

Ein Gesicht?

Wie er scheu hinunterblickt zu dem herabgestürzten Bildnis, da löst sich aus dem fahlen Dunkel ein Schatten. Ein Tier. Sir Kennath hat nicht das Bewusstsein, dass dieser geschmeidige Leib einem Leoparden angehört. Und doch ist es ein Leopard, der unhörbar durch die blaue Finsternis schreitet. Seine Lichter leuchten hinüber zu dem Einsamen. Eine unendliche Wehmut ergreift ihn. Schmerz ohnegleichen. Und Furcht. Unheimliches Bangen, Grauen erschüttern ihn. Seine Augen sind glanzlos, als hätten sie ihr Licht nach innen in seine Seele gesandt. Vielleicht sieht nur seine Seele, was keines Sterblichen Auge erblicken würde. Dieses Tier, sonst gefürchtet, gejagt, gehetzt und gehasst, dieses Tier blickt ihn an in unbeschreiblicher Güte, mit einem Ausdruck himmlischr Sanftheit. Dieser überirdische Glanz senkt sich schmerzhaft und glühend in das Herz des Mannes in dieser Nacht der Wunder.

Er ist losgelöst von aller Nüchternheit des Tages. Er weiss nichts von Logik, Sinn, Philosophie. Die Welt der Mathematik und Menschenweisheit ist nicht mehr.

Seine Seele schaut und fühlt, und nur die Seele denkt im Gefühl. Und dieses Gefühl ist Musik von sinnbetörendem Wohlklang, sie trägt auf ihren Wellen alles Leid der Erde.

Aber dieses ist die höchste Harmonie der Geistigkeit.

Und er, der Europäer, im Banne dieser überirdischen Güte, dieser Hingabe alles Sein, dieser Verlöschtheit alles Irdischen, denkt an Mary, die Tote. Dies sind Marys Augen, als sie starb. Dieses Tier in der Nacht der Legende ist Mary, und eine Sehnsucht ergreift ihn, Sehnsucht von solcher Grenzenlosigkeit, dass sie ihn wie das Himmelsgewölbe umfängt und er sich hineinstürzt in die Unendlichkeit des Leides.

„Mary! Liebe, Geliebte! Gütige! Tote! Du bist gekommen! Ich sehne mich! Ich liebe dich! Ich suche dich! Äonen vielleicht, Äonen! Mary!“

Er streckt die Arme aus. Ein Atem streift ihn. Rhododendronluft weht durch das Zimmer. Eine Kältewelle stürzt herein. Der Gaurisankar scheint den Odem seiner Gletscher auszuhauchen.

Sir Kennath schauert.

War es ein Atemzug nur — sind Stunden vergangen? Alles ist wieder Nebel, Nebel und Nacht und Mond — das märchenhafte Tier mit den Menschenaugen ist nicht mehr — aufstöhnend schlägt Sir Kennath die Hände vors Gesicht und weint.

Er hat einen Blick, einen kurzen Blick in die furchtbaren Geheimnisse des Lebens und des Todes getan — aber er kann sie nicht deuten.

Ein Gesicht — —?

Wahrheit?

Fieber?

Vision?

Nur die Erleuchteten kennen die Grenze. Nur sie haben das Wissen. —

Doch zurück!

Zurück in den Urwald!

3.

Sekunden nur sind vergangen zwischen dem Sterben im Urwald und dem Gesicht des Engländers. Sekunden. Ewigkeitsflug — —

Maha, der Leopard, ist tot!

Fünf Kugeln haben Maha durchbohrt.

Hingestürzt ist das Weibkind über das getroffene Tier, der Pranken nicht achtend, die im Todeskampfe der geliebten Herrin Wunden schlagen.

Radanikas laute Klagen lassen den Urwald leise erbeben. Schluchzen erfüllt die Luft. Die Nacht wirft sich wie eine verzweifelte Mutter über Tiere und Menschen. Der Himmel wird dunkel, smaragdgrüne Sterne scheuchen das letzte Veilchenlicht vom Rande des Horizonts. Das wilde Heer der Dschungeln sammelt sich in mörderischem Kampfruf. Tiger, Leoparden, Elefanten und Büffel, Raubvögel und Nachtgetier. Schon schwirren die Vampire, fliegende Hunde, als Vorboten der Rächer um die Köpfe der Schänder der Nacht.

Zu spät! Zu spät!

Die Räuber haben sich durch Zeichen verständigt. Sie haben die Beute eingekreist. Plötzlich wirft einer Radanika von hinten zu Boden.

Aber wie selbst die unschuldige Gazelle, aus letztem Schlupfwinkel gescheucht, den gefürchteten Gegner annimmt und den letzten Kampf mit Todesverachtung auskämpft, so greift die Gestellte jetzt die herkulischen Männer an. Doch sie wird von einem surrenden Seil im Fluge erreicht. Der Strick presst ihr die Arme an die Hüften. Sie stürzt hilflos, schon ringelt das Tau sich um ihre Knie. Wie eine Kokosnuss rollt sie den Männern zu Füssen. Sie reissen sie hoch. Schleifen sie durch Tümpel und Gras. In der Nähe wartet ein Wagen, mit stumpfen breitnackigen Wasserbüffeln bespannt. Peitschen knallen. Die Nacht wird finster, Gram senkt sich über das Land.

Das Tarai hat seine Königin verloren.

Denn geheimnisvoll, rätselverrankt, tief und bunt wie der Urwald ist Radanikas Geschichte.

Die Ballade von der Königin der Dschungeln.

Die blaue Dämmerung ist schnell in einer milchweissen Sternennacht untergegangen.

Der alte weibliche Leopard erhebt sich von seinem Lager. Diese riesige Katze aus Java ist ein äusserst seltenes, schönes Exemplar aus der Familie der echten Leoparden. Mit leichten Schritten schleicht sie dahin durch die duftschwere Tropennacht, durch ein üppiges Blütenmeer, durch Bambus und leuchtendgrüne Lianen. Von Zeit zu Zeit macht sie halt und zieht den Windgeruch ein.

Ein enttäuschtes Miauen tönt ganz leise durch die Stille. Laut genug ist es, um einige Affen aufzuschrecken, die schrille Warnungsrufe ausstossen und plötzlich den Urwald in weiter Runde in Alarm versetzen.

Mit königlicher Hoheit schreitet die Leopardin weiter durch das honigfarbene Röhricht. Die Flanken zittern wie in heftiger Erregung.

Plötzlich hebt sie den Kopf.

Hat Witterung.

Furchtbare Aufregung bemächtigt sich des mächtigen Körpers. Die Lichter blitzen heiss und tückisch. Langgezogenes Brüllen scheucht alles Leben von den Tränken.

In langen Sätzen schnellt die alte Leopardin sich vorwärts, erreicht den Waldsaum, stutzt, lauscht, duckt sich dicht auf die Erde.

Dann spannen sich die eisenharten Muskeln: Die Leopardin hat ihr totes Kind eräugt. Mit einem gewaltigen Satz ist sie an dem Platz, wo sich kurz vorher die Tragödie des Sterbens abgespielt hat.

Ihr markerschütterndes Heulen kann das Junge nicht erwecken. — Im Scheine der Sterne leuchten die blutigen Flecken auf dem Fell der toten jungen Leopardin wie grosse Blumen. Roter Schaum tropft aus dem Maule.

Ein dumpfes Röcheln kommt aus der Kehle der Mutter.

Lange schnüffelt die Leopardin an ihrem Jungen herum. Die gebrochenen Augen in dem grossen, runden Kopf geben ihr letzte Gewissheit. Ihre Vorderpranke hebt eine Hintertatze des Jungen etwas in die Höhe. Sie ist schlaff und leblos wie bei einer erlegten Antilope. Umsonst ist das Klagegeheul der Überlebenden, die sich fassungslos neben den leblosen Körper niederlässt, die glühenden Augen auf das tote Tier geheftet. Umsonst ist ihr schnaubendes Totenlied. Plötzlich aber geht es in abgerissenes Wutgeschrei über. Die Leopardin hat die zweite Fährte entdeckt.

Das mächtige Tier richtet sich auf. Blickt eine Weile mit irrlichternden Augen in die Richtung, in der die Menschenräuber abgezogen sind. Dann nimmt die alte Leopardin mit fliegenden Flanken die Verfolgung der Menschen auf, die ihr zweites Junges, Radanika, das Menschenkind, mit sich geschleppt haben.

Schon strömt das Rosenlicht durch das nächtliche Dunkel über den Horizont, bricht auf wie eine Knospe und entfaltet seine grossen Blütenblätter in alle Windrichtungen, dass der weite Himmel davon übersät ist. Da steht die Leopardin auf einer fahlen Felskuppe, prächtig hingemeisselt an die steinerne Wand wie ein Relief an dem uralten Grabe des Ptahhotep auf dem Pyramidenfeld.

Ganz ruhig liegen die Flanken, obgleich ein nie getaner Lauf hinter dem Tiere liegt, das längst nicht mehr die Geschwindigkeit ferner Jahre hat. Tiger und Panther würden scheu an ihr vorüberziehen, könnten sie die stammverwandte Riesenkatze in diesem Augenblick sehen. Aber schon hat der erste Lichtstrahl die Tiere wieder in ihre Verstecke gejagt. Nur Papageien schaukeln sich auf den Ästen, ein paar Affen sitzen mit neugierigen Augen herum und warten, was werden wird. Sie verfolgen erstaunt die kleine Karawane tief unten auf der Strasse: den verhängten Ochsenwagen, die Hunde, eine Anzahl Männer.

Die Leopardin, ein majestätisches Tier, fällt durch eine Merkwürdigkeit vor allen anderen Tieren der Dschungeln auf: einen silbernen Reifen trägt sie um den Hals, der hell aufglitzert im Schein des erwachten Tages.

Dieses silberne Halsband leuchtet in der Sonne, das Tageslicht lässt eine seltsame Inschrift hervortreten. Doch die sensationslüsternen Affen haben keine Zeit, sich länger zu wundern. Atemlos sehen sie auf das Schauspiel in der Tiefe.

Die Leopardin nähert sich mit mächtigen Sprüngen dem verdeckten Ochsenkarren. Die Männer unten schreien sich Warnungsrufe zu, versuchen, zu ihren Gewehren zu gelangen. Da hier am Rande der Dschungeln sich seit Menschengedenken kein Raubtier mehr gezeigt hat, so haben sie alle Vorsicht ausser acht gelassen und ihre Waffen auf das Gefährt geladen, um, Betel kauend und schwatzend, durch keine Last behindert, sorglos ihre Strasse zu ziehen.

Das gewaltige Tier hat sich zwischen Wagen und Räuber geworfen. So ist es ihnen unmöglich, zu den Waffen zu gelangen. Aber im gleichen Augenblick stellen sich der Leopardin zwei Feinde entgegen, die mit lautem Bellen und Kläffen ihre Aufmerksamkeit von den Menschen abziehen: zwei Riesendoggen, die den Wagen begleiten.

Ehe es sich die Leopardin versieht, hängt eine schwarze Dogge an ihrer Flanke und verbeisst sich in die Muskeln. Die andere, buntgefleckt, schnappt mit heiserem Heulen blitzschnell nach der Kehle des Urfeindes. Aber die beiden Hunde haben die Gewandtheit ihrer Gegnerin völlig unterschätzt. Ein einziger Tatzenhieb schleudert die gefleckte Dogge mit aufgerissenen Flanken mehr als zwei Meter weit in den zitronengelben Staub, der sich mit Blutperlen rötet. Die Läufe tragen den tödlich verwundeten Hund noch sekundenlang, doch dann windet er sich in Todesqual und Verenden.

Den zweiten hat die Leopardin nicht so schnell abschütteln können. Seine mächtigen Fangzähne haben ihr eine starke Wunde gegraben. Nun aber dreht sich das Raubtier mit solcher Geschwindigkeit, dass der verbissene Hund, dessen Zähne das Fell nicht haben aufreissen können, hoch über den bogenförmig gespannten Rücken seines Gegners hinweggeschleudert wird. Das rasende Tier greift noch einmal an. Doch wie es jetzt in die schillernden Lichter und die blossliegenden Zähne der Leopardin blickt, erfasst es plötzlich panische Furcht. Jahrhundertelange Zucht in der Gefangenschaft hat die Wildheit seiner Rasse erschlafft. Die Dogge sucht zu entkommen, da fliegt ihr Feind wie ein goldenes Geschoss durch die Luft. Ein hohes Aufheulen, dann sackt der gewaltige Hundekörper mit durchschlagenem Rückgrat in den Sand.

Bebend vor Kampfeslust sieht die Leopardin sich um. Die Ochsen sind in entsetztem Trab geflüchtet. In blindem Entsetzen reissen sie Joch und Karren mit sich über die endlose Strasse. Die Räuber sind nachgelaufen, um endlich zu ihren Gewehren zu gelangen. Die Salve, die sie der Leopardin entgegensenden, ist zu unüberlegt abgegeben, um ihr den Tod zu bringen. Wohl aber verwunden sie zwei Kugeln. Auch die durch den Hund gerissene Wunde schmerzt sie rasend — überdies blendet sie das ungewohnte Tageslicht und macht sie unsicher. Mit einem Satz, der selbst den Schützen einen lauten Ausruf der Bewunderung abnötigt, rettet sich das alte Tier auf die Felsen und in den schützenden Wald.

Todesmatt, ohne Atem, sinkt sie mit schlagenden Flanken in die Dunkelheit der Dschungeln. —

4.

„Dreihundert Rupien“, sagt der Negrito zu dem Palastaufseher. Feilschend stehen sie im Vorhof zum Harem. Auf der einen Seite liegt das stets verschlossene Tor, das in die Gärten des Fürsten führt, auf der anderen Seite der Palast, milchweisser Marmor, von Rosenfarben umschwebt. Fliehende Bogen, Söller, Galerien, Tore, eine Moschee in Gold und Azur. Wände mit Blumenornamenten. Arabesken in funkelnden Edelsteinen. Ein Märchen in Marmor, geschützt von Mauern aus rotem Sandstein mit Türmen und Türmchen.

In dem Park Säulenreihen und steinerne Treppenfluchten. Gigantische Deodarzedern, die königlichen Bäume, göttlich verehrt von den Bergbewohnern, Riesenbananen und Palmköniginnen, belebt von Papageien und Sonnenvögeln. In den Zweigen der rotblühenden Pracht des Regenbaumes singt die Bulbul, die indische Nachtigall. Über allen Gärten die berauschenden Düfte des Rhododendron. Scharlachroter Gibiskus wechselt mit den brennenden, todbringenden Aritabeeren.

„Hundert“, beharrt der Palastwächter. Seine tückischen Augen schielen unter den weissen Brauen zum Haupttor, unter dem eine Gruppe Männer um eine farbenbunte Ekka steht. Von dem Baldachin fallen dichte Vorhänge nieder.

„Zweihundertfünfzig“, antwortet der Neger mit schmeichelnder Stimme. Der Führer der Räuber hat ein grobes, schwarzes Gesicht. Er ist ein Minkopies von den Andamanen. Brahma mag wissen, welche Abenteuer ihn von den Inseln auf das ostindische Festland verschlagen haben. Der alte Palasthüter, dem die Versorgung des Harems untersteht, hat die Schönheit in der Sänfte bereits in Augenschein genommen. Er braucht die Menschenjäger, denen zu jeder Stunde, wenn sie Briten oder Niederländern in die Hände fallen, der Galgen sicher ist.

Schliesslich einigt man sich auf zweihundert Rupien. Die Sänfte wird in den inneren Hof gebracht. Die Räuber verlassen das Gebiet des Radscha. Kaum ist das Tor wieder geschlossen, da stürzen die herumlungernden Diener herbei, reissen auf Befehl Randschits, des Palastwächters, die Vorhänge zurück und heben die Gefesselte heraus.

Radanika ist halb von Sinnen. Man trägt sie ins Innere des Frauenhauses.

Da fühlt sie sich plötzlich frei, schlägt die Augen auf und mustert ihre neue Umgebung.

In einer weiten, kühlen Marmorhalle, von Arkaden umrahmt, plätschert ein Springbrunnen in einem grossen Bassin. Ein Dutzend Frauen, eben noch mit Schwatzen, Lachen und Girren beschäftigt, sitzen und stehen umher und betrachten mit aufdringlicher Neugierde die neu Angekommene.

Eine Afridin aus den Salzsümpfen Afghanistans bricht das lastende Schweigen mit einem schrillen Gelächter:

„Seht doch, seht! Sie ist halb weiss, halb braun. Dies Gewächs weiss sicher selbst nicht, aus welch niederer Kaste es herkommt. Man hat es wohl aufgelesen bei den Unreinen oder Aussätzigen!“

Gelächter antwortet.

„Ihr werdet sehen, sie ist ein Paria“, ruft ein Weib aus Ceylon. „Eine Tschandal ist sie, aus der letzten schmutzigen Hindukaste. Oder gar eine Rodia, eine verdammte Singhalesin der Perleninsel, die kein Tamule berühren würde, ohne sich wochenlang zu reinigen!“

Alle schreien durcheinander und rücken von dem Freiwild ab. Doch je mehr sich die Frauen des Radschas bemühen, sie zu demütigen, desto höher scheint das seltsame Mädchen zu wachsen. Die Fremdheit, die Schönheit und Hoheit dieses Kindes, einer Fürstin unter Sklavinnen, entzündet immer mehr die Wut derer, die nie so schön, so unnahbar und kostbar waren wie diese Blume der Wälder.

Die Jüngste, eine Mongolin aus den Laurinenwäldern des Himalaja, die von räuberischen Baptschas an der Grenze Nepals eingefangen wurde, tritt ganz nahe an Radanika heran, blitzt sie aus ihren schiefen Augen an und spuckt ihr plötzlich ins Gesicht. Da erst schnellt Radanika mit einem Sprung vorwärts und ergreift die Flüchtende bei den struppigen Zöpfen. Dieses Kind, dessen Gelenke zart wie Blumenkelche sind, hebt die Asiatin mit unnatürlicher Kraft vom Boden empor in die Luft, dass die Reifen an den strampelnden Beinen der Bestraften gegeneinanderklingen und ihr Wehgeheul das Frauenhaus durchgellt, und stösst sie dann in die Kissen, wie man eine Natter im Gefühl des Ekels und der Überlegenheit von sich schleudert.

Schon stürzt Randschit in eigener Person herein, nach der Ursache des Lärms zu forschen, da entsteht draussen Bewegung. Rufe ertönen, Waffen klirren. Der alte Hausbeamte eilt zum Eingang. Die Türe des Harems fliegt auf. Der Radscha steht an der Schwelle. An seiner Seite zwei Europäer. Der eine grau, ernst, mit versteinerten Zügen, der andere jung, blond, ein neugieriges Lächeln auf den Lippen.

Der Radscha beleibt. Kein Osmane. Kein Inder. Mohammedaner, mit langem, schwarzem Bart, den nie eine Schere entheiligt hat. So befiehlt es der Prophet. Eitelkeit hat den Herrscher verleitet, seinen Harem fremden Augen preiszubieten. Die kleinen, träge blinzelnden Augen sind grausam, verraten Kälte und Tücke.

Radanika verbirgt sich hinter einem Ruhebett. Doch der Radscha hat sie schon gesehen. Auf sie deutend, sagt er zu seinen Gästen in englischer Sprache: „Eine Frau aus dem Urwald, wild und menschenfremd. Wir werden sie zähmen.“

So sehr sich auch die anderen Insassinnen des Harems bemühen, die Aufmerksamkeit des Radschas oder des hübschen Jungen in der englischen Uniform zu erregen, niemand beachtet sie.

Mit weit geöffneten Augen steht der Jüngling, ein Colonel, verfolgt die Bewegungen des Fürsten, der das Kind hinter dem Ruhebett aufjagt. Sein älterer Begleiter und Onkel, Sir Marshall, der englische „political agent“, der mit ausdrücklicher Regierungsweisung als Gesandter-Resident hierherkam, sich jeder Einmischung in innere Angelegenheiten des Fürsten zu enthalten, steht unbeweglich.

„Ist nun der Sklavenhandel abgeschafft oder nicht?“ fragt der Jüngling zornig, mit gedämpfter Stimme, seinen Oheim, während seine Augen der unwürdigen Jagd im Harem folgen. Sir Marshall zuckt die Achseln, antwortet ebenso leise: „Seit 1890.“ „So? Und ist dieses unschuldige Geschöpf nicht eingefangen worden wie Wild? Welches Schicksal erwartet es?“

Der Maharadscha jagt, zum Ergötzen der Haremsfrauen und Palastbeamten, dem flinken Mädchen aus dem Urwald nach, das in Nischen und hinter Mauervorsprüngen Schutz sucht.

„Ihr Schicksal?“ erwidert der Political agent Englands mit einer Stimme, die von weither zu kommen scheint. „Man wird ihr Haschisch oder japanisches Saké zu trinken geben. Und schliesslich ist sie wie die anderen.“

„Diese? Nie, Onkel, nie! Hier vollzieht sich ein Verbrechen, und ich frage, wozu du die britische Flagge vertrittst, wenn du zulässt, dass man unter deinen Augen Menschenhandel treibt!“

Sir Marshall schaut seinen Neffen halb erschrocken, halb erstaunt aus seinen grossen, steingrauen Augen an, denen nichts abzulesen ist als kühle Pflichterfüllung, die sozusagen ausserhalb aller Leidenschaften des Lebens stehen.

Nicht so William. Mit zuckendem Mund steht er da, die Hand an der Waffe.

„William“, antwortet endlich der Gesandte, „du bist unerfahren und jung. Ich warne dich! Glaubst du, ich hätte mich auf diesen vorgeschobenen Posten des Britischen Reiches stellen lassen, um das Feuer zu wecken, das seit Jahren unter unseren Füssen glimmt? Meine Aufgabe ist schwerer, verantwortungsvoller, als du ahnst. Ein falsches Wort, eine voreilige Geste, mit der wir uns verraten, und das Verderben kann hereinbrechen!“

In diesem Augenblick geschieht Seltsames. Unter dem schrillen Kreischen und Gelächter des ganzen Harems eilt die schlanke Wildkatze, sich dem Zugriff des Herrn entziehend, dem Bassin zu und ist mit einem Sprung in dem Wasser verschwunden. Prustend vor Vergnügen steht der Herrscher. Der junge Colonel macht unwillkürlich eine Bewegung, als wollte er den Degen abwerfen — doch eine kühle Handbewegung des weit älteren Begleiters, ein warnender Blick, der Disziplin und Unterordnung verlangt, hält ihn zurück.

Der Radscha klatscht wütend in die Hände, brüllt die herbeistürzenden Diener an: „Dem Weibe nach!“ Während aber die von allen Seiten sich ins Wasser stürzenden Diener untertauchen, taucht Radanika an dem entgegengesetzten Ende auf. Und wie die wieder Auftauchenden sie sehen und auf sie zuschwimmen, raucht sie blitzschnell, unter und verschwindet in den Wasserpflanzen. So geht die Jagd durch das grosse Bassin. Bis einer dieser Barbaren einen Triumphschrei ausstösst und die erschöpfende Last aus dem Bassin seinem Herrn hinaufhebt, der die Zusammenbrechende in seinen Armen hält wie ein Stück Wild.

„Sehen Sie selber, Sirdar“, sagt er triumphierend zu dem Residenten, „ist sie nicht schön?“

Der Brite betrachtet in tiefen Gedanken die Gefangene. Eine starke Bewegung hat ihn erfasst, er kann sie nur mühsam verbergen.

Das Kind schlägt langsam die Augen auf, fühlt sich in den Armen dieses Mannes, stösst einen Schrei aus und entwindet sich dem Radscha. Schon ist sie hinter einem jener Teppichvorhänge verschwunden, die die Nischen der bevorzugten Favoritinnen abschliessen.

Was weiss das Kind von seiner Bestimmung?

Der Radscha lacht. Aber seine Gäste lachen nicht. Die Augen des jungen Offiziers suchen noch immer das Kind, das einen unverlöschlichen Eindruck auf ihn gemacht hat. Es ist ihm unmöglich, seine Bewegung zu verbergen. Seine Augen hängen mit entrücktem Ausdruck auf dem Antlitz des erschöpften Mädchens, ihr Blick begegnet dem seinen, ihre Pupillen weiten sich, hilfeheischend öffnet sich der kleine, rote Mund. Die Hand des Gesandten presst sich mit eiserner Kraft in das Gelenk des Neffen. Der Maharadscha schaut böse auf diesen jungen Oberst der verhassten Nation.

Gewohnter Disziplin gehorchend, dem Beispiel des Oheims folgend, fügt jetzt auch Colonel Marshall einige Höflichkeiten über den Bau des Frauenhauses hinzu. Es ist eine hohe, blaue Kuppel, zu der Säulen aus Granit mit porphyrfarbenen Mauern emporstreben. Der Erdboden, aus zartfarbenen Mosaiken kunstvoll zusammengesetzt, trägt Hügel köstlicher Kaschmirteppiche und persischer Gewebe.

Im Hinausschreiten wendet sich der junge Colonel noch einmal um.

Sein blaues Auge späht verzweifelt durch die Dämmerung des Hauses. Ein Vorhang bewegt sich leise ...

Unter Verbeugungen, mit allen Zeichen der Ehrerbietung fordert der Palastwächter Radanika auf, die Frauennische zu verlassen. Ihn misstrauisch messend, kommt sie Schritt für Schritt nach der Halle. Keine der Frauen regt sich mehr. Sklavinnen eilen herbei und salben sie. Sie ist zu müde von den letzten Abenteuern, um diesen ihr unverständlichen Vorgängen Aufmerksamkeit zu schenken. Mit zitternden Knien steht sie vor einem grossen Spiegel und lässt alles mit sich geschehen.

Kostbare, kühle Gewänder werden über ihre Schultern geworfen. Man bindet edelsteingeschmückte Schuhe an ihre Füsse. Die Frauen legen Perlen und Diamanten um ihre Stirne. Mit wachsendem Staunen sieht Radanika selbst ihre leuchtende Schönheit in der Fläche des geschliffenen Glases.

Leise Musik berauscht sie. Sie dringt von irgendwoher, und in den Kreis der schweigenden Frauen tritt plötzlich eine Tänzerin in farbenprächtigem Musselinschal, Goldplättchen in den Nasenflügeln. Die Musik verstärkt sich, wird zum ohrenbetäubenden Dröhnen von Gong, Hörnern und Klarinetten. Schneller dreht sich die Tänzerin im Natsch. Ihre goldenen Fussspangen schlagen klirrend zusammen, die silbernen Armfesseln beben, die Ohrgehänge fliegen. Die Frauen des Harems klatschen im Takt in die Hände.

Fieber ergreift Radanika.

„Trinke“, sagt eine schwarze Sklavin und reicht ihr einen goldenen Becher. Das klare Wasser duftet nach Rosen und ist mit dem betäubenden Saft der Kokablätter gemischt.

Radanika trinkt, da erfasst sie die Ahnung einer unbekannten Gefahr. Sie schleudert den Becher von sich und eilt zur Türe. Im selben Moment treten vier Männer mit einer Sänfte ein. Radanika weicht zurück, ein Schwindel überwältigt sie. Sie breitet die Arme aus und verliert die Besinnung. Die Männer ergreifen sie und legen sie in die Polster des Ruhelagers.

Man führt sie zum Nizam, wie der Radscha sich nennen lässt, zum Könige unter den Königen.

5.

Die beiden Engländer sitzen auf der Terrasse des Regierungsgebäudes. Die Nacht naht, ein kühler Wind weht schon von den Bergen.

Die grauen Augen des alten Kolonialbeamten wandern in unbestimmte Fernen. Dort unten, am Fusse der Höhe, rollt der Fluss vorüber. An seinem Rande schwemmen graue Büffel schwerfällig Glut und Schmutz des Tages ab. Die grünen Triebe der Reisfelder lugen aus dem Wasser.

Dahinter beginnt das Tal des Todes, das Tal des Fiebers: die Dschungeln.

Sir Marshall wendet langsam den Kopf. Aus dem Urwald kommt ein Ruf, ein Schrei, der das Herz erbeben lässt, eine langgezogene Klage, das letzte Aufbäumen eines Lebens in Todesqual. Dann wird es wieder still.

Ein Elefant trottet unten an der Strasse vorüber. Bandikarren ächzen.

Der Colonel sitzt mit gesenktem Kopf, der Brand an seiner Zigarette eilt, von hastigen Zügen genährt, ruckartig voran.

„Dieser Barbar!“ stösst er hervor. „Dieser — ein Radscha? Ein Fürst? In Ketten möchte ich ihn nach Bombay schleppen!“

Er atmet schnell, seine Augen sind dunkel, sein Herz pocht unnatürlich hart und schwer.

Sir Marshall zuckt die Achseln.

„Was wissen wir von den anderen? Was wir sehen und was unsere Spione uns melden. Die belügen uns. Mögen sie uns auch noch so demütig Sahib und Sirdar nennen. Die Demut ist ihre Religion, sie bedeutet nicht Unterwerfung.

Ihre Kinder aber lernen schon, der Europäer sei mit dem bösen Blick behaftet, sie fürchten ihn wie den Verwachsenen und verachten ihn zugleich wie jene menschlichen Dämonen, denen sie Salatstrünke an den Kopf werfen, wenn sie ihnen den Rücken kehren. Naht ein Europäer einem Lingwamtragenden, so wirft der seine Speisen vor die Hunde, denn unrein ist selbst der Schatten des weissen Mannes. Die Höflichkeit ist des Inders Waffe, verderblicher und gefährlicher als alle unsere Gewehre.“

„Um so mehr müsste England auf der Hut sein! England beachtet die Zeichen zu wenig. Gerade an Einzelbeispielen müsste Britannien zeigen, dass es mit eiserner Kraft bereit ist, Auflehnungen niederzuhalten.“

Der Resident lächelt nachsichtig.

„Wir hätten nicht die Macht, dieses Volk zu bändigen, wenn es sich, beleidigt durch Übergriffe, einig erheben würde. Von Russland her fliessen die unterirdischen Ströme gefährlicher Ideen. Düstere Schatten fliegen den Erscheinungen voraus, die ich kommen ahne. Nein, wir müssen alles vermeiden, William, dieses Volk in seinem Lande zu beleidigen. Und was den Radscha betrifft: Wir haben kein Recht, in seine Häuslichkeit einzugreifen — und ich habe auch gar nicht die Macht dazu.“

„Aber dieses Kind“, stammelt William wieder. „Dieses blühende Kind! Diese rätselhafte Menschenblume!“ Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, Widerspruch oder Wiederholungen mit Schärfe abzuschneiden, schweigt Sir Marshall. Dieses Schweigen lastet auf den Männern. Sie achten nicht darauf, dass der weissgekleidete eingeborene Diener den Tisch deckt. Sie hängen ihren Gedanken nach.

Plötzlich sagt Sir Marshall unvermittelt, leise, zu sich selbst:

„Seit ich hier bin, muss ich immer an das Schicksal meines armen Bruders Eduard denken.“

William senkt den Kopf und blickt zu Boden. Der andere fährt fort. „Auch er wusste nichts von den Kräften und Gewalten, die dieses Land beherrschen. Jung und froh zog er mit seinem Zirkus durch Dschungeln und Städte und stieg die Berge hinan, ohne zu ahnen, welch furchtbares Schicksal neben ihm ging. Bis es zugriff. Keiner weiss, wie es geschehen.“

„Zirkus?“ stammelt der Colonel fassungslos. „Zirkus?“

„Ja. So bin auch ich einmal erschrocken. Bis ich Viktoria sah. Die Schulreiterin Viktoria. Arme, arme Viktoria!“

Der alternde Mann wechselt die Farbe. „Unvergesslich bleibt mir, wie sie in himmelblauer Seide, das blonde Haar im Nacken, auf den Ball der Oxforder Studenten ging. Sie war ja nun schon die Gattin meines Bruders, eines Viscount Marshall. Aber das Zirkusblut schwieg nicht. Mein Bruder liebte sie, wie man nur eine Frau mit solchen Gaben lieben kann. Sie war keine Zirkusreiterin. Sie war die letzte Amazone unserer Zeit. Sie war die vollendetste Künstlerin im Sattel. — Sie verliessen mit einem Zirkus England, wo man diese Heirat immer missgünstig beurteilte. Jahre blieben sie fort, dann kamen sie wieder und liessen Mary, ihre Älteste, hier, um wieder auf Reisen zu gehen. Diesmal nach Indien, in den Tod!“

Der Neffe legt plötzlich seine Hand auf die des Oheims.

„Verzeih! Ich dachte nicht daran, dass ich dir weh tun könnte.“

Der Resident hält die Hand des Neffen fest. „Es ist die Erinnerung! Sie fasst mich an wie ein Fieberschauer.“

William nickt. Sagt leise: „Du hast sie geliebt. Deines Bruders Frau. Ich weiss es. Alle wissen es.“

Der Onkel sieht ihn schnell und scheu an.

„Still, nichts davon!“ sagt er. Seine Stimme klingt zu einem Flüstern herab. Doch plötzlich tut er einen tiefen Atemzug. Er sieht sich um. Kein Diener ist in der Nähe. Dann beugt er sich zu seinem Neffen. „William“, beginnt er, von neuem die Hand des Offiziers ergreifend, „mein lieber, guter Junge, es ist meine Pflicht, dir einmal die Geschichte dieser deiner Tante Viktoria zu erzählen. Die Geschichte der wunderschönen Viktoria und des Viscount Marshall ... meines Bruders.“

„Es wird dich zu sehr erregen“, sagt William leise.

„Nein, es erregt mich nicht mehr als der Gedanke daran, und du musst alles wissen, denn vielleicht bin ich bald nicht mehr hier, und dann ...“

„Onkel!“ Der Colonel lacht gezwungen. „Du denkst doch nicht ans Sterben? Du, der so viele Gefahren überstanden hat!“

Der Resident fährt fort, ohne auf den Zwischenruf zu achten: „Ich habe damals, als das Drama an der burmanischen Grenze geschah, ein Gesicht gehabt. Und in den letzten Wochen hatte ich es wieder.“

„Was für ein Gesicht, Onkel?“

„Ich sah Viktoria im weissen Totenkleid ... damals ... und jetzt nochmals. Damals rang sie verzweifelt die Hände, aber sie sprach kein Wort. Und ich wusste doch, dass sie lebte, dass sie mit Eduard an der Grenze Nepals weilte. Als ich schweissgebadet erwachte, da hatte ich das klare Gefühl, dass sie in Gefahr schwebte, und bald darauf kamen die unklaren, erschütternden Nachrichten: der Zirkus verschollen — alle tot!“ Er schweigt, dann spricht er leise weiter: „Diesmal sah ich sie wieder. Aber ihr Antlitz ist friedlich geworden. Ihre Augen sind geschlossen, doch ich sehe ihren ruhigen Blick mit unendlich zärtlichem Ausdruck auf mich gerichtet! ... O, William! ... Wenn sie das drittemal erscheinen wird, werde ich sterben!“

Der Colonel presst die Hand des sonst so rauhen, wortkargen Mannes an seine Brust.

Lange herrscht Schweigen.

Die Diener sind wohlerzogen. Sie haben mit feinem Instinkt begriffen, dass ihre Anwesenheit nicht erwünscht ist. Die Männer sind ganz allein. Der Himmel ist voller Sterne. Die Nacht hat ihr Dunkel über die Erde gesenkt. Schwärme von Glühwürmchen ziehen wie kleine Sternschnuppen durch die Büsche. Die Luft ist betäubend. Ströme von Duft atmen die wilden Sympetalen.

Der Colonel wagt kein Wort in die Stille. — Ein Schakal heult in ungewisser Ferne.

6.

Die Gefangene liegt auf dem Ruhebett des Radschas und schläft. Wohlgerüche schweben in der Luft. Stille herrscht, nur fern klirrt dann und wann eine Waffe. Wasser plätschern und vertiefen die Harmonie der Ruhe.

Radanika schreckt auf und starrt auf die opalene Lampe, die von der Decke hängt.

Tiefe, nachtschwere Traurigkeit umfängt sie. Sie beginnt zu weinen, sie fürchtet sich. Sie denkt an ihre fernen Freunde. An die Trompetenfanfaren der Elefanten. An die huschenden Tiger. An die spektakelnden Affen, die unermüdlich sind im Ausdenken von Spässen.

Sie denkt an die gebrechliche Memmsahib, die Leopardenmutter, zwischen deren Weichen sie als Kind geruht, den grünen Dom des Urwaldes bestaunt oder dem Schelten der Affen gelauscht hatte. Sie denkt an Maha, Memmsahibs stärkstes Kind, Maha, die mutige Kämpferin. Ihre unermüdliche Beschützerin. Tot ...

Einsam wird Memmsahib im Urwald ihr Klagelied um die Verschwundene singen. Sicherlich hat sie längst den roten Schweiss Mahas gerochen.

Eine heisse, schmerzende Sehnsucht erfasst die weinende Radanika. Die Sehnsucht nach den Dschungeln, nach der Leopardenmutter, nach den Tieren der Wälder, nach der Einsamkeit. Was will man von ihr? Warum hat man sie geraubt? Sie weiss es nicht. Aber dass ihr Gefahr droht, fühlt sie. Denn Radanika ist nicht nur ein Kind der Dschungeln. Sie versteht die Sprache der Eingeborenen, sie kennt die Sprache der Engländer. Dreimal täglich betet sie zu dem grossen Buddha, und seine Lehre lebt in ihrem Herzen wie heiliges Feuer in einem Achatgefäss. Dies ist eines der Gebote des Allwissenden, des Weisen, der die höchste Stufe der Vollendung erreicht hat:

„Schmücke dich nicht mit Kränzen, Wohlgerüchen und Salben!“

Man hat aber Radanika geschmückt. Mit Kränzen, Wohlgerüchen und Salben. Sünde ist es, und der Heilige wird sein Antlitz verbergen und trauern.

Sie schnellt hoch und schleudert die Kränze zu Boden.

„O, du Erleuchteter“, ruft sie in Erinnerung an ihren Lehrer, den Einsiedler in den Dschungeln, „der du mir Helfer warst, Lehrer und Vater! Du, den ich täglich in seiner Hütte mitten in der Wildnis zwischen Tieren besucht habe — wo bist du? Warum hilfst du mir nicht?

Paya! Heiliger!

Als ich zum erstenmal denkend mein Lager in den Dschungeln verliess und landeinwärts suchte, da erblickte ich von ferne deine Bambushütte.

Kein Gehege schützt dich gegen Tiger und Elefanten. Nichts wehrt die Schlange von deinem Lager.

Du, einst ein gelehrter Birmane, ein Brahmane, der auf dem heiligen Elefanten ritt, der die gelbe Toga der Priesterkaste trug, der in der Pagode betete, du hast dich zurückgezogen in die Einsamkeit und zu den wilden Tieren. Du hast das Fieber der Sümpfe nicht gescheut, du hast dich nicht geschützt gegen Moskitos und Regen. Wenn selbst die Affen auswandern aus den tiefen Niederungen der Dschungeln, um höher in die Berge zu fliehen vor dem Fieber des Sommers — du bleibst, um in heiliger Versunkenheit über die Geheimnisse des Lebens, der Wiedergeburt und des Nirwana zu sinnen.

Damals trat ich als Kind vor dich hin, den Menschen anstannend, in deinen Anblick versunken.

Du aber, den keine Erscheinung in Erstaunen versetzen kann, du stauntest: Kind einer europäischen Mutter, mit deinen seltsamen Augen! Welch unheimliches Wunder führt dich in das Herz des Urwaldes? Du bist kein Geschöpf des Morang. Dich hat keine Frau vom Stamme der Matschi, der letzten Ureinwohner in den Dschungeln, in ihrem Schosse getragen.

Wer also bist du?

Ich verstand dich nicht, aber du verstandest meine Gedanken. Und ich sagte dir durch meine Gedanken, die du lesen konntest, wie du alles weisst, was niemand weiss:

Ich bin das Kind der Leopardenmemmsahib, und Maha, der Leopard, ist meine Schwester. Ich bin, seit ich denken kann, in den Dschungeln. Die Memmsahib, die Leopardin, hat mich gesäugt. Vielleicht hat mich die Lotos geboren, vielleicht lag ich im Schosse einer Orchidee. Dunkel, ganz dunkel habe ich eine Erinnerung: Eine blonde Frau, ein weisser Mann, eine Stadt von Wagen und Pferden — aber das ist wie ein Traum.

Du, der Einsiedler, hast mich gesegnet, und seitdem besuchte ich dich täglich. Kein Tier greift dich an, keine Schlange beschleicht dich. Die Elefanten gehen im Bogen um deine Hütte und brechen mit Rüsseln und Tritten Wege für dich.

Du aber hast mich die Sprache der Menschen gelehrt. Du hast mich die Gebote des Buddha gelehrt. So bin ich aufgewachsen im Schutze der Tiere des Waldes und in deinem heiligen Schimmer!

Eines Tages aber kam ich zu deiner Bambushütte, doch die Hütte war leer.

Die Spur deiner Schritte war verweht.

Bist du aufgestiegen zur letzten Erkenntnis, zum Nirwana? Ist deine Seele eingegangen in einen nenen Körper? Kali Belloh, der Teufel, hat keine Macht über dich. Warum aber über mich?

Ich weinte bitterlich. Viele Sonnenauf- und -niedergänge bin ich umhergewandert, dich zu finden; aber ich fand dich nicht. Und als ich dich am Rande der Dschungeln suchte, dort, wo man zu den fauchenden Drachen der Weissen gelangt, wo die Fremden wohnen, da überfielen sie mich und schleppten mich hierher. Warum hast du mir nicht beigestanden? Man hat mir Jasminkränze ins Haar geflochten, und du hast mich gelehrt, dass nur Buddhas Bild mit Jasmin geschmückt wird.

Wo bist du? Konntest du nicht verhindern, dass sie mich einfingen wie das törichte Elefantenbaby, das sich zu weit von der warnenden Mutter entfernt hat?

„Schlafe nicht auf üppigem Lager!“ steht auf dem Torbogen der Tempel des Erleuchteten.

Und ich ruhe hier zwischen Kissen und Fellen und Decken. Ich ersticke und leide und fürchte mich!“ —

Bei diesem Gedanken schnellte Radanika hoch, um aus diesem Gefängnis der Wohlgerüche zu entfliehen. Aber da fliegt ein Teppich zur Seite. Der Fürst steht vor ihr, in einen langen Seidenmantel gehüllt. Sein Lächeln verwirrt sie. Seine Augen unter dem Turban deuten Unheil, Schande. Seine Arme, die sich ausstrecken, erregen ihren Zorn. Scheint er doch vier Arme zu haben in seiner Gier, scheint er doch einen Elefantenkopf auf seinen breiten Schultern zu tragen, so wie der Gott Ganesch geschildert wird, den die armen Götzenanbeter auf Ceylon verehren.

Sie duckt sich, weicht zurück.

Er folgt ihr.

Warum sieht er mich so an mit seinen schmutzigen, schwarzen Augen? denkt Radanika. Er sinnt Böses. Sie entgleitet bis zur äussersten Säule. Aber der Radscha holt sie ein und umschlingt sie. Federnd hebt er sie empor. In diesem Augenblick erwacht das Blut in Radanika.

Die Milch der Leopardenmemmsahib.

Mit einer Kraft, die nie in dem gazellenschlanken Körper zu vermuten war, schnellt sie sich aus den Armen des Mannes. Wie eine Flamme auflodernd steht sie da. Pfeifendes Fauchen entflieht den halbgeöffneten Lippen. Die flammenden Lippen heben sich über das blinkende Gebiss. Sie zischt.

Ihre glitzernden Augen haben den Dolch entdeckt, den der Radscha am Gürtel trägt. Sie kennt die Bedeutung der Waffe. Die wenigen Matschimenschen, die durch die Dschungeln sich einen Weg bahnen, die seltenen Bewohner des Tarai, tragen solche Messer.

Stark und kräftig sind sie, der Stahl ist nach innen gebogen, Kuckrie nennen sie die Klinge.

Rascher als die schiessende Schlange ist ihr Arm nach dem Messer des Radschas vorgestossen, ihre Hand umspannt das tödliche Eisen.

Da stürzen Männer der Leibwache herein.

Radanikas Dschungelruf tönt durch den Palast. Mit der Gewandtheit der Kobra entschlüpft Radanika durch den Menschenknäuel. Marmorgänge sieht sie im Scheine der edelsteingeschmückten Lampen. Eine Treppe, so breit, dass der Staatselefant sie betreten kann. Wie der Vogel im Flug durchmisst sie den Palast.

Erreicht die mondscheinumflossenen Gärten, und ehe die Soldaten ihr folgen können, eilt sie schon durch die dichten Büsche in schnellstem Lauf, den Ausweg suchend.

Sie lockt und ruft und girrt in wachsender Verzweiflung. Aber sie findet den Ausweg nicht.

Inzwischen blinken Lichter an allen Enden und Ecken des Parkes. Fackeln spiegeln sich in dem stillen Teich. Vögel flattern erschreckt aus dem Schlaf. Von allen Seiten eilen Soldaten mit Waffen herbei. Radanika ist von neuem umstellt, von schreienden Männern umringt. In heller Wut wirft sie den Dolch. Doch man reisst sie nieder, bindet sie, man steckt die Beissende in einen Sack und schleift sie vor den alten Fürsten.

Blutrot ist das Geäder in seinen Augen. Er stampft vor Wut.

Röchelnd sagt er, als ob er Betel kaue:

„Den Tigern!“

Radanika fühlt sich emporgehoben und fortgetragen. Unergründliche Treppen rollt sie hinab in ihrem Sack. Schwer fällt sie auf Steinfliesen auf.

Was tut es, wenn sie Arme und Beine bricht? Morgen soll sie den Tigern in der Arena vorgeworfen werden!

7.

Eine Weile liegt Radanika still, betäubt von dem Sturz. Sie hat das Gefühl, als sei eben ein Laut erloschen, wie eine Sternschnuppe, die über den Himmel gefahren, ein Laut, der noch in ihren Ohren nachklingt.

Die Stille ist schwer.

Eiseskälte steigt aus der Erde.

Sie bewegt die müden Glieder. Allmählich kehrt ihre Besinnung zurück. Sie findet sich eingebunden in den Sack und fühlt die schmerzenden Stricke an den Gelenken. Ein verächtliches Lächeln gleitet über ihre Lippen in dem engen Gefängnis von Palmfasern und Wollstoff.

Sie bringt die Gelenke in die Höhe ihrer Lippen und schiebt die Fesseln zwischen ihre starken Zähne. Diese Zähne, machtvoll und weiss, die kraftvollen Kiefer in diesem zarten Mädchenmund erinnern an die Pracht eines Raubtiergebisses. Mit Leichtigkeit durchbeisst sie die Stricke und zerreisst den Sack. Sie ist frei.

Frei in einem undurchdringlichen Gewölbe von Kälte und Finsternis.

Horch! Da beginnt von neuem die Stimme, die in ihre halbe Bewusstlosigkeit noch nachgeklungen hatte. Radanika kauert auf den Knien und lauscht atemlos.

Ein Mann singt. Ein knarrendes, ächzendes Geräusch begleitet seinen monotonen Gesang. Ein Rad wird gedreht, das in verrosteten Gewinden hängt und dessen Speichen knarren. Schauerlich klingt dazu das Lied einer Stimme, fernher, leise, immer im gleichen Rhythmus, voll erdrückender Traurigkeit, ein Lied ohne Hoffnung, ein Lied ohne Licht. Der Instinkt sagt Radanika, dass jenseits der Mauer ein Mensch ist, gefangen gleich ihr.

Sie ruft in der Drawidasprache:

„Lebender, du, hinter der Mauer! Was singst du?“

Das unheimliche Geräusch hört auf. Es ist, als lauschen das tote Ding und der Mann gleichzeitig auf die seltsamen Laute aus lebendem Munde. Doch keine Antwort kommt.

Das Lied tönt wieder. Das Ächzen setzt sich fort. Radanika wiederholt ihre Frage in fast dialektfreiem Sanskrit, in jener Ursprache der Arier, die in den meisten Gebieten des nördlichen Indiens gesprochen wird. Der Einsiedler war ihr Lehrer, ebenso wie im Gutscharati, der Sprache des Handels. — Keine Antwort! Doch der Mensch hinter der Mauer horcht auf. Da, von irgendwoher, von oben, ein zorniger Ruf.

Das Ächzen beginnt wieder, wieder das klagende Lied. Radanika rezitiert langsam und feierlich einen Rik aus einem der 1028 Sukta der Rig-Veda, einen Vers aus dem Schöpfungslied:

„Damals war nicht Unsterblichkeit noch Tod,

Und ungeschieden von den Nächten war der Tag.

Nur einer atmet ohne fremden Hauch: Ein Gott.

Da war kein Ding, das über diesem lag — —“

Und siehe! Siehe! Höre, Ohr! — Radanika lauscht voll Entzücken und Bewunderung, denn nur der Einsiedler, glaubte sie bisher, kennt die Geheimnisse dieses ur-uralten Liedes. Von jenseits der Mauern kommt Antwort:

„Wie ward die Schöpfung, als sie einst vollbracht?

War sie geschaffen?

Ward von selbst das Licht?

Das weiss nur der, des Auge sie bewacht.

Im Himmel. — Oder weiss auch Gottes nicht?“

Stille folgt.

Wieder knarrt das tote Ding.

Tiefes Mitleid erfasst Radanika. Ein Mensch leidet.

Eine Kreatur trägt Schmerz und Gram!

Ihr Auge sieht in der Finsternis eine riesige Mauer.

Sie horcht.

„Fremdling! Wer bist du? — Was tust du?“

Da antwortet eine müde Stimme, während das Geräusch sich fortsetzt:

„Ich trete!“

„Du trittst? Wie soll ich das verstehen, Fremder?“

„Ich trete das Rad der Zeit!“

„Das Rad der Zeit?“ wiederholt Radanika und sinnt den Worten nach. „Zeit .. was ist das?“

Da sagt die tiefe Stimme:

„Die Zeit ist alles. Die Zeit ist ein Strick, an den ich gebunden bin. Sie schleift mich durch die unendliche Nacht. Ich höre nicht, ich sehe nicht. Ich bin gebunden an die Zeit und trete!“

„Was trittst du, Fremder?“

„Ich trete das Schöpfrad der Zeit, Mädchen!“

„Das Schöpfrad der Zeit“, sagt Radanika leise. Vor ihr Auge tritt ein Bild, das sie oftmals vom Rande der Tarai aus gesehen hat. Armselige Menschen sah sie sich mühen, ohne zu begreifen, warum sie sich mühten.

Denn es war unnötig. Alles gab die Natur.

Sie hat Menschen gesehen, die traten ein Rad. Und das Rad ging in die Tiefe der Erde. Es trug viele Gefässe. Sooft ein Gefäss wieder aus der Erde tauchte, da war es voll Wasser, das es emportrug. Der Einsiedler hatte auf ihre Frage geantwortet: „Die Menschen schöpfen Wasser!“

„Trittst du ein Schöpfrad, um Wasser zu fördern?“ fragt sie.

„Ja, ja, ich trete das Schöpfrad!“ ist die Antwort, und das Rad ächzt.

„Leidest du Durst? Hast du kein Wasser?“

„Ich leide nicht Durst! Ich trete das Rad des Radschas!“

„Das Rad des Radschas? Warum tritt er es nicht selbst?“

„O Kind! Du Kind! Er tritt es nicht selbst, er wird es niemals treten. Denn dieses Rad ist die Zeit, und solange es sich dreht, gibt es Schande und Unrecht und Treulosigkeit in der Welt!“

„Ich verstehe dich nicht. Du sprichst so klug wie der Yoghi, und doch sprichst du Dinge voll Traurigkeit. Ich habe vorher nicht gewusst, dass Schlechtigkeit unter den Menschen ist. Die Menschen, Fremder, sind böse. Der Radscha ist sündig. Warum also trittst du das Rad, das dem Radscha Wasser bringt?“

„Weil ich sein Sklave bin!“

„Sklave? Was ist das?“

„Du weisst nicht, was ein Sklave ist? Mädchen, bist du keine Sklavin? Wer bist du denn?“

„Ich bin Radanika, das Kind der Leopardenmemmsahib. Die Menschen haben mich gefangen.“

Eine Weile setzt das Rad aus, und der Mann hinter der Mauer schweigt, als denke er nach. Dann antwortet seine Stimme:

„Ein Sklave, Kind, ist, wer das Unglück hat, in die Hand eines Mächtigeren zu fallen. Ich bin in des Radschas Hand geraten.“

„Warum hast du ihn nicht getötet?“

„Warum hast du ihn nicht getötet?“

Radanika schweigt.

„Siehst du, Kind! Ich wollte ihn töten!“

„Warum befreist du dich nicht?“

„Ich bin schwach. Ich bin mit Ketten an das Rad gebunden!“

„Seit gestern, Fremder?“

„Seit gestern? Unschuld du! — Jahre ... Jahrhunderte! ... Ein Menschenleben ...“

„Ich verstehe dich nicht!“

„Du verstehst mich nicht? Wohl dir, Mädchen, dass du mich nicht verstehst!“

„So sage mir, wer du bist, Fremder!“

„Wer ich bin? Was tut es?

Einstmals war ich ein Mensch. Ein glücklicher Mensch. Seit unendlicher Zeit bin ich ein Sklave am Schöpfrad der Zeit!“

Das Rad ächzt.

Die Stimme fährt fort:

„Kind, ich kenne dein Schicksal. Die wilden Tiere werden dich zerreissen. Trotzdem: Wohl dir, Kind, dass du nicht an das Rad der Zeit gebunden bist! Du stirbst, ich trete. Ich trete in alle Ewigkeit!“

Das Rad ächzt.

Eine zornige Stimme schallt.

Peitschenschläge klatschen. Ein dumpfes Stöhnen folgt.

Schneller ächzt das Rad.

Pulsuz fraqment bitdi.

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Yaş həddi:
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Litresdə buraxılış tarixi:
05 may 2025
Həcm:
220 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711503706
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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