Kitabı oxu: «Sing-Sang der Liebe»

Şrift:

Robert Heymann

Sing-Sang der Liebe

Ein Buntes Buch von Liedern, Ludern und Lastern

Saga

Sing-Sang der Liebe

German

© 1928 Robert Heymann

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711503652

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Lieber Robert Heymann,

Sie hatten den Wunsch, sich von mir zu diesem, Ihrem Buche „Sing-Sang der Liebe“ ein Vorwort schreiben zu lassen, eine Art Einführung, die der Leser genießen soll, ehe er sich in den Inhalt des Werkes selbst vertieft. Sie hatten diesen Wunsch, weil Sie fühlten, daß ich Ihnen als Mensch nahestehe, und weil Sie wußten, wie hoch ich Ihr künstlerisches Wirken bewerte. Und dann, dann gab es noch ein Drittes, was Sie bewogen hat, die Arbeit des Mentors in meine Hände zu legen. Dieses Dritte war eine gewisse sentimentale Stimmung. Sie erinnerten sich, daß wir beide vor vielen, vielen Jahren (ja, lieber Heymann, wenn Sie auch in Hinblick auf die vielen jungen Leserinnen, die Ihr „Sing-Sang der Liebe“ finden wird, verstimmt sein sollten, daß ich schreibe: vor vielen, vielen Jahren ...) Schulter an Schulter für eine Sache gekämpft haben, der damals so viele junge Literaten nahestanden. Es war das heute längst selige Überbrettl Ernst von Wolzogens, der just genug Temperament und Förderungssinn besaß, um uns aus unseren Fuchslöchern herauszulocken und uns eine Basis für unser ganzes nachheriges Schaffen zu geben. Während ich aus Prag nach Berlin eilte, um unter der Fahne Wolzogens zu streiten, trug Sie die Münchener Überbrettlwelle hoch. Damals, als Sie einer der „sieben Tantenmörder“ waren, als Sie getreu der Wedekindschen Parole „Ich hab’ meine Tante geschlachtet ...“, mit erfolggekrönten Chansons und dramatischen Szenen vor die Öffentlichkeit traten und abseits Ihrer Brettlbetätigung ein weitverbreitetes satirisches Witzblatt „Der Affenspiegel“ redigierten, da kam mir der Name Robert Heymann zum erstenmal vor die Augen. Sie haben mich damals in die Reihe Ihrer Mitarbeiter auf genommen, und mir ist späterhin beim Durchstöbern alter Belegexemplare die oder jene Nummer des Affenspiegel“ wieder in die Hände gekommen. Das Papier etwas vergilbt, die Farben der Bilder einigermaßen verblaßt, die Frische unserer Jugend aber, lieber Heymann, die aus gereimten und ungereimten Zeilen wehte, maimorgenartig unoerwelkt ...

Und nun finde ich in Ihrem neuen Buche abermals manches, was mich an den Glanz vergangener Tage erinnert, manches, das, wenn auch vor Jahren geschrieben, nichts vom Reiz seiner unmittelbaren Wirkung und seines Gegenwartswertes verloren hat. Das eben macht den unbestreitbaren Vorzug aller Ihrer Arbeiten aus, daß sie nicht für den Tag geschrieben sind, sondern durch ihren unwandelbaren, allgemein menschlichen Charakter weit, weit über die Grenzen ihrer Produktionszeit hinausreichen. Zu diesen mir so lieben, weil mir vertrauten Klängen, hat sich in „Sing-Sang der Liebe“ eine Anzahl neuer, bis in die allerjüngste Zeit reichender Schöpfungen gesellt. Ein Beweis dafür, wie jung, lieder- und arbeitsfreudig Sie geblieben sind. In mancher Skizze, in manchem Scherz und auch in manchem Liede zeigen Sie, daß die Anschauung, die Sie von Welt und von den Leuten, die sie bevölkern, haben, etwas schärfer und pessimistischer geworden ist, unverändert aber ist Ihre ganze Liebe zur Aufrichtigkeit und zum Drange geblieben, unter Verzichtleistung auf das bekannte Blättchen vor dem Mund den Menschen, die es angeht, einen Spiegel vor das Gesicht zu halten ...

Sie werden es gewiß nicht als Beleidigung empfinden, wenn ich bei der Durchsicht Ihres Buches auch Ihr Redaktionstalent rühmend erwähne. Denn ihm ist der Eindruck der amüsanten Mannigfaltigkeit zu danken, den Ihre Arbeit macht. In geschidcter und für den Leser sehr anregender Weise ist Lyrisches und Dramatisches, Erzählendes und Skizzenhaftes gereiht. Soziales wechselt mit Märchenartigem, Bissiges mit melancholisch Empfindsamem. Ein wirklich buntes Buch: Hunderte von Farben und Lichtern, aber alle von der Welt ausgehend, in der wir leben und unser Pensum abmachen müssen.

Ich zweifle keinen Augenblick, daß man Ihr Buch lesen, und zwar viel lesen wird, und daß Sie, lieber Robert Heymann, an Ihrem „Sing-Sang der Liebe“ jene Freude erleben werden, die ein Vater an einem wohlgeratenen Kinde erlebt. Meinen Glückwunsch mit auf den Weg „Sing-Sangs“ haben Sie. Nun erwarten Sie aber auch in Ruhe die Glückwünsche der 100 000 Leser, die meinem folgen werden.

Leo Heller

Berlin, im September 1928

Ernte

Gedenken

Erinnerst du dich noch, wie ich auf dem Stuhle saß

Und Chateaubriand las?

Du knietest am Boden und schmiegtest warm

Dein dunkles Haupt an meinen Arm.

Und deine Augen waren so weit,

Als schauten sie über Raum und Zeit.

Ich lauschte dir,

Du sprachst zu mir,

Und über dein Antlitz ergoß sich ein Licht,

Wie sich’s in Kirchenfenstern bricht:

„Ich seh ein Engelsköpfchen

Mit leuchtend blonden Zöpfchen,

Mit Augen hell und blau

Wie klarer Morgentau.

Ich seh es schweben, fliegen,

In blauen Fernen wiegen —

Wenn erst die Schwalben zogen,

Kommt es zu mir geflogen,

Es pocht an meinem Herzen,

Drin leuchten sieben Kerzen

Dem Wunder durch die Pforten,

Das meinem Leib geworden. — — —“

Erinnerst du dich, wie ich auf dem Stuhle saß

Und Chateaubriand las?

Ich sah dir ins Angesicht,

Du merktest es nicht.

Ich fragte mit heimlichem Scherzen:

„Warum gerade sieben Kerzen?“

Da fiel ein Reif auf dein dunkles Haar ...

Du sprachst: „Weil ich schon sieben Jahr’,

Ja, sieben Jahr’“ — — Wir schwiegen uns aus.

Und unsere Liebe ging durch das Haus,

Schloß Pforten und Türen und Fenster zu,

Und stille war’s — — nur ich und du. — — —

Ich erinnere mich, wie ich auf dem Stuhle saß

Und Chateaubriand las.

Das ist gerade sieben Jahr her.

Du bist nicht mehr ...

Ein Grab

Wenn ich mein Werk beendet,

Still soll mein Ende sein.

Sucht zwischen zwei Zypressen

Ein Grab mit grauem Stein.

Dort schläft seit Tag und Jahren

Mein Weib in enger Truh.

Mein Herz ist mitgefahren,

Nun legt den Leib dazu.

Schreibt unter ihren Namen

Den meinen in den Stein:

Sind beide früh gestorben,

Konnt keins vom andern sein.

Mutter!

Warum hast du mir keine Liebe gegeben?

Nun gehe ich krank am Leben ....

Tausend Sehnsüchte brennender Qual

Trug meines Herzens Goldpokal.

Mutter! Du hast alles Leid verschuldet,

Das eine Frau um mich geduldet!

Meiner Adern Gefäße standen in Glut

Eine Jugend lang von rauschendem Blut.

Meine Sünden zogen in lockender Pracht

Vor meinen Straßen durch Tag und Nacht.

Meiner nackten Wünsche Chor verbarg

Die Seele. — Die welkte mir im Mark, —

Meine Seele ruhte in einem Sarg,

Den haben mir wüste Gesellen getragen

Durch lärmenden Kampf in tausend Tagen ....

Und wenn die Sterne am Himmel standen,

Und es schliefen meine lärmenden Lusttrabanten,

Dann hob sie das Haupt vom Totenkissen,

Zwiesprache haltend mit meinem Gewissen.

Sah mich mit schmerzenden Augen an:

Unglückseliger Bettlersmann,

Der König will sein auf dem Venusthron —

Wo steuerst du hin, verlorener Sohn?

Ich konnte die Stimme nicht länger ertragen,

Ich habe die Seele nächtlich erschlagen,

Ich habe die heilige Gnade verwirkt,

Ich habe den heiligen Gott erwürgt ....

Und ich baute ein Schiff, und ich habe geheuert

Zehn stumme Mohren, und bin gesteuert

Seewärts ....

Einsamkeit hieß mein verlorenes Schiff.

Leck blieb es liegen auf ödem Riff.

Meine Seele brannte in weißem Glast

Als Elmsfeuer auf dem höchsten Mast —

Mein Schiff ging unter im tiefen Meer,

Und zog die Sterne hinter sich her ...

Nun geh’ ich wo durch fremdes Land.

Unter meinen Füßen knirschen Stein und Sand.

Und irgendwo ist ein dunkles Ziel,

Zu dem ich Seelenloser pilgern will,

Weil ich dort eine Muttergottes hab’:

Ein Frauengrab.

„Ihr Leben war Liebe“ — steht auf dem Stein.

Der schließt meine tote Seele ein.

Dort will ich sterben den ärgsten Tod,

Dort will ich leiden die schlimmste Not,

Auf daß die Barmherzigkeit Gottes mir gibt

Die Seele zurück, die mich geliebt ...

Mutter! Warum hast du mir nicht Liebe gegeben?

Einst

Wenn einst, in langer Zeit,

Liebe und Jugend weit, —

Das Schiff, das Glück sich genannt,

Gescheitert fernab vom Strand, —

Und alle Sterne, die uns dort oben

Geglänzt, erkaltet sind und zerstoben, —

Und nichts blieb als das Leid:

Sehnen und Einsamkeit ...

Dann, so denke ich mir:

Irgendwo eine Tür,

Ginsterumrankt, mir nur bekannt,

Öffnet sich meiner Hand ...

Vor mir in Abendglut

Schlummernd ein Garten ruht,

Brunnen rauschen leise

Eine vergessene Weise.

Meine Füße gleiten bang

Silberne Wege entlang,

Meine Hände streichen von fern

Einen samtenen Blütenstern ....

Und es nahen Gestalten sacht

Durch die weiße, atmende Nacht,

Schweben leise und klingen dahin

Alle um eine Königin.

Und ein rätselhafter Mann

Trägt ihr süßestes Lächeln voran,

Trägt einen schimmernden Spiegel vor sich,

Und ich seh’ und erkenne mich.

Und ein silberverzierter Lakai

Trägt ihrer Stimme Melodei,

Eine Hirschkuh geht neben ihr

Mit ihrer Schönheit himmlischer Zier ...

Und es neiget sich alle Pracht

Prangender Bäume in dieser Nacht,

Und es neigt sich ein bebender Stier

Bis in den flüsternden Sand vor ihr,

Heilig trunken, stark und jung:

Evoe! Erinnerung .......

Heimatlos

Ich gehe über die Erde,

Und ich habe kein Heim.

Und wenn ich morgen sterbe,

Dann scharrt man mich ein ....

Hab’ doch für dich gestritten,

Dieweil ich um dich warb.

Weißt nicht, was ich gelitten,

Bis daß ich um dich starb.

Gib mir ein Kreuz aus Eisen,

Schließ mir die Augen zu,

Und laß mich einsam reisen

Zur ewigen Ruh ...

Die Heimat, die ich habe,

Ist eng und schlicht.

Drei Blumen auf dem Grabe

Sind all mein Licht.

O laß sie nicht verderben,

Ich litt darum so sehr.

Im Leben und im Sterben —

Ich hatt’ nicht mehr:

Treu Glauben, ehrlich Hassen

Hieß mein Panier.

Mußt’ Treu und Glauben lassen

Aus Lieb’ zu dir.

Als König bin ich gefahren

In Jugend stark und froh.

Und einen müden Narren

Begräbt man so ...

Du stehst vor Totenkerzen

Und siehst kein Licht.

Gabst einem heißen Herzen

Die Heimat nicht!

Verflucht, verdammt zu werden,

Kein Leid ist also groß,

Als fahren unter die Erden —

Heimatlos!

Verloren

Und ist mein Leben verloren,

Verrauscht schon vor der Zeit?

Mein Name, in Blut gegoren,

Vergessenheit geweiht?

Umsonst das wilde Ringen

Wohl mit der Dummheit Chor?

Und sind denn meine Klingen

Nicht scharf wie je zuvor?

Brennt mir die Todeswunde

Schon zwischen Stahl und Wehr?

Ihr goldbetreßten Hunde,

Steckt ein! Mir bleibt die Ehr!

Die Ehr, wie ich geschlagen

Mich stets für meine Sach’!

Ich hab’ kein Spott getragen,

Gab keine Spanne nach!

Der Krämer, der satte, feiste,

Trug Hohn meiner trotzigen Art.

Als Ritter vom heiligen Geiste

Geh ich auf letzte Fahrt.

Man wird mein Schwert noch preisen,

Es lebt, was ich getan,

Und meine Worte kreisen,

Trutz Euch, die Sonnenbahn!

Don Juan

Don Juan! Wißt Ihr denn, wer er ist?

Warum er die tausendste Frau geküßt?

Warum jedes Dorf und jede Stadt

Seine Witwen und seine Bastarde hat?

Weil er, zur Sehnsucht ewig verdammt,

Gottsuchender Büßer, ewig entflammt,

Jagt mit der Inbrunst heiligem Licht

Nach der Madonna und findet sie nicht.

Mit neunhundertneunundneunzig Frauen

Ließ sich der Unermüdliche trauen,

Und bleibt als Reinster geschmäht und verflucht,

Und sündigt im Glauben und sucht und sucht —

Sie trugen die Kronen der Königinnen,

Doch unter dem Purpur der Mägde Linnen,

Verklagten den Sünder mit Weh und Gekreisch —

Denn unter dem Linnen war Fleisch. Nur Fleisch!

Ave Maria

Es sinkt die Nacht mit dunkler Last

In ihren Sarkophag.

Schon webt ein neuer, junger Tag

Die Himmelsdecke aus Damast

In gold’nem Glanz und Glast ...

Ave Maria!

Die Berge schweben silbern grau

Hinein ins Äthermeer.

Es steht am Wege heilig hehr

Ein Kreuz mit unsrer lieben Frau,

Bekränzt mit Himmelsblau ...

Ave Maria!

Du liebe Mutter, Frau Marie,

Laß spielen dir ein Lied.

Durch meine kranke Seele zieht

Es Abends und des Tages früh:

Gegrüßt sei’st du, Marie!

Ave Maria!

Du Reine bist gebenedeit,

Du liebe Jungfrau, du —

Mein Herze hat nicht Rast noch Ruh,

Denn unter meinem Narrenkleid,

Da pocht das Leid:

Ave Maria!

Mach meine arme Seele rein,

Mein Sündigen war groß.

Ich hab’ gelästert deinen Schoß, —

Nun trag ich Reu und harte Pein, —

Und soll ich nimmer selig sein?

Ave Maria!

Doch wenn mir Gott um dich verzieh,

Laß heben mich das Haupt:

Ich hab’ geirrt, ich hab’ geglaubt,

Und beugte Dirnen ich das Knie, —

Dir galt die Demut, Frau Marie!

Ave Maria!

Ich möchte sterben

Ich möchte sterben, wie die Eiche stirbt,

Mit mächtigem Stamme, knorrig und stark.

Es soll mich fällen der Arbeit Axt,

Die heulende Windsbraut sei mein Sarg —

Ich möchte sterben, wie der Adler stirbt,

Mit einer Zuckung stolz und frei,

Und über das eisumstarrte Meer

Gelle mein wilder Todesschrei.

Ich möchte sterben, wie die Sonne stirbt,

Mit heißem Lächeln, groß und kühn —

Auf meiner Stirne marmorweiß

Soll blutiger, junger Lorbeer glühn — —

Das Ende

Ich bitt’ — um einen gläsernen Sarg!

Nämlich den Quark:

Trauergäste, die kommen und gehn,

Muß ich sehn.

Es werden ja keine Fahnen wehn,

Aber ein paar Komödianten werden wohl mit mir gehn,

Mit wäßrigen Augen vor dem Grabe stehn

Und was zusammenlügen,

Daß ich muß da unten liegen,

Und daß ich so jung schon gestorben sei.

Dann erzählt der Bonvivant eine Schweinerei ...

Journalisten werden mir ferner geben

Das Geleit aus dem Leben.

Einer sagt, ich sei nicht talentlos gewesen,

Man hätte nette Sachen gelesen,

Und ich hätte mich sicher noch entfaltet,

Wenn nur die nötige Sorgfalt gewaltet, —

Und wäre ich nicht so frivol gewesen,

Hätte man mich noch viel lieber gelesen.

Und dann kommen die Damen ... na ja:

Die Naive fragt: Ist er noch da?

Kann man ihn denn vorher nicht mehr sehn?

Die Heroine meint, es wäre nicht schön,

Daß ich mich so hinweggestohlen,

Aber ich hätte mich immer französisch empfohlen.

Dann gibt es Tusch und ein Gloria,

Und ich fühl’ an der Wärme, mein Liebchen ist da.

Nun wird es dunkel, die Geschichte ist aus,

Die Leidtragenden fahren nach Haus.

Und in den Zeitungen steht zu lesen,

Was ich für ein Genie gewesen,

Ich hätte mich nur nie zu erkennen gegeben,

Sonst hätte man’s schon gemerkt im Leben.

Ich aber höre die Engel schon singen

Und grüße gerührt: Götz von Berlichingen ....

Der alte Weg

Man ging den Weg so Jahr um Jahr,

Als kleiner Fant, als junger Narr.

Das Herz ward weit, der Blick ward groß.

Man suchte in Fernen

Nach Göttern und Sternen

Uferlos ...

Wo Himmel und Erde zusammenfloß,

In aller Dinge werdendem Schoß,

Ein Blütenkelch im Himmelsblau, —

Stand lockend die Frau.

Da spannte die Seele die Flügel weit

Und flog in die helle Unendlichkeit.

Einmal aber, in horchender Nacht,

Hat uns das Grauen ins Fenster gelacht,

Eine Stimme rief: Halt!

Eine graue Gestalt

Stand

Und hob eine helle Hand.

Wir wurden alt .....

Und wandern wieder den Weg entlang,

Wo Nachtigall und Lerche sang,

Wir sind am Ziel. O Schicksal! O Zeit!

Wie dünkte der Weg so groß, so weit!

Und war doch nur ein Vogelflug!

Ein Atemzug,

Der eine Sehnsucht zu Grabe trug ...

Weisheit

Glaubt mir, es ist die Illusion,

Die Himmel und Erde erschaffen.

Der eine lobt Altar und Thron,

Der andre preist die Affen.

Der eine liebt, der andre döst,

Und alles ist Begriff.

Wie immer die Funktion ihr löst, —

Der Darm bleibt relativ.

Theorie und Praxis

Ich schrieb keine Liebesgedichte,

Ich haßte die Theorie.

Sie ist für ästhetische Wichte

Ein liebliches Paraplui.

Es singt der Harzer Roller

Die heißeste Sehnsuchtspein

In seinem Liebeskoller

Nur solo, ganz allein.

Doch stillt ihm ein Weibchen die Triebe,

So stellt er den Singsang ein.

Es soll in der Praxis die Liebe

Um vieles bekömmlicher sein.

Des Dichters platonische Meinung

Adelt die Literatur.

Doch zieh’ ich die runde Erscheinung

Vor der moralischen Spur.

Der Mensch

Er kann nicht anders sein als der ihn schuf,

Und der nur wieder Epigone war.

Und jeder folgte seines Zeugers Ruf

Seit mehr als sechs Millionen Erdenjahr’.

Und jede Untat in dem Leibe schlief

Vor Jahrmillionen in der Zeiten Tanz,

Da Venus noch auf allen Vieren lief

Und sieben Ellen maß der Affenschwanz.

Der Affe blieb, wenn auch der Schweif nicht paßt,

Die Äffin zwängt den Leib in ein Korsett.

Einst kam sie nieder auf dem Urwaldast,

Heut’ wirft die Affen sie im Ehebett.

Film

Liebe, rührselig verschandelt,

Ein versüßter Lebensbrei,

Jegliches Gefühl mißhandelt,

Ein Gewürzchen Schweinerei,

Und die Heldin, eine Venus —

Schweiget, was sie früher war!

Alle Wirkung liegt im Genus,

Ihren Vogel nennt man Star.

Denn das Volk will seine Helden,

Und kastriert ist das Genie,

Sieh, es kreisen alle Welten,

Um Herrn Siegfried Simili.

Nicht mehr strömt im masculino

Schäumend, wild der rote Saft.

Mensch, es ist doch alles Kino!

Feminin liebt man die Kraft.

Einen Bock hat jede Ziege,

Und sein Dreß ist dernier cri!

Schon als Muse an der Wiege

Stand die Fee Crambamboli.

Turmhoch steigt die Dividende,

Goethe geht beschnitten um.

Gebt der Kunst die Alimente —

Zahle, Hure Publikum!

Und ich selber? Meine Lieder

Sind erfroren und krepiert.

Doch im Film siehst du mich wieder,

Wo mich goldner Lorbeer ziert.

Hätt’ ich nur die Not getragen,

Grüb’ man mich als Dichter ein —

Besser doch, mich drückt der Magen

Als der schönste Leichenstein.

Wissenschaft

Ein Stück verschimmelter Käse —

Mikroben im bunten Gewühl,

Das Hirn im fatalen Gekröse,

Die Leber geschwellt von Gefühl —

Da habt ihr das Erdengebilde,

Gebläht vom gelehrten System.

Und die umnebelte Gilde

Zergrübelt nun das Problem.

Ihr löst mit vielem Getöse

Die Rätsel Natur und Zeit,

Diese besorgt eure These,

Und jene die Sittlichkeit.

Die Säcula säculorum

Umräuchern Altar und Thron,

Jedoch in puncto punktorum

Dominiert die Darmfunktion.

Ein Stück verschimmelter Käse

Wird nie ein göttlicher Stern.

Und was der Magenwind bläse

Wird nie ein Lob des Herrn.

Piano, ihr Käsepartikel,

Mit eurem Trärä und Tschintschin!

Gebären kann jedes Karnickel,

Auch ohne höheren Sinn.

Und flötet mir nicht von Ästhetik,

Von Liebe und göttlicher Gunst!

Ihr seid mir physisch zu tätig,

Und für einen Gott zu verhunzt.

Mein Fräulein, ich bin despektabel,

Den Engel leget ins Spind —

Die Spur am irdischen Nabel

Verrät Sie, mein schönes Kind!

Letztes Lied

Weiß keiner, was ich litt,

Weiß keiner, wie ich stritt

Um meines Lebens Ziel.

Weiß keiner, wie ich fiel

Auf Schritt und Tritt.

Ich stand in keinem Sold,

Ich achtete kein Gold,

Ich wollte sein kein Knecht,

Und focht für Ehr’ und Recht,

Bis mich der Teufel holt.

Mir jagt kein Büttel ab,

Was ich nicht willig gab.

Ich stand in Schild und Wehr

Für aller Frauen Ehr’

Und hielt es bis ans Grab.

Das Gold stand feindlich auf,

Mit ihm der Narren Hauf’,

Das war kein ehrlich Spiel,

Ich gab mein Blut und fiel.

So ist der Dinge Lauf.

Nun steh’ ich müd und wund,

Ich armer Schweinehund.

All meine Lust und Not

Liegt in dem Straßenkot

Als eitel Schund.

Es ist kein’ gute Sach’,

Gibt man vom Recht nicht nach,

Der liebe Gott heißt Geld,

Der Lumpe lenkt die Welt,

Die Dummheit baut das Dach.

Weiß keiner, was ich litt,

Weiß keiner, wie ich stritt,

Nun bin ich bald zu Haus.

Will ruhen lang mich aus

Und seh’ die Krämer nit.

Will liegen alle Zeit

An meiner Fraue Seit’ —

Und kommt der Jüngste Tag,

Ich nimmer aufstehn mag,

Mir ist der Schwindel leid.

* * *
I

Als wir uns zuerst begegnet,

Erkannten wir uns kaum;

Nun hab’ ich die Stunde gesegnet

Wie einen heiligen Traum.

Sie gleitet auf silbernen Sohlen

Vor meinen Gedanken einher —

Und würden sie mich jetzt holen,

Mir würde das Sterben nicht schwer.

Du aber sollst Narrenherden

Nicht laden zum Zeitvertreib,

Nicht schmücken mit Sklavengebärden

Den königlichen Leib.

Laß deine Augensterne

Leuchten in Tag und Nacht,

Wo weit in flammender Ferne

Ein blindes Schicksal wacht.

Gib mir mit zuckendem Munde

In aller Sterne Schein

Die ewig heilige Kunde:

Ich will dein Eigen sein.

II

Du hast mir deine Lippen gegeben,

Weich wie Samt.

Ich trank aus ihnen lockendes Leben.

Und wär’ ich verdammt

Zu wandern durch hundert Ewigkeiten,

Ich wollte wie Ahasverus leiden —

Doch wollte ich neigen den Becher zum Grund

Und küssen die Seele von deinem Mund,

Und deiner Liebe Herrlichkeit

Leuchtete mir durch Raum und Zeit

Über die Sehnsucht des Ahasver —

Ich litte nicht mehr.

III

Tänzelnd gleitet vorbei die Stunde,

Haftet lächelnd auf deinem Munde:

Was ist die Zeit? Was ist das Glück?

Schicksal? Zukunft und Augenblick?

Dies:

Deine Mädchenlippen küssen.

Und wissen:

Die purpurnen Hügel öffnen sich

Nur für mich,

Mit einem Hauch zu umfangen

Wunsch und Verlangen.

Ja, dein Mund ist ein goldener Riegel

Zu deines Leibes köstlichem Schrein.

Deine Lippen sind leuchtende Siegel

Auf deinem Sein.

Deiner Liebe Geschmeide

Glänzt auf dem Grund.

Ich leide —

Und bete zu deinem Mund.

Zeitgenossen

Ein Brief

Er lief die feuchten Straßen hindurch und dachte nur immer: Es muß sein. Es kann unmöglich so weiter gehen. Soll ich mich selbst morden, obwohl ich das Recht und die Kraft habe zu leben?

Dann trat er in ein Restaurant, verlangte Briefpapier und Tinte und begann zu schreiben:

„Liebe Ilse!“

Dann machte er wieder eine Pause.

Wie beginnen? sann er. Wie es ihr beibringen, schonend und doch energisch, unwiderruflich zugleich? Er biß an dem Federhalter und sah sich in dem Lokale um. Einige Tische entfernt von ihm ließ sich eine große, gut konservierte Dame in Begleitung eines auffallend schönen, vielleicht sechzehn Jahre alten Mädchens nieder.

Etwas mißfiel ihm an den Beiden, allein er wußte nicht, was es war —

Und er schrieb weiter:

„Fasse Dich, Ilse. Wir müssen scheiden! Wie soll ich Dir alles sagen, wo sich mein Herz zusammenkrampft bei dem Gedanken an Dein unverdientes Leid? Wirst Du mich auch verstehen?

Du bist ja gut und verständig! Du weißt, daß ich dem Ruhm nachjage und ihm meine Jugend geopfert habe, daß ich leben muß, leben — leben!

Du weißt, wie ich Dich geliebt habe! Drei Jahre haben wir so nebeneinander gelebt, und ich danke Dir für das schöne Glück, das Du mir geschenkt. Aber seit vielen Monaten ist etwas zwischen uns getreten, ein Gespenst, wie Du es nanntest. Du konntest Dir sein Wirken und Wühlen nicht erklären.

Es kam mit dem Kinde. Das kleine Mädchen brachte die Alltäglichkeit in unser Heim, und unsere so wilde Ehe ist philiströs geworden. Die Geliebte starb durch die Mutter! Und deshalb müssen wir scheiden!

Ich brauche ja so viel Schönheit, wilde, sündige Schönheit und unbändige Liebe! Die Alltäglichkeit hat sich um meine Seele geschlossen, gleich einer eisernen Kette. Ich sehne mich nach dem Leben, wie der Sträfling nach Licht.

Es ist herzlos, grausam, was ich Dir sage, aber es ist wahr: Wolltest Du länger mit mir leben mit der Lüge auf der Stirne?

Sieh, ich muß schaffen! Jede Empfindung, jeden Hauch, den die Seele einatmet, jedes Bild, das ihr Auge spiegelt, will ich formen können in zeugender Lust.

Aber die Luft, die ich atme, erstickt mich. Die graue Sorge in unserem Stübchen und das blasse Kind haben meine Liebe getötet — soll auch meine Kraft noch sterben? — Richte mich nicht, Ilse! Wenn wir uns in Jahren vielleicht wiedersehen, wirst Du mir’s danken, daß ich in Wahrheit von Dir gegangen!

Ich will hinaus in das Leben als Zigeuner, wie Du mich getroffen, und ich will genießen. Nur Genuß ist Empfindung, und ohne Genuß kann keine Kunst geboren werden. Als ich meiner Eltern Haus verließ, um die weiche Trägheit mit dem Kampfe der wechselvollen Not zu vertauschen, da sagte ich mir:

Die Segel gehißt und hinaus, alles aufgeboten, um mit voller Ladung zurückzukehren. Und besser, im großen Ozean draußen zugrundegehen, als mit lächerlichem Wrack in den Hafen zu laufen — schiffbrüchig.

Und ich stehe vor dem Schiffbruch, Ilse!“

Er wurde unterbrochen.

Von dem Tisch her, wo die auffallende Frau mit dem jungen Mädchen saß, schallte lautes Gelächter zu ihm herüber. Jetzt sah er, daß sich um den Tisch ein halbes Dutzend Herren scharte, mehr als zweifelhafte Geisteskinder, mehr als galant gekleidet, die, wie es schien, eine mehr als unfeine Unterhaltung führten.

Die Frau, deren Haar bereits meliert war, ließ ihre herausfordernden Augen von einem zum andern schweifen, lächelte verständnisinnig, wenn ein anzügliches Wort fiel, und der Schenkel ihres Beines lehnte sich an das Knie des neben ihr sitzenden Kavaliers.

Die Mehrzahl der Herren beschäftigte sich jedoch mit dem Mädchen.

Die Wangen des Kindes waren gerötet, vielleicht vor Aufregung, vielleicht auch vor Scham. Ihre Augen hatten noch einen unschuldig klaren Schmelz, die vollen Lippen aber schienen das Küssen schon gelernt zu haben.

Die Kavaliere standen und saßen, das Monokel eingeklemmt, im Halbkreis umher und spähten nach dem Mädchen wie Hunde nach einem Knochen.

Die Frau aber lachte — — —

Schändlich, dachte er, das unschuldige Kind —

Dann schrieb er weiter:

„Ich will enden, Ilse. Gib das Kind in eine Anstalt. Sieh dann und wann nach ihm und erzähle ihm auch von seinem Vater. Wir werden uns einmal wieder treffen im Leben, Ilse, und dann wird alles anders sein. Lebe wohl.“

Er wollte den Brief zusammenfalten, als ein junger Mann mit kollegialem Gruße an seinen Tisch trat.

Es war ein langjähriger Freund.

„Darf ich Platz nehmen?“

„Aber gewiß.“

Der Freund sah nach der Gruppe vis-à-vis.

„Komische Gesellschaft, was? So mußte es kommen!“

„Kennst du sie?“

„Gewiß. Du nicht? Sie sind doch stadtbekannt. Kannst du dich nicht mehr an den Grafen Montini erinnern, der sich wegen Schulden erschossen hat?“

„Ja, Dunkel!“

„Die Ältere da drüben war seine Geliebte, soll sogar aus einer sehr ehrenwerten Familie stammen und hat ihn gerngehabt. Jetzt ist sie die schamloseste Mutter, die ich je kennengelernt.“

„Ach, das ist ihre Tochter, die Kleine?“

„Ja.“

„Aber wie konnte — —“

„Geld hinterließ er keines, und die Not versteht keinen Spaß. Sie und das Kind mußten leben. Und andere haben schließlich auch keinen schlechten Geschmack. Jetzt wird sie alt, verdorben ist sie auch, nun wird die Tochter verkuppelt.“

„Schändlich!“

„Was willst du! Er war der Schuft!“

Der Sprecher nahm eine Zeitung vor und las.

Der andere starrte vor sich nieder. Eine große schwere Träne rann ihm langsam über die Wange.

Dann hatte er überwunden.

Langsam, sorgfältig zerriß er den Brief.

„Was zerreißt du da?“ fragte der Freund.

„Oh, eine alte Abrechnung,“ antwortete er. „A propos, ich heirate Ilse. Willst du mein Trauzeuge sein?“

Philosophie

Wir saßen im Filmklub. Da ist Generaldirektor Hempel (sagen wir schon Hempel), Gewaltiger der Abewe-Gesellschaft. Er begann seine Laufbahn im fernen Osten. War dann in Wien Kaffeesieder, handelte schließlich mit Platin und Eisenbahnwagen, die nie existierten, und wurde, nebenberuflich, Filmdirektor. Er ist immer noch stark im Ausführen. Seine Produktion gleicht der Realität der oben besagten Eisenbahnwagen. Er zog mich kürzlich in eine literarische Diskussion.

„Was halten sie eigentlich von der Tarzanschen Theorie, Mister?“ (Er sagt immer Mister und spricht viel vom Broadway auf Long Island. Sprich Island wie Irrland.)

Also: Tarzansche Theorie. Ich sage:

„Sie meinen Darwin?“

„Darwin? Darwin? ... Der die sozialdemokratischen Bücher geschrieben hat? Der Bolschewikenpapst? ... Ne, ich meine Tarzan. Mensch, gucken Se nicht so intellektualiter, als ob Se mich reinlegen wollten. Die Tarzansche Theorie meine ich ... daß der Affe vom Menschen abstammt ... Glauben Sie daran?“

„Ob ich daran glaube? Mit wenig Einschränkungen, jawohl. Man nennt das die Entwicklung des synthetischen Menschen, den Nietzsche einmal vergeblich gesucht hat!“

„Sehen Se! Hätte Ihr Nietzsche noch Tarzan erlebt, dann hätte er seinen sympathischen Zeitgenossen gefunden. Wa?“

Der Löwe vom Kurfürstendamm

Wir unterhalten uns manchmal im Café Größenwahn. Machen in Literatur, Politik und so. Und man kommt dann leicht auf die Zoologie.

„Der Löwe,“ sagte einer, der den neuen „Brehm“ schreiben will, „also der Löwe von heute ... der moderne Löwe ... nein, der ist kein Fleischfresser. Der Löwe vom Kurfürstendamm ist reiner Vegetarier.

Was er frißt?

Grünfutter frißt er. Fuderweise. Pflanzen.

Wo die wachsen?

Auf dem Asphalt, Mensch. Daher der Name: Asphaltpflanzen.

Ob es da verschiedene Arten gibt?

Na, der olle Linné hätte seine Freude an ihnen gehabt! Es gibt ’ne Menge Arten. Kamelien (Damen), Tulpen, Sterne (die nur nachts leuchten), Pflaumen ...

Was? Pflaumen sind keine Pflanzen?

Und ob das Pflanzen sind! Haben Sie ’ne Ahnung!

... Obst? Ja, das frißt der Löwe vom Kurfürstendamm auch. Fallobst. Manchmal kaum reif ... noch ganz grün ... frisch vom Baum der Erkenntnis weg ... manchmal schon arg faul ... wie’s kommt. Den Kern? Ach, den Kern spuckt er aus. Für den Kern ist er nicht. Er frißt lieber das Fleisch der Pflaume.

Wie? Ja, doch eine Art Fleischfresser. Er ist eben doch ein Raubtier. Und man muß schon ’ne Löwennatur haben, um das Pflaumenfleisch zu bevorzugen.

Wann er auf Raub ausgeht? Tagsüber selten. Da liegt er auf seiner Bärenhaut. Irgendwo in den Dschungeln von Berlin. Aber nachts geht er jagen. Er kennt die Tränken. In Berlin sagt man Dielen. Da sammeln sich die Antilopen scharenweise.

Farbe? Tja, meist weigern sie sich, Farbe zu bekennen. Fleischfarbe herrscht aber vor, besonders an den Beinen. Manche sind rot, die kommen aus dem Norden. Die weißen, die Unschuldslämmer, die sind meist der fetten Weide entlaufen. Fürsorge allein tut’s nicht immer.

Wo der Löwe am liebsten jagt? Im Atlas? Mensch, der liegt ja in Afrika. Wenn er sich zu erkennen gibt, ist er am liebsten im Pyjama ... Seide also, nicht Atlas.

Mähne? Neee, Mähne ist nicht. Glatt ausrasiert. Man muß überhaupt höllisch aufpassen, daß man Männchen und Weibchen auseinanderkennt.

Was sagen Sie? Das wäre kein richtiger Löwe? Na, ob’s gerade ein ganz richtiger Löwe ist ... es kann auch ein Esel sein. Der Esel in der Löwenhaut, das kennen Sie doch. Manchmal ist der Löwe bestimmt ein Esel. Vielleicht ist er sogar nur ein Schaf. Ein Schafbock meinetwegen.

Ein Windhund? Schön, vielleicht ist er nur ein Windhund. Ein Hündchen. Ein Maltheser ... nee, kein Ritter. Ritter ist er sicher nicht. Ja, vielleicht ist er sogar nur ein Kater, und er glaubt, ein Löwe zu sein, weil er einen Affen hat. Wissen Sie, es ist so schwer, die Berliner Naturgeschichte zu schreiben ... so schwer ...“

Im Vorübergehen

Frau Katz, deren Gatte sehr reich ist (denn er arbeitet nicht für die Katz, obgleich er immer nur an Frau Katz denkt), also Frau Katz hat sich einen neuen Garten anlegen lassen. Einen englischen Garten, weil das sehr vornehm klingt. Auch ein Gewächshaus ist da, und nun geht sie neben dem Herrn Obergärtner durch ihren englischen Garten und läßt sich alle die Blumen und Pflanzen bei Namen nennen.

Der Obergärtner weiß ihre Wißbegierde in jeder Hinsicht zu befriedigen. Er war früher bei Hofe und ist ein sehr respektabler Mann.

Schließlich bleibt Frau Katz vor einem Gewächs stehen.

„Wie nennt man das Ding?“ fragt sie. Der Obergärtner zögert.

Frau Katz zieht die Augenbrauen hoch (gemalte Augenbrauen, fein wie japanische Blätterschatten).

„Hören Sie, lieber Obergärtner, ich will keine Pflanzen in meinem Garten haben, die man nicht bei Namen kennt.“

„Warum nicht gar!“ erwidert der brave Mann, „es ist, gnädige Frau, mit allem Respekt, ein Kaktus.“

Der tote Hund

Kurfürstendamm.

Dicht am Bürgersteig liegt ein toter schwarzer Hund. Überfahren. Eine alte Frau steht weinend bei dem Kadaver, mitleidige Menschen sammeln sich und sprechen ihr Trost zu. Die wenigen ziehen mehrere an. Jeder läßt sich die Geschichte von dem (toten) Hund, den ein Autobus totgefahren hat, wiederholen. Das Interesse verwandelt sich unter dem Eindruck der phantasievollen Schilderungen in Mitleid. Aus Mitleid wird Empörung. „Diese Ausländer!“ sagt ein dicker freundlicher Herr. „Fahren wie die Verrückten, ist ihnen ja egal, ob sie einen Hund totfahren. Bei den heutigen Preisen!“ „Das arme Tier,“ fährt die sehr reich gewordene Frau Kommerzienrat fort und läßt ihre Brillantboutons mitfühlend zittern. „Das arme, arme Tier! Man sollte die Rohlinge ein paar Monate einsperren! Das ist auch ein Mord, wenn’s auch nur ein Tier ist.“

Sie hat eine Träne in den Augen und drückt der Besitzerin des Hundeleichnams die Hand. Ich gehe. Seitwärts sitzt ein Mensch auf der Erde. Aus den feldgrauen Uniformfetzen steht ein dünner Armstumpf steif gegen den grauen Horizont. Seine Füße sind gelähmt. Er blickt mit heißen, zornigen Augen auf die Menschen und auf den toten Hund. Sie gehen an ihm vorbei, ohne ihn zu bemerken, denn ihre Herzen sind noch erfüllt von Empörung über die Roheit des Automobilisten. Die Frau Kommerzienrat wirft einen schnellen Blick auf den Mann auf der Erde. Sie schaudert vor seinen flammenden Augen und sagt zu ihrer Begleiterin: „Man liest den Leuten die Auflehnung gegen das Gesetz aus dem Gesicht. Nein, dem gebe ich nichts.“

Ich höre, wie der Krüppel in einem furchtbaren Tonfall sagt: „Dertote Hund.“

In diesen drei Worten drückte sich die ungeheuerliche Lüge unserer sentimentalen Kultur aus.

Seelenmesse

Allerheiligen. Feiner Regen rieselt nieder, melancholische Nebel lagern über den Gräbern.

Man hat die letzten Ruhestätten rastloser Menschen wie zum Fasching geschmückt. Rote Laternen, weiße Kränze, schwarze Kränze, deren Flors da und dort die Worte zeigen: „Meiner inniggeliebten ...“ „Meinem unvergeßlichen ...“ „Ruhe sanft ...“ „Werde Dir die Erde leicht ...“ Dies besonders ist ein frommer Wunsch, wenn man auf einen Menschen etliche Zentner Humus gelegt hat, damit er ruhig schlafen kann, ohne ein plötzliches Erwachen befürchten zu lassen.

Vor einem mit außergewönlicher Sorgfalt aufgeputztem Grabe stand ein Herr in den besten Jahren. Die gutgenährte Gestalt ließ auch ohne den Kranz für die heißgeliebte, nievergessene Gattin den Witwer erkennen. Eine Träne nach der andern rann ihm in den melierten Bart. Sicher hätte sich der traurige Mann verzweifelt über das Grab geworfen, wenn er nicht eben einen neuen Anzug getragen und der Erdboden infolge des Nebels und Regens an Reinlichkeit zu wünschen übriggelassen hätte.

Um so mehr wunderte sich der biedere Mann über eine elegante Dame, die an einem Grabe gegenüber auf den Knien lag und betete. Ihre schönen Beine in fleischfarbenen Strümpfen hoben sich gefällig von dem schwarzen Kleid ab. Ihre kleinen Füße steckten in zierlichen Lackschuhen, so zierlich, als gehörten sie nicht einer trauernden Wittib, sondern einer fröhlichen Puppe. Ja, sogar die schönen Waden ... Doch so weit sah der Mann am Grabe der Gattin nicht. Das erschien ihm pietätlos. Und doch zog es sein Auge immer und immer wieder mit magischer Gewalt auf die hübschen Beine. Seine Phantasie führte ihn weiter und ...

Doch da stand die Dame gegenüber plötzlich auf, trocknete mit einem reizenden Batisttüchlein die noch reizenderen Augen und sah den Witwer, der ganz versunken in ihren Anblick auf den Kranz für die „nievergessene Gattin“ getreten war, mit einem schelmischen Lächeln an, das unter Tränen den Sonnenstrahlen im Tauwetter glich.

Dann wandte sie sich zum Gehen. Und der Witwer merkwürdigerweise auch, wobei er vergaß, die roten Laternen am Grabe seiner Gattin anzuzünden.

Am Friedhofstor traf er mit ihr zusammen. Sie wollte ihm den Vortritt lassen, doch mit galantem: „Bitte, bitte, gnädige Frau“, trat er hinter sie, um gleich außerhalb des Tores sich neben sie zu begeben.

Wie das schon so ist, entspann sich eine Anstandskonversation. Sie sprachen beide von ihren Toten und dem Allerseelen-Tage, dann von dem Nebel und dem Regenwetter, schließlich von den Folgen der Wassersucht und des Alkohols, bis sie auf diesem geraden Wege auch auf die Liebe kamen.

Bei diesem Thema blieben sie dann ...

Eine Nacht später wurde sie seine Frau, aber nicht seine legitime, weil sie zufällig bereits wieder verheiratet war.

Pulsuz fraqment bitdi.

7,62 ₼
Yaş həddi:
0+
Həcm:
100 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711503652
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar