Kitabı oxu: «Die unbeschriebene Welt»
DIE
UNBESCHRIEBENE
WELT
Robert Hoffmann
Roman
Kapitelübersicht
Der Wasserfall
Memoria
Die Schmiede
Der Sonnenschirmmacher
Am Ende der Welt
Die Aufgabe
Der Konvent
Der längste Tag
Der Plan
Salvento
Das Gründungsfest
Zeitenwende
Kairos
Acra
Jules
Maria
Katharsis
Der Turm
Paul
Die Erde
Die unbeschriebene Welt
Der menschliche Antrieb
Geboren in eine Welt der Unterscheidung — das Ich, das Ihr und das Dingliche — wollen wir uns erkennen, um uns zu befreien, von der Fremdbestimmung.
Der Zündfunke menschlicher Intention ist das Bestreben erkannt zu werden, damit wir uns erkennen. Uns erfahren — nicht als ein Objekt, sondern als Mensch.
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Sidus von Bouquin — Die freie Gesellschaft
Der Wasserfall
( . )
Ich öffne die Augen, helle Schlieren flirren über die Netzhaut, geblendet halte ich die Hand vor das Gesicht. Ein tiefes Rauschen dringt an meine Ohren; die mit Feuchtigkeit gesättigte Luft vibriert, es riecht erdig nach nasser Vegetation. Eine Taubheit breitet sich von meinem Kopf bis in die Glieder aus. Ich spüre den Boden, wie er sich mit meinem Atem hebt und senkt, als wäre ich mit ihm verwachsen, als hätte er mich soeben erst geboren. Wie nach einem tausendjährigen Schlaf, zwinge ich meine Lider, sich mehr und mehr zu öffnen, sich tränend an das grelle Sonnenlicht heranzutasten. Aus den unscharfen Konturen entsteht ein erstes klares Bild: eine wippende Baumkrone, ein blasser Regenbogen, ein weißer Vogelschwarm. Meine Hände ertasten den Untergrund: feuchtes Moos und kantiges Felsgestein. Ich richte meinen Oberkörper auf; dünne Bäume mit großen, kreisrunden Blättern umgeben mich, dazwischen drängen sich hohe Sträucher, an denen gelbe Früchte wachsen. Insekten schwirren herum und verfangen sich in einem Spinnennetz. Die Fülle der Sinneseindrücke überkommt mich wie die Sintflut einen Dürstenden: diese würzige Luft, diese intensiven Farben, dieses durchdringende Rauschen. Etwas stimmt nicht — wo bin ich?
Nichts.
Wie komme ich hierher?
Nichts.
Ich richte mich, an einen Baum stützend, auf. Was ist das Letzte, an das ich mich erinnern kann? Alles, was vor dem Aufwachen geschah, scheint wie ausgelöscht, eine klaffende Leere, die mich anstarrt. Als hätte es ein davor nie gegeben, als wäre es überhaupt lächerlich danach zu suchen — gleich der Frage, was vor dem Urknall war.
Ich blicke an mir hinunter: ein braunes Jackett, eine blaue Jeans und für diese Gegend viel zu schlichte Schuhe. Vielleicht bin ich gestürzt und mit dem Kopf aufgeschlagen? Ich taste durch die Haare hindurch den Schädel ab, kann aber, mit einer gewissen Enttäuschung, keine schmerzhafte Stelle oder Wunde entdecken. Ein entferntes Dröhnen lässt den Boden erschüttern, dann höre ich nur noch durchdringendes Rauschen. Irgendwo in der Nähe muss ein Wasserfall sein. Die Vegetation ist hier so dicht, dass ich kaum weiter als ein paar Meter blicken kann. Sobald ich herausfinde, wo ich bin, wird mir sicher wieder alles einfallen. Mein Körper bahnt sich einen Weg durch die Sträucher. Der sandige Boden gibt meinen glatten Sohlen Halt. Das Rauschen schwillt zu einem tosenden Fauchen an. Im Gewirr der Zweige kann ich eine Lichtung erkennen. Die Luft ist von feinen Wassertropfen durchsetzt und taucht die Gegend in einen diesigen Schleier. Ich drücke die letzten Sträucher zur Seite. Mit wackeligen Beinen betrete ich die Lichtung.
»Was ... ?«
Ich blicke auf eine Wasserwand, die wie ein flatterndes Tuch von der Felskante hoch über mir herabfällt. Weiße Streifen von aufgeschäumtem Nass ziehen ihre Bahnen im endlos blauen Gewebe. Die tosende Masse stürzt haushoch vor mir herab. Auf der rechten Seite wird die Strömung flankiert von einer Felswand, auf der linken Seite scheint es kein Ende zu geben. Dort winden sich die Wassermassen Hunderte von Meter dahin, bis sie in einer Biegung aus dem Sichtfeld verschwinden. Meine Augen versuchen unwillkürlich, dem herabfallenden Geflecht aus weißen Formen zu folgen. Mir wird schwindelig und mein Körper fängt an, unkontrolliert hin und her zu schwanken. Ich strecke, nach Balance suchend, die Arme aus und mein Blick findet im grasigen Untergrund Halt.
Unmöglich!
Ich müsste mich doch an eine derartige Szenerie erinnern können. Dieses Vakuum in meinem Gedächtnis droht, meinen Verstand zu verschlingen. In meinem Kopf sehe ich einen Lichtblitz, Energiewellen, die sich verdichten, Staub, der sich zu Sternen formt, Galaxien, die auseinanderdriften — mein persönlicher Urknall — gab es mich zuvor gar nicht? Gab es bis vor wenigen Minuten überhaupt irgendetwas? Ich habe das Gefühl zu fallen — in das Nichts, von dem ich gekommen bin.
Die Wolken geben die Sonne frei und das nasse Gras schimmert farbig im Licht. Ich spüre die Wärme auf der Haut und atme tief ein. Es wird sich schon alles wiederfinden, von irgendwo muss ich schließlich hergekommen sein. Niemand entsteht einfach aus dem Nichts. Ich erkunde, immer noch mit wackligen Beinen, die kleine Lichtung. Auf der linken Seite endet sie in einem Abgrund. Erst jetzt erkenne ich, dass dort der Wasserfall noch tiefer hinabstürzt. Auf der rechten Seite befindet sich eine Anhöhe — zu steil, um hinaufzuklettern. Vielleicht gibt es weiter vom Wasserfall entfernt irgendeinen Pfad?
Ich gehe zurück durch die Sträucher, erklimme linker Hand eine Böschung, dann klettere ich über Steinblöcke. Da ich in meinen Schuhen auf den feuchten Felsen immer wieder wegrutsche, komme ich zunehmend ins Schwitzen. Eigentlich, wie ich feststelle, ein angenehmes Gefühl von Körperlichkeit, von Lebendigkeit. Ich bemerke, wie sich auch auf dieser Seite ein Abgrund vor mir auftut. Je näher ich der äußersten Kante komme, umso klarer wird mir, dass ich hier keinen Weg finden werde.
Auf einem Felsen lassen meine Knie nach, und ich muss mich entkräftet hinsetzen. Von hier ist die Aussicht ebenso beeindruckend. Der Wasserfall ergießt sich weit unter mir in einen großen See. Der blaue Himmel verfärbt sich zum Horizont in orangefarbene Dunstschwaden, die nur hier und da von blassblauen Hügeln durchstoßen werden. Bänder von grüner Vegetation umrahmen ockerfarbene Felder. Überall zeichnen weiße Blumen kreisförmige Muster. Die gesamte Landschaft wird von immer feiner verästelten Flüssen durchzogen, welche vom See gespeist werden, der wiederum vom Wasserfall genährt wird. Das weite Land ist ein lebendiges, atmendes Organ mit blauem Wasser statt Blut. Eine Brise wirbelt Pollen durch die Luft. Es riecht nach nassem Gras. Nicht weit ab von drei großen Flüssen, kann ich bei einem von ihnen rechteckige Gebäude erkennen. Sie ragen als gelbe Flächen aus dem dichten Wald heraus. Details sind nicht auszumachen, aber es muss eine Siedlung sein. Ob ich von dort komme? Müsste mir dann nicht wenigstens der Name einfallen? Der Name — in diesem Augenblick fällt es mir erst auf — wie ist mein Name?
Nichts.
Was ist bloß mit mir passiert? Es ist, als wenn mich eine große Hand packt, mich zurückzieht in das Nichts. Eilig durchsuche ich meine Hosentaschen: eine durchsichtige Plastikkarte, ein zerfranstes Papiertaschentuch — kein Name.
»Das kann doch nicht ...«
Moment, das Jackett. In der rechten Tasche spüre ich einen Gegenstand und ziehe ihn heraus. Es ist ein abgenutztes Notizbuch. Hektisch blättere ich durch die Seiten: Endlose Tabellen mit Häkchen, zahlen und Abkürzungen, die mir nichts sagen. Was soll das sein? Auf dem Umschlag befindet sich ein großes P.
Ein rot verschwommener Lichtreflex erscheint im Blickfeld. Er hat die Form eines Schmetterlings und bewegt sich, meinem Blick folgend, zu den gelben Blüten, dann verblasst er so schnell, wie er gekommen ist. Ich reibe mir die Augen. Es muss einen Weg zur Siedlung geben. Von hier aus gibt es nur noch eine Möglichkeit — zurück zum Wasserfall. Ich richte mich auf und entdecke eine flache Felsebene, dort entlang sollte es mir leichter fallen zurückzulaufen. Meine Gedanken kreisen weiter um das schwarze Loch in mir. Was, wenn meine Erinnerung für immer ausgelöscht bleibt? Kann man überhaupt jemand seien, ohne zu wissen, wer man ist?
Der Felsen führt mich auf einen Hügel, und obwohl die Steigung nicht stark ist, muss ich meine volle Aufmerksamkeit darauf richten nicht auszurutschen. Als ich die höchste Stelle der Anhöhe erreiche, halte ich inne und blicke mich nach allen Seiten um. Es ist ein Plateau! Ich befinde mich auf einer Hochebene, die wie eine mächtige Pfeilspitze mitten aus dem Wasserstrom herausragt. Somit gibt es nur einen Weg hinunter: durch den Wasserfall. Ich schüttle den Kopf. »Unmöglich«, hauche ich. Wie soll ich unter diesen reißenden Strom hindurch kommen? Gleich unterhalb der Erhöhung bemerke ich einen Pfad, der mit Steinplatten im Boden angedeutet ist. Er führt in einer geraden Linie auf den Wasserfall hinzu. Ich klettere an einem umgestürzten Baum die Böschung hinunter. Der Weg ist etwas erhöht, wirkt beinahe wie der Kamm auf einem Deich, nur, dass dieser direkt in das Wasser führt anstatt parallel dazu. Mein Blickfeld wird nun gänzlich von dem reißenden Wasserstrom eingenommen. Ein dunkler Spalt zeichnet sich in der weiß aufschäumenden Gischt ab. Einige Meter über dem Plateau befindet sich ein Vorsprung, an dem sich die Wassermassen teilen. Der Spalt scheint zunächst zu klein, um hindurch zu gelangen, aber mit jedem Meter, mit dem ich mich nähere, wird deutlich, dass in dieser Umgebung klein sehr relativ ist.
Es donnert nun ohrenbetäubend. Die Böschung ist hier mit großen Steinplatten verstärkt, sodass das Wasser zu den Seiten abgelenkt wird. Ich stelle den Kragen meines Jacketts auf. Die Wasserwand erzeugt einen kühlen Luftstrom, der mir entgegenschlägt. Das Licht bricht sich in unzähligen Prismen, offenbart kurz seine farbigen Bestandteile und fügt sich wieder zusammen. Das Schauspiel ist von solch erhabener Naturgewalt, dass ich nicht einmal mehr Angst verspüre. Zügig und gebückt schreite ich in den Wasserspalt. Es spritzt überall Gischt auf; meine Hose saugt sich bis zu den Knien mit Feuchtigkeit voll; ich laufe der Dunkelheit entgegen. Ein Name formt sich in meinem Kopf: »Paul!« Meine Stimme erschallt in der großen Kammer hinter dem Wasserfall. Ein Druck entlädt sich von meiner Brust, die innere Unruhe ebbt allmählich ab. Ein gutes Gefühl, seinen Namen zu kennen.
Der Raum ist mit mehreren Stützpfeilern durchzogen. Von der Decke hängen zwei diffus schimmernde Lampen. Auf der linken Seite befindet sich eine silbermatte Wand. Sie hebt sich deutlich von den sie umgebenen, dunklen Felswänden ab. Ihre Oberfläche wirkt, als wenn sie aus einem durchsichtigen Überzug bestehen würde, unter dem eine silberne Schicht liegt. Ich berühre die Fläche, meine Hand schreckt zurück — etwas leuchtet auf. Im Sekundentakt erscheinen weiße Symbole, dann bricht es ab. Mitten in der Wand befindet sich auf Hüfthöhe eine runde, wenige Zentimeter große Öffnung. Ich berühre die matte Fläche erneut. Die Sequenz mit den Symbolen startet von vorne. Einige Zeichen bestehen aus einem Kreis als Grundform, sie variieren durch Linien und Punkte innerhalb des Kreises. Andere Symbole basieren auf einem Quadrat, das auf verschiedene Weise mit Linien durchzogen ist. Die Quadrate wiederum sind zu Ketten verbunden. So sehr ich mich auch bemühe, ich kann daraus keine sinnvollen Ziffern, Buchstaben oder Darstellungen ableiten. Außer bei einem Symbol, das wie ein Zahnrad aussieht. — Wie seltsam es ist, dass ich weiß, was ein Zahnrad ist, ohne mich daran zu erinnern, je eines gesehen zu haben. Auf der rechten Seite zweigt ein Korridor ab und endet an einer Treppe. Ich folge unschlüssig dem Gang. Obwohl mir die Erinnerung fehlt, bin ich mir sicher, dass ich diesen Korridor noch nie betreten habe. Aber es ist offensichtlich der einzige Weg nach unten.
Überall liegen Felsbrocken herum und das Geländer ist an einigen Stellen verbogen. Die ganze Konstruktion wirkt wie eine uralte, große Nottreppe. Vorsichtig gehe ich Stufe für Stufe hinunter. Das Rauschen des Wasserfalls ist hier wesentlich leiser. Der Treppenschacht verläuft in einer Nische, die in das Gestein geschlagen wurde. Das Licht fällt durch einen breiten Spalt seitwärts auf die gesamte Struktur.
»Ah ...«, höre ich plötzlich.
»Ist da jemand?«
»Ja, hier drüben!«, schallt es zurück.
Auf jeder zweiten Etage befindet sich eine größere Plattform. Die Ebene direkt unter mir ist mit Felsbrocken übersät und Staub liegt in der Luft. In einer Ecke, nahe der Felswand, ragen Hände wild gestikulierend aus dem Geröll. Er hustet heftig. Seine Beine und der halbe Oberkörper sind unter einem Haufen aus Stein und Schutt begraben. Er hat schwarz zerzauste Haare, wirkt blass und hager. Ich schätze ihn auf Ende zwanzig. Er schaut mich mit großen Augen an und wischt sich den Staub aus dem Gesicht.
»Paul, richtig?«, stammelt er. »Ich wollt nach oben zum Plateau, dacht, da hätt' sich was bewegt, ... dann gab es diesen Rums und mit einem Mal bebte hier alles.«
Ich beginne, seinen Oberkörper freizuräumen.
»Du kennst mich? Ich ... ich bin oben aufgewacht, ... kann mich irgendwie an nichts mehr erinnern.«
»Ja, das ist hier quasi der Normalzustand.«
Auch wenn mich seine Antwort verwirrt, entferne ich weiterhin das Geröll.
»Da, das rechte Bein, es steckt fest«, sagt er.
Ein massiver, unförmiger Felsbrocken liegt als Letztes auf seinem Bein. Ich fasse ihn am Sockel, rolle ihn langsam herum, aber nach nur wenigen Zentimetern blockiert er. Ich drücke stöhnend, doch meine Schuhe rutschen weg, die Kraft lässt nach und schließlich wippt der Stein zurück.
»Au!«, schreit er auf, »Paul, vorsichtig! Der Brocken ist zu schwer für dich, ... vielleicht holst du besser Hilfe, von allein wird hier sicher niemand raufkommen.«
»Warum nicht?«, erwidere ich und taste prüfend den Brocken ab.
Er deutet mit den Händen auf die Umgebung.
»Weil sie Angst haben, dass hier womöglich alles zusammenkracht.«
»Verstehe.«
Immerhin scheint es ihn nicht davon abgehalten zu haben und mich offensichtlich auch nicht. Er bäumt sich auf und versucht, seinen Fuß herauszuziehen, gibt aber schnell mit einem frustrierten Gesichtsausdruck auf.
»Das bringt nichts«, meint er. »Wenn du unten in der Stadt erzählst, dass Will hier oben feststeckt, werden sicher einige helfen kommen.«
Ich möchte ihm zustimmen, doch da spüre ich, wie die Plattform vibriert, dann hört es schlagartig auf. Er schaut mich erschreckt an. Mit einem Mal höre ich ein knirschendes Geräusch über uns. In diesem Moment fällt ein Schwall von Geröll und Staub auf uns herab. Ich ziehe im Reflex die Arme über meinen Kopf. Zum Glück kommen keine größeren Brocken bis zu uns hindurch. Die Luft ist wieder mit Staub durchsetzt, und ich höre ihn heftig husten.
»Vermutlich haben wir dafür keine Zeit mehr«, meine ich.
»Ja, womöglich«, keucht er.
»Mir fällt gerade was ein, ... oben hab ich einige Stangen gesehen, die aus dem Geländer ragen. Ich werd mich mal umschauen.«
Er nickt und klopft sich den Staub von seinem Oberkörper.
»Einen Versuch ist es wert.«
Ich gehe, das Geländer prüfend, die Treppen hinauf. An einigen Stellen ist es so verbogen, dass sich die Querstreben am oberen Ende von der Brüstung gelöst haben. Ich umgreife eine Strebe und ziehe sie, ohne viel Kraft anzuwenden heraus. Wenn er meinen Namen kennt, wird er sicher auch wissen, was mit mir passiert ist. Vielleicht sind wir ja zusammen hergekommen? — Nein, dann hätte er wohl anders reagiert.
»Denkst du, dass dein Bein in Ordnung ist, nichts gebrochen oder verrenkt?«, frage ich, als ich wieder bei ihm bin.
»Alles okay, ich kann es sogar etwas bewegen«, erwidert er.
»Genug, um den Fuß herauszuziehen, sobald ausreichend Platz da ist?«
Er nickt. Ich suche eine gute Position, um die Stange anzusetzen.
»Bereit?«
»Sicher.«
Ich beginne den Stein zu rollen, klemme die Stange immer weiter nach vorne und drücke sie mit beiden Händen — noch ein bisschen, noch etwas. Verdammt! Kein Anzeichen eines Drehpunkts. Stattdessen biegt sich die Stange zunehmend. Ich hole etwas Schwung und presse mit aller Kraft. Ein knirschendes Geräusch und es macht »Plong«. Die Stange knickt in der Mitte ein und der Brocken rollt mit Wucht zurück.
»Vorsicht!«, schreie ich, springe zur Seite und kann mich gerade noch auf den Beinen halten. Jemand tippt mir auf die Schulter; ich zucke zusammen und drehe mich um. Er lächelt mich breit an und streckt mir seine Hand entgegen.
»Ich bin William, kannst mich Will nennen. Danke für deine Hilfe, Paul.«
»Keine Ursache, Will. Aber sag mir, woher kennst du mich?«
»Ich kenn dich nicht ... nur dein Namen. Den hast du vorhin laut genug gerufen, war nicht zu überhören.«
»Ach ja, stimmt. Aber wie kommst du darauf, dass es mein Name war? Ist doch eher ungewöhnlich, seinen eigenen Namen zu rufen.«
Er humpelt zum Geländer, stützt sich dort ab und klopft sich den Staub von der Kleidung.
»Okay, lass mich raten, du weißt nicht mehr, wie du hierher kamst und wer du eigentlich bist, stimmt‘s?«
Ich nicke. »Denk nicht, dass du womöglich der Erste bist, dem es hier so ergangen ist. Ob du es glaubst oder nicht, es ist uns allen passiert.«
»Allen? Aber es ist nicht von Dauer?«
»Wir erinnern uns mit der Zeit an bestimmte Dinge wie ... an unseren Namen oder zum Beispiel an — sagen wir — Pizza.«
»Ich weiß, was eine Pizza ist, das ist nicht mein Problem.«
»Dann geht das bei dir schneller, ich brauchte dafür ne Weile. Aber sag, kannst du dich auch daran erinnern, je eine gegessen zu haben?«
»Natürlich ...«, erwidere ich und suche nach einer Erinnerung, aber alles endet mit dem Aufwachen am Plateau. Für einen Moment durchfährt mich wieder diese Unruhe. »... ich ... nein ... wie ist das nur möglich?«
Will verlagert das Körpergewicht prüfend auf den lädierten Fuß.
»Tja, das ist die Frage. Lass uns erst mal von der Treppe runter«, meint er und zeigt die Stufen hinab. Ich nicke.
»Wenn wir uns erinnern, dann nur sehr eingeschränkt. Es fehlen quasi die Erlebnisse«, er kratzt sich am Kopf. »Wie sagt es doch Maria immer: Das faktische Wissen — also zum Beispiel, was eine Pizza ist — kommt zurück, aber nicht die gedanklichen Verknüpfungen.«
Mir wird schwindelig, und ich sacke auf einer Treppenstufe zusammen.
»Willst du mir damit sagen, dass niemand hier irgendeine Ahnung hat, was eigentlich passiert ist?«
Er nickt.
»Aber ... dann brauchen wir Hilfe. Wo ist die nächste Stadt?«
Er setzt sich neben mich.
»Es gibt hier nur eine Stadt und allen dort erging es so wie dir ... aber Paul, das ist halb so wild, uns geht es trotzdem gut.«
»Nur eine Stadt? Du meinst die Siedlung unten am Fluss?«
»Ja, Memoria.«
»Memoria? Wie lange bist du schon hier?«
»Meinst du in Tagen?«
»Zum Beispiel.«
Er prustet. »Also ... wo soll ich anfangen? Es wird dich überraschen, aber der Tag ist hier 28 Stunden lang.«
»Was? Wie kommt ihr darauf?«
»War nicht einfach rauszufinden, wo ja quasi alle Geräte, die wir so bei uns hatten, nicht mehr funktionieren. Zum Glück besaß Alex noch so eine altmodische Uhr«, erklärt er. »Okay, also alle hundert Tage feiern wir das Gründungsfest ... lass mal überlegen ... ja, vor Kurzem hatten wir das Zwanzigste, somit bin ich hier vor etwa ... zweitausend Tagen aufgewacht.«
»Das sind ... über fünf Jahre?«
Will blickt grübelnd nach oben.
»Wenn du es in die 365 Tage aufteilst. Aber es sind ja 28 Stunden pro Tag, zudem haben wir hier auch keine Jahreszeiten.«
Ich schüttle den Kopf und überlege, ob ich ihm glauben soll.
»Das ist mir erst aufgefallen, als ich einmal vom Schlittschuhlaufen träumte«, erklärt er und steht von der Treppenstufe auf. »Lass uns nach Memoria gehen. Maria richtet dir ne Unterkunft ein und du kannst dich erst mal einfinden.«
Ich richte mich auf und spüre, wie mein Magen knurrt. Wir folgen den Stufen, bis sie auf der Höhe des Sees enden. In der Nische hinter dem Wasserfall dominiert wieder das donnernde Getose. Er deutet in eine Ecke, von der aus eine flache Rampe in einen Tunnel führt. Hier hängen weitere diffus schimmernde Lampen von der Decke.
»Dort entlang«, meint er.
Ich kneife die Augen zu als wir aus dem Tunnel in die helle, offene Landschaft treten. Ein beißender Hunger macht sich bei mir bemerkbar.
»So eine Pizza könnte ich jetzt wirklich vertragen«, sage ich.
Er lacht. »Die haben wir leider nicht, aber andere leckere Dinge ... wie Mohnkuchen, Honwurst und Karmon.«
»Karmon«, murmele ich.
»Ja, das sind kleine runde Knollen, womöglich so ähnlich wie Kartoffeln.«
»Ich verstehe das einfach nicht, ich erinnere mich an den Geschmack von Kartoffeln, aber nicht daran, jemals eine gegessen zu haben.«
»Ich weiß, aber glaub mir, daran wirst du dich schnell gewöhnen.«
Memoria
( : )
Der Weg führt durch weite Felder aus ockergelbem Gras. Hüfthohe Blumen mit großen, weißen Blüten durchziehen das Land in verschlungenen Linien. Die Luft ist angefüllt mit Pollen, welche im Abendlicht rosa schimmern. Das entfernte Rauschen des Wasserfalls wird zunehmend von Vogelgezwitscher überlagert. Will deutet auf die tief am Horizont stehende Sonne und erklärt mir, dass sie sich auf einer Kreisbahn bewege, deren Mittelpunkt sich nie ändere und weit über dem Horizont liege. Daher sei es nachts nie richtig dunkel.
»Die Sonne, so haben wir uns hier geeinigt, zieht ihre Kreisbahn im Norden«, erklärt er.
»Aber ist Norden nicht dort, wo die Kompassnadel hin zeigt?«
»Klar, nur ... also ich kann es dir auch nicht richtig erklären. Das Magnetfeld dreht sich ständig, ... ich glaub, alle drei Tage einmal ... aber da frag am besten Sid«, erwidert er und zieht die Schultern hoch.
Ich nicke zögerlich. So folgen wir — der Sonne entgegen — dem Weg nach Norden und passieren zunehmend dichtere Waldabschnitte. Im Licht der Abendsonne fällt mir auf, welche kunstvolle Kleidung Will trägt: eine braune Weste mit eingesticktem Karomuster, darunter ein graues Hemd mit silbernen Knöpfen. An seiner rotbraunen Hose befinden sich aufgenähte Taschen, auf die jeweils ein Vogelmotiv gestickt wurde. Alles scheint ihm auf den Leib geschneidert worden zu sein. Er wirkt elegant und nicht erinnerungslos, gestrandet oder gar bedürftig. Seine gelöste Art ist ansteckend, den auch ich fühle mich seit unserer Begegnung irgendwie entspannt. Vermutlich, weil ich hier überhaupt einem anderen Menschen begegnet bin. Auch wenn es unsinnig erscheint, ist dies auf eine Art die Bestätigung dafür, dass ich — existiere. Obwohl mich vieles von dem was er sagt, verwirrt, mich zweifeln lässt — schließlich kenne ich ihn ja gar nicht. Mein Blick mustert ihn bei dem Gedanken. Er lächelt mich mit einer natürlichen Unbedarftheit, mit einer mühelosen Freude in seinen grünen Augen an. — Nein, ich glaube ihm. Zum ersten Mal seit meinem Erwachen spüre ich wieder festen Boden unter den Füßen.
Er zeigt auf ein Getreidefeld.
»Schau, dort ist das Feld von Austin, dann ist es nicht mehr weit.«
Ich blicke auf eine ausgedehnte, ebene Fläche, die wie ein Schachfeld mit verschiedenen Getreidearten bepflanzt wurde.
»Wie habt ihr es geschafft, ein so großes Feld zu bestellen?«
»Na ja, wenn Austin sich was in den Kopf setzt, kann er sehr hartnäckig sein. Das Feld war anfangs natürlich kleiner. Als wir immer mehr über die Schmiede herausfanden, hat er sich quasi die nötigen Dinge für Bewässerung und Ernte anfertigen lassen.«
»Ihr habt eine Schmiede?«
»Also ... es ist keine gewöhnliche Schmiede. Sie liegt etwas außerhalb der Stadt. Ein erstaunlicher Bau, sag ich dir. Er wandelt so Zeugs wie Holz, Erz und Getreide um, aber das wirst du bald selber sehen.«
Der Weg zieht eine Schneise durch den Wald und das entfernte Rauschen des Wasserfalls versiegt endgültig. Wir laufen einen Hügel hinauf. In der Entfernung sehe ich etwas schimmern, es bewegt sich gemächlich auf uns zu, dann erkenne ich schwarze Reifen unter einer silbernen Fahrerkabine.
»Wo wir grad von Austin sprechen, da ist er«, meint Will und zeigt auf das Fahrzeug. Es wirkt wie eine Mischung aus Strandbuggy und Mondfahrzeug, einfach aber robust. Ein kräftiger Mann mit grauen, scheckigen Haaren sitzt hinter dem Steuer.
»Tag, William. Hast du einen Neuen aufgegabelt?«, ruft er mit tiefer Stimme.
Will hebt grüßend die Hand.
»Ja, nur war es quasi umgekehrt. Paul hat mich aufgegabelt.«
Austin nickt mir kurz zu.
»Na, besser, wenn sie zuerst auf dich treffen«, meint er und fährt an uns vorbei.
Will zeigt mit dem Daumen über seine Schulter zum Vehikel.
»Also der Tog, wie wir ihn nennen, ist unser einziges Fahrzeug. Er stand, wenn ich mich recht erinnere, einfach in der Schmiede rum. Wir haben schon überlegt ihn zu kopieren, aber dafür ist er, wie Sid meint, zu kompliziert.«
Ich schüttle den Kopf.
»Ich verstehe das nicht. Der Tog und die Schmiede waren einfach da?«
Er nickt. »Aber irgendwer muss sie doch gebaut haben? Wer weiß, vielleicht hast du den Tog gebaut und kannst dich nur nicht mehr daran erinnern?«
»Ich glaube nicht, dass ich den Tog gebaut hab«, erwidert er, »aber gelegentlich frag ich mich schon, ob ich das eine oder andere, womöglich bereits einmal gemacht habe.«
»Wenn ich mich umschaue, habe ich jedenfalls nicht das Gefühl, diesen Weg schon einmal gegangen oder diesen Wasserfall schon einmal gesehen zu haben«, erwidere ich.
»Das hast du sicherlich auch nicht. Ich kenne jeden in Memoria und wir sind uns heute das erste Mal begegnet ... also ... zumindest, seitdem ich mich erinnern kann.«
»Aber wie bin ich dann dort oben hingelangt?«
Er zieht die Schultern hoch.
»Das ... ich weiß nicht ... ist das so wichtig?«
Ich bleibe stehen und schaue ihn fragend an. Er scheint irritiert, beinahe erschreckt von meinem Blick.
»Paul, solche Fragen stellen wir uns einfach nicht mehr. Uns geht es gut!«, versichert er und nickt nachdrücklich.
Ich überlege, ob es einem gut gehen kann, wenn man sich keine Fragen mehr stellt? Aber ich nicke wieder zögerlich und wir setzen unseren Weg fort.
Der Wald wird lichter und zwischen den Zweigen kann ich die ersten gelben Häuser erkennen.
»Da ist es«, sagt Will.
Der Weg führt direkt auf einen hohen Torbogen aus Holz zu. Er ist mit kunstvoll geschnitzten Ornamenten überzogen. Es gibt weder eine Mauer noch irgendwelche Türen. Der Bogen steht frei vor dem Eingang zur Siedlung. Er wirkt eher wie ein massives Schild als ein Tor. Über dem Bogen ruht ein mächtiger Sockel, auf dem eingeschnitzt in großen Buchstaben MEMORIA steht. Wir gehen durch das Tor und betreten die Stadt. Der Kiesweg knirscht unter unseren Schritten und windet sich einen leichten Anstieg hinauf. Die meisten Häuser sind quadratisch und besitzen zwei Etagen. Eine Brise trägt den Geruch von frischem Brot durch die Luft. Aus einem Haus höre ich Gelächter. Das Erdgeschoss einiger Gebäude ist zur Straßenseite offengelegt. In einem Parterre kann ich einem Mann beim Schnitzen einer Figur zusehen. In einem anderen drängen sich Menschen an Tischen und stoßen mit ihren Gläsern an. Wir nähern uns einem ovalen Platz, in dessen Mitte ein massiver, silberner Zylinder von etwa einem Meter Durchmesser haushoch emporragt. Er besteht aus dem gleichen Material wie die Wand hinter dem Wasserfall. Der Platz ist umgeben von kleinen runden Rasenflächen, in denen steinerne Skulpturen gelblich in der Abendsonne glitzern. Überall schlendern Menschen in eleganter Kleidung durch die Gegend. Meine Anwesenheit wird hier und da von einem nickenden Gruß zur Kenntnis genommen. Ich bin mir nicht sicher, was ich eigentlich erwartet hatte, aber diese rege Stadt erstaunt mich. Nichts deutet darauf hin, dass sie isoliert oder rückständig wäre, dass es eine Stadt von Erinnerungslosen sei.
»Ihr seid hier gut organisiert«, meine ich schließlich.
»Organisiert ...«, wiederholt er langsam, als hätte er das Wort zum ersten Mal gehört. »Ach was, jeder geht dem nach, was er am besten kann. — Lass uns gleich zu Maria gehen, sie wird dir ne Behausung einrichten. Sie weiß gut Bescheid mit dem Brunnen«, fügt er an und zeigt auf die silberne Säule. Am Sockel des Zylinders befindet sich ein Becken. Der Zylinder ruht jedoch nicht zentriert, sondern versetzt am Beckenrand. Er sieht tatsächlich wie ein Brunnen aus. Auf der vom Becken abgewandten Seite gibt es eine etwa zehn Zentimeter hohe Plattform direkt vor dem Zylinder. Ich beuge mich vor und blicke in das Becken. Es ist mit etlichen, etwa daumengroßen, blauen Kugeln gefüllt. In diesem Moment kommt eine Frau vorbei, lächelt mich an und nimmt sich einige Kugeln aus dem Becken.
»Gut, und wozu dient nun der Brunnen?«
Will bläst die Backen auf, als hätte ich ihm eine unlösbare Aufgabe gestellt.
»Mit dem Ding können wir die Stadt ausbauen. Klingt womöglich seltsam, ... da wachsen Häuser aus dem Boden«, erklärt er.
»Ich verstehe das nicht, ihr seid hier aufgewacht und habt dann diese Stadt gefunden?«
Er schüttelt den Kopf.
»Nein, damals gab es noch keine Stadt, nur den Brunnen.«
Wir gehen auf das Haus zu, welches auf der linken Seite vom Platz liegt.
»Ihr habt das alles selbst aufgebaut?«
Er nickt. »Keine einfache Zeit, ... zum Glück hatten wir Salvento. Er hat schnell herausgefunden, wie Brunnen und Schmiede funktionieren. Maria kam erst später dazu.«
Ein schmaler Weg führt uns durch eine Rasenfläche. Vor dem Haus befindet sich eine Veranda. In einer Ecke stehen zwei alte Stühle und ein winziger Tisch. Die gelben Wände und die großen Fenster geben dem Gebäude ein schlichtes, aber dennoch idyllisches Aussehen. Will klopft an die Tür, da fällt mir der glänzende Knauf ins Auge. Er hat die Form einer Blume aus poliertem Metall. In den Blättern sind rote Steineinlagen eingearbeitet. In der Blütenmitte schimmert ein Schmetterling in einer runden Glasverzierung.
»Ja, immer herein«, höre ich eine Frauenstimme rufen. Noch bevor Will reagiert, packe ich den Knauf und öffne die Tür. Wir betreten einen kurzen Korridor. Zur linken Seite liegt ein großer Raum, in dem eine Frau mit langen, dunkelbraunen Haaren an einem massiven Esstisch sitzt.
»Hallo Will, kommt rein und setzt euch«, sagt sie.
Auf dem Tisch stehen ein Topf, eine Schale und etwas Brot. Sie schöpft sich mit einer Kelle Suppe in die Schale. Der Tisch ist umgeben von zwei einfachen Bänken. Das Fenster hinter ihr zeichnet eine leuchtende Kontur auf ihren Körper und taucht das Zimmer in ein helles Gelb. Ein würziger Geruch von Muskat und Orange liegt in der Luft. Will setzt sich ihr gegenüber und deutet mir an, mich danebenzusetzen.
»Maria, ich hab jemand Neues gefunden, oben am Wasserfall«
»Mensch Will, dort ist alles sehr instabil. Sei bloß vorsichtig!«
Ihre durch eine Haarsträhne verdeckten Augen springen kurz zu mir und zurück zu Will.
»Ich mag es nicht, wenn du jemand Neues sagst. So etwas kann einem fraglos Angst einflößen. Mir hat es damals Angst gemacht«, erwidert sie und greift zum Löffel neben der Schale. »Kennst du schon deinen Namen?«
»Ja, Paul«, sage ich und lege meine Ellenbogen auf den Tisch.
»Hat dich Will schon aufgeklärt?«
»Er hat mir von dem Brunnen erzählt und das sich hier niemand mehr erinnern kann.«
»Und von der Schmiede«, fügt Will an.
Ich nicke. »Ja, und dem Tog, aber sicher gibt es hier noch so einiges, von dem niemand mehr weiß, wo es eigentlich herkommt.«
Wieder springen ihre Augen kurz zu mir, diesmal begleitet von einem Lächeln. Will fängt an, ausschweifend zu gestikulieren.
»Es hat mich beinahe oben erwischt auf der Treppe. Aber zum Glück kam mir Paul zur Hilfe, ansonsten wäre ich womöglich immer noch dort eingeklemmt oder längst von nem Brocken erschlagen.«
»Alleine sollte dort niemand mehr hingehen«, erwidert sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Also, ich mag ja hin und wieder übertreiben ... aber diesmal stimmt es aufs Wort: Paul ist ein Held!«, meint Will.
»Ein Freund«, füge ich schnell hinzu.
Er schüttelt den Kopf.
»Und ein Held. Völlig erinnerungslos hat er keine Sekunde gezögert.«
»Will übertreibt, es war nur ein Felsbrocken, den ich wegräumte.«
Maria streicht sich die Haare aus dem Gesicht, große braune Augen kommen zum Vorschein.
Er blickt auf die Schüssel.
»Das duftet aber gut. — Nun braucht er natürlich ne Bleibe.«
Sie nimmt ein Stück Brot, zerteilt es in kleine Stücke und lässt sie in die Suppe fallen.
»Dort drüben sind ein paar Schalen, bedient euch ruhig«, erwidert sie. »Soso, ein Held. Ja sicher, lass uns nach dem Essen zum Brunnen gehen. Hinten an der Bellusbrücke ist noch viel Platz, da werde ich dir was einrichten.«
Will holt das Geschirr herüber und füllt uns jeweils die Schalen auf. Ich nehme mir etwas Brot und tunke es hinein. Die Suppe ist rötlich, sämig und hat einen leicht fruchtig-süßen Geschmack. Ich merke, wie eine würzige Schärfe im Gaumen emporsteigt — nicht zu stark, sondern genau richtig und mit nichts zu vergleichen, an das ich mich erinnern kann. Während ich versuche, die Suppe nicht zu gierig zu verschlingen, berichtet Will noch einmal in allen Einzelheiten von den Ereignissen am Wasserfall.
Als wir zum Brunnen aufbrechen, hat sich die Dämmerung auf die Stadt gelegt. Maria übernimmt mit schwungvollem Schritt die Führung. Wir gehen über den mittlerweile leer gewordenen Platz. Sie wirkt sportlich, ich schätze sie auf Ende dreißig. Hohe Wangenknochen umrahmen ihre intelligenten Augen. Die schulterlangen, dunkelbraunen Haare fallen strähnig in einem Bogen herab. Sie trägt ein dunkelrotes Kleid mit langen Ärmeln und einer Kordel um die Hüfte.
»Wie kann der Brunnen dabei helfen, ein Haus einzurichten?«, frage ich.
Sie gestikuliert und zeichnet mit den Fingern ein Rechteck in die Luft.
»Über die Konsole am Brunnen können wir die Stadt verwalten und Bauaufträge erteilen«, erklärt sie.
»Und dann?«
»Das ... ist nicht leicht zu erklären. Die Wände wachsen gewissermaßen aus dem Boden. Ich denke, es ist eine Art von intelligentem Bauschaum.«
»Und der kommt einfach so aus der Erde?«
Sie schüttelt den Kopf.
»Nein, nur an vorbestimmten Stellen. Wenn man genau hinschaut, kann man sie erkennen. Er schiebt sich heraus und baut Schicht für Schicht das Haus auf. Präzise in die Form, die ich an der Konsole eingebe«, erklärt sie und versucht, den Vorgang mit den Händen zu veranschaulichen.
»Beeindruckende Technologie«, bemerke ich.
»Fraglos beeindruckend«, erwidert sie. »An der Konsole kann ich vorgegebene Segmente zusammenstellen oder alles selbst errichten. Ich kann sogar Abschnitte wieder verflüssigen und umbauen.«
Wir bewegen uns unter einem dunkelgrauen Himmel direkt auf den Zylinder zu.
»Ja, und Wasseranschluss, Küche, Bad und Heizung sind integriert«, fügt sie an.
»Aber wie kann so etwas aus einem Bauschaum erzeugt werden?«
»Soweit wir wissen, gibt es mehrere Sorten davon. So werden die Fliesen und Leitungen von einer Art Keramik gegossen. Fensterscheiben von wieder einer anderen Sorte von Bauschaum ... also ich gebe zu, das Wort trifft es irgendwie nur ungenügend.«
Wir erreichen den Brunnen, und ich nehme eine der blauen Kugeln aus dem Becken.
»Und wozu sind diese Dinger da?«
»Die Globen, wie wir sie nennen, sind gewissermaßen Energiebehälter. Alles hier wird über die Globen mit Energie versorgt. Dazu gibt es diese runden Öffnungen«, erklärt sie und zeigt auf ein Loch auf Hüfthöhe, mitten in der silbernen Säule.
»Für dein Haus werde ich vier Globen benötigen«, meint sie.
»Verstehe, so etwas wie Batterien. Wo kommen die Globen her?«
Maria stellt sich auf die Plattform vor dem Zylinder.
»Batterien ... was für ein lustiges Wort, das habe ich lange nicht mehr gehört«, murmelt sie. »Die Globen werden allem Anschein nach von dem Brunnen produziert. Wie genau, wissen wir nicht.«
Sie berührt mit ihren Fingern die Zylinderwand. Es erscheinen weiße Kreise an den Fingerspitzen und quadratische Symbole direkt darüber.
»Die Bedienung beruht auf einer Symbolsprache, die wir erst zum Teil verstehen«, erklärt sie und schaut konzentriert auf die Eingabefläche.
»Also, ich hab bei diesen Symbolen noch nie durchgeblickt«, bemerkt Will.
Ihre Finger gleiten geübt über die Oberfläche. Es erscheint eine Abfolge von weiteren Zeichen, dann erkenne ich eine Karte, die wie ein Stadtplan aussieht. Darin befindet sich ein blinkendes Quadrat an einer Kreuzung.
»Ich gebe dir zwei Etagen am Bellusplatz. Jetzt brauche ich die Globen«, sagt sie und deutet in das Becken. Ich nehme vier von den blauen Kugeln aus dem Brunnen und reiche sie ihr. Sie beugt sich vor; ihr Kleid flattert im Wind, da bemerke ich etwas Metallenes — eine Stange mit Drähten — wo eigentlich ihr linkes Bein sein sollte. Sie blickt mich kurz an und wirft die Globen in die Öffnung.
»Das war‘s.«
»Das ging schnell. Kann ich es von hier aus sehen?«
Sie schüttelt den Kopf und zeigt in eine Richtung quer über den Platz.
»Dafür ist es zu weit weg, auf der anderen Seite des Flusses.«
Sie steigt von der Plattform hinunter und reicht mir die Hand.
»Willkommen in Memoria, Paul.«
Unsere Augen treffen sich zum ersten Mal für einen längeren Moment.
»Ich hoffe, meine Prothese hat dich nicht erschreckt?«, fragt sie.
Ich schüttle den Kopf.
»Nein.«
»Ja, das war schon ein Schock, als ich hier ohne Erinnerung aufgewacht bin und dann bemerkte, dass mir ein Unterschenkel fehlt. Stattdessen nur diese Prothese.«
»Das kann ich mir vorstellen«, erwidere ich.
»Damals hatte sie noch eine Gummi-Manschette, hat ziemlich echt ausgesehen. Ich hab sie jedoch entfernt, so komme ich viel besser ran, um sie hin und wieder zu reparieren«, erklärt sie und streckt ihr linkes Bein — die Prothese — vor. Die Stange endet in einem ebenso metallenen Fuß, der in einem gewöhnlichen Schuh steckt. Sobald sie ihr Gewicht verlagert, gibt eine Feder fein dosiert nach, sodass ihre Bewegungen geschmeidig bleiben.
»Ich hab es überhaupt nicht an deinem Gang bemerkt.«
»Ich bin damit genauso beweglich wie jeder andere.«
»Und du hast keinerlei Erinnerung an einen Unfall?«
Sie schüttelt den Kopf.
»Nein, in all den Jahren kein einziges Mal.«
»Würdest du es überhaupt noch wissen wollen?«, wirft Will ein.
»Anfangs ... aber mittlerweile ... es würde ja nichts ändern«, erwidert sie.
Sobald ihr Mund ein Lächeln formen will, zeichnet sich ein feines Grübchen auf ihrer rechten Wange ab. Sie streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht und schaut mich sanft an.
Aus einer Gasse taucht eine ältere Frau auf und kommt zielstrebig auf uns zu. Maria blickt zu ihr hinüber und ihr Lächeln verschwindet.
»Judit, wie geht es Sebastian?«, fragt sie.
»Nicht gut ... ich ... ich suche Jules, weißt du, wo er ist?«
»Ich glaube im Theater«, erwidert Maria. »Will, zeige Paul doch sein neues Haus, dann kann ich mit ihr nach Jules suchen.«
»Okay«, erwidert er.
Er zeigt in eine Straße.
»Zum Bellusplatz geht es dort am Primus entlang bis zur Brücke.«
Ich verlasse mit ihm den Brunnenplatz und blicke kurz zurück zu Maria, sie biegt mit Judit in eine Seitengasse ab.
»Maria ist offensichtlich sehr wichtig in Memoria«, sage ich.
»Ja, sie kümmert sich quasi um alles, was mit der Stadt zu tun hat.«
»Dann ist sie so etwas wie die Bürgermeisterin?«
»Äh ... das Wort kommt mir bekannt vor ... ich glaube, das ist sie wohl, obwohl wir hier dieses komische Wort nicht verwenden.«
Wir laufen an großen und kleinen Häusern vorbei, kaum eines gleicht dem anderen. Die meisten Fenster sind eher unregelmäßig angeordnet, sie formen mit den Türen unsymmetrische Gesichter, manche fröhlich andere grimmig dreinschauend. Wir treffen auf einen Fluss und folgen dem Ufer. Will erklärt mir, dass vom Wasserfall drei große Flüsse abgehen. Vom Plateau aus gesehen befände sich links der Primus, in der Mitte der Secum und ganz rechts der Ora. Vor uns taucht eine elegante Holzbrücke auf, die auf einem Bogen über dem Fluss zu balancieren scheint. Ein Dunstschleier verstärkt die Dämmerung und gibt den erleuchteten Fenstern der Häuser einen diffusen Lichtkegel. Hin und wieder erscheinen darin Silhouetten, die wie Pupillen in die Stadt blicken und den Häusergesichtern Charakter verleihen.
»Was ist mit Sebastian?«, frage ich.
»Weiß nicht ... er ist schon sehr alt. Jules hat ihn auf über hundert geschätzt.«
»Wer ist Jules?«
»Er und Ben sind bei uns quasi die Ärzte.« Zum ersten Mal sehe ich Will mit ernster Miene. »Schade, dass wir hier kaum noch Neuankömmlinge wie dich haben.«
»Wie viel leben hier eigentlich?«
»Wir sind nun auf unter eintausend geschrumpft.«
»Und wie lange ist es her, seitdem der Letzte vor mir erschienen ist?«
Er blickt grübelnd in die Luft.
»Hm ... es muss etwa ein Jahr her sein, da ist Jules auf Austin getroffen. Das war verrückt, Jules war völlig außer sich — nicht so besonnen wie du, Paul. Austin wollte ihn beruhigen, nicht eben seine Stärke, da wurde Jules handgreiflich. Austin verlor die Balance, schlug hart mit dem Kopf auf, ja, da lag er dann mit blutender Kopfwunde. Irgendwas muss daraufhin in Jules klick gemacht haben. Er vergaß seine Aufregung, behandelte die Wunde mit einer Pflanze und zerriss sein Hemd, um Austin zu verbinden. Ja, und so wurde er schließlich unser Arzt.«
»Aber auch Jules ist nicht wieder eingefallen, was er zuvor tat und wie er hierherkam?«, frage ich, obwohl ich die Antwort schon erahne.
»Nein, auch er kann sich nicht mehr erinnern.«
»Ist das da vorne die Bellusbrücke?«
»Ja, aber lass uns zuerst zum nächsten Bona-Fama.«
»Bona ... Wohin?«
Er zeigt auf ein Gebäude gleich neben der Brücke.
»Das Bona-Fama ist ... eine Art Lager, in das quasi jeder hineinstellen kann, was er nicht mehr benötigt oder anderen geben möchte.«
»Eine Tauschbörse?«
Er überlegt und schüttelt den Kopf.
»Eigentlich nicht. Du musst ja nichts tauschen. Dort gibt es alles, was man so braucht wie Nahrung, Kleidung ... ja und womöglich auch Matratzen und Bettdecken. Oder wodrauf willst du heute schlafen?«
»Ja, richtig.«
Sein Gesicht strahlt mit einem Mal.
»Mina ist bei uns die Frau für Kleidung, Polster und Stoffe. Sie ist so süß und wunderschön wie ein Engel, sag ich dir. Sie stellt immer was ins Bona-Fama.«
Gleich am Eingang des Lagers stehen einige Handkarren. Will nimmt einen davon, zieht ihn hinter sich her und drückt die Schwingtür auf. Er berührt eine Fläche an der Wand, und große Quadrate an der Decke fangen an zu leuchten. Der hohe Innenraum ist mit Trennwänden in drei Abschnitte unterteilt. Umlaufend befinden sich schmale Fenster direkt unterhalb der Decke, doch zu hoch, als dass man hinausschauen könnte. Auf der rechten Seite befindet sich ein Regal mit seltsamen, silbernen Platten, darüber eine Schale mit Globen und daneben ein weiteres Regal mit kleinen Gefäßen, aufgerollten Tüchern und einer Schere.
»Das ist unsere kleine Not-Apotheke«, meint er und zeigt auf das Regal.
Ich nicke. Mein Blick fällt auf einen blauen Sessel, er steht inmitten einer Ansammlung von Möbelstücken, gegenüber vom Eingang. Ich ziehe ihn hervor und setze mich hinein.
»Sehr bequem!«
»Dann rauf damit auf den Karren«, erwidert er.
Wir packen den Sessel und legen ihn auf die Ladefläche. Auf der rechten Seite führt ein Durchgang zum nächsten Bereich. Hier sind diverse Lebensmittel auf Regale verteilt. Daneben gibt es Schüsseln, Töpfe und Besteck.
»Werden die Lebensmittel nicht irgendwann schlecht?«
»Nein, wir kümmern uns regelmäßig darum. Und alles, was zu schnell verdirbt, ist dort drüben im Kühlfach«, erklärt er und zeigt auf eine metallene Klappe in der Wand. Er nimmt ein Stück Brot, eine Kräuterpaste und eine Wurst aus dem Regal und legt sie in den Karren.
»Honwurst, die musst du probieren. Hon ist ein großer Vogel, der gar nicht fliegen kann. Lena führt bei uns ne Zucht. Die Hon-Eier haben so ne hellblaue, gepunktete Schale. Sind so lecker ... aber leider grad nicht da.«
Wir gehen zurück, an den Möbeln vorbei, zu den Kleidern und Polstern. An zwei langen Stangen, die bis zur Mitte des abgetrennten Bereichs verlaufen, hängen unzählige Kleider, Hemden, Jacketts und Hosen. Will meint, ich solle jedoch besser zu Mina gehen, damit sie genau Maß nehmen könne. Die Kleidung hier sei eher als Reserve gedacht, sagt er. Mir fällt eine dunkelgrüne Jacke ins Auge, ich nehme sie vom Bügel und probiere sie an. Sie ist innen mit einem weichen Flanellstoff bedeckt, besitzt zwei große Taschen und passt, als wäre sie für mich geschneidert worden. Will meint, dass sie viel zu warm für Memoria wäre, aber ich lege sie trotzdem in den Karren. Gegenüber der Kleidung liegen zwei aufgerollte Matratzen. Er nimmt eine davon und zeigt auf einen Stapel aus Decken und Kissen.
Der Karren füllt sich zunehmend. Mir erscheint es etwas merkwürdig, sich all diese Dinge einfach so zu nehmen. Aber Will erklärt, sie seien genau dafür da und dass ich womöglich bald selber etwas ins Bona-Fama stellen würde.
Der Karren poltert über die Dielen der Holzbrücke. Ich blicke in den dunkelgrauen Himmel.
»Ist diese Dämmerung ... die Nacht?«
»Ja, dunkler wird es nicht. Ich weiß, dass die Nächte normalerweise düster sein sollten, aber ich kann mich an keine solche Nacht mehr erinnern«, sagt er und fängt an zu lachen. »Womöglich bekäm ich bei einer dunklen Nacht mittlerweile richtig Angst.«
Der Platz hinter der Brücke öffnet sich zu einem kleinen Park. In der Mitte entfaltet ein alter Baum seine Krone. Der Stamm wirkt wie ein geschnürtes Bündel aus verschiedensten Pflöcken, als hätte sich ein ganzer Pulk von Bäumen entschieden, zu einem Baum zu verschmelzen. Die mächtigen Wurzeln sprießen bereits über dem Boden in Schlaufen heraus und vergraben sich behutsam in die Erde. Der adrige Stamm verläuft kerzengrade in die Höhe, dann, als würde er an etwas zerschellen, zerbirst die Krone in einem beinahe waagerechten Astgeflecht. Der Baum ist von Sitzbänken umgeben, und um den gesamten quadratischen Platz verlaufen steinerne Säulen, die mit schmalen Bögen verbunden sind. Es ist ein pittoresker Ort, an dem einem Maler vermutlich nie die Motive ausgehen würden.
Will zeigt auf ein Haus direkt am Platz gegenüber der Brücke.
»Das dort ist es.«
»Es ist etwas dunkler als die anderen«, erwidere ich.
»Ja, weil es noch ganz frisch ist, aber das verliert sich in den nächsten Stunden.«
»Ist es denn überhaupt schon bewohnbar?«
»Sicher. Ist bereits ausgehärtet, aber könnte noch etwas riechen«, erklärt er.
Wir gehen quer über den Platz an dem Baum vorbei. Dann bemerke ich tatsächlich den seltsamen Geruch.
»Es riecht ... schwer zu beschreiben ... säuerlich?«, meine ich.
»Kein Problem, bis du deine Matratze hier aufschlägst, hat sich das verzogen.«
Ein Ruck fährt durch Will, und er fängt an, mit einer aufgesetzten Stimme zu sprechen.
»So, Herr Paul, wenn ich ihnen ihre neuen Gemächer zeigen dürfte?«
Er hält die Tür auf, macht eine Verbeugung und winkt mich übertrieben hinein.
»Zu ihrer Linken sind die Ess- und Kochbereiche. Zur Rechten haben wir ein Wohnzimmer, womöglich für ausgelassene Feierlichkeiten, und wenn sie mir bitte nach oben folgen würden.«
Er springt mit großen Sätzen die Treppe hinauf. Ich folge ihm.
»Hier haben wir dann das Schlafzimmer, mit einem Balkon zum Platz und auf der anderen Seite ein Bad.«
»Danke, Herr William«, entgegne ich. »Fehlen nur noch die Möbel.«
»Die kannst du dir quasi Stück für Stück aus dem Bona-Fama holen oder du fragst Alex, er macht die Schränke, Stühle und Tische genau auf Maß.«
»Irgendwie verrückt, ich wache an einem unbekannten Ort auf und bekomme gleich am ersten Tag ein Haus geschenkt. Wie kann ich das je wieder gutmachen?«
Er blickt mich fragend an.
»Geschenkt? Es ist ja nur ein Haus. Schließlich braucht ja jeder eine Unterkunft. — Finde einfach etwas, das du machen möchtest, der Rest ergibt sich dann von selbst.«
»Du meinst etwas Nützliches wie ... Tische schreinern oder Kleidung schneidern? Wer weiß, vielleicht bin ich ja ein Schneider?«
Er zieht die Augenbrauen hoch.
»Ja, wer weiß.«
Ich schüttle den Kopf.
»Nein, wohl eher nicht. Es ist schwierig herauszufinden, was man ist, wenn man nicht mehr weiß, wer man ist.«
»Ach was, das ist nicht schwer. Tue einfach irgendwas ... und das bist du dann!«, erwidert er und nickt.
»Und wenn ich feststelle, dass ich das gar nicht sein will?«
Er blickt mich wieder fragend an.
»Dann machst du halt was anderes.«
Seiner unkomplizierten Logik habe ich nichts Brauchbares mehr entgegenzusetzen.
»Danke, Will, hoffentlich wache ich morgen nicht auf und habe wieder alles vergessen.«
Will gähnt und seine Stimmung wechselt schlagartig in eine matte Müdigkeit.
»Das wirst du nicht. Das ist hier jedem nur einmal passiert«, erwidert er.
»Woher willst du das wissen?«
»Also ... ich weiß es einfach!«
Er taumelt die Treppe hinunter.
»Richte dich erst mal in Ruhe ein. Bin echt müde, war‘n langer Tag. Maria wird dir morgen sicher die Schmiede zeigen. Du wirst staunen, sag ich dir.«
»Ich bin gespannt«, erwidere ich.
Nachdem er gegangen ist, hole ich die Matratze, das Kissen und die Decke aus dem Karren und mache es mir im Schlafzimmer bequem. Als ich die Geschehnisse dieses seltsamen Tages durchgehe, überkommt mich tiefe Müdigkeit, der ich unvermittelt nachgebe.
Die Schmiede
( | )
Die Sonne blendet mich durch die Augenlider hindurch. Ein Moment von Orientierungslosigkeit. Ich bin ... in Memoria. Erinnerung — so fühlt sich das an. Ich verdränge meine Müdigkeit, stehe auf und tappe zum Balkon. Das Sonnenlicht ergießt sich über den Platz, taucht seine Strahlen in das Grün der Blätter, in das Beige der Säulen und in das Ocker der Häuser. Mitten in dem Farbenspiel erscheint vor mir wieder der rote Lichtreflex, ein Schmetterling, der sich im Blau des Himmels auflöst. In dem großen Baum zwitschert ein gelber Vogel. Ein älterer Mann fegt Laub zu einem Haufen zusammen, und eine Gruppe von Frauen schlendert, ins Gespräch vertieft, an den Säulen entlang. Auch wenn ich mich nicht damit abfinden mag, dass meine Erinnerung möglicherweise nie wieder zurückkommt, fällt es mir doch leicht, diesen Platz als mein neues Zuhause anzunehmen.
Ich denke, ich werde von der Honwurst probieren und den Sessel vom Karren holen. Wenn mein Aufenthalt hier von Dauer ist, benötige ich natürlich mehr als nur einen Sessel und eine Matratze. Ich sollte ins Bona-Fama zurück und überlegen, was ich noch gebrauchen kann. Vielleicht finde ich dort etwas zum Schreiben, um mir einige Notizen zu machen. Da fällt mir mein Notizbuch wieder ein. Ich gehe zu meinem Jackett und greife in die Tasche. Sie ist leer. Ich muss es oben am Wasserfall vergessen haben. Das Notizbuch ist meine einzige Verbindung zu dem Leben vor Memoria. Bei der Einsturzgefahr wäre es allein wohl zu gefährlich dort hinzugehen, besser ich frage Will.
***
Als ich mit dem Karren vom Bona-Fama zurückkomme, läuft mir Maria entgegen.
»Morgen Paul, allem Anschein nach kommst du schon gut zurecht. Benötigst du da überhaupt noch meine Hilfe?«
Ich nicke. »Ja, ich würde mir einige Notizen machen wollen, aber im Bona-Fama hab ich nichts zum Schreiben gefunden ... und diese Schmiede von der Will gesprochen hat ... kann ich sie mir mal anschauen?«
»Also, zum Schreiben«, meint sie und hilft mir, die Sachen von dem Karren ins Haus zu tragen, »sind Stift und Papier, nun ja, ein wenig aus der Mode gekommen. Wir benutzen dafür solch silberne Leuchttafeln. Wir nennen sie einfach nur: Q.«
»Ach so, dazu sind sie da. Ich glaube, ich habe welche im Bona-Fama gesehen.«
Sie nickt. »Richtig. Allerdings, wenn wir zur Schmiede gehen, kommen wir sowieso an meinem Haus vorbei, da kann ich dir gleich ein Q und eine Tasche geben.«
Sie lächelt und mir fällt auf, dass es dazu keines bestimmten Anlasses bedarf, es ist schlicht ihr Gesichtsausdruck, ihr Wesenszug.
»Wie geht es Sebastian? Konntest du gestern noch Jules finden?«, frage ich.
Maria erstarrt kurz in ihrer Bewegung und presst die Lippen zusammen.
»Sebastian ist ... gestern von uns gegangen.«
»Das tut mir leid!«
Sie schüttelt andeutungsweise den Kopf.
»Es ist nicht allein wegen Sebastian. Natürlich, er war ein warmherziger und immer fröhlicher Mensch. Ein großer Verlust. Aber es erinnert mich daran, dass wir in Memoria immer weniger werden ... wir sterben aus, Paul.«
»Will hat mir davon erzählt. Was denkst du, warum nur noch selten Neuankömmlinge hier aufwachen?«
»Das ist eine gute Frage. Hat dir Will auch schon erzählt, dass der Tag hier vier Stunden länger ist?«
»Ja, aber ich kann das kaum glauben«, entgegne ich, beuge mich über die Ladefläche und schiebe den Tisch nach vorn.
»Es stimmt. Nun ja, dennoch fasse ich die Tage gerne in Jahren zusammen, auch wenn mich Sid immer damit aufzieht«, erklärt sie. »Die allermeisten sind hier vor über 5 Jahren aufgewacht, dann im Verlauf des ersten Jahres kamen über zweihundert dazu, darunter auch ich. Von da an endete es abrupt. Und vor einem Jahr tauchte Jules auf, ja, und nun du.«
Sie greift den Tisch am anderen Ende, und wir tragen ihn ins Haus.
»Hat jemand solch eine Ankunft beobachtet?«
»Nein, leider nicht. Alle wachen irgendwo am Wasserfall auf, meistens so wie du auf dem Plateau. Anfangs untersuchten wir die Gegend, konnten aber nichts Besonderes finden. Mittlerweile schaut nur noch Will gelegentlich vorbei.« Wir stellen den Tisch mitten im Wohnzimmer ab. »Versuche ihm das bitte auszureden, die Konstruktion dort ist zu instabil«, fügt sie an und zupft sich ihr Kleid zurecht. Ich nicke, obwohl ich mehr denn je motiviert bin, mir das Gebiet anzuschauen. Wenn dort die meisten aufgetaucht sind, muss es einen Grund dafür geben.
»Ich hab oben in der Kammer, hinter dem Wasserfall, so eine silberne Wand mit Symbolen gesehen.«
»Ja, die Konsole. Wir haben schon alles probiert, sie zeigt immer die gleiche Sequenz. Vermutlich ist sie einfach defekt.«
Auf dem Weg durch die Stadt wird Maria immer wieder in Gespräche verwickelt. Einige möchten ihre Häuser umbauen, andere fragen nach dem Ertrag der letzten Ernte. Je näher wir dem Brunnenplatz kommen, desto mehr füllen sich die Straßen. Mir fallen wieder die Häuser mit den geöffneten Erdgeschossen auf. In einem ist ein Friseur bei der Arbeit, in einem anderen bietet jemand Früchte an, daneben gibt es Brot, und ein weiterer malt an einem Gemälde.
»Der Brunnenplatz ist euer Marktplatz?«, frage ich.
»Gewissermaßen. Einige wollten ihre Fähigkeiten zur Verfügung stellen und fragten mich, ob ich ihr Haus, mithilfe des Brunnens, im Erdgeschoss öffnen könne. Mit der Zeit schlossen sich immer mehr an. Das war fraglos, eine unserer besten Ideen. Es gab uns ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl.«
Mit einem Mal bleibt eine junge blonde Frau vor mir stehen.
»Oh! Das steht dir ausgezeichnet, ganz fantastisch!«, schallt es aus ihr heraus. Sie zeigt auf meine grüne Jacke aus dem Bona-Fama.
»Die gelben Nähte mit dem kurzen Kragen, das passt zu deinen braunen Haaren«, bekräftigt sie und streicht über die Jacke. »Du musst Paul sein. Will hat mir schon alles über dich erzählt. Der Held vom Wasserfall.«
Sie ist einen Kopf kleiner als ich und trägt ein blaues Kleid, das ihre weibliche Figur elegant betont. Ihre dunkelblauen Augen werden von einer geschwungenen Nase und kurvigen Lippen untermalt. Tatsächlich, Will hatte nicht übertrieben, sie hat etwas Engelhaftes.
»Du bist dann sicher Mina?«, erwidere ich.
»Richtig! Gut angezogen und auch noch blitzgescheit. Maria, da braucht er bald ein größeres Haus«, erwidert sie laut lachend.
Ich will antworten, doch sie fährt mit lauter Stimme fort.
»Du benötigst selbstredend mehr Kleidung, ich habe einiges auf Lager, für drunter und drüber. Kommt doch gleich mit zu mir, dann kann ich bei Paul sofort Maß nehmen.«
»Später vielleicht. Paul will sich die Schmiede ansehen«, wirft Maria ein.
»Ach so, ihr seid auf einem Besichtigungsrundgang ... gut, gut. Paul, erwarte da nicht zu viel. Die Schmiede mag praktisch sein, aber sie ist unsagbar langweilig.«
»Will hat gemeint, ich soll sie mir unbedingt anschauen.«
»Sicherlich, schau sie dir an. Aber wie gesagt, dort gibt es nur Bänder, Röhren und Kontrolltafeln.«
»Und Sid«, meint Maria.
»Stimmt, Sid. Er ist ganz besessen von der Schmiede ... aber ich will mich nicht beklagen. Er versorgt mich mit feinstem Garn und Gewebe«, erklärt sie und streicht demonstrativ über ihr Kleid.
»Sid ist genauso begeistert von seiner Tätigkeit wie du von deiner, Mina«, bemerkt Maria.
Mina nickt. »Ja, ja, selbstredend und das zum Wohle aller, ansonsten wäre es ja eine Verschwendung. Denkst du an Kleidung, denkst du an Mina, sag ich immer«, erwidert sie und lacht herzhaft.
»Also, Paul, komm einfach vorbei, sobald du Zeit hast. Mein Haus ist dort drüben.« Sie zeigt auf eines der wenigen dreistöckigen Gebäude.
»Gerne, Mina.«
Als wir schließlich an Marias Haus ankommen, höre ich Mina über den gesamten Platz rufen: »Hallo Ingrid, hast du die Decken bekommen? Was sagst du zu den Blumenmustern? Sind die nicht fantastisch?«
Ich blicke zurück und sehe sie auf der anderen Seite des Platzes mit einer Frau überschwänglich diskutieren.
»Ja, sie ist schwer zu überhören«, meint Maria, »darum probt sie auch für dieses neue Theaterstück. Ich glaube, es heißt: Der Sonnenschirmmacher.«
»Das klingt sehr ... tiefsinnig«, erwidere ich.
Ihr Grübchen am Mund vertieft sich, und sie lächelt.
Vor der Tür fällt mir wieder der kunstvolle Türknauf auf.
»Das ist ein ungewöhnlich aufwendiger Knauf«, bemerke ich.
Sie nickt. »Es ist etwas verrückt ... ich habe es bisher noch niemanden erzählt. Aber eines Nachts träumte ich von einem Blumenfeld, und überall flogen Schmetterlinge herum. Als ich eine der Blüten berühren wollte, verwandelte sie sich in meiner Hand zu einem Türknauf.«
»Nicht gerade etwas, dass ich mit einer Blume verbinden würde«, erwidere ich.
»Na ja, am Tag zuvor hatte sich der alte Griff von meiner Tür gelöst, er fiel immer wieder ab, gewissermaßen ist er dann wohl in meinem Traum gelandet.«
»Und dann hast du ihn in der Schmiede anfertigen lassen?«
Sie greift den Knauf und drückt die Tür auf.
»So einfach war das nicht. Nahezu jede Fertigkeit aus Memoria war letztlich für die Umsetzung nötig. Ich wollte es schon einige Male abbrechen. Ich meine, es ist ja albern, so ein Aufwand für einen Knauf. Aber es war nicht mehr zu stoppen.«
»Wegen dem Traum?«
Sie schüttelt den Kopf.
»Nein, nein, das war mir nicht so wichtig. Sondern, weil die Leute so begeistert von der Aufgabe waren, sie es schlicht machen wollten. Sie sahen es gewissermaßen als eine Herausforderung an. — Das mit dem albernen Traum weiß niemand ... es bleibt natürlich unter uns«, meint sie und lächelt verlegen.
»Natürlich.«
»So, ich hole schnell das Q. Dann können wir weiter zur Schmiede«, sagt sie und geht ins Haus.
Als Maria zurückkommt, reicht sie mir eine silberne Platte, die nicht größer wie ein Buchdeckel ist. Es wirkt wie ein mattes Stück Metall, mit abgerundeten Kanten. Ich berühre die Oberfläche und verstehe, warum es Q genannt wird. Es erscheint ein Kreis, aus dessen Mitte — wie bei einem Q — eine schräge Linie nach rechts unten verläuft. Das Symbol leuchtet kurz auf und verschwindet wieder. An meinen Fingerspitzen entstehen kleine leuchtende Symbole. Eines davon erkenne ich sofort, es zeigt die Buchstabenfolge: ABC. Ich wähle es mit einem kurzen Antippen aus und bekomme eine Tastatur und ein Textfeld eingeblendet.
»Das Q kann unser Alphabet?«
»Nun ja ... sie können Symbole verarbeiten. Das Alphabet brachte ihnen jemand von uns bei. Er hatte eine ungewöhnliche Begabung, mit der Technik hier umzugehen.«
»Hatte?«
»Ja, er ist eines Tages verschwunden, aber das war noch vor meiner Zeit. Will kannte ihn, er kann dir sicher mehr erzählen. Ach, und hier nimm diese Tasche, die ist sehr stabil und praktisch.«
Sie reicht mir eine Umhängetasche mit einem breiten Riemen.
»Danke. Wie schalte ich das Q eigentlich aus?«
»Gar nicht. Die brauchen nur sehr wenig Energie, wir legen sie vielleicht einmal im Jahr auf die Ladeplatte. Die Bedienung ist selbsterklärend, aber wenn du mehr wissen möchtest, solltest du Jules fragen. Er kennt sich mit den Qs am besten aus.«
Ich nicke, hänge mir die Tasche um und stecke das Q hinein.
»Dann auf zur Schmiede. Wir müssen diesem Weg aus der Stadt folgen«, sagt sie und zeigt in eine Gasse neben dem Haus.
Der Weg verläuft an bewachsenen, steilen Hügeln vorbei. Nach einiger Zeit betreten wir eine Lichtung, in deren Mitte ein großes Gebäude steht. Es sieht anders aus als alle bisherigen Bauwerke. Die gelben Wände sind unterbrochen von silbernen Strukturen, Schächten und Rohrleitungen. Zudem bemerke ich ein tiefes Summen. So tief, dass ich es eher durch den Körper als durch die Ohren wahrnehme.
»Ich verstehe, warum die Schmiede sich nicht in der Stadt befindet«, sage ich.
»Ja, und gelegentlich riecht es auch etwas unangenehm«, meint Maria.
Vom Eingangstor des Bauwerks führt eine breite Rampe hinab zum Weg.
»Es sieht gar nicht aus wie eine Schmiede, eher wie eine ... Fabrik.«
»Genau das ist es auch. Eine automatische Fabrik. Wir geben Rohmaterialien in die Schächte und die Schmiede produziert das von uns zuvor in Auftrag gegebene Erzeugnis. So geben wir Erze aus der Umgebung hinein und können gewissermaßen jede Art von Metallteilen herstellen. Soweit funktioniert es wirklich wie eine Schmiede. Allerdings ist die Prozedur nicht nur auf Erze und die Metallgewinnung beschränkt. Aus dem Rohstoff Holz erzeugen wir Grundelemente für Möbel, aus bestimmten Pflanzen bekommen wir Textilien und aus Getreide gewinnen wir Mehl.«
Ich stehe mit offenem Mund vor dem summenden Gebäude.
»Erstaunlich! Jetzt wird mir klar, wie ihr diesen Wohlstand erreichen konntet.«
»Fraglos, die Schmiede ist eine wichtige Grundlage für Memoria«, erwidert sie und mustert das Bauwerk. »Obwohl wir immer mehr herausfinden, gibt es auch Grenzen. So können wir nur Rohmaterialien hineingeben und nicht — sagen wir — Holz und Stoff zu einem fertigen Stuhl verbinden.«
»Du meinst, die Schmiede erzeugt also nur die Rohprodukte?«
»Richtig, und in der Stadt bearbeiten wir sie dann weiter, so wie Mina Stoff und Garn zu Kleidung und Alex Holzteile zu Möbeln verarbeitet.«
Mit einem Mal quietscht es, eine Wand bewegt sich und Rohrleitungen schieben sich von unten nach oben.
»Ach ja, und wie du siehst, das Gebäude ändert sich ständig. Es passt sich damit an die jeweiligen Aufträge an.«
»Und wie erteilt ihr diese Aufträge?«
»Die geben wir an einer Konsole in der Schmiede ein oder übertragen sie mit den Qs. Sid ist dafür unser Experte. Er ist sicher grade drin, lass uns hineingehen.«
Wir laufen die Rampe hinauf. Maria schiebt das Tor auf, und wir gehen hinein. Das Innere der Schmiede wirkt wie eine Schaltzentrale und Fabrikhalle zugleich. An der Wand gegenüber des Eingangs befinden sich silberne Konsolen mit weiß leuchtenden Zeichen. Dahinter ermöglichen breite Fenster den Blick auf Förderbänder und Apparaturen. Davor steht ein Mann vielleicht um die dreißig mit kurzen roten Haaren. Er dreht sich um und ein Ruck geht durch seinen Körper.
»Hey Maria, ich denke, ich hab‘s rausgefunden!«, platzt es aus ihm heraus, dann blickt er zu mir. »Ah, und du musst Paul sein?«
»Ja, das hat sich schnell herumgesprochen«, erwidere ich.
»Du erinnerst dich nicht zufällig noch an dein vorheriges Leben und könntest mir einige Fragen beantworten?«, sagt er mit einer Stimme, die erkennen lässt, dass er es nicht ernst meint.
»Tut mir leid, da muss ich dich wohl enttäuschen.«
Er nickt. »Tja, unsere Gehirne sind hier sozusagen einmal von irgendwas geröstet worden, ... ist wohl so ne Art Eintrittsbedingung«, erwidert er, wischt sich die Hand an der Hose ab und streckt sie mir entgegen.
Maria stellt sich zwischen uns und blickt ihn an.
»Du hast es? Das heißt, wir können wieder Nahrung produzieren?«
»Also ... ich müsste noch einige Tests machen, aber wenn wir nicht gleichzeitig schmelzen ... dann sollte es klappen.«
»Was hat das Schmelzen damit zu tun?«, fragt Maria.
»Möglicherweise ist es ein Schutzsystem der Schmiede. Bei der Verflüssigung des Erzes kann es zum Ausstoß von Strahlung kommen, welche eventuell die Nahrungsmittel belasten könnte.«
»Welche Strahlung?«, bricht es aus Maria heraus.
»Ja, das war sozusagen auch meine Reaktion, wo ich hier doch so viel Zeit verbringe. Die Schmelzkammern sind von hier aus weit genug entfernt. Aber nicht die Verarbeitungskammer für die Nahrung.«
Maria stellt sich vor eines der Fenster und blickt auf die Förderbänder.
»Sie würde verstrahlt werden?«
»Die Strahlungsdosis ist gering, sodass nur eine Dauerbelastung ein Problem wäre«, erklärt er.
Maria setzt sich vor eine der Konsolen und beugt sich nachdenklich nach vorne.
»Darum schaltet die Schmiede die Produktion ab. Und wir dachten immer, es sei ein Energieproblem. Wir müssen es einfach zeitlich abstimmen.«
»Genau, nur wird das nicht einfach. Wir brauchen ein Zeitfenster von bis zu drei Tagen nach dem letzten Schmelzen. Und du weißt ja, dass unser Bedarf steigt. Wenn wir keine Lösung finden, wird es sicher zu Engpässen kommen«, erwidert Sid.
Maria lehnt sich zurück und wendet ihren Blick wieder auf eines der Förderbänder.
»Warum tritt dieses Problem erst jetzt auf? Die letzten Jahre funktionierte es noch reibungslos.«
Sid nickt. »Zuerst dachte ich, es lag an der geringeren Auslastung. Dann schaute ich mir die alten Protokolle an ... also einige Male waren beide gleichzeitig in Betrieb. Ich weiß nicht, ... vielleicht war da das Schutzsystem noch nicht aktiviert?«
Da ich nichts Wesentliches zur Diskussion beitragen kann, löse ich mich von beiden und fange an die Halle etwas zu erkunden.
»Aber ... das heißt doch, wir haben damals allem Anschein nach verstrahlte Nahrung gegessen?«, höre ich aus der Entfernung Maria fragen.
Sid räuspert sich.
»Das ... also ... als ihr rein kamt, war ich grad die Protokolle am Prüfen ... also, ob das Sicherheitssystem jemals aus war. Bisher hab ich nichts dazu gefunden, aber du kannst mir an der Konsole dort drüben gerne helfen.«
Am anderen Ende der Halle mischen sich ihre Stimmen mit dem Summen der Schmiede. Ich frage mich, wo die nötige Energie zum Betreiben einer solchen Anlage herkommt, da sehe ich eine große Tonne, randvoll mit Globen. Anscheinend wird hier wirklich alles mit diesen blauen Kugeln angetrieben. Dennoch verblüfft es mich, dass ein so hoher Energiebedarf, wie er für das Schmelzen von Erz nötig ist, von diesen kleinen Kugeln kommen soll. Die Halle ist etwas verwinkelt, überall ragen Leitungen und kleinere Luken hervor. Die Außenwände sind fensterlos, aber das Dach ist großflächig verglast. In der Ecke der Halle gibt es einen kleinen Raum. Ich blicke durch das runde Fenster in der Tür. An diversen Haken hängen verschiedene Werkzeuge. Auf dem Boden liegen ein paar Reifen. Vermutlich eine Art Werkzeugraum für das Vehikel. Ich folge für einige Meter einem Bündel von Rohrleitungen und gehe dann auf der gegenüberliegenden Seite zurück in die Mitte der Halle. Einige Kanister stehen auf einer Palette herum, daneben befindet sich ein Anhänger — sicher für den Tog, um die Rohstoffe zu transportieren. Das allgegenwärtige Summen schwillt ab und ich kehre zu Maria und Sid zurück.
»So, das war die letzte Schmelzung für heute«, bemerkt Sid.
»Vielleicht liegt es am Erz«, höre ich mich überrascht sagen.
Sid streift sich mit der Hand über den Mund.
»Interessant!«
Ich schaue durch die Fensterscheiben auf die angehaltenen Förderbänder.
»Das könnte erklären, warum es früher keine Probleme gab. Das Erz war nicht belastet, vielleicht kam es von einem anderen Ort«, bemerke ich.
»Das ... ja ... das kam es ganz sicher. Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen? Das alte Erz ... davon hab ich noch was, ... aus der dritten Charge ... ja ... «, murmelt er und wendet sich der Konsole zu. Seine Hände fliegen über die Oberfläche und die leuchtenden Symbole flimmern auf.
Maria beugt sich zu mir herüber.
»Na, da hast du ihm was zum Grübeln gegeben. Nun ist er wieder in seinem Modus, ... wir nennen ihn den Sid-Modus. Er vergisst dann zu essen und zu schlafen, ja und vermutlich sogar zu atmen«, erklärt sie. »Nicht wahr, Sid?«
»Was? Ja ... ich muss die Schmelzung kurz starten, ist nur für ne Probe von Charge drei, okay?«, erwidert er, ohne seinen Blick von der Konsole zu lösen.
»Sicher, Sid«, meint Maria und das Brummen setzt wieder ein.
Sie zeigt zum Ausgang.
»Lass uns zurück gehen, ich denke, das reicht wohl für eine erste Besichtigung.«
Auf dem Rückweg erklärt mir Maria, dass es bisher eigentlich keine Schwierigkeiten mit der Schmiede gab, bis kurz vor dem letzten Gründungsfest die Getreideverarbeitung stoppte.
»Erz schmelzen, Holz verarbeiten, Mehl erzeugen ... und das könnt ihr alles über die Konsole eingeben?«
»Gewissermaßen, aber es dauerte, bis wir das alles herausfanden. Übrigens, Will hat mir erzählt, dass er dort in diesem Werkzeugraum die Qs gefunden hatte.«
»Ach so, die gab es auch schon wie den Tog und den Brunnen?«
»Richtig.«
Wir laufen eine Weile den kurvigen Weg entlang, dann tauchen wieder die ersten Häuser auf.
»Wie hat dir eigentlich meine Suppe geschmeckt?«, fragt sie plötzlich.
Ich schmunzle.
»Es war die beste Suppe, an die ich mich entsinnen kann.«
»Was ... ja hier nicht so viel heißt«, entgegnet sie.
Ihr Grübchen kündigt wieder das Lächeln an.
»Ich fand sie sehr lecker.«
»Ich mache sie aus Karmonknollen und Lauchkraut. Ohne Beihilfe der Schmiede. Also sollte es zumindest bei der Suppe zu keinen Engpässen kommen«, erwidert sie.
»Ich verstehe. Denkst du an Suppe, denkst du an Maria!«, erwidere ich.
Sie lacht lauthals.
Der Sonnenschirmmacher
(.| )
Vom Balkon aus betrachte ich den alten, knorrigen Baum in der Mitte des Platzes. Die Morgensonne wirft lange, goldgelbe Schatten. Es sind nur wenige Tage vergangen, seitdem ich die Stadt zum ersten Mal betrat und dennoch finde ich mich in Memoria gut zurecht. Die Menschen hier besitzen eine Ruhe, die schwer mit Worten zu beschreiben ist. Die meisten fanden etwas, dass sie mit großer Hingabe tun. Ob es Brot backen, Getreidefelder bestellen oder Kleidung schneidern ist, sie tragen ihren Teil zur Gemeinschaft bei; dies gibt ihnen eine innere Zufriedenheit, die sich auf andere überträgt. Und obwohl viel Arbeit in allem steckt, ist das Leben von einer mühelosen Leichtigkeit geprägt.
Was ist mein Beitrag? Wann stelle ich etwas in das Bona-Fama? Mich fordert natürlich niemand dazu auf, dennoch — es nagt an mir. Ich nehme das Q und lege eine Notiz an. Zunächst sollte ich herausfinden, was ich überhaupt kann. Da ich keine Erinnerung mehr habe, muss ich wohl einiges ausprobieren. Am besten, ich erstelle mir eine Liste. Es müsste etwas sein, das mich interessiert. Ich beginne zu schreiben:
Wo bin ich hier?
Gibt es noch andere Städte wie Memoria?
Wieso sind wir hier alle erinnerungslos aufgewacht?
Mir wird klar, dass es die Rätsel dieser Welt sind, die mich interessieren. Aber wie kann dies für das Bona-Fama nützlich sein? — Die Gegend zu erkunden könnte vielleicht zu einer Karte führen. Ich berühre wieder das Q, die Buchstaben flackern kurz auf und verblassen dann gänzlich. Mein Finger streift über die Oberfläche, aber es bleibt ohne jede Reaktion — nur noch ein flaches Stück Metall. Beim Ablegen des Qs merke ich eine Spannung in der Haut, die von der rechten Schulter bis zum Oberarm reicht. Dieses Spannungsgefühl plagte mich schon die ganze Nacht. Die Haut fühlt sich dort uneben und verdickt an. Ich blicke in die verspiegelte Tür meines Kleiderschranks. Auf dem Rücken, der Schulter und dem Oberarm ist die Haut hell, porenlos und mit leichten Vernarbungen durchzogen. Ich erschrecke für einen Moment, prüfe dann die Haut an der anderen Schulter — dort ist alles normal. Was ist mit mir passiert? Ein Unfall? Ich schaue meinem Spiegelbild in die Augen, als könne ich eine Antwort herauslesen. Es ist ein seltsames Gefühl, als hätte jemand Fremdes sich meinen Körper ausgeborgt und ihn beschädigt wieder zurückgegeben. Ich werde am besten Jules einen Blick darauf werfen lassen und ihn auch gleich fragen, was mit dem Q los ist.
***
»Jules wohnt am Rande der Stadt, nördlich vom Brunnenplatz«, erklärt mir Maria. »Es ist das Gebäude mit dem Gewächshaus im Vorgarten.«
»Danke, warst du gerade auf dem Weg zu mir?«, erwidere ich.
Sie schüttelt den Kopf.
»Sid kam gestern noch aufgeregt zu mir und meinte, dass du vermutlich recht hattest mit dem Erz. Ich bin auf der Suche nach Will, um ihm zu sagen, dass er sich den Tog nehmen soll. Wir brauchen anderes Erz, für weitere Tests.«
»Wisst ihr schon, wo es noch anderes Erz gibt?«
»Ja, in Richtung des Secum liegen einige Gesteinsfelder, aber das war uns bisher zu weit weg.«
»Gibt es eigentlich noch mehr Siedlungen wie Memoria?«
Maria dreht sich langsam von mir weg.
»Anfangs haben wir die Gegend etwas sondiert, aber wir sind auf keine weiteren Siedlungen gestoßen. Alles, was wir weit draußen fanden, waren Brunnen.«
»Ach, es gibt noch andere Brunnen?«
»Paul, lass uns besser ein anderes Mal darüber sprechen. Ich habe dort hinten gerade Will gesehen.«
»Natürlich«, meine ich, kann jedoch meine Enttäuschung nicht verbergen. Maria dreht sich um, geht einige Schritte, hält inne und richtet den Blick wieder zu mir. »Ach so, Paul, morgen Abend wird Der Sonnenschirmmacher aufgeführt. Wollen wir uns das ansehen?«
»Oh, sicher.«
»Schön, ich hole dich dann ab.«
Ich schaue ihr kurz nach und setze schließlich meinen Weg zu Jules fort.
***
»Das sind Brandwunden! Meines Erachtens gut verheilt. Die Vernarbungen führen zu dem Spannungsgefühl, ist infolgedessen normal. Ich hole dir etwas zum Eincremen der Narben,« erklärt Jules und geht aus dem Zimmer.
Ich schätze ihn auf Ende fünfzig, allerdings ist das schwer zu sagen, er besitzt eine sehr dynamische Ausstrahlung. Seine Haare sind grau meliert und seine Schläfen schneeweiß. Die blaugrauen Augen haben einen präzisen, durchdringenden Blick. Seine Wohnung sieht aus wie eine Mischung aus Gewächshaus und Labor. Auf dem Tisch liegt ein Stapel von Qs. An den Wänden hängen einige Skizzen von der Schmiede und dem Brunnen. Auf der anderen Seite des Raumes gibt es ein Regal mit Töpfen, in denen die verschiedensten Pflanzen wachsen.
Er betritt schnaufend das Zimmer.
»Hier habe ich dir einen Becher davon aufgefüllt«, sagt er und reicht mir ein kleines Glasgefäß mit einer gelben Salbe.
»Einmal täglich, am besten kurz vor dem Zubettgehen, dünn auftragen, das sollte das Spannungsgefühl deutlich lindern.«
»Danke, Jules.«
Er schaut mich musternd an.
»Normalerweise würde ich diese Frage nicht mehr stellen, aber ... erinnerst du dich an irgendetwas bezüglich der Brandwunden?«
»Nein, leider nicht. Kannst du abschätzen, wie alt die Wunden in etwa sind?«
»Ich würde, angesichts des Heilungszustandes, auf ein bis zwei Jahre schätzen.«
Ich greife in meine Tasche und nehme das Q heraus.
»Maria meinte, dass du dich am besten mit den Qs auskennst. Es ist plötzlich einfach ausgegangen.«
Er nimmt das Q und schaut es prüfend an.
»Hm ... die Energie wird aufgebraucht sein, kommt nicht allzu oft vor.«
Er geht zu dem Regal, legt das Q auf einen dunklen Kasten und wirft einen Glob hinein.
»Ist das eine Ladeplatte?«
»Korrekt.«
»Du hast hier sehr viele von den Qs«, sage ich und zeige auf den Stapel, »bist du der Einzige, bei dem man sie aufladen kann?«
Er schüttelt den Kopf.
»Keineswegs. Vielleicht besitzt nicht jeder eine Ladeplatte, aber einige schon. Ich experimentiere zurzeit mit den Qs, daher ist es sehr nützlich eine davon hier zu haben«, erzählt er und zeigt auf die Notizen.
»Experimente? Was versuchst du herauszufinden?«
Er zieht seine grauen Augenbrauen hoch.
»Ja ... wir Spätankömmlinge sind wissbegierig, das haben wir den anderen voraus«, meint er. »Ich möchte besser verstehen, wie die Qs funktionieren und wie sie kommunizieren, beziehungsweise ob sie untereinander Daten versenden können.«
»Du meinst, sodass wir uns Nachrichten schicken könnten?«
»Richtig, sodass wir uns Emails schicken können«, erklärt er und fixiert mich mit seinen blaugrauen Augen. »Email ... sagt dir das etwas, Paul?«
»Ja ... jetzt wo du es erwähnst ...«
Seltsam, wie mir in Memoria immer wieder Wörter begegnen, die bisher bedeutungslos waren, so als hätte es sie und das, was sie beschreiben, zuvor gar nicht gegeben.
»Sich Nachrichten mit dem Q schicken zu können, wäre natürlich praktisch. Aber wieso glaubst du, dass die Qs dazu überhaupt in der Lage sind?«
Er nickt. »Zum einen können die Qs bereits mit der Schmiede kommunizieren. Allerdings bisher nur, wenn sie direkt auf der Konsole liegen«, entgegnet er, nimmt ein Q von seinem Tisch und reicht es mir herüber. »Versuche mal damit auf deine Texte zuzugreifen.«
Ich öffne die Tastatureinblendung und sehe dort, obwohl es ein anders Q ist, tatsächlich meine Texte.
»Also werden die Daten nicht im Gerät gespeichert, aber wo dann?«
Er hebt den Zeigefinger.
»Richtig, das ist die Frage. Meiner Meinung nach im Brunnen.«
Ich nicke. »Ja, das würde Sinn machen, schließlich ist der Brunnen die Grundlage von Memoria. In dem Fall müssten die Qs mit dem Brunnen natürlich in Verbindung stehen. Aber ... Moment, warum funktioniert es dann nicht schon? Wieso sehe ich nur meine Texte und nicht alle, die auf dem Brunnen gespeichert sind?«
Jules zieht wieder seine grauen Augenbrauen hoch und nickt.
»Paul, du besitzt eine schnelle Auffassungsgabe. Du siehst nur die Daten, welche zu deinem Login gehören.«
»Login? Ich habe mich doch gar nicht eingeloggt.«
»Dies geschieht demzufolge automatisch. Meines Erachtens über den Fingerabdruck bei der ersten Berührung«, erklärt er.
»Das ... wäre durchaus möglich.«
Er setzt sich an seinen Schreibtisch und zieht eine Schublade heraus.
»Paul, erkennst du diese Geräte?«
Ich gehe zu dem Tisch und blicke hinein. Dutzende schmaler Plastikkarten und andere flache Objekte in verschiedenen Farben und Formen sind zu sehen. Ich überleg kurz, dann fällt es mir ein.
»Das sind Handys!«, stelle ich fest, »Wo hast du sie her?«
Seine Stimme wird tief und seine Augen verengen sich.
»Ich wusste es! Paul, ist es dir nicht auch schon aufgefallen? Wir sind anders.«
»Was? Wegen der Handys?«
»Unsinn! Die Leute kamen damit einfach zu mir, sagten, dass sie das bei sich trugen, als sie hier ankamen.«
»Und, funktionieren sie noch?«
»Nein. Ich habe versucht, sie aufzuladen, aber sie sind alle defekt«, erwidert er und schiebt die Schublade wieder zu, »doch das ist nicht der Punkt. Was ich meine ist, dass wir später als alle anderen hier ankamen, infolgedessen sind wir anders. Wir können uns schneller an solche Begriffe wie Handy oder Email erinnern ... und wir wollen wissen, was passiert ist.«
Ich komme ins Grübeln. Kann das sein? Ist die Wirkung des Gedächtnisverlustes bei uns schwächer?
»Vielleicht ist da was dran«, erwidere ich zögerlich.
Er wird immer unruhiger.
»Es ist evident! Und nicht nur das, die Leute haben aufgegeben.«
»Inwiefern aufgegeben? Memoria ist doch voller Leben und überall diese Kunstfertigkeit.«
»Sie haben aufgehört, sich die wichtigen Fragen zu stellen: Wo kommen wir her? Was ist passiert? Wer sind wir? Das interessiert sie nicht mehr, sie sind wie indoktriniert«, entgegnet er mit solcher Empörung, dass seine Wangen erröten.
Ich schüttle den Kopf. »Nein, das glaub ich nicht. Sie haben viel herausgefunden über den Brunnen und die Schmiede.«
»Sicher, ich sage ja nicht, dass sie nichts täten. Aber alles, was vor Memoria war, ist ihnen egal.«
Er hält kurz inne und schaut aus dem Fenster.
»Paul, sag mir, was denkst du, wo wir hier sind?«
»Ich weiß nicht, vielleicht auf einer Insel?«
Er lacht laut.
»Du meinst, auf der Erde? Und wie erklärst du dir den 28-Stunden-Tag?«
»Das ... sicher ein Messfehler ... ich habe darüber noch nicht nachgedacht, aber wo sonst?«
»Dann hast du es noch nicht gesehen?«
»Was gesehen?«
»Sie haben es dir also nicht gesagt oder wissen es nicht einmal mehr. Allerdings macht es auch wenig Sinn, es zu erklären. Wenn du schon die 28 Stunden nicht glaubst, würdest du mich wahrscheinlich für verrückt halten. Du musst es dir selbst anschauen.«
»Was?«
»Nimm dir den Tog und fahre immer entgegen der Richtung des Wolkenzugs«, erklärt er und zeigt aus dem Fenster.
»Was ist dort?«
»Das musst du herausfinden.«
In diesem Moment klopft es an der Tür.
»Ja, ich komme!«, ruft er. »Siehst du, dein Q ist wieder voll einsatzbereit«, erklärt er ruhig, als hätte die Diskussion nie stattgefunden.« Er reicht mir das silberne Gerät und geht zur Tür.
»So, Paul, ich habe nun im Theater zu tun. Du kommst doch morgen Abend zur Aufführung?«
»Ja, mit Maria.«
***
»Das wird großartig!«, meint Will, während wir uns auf den Weg zu meinem Haus machen. Ich packe mir den großen Stoffsack und schwinge ihn mir über die Schulter.
»Mina hat mir da wirklich viel Kleidung gegeben. Gut, dass du mir beim Tragen hilfst.«
»Natürlich, du musst heute Abend schließlich was hermachen.«
»Worum geht es in dem Theaterstück überhaupt?«
»Mina wollte mir nichts verraten. Ich weiß quasi nicht mehr, als dass es von einem Sonnenschirmmacher handelt. Maria war übrigens gestern auch bei Mina ... hat sich ein wirklich schönes Kleid ausgesucht«, meint er und lächelt mich an.
Die Dielen der Holzbrücke knarren unter unseren Füßen. Ich muss an Maria denken, an ihren schwungvollen Gang und wie sich ihre braunen Haare über der Schulter kräuseln.
»Hat sie mit dir bereits über das neue Erzfeld gesprochen?«, frage ich.
»Ja, ich werde mich gleich morgen auf den Weg machen. Willst du nicht mitkommen?«
»Natürlich, das wollte ich dich gerade fragen. Warst du schon einmal dort?«
Er nickt. »Ich bin dem Secum schon einmal gefolgt, hab die Erzfelder aber nur von Weitem gesehen. Damals, als wir noch die Gegend erkundet haben.«
»Warum habt ihr das Erforschen der Umgebung aufgegeben?«
»Naja, es gab keinen zwingenden Grund mehr dafür.«
»Keinen Grund? Die unbekannte Gegend zu erkunden kann nur von Vorteil sein, dafür braucht man doch keinen weiteren Grund?«
Er hebt abwehrend die Hand.
»Paul, da redest du quasi mit dem Falschen. Ich fahre gern mit dem Tog raus. Ja ... und morgen ist es wieder so weit, das wird ein Riesenspaß!«
»Ich würde danach gerne noch einmal zum Wasserfallplateau. Mein Notizbuch muss dort oben irgendwo liegen.«
»Ach so? Können wir machen ... mal gucken, ob die Treppen überhaupt noch stehen.«
Als wir an meinem Haus ankommen, reicht mir Will den Stoffsack mit der Kleidung.
»Okay, ich geh dann mal rüber zu Austin. Werd ihm sagen, dass wir morgen den Tog brauchen. Wir sehen uns dann nachher im Theater«, meint er.
»Gut. Bis dann.«
Nachdem ich einige Jacken, Hemden und Hosen durchprobiere, finde ich schließlich etwas, das mir angemessen erscheint. Die restliche Kleidung sortiere ich in den bisher nahezu leeren Schrank ein. Ich nehme mein Q und setze mich in den Sessel. Maria wird sicher bald kommen, die Dämmerung legt sich bereits über die Stadt. Mir fällt wieder das seltsame Gespräch mit Jules ein. Ich denke, ich sollte Maria davon vorerst nichts erzählen. Es erscheint mir sinnlos, irgendwo hinzufahren, um nach etwas zu suchen, von dem ich nichts weiß. Ich schaue auf mein Q und frage mich, ob es tatsächlich mit dem Brunnen in Verbindung steht. Sich Nachrichten mit den Qs schreiben zu können, würde die Kommunikation natürlich erheblich vereinfachen. Vielleicht könnten wir dann auch Kontakt mit anderen Siedlungen aufnehmen, sofern es da draußen überhaupt noch weitere gibt.
»Wer sitzt denn hier so betrübt?«, höre ich plötzlich eine Stimme.
»Maria! Wo sind die ... Sonnen...«, stottere ich.
Sie trägt eine rote Schleife im Haar und ein ebenso rotes, langes Kleid, das mit einem silbernen Blumenmuster durchsetzt ist. Sie schaut mich andächtig mit ihren tiefen, braunen Augen an.
» ...schirme!«, versuche ich, meinen Satz zu beenden.
»Sonnenschirme? Naja, bei dem Wetter sollten es besser Regenschirme sein, aber noch ist alles trocken«, erwidert sie.
»Dann sollte das Stück wohl besser Der Regenschirmmacher heißen?«
»Ach, das klingt so trübsinnig, dann würde ich es mir nicht anschauen wollen«, erwidert sie und ihr Grübchen kündigt ein Lächeln an.
Ich streife mir das Jackett über und wir machen uns auf den Weg.
»Wo befindet sich das Theater eigentlich?«
»Es liegt vor dem großen Tor, etwas außerhalb von Memoria, in einer breiten Senke. Daher haben wir es ohne dem Brunnen, komplett mit eigenen Händen, errichten müssen.«, erklärt sie.
»Wieso ausgerechnet dort?«
»Es heißt, dass Mina beim Pilze sammeln im Wald, ein Lied vor sich hingesungen hat. Ja ... und da sei ihr dort die perfekte Akustik aufgefallen.«
»Mina singend beim Pilze sammeln im Wald? Das hört sich beinahe selbst wie ein Theaterstück an.«
Sie lacht und gibt mir einen Klaps auf den Arm. Von allen Seiten treffen immer mehr Menschen zusammen und strömen den Weg hinunter zum Theater. Das Gewirr von Stimmen und Gelächter erzeugt eine knisternde, erwartungsfrohe Atmosphäre.
Das Theater ist größer, als ich es erwartet hatte. Die Senke ist kreisförmig und nimmt zur Mitte hin an Steigung ab. Es erinnert mich von der Form an etwas, ... dessen Name mir im Moment nicht einfallen will. Die Bühne wurde in den gegenüberliegenden Hang hineingebaut. Sie erstreckt sich bis beinahe zur Mitte des Beckens und wird von einer aufwendigen Holzkonstruktion umrahmt. Die in einem Halbkreis angeordneten, weißen Bänke reichen Reihe für Reihe bis zum obersten Rand der Mulde. Jetzt fällt es mir ein — die Form erinnert mich an eine riesige Radioschüssel. Dieser Eindruck wird von einem schlanken Mast, der vom Bühnengerüst bis in die Mitte ragt, noch verstärkt. Von ihm aus verlaufen Gewebebahnen wie die Speichen eines Rades über das gesamte Theater. Den Eingang säumen zwei lebensgroße Holzfiguren. Eine davon stellt eine Frau in einem langen Gewand dar, sie hat die Augen geschlossen und ist in ein Harfenspiel vertieft. Bei der anderen Figur handelt es sich um einen Mann, der mit gespitzten Lippen in eine Querflöte bläst.
»Da ist Will«, bemerkt Maria und zeigt auf eine der hinteren Reihen.
»Ihr seid ja spät dran«, meint er angespannt, als wir uns zu ihm setzen.
»Der Bau ist sehr beeindruckend«, meine ich, »und das, wo er ohne Brunnen errichtet wurde.«
Will nickt. »Ja, das war ein ganzes Stück Arbeit, hat echt ewig gedauert.«
Maria meint, dass das Einsetzen der Bänke sogar länger gedauert hat als der Bau der Bühne selbst.
Ein Gong erklingt. Der Ton schwebt für einige Sekunden klar und weich im Raum, bis er sich ausbreitet — an all den Ecken und Kanten bricht und schleichend an Stärke verliert. Zur selben Zeit schwillt ein gelbes Licht an, als würde es die Energie des Tons verschlingen und in Helligkeit umwandeln. Die Bühne löst sich nun leuchtend aus der Dämmerung heraus und der Vorhang gleitet geräuschlos zur Seite. Mina tritt in das Licht. Ein einfaches, weißes Gewand fällt von ihren Schultern in unzähligen Falten herab. Sie schreitet bis zum linken Bühnenrand. Ihr schweifender Blick scheint jede Reihe zu sondieren, dann hebt sie die Hand, als würde sie in dem lautlosen Theater um Ruhe bitten.
»Es gibt Geschichten, die berichten von Helden und ihrem Kampf gegen übermächtige Dämonen, von Hinterlist, Mord, Liebe und Leidenschaft. Die Geschicht‘, die ich euch heut‘ erzählen will, besitzt gewiss von allem etwas, und doch ist sie ganz anders. Es ist die Geschicht‘ von Phil, dem Sonnenschirmmacher.«
Ein kleiner Mann mit kurzem, grauen Haarkranz betritt die Bühne. Er blickt suchend über den sandigen Boden. Sein Hemd und seine Hose sind völlig zerschlissen. Hin und wieder durchzieht er mit einem Stock prüfend das Erdreich. Im Hintergrund befinden sich Palmen, aufgemalt auf einer Leinwand. Er kniet sich nieder, scharrt etwas frei und streift den Sand davon ab.
»Ja, genau, was ich suche!«, ruft er. »Diese Muschel hat die richtige Form.«
Das Licht fällt wieder auf Mina.
»Phil war ein Reisender auf der Suche nach dem Baum der Wahrheit. Seinerzeit gab es einen weitverbreiteten Glauben an ein verzaubertes Gewächs. Es sollte die Gabe besitzen, einem zu offenbaren, wer man sei. Menschen, so die Mär, welche unter dem Baum nächtigten, riefen am Morgen voll Freud: Nun kenn ich meinen Klang im Lied der Welt!«
Ein weiterer Vorhang öffnet sich und offenbart die ganze Tiefe der Bühne. In einer einfachen Hütte fertigt Phil aus Ästen und Stroh ein Gestell an. Erst als er es mit großen Blättern bedeckt, erkenne ich, dass es sich um einen Schirm handelt. Die geriffelte und geschwungene Form erinnert tatsächlich an eine Muschel.
Mina tritt erneut am Rand der Bühne hervor.
»Phil war sich sicher, dass der Baum jenseits des großen Ozeans liegen müsse. So nahm er das nächste Schiff.« Sie bewegt sich einen weiteren Schritt nach vorn. Auf ihr Gewand fällt ein flackerndes Licht. »Aber dann zeigte das Meer sein teuflisches Gesicht: peitschende Winde, gewaltige Wellen, panische Schreie im berstenden Körper aus Holz und Metall. Phil rettete sich auf eine Planke und nach endlosen Tagen spülte es ihn an diese Insel.«
Im Hintergrund fertigt Phil weiter seine Schirme an.
»Dies alles hat ihm der Schreck längst aus seinem Verstand geraubt. Im Wald traf er auf seltsame Eingeborene. Sie nahmen ihn auf und teilten ihr Essen mit ihm. Er bedankte sich mit dem Einzigem, das er nicht vergessen hatte, mit dem, was er am besten konnte.«
Phil tritt vor die Hütte. Von allen Seiten erscheinen Darsteller mit verzerrten Masken. Sie tanzen in einer merkwürdig gebückten Haltung um ihn herum. Er nimmt seine Schirme und verteilt sie unter den Maskenwesen.
»Ja, Franziskus, du bekommst auch einen, ... und du Sophia, du auch. So seid ihr immer geschützt vor der Sonne, meine Freunde.«
Sie nehmen die zerbrechlichen Objekte gerne an, scheinen jedoch nicht zu verstehen, wozu sie gedacht sind. Einer schlägt den Schirm freudig gegen einen Baum, ein anderer dreht seinen Schirm auf den Kopf und setzt sich hinein. Phil beachtet es nicht weiter. Der Schiffbruch hat seinem Verstand offensichtlich schwer zugesetzt. Er fängt an, wirre Geschichten zu erzählen.
»Wollt ihr wissen, wie ich hierher fand?«
Die Eingeborenen scharen sich um ihn.
»Ich segelte auf Schnee, ... natürlich kein echter Schnee. So nannte ich mein Schiff. Hatte es mir aus dem Salzbaum geschnitzt. Der wächst hier nicht. Das Holz, das ist ganz weiß, so wie das Fruchtfleisch der Kokosnuss. Ihr müsst wissen, es hatte keine Segel, also ... keine über dem Wasser. Zwei Krebsscherensegel unter dem Bug, in den Planktonwind gesetzt, gaben ihm den Antrieb. So machte ich beinahe zwanzig Knoten, selbst bei stärkster Flaute. Nur ... die See ist hungrig in diesen Breiten, langsam aber unaufhaltsam fraß es das weiße Holz. Hilflos musste ich zusehen, wie es sich auflöste, wie es unter meinen Füßen dahin schmolz. Dann als ich auf der letzten Ecke stand, sah ich die Insel, sah, wie sie im Mondlicht glitzerte. Die Sterne tanzten vor Aufregung, immer schneller und schneller. Die Wolken konnten nicht widerstehen und nahmen den Rhythmus auf. Es wirbelte und brauste um mich herum, ich sage euch, Poseidon selbst riss es aus seinem Becken und mich gleich mit. Da spannte ich meinen besten Schirm auf, hielt ihn derart geschickt in den Strom von Äther und Sternenstaub, dass ich — ihr werdet es nicht glauben — doch tatsächlich trockenen Fußes meine Ballen in den Sand des Ufers bohrte.«
Die Eingeborenen geben zustimmende Laute von sich, obwohl ich bezweifele, dass sie auch nur ein Wort verstanden haben. Einer von ihnen reicht Phil eine längliche Frucht.
»Nein, das ist keine gute Form. Ach, Mantis, du musst noch viel lernen, so kann man doch keine Sonnenschirme bauen.«
Maria beugt sich zu mir herüber. »Das ist allem Anschein nach doch ein trauriges Stück. Ich wünschte, es würde nun regnen«, flüstert sie.
In der nächsten Szene sucht Phil wieder den Strand ab, dabei stößt er auf angespülte Kisten und Trümmerteile.
»Von wo kommt das denn her?«
Ein Klopfen dringt aus einer der Kisten. Er geht einige Schritte auf sie zu, da springt sie auf. Eine Frau fällt heraus, ich erkenne sie an ihrem weißen Gewand — es ist Mina. Phil kniet sich neben sie.
»Wer bist du?«
Plötzlich öffnet sie die Augen und packt ihn am Arm.
»Phil, es ist an der Zeit; verliere die Welt, erlange die Freiheit«, raunt sie.
Er erstarrt. Ein dünner Vorhang — eher ein Schleier — fällt herab. Dahinter verliert sich die Szene in unscharfe Schattenspiele.
Als sich der Vorhang wieder hebt, liegt Phil zwischen den Trümmern am Strand. Von Mina fehlt jede Spur. Er richtet sich mühsam auf und reibt sich die Augen.
»Ich ... ich erinnere mich, ... das sind die Reste der Astonia. Ein Gewitter zog auf, der Mast brach, ... ich hatte Glück, eine Planke wurde mir ein Rettungsfloß. Wo bin ich? Gab es im Wald nicht eine Siedlung?«
Er scheint wie ausgewechselt. Seine Körperhaltung lässt ihn nun größer erscheinen und in seiner Stimme liegt eine Zielstrebigkeit. Er muss nicht lange nach der Siedlung suchen. Die Eingeborenen tauchen auf und umkreisen ihn wieder. Diesmal jedoch haben sie ihre Masken verloren. Affengesichter, die auf die Darsteller gezeichnet wurden, kommen zum Vorschein. Sie geben Affenlaute von sich und bewegen sich nun wie welche. Einige benutzen die Sonnenschirme, um sich zu kratzen, andere versuchen damit Früchte zu pflücken. Phil sackt auf die Knie.
»Ich Narr, ich hab unter Affen gelebt!«
In den nächsten Szenen fertigt sich Phil aus den Resten der Astonia ein Floß an. Er kann sich nicht verzeihen, Affen für Menschen gehalten zu haben.
»Ich bin doch nicht verrückt! Ich muss mir beim Schiffbruch den Kopf gestoßen haben. Sobald ich den Baum der Wahrheit finde, kann er mir sicher sagen, was das alles zu bedeuten hat.«
Phil setzt das Floß in Bewegung und hält Ausschau nach Rettung. Schließlich trifft er auf ein Handelsschiff, das ihn an Bord nimmt. Der Kapitän erklärt ihm, dass er auf dem Weg zur Stadt Riga sei. Phil ist sehr erfreut, da er einst gehört hat, dass der Baum sich irgendwo im Umkreis von Riga befinden soll. Er fragt den Kapitän, ob er schon von dem Gewächs gehört hätte.
»Natürlich! Ich bringe regelmäßig Pilger auf die andere Seite des Ozeans. Aber ich halte es nur für eine Legende.«
»Nein, es gibt einfach zu viele Hinweise, die können doch nicht alle erfunden sein. Es soll sogar ein Buch geben, das Arbor Vera, in dem der Weg genau beschrieben sei«, erwidert Phil.
Der Kapitän nickt. »Ja, ich hielt es sogar schon in der Hand. Ein Pilger zeigte es mir einst.«
Phils Augen springen auf. »Erzählte er ihnen auch, wo er es erworben hatte?«
»Nein, aber soviel ich weiß, kam er aus Riga. In der Stadt gibt es einige Buchhändler. Sie sollten es dort probieren.«
In der nächsten Szene durchstöbert Phil Bücherregale, die auf Leinwandbahnen gezeichnet, von der Bühne hängen. Er trifft auf den Buchhändler, der ihm erklärt, dass es einige Abschriften des Arbor Vera gebe, die aber wertlos seien, da sie die Karten nicht enthielten. Nur der uralte Einband im Museum von Riga sei noch komplett.
Phil macht sich sofort auf, betritt das Museum und findet nach kurzer Suche tatsächlich das Buch. Es liegt unter einer der Vitrinen. Das Interesse der meisten Besucher fällt jedoch auf eine silberne Lanze, dem offensichtlichen Prunkstück des Museums, auf der anderen Seite des Raumes. Auf dem Einband ist ein goldener Baum zu erkennen, darunter steht in roten Buchstaben: Arbor Vera. Er blickt prüfend um sich, wickelt seine Hand in den Mantel und nähert sich der Glasscheibe. Der Vorhang fällt.
Als er sich wieder öffnet, betritt Phil ein einfaches Zimmer mit einem kleinen Tisch. Er greift unter seinen Mantel, zieht das Buch hervor und legt es darauf ab. In den nächsten Szenen sieht man ihn in die Seiten vertieft.
»Das ist es!«, ruft er mit einem Mal. »Ich muss die Feuerhöhlen durchqueren, den Pfad durch das blaue Moor beschreiten, und dem Fluss Somnus zur Quelle folgen. Hier steht es: An der Quelle des Stroms grab ich meine Wurzeln, an der Quelle ergießt sich mein Wissen in den Schlaf.«
Phil erkundigt sich in der Stadt nach der Feuerhöhle. Einige erzählen ihm von einer Felsengrotte, andere von Klüften, in denen Bären hausen. Schließlich findet er jemanden, der ihm von einer glühenden Höhle im Süden berichtet. In den nächsten Szenen irrt Phil mit einer flackernden Laterne über die mit grauen Tüchern verhangene Bühne. Hin und wieder tauchen leuchtende rauchende Spalten auf. Bei dem Überspringen einer breiten Lavaspalte verbrennt er sich beinahe den Fuß. Er irrt durch die Gänge. Immer mehr glühende Risse und Spalten tun sich um ihn herum auf. Phil ist orientierungslos und blättert hektisch durch das Buch.
»Ja ... hier ist eine Karte der Höhle, ... aber ... wo bin ich?«
Schließlich betritt er einen großen Dom, von dem drei Abzweigungen weiterführen.
»Diese Stelle, sie war doch markiert ... ja ... die große Kreuzung ... hier ist es!«, ruft er und tippt auf die Karte. Er findet die Orientierung wieder und folgt dem eingezeichneten Weg.
Als er endlich aus der Höhle tritt, liegt kein Moor, sondern eine Steppe vor ihm. Unbeirrt setzt Phil seinen Weg fort. Die Nacht bricht herein, und ein heulendes Geräusch schreckt ihn auf.
»Wer ist da?«
Knurrende Darsteller umkreisen ihn auf allen vieren. »Wölfe«, höre ich Will neben mir flüstern. Sie greifen ihn an. Er versucht, sich mit einem Knüppel zur Wehr zusetzen. Inmitten des Chaos fällt der Vorhang. Unruhe im Publikum.
Als sich der Vorhang öffnet, ist der Kampf vorbei, und Phil hält sich den blutenden Kopf.
»Nur das Ohr, ... mehr bekommt ihr nicht von mir!«, flucht er.
Phil verbindet sich mit einem Tuch den Kopf und setzt seinen Weg fort. Nach einer Weile sieht er in der Entfernung die Lichter einer Siedlung. Er ist völlig euphorisiert, als er erkennt, dass ein schmaler Fluss aus ihr herausführt.
»Der Somnus! ... Bald werden all meine Mühen belohnt.«
Phil betritt die Stadt und ist sichtlich verwirrt, als er feststellt, dass niemand dort je von dem Baum der Wahrheit gehört hat.
»Die Quelle des Flusses liegt etwas außerhalb der Stadt«, erklärt ihm ein Anwohner. »Allerdings ist dort mittlerweile ein Stausee.«
In der nächsten Szene steht Phil auf einer Holzkonstruktion — dem Staudamm — und beugt sich kopfschüttelnd über das Geländer. Nicht weit von ihm schlägt jemand mit einer Axt einen Holzpfahl spitz. Er bemerkt Phil und stellt seine Arbeit ein.
»Ziemlich beeindruckend, nicht wahr?«, meint er. »Der Damm treibt alle unsere Mühlen und Maschinen an. Ich bin Murus, der Dammwächter.«
Phil blickt ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht an. »Ihr Narren! Ihr habt den Baum der Wahrheit ertränkt. Warum habt ihr das getan?«
Murus schaut ihn verwirrt an.
»Da ... da unten im See sind viele Bäume, aber ... es sind ja nur Bäume.«
Außer sich vor Wut greift Phil Murus an und schlägt ihn zu Boden. Er nimmt die Axt an sich und haut sie krachend in einen der Pfeiler der Konstruktion.
»Ich werd dich wieder zurückholen. Es ist nicht meine Schuld. Sie wussten nicht, was sie taten!«
Murus rappelt sich wieder auf und packt Phil von hinten.
»Nein! Bist du wahnsinnig? Der Damm wird brechen, und alle in der Stadt werden ersaufen!«
Sie kämpfen um die Axt, bis Murus stolpert und zu Boden stürzt. Phil steht über ihm und holt zu einem Schlag aus.
Ich spüre Marias Hand auf meinem Arm.
Phil verharrt in der Ausholbewegung. Ein dünner Vorhang fällt herab. Nur wenige Sekunden später öffnet sich der Schleier. Phil hält immer noch die Axt in der Hand, jedoch liegt nun nicht Murus, sondern Mina am Boden. Sie streckt ihm den Arm entgegen. »Phil, es ist an der Zeit; verliere die Welt, erlange die Freiheit!«
Er schreckt zurück und lässt die Axt fallen. Sein Körper sackt in sich zusammen, er kauert nieder und weint bitterlich. Der Vorhang senkt sich. Ein Licht fällt auf den rechten Bühnenrand. Mina tritt in den leuchtenden Kegel.
»Es war gewiss nicht leicht für Phil, seine Suche aufzugeben. Für einige Zeit spürte er nichts mehr, nahm die Welt um ihn herum kaum wahr. Die Tage vergingen und er beschloss, ohne ein Ziel vor Augen, weiter zu ziehen.«
Der Vorhang öffnet sich. Phil steht an einer Reling, hinter ihm sind weiße Wolken, aufgemalt auf einer blauen Leinwand zu sehen. Taue und Verstrebungen verlaufen von einem Mast bis zu der Reling herab. Jemand nähert sich ihm von der Seite, ich erkenne ihn wieder, es ist derselbe Kapitän, der ihn einst aus dem Ozean fischte.
»Und, ... konnten sie den Baum der Wahrheit finden?«, fragt er.
Phil zögert. »Nein.«
»Es ist eben doch nur eine Legende«, erwidert der Kapitän.
»Ich weiß nicht, ... aber selbst wenn es ihn gäbe, welcher Antworten könnte ich überhaupt gewahr werden, wenn mich die Suche nach ihm erblinden und ertauben lassen?«
Beide blicken für einige Zeit auf das Meer.
»Wir sind auf dem Weg nach Altus, einem kleinen Land auf einer Halbinsel im Norden. Der König persönlich wird seine Lieferung entgegennehmen. Er liebt solche Geschichten, sie sollten ihm diese nicht vorenthalten.«
In der nächsten Szene legt das Schiff am Hafen an und der Kapitän stellt Phil dem jungen König vor. Sie kommen schnell ins Gespräch und Phil schildert, wie er unter Affen lebte und von seiner Suche nach dem Baum. Der König ist völlig fasziniert von den Abenteuern und lädt ihn zum Speisen an seinen Hof ein. Dort erzählt Phil von seiner Leidenschaft Sonnenschirme anzufertigen. Der König erwidert, dass er zufällig nach einem Hoftischler Ausschau halte.
»Wenn es euch gelänge, unseren Hof mit einigen von euren Schirmen zu erfreuen, würde ich euch die Stelle eventuell offerieren«, meint der König und prostet Phil zu.
»Wenn ihr mir eine kleine Werkstatt bereitstellt, werde ich sofort damit beginnen«, erwidert Phil.
Inspiriert von dem Giebel eines hohen Turmes, den er vom Palast aus mitten in der Stadt emporragen sieht, formt er seine Sonnenschirme. Die Leute am Hof sind begeistert. Seine Schirme werden schnell zur Mode und er wird zum königlichen Hoftischler ernannt. Er erhält einige Zeichnungen, nach denen er neue Möbel anfertigen soll. Phil ist über die seltsamen Formen verwundert, will jedoch den König nicht enttäuschen.
»Ist euch von den Aufständen in der Stadt zu Ohren gekommen?«, fragt der König Phil eines Tages.
»Nein, ich arbeite den ganzen Tag an euren Möbeln. Gegen was begehren sie denn auf?«
»Diese ... Bauern glauben, ich würde zu viele Abgaben verlangen. Sie haben keine Vorstellung davon, wie aufwendig es ist, das Land zu verwalten. Ich liege oft in der Nacht wach und sorge mich, ... ja, sorge mich um jeden einzelnen Bürger. Aber mir scheint, dass nicht jeder meine Sorge verdient.«
»Und wenn ihr versucht, es ihnen zu erklären?«, erwidert Phil.
Der König lacht mit einem Geräusch, das mich irgendwie an eine knarrende Tür erinnert.
»Es sind Bauern und Mägde! Sie können es nicht mit ihren kleinen, winzigen Schädeln begreifen, dafür wurden sie nicht geschaffen«, entgegnet er.
Nun folgen größere zeitliche Sprünge. Phils Werkstatt vergrößert sich, und er bekommt Untergebene. Er nimmt an Leibesfülle zu. Seine Kleidung wird immer pompöser. Allerdings kann er sich an dem Luxus schon lange nicht mehr erfreuen, stattdessen wirkt er angespannt und verhält sich abschätzig gegenüber seinen Bediensteten. Er befürchtet ständig, er könne seinen Stand beim König verlieren. In der nächsten Szene blickt er von seinem Fenster aus auf die Stadt.
»Was ist dort unten los? Der Turm, er brennt! Oh nein, die Meute hat ihn angezündet.«
Sein Entsetzen steigert sich, als er bemerkt, dass die aufgebrachte Menschenmasse, mit brennenden Sonnenschirmen, zum Palast strömt. In Panik sucht er nach dem König und findet ihn, blutüberströmt mit einem Messer in der Brust, tot im Speisesaal liegen. In diesem Moment erstürmen die Aufständischen den Palast. Die Wachen fliehen vor der Überzahl. Der tobende Mob erreicht schließlich den Speisesaal. Sie umkreisen den toten König und starren ungläubig auf den Leichnam.
Der Vorhang fällt. Ein aufgeregtes Gemurmel durchläuft das Publikum. Ich blicke zu Maria hinüber.
»Wie spannend, was so ein Sonnenschirmmacher alles erlebt«, meint sie.
Der Vorhang hebt sich. Phil sitzt auf einem Stuhl. Der Lichtkegel öffnet sich und vor ihm sind nun drei Personen zu erkennen, die ihrerseits an einem großen Tisch sitzen. Die Frau in der Mitte trägt eine schwarze Robe. Einige Zuschauer befinden sich hinter einer roten Kordel als Absperrung auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Ein hochgewachsener, schlanker Mann in einem Frack schreitet eine Weile vor dem Tisch hin und her, dann wendet er sich Phil zu.
»Sie wollen dem Gericht ernsthaft weiß machen, dass sie nichts über den Turm wussten?«
Er nimmt einen Sonnenschirm vom Tisch und öffnet ihn. Empörung bricht im Gerichtssaal aus. Die Richterin muss um Ruhe bitten.
»Und das die Form ihrer Sonnenschirme genau der Turmkuppel entspricht, ... nur ein Zufall?«
Phil wischt sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn.
»Ich ... ich hatte keine Ahnung davon, mir wurde nicht mitgeteilt, dass es sich um ein Gefängnis handelte. Ich sah nur das Dach von meinem Fenster aus und gab den Schirmen die Form, ... ich wusste nicht ...«
Gelächter erschallt im Gerichtssaal.
»Ich habe den Königspalast nie verlassen ...«
Der Ankläger zeigt mit ausgestrecktem Arm auf Phil.
»Ganz genau! Warum verließen sie den Palast nie? Weil sie eben doch von dem Elend und dem Terror da draußen wussten!«
Der Ankläger wendet sich der Richterin zu.
»Ich bitte nun um das Beweisstück.«
Die Richterin nickt. Es wird eine Bank mit Riemen und Ketten hereingetragen.
»Dieses Möbelstück, hier nur als Referenz von über zwanzig Exemplaren, stammt aus ihrer Werkstatt, richtig?«
»Ja ... aber ...«, stammelt Phil.
»Das heißt, sie bauten Folterinstrumente für den König und wussten nichts davon? Wollen sie uns zum Narren halten?«
»Nein, nein, so sah die Bank nicht aus, als sie meine Werkstatt verließ. Von Riemen und Ketten weiß ich nichts.«
Rufe und Aufregung breiten sich im Saal aus. Diesmal hebt der Ankläger die Hände und bittet um Ruhe.
»Ich habe mich erkundigt, es stimmt, dass diese Dinge erst im Turm angebracht wurden. Aber sie fragten auch nicht, wozu die ganzen Ösen und Bolzen nötig sind, ... weil sie es ja wussten!«
Der Vorhang fällt.
In der nächsten Szene läuft Phil in einer Gefängniszelle auf und ab.
»Was wollen diese Bürger nur von mir? Was habe ich ihnen denn getan?«
Mit einem dumpfen, schleifenden Geräusch schiebt sich plötzlich eine Wand zur Seite. Phil bleibt wie erstarrt stehen. Aus dem dunklen Spalt ragt zuerst eine Hand heraus, dann zwei Arme. Eine Gestalt schält sich aus dem Schatten — es ist Mina.
»Phil, es ist an der Zeit; verliere die Welt, erlange die Freiheit«, flüstert sie.
Wieder fällt der dünne, seidige Vorhang und taucht alles dahinter in ein Spiel von dunklen Flächen und Silhouetten. Als er sich schlagartig öffnet, liegt Phil auf der Pritsche. Der Spalt in der Wand wie auch Mina sind verschwunden. Er richtet sich auf und ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. Eine neue Szene beginnt im Gerichtssaal.
»Sie baten um das Wort und wollen sich erklären«, meint der Ankläger. »Nun, da bin ich sehr gespannt.«
Phil nickt und erhebt sich von seinem Stuhl. »Ich habe über die Geschehnisse nachgedacht. Es stimmt, dass ich von dem Gefängnis und der Folter nichts wusste, jedoch trifft es auch zu, dass es mich nicht interessierte. Ich hinterfragte nie, wie der König zu seinem Wohlstand kam und wie es seinem Volk ergeht. Die Wahrheit ist, ich war ausschließlich bemüht meinen Besitz und Stand zu mehren, oder zumindest zu halten. Mein Eigennutz entsprang nicht aus einer Boshaftigkeit, er formte sich aus der Furcht. Der Furcht zurückzufallen und der Befürchtung den Erwartungen nicht zu genügen. Dessen bekenne ich mich schuldig.«
Phil setzt sich. Die Stille im Gerichtssaal wird erst von dem sichtlich überraschten Ankläger unterbrochen.
»Über die Schuld haben sie nicht zu entscheiden. Das ist die Angelegenheit der Richterin«, sagt er mit dünner Stimme.
Nach der Anhörung weiterer Zeugen, welche Phils Aussage zu bestätigen scheinen, kommt die Richterin zu ihrem Urteil.
»Ich befinde den Angeklagten für schuldig, jedoch nicht im Sinne der Anklage. Ich bin davon überzeugt, dass er tatsächlich nicht wusste, was im Turm vor sich ging. Die Schuld liegt, wie der Angeklagte selbst ausführte, im Narzissmus. Desinteresse und Egoismus sind jedoch keine Straftaten vor dem Gesetz. Wären sie es, würde ein Großteil unserer Gesellschaft unter Anklage stehen. Dennoch half er dem König und schädigte somit unserem Volk. Da er kein Bürger dieses Landes ist, erkläre ich ihn hiermit zu einer unerwünschten Person. Der Angeklagte wird dazu verurteilt, das Land binnen eines Tages zu verlassen. Ende des Verfahrens.«
In der nächsten Szene nimmt Phil auf einer Bank in einem Zugabteil Platz. Neben ihm befindet sich ein großes Fenster, hinter dem eine aufgemalte Landschaft vorbeizieht. Er blickt in eben diese, als eine dunkelhaarige Frau das Abteil betritt und sich ihm gegenübersetzt.
»Hallo, wenn ich sie fragen darf, wohin geht ihre Reise?«, fragt sie.
»Ich weiß es nicht, ich glaube nirgendwo hin.«
»Das klingt ... melancholisch?«
»Nun, bisher war ich beständig auf der Suche nach einem Sinn, und immer wenn ich dachte, ich hätte ihn gefunden, erkannte ich, dass es nur eine Illusion war. So langsam komme ich zu der Überzeugung, dass es womöglich gar keinen gibt«, erklärt er ohne sich vom Fenster abzuwenden.
»Ah, ich sehe, sie suchten nach einer Bestimmung, einem Zweck im Leben.«
Phil nickt und beide schauen für einige Zeit aus dem Fenster.
»Eine Bestimmung«, meint sie schließlich, »so wie dieser Zug, dessen Zweck es ist, für immer auf dem Gleis zu fahren. Aber ... würde ein solcher Zweck uns nicht ziemlich einschränken? Immerzu auf denselben vorbestimmten Bahnen, nur hier und da bereits gestellte Weichen? Für eine Lok ist dies gewiss alles, was sie braucht, ... nur ... wird der Mensch ja nicht mit Dampf betrieben.«
Phil schaut sie an und lehnt sich zurück.
»Also sind wir zwecklos, sinnlos und bedeutungslos, weil wir Menschen sind«, fährt es aus ihm heraus.
Sie schüttelt den Kopf. »Zwecklos, im Sinne von: frei von Zweck. Aber nicht bedeutungslos. Gerade weil wir zwecklos sind, sind wir frei und können, ja müssen, über Bedeutung selber verfügen, unseren eigenen Sinn bestimmen, ... in jedem Augenblick und immer wieder von Neuem.«
Phil streift sich nachdenklich über das Kinn.
»So hab ich das noch nie betrachtet.«
»Ich bin Silvia«, sagt sie und reicht ihm die Hand.
»Ich bin Phil.«
Sie erzählt ihm, dass sie auf dem Weg zurück in das Rotgebirge sei. Er berichtet ihr, von seiner Suche nach dem Baum der Wahrheit und sie ihm von ihrer Heimatstadt Parius im Rotgebirge. Sie erklärt ihm, dass es dort regelmäßig rot regne und der Schlamm danach alles mit einer ziegelroten Schicht überdecke. Dies käme von der Vulkanasche des Rufus. Er beschreibt, wie er es liebe, sich immer wieder neue Formen für seine Sonnenschirme auszudenken. Sie fragt ihn schließlich, ob er sie nicht nach Parius begleiten möge, wo er doch sowieso kein Ziel habe. Er stimmt zu.
»Phil, wenn du bleiben möchtest, solltest du aber von Sonnen- auf Regenschirme umsteigen. Nicht, dass wir keine Sonnentage hätten, aber der rote Regen ist nicht ohne Grund unser Wahrzeichen.«
Zwischen den nächsten Szenen liegen abermals größere zeitliche Abstände. Phil richtet sich in Parius eine kleine Werkstatt ein und fertigt Regen- und Sonnenschirme an. Er und Silvia werden ein Paar und bekommen eine Tochter. In einer Szene bringt Phil ihr die Herstellung der Schirme bei. Er erklärt dem interessierten Mädchen, welche Stoffe sich für den Schirm am besten eignen und wie der Klappmechanismus funktioniert. Plötzlich durchdringt ein heftiger Paukenschlag das ganze Theater. Einige erschreckte Laute sind im Publikum zu hören. Silvia kommt in die Werkstatt gerannt.
»Phil, es ist, wie wir befürchtet hatten, der Rufus, er ist wieder aktiv! Die Leute sagen, er könnte kurz vor dem Ausbruch stehen.«
»Pack das Nötigste zusammen, wir müssen hier sofort weg!«
Sie rennen durch die Stadt. Auf den Straßen ist ein wildes Durcheinander von hektischen Menschen. Ein weiterer Paukenschlag lässt die Bühne vibrieren. Die Luft ist durchsetzt von kleinen roten Stofffetzen. Alle Darsteller bewegen sich nun wie in Zeitlupe.
»Nein«, haucht Maria neben mir.
Mina läuft von der Seite in die unwirkliche Szene hinein und kommt vor Phil zum Stehen.
»Es ist an der Zeit, ... verliere die Welt, erlange die Freiheit.«
Mit einem Mal löst sich Phil aus der Zeitlupenbewegung und schaut sie ruhig an.
»Jetzt erkenne ich dich. Du bist Mina!«
»Ja, und du bist Alex«, erwidert sie. Er nickt.
Ich bin verwirrt. Natürlich ist das Mina, aber wer ist Alex? Phil wendet seinen Blick in das Publikum. Mit einem Ruck springt er plötzlich von der Bühne.
»Es ist nur ein Theaterstück!«, ruft er und rennt durch die Zuschauerreihen. »Nur ein Theaterstück!«
Das Bühnenlicht erlischt. Der Hauptvorhang fällt herab. Es bleibt nur die Dämmerung und totale Stille. Im Theater sind verwirrte und teilweise erschreckte Blicke zu erahnen. Dann, wie die ersten Tropfen eines heraufziehenden Sommerregens, fallen vereinzelte Klatscher; immer mehr stimmen ein, scheinen kurz einen Rhythmus zu finden, bis alles zu einem tosenden Applaus anschwillt. Der Vorhang hebt sich. Die Bühne wird erleuchtet und die aufgereihten Darsteller verbeugen sich. Will springt neben mir auf und macht sich auf dem Weg zur Bühne.
»Ja, das war fraglos ein überraschendes Ende«, bemerkt Maria. »Ich weiß nicht, war es nun ein trauriges oder doch eher hoffnungsvolles Stück?«
Ich bemerke einige Regentropfen auf meinem Arm.
»Angesichts dessen, dass wir hier in der Nähe eines Wasserfalls und nicht eines Vulkans leben, stimmt es mich eher hoffnungsvoll.«
»Ja, es ist eben eine Frage der Perspektive«, erwidert sie und schaut blinzelnd in den Himmel, dann schüttelt sie den Kopf. »Aber ich will die Welt nicht verlieren, ich finde sie gut, so wie sie ist.«
Ihr Gesicht ist so nahe, dass ich ihren Atem spüre.
»Aber nichts ist für immer, alles ändert sich irgendwann.«
Sie lächelt. »Aber im Moment doch nur zum Guten.«
»Ach, da seid ihr ja noch«, höre ich Will hinter mir. »Mina und ich wollen noch in das Lokal vorn am Brunnenplatz. Wollt ihr nicht mitkommen?«
»Sicher«, erwidert Maria.
Das Lokal ist gut gefüllt, wir finden dennoch einen freien Tisch. Mina, immer noch in ihrem weißen Bühnengewand, wird mit einem kleinen Applaus begrüßt, sie lacht herzhaft und wirkt beinahe etwas verlegen. Von einem der anderen Tische tönt ein Lied herüber, sie stoßen mit ihren Gläsern an und brechen in Gelächter aus. Der Regen prasselt auf das Dach der Veranda, die Tropfen ziehen feine senkrechte Linien, die hier und da im Schein der gelben Laternen durch die Dämmerung flirren. Es liegt ein Geruch von frischem Gebäck und Mandeln in der Luft.
»Mina, ich bin über das Theaterstück wirklich erstaunt«, betone ich. »Die Welt von Phil hatte so viel — wie soll ich sagen — Dinge, mit denen wir in Memoria eher nicht vertraut sind, so als ... wenn sich doch jemand wieder erinnert hätte.«
Sie nickt. »Ja, wir haben einiges an Material im Depot gefunden, eine unsagbare Inspirationsquelle, sag ich euch. Wusstet ihr, dass Will die Rolle des Anklägers angeboten wurde? Aber er wollte nicht.«
Will nippt kurz an seinem Getränk.
»Bin halt kein Schauspieler, ... ist quasi nich‘ meine Richtung.«
»Was meinst du mit: im Depot gefunden?«, frage ich. Maria streicht mit dem Finger über den Rand ihres Glases.
»Im Depot sammeln wir alle Gegenstände, die wir so dabei hatten, als wir hier in Memoria aufgewacht sind«, sagt sie.
»Jules hat mir gestern eine Schublade voll mit Handys gezeigt, ... aber das ist nicht das Depot?«
»Nein«, erwidert sie, »die meisten Geräte aus dem Depot sind mittlerweile bei Jules. Keines von ihnen funktioniert mehr, und er wollte herausfinden weswegen. Das Depot befindet sich im Auditorium, es ist ein kleines Zimmer rechts vom Foyer.«
Mina winkt jemandem zu.
»Joseph, kannst du uns noch einen Krug von dem Gerstenwein bringen? Ach, und natürlich einen Mohnkuchen für uns — das wär ganz lieb«, ruft sie. »Wo waren wir? Ach ja, das Depot, dort haben wir auch ein paar alte Bücher. Das Theaterstück basiert freilich nicht direkt auf einem davon, aber die verschiedenen Schauplätze und so einige Ideen — wie die Szene mit der Gerichtsverhandlung — beruhen schon auf der einen oder anderen Geschichte.«
»Und Paul, was befand sich damals in deinen Taschen?«, fragt Will.
»Ich hatte ein Notizbuch dabei. Voll mit Listen und Abkürzungen, die ich nicht recht verstehe. Leider habe ich es wohl irgendwo oben am Wasserfall verloren.«
Maria schmunzelt. »Nun ja, wenn du damit nichts mehr anzufangen weißt, dann kannst du ja auch darauf verzichten.«
Ich merke, wie mir unwohl bei dem Gedanken ist, das Notizbuch aufzugeben. Irgendetwas, irgendein Hinweis könnte dort vielleicht enthalten sein. Joseph taucht mit der Bestellung an unserem Tisch auf.
»Mina, da hast du aber Glück, das ist mein letzter Mohnkuchen für heute«, sagt er und stellt einen großen Teller vor uns ab. Darauf befindet sich ein kreisrunder Kuchen, umgeben von einigen kleinen Schalen, die mit verschiedenfarbigen Soßen gefüllt sind. Will nimmt sich ein Stück und tunkt es in eine der Schalen.
Mina lacht. »Wie süß von dir, dass du mir immer einen zurückhältst. Übrigens, ich hab ganz neue Stoffmuster, die passen vorzüglich zu deiner Einrichtung. Komm einfach vorbei«, sagt sie und prostet ihm zu.
Will zeigt auf das dunkelbraune Gebäck.
»Paul, probiere ein Stück mit der Pilzsoße, das ist so lecker ...«
»Pilzsoße? Naja, solange sie nicht aus dem Depot kommt.«
Ich nehme ein kleines Stück, tunke es in die Soße und koste davon.
»Also«, sagt Will zögerlich, »quasi ... kommt sie schon von dort.«
Ein leicht fauliger Geschmack breitet sich im Mund aus, und ich schlucke das Stück widerwillig herunter. Es bleibt mir im Hals stecken, und ich muss husten.
»Das Rezept meine ich natürlich, nicht die Pilze«, fügt Will hinzu.
»Die Soße ... schmeckt wirklich wie hundert Jahre alt«, erwidere ich räuspernd.
Mina fängt schallend an zu lachen, und kurz darauf lachen wir alle. Maria meint, dass sie die Pilzsoße auch widerlich finde und ich es mit der Honigsoße probieren solle. Nachdem ich sie koste, verstehe ich, warum der Mohnkuchen hier so beliebt ist. Auch wenn die dunkelbraune, körnige Struktur dem ähnelt, was ich mit Mohnkuchen verbinde, scheint der Geschmack nicht dazu zu passen. Er ist fruchtig, herb und besitzt eine süße Schärfe, die mich an Zimt erinnert.
Wir diskutieren über das Theaterstück und stellen fest, dass jeder eine andere Auffassung davon hat. Für Mina war es ein Riesenspaß. Will meint, dass er es sehr spannend fand und sich frage, ob Phil nicht hinunter zum Baum hätte tauchen können. Maria mochte das Ende nicht, es hätte die Leute zu sehr erschreckt. »Phil hat einmal zu viel die Welt verloren«, meint sie. Ich erwidere, dass ich es gerade deswegen so gut fand und es zum Nachdenken anregt, da Phil mit jedem Verlust auch immer etwas gewonnen hatte.
Der Kuchenteller leert sich schnell, und Joseph schenkt uns von dem Wein nach. Ich erzähle, dass ich an Marias Grübchen erkennen kann, ob sie gleich lachen wird.
»So wie zum Beispiel jetzt!«, meine ich.
Die Blicke springen zu Maria, und sie lächelt breit. Mina winkt ab und wirft ein, dass sie an Wills Ohren erkennen könne, ob er gleich niesen werde. Dann schaut sie betont auf sein Ohr und meint: »Nein, wird er nicht.«
Will blickt sie verwirrt an.
»Seht ihr!«, meint sie schließlich.
Wir brechen wieder in Gelächter aus. Ich nehme mein Glas und lehne mich zurück. Eine wohlige Stimmung breitet sich in mir aus. Es ist einer dieser Abende, die nie zu Ende gehen sollten. Solche Momente müsste man einrahmen und ins Bona-Fama stellen, damit sie jeder erleben kann.
Am Ende der Welt
(:| )
»Da drüben muss es irgendwo sein!«, meint Will und zeigt auf die gegenüberliegende Seite des Flusses. Die Luft ist durchsetzt von feinen Staubpartikeln. Die Sonne durchdringt den diesigen Schleier in einer Kaskade von leuchtenden Ringen und taucht die Landschaft in goldgelbe Schattierungen.
»Ich war noch nie so weit weg von Memoria«, sage ich und umklammere krampfhaft den Griff am Sitz, da der Tog heftig hin und her wippt. Die Strecke ist uneben und mit Geröll bedeckt. Ungeachtet dessen rast Will mit Höchstgeschwindigkeit über die Landschaft.
»Ich war schon n‘ paar Mal so weit draußen, aber das ist lang her«, erwidert er.
»Ich wusste nicht, dass der Tog so schnell sein kann«, sage ich mit bewusst besorgter Stimme.
Sein Blick springt kurz zu mir.
»Bin ich dir zu schnell?«
»Das ist hier nicht gerade eine Rennstrecke, Will«, erwidere ich, während mein Kopf hin und her wippt. Er grinst und reduziert die Geschwindigkeit. Der diesige Himmel öffnet sich etwas, und ein blasses Blau tritt fleckig hervor.
»Ist dir aufgefallen, dass die Wolken immer nur in eine Richtung ziehen, ganz egal wie hier der Wind weht?«, frage ich.
»Glaub‘ Jules erwähnte das womöglich mal. Wieso? Sollte das ein Problem sein? Bin ja kein Metronom oder so was.«
»Meteorologe, meinst du. Seltsam erscheint es mir schon.«
Wir passieren ein Waldgebiet und fahren einige Zeit lang parallel zum Fluss.
»Dort kommen wir mit dem Tog sicher rüber«, meint er und zeigt auf eine flache Uferböschung.
»Mit dem Tog?«
»Ach so, ja ... der Tog kann quasi auch über Wasser fahren. Nicht grad schnell, aber es reicht, um nen Fluss zu durchqueren.«
Er steuert direkt in das Gewässer hinein. Mit einem schwankenden Ruck lösen wir uns vom Boden, treiben kurz dahin, bis sich die Räder etwas herausschieben. Hinter den Reifen kommen schmale Schaufeln zum Vorschein. Der Fluss ist an dieser Stelle knapp zwanzig Meter breit, aber die Strömung ist sehr schwach. Nur wenig später erreichen wir das gegenüberliegende Ufer.
»Wie erkennen wir eigentlich das richtige Erz?«, frage ich.
»Sid meinte, es sei ein dunkelblaues, kantiges Gestein.«
»Kantig? Sind das nicht nahezu alle Steine?«
»Ja, das habe ich ihm auch gesagt. Er meinte, es platzt halt in so kantigen Scheiben ab.«
»Vielleicht hätte Sid besser mitkommen sollen«, bemerke ich.
»Sid? Der hat für solche Streifzüge kein‘ Nerv.«
Auf der linken Seite, wo sich zwei Hügelflanken treffen, bricht der Boden in eine flache Felsformation auf. Verdorrte Büsche ragen zwischen den Spalten des Gesteinfeldes hervor. Einige Meter darüber schimmert eine glatte Abbruchkante bläulich im Sonnenlicht. Ich deute in die Richtung. Will nickt und beschleunigt. Ich muss mich wieder am Griff festhalten, um nicht aus dem Sitz geschleudert zu werden. Mit einer schnellen Bewegung lenkt er schlagartig ein und bremst ab. Der Tog driftet seitwärts und kommt kurz vor der Felsebene zum Halt. Wir steigen aus, und ich nehme die Hacke von der Lade des Togs. Ein kleiner Absatz führt uns hinauf auf den untersten Felssockel. An einem breiten Riss klettere ich etwa einen Meter hinunter und schlage dosiert auf die Kante. Ein Teil platzt als schmale Scheibe ab. Will hebt sie auf und hält sie ins Sonnenlicht. Die Bruchstelle ist übersät mit bläulich schimmernden Partikeln.
»Das ist es!«, sagt er und nimmt mir die Hacke aus der Hand. Er schlägt mit viel Schwung auf die Felskante, und es platzen weitere Stücke ab. Eine Bewegung im Augenwinkel lenkt mich ab; oben auf dem Hügel — eine Gestalt? Mein Blick schweift prüfend über den Felskamm. Hinter mir schlägt Will krachend den nächsten Brocken ab.
»Will, warte mal ... dort oben!«, bemerke ich und zeige auf die Stelle.
»Was ist da?«
»Ich weiß nicht, eine Bewegung.«
»Ach, sicherlich nur ein Vogel.«
»Nein, so hat das nicht ausgesehen, ... ich werd mir mal von dort oben einen Überblick verschaffen.«
Will wischt sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.
»Okay.«
Von der Felsebene aus klettere ich den Anstieg hinauf. Hin und wieder muss ich einen Absatz erklimmen. Aus der Entfernung höre ich, wie Will weiter die Steine zerkleinert. Ebene für Ebene arbeite ich mich in einer Schlangenlinie hoch, schließlich erreiche ich die oberste Kante der Anhöhe. Das Plateau ist völlig eben, als wäre die Hügelspitze mit einem großen Messer abgeschnitten worden. Der Bergrücken verläuft in einem leichten, lang gezogenen Gefälle herab. Eine weite Landschaft öffnet sich vor mir. Gewundene Bäume mit rotbraunen Blättern formen einen dichten herbstlich anmutenden Wald. Er erstreckt sich vom Horizont in einem breiten Band bis zu einer seltsamen, weißen Fläche unten im Tal. Schnee? Nein, so rapide kann sich die Temperatur von der hier nicht unterscheiden. Immer wieder versetzt mich die Umgebung in Erstaunen. Mitten in der weißen Ebene blitzt etwas in der Sonne auf. Ein Gebäude? Ich beschatte mit der Hand meine Augen. Ein Brunnen? Hier draußen?
»Will, das musst du dir ansehen!«, rufe ich. In diesem Moment sehe ich ihn über die Kante des Plateaus klettern.
»Was zum ... ist das Schnee?«, fragt er schnaufend und stützt sich mit den Händen auf seinen Knien ab.
»Ich weiß nicht, siehst du den Zylinder ... dort?«
»Ach, ein Brunnen? Maria hat mal davon gesprochen, das wird er sicher sein.«
»Soweit ich sehe, gibt es keine Häuser«, meine ich. »Aber der Brunnenbereich könnte sich bis in den Wald hinein erstrecken.«
»Mit Sicherheit«, erwidert Will.
»Was meinst du, kommen wir hier irgendwie mit dem Tog herauf?«
Er blickt zurück in Richtung des Vehikels.
»Sieh an, jetzt wird unser Ausritt womöglich doch noch spannend. Also an dieser Stelle ist es unmöglich, ... aber da drüben, wo die Felsen aufhören, müsst‘ es klappen.«
Als wir nach dem Abstieg wieder beim Tog ankommen, nehme ich den Behälter für das Erz, und wir sammeln die abgeschlagenen Brocken ein.
»Das sollte wohl reichen«, meint Will.
»Wenn das Erz in Ordnung ist, müssen wir hier sicher öfters herkommen«, bemerke ich.
Er nickt. »Ist kein Problem, für den Tog gibt‘s nen Anhänger, und wir würden sicher auch n‘ bisschen Verstärkung bekommen.«
Kleine Wolken ziehen vereinzelt über den dunstverschmierten, blassblauen Himmel. Die Sonne steht im Zenit, aber von ihrer Wärme gelangt nur ein Bruchteil hindurch. Ich verstaue das Erz auf der Ladefläche und setze mich in den Beifahrersitz.
»Mit dem Erz an Bord sind wir noch schwerer, hoffentlich schaffen wir so die Steigung«, meine ich.
Will fährt eine Schleife und richtet den Tog zum Hügel aus.
»Nur eine Frage des Schwungs«, erwidert er und drückt den Steuerknüppel bis zum Anschlag nach vorne. Die Beschleunigung bleibt jedoch zunächst verhalten. Der Motor surrt und wir werden beständig schneller. Obwohl der Untergrund hier sehr eben ist, schüttelt es uns zunehmend durch. Ich stütze mich mit beiden Füßen im Innenraum ab und drücke mich so in den Sitz. Die Steigung wird immer stärker, dennoch beschleunigen wir weiter. Die Steine klappern im Behälter. Vor mir sehe ich nur noch den trüben Himmel.
»Festhalten!«, ruft Will.
Das Surren ist zu einem hochfrequenten Pfeifen geworden. Der Tog erzittert. Ein schwereloses Gefühl im Magen. Das Vehikel neigt sich, und das Blassblau in der Frontscheibe wird vom Erdbraun des Untergrunds verdrängt. Ein Schlag! Mein Kinn stößt auf das Knie. Die Federung des Togs nimmt dem Aufprall einen Großteil der Wucht. Er bremst ab und ballt die Faust.
»Ja!«
»Will, du solltest mich bei solchen Aktionen besser vorwarnen.«
»Wieso? Hat doch bestens geklappt.«
Aber selbst sein Abenteuerdurst wurde offenbar vorerst gestillt. Mit gemächlicher Geschwindigkeit nähern wir uns der großen, weißen Fläche.
»Das ist kein Schnee«, sage ich, als wir mit dem Tog über den weißen Untergrund fahren.
»Salz, oder?«, erwidert er.
Seitdem wir den Hügel überquert haben, ist der Himmel klar, nahezu wolkenlos, keine Spur mehr von den verhangenen Staubschleiern. Die Temperatur ist deutlich angestiegen, und die Sonne brennt merklich auf der Haut. Je näher wir dem silbernen Zylinder kommen, desto häufiger tauchen quadratische Senken in dem Salzboden auf. Einige sind nur Zentimeter tief, andere sicher über einen Meter. Die Szenerie erinnert an ein vor langer Zeit zerfallenes Dorf, das nun unter einer dicken Salzschicht begraben liegt. Will umfährt geschickt alle Vertiefungen und Furchen, bis wir nicht weit entfernt vom Brunnen anhalten und aussteigen. Auf der Konsole sind rot leuchtende Linien zu erkennen.
»Keine Globen!«, meint Will, nachdem er einen Blick ins Becken wirft.
»Offenbar ist er nicht aktiv, aber auch nicht ausgeschaltet. Auf unserem Brunnen habe ich noch nie solch rote Anzeigen gesehen«, bemerke ich.
Will zieht die Achseln hoch. »Weiß nicht ... hab noch nie drauf geachtet.«
Wir stehen vor dem Zylinder, inmitten der weißen Ebene und schauen auf die flimmernde Darstellung.
»Moment, das ist eine Karte. Dort ist der Wasserfall und da ragt das Plateau heraus, siehst du?«, meine ich.
»Ja, sieht so aus.«
Die Perspektive der Karte ändert sich.
»Was ist das? Dort oben auf dem Wasserfall — ein Turm?«
»Ich weiß nicht«, erwidert er.
»Will, gibt es einen Zugang bis dort oben hinauf?«
»Glaub‘ nicht. Hab nie nachgeschaut, dachte, da sei nur Wasser.«
Die Karte flackert und erlischt plötzlich. Ein markdurchdringender Knall breitet sich aus — meine Ohren schmerzen. Ich zucke zusammen, möchte mich drehen, aber meine Beine sind vom Schock wie gelähmt. Ich falle in der Drehung nach hinten und lande auf dem Salzboden. Ein Mann mit zerzausten, braungrauen Haaren und notdürftig geflickter Kleidung, steht in etwa zehn Meter Entfernung vor uns und schaut uns mit aufgerissenen Augen an. Er hält eine Pistole in Richtung Himmel und richtet die Waffe nun langsam auf uns aus. Will steht erstarrt neben mir.
»Salvento? Ich dachte ... das kann nicht sein«, stammelt er.
Die Augen des Mannes zucken. Sein Blick ist wirr auf den Boden vor uns gerichtet.
»Väterchen, lass sie einfach ... Reset, das ist meine Operation, wir hatten uns geeinigt ... «, murmelt der Mann. Ich raffe mich langsam vom Boden auf.
»Tut mir leid, ich verstehe sie nicht. Warum haben sie geschossen?«
»Wer hat euch geschickt?«, fragt er mit harter Stimme.
»Wir sind nur wegen des Erzes hier«, erwidere ich.
»Unsinn! Hier ist kein Erz. Hier ist nur Salz ... nur Salz.«
Will bewegt sich einen Schritt auf ihn zu. Salvento bemerkt es und richtet sofort die Waffe auf ihn.
»Salvento, wir kennen uns doch. Ich bin William, du erinnerst dich? Memoria?«
Der Mann lacht herablassend.
»Erinnern? Was weißt du denn schon? An was kannst du dich erinnern? Du bist auch nur ein Nuller, Hirntoter, Reseter. Mich fresst ihr nicht ... mich nicht!« Ein Schuss löst sich aus der Waffe. Salz staubt auf und wirbelt herum. Die Kugel muss einige Meter vor Will in den Boden eingeschlagen sein. Salventos Blick schweift orientierungslos umher. Er fasst sich an den Kopf, als hätte ihn dort etwas getroffen.
»Genau, die wissen nichts! Gar nichts ... Väterchen ... schick sie weg«, murmelt er.
Auch wenn mir Salvento dem Wahnsinn nahe scheint, ahne ich irgendwie, dass er doch mehr weiß als wir.
»Der Turm über dem Wasserfall, wie kommt man dort hin?«, frage ich, mit einer Schärfe, die mich selbst überrascht. Blitzartig richtet er die Waffe auf mich.
»Du bist neu, dich erkenne ich nicht ... noch nicht.«
»Ich bin Paul, und ich will wissen, was zum Teufel hier vor sich geht! Wo kommen wir her? Warum können wir uns nicht erinnern? Wo ist die Erde?«
Er lässt die Hand mit der Waffe zu Boden sinken. Seine Stimme wird weinerlich.
»Die Erde ... du würdest sie nicht mehr mögen ... unser alter Kumpel ... zerschunden ... zerschunden wie ein abgenutzter Schuh.« Er schüttelt den Kopf und sackt plötzlich zu Boden. »Anna! Ich ... ich konnte das nicht wissen«, ruft er.
Ich blicke zu Will.
»Wer ist Anna?«
»Seine Tochter, so denkt er. Sie ist aber nie hier aufgetaucht.«
»Also kann er sich erinnern?«
»Ich ... ich weiß nicht ... ich meine, schau ihn dir an.«
»Väterchen, lass mich nur machen, dann wird‘s besser ... besser Vergesser ... nur für den Moment.«
Er erhebt sich langsam, seine Haltung ändert sich. Er blickt um sich und wirkt erschreckt, als er die Waffe in seiner Hand bemerkt. Will läuft zwei Schritte vor, bleibt jedoch abrupt stehen, als Salvento die Pistole wieder auf ihn richtet.
»Will? Was wollt ihr hier?«, fragt Salvento mit weicher Stimme.
Will schaut mich stirnrunzelnd an.
»Wir sahen den Brunnen aus der Entfernung. Was machst du hier eigentlich? Wie kannst du hier alleine überleben?«, frage ich.
»Der Brunnen, hab mir dort ein Haus gebaut«, erwidert er und deutet zum Waldrand.
»Willst du nicht mitkommen? Nach Memoria?«
Er schüttelt den Kopf. »Nein, habe alles, was ich brauche. Ich komme vielleicht, wenn ich fertig bin.«
Will bewegt sich vorsichtig ein paar Schritte zurück.
»Wie du meinst.«
»Ja, ihr geht jetzt besser. Väterchen bleibt nie lange weg.«
»Gut, wir machen uns wieder auf den Weg. Ich bin übrigens Paul«, füge ich an.
Er nickt, dreht sich um und läuft geradewegs auf den Wald zu. Wir blicken ihm für eine Weile nach, bevor wir uns zurück zum Tog wagen. Salvento läuft unbeirrt weiter und beachtet uns nicht mehr. An seinen Händen ist zu erkennen, dass er wieder mit sich selbst spricht.
»Nichts wie weg hier«, meint Will.
Wir fahren für einige Zeit schweigend durch die Landschaft.
»Was hat es mit Salvento auf sich, und wieso besitzt er überhaupt eine Waffe?«, frage ich schließlich.
»Er hat zur ersten Gruppe gehört, baute Memoria mit auf, dann eines Tages ist er plötzlich durchgedreht, ... suchte nach Anna und konnte sie nicht finden. Faselte was davon, dass er zurück will, oder so.«
»Zurück? Zur Erde?«
Vor uns taucht wieder der Fluss auf. Will verringert die Geschwindigkeit und steuert den Tog in den Strom hinein.
»Erde? Paul, ich verbinde das hier — Memoria — damit. Sicher, mag sein, dass es womöglich eine Welt davor gab, eine von der wir kommen, aber das ist schon so lang her.«
Ich beneide ihn irgendwie. Dass ihm diese Ungewissheit, dieses Rätsel, so unberührt lässt. In mir erzeugt es eine zunehmende Unruhe. Fragen bohren sich in meinen Verstand; ich kann mich dem einfach nicht entziehen. Jeder Stein, jede Blume, jedes Gramm Staub ist voll von Fragen, welche sie mir stumm entgegen schreien.
»Wie ging es mit Salvento weiter?«
»Naja, er beruhigte sich, es schien, als wenn er wieder normal sei. Dann, eines Tages war er verschwunden, mit ihm der Tog und die Pistole aus dem Depot. Wir suchten tagelang, fanden aber nur, einige Kilometer außerhalb, den Tog, von ihm ... keine Spur. War mir sicher, dass er längst tot sei.«
»Denkst du, dass er sich wieder erinnern kann?«
»Ich ... glaub, dass er es glaubt. Paul, da stimmt offensichtlich was nicht mit seinem Gehirn.«
In der Entfernung tauchen die ersten gelben Häuser auf.
»Will, mit unser aller Gehirn stimmt etwas nicht, ansonsten müssten wir uns doch erinnern. Ob verrückt oder nicht, er brachte den Brunnen dazu, eine Karte vom Wasserfall anzuzeigen.«
»Okay, aber in so technischen Dingen war er ja schon immer gut.«
Kurz bevor wir Memoria erreichen, fällt mir mit einem Mal wieder mein Notizbuch ein.
»Lass uns doch gleich mal am Wasserfall nachschauen, dauert mit dem Tog ja nur ein paar Minuten«, höre ich mich sagen.
Er runzelt die Stirn. »Das wird Maria sicher nicht gefallen, ... aber egal. Ich kenne das, es wird dich eh nicht in Ruhe lassen, bis du es dir angeschaut hast.«
Mir fällt wieder ein, was Jules mir gesagt hatte, dass die Menschen hier aufgegeben hätten, so auch Will. Nur seine Abenteuerlust treibt ihn an. Nach Antworten sucht er längst nicht mehr.
Wir fahren vorbei an Memoria und den Getreidefeldern, bis zu dem Tunneleingang am Ufer.
»Wisst ihr, warum die Treppe eigentlich so beschädigt ist?«, frage ich.
»Sid vermutet, dass der ganze Berg instabil ist, er meinte was von: Verschiebung der Tektonik, oder so.«
Wir durchschreiten den Tunnel und betreten die Treppe. Der Wasserfall donnert hinter uns nieder.
»Diese ganze Konstruktion muss doch zu irgendetwas gut sein«, sage ich.
»Womöglich ist sie einfach nur wegen der schönen Aussicht da«, erwidert er.
Wir steigen den zweiten Treppenabsatz hinauf. Will befindet sich einige Stufen vor mir, als er eine hektische Handbewegung macht.
»Gibt es hier Spinnen? Ich glaub, ich hab grad eine verschluckt«, er spuckt, »äh ... ich hasse Spinnen.«
Er stolpert in seiner Bewegung, kann sich aber eine Stufe tiefer abfangen. Ich höre ein Knirschen; schlagartig gibt die Stufe nach. Er schreit auf, rutscht hinunter und greift nach dem Geländer. Nun biegt sich die Brüstung. Ich mache einen Sprung nach vorn, greife seinen Arm; er kippt mit einem Teil des Geländers von der Treppe und zieht mich mit. Ich verhake meine Füße in den Treppenstufen und kann ihn gerade noch halten. Frei hängend blickt er zu mir hoch.
»Paul, lass los!«
»Da sind noch knapp zwei Meter unter dir, denkst du, du kriegst das hin?«
»Klar, aber du musst runter von der Treppe, die gibt gleich nach!«
In diesem Moment höre ich ein Stakkato von dumpfen Schlägen. Ich lasse Will los. Mit einem Mal dreht sich die Treppe und schleudert mich herum. Ich kann mich an einer Querstrebe festhalten. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie sich etwas großes Metallenes rasch nähert ...
***
Feuerbrennendeshaus ... Glühendweißerturm ... Unseralterkumpel ... Schwarzgrauweiß ...
»Er kommt wieder zu sich!«
»Paul, wie geht es dir?«
»Maria?«
Ich blicke in große, braune Augen. Die Iris ist von gezackten, orangefarbenen Linien durchzogen — ein leuchtender Kranz, der die Pupille umläuft. Maria beugt sich über mich. Ich spüre ihre Hand auf meiner Schulter.
»Es hat dich ziemlich hart erwischt.«
Mein Kopf schmerzt. Meine Hand geht zur Schläfe. Ich bemerke einen Verband an meiner Stirn.
»Wo bin ich? ... Was ... ist passiert?«
Aus dem Hintergrund höre ich Wills Stimme.
»Am Wasserfall ... der Treppenabsatz kippte weg. Und du hast mir mal wieder die Haut gerettet ...«
Ich richte stöhnend den Oberkörper etwas auf.
»Wir haben dich erst mal zu mir gebracht«, sagt Maria. »Jules hat die Wunde versorgt und dir strikte Bettruhe verordnet.«
»Jules? Wie lange ...«
»Ein paar Stunden ... hast einige Male vor dich hingemurmelt«, meint Will.
»Ich ... hatte wirre Träume.«
Mir wird schwindelig und ich sacke zurück auf das Kissen. Es fällt mir schwer, die Augen offen zu halten. Ich höre, wie Maria aufgeregt mit Will redet, aber kann ihren Worten nicht mehr folgen. Sie streift mit der Hand über meinen Kopf.
»Ruh dich aus, Paul.«
***
Ein unruhiger Traum weckt mich. Ich richte mich schwerfällig auf. Die Welt um mich herum schwankt, scheint meinen Bewegungen nur mit einer Verzögerung zu folgen. Auf dem Bett sitzend konzentriere ich mich auf meine Füße, bis sich das Schwindelgefühl legt. Von der verspiegelten Schranktür vor mir starrt mich jemand mit einem Kopfverband und zerzausten Haaren an. Ich kann mich erinnern, dass mich irgendetwas auf der einstürzenden Treppe traf. Ich kann mich sogar daran erinnern, dass Will auf mich einredete, mich bis zum Tog stützte und ich dann zusammenbrach ... aber vielleicht war es auch nur Teil meines Traums.
Ich finde meine Kleidung auf einem Stuhl, ziehe mich an und verlasse das Zimmer. Vom Flur aus kann ich Maria in der Küche vor dem Herd stehen sehen.
»Danke, Maria, mir geht es schon viel besser«, rufe ich zu ihr herüber.
Sie stoppt kurz in ihrer Bewegung und rührt dann weiter in dem Topf herum.
»Hast du vielleicht etwas von deiner Suppe übrig?«, frage ich.
»Schön, dass es dir besser geht, Paul. Ich kann dir etwas frisches Hon-Ragout anbieten«, erwidert sie, ohne mich anzuschauen.
»Gern, ich kann mich vor Hunger kaum auf den Füßen halten.«
»Kein Wunder, das war fraglos ein schwerer Tag für dich.«
Ich richte mir den Verband.
»Will hat mir von Salvento erzählt«, fügt sie an. »Unglaublich! Wie kann er so verwirrt da draußen überleben?«
Sie zeigt auf den großen Tisch und nimmt den Topf vom Herd. Ich setze mich auf die Bank.
»Vielleicht ist er nicht so verwirrt, wie es scheint«, erwidere ich. »Hat dir Will auch von der Karte vom Wasserfall auf der Konsole erzählt?«
»Ja, seltsam. Ich bekomme nur eine Karte von der Stadt. Wieso sollte der Brunnen eine Ansicht vom Wasserfall anzeigen? Soweit reicht er ja gar nicht.«
Sie stellt zwei Schalen hin, setzt sich neben mich und füllt sie auf. Ich schlinge das Ragout förmlich in mich hinein.
»Auf der Karte hat es so ausgesehen, als wenn es einen Turm oben über dem Wasserfall gibt«, sage ich mit vollem Mund.
»Paul, darüber wollte ich mit dir reden.«
»Über den Turm?«
»Du musst damit aufhören!«
»Womit?«
»Es ist dort zu gefährlich, um irgendwelchen Hirngespinsten nachzujagen.«
»Hirngespinst? Die Karte war deutlich zu sehen.«
»Ach ... du hast nur gesehen, was Salvento dort in seinem Wahn eingegeben hat. Er besitzt ein Talent für die Geräte hier, und nun baut er sich seine eigene Traumwelt.«
»Traumwelt? Das glaube ich nicht. Aber selbst wenn, wir müssen es herausfinden. Es ist sicher eine Erkundung Wert.«
Maria steht auf und räumt das Geschirr vom Tisch.
»Nein Paul, das ist es nicht!«
»Wie kannst du das sagen? Wir müssen doch jede Chance nutzen.«
Sie blickt mich ernst, beinahe zornig, an.
»Das führt zu nichts. Bitte gib es auf. Akzeptiere, dass du jetzt hier bist ... in Memoria. So schlecht geht es uns doch nicht, oder?«
Ich schüttle den Kopf.
»Nein, ... mir gefällt es hier, das ist es nicht.«
»Was ist es dann?«
»Ich will herausfinden, wie das alles zusammenhängt.«
Sie schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Warum?«
»Das ... das ist eben meine Natur. Ich kann nicht anders.«
»Deine Natur? Das bildest du dir nur ein. Woher weißt du, ohne dich zu erinnern, was deine Natur ist?«
»Ich ... ich glaube einfach, dass es wichtig ist herauszufinden, was passiert ist.«
Sie schüttelt den Kopf.
»Irgendwann geht dabei noch jemand drauf und was ist dann? — Deine Natur ist Mist!«, sagt sie aufgebracht, öffnet die Tür und verlässt das Haus.
Ich sitze eine Weile fassungslos am Tisch. Wie kann sie so etwas sagen? Wie kann sie nur so starrsinnig sein? Schließlich folge ich ihr nach draußen. Auf dem Platz befinden sich einige Leute, aber ich habe keine Lust, sie nach Maria zu fragen. Auf dem Weg zum Bellusplatz kreisen meine Gedanken endlos um die rote Karte, um Salvento und um Maria.
***
Ich versuche, mich nach einer unruhigen Nacht mit der Einrichtung meiner Wohnung abzulenken. Ich hänge ein paar Bilder auf und räume meine Möbel um. Dennoch muss ich immer wieder über die Geschehnisse der letzten Tage nachdenken. Ich muss Jules zustimmen, die Menschen in Memoria suchen keine Antworten mehr. Eine Stimme erschallt vor dem Haus und reißt mich aus den Gedanken.
»Paul, bist du da?«, ruft jemand und klopft gegen die Tür.
Ich gehe auf den Balkon und blicke hinunter.
»Sid? Was hat dich aus der Schmiede geholt? Komm ruhig rein«, erwidere ich und bin über die willkommene Ablenkung froh.
»Nimm doch Platz«, sage ich, als ich ihn im Wohnzimmer begrüße und zeige auf einen Sessel. Seine Augen wirken geschwollen. Einige Haarbüschel stehen ihm zu Berge und einer seiner Ärmel ist hochgekrempelt. Er wird die Nacht über sicher nicht geschlafen haben. Ich biete ihm etwas zu trinken an, aber er lehnt dankend ab.
»Paul, dein Erz ...«, meint er und ringt um Worte.
»Hat es funktioniert? Keine Strahlung mehr?«
»Sozusagen ... aber ... also ... ich machte einen ersten Testlauf ... also mit dem Erz, meine ich. Ja, und alles lief wie geplant. Die Strahlungswerte waren normal ... also beinahe null. Toll, dachte ich, wir haben das Problem gelöst. Ich nahm eine zweite Probe ... also von dem Erz. Alles schien genauso zu laufen ... bis ... ja, bis ... «, stammelt er und fährt sich ununterbrochen mit den Händen durch die Haare, »die Schmiede verrücktspielte.«
»Verrücktspielte?«
»Alle Systeme gingen mit einem Mal aus. Ich stand sozusagen im Dunkeln ... aber nur kurz, ... da liefen plötzlich rote Symbole über die Konsolen. Ja, und dann ... dann begann die Transformation ...«, erklärt er und schnappt nach Luft. Ich setze mich ihm gegenüber.
»Transformation ... zu was?«
»Ich sage dir, ... ich war in Panik. Die Wände und der Boden bewegten sich, und es gab einen Höllenlärm. Ich dachte, jetzt stürzt alles ein, ich rannte, rannte einfach raus.«
»Vielleicht ein Erdbeben?«
Er schüttelt den Kopf.
»Die Schmiede ... du musst sie dir anschauen, die ist jetzt größer und drinnen gibt es neue Konsolen mit gelber Beleuchtung.«
»Und das alles wegen dem Erz?«
Er zieht nervös an seinem Kragen herum.
»Kann ich jetzt doch was zu trinken haben?«
»Natürlich«, erwidere ich und gieße ihm einen Saft ein.
»Ich habe sozusagen die ganze Nacht darüber gebrütet. Ich analysierte das Erz. Konnte zuerst nichts Besonderes finden, also machte ich einen weiteren Test mit einer dritten Fuhre.«
»Nach der Transformation? Also funktioniert die Schmiede noch?«
Er nickt. »Ja, also — Mann, hatte ich ein‘ Schiss —, aber ich musste es probieren. Lief planmäßig. Und beim Schmelzen fiel es mir dann auf: In einigen Erzbrocken sind Kristalle gewachsen.«
»Und ... das ist nicht gut?«
»Verunreinigungen ... normal, eigentlich kein Problem für die Schmiede. Diese Kristalle jedoch ... also ... halt mich für verrückt, aber ich glaube, da ist so was wie eine Nachricht eincodiert. Also ... nicht für uns, sondern ... verstehst du? Die Schmiede liest sie und bum!«, sagt er und greift zu seinem Glas.
Eine Zeit lang verharren wir sprachlos. Er wirkt immer noch völlig mitgenommen von den Ereignissen. Mir kommt das alles weit hergeholt vor, aber er ist einfach nicht der Typ, der wild spekuliert.
»Eine Codierung? Also künstlichen Ursprungs?«
Er zieht die Schultern hoch.
»Ich weiß ... das klingt sicher, ... aber in dem Kristall sind strukturelle Abweichungen«, meint er und gestikuliert mit seinen Händen, »sozusagen aus dem Raster gedreht.«
»Und das bedeutet?«
»Das ... ich ... ich hab keine Ahnung. Sieht jedoch nicht so aus, als wenn die Kristalle künstlich erzeugt wurden. Sie sind so ... ja ... gewachsen, obwohl das auch nicht sein kann«, erklärt er kopfschüttelnd und nimmt einen Schluck aus dem Glas.
»Vergiss nicht, dass wir uns wahrscheinlich nicht mehr auf der Erde befinden. Also könnte es schon sein, dass die Dinge hier anders aufgebaut sind«, erwidere ich.
»Das hast du von Jules, richtig? Also, ich glaube das nicht. Das hier ist die Erde. Wir haben nur vergessen, was passiert ist.«
»Ach, und die 28 Stunden?«
»Es sind 27 Stunden und 44 Minuten. Hab‘s für die Einrichtung der Zeitanzeige auf den Qs genau gemessen. Irgendwas ist mit der Erde passiert, vielleicht ist sie von etwas getroffen worden.«
»Und dabei ... haben wir alle unsere Erinnerung verloren?«
»Ja, so in etwa.«
»Was ist mit der Schmiede? Funktioniert sie noch?«
»Besser als zuvor. Ich hab eine der gelben Konsolen untersucht, jede Menge an neuen Bauplänen. Da tun sich ganz neue Möglichkeiten auf.«
»Inwiefern?«
»Also, ich muss mir das noch genauer anschauen, aber ich glaube, wir können nun Rohstoffe auf molekularer Ebene umformen.«
Ich nicke. »Und das alles wegen dem Erz«, murmele ich.
»Sozusagen«, erwidert er. »Ach so, das hätte ich beinahe vergessen. Als die Schmiede verrücktspielte, produzierte sie plötzlich etwas.«
Ich blicke ihn fragend an. Er holt etwas aus seiner Jackentasche.
»Drei von denen«, sagt er und legt es auf den Tisch.
»Ein gelber Glob? Was soll das bedeuten? Hast du ihn schon ausprobiert?«
Er schüttelt den Kopf.
»Nein, war erst mal genug Aufregung. Hab mir nur die Protokolle angeschaut. Wahrscheinlich besitzen sie ne höhere Energiedichte.«
»Kann ich den behalten?«, frage ich.
»Sicher.«
»Weiß Maria schon davon?«
»Nein. Sie war nicht zu Hause.«
Ich erzähle ihm von dem Streit mit Maria. Er meint, dass mir in einigen Jahren sicher auch die Motivation ausgehe, herausfinden zu wollen, was passiert sei. Früher oder später würde ich eine Beschäftigung finden, so erklärt er, dann wäre dies einfach wichtiger. Ich sage ihm, dass ich noch auf der Suche sei. Er meint, wir sollten Salvento wieder zurückholen, weil, ob verrückt oder nicht, er brillant sei und wir ihn brauchten. Dann reden wir über das Theaterstück. Er erklärt mir, dass er es nicht verstand, mittendrin einschlief und vom Applaus am Ende aufgewacht sei.
Nachdem er gegangen ist, fühle ich mich sogar noch verwirrter als zuvor. Mir rauscht das Blut in den Ohren, und meine Wunde schmerzt. Ich lege mich auf das Sofa. Zu viele Dinge gehen mir durch den Kopf, zu viele lose Enden. Bei dem Versuch, alles noch einmal zu durchdenken, verschwimmen die Bilder zu einem Strom, der sich in meinem Kopf ausbreitet. Ich folge für einige Zeit dieser oder jener Idee, aber zunehmend verblassen meine Gedanken. Die Bilderflut versiegt und das angenehme Gefühl des Loslassens breitet sich aus.
***
Vogelgezwitscher weckt mich. Obwohl ich die Nacht auf dem Sofa verbracht habe, fühle ich mich erholt und klar wie seit Tagen nicht mehr. Ich dusche mich und frühstücke etwas. Vom Balkon aus genieße ich die Morgensonne auf meinem Gesicht. Die Ruhe in meinem Kopf verblüfft mich, vielleicht finde ich mich nun doch so langsam mit den Rätseln in dieser Welt ab. Ich merke, wie die Helligkeit hinter meinen geschlossenen Augenlidern abnimmt. Dicke Wolkenschichten schieben sich vor die Sonne. Und erneut bewegen sie sich in dieselbe Richtung. Mit einem Mal wird mir klar, was ich zu tun habe. Ich muss mich auf den Weg entgegen der Zugrichtung der Wolken machen. Ich muss herausfinden, was Jules mir sagen wollte. Dafür werde ich den Tog brauchen. Will? Nein, ich möchte nicht, dass er noch mehr Ärger bekommt. Ich bin auch nicht in der Stimmung zu diskutieren. Ich muss nun handeln. Und Maria? — Sie wird es sicher irgendwann verstehen.
Pulsuz fraqment bitdi.