Kitabı oxu: «MORLOCK»

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Morlock - Mordgeschichte um einen Mordsfußballer

1. Auflage, erschienen 6-2021

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Rolf Gröschner und Wolfgang Mölkner

Layout: Romeon Verlag

ISBN (E-Book): 978-3-96229-804-3

www.romeon-verlag.de

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Morlock

Mordgeschichte um einen Mordsfußballer

von Rolf Gröschner und Wolfgang Mölkner

Inhaltsverzeichnis

Die Autoren

1. Der 4. Juli 1954

2. Blutspur vor Morlocks Lottoladen

3. Erpressung zweier Zeugen

4. Treffpunkt „Grüner Baum“ in Fürth

5. Max Morlock – ein „Mordsfußballer“

6. Mike und Robert in New York

7. Frankenderby

8. Anni, Mike und Robert

9. Anni und die Quelle

10. Familie Frank

11. Fremdenführung in Nürnbergs Altstadt

12. Geheime Dienste

13. Vergebliches Warten

14. Linie 21

15. Stollenschuhe

16. Pressearbeit

17. Mord ohne Leiche?

18. Fund auf der Fürther Hardhöhe

19. Morlocks Anstoß

20. Das Urteil des Schwurgerichts

Die Autoren

Rolf Gröschner, promovierter und habilitierter Jurist, war von 1993 bis zur Emeritierung 2013 Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Universität Jena.

Wolfgang Mölkner, promovierter Philosoph, war von 1977 bis zur Pensionierung 2013 Gymnasiallehrer für Deutsch, Religion und Philosophie.

1. Der 4. Juli 1954

„Aus! – Aus! – Aus! – Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“

Es war Max Morlock, der die deutsche Mannschaft durch sein Tor zum 1:2 auf den Weg zur Weltmeisterschaft gebracht hatte – mit der Stiefelspitze, im Spagat und „mit allerletzter Kraft“, wie Herbert Zimmermann das „Anschlusstor“ in der Rundfunk- und Fernsehübertragung aus Bern kommentierte.

Das vierfache „Aus“ nach dem Schlusspfiff übertraf in seiner legendär gewordenen Leidenschaft sogar den vierfachen Torschrei nach dem 3:2 durch Helmut Rahn („Tooor! – Tooor! – Tooor! – Tooor!“). Freudentänze in ganz Fußballdeutschland waren die Folge und knallende Sektkorken keine Seltenheit.

Auch in der Pillenreuther Straße in Nürnberg wurde an diesem denkwürdigen Sonntag des 4. Juli 1954 gefeiert und eine Flasche „Rüttgers Club“ aus dem Kühlschrank geholt. Georg Meier und seine Frau Elisabeth nannten es einen „feinen Durst“, um sich zu besonderen Gelegenheiten ein Glas Sekt gönnen zu dürfen. „A Mordsfußballer isser scho, der Max. Lou mer also den Korgn gnalln!“

„Georg, du weißt, wie unschön ich diesen Nürnberger Dialekt finde. Du fällst immer dann in ihn zurück, wenn dich etwas aufregt oder begeistert. Das schreckliche „lou“ statt „lassen“ habe ich zum Glück schon lang nicht mehr gehört.“ Elisabeth stammte aus Hannover und behauptete, dort werde das reinste Hochdeutsch gesprochen. Georg war geborener und bekennender Nürnberger und als solcher „fei wergli“ stolz darauf, mit Max Morlock befreundet zu sein.

Was sein Nürnbergerisch betraf, hatte er seiner Frau versprochen, sich um Besserung zu bemühen – was ihm im Alltag durchaus gelang.

„Dann lou ich jetzt das Nürnbergern, lasse nicht den ‚Korgn“, sondern den ‚Korken‘ knallen und stoße nicht mit der fränkischen ‚Betti‘ an, sondern mit der hochdeutschen ‚Elisabeth‘ – auf unseren Nürnberger Meisterspieler, ohne den wir das Endspiel nicht gewonnen hätten.“ Während sie nur nippte, leerte er das Glas mit vier kräftigen Schlucken. Dann rief er „Alles Walzer“, nahm sie in Tanzhaltung in den Arm und legte in seinem Lieblingstakt einen für ihn weltmeisterlichen Tanz durch das Wohnzimmer hin.

„Rechts herum bist du wirklich ein guter Walzertänzer. Wir sollten für die nächste Stunde die Linksdrehung üben.“ Sie hatten einen Tanzkurs für Ehepaare gebucht, weil Georg – wie Elisabeth als talentierte Tänzerin festgestellt hatte – zwar über ein gutes Rhythmusgefühl verfügte, an seiner Tanzhaltung jedoch arbeiten musste. Er schenkte sich ein zweites Glas aus dem Hause Henkell ein. „Bitte keinen Sturztrunk“, mahnte sie, nahm selbst aber immerhin einen ganzen Schluck.

Sie spürte die Zuneigung, die im Blick ihres Mannes lag und erwiderte sie mit einem Lächeln, auf dessen Wirkung sie sich verlassen konnte. Die Gelegenheit war günstig, ein Anliegen vorzubringen, das ihrer Sensibilität für Sprache entsprang: „Weil du in Feststimmung bist, erlaube ich mir eine Bitte: Sag deinem Freund Max, er solle dich doch bitte nicht mehr „Gerch“ nennen. Das klingt für mich zu provinziell. Und ein Weltmeister sollte als Weltmann nicht die Namen der Provinz verwenden.“

Obwohl er sich darüber ärgerte, widerstand Georg der Versuchung, mit der „Provinz Hannover“ zu kontern. Stattdessen ging er auf die vorgeschlagene Tanzstundenübung ein: „Also alles Walzer links herum. Vorher darf ich aber erst einmal um die Ecke.“ Sie nickte und war erleichtert, nicht wie am Anfang ihrer Beziehung vor zwei Jahren hören zu müssen „lou mi amol um die Eggn“.

Auf der Toilette hörte er sie aufgeregt nach ihm rufen. Aus dem anschließenden Wortgewirr verstand er aber nur „Schluss“. Er nahm deshalb an, sich mit dem Händewaschen beeilen zu sollen. Zurück im Wohnzimmer, sah er sie am Fenster hantieren. Es war wegen der sommerlichen Temperatur gekippt, ließ sich deshalb nicht umstandslos öffnen, sondern musste erst geschlossen werden. „Ist dir zu warm?“

„Nein, ich habe einen Schuss gehört und will sehen, was draußen los ist.“ „Ich habe ‚Schluss‘ verstanden. Und ein Schuss entspringt deiner blühenden Phantasie, weil du in letzter Zeit zu viele Krimis gelesen hast.“ Lass uns die verabredete Linksdrehung üben. „Eins–zwei–drei, eins–zwei–drei …“

Weil sie keine Spielverderberin sein und ihrem Georg die Stimmung nicht verderben wollte, tanzte sie eine Weile mit, bis sie mit Bestimmtheit sagte: „Das reicht jetzt. Ich will wissen, was da draußen los war.“

Sie rannte zum Fenster, riss es hastig auf und streckte ihren Wuschelkopf weit nach draußen.

„Und? Gibt’s etwas zu sehen, das deine Phantasie bestätigt?“ „Nichts, nur ein Fahrrad liegt vor dem Laden von Max. Sonst ist die Straße wie leergefegt.“

„Natürlich. Alle hocken vor dem Radio, die Bonzen vor dem Fernseher. Du wirst die Fehlzündung eines Motorrads gehört haben.“

„Da ist kein Motorrad! Aber schau, dort im Celtis-Tunnel – sie deutete Richtung Bahnhof – verschwindet gerade ein amerikanischer Straßenkreuzer mit seinen langen Heckflossen.“

Georg war nicht schnell genug, um die Beobachtung bestätigen zu können. In der Tunnelröhre unter den Gleisen des Hauptbahnhofs war kein Fahrzeug zu sehen. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte er daran, auch Elisabeths Straßenkreuzer für ein Produkt ihrer Phantasie zu halten.

Weil sie dieses Zweifeln spürte, bekam Georg zu hören: „Du glaubst immer nur, was du selbst gehört und gesehen hast. In einer guten Ehe sollte man sich aber auch darauf verlassen, dass der Partner seine Sinne beisammenhat. Ich habe einen Schuss gehört und einen Amischlitten gesehen. Basta!“

Georg musste sich eingestehen, seiner Frau – mit der er erst ein Jahr verheiratet war – tatsächlich nicht geglaubt zu haben, jedenfalls was den Schuss betraf. Spontan wurde ihm der Grund dafür klar: ihre ausgeprägte Neugier, die sie von der Leidenschaft für Kriminalromane auf das Alltagsleben als Hausfrau übertrug.

„Ich geh jetzt rüber zu den Reibers. Vielleicht hat Gundi auch was gehört!“

Draußen waren die ersten Freudengesänge zu hören: „Morlock, Mor-lock, –Deutsch-land, Deutsch-land!“

„Mach dich bitte nicht lächerlich! Wer soll denn da geschossen haben!?“ Aber Elisabeth ließ sich nicht abhalten. Durch die offene Tür bekam Georg mit, wie sie bei den Nachbarn klingelte. Gundi öffnete mit Elan, ein halbvolles Sektglas in der Hand. Bevor sie etwas sagen konnte, platzte Elisabeth heraus: „Hast du auch einen Schuss gehört?“

„Einen Schuss? Möglich wäre es schon. Laut geknallt hat es jedenfalls.“ Mit dieser Feststellung war Elisabeth zufrieden. Sie ließ die verdutzte Gundi stehen und verschwand wieder in ihrer Wohnung.

„Georg, die Reibers haben auch einen Knall gehört. Da stimmt etwas nicht! Gehen wir doch mal runter!“

„Wozu? Wir sind in Nürnberg und nicht in Chicago. Gott sei Dank! Bei uns wird nicht jeden Tag ein Mensch auf offener Straße erschossen.“

Weil er die Neugier seiner Frau für chronisch hielt, war ihm klar, dass sein Chicago-Vergleich ohne Wirkung bleiben würde. Seine Jubellaune war jedenfalls völlig verflogen.

„Jetzt komm schon!“ Sie packte ihn resolut am Ärmel und zog ihn hinter sich her.

2. Blutspur vor Morlocks Lottoladen

Direkt gegenüber der Wohnung des Ehepaars Meier lag Max Morlocks Lotto- und Toto-Laden. Am Sonntag war der Laden selbstverständlich geschlossen. Um sicherzugehen, dass sich niemand darin aufhielt – der den Straßenkreuzer gesehen und den Schuss gehört haben könnte – klopfte Elisabeth an die gläserne Eingangstür. Erwartungsgemäß blieb eine Reaktion aus. Sie hob das Fahrrad auf und lehnte es ans Haus.

„Da ist doch etwas nicht in Ordnung! Und du stehst nur herum und suchst nicht nach verdächtigen Spuren! Die Schüsse könnten dem Radfahrer gegolten haben …“

„… der sich vor Schreck in Luft aufgelöst hat?“ Inzwischen suchte sie den Gehsteig vor dem Laden nach irgendeinem brauchbaren Hinweis ab. Ein paar tropfenförmige Kleckse, die in der untergehenden Sonne rötlich schimmerten, schienen ihr zunächst uninteressant. Bei genauerem Hinsehen traute sie jedoch ihren Augen nicht: „Georg, schau dir das mal an!“

„Allmächd: Des siecht nach Blut aus!“ „Tatsächlich, eine Blutspur! Und offensichtlich noch ganz frisch!“ „Nicht berühren! Ich rufe die Polizei und du hältst hier Wache!“, befahl sie in energischem Ton und verschwand in Windeseile im Hauseingang. Er ärgerte sich, dass sie immer das Kommando übernahm und er sich wie ein Trottel vorkommen musste. „Doldi“, sagte er zu sich selbst. Dabei sah er sich hilflos um, ob ihn jemand in dieser Lage sah.

Seine Pillenreuther Straße, in der er seit seiner Hochzeit vor etwa einem Jahr wohnte, war ihm noch nie so unattraktiv vorgekommen wie in diesem Moment. Jetzt verstand er, warum Elisabeth partout nicht hier einziehen wollte. Nur weil sie keine andere Wohnung fanden, war sie mit dieser „Notlösung“ einverstanden. Beim Wiederaufbau der stark zerstörten Südstadt – MAN und der Rangierbahnhof waren bevorzugte Angriffsziele der amerikanischen und britischen Bomber gewesen – ging es schlicht und einfach um die Beschaffung bezahlbaren Wohnraums für die Bevölkerung im „Arbeiterbezirk“ südlich des Hauptbahnhofs und nicht um einen städtebaulichen Schönheitswettbewerb.

Als Straßenbahnschaffner hatte Georg bisher kein Problem damit gehabt, hier zu wohnen. Die Leute sprachen wie er – „Nürnbergerisch halt“ – und nannten ihn „Gerch“. Aber seiner Elisabeth zuliebe würde er wohl nicht nur den Max bitten, auf „Georg“ umzustellen, sondern alle, mit denen er sich duzte. Überhaupt war er sehr bemüht, den Herkunfts- und Bildungsunterschied zwischen seiner Frau und ihm – er stammte aus einer Arbeiterfamilie und hatte kein Abitur – so wenig wie möglich spüren zu lassen.

Aus der Seitenstraße war das Deutschlandlied zu hören. Vier Männer mit Bierflaschen in der Hand bogen grölend um die Ecke und wollten mit ihm „auf den Weltmeister“ anstoßen. Georg drehte ihnen spontan den Rücken zu und stellte sich mit gespreizten Beinen über die Blutspur. Einen Schubser musste er ertragen.

„So ein komischer Fußballmuffel! Wir sind wieder wer!“ Nach Hochrufen auf Morlock stimmten sie erneut ihre Hymne an.

Hier noch länger ’rumzustehen, wurde ihm zunehmend peinlich. Ärger über die scheinbare Hysterie seiner Frau stieg in ihm auf. Leicht neidisch schaute er hinter den Feiernden her. Sein Blick fiel auf das Fahrrad. „So können wir es nicht stehen lassen.“ Er griff Lenker und Sattel und schob es um die Ecke in die Wendlerstraße. Der seitliche Hauseingang gehörte noch zu Morlocks Geschäft. Inzwischen war Elisabeth zurück. „Du hast gar nicht bemerkt, dass die Polizei schon in Sicht ist!“ Georg fühlte sich von der angezettelten Sache überrumpelt. Mit einem so raschen Erscheinen der Polizei hatte er nicht gerechnet.

Aus dem grünen Volkswagen-Käfer mit der weißen Aufschrift „POLIZEI“ auf der Vorderhaube und dem übergroßen Blaulicht auf dem Dach stiegen zwei Männer in der blauen Uniform der Nürnberger Polizei.

Elisabeth Meier nahm das Heft des Handelns in die Hand: „Ich habe Sie gerufen, weil ich einen Schuss gehört und eine Blutspur gefunden habe.“ Die Beamten warteten darauf, dass Georg Stellung bezog. Der aber blickte verlegen auf den Boden.

„Wo soll denn das Blut sein?“ Elisabeth deutete auf die roten Tropfen. Da es inzwischen zu dämmern begonnen hatte, holte der größere Polizist eine Taschenlampe aus dem Wagen, um die Spur zu beleuchten.

„Das sieht nicht nach dem Blut eines Menschen aus. Es dürfte Katzenblut sein –und für den Tierschutz sind wir nicht zuständig.“ Der andere, kleinere Polizist nickte nur. Doch dann sah er die Gelegenheit gekommen, den Fall loszuwerden, ohne ein lästiges Protokoll schreiben zu müssen: „Selbst wenn auf die Katze geschossen wurde, sind wir als Stadtpolizei dafür nicht zuständig, sondern unsere bayerischen Kollegen.“

„Das kann doch nicht wahr sein! Georg, das lassen wir uns nicht gefallen!“ „Was wollen wir denn unternehmen, wenn es sich so verhält, wie die Herren sagen?“ „Das Fahrrad wird nicht von einer Katze gefahren worden sein“, zischte sie ihrem Mann – ihm zugewandt – zu.

Der kleinere Polizist fühlte sich durch diese Bemerkung auf den Arm genommen: „Sie sollten sich genau überlegen, was Sie sagen. Wenn Sie uns unterstellen, Rad fahrende Katzen für möglich zu halten, erfüllt das den Tatbestand der Beamtenbeleidigung.“ „Lass es gut sein, Elisabeth“, versuchte Georg seine vorwitzige Frau zu beruhigen.

Der kleine Schutzmann trat zwei Schritte vor. „Hören Sie auf Ihren Mann und sehen Sie von einer Anzeige ab. Dann vergessen wir auch die Beleidigung.“

Das Anrücken der Polizei hatte Aufsehen erregt. Aus einigen Fenstern schauten die Nachbarn neugierig herunter. „Gerch, was ist denn los?“ rief es aus dem zweiten Stockwerk. Georg zog den Kopf ein, er fühlte sich ab jetzt verantwortlich für die zu befürchtenden Gerüchte. Und ausgerechnet in einer solchen Situation sollte er den „Gerch“ verabschieden?

Er war schon im Hausflur und wollte – wie es seine Art war – die Tür nicht lautstark ins Schloss fallen lassen, sondern leise schließen, als eine lindgrüne Limousine auf der gegenüberliegenden Straßenseite langsam an Morlocks Laden in Richtung Hauptbahnhof vorbeifuhr. „Das sieht nach Elisabeths Straßenkreuzer aus. Ich muss mir das Kennzeichen merken!“ In dieser Absicht zog er die Tür so weit zurück, dass er freien Blick auf die Rückansicht des Wagens hatte, der schon fast wieder die Höhle des Celtis-Tunnels erreicht hatte. „Das sind die typischen Schwanzflossen eines Cadillac!“ Ein Kennzeichen war in der beginnenden Dunkelheit des Abends aber nicht mehr zu lesen.

3. Erpressung zweier Zeugen

Johann (Hans) Weiß, ehemaliger Leiter der Jugendabteilung beim „Club“ – wie der „Erste Fußballclub Nürnberg“ (1. FCN) unter Fußballanhängern auch außerhalb Frankens genannt wird – hatte im Frühjahr 1949 zusammen mit Max Morlock die „Totoannahme Weiß-Morlock“ am Celtisplatz 2 eröffnet. Zum „Sporthaus“ erweitert, war das allgemein als „Lottoladen“ bezeichnete Geschäft Anfang der fünfziger Jahre in die Pillenreuther Straße 23 umgezogen. 1950 hatte Morlock Inge Weiß, die Tochter seines Kompagnons, geheiratet.

Am Morgen des 5. Juli 1954 war Hans Weiß noch früher als sonst auf den Beinen, um den Laden zu öffnen. Er erwartete einen Ansturm von Gratulanten und erhoffte sich gute Umsätze. Als er in das Hinterzimmer ging, um einen Besen zu holen, bemerkte er zu seiner Überraschung, dass einige Zeitungen, Magazine und Kalender anders neben- und übereinander lagen als am Samstag. Er konnte sich das Durcheinander nicht erklären. Unruhig schaute er hinter die Regalwand, die quer im Raum stand.

„Das darf doch nicht wahr sein!“, brummte er. Die Tür zum Seiteneingang des Ladens in der Wendlerstraße war einen Spalt breit geöffnet. „Ich bin mir ganz sicher, abgeschlossen zu haben“, sagte er sich mit fester innerer Stimme. Penibel untersuchte er Schloss und Tür. Die paar Kratzer in Kniehöhe kannte er schon. „Komisch, alles ist unbeschädigt.“ Er beeilte sich, in der Kasse nachzusehen und bemerkte dabei, dass seine Hände leicht zitterten. Wechselgeld und einige Scheine lagen wie unberührt an Ort und Stelle. Offensichtlich fehlte nichts – und trotzdem musste sich jemand Zutritt in seinen Laden verschafft haben. „Ausgerechnet am Weltmeistersonntag!“

Bevor er weitere Überlegungen anstellen konnte, kam der erste Stammkunde, Siegfried Ernst, um Morlocks Schwiegervater zu gratulieren: „Mensch, Hans, dei Max hat des Wunder von Bern gezaubert!“ Bei diesen Worten platzte Richard Bubner herein. „So ein Wahnsinn! Max, lou dei Stiefelspitz vergolden!“ Siegfried war als Spaßvogel bekannt. Er ulkte: „Wou hat er den Spagatschritt glernt, doch wohl ned im Ballett?“ Ausgelassenes Gelächter erfüllte den Raum. Sie wurden unterbrochen, als ein weiterer Kunde sich vordrängte: „Zwei Schachteln Eckstein!“ forderte er lautstark. „Wer holt die Zigaretten?“ „Immer der wo frächt!“

Durch das große Ladenfenster erblickte Hans Weiß seinen alten Kumpel Georg Meier, der mit langen Schritten näher eilte. Er drängte sich durch die Gratulantenschar, in der gerade der Spruch zirkulierte „Kein Rahn ohne Morlock!“, hakte Hans unter und zog ihn ins Hinterzimmer. Bevor er die Geschichte von gestern erzählen konnte, musste er sich die Sache mit der offenen Seitentür anhören. „Das Hinterzimmer ist durchstöbert worden. Die Kasse ist aber unberührt!“

„Auch des no!“ Obwohl Georg einigermaßen aufgeregt war, bemühte er sich, die Geschichte von gestern so zu erzählen, dass Elisabeth keinen Grund gehabt hätte, seinen Dialekt zu kritisieren. „Übung macht den Meister“ dachte er sich und berichtete fast dialektfrei über den „Schuss, den meine Frau gehört hat“, die Blutspur vor dem Laden, „die wir beide gesehen haben“ und das liegen gebliebene Damenfahrrad. Den Cadillac verschwieg er.

„Wirklich? Eine Blutspur? Das hört sich ja an wie der Beginn eines Krimis.“ „Hör zu! Ich erzähle keinen Quatsch! Schließlich haben wir die Polizei geholt. In einem Krimi hätten die das Blut untersucht. Aber die beiden Doldi, die gestern hier waren, lehnten eine Untersuchung ab.“ Den „Doldi“ hätte er sich in Gegenwart seiner Frau natürlich nicht gegönnt. „Dann war’s wahrscheinlich doch kein Blut!“ „Das steht zweifelsfrei fest, aber die sagten, es ist Katzenblut.“

„Waren sie von der Kriminalpolizei?“„Sie sprachen von Stadtpolizei und davon, nicht zuständig zu sein.“ „Siehst du – du hättest gleich die Kripo anrufen sollen. Probier es doch bei denen und vergiss auch nicht, die offene Seitentür zu erwähnen!“ „Solltest nicht besser du das übernehmen, es ist doch euere Ladentür.“ Hans überlegte, dann sagte er: „Da offensichtlich nichts fehlt, will ich mich erst mit Max besprechen.“ „Gut, ich wende mich also wegen der Blutspur an die Kripo.“

Elisabeth lauschte auf das Knarren der Treppe. Sie kannte den schweren Schritt ihres Mannes. Noch bevor er aufsperren konnte, öffnete sie die Tür. „Und? Was sagt Hans zu unserer Entdeckung?“, fragte sie gespannt. Sie konnte kaum abwarten, bis Georg wieder zu Atem kam. „Ich muss mich erst setzen. Hans meint, für die Untersuchung der Blutspur ist die Kriminalpolizei zuständig. Und die Kripo wird sich ja wohl auch mehr für den Schuss interessieren, den du gehört hast.“ „Georg, jetzt merke ich, dass du mir doch glaubst. Das freut mich sehr!“

„Wo finde ich denn die Telefonnummer der Kriminalpolizei?“ „Im Telefonbuch unter K.“ „Fehlanzeige!“ „Haben die beiden Polizisten gestern nicht von der Bayerischen Polizei gesprochen?“ „Unter B finde ich nur das Bayerische Landeskriminalamt. Aber es ist auch eine Nürnberger Nummer angegeben.“

Georg wählte bewusst langsam, um ein wenig Zeit für die Überlegung zu gewinnen, was er sagen sollte: „Erwähne ich nur die Blutspur oder auch den Schuss und wer hat ihn gehört – nur Elisabeth und die Reibers oder auch ich?“

Das „Belegt“-Zeichen verlängerte seine Bedenkzeit. Als sich beim dritten Versuch eine unwirsch klingende Männerstimme meldete, hatte er die Lösung, die er auch sofort loswerden wollte: „Meine Frau hat mir glaubhaft versichert, gestern einen Schuss gehört zu haben …“ „Einen Moment, ich verbinde mit der Abteilung Ermittlungen.“

Der Ansprechpartner aus dieser Abteilung war freundlich, geduldig und außergewöhnlich hilfsbereit. Nachdem Georg seinen Satz mit dem Schuss wiederholt hatte, wurde er zunächst belehrt: „Eine Strafanzeige gegen Unbekannt nimmt jede Polizeidienststelle entgegen. Sie können sie aber auch bei der Staatsanwaltschaft aufgeben.“ „Und bei Ihnen?“ „Wir sind dafür eigentlich nicht zuständig. Ich kann Ihre Aussage aber protokollieren und an die Staatsanwaltschaft weiterleiten. Sie müssen das Protokoll dann dort nur noch unterschreiben.“

Der hilfsbereite Bayerische Beamte fragte zunächst nach den Personalien: „Georg Meier, geboren am 14. November 1925 in Nürnberg, wohnhaft in der Pillenreuther Straße 18 in Nürnberg; verheiratet mit Elisabeth Meier, geborene Blonske, Geburtstag am selben Tag wie ich, nur vier Jahre später, also am 14. November 1929 in Zirndorf.“ „Was sind Sie von Beruf?“ „Schaffner bei der Nürnberg-Fürther Straßenbahn.“

Der Beamte räusperte sich: „Ich frage jetzt außerhalb des Protokolls: Auf welcher Linie könnte ich schon einmal einen Fahrschein bei Ihnen erworben haben?“ „Auf der Linie 21.“ In einer spontanen Reaktion auf die Hilfsbereitschaft seines Gesprächspartners fügte er hinzu: „Falls Sie mitfahren wollen: Montags beginnt mein Dienst immer um kurz nach zehn am Hauptbahnhof.“ „Um diese Zeit habe ich schon zwei Dienststunden hinter mir. Überlassen wir eine Begegnung in der Linie 21 also dem Zufall.“

Nach diesem Intermezzo erzählte Georg die Geschichte mit dem Schuss, der Blutspur, dem Damenfahrrad und – dieses Mal verschwieg er ihn nicht – mit dem Cadillac. „Das Protokoll wird übermorgen zur Unterschrift in der Fürther Straße 112 bereitliegen. Danach wird die Staatsanwaltschaft die erforderlichen polizeilichen Ermittlungen veranlassen.“

Georg war doppelt erleichtert. Erstens war es ihm gelungen, den Fall aktenkundig zu machen und die Ermittlungen in Gang zu setzen. Und zweitens konnte er Elisabeth beweisen, dass er ihre Wahrnehmung nicht für ein Hirngespinst hielt. Sie hatte dem Gespräch höchst aufmerksam zugehört und grinste nun über beide Backen. Sie nickten einander wortlos zu.

Weil Hans den Tipp mit der Kripo gegeben hatte, hätte Georg ihm gern noch von seiner erfolgreichen Strafanzeige berichtet. Es war jedoch schon bald zehn Uhr und sein Dienstbeginn rückte näher. Er nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse, griff Schaffnerjacke, Geldtasche, Münzwechsler und gab Elisabeth einen Kuss auf die Wange. „Bis später!“ Auf dem kurzen Weg zum Hauptbahnhof geriet er ins Grübeln: Was würde aus ihm als Schaffner werden, wenn die Nürnberg-Fürther Straßenbahn tatsächlich wie geplant auf schaffnerlosen Betrieb umstellen sollte?

Abgesehen vom Verlust des Arbeitsplatzes konnte er sich das Entfallen der täglichen Rituale nicht vorstellen: die Geldscheine in seine Schaffnertasche und die Münzen in seinen Geldwechsler mit der gebotenen Sorgfalt einzuordnen und über das Wechselgeld genau Buch zu führen.

Und dann kreisten seine Gedanken längere Zeit um die Frage: Wie will man das Schwarzfahren verhindern, wenn niemand mehr ruft: „Noch jemand ohne Fahrschein?“ Er liebte seinen Beruf, daher wollte er sich nicht weiter mit unklarer Zukunft beschäftigen. Plötzlich wurde er im Halbdunkel des Celtis-Tunnels von einem Fahrradfahrer gerammt, sodass er fast das Gleichgewicht verlor. Im Stolpern fing ihn ein entgegenkommender Fußgänger auf, der ihn unangenehm kräftig umfasste. Ohne einen Dank abzuwarten, setzte dieser seinen Weg mit forschen Schritten fort. Irgendwie kam ihm der Zwischenfall komisch vor.

Am Hauptbahnhof stieg er in „seinen Einundzwanziger“. Warum „die“ Straßenbahn und „ihre“ Linien in Nürnberg männlich sind, konnte er nicht begründen, fand es aber irgendwie richtig. Die Linie 21 fuhr um diese Zeit ohne Beiwagen. Georg nahm im Schaffnersitz des Triebwagens Platz. Als er seine Schaffnertasche öffnen wollte, fuhr ihm der Schreck durch alle Glieder: Sie war offen und er befürchtete, unbemerkt bestohlen worden zu sein. Auf den ersten Blick fehlte jedoch nichts. Aber zwischen den blauen Zehnmarkscheinen steckte ein kleiner weißer Zettel. In Anfängerschrift stand darauf: „Kein Cadillac. Sonst teuer bezahlen!“ Er konnte sich zunächst keinen Reim darauf machen. Außerdem musste er sich seinen Dienstaufgaben widmen.

Georg Meier versah seinen Schaffnerdienst an diesem Tag nicht mit der gewohnten Konzentration und Sorgfalt. Immer wieder stimmte das sonst so sicher von ihm abgezählte Wechselgeld nicht, weil es ihm einfach nicht gelang, den Zettel zu vergessen. Er nahm ihn als Versuch einer Erpressung sehr ernst: Mit „Kein Cadillac“ wurde er wohl aufgefordert, seine Aussage zu widerrufen. Aber was war mit „Sonst teuer bezahlen!“ gemeint? Und woher kannte der Erpresser den Hinweis auf den Cadillac in seiner Anzeige?

Dienstschluss war um 18 Uhr, wieder am Hauptbahnhof. Die Linie 21 – um diese Zeit mit Beiwagen – hatte fünf Minuten Verspätung. Während des gesamten Tages hatte Georg überlegt, ob und wie er Elisabeth von der befürchteten Erpressung erzählen sollte. Auf dem Heimweg, der durch den Celtis-Tunnel führte, fiel seine Entscheidung: Er würde ihr den Zettel ohne Kommentar in die Hand geben und ihrer Phantasie als Krimileserin vertrauen. Dabei musste er gegenüber sich selbst zugeben, die betreffende Lektüre seiner Frau bisher zu gering geschätzt zu haben.

Elisabeth empfing ihn mit dem Satz, der nach jedem Arbeitstag Georgs Feierabend einläutete: „Abendbrot ist fertig. Dein Bier steht bereit.“ Weil das gewohnte „Danke. Dann lass ich es zischen“ ausblieb, fragte sie sofort: „Was ist passiert?“ Georg gab ihr wortlos den Zettel. Sie las, kratzte sich kurz an ihrem Wuschelkopf und sagte im Brustton der Überzeugung: „Da will uns jemand erpressen. Und zwar jemand, der deine telefonische Strafanzeige mitgehört oder abgehört haben muss. Nur so kann er wissen, dass du von einem Cadillac berichtet hast, den ich ja unmittelbar nach dem Schuss gesehen habe und der dir dann bei seiner Rückfahrt, fast wie bei einer späteren Kontrollfahrt am Tatort vorbei, aufgefallen ist.“

Georg war sprachlos. Der kriminalistische Scharfsinn seiner Frau nötigte ihm jetzt größten Respekt ab. Zwingend erschien ihm vor allem die Annahme des abgehörten Telefonats. Georg wusste es aus dem Bericht eines von ihm geschätzten Nachrichtenmagazins: In der ‚amerikanisch besetzten Zone Bayern‘ – auf den Autokennzeichen mit einem B unter einem A abgekürzt – gehörte es für die Besatzungsmacht gewissermaßen zum guten Ton, die deutsche Polizei durch Abhörmaßnahmen zu überwachen. „Elisabeth, du hast ganz sicher Recht: Die Amerikaner müssen mein Telefonat mit dem Landeskriminalamt abgehört haben! Aber was haben die Amis mit der Sache zu tun?“

Elisabeth fühlte sich wie die Kommissarin in ihrem Lieblingskrimi: „Wo hast du denn den Zettel her?“ „Er steckte zwischen den Zehnmarkscheinen in meiner Geldtasche.“ „Also hat jemand gewusst, wann und wo dein Dienst heute Vormittag beginnen würde. Und genau dies hast du gestern telefonisch bekanntgegeben. Ich habe mich deshalb darüber gewundert, weil es mit unserer Strafanzeige nichts zu tun hatte.“

„Und warum habe ich nicht bemerkt, dass meine Tasche geöffnet und der Zettel hineingesteckt wurde?“ „Es gibt genug Trickdiebe, die so fingerfertig sind, dass sie dir unbemerkt eine Uhr vom Handgelenk klauen.“ Da fiel ihm die eigenartige Begegnung im Celtis-Tunnel ein, die er seiner Frau anschaulich erzählte. „Im Rückblick kommt mir die Sache sehr gewollt vor“, resümierte er. „Das war sie auch: Der Kontakt verschaffte jemand die Gelegenheit, den Zettel in deine Geldtasche zu schmuggeln.“ Georg wurde plötzlich leicht schwindelig. In welche Sache waren sie da verwickelt? Hätte Elisabeth doch besser keinen Schuss gehört. Wie gerne würde er den Film, der in seinem Kopf ablief, zurückspulen. Und wie schön wäre es, wenn er dem Regisseur in Gedanken einfach zurufen könnte: „Lou mer mei Rouh!“

Angesichts der gefühlten Bedrohungslage verharrten beide schweigend am Küchentisch. Wie sollten sie nun mit der Drohung umgehen? Sie nahmen sie jedenfalls nicht auf die leichte Schulter. Elisabeth löste sich als erste aus der gedanklichen Umklammerung. In ihr reifte eine Idee: „Wir korrigieren unsere Aussage folgendermaßen: Es darf nicht mehr protokolliert werden, dass es sich um einen Cadillac oder überhaupt um eine amerikanische Automarke handelte.“ Georg war erleichtert: „Damit erfüllen wir die Bedingung unseres vermutlich amerikanischen Erpressers. Wir sollten besser hinzufügen: ‚Die beobachtete lindgrüne Limousine könnte auch ein deutsches Fabrikat gewesen sein, etwa ein Mercedes-Benz 300.‘ Schließlich war der Wagen schon zu weit weg.“ Jetzt durfte es ein Bier sein.

Am nächsten Morgen rief Georg beim Landeskriminalamt an, ließ sich mit der Ermittlungsabteilung verbinden und erklärte dem seit gestern bekannten Beamten die Änderung der Aussage vom Cadillac zum Mercedes-Benz 300. „Das haben Sie sich gerade noch rechtzeitig überlegt, bevor das gesamte Protokoll an die Staatsanwaltschaft übermittelt wird. Vergessen Sie nicht, zur Unterschrift zu erscheinen.“

Staatsanwalt Büchner war aus hartem Holz geschnitzt. „Sie können Ihre Strafanzeige erst unterschreiben, wenn Sie mir die Änderung Ihrer Aussage erklärt haben. Bis dahin halte ich die Festlegung auf eine bestimmte andere Automarke für unglaubhaft. Was haben sie wirklich gesehen?“ Georg Meier war völlig verunsichert. Nach einer Zeit des Schweigens reagierte Büchner geradezu knallhart: „Ich protokolliere: Auf Vorhalt schweigt der Anzeigeerstatter und gibt damit konkludent zu erkennen, dass die Festlegung auf eine Automarke entfällt. Das wird jetzt abgetippt und Sie können Ihre Anzeige in einer halben Stunde unterschreiben. Nehmen Sie solange auf dem Gang Platz.“

4. Treffpunkt „Grüner Baum“ in Fürth

Bis Ende 1954 bot die Fürther Altstadt beliebte Treffpunkte für amerikanische Soldaten. Zu einem ihrer bevorzugten Lokale gehörte der „Grüne Baum“ in der Gustavstraße. Dort arbeitete Kunigunde als Kellnerin, von allen „Kuni“ genannt. Ein Abend im Frühsommer 1954 blieb ihr wegen einer ungewöhnlichen Begegnung in besonderer Erinnerung.

„Ten beers, please!“ Zehn lärmende GIs umlagerten den Tresen, an dessen Zapfhahn Kuni mit großer Routine agierte. Den meisten der bierdurstigen Kehlen ging es dennoch nicht schnell genug: „Quickly, rapidly!“ Die Halbliterkrüge wurden ihr förmlich aus den Händen gerissen. Maßkrüge waren wegen mehrerer Schlägereien seit einigen Wochen nicht mehr in Gebrauch. Dichter Zigarettenrauch lag in der Luft. Er mischte sich mit dem Geruch verschütteter Biere und wurde in dieser Mischung in der Kleidung nach Hause getragen.

Die beiden, die sich als einzige nicht vorgedrängt hatten, setzten sich an einen Tisch in der Ecke. Kuni fand sie schon deshalb sympathisch, weil ihr Interesse offenbar nicht nur dem Bier galt, sondern auch dem Gespräch miteinander. Es machte den Eindruck enger Vertrautheit unter Freunden. „Endlich mal anständige Amis!“, dachte sie.

Der größere der beiden kam an den Tresen. Kuni begann wie gewohnt auf Englisch: „Would you like …“ „Sie können Deutsch mit mir reden.“ „Sehr gern. Was kann ich für Sie tun?“ „Gibt es auch ein kleines Bier?“ „Eigentlich nicht. Ich kann aber den Krug nur halb füllen – ein ‚Schnitt‘ sagen wir auch dazu.“ „Das ist sehr nett. Dann bitte zwei Schnitt.“

Um viertel vor acht erschien Kunis beste Freundin Anni, die sie seit der ersten Volksschulklasse kannte. Ihr Erscheinen erregte unter den Soldaten allgemeine Aufmerksamkeit, die sie jedoch entschlossen ignorierte. Da montags schon ab 20 Uhr Feierabend war, wollten sie beide zusammen ins Kino gehen. Kuni hatte Anni ausnahmsweise gebeten, sie im Grünen Baum abzuholen, obwohl sie wusste, dass Annis Vater ihr verboten hatte, in die „amerikanisch verseuchte“ Fürther Altstadt zu gehen.

„Ich bin gleich fertig, gedulde dich noch einen Augenblick. Übrigens: In der Ecke sitzt ein gutaussehender GI, der sogar Deutsch spricht.“ Annis prüfender Blick wurde mit einem selbstbewussten Lächeln und einem erhobenen Krug erwidert. Kuni hatte das Gefühl, dass Annis naturrote Haare auch bei ihm Gefallen gefunden hatten. Als der große Gutaussehende aufstehen wollte, drückte ihn sein Freund mit irritierender Entschiedenheit wieder auf den Stuhl.

„Stay seated!“, pfiff er ihn in militärischem Ton zurück. Sichtlich betreten stierte der so Angeschnauzte vor sich hin. „Sorry“. „Never mind“, flüsterte der andere kleinlaut. „Let’s have another beer“, schlug der Kleinere versöhnlich vor. Er gab Kuni ein Handzeichen mit zwei gestreckten Fingern.

Als sie die Krüge auf den Tisch stellte, spürte sie zwischen den beiden eine angespannte Atmosphäre. Schon nach wenigen Minuten verließen sie das Gasthaus. Der Kleine deutete beim Hinausgehen auf den Tisch mit den zurückgelassenen Dollarscheinen.

Seit ihrer Kindheit erlebte Anni einen psychisch labilen Vater, der zu unberechenbaren Wutanfällen neigte, vor allem, wenn man seine Verbote missachtete. Aber sie ließ sich nicht von seinem spürbaren Hass auf alles Amerikanische anstecken. Dennoch musste sie all ihre Bedenken und Skrupel überwinden, um Kuni wieder im Grünen Baum abzuholen. Sie spürte aber auch, dass das Lächeln des Unbekannten und der für sie zum Gruß erhobene Krug Eindruck auf sie gemacht hatte. Schon beim Betreten des Gastraums wurde sie von Kuni begrüßt. Als diese bemerkte, dass Anni den Raum sondierte, lächelte sie vielsagend und deutete mit dem Kopf in die hintere Richtung. Die beiden Freunde saßen am selben Tisch wie gestern und hatten ihr Kommen bemerkt.

An Anni gerichtet, rief der Gutaussehende mit den braunen Augen und den buschigen Augenbrauen laut genug, um das Gebrüll der anderen GIs zu übertönen: „Wollt ihr euch zu uns setzen?“ Kaum war die Einladung ausgesprochen, stand der andere abrupt auf und drängte an Anni vorbei zum Ausgang.

„Was hat er denn?“, fragte sie irritiert. „Robert ist anfangs immer etwas scheu. Das gibt sich aber mit der Zeit.“ Zögernd nahm Anni Platz auf dem frei gewordenen Stuhl. „Ich bin Mike“, stellte er sich vor, indem er sich kurz erhob. Anni gefiel diese Art alter Höflichkeit. Sie versuchte, auf Englisch zu antworten. „My name is Anni“. „Bleiben wir doch bei deiner Sprache. Pardon, ist Duzen o. k.?“, fragte er nach.

„Kein Problem. Woher hast du dein gutes Deutsch?“, wollte Anni wissen. „Meine Familie stammt aus Deutschland und wir sprachen zuhause häufig Deutsch.“

„Soll ich noch etwas bringen, bevor ich hier Schluss mache?“, mischte sich Kuni ein. „Nicht nötig, wir gehen ja gleich“, gab Anni kurz zurück. Sie hatte am Tonfall bemerkt, dass Kuni ihr die Plauderei mit Mike offenbar nicht gönnte oder wegen des anstehenden Kinobesuches drängte.

Leicht verlegen versuchte Mike, den Gesprächsfaden wiederaufzunehmen. „Ich habe dich erst gestern hier gesehen. Aber du scheinst die Bedienung zu kennen.“ „Ja, Kuni ist meine beste Freundin.“ Sie schaute sich forschend nach Kuni um. „Wir kennen uns schon sehr lange.“ Bevor Mike weiter fragen konnte, erklärte sie: „Wir wohnten früher nur einen Steinwurf voneinander entfernt, also in der gleichen Straße.“

Kuni hatte bereits bei ihren Gästen abkassiert und signalisierte Anni, dass sie gleich gehen könnten. „Kommst du morgen wieder?“, beeilte sich Mike, bevor Anni aufstand und den Stuhl zurechtrückte. „Vielleicht“, kam über ihre Lippen, begleitet von einem schelmischen Blick, der ihm „wahrscheinlich“ signalisieren sollte.

Als Mike wie vorher seinen Anstand bewies und sich erhob, indem er beide Arme militärisch an den Körper anlegte, merkte sie, dass er einen ganzen Kopf größer war als sie. Sie schätzte ihn auf gut eins neunzig. „Worauf wartest du noch?“, forderte sie Kuni auf. Beim Hinausgehen drehte sich Anni noch einmal um. Mike freute sich sehr über diese kleine Geste, worüber er im gleichen Augenblick erschrak. Noch nie zuvor hatte ihn ein weibliches Wesen interessiert. Spontan fiel ihm der Vers ein, den er von seinem Großvater kannte: ‚Zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust‘. Zwei Seelen, die auseinander drängten.

Am nächsten Tag ließ Anni auf sich warten. Als sie schließlich den stickigen Gastraum betrat, entdeckte sie Mike und seinen Freund gut gelaunt miteinander plaudernd. Mike hatte schon lange den Eingang im Auge behalten. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sie erblickte. Noch bevor er entsprechende Worte fand, übernahm diesmal sein Freund die Einladung.

Mike schien ihm ihren Namen genannt zu haben, denn er sagte „Anni, would you be so nice to join us?“ Fragend blickte sie zu Mike. Er nickte einladend. „Gibt es etwas zu feiern?“, fragte sie, indem sie auf dem dritten Stuhl Platz nahm, den Mike bisher tapfer gegenüber anderen GIs verteidigt hatte.

Der Kleine erhob sich und stellte sich förmlich vor: „I’m Robert, Robert Brown. Oh yes, you’r right, there is something to be celebrated.“ Offensichtlich hatte Robert ihre Frage verstanden. „It’s Mike‘s birthday“.

„Willst du dich nicht setzen?“, ermunterte Mike sie, indem er den Stuhl in Position brachte. „Na dann – alles Gute!“, wusste sie nur zu sagen. Sofort orderte Mike ein drittes Bier. „Oder möchtest du etwas anderes?“, ergänzte er. Anni schüttelte nur den Kopf. Ihre roten Backen fielen ihm auf. Als er sie darauf ansprach, ließ sie wissen: „Ich musste heute länger arbeiten. Damit ich nicht allzu spät komme, habe ich mein Fahrrad genommen. Da komme ich immer ins Schwitzen.“ Mike konnte sein Lachen nicht unterdrücken. Da musste sie auch kichern und Robert fiel mit ein. „Noch ein Bier bitte!“ bestellte er auf Deutsch. Kuni war noch zu beschäftigt, um sich schon jetzt zu ihnen zu gesellen.

Die heitere Stimmung veranlasste Mike zu persönlicheren Fragen. Robert hörte angestrengt zu. Möglicherweise verstand er doch einiges, was die beiden erzählten. Schließlich wollte Mike wissen: „Wohnst du noch bei deinen Eltern?“ „Ja, was denkst du denn!“ „Und wo?“ Mike ignorierte den Fußtritt Roberts gegen sein Schienbein. „In der Moltkestraße in Nürnberg“, ergänzte sie in einer Körpersprache, als ob sie vorher nachdenken müsste.

Mike fand dies amüsant, weil er das Spielerische schon immer liebte. Er wurde sich kurz bewusst, wie sehr er Roberts Signal weiterhin missachtete. „Hast du einen langen Weg zur Arbeit?“ Bis zur Straßenbahn in der Fürther Straße laufe ich zehn Minuten. Sie bringt mich dann in weiteren knappen zehn Minuten zu meinem Arbeitsplatz in der Quelle-Hauptverwaltung.“

Bei dem Namen Quelle zog Mike seine Stirn spontan in Falten. Anni war deshalb etwas irritiert. Entschlossen griff sie nach dem Bier, um sich abzulenken. Mike verstand diese Geste. „Du musst wissen, der Versandhandel ist eine amerikanische Idee.“ „Ach so, das wusste ich nicht.“ Wieso konnte Mike ihre Firma Quelle als Versandhandel identifizieren? Aber diese Frage hob sie sich für später auf – ebenso wie die Frage, seit wann und woher Mike Robert kannte, dessen Miene sich zunehmend verfinsterte.

Nachdem Kuni abgerechnet und neue Bestellungen an Ursula, ihre Kollegin weitergegeben hatte, kam sie zu den Dreien. Robert zog einen Stuhl heran und sie setzte sich ihm gegenüber. Es entging ihr nicht, dass sein Blick nur auf Mike gerichtet war.

Nach wenigen Minuten forderte er Mike zum Gehen auf. „Come on, we are late!“ Mike zog seinen Ärmel zurück, um besser auf seine Uhr schauen zu können. „You’r right. But one moment please! Er holte Luft und trompetete: „Ich habe einen Geburtstagswunsch ...“, wobei er Kuni bittend ansah. Sie verstand ihn nicht. „Kannst du uns ausnahmsweise die ‚Schwedenstube‘ zeigen; mein Großvater schwärmte immer so von diesem Raum hier im Lokal.“ Die ungläubig verständnislosen Blicke der Drei ignorierte er, indem er seine Bitte nachdrücklich wiederholte: „Please, Bitte!“

Obwohl GIs wegen ihrer Rangeleien seit kurzem der Zutritt zum oberen Stockwerk verboten war, konnte Kuni eine Ausnahme ermöglichen. Sie besorgte den Schlüssel und zu viert erklommen sie die Treppe nach oben. Nach dem Öffnen der knarrenden Tür weitete sich vor ihnen der mächtige Saal, in dem angeblich Gustav Adolf speiste, bevor er 1632 in die Schlacht an der Alten Veste aufbrach. Die gut erhaltene riesige Holzdecke bewunderte besonders der schöngeistige Robert. „It’s really amazing!“, wiederholte er mehrfach mit schwärmendem Blick. Mike kannte den Raum von einem Foto seines Großvaters, doch die Realität übertraf seine Erwartung. Schweigend genoss er den beeindruckenden Anblick.

Der Lärm von der Straße erinnerte Robert an den Aufbruch. „It’s enough, thank you very much!“, raunte er noch knapp und rannte aber dann die Treppe hinab. Er wartete auf der anderen Straßenseite, von der er das Sandsteingebäude des „Grünen Baums“ betrachtete. Die beiden Flügel des geräumigen Tores standen einladend offen. Kommende und Gehende drängten zugleich hindurch. Schließlich erschienen die bekannten Gestalten. Anni sagte an Mike gewandt: „Weil heute dein Geburtstag ist, begleiten wir euch ein Stück. Bis zum Rathaus haben wir denselben Weg.“ – „Kommt ihr nicht mit bis zu unseren Barracks – oder Barracken?“, witzelte Mike.

Anni bemerkte, dass Robert ihn kurz mit dem Ellenbogen anstieß. „Ihr glaubt ja wohl nicht im Ernst, dass wir euch zuliebe einen solchen Umweg über die Südstadt machen!“ In dieser Antwort lag Kunis ganze Enttäuschung über die Tatsache, dass Robert – der zwar nicht so männlich aussah wie Mike, aber viel mehr ihr Typ war – sie in auffallender Weise ignorierte.

Als Anni die Wohnungstür aufsperrte, hörte sie ihren Vater aufgeregt und ungewöhnlich laut mit ihrem Bruder diskutieren. „Was regt euch denn so auf?“ Am Blick ihres Vaters erkannte sie, dass ein Wutanfall zu befürchten war. „Wo kommst du jetzt her?!“, brüllte er sie an. Noch bevor sie antworten konnte, zischte er: „Herbert hat dich gestern mit zwei Amis in der Fürther Altstadt gesehen. Bist du verrückt geworden? Habe ich dir nicht verboten, mit Amis zu verkehren?“ Zitternd stand sie vor ihm. „Du wirst die Typen doch nicht etwa im Rotlichtviertel der Gustavstraße aufgegabelt haben?“ Anni war zu verschüchtert, um eine erklärende Antwort zu geben. Zwar hatte ihr Vater ihr nur als Kleinkind den Hintern versohlt, aber sie traute ihm nun zu, dass er die Kontrolle verlor und zuschlug. „Meine Tochter trifft sich mit Amis! Ich glaub es nicht!“ Anni warf ihrem Bruder einen bösen Blick zu. „Diesen Verrat werde ich ihm nicht verzeihen“, dachte sie. „Es ist doch bekannt, dass besonders die Gustavstraße ein Sündenpfuhl von Kuppelei, Gewerbsunzucht und Schwarzhandel ist. Und was machst du?“ Er näherte sich drohend, die Fäuste geballt.

„Woher willst du denn wissen, wie es dort zugeht?“, protestierte Anni kleinlaut. Er deutete auf den Küchentisch, auf dem die Fürther Nachrichten lagen. Als gebürtiger Fürther bezog ihr Vater seit je dieses Blatt. Er drehte sich um und begann in der Zeitung zu blättern. „Hör dir an, was der Polizeidirektor über die Amis schreibt:“

„Fürth ist vorwiegend eine Arbeiter- und Industriestadt. Lediglich die Hauptverkehrsstraßen bekommen allmählich einen großstädtischen Charakter. Gerade diese Straßen sind aber noch völlig frei von irgendwelchem unsittlichen Treiben geblieben. Die Altstadt ist dagegen das Vergnügungsviertel für die amerikanischen Soldaten. Die engen, winkligen Gassen und der im Allgemeinen schlechte bauliche Zustand sind ein Nährboden für unsittliche Zustände.“ Vorwurfsvoll blickte er sie an.

„Aber von der Gustavstraße ist doch gar nicht die Rede“, wagte sie einzuwenden. Inzwischen hatte sie etwas Mut gefasst. „Du kennst doch noch die Kuni. Vor einer Woche haben wir uns zufällig getroffen. Sie arbeitet seit kurzem im „Grünen Baum“. Zwar hat sie mir von einigen Schlägereien in der Gustavstraße erzählt, aber nichts von unsittlichen Zuständen. Ich hab sie nur abgeholt, weil wir gemeinsam ins Kino gehen wollten. Da haben uns zwei GIs bis zur Königstraße begleitet. Außerdem ist Mike deutschstämmig und sehr schüchtern.“ Sie biss sich auf die Lippen, als ihr dies entfuhr.

„Aha, du kennst sogar schon seinen Namen!“ „Das hat nichts zu bedeuten; der andere hat ihn so genannt.“ Dass sie Mike wieder getroffen hatte, verschwieg sie verständlicherweise. Die Wut ihres Vaters ebbte ab. Im Drohton verkündete er: „Damit du es dir hinter die Ohren schreiben kannst: Ich verbiete dir ein für alle Mal den Umgang mit den Amis in der Kneipe oder sonst wo – und glaub bloß nicht, dass ich das in Zukunft nicht bemerken würde!“ Sie wusste, dass er sich nicht mehr mit Ausreden besänftigen lassen würde. Derartige emotionale Ausbrüche ihres Vaters waren für Anni schrecklich, aber leider keine Seltenheit. „Das hat mit seiner Vergangenheit im Krieg zu tun“, hatte ihre Mutter auf Nachfrage „Warum Vater oft so wütend wird“, knapp geantwortet. Die ganze Wahrheit war: Am 25. Februar 1944 hatte er bei einem Luftangriff amerikanischer Bomber auf die damals kriegswichtigen „Bayerischen Waggon- und Flugzeugwerke“ sein linkes Bein verloren und litt heute noch unter ständigen Schmerzen und den täglichen Einschränkungen.

Die Werksanlagen auf der Fürther Hardhöhe zählten zu den bevorzugten Angriffszielen, die von amerikanischen Flugzeugen bombardiert wurden. Zwei seiner Brüder gehörten zu den 139 Todesopfern dieses Angriffs. Seit diesem Tag waren „die Amerikaner“ für ihn „Mörder und keine Befreier“. Er trichterte seinen Kindern ein: „Die Amerikaner behaupten, uns Deutsche 1945 vom Nationalsozialismus befreit zu haben. Das ist eine grobe Geschichtsfälschung. Die NSDAP war als stärkste Partei demokratisch an die Macht gekommen und Hitler war ihr Führer. Er hat die Arbeitslosigkeit der dreißiger Jahre beseitigt, die Autobahnen gebaut und Deutschland in der Welt wieder Respekt verschafft. Das mit den Juden war ein großer Fehler.“ Während Annis Bruder das alles richtig fand, war sie mit ihrer Mutter der Meinung, nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 die gesamte „Nazizeit“ für erledigt erklären zu können.

Das war auch der Frontverlauf im verbalen Krieg der Familie über die Wiederbewaffnung Deutschlands und die Gründung der Bundeswehr: Hier die pazifistischen Frauen, dort die militaristischen Männer. „Mein Namensvetter Konrad Adenauer verhandelt mit Truman und beugt sich amerikanischen Bedürfnissen, anstatt deutsche Interessen zu vertreten“, ließ Konrad Förster wissen. „Wenn uns keine Wehrmacht mehr schützt, müssen wir uns eben selbst verteidigen.“ Dass ihr Vater einen Revolver besaß, hatte Anni zufällig entdeckt, als sie im Kleiderschrank ihrer Eltern nach einem Faschingskostüm schnüffelte. Diese Entdeckung verheimlichte sie aber.

5. Max Morlock – ein „Mordsfußballer“

Ein Sonderzug brachte die 1954er Überraschungsweltmeister von Bern nach München. Entlang der Bahnstrecke warteten Hunderttausende, um den Spielern zuzujubeln. Beim Autokorso in München und bei der Feier auf dem Marienplatz waren es am 6. Juli geschätzt 300.000 Fußballbegeisterte. Um Max Morlock aus der Hauptstadt des Landes in die Hochburg des Fußballs bringen zu lassen, hatte der „Club“ am 7. Juli nicht irgendein Fahrzeug geschickt, sondern eine amerikanische Limousine. Einer Ehrenrunde im Städtischen Stadion vor dreißigtausend Jugendlichen, die dort zum jährlichen Schulsportfest zusammengekommen waren, folgte eine Triumphfahrt durch die Stadt. Der Jubel kannte keine Grenzen. Im heimischen Sportpark „Zabo“ gab „Gerch“ Georg Meier das Signal, seinen Nachbarn von gegenüber als den Schützen des „dritten Tores“ auf die Schultern zu nehmen und ihn „dreimal hochleben“ zu lassen: „Max Morlock lebe hoch! – Hoch! – Hoch!“ Dies wurde mehrfach wiederholt.

Ein Sportreporter des Bayerischen Rundfunks hatte die Szene beobachtet. Er ging auf Georg Meier zu und sagte leicht schnippisch: „Für das dritte Tor hätten Sie Helmut Rahn hochleben lassen müssen!“ „Das war das dritte deutsche Tor, aber nicht das dritte Tor des Spiels.“ Die Antwort gefiel dem Reporter so, dass er Georg nach seinem Verhältnis zu Morlock befragte. Nach wenigen Sätzen über die Entwicklung einer Freundschaft zwischen zwei Männern des Jahrgangs 1925 hatte er den Eindruck, diese Freundschaftsgeschichte für das Portrait eines ganz aktuellen Fußballidols nutzen zu können. Deshalb bat er darum, die Geschichte aufzeichnen zu dürfen. „Band läuft. – Legen Sie los!“

„Nach unserer Hochzeit im Jahr 1953 sind meine Frau und ich in ein Mietshaus in der Pillenreuther Straße eingezogen. Max Morlocks Lottoladen liegt direkt gegenüber. Da ich sein fußballerisches Talent seit Jahren mit Begeisterung beobachtet hatte, wollte ich ihn noch am Tag unseres Einzugs persönlich kennenlernen. Das ist mir dann beim Einkauf einer Schachtel Zigaretten der Marke Lucky Strike auch gelungen. Ich versuche, unser erstes Gespräch möglichst so wiederzugeben, wie es damals vor etwa einem Jahr tatsächlich stattgefunden hat:“

„Nachdem ich meine Zigaretten bezahlt hatte, bat ich ihn um ein Autogramm. Er war darüber sehr verwundert und fragte, ob ich wohl Club-Anhänger sei. Mehr als das, gab ich zur Antwort: Ich bin vor allem fasziniert von Ihrer Art, Fußball zu spielen. Sie tragen als halbrechter Stürmer auf dem weinroten Trikot die Nummer 8 beim Club. Schon 1948 haben Sie mit einem 2:1 gegen Kaiserslautern die Deutsche Meisterschaft gewonnen. Auch Fritz Walter, der Kapitän der Lauterer, nannte ihre Spielweise schon damals ‚überragend‘: Sowohl im Sturm wie auch in der Abwehr seien Sie immer dort aufgetaucht, wo man Sie nicht erwartete. Und so manche Situation hätten Sie nach Art eines Verteidigers geklärt.“

Morlock war – wie die meisten Franken – kein Mann großer Worte und langer Reden. „Ich denk, der Fritz hat mich bloß so g‘lobt, um die Niederlage seiner Mannschaft zu erklären.“

„Seit 1950 sind Sie Mitglied der Deutschen Nationalmannschaft und ich wette, nächstes Jahr werden Sie mit ihr Weltmeister!“ „Das wenn wir wüssten! Dann müssten wir uns im Training nicht mehr so quälen.“

„Ich habe meine Zigaretten ausschließlich in Morlocks Laden gekauft, um ihn so oft wie möglich zu treffen. Selbstverständlich habe ich jedes Clubspiel in der Oberliga Süd im Sportpark Zabo besucht und kein Bundesligaspiel im Städtischen Stadion versäumt. Die Spiele des letzten Wochenendes wurden in unserer Stammkneipe regelmäßig an den darauf folgenden Montagen beim abendlichen Schafkopf-Spiel unter uns Fußballbegeisterten ‚in ihre Einzelteile zerlegt‘. Max war auch beim Karteln ein fairer Sportsmann. Er konnte verlieren, ohne zu lamentieren. Und einem gut gespielten Solo konnte er applaudieren, ohne neidisch zu sein.“

„Aber eigentlich war ihm jede Art von Selbstinszenierung fremd. Das beste Beispiel dafür ist eine Episode aus dem letzten Jahr: Vor dem Länderspiel gegen Österreich wurden die Spieler dem Bundespräsidenten Theodor Heuss vorgestellt. Weil Morlock der letzte in der Reihe war, vermutete Heuss, der vorher noch kein Fußballspiel gesehen hatte: ‚Und Sie sind sicher der Torwart?!‘. Um dem ersten Mann im Staate eine peinliche Situation zu ersparen, antwortete er: ‚Ja, Herr Bundespräsident, ich bin der Torwart‘.“

Der Sportreporter war offensichtlich zufrieden: „Danke. Das ist ein guter Schluss für das geplante Portrait in meinem Sender.“ Schorsch Meier beeilte sich darum zu bitten: „Geben Sie mir Bescheid, wann es ausgestrahlt wird. Ich würde es gern gemeinsam mit meinem Freund Max anhören.“ Wegen angeblicher Arbeitsüberlastung des Reporters wurde das Portrait aber weder fertiggestellt noch gesendet. So enttäuscht Georg darüber war, so froh war er, Max zuvor nichts davon erzählt zu haben.

Die Stadt Nürnberg ehrte ihren Meisterspieler durch einen Eintrag in das Goldene Buch. Nach der offiziellen Siegesfeier, die sich bis in den Abend erstreckte, kam Max zuhause endlich dazu, seinen Schwiegervater nach dem Gang der Geschäfte in der Lotto- und Toto-Annahme zu fragen: „Wie waren denn die Umsätze der letzten drei Tage?“ „Ja, wir hatten deutlich mehr Kundschaft und insgesamt eine Umsatzsteigerung von dreißig Prozent!“ „Gab es sonst noch etwas Besonderes?“ Weil Hans seinen Schwiegersohn zu nachtschlafender Zeit nicht beunruhigen wollte, sagte er nur kurz, aber bestimmt: „Das hat Zeit bis morgen ...“

„Schluss mit der Feierei! Wir kehren wieder zu einem normalen Tagesablauf zurück“. Mit diesem Satz gab Max seinem Schwiegervater kurz vor Ladenöffnung am Donnerstag, 8. Juli, dann das Zeichen für den Bericht über das Geschehen vom vergangenen Sonntag: den von Elisabeth Meier gehörten Schuss, die Blutspur vor dem Laden (die der Regen inzwischen weggewaschen hatte), das liegengebliebene Damenfahrrad, und natürlich, die offene Seitentür des Hauses sowie die Unordnung im Hinterzimmer. Von Ereignis zu Ereignis verfinsterte sich das Gesicht des Weltmeisters. „Was ist mit der Kasse?“, unterbrach er den Bericht. „Nein, es fehlt nichts.“ „Das ist komisch. Hast du eine Erklärung?“ Hans schüttelte nur den Kopf.

„War die Polizei da?“, wollte Max wissen. „Ja, am Sonntag mit zwei Uniformierten im Polizeifahrzeug.“ – „Hoffentlich nicht mit Sirene und Blaulicht!“ „Nein. Aber ein gewisses Aufsehen in der Nachbarschaft war schon bemerkbar. Dagegen fiel der Herr von der Kripo, der am Dienstag eine Probe der Blutspur und das Damenfahrrad mitnahm, niemandem auf.“ „Glaubst du, dass unser Laden dadurch in ein schiefes Licht gerät?“ „Nicht, solange du, Max, die Seele des Geschäfts bist. Und das blieb Max Morlock, der grundsätzlich jeden Tag da war, über fast vier Jahrzehnte. Seine jüngere Tochter nannte seinen Laden – einen der ersten in Nürnberg mit Lottolizenz – „sein Hobby“. Und er selbst sagte, er sei „der glücklichste Mensch, wenn er früh aufstehen und ins Geschäft gehen“ konnte.

„Die Unordnung im Hinterzimmer beunruhigt mich. Lass uns noch einmal nachsehen, ob nicht doch etwas fehlt.“ „Ich hab‘ doch schon alles überprüft!“, warf Hans ein: „Es fehlt nichts!“ Hans verstand nicht, dass Max trotzdem die Ordner in einem offenen Wandregal etwas zur Seite schob und dann erschrocken feststellte: „O je! Es fehlt das Kuvert mit der Aufschrift ‚Deutsch-Amerikanische Freundschaft‘. Ich habe es für einen deutschstämmigen Amerikaner aufbewahrt, den ich beim Besuch des Clubs in New York im letzten Jahr kennengelernt hatte.“ „Was war denn drin in dem Kuvert?“ „Ich weiß es ja nicht. Es war verschlossen und Mike Frank – das war sein Name – hat mich um Verschwiegenheit gebeten.“ „Na, da war er bei dir ja gleich an der richtigen Adresse! Der muss Menschenkenntnis gehabt haben.“

„Ich hoffe, du hilfst mit dabei! Wenn wir beide verschwiegen bleiben, darf das Verschwinden des Kuverts niemandem verraten werden!“ Reichlich konsterniert brummte Hans: „Einverstanden.“

Heftig irritiert durch die Entwendung eines offenbar wichtigen Dokuments für diesen ihnen sonst fremden Mike Frank schaute Max sich weiter im Laden um. „Wo sind meine Fußballschuhe, die hier in der Glasvitrine standen?“ „Tatsächlich: Die ersten Stollenschuhe, die Adi Dassler dir geschenkt hat, fehlen! Warum ist mir das selbst nicht aufgefallen?“ Der ideelle Wert dieses besonderen Geschenks bestand für Max in der Erinnerung daran, dass er in jener Zeit jeden neu entwickelten Adidas-Fußballschuh im Spiel persönlich testen durfte.

Strafanzeige wegen Diebstahls zu erstatten, wurde nach kurzer Diskussion verworfen: Durch das Auftauchen der Polizei am Endspielsonntag waren schon genug Gerüchte entstanden, die nicht um weitere Phantasiegeschichten fortgeschrieben werden sollten.

„Der Meisterspieler von Nürnberg“ – so der damalige Titel des geplanten Rundfunkportraits – beendete seine große fußballerische Karriere am 12. Mai 1964 exakt mit seinem 900. Spiel für den Club. Dieses Ereignis erinnerte den Rundfunkreporter an das damalige Interview mit Georg Meier. Sozusagen nach einer Sendepause von zehn Jahren bot es ihm Gelegenheit, die damalige Erzählung aufzugreifen und mit einer aktuellen Würdigung Morlocks zu verbinden. Georg Meier nahm die Einladung ins Funkhaus am Rundfunkplatz in München gern an.

„1961 gewann der Club das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft mit 3:0 gegen Dortmund. Ich war in Hannover als Zuschauer dabei. Morlock war damals mit 36 Jahren doppelt so alt wie der jüngste Clubspieler. Für die in den Medien so genannten ‚Jungen Wilden‘ war er ein Idol im besten Sinne des Wortes: ein bewundernswertes Vorbild in Leistung und Charakter. Bescheiden und bodenständig, trug er ein Vierteljahrhundert kein anderes Trikot als das des 1. FC Nürnberg.“

„Sein Mitspieler Heiner Müller formulierte die Pointe so: ‚In Max Morlock hatten wir einen Kapitän, vor dem du am liebsten sogar während des Spiels den Hut gezogen hättest.‘ Er war Torjäger mit einem Instinkt für erfolgreiche Abschlüsse mit dem Fuß – wie im Endspiel in Bern mit der Stiefelspitze – und einer Sprungkraft, die seine zahlreichen Kopfballtore erklärt. Als Spielmacher und Ballschlepper kurbelte er Spiele immer wieder an. Der damalige Bundestrainer Sepp Herberger hob hervor, ‚in kritischen Situationen‘ sei Morlock immer ‚sein Mann‘ gewesen, auf den er sich ‚stets verlassen‘ konnte. ‚Er war ein Spieler, der alle mitgerissen hat‘.“

„Auf das ‚Wunder von Bern‘ angesprochen, hat er die ‚Wunder‘-These zurückgewiesen: ‚Wir waren in der Schweiz dreieinhalb Wochen zusammen, hatten keine Ablenkung und spielten nur Fußball. Wir trainierten täglich mit dem Ziel einer auf die Spitze getriebenen Kondition aller 22 Spieler, wir lebten bis aufs Kleinste nach Vorschrift und bildeten einen unzerreißbaren Kameradenkreis, der wohl seinesgleichen suchte.‘“

„Auch das Anschlusstor, das er auf Rahns Flanke erzielte, beschrieb Max bodenständig: ‚Auf dem nassen Boden bekam der Ball eine Mordsfahrt. Mit einem energischen Satz ließ ich mich in die Vorlage hineinrutschen, Grosics schaute entgeistert, und an ihm vorbei rollte der Ball ins Netz.‘ Was er hier zur ‚Fahrt‘ des Balles in einer typisch fränkischen Ausdrucksweise sagt – ‚Mordsfahrt‘ –, möchte ich zu ihm als Fußballer sagen: Max Morlock war ein ‚Mordsfußballer.‘“

Sehr zur Enttäuschung Georg Meiers wurde auch das zweite Interview nicht gesendet. Er hatte auf eine Sendung des Bayerischen Rundfunks mit dem Titel „Max Morlock als Mordsfußballer“ gehofft. Mehrere Nachfragen im Funkhaus in München blieben jedoch erfolglos und ergaben keine Erklärung, die ihm plausibel erschien. Als bitterer Nachgeschmack blieb deshalb der Eindruck, dass München und Nürnberg in einem ähnlichen Verhältnis zueinander stehen wie Nürnberg und Fürth – der große Bruder hält den kleinen am liebsten weiterhin klein.

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22 dekabr 2023
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9783962298043
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