Kitabı oxu: «Wie Achtsamkeit die neue Spiritualität des Kapitalismus wurde»
Ronald E. Purser ist Professor für Management an der San Francisco State University und ordinierter buddhistischer Lehrer. Er ist mitverantwortlich für den Podcast „Mindful Cranks“ und regelmäßiger Gast in Talkshows und Podcasts. Mit seiner Familie lebt er in San Francisco, Kalifornien.
www.ronpurser.com
Ronald E. Purser
Wie Achtsamkeit die neue Spiritualität des Kapitalismus wurde
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Informationen zu unserem gesamten Programm, unseren Autor:innen und zum Verlag finden Sie unter: www.mabuse-verlag.de.
Wenn Sie unseren Newsletter zu aktuellen Neuerscheinungen und anderen Neuigkeiten abonnieren möchten, schicken Sie einfach eine E-Mail mit dem Vermerk „Newsletter“ an: online@mabuse-verlag.de.
Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die leicht überarbeitete Übersetzung der englischen Originalausgabe McMindfulness. How Mindfulness Became the New Capitalist Spirituality, die 2019 bei Repeater Books (an imprint of Watkins Media Limited) erschienen ist.
www.repeaterbooks.com
Deutschsprachige Ausgabe © 2021 Mabuse-Verlag GmbH
Kasseler Str. 1 a
60486 Frankfurt am Main
Tel.: 069-70 79 96-13
Fax: 069-70 41 52
www.mabuse-verlag.de
www.facebook.com/mabuseverlag
Originaltext: © Ronald Purser 2019
Übersetzung aus dem Englischen: Garry Zettersten, Frankfurt a. M. Projektkoordination und Übersetzungslektorat: Simone Holz, Pisa, www.lektorat-redazione-holz.eu/
Satz, Layout und Umschlaggestaltung: ffj Büro für Typografie und Gestaltung, Frankfurt a. M.
Umschlagabbildung: „McBuddha“-Statue von Jani Leinonen, Helsinki, www.janileinonen.com, Foto von Reto Weishaupt, mindfulmind.ch
Druck: SOL Service GmbH, Schrobenhausen
ISBN: 978-3-86321-614-6
eISBN: 978-3-86321-583-5
Printed in Germany
Alle Rechte vorbehalten
Inhalt
Kapitel 1: Schon von der „Achtsamkeitsrevolution“ gehört?
Kapitel 2: Neoliberale Achtsamkeit
Kapitel 3: Das Stress-Mantra
Kapitel 4: Die Privatisierung der Achtsamkeit
Kapitel 5: Achtsamkeit und Kolonialismus
Kapitel 6: Achtsamkeit als soziale Amnesie
Kapitel 7: Achtsamkeit und das Problem mit der Wahrheit
Kapitel 8: Achtsame Angestellte
Kapitel 9: Achtsame Kaufleute
Kapitel 10: Achtsame Eliten
Kapitel 11: Achtsame Schulen
Kapitel 12: Achtsame Krieger:innen
Kapitel 13: Achtsame Politik
Fazit: Die Befreiung der Achtsamkeit
Endnoten
Danksagung
Kapitel 1: Schon von der „Achtsamkeitsrevolution“ gehört?
Achtsamkeit ist im Mainstream angekommen und wird von Promis wie Oprah Winfrey, Madonna und Angelina Jolie empfohlen. Während Meditationslehrer:innen, Mönche, Nonnen und Neurowissenschaftler:innen mit CEOs beim Weltwirtschaftsforum in Davos zusammenkommen, haben die Vordenker:innen dieser Bewegung einen missionarischen Eifer entwickelt. So hat beispielsweise Jon Kabat-Zinn, der Erfinder des Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR – Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion), größere Ambitionen als die Überwindung von Stress. Schließlich prophezeit er, dass diese hybride Mischung aus wissenschaftlicher und meditativer Disziplin „das Potenzial hat, eine universelle oder weltweite Renaissance zu entfachen“. Achtsamkeit „könnte tatsächlich die einzige Hoffnung sein, welche der Spezies und dem Planeten bleibt, um die nächsten paar 100 Jahre zu überstehen“, verkündet er.1
Worum handelt es sich also bei diesem Allheilmittel? Unter der Überschrift „The Mindful Revolution“ („Die achtsame Revolution“) lichtete das Nachrichtenmagazin Time 2014 eine junge, blonde Frau auf seiner Titelseite ab, die Glückseligkeit ausstrahlte. Der zugehörige Artikel beschrieb eine Schlüsselszene der standardisierten Lehrinhalte von MBSR, nämlich das bewusst langsame Verspeisen einer Rosine: „Das Vermögen, sich für wenige Minuten auf eine einzige Rosine zu konzentrieren, ist nicht albern, wenn die dafür notwendigen Fähigkeiten der Schlüssel für Durchsetzungsfähigkeit und Erfolg im 21. Jahrhundert sind“, erklärte die Autorin.2
Demgegenüber bleibe ich skeptisch. All das, was in unserer ungerechten Gesellschaft Erfolg verspricht, aber keine Veränderungen einfordert, ist nicht revolutionär. Es bietet den Menschen lediglich ein Hilfsmittel, um das tägliche Leben zu meistern. Schlimmstenfalls könnte es die Lebensumstände sogar verschlechtern. Statt zu radikalem Handeln anzuregen, wird behauptet, dass die Ursachen von Leid überwiegend bei uns selbst zu suchen seien und nichts mit den politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu tun hätten, die unser Leben prägen. Und dennoch glauben Achtsamkeitsfanatiker:innen, dass das genauere Achten auf den aktuellen Moment bei gleichzeitigem Verzicht auf Werturteile die revolutionäre Kraft in sich trage, die gesamte Welt grundlegend zu verändern. Das ist eine ausgesprochen märchenhafte Vorstellung.
Man möge mich nicht falsch verstehen: Die Achtsamkeitspraxis hat durchaus ihre Berechtigung. Das Ausschalten von Grübeleien trägt dazu bei, Stress, chronische Ängste und viele andere Krankheiten zu reduzieren. Wenn man sich seiner automatischen Reaktionen bewusster wird, kann man ruhiger und möglicherweise freundlicher werden. Die meisten Achtsamkeitspromoter:innen sind nette Menschen und ich zweifle nicht im Geringsten daran, dass sie das Herz am rechten Fleck haben. Ich habe viele von ihnen kennengelernt, darunter auch die Wortführer:innen innerhalb der Bewegung. Aber darum geht es nicht. Problematisch ist das verkaufte Produkt, und ebenso die Art und Weise, wie es vermarktet wird. Achtsamkeit ist nichts weiter als eine einführende Konzentrationsübung. Sie geht auf den Buddhismus zurück, ohne aber dessen ethische Konzepte zu berücksichtigen. Und auch die Zielsetzung der Überwindung von falscher Selbstwahrnehmung bei gleichzeitiger Ausübung von Mitgefühl gegenüber allen anderen Lebewesen ist verworfen worden.
Übrig bleibt ein Werkzeug der Selbstdisziplin, welches als Selbsthilfe ausgegeben wird. Statt Praktizierende zu befreien, bringt es sie stattdessen dazu, sich genau an jene Umstände anzupassen, die ihre Probleme verursacht haben. Eine wahrhaft revolutionäre Bewegung würde die Überwindung dieses widersinnigen Gesellschaftssystems anstreben, aber Achtsamkeit führt nur zu einer Verstärkung seiner zerstörerischen Logik. Die neoliberale Ordnung hat sich über die vergangenen Jahrzehnte unbemerkt ausgebreitet und die Ungleichheit im Streben nach Unternehmensreichtum vergrößert. Es wird erwartet, dass sich Individuen an die Anforderungen dieses Gesellschaftsmodells anpassen. Stress wird pathologisiert und privatisiert – und die Bürde der Bewältigung dieser Emotionen auf das Individuum abgewälzt. Entsprechend inszenieren sich Achtsamkeitsverkäufer:innen als Heilsbringer:innen.
Das heißt allerdings nicht, dass Achtsamkeit verboten werden sollte oder dass alle, die sie nützlich finden, verblendet sind. Die Befürworter:innen der Achtsamkeit tendieren dazu, Kritiker:innen mit derlei Ansichten als boshafte Miesepeter darzustellen. Leid zu mindern ist ein erhabenes Ziel und sollte unterstützt werden. Aber um dies effektiv zu erreichen, müssen Achtsamkeitslehrende anerkennen, dass persönlicher Stress auch gesellschaftliche Ursachen hat. Indem sie das kollektive Leiden und den Systemwandel, der es beseitigen könnte, außer Acht lassen, berauben sie die Achtsamkeit ihres wirklich revolutionären Potenzials. Sie reduzieren sie auf etwas Banales, das die Menschen dazu bringt, sich auf sich selbst zu konzentrieren.
Private Freiheit
Die Achtsamkeitsbewegung verkündet vor allem, dass die zugrunde liegenden Ursachen von Unzufriedenheit und Kummer bei uns selbst zu suchen seien. Weil wir nicht darauf achten, was in jedem Moment tatsächlich passiert, verlieren wir uns in der Bewältigung der Vergangenheit und den Sorgen um die Zukunft. Das macht uns unglücklich. Jon Kabat-Zinn, der vielen als Begründer der modernen Achtsamkeit gilt, bezeichnet diesen Geisteszustand als „Denkkrankheit“3. Durch das Erlernen von Konzentration wird zirkuläres Denken reduziert, weshalb Kabat-Zinn diagnostiziert, dass unsere „gesamte Gesellschaft am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leidet – und zwar gewaltig“4. Andere Ursachen für eine Kultur des Leidens werden nicht angeführt. Das Wort „Kapitalist“ erwähnt Kabat-Zinn in seinem Buch Coming to Our Senses: Healing Ourselves and the World Through Mindfulness (dt. Titel: Zur Besinnung kommen: Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt) nur ein einziges Mal, als Teil einer Anekdote über einen gestressten Investor. An dieser Stelle heißt es: „Wir alle leiden an einer Art Aufmerksamkeitsdefizitstörung.“5
Die Befürworter:innen der Achtsamkeit stützen – wenn auch unwissentlich – den Status quo. Anstatt zu erörtern, auf welche Weise Aufmerksamkeit durch Unternehmen wie Google, Facebook, Twitter und Apple in Geld umgewandelt und manipuliert wird, verorten sie die Krise in unseren Köpfen. Ihnen zufolge ist nicht die Eigenlogik des kapitalistischen Systems problematisch, sondern dass Individuen daran scheitern, in einem prekären und unsicheren Wirtschaftssystem achtsam und belastbar zu sein. Anschließend verkaufen sie uns Lösungskonzepte, die uns zu glücklichen, achtsamen Kapitalist:innen machen sollen.
Diese politische Naivität ist verblüffend. Die beschworene Revolution kommt nicht durch Proteste und kollektiven Kampf zustande, sondern soll in den Köpfen vereinzelter Individuen stattfinden. Chris Goto-Jones, ein Kritiker der Achtsamkeitsbewegung, stellt fest: „Es ist keine Revolution der gesellschaftlich Verzweifelten oder Entrechteten, sondern eine ‚friedliche Revolution‘, angeführt von der weißen amerikanischen Mittelschicht.“6 Es ist unklar, was die Bewegung genau erreichen möchte, abgesehen von Seelenfrieden in unserem Privatleben.
Beim Praktizieren von Achtsamkeit lässt sich individuelle Freiheit angeblich durch einen Zustand des „reinen Bewusstseins“ erreichen, der nicht durch äußere, korrumpierende Einflüsse gestört wird. Dafür müssen wir nur unsere Augen schließen und auf unsere Atmung achten. Und das ist die Krux dieser angeblichen Revolution: Die Welt wird langsam verändert, von einem achtsamen Individuum nach dem anderen. Diese politische Philosophie erinnert komischerweise an den „mitfühlenden Konservatismus“ des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush. Der Rückzug ins Private macht Achtsamkeit zu einer egozentrischen Religion. Die Idee einer öffentlichen Sphäre wird ausgehöhlt, und jeder Durchsickereffekt des Mitgefühls ist dabei reiner Zufall. Die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown zieht daraus die Schlussfolgerung, dass „der Staatskörper aufhört, ein Körper zu sein, und stattdessen zu einer Gruppe von individuellen Unternehmer:innen und Konsument:innen wird“7.
Wie die Positive Psychologie und die Glückindustrie insgesamt hat Achtsamkeit eine Entpolitisierung und Privatisierung von Stress zur Folge. Wenn wir unglücklich sind, weil wir keine Arbeit haben, unsere Gesundheitsversicherung verlieren oder dabei zusehen müssen, wie unsere Kinder sich hoch verschulden, dann liegt es an uns, achtsamer zu sein. Jon Kabat-Zinn versichert uns, dass „Glück eine Sache der Eingeweihten ist“, die von uns lediglich verlangt, urteilsfrei, achtsam und bewusst im Hier und Jetzt zu sein.8 Der Meditationsübungen positiv gegenüberstehende Neurowissenschaftler Richard Davidson behauptet, dass „Wohlbefinden eine Fähigkeit ist“, die man sich genauso antrainieren kann wie Muskeln im Fitnessstudio.9 Die sogenannte Achtsamkeitsrevolution akzeptiert widerspruchslos die Diktatur des Marktes. Dabei wird sie von einem therapeutischen Ethos geleitet, welches auf die Stärkung der mentalen und emotionalen Resilienz von Individuen abzielt. Es werden neoliberale Ansätze befürwortet, denen zufolge alle Menschen ihre Reaktionen frei auswählen, ihre negativen Emotionen handhaben und durch verschiedene Arten der Selbstfürsorge „aufblühen“ können. Aufgrund dieser Vorstellung schließen die meisten Achtsamkeitstrainer:innen Lehrangebote aus, die sich kritisch mit den Ursachen von Leid in den Machtstrukturen und ökonomischen Systemen der kapitalistischen Gesellschaft auseinandersetzen.
Wenn diese Art der Achtsamkeit ein Mantra hätte, würden ihre Anhänger:innen „ich, mich und meins“ skandieren. Mein Kollege C. W. Huntington hat festgestellt, dass die meisten westlichen Praktizierenden sich als Erstes Folgendes fragen: „Was springt für mich dabei heraus?“10 Achtsamkeit wird als Mittel zur persönlichen Bereicherung und Befriedigung vermarktet. Die Devise lautet Selbstoptimierung: Ich möchte meinen Stress verringern, ich möchte meine Konzentration erhöhen, ich möchte meine Produktivität und Leistung verbessern. Wie bei einer Aktie, bei der man auf eine satte Dividende hofft, kann man auch in Achtsamkeit investieren. Ein anderer skeptischer Kollege, David Forbes, fasst diesen Gedankengang in seinem Buch Mindfulness and It’s Discontents folgendermaßen zusammen:
„Welches Ich möchte ohne Stress und glücklich sein? Meins! Der ichsamkeitsindustrielle Komplex möchte deinem Ich dabei helfen, deine persönliche Marke zu promoten – und dabei natürlich etwas Geld einnehmen (deins und meins). Die simple Prämisse lautet wie folgt: Durch das Praktizieren von Achtsamkeit beziehungsweise ein achtsameres Verhalten wird man glücklich, unabhängig davon, welche Gedanken und Gefühle man hat oder wie man in der Welt handelt.“11
Das ist natürlich eine Spiegelung kapitalistischer Normen, die vieles im Leben verzerren. Die Achtsamkeitsbewegung macht sich diese aber zu eigen und lehnt jede Kritik ab, die hinterfragt, ob alles wirklich so sein muss, wie es ist.
Die Kommerzialisierung der Achtsamkeit
Achtsamkeit ist zu einer weltweit bekannten Ware geworden. Sie wird sogar vom Fast-Food-Riesen Kentucky Fried Chicken (KFC) genutzt, um Hähnchenpasteten zu verkaufen. Dessen von einer renommierten Werbeagentur konzipierter Slogan „Komfortzone: Ein Hähnchenpasteten-Meditationssystem“ verwendet eine beruhigende Stimme aus dem Off sowie mystische Bilder des sich drehenden KFC-Gründers „Colonel“ Sanders mit Hähnchenpasteten-Kopf im Lotussitz. „Hörer:innen werden auf eine Reise mitgenommen“, sagt die Erzählstimme im Video: „Die Komfortzone ist ein bahnbrechendes System der persönlichen Meditation, Achtsamkeit und Affirmation, basierend auf der unglaublichen Stärke der unverkennbaren Hähnchenpastete von KFC.“12
Achtsamkeit ist mittlerweile eine 4-Milliarden-Dollar-Industrie, die durch den Medienhype und das geschickte Marketing der Eliten der Bewegung angekurbelt wird. Mehr als 100.000 Bücher, die bei Amazon erhältlich sind, haben eine Variation von „Achtsamkeit“ im Titel. Sie preisen die Vorzüge von achtsamer Erziehung, achtsamem Essen, achtsamer Lehre, achtsamer Therapie, achtsamer Führung, eines achtsamen Finanzwesens, einer achtsamen Nation oder von achtsamen Hundebesitzer:innen an, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Malbücher zu Achtsamkeit sind ein eigenständiges Genre, welches viele Bestseller umfasst. Neben Büchern gibt es auch Workshops, Onlinekurse, Hochglanzmagazine, Dokumentarfilme, Smartphone-Apps, Glocken, Kissen, Armbänder, Beautyprodukte und weiteres Zubehör. Darüber hinaus existiert eine wachsende lukrative Konferenzlandschaft. Achtsamkeitskonzepte haben ihren Weg zu Schulen, der Wall Street, Firmen im Silicon Valley, Anwaltskanzleien und staatlichen Institutionen, darunter auch das US-Militär, gefunden. Fast täglich werden in den Medien wissenschaftliche Studien zitiert, die von den zahlreichen gesundheitlichen Vorteilen von Achtsamkeit und den positiven Auswirkungen dieser einfachen Übung auf das Gehirn berichten.
Achtsamkeit unter dem Deckmantel der Wissenschaft zu vermarkten ist ein todsicherer Weg, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu gewinnen. Ein wichtiges Verkaufs- und Marketingargument für Achtsamkeitsprogramme ist, dass Meditation nach den neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen erwiesenermaßen „funktioniert“. Aber das entspricht nicht der Wahrheit. Viele prominente kontemplative Neurowissenschaftler:innen geben zu, dass die wissenschaftliche Erforschung der Achtsamkeit und anderer Arten der Meditation noch in den Kinderschuhen steckt. Das Wissen um Veränderungen im Gehirn durch Meditation ist sogar als unbedeutend bezeichnet worden.13 „Die öffentliche Begeisterung wächst schneller als die wissenschaftliche Faktenlage“, sagt Willoughby Britton von der Brown University. „Die Menschen finden eher Unterstützung für ihre Überzeugungen als für das, was die Daten tatsächlich aussagen.“14 Das Leitprinzip der wissenschaftlichen Ethik ist es, unvoreingenommen und vorsichtig zu sein. Aber wenn Studien für die Verfechtung einer bestimmten Sache genutzt werden, wird ihre Glaubwürdigkeit infrage gestellt. So sorgt sich Britton, dass „die Befangenheit der Experimentierenden einen größeren Effekt haben könnte als die Behandlung selbst“. Es gibt einen großen Impuls innerhalb der Achtsamkeitsbewegung, sich über die Vorsicht hinwegzusetzen, die die das Markenzeichen guter Wissenschaft ist. Wissenschaftler:innen auf der Suche nach Forschungsgeldern, Autor:innen auf der Suche nach Verlagsverträgen, Achtsamkeitslehrende, die Klient:innen suchen, und Workshopleiter:innen auf der Suche nach einem Publikum preisen gemeinsam eine Industrie an, die auf zweifelhaften Aussagen über wissenschaftliche Erkenntnisse aufbaut.
Für das Marketing ist auch eine entfernte Verbindung zu buddhistischen Lehren von zentraler Bedeutung, von denen Achtsamkeit ein Ausschnitt ist. Moderne Fachleute haben kein Problem damit, diese Verbindung als kulturelles Gütesiegel darzustellen, um sich die Exotik des Buddhismus und die Anziehungskraft von Ikonen wie dem Dalai Lama zunutze zu machen. Zugleich wird die buddhistische Religion als fremdes „kulturelles Gepäck“ abgetan, das beseitigt werden muss. Oft wird mit Parolen wie „buddhistische Meditation ohne Buddhismus“ oder „die Vorzüge des Buddhismus ohne den ganzen Hokuspokus“ geworben. Mal abgesehen von dem beleidigenden Tonfall, der den meisten nicht bewusst zu sein scheint (obwohl es dasselbe ist wie zu sagen: „Ich mag säkulare Juden ohne all das Jüdische … Ihr wisst schon, all der Glaube, die Rituale, die Institutionen und das kulturelle Erbe des Judentums – all dieser Hokuspokus …“), sind sie in einem kolonialen Diskursmodus gefangen. Sie beanspruchen die wahre Essenz des Buddhismus für sich, um sich zu profilieren. Gleichzeitig behaupten sie, dass die Wissenschaft nun den Buddhismus überholt habe, indem sie einen universellen Zugang zur Achtsamkeit ermögliche.
Manche buddhistischen Antworten bestreiten diese Darstellung. Laut dem freimütigen amerikanischen Mönch Bhikkhu Bodhi kann die Macht von Meditationslehren sogar zu unserer Versklavung führen: „Ohne eine schneidende Gesellschaftskritik könnten buddhistische Praktiken durchaus zur Rechtfertigung und Stabilisierung des Status quo herhalten, und so zur Stärkung des Konsumkapitalismus beitragen.“15 Ich könnte noch diskutieren, ob Achtsamkeit eine buddhistische Praxis ist oder nicht (Spoileralarm: Sie ist es nicht!), aber das würde nur davon ablenken, was wirklich auf dem Spiel steht.
Als Professor für Management und langjähriger Praktizierender des Buddhismus habe ich eine moralische Verpflichtung verspürt, meine Stimme zu erheben, als Großkonzerne mit fragwürdiger Ethik und düsterer Erfolgsbilanz hinsichtlich der Übernahme von sozialer Verantwortung anfingen, Achtsamkeit als Methode zur Steigerung der Leistungsfähigkeit einzuführen. Mit David Loy habe ich bereits 2013 einen Artikel in der Huffington Post veröffentlicht und die Effektivität, die Ethik und die beschränkten Interessen von Achtsamkeitskonzepten infrage gestellt.16 Wir waren überrascht, als der Artikel viral wurde. Vielleicht lag es am Titel: „Beyond McMindfulness“ („Jenseits von McAchtsamkeit“).
Der Begriff „McMindfulness“ wurde vom buddhistischen Lehrer und Psychotherapeuten Miles Neale geprägt, der von einem „Fressrausch spiritueller Praktiken“ sprach, „die den Hunger sofort stillen, aber keinen langfristigen Nährwert bieten“.17 Obwohl diese Zuschreibung passend ist, erweckt sie tiefergründige Assoziationen. Der zeitgenössische Achtsamkeitstrend ist aus unternehmerischer Sicht McDonald’s ebenbürtig. Der Gründer dieses Unternehmens, Ray Kroc, erschuf die Fast-Food-Industrie. Wie der Achtsamkeitsdirigent Jon Kabat-Zinn, ein Spiritualitätsverkäufer im Geiste von Eckhart Tolle und Deepak Chopra, war auch Kroc ein Visionär. Beim Verkaufen von Milkshakes erkannte Kroc schon früh das Franchisingpotenzial einer Restaurantkette im kalifornischen San Bernadino. Er schloss einen Vertrag ab, um als Franchisevertreter der McDonald-Brüder zu arbeiten. Bald danach kaufte er die Brüder aus und baute die Kette zu einem weltweiten Imperium um. Kabat-Zinn traf die Inspiration, nachdem er sein Doktorstudium der Molekularbiologie am Massachusetts Institute of Technology absolviert hatte. Als passionierter Meditierer hatte er während einer Freizeit plötzlich eine Vision: Er könnte buddhistische Lehren und Praktiken anpassen, um Patient:innen im Krankenhaus beim Umgang mit Schmerzen, Stress und Angst zu helfen. Sein Geniestreich war die Vermarktung von Achtsamkeit als säkulare, kryptobuddhistische Spiritualität.
Kroc und Kabat-Zinn teilen eine bemerkenswerte Begabung für das Erkennen von Chancen: die Fähigkeit, eine Marktlücke zu erkennen, neue Geschäftsmöglichkeiten zu schaffen und innovative Wege zur Bereitstellung von Produkten und Dienstleistungen zu finden. Kroc erkannte für sich die Chance, vielbeschäftigten Amerikaner:innen durch Automatisierung, Standardisierung und Disziplin sofortigen Zugang zu einheitlich gefertigtem Essen zu ermöglichen. Er rekrutierte ehrgeizige und engagierte Franchisenehmer:innen und bildete sie in seinen Trainingsprogrammen an der „Hamburger-Universität“ in Elk Grove im Bundesstaat Illinois aus. Die Franchisenehmer:innen erwarben Zertifikate in „Hamburgerologie, mit einer Zusatzqualifikation in Pommes“. Kroc baute die Reichweite von McDonald’s immer weiter aus, indem er neue Märkte ausfindig machte, die sich von Fast Food zu günstigen Preisen angezogen fühlen würden.
In ähnlicher Weise sah Kabat-Zinn die Möglichkeit, gestressten Amerikaner:innen einen einfachen Zugang zu MBSR zu verschaffen, und zwar durch einen kurzen achtwöchigen Achtsamkeitskurs zur Stressreduzierung, der konsequent nach einem standardisierten Lehrplan unterrichtet würde. Lehrer:innen für MBSR können durch den Besuch von Lehrprogrammen an dem von Kabat-Zinn betriebenen Center for Mindfulness in Worcester im Bundesstaat Massachusetts eine Zertifizierung erhalten. Er baute die Reichweite von MBSR durch die Erschließung neuer Märkte wie Konzerne, Schulen, staatliche Institutionen und das Militär weiter aus. Gleichzeitig befürwortete er weitere Arten von „mindfulness-based interventions“ (MBIs – „achtsamkeitsbasierten Interventionen“). Beide Männer haben Maßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass sich ihre Produkte an allen Standorten ihres Franciseunternehmens weder in Inhalt noch in Qualität unterscheiden. Burger und Pommes von McDonald’s sind erwartungsgemäß gleich, egal ob man sie in Dubai oder Düsseldorf isst. Ganz ähnlich gibt es wenig Variation im Inhalt, in der Struktur und im Lehrplan von MBSR-Kursen auf der ganzen Welt.
Seit der Veröffentlichung von „Beyond McMindfulness“ beobachte ich mit großer Sorge, wie Achtsamkeit überverkauft und kommerzialisiert wird. Damit reduziert man sie auf eine Technik mit so ziemlich jedem instrumentellen Zweck. Sie kann Kindern aus sozialen Brennpunkten eine beruhigende Auszeit oder Hedgefonds-Manager:innen einen mentalen Vorteil verschaffen, oder den Stress von Drohnenpilot:innen des Militärs reduzieren. Ohne moralischen Kompass oder ethische Verpflichtungen und losgelöst von einer Vision des Gemeinwohls bleibt Achtsamkeit durch ihre Kommerzialisierung im Ethos des Marktes verankert.
Eine kapitalistische Spiritualität
Dieser Zustand ist zum Teil dem Umstand geschuldet, dass Befürworter:innen von Achtsamkeit sie als unpolitisch betrachten. Auf diese Weise sind der Verzicht auf moralische Fragen und die Abneigung gegen eine Vision des Gemeinwohls miteinander verwoben. Laissez-faire-Achtsamkeit lässt das dominante System über Fragen wie „Was ist das Gute?“ entscheiden. Es wird einfach davon ausgegangen, dass sich ethisches Verhalten „natürlich“ aus der Praxis und der „Verkörperung“ der sanftmütigen Nettigkeit der Lehrperson oder durch den Zufall der induktiven Selbstentdeckung ergibt. Allerdings ist die Behauptung, dass bedeutende ethische Veränderungen notwendigerweise aus „wertfreier Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Augenblick“ folgen, offensichtlich falsch. Die Betonung der „nicht wertenden Aufmerksamkeit“ kann genauso zur Ausschaltung der eigenen moralischen Intelligenz führen. Es ist unwahrscheinlich, dass das US-Militär in Achtsamkeit investieren würde, wenn achtsamere Soldat:innen sich massenhaft weigerten, in den Krieg zu ziehen.
Achtsamkeit ist die neueste Ausformung einer kapitalistischen Spiritualität, deren Ursprünge auf die Privatisierung der Religion in den westlichen Gesellschaften zurückgehen. Alles begann vor wenigen Jahrhunderten mit dem Versuch, Glaube und moderne Wissenschaft miteinander in Einklang zu bringen. Da private Erfahrungen nicht wissenschaftlich gemessen werden konnten, wurde Religion verinnerlicht. Zu den wichtigsten Vertretern dieses Prozesses gehört der Psychologe William James, der im 19. Jahrhundert maßgeblich an der Psychologisierung der Religion beteiligt war. Als ebenso einflussreich erwies sich Abraham Maslow, dessen humanistische Psychologie den Impuls für die New-Age-Bewegung gab. In ihrem Buch Selling Spirituality: The Silent Takeover of Religion argumentieren die Autoren Jeremy Carrette und Richard King, dass asiatische Weisheitstraditionen seit dem 19. Jahrhundert Kolonialismus und Kommerzialisierung ausgesetzt sind. Hierdurch sei eine hoch individualistische Spiritualität entstanden, die perfekt an vorherrschende kulturelle Werte angepasst ist und keine nennenswerte Veränderung im eigenen Lebensstil erfordert.18 Eine solch individualistische Spiritualität ist offensichtlich mit einer neoliberalen Agenda der Privatisierung verbunden, insbesondere wenn dies durch die mehrdeutige Sprache der Achtsamkeit verhüllt wird. Die Marktkräfte machen sich die Dynamik der Achtsamkeitsbewegung bereits zunutze, indem sie ihre Ziele auf einen sehr begrenzten individuellen Bereich ausrichten.
Die privatisierte Achtsamkeitspraxis kann leicht instrumentalisiert und auf eine „verständnisvolle“ Orientierung reduziert werden. Sie zielt darauf ab, „Angstgefühle und Unbehagen auf individueller Ebene zu lösen, anstatt soziale, politische und ökonomische Ungleichheiten anzugehen, die so viel Leid verursachen“, wie Carrette und King kritisieren.19 Der Einsatz für eine privatisierte und psychologisierte Achtsamkeit ist aber sehr wohl politisch. Byung-Chul Han bezeichnet dies als „Psycho-Politik“, da der zeitgenössische Kapitalismus versuche, die Psyche als produktive Kraft nutzbar zu machen.20 Achtsamkeitsbasierte Interventionen erfüllen diesen Zweck, indem sie Individuen therapeutisch optimieren, um sie „mental fit“, aufmerksam und belastbar zu machen, damit sie weiterhin innerhalb des Systems funktionieren. Diese Kapitulation ist von einer Revolution weit entfernt.
Achtsamkeit wird als Kraft dargestellt, die uns einen Umgang mit den schädlichen Einflüssen des Kapitalismus ermöglicht. Aber weil das, was sie anbietet, so leicht vom Markt übernommen werden kann, wird ihr Potenzial für soziale und politische Veränderungen beschnitten. Einflussreiche Personen in der Achtsamkeitsbewegung glauben, dass Kapitalismus und Spiritualität in Einklang gebracht werden können. Sie wollen den Stress von Individuen reduzieren, ohne sich tiefergehend mit dessen sozialen, politischen und ökonomischen Ursachen auseinanderzusetzen.
Manche fragen sich vielleicht, was daran falsch sein sollte, Achtsamkeit an Manager:innen und den Rest der gesellschaftlichen Elite zu verkaufen. Stehen ihnen die Vorzüge der Achtsamkeit nicht genauso zu wie allen anderen? Die relevantere Frage ist aber, welche Art von Achtsamkeit angeboten wird. Manager:innen bekommen das gleiche Produkt wie alle anderen: ein nützliches Werkzeug, um Stress zu lindern, ohne dabei über Wissen und Einsichten zu dessen Ursprung verfügen zu müssen.
Eine wirklich revolutionäre Achtsamkeit würde westliches Anspruchsdenken nach Glück, unabhängig von ethischem Verhalten, infrage stellen. Achtsamkeitsprogramme fordern Manager:innen aber nicht dazu auf zu untersuchen, wie ihre Entscheidungen und Konzernrichtlinien zu einer Institutionalisierung von Gier, bösen Absichten und Verblendung geführt haben, deren Überwindung buddhistische Achtsamkeit eigentlich anstrebt. Stattdessen wird Achtsamkeit Manager:innen als Möglichkeit verkauft, Stress abzubauen sowie die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Wie sollte man sich sonst von einer 80-Stunden-Arbeitswoche erholen können? Sie mögen „meditieren“, aber die Wirkung ist wie die einer Aspirin-Tablette gegen Kopfschmerzen: Sobald die Schmerzen verschwinden, ist alles beim Alten. Selbst wenn Einzelne dadurch zu netteren Menschen werden, ändert sich nichts an der Profitmaximierungsagenda des Konzerns. Achtsamkeit nach dem Trickle-down-Prinzip ist wie die Trickle-down-Wirtschaft ein Deckmantel für den Machterhalt.
Neoliberale Denkstrukturen durchziehen die Achtsamkeitspraxis: Ihre „Funktionsfähigkeit“ muss bewiesen werden und sie muss die gewünschten Ergebnisse liefern. Dadurch kann sie nicht als Mittel zum Widerstand dienen. Stattdessen wird Achtsamkeit auf eine Technik zur „Selbstfürsorge“ reduziert. Sie wird zu einem therapeutischen Hilfsmittel, einem universellen Elixier, welches zur Überwindung von mentalen und emotionalen Hindernissen eingesetzt wird, um Leistung und höhere Effizienz zu fördern.21 Diese Logik durchdringt die meisten Institutionen, angefangen von staatlichen Stellen hin zu Großkonzernen. Die Suche nach Widerstandsfähigkeit wird von der Parole „Pass dich an oder stirb“ geleitet.22 Daraus resultiert eine obsessive Überwachung der eigenen Gefühle, die soziale Kurzsichtigkeit auslöst. Byung-Chul Han beobachtet, dass sich dabei die protestantische Arbeitsethik neu erfindet:
„Unendlich an Selbstverbesserung zu arbeiten ähnelt der Selbstbetrachtung und Eigenüberwachung im Protestantismus, welcher für sich genommen eine Technologie der Subjektivierung und Dominanz ist. Anstatt nach Sünden zu suchen, wird nun Jagd auf negative Gedanken gemacht.“23
Die erfolgreiche Vermarktung von Achtsamkeit lässt sie verlockend unverfänglich erscheinen. Sie erscheint so hilfreich, warum wird also auf ihr herumgehackt? Ist nicht ein bisschen Achtsamkeit besser als gar keine? Was ist denn daran verkehrt, wenn sich Angestellte vor einem stressigen Meeting über eine App eine dreiminütige Atemübung zur Entspannung anhören? Es spricht erst einmal nichts dagegen, aber wir sollten über die damit verbundenen Kosten nachdenken. Wenn Achtsamkeit Menschen nur dabei hilft, mit den toxischen Bedingungen zurechtzukommen, die ihren Stress überhaupt erst verursachen, können wir vielleicht etwas mehr erwarten. Warum sollten wir zulassen, dass Achtsamkeit für wirtschaftliche Zwecke missbraucht wird? Warum sollten wir uns darüber freuen, dass diese Pervertierung von Achtsamkeit Menschen bei der „Selbstausbeutung“ hilft? Das ist das Kernproblem. Die Internationalisierung von Achtsamkeitspraktiken führt auch dazu, dass weitere Dinge verinnerlicht werden: angefangen von Arbeitsanforderungen hin zu Strukturen der Dominanz in der Gesellschaft. Das Schlimmste daran ist, dass diese unterwürfige Haltung noch als Freiheit dargestellt wird. Tatsächlich lebt die Achtsamkeit von der Doppeldeutigkeit der Freiheit: Selbstbezogene „Freiheiten“ werden gefeiert, während gesellschaftlicher Verantwortung keine Beachtung geschenkt wird. Und auch die Kultivierung einer kollektiven Achtsamkeit, bei der sich wirkliche Freiheit innerhalb einer kooperativen und gerechten Gesellschaft entfaltet, findet keinen Zuspruch.
Natürlich sind Stressreduktion sowie die Verbesserung des eigenen Wohlbefindens und der eigenen Zufriedenheit viel einfacher zu verkaufen als eine ernsthafte Ursachenforschung zu Ungerechtigkeit, sozialer Ungleichheit und Umweltzerstörung. Letzteres fordert die soziale Ordnung heraus, während Ersteres die Schärfung des Blicks und die Verbesserung der Arbeitsund Prüfungsleistung priorisiert. Es wird sogar ein besseres Sexleben versprochen. Wenn man sich eine beliebige Ausgabe des neuen Magazins Mindful anschaut, findet man eine Vielzahl an Artikeln, welche die praktischen und irdischen Vorteile von Achtsamkeit anpreisen. Davon sollen sich Konsument:innen angesprochen fühlen, die in der Spiritualität eine Möglichkeit zur Verbesserung ihrer mentalen und physischen Gesundheit erkennen. Achtsamkeit wird nicht nur als neue Methode der Psychotherapie ausgegeben, sondern als Selbsthilfetechnik verkauft. Dies führt zu einer verstärkten Wahrnehmung von spirituellen Praktiken als individuelle Privatangelegenheit. Sobald diese Praktiken privatisiert sind, können sie zur Ausübung von sozialer, ökonomischer und politischer Kontrolle missbraucht werden.
Wie bereits in „Beyond McMindfulness“ dargestellt, liegt dies an der Konzeption von Achtsamkeit durch heutige Lehrpersonen:
„Die Entkontextualisierung der Achtsamkeit von ihrem ursprünglichen, befreienden und transformativen Zweck sowie ihrer grundlegenden Sozialethik kommt einem faustischen Handel gleich. Statt Achtsamkeit als Mittel einzusetzen, um Individuen und Organisationen aufzuwecken und die unheilsamen Wurzeln von Gier, bösen Absichten und Wahnvorstellungen aufzuzeigen, wird sie in der Regel zu einer banalen therapeutischen Selbsthilfetechnik umfunktioniert, welche diese Ursachen sogar verstärken kann.“24
Das vorliegende Buch untersucht, wie das passiert und was man dagegen tun kann. Es gibt keinen Grund dafür, Achtsamkeit als Stütze sozialer Ungerechtigkeit zu verwerfen. Sie kann auch so gelehrt werden, dass diese Verquickungen unterbleiben. Das verlangt aber von uns, dass wir wahrnehmen, was tatsächlich passiert, und uns dazu verpflichten, kollektives Leid zu reduzieren. Der Fokus muss sich von „ich“ zu „wir“ verschieben, um Achtsamkeit von neoliberalen Denkmustern zu befreien.
Entsprechend ist meine Kritik kompromisslos und intolerant gegenüber Ungerechtigkeit, Egoismus, Gier sowie imperialistischen Illusionen. Sie beleuchtet die Teile der Achtsamkeitsbewegung, welche die Beziehung zwischen persönlichem Stress und gesellschaftlicher Unterdrückung zu verschleiern versuchen. Das Buch bietet ein kritisches Gegengewicht zur feierlichen und selbstgefälligen Darstellung von Achtsamkeit durch ihre Befürworter:innen. Ich möchte die Schattenseiten beleuchten, die durch den ganzen Hype um die Achtsamkeitsbewegung und deren antiintellektuelle Stimmung untergegangen sind. Es handelt sich um den Versuch, die soziale Amnesie zu bekämpfen, die Menschen zu achtsamen Diener:innen des Neoliberalismus macht. Achtsamkeit ist in Wahrheit ein Akt der Wiedererinnerung. Dabei geht es nicht nur darum, Erinnerungen abzurufen und achtsame Gegenwärtigkeit zu praktizieren, sondern vor allem um die kollektive Verbesserung unserer Lebensverhältnisse.
Kapitel 2: Neoliberale Achtsamkeit
David Gelles, ein langjähriger Wirtschaftsjournalist der New York Times, wurde durch seine regelmäßige Kolumne „Meditation for Real Life“ („Meditation für das echte Leben“) bekannt. In seinem Buch Mindful Work breitete er schließlich seine Plattitüden aus, die sich wie Botschaften auf Grußkarten lesen: „Achtsam die Steuererklärung ausfüllen“, „Achtsam Sport treiben“ oder „Achtsamkeit im Wartezimmer“. Eine dieser Kolumnen mit dem Titel „Achtsames U-Bahn-Fahren“ ist zu schön, um sie unkommentiert zu lassen. Man stelle sich Menschen in New York vor, die Gelles’ Rat befolgen:
„Atme ein paar Mal tief ein, forme ein halbes Lächeln mit deinen Lippen, schaue eine andere Person in der U-Bahn sanftmütig an. Achte auf deine aufkommenden Gedanken und Gefühle, während du diese Person betrachtest. Versuche einen warmen und gutmütigen Blick aufzusetzen, zum Beispiel indem du dir eine befreundete Person vorstellst.“25
Diese Art von Achtsamkeit kommt stoischer Selbstberuhigung gleich. Kümmere dich nicht darum, was deine Ängste auslöst. Sei einfach achtsam im gegenwärtigen Augenblick und gib dein Bestes, um dich dabei einfach toll zu fühlen. Hoffentlich tut es dir dein Gegenüber gleich!
Der Achtsamkeitsguru Jon Kabat-Zinn gibt das Ziel vor, das darin besteht, „in größerer Harmonie mit sich selbst und der Welt zu leben“.26 Durch das Praktizieren von Achtsamkeit können Menschen lernen, ihre emotionalen Reaktionen und Impulse, rasenden Gedanken, Stress und Sorgen zu kontrollieren. Hierdurch soll eine Oase der Entlastung geschaffen werden.
Das klingt zunächst positiv, aber das Ganze hat auch ungewollte Folgen. Erstens fördert die Achtsamkeit die Konzentration auf sich selbst und die inneren Vorgänge des Geistes und lenkt die Aufmerksamkeit von den Stressquellen der massiven Ungleichheiten, Entbehrungen und Ungerechtigkeiten der modernen Gesellschaft ab. Infolgedessen verstärkt sie manche Ursachen von Leid. Zweitens bedeutet ein Leben in Harmonie mit der Welt, den Kapitalismus als gegeben hinzunehmen. Es bedarf also keinerlei Gesellschaftskritik oder Vision der gesellschaftlichen Veränderung. Als gut bezahlter Journalist der New York Times kann Gelles darin nichts Schlechtes erkennen: „Wir leben nun einmal in einer kapitalistischen Gesellschaft und daran kann Achtsamkeit nichts ändern.“27
Natürlich nicht, wenn man sie so verkauft. Ihre Darstellung als marktkonformes Heilungsmittel erklärt auch, warum sie so gut bei den Menschen ankommt. Achtsamkeit fügt sich einfach nahtlos in die Denkweise der Arbeitswelt ein. Letztlich bildet das Versprechen einer höheren Geschicklichkeit im Konkurrenzkampf die einzige Bedrohung für den Status quo. Der neoliberale Grundkonsens der modernen Gesellschaft besagt, dass denjenigen, die über Macht und Reichtum verfügen, freie Hand gelassen werden soll, um noch mehr anhäufen zu können. Jene Achtsamkeitsverkäufer:innen, die diese Marktlogik akzeptieren, finden bei den CEOs des Weltwirtschaftsforums in Davos wenig überraschend großen Zuspruch. Dort kann auch Kabat-Zinn ungeniert die Steigerung von Konkurrenzfähigkeit durch Meditationspraktiken anpreisen.28
In den vergangenen Jahrzehnten ist der Neoliberalismus über seine konservativen Ursprünge hinausgewachsen. Er prägt den öffentlichen Diskurs so sehr, dass selbst progressiv auftretende Personen wie Kabat-Zinn in neoliberalen Kategorien denken. Die Marktlogik hat alle Bereiche des menschlichen Lebens durchdrungen und gibt daher ebenfalls vor, wie wir zusammenleben und die Welt um uns herum wahrnehmen.
Die Achtsamkeitsbewegung entstand unter neoliberaler Führung. Die Gründung der Klinik zur Stressreduktion an der Medizinischen Fakultät der Universität von Massachusetts im Jahr 1979 gilt als ihr Ausgangspunkt. Im gleichen Jahr wurde Margaret Thatcher zur Premierministerin des Vereinigten Königreichs gewählt, bald darauf folgte die Wahl Ronald Reagans zum US-Präsidenten. Beide forcierten neoliberale Programme. Thatcher sagte: „Die Ökonomie ist unsere Methode, das Ziel ist die Veränderung der Herzen und Seelen.“29 Könnte Achtsamkeit etwas Ähnliches bewirken und uns auf die Bedürfnisse des Neoliberalismus polen? Die Freundlichkeit der Achtsamkeitsindustrie sollte uns auf jeden Fall skeptisch machen.
Ich-AG
Die vielleicht unkomplizierteste Definition des Neoliberalismus stammt vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu: „Ein Programm zur Zerstörung kollektiver Strukturen, welche die reine Marktlogik behindern könnten.“30 Das geht weiter als eine Reihe von Maßnahmen, die von Regierungen, Zentralbanken oder der weltweiten Elite des IWF beschlossen werden. Vielmehr muss der Neoliberalismus als eine komplexe Ausformung kultureller Hegemonie verstanden werden. In dieser perfiden Weltanschauung werden Menschen als Selbstständige wahrgenommen, die ihr eigenes Unternehmen – die Ich-AG – in Konkurrenz zu allen anderen betreiben. In der Fachliteratur wird zwar von rationalen Wirtschaftsakteur:innen gesprochen, aber in Wahrheit werden Menschen in Geld hinterherjagende Tiere verwandelt, in homines oeconomici . Die Marketingmentalität ist in den modernen sozialen Medien leicht zu erkennen, wo Profile auf Facebook, Twitter, Instagram oder LinkedIn ein gepflegtes persönliches Image vermitteln. Allgemein sind wir darauf konditioniert zu glauben, dass die Marktwirtschaft uns mit genügend Möglichkeiten ausstattet, um den Wert unseres „Humankapitals“ zu erhöhen. Die ungleiche Verteilung dieser Möglichkeit stört dabei nicht. Denn um unsere persönliche Freiheit und unser Potenzial komplett entfalten zu können, müssen wir unser eigenes Wohlbefinden, unsere Freiheit und unser Glück maximieren, indem wir unsere inneren Ressourcen klug verwalten.
Da Wettbewerb in der neoliberalen Ideologie als zentral erachtet wird, werden alle Entscheidungen über die Gesellschaft dem Markt überlassen. Schließlich sei er das effizienteste System der konkurrenzbasierten Selbstoptimierung. Andere soziale Akteure, darunter der Staat oder Vereine, werden lediglich als Hindernisse im reibungslosen Ablauf der Marktlogik verstanden, die folglich abgeschafft oder ignoriert werden sollten. Zumindest in der Theorie fördert der Neoliberalismus das Unternehmertum, indem private Besitzrechte und Marktfreiheit in den Mittelpunkt gerückt werden. In der Praxis heißt das, dass manche wirtschaftliche Akteure – wie Banken, die als „zu groß zum Scheitern“ gelten – das System austricksen dürfen, während andere – zum Beispiel Sozialhilfeempfänger:innen – als Schmarotzer betitelt werden.
Schauen wir mal, wie sich das entwickelt: Angenommen, man tendiert eher zu linken Ansichten und lehnt daher die meisten neoliberalen Konzepte ab, gleichzeitig teilt man aber unwissentlich ihre Grundannahmen. Angenommen, man ist zugleich fest von dem Wert von Achtsamkeit überzeugt und möchte dieses neue Konzept mit allen teilen. Beide Orientierungen ähneln sich und bestärken kapitalistische Prinzipien. Für Menschen in neoliberalen Gesellschaften ist Achtsamkeit eine Fähigkeit, die ausgebaut werden kann, um sie als Ressource einzusetzen. Wenn man diese Fähigkeit meistert, hilft sie beim Navigieren in den tückischen Gewässern des Kapitalismus. Unsere gesamte Aufmerksamkeit wird auf „Gegenwartsorientierung und Nicht-Urteilen“ gelenkt, um mit unausweichlichen Ängsten und Stress als Folge von Konkurrenz umgehen zu können. Achtsamkeit hilft dabei, persönliches Wohlbefinden voll auszuschöpfen.
Das Ganze mag einem helfen, nachts besser zu schlafen. Aber die Folgen für die Gesellschaft könnten gravierend sein. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat diesen Trend sehr treffend analysiert. Aus seiner Sicht wird die Achtsamkeit „sich als vorherrschende Ideologie des weltweiten Kapitalismus etablieren“, indem sie Menschen dabei hilft, „in Gänze an der kapitalistischen Dynamik teilzuhaben, während sie den Anschein bewahren, geistig gesund zu sein“.31 Kein Wunder also, dass Börsenmakler:innen und Hedgefonds-Manager:innen mittlerweile Achtsamkeit praktizieren, um ihre Leistung zu erhöhen und die Konkurrenz zu überflügeln.
Indem von sozialen, politischen und ökonomischen Strukturen abgelenkt wird, kann Achtsamkeit einfach instrumentalisiert werden. Die materiellen Bedingungen kapitalistischer Kultur werden einfach ausgeblendet. Promis schwärmen von Achtsamkeit, während „coole“ kalifornische Unternehmen – darunter Google, Facebook, Twitter, Yahoo und Apple – sie in ihre Markenidentität integrieren. Googles ehemaliger konzerninterner Achtsamkeitszar Chade-Meng Tan trug jahrelang die Berufsbezeichnung „Jolly Good Fellow“ („Prima Kerl“). Seinen Kolleg:innen und den Leser:innen seines Bestsellers riet er, „in sich selbst zu suchen“, da die Ursachen ihrer Probleme dort – und nicht in der Unternehmenskultur – zu finden seien. So wird Achtsamkeit in eine kapitalistische Spiritualität umgewandelt, die perfekt auf neoliberale Selbstbilder zugeschnitten ist.
Eine Technologie der Selbstbezogenheit
Wie wird Achtsamkeit öffentlich beworben? Wenn man viele verschiedene Begriffe wie zum Beispiel Achtsamkeit in Schulen, Unternehmen, Krankenhäusern, Regierungen, Gefängnissen und sogar im Militär googelt, stößt man immer wieder auf das gleiche Bild: eine Einzelperson mit geschlossenen Augen in meditativer Haltung, die glückselig und abgekapselt ist von der Außenwelt. Diese subjektive Aktivität verinnerlicht die neoliberalen Vorschriften auf wirksame Weise: Jeder Mensch sollte für die eigene Selbstfürsorge verantwortlich sein, um arbeitsfähig zu bleiben. Der Abbau von Sozialschutz und die Liberalisierung des Marktes machen Menschen von Selbstregulierung abhängig, um ihren Stress zu bewältigen und Erfolg zu haben. Achtsamkeit übermittelt diese Botschaft mit einem Samthandschuh, aber darin verbirgt sich eine eiserne Faust.
Ungefähr zu der Zeit, als Jon Kabat-Zinn MBSR erfunden hat, kam Margaret Thatcher mit dem Versprechen an die Macht, „diejenigen zu befreien, die Reichtum schaffen“.32 Michel Foucault erkannte diese „neoliberale Wende“. Der französische Philosoph erklärte, dass in dieser kulturellen Verschiebung ein doppelter Regierungsstil vorherrsche, der weit über politische Aktivitäten hinausreiche. Foucault bezeichnete dieses Konzept als „Gouvernementalität“, welche Machtverhältnisse und Prozesse der Subjektivierung miteinander verbindet – was er als „conduire des conduites“ („Führen von Führungen“) beschrieb. In anderen Worten üben neoliberale Institutionen Macht auf Mikroebene aus und formulieren dadurch die Bedeutung des Menschseins um.
Foucaults Kritik und historische Analyse, die er von 1978 bis 1979 in seinen Vorlesungen am Collège de France darlegte, konzentrierte sich darauf aufzuzeigen, wie das funktioniert. Anhand des Konzepts der Gouvernementalität wird untersucht, wie Wissen, Expertise und Praxis genutzt werden, um freiwilliges Verhalten zu lenken.
Foucault unterscheidet zwischen zwei unterschiedlichen Methoden der Macht: „Techniken der Dominanz“, die von außen einwirken, und „Techniken des Selbst“, bei denen das Individuum von sich aus handelt. Beide sind entscheidend für die Herausbildung des Ich als neoliberales Subjekt. Sie beeinflussen sich auch gegenseitig. So erklärt Foucault: „Der Kontaktpunkt, an dem die Art und Weise, wie der Einzelne von anderen gesteuert wird, mit der Art und Weise verbunden ist, wie er sich selbst verhält, können wir als Regierung bezeichnen.“33
Anders als bei früheren Arten der Machtausübung, bei denen strenge Strafen für verbotenes Verhalten verhängt wurden, erreicht die „Disziplinarkraft“ des Neoliberalismus die Psyche der Menschen durch Berufe und Institutionen. Sie veranlasst freie und unternehmenslustige Personen, sich selbst zu regieren. Laut Foucault ist diese Verbindung zwischen Unternehmenskultur und individuellem Wohlbefinden am aussagekräftigsten: Die wirtschaftliche Tätigkeit soll durch die Förderung des Unternehmertums optimiert werden, während die Menschen davon überzeugt werden, dass sich ihr Leben verbessert, wenn sie die Freiheit haben, sich unternehmerisch zu betätigen.
Das ist ein großer Unterschied zu früheren Arten der Institutionalisierung, für die religiöse Autorität von zentraler Bedeutung war. Hier diente der Klerus als Mittler zwischen Kirchenlehre und kulturellen Verhaltensnormen. Trotz der Säkularisierung sind Reste der katholischen Beichte erhalten geblieben, die von den wissenschaftlich autorisierten Priester:innen der Achtsamkeit verwaltet werden. Hierzu stellt Foucault fest, dass „die Verpflichtung zur Beichte nun über so viele verschiedene Punkte übermittelt wird und so tief in uns drinsteckt, dass wir sie nicht mehr als Ausdruck einer uns einengenden Macht wahrnehmen“.34
In einem typischen Achtsamkeitskurs gibt die Lehrperson Anweisungen für verschiedene Übungen. Dazu zählt, auf die Atmung zu achten, Körpergefühle zu untersuchen, den Moment ohne Wertung wahrzunehmen und vieles mehr. Nachdem eine Übung durchgeführt wurde, gibt es oft eine Zeit der „Fragen“ und didaktischen Interaktionen zwischen der Lehrperson und den Teilnehmenden. Anstatt ihre Kardinalsünden zu bekennen, gestehen sie, wie sie mit ihren Gedanken abschweiften, wie sie sich in ihren Gedanken und Grübeleien verloren oder wie sie sich von einer emotionalen Reaktion mitreißen ließen. In dieser Hinsicht funktioniert die Beichte nicht als erzwungene Machtstruktur von oben nach unten. Stattdessen basieren achtsame Beichten auf einer vorgegebenen Palette an akzeptierten Reaktionen und Denkweisen. Eine Abweichung davon muss gebeichtet werden. Teilnehmende offenbaren ihr eigensinniges Verhalten und was ihnen noch so „aufgefallen“ ist. Diese subtilen Machtverhältnisse geben den Machthaber:innen die Möglichkeit, ihre Forderungen durchzusetzen. Durch die Beichte lernen Menschen, sich selbst in pflichtbewusste, achtsame Subjekte zu verwandeln, die sich selbst überwachen, kontrollieren und versorgen.
Der achtsamkeitswissenschaftliche Komplex
Als Selbsttechnik stützt sich die Achtsamkeit in hohem Maße auf verschiedene Formen des institutionellen Fachwissens, um Verhaltensweisen instrumentell zu steuern und zu verwalten. Mittlerweile existieren zahlreiche Zentren an Universitäten, die zu Achtsamkeit und ähnlichen Feldern forschen, etwa in Massachusetts, Wisconsin, Kalifornien und dem Vereinigten Königreich. Darüber hinaus gibt es das Mind & Life Institute unter Schirmherrschaft des Dalai Lama, welches Diskussionen zwischen Wissenschaftler:innen und Meditierenden organisiert. Diese akademischen Zentren führen nicht nur wissenschaftliche Studien zu achtsamkeitsbasierten Interventionen durch, sondern bieten auch Kurse für die Ausbildung und Zertifizierung von Achtsamkeitslehrkräften an. Die aufstrebende „Achtsamkeitswissenschaft“ bietet neue Technologien der Subjektivität, einen neuen Wortschatz für die Selbstregulierung des Einzelnen und neue Methoden für die Normalisierung und Anpassung von individuellen Affekten, die mit der vorherrschenden Unternehmenskultur im Einklang sind. Als Neuzugang unter den psychologischen Disziplinen bietet der neue Komplex aus Achtsamkeit und akademischer Wissenschaft Expert:innenwissen und Praktiken, die individuelle psychologische Freiheit, Wohlbefinden und Glück versprechen.
Diese Zentren sind auf große Summen staatlicher Mittel und Zuschüsse angewiesen und konkurrieren um dieselben, um ihre Existenz zu sichern. Das fördert wiederum eine unternehmerische Mentalität. So versuchen Wissenschaftler:innen mehrere Projekte aus jedem Forschungsergebnis herauszupressen und ihren Ertrag zu maximieren, indem sie Bücher schreiben und ihre Arbeit bestmöglich am Markt platzieren. Das Hauptziel dieses Engagements ist die Möglichkeit, Geld einzuwerben, ohne sich darum zu kümmern, aus welchen Quellen es stammt.
In ihrem Buch America the Anxious: How Our Pursuit of Happiness Is Creating a Nation of Wrecks zeigt Ruth Whippman auf, dass die Bewegung der Positiven Psychologie Spendengelder von den rechtskonservativsten Organisationen des Landes erhielt.35 Die von einem protestantischen Milliardär gegründete John Templeton Foundation verfolgt das Ziel, Religion und Wissenschaft ebenbürtig aufzustellen. Auf ihrer Internetseite heißt es, sie wolle „das menschliche Wohlergehen fördern, indem sie die Forschung zu den großen Fragen unterstützt und die Entwicklung des Charakters, die individuelle Freiheit und freie Märkte fördert“.36 Daher rührt die Förderung von Studien, die das Individuum als primäre Stütze von Veränderung und Wohlbefinden ausgeben. Mit einem Kapital von 1,1 Milliarden US-Dollar hat die Stiftung Dutzende von Millionen US-Dollar in Form von Stipendien und Preisen an Professor:innen der Positiven Psychologie vergeben. Das Mind & Life Institute, bei dem es sich um eine der führenden Organisationen handelt, die Forschung zu Achtsamkeit betreibt, erhielt bereits mehr als 1,2 Millionen US-Dollar.
Durch die Produktion eines organisierten Wissenskörpers und die institutionelle Weitergabe von wissenschaftlichen Studien, Praktiken, Diskursen und professionellem Fachwissen haben universitäre Achtsamkeitszentren ein Wahrheitsregime geschaffen. Dieses macht sich Mikroebenen der Macht zunutze, um das achtsame Subjekt zu formen. Margaret Thatcher wäre darauf stolz. Sie sind zu „Ingenieur:innen der menschlichen Seele“ geworden, die eine wichtige Rolle in der neoliberalen Verwaltung der Subjektivität spielen, findet der britische Soziologe Nikolas Rose. Und doch wird Achtsamkeit als harmlose therapeutische Methode dargestellt. In Governing the Soul: The Shaping of the Private Self zeigt Rose auf, wie die Psychologiejünger:innen die „Selbststeuerungsneigungen von Subjekten“ geformt haben, um sie „mit den Bestrebungen von Autoritäten in Einklang zu bringen“.37
Ähnlich wie die Selbsthilfeliteratur heroisiert ein Großteil des Achtsamkeitsdiskurses individuelle Autonomie, Freiheit, Entscheidungen und Authentizität, und zwar sowohl in wissenschaftlichen Fachzeitschriften als auch in den Massenmedien. Die neoliberale Vereinnahmung wird gut kaschiert, aber es ist kein Zufall, dass sowohl der Neoliberalismus als auch die Achtsamkeitsbewegung soziales Wohlbefinden unter individualistischen und psychologisierten Gesichtspunkten betrachtet.
Die Rhetorik der „Selbstbeherrschung“, des „Durchhaltevermögens“ und des „Glücks“ unterstellt, dass Wohlbefinden lediglich von der Entwicklung bestimmter Fähigkeiten abhänge. Achtsamkeitspromoter:innen lieben diese Erzählung und sagen, dass wir unser Gehirn wie einen Muskel trainieren können, um glücklich zu sein. Glück, Freiheit und Wohlbefinden werden so zu Produkten individueller Anstrengung erklärt. Diese sogenannten „Fähigkeiten“ können unabhängig von äußeren Faktoren, Beziehungen oder sozialen Bedingungen entwickelt werden. Der therapeutische Diskurs um Achtsamkeit stellt Probleme als Resultate von Entscheidungen dar. Persönliche Probleme werden nie politischen oder sozioökonomischen Bedingungen zugeschrieben. Stattdessen sind sie stets psychologischer Natur und werden immer als Pathologien behandelt. Folglich braucht die Gesellschaft Therapie, keine radikale Veränderung. Vielleicht liegt darin der Grund, warum Achtsamkeitsinitiativen für politische Entscheidungsträger:innen so attraktiv geworden sind. Gesellschaftliche Probleme, die in sozialer Ungleichheit, Rassismus, Armut, Sucht und Drogenmissbrauch sowie abnehmender geistiger Gesundheit wurzeln, können dann als individuelles Krankheitsbild abgetan werden, das sich mithilfe einer Therapie behandeln ließe. Personen in prekären Verhältnissen können folglich dazu angehalten werden, sich selbst um ihre Behandlung zu kümmern.
Achtsamkeit als fantasieraubende Maschine
Der Neoliberalismus teilt die Menschen in Gewinner:innen und Verlierer:innen ein. Diese Unterteilung wird aufgrund seiner Kernforderung vorgenommen: die Individualisierung aller Lebensbereiche. Da das freie Individuum der Dreh- und Angelpunkt der Gesellschaft ist, werden soziale Veränderungen nicht durch politische Proteste, Organisation und kollektives Handeln erreicht. Stattdessen wird auf den freien Markt und die Entscheidungen von Einzelpersonen gesetzt. Von jedem Versuch der kollektiven Veränderung wird abgeraten, da dies ganz allgemein die neoliberale Ordnung stört.
Ein gutes Beispiel dafür ist Recycling. Das eigentliche Problem ist die Massenproduktion von Plastik durch Großkonzerne und seine Verbreitung im Einzelhandel. Konsument:innen wird aber vorgegaukelt, dass persönliche Verschwendung für das Plastikproblem verantwortlich sei und entsprechende Verhaltensänderungen beim Konsum zu einer Lösung beitragen könnten. In einem Artikel von Matt Wilkins in der Fachzeitschrift Scientific American heißt es dazu: „Das Recyceln von Plastik ist für die Erde so nützlich wie das Einhämmern eines Nagels für einen zusammenstürzenden Wolkenkratzer.“38 Doch die neoliberale Doktrin der individuellen Verantwortung hat uns von der wahren Ursache mithilfe eines Taschenspielertricks abgelenkt. Dieser wird schon länger genutzt. In den 50er-Jahren hielt die Kampagne „Keep America Beautiful“ („Amerika soll schön bleiben“) Menschen dazu an, ihren Müll aufzusammeln. Sie wurde von Konzernen wie Coca-Cola, Anheuser-Busch und Philip Morris finanziert. Die Kampagne wurde in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Verein Ad Council organisiert, der für seine Öffentlichkeitsarbeit bekannt ist. Dieser erfand den umgangssprachlichen Begriff „litterbug“ („Müllkäfer“), um Umweltverschmutzer:innen zum Gespött zu machen. Zwei Jahrzehnte später wurde im Fernsehen ein nach wie vor beliebtes Werbevideo ausgestrahlt, in dem ein Ureinwohner Nordamerikas weint, als er sieht, wie ein Autofahrer Müll aus dem Auto wirft. Der Slogan lautete: „Menschen verursachen Umweltverschmutzung, Menschen können sie daher auch verhindern.“ Der Essay von Matt Wilkins im Scientific American durchschaut solche Scharaden:
„Diese Bemühungen scheinen oberflächlich zunächst gut, aber sie verschleiern das echte Problem, nämlich die Umweltverschmutzung, die von Konzernen ausgeht. Dieses schlaue Ablenkungsmanöver hat die Journalistin und Autorin Heather Roger dazu veranlasst, die ,Keep America Beautiful‘-Kampagne als erstes “Greenwashing‘von Konzernen zu bezeichnen, da sie mit zur Verschiebung öffentlicher Aufmerksamkeit hin zu Konsumverhalten bei Recycling beigetragen und aktiv Gesetzesinitiativen unterbunden hat, die Produzent:innen zu mehr Verantwortung für die Abfallentsorgung verpflichtet hätten.“39
Uns wird immer wieder das Gleiche gesagt: Individuelle Handlungen seien die einzige Möglichkeit, um soziale Probleme zu beheben, also liege es an uns, diese Verantwortung zu übernehmen. Wir sind in einer neoliberalen Trance gefangen, die der Pädagogikforscher Henry Giroux als „fantasieraubende Maschine“ bezeichnet, da sie kritisches und radikales Denken unterbindet.40 Wir werden dazu angehalten, unseren Blick nach innen zu richten und uns selbst zu managen. Die Beraubung unserer Vorstellungskraft zwingt uns, kreative Ideen und Zukunftsvisionen aufzugeben. Anstatt den Kapitalismus abzuschaffen oder dessen schlimmste Auswüchse zu zügeln, sollen wir die Anforderungen des Marktes widerspruchslos erfüllen. Mehr Selbstdisziplin soll uns dazu anhalten, innerhalb dieses Marktes effektiver agieren zu können.
Die Entpolitisierung von Achtsamkeit hat zur Folge, dass deren therapeutischer Ethos den Neoliberalismus stützt, da auf individuelle Handlung gesetzt wird. Wenn dem Individuum die alleinige Verantwortung für persönliches Glück und Wohlbefinden zugesprochen wird, werden Rückschläge stets als persönliches Scheitern interpretiert. Andere Ursachen für Rückschläge werden ausgeblendet. Uns wird gesagt, dass wir an uns selbst arbeiten müssen, um die Welt zu verändern. Dass wir unser Denken ändern müssen, um achtsamer, urteilsfreier und akzeptierender gegenüber den gegebenen Verhältnissen zu werden. Neoliberale Achtsamkeit entspricht einer fantasieraubenden Maschine. Das Selbst wird dazu angehalten, die eigene Identität zu einem persönlichen Dauerprojekt zu machen. Dabei wird das eigene Verhalten konstant beobachtet und angepasst. Angestrebt wird das Ideal uneingeschränkter Handlungsmacht, die persönliche Freiheit als absolut versteht. Aber absolute Freiheit ist nie in Gänze möglich. Das „Verweilen im gegenwärtigen Augenblick“ ist für einen neoliberalen Handlungsträger ein unerreichbarer Zustand, da ein Teil unserer Aufmerksamkeit stets mit Selbstüberwachung beschäftigt ist.
Viele bleiben daher skeptisch gegenüber unbelegten Behauptungen, denen zufolge Achtsamkeitskurse die Gesellschaft transformieren werden. Der Buddhismusforscher Richard Payne merkt an, dass neoliberale Imperative dazu führen, dass zeitgenössische Meditierende oft von Gefühlslagen und deren Bewältigung abgelenkt werden. Dennoch wird die Praxis der Innenschau als tägliche „mutige und heroische Tat“ gefeiert, die Frieden und Harmonie schaffe. Die Verwandlung hin zu einer achtsameren Welt beruht auf der Annahme, dass soziale Veränderung nur auf Grundlage individueller Handlungen möglich sei. Dabei wird „die massive, gefestigte Macht von kapitalistischen Institutionen ignoriert und die mystische Vorstellung gefördert, dass sämtliche Weisheit in einem selbst stecken würde“, wie Payne weiter ausführt.41
Das führt uns zurück zu einem der zentralen Glaubenssätze neoliberaler Achtsamkeit, nach dem die Ursachen aller Menschheitsprobleme bei uns selbst zu suchen seien. Diese Vorstellung wird durch die Pathologisierung und Medikalisierung von Stress verschärft. Zur Behandlung wird ein Heilmittel oder eine Expert:innenbehandlung in Form einer Achtsamkeitsintervention angeboten. Die ideologisch verblendete Botschaft lautet, dass man die eigenen Reaktionen verändern kann, selbst wenn man den das Leid hervorrufenden Umständen machtlos gegenübersteht. In mancher Hinsicht mag das hilfreich sein, da vieles im Leben nicht unserer Kontrolle unterliegt. Aber warum sollten wir aufhören, die Welt um uns herum verbessern zu wollen? Die Vorstellung „Solange ich achtsam bin geht’s mir gut“ ist auch eine Art des Wunschdenkens. Sie hypnotisiert Menschen und macht sie unterwürfig, indem sie Stress als psychophysiologische Reaktion der Anpassungsunwilligen darstellt. Folglich gibt es keinen Grund, strukturelle Ursachen zu hinterfragen. Aber wie wir auf individuelles und soziales Leid antworten, ist am Ende immer eine ethische und politische Frage. Die derzeit konzipierte und gelehrte Achtsamkeitspraxis lässt keine Kritik oder Diskussion darüber zu, was ungerecht, kulturell schädlich oder umweltzerstörerisch sein könnte. Vielmehr wirkt das Gebot der Achtsamkeit, „die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind“, und zugleich ein „urteilsfreies, gegenwärtiges Gewahrsein“ zu praktizieren, wie eine die herrschende Ordnung bewahrende soziale Betäubung.
Die Privatisierung der Ursachen von Stress passt hervorragend zu den neoliberalen Prioritäten und untergräbt die Konzepte der Öffentlichkeit und des Gemeinwesens. Im Neoliberalismus weicht der öffentliche Diskurs privatem Gewinn. Diese entpolitisierte Praxis der Selbstfürsorge kann kollektives Handeln und unseren Einsatz für demokratische Werte beeinträchtigen. Das Versprechen des „menschlichen Gedeihens“, das ebenso von der Positiven Psychologie geteilt wird, kommt der Definition einer Vision des sozialen Wandels am nächsten. Allerdings bleibt diese Vision individualisiert und hängt von der persönlichen Entscheidung ab, ob man achtsamer sein möchte.
Achtsamkeitspraktizierende müssen sich nicht zwangsläufig für den Neoliberalismus einsetzen. Es besteht aber das Risiko, dass sie sich in ihre eigenen privaten Welten und spezifischen Identitäten zurückziehen – und das ist genau das, was die neoliberalen Machtstrukturen von ihnen wollen.
Eine nach innen gerichtete Therapie
Die rhetorischen Strategien von Achtsamkeitsmissionierenden sind geschickt. Ähnlich wie Selbsthilfeautor:innen sind sie geübt darin, Menschen an sich zu binden, indem sie sich als Kritiker:innen der modernen Gesellschaft positionieren. In seinem Buch The Therapeutic Turn: How Psychology Altered Western Culture geht der Autor Ole Jacob Madsen auf das Beispiel des beliebten US-Fernsehmoderators und Autors Dr. Phil ein, der seine Bücher oft mit düsteren Warnungen vor dem „Niedergang der Gesellschaft“ beginnt und dabei eine ganze Reihe von Problemen aufzählt.42 Jon Kabat-Zinn greift ebenfalls auf solche Schreckensszenarien zurück. So erzählt er seinen Gefolgsleuten gerne, dass unsere gesamte Gesellschaft am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leide und süchtig nach ihrem Smartphone sei. Die Menschheit würde sich daher immer weiter voneinander und der Natur entfernen. Als Vordenker der Achtsamkeitsbewegung preist Kabat-Zinn sein Konzept als individualistisch an. In seinem Buch Full Catastrophe Living (dt. Titel: Gesund durch Meditation) definiert er sowohl das Problem als auch die „Lösung“ auf diese Weise. Dort heißt es: „Um eine positive Wirkung auf die Probleme in der größeren Umgebung zu haben, werden wir durchgehend unseren inneren Kern neu abstimmen sowie Achtsamkeit und Harmonie in unseren individuellen Leben fördern müssen.“43
Die Diagnose ist simpel: Unsere Gedanken sind schuld, und zwar jedes Mal! Wir untergraben uns selbst, indem wir achtlos und emotional reaktiv sind oder zu viel Grübeln. Dies impliziert, dass wir gescheitert sind und moralisch verurteilt werden sollten. Kritisches Denken wird in der Achtsamkeit pathologisiert. Es wird als Ablenkung von der Praxis gesehen. Doch die Wiederholung dieser Botschaft hat politische Auswirkungen. Wie der Philosophieprofessor Chris Goto-Jones feststellt, ist das vorherrschende Achtsamkeitsnarrativ zu einem komischen Schluss gelangt: „Die Mehrheit der Gesellschaft ist irgendwie konfus und krank.“44
Anstatt tatsächlich über Möglichkeiten zur Lösung sozialer Probleme zu sprechen oder auch nur anzudeuten, dass dies erforderlich sein könnte, bleiben Achtsamkeitsbefürworter:innen ihrem Mantra treu. Egal ob Kabat-Zinn oder Dr. Phil: Die Antwort lautet, dass man in sich kehren müsse, um an sich selbst zu arbeiten und persönlich zu wachsen. Dabei ist es egal, ob es darum geht, Selbstwertgefühle zu steigern oder achtsamer zu werden.
Uns wird gesagt, dass wir unsere Umstände und unser bedrückendes Schicksal im Leben „neu wahrnehmen“ können. Dies mag bei der Bewältigung von Krisen sinnvoll sein, aber als Antwort auf die Probleme dieser Welt ist es untauglich. Als Experte meint Kabat-Zinn, dass unser kulturelles Unbehagen durch eine Verschiebung von einem Modus des „Handelns“ hin zu einem des „Seins“ gelöst werden könne. Man wird allerdings nie den Vorschlag hören, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen an sich zu verändern.
Achtsamkeit mag zunächst wie ein Schutzschild zwischen einem selbst und den Herausforderungen des Lebens erscheinen – wie eine Rückkehr zu einem nobleren Dasein, ähnlich Rousseaus romantischen Vorstellungen von einem menschlichen Naturzustand, der durch soziale Konditionierung korrumpiert werde. Aber diese träumerische Vision ist mit hohen politischen Kosten verbunden. Indem „reine Achtsamkeit“ im Modus des „Seins“ in den Vordergrund gerückt wird, werden öffentliche Debatten verdrängt, auf die unsere Demokratie angewiesen ist. Das „Handeln“ an sich wird als Ablenkung dämonisiert. Beschreibungen von Achtsamkeit als unser „natürliches Geburtsrecht“ – ein Zustand, zu dem wir alle Zugang hätten – verschleiern diesen Umstand. Das klingt natürlich besser als zu sagen, dass wir uns jeden Tag nach den Anforderungen des Neoliberalismus richten sollen.
Die dabei mitschwingende politische Vision fordert einen Rückzug in das „authentische“, private Selbst. Dem Individuum stehe es frei, sich auf die Suche nach Glück zu begeben. Dies wird aber stets außer Reichweite bleiben. Das neoliberale Subjekt wird immer dazu angehalten, „ein wenig tiefer“ in das eigene Innere vorzudringen und sich besser um sich selbst zu kümmern. Je mehr diese Selbstverwaltung in den Vordergrund rückt, desto mehr gerät das kollektive Leben in den Hintergrund. Achtsamkeit passt daher gut zu politischen Erzählungen, die uns an Wettbewerbsprinzipien festhalten lassen. Julie Wilson beschreibt in ihrem Buch Neoliberalism, wie diese Narrative „uns dazu anhalten, unsere unzufriedene Einwilligung nach innen gegen uns selbst zu wenden, um den gegenwärtigen Augenblick in den Vordergrund zu rücken und uns selbst vor anderen zu schützen und abzusichern“.45
Achtsame Korrektheit
In einem Artikel über „die Strukturen des Fühlens“ aus den 70er-Jahren erklärt Raymond Williams, wie größere historische, politische und wirtschaftliche Kräfte die „affektiven Elemente von Bewusstsein und Beziehungen“ formen.46 Angesichts der Verflachung der politischen Landschaft im Neoliberalismus wird durch die Achtsamkeitspraxis ein gewisser neoliberaler Affekt hervorgerufen. Da Stress pathologisiert wird, fokussieren sich Achtsamkeitsprogramme auf das Innenleben von Subjekten. Emotionale Reaktionen werden problematisiert und einer achtsamen Kontrolle unterzogen. Laut Achtsamkeitswissenschaft sind bestimmte Emotionen wie Wut, Ekel, Traurigkeit, Verachtung, Frustration und Aggression „destruktiv“ und müssen daher kontrolliert werden. Aber was ist, wenn man sich über Ungerechtigkeit aufregt? Dann soll man sich nicht daran stören, sich auf die eigene Atmung und den gegenwärtigen Augenblick konzentrieren. Natürlich machen sich Achtsamkeitspraktizierende auch außerhalb der Übungspraxis Gedanken, aber sie werden dazu konditioniert, diese als Problem wahrzunehmen, sobald starke Emotionen im Spiel sind. Dadurch wird politisches Denken unterbunden. Auch wenn wir nicht aus Wut heraus handeln sollten, müssen wir immer noch etwas tun, sofern wir die Dinge um uns herum verändern wollen. Wie Joshua Eisen feststellt, behandeln die plattitüdenhafen Anleitungen der Achtsamkeitsprogramme Emotionen stattdessen als „frei schwebend“ und „losgelöst von jeglicher ideologischen Verankerung“, außer natürlich vom Diktat der herrschenden Gesellschaftsordnung:
„Diese Form der entsozialisierenden Logik ist zentraler Bestandteil neoliberaler Ausformulierungen der Subjektivität. Sie ist auch ein zentrales Element bei vielen beliebten Arten der Achtsamkeit. Wenn negative Emotionen als etwas gesehen werden, das anerkannt und dann losgelassen werden muss, aber nie auf sie eingegangen wird, verlieren sie ihre Relevanz. Daraus folgt die Neutralisierung des politischen Schaffungspotenzials von Emotionen, indem Gefühle wie Wut, Trauer oder Enttäuschung in den Bereich der persönlichen Pathologie verwiesen werden.“47
Dieses Verhalten wird von Lehrkräften gefördert, indem sie langsam und deutlich in sanften Tönen sprechen und erwarten, dass man sie nachahmt. In vielerlei Hinsicht ähnelt das Streben nach „achtsamer Korrektheit“ der Entwicklung von Benimmregeln und gesellschaftlicher Etikette durch Adelige im mittelalterlichen Europa. In seinem Forschungsband Über den Prozeß der Zivilisation beschreibt der Soziologe Norbert Elias, wie das einst barbarische Mittelalter sich durch die Entwicklung der Gefühle von Sensibilität, Scham, Raffinesse und Abscheu nach und nach transformierte und zivilisierte.48 Um in der sozialen Hierarchie aufzusteigen, musste man sich zivilisiert bewegen, gestikulieren und sprechen. Wer mit dem Vergleich zur modernen Achtsamkeitsbewegung noch hadert, sollte sich die Internetseite „Manners and Mindfulness“ („Manieren und Achtsamkeit“) zu Gemüte führen. Dort heißt es in der Selbstdarstellung: „ein Lehrangebot zu Etikette, das Kindern und Jugendlichen ein grundlegendes Training bietet, das ihnen hilft, die sozialen Fähigkeiten im Leben zu beherrschen“.49 Auch der Blog der Protocol School of Washington stellt eine Empfehlung zu „achtsamen Manieren am Arbeitsplatz“ zur Verfügung.50 Zudem werden zahlreiche Tipps zu achtsamer Korrektheit angeboten. Es wird dazu geraten, „das eigene Temperament zu beherrschen“ und „keine beleidigende oder herabwürdigende Sprache gegenüber Kolleg:innen und Mitarbeiter:innen zu verwenden“. Stattdessen sollte man stets „Dankbarkeit zeigen“. Achtsamkeitskonferenzen illustrieren die prätentiöse Fassade der Selbstgefälligen am eindrucksvollsten. Lautes Sprechen sowie Anzeichen einer starken Emotion oder Kritik führen in der Regel zu argwöhnischen Blicken. Wenn man als Besucher:in dagegen zugibt, dass man Achtsamkeit nicht praktiziert, wird der Missionierungseifer der Anwesenden geweckt.
Die Achtsamkeitspraxis ist eingebettet in das, was Jennifer Silva die „Stimmungsökonomie“ nennt. In ihrem Buch Coming Up Short: Working-Class Adulthood in the Age of Uncertainty erklärt sie, dass eine Stimmungswirtschaft „den Individuen alleinige Verantwortung für ihre emotionalen Schicksale“ übertrage.51 In einer solchen politischen Ökonomie des Affekts würden Emotionen reguliert, um das eigene „emotionale Kapital“ zu erhöhen. Im Lehrplan des Achtsamkeitsprogramms „Search Inside Yourself“ („Such in dir selbst“) von Google steht emotionale Intelligenz mit an vorderster Stelle. Das Programm wird den Google-Ingenieur:innen als entscheidend für ihren beruflichen Erfolg angepriesen. So sei es durch das Praktizieren von Achtsamkeit und emotionaler Selbstregulierung möglich, einen Profit für sich selbst zu erzeugen. Die Stimmungswirtschaft setzt eine affektive Resilienz voraus, also das Vermögen, sich von Rückschlägen zu erholen und trotz prekärer Wirtschaftsverhältnisse produktiv zu bleiben. Wie zuvor die Positive Psychologie hat sich auch die Achtsamkeitsbewegung der „Wissenschaft des Glücks“ angenähert. Ihre Methoden sollen zu Selbstoptimierung genutzt werden, doch schirmen sie Individuen zugleich von ihrer sozialen Umgebung ab.
Ein grausamer Optimismus
Die Versprechen der Achtsamkeitsbewegung gleichen einem „grausamen Optimismus“, in welchem Lauren Berlant das prägende Merkmal des Neoliberalismus erkennt.52 Er ist grausam, weil emotionale Investitionen in Fantasien getätigt werden. Uns wird gesagt, dass wir glücklich und sicher sein können, wenn wir Achtsamkeit üben und unser individuelles Leben in Ordnung bringen. Dabei wird suggeriert, dass eine stabile Beschäftigung, Wohneigentum, soziale Mobilität, beruflicher Erfolg und Gleichberechtigung selbstverständlich seien. Uns wird auch versprochen, dass wir Selbstbeherrschung sowie Kontrolle über unsere Gedanken und Emotionen erlernen können, um unser Leben zu bereichern. Joshua Eisen schreibt dazu: „Wie Grünkohl, Açaíbeeren, Mitgliedschaften in Fitnessstudios, Vitaminwasser und Neujahrsvorsätze steht Achtsamkeit für einen tiefgreifenden Wunsch nach Veränderung, der jedoch auf einer grundlegenden Überwindung neoliberaler Fantasien von Selbstkontrolle und uneingeschränkter Handlungsfähigkeit beruht.“53 Wir sollen einfach still sein, auf unsere Atmung achten und abwarten. Ein solcher Zustand ist gleich auf zweifache Weise grausam, da diese genormten Fantasien eines „guten Lebens“ im Neoliberalismus bereits bröckeln und wir alles nur schlimmer machen, wenn wir uns auf unsere individuellen Gefühle konzentrieren. Durch das Ignorieren unserer Verletzlichkeit und gegenseitigen Abhängigkeit verlieren wir die Vorstellungskraft für neue kollektive Arten des Miteinanders. Und obwohl es sich bei diesen Fantasien um leere Versprechen handelt, klammern wir uns weiterhin an ihnen fest.
Achtsamkeit ist nicht per se grausam. Sie ist nur dann grausam, wenn sie fetischisiert und mit überzogenen Versprechen verbunden wird. In diesem Fall, so Berlant, „behindert das Objekt, das sie anzieht, aktiv das Ziel, das sie ursprünglich zu ihm geführt hat“.54 Die Grausamkeit besteht darin, die herrschende Ordnung zu unterstützen und gleichzeitig von einer Veränderung zu sprechen. Auf diese Weise fördert die neoliberale Achtsamkeit eine individualistische Vision des menschlichen Gedeihens. Sie verleitet uns dazu, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, und die Verwüstungen des Kapitalismus achtsam zu ertragen.
Kapitel 3: Das Stress-Mantra
Ohne das Stressproblem wäre die Achtsamkeit nicht da, wo sie heute ist. Die zwei Phänomene bilden zwei Seiten derselben Medaille. Der Diskurs über Stress ist so allgegenwärtig und der Profitverlust aufgrund von damit verbundenen Krankschreibungen so hoch, dass ein Professor für Psychologie Stress als „die Pest des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet hat.55 Ähnliche Übertreibungen werden genutzt, um Achtsamkeit zu vermarkten. Im Klappentext von Kabat-Zinns Buch Full Catastrophe Living (dt. Titel: Gesund durch Meditation) heißt es etwa: „Stress kann uns auslaugen, unsere Gesundheit gefährden und sogar unsere Leben verkürzen, wenn wir das zulassen. Er macht uns anfälliger für Angst, Depression, Vereinsamung und Krankheit.“56
Obwohl Menschen klar erkennbar an Angstgefühlen und Depressionen leiden, ist nicht geklärt, ob die Ursache dafür ausschließlich bei ihnen liegt. Allerdings ist genau das die Diagnose, die Kabat-Zinn ausstellt. Ihm zufolge sind wir „so sehr in unseren Köpfen und in dem gefangen, was wir für wichtig halten, dass wir leicht in einen Zustand chronischer Anspannung und Angst verfallen, der unser Leben ständig bestimmt“.57 Als einer der bekanntesten Wortführer der Achtsamkeitsbewegung vermittelt er eine Botschaft der Angst und Unsicherheit. Angeboten wird nur eine entfernte Aussicht auf Abhilfe. Stress, so sagt er, ist ein schädlicher Einfluss. Es läge an uns als Individuen, achtsamer zu sein. Nichts anderes könne helfen:
„Es gibt keine Arzneimittel, die einen immun gegen Stress oder Schmerzen machen oder die für sich genommen auf magische Weise Lebensprobleme beheben oder Heilung fördern. Es liegt an dir, eine bewusste Anstrengung in Richtung Heilung und inneren Frieden zu unternehmen.“58
Das ist ein verlockendes Angebot. Es hat aber auch starke Nebenwirkungen. Achtsamkeit hilft Menschen dabei, auf Schmerz mit Gelassenheit zu reagieren. Aber sie konditioniert uns auch dazu, in problematischer Weise über Stress nachzudenken.
Erstens wird gesagt, dass wir an der Schwelle einer Epidemie stehen würden, die schlicht ein unausweichlicher Teil des Lebens in der Moderne sei. Da Stress endemisch sei, wird zweitens behauptet, dass es an uns allen läge, ihn unter Kontrolle zu bringen, indem wir uns so gut es geht an die bestehenden Verhältnisse anpassen. Es klingt, als sei von einem Mittel zur Selbstermächtigung die Rede. Tatsächlich aber werden alle Quellen von Leid außerhalb unserer Köpfe ignoriert, etwa das kapitalistische System, das so viel Druck auf uns im Alltag ausübt. Daraus folgt eine Pathologisierung von Stress, dessen Behandlung daran scheitert, die eigentlichen Ursachen von Leid zu berücksichtigen.
Der Stressdiskurs
Stress lässt sich wie Achtsamkeit selbst nur schwer definieren. Die Vieldeutigkeit von Stress macht ihn allgegenwärtig, aber sie sollte uns auch davor warnen, manchen Annahmen im öffentlichen Diskurs Glauben zu schenken, insbesondere wenn er als unausweichlich dargestellt wird. Der Stressdiskurs hat ideologische Komponenten und die Achtsamkeitsbewegung macht sie sich zu eigen, um eine ganze Industrie zu schaffen, die um das gestresste Subjekt kreist. Dieses Subjekt ist jedoch auch ein Objekt äußerer Kräfte. Berufstätige – einschließlich Akademiker:innen, Praktiker:innen und Journalist:innen – tragen zu dieser Beeinflussung bei, „indem sie uns etwas über uns selbst und unsere Welt erzählen, beispielsweise durch Diskurse über Psychiatrie, Psychologie, Biologie, Medizin oder Ökonomie, die das Geheimnis unseres Ich offenbaren“, wie Tim Newton in seinem Buch Managing Stress ausführt.59
Die meisten von uns beziehen ihr Wissen über Stress aus wissenschaftlichen Diskursen. Deren biomedizinische Beschreibungen des Problems neigen zur Individualisierung und kommen ohne eine Betrachtung historischer, sozialer oder politischer Kontexte aus.
Führungsfiguren der Achtsamkeitsbewegung stellen diesen wissenschaftlichen Diskurs über Stress selten infrage. Als Verkäufer:innen einer Therapie, die als einziges Heilmittel gegen ihn angepriesen wird, haben sie ein hohes Eigeninteresse, sie ebenfalls als solche wahrzunehmen. Natürlich steht es einem frei zu entscheiden, ob man Achtsamkeit erlernen möchte oder nicht. Aber genau diese Betonung der individuellen Handlungsmacht macht Stressdiskurse und Achtsamkeit überhaupt erst attraktiv.
Das Problem ist die dabei vorgenommene Verschleierung. Indem soziale Probleme individualisiert werden, benachteiligt die Achtsamkeitspraxis jene, die am meisten unter den herrschenden Verhältnissen zu leiden haben. Als Kritik an solch begrenzten Definitionen von Stress hat Dana Becker den Begriff „Stressismus“ eingeführt. Darunter versteht sie die
„vorherrschende Überzeugung, dass die Spannungen zeitgenössischen Lebens in erster Linie individuelle Lifestyleprobleme sind, die sich durch Stressbewältigung lösen lassen – im Gegensatz zu der Überzeugung, dass diese Spannungen mit sozialen Kräften verbunden sind und primär durch soziale oder politische Mittel gelöst werden müssen“.60
Die Achtsamkeitsbewegung hat sich die Doktrin des Stressismus zu eigen gemacht und preist sich selbst als Heilmittel für ein breites Spektrum von „stressbedingten“ Beschwerden an. Der Fokus liegt allein auf dem Individuum, von dem erwartet wird, die von Kabat-Zinn beschriebene „Denkkrankheit“ zu überwinden. Er sagt, dass wir durch das Praktizieren von Achtsamkeit von einer verzweifelten Fixierung auf das „Tun“ zu einer harmonischeren Art des „Seins“ übergehen können. Dadurch sei es uns möglich, von unseren Hoffnungen, Sorgen und stressvollen Situationen im Allgemeinen Abstand zu nehmen. Um es in achtsamkeitswissenschaftlicher Sprache auf den Punkt zu bringen: Die Achtsamkeitspraxis wirkt wie eine mentale Impfung, die uns hilft, „Erfolg zu haben“.
Amerikanische Nervosität
Wie sind wir an diesem stressvollen Moment in der Geschichte angelangt? Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde psychologischer Stress kaum behandelt. Selbst in wissenschaftlichen Kreisen wurde dem Konzept wenig Beachtung geschenkt. Vorläufer gab es aber durchaus. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war „Nervosität“ in der amerikanischen Gesellschaft weitverbreitet. Als die Motoren der Industrialisierung und Urbanisierung an Fahrt gewannen, war sie die modische Diagnose für Ängste, die mit der Modernisierung von Lebensstilen verbunden waren: die Anpassung an den Schienenverkehr, Telegrafen, Börsenticker, Tageszeitungen und die Verbreitung von Uhren.
Der New Yorker Neurologe George M. Beard veröffentlichte 1869 einen Artikel im Boston Medical and Surgical Journal, in dem er das Krankheitsbild der „Neurasthenie“ (Nervenschwäche) beschrieb. Unter den kräftezehrenden Symptomen fanden sich physische und mentale Erschöpfung, Trägheit, Kopfschmerzen, Herzklopfen, Depression, Angst, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen, mangelnde Antriebskraft und sogar Zahnfäule. Alle Symptome ließen auf die gleiche Diagnose schließen. Es handelte sich um einen Sammelbegriff für Unbehagen angesichts des technologischen Fortschritts.
Der Begriff der Neurasthenie stammt aus dem Griechischen und bezeichnet einen „Mangel an Nervenenergie“. Da kein klares physisches Leiden festgestellt werden konnte, glaubte man, dass Nervenschwäche aufgrund eines Mangels an Nervenenergie entstehe. Man dürfe nur eine bestimmte Menge davon verbrauchen, sonst würden die Nerven versagen. Diese Theorie wurde oft mit dem Stromfluss durch Elektrokabel verglichen.
Die Mehrheit derer, denen Nervenschwäche attestiert wurde, stammte aus der Mittel- und Oberschicht, darunter vor allem Frauen. Über den Einfluss sozialer und technologischer Veränderungen hinaus hielt Beard die Frauen deshalb für anfälliger, weil sie durch ihre zunehmende Beteiligung an der Gesellschaft einer größeren Belastung ausgesetzt seien. Die meisten Ärzte im späten 19. Jahrhundert vertraten dieselbe Ansicht. In Übereinstimmung mit dem Sozialdarwinismus der damaligen Zeit nahm sich die Oberschicht als biologisch höher entwickelt wahr und schrieb sich daher ein sensibleres Nervensystem zu. Und basierend auf der Annahme, dass Frauen besonders empfindlich seien, wurden sie als anfälliger für Nervenschwäche betrachtet als Männer. Wie andere Neurologen sah Beard Nervenschwäche als medizinischen Beleg für Probleme bei der Anpassung an die Anforderungen der Moderne.
Zur Jahrhundertwende war die Neurasthenie in der amerikanischen Kultur in aller Munde.61 Viele Personen des öffentlichen Lebens erkrankten an ihr, darunter der Psychologe und Philosoph William James, die Friedensnobelpreisträgerin Jane Addams und die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Charlotte Perkins Gilman. In der Presse wurde das Leiden oft als Nervenerschöpfung oder schlicht als „Nerven“ bezeichnet. Statt als Stigma wurde die Diagnose Nervenschwäche von Männern und Frauen der Mittel- und Oberschicht oft als eine Art Ehrenabzeichen betrachtet. Sie erklärte ihre Symptome medizinisch und wies sie auf die Opfer hin, die sie im Streben nach amerikanischer Wettbewerbsfähigkeit gebracht hatten. Später vertrat Beard in seinem Buch American Nervousness (dt. Titel: Die Nervenschwäche) die Ansicht, dass die Neurasthenie nicht nur ein typisch amerikanisches Phänomen sei, sondern auch ein Beweis für die Größe der Nation als Hochkultur, die sich durch Bürger:innen (vorzugsweise der Oberschicht) mit einem aktiven Geist, einem wettbewerbsfähigen Charakter und einer Liebe zur Freiheit auszeichne.
Diese Rationalisierung der durch die Oberschicht verrichteten „mentalen Arbeit“ erfüllte den Zweck, dass sie sich besser mit ihren eigenen Anpassungsproblemen im Kapitalismus anfreunden konnte. Ein wenig Unbehagen schien Beard ein geringer Preis für hervorragende Leistungen zu sein. Seine sozialdarwinistische Gesinnung schloss Arbeiter:innen von dieser Diagnose aus. Schließlich mussten sie nicht die gleiche Last tragen wie die Elite, deren geistig anstrengendere Verpflichtungen sie angeblich anfälliger für nervliche Erschöpfung machten. Die unteren Gesellschaftsschichten, darunter all jene, die nicht weiß oder protestantisch waren, mussten sich mit Stärkungsmitteln oder Pillen von „Schlangenöl“-Verkäufer:innen und anderen dubiosen Patentrezepten gegen „schlechte Nerven“ zufrieden geben.
Was war das Heilmittel für diese mysteriöse Krankheit? Die Behandlung von Frauen und Männern unterschied sich erheblich. Anzeichen von Nervenschwäche zu zeigen oder einen Arbeitstag zu verpassen war für Männer im 19. Jahrhundert unmöglich. Ihre Behandlung umfasste oft beherzte Aktivitäten in der Natur, anstrengende körperliche Übungen und Ausflüge in die Wildnis. Viele Männer wurden in die westlichen Bundesstaaten der USA geschickt, um auf Rinderfarmen zu leben und zu arbeiten. Auch bei Theodore Roosevelt, der als „Präsident der Umweltschützer“ bekannt war, wurde eine Nervenschwäche diagnostiziert.
Frauen wurde von Ärzten üblicherweise eine „Ruhekur“ verschrieben. Je nach der diagnostizierten Stärke des Leidens mussten sie sechs bis acht Wochen im Bett bleiben. Währenddessen wurden sie von ihrer Familie und ihren Kindern getrennt. Patientinnen durften keine Bücher oder Zeitschriften lesen, da man glaubte, dass mentale Aktivitäten die Nervenenergie von Frauen aufbrauchen würde. Nervöse Frauen galten auch als zu dünn und ihr Blut als zu schwach. Der prominente Arzt Silas Weir Mitchell aus Philadelphia wurde sehr bekannt für die Patentierung der Ruhekur. Seine Methode empfahl ein Mindestmaß an mentalen Aktivitäten.
Beard ergänzte diese Behandlungen durch Elektrotherapie in der Annahme, dass man menschliche Nerven wie eine Batterie aufladen könne. Er platzierte eine Elektrode auf dem Kopf der Patient:innen und fuhr dann mit der anderen Hand über deren Körperteile. Viele gaben an, sich nach der Elektrotherapie erfrischt zu fühlen, selbst in Fällen, in denen ihnen ihre vorherige Ausgelaugtheit gar nicht bewusst gewesen war. Beard nannte seine mit einem Placeboeffekt vergleichbare Methode „mentale Therapie“.
Mit der Zeit geriet die Neurasthenie in Vergessenheit, nur um durch etwas fast ebenso Nebulöses ersetzt zu werden: Stress.
Die Höhlenmensch-Theorie
Die meisten zeitgenössischen Erklärungsansätze für Stress und folglich auch Achtsamkeit greifen auf die Vorstellung zurück, dass wir schlecht angepasste Höhlenmenschen sind, die im 21. Jahrhundert leben. Wenn es uns möglich ist einige Standardreaktionen neu zu programmieren, kann unser Gehirn so optimiert werden, dass es mit der Gegenwart zurechtkommt. Wenn wir das nicht tun, leiden wir an Stress. Diese biologische Erzählung lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Unsere Vorfahr:innen mussten auf Zusammentreffen mit furchterregenden Raubtieren wie Säbelzahntigern vorbereit sein. Daher entwickelten sie die Fähigkeit, schnell auf große Mengen an Energie zurückzugreifen, um auf potenzielle Bedrohungen reagieren zu können. Für Steinzeitmenschen war die durch Adrenalin ausgelöste „Kampf-oder-Flucht-Reaktion“ ein Überlebensmechanismus, der in die menschliche DNA fest „eingepflanzt“ wurde. Und da sich unsere Gehirne über die letzten Jahrhunderte nur gering entwickelt haben, kommt es immer noch zu dieser Überreaktion, sobald wir uns verunsichert fühlen.
Allerdings ziehen wir uns nicht wie relativ bequeme Jäger:innen und Sammler:innen in unsere Höhle zurück und nehmen uns eine Auszeit, um uns von dem Adrenalinschub zu erholen. Wenn wir das täten, hätten wir keine Probleme. Stattdessen leben wir unser Leben weiter, wodurch sich Stress anstaut. Wir sind so gestresst (ein Ausdruck, der erst in den 1980er-Jahren populär wurde), weil unser Kampf-oder-Flucht-Alarm so oft ausgelöst wird, was unser homöostatisches System aus dem Gleichgewicht bringt. Dies wiederum laugt unseren Körper und unser Immunsystem aus und zehrt an unserer natürlichen Widerstandsfähigkeit. Durch Achtsamkeit können wir jedoch die Fähigkeit zur Selbstregulierung erlernen. Und indem wir der gegenwärtigen Erfahrung Aufmerksamkeit schenken, lernen wir, uns zu entspannen. So zumindest lautet die grundlegende Theorie.
Obwohl sie mit den neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen aufgepeppt wird, sind viele ihrer Bestandteile ein Jahrhundert alt. Natürlich hat sie eine gewisse Berechtigung, vor allem hinsichtlich der Behandlung von posttraumatischem Stress. Aber viel zu oft wird sie als allgemeine Antwort bemüht, wodurch andere Ursachen des modernen Unbehagens verschleiert werden. Das ursprüngliche Konzept stammt aus dem Jahr 1914. In diesem Jahr verwendete der damalige Havard-Medizinprofessor Walter B. Cannon zum ersten Mal den Begriff „Stress“ in einem wissenschaftlichen Artikel. Cannon führte Experimente an Hunden und Katzen durch. Sie wurden in die gleichen Käfige gesetzt, um Stress bei ihnen auszulösen. Cannon interessierte sich für ihre Erholungsfähigkeit. Die Physiologie des Stresses schien weniger wichtig zu sein als die von Instinkten, Emotionen und biologischen Mechanismen, die für die Homöostase verantwortlich sind. Er wollte wissen, wie Tiere nach einer Bedrohung wieder ins Gleichgewicht kommen.
Cannons Theorien bezogen sich hauptsächlich auf biologische Bedingungen wie „Kälte, Sauerstoffmangel, Unterzuckerung, Blutverlust“. Er beobachtete, wie notleidende Katzen das Hormon Adrenalin ausschütteten, wenn sie bellenden Hunden gegenübergestellt wurden. Daher wertete er Reaktionen wie Angst und Wut als Teil unserer biologischen Evolution und nahm an, dass instinktive Reaktionen entstanden seien, „um im Kampf ums Dasein schnelle Dienste zu leisten“.62
Cannons Ansichten waren stark vom Sozialdarwinismus, der Eugenik und der Instinkttheorie beeinflusst. Um der Entartung der Bevölkerung vorzubeugen, plädierte er für eine Befriedigung unserer „Kampfinstinkte“, vor allem wenn man einen Krieg vermeiden wolle. Er kam zu dem Schluss, dass Aggression biologischer Natur sei und nicht in einem sozialen Kontext entstehe. Damit legte er den Grundstein für die im Achtsamkeitsdiskurs beliebte Vorstellung, dass soziale Probleme biologisch bedingt seien. Ungeachtet der sozialen Komplexität, mit der sich die Menschen heute auseinandersetzen müssen, wird die Wurzel ihrer Probleme auf überholte Instinkte von Höhlenmenschen reduziert.
Die Naturalisierung von Stress
In dieser oft wiederholten Geschichte über einen ständigen Kampf zwischen der steinzeitlichen Physiologie und dem modernen Lebensstil schwingt eine seltsame Vorstellung mit. Auch wenn es in Achtsamkeitsliteratur nicht expliziert ausformuliert wird, ist die grundlegende Andeutung dahinter, dass es in kapitalistischen Gesellschaften keinen Stress oder Konflikte gäbe, wenn wir uns biologisch weiterentwickelt hätten. In der Zwischenzeit kann uns Achtsamkeit dabei helfen, unsere Gehirne zu verändern, um diese antiquierten Probleme aus der Welt zu schaffen. Mit anderen Worten: Es gibt nichts, was an unserer modernen Zeit grundsätzlich falsch wäre. Es sind nur unsere unangepassten Reaktionen, die uns unglücklich machen. Da wir eine schlechte Biologie geerbt hätten, läge es an uns, sie zu kompensieren und Korrekturen vorzunehmen. Dieser auf Cannon zurückgehende biologische Reduktionismus überträgt die Verantwortung für die Verwaltung widerspenstiger Emotionen auf Individuen. Die kapitalistische Wirtschaft wird als eine Gegebenheit hingestellt, an die sich alle anpassen müssen. Diese Ideologie beruht auf der Prämisse des Überlebens des Stärkeren. Stress wird dabei naturalisiert und die das Problem verursachenden strukturellen Faktoren ignoriert.
Es dauerte noch einige Jahrzehnte, bis Cannons Forschung zur Stresstheorie ihre heutige Form annahm. Erst der Zweite Weltkrieg brachte derlei Theorien stärker ins öffentliche Bewusstsein. Das US-Militär interessierte sich für Methoden zum Antrainieren von Resilienz bei Soldaten sowie der Behandlung emotionaler Wunden von Kriegsheimkehrern. Diese Gelegenheit nutzte der Arzt und Biochemiker Hans Selye, indem er Begriffe wie „Stressreaktion“, „Stresssyndrom“ und „Stressoren“ erfand, um Interesse an seiner Forschung zu wecken.
Selye floh in den 30er-Jahren als Tscheche vor den Nazis und führte Experimente an der Universität von Montreal durch. Als ambitionierter Forscher wollte Selye neue weibliche Sexualhormone identifizieren. Als Assistent des Endokrinologen James B. Collop ging er jeden Tag ins Schlachthaus und füllte einen Eimer mit den Gebärmüttern von Kühen, um sie dann zu zermahlen und mit Formaldehyd als Konservierungsmittel zu einem Extrakt zu verarbeiten. Anschließend spritzte er weiblichen Ratten diese Gewebeextrakte. Die Autopsien der Ratten zeigten keine Veränderung in ihren Sexualhormonen.
Selye bemerkte allerdings etwas Seltsames. Jede der Versuchsratten zeigte die gleichen drei Reaktionen: eine Vergrößerung der Nebennieren, eine Schrumpfung der Thymusdrüsen, Milz und Lymphknoten sowie Blutungen und Magengeschwüre. Anfangs glaubte Selye, die Sexualhormone entdeckt zu haben, nach denen er suchte. Nach einigen Monaten testete er Extrakte aus der Plazenta, den Nieren, der Milz und der Hirnanhangsdrüse von Rindern. Dabei erzielte er andere Ergebnisse, als erwartet. Die Ratten zeigten alle die gleichen Symptome, egal welche Substanz ihnen gespritzt worden war. Aus einer Laune heraus probierte er etwas anderes und injizierte einer Ratte eine tödliche Formaldehydlösung. Zu seiner großen Überraschung trat die gleiche Trias von Symptomen bei dieser Ratte auf, nur stärker. Er war verblüfft und glaubte, seine Arbeit sei gescheitert.
Ein paar Tage später erwachte Selya aus seinem Trübsinn und hatte einen Geistesblitz: Könnte es sein, dass die Ratten keine spezifische hormonelle Reaktion auf die Extrakte zeigten, sondern eine unspezifische, allgemeine Reaktion auf schädliche Stoffe? Um seine Hypothese zu überprüfen, führte Selye zahlreiche Experimente an Ratten durch, indem er sie im Wesentlichen mit verschiedenen Mitteln quälte. Egal ob die Ratte Kälte, Hitze, Lärm, endlosen Laufrädern oder hellem Licht mit hochgenähten Augenlidern ausgesetzt wurde, stellte Selye die gleichen drei Reaktionen fest.
Er postulierte, dass dies als grundlegende Reaktionen auf alles zu werten sei, was die Anpassungskapazitäten der Ratten überstieg. Seinen Befund bezeichnete er als Allgemeines Anpassungssyndrom (AAS). Die erste Alarmstufe löse das körpereigene Kampf-oder-Flucht-System mit physiologischer Erregung aus. Die Hormondrüsen würden dann Hormone freisetzen, die zu Herzrasen, Schweißausbrüchen und einem Anstieg des Blutzuckerspiegels führen. Es folge die Widerstandsphase, in der der Körper versuche, sich selbst zu reparieren und zur Homöostase zurückzukehren. Wenn das scheitert und die Stressfaktoren weiterbestehen, könne die finale Erschöpfungsphase zu Krankheit oder zum Tod führen.
Der Vater des Stresses
Im Jahr 1956 veröffentlichte Selye sein viel beachtetes Buch The Stress of Life (dt. Titel: Stress beherrscht unser Leben), in dem er seine AAS-Theorie um eine psychologische Erklärung ergänzte.63 In seinen Schriften behauptete er, die Verbindung zwischen Stress und Krankheit gefunden zu haben. Er wies die Öffentlichkeit und Mediziner:innen darauf hin, dass die Bewältigung von Stress, beziehungsweise die erfolgreiche Anpassung an die Umgebung, der Schlüssel zu guter Gesundheit und zur endgültigen Vermeidung von Krankheiten und Unglücklichsein sei. Seine Theorien stießen auf große Resonanz.
Im Laufe seiner Karriere veröffentlichte Selye um die 1.700 wissenschaftliche Aufsätze, 40 Bücher und richtete eine Bibliothek zur Stressforschung mit etwa 110.000 Artikeln in vielen verschiedenen Sprachen ein. Als rastloser Selbstvermarkter seiner Ideen hielt Selye zahlreiche öffentliche Vorträge, trat in Fernsehsendungen auf und wurde sogar im Nachrichtenmagazin Time als „Vater des Stresses“ bezeichnet. Er war enorm erfolgreich darin, Gelder für sein Forschungslabor einzuwerben, sowohl aus dem öffentlichen wie dem privaten Bereich. In den späten 50er- und den frühen 60er-Jahren war er eine prominente Figur und seine Meinung zu Stress enorm gefragt. Die Wissenschaft zeigte sich jedoch weniger überzeugt von seinen Theorien.
Viele von Selyes wissenschaftlichen Kolleg:innen fanden seine Konzeptualisierung von Stress zu ungenau. Andere stellten seine Methoden infrage und sogar die Verbindung zwischen Stress und Krankheit. Obwohl Selyes Stresstheorie auf Laborexperimenten mit Ratten beruhte, weitete er seine Befunde in seinen Schriften auf Menschen aus und psychologisierte Stress. Der Anthropologe Kristian Pollock sprach sich in einem Fachartikel gegen die Verallgemeinerungen von Selyes konzeptionellem Schritt aus: „Durch einen zweifellos unbeabsichtigten Kunstgriff wurde eine sozialpsychologische Theorie durch ein fundiertes, aber grundsätzlich nicht vergleichbares physiologisches Modell ersetzt, welches dennoch als deren Legitimationsgrundlage dient.“64
Trotz dieser Kritik machte Selye unbeirrt weiter. Seine Schriften wurden pathetischer, utopischer und politischer. Er ging sogar so weit, eine nationale und internationale Leitlinie zu entwerfen, die Gesellschaften zu einer „besseren, gesünderen Philosophie“ führen sollte. In den 80er-Jahren wurde seine Stresstheorie als etwas völlig Selbstverständliches angesehen, obwohl sie, wie Pollock es nannte, „ein konstruiertes Konzept darstellt, das jetzt zu einer ,sozialen Tatsache‘ geworden ist“.65
Wie die zugrunde liegende Höhlenmensch-Theorie haben auch Selyes Thesen eine gewisse Bedeutung für das Verständnis körperlicher Reaktionen bei komplexen Traumata. Sie erklären jedoch bei Weitem nicht alle Formen psychischer Anspannung, da sie kulturelle Einflüsse außer Acht lassen. Sie definieren auch nicht klar, was als Stress gilt, sondern weiten das Netz aus, um viele moderne Probleme zu psychologisieren. Dies ist wichtig, wie Dana Becker in ihrem Buch über den Stressdiskurs feststellt:
„Wie bei Nervenschwäche wurde der ,Wahrheitsgehalt‘ des Stresskonzepts und dessen Akzeptanz durch die amerikanische Öffentlichkeit nicht durch wissenschaftlichen Konsens oder medizinische Heilmittel für ,stressbezogene‘ Krankheiten erreicht. Es war die Beliebtheit von Stress, die es wahr werden ließ.“66
Selyes Vermarktung des Themas Stress spielte mit den Ängsten der Öffentlichkeit. Und der umstrittene Zusammenhang zwischen Stress und Krankheit war ein psychologischer Faktor, der seine Theorie in den Köpfen der Menschen lebendig hielt und neue Behandlungen inspirierte. Seine Thesen porträtierten die gestressten Personen als Opfer: schwach, verletzlich und biologisch schlecht ausgestattet für die täglichen Herausforderungen des Lebens in der Moderne. Die Medien griffen Selyes Botschaft auf und spielten die Gefahren von Stress hoch, wodurch einer neuen Industrie für Stressmanagement und psychoaktive Medikamente gegen Ängste Tür und Tor geöffnet wurde.
Stress und Tabakkonzerne
Selyes Arbeit hat eine dunkle Seite. Sie lässt ernsthafte Zweifel an der Glaubwürdigkeit und Integrität der Stressforschung aufkommen, insbesondere mit Blick auf die Gesundheitspolitik. Zwischen den 50er- und 70er-Jahren wurde Selyes Forschung von der Tabakindustrie finanziert. Dies war den wenigsten bekannt, bevor im Jahr 2002 14 Millionen interne Dokumente von Tabakkonzernen durch einen Gerichtsbeschluss öffentlich gemacht wurden. Mark Pettigrew und seine Kolleg:innen von der London School of Hygiene and Tropical Medicine durchforsteten die Dokumente in einem Onlinearchiv der Universität von Kalifornien in San Francisco. Sie deckten das Ausmaß des Einflusses der Tabakkonzerne auf Selye auf, dessen Forschungen über Stress und Gesundheit ihren Zwecken dienten.67 „Er hatte eine sehr, sehr enge Beziehung zur Tabakindustrie. Sie formte seine Gedankengänge mit und er im Gegenzug auch ihre“, führt Pettigrew aus.68
Die Tabakhersteller waren daran interessiert, das Rauchen als eine Form des Stressabbaus zu vermarkten, während sie gleichzeitig Wissenschaftler:innen rekrutierten, um die Zusammenhänge zwischen Tabak und chronischen Krankheiten zu verschleiern und zu verzerren. Nachdem Selye mehrmals für den Nobelpreis nominiert worden war, sahen Führungskräfte und Anwälte der Industrie eine Gelegenheit, sich seine wissenschaftliche Stressforschung für ein konkurrierendes Narrativ zunutze zu machen. Um die Botschaft vermitteln zu können, dass Stress und nicht Zigaretten die Ursache sei, kehrten sie sämtliche epidemiologischen Studien unter den Tisch, die das Rauchen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, chronischer Bronchitis und Emphysemen in Verbindung brachten.
Selye nahm erstmals Kontakt auf und bemühte sich erfolglos um eine Finanzierung durch die amerikanische Tabakindustrie. Anwälte der Hersteller und das Council for Tobacco Research (CTR – Rat für Tabakforschung) baten ihn jedoch schon bald, als Sachverständiger aufzutreten. Der Auftrag des Rates bestand ausdrücklich in der Finanzierung von Forschung mit erheblichem „Konfliktwert“, oder einfach ausgedrückt: die Öffentlichkeit und die Regulierungsbehörden in die Irre zu führen. Selye und anderen industriefreundlichen Wissenschaftler:innen wurde untersagt, die Finanziers ihrer Forschungsprojekte zu benennen. Zudem durften sie nicht durchsickern lassen, dass Forschungsergebnisse vor ihrer Veröffentlichung von der Industrie genehmigt werden mussten.
Selye veröffentlichte zunächst eine Pressemitteilung, in der er den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs herunterspielte. 1967 erhielt er 2.000 US-Dollar, um über Stress zu schreiben. Da er sich unsicher war, was er sagen sollte, bat er Anwälte der Tabakindustrie um Hilfestellung. William Shinn, der Rechtsbeistand von Philip Morris und einem anderen Tabakunternehmen, gab folgende Anweisung: „Selye sollte sich zu der Unwahrscheinlichkeit äußern, dass es einen Mechanismus gibt, durch den Rauchen Herz-Kreislauf-Krankheiten verursachen könnte.“69 Shinn lieferte Selye außerdem das Argument, dass öffentliche Anti-Raucher-Botschaften selbst „Stress“ auslösen würden.
Selye behauptete, dass Rauchen „prophylaktische und heilende“ Wirkungen haben könnte, da Rauchen eine der vielen nützlichen „Ablenkungen“ von Stress sei. In einem Pamphlet der Tabakindustrie schrieb er: „Es ist erschreckend, dass niemand die Vorteile von Tabak erwähnt. Ich bin mir sicher, dass oft mehr Schaden angerichtet wird durch gut gemeinte Kampagnen der Aufklärung, die zahllose Hypochonder:innen hervorbringen.“70 Fünf Monate später verfasste Shinn einen als „Ideen zu Selye“-Schreiben bekannt gewordenen Brief an seine Branchenkolleg:innen, in dem er seine Aufgabe präzisierte. „Zu etablieren wäre der Grundgedanke, dass es wünschenswert ist, sich durch die Suche nach Ablenkungen an ein stressiges Leben anzupassen“, schrieb Shinn. Des Weiteren solle „diese Theorie durch Artikel, Bücher, das Fernsehen etc.“ Verbreitung finden.71
Da seine Finanzierung durch die Tabakindustrie öffentlich nicht bekannt war, trat Selye häufig als Experte bei staatlichen Anhörungen auf und sprach sich gegen Antirauchergesetze, Werbebeschränkungen sowie Gesundheitshinweise aus. Selyes Zusammenarbeit mit der Tabakindustrie intensivierte sich ab 1969, als er ein dreijähriges Budget in Höhe von 50 000 US-Dollar pro Jahr vom CTR für ein „besonderes Projekt“ erhielt. Eine Gruppe der kanadischen Tabaklobby zahlte ihm weitere 50.000 US-Dollar. Daraufhin sagte Selye vor kanadischen Staatsausschüssen aus, betonte als Gast häufig im Radio die Vorzüge des Rauchens und trat sogar in PR-Filmen des von den Herstellern gegründeten Tobacco Institutes auf. Er wohnte 1972 auch einer berüchtigten Konferenz auf den französischen Antillen bei, welche von Philip Morris organisiert und finanziert wurde. Die sechs größten Tabakkonzerne waren bei dieser Konferenz vertreten. Dieses Treffen wurde schließlich in einem Verfahren des US-Justizministeriums zur Bekämpfung der Kartellbildung als Beweismittel gegen sie verwendet.
Obwohl die Tabakindustrie schließlich ihr Interesse an Selye verlor, legte sie ihr Augenmerk weiterhin auf Stress. Das Tobacco Institute Research Committee (TIRC – Forschungskomitee des Tabakinstituts) hatte großes Interesse an Meyer Friedman und Ray Roseman, deren Forschung auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Herzkrankheiten und Verhaltensmustern von Menschen hinwies, die sie später als „Typ-A-Persönlichkeiten“ bezeichneten. Sie konzentrierten sich auf Männer und beschrieben Typ-A-Subjekte als angetrieben sowie „stets pünktlich und sehr genervt, wenn sie warten müssen“.72 Diese sehr spezifische Stressreaktion wurde als Ursache chronischer Krankheiten ausgegeben.
Philip Morris war ein wichtiger Geldgeber für diese Forschung. Im Laufe eines Jahrzehnts flossen über elf Millionen Dollar in das Meyer Friedman Institute, einschließlich der Finanzierung eines Stiftungslehrstuhls an der medizinischen Fakultät der University of California in San Francisco. Diese Ideen wurden von den meisten Forscher:innen hinterfragt. In den 90er-Jahren wurde in systematischen Untersuchungen kein signifikanter Zusammenhang zwischen Typ-A-Persönlichkeiten und koronaren Herzkrankheiten festgestellt. Doch trotz des Mangels an Beweisen ist diese Theorie in den Medien weiterhin beliebt.
Das Geschäft mit Stress
Achtsamkeit verdankt einen Großteil ihrer Popularität Ideen, die auf „Junk Science“ („Ramschwissenschaft“) beruhen. Obwohl die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens in verschiedener Intensität Stress erleben, ist er im wissenschaftlichen Sinne noch nicht erforscht. Achtsamkeit greift daher auf Junk-Wissenschaft zurück, um eine Glücksvision zu verkaufen und Profit aus stressverbundenen Ängsten zu schlagen. Verweise auf die schädlichen Wirkungen von Stress haben die Wahrnehmung verstärkt, dass er physische Leiden verursacht. Ein erheblicher Teil dieses Leidens soll uns aber selbst zuzuschreiben sein. Achtsamkeit mag zur Leidenslinderung beitragen, aber die Reduzierung von Stress auf biologische Faktoren hindert uns daran, soziale Leiden anzugehen. Die unvorhersehbaren Zyklen und Krisen des Kapitalismus sowie die groben Ungleichgewichte in Bezug auf Reichtum und Macht erzeugen Stress. Doch das wird selten von Achtsamkeitsaktivist:innen anerkannt. Zudem macht uns die von ihm geförderte Aktivierung von primitiven Kampf-oder-Flucht-Reaktionen für psychologische Beeinflussungen anfällig.
Obwohl MBSR dafür konzipiert wurde, um Menschen mit chronischen Krankheiten zu helfen, hat sich dessen Zielgruppe auf alle Menschen ausgeweitet. Dies wäre ohne die kritiklose Übernahme von Stressdiskursen nicht möglich gewesen. Das Skandieren ihres Mantras hilft Achtsamkeitsverkäufer:innen dabei, sich Ängste zunutze zu machen. Sie haben ein erhebliches Interesse daran, Stress zu psychologisieren, zu pathologisieren und zu normalisieren. Daher preisen sie Behandlungen an, die angeblich den magischen Schlüssel zur Bekämpfung der Ursachen unserer Leiden bereitstellen. Allerdings bleiben die durch äußere Umstände bedingten Quellen des kollektiven Leidens unangetastet.
Kapitel 4: Die Privatisierung der Achtsamkeit
Die Meditationspraxis, die bei Achtsamkeit angewendet wird, stammt aus dem Buddhismus. Allerdings ist sie dekontextualisiert worden, um sie in eine pragmatische Vorgehensweise zu verwandeln, die mit moderner Wissenschaft und Psychologie kompatibel ist. Das ist laut Jon Kabat-Zinn eines ihrer zentralen Verkaufsargumente: „Von Anfang an habe ich mich darum bemüht über sie so sprechen, dass sie nicht als buddhistisch, ,New Age‘, ,östliche Mystik‘ oder schlicht exzentrisch abgestempelt werden kann.“73
Der erste Kurs von Kabat-Zinn fand 1979 als „Stressreduktions- und Entspannungsprogramm“ statt. Er wurde in einem Keller der medizinischen Fakultät der Universität von Massachusetts abgehalten und wäre ohne seinen Ruf als Wissenschaftler undenkbar gewesen. Über diese Erfahrung reflektierte er mehr als 30 Jahre später in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Time:
„Die Idee, buddhistische Meditation ohne Buddhismus in den medizinischen Mainstream zu bringen, ließ an die Westgoten denken, die vor den Toren Roms standen, um die Hochburg der westlichen Zivilisation niederzureißen. Menschen hatten die Erwartung ,er muss ja wissen, was er tut‘, da ich einen Doktortitel in Molekularbiologie vom MIT erhalten und im Labor eines Nobelpreisträgers studiert hatte. Also ließen sie es mich tun.“74
Die Unterbringung seiner „Stressreduktionsklinik“ in der medizinischen Abteilung einer Universität verlieh Kabat-Zinn die Glaubwürdigkeit, die er benötigte, um Achtsamkeit zum Mainstream zu machen. Er entledigte sie ihrer religiösen Konnotationen und verlieh Achtsamkeit das Image einer universellen und wissenschaftliches Methode, die von historischen und kulturellen Gegebenheiten losgelöst ist. Obwohl ihm die Idee für seine Klinik während einer buddhistischen Freizeit gekommen war, wurden alle Verweise auf den Buddhismus entfernt und dessen Vokabular durch biomedizinische Begriffe ersetzt. „Wenn man sich in den medizinischen Bereich integrieren möchte, muss man in der Lage sein, die eigene Dienstleistung den Krankenversicherungen in Rechnung zu stellen“, erklärte er 1997 bei einer Konferenz zum Buddhismus in den USA.75
Aus Angst vor der Ablehnung seitens des medizinischen Establishments war Kabat-Zinn zunächst vorsichtig und vermied den Gebrauch von Begriffen wie Achtsamkeit oder Meditation. Sogar als seine Klinik bereits eingerichtet war, sprach er von Achtsamkeit nur als grundlegende phänomenologische Technik des „momentbezogenen Bewusstseins“. Dabei knüpfte er an seinen wissenschaftlichen Vorgänger Herbert Benson an, dessen Forschung aus biomedizinischer Perspektive Erklärungen für die Effektivität von Transzendentaler Meditation (TM) geliefert hatte. Wie Kabat-Zinn bei MBSR beschrieb auch Benson die „Entspannungsreaktion“ als „universelle Kapazität des Körpers“, die keinen besonderen Bezug zu einer Religion oder spirituellen Tradition habe.76
Kabat-Zinn ist mit der Tochter des verstorbenen Historikers und Aktivisten Howard Zinn verheiratet. Doch obwohl er in den späten 60er-Jahren an Protesten gegen den Vietnamkrieg teilnahm, widmete er sich bald nur noch dem menschlichen Inneren. Als Student am MIT entdeckte er während eines Vortrags von Philip Kapleau den Zenbuddhismus für sich. Bei dem koreanischen Zenbuddhismus-Lehrer Seon Sahn vom Cambridge Zen Center führte er seine Meditationsstudien fort. Später praktizierte er bei der Insight Meditation Society in Barre im Bundesstaat Massachusetts Theravada-Methoden. Hier lernte er aus erster Hand modernistische Ideen innerhalb der buddhistischen Tradition kennen.
Pulsuz fraqment bitdi.