Kitabı oxu: «Rosa Luxemburg: Gesammelte Schriften über die russische Revolution»

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Rosa Luxemburg

Rosa Luxemburg: Gesammelte Schriften über die russische Revolution

Terrorismus in Rußland; Organisation der russischen Sozialdemokratie; Massenstreik…


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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-7583-334-1

Inhaltsverzeichnis

Zur Frage des Terrorismus in Rußland (1902)

Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie (1904)

Terror (1905)

Die Lösung der Frage (1905)

Im Feuerscheine der Revolution (1905)

Die Russische Revolution 1905

Massenstreik, Partei und Gewerkschaften

Die Revolution in Rußland

Zur russischen Revolution

Biografie

Zur Frage des Terrorismus in Rußland

(1902)

Inhaltsverzeichnis

I

II

I

Inhaltsverzeichnis

Die Leipziger Volkszeitung hat in ihrer Montagsnummer das von der russischen Terroristengruppe aus Anlaß des Attentats auf den Charkower Gouverneur, Fürsten Obolenski, veröffentlichte Dokument zur Information der Leser mitgeteilt, wir können aber nicht umhin, zu bemerken, daß dieses Dokument sowie das bereits vor einiger Zeit gleichfalls von uns abgedruckte Manifest über die Konstituierung der terroristischen Organisation in uns mancherlei Bedenken hervorgerufen hat.

Sowenig es uns möglich ist, von Deutschland aus über die Einzelheiten der Parteitaktik unserer russischen Genossen mit voller Sicherheit ein Urteil zu fällen, sosehr liegt es andererseits in unserem Interesse, die Bahnen, welche die nun erwachte revolutionäre Bewegung im Zarenreiche wandelt, aufmerksam zu beobachten und uns über ihre jeweiligen Aussichten klare Rechenschaft abzulegen. Seit in letzten Jahren aus dem politischen „Ewigschneefeld“ des Zarenreiches ein warmer Frühlingswind zu wehen begann, seit das scheinbar Undenkbare zur Wirklichkeit geworden und eine revolutionäre Massenerhebung des arbeitenden Volkes die jahrhundertalte schwere Eisdecke des Absolutismus von unten aus zu sprengen unternahm, belebten sich von neuem die Hoffnungen aller Freiheitsfreunde in Westeuropa, d. h., genauer gesprochen, aller sozialistischen Parteien. Man faßte wieder Mut und Glauben, daß die bis dahin unlösbare Aufgabe der Stürzung der russischen Despotie doch noch in absehbarer Zeit ihrer Lösung entgegengeführt werden könnte, und daraus erklärt sich die warme Teilnahme und das gespannte Interesse, mit denen man die ungewohnten Nachrichten von den Arbeiterdemonstrationen, von den Massenaufzügen in den großen Städten Rußlands aufnahm. Aus allen diesen Einzelnachrichten mußte man den Eindruck eines tiefernsten, achtunggebietenden Kampfes zwischen dem russischen Proletariat und dem Absolutismus gewinnen. Nun will es uns aber scheinen, daß die letzten Nachrichten, die in der deutschen Presse von der terroristischen Partei erscheinen, eher geeignet sind, diesen Eindruck zu erschüttern, als zu befestigen.

Die Frage des Terrorismus in Rußland als einer Waffe im Kampfe mit der zarischen Übermacht kann von verschiedenen Gesichtspunkten angefaßt werden. Handelt es sich um individuelle Akte der Verzweiflung und des Opfermutes einzelner Freiheitskämpfer, um elementare Ausbrüche des zum äußersten getriebenen Volkszornes, dann gehört nur das echte Scharfmachergemüt einer „Post“ oder eine echt deutsche freisinnige Seele à la Tante Voß dazu, um solche reinen Abwehrakte als „Propaganda der Tat“, als Fürstenmord etc. zu verdammen. Jeder rechtlich denkende, politisch anständige Mensch muß den Verzweiflungsakten der von russischen Satrapen mit unmenschlicher Grausamkeit und mit Raffinement niedergetretenen Pioniere der Volksbefreiung seine tiefste Teilnahme, Achtung und Bewunderung zollen. Und da das Gefühl der Rechtlichkeit und der politische Anstand im besseren Sinne heutzutage in Deutschland so ziemlich in der klassenbewußten Arbeiterschaft ihre einzige Vertretung finden, so zeigte sich auch aus Anlaß der Diskussion über das Attentat auf den Wilnaer Gouverneur, v. Wal, daß die gesamte sozialdemokratische Fresse mit der Leipziger Volkszeitung einig war, als uns die freisinnige Vossische Zeitung wegen der „Verherrlichung“ des Attentäters mit freisinnigem Mut vor Fürsten thronen zu denunzieren versuchte.

Solchen spontanen individuellen Akten des Terrorismus gegenüber, wie im Falle des Studenten Karpowitsch, der den Minister Bogolepow getötet hat, oder des Wilnaer Arbeiters Leckert, ist auch die Frage von der Zweckmäßigkeit unangebracht. Sie wird erst berechtigt und notwendig, wenn wir die andere Art des Terrorismus vor uns haben, wie sie von der Gruppe der Sozialisten-Revolutionäre vertreten wird, den systematischen Terrorismus, den Terrorismus als zielbewußte Taktik einer bestimmten sozialistischen Organisation, angewendet zur Erzielung eines politischen Effekts. Vor einigen Monaten hatten wir nur mit der ersten Art der terroristischen Anschläge in Rußland zu tun und konnten lediglich unsere tiefe Sympathie für die heldenmütige Selbstaufopferung der Märtyrer des barbarischen Regimes aussprechen. In den letzten Monaten bekommen wir jedoch immer häufiger Nachrichten von einem speziellen terroristischen Komitee der Sozialisten-Revolutionäre, und da müssen wir uns fragen, ob dies auch in der heutigen Situation eine richtige Taktik unserer russischen Genossen ist.

Wir stehen nicht an, offenheraus zu sagen, daß wir dies bezweifeln. Der Terrorismus als System wird das absolute Regime in Rußland von selbst nicht stürzen. Das hat bereits das große Experiment der „Narodnaja Wolja“ bewiesen. Jeder weggeräumte Zar findet einen Nachfolger und jeder getötete Gouverneur desgleichen. Um das Regime zu fällen, muß an seine Wurzel die Axt gelegt werden, die Wurzel des Absolutismus aber, das ist der politische Stumpfsinn der Volksmasse. Abgesehen etwa von einer Kalamität der auswärtigen Politik, wie z. B. einem unglücklichen Krieg, der übrigens an sich nur die Mauern des Absolutismus erschüttern, aber nichts Positives zu erschaffen vermag, kann das Zarentum nur durch eine regelrechte zielbewußte Volkserhebung gestürzt werden, die aber ihrerseits nur durch eine dauernde aufklärende und organisatorische Arbeit vorbereitet werden kann. Die russische Sozialdemokratie hat diese Arbeit seit einigen Jahren unternommen, und die letzten Massendemonstrationen beweisen, wie fruchtbar der Boden und wie richtig die Taktik ist.

Ein systematischer Terrorismus kann nun, wie uns scheint, auf dieses schwierige und langwierige Werk der Organisation der Arbeitermassen störend wirken. Nicht deshalb etwa, weil er einen erwünschten Anlaß zu Repressalien und zur Reaktion bietet. Die Reaktion in Rußland kann nicht füglich ärger werden, und sie bemüht sich auch nicht darum, nach Anlässen zu suchen, weil sie eine ständige Einrichtung, weil sie die Norm im Zarenteiche ist. Aber der Terrorismus kann unseres Erachtens leicht die Massen verwirren und von der Bahn des langsamen alltäglichen politischen Kamp-Fes auf die leichtere Bahn der raschen gewaltsamen Einzelkämpfe drängen. Während ferner der Terrorismus naturgemäß den unmittelbaren Kampf in die Hände einer kleinen geschlossenen Gesellschaft von „Auserwählten" zu spielen bestrebt ist, ist es jetzt gerade eine Lebensfrage für die russische Revolution, der breiten Volksmasse klarzumachen, daß nur sie selbst, daß sie einzig und allein den Absolutismus zu besiegen imstande ist. Schließlich arbeitet der systematische Terrorismus auch darin dem organisatorischen Werk unter der Arbeiterklasse entgegen, daß er auch den Absolutismus durch Furcht vor einem geheimnisvollen, unsichtbaren und doch allmächtigen „Komitee“ zu Zugeständnissen zu zwingen sucht, während es gilt, dem Absolutismus, der diese „Komitee“schrecken bereits vor zwei Jahrzehnten glücklich überwunden hat, endlich einmal vor der Volksmasse als einem zielbewußten politischen Feinde Furcht einzuflößen.

Wir möchten noch die Bemerkung hinzufügen, daß ein an steh nebensächlicher äußerer Umstand uns die oben dargelegte Auffassung zu bestätigen scheint. Es ist dies das Brimborium, womit das russische Terroristenkomitee seine Tätigkeit umgibt, der Tamtam, die bereits fertigen Todesurteile, die den lebendig gebliebenen Verurteilten eingehändigt werden, die Pistolen mit eingravierten schrecklichen Worten, der schleunige detaillierte Bericht der Partei über das Verhalten des so schwer zugänglichen Eingekerkerten, ein Bericht, der den Eindruck erweckt, als ob er einfach auf Grund im voraus mit dem Attentäter verabredeter Erklärungen und Gesten abgefaßt wäre etc. Wir wollen den persönlichen Mut, die Überzeugungstreue, die Opferfreudigkeit des betreffenden russischen Revolutionärs, der das Attentat auf den Fürsten Obolenski versucht hat, deshalb gar nicht geringer einschätzen. Aber dies Drum und Dran des Attentats, besonders die Kommuniques des Terroristenkomitees machen unwillkürlich ein wenig den Eindruck einer terroristischen Spielerei, und die Spielerei gleich im Anfang der terroristischen Praxis wäre ein feines, aber sicheres psychologisches Symptom der Verkehrtheit der Taktik selbst.

Noch ein wichtiger Nebenumstand macht uns die politische Reife der russischen Terroristengruppe etwas verdächtig. In demselben Dokument in Sachen des Attentats auf Obolenski, das wir in unserer Montagsnummer abgedruckt haben, teilt die genannte Organisation mit, der eingekerkerte Attentäter hätte in seiner schriftlichen Aussage (die offenbar mit dem Komitee verabredet war) erklärt, daß die revoltierenden Bauern von der Terroristenpartei zum Kampfe aufgefordert worden wären. Nun mag es sicher stimmen, daß u. a. auch Flugblätter revolutionären Inhalts unter den Bauern verbreitet waren. Soviel man aber von den jüngsten ländlichen Revolten gehört hat und soviel uns die Verhältnisse dort überhaupt bekannt sind, waren die russischen Bauernaufstände reine Elementarbewegungen, durch äußerste Not und Hunger hervorgerufen, ohne jeden bestimmten politischen Charakter und vollends ohne bestimmten politischen Zweck. Die Sozialisten-Revolutionäre dürften also hier die eigene Rolle etwas übertrieben haben. Sind sie aber tatsächlich für die letzten Bauernrevolten, wenn auch zum kleinen Teil, mitverantwortlich, dann stellen sie sich selbst ein sehr ungünstiges politisches Zeugnis aus. Denn der Zweck so chaotischer und unorganisierter Revolten in einem so wenig vorbereiteten und entsprechenden Moment ist als bewußte politische Taktik einfach unverständlich. Und dieser Umstand muß im Verein mit der Art und Weise, wie der Terrorismus von dieser Gruppe praktiziert wird, ihre ganze Taktik des Leichtsinns verdächtig machen.

Wir versprechen uns selbstverständlich nicht, durch vorstehende Bemerkungen die Taktik der russischen Sozialisten zu beeinflussen, glauben aber, daß es heilsam wäre, wenn die deutsche Parteipresse, der ja Nachrichten von den russischen Genossen mitgeteilt werden, diesen kritisch gegenüberstehen würde, um sich über die Schicksale der russischen revolutionären Sache, die auch unsere Sache ist, klarzuwerden.

Zum Schluß möchten wir noch bei dieser Gelegenheit eine interessante Tatsache hervorheben. Während man bei uns daheim bekanntlich den „orthodoxen“ Marxismus der blanquistischen Neigungen verdächtigt und bekanntlich bei Marx selbst den Bazillus des Blanquismus entdeckt hat, sind in dem einzigen Lande, wo die blanquistische Taktik praktische Anwendung finden kann, in Rußland, es nicht „orthodoxe Marxisten“, die ihr das Wort reden. Im Gegenteil, die russische Sozialdemokratie, die von Wera Sassulitsch und anderen vertreten wird, verwirft den systematischen Terrorismus für den gegenwärtigen Augenblick mit aller Entschiedenheit. Ausgeübt und verfochten wird diese jedenfalls stark mit dem Blanquismus verwandte Taktik von derjenigen Gruppe der russischen Sozialisten, die gleich unseren deutschen Revisionisten einen Befreiungskrieg gegen das „marxistische Dogma“ führt.

II

Inhaltsverzeichnis

Zur Frage des Terrorismus in Rußland haben wir in unserem Leitartikel vom 27. August einige Bemerkungen gemacht und die Parteipresse zur kritischen Beurteilung der betreffenden Nachrichten aus Rußland aufgefordert.

Der Vorwärts vom 30. August bringt nun zu derselben Frage die folgende Notiz:

„Über ein russisches Terroristenkomitee, auf dessen ‚Auftrag’ hin das Attentat auf den Gouverneur von Charkow unternommen worden sei, wurden in der Presse in den letzten Tagen eingehende Berichte verbreitet. Ein ‚Augenzeuge’ gab z. B. nicht nur eine ganz genaue Schilderung der Vorgänge des Attentates, sondern auch über das Verhör des Verhafteten, das doch sicher unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattgefunden hat, wurden bis ins kleinste detaillierte Angaben gemacht. Wir haben von diesen Berichten keine Notiz genommen, weil sie uns zu deutlich den Stempel der Unwahrscheinlichkeit zu tragen schienen. Wenn ein terroristisches Komitee existiert, in dessen Auftrag politische Attentate in Rußland vollführt werden, so wird dasselbe sorgfältig vermeiden, sich durch Verbreitung derartiger Sensationsberichte in ein äußerst zweifelhaftes Licht zu setzen.“

Wir fühlen uns verpflichtet, da wir zuerst Bedenken über die gegenwärtige terroristische Taktik der russischen Sozialisten-Revolutionäre geäußert haben, ausdrücklich zu bemerken, daß von der politischen Zweifelhaftigkeit des Terroristenkomitees in Rußland für diejenigen, die mit den Verhältnissen bekannt sind, gar nicht die Rede sein kann. Sowohl die Existenz der terroristischen Kampforganisation der Sozialisten-Revolutionäre wie die makellose politische Ehrenhaftigkeit ihrer Mitglieder wie endlich das tatsächlich in ihrem Auftrag ausgeübte Attentat in Charkow können nicht im geringsten in Zweifel gezogen werden.

Was einzig und allein zweifelhaft erscheint, ist der Wert, die Zweckmäßigkeit der terroristischen Taktik, und wenn wir auf die etwas kindische Art und Weise hingewiesen haben, wie die russischen Terroristen ihre Tätigkeit zur Schau tragen, so galten uns diese Äußerlichkeiten lediglich als ein Symptom der Verfehltheit der Taktik selbst. Daß diese Äußerlichkeiten tatsächlich kein Zufall, sondern in näherem Zusammenhang mit der Inopportunität des systematischen Terrorismus in der heutigen Lage Rußlands stehn, werden wir vielleicht ein andermal näher darlegen.

Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie

(1904)

Inhaltsverzeichnis

I

II

I

Inhaltsverzeichnis

Der russischen Sozialdemokratie ist eine eigenartige, in der Geschichte des Sozialismus beispiellose Aufgabe zuteil geworden: eine sozialdemokratische, auf proletarischen Klassenkampf zugeschnittene Taktik in einem absolutistischen Staate zu schaffen. Der übliche Vergleich der gegenwärtigen Verhältnisse in Rußland mit den deutschen zur Zeit des Sozialistengesetzes ist insofern hinfällig, als er die russischen Verhältnisse vom polizeilichen und nicht vom politischen Standpunkt ins Auge faßt. Die der Massenbewegung durch den Mangel an demokratischen Freiheiten in den Weg gelegten Hindernisse sind verhältnismäßig von untergeordneter Bedeutung: Die Massenbewegung hat es auch in Rußland verstanden, die Schranken der absolutistischen „Verfassung“ niederzurennen, und sich eine wenn auch verkrüppelte eigene „Verfassung“ der „Straßenunruhen“ geschaffen. Sie wird es auch fernerhin bis zu ihrem endgültigen Siege über den Absolutismus verstehen. Was die Hauptschwierigkeit des sozialdemokratischen Kampfes in Rußland bildet, ist die Verschleierung der bürgerlichen Klassenherrschaft durch die Gewaltherrschaft des Absolutismus, die der eigentlichen sozialistischen Klassenkampflehre notgedrungen einen abstrakten propagandistischen und der unmittelbaren politischen Agitation einen hauptsächlich revolutionär-demokratischen Charakter verleiht. Das Sozialistengesetz versuchte bloß, die Arbeiterklasse außerhalb der Verfassung zu stellen – mitten in einer hochentwickelten bürgerlichen Gesellschaft mit gänzlich bloßgelegten und im Parlamentarismus entfalteten Klassengegensätzen; darin bestand gerade der Wahnsinn, die Absurdität der Bismarckschen Unternehmung. In Rußland soll das umgekehrte Experiment vollzogen, eine Sozialdemokratie ohne die unmittelbare politische Herrschaft der Bourgeoisie geschaffen werden.

Dies hat nicht nur die Frage der Verpflanzung der sozialistischen Lehre auf den russischen Boden, nicht nur die Frage der Agitation, sondern auch die der Organisation ganz eigenartig gestaltet. In der sozialdemokratischen Bewegung ist auch die Organisation, im Unterschied von den früheren, utopistischen Versuchen des Sozialismus, nicht ein künstliches Produkt der Propaganda, sondern ein historisches Produkt des Klassenkampfes, in das die Sozialdemokratie nur das politische Bewußtsein hineinträgt. Unter normalen Bedingungen, das heißt dort, wo die entfaltete politische Klassenherrschaft der Bourgeoisie der sozialdemokratischen Bewegung vorausgeht, wird die erste politische Zusammenschweißung der Arbeiter in hohem Maße schon durch die Bourgeoisie besorgt. „Auf dieser Stufe“, sagt das Kommunistische Manifest, ist „massenhaftes Zusammenhalten der Arbeiter... noch nicht die Folge ihrer eigenen Vereinigung, sondern die Folge der Vereinigung der Bourgeoisie.“ In Rußland ist der Sozialdemokratie die Aufgabe zugefallen, einen Abschnitt des historischen Prozesses durch bewußtes Eingreifen zu ersetzen und das Proletariat direkt aus der politischen Atomisierung, die die Grundlage des absoluten Regimes bildet, zur höchsten Form der Organisation – als zielbewußt kämpfende Klasse zu führen. Die Organisationsfrage ist somit für die russische Sozialdemokratie besonders schwierig, nicht bloß, weil sie sie ohne alle formalen Handhaben der bürgerlichen Demokratie, sondern vor allem, weil sie sie gewissermaßen wie der liebe Herrgott „aus nichts“, in der leeren Luft, ohne das politische Rohmaterial, das sonst von der bürgerlichen Gesellschaft vorbereitet wird, erschaffen soll.

Das Problem, an dem die russische Sozialdemokratie seit einigen Jahren arbeitet, ist eben der Übergang vom Typus der zersplitterten, ganz „unabhängigen Zirkel- und Lokalorganisation, die der vorbereitenden, vorwiegend propagandistischen Phase der Bewegung entsprach, zur Organisation, wie sie für eine einheitliche politische Aktion der Masse im ganzen Staate erforderlich ist. Da aber der hervorstechendste Zug der unleidlich gewordenen und politisch überholten alten Organisationsformen die Zersplitterung und die völlige Autonomie, die Selbstherrlichkeit der Lokalorganisationen war, so wurde naturgemäß die Losung der neuen Phase, des vorbereiteten großen Organisationswerkes: Zentralismus. Die Betonung des zentralistischen Gedankens war das Leitmotiv der Iskra in ihrer dreijährigen glänzenden Kampagne zur Vorbereitung des letzten, tatsächlich konstituierenden Parteitags, derselbe Gedanke beherrschte die ganze junge Garde der Sozialdemokratie in Rußland. Bald sollte sich jedoch auf dem Parteitag und noch mehr nach dem Parteitag zeigen, daß der Zentralismus ein Schlagwort ist, das den historischen Inhalt, die Eigentümlichkeiten des sozialdemokratischen Organisationstypus nicht entfernt erschöpft, es hat sich wieder einmal herausgestellt, daß die marxistische Auffassung des Sozialismus sich auf keinem Gebiet, auch nicht auf dem der Organisationsfragen, in starren Formeln fixieren läßt.

Das uns vorliegende Buch des Genossen Lenin, eines der hervorragenden Leiter und Streiter der Iskra in ihrer vorbereitenden Kampagne vor dem russischen Parteitag, ist die systematische Darstellung der Ansichten der ultrazentralistischen Richtung der russischen Partei. Die Auffassung, die hier in eindringlicher und erschöpfender Weise ihren Ausdruck gefunden hat, ist die eines rücksichtslosen Zentralismus, dessen Lebensprinzip einerseits die scharfe Heraushebung und Absonderung der organisierten Trupps der ausgesprochenen und tätigen Revolutionäre von dem sie umgebenden, wenn auch unorganisierten, aber revolutionär-aktiven Milieu, andererseits die straffe Disziplin und die direkte, entscheidende und bestimmende Einmischung der Zentralbehörde in alle Lebensäußerungen der Lokalorganisationen der Partei. Es genügt, zu bemerken, daß zum Beispiel das Zentralkomitee nach dieser Auffassung die Befugnis hat, alle Teilkomitees der Partei zu organisieren, also auch die persönliche Zusammensetzung jeder einzelnen russischen Lokalorganisation von Genf und Lüttich bis Tomsk und Irkutsk zu bestimmen, ihr ein selbst- gefertigtes Lokalstatut zu geben, sie durch einen Machtspruch ganz aufzulösen und von neuem zu erschaffen und schließlich auf diese Weise indirekt auch die Zusammensetzung der höchsten Parteiinstanz, des Parteitags, zu beeinflussen. Danach erscheint das Zentralkomitee als der eigentliche aktive Kern der Partei, alle übrigen Organisationen lediglich als seine ausführenden Werkzeuge.

Lenin erblickt gerade in der Vereinigung eines so straffen Zentralismus in der Organisation mit der sozialdemokratischen Massenbewegung ein spezifisch revolutionär-marxistisches Prinzip und weiß eine Menge Tatsachen für seine Auffassung ins Feld zu führen. Doch untersuchen wir die Sache etwas näher.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Sozialdemokratie im allgemeinen ein starker zentralistischer Zug innewohnt. Erwachsen aus dem wirtschaftlichen Boden des seinen Tendenzen nach zentralistischen Kapitalismus und angewiesen in ihrem Kampfe auf den politischen Rahmen des zentralisierten bürgerlichen Großstaats, ist die Sozialdemokratie von Hause aus eine ausgesprochene Gegnerin jedes Partikularismus und nationalen Föderalismus. Berufen dazu, allen partiellen und Gruppeninteressen des Proletariats gegenüber im Rahmen eines gegebenen Staates die Gesamtinteressen des Proletariats als Klasse zu vertreten, hat sie überall die natürliche Bestrebung, alle nationalen, religiösen, beruflichen Gruppen der Arbeiterklasse zur einheitlichen Gesamtpartei zusammenzuschweißen, wovon sie nur in exklusiven, abnormen Verhältnissen, wie zum Beispiel in Österreich, notgedrungen eine Ausnahme zugunsten des föderalistischen Prinzips macht.

In dieser Beziehung war und ist es auch für die Sozialdemokratie Rußlands keine Frage, daß sie nicht ein föderatives Konglomerat einer Unzahl nationaler und provinzieller Sonderorganisationen, sondern eine einheitliche, kompakte Arbeiterpartei des russischen Reiches bilden müsse. Eine davon ganz verschiedene Frage ist jedoch die nach dem größeren oder geringeren Grade der Zentralisation und nach deren näherer Beschaffenheit innerhalb einer geeinigten und einheitlichen Sozialdemokratie Rußlands.

Vom Standpunkt der formalen Aufgaben der Sozialdemokratie als einer Kampfpartei erscheint der Zentralismus in ihrer Organisation von vornherein als eine Bedingung, von deren Erfüllung die Kampffähigkeit und die Tatkraft der Partei in direktem Verhältnis abhängen. Allein viel wichtiger als die Gesichtspunkte der formalen Erfordernisse jeder Kampforganisation sind hier die spezifischen historischen Bedingungen des proletarischen Kampfes.

Die sozialdemokratische Bewegung ist die erste in der Geschichte der Klassengesellschaften, die in allen ihren Momenten, im ganzen Verlauf auf die Organisation und die selbständige direkte Aktion der Masse berechnet ist.

In dieser Beziehung schafft die Sozialdemokratie einen ganz anderen Organisationstypus als die früheren sozialistischen Bewegungen, zum Beispiel die des jakobinisch-blanquistischen Typus.

Lenin scheint dies zu unterschätzen, wenn er in seinem Buche (S. 140) meint, der revolutionäre Sozialdemokrat sei doch nichts anderes als „der mit der Organisation des klassenbewußten Proletariats unzertrennlich verbundene Jakobiner“. In der Organisation und dem Klassenbewußtsein des Proletariats im Gegensatz zur Verschwörung einer kleinen Minderheit erblickt Lenin die erschöpfenden Unterschiedsmomente zwischen der Sozialdemokratie und dem Blanquismus. Er vergißt, daß damit auch eine völlige Umwertung der Organisationsbegriffe, ein ganz neuer Inhalt für den Begriff des Zentralismus, eine ganz neue Auffassung von dem wechselseitigen Verhältnis der Organisation und des Kampfes gegeben ist.

Der Blanquismus war weder auf die unmittelbare Klassenaktion der Arbeitermasse berechnet, noch brauchte er deshalb auch eine Massenorganisation. Im Gegenteil, da die breite Volksmasse erst im Moment der Revolution auf dem Kampfplatz erscheinen sollte, die vorläufige Aktion aber in der Vorbereitung eines revolutionären Handstreichs durch eine kleine Minderheit bestand, so war die scharfe Abgrenzung der mit dieser bestimmten Aktion betrauten Personen von der Volksmasse zum Gelingen ihrer Aufgabe direkt erforderlich. Sie war aber auch möglich und ausführbar, weil zwischen der konspiratorischen Tätigkeit einer blanquistischen Organisation und dem alltäglichen Leben der Volksmasse gar kein innerer Zusammenhang bestand.

Zugleich waren auch die Taktik und die näheren Aufgaben der Tätigkeit, da diese ohne Zusammenhang mit dem Boden des elementaren Klassenkampf es, aus freien Stücken, aus dem Handgelenk improvisiert wurde, im voraus bis ins Detail ausgearbeitet, als bestimmter Plan fixiert und vorgeschrieben. Deshalb verwandelten sich die tätigen Mitglieder der Organisation naturgemäß in reine Ausführungsorgane eines außerhalb ihres eigenen Tätigkeitsfeldes im voraus bestimmten Willens, in Werkzeuge eines Zentralkomitees. Damit war auch das zweite Moment des verschwörerischen Zentralismus gegeben: die absolute, blinde Unterordnung der Einzelorgane der Partei unter ihre Zentralbehörde und die Erweiterung der entscheidenden Machtbefugnisse dieser letzteren bis an die äußerste Peripherie der Parteiorganisation.

Grundverschieden sind die Bedingungen der sozialdemokratischen Aktion. Diese wächst historisch aus dem elementaren Klassenkampf heraus. Sie bewegt sich dabei in dem dialektischen Widerspruch, daß hier die proletarische Armee sich erst im Kampfe selbst rekrutiert und erst im Kampfe auch über die Aufgaben des Kampfes klar wird. Organisation, Aufklärung und Kampf sind hier nicht getrennte, mechanisch und auch zeitlich gesonderte Momente, wie bei einer blanquistischen Bewegung, sondern sie sind nur verschiedene Seiten desselben Prozesses. Einerseits gibt es – abgesehen von allgemeinen Grundsätzen des Kampfes – keine fertige, im voraus festgesetzte detaillierte Kampftaktik, in die die sozialdemokratische Mitgliedschaft von einem Zentralkomitee eingedrillt werden könnte. Andererseits bedingt der die Organisation schaffende Prozeß des Kampfes ein beständiges Fluktuieren der Einflußsphäre der Sozialdemokratie.

Daraus ergibt sich schon, daß die sozialdemokratische Zentralisation nicht auf blindem Gehorsam, nicht auf der mechanischen Unterordnung der Parteikämpfer unter ihre Zentralgewalt basieren kann und daß andererseits zwischen dem bereits in feste Parteikader organisierten Kern des klassenbewußten Proletariats und der vom Klassenkampf bereits ergriffenen, im Prozeß der Klassenaufklärung befindlichen umliegenden Schicht nie eine absolute Scheidewand aufgerichtet werden kann. Die Aufrichtung der Zentralisation in der Sozialdemokratie auf diesen zwei Grundsätzen

- auf der blinden Unterordnung aller Parteiorganisationen mit ihrer Tätigkeit bis ins kleinste Detail unter eine Zentralgewalt, die allein für alle denkt, schafft und entscheidet, sowie auf der schroffen Abgrenzung des organisierten Kernes der Partei von dem ihn umgebenden revolutionären Milieu, wie sie von Lenin verfochten wird – erscheint uns deshalb als eine mechanische Übertragung der Organisationsprinzipien der blanquistischen Bewegung von Verschwörerzirkeln auf die sozialdemokratische Bewegung der Arbeitermassen. Und Lenin hat seinen Standpunkt vielleicht scharfsinniger gekennzeichnet, als es irgendeiner seiner Opponenten tun könnte, indem er seinen „revolutionären Sozialdemokraten“ als den „mit der Organisation der klassenbewußten Arbeiter verbundenen Jakobiner“ definierte. Tatsächlich ist die Sozialdemokratie aber nicht mit der Organisation der Arbeiterklasse verbunden, sondern sie ist die eigene Bewegung der Arbeiterklasse. Der sozialdemokratische Zentralismus muß also von wesentlich anderer Beschaffenheit sein als der blanquistische. Er kann nichts anderes als die gebieterische Zusammenfassung des Willens der aufgeklärten und kämpfenden Vorhut der Arbeiterschaft ihren einzelnen Gruppen und Individuen gegenüber sein, es ist dies sozusagen ein „Selbstzentralismus“ der führenden Schicht des Proletariats, ihre Majoritätsherrschaft innerhalb ihrer eigenen Parteiorganisation.

Schon aus der Untersuchung dieses eigentlichen Inhalts des sozialdemokratischen Zentralismus wird klar, daß für einen solchen heutzutage in Rußland die erforderlichen Bedingungen noch nicht in vollem Maße gegeben sein können. Es sind dies nämlich: das Vorhandensein einer beträchtlichen Schicht im politischen Kampfe bereits geschulter Proletarier und die Möglichkeit, ihrer Dispositionsfähigkeit durch direkte Ausübung des Einflusses (auf öffentlichen Parteitagen, in der Parteipresse usw.) Ausdruck zu geben.

Letztere Bedingung kann offenbar er mit der politischen Freiheit in Rußland geschaffen werden, die erstere aber – die Heranbildung einer klassenbewußten, urteilsfähigen Vorhut des Proletariats – ist eben erst im Werden begriffen und muß als der leitende Zweck der nächsten agitatorischen wie auch organisatorischen Arbeit betrachtet werden.

Um so überraschender wirkt die umgekehrte Zuversicht Lenins, der zufolge alle Vorbedingungen zur Durchführung einer großen und äußerst zentralisierten Arbeiterpartei in Rußland bereits vorhanden sind. Und es verrät wiederum eine viel zu mechanische Auffassung von der sozialdemokratischen Organisation, wenn er optimistisch ausruft, daß jetzt schon „nicht dem Proletariat, sondern manchen Akademikern in der russischen Sozialdemokratie die Selbsterziehung im Sinne der Organisation und der Disziplin not tue“ (S. 145), wenn er die erzieherische Bedeutung der Fabrik für das Proletariat rühmt, die es von Hause aus für „Disziplin und Organisation“ reif mache (S. 147). Die „Disziplin“, die Lenin meint, wird dem Proletariat keineswegs bloß durch die Fabrik, sondern auch durch die Kaserne, auch durch den modernen Bürokratismus, kurz, durch den Gesamtmechanismus des zentralisierten bürgerlichen Staates eingeprägt. Doch ist es nichts als eine mißbräuchliche Anwendung des Schlagwortes, wenn man gleichmäßig als Disziplin“ zwei so entgegengesetzte Begriffe bezeichnet, wie die Willen- und Gedankenlosigkeit einer vielbeinigen und vielarmigen Fleischmasse, die nach dem Taktstock mechanische Bewegungen ausführt, und die freiwillige Koordinierung von bewußten politischen Handlungen einer gesellschaftlichen Schicht; wie den Kadavergehorsam einer beherrschten Klasse und die organisierte Rebellion einer um die Befreiung ringenden Klasse. Nicht durch die Anknüpfung an die ihm durch den kapitalistischen Staat eingeprägte Disziplin – mit der bloßen Übertragung des Taktstocks aus der Hand der Bourgeoisie in die eines sozialdemokratischen Zentralkomitees – sondern durch die Durchbrechung, Entwurzelung dieses sklavischen Disziplingeistes kann der Proletarier erst für die neue Disziplin – die freiwillige Selbstdisziplin der Sozialdemokratie – erzogen werden.

Es erhellt weiter aus derselben Reflexion, daß der Zentralismus im sozialdemokratischen Sinne überhaupt nicht ein absoluter Begriff ist, der sich auf jeder Stufenleiter der Arbeiterbewegung in gleichem Maße durchführen läßt, sondern daß er vielmehr als Tendenz aufgefaßt werden muß, deren Verwirklichung gleichmäßig mit der Aufklärung und der politischen Schulung der Arbeitermasse im Prozeß ihres Kampfes fortschreitet.

Freilich kann das ungenügende Vorhandensein der wichtigsten Voraussetzungen für die Verwirklichung in vollem Maße des Zentralismus in der russischen Bewegung heutzutage in höchstem Maße störend wirken. Doch ist es unseres Erachtens verkehrt, zu denken, daß sich die noch unausführbare Majoritätsherrschaft der aufgeklärten Arbeiterschaft innerhalb ihrer Parteiorganisation vorläufig“ durch eine übertragene“ Alleinherrschaft der Zentralgewalt der Partei ersetzen lasse und daß die fehlende öffentliche Kontrolle der Arbeitermassen über das Tun und Lassen der Parteiorgane ebensogut durch die umgekehrte Kontrolle der Tätigkeit der revolutionären Arbeiterschaft durch ein Zentralkomitee ersetzt wäre.

Die eigene Geschichte der russischen Bewegung gibt viele Belege für den problematischen Wert des Zentralismus in diesem letzteren Sinne. Die allmächtige Zentralgewalt mit ihren fast unbeschränkten Befugnissen der Einmischung und der Kontrolle nach Lenins Ideal wäre offenbar ein Unding, wenn sie ihre Macht lediglich auf die rein technische Sehe der sozialdemokratischen Tätigkeit, auf die Regelung der äußeren Mittel und Notbehelfe der Agitation – etwa die Zufuhr der Parteiliteratur und zweckmäßige Verteilung der agitatorischen und finanziellen Kräfte – beschränken sollte. Sie hätte nur dann einen begreiflichen politischen Zweck, wenn sie ihre Macht auf die Schaffung einer einheitlichen Kampftaktik, auf die Auslösung einer großen politischen Aktion in Rußland verwenden würde. Was sehen wir aber in den bisherigen Wandlungen der russischen Bewegung? Ihre wichtigsten und fruchtbarsten taktischen Wendungen des letzten Jahrzehntes sind nicht etwa von bestimmten Leitern der Bewegung, geschweige von leitenden Organisationen „erfunden“ worden, sondern sie waren jedesmal das spontane Produkt der entfesselten Bewegung selbst. So die erste Etappe der eigentlichen proletarischen Bewegung in Rußland, die mit dem elementaren Ausbruch des Petersburger Riesenstreiks im Jahre 1896 einsetzte und die zuerst die ökonomische Massenaktion des russischen Proletariats inauguriert hatte. Desgleichen war die zweite Phase – die der politischen Straßendemonstrationen – ganz spontan durch die Petersburger Studentenunruhen im März 1901 eröffnet. Der weitere bedeutende Wendepunkt der Taktik, der ihr neue Horizonte zeigte, war der „von selbst“ ausgebrochene Massenstreik in Rostow am Don mit seiner ad hoc improvisierten Straßenagitation, den Volksversammlungen unter freiem Himmel, den öffentlichen Ansprachen, woran der kühnste Stürmer unter den Sozialdemokraten noch wenige Jahre zuvor als an eine Phantasterei nicht zu denken gewagt hätte. In allen diesen Fällen war im Anfang “die Tat“. Die Initiative und die bewußte Leitung der sozialdemokratischen Organisationen spielten eine äußerst geringe Rolle. Es lag dies jedoch nicht sowohl an der mangelhaften Vorbereitung dieser speziellen Organisationen für ihre Rolle – wenn dieses Moment in beträchtlichem Maße auch mitgewirkt haben mag – und erst recht nicht am Fehlen dazumal in der russischen Sozialdemokratie einer allmächtigen Zentralgewalt nach dem bei Lenin entwickelten Plane. Umgekehrt, eine solche hätte höchstwahrscheinlich nur dahin gewirkt, die Unschlüssigkeit der Einzelkomitees der Partei noch größer zu machen und eine Entzweiung zwischen der stürmenden Masse und der zaudernden Sozialdemokratie hervorzubringen. Dieselbe Erscheinung: die geringe Rolle der bewußten Initiative der Parteileitungen bei der Gestaltung der Taktik, läßt sich vielmehr auch in Deutschland und überall beobachten. Die Kampftaktik der Sozialdemokratie wird in ihren Hauptzügen überhaupt nicht „erfunden“, sondern sie ist das Ergebnis einer fortlaufenden Reihe großer schöpferischer Akte des experimentierenden, oft elementaren Klassenkampfes. Auch hier geht das Unbewußte vor dem Bewußten, die Logik des objektiven historischen Prozesses vor der subjektiven Logik seiner Träger. Die Rolle der sozialdemokratischen Leitung ist dabei wesentlich konservativen Charakters, indem sie erfahrungsgemäß dazu führt, das jedesmalige neugewonnene Terrain des Kampfes bis in die äußersten Konsequenzen auszuarbeiten und es bald in ein Bollwerk gegen eine weitere Neuerung größeren Stiles umzukehren. Die gegenwärtige Taktik der deutschen Sozialdemokratie wird zum Beispiel allgemein wegen ihrer merkwürdigen Vielgestaltigkeit, Biegsamkeit und zugleich Sicherheit bewundert. Das bedeutet aber nur, daß unsere Partei sich in ihrem Tageskampf wunderbar an den gegenwärtigen parlamentarischen Boden bis ins kleinste Detail angepaßt hat, daß sie das gesamte vom Parlamentarismus gebotene Kampfesterrain auszubeuten und den Grundsätzen entsprechend zu beherrschen versteht. Zugleich aber verdeckt bereits diese spezifische Gestaltung der Taktik so sehr die weiteren Horizonte, daß in hohem Maße die Neigung zur Verewigung und zur Betrachtung der parlamentarischen Taktik als der Taktik des sozialdemokratischen Kampfes schlechthin hervortritt. Bezeichnend für diese Stimmung ist zum Beispiel die Vergeblichkeit, mit der Parvus sich seit Jahren Mühe gibt, die Debatte über eine eventuelle Neugestaltung der Taktik für den Fall der Abschaffung des allgemeinen Wahl- rechtes in der Parteipresse in Fluß zu bringen, trotzdem eine solche Eventualität von den Führern der Partei durchaus mit bitterem Ernste ins Auge gefaßt wird. Diese Trägheit findet aber zum großen Teile ihre Erklärung darin, daß sich auch schwer in der leeren Luft der abstrakten Spekulation die Konturen und greifbaren Formen einer noch nicht existierenden, also imaginären politischen Situation darstellen lassen. Wichtig ist auch für die Sozialdemokratie jedesmal nicht das Vorausahnen und Vorauskonstruieren eines fertigen Rezeptes für die künftige Taktik, sondern die lebendige Erhaltung in der Partei der richtigen historischen Wertschätzung für die jeweilig herrschenden Kampfformen, das lebendige Gefühl für die Relativität der gegebenen Phase des Kampfes und für die notwendige Steigerung der revolutionären Momente vom Standpunkt des Endziels des proletarischen Klassenkampfes.

Es hieße aber den aus ihrem Wesen notwendigerweise entspringenden Konservatismus jeder Parteileitung gerade künstlich in gefährlichstem Maße potenzieren, wenn man sie mit so absoluten Machtbefugnissen negativen Charakters ausstatten wollte, wie es Lenin tut. Wird die sozialdemokratische Taktik nicht von einem Zentralkomitee, sondern von der Gesamtpartei, noch richtiger, von der Gesamtbewegung geschaffen, so ist für einzelne Organisationen der Partei offenbar diejenige Ellenbogenfreiheit nötig, die allein die völlige Ausnutzung aller von der jeweiligen Situation gebotenen Mittel zur Potenzierung des Kampfes sowie die Entfaltung der revolutionären Initiative ermöglicht. Der von Lenin befürwortete Ultrazentralismus scheint uns aber in seinem ganzen Wesen nicht vom positiven schöpferischen, sondern vom sterilen Nachtwächtergeist getragen zu sein. Sein Gedankengang ist hauptsächlich auf die Kontrolle der Parteitätigkeit und nicht auf ihre Befruchtung, auf die Einengung und nicht auf die Entfaltung, auf die Schurigelung und nicht auf die Zusammenziehung der Bewegung zugeschnitten.

Doppelt gewagt scheint ein solches Experiment gerade im gegebenen Moment für die russische Sozialdemokratie zu sein. Sie steht am Vorabend großer revolutionärer Kämpfe um die Niederwerfung des Absolutismus, vor oder vielmehr in einer Periode intensivster, schöpferischer Aktivität auf dem Gebiet der Taktik und – was in revolutionären Epochen selbstverständlich ist – fieberhafter sprungweiser Erweiterungen und Verschiebungen ihrer Einflußsphäre. In solchen Zeiten gerade der Initiative des Parteigeistes Fußangeln anlegen und ihre ruckweise Expansionsfähigkeit mit Stacheldrahtzaun eindämmen zu wollen hieße die Sozialdemokratie von vornherein für die großen Aufgaben des Moments in hohem Maße ungeeignet machen.

Aus den angeführten allgemeinen Erwägungen über den eigentümlichen Inhalt des sozialdemokratischen Zentralismus läßt sich freilich noch nicht die konkrete Fassung der Paragraphen des Organisationsstatuts für die russische Partei ableiten. Diese Fassüng hängt naturgemäß in letzter Instanz von den konkreten Umständen ab, unter denen sich die Tätigkeit in der gegebenen Periode vollzieht, und kann – da es sich in Rußland doch um den ersten Versuch einer großen proletarischen Parteiorganisation handelt – kaum im voraus auf Unfehlbarkeit Anspruch erheben, muß vielmehr auf jeden Fall erst die Feuerprobe des praktischen Lebens bestehen. Was sich aber aus der allgemeinen Auffassung des sozialdemokratischen Organisationstypus ableiten läßt, das sind die großen Grundzüge, das ist der Geist der Organisation, und dieser bedingt, namentlich in den Anfängen der Massenbewegung, hauptsächlich den koordinierenden, zusammenfassenden und nicht den reglementierenden und exklusiven Charakter des sozialdemokratischen Zentralismus. Hat aber dieser Geist der politischen Bewegungsfreiheit, gepaart mit scharfem Blicke für die prinzipielle Festigkeit der Bewegung und für ihre Einheitlichkeit, in den Reihen der Partei Platz gegriffen, dann werden die Schroffheiten eines jeden, auch eines ungeschickt gefaßten Organisationsstatuts sehr bald durch die Praxis selbst eine wirksame Korrektur erfahren. Es ist nicht der Wortlaut des Statuts, sondern der von den tätigen Kämpfern in diesen Wortlaut hinein- gelegte Sinn und Geist, der über den Wert einer Organisationsform entscheidet.

II

Inhaltsverzeichnis

Wir haben bis jetzt die Frage des Zentralismus vom Standpunkt der allgemeinen Grundlagen der Sozialdemokratie sowie zum Teil der heutigen Verhältnisse in Rußland betrachtet. Aber der Nachtwächtergeist des von Lenin und seinen Freunden befürworteten Ultrazentralismus ist bei ihm nicht etwa ein zufälliges Produkt von Irrtümern, sondern er steht im Zusammenhang mit einer bis ins kleinste Detail der Organisationsfragen durchgeführten Gegnerschaft zum – Opportunismus.

„Es handelt sich darum“, meint Lenin (S. 52), „vermittels der Paragraphen des Organisationsstatuts eine mehr oder minder scharfe Waffe gegen den Opportunismus zu schmieden. Je tiefer die Quellen des Opportunismus liegen, um so schärfer muß diese Waffe sein.“

Lenin erblickt auch in der absoluten Gewalt des Zentralkomitees und in der strengen statutarischen Umzäunung der Partei eben den wirksamen Damm gegen die opportunistische Strömung, als deren spezifische Merkmale er die angeborene Vorliebe des Akademikers für Autonomismus, für Desorganisation und seinen Abscheu vor strenger Parteidisziplin, vor jedem „Bürokratismus“ im Parteileben bezeichnet. Nur der sozialistische „Literat“, kraft der ihm angeborenen Zerfahrenheit und des Individualismus, kann sich nach Lenins Meinung gegen so unbeschränkte Machtbefugnisse des Zentralkomitees sträuben, ein echter Proletarier dagegen müsse sogar infolge seines revolutionären Klasseninstinktes ein gewisses Wonnegefühl bei all der Straffheit, Strammheit und Schneidigkeit seiner obersten Parteibehörde empfinden, er unterziehe sich all den derben Operationen der „Parteidisziplin“ mit freudig geschlossenen Augen. „Der Bürokratismus entgegen dem Demokratismus“, sagt Lenin, das ist eben das Organisationsprinzip der revolutionären Sozialdemokratie entgegen dem Organisationsprinzip der Opportunisten.“ (S. 151) Er beruft sich mit Nachdruck darauf, daß derselbe Gegensatz der zentralistischen und autonomistischen Auffassung in der Sozialdemokratie aller Länder bemerkbar wird, wo sich die revolutionäre und reformistische oder revisionistische Richtung entgegenstehen. Speziell exemplifiziert er mit den jüngsten Vorgängen in der deutschen Partei und mit der Diskussion, die sich um die Frage der Autonomie des Wahlkreises entsponnen hatte. Schon aus diesem Grunde dürfte eine Nachprüfung der Leninschen Parallelen nicht ohne Interesse und ohne Nutzen sein.

Vor allem muß bemerkt werden, daß in der starken Herausstreichung der angeborenen Fähigkeiten der Proletarier zur sozialdemokratischen Organisation und in der Verdächtigung der „akademischen“ Elemente der sozialdemokratischen Bewegung an sich noch nichts „Marxistisch-Revolutionäres“ liegt, vielmehr darin ebensoleicht die Verwandtschaft mit opportunistischen Ansichten nachgewiesen werden kann. Der Antagonismus zwischen dem rein proletarischen Element und der nichtproletarischen sozialistischen Intelligenz – das ist ja der gemeinsame ideologische Schild, unter dem sich der französische halbanarchistische Nurgewerkschaftler mit seinem alten Rufe: Méfiez-vous de politiciens!, das Mißtrauen des englischen Trade-Unionismus gegen die sozialistischen „Phantasten“ und endlich – wenn wir richtig orientiert sind – auch der reine „Ökonomismus“ der ehemaligen Petersburger Rabotschaja Mysl (Arbeitergedanke) mit ihrer Übertragung der trade-unionistischen Borniertbeit nach dem absolutistischen Rußland die Hand reichen.

Allerdings läßt sich in der bisherigen Praxis der westeuropäischen Sozialdemokratie ein unleugbarer Zusammenhang zwischen Opportunismus und akademischem Element sowie andererseits zwischen Opportunismus und Dezentralisationstendenzen in den Organisationsfragen bemerken. Löst man aber diese Erscheinungen, die auf einem konkreten historischen Boden entstanden sind, von diesem Zusammenhang los, um sie zu abstrakten Schablonen von allgemeiner und absoluter Gültigkeit zu stempeln, so ist ein solches Verfahren die größte Sünde wider den „Heiligen Geist“ des Marxismus, nämlich gegen seine historisch-dialektische Denkmethode.

Abstrakt genommen, läßt sich nur soviel feststellen, daß der „Akademiker“, als ein seiner Herkunft nach dem Proletariat fremdes, von der Bourgeoisie abstammendes Element, nicht im Einklang mit dem eigenen Klassenempfinden, sondern nur durch dessen Überwindung, auf dem Wege der Ideologie zum Sozialismus gelangen kann und deshalb eher zu opportunistischen Seitensprüngen prädisponiert ist als der aufgeklärte Proletarier, dem – wofern er den lebendigen Zusammenhang mit seinem sozialen Mutterboden, mit der proletarischen Masse, nicht verloren hat – sein unmittelbarer Klasseninstinkt einen sicheren revolutionären Halt gibt. In welcher konkreten Form jedoch diese Veranlagung des Akademikers zum Opportunismus erscheint, welche handgreiflichste Gestalt namentlich von Organisationstendenzen sie annimmt, das hängt jedesmal von dem konkreten sozialen Milieu der Gesellschaft ab, um die es sich handelt.

Die Erscheinungen im Leben der deutschen wie der französischen und der italienischen Sozialdemokratie, auf die sich Lenin beruft, sind aus einer ganz bestimmten sozialen Basis emporgewachsen, nämlich aus der des bürgerlichen Parlamentarismus. Wie dieser überhaupt der spezifische Nährboden der gegenwärtigen opportunistischen Strömung in der sozialistischen Bewegung Westeuropas ist, so sind auch die besonderen Tendenzen des Opportunismus zur Desorganisation aus ihm entsprossen.

Der Parlamentarismus unterstützt nicht nur all die bekannten Illusionen des jetzigen Opportunismus, wie wir sie in Frankreich, Italien und Deutschland kennengelernt haben: die Überschätzung der Reformarbeit, des Zusammenwirkens der Klassen und Parteien, der friedlichen Entwicklung usw., er bildet zugleich den Boden, auf dem sich diese Illusionen praktisch betätigen können, indem er die Akademiker auch in der Sozialdemokratie als Parlamentarier von der proletarischen Masse absondert, gewissermaßen über sie emporhebt. Endlich gestaltet derselbe Parlamentarismus mit dem Wachstum der Arbeiterbewegung diese letztere zum Sprungbrett politischen Emporkommens, weshalb er sie leicht zum Unterschlupf für ehrgeizige und schiffbrüchige bürgerliche Existenzen macht.

Aus all diesen Momenten ergibt sich auch die bestimmte Neigung des opportunistischen Akademikers der westeuropäischen Sozialdemokratie zur Desorganisation und zur Disziplinlosigkeit. Die zweite bestimmte Voraussetzung der gegenwärtigen opportunistischen Strömung ist nämlich das Vorhandensein einer bereits hohen Entwicklungsstufe der sozialdemokratischen Bewegung, also auch einer einflußreichen sozialdemokratischen Parteiorganisation. Die letztere erscheint nun als derjenige Schutzwall der revolutionären Klassenbewegung gegen bürgerlich-parlamentarische Tendenzen, den es zu zerbröckeln, auseinanderzutragen gilt, um den kompakten aktiven Kern des Proletariats wieder in der amorphen Wählermasse aufzulösen. So entstehen die historisch wohlbegründeten und bestimmten politischen Zwecken vortrefflich angepaßten „autonomistischen“ und dezentralistischen Tendenzen des modernen Opportunismus, die somit nicht aus der angeborenen Liederlichkeit und Waschlappigkeit des „Intellektuellen“, wie Lenin annimmt, sondern aus den Bedürfnissen des bürgerlichen Parlamentariers, nicht aus der Psychologie des Akademikers, sondern aus der Politik des Opportunisten zu erklären sind.

All diese Verhältnisse sehen aber in dem absolutistischen Rußland bedeutend anders aus, wo der Opportunismus in der Arbeiterbewegung überhaupt nicht ein Produkt des starken Wachstums der Sozialdemokratie, der Zersetzung der bürgerlichen Gesellschaft, wie im Westen, sondern, umgekehrt, ihrer politischen Zurückgebliebenheit ist.

Die russische Intelligenz, aus der sich der sozialistische Akademiker rekrutiert, hat begreiflicherweise einen viel unbestimmteren Klassencharakter, ist viel mehr deklassiert im genauen Sinne des Wortes als die westeuropäische Intelligenz. Daraus ergibt sich zwar – im Verein mit der Jugendlichkeit der proletarischen Bewegung in Rußland – im allgemeinen ein viel weiterer Spielraum für theoretische Haltlosigkeit und opportunistisches Herumvagieren, das sich bald in einer gänzlichen Negierung der politischen Seite der Arbeiterbewegung, bald in dem entgegengesetzten Glauben an den alleinseligmachenden Terror verläuft, um schließlich auf den Morästen des Liberalismus politisch oder des kantischen Idealismus „philosophisch“ auszuruhen.

Allein für die spezifische aktive Tendenz zur Desorganisation fehlt dem russischen sozialdemokratischen Akademiker unseres Erachtens nicht nur der positive Anhaltspunkt im bürgerlichen Parlamentarismus, sondern auch das entsprechende sozialpsychische Milieu. Der moderne westeuropäische Literat, der sich dem Kultus seines angeblichen „Ich“ widmet und diese „Herrenmenschenmoral“ auch in die sozialistische Kampf- und Gedankenwelt verschleppt, ist der Typus nicht der bürgerlichen Intelligenz überhaupt, sondern einer bestimmten Phase ihrer Existenz, nämlich er ist das Produkt einer dekadenten, verfaulten, im schlimmen Zirkel ihrer Klassenherrschaft bereits festgerannten Bourgeoisie. Die utopischen und opportunistischen Schrullen des russischen sozialistischen Akademikers neigen hingegen in erklärlicher Weise eher dazu, die umgekehrte theoretische Gestalt der Selbstentäußerung, der Selbstgeißelung anzunehmen. War doch das einstige „Ins-Volk-Gehen“, das heißt der obligatorische Mummenschanz des Akademikers als Bauer, bei den alten „Volkstümlern“ gerade eine verzweifelte Erfindung desselben Akademikers, ebenso wie neuerdings der grobe Kultus der „schwieligen Faust“ bei den Anhängern des reinen „Ökonomismus“.

Sucht man die Frage der Organisationsformen nicht auf dem Wege der mechanischen Übertragung starrer Schablonen aus Westeuropa nach Rußland zu lösen, sondern durch die Untersuchung der gegebenen konkreten Verhältnisse in Rußland selbst, so gelangt man zu einem ganz anderen Resultat. Dem Opportunismus zuschreiben, wie Lenin dies tut, daß er überhaupt für irgendeine bestimmte Form der Organisation – sagen wir für Dezentralisation – schwärmt, heißt jedenfalls seine innere Natur verkennen. Opportunistisch wie er ist, hat der Opportunismus auch in Organisationsfragen zum einzigen Prinzip die Prinzipienlosigkeit. Seine Mittel wählt er immer nach den Umständen, insofern sie seinen Zwecken entsprechen. Formulieren wir aber den Opportunismus, wie Lenin, als die. Bestrebung, die selbständige revolutionäre Klassenbewegung des Proletariats lahmzulegen, um sie den Herrschaftsgelüsten der bürgerlichen Intelligenz dienstbar zu machen, so läßt sich in den Anfangsstadien der Arbeiterbewegung dieser Zweck am ehesten nicht durch Dezentralisation, sondern gerade durch strammen Zentralismus erreichen, der die noch unklare proletarische Bewegung einer Handvoll akademischer Leiter mit dem Kopfe ausliefert. Es ist charakteristisch, daß auch in Deutschland zu Beginn der Bewegung, wo ein starker Kern aufgeklärter Proletarier und eine erprobte sozialdemokratische Taktik noch fehlten, die beiden Tendenzen in der Organisation vertreten waren, nämlich der äußerste Zentralismus durch den Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, der „Autonomismus“ dagegen durch die Eisenacher. Und dabei hatte diese Taktik der Eisenacher, bei all ihrer zugestandenen prinzipiellen Unklarheit, eine bedeutend größere aktive Beteiligung des proletarischen Elementes an dem geistigen Leben der Partei, einen größeren Geist der Initiative in der Arbeiterschaft selbst großgezogen – als Beweis mag unter anderem die rasche Entwicklung einer beträchtlichen Provinzpresse dieser Fraktion dienen – überhaupt einen viel stärkeren gesunden Zug in die Breite als die mit ihren Diktatoren“ naturgemäß immer traurigere Erfahrungen machenden Lassalleaner.

Im allgemeinen kann unter Verhältnissen, wo die Arbeitermasse in ihrem revolutionären Teile noch locker, die Bewegung selbst schwankend, kurz, wo die Verhältnisse ähnlich den gegenwärtigen in Rußland sind, als die adäquate organisatorische Tendenz des opportunistischen Akademikers gerade der straffe, despotische Zentralismus leicht nachgewiesen werden. Genauso wie in einem späteren Stadium – im parlamentarischen Milieu und gegenüber einer starken, festgefügten Arbeiterpartei – im Gegenteil die Dezentralisation zur entsprechenden Tendenz des opportunistischen Akademikers wird.

Eben vom Standpunkt der Befürchtungen Lenins vor den gefährlichen Einflüssen der Inteliigenz auf die proletarische Bewegung bildet seine eigene Organisationsauffassung die größte Gefahr für die russische Sozialdemokratie.

Tatsächlich liefen nichts eine noch junge Arbeiterbewegung den Herrschaftsgelüsten der Akademiker so leicht und so sicher aus wie die Einzwängung der Bewegung in den Panzer eines bürokratischen Zentralismus, der die kämpfende Arbeiterschaft zum gefügigen Werkzeug eines „Komitees“ herabwürdigt. Und nichts bewahrt umgekehrt die Arbeiterbewegung so sicher vor allen opportunistischen Mißbräuchen seitens einer ehrgeizigen Intelligenz wie die revolutionäre Selbstbetätigung der Arbeiterschaft, wie die Potenzierung ihres politischen Verantwortlichkeitsgefühle.

Und zwar kann das, was Lenin heute als Gespenst sieht, sehr leicht morgen zur greifbaren Wirklichkeit werden.

Vergessen wir nicht, daß die Revolution, an deren Vorabend wir in Rußland stehen, nicht eine proletarische, sondern eine bürgerliche Revolution ist, die die ganze Szenerie des sozialdemokratischen Kampfes stark verändern wird. Alsdann wird sich auch die russische Intelligenz recht bald mit stark ausgeprägtem bürgerlichem Klasseninhalt füllen. Ist heute die Sozialdemokratie die einzige Führerin der russischen Arbeitermasse, so wird am Morgen nach der Revolution das Bürgertum und in erster Reihe seine Intelligenz naturgemäß die Masse zum Piedestal seiner parlamentarischen Herrschaft formen wollen. Je weniger nun in der gegenwärtigen Kampfperiode die Selbstbetätigung, die freie Initiative, der politische Sinn der auf gewecktesten Schicht der Arbeiterschaft entfesselt, je mehr sie durch ein sozialdemokratisches Zentralkomitee politisch geleithammelt und gedrillt wird, um so leichter wird das Spiel der bürgerlichen Demagogen in dem renovierten Rußland sein, um so mehr wird die Ernte der heutigen Mühen der Sozialdemokratie morgen in die Scheunen der Bourgeoisie wandern.

Vor allem aber ist der ganze Grundgedanke der ultrazentralistischen Auffassung, der darin gipfelt, den Opportunismus durch ein Organisationsstatut von der Arbeiterbewegung fernzuhalten, ein verfehlter. Unter dem unmittelbaren Eindruck der neuesten Vorgänge in der französischen, italienischen und deutschen Sozialdemokratie hat sich offenbar auch bei den russischen Sozialdemokraten die Neigung herausgebildet, den Opportunismus überhaupt als eine nur mit den Elementen der bürgerlichen Demokratie in die Arbeiterbewegung von außen hineingetragene, der proletarischen Bewegung selbst aber fremde Beimischung zu betrachten. Wäre dieses auch richtig, so würden sich die statutarischen Organisationsschranken an sich gegen den Andrang des opportunistischen Elementes ganz ohnmächtig erweisen. Wenn sich einmal der massenhafte Zufluß nichtproletarischer Elemente zu der Sozialdemokratie aus so tiefgewurzelten sozialen Ursachen ergibt wie dem rapiden wirtschaftlichen Zusammenbruch des Kleinbürgertums und dem noch rapideren politischen Zusammenbruch des bürgerlichen Liberalismus, dem Aussterben der bürgerlichen Demokratie, dann ist es eine naive Illusion, sich einzubilden, daß man durch diese oder andere Fassung der Paragraphen des Parteistatuts diese anstürmende Welle zurückdämmen könnte. Paragraphen regieren nur die Existenz von Meinen Sekten oder Privatgesellschaften, geschichtliche Strömungen haben sich noch immer über die spitzfindigsten Paragraphen hinwegzusetzen gewußt. Es ist ferner ganz verfehlt, zu denken, daß es auch nur im Interesse der Arbeiterbewegung liegt, den massenhaften Zufluß der Elemente abzuwehren, die von der fortschreitenden Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft freigesetzt werden. Der Satz, daß die Sozialdemokratie, eine Klassenvertreterin des Proletariats, doch gleichzeitig die Vertreterin der gesamten Fortschrittsinteressen der Gesellschaft und aller unterdrückten Opfer der bürgerlichen Gesellschaftsordnung ist, ist nicht bloß in dem Sinne zu deuten, daß in dem Programm der Sozialdemokratie ideell alle diese Interessen zusammengefaßt sind. Dieser Satz wird zur Wahrheit in Gestalt des geschichtlichen Entwicklungsprozesses, kraft dessen die Sozialdemokratie auch als politische Partei nach und nach zur Zufluchtsstätte der verschiedensten unzufriedenen Elemente, daß sie wirklich zur Partei des Volkes gegen eine winzige Minderheit der herrschenden Bourgeoisie wird. Es kommt nur darauf an, daß sie die Gegenwartsschmerzen dieser bunten Schar von Mitläufern nachhaltig den Endzielen der Arbeiterklasse zu unterordnen, den nichtproletarischen Oppositionsgeist der revolutionären proletarischen Aktion einzugliedern, mit einem Worte, die ihr zufließenden Elemente sich zu assimilieren, sie zu verdauen versteht. Letzteres ist aber nur möglich, wo, wie bis jetzt in Deutschland, bereits kräftige, geschulte proletarische Kerntruppen in der Sozialdemokratie den Ton angeben und klar genug sind, die deklassierten und kleinbürgerlichen Mitläufer ins revolutionäre Schlepptau zu nehmen. In diesem Falle ist auch eine strengere Durchführung des zentralistischen Gedankens im .Organisationsstatut und die straffere Paragraphierung der Parteidisziplin als ein Damm gegen die opportunistische Strömung sehr zweckmäßig. Das Organisationsstatut kann unter diesen Umständen zweifellos als eine Handhabe im Kampfe mit dem Opportunismus dienen, wie es der französischen revolutionären Sozialdemokratie tatsächlich gegen den Ansturm des jaurèsistischen Mischmasches gedient hat und wie auch eine Revision des deutschen Parteistatuts in diesem Sinne jetzt eine Notwendigkeit geworden ist. Aber auch in diesem Falle soll das Parteistatut nicht etwa an sich eine Waffe zur Abwehr des Opportunismus sein, sondern bloß ein äußeres Machtmittel zur Ausübung des maßgebenden Einflusses der tatsächlich vorhandenen revolutionären proletarischen Majorität der Partei. Wo eine solche noch fehlt, kann sie durch die rigorosesten Paragraphen auf dem Papier nicht ersetzt werden.

Doch ist der Zufluß bürgerlicher Elemente, wie gesagt, durchaus nicht die einzige Quelle der opportunistischen Strömung in der Sozialdemokratie. Die andere Quelle liegt vielmehr im Wesen des sozialdemokratischen Kampfes selbst, in seinen inneren Widersprüchen. Der weltgeschichtliche Vormarsch des Proletariats bis zu seinem Siege ist ein Prozeß, dessen Besonderheit darin liegt, daß hier zum erstenmal in der Geschichte die Volksmassen selbst und gegen alle herrschenden Klassen ihren Willen durchsetzen, ihn aber ins Jenseits der heutigen Gesellschaft, über sie hinaus setzen müssen. Diesen Willen können sich die Massen aber andererseits nur im alltäglichen Kampfe mit der bestehenden Ordnung, also nur in ihrem Rahmen ausbilden. Die Vereinigung der großen Volksmasse mit einem über die ganze bestehende Ordnung hinausgehenden Ziele, des alltäglichen Kampfes mit der revolutionären Umwälzung, das ist der dialektische Widerspruch der sozialdemokratischen Bewegung, die sich auch folgerichtig auf dem ganzen Entwicklungsgang zwischen den beiden Klippen: zwischen dem Preisgeben des Massencharakters und dem Aufgeben des Endziels, zwischen dem Rückfall in die Sekte und dem Umfall in die bürgerliche Reformbewegung, vorwärtsarbeiten muß.

Es ist deshalb eine ganz unhistorische Illusion, zu denken, die sozialdemokratische Taktik im revolutionären Sinne könne im voraus ein für allemal sichergestellt, die Arbeiterbewegung könne vor opportunistischen Seitensprüngen ein für allemal bewahrt werden. Zwar liefert die Marxsche Lehre vernichtende Waffen gegen alle Grundtypen des opportunistischen Gedankens. Da aber die sozialdemokratische Bewegung eben eine Massenbewegung und die ihr drohenden Klippen nicht aus den menschlichen Köpfen, sondern aus den gesellschaftlichen Bedingungen entspringen, so können die opportunistischen Verirrungen nicht von vornherein verhütet werden, sie müssen erst, nachdem sie in der Praxis greifbare Gestalt angenommen haben, durch die Bewegung selbst – allerdings mit Hilfe der vom Marxismus gelieferten Waffen – überwunden werden. Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, erscheint der Opportunismus auch als ein Produkt der Arbeiterbewegung selbst, als ein unvermeidliches Moment ihrer geschichtlichen Entwicklung. Gerade in Rußland, wo die Sozialdemokratie noch jung und die politischen Bedingungen der Arbeiterbewegung so abnorm sind, dürfte der Opportunismus sich einstweilen in hohem Maße aus dieser Quelle, aus dem unvermeidlichen Tasten und Experimentieren der Taktik, ergeben, aus der Notwendigkeit, den Gegenwartskampf in ganz eigenartigen, beispiellosen Verhältnissen mit den sozialistischen Grundsätzen in Einklang zu bringen.

Ist dem aber so, dann erscheint um so wunderlicher die Idee, gleich in den Anfängen einer Arbeiterbewegung das Aufkommen der opportunistischen Strömungen durch 4iese oder andere Fassung des Organisationsstatuts verbieten zu können. Der Versuch, den Opportunismus durch solche papierne Mittel abzuwehren, kann tatsächlich nicht diesem, sondern nur der Sozialdemokratie selbst ins Fleisch schneiden, und indem er in ihr das Pulsieren eines gesunden Lebens unterbindet, schwächt er ihre Widerstandsfähigkeit im Kampfe nicht nur gegen opportunistische Strömungen, sondern auch – was doch gleichfalls von einiger Bedeutung sein dürfte – gegen die bestehende Gesellschaftsordnung. Das Mittel wendet sich gegen den Zweck.

In diesem ängstlichen Bestreben eines Teiles der russischen Sozialdemokraten, die so hoffnungsvoll und lebensfreudig aufstrebende russische Arbeiterbewegung durch die Vormundschaft eines allwissenden und allgegenwärtigen Zentralkomitees vor Fehltritten zu bewahren, scheint uns übrigens derselbe Subjektivismus mitzureden, der schon öfters dem sozialistischen Gedanken in Rußland einen Possen gespielt hat. Drollig sind fürwahr die Kapriolen, die das verehrte menschliche Subjekt der Geschichte in dem eigenen geschichtlichen Prozeß mitunter auszuführen beliebt. Das von dem russischen Absolutismus ekrasierte, zermalmte Ich nimmt dadurch Revanche, daß, es sich selbst in seiner revolutionären Gedankenwelt auf den Thron setzt und sich für allmächtig erklärt – als ein Verschwörerkomitee im Namen eines nichtexistierenden „Volkswillens“. Das „Objekt“ zeigt sich aber stärker, die Knute triumphiert bald, indem sie sich als der legitime „ Ausdruck des gegebenen Stadium. des geschichtlichen Prozesses erweist. Endlich erscheint auf der Bildfläche als ein noch legitimeres Kind des Geschichtsprozesses – die russische Arbeiterbewegung, die den schönsten Anlauf nimmt, zum erstenmal in der russischen Geschichte nun wirklich einmal einen Volkswillen zu schaffen. Jetzt aber stellt sich das „Ich“ des russischen Revolutionärs schleunigst auf den Kopf und erklärt sich wieder einmal für einen allmächtigen Lenker der Geschichte – diesmal in der höchsteigenen Majestät eines Zentralkomitees der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Der kühne Akrobat übersieht dabei, daß das einzige Subjekt, dem jetzt diese Rolle des Lenken zugefallen, das Massen-Ich der Arbeiterklasse ist, das sich partout darauf versteift, eigene Fehler machen und selbst historische Dialektik lernen zu dürfen. Und schließlich sagen wir doch unter uns offen heraus: Fehltritte, die eine wirklich revolutionäre Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich unermeßlich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehlbarkeit des allerbesten Zentralkomitees“.

Terror

(1905)

Inhaltsverzeichnis

Seit dem erfolgreichen Attentat auf den Zaren Alexander II. hat es in Rußland keinen terroristischen Akt von solcher politischen Resonanz gegeben wie die Tötung des Moskauer Bluthundes, des Sergius Romanow. Und vom Standpunkte der moralischen Befriedigung, die jeder anständige und rechtlich denkende Mensch bei der befreienden Tat empfinden muß, steht das Attentat auf den Großfürsten Sergius auf derselben Stufe wie im vergangenen Jahre das Attentat auf Plehwe. Es atmet sich förmlich leichter, die Luft scheint reiner, nachdem eine der abstoßendsten und beleidigendsten Bestien des absolutistischen Regimes ein so schnödes Ende gefunden hat und wie ein toller Hund auf dem Straßenpflaster verendet ist.

Diese Empfindungen sind so natürlich bei allen Kulturmenschen, daß die Tat in Moskau in unserer Presse allgemein und wie aus einem Munde als sittlicher Racheakt, als Vergeltungsakt aufgefaßt wurde. Aber mit der ganz selbstverständlichen Empfindung der moralischen Befriedigung ist die Bedeutung dieser wichtigen Erscheinung des revolutionären Kampfes in Rußland nicht erschöpft. Vielmehr muß die politische Beurteilung der neuesten terroristischen Tat von den unmittelbaren Eindrücken und Gefühlen ganz unabhängig bleiben.

Politisch betrachtet, muß vor allem der Terror in der gegenwärtigen Situation bedeutend anders ins Auge gefaßt werden als früher. Die eigentliche terroristische Bewegung, die den Terror als systematisches Mittel des politischen Kampfes predigte und betätigte, war geschichtlich aus dem Pessimismus, aus dem Unglauben an die Möglichkeit einer politischen Massenbewegung und einer wirklichen Volksrevolution in Rußland geboren. Der Terror als System, als eine naturgemäß nur von einzelnen Individuen aus der Mitte der Revolutionäre und gegen einzelne Individuen unter den Trägern des absolutistischen Regimes betätigte Kampfmethode, war in seinem Wesen als Gegensatz zum Massenkampf der Arbeiterklasse gedacht, ob sich die terroristischen Kämpfer dessen bewußt waren oder nicht, ob sie es zugeben oder sich darüber selbst hinwegtäuschen wollten.

Von diesem Standpunkte und aus diesem Grunde wurde auch die terroristische Taktik von der Sozialdemokratie seit jeher und namentlich in den letzten Jahren bekämpft, weil sie, so starke sittliche Befriedigung sie in jedem einzelnen Falle hervorrief, eher erschlaffend und paralysierend als aufrüttelnd auf die Arbeiterbewegung wirken mußte. Indem die wirksame Vergeltungsmethode der Terroristen unvermeidlich – besonders bei unklaren und schwankenden Elementen der revolutionären Bewegung – vage Hoffnungen und Erwartungen auf den wundertätigen unsichtbaren Arm des terroristischen „Rächers“ wachrief, schwächte sie die erforderliche Einsicht in die absolute Notwendigkeit und einzig entscheidende Bedeutung der Volksbewegung, der proletarischen Massenrevolution.

Die Ereignisse des 22. Januars und der folgenden Wochen haben die Situation gründlich verändert. Das Proletariat ist bereits auf dem Kampfplatz erschienen, die Riesenmacht der Volksrevolution hat sich bereits vor der ganzen Welt offenbart, und ihre Bedeutung kann kein terroristischer, Erfolg mehr erschüttern. Freilich werden sich vielleicht auch diesmal politische Wetterfahnen finden, die wieder ihre ganze Begeisterung und ihre Hoffnungen der lauten, vernehmlichen und knappen Sprache der Bomben zuwenden und sich vielleicht einbilden werden, daß die Massenaktion im Zarenreich bereits ihre Rolle genügend gespielt habe, die Realisierung und Liquidation der revolutionären Periode aber dem terroristischen Zweikampf mit den Überresten des zerrütteten absolutistischen Regimes zukomme. Im großen und ganzen darf jedoch gehofft werden, daß so verkehrte Ansichten nur vereinzelt bleiben und die Sozialdemokratie sowohl in Rußland wie im Auslande von den Lehren der letzten Januarwoche nicht bloß vorübergehend, sondern dauernd zu profitieren verstehen wird.

Und diese Lehren gehen vor allem dahin, daß in Rußland nur die Volksrevolution und sie allein berufen ist, den Sturz des Zarismus zu vollziehen und die bürgerliche Freiheit zu realisieren. Daran können heute noch so erfolgreiche Attentate weniger als je etwas ändern. Damit ist freilich nicht gesagt, daß einzelne terroristische Akte nunmehr bedeutungslos oder nutzlos wären. Nicht darauf kommt es an, den Terror in den Himmel zu heben oder ihn zu verdammen, sondern seine richtige Rolle und ganz bestimmte Funktion in der gegenwärtigen Situation zu begreifen. Der Terror ist und kann heute, nach der bereits begonnenen Volksrevolution, nichts anderes als eine untergeordnete Episode des Kampfes sein. Und zwar dies in doppelter Hinsicht: sowohl räumlich als ein einzelner, wenn auch glänzend aufblitzender Schwertstreich auf dem großen Schlachtfelde des proletarischen Massenkampfes wie auch zeitlich als eine Erscheinung, die naturgemäß nur an eine bestimmte Phase der Revolution gebunden ist. Die terroristischen Akte haben nur so lange politischen Sinn und werden nur so lange sympathisches Echo in breiten Gesellschaftskreisen finden, bis der Absolutismus entschieden auf den Weg der Konzessionen getreten ist. Als Antwort auf brutale Versuche, mit Blut und Eisen die Revolution zu ersticken, wirken die terroristischen Anschläge auf die Gemüter befreiend. In dem Maße jedoch, wie der Absolutismus die Ohnmacht der Knute einsehen und in die Bahn, sei es auch schwächlicher und schwankender konstitutioneller Konzessionen einlenken wird, wird der Terror von selbst unvermeidlich an Boden und günstiger Atmosphäre verlieren. Seine Rolle wird bei Beginn dieser über kurz oder lang eintretenden zweiten Phase der Revolution ausgespielt sein. Die Revolution aber als Massenbewegung, als proletarische Erhebung wird damit durchaus noch nicht zu Ende sein. Im Gegenteil, erst dann beginnt der immer ausschließlicher proletarische Kampf, um die Liquidation des Absolutismus immer weiterzutreiben, um den Anteil der Arbeiterklasse an den politischen Freiheiten möglichst zu erweitern, um gegen den unvermeidlichen reaktionären Umschlag und Rückschlag der bürgerlich-demokratischen und liberalen Elemente nach dem ersten Sieg der freiheitlichen Bewegung zu reagieren. Kurz, die proletarische Revolution in Rußland hat vor sich noch alle Kämpfe und alle Phasen einer Klassenerhebung, bis sie den geschichtlichen Moment zu dem äußersten Punkt in der Richtung der eigenen Klasseninteressen vorwärts geschoben hat. Auf dem Fond und im Rahmen dieser großen Volksrevolution sind einzelne Akte des Terrors das, was einzelne aufzischende Feuergarben im gewaltigen Flammenmeer eines Waldbrandes sind. Die rächende Hand des Terroristen kann die Desorganisation und Demoralisation des

Absolutismus hie und da beschleunigen. Den Absolutismus stürzen und die Freiheit verwirklichen kann – mit dem Terror oder ohne den Terror – nur der Massenarm der revolutionären Arbeiterklasse im Zarenreich.

Die Lösung der Frage

(1905)

Inhaltsverzeichnis

Die Sache der Revolution marschiert im Zarenreich mit eherner Logik vorwärts. In diesem Moment beginnt die Phase der Bauernunruhen, die Revolution pflanzt also ihr Panier auf dem platten Lande auf. Bis jetzt, seit Beginn der revolutionären Periode, schwiegen die russischen Bauern. Das industrielle, von der Sozialdemokratie seit anderthalb Jahrzehnten in unermüdlicher Aufklärungsarbeit beeinflußte städtische Proletariat war zuerst auf dem Platze erschienen, es blieb bis jetzt der alleinige Träger der gewaltigen Revolution, und es ist dazu berufen, dank seiner Klassenlage, der klarste, entschiedenste, am weitesten gehende und deshalb der führende Teil des immer mehr wachsenden revolutionären Heeres in Rußland zu bleiben. Zur Sache des städtischen Proletariats hat sich bereits, und zwar noch vor der Bauernmasse, das Militär zu Lande und zu Wasser geschlagen. Die denkwürdige Rebellion des Potjomkin im Schwarzen Meere, dann die Erhebung der Matrosen in Kronstadt, an der Pforte selbst der zarischen Residenz, gleich darauf der Aufstand der Mannschaften im fernen Wladiwostok, in Charbin, das ist eine Reihe von Explosionen, welche die ganze russische Marine – im Süden, im Norden wie im Osten – in heftiger Gärung zeigen. Und überall ist es nicht etwa ein tobender Ausbruch wilder unklarer Leidenschaften eines betrunkenen „Mobs“, wie die offiziösen russischen Telegraphenagenturen vorzulügen pflegen, um natürlich bei unserer bürgerlichen Presse, allen voran bei den „liberalen“ Blättern, frommen und willigen Glauben zu finden. Nein, es ist der Geist der politischen Aufklärung, des proletarischen Bewußtseins, das Werk der sozialdemokratischen Erziehung, was in allen bisherigen sogenannten „Meutereien“ der russischen Marine zum Ausdruck kam. Auf dem Potjomkin wie in Kronstadt waren es organisierte Sozialdemokraten, die der Bewegung voranmarschierten; die klar und deutlich formulierten Forderungen von ausgesproden politischem und zugleich proletarischem Charakter gaben der Rebellion in allen Fällen das Gepräge einer durch und durch klassenbewußten, revolutionären Aktion. Und wenn Brandstiftung, Mord, Suff und Plünderung alle diese Erhebungen wie dunkle Schatten begleiteten, so ist es bereits vor aller Welt offen erwiesen, daß es die Schurkenbande des Zarismus war, die durch die systematische Aufstachelung des Lumpenproletariats unter Anführung der Pfaffen und der Polizei die revolutionäre Erhebung der Marinemannschaften, wie auch der Industriearbeiter in den Städten, in einer Schmutzwelle des Verbrechens zu ersticken suchte. Mord, Brandstiftung und Plünderung waren nicht von den „meuternden“ Matrosen, sondern von den gedungenen „Ordnungsstützen“ des Absolutismus als Kampfmittel gegen die Matrosen ins Werk gesetzt.

Aber nicht nur in der Marine, auch unter den Landtruppen des letzten Nikolaus reift der Same der Revolution mit jeder Stunde. Bereits bei den Versuchen des Absolutismus, die Matrosenrebellion mit blanker Waffe niederzumachen, versagte das Militär mehrmals. Zweimal ergaben sich in Kronstadt die zur Abschlachtung der Marinemannschaften abgesandten Regimenter. Mehrmals verweigerten die Soldaten in den Städten bei Rencontres mit demonstrierenden Proletariern den Gehorsam. In Moskau, bei dem denkwürdigen grandiosen Begräbnis des von den Zarenschurken ermordeten Sozialdemokraten Baumann, waren unter den etwa 200.000 Menschen, die den Demonstrationszug bildeten, massenhaft Militärs vertreten; um das an der Spitze des Zuges getragene riesige Banner der Sozialdemokratie bildete eine Gruppe höherer Offiziere mit blankgezogenem Säbel die Ehrenwache; in der lebendigen Kette, die den ganzen Riesenzug entlang von beiden Seiten Spalier bildete, reichten sich in bunter Abwechslung Arbeiter, Studenten, Frauen, Soldaten und Offiziere die Hand. Nicht bloß in den Reihen der „Gemeinen“, auch in Offizierskreisen erhebt der fortschrittliche revolutionäre Teil immer kühner die Stimme gegen die willigen Mordbuben des Zarismus. Das Militär im ganzen, von einer fieberhaften Agitation der Sozialdemokratie in Atem gehalten, wird mit jedem Tage unzuverlässiger, untauglicher als Stütze der zusammenbrechenden Alleinherrschaft.

Damit findet aber eine der wichtigsten taktischen Fragen ihre Lösung, die auch bei uns in Deutschland, wie überall, den opportunistischen Kalkulatoren des Klassenkampfes arges Kopfzerbrechen bereitet. Wie kann irgendeine Massenaktion der modernen Arbeiterklasse, sei es auch nur eine Reihe größerer Straßendemonstrationen, ein Massenstreik auf Erfolg rechnen, da wir doch auf die starre Wand des Militarismus, auf die stahlblinkenden Bajonette stoßen, gegen die wir, das wehrlose Proletariat, ganz ohnmächtig sind? So pflegen uns diejenigen zuzurufen, die sich eine Massenaktion der Proletarier nicht anders als in dem starren Milieu, in der kalten Atmosphäre des ruhigen parlamentaristen Alltags vorstellen können. Sie vergessen immer und immer wieder, daß eine ernste Massenaktion des Proletariats selbst nicht anders als in einer revolutionären Situation stattfinden kann, in einer Situation, die bereits die ganze Volksmasse, das ganze Land in Gärung gebracht hat. Ist dem aber so, dann erscheint auch die „starre Wand der Bajonette“ unter einem ganz anderen Gesichtswinkel, denn in den revolutionären Momenten, wo die Sache des kämpfenden Proletariats zur Sache des ganzen arbeitenden Volkes, zur Sache aller Ausgebeuteten und Unterdrückten wird, da erwacht auch im Soldaten der Bürger, der Sohn des Volkes, der Proletarier. Diejenigen, die das heutige Militär als eine unwandelbare feindliche Macht der Revolution des Volkes entgegenstellen, vergessen, daß die Revolution das Militär selbst in ihren Strudel zieht, sie vergessen hinter dem äußeren Kampflärm der Revolution ihre gewaltigste sozial und historisch wichtigste Seite: das politische Erziehungswerk der Revolution. Und dieses vollzieht sich nicht bloß an der Masse des Proletariats, an breiten Schichten des Bauerntums, des Kleinbürgertums, sondern auch an dem in den „Rock des Königs“ gesteckten Teil der Volksmasse.

Die russischen Ereignisse haben wieder einmal erwiesen, daß die Revolution, die neue politische und soziale Probleme aufwirft, auch selbst in ihrem Schoße die Lösung dieser Probleme bringt. Die russische Revolution ist also wieder einmal zugleich eine Mahnung an die Kleingläubigen und zaghaften Rechenmeister in unseren eigenen Reihen, wie eine Warnung an die herrschenden Klassen, die durch immer neue Militär- und Flottenvorlagen auch bei uns Geister auf die soziale Oberfläche rufen, die sie einst nicht zu bannen verstehen werden.

Im Feuerscheine der Revolution

(1905)

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Die Maifeier wird in diesem Jahre zum erstenmal in einer revolutionären Situation gefeiert – während ein wichtiger Trupp des internationalen Proletariats in einem gewaltigen direkten Massenkampfe um seine politischen Rechte begriffen ist. Dieser Umstand soll und wird der diesjährigen Maifeier ihren besonderen Charakter aufdrücken. Nicht bloß in dem Sinne, daß überall in den Vorträgen und Resolutionen der Maiversammlungen der kämpfenden Proletarier im Zarenreiche mit einigen Worten der Sympathie gedacht wird. Die gegenwärtige russische Revolution ist, wenn sie nicht bloß mit oberflächlichen Sympathiegefühlen, sondern mit ernstem Nachdenken betrachtet wird, die eigene Sache des internationalen Proletariats, und ganz speziell ist sie mit dem wirklichen Sinn der internationalen Maifeier verbunden, sie ist eine wichtige Etappe zur Verwirklichung der beiden Grundideen der Maifeier: des Achtstundentages und des Sozialismus.

Der Achtstundentag ist von Anfang an zu einer Hauptlosung der gegenwärtigen revolutionären Erhebung im russischen Reiche geworden. Die von der Petersburger Arbeiterschaft in der berühmten Bittschrift an den Zaren formulierten Forderungen zählen neben politischen Grundrechten und Freiheiten in erster Reihe die sofortige Einführung des Achtstundentages auf. In dem grandiosen Generalstreik, der im Anschluß an das Petersburger Blutbad im ganzen Reiche, besonders in Russisch-Polen ausbrach, war der Achtstundentag die wichtigste soziale Forderung. Auch in dem späteren, zweiten Stadium der Streikbewegung, als der allgemeine Ausstand als politische Kundgebung vorläufig beendet wurde, um einer langen Reihe partieller ökonomischer Streiks Platz zu machen, auch hier war die Forderung des Achtstundentages der rote Faden, der durch die Lohnkämpfe aller Branchen zog und den Grundton der Kämpfe, das einigende Element, die revolutionäre Note dieser Einzelkämpfe bildete. Schon die bisherige erste Periode der russischen Revolution hat sich somit zu einer mächtigen Kundgebung für die internationale Mailosung gestaltet. Sie hat gezeigt, wie kein anderes Beispiel bis jetzt, wie tief die Idee des achtstündigen Arbeitstages in der sozialen Lage des Weltproletariats wurzelt, wie sehr der Achtstundentag eine Lebensfrage für das Proletariat in allen Ländern ist.

Kein Mensch dachte in Rußland daran, die politischen Hauptziele der jetzigen Revolution speziell mit der Forderung des Achtstundentages zu verbinden oder diese letztere gar in den Vordergrund zu stellen. In der ganzen Agitation, die dem Ausbruch der Revolution vorausgegangen war, wurde das Hauptgewicht naturgemäß und mit einer gewissen begreiflichen Einseitigkeit auf die rein politischen Forderungen: die Beseitigung der Alleinherrschaft, die Einberufung der konstituierenden Versammlung, die Proklamierung der Republik, gelegt. Das Proletariat erhob sich nun in Massen – und griff instinktiv neben den politischen Forderungen sofort zu der sozialen Hauptforderung des Achtstundentages, die gesunde revolutionäre Massenerhebung korrigierte wie von selbst die Einseitigkeit der sozialdemokratischen politisch zugespitzten Agitation und verwandelte durch diese internationale rein proletarische Forderung die formell „bürgerliche“ Revolution in eine bewußt proletarische. Die demokratische Verfassung, ja sogar die republikanische Verfassung – das sind Losungen, die ihrem historischen Inhalt nach ebensogut von bürgerlichen Klassen aufgestellt werden können, ja, eigentlich spezielles Eigentum der bürgerlichen Demokratie sind. Insofern trat die Arbeiterschaft Rußlands nur „in Vertretung“ der Bourgeoisie auf die politische Bühne. Der Achtstundentag dagegen ist eine Forderung, die nur von der Arbeiterklasse aufgestellt werden kann, die weder durch Tradition noch dem Sinne nach mit der bürgerlichen Demokratie verknüpft ist, die im Gegenteil speziell dem Träger der bürgerlichen Demokratie – dem Kleinbürgertum – in allen Ländern noch verhaßter ist als dem großindustriellen Kapital. Der Achtstundentag ist also auch in Rußland nicht die Parole der Gemeinsamkeit der proletarischen Interessen mit allen fortschrittlichen bürgerlichen Elementen, sondern die Parole des Gegensatzes, des Klassenkampfes. Vereinigt unzertrennbar mit den politisch-demokratischen Forderungen, zeigt sie sofort an, daß das Proletariat des Zarenreichs seine „Vertretung“ der Bourgeoisie in gegenwärtiger Revolution mit vollem Bewußtsein im Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft übernimmt als einen Kampf der zur eigenen endgültigen Befreiung strebenden Klasse.

Und hierin liegt die internationale Bedeutung der russischen Revolution auch für die andere Hauptidee der Maifeier: für die Verwirklichung des Sozialismus. Die Verbindung zwischen den beiden Losungen ist eine sehr enge und unmittelbare. Freilich ist der Achtstundentag an sich noch kein „Stück Sozialismus“. Er ist formell bloß eine bürgerliche Sozialreform auf dem Boden der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Bei seiner partiellen Verwirklichung, wie wir sie hie und da erlebt haben, hat der Achtstundentag noch keine Umwälzung des Lohnsystems herbeigeführt, sondern es bloß auf eine höhere, moderne Stufe gehoben. Aber als allgemeine internationale, gesetzliche Regel, wie wir ihn fordern, ist der achtstündige Arbeitstag zugleich die radikalste Sozialreform, die im Rahmen der bestehenden Gesellschaft durchgeführt werden kann, er ist eine bürgerliche Sozialreform, aber als solche zugleich ein Knotenpunkt, in dem die Quantität bereits in die Qualität umschlägt, das heißt eine „Reform“, die aber höchstwahrscheinlich erst von dem siegreichen, am Ruder der politischen Macht stehenden Proletariat ins Werk gesetzt werden wird. Deshalb steht die russische Revolution, in der die Losung des Achtstundentages so laut als der Grundton hervortönt, zugleich im Zeichen der sozialen Revolution. Damit soll nicht etwa gesagt werden, daß als nächstes Produkt dieser Revolution etwa der Anfang der sozialen Umwälzung zu erwarten wäre. Im Gegenteil, als nächstes greifbares Fazit der gegenwärtigen Kämpfe wird im Zarenreiche höchstwahrscheinlich bloß eine politische Umwälzung und womöglich sogar eine ganz miserable bürgerliche Verfassung ihren Einzug halten.

Aber unter der Oberfläche dieses rein formellen politischen Umschwungs wird ebenso sicher ein sehr tiefgreifender sozialer Umschwung Platz greifen. Die Klassenscheidung, der Klassengegensatz, die politische Reife und das Klassenbewußtsein des Proletariats in Rußland werden nach der revolutionären Periode einen Grad erreicht haben, wie er bei ruhigem Verlauf der Dinge, auch unter der Herrschaft des parlamentarischen Regimes in Jahrzehnten nicht hätte erreicht werden können. Der Prozeß des Klassenkampfes, der die soziale Revolution vorbereitet, hat in Rußland einen ungeahnten Ansporn erhalten.

Und dadurch auch der internationale proletarische Klassenkampf. Die innere Verknüpfung des politischen und sozialen Lebens zwischen den kapitalistischen Ländern ist heutzutage eine so intensive, daß die Rückwirkung der russischen Revolution auf die soziale Lage in Europa, ja in der ganzen sogenannten zivilisierten Welt eine enorme sein wird – eine viel tiefer gehende, als die internationale Rückwirkung der früheren bürgerlichen Revolutionen. Es ist ein müßiges Geschäft, die konkreten Formen voraussehen und prophezeien zu wollen, die diese Rückwirkung annehmen wird oder kann. Die Hauptsache aber ist: sich darüber klar und bewußt zu werden, daß von der gegenwärtigen Revolution im Zarenreich eine gewaltige Beschleunigung des internationalen Klassenkampfes ausgehen wird, die uns in gar nicht langer Frist auch in den Ländern des „alten“ Europas in revolutionäre Situationen und vor neue taktische Aufgaben stellen wird.

In diesem Gedanken und in diesem Geiste muß die diesjährige Maifeier überall gefeiert werden, soll sie zeigen, daß das internationale Proletariat die wichtigste Parole jedes Kampfes begriffen hat: „Bereit sein ist alles!“

Die Russische Revolution 1905

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Rede, nach einem Spitzelbericht

Das Dokument :

Die polizeiliche Aufzeichnung der Rede

Überwachungsbericht des Wachtm. Zufall über die Mitgliederversammlung des Sozialdemokratischen Vereins f. d. II. Hambg. Wahlkreis,

abgehalten am 14. November 1905 im Lokale von Tütge,

eröffnet 9 Uhr abends, geschlossen 10.30 abends.

Anwesend 2.000 Personen, darunter 3-400 Frauen.

Auszug gefertigt (von) Zufall.

Hamburg, den 16. Nov. 1905

Die Versammlung wurde durch den 1. Hoffmann eröffnet und geleitet.

Hoffmann: Ich habe heute wiederum die traurige Pflicht, das Ableben eines unserer Genossen bekannt zu geben. Es ist Genosse Bahlberg, der unter dem Sozialistengesetz trotz aller Verfolgungen und Chikanen die Fahne des Sozialismus mit hochgehalten hat.

Das Andenken wurde in der üblichen Weise geehrt.

Punkt l: Abrechnung

Einnahmen: M 9.962,48

Ausgaben: M 5.380,87

Punkt 2: Der Generalstreik

Referentin: Dr. Rosalie Lübeck, geb. Luxemburg,

geb. am 25.12.1870 (richtig ist: 5.3.1871)

zu Zamost in Russland (richtig ist: Zamość)

Auf Antrag Hoffmann wurde beschlossen, M 3.000 an die Parteikasse in Berlin abzuführen.

Referentin Rosa Luxemburg, Berlin-Friedenau:

Werte Anwesende, Genossinnen und Genossen!

Wir finden in der letzten Zeit eine eigenartige Erscheinung in unserem Parteileben, eine Erscheinung, von der man sagen könnte, sie ist über Nacht, ganz plötzlich gekommen. Es ist eine neue Frage in der deutschen klassenbewußten Arbeiterschaft wach geworden, die bis dato durchaus nicht das Interesse der deutschen Sozialdemokraten erregen konnte. Ich meine damit die Frage, die heute von uns behandelt werden soll.

Die Frage des politischen Massenstreiks ist durchaus nicht neu, denn bereits vor 15 Jahren schon war sie ein Gegenstand lebhafter Erörterung auf dem internationalen Sozialistenkongreß. Desgleichen hat man sich in den romanischen Ländern Frankreich, Spanien, Italien usw. vor einem Jahre mit dieser Frage beschäftigt, und zwar außerordentlich lebhaft beschäftigt, ja sogar noch vor wenigen Jahren in Belgien die praktische Lösung dieser Frage erlebt. Noch vor wenigen Monaten hat man in Deutschland die Beobachtung machen können, daß man die Frage des politischen Massenstreiks als etwas gänzlich Unhaltbares für die deutsche Sozialdemokratie betrachtete, als etwas, was vielleicht in den romanischen Ländern am Platze sei, aber nicht für Deutschland passe. Die Frage wurde als wesenlos betrachtet und behandelt, nicht einmal eine Erörterung dieser Frage, sei es in historischer oder praktischer Hinsicht, sollte geschehen. Erst vor ganz kurzer Zeit beobachtete man ein lebhaftes Interesse für diese Frage bei den klassenbewußten Arbeitern. In Versammlungen, in der Presse fanden Erörterungen statt, ja diese Frage ist zum Teil Gegenstand einer Beschlußfassung in unserer obersten Parteiinstanz geworden. Eine solche Erscheinung, ein solcher plötzlicher Umschwung in der Bewertung, in der politischen Bewertung, in der historischen und praktischen Lösung dieser Frage ist wohl zu beachten.

In Rußland erleben wir augenblicklich eine andere Lösung der Frage des Kampfes. Das Wort Revolution war vor wenigen Jahren in Rußland, noch vor einem Jahre, trotz der dort herrschenden grauenhaften Zustände, genauso ein wesenloses Faktum, wie vor kurzer Zeit in Deutschland das Wort Massenstreik. Trotzdem in Rußland sich die grauenhaften Zustände auf sozialem und politischem Gebiete furchtbar zuspitzten, war das Wort Revolution für unsere Sozialdemokraten, die dazu berufen und gezwungen sind, das Wort zu predigen und in die Massen zu schleudern, unbekannt, ich will sagen ein hohler Ton. Solche Erscheinungen beweisen, daß in den sozialen Verhältnissen selbst ein plötzlicher gewaltiger Umschwung, eine Verschiebung in Klassenverhältnissen, eine Verschiebung der sozialen Gegensätze stattgefunden haben, und das soll man wohl beachten.

Wenn wir heute in Deutschland eine analoge Erscheinung sehen, wie dieselben Massen, die noch vor wenigen Monaten das Wort politischer Massenstreik an sich vorbeigehen ließen, sich absolut uninteressiert, passiv verhielten, wenn dieselben Massen jetzt mit Feuer und Flamme sich der Lösung dieser Frage zuwenden, ob für oder gegen die Frage ist gleich, das Interesse selbst für die Diskussion, für die Aufklärung des Wesens dieses Problems ist vorhanden. Die Arbeitermassen fühlen instinktiv den Boden unter ihren Füßen wackeln, sie fühlen eine gewaltige Verschiebung mit einem Ruck vor sich, daß wir großen, kolossalen, neuen Kämpfen, gefährlichen Situationen entgegengehen, und sie suchen, nach neuen gewaltigen Mitteln zu tasten und zu greifen.

Wenn man das alles von verschiedenen Gesichtspunkten beobachtet, so wird ein solcher sozialer Beobachter Ihnen sagen, daß es nichts als eine lächerliche Vertuschung, eine Selbstüberhebung ist, wenn sich Genossen, sogar große Parteigrößen, auf dem letzten Gewerkschaftskongreß in Köln gefunden haben, die glaubten, durch eine Resolution von zehn Zeilen ein solch gewaltiges neues Problem des politischen Lebens hinweg diktieren zu können. Ist es nicht eine klägliche Überschätzung des sog. Teilwillens, des Verfügungsrechts eines Menschen, auch wenn er Sozialdemokrat ist? Also wenn einer glaubt, durch Annahme einer Resolution ein neu auftauchendes Problem hinwegbringen zu können, der irrt sich gewaltig. Durch eine Resolution den Arbeitern zu verbieten, sich mit solch wichtiger Frage zu befassen, die Köpfe einer Dreimillionen-Partei zu verwirren, wenn sie sich mit neuen Problemen beschäftigen, da muß man ein Bedauern für haben. Aber hier hat sich so viel erwiesen, daß die klassenbewußten Arbeiter in ihrem gesunden Instinkt viel sicherer sind als ihre Führer. (Sehr richtig!) Sie wenden sich doch der Aufklärung dieser Frage zu.

Das Interesse an dieser Frage ist nicht durch künstliche Mittel hervorgerufen, und das beweist, wie notwendig es ist, daß in eine Prüfung und Diskussion eingetreten werden muß. Wir haben augenblicklich Erscheinungen in unserem politischen und öffentlichen Leben, daß jeder, der an der Oberfläche des politischen Lebens steht, diese Erscheinungen fühlen muß. Mit Gewalt wird man mit der Nase darauf gestoßen, daß unsere bisherigen Kampfmittel sich als unzulänglich erweisen werden.

Die deutsche Sozialdemokratie steht heute an der Spitze der internationalen Sozialdemokratie, der internationalen Arbeiterbewegung. Sie ist bis jetzt die Schule, das Muster für das Weltproletariat, das sich aus der Sklaverei des Kapitalismus befreien will. Aber täuschen wir uns nicht, die großen Erfolge, die wir erkämpft haben, die Gediegenheit unserer Arbeiter, die Vortrefflichkeit unserer Organisationen, das alles ist groß geworden auf dem Boden des parlamentarischen Kampfes. Ich sage das nicht als Vorwurf Ihnen gegenüber, daß Sie sich in jeder Weise dem historischen Boden anpaßten, auf den Sie gestellt worden sind. Wir haben bis jetzt in Deutschland eine große Periode des Parlamentarismus gehabt, und die Sozialdemokratie hat vor aller Welt gezeigt, was eine klassenbewußte Arbeiterschaft auf dem Boden des Parlamentarismus erreichen und erzielen kann. Aber was erleben wir in den jüngsten Tagen? Wir erleben, daß hier und da gerade der Parlamentarismus der Bourgeoisie unter den Füßen wie eine große dünne Eisschicht zusammenbricht, und das beweist, daß es eine dünne oberflächliche Schicht war. Nach wie vor finden wir die gewaltigen sozialen Kämpfe, wie sie auf der Erde brodeln und lodern.

Ihnen hier in Hamburg der (unleserlich) Bourgeois, der berühmten Republik brauche ich nicht viel darüber zu sagen, was wir heutigen Tages von dem Wert des bürgerlichen Parlamentarismus zu halten haben. Als ich jüngst über den Vorwärtssturm der Bourgeoisie in dem Geldsack-Parlament der Hamburgischen Republik hörte, da erinnerte ich mich lebhaft an die Worte des großen deutschen Dichters Borne, wie er die Frage stellte: Wie kommt es, liebe Mitbürger usw., in Deutschland leben wir ja in einer ähnlich verkehrten Welt. Auch ein anderer deutscher Patriot, der Dichter Heinrich Heine, hat über die verkehrte Welt geschrieben, indem er sagte, heute leben wir in einer Welt, wo Gäule auf Menschen reiten. In Hamburg erleben wir schon die Rückwärts-Revision des Parlamentarismus, und andere Staaten werden nachfolgen; ich erinnere an das demokratische Lübeck. Wir Preußen sind so stolz, das einmal den Hamburgern nachzumachen, wir sind schon längst so weit.

Schon die jüngsten Erscheinungen, die jedem einfachem Beobachter sich gewaltsam aufdrängen, führten uns darauf, daß unsere ganzen Berechnungen und Spekulationen auf den Parlamentarismus einfach auf einem Sandhaufen errichtet sind. Wir haben nicht nur im politischen Leben, sondern auch im sozialökonomischen Leben in den jüngsten Tagen Ereignisse erlebt, die uns darauf hinweisen, daß man geradezu mit Blindheit geschlagen sein muß, um nicht zu fühlen, daß der Boden unter den Füßen nicht mehr feststeht, sondern zu wackeln beginnt. Im Ruhrgebiet und in der Textilindustrie im Vogtland hören die sozialen Kämpfe nicht mehr auf. Wir stehen auf dem Boden des Konflikts, und dieser Konflikt kann nicht durch das Mittel des Parlamentarismus, noch durch die Gewerkschaftskämpfe ausgeglichen werden. Gewaltige Kämpfe im Ruhrgebiet und anderswo werden beginnen, und diese unüberbrückbaren Schranken werden wir durch unsere Organisationen nicht fallen lassen können. Unsere Gewerkschaftsblätter sind es, die ihrer Pflicht folgend in der letzten Zeit die deutsche Arbeiterschaft mit Gewalt aufrütteln, ihnen die neuen Praktiken der Unternehmer betr. der Aussperrungen vor Augen führen. Die Aussperrungen sollen dazu angetan sein, die Gewerkschaften zu sprengen. Die Aussperrung ist ein gewaltiges Mittel, die Gewerkschaften niederzuschlagen, und dieses Mittel wenden die Herren nicht nur im eigenen Hause, sondern auch im Staate an. Da könne es kein anderes Mittel geben, sich gegen diese Herren zu wehren, als sie mitsamt dem Staate und Kapitalismus zum Teufel zu jagen.

Bernstein predigt ja die Tarifverträge. Rednerin erläutert die Tarifverträge in der Textilindustrie und ist auch damit nicht einverstanden. Die deutsche Arbeiterschaft muß sich nach neuen Kampfesmitteln umsehen und diesen sich zuwenden.

Wir gehen somit zu der Erörterung des politischen Massenstreiks über. Hier wie bei jeder Frage eines neuen Problems ist es wohl wichtig, wenn man sie wissenschaftlich behandelt. Es sind hier in der glorreichen Republik Hamburg ebenfalls schon Vorträge über Massenstreik gehalten worden.

Es sind zwei Strömungen vorhanden: die eine für den Generalstreik (Friedeberg) und die andere Strömung sagt, Generalstreik sei Generalunsinn. Die berufenen Vertreter dieser letzten Auffassung werden Sie wohl auch kennen. Die Strömung für den Generalstreik glaubt, durch ihre Predigten die Arbeiterschaft von der Nützlichkeit und Notwendigkeit des Massenstreiks soweit zu überzeugen, daß die Arbeiterschaft erklärt, am nächsten Bußtag machen wir den Generalstreik und es ist fertig. Die andere Strömung glaubt, wenn sie heute in einer gut besuchten Versammlung erklären, Generalstreik ist Generalunsinn, dann ist die Frage verschwunden. Wieder andere stehen auf demselben Boden, sie sagen, die Beschlußfassung über die Anwendung des Generalstreiks soll von dem freien Willen der Arbeiterschaft abhängen. Die Breslauer Genossen machten den Vorschlag, am nächsten Bußtag auf die Straße zu gehen. Ob sie da hingehen, hängt von dem Beschluß der betr. Genossen ab, ob aber die Massen wirklich auf die Beine gebracht werden können, das wissen sie nicht. Unsere Grundprinzipien sind historisch abgeleitet, sie müssen heilig gehalten werden, aber unsere Taktik, die lautet, nicht nur danach zu fragen, was wir für gut und nützlich halten.

Der Massenstreik ist eine ebensolche Entwicklung wie der Parlamentarismus. Der Parlamentarismus widersprach erst auch unserem Prinzip. Aber wir stecken unsere Nase in alle Spalten des sozialen Lebens, deshalb sind wir auch ins Parlament eingetreten, und wir sind dadurch zu einer so großen Partei in Deutschland geworden. Wenn der Parlamentarismus uns bis zu einem gewissen Zeitpunkt dazu gedient hat, uns groß und stark zu machen, so versagt er nun immer mehr und mehr, und die historische Entwicklung wird neue Formen schaffen, die darauf gerichtet sind, daß die Massen selbst anfangen werden zu versuchen, direkt mit dem Feinde von Angesicht zu Angesicht zu kämpfen.

Wie Sie merken, ist schon die erste prinzipielle Frage bei dem Massenstreik eine ganz andere, d.h. wenn Sie sich auf den historischen Boden stellen.

Weiter müssen wir einen Blick auf die innere und auswärtige Politik werfen. Das ist eine große Frage, die wir zu berücksichtigen haben, und wir springen vom ersten Augenblick an mit beiden Füßen bei dieser Frage, wie bei allen anderen Fragen des Prinzips und der Taktik, auf den historischen Boden der Entwicklung. Tun wir also einen kurzen Blick auf den Gang der historischen Entwicklung in der letzten Zeit, und zwar die auswärtige Politik, die Weltpolitik.

Rednerin ging zunächst kurz auf den russisch-japanischen Krieg ein. Er sei nur ein Glied in der Kette von den Ereignissen der letzten 10 Jahre. Seit 1895 hätten wir im fernen Osten eine Reihe von blutigen Kriegen erlebt, sie erinnere an den Krieg mit China, wo Deutschland mit dem Stab in der Hand vorausgegangen sei. Seit den 90er Jahren drehe sich das Interesse um den Bosporus, Konstantinopel, China und Japan. Daß man ja nicht denke, uns in Deutschland gingen diese Dinge vorläufig noch nichts an; der irre sich, denn sie erinnere an die Pachtung in China. Wir seien nicht mehr nur Zuschauer. Aus allen diesen Dingen ergebe sich nichts anderes, als neue Flotten vorlagen, verbunden mit neuen Steuern und Abgaben, eine Mehrbelastung für die Arbeiterklasse. Die wirtschaftlichen Kämpfe würden nicht verringert, sondern vermehrt werden.

Rednerin kommt sodann auf die Revolution in Rußland zu sprechen. Es ist eine ständige und beliebte Redensart, leider Gottes auch in unseren Reihen, Rußland sei der Sarg der Revolution. Die russische Revolution ist als Fleisch von unserem Fleische zu betrachten, und ich vermisse in unserem Partei Verhältnis das Mitfühlen, das Mitdenken. Rednerin geht kurz auf die früheren politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse Rußlands ein und vergleicht die ganze Bewegung immer mit der historischen Entwicklung. Gar mancher Genösse denkt sich, daß die Revolution als Sieger davon geht und, wie wir es in Deutschland erlebt haben, sie sich wie in Deutschland einen bürgerlichen Parlamentarismus schafft, an dem sie wohl teilnehmen, weil sie müssen, ohne zu vergessen, daß damit eine historische Tretmühle geschaffen wird. Nein, in Rußland kommt bereits die politische Freiheit zum Vorschein, allerdings heute oder morgen ist die Revolution noch nicht beendet, sie wird wohl noch recht lange dauern. Sie hat aber schon die Lehre gebracht, in welche Richtung wir gehen müssen, und die russische Revolution hat bereits ihren Feuerschein auf andere Länder geworfen.

Blicken wir zunächst auf Österreich, wie elektrisierend die bloße Kunde von politischen Reformen auf die Österreicher gewirkt hat, wie es dieses morsche alte Gebäude, diese baufällige Baracke des österreichischen Kaisers förmlich erschüttert hat.

Alle diese Momente der künftigen Entwicklung zusammenfassend wird es so kommen, daß wir einer Periode von mehr oder weniger revolutionären Kämpfen entgegengehen, worin die russische Revolution nur ein Prolog sein wird. Wir müssen nach alledem, was uns in den letzten Tagen beschert worden ist, was in der auswärtigen Politik vor sich geht, zu der Erkenntnis gelangen, daß es mit dem alten Schlendrian, mit dem Ruhebedürfnis ein für allemal vorbei ist. Wir gehen einer Zeit entgegen, wo der historische Klepper einmal in einen frischen, fröhlichen Galopp übergeht. Wir sind die letzten, die dabei etwas zu verlieren haben; je frischer der Gang, um so schneller werden wir unser Ziel erreichen. Es bleibt bittere Wahrheit, was Marx und Engels im Jahre 1848 sagten: Das Proletariat hat nichts zu verlieren als seine Ketten, nur zu gewinnen hat es die ganze Welt.

Ein politischer Beobachter muß sich umschauen, um die kommende Entwicklung kennenzulernen, er muß sie kennen, damit er den Faden in der Hand hat, wonach er sich zu richten hat. In welcher Form, nach welcher Veranlassung der Generalstreik anzuwenden ist, kann man vorher nicht sagen. Ich könnte den Massenstreik als Abwehrmittel gegen die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts zum Reichstag prophezeien. Ich stehe auch hier wieder auf dem historischen Boden, wenn ich sage, die allgemeine revolutionäre Situation kann dazu beitragen, den Generalstreik als Abwehrmittel zu gebrauchen. Ob die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts zu einem solchen Massenstreik Anlaß geben wird, das kann ich nicht, das vermag niemand zu sagen.

Aber auch durch andere Anlässe kann man den Volkszorn hervorrufen. Wenn man, wie in ausländischen Blättern zu lesen ist, von einer gewissen Stelle die Plötzlichkeit bis zu einer solchen Unverantwortlichkeit steigern sollte, das Volk zum Äußersten zu provozieren, indem man hinterpommersche Grenadiere gebraucht, um die russische Revolution niederzuschlagen, dann glaube ich wohl, daß die Genossen mit einem Massenstreik antworten müssen, daß wir unser Blut verspritzen, um unsere russischen und polnischen Brüder zu schützen.

Ich habe diese Beispiele extra angeführt, damit Sie sich klar darüber werden können, in welchem Zusammenhang man den Generalstreik anwenden könnte. Wenn wir immer mehr verschärften politischen Kämpfen entgegengehen, so müssen wir bedenken – ich verweise jetzt wieder nach Russland –, daß die Industriearbeiter, überhaupt die Arbeiterklasse, bisher in keinem direkten revolutionären Kampf eine Rolle gespielt haben. Wären ein Bernstein und ein Friedeberg zur rechten Zeit in Rußland gewesen, dann würden die russischen Arbeiter eine andere Rolle spielen. Ich kenne die russischen Parteiverhältnisse sehr genau. Niemals vordem hat man über den Generalstreik diskutiert. Dort existiert kein Koalitionsrecht, kein Streikrecht, und die bewußten Führer der Bewegung haben nie daran gedacht. Wenn wir aber den Massenstreik als ein gewaltiges Kampfesmittel in Rußland gesehen und erlebt haben, bringt uns die Situation dazu, daß es eine historische Notwendigkeit war, den Kampf in dieser Form auszufechten. Noch in keiner Revolution war die Arbeiterklasse so ausschlaggebend wie jetzt in Rußland, wo der ganze Handel und die Industrie lahmgelegt werden. Damals in der Revolution (1848) stand das Kleinbürgertum an der Spitze, heute in Rußland steht das Industrieproletariat an der Spitze der Revolution, aus all den Gründen, die ich bereits angeführt habe. Und wenn wir uns auf den Boden der Notwendigkeiten stellen, so haben wir darin ohne weiteres die Antwort auf alles.

Tausend und drei Bedenken bei denjenigen, die heute Gegner des Massenstreiks sind. Sie werden gewiß die Ausführungen des Genossen Frohme im Hamburger Echo gelesen haben, sehr schwerwiegende Worte hat der Genosse dort in seinem Referat ausgesprochen. Er sagte, ihr habt drei Millionen Stimmen bei der Reichstagswahl erhalten, aber gehen diese drei Millionen Menschen alle mit in den Massenstreik? Nur 1½ Millionen Arbeiter sind politisch und gewerkschaftlich organisiert, verbleiben die weiteren 9 Millionen, die nicht organisiert sind. Eine solche Frage und Berechnung kann nur jemand anstellen, der von den Vorgängen in Rußland nicht einen blauen Dunst versteht.

In Rußland gab es vor der Revolution keine Gewerkschaftsorganisation. Man hat eben keinen Schimmer von der direkten Denkweise, wie Engels sagt, was hier und da Ursache ist usw. Die gewerkschaftlichen Organisationen können die Wirkung des Massenstreiks sein und umgekehrt. Wie stehen die englischen Gewerkschaften da? Nicht als Organisationen zum frischen fröhlichen Kampfe bereit, nein sie können die Massen nicht so leicht in Bewegung setzen. (Sehr richtig!) Diejenigen Gewerkschaftsführer, die in Köln der Arbeiterschaft zugerufen haben, sie könnte sich nicht auf den Massenstreik einlassen des Kostenpunktes wegen, und die Arbeiterorganisationen hätten vor allem Ruhe nötig, um sich weiter ausbauen zu lassen, diese Führer fahren auf sehr bedenklichem Wege, die deutsche Arbeiterschaft in allen ihren Hoffnungen niederzudrücken und in die Versumpfung zu bringen. (Sehr richtig!)

Man fragt, werden uns auch die unorganisierten Massen folgen? Ja, wenn Sie sich auf den Boden stellen, daß eine Massenstreikbewegung von heute in 14 Tagen ohne ... (unleserlich) vor sich gehen kann, wie aus der Pistole geschossen, daß man einen Bußtag dazu bestimmt, – ich bin sicher, daß die Massen uns auslachen würden. Aber andererseits werden Sie sich mit mir auf den Boden stellen, daß bei einer revolutionären Bewegung diese Massen uns folgen werden, weil wir die Veranlassung, die Situation zu der Revolution nicht schaffen; wir müssen diese Situation verstehen und ausnutzen. Dann wird gefragt, wie wollen wir diese Massen ernähren und wie wollen wir sie im Zügel halten? Diesen Explosivstoff hat der Genosse Frohme gegen den Massenstreik in die Wagschale geworfen. Genossen, der Genosse, der Bedenken hegt, ob man bei einem Massenstreik die Massen im Zügel halten kann, der begeht eine Majestätsbeleidigung an der Arbeitermasse. In Frankreich, in Deutschland, in Russland, wo die Massen ... (unleserlich) auf dem Platze des politischen Lebens stritten, da hebt sich das moralische Niveau der Bevölkerung in erster Linie, da wird erst die wahre Sittlichkeit zur Wahrheit. Der Gedanke, den Frohme da ausgesprochen hat, das ist der richtige Gedankengang eines Staatsanwalts: Wer werde dafür sorgen, daß die Massen nicht verhungern bei einem Massenstreik? Ich muß wiederholt nach Russland verweisen, um beweisen zu können, wie die Massen zu hungern verstehen, wenn es sich darum handelt, Menschenrechte zu erringen. Ich hatte oft Gelegenheit, gerade das Schicksal der Arbeiterklasse meines engeren Vaterlandes in Russisch-Polen zu betrachten. Durch meine Zusammengehörigkeit mit der polnischen Sozialdemokratie erhielt ich Berichte aus Rußland, die, mit Blut und Tränen geschrieben, vom Kampfplatz stammen. Bereits im November 1904 herrschte in Warschau (?) Hungersnot. Hunderttausende von Menschen hatten nichts zu beißen. Das Proletariat will hungern, es will seine Ziele erreichen. Ein Heine , ein Frohme, sie werden es nicht begreifen, sie haben keine Ahnung von den sozialen Kämpfen. Sie haben die Geschichte vergessen, sie haben vergessen die mit Blut und Tränen geschriebenen Revolutionen in Frankreich und Deutschland.

Die politischen und sozialen Kämpfe der Arbeiterklasse in moderner Form sind keine Zivilprozesse, wo alle Kosten vom Rechtsanwalt vorgeschlagen werden. Nein, die revolutionäre Situation trägt ihre Ziele in sich. Man muß die Situation verstehen, die uns die Geschichte entgegenführt, wo die Massen berufen sein werden, ihre ganze politische Reife, ihre ganze Kraft, auch ihre ganzen Heldentaten wieder einmal der Welt in Erinnerung zu rufen. Was wir zu tun haben, welchen Kämpfen, welchen Aufgaben uns der allgemeine Gang entgegenführt, ist, daß wir in uns selbst und in der Masse den lebendigen Geist der Kampfesfreudigkeit wach halten, um ihn immer schüren zu können, groß und mächtig die Flamme emporsteigen zu lassen. Was wir weiter zu tun haben, besteht darin, daß wir den Massen das sagen, was wir selber wissen. Unsere Kampfesweise besteht darin, daß wir die Geschichte der historischen Bewegung klar machen und daß die geschichtliche Entwicklung uns Momente entgegenführt, wo die Massen selbst das Heft in Händen haben. Dazu die Massen zu erziehen, muß unsere Aufgabe besonders sein. Mit offenen Augen in die Situation schauen. Hier heißt es, nichts Künstliches zu machen, nichts Künstliches herbeizuführen.

Genossen und Genossinnen, auch hier heißt es: »Bereit sein, ist alles!“

Bravo!!!

Paul Hoffmann: Sie haben durch Ihr zahlreiches Erscheinen gezeigt, daß Sie für die Frage, die wir heute abend behandeln, ein reges Interesse zeigen. Aber, das wird von Ihnen jeder zugeben müssen, damit ist es nicht genüge getan. Es bedarf bei dieser Frage nicht des Aufflatterns des einmaligen Interesses, weil eine Erscheinung heute abend hier war, die Sie aus der Parteiliteratur kennen, von der wir wissen, daß sie eine Verteidigerin des Gedankens ist, daß das Proletariat sich sein Schicksal selbst schaffen muß. Wir müssen, und Sie mit, selbst dafür sorgen, daß auch zu anderen Zeiten, wenn wir unsere Versammlungen haben, wenn wir zusammentreten und über den Gedanken der Kämpfe beraten und beschließen werden, auch dann soll ein solches Interesse vorhanden sein.

Es bedarf der fortgesetzten Erkenntnis des Gedankens, der uns zum Siege führt, daß nicht nur das einmalige Erscheinen nützt, sondern zum Siegen gehört auch Handeln. Und, Parteigenossen, ich rufe Ihnen die traurige Erscheinung ins Gedächtnis zurück, die wir in Hamburg erlebt haben angesichts des Versuchs, das Bürgerschafts-wahlrecht zu beschränken; und das in ganz kurzer Zeit, vielleicht schon in wenigen Wochen. Dann wird die bürgerliche Kamarilla in Hamburg von diesem Versuch zur Tatsache übergegangen sein. Die Bevölkerung Hamburgs /war/ im Jahre 1892, als die Cholera in Hamburgs Mauern wütete, bereits in zwei Klassen geteilt: in die Klasse derjenigen, die damals den Staub Hamburgs von ihren Pantoffeln schüttelten, aber gute Profitpatrioten waren, und in die Klasse derjenigen, die damals in die Höhlen der Proletarier hineingingen, um dort das Erdenklichste zu leisten, das Elend, die Seuche zu beseitigen. Das wird man jetzt wieder zur Tatsache machen. Wenn nichts trügt, wird man die Hamburger Bevölkerung wieder in zwei Klassen teilen, und zwar die, die kein Einkommen von M 2.500 haben, werden nicht in die obere Klasse kommen, sondern nur denen, die über M 2.500 Einkommen haben, trägt man erst Rechnung. Parteigenossen, das wird die Folge sein, und da heißt es jetzt – aufpassen: Alle Mann am Platz sein, um die Macht der ganzen Arbeiterschaft zu zeigen. Heute ist die Situation so, wie sie meiner Auffassung nach uns der bekannte Dichter Freiligrath im Jahre 1848 in seinem Gedicht: Sei gedacht der Toten usw. schildert.

Parteigenossen, sorgen Sie dafür, daß wir nicht die Sklaven der Bourgeoisie werden!

Wortmeldungen liegen nicht vor, ich schließe die Versammlung.

Schluß: 10.45 Uhr

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Litresdə buraxılış tarixi:
05 fevral 2026
Həcm:
291 səh. 3 illustrasiyalar
ISBN:
9788075833341
Müəllif hüququ sahibi:
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