Kitabı oxu: «Der 1000-jährige Junge»
Bisher sind von Ross Welford im Coppenrath Verlag erschienen:

| eISBN: 978-3-649-62514-8 | eISBN: 978-3-649-62906-1 |
eISBN 978-3-649-63242-9
© 2019 für die deutschsprachige Ausgabe
Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise
Originally published by HarperCollins Publishers under the title:
The 1,000 year old boy
© Ross Welford 2018
Translation © Petra Knese 2018 translated under licence from
HarperCollins Publishers Ltd
Ross Welford asserts the moral rights to be identified
as the author of this work.
Aus dem Englischen von Petra Knese
Umschlaggestaltung © HarperCollins Publishers 2017
Umschlagillustration © Tom Clohosy Cole
Lektorat: Jutta Knollmann
Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim
www.coppenrath.de
Das Buch erscheint unter der ISBN 978-3-649-63027-2
Ross Welford
Aus dem Englischen von Petra Knese

Inhalt
Teil 1
ALFIE
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
Teil 2
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
Teil 3
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
70. Kapitel
71. Kapitel
72. Kapitel
73. Kapitel
74. Kapitel
75. Kapitel
76. Kapitel
77. Kapitel
78. Kapitel
79. Kapitel
80. Kapitel
Teil 4
81. Kapitel
82. Kapitel
83. Kapitel
84. Kapitel
85. Kapitel
86. Kapitel
87. Kapitel
88. Kapitel
89. Kapitel
90. Kapitel
91. Kapitel
92. Kapitel
93. Kapitel
94. Kapitel
95. Kapitel
96. Kapitel
97. Kapitel
98. Kapitel
99. Kapitel
100. Kapitel
101. Kapitel
102. Kapitel
103. Kapitel
104. Kapitel
105. Kapitel
Dank
Über den Autor
Teil 1
ALFIE
Möchtet ihr ewig leben? Ich kann es leider nicht empfehlen. Mittlerweile habe ich mich dran gewöhnt und mir ist natürlich klar, dass es etwas Besonderes ist. Bloß will ich es nicht mehr. Ich möchte älter werden, genau wie ihr.
Das ist meine Geschichte. Ich heiße Alve Einarsson und ich bin tausend Jahre alt. Über tausend sogar.
Wollen wir Freunde sein? Dann nennt mich doch Alfie. Alfie Monk.
1. Kapitel
South Shields, 1014 nach Christus
Mam und ich saßen auf einem flachen Felsen und schauten hinüber zur Flussmündung, wo sich die Rauchschwaden aus dem Dorf mit den tief hängenden Wolken vermischten.
Der Fluss wird von allen Tyne genannt. Damals haben wir es »Tine« ausgesprochen, aber es war bloß unser Wort für Fluss.
Mam weinte und fluchte. Von der anderen Seite des Flusses kamen Schreie. Brandgeruch wehte vom Fort auf der Felskuppe herüber. Die Menschen, viele davon unsere Nachbarn, drängten sich am Ufer, doch der Fährmann Dag würde ihretwegen nicht noch mal zurückkehren. Jedenfalls nicht jetzt, denn dann würde man auch ihn töten. Nachdem sein Floß uns abgesetzt hatte, war er Entschuldigungen stammelnd davongelaufen.
Hinter den Menschen am Ufer tauchten die Männer auf, die in Booten gekommen waren. Einen Moment hielten sie inne – arrogant, furchtlos – und stürzten sich dann mit erhobenen Schwertern und Äxten auf ihre wehrlosen Opfer. Einige versuchten noch, sich ins Wasser zu retten. Aber weit kamen sie nicht, denn mitten auf dem Fluss wartete schon ein weiteres Boot auf sie.
Ich vergrub den Kopf in Mams Schal, aber sie zog ihn fort und wischte sich die Tränen weg. Ihre Stimme zitterte vor Wut.
»Sey, Alve. Sey!«
So sprachen wir damals. Das war einer dieser altnordischen Dialekte, wie man heute sagt. Wir hatten keinen Namen dafür. Und gemeint hat sie: »Sieh! Sieh, was sie uns antun, diese Männer, die mit ihren Booten aus dem Norden gekommen sind.«
Aber ich konnte nicht hinsehen. Ich stand auf und ging wie benommen ein Stück, doch immer noch hörte ich das Morden, immer noch roch ich den Rauch. Es zerriss mich fast, noch am Leben zu sein. Mam kam mir mit dem kleinen Holzwagen nach, in den wir alle Habseligkeiten gestopft hatten, die auf Dags Flussfähre Platz fanden.
Meine Katze Biffa lief neben uns her. Plötzlich schoss sie ins Gras, um eine Maus oder einen Grashüpfer zu jagen. Sonst brachte mich das immer zum Schmunzeln, aber nun fühlte ich mich so leer wie ausgeweidet.
Nach ein oder zwei Meilen fanden wir eine Höhle in einer geschützten Bucht. Die Sonne war so stark, dass wir das alte Brennglas von Da, so nannte ich Vater, benutzen konnten. Es war eine gewölbte, polierte Kristalllinse, die das Sonnenlicht zu einem schmalen Strahl bündelte, der Funken schlug. Ich hatte Angst, die Plünderer würden uns verfolgen, aber Mam sagte Nein, und sie behielt recht. Wir waren entkommen.
Als wir ihre Boote drei Tage später wieder in See stechen sahen, machte ich den größten Fehler meines Lebens. Tausend Jahre habe ich jetzt gewartet, um ihn wiedergutzumachen.
2. Kapitel
Warum hast du es dann gemacht?«, wollt ihr jetzt sicher fragen. Nur zu, meinetwegen. Ich habe es mich selbst wieder und wieder gefragt und verstehe es immer noch nicht ganz.
Nur so viel: Ich war jung und sehr, sehr verängstigt. Ich wollte etwas tun, irgendetwas, um mich stärker zu fühlen, um Mam besser beistehen und uns beide beschützen zu können.
Und so wurde ich ein Nimmertoter wie Mam.
Es begann vor langer Zeit, und wenn ich lange sage, meine ich vor vielen hundert Jahren. Und passiert ist es so:
Meinem Vater hatten fünf kleine Glasperlen gehört, die wir livperler nannten.
Lebensperlen.
Sie waren das Wertvollste, das wir besaßen. Mam sagte, sie wären das Wertvollste überhaupt auf der Welt.
Menschen hatten getötet, um an die Perlen zu gelangen. Und mein Da war gestorben, um sie zu beschützen. Deshalb erzählten wir niemandem von unserem kostbaren Besitz.
Nun waren noch drei übrig. Eine für Mam und zwei für mich, wenn ich älter war.
Das wusste ich alles. Mam hatte es mir oft genug gesagt. »Erst wenn du groß bist, Alve. Du musst dich gedulden.«
Aber ich konnte es nicht abwarten.
Am dritten Abend in der Höhle, als Mam unterwegs auf der Suche nach frischem Wasser war, öffnete ich den kleinen Tontopf und nahm die livperler heraus. Obwohl sie schon alt waren, glänzten die Glasperlen im Halbdunkel der Höhle. Und als ich eine vors Feuer hielt, leuchtete die dicke Flüssigkeit innen bernsteinfarben.
Biffa saß gegenüber vom Feuer auf einem kleinen Felsvorsprung, ihre gelben Augen glänzten wie die Glaskugeln. Verstand sie, was ich vorhatte? Sie maunzte, gab diesen kleinen Katzenlaut von sich, bei dem wir immer glaubten, sie würde mit uns sprechen. Biffa schien eine Menge zu verstehen.
Ich hockte mich hin, nahm das Messer, das kleine aus Stahl von Da, dessen Klinge sich im Holzgriff versenken ließ, und hielt es ins Feuer. Dann blickte ich zum Höhleneingang, um mich zu vergewissern, dass ich auch allein war, und schluckte schwer.
Als ich mir mit der heißen Klinge zweimal den Oberarm ritzte, sickerte Blut hervor. Zwei kurze Schnitte wie Mams Narben. Wie auch Da sie gehabt hatte. Nimmermale. Ich weiß nicht, ob es eine Rolle spielt, dass man sich zweimal schneidet, wahrscheinlich nicht. So wurde es eben gemacht.
Weh tat es erst, als ich die Wunden mit Daumen und Zeigefinger auseinanderzog. Ich zerbiss die Glasperle. Wie das Blut aus meinen Schnitten quoll der gelbe Sirup hervor. Ich gab ihn auf die Fingerspitzen und rieb ihn in die Wunden, bis nichts mehr davon übrig war. Es brannte wie frische Brennnesseln im Frühling.
Was dann geschah, war ein Unfall. Ich habe es in Gedanken immer wieder durchgespielt, so wie Leute heute »Videoclips« abspielen. Hätte ich anders handeln können?
Ich weiß es nicht.
Biffa war vermutlich bloß neugierig. Gewusst kann sie nichts haben, aber sie war eben eine sehr kluge Katze. Auf einmal sprang sie mit einem leisen Grollen durch die Flammen auf mich zu. Ohne nachzudenken, riss ich das Messer hoch, das noch neben mir auf dem Boden lag. Ein einfacher Reflex. Es ritzte ihr leicht in die Vorderpfote, aber sie miaute nicht einmal. Als sie hinter mir landete, fuhr ich herum und fegte mit meiner Tunika eine weitere Lebensperle vom Felsregal, wo ich sie deponiert hatte. Ich verlor das Gleichgewicht und zertrat die Perle versehentlich.
Entsetzt starrte ich ein paar Augenblicke darauf.
Schlimm genug, dass ich mich Mams Anordnungen widersetzt hatte, nun hatte ich auch noch eine weitere kostbare Lebensperle verschwendet.
Die zähe bernsteinfarbene Flüssigkeit sickerte heraus. In dem Moment dachte ich nur daran, dass sie nicht vergeudet werden durfte, packte Biffa am Nackenfell und rieb ihr die Flüssigkeit in die verletzte Pfote.
(Im Lauf der Jahre habe ich Mam immer wieder versichert, dass ich das nicht mutwillig getan habe. Ich wollte die Perle nur nicht verschwenden.)
Dann wickelte ich einen Streifen sauberen Stoff um meinen Arm und einen um Biffas Bein. Ihr schien das nichts auszumachen. Sie leckte sich die Schnurrhaare, gähnte und rollte sich zusammen. Gegen den blauen Abendhimmel sah ich Mams Gestalt am Höhleneingang mit einem Kübel Wasser auftauchen und ich schämte mich ganz schrecklich.
Manchmal schäme ich mich immer noch.
Bis dahin hatte ich elf Winter erlebt.
Und ich sollte über tausend Jahre lang elf bleiben.
3. Kapitel
All das ist Ewigkeiten her.
Ich habe schon einige Male versucht, meine Geschichte zu erzählen, musste aber schnell einsehen, dass keiner sie hören will. Ich muss wesentliche Einzelheiten wie die Lebensperlen auslassen, also denken die Leute, ich nehme sie auf den Arm (bestenfalls) oder ich bin ernsthaft irre (schlimmstenfalls).
Manchmal frage ich mich, ob die Leute wohl anders reagieren würden, wenn ich alt aussähe. Also wenn ich faltig und glatzköpfig wäre, gebückt ginge, mit zitternder Stimme spräche, riesige, von Adern durchzogene Ohren und schlecht sitzende Klamotten hätte. Nur dass dann keiner mehr glauben würde, ich nähme ihn auf den Arm. Da würde gleich jeder denken, dass mir das Alter den Verstand geraubt hätte.
»Gott hab ihn selig, den alten Alfie«!, hieße es dann. »Heute hat er schon wieder unentwegt von den Wikingern gefaselt.«
»Was? Oh, oh. Gestern hatte er es mit Charles Dickens. Meint, er hätte ihn getroffen!«
»Im Ernst? Der arme Kerl. Zum Glück ist er harmlos. Tut keiner Fliege was zuleide, ist eben nur vollkommen gaga.«
Aber ich sehe kein bisschen alt aus. Ich sehe aus wie elf.
Als ich aufgehört habe zu altern, hatten die Wikinger ihre Besetzung vom Nordosten Englands schon so gut wie abgeschlossen. Es waren die Schotten gewesen, vor denen Mam und ich geflohen waren. Es sollte noch etwas über fünfzig Jahre dauern, bis der Süden des Landes besetzt wurde, nämlich 1066 von den Normannen. (Wenn ihr mich fragt, waren das im Grunde bloß Wikinger, die Französisch gelernt hatten. Aber mich fragt ja keiner. Nor-manne, Nord-mann, versteht ihr, was ich meine?)
Und falls es euch interessiert, Charles Dickens bin ich wirklich begegnet, aber erst viele Jahre später.
Seht ihr? Ihr glaubt mir auch nicht, oder? Ich kann es euch nicht verübeln, schließlich bin ich der einzige verbliebene Nimmertote auf Erden. Und jetzt, wo Mam von mir gegangen ist, ist das ewige Leben überhaupt kein Leben mehr.
Bloß, wenn ihr mir schon nicht glaubt, wie überzeuge ich denn erst Aidan Linklater und Roxy Minto? Deren Hilfe brauche ich nämlich, um den Fluch des endlosen Lebens aufzuheben.
Und wenn die beiden mir nicht glauben, bin ich, wie man heute sagt, geliefert.
AIDAN
Ich verrate euch lieber gleich, warum ich so genervt bin. Dann ist das geklärt. Und wir können dazu übergehen, wie ich Alfie kennengelernt habe und sich mein Leben für immer verändert hat.
4. Kapitel
Whitley Bay, heute
Wir sind umgezogen, so fängt es schon mal an. Schlimm genug, aber nun haltet euch fest:
1. Das Haus ist kleiner. Viel kleiner und hat kaum Garten, nur so eine Holperwiese, auf der man nicht mal Fußball spielen kann. Mum hat mich mehr als einmal daran erinnert, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass wir überhaupt einen Garten haben, und wenn sie das sagt, tut es mir leid, davon angefangen zu haben, denn ich weiß ja, warum wir umgezogen sind. Bloß mein Freund Mo, der in einer Wohnung wohnt, kam sonst immer vorbei, weil er keinen Garten hat, aber das ist ja jetzt wohl witzlos.
2. Wenn wir Besuch haben, muss ich mir nun das Zimmer mit Libby teilen, die eine echte Nervensäge ist. Libby ist sieben und steht auf My Little Pony.
3. Inigo Delombra, der in meine Stufe geht, wohnt jetzt in unserem alten Haus. Ich glaube, er hat sogar mein altes Zimmer. Wenn er mich sieht, grinst er immer so dämlich, als wollte er sagen: »Loser!«
Wenigstens konnte ich auf meiner Schule bleiben, aber so wie es mit Spatch und Mo läuft, hätte ich ebenso gut wechseln können.
Und noch was: Mum und Dad sind nur noch am Streiten. Gestritten haben sie eigentlich schon immer viel – »kabbeln« nennen sie es –, doch in letzter Zeit ist es viel schlimmer geworden, und sie glauben, ich merke es nicht. Es geht ums Geld, immer ums Geld. Genaueres weiß ich nicht. Irgendwie haben sie das Geld »schlecht angelegt« und Mum gibt Dad die Schuld daran. Mum arbeitet nun in einem Callcenter, was sie grässlich findet.
Neulich Abend habe ich Libby oben auf der Treppe erwischt, als sie gelauscht hat. Sie fragte: »Lassen sie sich jetzt scheiden, Aidan?«
Natürlich musste ich sagen: »Ach, Quatsch!« Libbys Kinn zitterte, aber geweint hat sie nicht. Jedenfalls nicht vor mir. Zum Glück, sonst hätte ich auch noch losgeheult.
So, nachdem das geklärt wäre …
Jetzt mal ehrlich. Wenn euch ein Junge, den ihr gerade erst kennengelernt habt, erzählt, er wäre tausend Jahre alt, wie würdet ihr wohl reagieren?
Vielleicht würdet ihr lachen und sagen: »Ja, alles klar!«
Oder ihr ignoriert ihn einfach, so nach dem Motto: Den Irren provoziere ich lieber nicht.
Man könnte auch mit einer witzigen Bemerkung kontern: »Und ich bin der Kaiser von China!«
Okay, mit witzigen Bemerkungen habe ich es nicht so, aber ihr wisst, was ich meine.
Als Alfie also zu mir sagte: »Aidan, ich bin über tausend Jahre alt«, habe ich ihm logischerweise nicht geglaubt.
Und dann musste ich es doch, denn so unglaublich es auch war, es stimmte.
Aber damit ihr das kapiert, muss ich noch mal ein bisschen zurückgehen.
5. Kapitel
Am Anfang der Osterferien sind wir – ich, Mum, Dad und Libby – ins neue Haus gezogen. Nach drei Tagen hatten wir alles ausgepackt. Auch meine Xbox, die beim Umzug zu Bruch gegangen war. Ich fragte Mum, ob ich eine neue haben könnte, doch sie lachte nur traurig, was wohl nein bedeutete. Als sie dann noch meinte, wir hätten »andere Prioritäten«, bereute ich, überhaupt gefragt zu haben.
Vor mir lagen die gesamten Ferien.
»Ruf deine Freunde an und geh runter zum Strand«, sagte Mum alle fünf Minuten.
Aber leider war Spatch mit seinen italienischen Großeltern in Neapel, wo er jede Ostern hinfährt, und diesmal hatte er auch Mo eingeladen. Mich nicht.
Vor den beiden habe ich so getan, als machte es mir nichts aus, aber das tat es. Als ich mit Mum darüber sprach, sagte sie bloß: »Ach, na ja. Wir hätten uns den Flug eh nicht leisten können. Ist doch nicht so schlimm.« Aber darum geht es ja gar nicht. Spatch war es wohl ein wenig peinlich. Er sagte, im Bauernhaus seiner Großeltern wäre kein Platz mehr gewesen, aber ich habe Fotos von dem Haus gesehen und es ist riesig, außerdem hätte ich auch mit dem Fußboden vorliebgenommen. Fast wäre es mir rausgerutscht, ist es aber zum Glück nicht.
Um der Sache noch die Krone aufzusetzen, wie Dad gerne sagt, kamen auch noch Tante Alice und Onkel Jasper zu Besuch. Tante Alice geht ja noch, aber Onkel Jasper? Oh Mann!
Dad war auch nicht begeistert, denn er stöhnte und sagte zu Mum: »Mein Gott, können die nicht ins Hotel? So viel Platz haben wir auch nicht.«
»Sie ist meine Schwester, Ben.«
Dad schnalzte nur mit der Zunge und verdrehte die Augen.
Am vierten Ferientag kamen also Tante Alice und Onkel Jasper am Morgen und ich wurde mit Luftmatratze in Libbys Zimmer einquartiert. Libby war noch ein paar Tage im Zeltlager, also musste ich mir das Zimmer noch gar nicht richtig mit ihr teilen, aber trotzdem …
Wir saßen in der Küche zwischen all den Kartons, die die Umzugsfirma dagelassen hatte. Dad arbeitet zurzeit nicht, deshalb war er zu Hause, kochte Tee und erkundigte sich nach Jaspers Boot (offenbar ein »unverfängliches Thema«). Mum machte ein großes Gewese um Tante Alices Bluse. Tante Alice ist viel älter als Mum und Jasper ist viel jünger als Tante Alice, wobei er dank seines Bartes älter als alle beide aussieht, falls das verständlich ist.
Nachdem Tante Alice gesagt hatte, wie groß ich geworden war, kam die einzige Bemerkung, die an mich gerichtet war, von Jasper.
»Und was ist mit dir, Junge? Bekommst du auch genug frische Luft? Du siehst ja aus wie der Tod auf Latschen!« Und dann grinste er und entblößte seine langen weißen Zähne, als würde er es nicht ernst meinen, tat er aber.
Tante Alice meinte daraufhin: »Ach, Jasper, er sieht doch prima aus!«
Und Mum sagte mit leicht scharfem Unterton: »Ihm geht’s gut, Jasper. Stimmt’s, Aidan?«
Ich nickte heftig, als könnte ich meinem Onkel damit zeigen, dass auch ich so »fit wie ein Turnschuh« war, um eine seiner Formulierungen zu übernehmen.
Er gab einen Grumph-Laut von sich und fügte hinzu: »Seeluft. Ein wenig von der guten ventum maris. Das brauchst du, Junge.« Dann nahm er schlürfend einen Schluck Tee (schwarz, ohne Zucker).
Tja, so redet er, dieser Jasper.
Soweit ich es beurteilen kann, spricht er weder mit einem regionalen Dialekt noch hat er einen ausländischen Akzent. Manchmal klingt er amerikanisch und dann wieder australisch, (wenn seine Stimme am Ende eines Satzes nach oben geht, als wollte er was fragen, tut er aber gar nicht). Der Akzent ist echt schwer auszumachen. Geboren ist Jasper in Rumänien, aber er hat schon in vielen Ländern gelebt. Hinter getönten Gläsern schimmern eng zusammenstehende Augen, dunkel sind sie, fast schwarz.
Einmal habe ich ihn gefragt, woher er komme. »Nenn mich einfach Nomade«, sagte er da und bleckte die Zähne. Mal ganz ehrlich, der Typ macht mir Angst.
Mein Glas Milch war leer und Jasper hatte das Wort »Premierminister« in den Bart gemurmelt – höchste Zeit, sich zu verdünnisieren. Sobald die Regierung ins Spiel kommt, geht es mit dem Gespräch meist nicht aufwärts, das ist jedenfalls meine Erfahrung.
»Ich gehe nach draußen«, sagte ich. Daraufhin erntete ich ein Grunzen, was ich als Zustimmung von Jasper wertete.