Kitabı oxu: «Bomba im Herzen Afrikas»
Roy Rockwood
Bomba im Herzen Afrikas
Band 12

Inhaltsverzeichnis
Etwas aus Bombas Leben
1 Nächtliche Wache
2 Die Stimme Simbas
3 Die bemalten Jäger
4 Die Probe der Drei Nächte
5 Tappende Füße
6 Das wilde Rudel
7 Der Ritt auf dem Rhinozeros
8 Die Gefährtin des Leoparden
9 Angespannte Muskeln
10 Der Zweikampf
11 Die Pygmäen ziehen ab
12 Singende Pfeile
13 Der Elefant greift an
14 Der kriechende Tod
15 Eine wichtige Beratung
16 Die Herausforderung
17 Mitten im Ziel
18 Die Löwenjagd
19 Der Nachtangriff
20 Karon in Gefahr
21 Auf der Fährte
22 Ein tödliches Ringen
23 Im letzten Augenblick
24 Rettung
25 Ein Rätsel löst sich
Etwas aus Bombas Leben
Wer Bomba bei seinen Erlebnissen im Dschungel und Urwald, auf hoher See und in der großen Stadt begleitet, wird sicherlich mehr von diesem interessanten Jungen erfahren wollen. Am besten stellen wir Bomba also vor, ehe sein neues Abenteuer beginnt.
Bomba ist vierzehn Jahre alt und hat die meiste Zeit seines Lebens im südamerikanischen Dschungel verbracht. Dort war sein Pflegevater und Beschützer der alte Naturforscher Cody Casson, der sich in ein abgelegenes Gebiet des Amazonas-Dschungels zurückgezogen hatte, um dort ganz seinen Forschungen zu leben.
Als Bomba das Alter erreicht hatte, in dem er mehr von seiner Vergangenheit und Herkunft zu erfahren wünschte, zog sich Cody Casson bei der Explosion eines Gewehres eine Kopfverletzung zu, durch die seine Gedächtniskraft geschwächt und fast zerstört wurde. Von diesem Zeitpunkt an lastete die Verantwortung für die Lebensführung ganz auf Bomba.
In einem Alter, in dem andere Jungen ruhig und behütet bei ihren Eltern aufwachsen und die Schulbank drücken, musste Bomba sich mit den Gefahren und Härten des Dschungellebens vertraut machen. Seine strengen Lehrmeister waren die Erfahrung und die Not. Bald lernte Bomba jene Weisheiten und Gesetze des Dschungels kennen, die es dort immer zu beherzigen galt, wenn man sein Leben erhalten wollte. Er lernte die vielen Kampftricks, die Technik von Verteidigung und Angriff bei der Begegnung mit Kopfjägern, Raubtieren und Schlangen.
Seine schulische und geistige Erziehung ließ in dieser Zeit zu wünschen übrig, da Cody Casson nicht mehr in der Lage war, den einmal begonnenen Unterricht fortzusetzen. Wie ein junger Indianer wuchs Bomba im Dschungel heran. Auch äußerlich unterschied er sich wenig von den Eingeborenen. Seine Haut war dunkel gebräunt. Er trug einen Eingeborenenschurz und das Fell eines erlegten Pumas. Seine Waffen waren Pfeil und Bogen und die Machete, das Buschmesser der Eingeborenen.
Äußerlich glich also Bomba damals in vielen Dingen einem Indianer, und doch unterschied er sich durch wesentliche Merkmale von den Eingeborenen. Er hatte eine gerade Nase und kastanienbraunes, welliges Haar. Die hellbraunen Augen leuchteten freundlich für alle Freunde; und zu jener Zeit, als er seine Eltern noch nicht wiedergefunden hatte, war oft ein Schimmer von Melancholie in seinem Blick.
In den ersten neun Bänden begleiten wir Bomba bei seinen abenteuerlichen Fahrten durch den südamerikanischen Dschungel; wir erleben mit ihm die Tage der Hoffnung, wenn er eine Spur seiner Eltern gefunden zu haben glaubte, und jene schmerzlichen Stunden der Enttäuschung, wenn wieder einmal sein sehnlichster Wunsch keine Erfüllung fand.
Bomba durchstreift eine versunkene Stadt, deren längst verschollene Einwohner wertvolle Schätze und interessante Ruinen hinterlassen haben. Er kämpft gegen Kopfjäger und rettet sich und seine Gefährten aus unterirdischen Höhlen, die sich meilenweit dahinziehen. Der Ausbruch eines Vulkans rettet ihn im letzten Augenblick aus der Gewalt eines tyrannischen Medizinmannes, der die Eingeborenen eines weiten Gebietes beherrscht, und das Zusammentreffen mit Sobrinini, der Herrscherin auf der Schlangeninsel, stellt eine der spannungsreichsten und interessantesten Episoden in Bombas Dschungelreisen dar.
Es wäre zu viel, hier im Einzelnen von Bombas Taten und Abenteuern zu berichten. Einen wirklichen Eindruck vom Lebenslauf dieses einzigartigen Jungen kann nur derjenige bekommen, der Bomba von seinem ersten gefährlichen Kampf gegen die Kopfjäger bis zu jenem glücklichen Augenblick begleitet, wo er seine Eltern wiederfindet.
Doch es scheint so, dass Bomba auch bei seinem Aufbruch in das für ihn neue und fremdartig fesselnde Leben in der Zivilisation keine Ruhe finden soll. Zwar lebt er nach seiner Ankunft in New York zuerst wie jeder andere Junge, der in die Schule geht und mit seinen Eltern beisammen ist, aber bald genug erfahren wir im zehnten Band — Bomba in einem fremden Land — dass Bomba das gesicherte Leben in der Zivilisation wieder aufgeben muss, um seinem Vater zu Hilfe zu eilen, der als Maler bei einer Expedition ins Innere Afrikas in die Gefangenschaft eines barbarischen Stammes geraten ist.
Wir erleben mit Bomba und seinem Gefährten Gibo, den er aus dem südamerikanischen Dschungel nach New York mitgenommen hat, zuerst die heiteren und ernsten Geschehnisse, die sich auf der Schiffsreise nach Afrika abspielen. Aber erst die Ankunft in Afrika führt Bomba wieder jenen gefährlichen Abenteuern entgegen, nach denen er sich unbewusst während des Lebens in der Großstadt immer gesehnt hat. Er weiß jetzt, dass er kaum ohne den Dschungel leben kann, und wenn nicht die Sorge um seinen Vater gewesen wäre, hätte er die Ausrüstung der Safari, die ihn von Nairobi aus in den afrikanischen Busch führen soll, als die schönste Vorbereitung zu einem spannenden Erlebnis genossen.
Bomba dringt mit seinen Gefährten in eine fremdartige, geheimnisvolle Welt ein — und er spürt wieder den Pulsschlag der ungebändigten, freien Natur, mit der er sich so innig verbunden fühlt. Er begegnet seltsamen wilden Tieren und Menschen des Urwaldes, und der Atemhauch dunkler Gefahren schlägt ihm erneut aus den Dschungeln und Savannen entgegen.
Ein besonders reizvolles Abenteuer erlebt Bomba in Band 11 — Bomba bei den Pygmäen. Es gelingt ihm, durch kühnen Wagemut und blitzschnelles Handeln im Kampf mit einem rasenden Orang-Utan die Freundschaft eines Häuptlings vom rätselhaften Zwergenvolk der Pygmäen zu gewinnen. Diese kleinen, tapferen Krieger helfen Bomba bei seinem Vorstoß in das Gebiet wilder Stämme und begleiten ihn auf einem weiten Stück seines abenteuerlichen Weges.
Unermesslich groß ist der geheimnisvolle Kontinent Afrika, und unerschöpflich ist die Fülle von Abenteuern, die Bomba auch weiterhin in dem dunklen Erdteil erwarten. Einen Teil dieser fesselnden Geschehnisse erleben wir mit Bomba im vorliegenden Band, während wir ihn auf der Fährte jener Wilden begleiten, die seinen Vater verschleppt haben.
1 Nächtliche Wache
Es war Nacht im Herzen Afrikas.
Hoch wölbte sich der sternenbestickte Himmel über der Steppe, und der Rand des Dschungels war wie eine dunkle Wand, die die dämmrige Weite mit den pilzartig aufragenden Feigenbäumen begrenzte. Verstohlene Schritte tappten durch das hohe Gras — und dann erhob sich die tiefe, grollende Stimme aus der Dunkelheit: die Stimme Simbas, des Löwen, des Königs aller Tiere.
Ein Mann in einer Buschhütte am Rande des Dschungels fuhr von seinem Lager empor.
„Hörst du es, Bomba? Der Löwe ruft wieder!“
Gibo, Bombas treuer Gefährte, beugte sich über seinen schlafenden Herrn und rüttelte ihn an der Schulter.
Schlaftrunken richtete sich Bomba auf und lauschte in die Nacht hinaus. Deutlich hörte er das tiefe Grollen aus der Kehle des gefürchteten Raubtiers.
„Ja. Er ist wieder da“, murmelte Bomba. „Aber er wird uns nicht mehr lange unsere Ruhe rauben. Morgen gehen wir auf die Jagd und erlegen ihn.“
„Möge sein ganzes Geschlecht verwünscht sein!“, rief Wafi, der riesige Zulu, den das Brüllen ebenfalls aus dem Schlaf gerissen hatte.
Bomba hatte sich schon wieder auf seinem Lager langgestreckt. Bald darauf verrieten seine gleichmäßigen, leisen Atemzüge, dass er schlief. Aber Gibo und Wafi konnten noch keine Ruhe finden und unterhielten sich flüsternd am Eingang der Buschhütte.
Es war eine merkwürdige Unterhaltung, die die beiden da führten. Gibo, der Indianer aus dem südamerikanischen Dschungel, hatte zwar in der Zeit, die er schon mit Bomba in Afrika verbrachte, einige der wichtigsten Eingeborenendialekte dieses Kontinents verstehen gelernt, aber das Sprechen selbst fiel ihm nicht so leicht. So kam es mitunter zu sehr komischen Missverständnissen.
Nur in einer Hinsicht waren Gibo und Wafi sich immer einig — dass nämlich Bomba der größte und tapferste Kämpfer im Dschungel war. Wenn sie auf dieses Thema zu sprechen kamen, konnten sie oft kein Ende finden, und auch diesmal ließ Gibo eine lange Lobeshymne ertönen, und Wafi stimmte ihm aus vollem Herzen zu.
„Ja, es ist so wie du sagst, Gibo. Wir haben schon oft genug gesehen, wie er gegen übermächtige Feinde kämpfte und doch keinen einzigen Kratzer davontrug. Er muss unter dem Schutz der Götter stehen.“
„Welcher Götter?“, fragte Gibo.
„Natürlich unter dem Schutz der Götter, die mich und meinen Stamm beschützen“, erklärte Wafi selbstgefällig. „Es gibt keine anderen. Oder wenn es welche gibt, dann sind sie schwach und unbedeutend.“
Gibo war mit dieser Erklärung durchaus nicht einverstanden.
„Eure Götter!“, schnaubte er verächtlich. „Sie sind wie hilflose Kinder im Vergleich zu unseren Göttern. Allein die Götter des südamerikanischen Dschungels sind es, die über Bomba wachen. Und durch meine Gebete und Opfer habe ich bewirkt, dass sie Bomba nie im Stich lassen. Du hast dumme Worte gesprochen, Wafi.“
Der große Zulu runzelte die Stirn so stark, dass sein an sich schon finsteres Aussehen noch furchterregender wurde. So sah er aus, wenn er angestrengt nachdachte — und jetzt dachte er besonders angestrengt nach. Dann erhellte sich sein Gesicht. Sein ganzes prächtiges Gebiss wurde sichtbar, als er die dicken Lippen zu einem breiten Grinsen verzog.
„Sind die Götter, von denen du sprichst, in deinem Lande, Gibo?“, fragte er.
„Natürlich“, bestätigte Gibo arglos.
Wafis Grinsen wurde noch breiter.
„Aha, sie sind also in deinem Lande, Gibo. Das gibst du selbst zu. Und willst du mir dann verraten, wie sie über das große Wasser kommen können, um deine Gebete zu hören? Können sie schwimmen?“
Gibos Medizinmann im heimischen Dorf hatte nie davon gesprochen, dass die Götter Schwimmflossen hätten, und so konnte er sich auch nicht vorstellen, wie sie das Meer überquert haben könnten. Für den Augenblick war Gibo geschlagen. Er sah Wafis listiges Grinsen im schwachen Schein des erlöschenden Lagerfeuers und dachte über eine besonders schlagkräftige Erwiderung nach, als wieder das drohende Brüllen aus dem Dschungel erklang.
„Der Löwe ist nähergekommen!“, stieß Wafi unruhig hervor. „Wir müssen unser Feuer größer machen. Simba ist hungrig und sucht eine Beute. Wir müssen ihn abschrecken.“
Beide hatten kein Verlangen danach, in dieser Nacht auf dem Speisezettel des Löwen zu stehen, und sie beeilten sich daher, frische Zweige auf die Flammen zu werfen und das Feuer neu zu schüren. Alle nächtlichen Raubtiere des Dschungels fürchteten den lodernden Feuerschein, und als die Flammen hoch aufzüngelten, fühlten sich Wafi und Gibo wieder einigermaßen sicher.
Sie kauerten schweigsam am Eingang der Hütte und suchten mit aufmerksamen Blicken angestrengt die Dunkelheit ab, die sich hinter dem Lichtkreis des Lagerfeuers dehnte. Nichts war zu sehen als das undurchdringliche, bizarre Schattengewirr der üppigen Dschungelvegetation. Gleich darauf war die Stimme des Löwen wieder zu hören. Diesmal schien sie noch näher gerückt zu sein.
„Was ist schon ein Löwe?“, sagte Wafi mit einer Verächtlichkeit, die vielleicht nicht ganz echt empfunden war. „Wenn er wüsste, dass Bomba in dieser Hütte schläft, würde er den Schweif zwischen die Beine klemmen und verschwinden.“
„Lass ihn nur brüllen“, flüsterte Gibo, um sich selber Mut zu machen. „Morgen um diese Zeit wird sein Kadaver bereits den Hyänen zum Fräße dienen. Bomba hat gesagt, er wird ihn töten, und Bomba hält sein Wort.“
„Was für ein Wort werde ich halten?“
Das Brüllen des Löwen hatte auch Bomba geweckt. Er richtete sich seufzend von seinem Lager aus Zweigen und Laub auf, reckte die Arme und stand auf.
„Ich habe gesagt, dass du den Löwen töten wirst, wie du es versprochen hast“, erklärte Gibo.
Bomba war an den Eingang der Hütte getreten und spähte über die Schultern seiner beiden Begleiter hinaus.
„Dort, Herr! Dort ist er!“, stieß Gibo plötzlich in scharfem Flüsterton hervor.
Im unruhig flackernden Schein der Flammen sah auch Bomba jetzt die schattenhafte Gestalt, die durch das Unterholz bis an den Rand der Lichtung geschlichen war.
„Ja, ich sehe ihn auch“, flüsterte Wafi. „Es ist ein sehr großer Löwe, Herr. Fast so groß wie ein Nashorn.“
„Wafi, ich glaube, du hast Vergrößerungsaugen“, erwiderte Bomba mit einem verschmitzten Lächeln. „Oder du meinst ein junges Nashorn, das noch mit seiner Mutter läuft.“
„Herr, der Löwe kommt näher!“, rief Wafi, ohne auf die Neckerei einzugehen. „Vielleicht wagt er es doch, das Feuer zu überspringen!“
Tatsächlich deutete ein Grollen, das tief aus der Kehle des Löwen kam, darauf hin, dass er hungrig und gereizt war. In diesem Zustand überwand er vielleicht sogar die instinktive Scheu aller Raubtiere vor dem Feuer. Bomba glitt schnell ins Innere der Hütte zurück und ergriff seinen Speer.
„Soll er kommen, wenn er mag“, sagte er. „Dann erspart er mir die Mühe, ihn im Dschungel zu suchen.“
Die Gestalt des Raubtieres zeichnete sich jetzt deutlich im Flammenschein ab, und Bomba musste selbst zugeben, dass er einen Löwen von dieser Größe noch nicht gesehen hatte. Der Schweif der Bestie peitschte erregt hin und her, und die grünlich schillernden Raubtieraugen blinzelten gegen das helle Flammenlicht.
Gibo war wieder etwas mutiger geworden, als er den Speer in Bombas Hand sah.
„Komm nur noch etwas näher, oh Herr des Dschungels“, lud er den Löwen höhnisch ein. „Dann wird Bomba dir den Speer in dein gelbes Fell bohren. Oder hast du etwa Angst vor dem Feuer, tapferer Simba?“
Das riesige Tier stieß wieder sein drohendes Brüllen aus. Der muskulöse Körper presste sich dicht an den Boden und kroch noch näher an die Feuersperre heran, die Gibo und Wafi im Halbkreis um den Eingang der Hütte gelegt hatten.
Auf diesen Augenblick hatte Bomba gewartet. Er hob den Arm, schätzte die Entfernung ab, holte zum Wurf aus und schleuderte den Speer mit ganzer Kraft. Unglücklicherweise kam sein Ellbogen dabei mit Wafis Schulter in Berührung, der nicht schnell genug zur Seite gewichen war. Die Speerspitze wurde abgelenkt und traf den Löwen nur an der Schulter. Da der Schaft des Speeres jedoch ins Feuer fiel, wurde das Raubtier im gleichen Augenblick mit einem Funkenregen überschüttet. Mit einem schrillen Heulen, das irgendwie dem Kreischen einer entsetzten Katze glich, jagte Simba, der König der Tiere, in die Dunkelheit hinein.
Gibo lachte laut auf.
„Das ist Wafis Nashorn, das da läuft“, spottete er. „Es scheint genug zu haben von seinem nächtlichen Ausflug.“
„Die Dämonen des Feuers haben den Löwen vertrieben“, sagte Wafi ernst. „Er war bestimmt nicht feige, denn sonst wäre er nicht so nahe an die Hütte herangekrochen. Jetzt hat er uns jedenfalls gesehen, und wir müssen uns nun ständig vor ihm in Acht nehmen. Seine Krallen und Zähne sind scharf.“
„Bombas Messer und Speer sind auch scharf“, erwiderte Gibo.
Der Junge war inzwischen ins Innere der Hütte zurückgekehrt und hatte sich zur Ruhe gelegt. Gibo wartete, bis er sicher war, dass Bomba wieder schlief, und er sagte dann grollend zu Wafi:
„Ist dir überhaupt klar, dass nur durch deine Schuld Bomba den Löwen nicht schon jetzt erlegt hat? Wenn du nicht im Wege gestanden hättest, läge der große Simba jetzt schon tot hier vor uns.“
Wafi senkte beschämt den Kopf. So kriegerisch und angriffslustig er auch sein konnte — er sah immer sofort ein, wenn er einen Fehler begangen hatte.
„Ich habe mich sehr dumm benommen“, murmelte er.
Diese offene Selbstbezichtigung brachte Gibo dazu, dass er mit einer großmütig verzeihenden Geste das Thema abschloss.
„Wir legen noch einmal frische Äste nach“, sagte er. „Dann wird der Löwe keinen zweiten Angriff wagen.“
Wafi war nicht so optimistisch.
„Vielleicht ist die Gefährtin des Löwen auch in der Nähe und will die Verletzung ihres Herrn rächen“, gab er zu bedenken. „Eine Löwin ist, wenn sie gereizt wird, noch gefährlicher als ein männlicher Löwe.“
An diese Aufklärung knüpfte Wafi noch einige höchst unfreundliche Bemerkungen über das Geschlecht der Raubtiere im Allgemeinen und das der Löwen im Besonderen. Gibo, der die Sprache nicht so gut beherrschte, bewunderte dabei besonders den Reichtum der Zulusprache an Kraftausdrücken und Verwünschungen, die sich auf diese gefürchteten tierischen Feinde des Menschen bezogen.
Abwechselnd hielten die beiden für den Rest der Nacht Wache. Sie ließen Bomba schlafen, da der Junge in einer der vorigen Nächte ganz allein gewacht hatte.
In dieser Nacht gab es keine Zwischenfälle mehr, und kurz nach Tagesanbruch weckte Gibo seine beiden schlafenden Gefährten. Bomba war sofort hellwach. Das Sonnenlicht fiel in breiter Bahn durch den Eingang der Hütte, und das Grün der Bäume und Büsche funkelte noch im Tau des frühen Morgens.
„Ein schöner Tag für eine Antilopenjagd“, sagte Wafi mit scheinheiligem Eifer. „Wir könnten neuen Proviant gebrauchen, Bomba.“
„Zartes Antilopenfleisch wäre gut“, stimmte Gibo sofort zu.
Bomba schaute von einem zum anderen und musste dann lachen.
„Keine Lust zur Löwenjagd, ihr tapferen Jäger?“, fragte er in gutmütigem Spott.
Die beiden fühlten sich durchschaut und grinsten verlegen.
„Wenn du willst, Herr, gehen wir auf die Löwenjagd“, sagte Gibo kleinlaut.
„Es wäre aber gut, wenn wir erst nachschauen, ob unsere Speere scharf genug sind“, sagte Wafi hastig. „Schon viele Männer meines Stammes sind auf die Löwenjagd gegangen und nie mehr zurückgekehrt.“
„Aber viele Löwen sind auch schon von Jägern erlegt worden“, fügte Bomba hinzu. „Und du lebst auch immer noch, Wafi.“
„Richtig, Herr. Und wenn du uns führst, gehe ich auch mit zur Löwenjagd", erwiderte Wafi. „Aber vielleicht finden wir die Fährte des Löwen nicht mehr“, fügte er hoffnungsvoll hinzu.
„Bomba kann jeder Fährte folgen“, prahlte Gibo. „Der Löwe wird ihm nicht entkommen.“
Nach einem kurzen Frühstück verließen die drei Jäger die Lichtung. Wafi und Gibo waren zwar nicht allzu begeistert von dem Gedanken, sich jetzt wissentlich in Gefahr zu begeben, statt dem harmlosen Vergnügen der Antilopenjagd nachzugehen, aber sie wussten, wie unnachgiebig Bomba in solchen Dingen sein konnte, und sie schwiegen daher.
Es fiel Bomba nicht schwer, die Fährte zu finden; in dieser Hinsicht hatte Gibo völlig recht gehabt. Die große Raubkatze war mitten durch den Busch gebrochen und hatte auf diese Weise einen deutlich erkennbaren Pfad hinterlassen.
„Der Löwe ist nicht schwer verwundet“, erklärte Bomba, als er sich nach einer Weile längere Zeit über eine Stelle am Boden gebeugt hatte. „Hier hat er geruht und seine Wunde geleckt. Dann ist er weitergezogen.“
Nach einer Weile blieb Bomba wieder stehen und beugte sich zu den Zweigen eines Busches nieder.
„Hier ist er vorbeigestreift“, erklärte er. „Seine Wunde blutet nicht mehr. Er ist schnell weitergezogen. Wahrscheinlich werden wir ihn erst am nächsten Wasserloch finden.“
Sie folgten jetzt der Fährte, so schnell sie konnten. Nach etwa einer Stunde blieb Bomba stehen und hob warnend die Hand.
„Die Fährte wird immer frischer“, flüsterte er, als die beiden an seine Seite traten. „Ich rieche auch schon Wasser. Der Löwe ist nicht mehr weit.“
In gespanntem Schweigen schlichen die drei Dschungeljäger weiter. Die Fährte des Löwen war deutlich zu erkennen, und bald sahen sie vor sich auch den Schilfrand eines Wasserloches. Als sie näherkamen, flog plötzlich ein Schwarm Wasservögel vom schlammigen Ufer hoch. Sonst blieb alles still.
Hier, an der großen Tränke vieler Urwaldtiere, kreuzten sich die Fährten der verschiedenartigsten Tiergattungen, und es war schwer, die Spur des Löwen herauszufinden. Bomba untersuchte sorgfältig und lautlos den Boden, während seine beiden nervösen Gefährten unruhig Umschau hielten.
Natürlich war es durchaus möglich, dass der Löwe weitergewandert war, nachdem er seinen Durst gelöscht hatte. Bomba war jedoch inzwischen schon mit den Gewohnheiten der großen Raubkatzen vertraut geworden, und er zweifelte nicht daran, dass der Löwe irgendwo im Schilfdickicht am Rande des Tümpels verborgen war. Er war noch dabei, die Fährte des Löwen aus dem Spurengewirr auszusondern, als Gibo einen Warnungsruf ausstieß.
„Der Löwe, Herr — da ist der Löwe!“
2 Die Stimme Simbas
Die Warnung wäre nicht notwendig gewesen, denn im gleichen Augenblick zerriss ein wildes Brüllen die Stille über dem Urwaldteich.
Bomba fuhr herum. Keine zehn Meter von ihnen entfernt war eine gelbbraune Gestalt im Schilfdickicht aufgetaucht. Der Leib des Raubtieres presste sich dicht gegen den Boden, der Schweif peitschte durch die Schilfstängel, und der gewaltige Rachen öffnete sich zu einem grimmigen Fauchen. Der Blick der bernsteingelben Augen war mit gefährlicher Ruhe auf die Menschen gerichtet. Wenn der Löwe sich fürchtete, so war davon jedenfalls nichts zu sehen.
Auf den ersten Blick erkannt Bomba, dass es der Löwe war, den er in der vergangenen Nacht mit dem Speer verwundet hatte. An der Schulter des Tieres war deutlich der Riss zu sehen, den sein Speer geschlagen hatte. Die Wunde mochte schmerzhaft sein, aber sie hatte den Löwen keineswegs geschwächt, und sie behinderte ihn gar nicht. Es war deutlich zu sehen, wie die mächtigen Muskelstränge unter dem Fell an der verwundeten Schulter ebenso geschmeidig spielten wie an der gesunden Schulter und an den Flanken.
Hinter Bombas Rücken war ein Felsblock, und Wafi rief furchtsam:
„Lauf hinter den Felsen, Herr, und wirf den Speer von dort.“
Aber Bomba gab keine Antwort und hielt den Blick fest auf den Löwen gerichtet. Es war merkwürdig: einen Moment lang schien der Blick dieser klaren, braunen Augen den Löwen zu verwirren. Er blinzelte und zögerte. Doch dann kroch er näher an die Stelle heran, von wo ihn der Sprung bis zu dem Felsen tragen konnte.
Gibo und Wafi hatten inzwischen hinter dem Steinblock Schutz gesucht und beobachteten atemlos die gefährliche Szene. Ihnen schien es so, als hätte Bomba eine seltsame Lähmung befallen. Warum warf er den Speer nicht? Der Körper des Löwen bot ein gutes und nahes Ziel. Hatte ihn etwa der bernsteingelbe Blick der Raubkatze verzaubert?
„Wirf den Speer, Bomba! Wirf!“, riefen sie beide zugleich. Doch Bomba blieb reglos stehen — und dann sprang der Löwe. Der zusammengekrümmte Körper streckte sich plötzlich zu einem mächtigen Sprung. Das Ganze spielte sich so schnell ab, dass weder Gibo noch Wafi später sagen konnten, wann Bomba sich zur Seite schnellte, um dem Sprung zu entgehen. Das Schaftende des Speeres hatte er in einem Spalt des Felsens festgeklemmt, und erst im letzten Sekundenbruchteil ließ er den Speer los.
Bomba brauchte ihn nicht zu schleudern. Mit der ganzen Wucht seines schweren Körpers und dem Schwung des Sprunges wurde der Löwe gegen die tödliche Speerspitze geworfen. Das scharfe Metall drang durch seine Brust und tief in den Körper hinein.
Das Brüllen und der Todeskampf des Löwen ließen den Boden rings um den Tümpel erbeben. Bomba war weiter zurückgewichen, um den wild um sich schlagenden Pranken zu entgehen, und jetzt wagten sich auch Gibo und Wafi wieder hinter dem Felsen hervor.
Als die Zuckungen des Löwen schwächer wurden und der schwere Kopf zur Seite sank, trat Gibo näher an den großen Körper heran und setzte einen Fuß auf die Flanke, in der noch ein letzter Rest von Lebenskraft bebte.
„Man könnte meinen, du hast den Löwen erlegt“, brummte Wafi, der insgeheim doch Gibos Mut bewunderte. Für ihn war immer noch der beste Löwe ein toter Löwe, und dieser dort bewegte sich ganz offensichtlich noch.
„Bomba hat sein Versprechen gehalten“, sagte Gibo prahlerisch. „Du siehst, Wafi —“
Im nächsten Augenblick sprang er mit einem gewaltigen Satz zur Seite, denn die Flanke auf der sein Fuß gestanden hatte, war von einem letzten starken Zucken erschüttert worden. Jetzt war Simba, der Löwe, wirklich tot.
„Ich sehe, du kannst gut springen, Freund Gibo.“ Wafi gluckste vor Vergnügen. „Wolltest du mir das zeigen?“
Gibo errötete unter der braunen Haut, während Bomba ruhig an den toten Körper herantrat und seinen Speer aus der Brust des Tieres zog.
„Es ist immer besser, vorsichtig zu sein“, verteidigte sich Gibo und hob den Blick.
Im nächsten Moment verzerrte sich sein Gesichtsausdruck zu einer Grimasse des Erschreckens.
„Aufgepasst, Herr!“ schrie er.
Durch das Unterholz kam eine Gruppe von Kriegern auf die Lichtung gestürmt.
3 Die bemalten Jäger
Bomba fuhr herum und hob instinktiv den Speer. Wafi folgte seinem Beispiel, und Gibo riss sein langes Buschmesser aus dem Gürtel.
Wer waren diese seltsam aussehenden Krieger?
Für kurze Zeit standen sich die beiden Gruppen wie erstarrt gegenüber, und Bomba versuchte, die Absichten dieser fremdartigen Männer zu erkennen. Plötzlich senkte er den Speer und wandte sich an seine beiden Gefährten.
„Ich glaube nicht, dass diese Männer gegen uns kämpfen wollen“, raunte er ihnen zu. „Aber wir müssen vorsichtig sein. Noch einmal sollen uns keine Kannibalen mit gespielter Freundlichkeit überlisten, um uns in ihre Gewalt zu bekommen. Behaltet die Männer scharf im Auge, aber droht nicht mit den Waffen. Wenn wir in Frieden mit ihnen auskommen können, dann wäre es umso besser für uns, denn sie sind weit in der Überzahl.“
Inzwischen begannen die fremden Krieger näherzurücken, ohne dabei aber drohende oder feindselige Gesten zu machen. Die Gesichter der Männer waren mit dicken weißen und gelben Streifen bemalt, aber unter dieser schauerlichen Bemalung grinsten sie breit. Schließlich trat ein Mann vor, der nach seiner ganzen Haltung und dem besonderen Schmuck, den er trug, ein Häuptling sein musste. Er hob die rechte Hand mit der Handfläche nach außen, und bei diesem Anblick atmete Wafi erleichtert auf. Der Fremde hatte sie mit der Geste der Freundschaft und des Friedens begrüßt.
Bomba erwiderte langsam die Geste, und sein Blick glitt dabei aufmerksam über die Gesichter der Männer. Es mochten etwa vierzig Krieger sein. Nicht nur das Gesicht, sondern auch die Brust war bei jedem mit breiten Streifen weißer und ockergelber Farbe beschmiert. Die dunklen Körper mit der merkwürdigen Zebrabemalung bildeten einen unheimlichen Kontrast zu dem ruhigen, schimmernden Grün des Dschungels, und das war wohl auch die Wirkung, die diese Kriegsbemalung erzielen sollte. Alle Feinde sollten schon von dem Anblick der fremden Krieger eingeschüchtert werden.
Die Bewaffnung der Krieger bestand nur aus Speeren und aus Messern, die in den Gürteln am Lendentuch steckten.
„Es müssen die ‚Bemalten Jäger’ sein, von denen Azande, der Häuptling der Pygmäen, schon gesprochen hat“, sagte Bomba zu seinen Begleitern. „Wir werden also nicht kämpfen müssen, denn Azandes Freunde werden auch unsere Freunde werden.“
Der Häuptling trat noch einen weiteren Schritt vor. Alles das schien zu einem Zeremoniell zu gehören, wie es bei der Begrüßung von Fremden üblich war. Er wiederholte noch einmal die Geste der Freundschaft und begann dann in einem Dialekt zu sprechen, der dem der Pygmäen verwandt war und den Bomba schon verstehen konnte.
„Lowando und seine Krieger kommen in Frieden“, sagte er. „Sie planen nichts Böses gegen den weißen Fremden und seine Begleiter. Aus dem Busch haben wir alle den Kampf des Weißen mit dem Löwen mit angesehen, und unsere Herzen sind voll Bewunderung. Wir wären froh, wenn der Weiße ein Angehöriger unseres Stammes wäre, denn kein Tier hassen wir so sehr wie den Löwen.“
Bomba lächelte.
„Es ist wahr: der Löwe ist kein Freund des Menschen. Seine Pranken sind ohne Erbarmen, und sein Biss bedeutet Tod und Verderben. Aber Simba, der Löwe, ist tapfer. Er ergreift nicht die Flucht wie der feige Schakal. Und es ist gut, gegen einen tapferen Feind zu kämpfen.“
Der fremde Häuptling blickte Bomba neugierig an.
„Ich habe von meinem Freund Azande, dem Häuptling der Pygmäen, von dem tapferen, weißen Jungen gehört, der viele Tage mit ihrem Stamm gezogen ist. Bist du Bomba — der Dschungelboy?“
Der Junge nickte.
„Dann haben also die kleinen Krieger nicht übertrieben“, fuhr der Häuptling fort. „Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie tapfer Bomba ist.“
„Ich habe von Azande auch schon viel von den Ruhmestaten der ‚Bemalten Jäger’ gehört“, erwiderte Bomba, der genau wusste, wie sehr jede Schmeichelei diesen primitiven Menschen ins Herz drang. „Azande hat mir erzählt, dass die ‚Bemalten Jäger’ den gefürchteten Löwen allein mit dem Speer angreifen und dabei keine Furcht zeigen.“
Lowando grinste geschmeichelt.
„Es ist so, wie du sagst, Bomba. Auch wir fürchten den Löwen nicht, und wir freuen uns umso mehr, einen tapferen Jäger getroffen zu haben, der nicht wie die anderen Weißen aus der Ferne mit den Donner und Feuer speienden Gewehren auf Simba Jagd macht.“
Durch diesen Austausch von Komplimenten, die auf beiden Seiten ehrlich gemeint waren, war der Rest von gefährlicher Spannung gewichen, der noch zwischen den beiden Gruppen geschwebt hatte. Lowando befahl seinen Unterhäuptlingen, ein Mahl vorzubereiten. In kurzer Zeit war alles fertig, und alle aßen einträchtig miteinander.
Allerdings schienen Wafi und Gibo einen Rest von Misstrauen nicht ablegen zu können. Sie waren im Dschungel aufgewachsen, wo man jeden Fremden zuerst für einen Feind hielt und wo Feindschaft auch viel häufiger zu erwarten war als Freundschaft. Sie blieben also weiterhin wachsam, wenn sie sich auch nach außen hin freundlich benahmen.
„Wir wären eine leichte Beute für sie, wenn sie sich gegen uns wenden sollten“, murmelte Wafi seinem Gefährten zu. „Und was wäre dann?“
„Es ist wahr“, raunte Gibo. „Aber Bomba wird auch daran gedacht haben.“
Dieser Gedanke schien ihn so zu trösten, dass er mit verdoppeltem Appetit ein großes Stück saftige Antilopenlende vertilgte. Bomba aß am Lagerfeuer des Häuptlings mit und hörte höflich zu, wenn Lowando mit seinen Unterhäuptlingen sprach, und er gab angemessene Antworten, wenn der Häuptling sich an ihn wandte. Während er aber dasaß und sich das Mahl schmecken ließ, dachte er daran, welche Bedeutung dieses Zusammentreffen für sein weiteres Schicksal und vor allen Dingen für die Suche nach seinem Vater haben mochte.
Es schien, als hätte ihm das Glück einen Helfer zugeführt. Dieses Zusammentreffen hätte kaum unter günstigeren Umständen erfolgen können. Sein Mut und seine Geschicklichkeit hatten zweifellos großen Eindruck auf die primitiven Jäger gemacht. Keine menschliche Eigenschaft wurde nämlich von diesen Eingeborenen so hoch eingeschätzt wie Mut und List. Der Eindruck musste umso tiefer sein, als sie diese Jagdszene ganz zufällig beobachtet hatten und wussten, dass Bomba von ihrer Anwesenheit keine Ahnung gehabt hatte. Er hatte also bestimmt nicht aus Ruhmsucht oder Geltungsbedürfnis so gehandelt.
Bomba musste jetzt mit einem Anflug von Bitterkeit daran denken, dass er nicht immer so viel Glück gehabt hatte. Bei der Suche nach seinem Vater war er in einem Kampf mit feindlichen Kriegern durch einen heimtückischen Keulenschlag auf den Hinterkopf niedergestreckt worden, und als er nach vielen Stunden aus der Ohnmacht erwachte, waren die Kannibalen, die seinen Vater gefangen hielten, schon weitergezogen. Damals hatte ihn Azande, der Häuptling der Pygmäen, mit der Zusicherung getröstet, er werde versuchen, die Hilfe der ‚Bemalten Jäger’ für ihn zu gewinnen. Aber zu jener Zeit hatte Bomba nicht so recht an dieses Versprechen geglaubt.
Und jetzt hatte er ohne jede Mühe selbst diese möglichen Verbündeten gefunden und zugleich einen ausgezeichneten Eindruck auf sie gemacht. Als Lowando nun vorschlug, dass der weiße Junge ein Blutsbruder des Stammes werden sollte, war Bomba natürlich sehr erfreut.
„Unser Stamm wird Bomba in seine Reihen aufnehmen“, versprach Lowando. „Unsere Jäger werden stolz auf den neuen Stammesbruder sein, wenn sie erfahren, wie Bomba den Löwen besiegt hat.“
„Deine Worte sind gut, Lowando“, erwiderte Bomba nach einer angemessenen Frist des Nachdenkens. „Aber ich will ehrlich sein und dir sagen, dass ich nicht lange die Gastfreundschaft deines Stammes genießen kann. Meine Heimat ist jenseits des großen Wassers, und dort wartet auch meine Mutter auf meine Heimkehr.“
„Es soll so sein, wie Bomba es will“, sagte Lowando sofort. „Wenn Bombas Götter ihn über das große Wasser zurückrufen, dann kann er gehen, wann es ihm beliebt. Aber bis zu diesem Zeitpunkt wird er bei uns bleiben und uns auf vielen Löwenjagden begleiten.“
Bomba forschte eindringlich im Gesicht des Häuptlings. Die letzten Worte hatten besonders grimmig geklungen.
„Du bist ein großer Feind der Löwen, Lowando“, sagte er nachdenklich. „Hast du einen besonderen Grund dafür?“
Der Häuptling runzelte die Stirn und nickte.
„Dort, wo unser Stamm lebt, sind die Löwen sehr zahlreich. Sie überfallen unsere Herden und schleppen die fettesten Tiere fort. Aber nicht genug damit: sie überfallen auch Frauen und Mädchen, wenn sie am Fluss Wasser holen, und sie schleichen sogar nachts in unsere Dörfer und fallen in den Hütten auch schlafende Männer an. Sie mögen verflucht sein!“ Er machte eine heftige Gebärde und zog etwas aus seinem Beutel. „Schau! Das sind die Ohren von zwei Löwen, die wir gestern mit den Speeren erlegt haben. Wir sind auf der Fährte der Löwen in dieses Dschungelgebiet gekommen. Es ist Sitte unseres Stammes, für jeden getöteten Krieger zwei vom Geschlecht seines Mörders zu erlegen. Wir bringen also jetzt die Ohren der beiden Löwen zurück, damit der ganze Stamm weiß, dass wir unseren Bruder wirklich gerächt haben.“
„Dein Volk kann stolz auf dich sein, Lowando“, sagte Bomba. „Es ist gut, im Dschungel tapfer zu sein, denn nicht nur der Löwe ist dort der Feind des Menschen. Es gibt noch andere Feinde.“
„Richtig.“ Lowando nickte grimmig. „Es gibt die Schlangen, die mit ihrem Giftbiss einen Mann töten können. Es gibt die Leoparden und Panther, die wilden Hunde, die Krokodile und das gewaltige Nashorn. Es gibt die wilden Büffel und die bösartigen Gorillas. Und es gibt noch einen gefährlicheren Feind — “
Der Häuptling zögerte.
„Wer ist das?“ fragte Bomba.
„Die blutdürstigen Kannibalen, die Menschenfleisch verzehren.“
Jetzt endlich hatte Bomba das Gespräch zu einem wichtigen Punkt gelenkt.
„Sind die Kannibalen auch schon über deinen Stamm hergefallen, Lowando?“ fragte er.
„Ja. Und Sie sind schlimmer auf ihren zwei Beinen wie die Löwen auf ihren vier. Sie schleichen nachts an unsere Dörfer heran und brennen und morden. Dann schleppen sie auch noch Gefangene mit sich fort, um sie — wie die wilden Tiere — zu fressen. Die Kannibalen sind den Göttern verhasst, und deshalb wird auch zwischen unserem Stamme und ihnen ewiger Krieg herrschen.“
Bomba schwieg eine Weile, ehe er die nächsten bedeutsamen Sätze sprach.
„Ich habe Lowandos Worte gehört“, sagte er schließlich gemessen. „Und ich bin froh, dass die ‚Bemalten Jäger“ ebenso denken wie ich. Auch ich bin ein Feind der Krieger, die Menschenfleisch essen.“
„Haben sie deinen Stamm angegriffen?“, fragte Lowando.
Bomba lächelte unmerklich über die naive Frage.
„Ja, Lowando, sie haben einen Mann meines Stammes mit sich geschleppt, wenn du es so nennen willst. Sie haben meinen Vater in ihrer Gewalt, und ich bin über das Meer gekommen, um ihn aus der Gefangenschaft zu befreien.“
„Das ist schlimm“, sagte Lowando düster. „Aber woher weißt du, dass dein Vater noch am Leben ist?“
„Ich weiß es nicht genau. Aber als die Tage des großen Regens vorbei waren, habe ich meinen Vater noch gesehen. Ich wurde verwundet, als ich an der Seite von Azandes Kriegern gegen die Kannibalen kämpfte. Das war vor dem letzten Vollmond. Ich weiß nun nicht, ob mein Vater immer noch lebt.“
Die letzten Worte hatte er mit leiser, bewegter Stimme gesprochen, und der Häuptling legte ihm tröstend die Hand auf den Arm.
„Dann brauchst du noch nichts zu befürchten, Bomba. Wenn die Kannibalen deinen Vater bisher nicht getötet haben, muss es einen bestimmten Grund dafür geben, und sie werden ihn deshalb auch noch länger leben lassen. Vielleicht halten sie ihn für einen Zauberer, dessen Tod Unheil über ihr Volk bringen würde. Wenn du unser Blutsbruder wirst, können wir dir vielleicht helfen, deinen Vater zu befreien.“
„Du glaubst, dass das möglich ist?“, fragte Bomba hoffnungsvoll.
„Ich glaube es“, erwiderte Lowando vorsichtig. „Aber darüber muss der große Häuptling Mogolu zusammen mit den Ältesten des Stammes entscheiden. Noch in dieser Nacht wirst du Blutsbruder der ‚Bemalten Jäger’ werden, Bomba. Das kann ich selbst bestimmen. Aber ob meine Krieger mit dir nach deinem Vater suchen können, das muss Mogolu entscheiden.“
„Und wie werde ich in den Stamm der ‚Bemalten Jäger’ aufgenommen?“ fragte Bomba.
„Heute Nacht wird der Löwentanz abgehalten“, erklärte Lowando feierlich. „Und dann wird Bomba die Probe der ‚Drei Nächte’ bestehen müssen, ehe er ein volles Mitglied unseres Stammes werden kann.“
„Die Probe der ‚Drei Nächte‘?“, fragte Bomba verwundert. „Was soll das bedeuten?“
„Das wirst du heute Nacht erfahren“, erwiderte Lowando geheimnisvoll. „Es ist eine Probe, der sich alle unterziehen müssen, wenn sie zu uns gehören wollen. Ich warne dich Bomba: es wird schwer für dich sein.“
„Mag es sein, wie es will!“, rief Bomba. „Es gibt nichts, was ich nicht auf mich nehmen würde, um meinen Vater zu finden.“
4 Die Probe der Drei Nächte
An diesem Abend bereiteten sich die ‚Bemalten Jäger“, die manchmal auch ‚Löwenjäger“ genannt wurden, auf das große Fest vor. Sie nannten es das ‚Fest des Löwentanzes‘. Die Erlegung eines Löwen war für sie ein wichtiges Ereignis, das durch eine feierliche Zeremonie gewürdigt werden musste.
Der tote Löwe lag noch dort, wo Bomba ihn erlegt hatte. Sobald die Dunkelheit sich über den Dschungel senkte, setzten sich die ‚Bemalten Jäger“ um die tote Raubkatze. Es war eine seltsame Zeremonie, die zuerst in tiefstem Schweigen begann. Lange Zeit saßen die Jäger stumm da, und nur die Laute des Dschungels drangen durch die Stille. Hin und wieder war das verstohlene Rascheln eines Tieres zu hören, das heimlich zur Tränke schlich und dann von der Witterung der Menschen wieder vertrieben wurde, oder der heisere Schrei einer jagenden Raubkatze.
Nach langer Zeit begann dumpf eine Trommel zu tönen. Die Laute fielen wie schwere, langsame Tropfen in die Dunkelheit. Tom — tom — tom — tom —
Ganz allmählich steigerte sich das Tempo der Schläge. Unmerklich fingen die Oberkörper der ‚Bemalten Jäger’ an, sich hin und her zu wiegen, und ihre Augen begannen vor innerer Erregung zu glühen. Dann sprang einer in gebeugter Haltung auf und eröffnete mit rhythmischen Gesten den Tanz. Das war zugleich das Signal für alle anderen, ihm zu folgen. Im Takt der Trommelschläge stampften’ die nackten Füße auf den Boden, und in einem seltsamen, wiegenden Hüfttanz umkreisten die Männer den erlegten Löwen.
Bomba erkannte, dass man von ihm und seinen Gefährten ebenfalls die Teilnahme am Tanz erwartete. Sie beobachteten also zuerst die Bewegungen der Männer und ahmten sie dann nach, so gut sie es konnten. Schneller und schneller wirbelte der Kreis der Tanzenden herum. Die ‚Bemalten Jäger‘ stimmten dazu einen monotonen Gesang im Rhythmus der Trommelschläge an. Soviel Bomba davon verstehen konnte, rühmten sie in diesem Gesang ihren eigenen Mut und ihre Geschicklichkeit, die es ihnen ermöglichten, so gefährliche Bestien wie den Löwen zu erlegen.
Schließlich stürzte einer der Jäger vor und stieß die Speerspitze in den Körper des toten Löwen. Die anderen folgten seinem Beispiel, bis der Kadaver dem Körper eines riesigen Stachelschweines ähnelte. Dann wurde das Tempo des Tanzes langsamer und langsamer, und einer nach dem anderen ließen sich die Krieger wieder auf ihre Plätze sinken.
Als der Tanz zu Ende war, stand Lowando auf und wandte sich an Bomba.
„Bomba ist ein großer Jäger“, begann er feierlich. „Wir wollen Bomba gern in unseren Stamm aufnehmen, denn er hat Simba, den Löwen, besiegt, und er ist daher berechtigt, einer der Unseren zu werden. Ehe Bomba jedoch in den Stamm eintritt, muss er den Eid der Blutsbruderschaft leisten und sich der Prüfung der ‚Drei Nächte‘ unterwerfen.“
„Ich werde es tun“, sagte Bomba ernst. „Sage mir, was ich zu tun habe, Lowando, und ich werde es ausführen.“
„Zuerst wirst du den Eid der Blutsbruderschaft leisten. Dann feiern wir ein großes Fest. Du wirst gut essen, damit du stark genug bist, die Prüfung der Drei Nächte zu bestehen.“
„Drei Nächte bedeuten für Bomba nichts“, prahlte Gibo. „Er fürchtet die Prüfung nicht.“
Lowando lächelte mit einer Spur von Überlegenheit.
„Warte es ab, Fremder. Du wirst es erfahren, was diese Prüfung bedeutet.“
Der Häuptling winkte Uwalla heran, einen der Unterführer. Als der Mann kam, sagte Lowando, Bomba solle neben ihn treten. Der Häuptling selbst entfernte sich und kehrte gleich darauf mit einem blitzenden Messer zurück.
Gibos Misstrauen erwachte wieder, als er diese merkwürdigen Vorbereitungen sah, und er gab Bomba ein verstohlenes Zeichen. Aber der Junge winkte ab. Er konnte sich auf seine Menschenkenntnis verlassen, und er wusste, dass Lowando keinen bösartigen Trick versuchen würde.
Der Häuptling trat heran, und Uwalla streckte stumm seinen rechten Arm vor. Mit der Spitze des scharfen Messers ritzte Lowando leicht die Haut des Mannes, so dass das Blut hervorquoll; dann tat er dasselbe bei Bomba. Nun trat er zurück und schwang das Messer.
„Jeder von euch soll jetzt das Blut des anderen trinken. Auf diese Weise werdet ihr Brüder. Und wer einen von uns zum Bruder hat, ist unser Bruder.“
Uwalla ergriff Bombas Arm und saugte einen Augenblick lang das Blut aus dem Schnitt. Bomba musste wohl oder übel die gleiche Prozedur vornehmen, wenn es ihm auch nicht ganz angenehm war. Als er es getan hatte, trat der Häuptling wieder vor und rief:
„Du bist jetzt unser Bruder, aber erst dann, wenn du auch die Probe der ‚Drei Nächte‘ bestanden hast, wirst du es für alle Zeiten sein. Wenn du dabei versagst oder Furcht verrätst, werden wir dich tüten — denn niemand aus unserer Bruderschaft darf Furcht zeigen und am Leben bleiben.“
„Mein Herr weiß nicht, was das Wort Furcht bedeutet!“, rief Gibo. „Hat er nicht allein den Löwen mit dem Speer erlegt? Bomba ist ein großer Jäger und fürchtet weder den Löwen noch Lowando.“
„Sei ruhig, oder wir schicken dich allein aus, damit du einen Löwen erlegst“, sagte Lowando. „Würde dir das gefallen?“
„Ich bin kein Löwenjäger“, erwiderte Gibo hastig. „Ich folge nur immer Bomba, wohin er auch geht.“
Der Häuptling brummte geringschätzig irgend etwas vor sich hin und gab dann das Zeichen zum Beginn des Festmahles.
Schon am Nachmittag hatte ein Streiftrupp der ‚Bemalten Jäger‘ zwei Antilopen erlegt, und die saftigen Bratenstücke rösteten bereits am Spieß über einem großen Feuer. Als Lowando jetzt das Zeichen gab, wurden die Bratenstücke an den Spießen zum Kreis der Krieger getragen, und jeder schnitt sich ein Stück ab. Auf den Fersen kauernd, begannen sie dann alle eifrig zu essen.
Auch die drei Dschungelgefährten griffen zu, aber sie konnten bei weitem nicht mit den ‚Bemalten Jägern’ Schritt halten. Wie durch Zauberei waren die beiden Antilopen innerhalb weniger Minuten verschwunden, und nur noch jämmerliche Knochenreste deuteten auf das leckere Mahl hin.
Man hätte glauben können, die Männer wollten nach einem so ausgiebigen Essen rasten. Aber kaum war das letzte Stück Braten verschwunden, als auch die Tänze schon wieder begannen.
Bomba und seine beiden Gefährten nahmen eine Weile an dem Tanz teil, aber schließlich setzten sie sich in einen stillen Winkel und begnügten sich damit, den wilden Sprüngen der Löwenjäger zuzuschauen.
„Was mag nur diese Probe der Drei Nächte sein, von der die Jäger immer sprechen?“, raunte Wafi dem Jungen zu.
„Ich weiß es nicht, aber ich werde es noch herausfinden“, erwiderte Bomba. „Da kommt ja schon Lowando. Vielleicht erklärt er es uns jetzt.“
„Warum tanzt unser Bruder nicht mit uns?“, fragte Lowando und kauerte sich neben ihn.
„Ich kenne noch nicht alle Gebräuche deines Stammes“, erwiderte Bomba. „Darum beobachte ich, damit ich möglichst viel sehe und lerne.“
Der Häuptling nickte zufrieden.
„Das ist gut. Und es ist besser für unseren neuen Bruder, wenn er rastet. Denn morgen Nacht beginnen die Proben, die seinen Mut beweisen sollen.“
„Was muss ich in diesen Nächten tun?“, fragte der Junge nach einer angemessenen Pause, denn er wollte nicht, dass ihn Lowando für neugierig hielt.
„Wir glauben, dass unser neuer Bruder ein tapferes Herz hat. Aber wir müssen dessen sicher sein, ehe er in die Bruderschaft aufgenommen werden kann. Alle, die dieser Bruderschaft beitreten, müssen drei Nächte allein im Dschungel zubringen nur mit einem Speer als Schutz. Was dem Prüfling auch entgegentritt — und wenn es ein Löwe ist — er darf nicht davonlaufen oder auf einen Baum klettern, sondern er muss auf der Stelle kämpfen, wo er steht.“
„Wenn aber drei Löwen zu gleicher Zeit kommen, so dass er keine Hoffnung hat?“, fragte Gibo.
Der Häuptling zuckte mit den breiten Schultern.
„Dann kann er kämpfend sterben oder fliehen. Wenn er aber flieht, wird er kein Mitglied unserer Bruderschaft.“
Bomba blickte Lowando ruhig in die Augen.
„Ich glaube, ich werde nicht fliehen“, sagte er leise. „Ich habe viele Feinde im Dschungel, aber ich habe auch Freunde dort, und es erschreckt mich nicht, nachts mit den Tieren des Dschungels allein zu sein.“
„Das Herz meines jungen Bruders ist stark“, erwiderte Lowando. „Aber in drei Nächten wird der ganze Stamm wissen, ob ihn die Götter schützen und ob sie ihm genug Mut und Kraft geben, allen Gefahren des Dschungels zu trotzen. Wir werden uns jetzt zur Ruhe legen, und morgen, wenn die Sonne untergeht, werden wir dich für die Proben vorbereiten.“
Gleich darauf beendeten die Jäger ihren Tanz. Nachdem Wachtposten bestimmt worden waren, streckten sich alle anderen am Boden aus, und bald lag das ganze Lager in tiefem Schlaf.
*
Die Sonne stand am nächsten Tage bereits hoch am Himmel, als Lowandos ,Bemalte Jäger’ sich gähnend erhoben und die Arbeiten des Tages in Angriff nahmen. Von den Tänzen der vergangenen Nacht schien den meisten noch eine gehörige Müdigkeit in den Gliedern zu stecken, und sie bewegten sich träge und mürrisch durch das Lager.
Als Gibo erwachte, fiel sein erster Blick auf die bemalten Gesichter der neuen Freunde, und er erschrak. Es dauerte eine Weile, ehe er sich die Geschehnisse des vergangenen Tages ins Gedächtnis zurückrufen konnte. Dann fiel ihm ein, was Bomba bevorstand, und er wandte sich zu dem Jungen um, der sich ebenfalls schon aufgerichtet hatte.
„Ich habe Angst um dich, Bomba“, murmelte Gibo. „In der Nacht ist der Dschungel von jagenden Dämonen belebt, die unter den Bäumen umherfliegen. Wie willst du gegen diese Dämonen kämpfen, die unverwundbar sind?“
„Du weißt, dass ich nicht an deine Dämonen glaube“, erwiderte Bomba kurz. „Viel mehr Sorgen machen mir die Schlangen oder die Löwen, die nachts kaum zu erkennen sind, die aber selber so gut im Dunkeln sehen können.“
„Lass mich mitkommen, Herr“, bat Wafi. „Ich bin nicht gern in der Nacht im Dschungel, aber wenn du sterben musst, dann will ich mit dir sterben.“
Bomba lächelte.
„Lowando hat bestimmt, dass ich allein die Probe bestehen muss; also kann ich dich nicht mitnehmen, Wafi. Aber du brauchst keine Angst zu haben. Der Dschungel war viele Jahre lang meine Heimat, und warum sollte mir hier mehr passieren als im südamerikanischen Urwald?“
Wafi war noch nicht ganz überzeugt, aber er wusste nicht, was er noch erwidern sollte, und deshalb schüttelte er nur brummend den Kopf. Gibo jedoch rief:
„Aber was geschieht, Herr, wenn in diesen Nächten —“
Weiter kam er nicht, denn Bomba unterbrach ihn mit einer raschen Handbewegung, als er sah, dass eine Gruppe der ‚Bemalten Jäger’ auf sie zukam.
„Ruhig jetzt. Die Männer wollen mich für die Probe vorbereiten. Ihr müsst jetzt still sein, denn wir dürfen die ‚Bemalten Jäger’ nicht erzürnen. Ich brauche ihre Hilfe, um meinen Vater zu finden.“
Einige der Jäger trugen Töpfe mit verschiedenen Farben, und sie begannen jetzt Bombas Gesicht und Brust mit den breiten Streifen zu ‚verzieren’, die sie selbst trugen. Der Häuptling stand dabei und murmelte Beschwörungsformeln, die den Prüfling während dieser Zeremonie vor den gefährlichen Einflüssen der Dämonen bewahren sollten. Als die Jäger ihr Werk vollendet hatten, war Bomba so schauerlich bemalt, dass ihn selbst seine Freunde nicht wiedererkannt hätten.
Die waffentragenden Jäger umkreisten ihn jetzt — langsam und mit feierlichen Gesängen. Als der Ritualtanz beendet war, trat Uwalla vor und überreichte Bomba einen Speer, dessen Schaft ebenso bemalt war, wie sein Körper.
„Bruder, nimm den Speer und schlage mit ihm jeden Angriff ab“, sagte er feierlich. „Kehre gesund von der Probe der ‚Drei Nächte‘ zurück. Uwallas Herz begleitet dich und wünscht dir Glück.“
„Ich danke dir, Bruder“, erwiderte Bomba, als er den schweren Speer übernahm. „Ich werde mich bemühen, eurer Bruderschaft der ‚Bemalten Jäger’ würdig zu sein.“
Die Männer nickten beifällig. Dann brach die Gruppe auf, um Bomba zu der Stelle zu führen, die für die Prüfung ausgewählt worden war.
Pulsuz fraqment bitdi.