Kitabı oxu: «Beautiful Lights»

Şrift:

Beautiful Lights

1  Vorwort

2  Liebesrausch

3  Verloren

4  Daphnis et Chloé

5  Erwachen

6  Zur Saalburg

7  Mit John

8  Mit Lisa

9  Abstract

10  Mallorquinische Luft

11  Morgenstunde

12  Getragen

13  Ausflug nach Valldemossa

14  Neuigkeiten von John

15  Rückflug

16  Küchengespräch

17  Gewissheit

18  Das einfache Leben

19  Weihnachten mit Papa und Heidi

20  Frankfurter Stadtgeläut

21  Rückschau

22  Traum in der Nacht

23  Auf Intensiv

24  Am Krankenbett

25  Hannah

26  Abschied

27  Trauergottesdienst

28  Wechselbad

29  Heidelberg

30  Sommerurlaub

31  Erstsemester

32  Die Feuerzangenbowle

33  Gespräch mit John Morgan

34  Zustimmung

35  Anatomie

36  Abendessen

37  Semesterschluss

38  82 Cents

39  Kurztrip

40  Zwischenexamen

41  Inspiriert

42  Klinische Visite

43  Enttäuschung

44  Im Labor

45  Denunziert

46  Krankenpflegepraktikum

47  Vom Sterben

48  Neue Tatsachen

49  Das Abendessen

50  Herzlicher Empfang

51  Das Experiment

52  Auf dem Campus

53  Ausgehen

54  Zweiter Anlauf

55  Francis

56  Das Gravimeter

57  Das Treffen

58  Die Reifeprüfung

59  Der Dekan

60  Rebecca

61  Rückkehr in die Normalität

62  Reflecting Pool

63  Auf dem Weg nach Tel Aviv

64  Zentrum für Nanowissenschaften

65  Penthouse

66  In die Heimat

67  An der Klagemauer

68  Das abendliche Mahl

69  An Lisa

70  An Lars

71  Chanukka

72  En Gedi

73  Annäherung

74  Brainstorming

75  Rückkehr

76  Tag X

77  i24News

78  Der Konzertabend

79  Abschied von Abraham

80  Die Nacht

81  Auf den Flügeln der Morgenröte

82  Heimkehr

83  Kintsugi

84  Party

85  Das gemeinsame Tagebuch

86  Die Antwort

87  Eine neue Bleibe

88  Heimweg

89  Möbeldiscounter

90  Mein Kompass

91  Hänseln

92  Das verdorbene Abendessen

93  Schlaflos

94  GoetheKids

95  Ein neuer Anlauf

96  Ein unerwarteter Besuch

97  Elternabend

98  Die Nacht - 1

99  Selbstgespräch

100  Halbzeit

101  Über die Kiemenfurchen

102  Die Knesset, Ha'kirya, Jerusalem

103  Erste Famulatur

104  Danke

105  Station Scharrer

106  Zwei Fälle

107  Spätsommerregen

108  Zwischenfall

109  Spontan

110  Schwere Tage

111  Gesamtnote

112  Gästeliste

113  OK

114  Am Neckar

115  Für Lisa

116  Zuhause

117  Reisevorbereitung

118  Abflug

119  Ins Abenteuer

120  Frisches Wasser

121  King David Hotel

122  In der Synagoge

123  Arbeitstreffen

124  Meine Freunde aus D.C.

125  Die Knesset

126  Impressum

Vorwort

Die große Liebe – wer wünscht sie sich nicht? Doch eine Ehe ohne Schwierigkeiten – die gibt es nicht. Lars und Lisa sind das Liebespaar über mehrere Romane von Rüdiger Marmulla hinweg. In Lifetime Learning beginnt ihre Liebe als Kinderfreundschaft. In Lars‘ Diary werden die beiden ein Paar und in Beautiful Lights findet diese Liebe ihre Erfüllung. Rüdiger Marmulla, bekannt durch seine einfühlsamen Lebensbeschreibungen, lässt die Leser teilhaben an einer Ehe, die alle Facetten eines normalen Ehelebens widerspiegelt. Der Autor streut medizinische, technische und kulturelle Aspekte in die Hauptgeschichte ein, so dass ein permanenter Lernprozess entsteht. Wer das nicht will, kann dennoch mit den Protagonisten leben, leiden und lieben. Das Buch zeigt, dass Gegenwart und Vergangenheit nicht voneinander zu trennen sind, und es nimmt den Leser in eine mögliche Zukunft mit, in der futuristische Alltagsszenarien und atemberaubende künftige Forschungsfelder skizziert werden.

Ich persönlich lese gerne Romane, in denen die Liebe garantiert ist. Doch das Leben ist anders. Meisterhaft navigiert der Autor die Geschichte durch Höhen und Tiefen. Der christliche Glaube darf wie immer nicht fehlen, und als Leserin spüre ich die psychologische und menschliche Kompetenz des Schriftstellers.

Das Buch tut gut, weil ich mich darin wiederfinde und meine Lebensfragen bearbeitet werden.

Margit Helten, Karlsruhe im Juni 2021

Liebesrausch

Liebe Lisa,

ich nehme das Ende der Geschichte vorweg. Ich möchte sagen, dass ich das Lieben dem Geliebtwerden vorziehe. Zu lieben hüllt die Welt in ein warmes, wundervolles Licht. Geliebt zu werden kann sehr belastend sein, wenn man keine Gegenliebe aufbringen kann. In diesem Fall mag sich sogar eine innere Leere einstellen, wenn man fühlt, dass da ein Weg ist, den man mitzugehen nicht im Stande ist. So ist es mir willkommener, meinerseits im Liebesrausch keine Ungeschicklichkeit auszulassen, als dass ich umgekehrt einem Menschen erkläre, warum ich nicht wiederliebe.

Und nun bin ich diesen neuen Weg gegangen. Ich wollte noch einmal ganz neu lieben. Und jetzt ist alles anders zwischen uns. Beim Gedanken, Dich verloren zu haben, fühle ich mich einsam. Diese Einsamkeit ist ganz neu in mir. Sie ist stark und überwältigt mich. Wie dumm ich doch war. Ich bin zu spät klug geworden, Lisa. Bitte verzeihe mir.

Ich schaue aus dem Fenster. Hinter uns steht die Sonne noch ganz tief über dem Horizont. Wir kommen über den Osten rein. Ich komme auf den Flügeln der Morgenröte. Ich sehe die Autobahn A3. Die Wälder. Die Ortschaften. Gleich landen wir. Ich will zu Dir. Wirst Du mich empfangen? Und was wird Francis sagen?

Ich stelle diese Seite unserem gemeinsamen Tagebuch voran. Heute ist Donnerstag, der 5. März 2043, Dein einundzwanzigster Geburtstag. Und meine Knie zittern.

Verloren

Lieber Lars,

ich sah gerade deinen neuen Tagebucheintrag in der Cloud. Eigentlich wollte ich mich auf unserem gemeinsamen Account nicht mehr einloggen. Jetzt habe ich es doch gemacht.

Wir haben uns aus den Augen verloren.

Zu lieben und geliebt zu werden ist das größte Glück der Erde. Mit diesem Glück spielt man nicht. Ich wollte nicht, dass das Ende so kommt, wie es sich jetzt anbahnt. Ich habe noch so viele Gedanken im Kopf. Ich habe noch nichts gesagt. Ich habe noch alles zu sagen.

Daphnis et Chloé

„Lisa! Das war eine wundervolle Idee von dir, mich zu meinem Geburtstag in die Alte Oper einzuladen. Jetzt bin auch ich endlich volljährig.“ Ich nehme neben ihr in der Mitte des Parketts Platz. Die große Orgel über der Orchesterbühne ist imposant. Die Holztäfelung schenkt dem großen Saal eine warme Atmosphäre. Die Decke des Saals mit ihrem Metallgeflecht wirkt raffiniert. Die Konstruktion muss etwas mit der guten Akustik in der Alten Oper zu tun haben.

In der Hand halte ich das aktuelle Programmheft der Saison Frühjahr/Sommer 2040.

„Lars, gib mir bitte das Programmheft. Ich will sehen, was heute gegeben wird.“ Lisa nimmt das Heft von mir entgegen. „Es beginnt heute mit Claude Debussy. Es wird ‚La Mer‘ gespielt. Dann schließt sich Erik Satie mit ‚Gymnopédies‘ an. Der Konzertabend endet mit Maurice Ravel und der zweiten Suite von ‚Daphnis et Chloé‘. Also die beiden letzten Komponisten kenne ich gar nicht. Ich kenne nur Claude Debussy.“

„Mir sind alle drei unbekannt.“ Ich kratze mich am rechten Ohr. Papa und Heidi gehen gerne in die Alte Oper. Ich hatte sie dazu nie begleitet. „Das ist hier eine ganz neue Welt für mich.“

„Also, Lars – auf keinen Fall darfst du zwischen den einzelnen Sätzen eines Stückes applaudieren.“

„Nicht?“

„Nein. Niemals.“

„Wie weiß ich, wann ein Stück zu Ende ist?“

„Du schaust ins Programmheft und zählst die Sätze mit. Kritisch wird es, wenn zwei Sätze ineinander übergehen. Dann können die zwei Sätze wie ein einzelner Satz wirken. Und wenn du nicht mitzählen möchtest, dann achte einfach darauf, wann der ganze Saal applaudiert.“

„Ja. Das ist mir sympathischer.“ Ich lächele sie an.

Lisa zieht ihre Augenbrauen nach oben. „Die Königsklasse ist natürlich, wenn man die Kompositionen schon kennt und anhand der Musik weiß, wann ein Stück zu Ende ist. ‚La Mer‘ kenne ich gut. Das hören meine Eltern gern zuhause.“

Ich greife nach Lisas Hand. „Schön, dass wir jetzt verheiratet sind und du mit Francis mit mir wohnst. Ich hätte nicht länger warten können.“

Lisa nickt. „Zu mir mussten gleich zwei Männer ‚Ja‘ sagen – du und auch dein Vater. Schließlich brauchtest du seine Einwilligung, weil du vor einem Monat noch minderjährig warst.“

Lachend gebe ich zu: „Du warst mir mit deinem Vierteljahr, das du vor mir geboren bist, immer schon voraus.“

„Klar doch. Die Frau von heute nimmt sich einen jüngeren Mann.“ Lisa hat ein verschmitztes Lächeln um ihren Mund.

Ein Gong ertönt. Die letzten Hörer nehmen Platz. Die hellen Lichter im Saal werden gelöscht. Die Spots bleiben auf die Orchesterbühne gerichtet. Ich denke daran, wie ich vor vielen Jahren mein erstes Konzert mit den Stadtratten in der Festhalle erlebt habe. Hier, in der Alten Oper, ist alles so viel feierlicher und vornehmer. Während Debussy gespielt wird, schaue ich Lisa an. Sie ist so unendlich schön. Ihr Haar. Ich liebe ihr schulterlanges dunkelblondes Haar. Ihre Gesichtszüge. Ich liebe ihre zarten Gesichtszüge. Ihre Gestalt. Ich liebe alles an ihr. Lisa verfolgt das Konzert sehr aufmerksam und bewegt. Ich halte mich streng an Lisas Applaus-Regel.

Das letzte Stück wird gegeben. Es besteht nur aus einem einzigen Satz. Es beginnt ganz leise. Und es baut sich zu einem erhebenden Crescendo auf. Lisa drückt meine Hand ganz fest, während die Musik anschwillt. Der Saal bebt. Es wird wieder sanfter. Lisa flüstert mir ins Ohr: „Das ist wie ein Sonnenaufgang. So schön. So überwältigend. Ich sehe alle Farben der Morgenröte vor mir.“

Ich sehe es Lisa an, dass ihr Herz von nun an für Maurice Ravel schlägt.

Der Konzertabend geht zu Ende. Der Saal wird wieder erhellt und wir gehen nachhause. Auf dem Weg zur S-Bahn schwärmt Lisa: „Ich muss mehr über Maurice Ravel erfahren. Und über Daphnis und Chloé.“

Kaum sind wir in unserer Wohnung im Sonnenring angekommen, schlägt Lisa im Internet den spätantiken Liebesroman nach. Voller Begeisterung liest sie mir vor: „Die Hirtengeschichte von Daphnis und Chloé spielt auf der ägäischen Insel Lesbos. Die zwei wachsen als Findelkinder bei Hirten heran. Ein neues, unbekanntes Gefühl steigt in Chloé auf, als sie Daphnis beim Baden zusieht. Das junge Mädchen spürt das Verlangen, ihn wieder baden zu sehen. Die erotische Spannung zwischen den beiden wird immer stärker – bis Seeräuber die Küste überfallen und Daphnis entführen.“

Ich schaue Lisa an. „Wer hat das Stück geschrieben?“

„Der griechische Schriftsteller Longos. Ach und schau nur – hier. Weißt du wer das Stück über Daphnis und Chloé am meisten verehrte?“

„Johann Wolfgang?“

„Genau, Lars. Woher weißt du das? Wie kamst du auf Goethe?“

„Wir Frankfurter müssen doch zusammenhalten.“ Jetzt lache ich. Da habe ich tatsächlich richtig getroffen.

Lisa setzt wieder an und liest aus der Online-Bibliothek: „In der Trennung von Daphnis erkennt Chloé, dass gegen den Eros kein Mittel hilft – nicht, was getrunken, nicht was eingenommen, nicht was in Zauberliedern ausgesprochen wird. Kein Mittel kann helfen als allein der Kuss, die Umarmung und das Zusammenliegen mit nackten Leibern.“

„Lisa?“

„Ja, Lars?“

„Francis ist bei deinen Eltern. Wir haben die Nacht allein für uns.“

„Ja, Liebling. Lösche das Licht. Heute Nacht sind wir Daphnis und Chloé.“

Erwachen

„Das ist ein wundervoller Samstag. Der Himmel ist wolkenlos, die Sonne strahlt. Schau nur, Lisa.“ Ich stehe vor dem Wohnzimmerfenster und schaue auf die Frankfurter Skyline.

Lisa stellt sich zu mir. „Was hältst du davon, wenn wir nach dem Frühstück Francis von meinen Eltern abholen und dann einen Ausflug machen.“

„Wohin magst du?“

„Ich war schon lange nicht mehr auf der Saalburg. Wir könnten am Limes entlangwandern. Das kann ein schöner Ausflug werden.“ Lisa nimmt mich in den Arm und gibt mir einen Kuss.

„Wer kann da schon ‚Nein‘ sagen?“

„Du willst?“

„Ja. Aber erst mache ich uns noch ein schönes Frühstück. Ich habe Toast und deine geliebte Ananasmarmelade gekauft. Und frische Milch und Schoko-Flakes.“

„Da kann auch ich nicht ‚Nein‘ sagen, Lars.“

Ich gehe in die Küche und bereite das Essen vor.

Lisa spielt über die Mediathek noch einmal das Musikstück von Maurice Ravel, das wir gestern Abend gehört haben.

Ja. Das klingt wie ein Sonnenaufgang. Jetzt kann ich es mir auch vorstellen.

Während ich die Tafel decke, macht es sich Lisa am Tisch schon einmal gemütlich. Sie schaut mich an. „Du, ich werde nächstes Jahr mein Abitur machen. Durch die Geburt von Francis ist ja einiges nicht so ganz planmäßig verlaufen.“

„Ich unterstütze dich.“

„Ich habe einen Traum, Lars.“

„Ja?“

„Ich möchte Medizin studieren und Ärztin werden, wie mein Vater.“

„Du wirst bestimmt eine gute Ärztin.“ Ich setze mich zu Lisa an den liebevoll gedeckten Frühstückstisch. Ich drücke ihre Hand ganz fest. Dann essen wir.

„Deine Einkünfte aus dem Algorithmus zur Kryptierung von Personen-IDs geben uns eine große Freiheit, zu tun, was wir wollen. Viele träumen davon, ein Leben so frei führen zu können, wie wir das tun.“

„Ich bin glücklich, dich zu unterstützen. Dr. med. Lisa Krönlein. Das klingt irgendwie gut.“

„Mein Traum ist es, Menschen zu helfen und in schwierigen Zeiten zur Seite zu stehen. Mein Vater ist mir da ein Vorbild.“

Ich lächele. „Soll ich uns einen Mietwagen bestellen? Dann holen wir Francis von deinen Eltern ab, und dann geht es in den Taunus.“

„Ja, Lars. Wir werden einen schönen Tag zu dritt haben.“

Zur Saalburg

Der Mietwagen fährt uns zum römischen Kastell und parkt auf dem großen Platz neben der Burg ein. Der Bordcomputer zeigt als Adresse „Jupitersäule“ an. Francis jubelt, als er das Kastell entdeckt.

Während wir zur Pforte der Saalburg laufen, wird mir plötzlich klar, dass ich das letzte Mal hier mit Mama und Papa war, als ich selbst noch ein kleiner Junge war. Das ist eine Ewigkeit her. Und plötzlich vermisse ich Mama. Warum musste sie so früh gehen?

„Lars? Du schaust so traurig. Was ist mit dir?“

„Ich denke an meinen letzten Besuch auf der Saalburg. Das war noch mit meinen beiden Eltern. Ich habe mit einem Mal so große Sehnsucht nach Mama.“

„Lars! Das tut mir leid. Ist es nicht gut, dass wir heute hierher gefahren sind? Damit habe ich nicht gerechnet.“

„Doch, Lisa. Ist schon OK. Es war nur ein kleiner Moment. Es geht schon wieder. Ich bin in Ordnung.“

„Sicher?“

„Ja, Lisa.“

Francis stellt sich zwischen uns und nimmt unsere Hände. Dann zieht er uns zum Eingang der Saalburg. Die große Vorhalle der Principia beeindruckt unseren Francis am meisten. Er schaut mit großen Augen die Halle an. Dann sagt er: „Ich habe Hunger.“Hung

Wir kehren in die Taberna ein. Wir finden noch einen schönen Tisch im Schatten eines großen Sonnenschirms. Ich bestelle eine Centurio-Pfanne, Francis sucht sich eine gebratene Lucanica und Lisa einen Salatteller Agricola aus. Dazu bestellen wir uns eine große Flasche Mineralwasser. Francis‘ Augen wandern über die Zinnen der Burgmauer hinweg.

Da kommt über meinen Messenger eine Nachricht von John Morgan herein: „Hallo Lars. Wir haben hier eine sensationelle Entdeckung gemacht, die ich unbedingt mit ihnen teilen möchte. Melden sie sich doch bitte ab 12 Uhr Ostküstenzeit bei mir.“ Ich lese Lisa die Nachricht vor. In Washington D.C. ist es jetzt früh am Morgen. Vermutlich hat John mit seinem Team die Nacht über diese Entdeckung gemacht. Und nun legt er sich wohl schlafen.

„Das klingt spannend, Lars. Ja, melde dich später bei deinem Professor.“

Unser Essen trifft ein. Francis hat ganz hungrige Augen, als er seine römische Wurst auf dem Teller liegen sieht. Lisa schneidet ihm die Wurst in kleine Stücke. Dazu hat er frisches Brot und einen Salat. Wir alle essen.

Lisa schaut mich an. „Wir könnten nach dem Essen den Limes entlanglaufen. Da gibt es einen schönen Wanderweg. Magst du?“

„Klar.“ Ich zahle und wir brechen auf. Auf dem Wanderweg neben dem nachgebildeten Limes finden wir einen Jägerhochstand. „Da will ich hoch“, ruft Francis. Hinter ihm steige ich die Leiter nach oben, um ihn sicher halten zu können, falls er fällt. Dann folgt Lisa. Auf dem Hochstand setzen wir uns. Ich fühle mich sehr glücklich. Es ist hier vollkommen ruhig, und die Luft ist mild. Ich nehme diesen Moment zufrieden in mich auf.

Mit John

Nachdem wir wieder zuhause eingetroffen sind, melde ich mich bei John Morgan. Sein Avatar erscheint über meinem Handgelenk. Er sieht gut aus. Ich frage ihn unvermittelt: „Haben sie sich nach einer langen Nacht gut ausgeschlafen?“

„Ja, Lars. Wir haben eine atemberaubende Entdeckung gemacht. Wir werden nächste Woche einen Artikel an das Scientific American senden. Ich wollte sie unbedingt benachrichtigen. Ich will wissen, was sie über alles denken.“

„Schießen sie los.“

„Wir lassen seit einer Woche unseren Quantencomputer eine komplexe rekursive Kryptierung durchführen. Und heute Nacht haben wir eine Entdeckung gemacht, die wir zuerst selbst nicht glauben konnten. Wir haben es wieder und wieder kontrolliert, weil es zunächst so unfassbar war.“

„Ja?“

„Die Uhr im Quantencomputer lief auf zehn Minuten genau fünf Sekunden nach. Wir legten eine andere Uhr neben den Quantencomputer. Die lief ebenfalls auf zehn Minuten fünf Sekunden nach. Wir haben es mit verschiedenen Chronometern vielfach wiederholt.“

„Sie meinen, während der Rechentätigkeit des Computers verlief die Zeit langsamer?“

„Genau, Lars. Und nun fragen wir uns, was das zu bedeuten hat.“

Ich lache. „Vielleicht leben wir ja tatsächlich in einer Simulation, und ihr Computer verbraucht so viel Kapazität, dass für die Welt um ihren Quantencomputer herum weniger Rechenleistung übrigbleibt.“

„Das könnte das Phänomen erklären. Ja, Lars. Könnten sie diesen Gedanken einmal zu Papier bringen? Wir lassen ihre Vorstellungen dann in die Diskussion unserer gemeinsamen Publikation einfließen.“

„Ja, John. – John?“

„Ja?“

„Das ist ein echter Knaller. Wenn das stimmt, dann müssen wir unser ganzes Weltbild überdenken.“

„Richtig. Deshalb dachten wir auch, dass dieser Artikel am besten im Scientific American untergebracht wird.“

„John?“

„Ja?“

„Ich fühle, wir haben die Tür in eine neue Welt eben erst ein Stück weit geöffnet. Ich fühle, da ist noch mehr zu entdecken.“

„Damit könnten sie Recht haben, Lars. Ich sende Montag den Erstentwurf für unser Paper. Und ich warte auf ihre Diskussion.“

Wir beenden die Telekommunikation.

Mit Lisa

„Du machst so große Augen, Lars. Was hast du mit John besprochen?“

„John hat mit seinem Team einen quantenmechanischen Effekt beobachtet. Er fragte mich nach meiner Einschätzung und Interpretation der Ergebnisse. Und er fragte an, ob ich die Diskussion zu einem Paper schreiben mag, das er im Scientific American platzieren will.“

„Kannst du das von hier aus erledigen? Oder musst du zu John fliegen?“

„Das kann ich selbstverständlich auch von Frankfurt aus leisten. Ich bleibe hier.“

„Dann bleibt unser Sommerurlaub fest eingeplant?“

„Ja, Lisa. Wo magst du hin?“

„Ich habe eine Finka auf Mallorca ausgesucht, die ich gern anmieten würde. Sie ist fernab der Touristenströme im Südosten der Insel.“

„Ich bin einverstanden. Du kannst es fest machen. Das wird unser großer Urlaub, bevor du in den Abiturjahrgang einsteigst. Wann willst du los?“

„Übernächste Woche. Wir bleiben volle drei Woche. Und dann beginnt für mich auch schon wieder die Schule.“

„Gut. Sehr gut, Lisa. Bis dahin haben wir unser Paper fertig geschrieben.“

Abstract

Die Grenzen zwischen Informatik, Elektrotechnik und Medizin werden überschritten, seitdem Nano-3D-Drucker vitale neuronale Netzwerke nachbilden, die quantenmechanische Rechenprozesse ermöglichen. Mit einem Quantencomputer der zweiten Generation haben wir einen Einfluss des Rechenwerks auf das Raum-Zeit-Kontinuum beobachten können. Ein Artikel von John Morgan, Andrew Williams und Lars Krönlein, Virginia Science & Technology Campus, George Washington University, Washington D.C.

„Lisa, schau nur, unser Abstract ist fertig.“

„Und der restliche Artikel?“

„Der ist selbstverständlich auch schon fertig. Das Abstract schreibt man erst ganz zum Schluss.“

„Und deine Diskussion?“

„Die Diskussion ist das vorletzte, was man zu Papier bringt.“

„Und womit fängt man an?“

„Mit den Messergebnissen. Messergebnisse sind stets der Anfang jeder naturwissenschaftlichen Arbeit. Sie sind das Herz der Arbeit, sie sind das Fundament, auf dem man seine ganze Schrift aufbaut. Man erklärt, wie und unter welchen Bedingungen man seine Beobachtungen gemacht hat. Und in der Diskussion deutet man die Messergebnisse vor dem Hintergrund des bisherigen Wissens.“

Ich sehe Lisas Interesse. „Danke für den Hinweis. Das werde ich sehr gebrauchen können, wenn ich selbst einmal Medizin studiere und vielleicht eine Dissertation schreibe.“

„Dein Vater wird dir da vielleicht auch hier und da unter die Arme greifen.“

„Ja. Und du hoffentlich auch. Das werde ich sicher brauchen können.“

Mallorquinische Luft

„Urlaubszeit! Das ist jetzt unser Urlaub, Lars!“ Lisa lächelt mich breit an, während wir im Parkhaus neben dem Aeropuerto de Palma de Mallorca in den Mietwagen steigen. Es ist ein offenes Cabriolet. Francis haben wir auf einen Kindersitz im Fond des Wagens gesetzt. Das Fahrzeug fragt mich, ob ich den Wagen steuern möchte, oder ob uns der Bordcomputer an das Ziel unserer Reise führen soll. Ich entscheide mich für den Selbstfahrmodus des Cabriolets. Und schon fährt uns der Wagen aus dem Parkhaus heraus.

„Der Himmel ist hier viel blauer und leuchtender als zuhause, Lisa.“

„Das liegt am Meer. Das Blau des Himmels reflektiert die Farben des Meeres, Lars.“

Francis deutet lachend auf die bunten Windmühlen, die zwischen vereinzelten Palmen am Rand der Schnellstraße nach Manacor an uns vorbeiziehen. In der zweitgrößten Stadt der Insel biegen wir nach rechts in Richtung Calles de Mallorca ab. Die Landstraße wird zunehmend hügelig. Wir passieren Obstplantagen, die von meterhohen Steinmauern auf beiden Seiten der Landstraße eingefasst werden. Dann weist uns ein Schild den Weg nach rechts zur Playa Romantica. Es schließt sich eine kleine Siedlung mit Finkas an. Am Horizont sehen wir im Osten das Meer. Nach Süden schließt sich an die Siedlung das größte Naturschutzgebiet Mallorcas an.

Wir verlassen das Cabriolet und schließen das Tor zum Grundstück auf. Wir öffnen erst die Haustür und dann die vielen sorgsam verschlossenen Fensterläden der Finka. Ich bringe unsere Koffer ins Haus.

„Die Terrasse ist ein Traum. Wir schauen direkt auf das Naturschutzgebiet, Lars.“

Es ist ganz still. Man hört kein Geräusch. Solch eine Ruhe kannte ich bis jetzt gar nicht. Mit einem Mal hören wir das Rascheln von Blättern. Was ist das? „Eine Schildkröte, Papa.“ – Francis deutet mit dem Zeigefinger auf das Tier, das sich seinen Weg durch den Garten bahnt.

Lisa öffnet die Küchenschränke. „Der Vermieter hat für uns eingekauft und alle Schränke gut gefüllt. Jetzt mache ich uns erst einmal einen Kaffee. Und Francis bekommt einen Kakao.“

Francis klatscht vor Freude in die Hände. Dann nimmt er auf einem Schaukelstuhl auf der Terrasse Platz.

Lisa bringt die Getränke auf die Terrasse heraus. Wir setzen uns zu Francis. „Am Nachmittag können wir an den Strand gehen. Wollt ihr?“

„Selbstverständlich.“ Ich nicke und sehe, dass auch unser Junge sich auf den Besuch des Strands freut. „Es ist herrlich. Lisa, das hast du hier gut ausgesucht.“

Morgenstunde

Liebe Lisa,

es ist heute Morgen noch ganz still im Haus. Du schläfst noch. Und Francis auch. Ich nutze die Zeit, um in unser gemeinsames Tagebuch zu schreiben.

Wir hatten gestern einen wundervollen Tag am Strand. Die Bucht ist auf beiden Seiten von Felsen umgeben. Ich liebe die Gischt, die Luft und Wasser in der Brandung schlagen. Selbst wenn man weit ins Meer hinausgeht, ist das Wasser nicht tief. Das ist gut für unseren kleinen Jungen. Wir haben nach dem Baden sogar eine Sandburg gebaut. Mir ist nicht entgangen, wie du uns mit liebevollen Blicken gefolgt bist.

Gestern Abend kam dann noch eine schwere Nachricht bei dir an. Die Eltern von Brian haben sich bei dir gemeldet. Ich vergesse vollkommen, dass eigentlich Brian der Vater von Francis ist. Für mich ist er unser gemeinsamer Sohn. Und so wird es auch immer bleiben.

Brians Eltern haben vor vier Wochen erfahren, dass ihr Sohn mit einem Oldtimer über den Santa Monica Boulevard zum Ocean Drive gefahren ist. Er parkte den Wagen so, dass er den Pazifik sehen konnte. Und dort hat er dann eine Überdosis Vital Kick genommen. Zwei Beamte vom hiesigen Police Department haben ihn bewusstlos aufgefunden. Er hatte bereits nicht mehr geatmet, als sie ihn antrafen. Sie leisteten Erste Hilfe und reanimierten ihn. Brian kam ins Krankenhaus. Dort stellte man fest, dass er sich übergeben hatte und Erbrochenes in seine Lunge gelangt war. Durch den Sauerstoffmangel hat er einen Hirnschaden erlitten. Jetzt hat er ein Locked-In-Syndrom. Er blickt aus seinen Augen, kann sich aber nicht bewegen. Brian kann noch nicht einmal sprechen. Er wird über eine Magensonde ernährt und muss gewindelt werden. Das Pflegepersonal muss ihn mehrfach am Tag in seinem Bett wenden, damit er keine Geschwüre vom Liegen bekommt. Die Ärzte haben gesagt, dass sie nichts mehr für Brian tun können, und dass er entweder in ein Pflegeheim müsste oder seine Eltern ihn nachhause nehmen könnten. Robert und Kate entschlossen sich, Brian zu sich nachhause zu nehmen. Sie haben zwei Pflegekräfte engagiert.

Kate sprach direkt mit Lisa. Sie weinte. Kate sagte, sie schaue ihren Sohn an und wisse nicht, ob er versteht, was sie zu ihm sagt. Seine Augen starrten ganz leer in den Raum.

Du hattest keine tröstenden Worte, als du all das von Kate und Robert erfahren hattest. Ich fühlte, wie schwer das dein Herz machte.

Ich nahm dich nach dem Gespräch in den Arm.

Es scheint eine Ewigkeit her zu sein, dass Brian ein sportlicher, schöner junger Mann war. Dieses Vital Kick hat ihn zugrunde gerichtet. Es ist ein furchtbares Zeug. Drogen sind furchtbar.

Lisa, ich bin immer für dich da. Ich tröste dich.

Getragen

Lieber Lars,

schon vor dem Aufstehen entdeckte ich deinen Tagebucheintrag in unserer Cloud. Danke, dass du für mich da bist, mich trägst und tröstest.

Als wir gestern hier ankamen, war alles so leicht. Das Leben war so ganz ohne jede Schwere. Die Nachricht von Kate und Robert hat das alles schlagartig verändert.

Brian hat sich damals gegen mich und Francis und für die Drogen entschieden. Wie sehr habe ich um ihn gekämpft, doch ich habe ihn nicht retten können.

Schon damals warst du immer an meiner Seite. Du hast mich nie fallen lassen. Du bist mein Mann. Und du bist Francis ein wunderbarer Vater. Lars, ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich dir bin.

Jetzt höre ich, dass du den Frühstückstisch auf der Terrasse vorbereitest. Ich stehe auf. Ich komme zu dir.

Ausflug nach Valldemossa

Ein neuer Morgen. Ein neuer Tag. Ich decke auf der Terrasse den Frühstückstisch für uns drei. In dem kleinen Laden, der zum Strand hin steht, habe ich frisches Brot gekauft. Und Marmelade, Käse und Orangensaft. Der gedeckte Tisch sieht gut aus. Ich warte auf Lisa und Francis. Unser Kleiner erscheint zuerst.

Ein Teil des Gartens ist schon in das morgendliche Licht getaucht. Es ist noch angenehm frisch. Lisa kommt jetzt auch auf die Terrasse. Sie hat sich eine Strickjacke übergezogen. „Guten Morgen, Liebling.“

„Guten Morgen, Lisa. Lass uns essen. Und dann habe ich einen schönen Vorschlag.“

„Du machst mich neugierig.“

„Wir können einen Ausflug nach Valldemossa machen. Der Ort liegt in über vierhundert Metern Höhe im Nordwesten der Insel. Es soll dort aussehen wie im Tessin.“

„Du warst mit deinen Eltern immer gern in Ascona, ich weiß.“

„Also, wir fahren nach Valldemossa, und am Nachmittag können wir nach Port de Sóller weiterfahren. Dort ist ein schöner Hafen.“

„Schiffe!“, ruft Francis aus.

„Ich sehe schon, du hast den Tag schön geplant. Das machen wir.“ Lisa greift nach meiner Hand, die auf dem Tisch liegt.

„Lisa, ich räume alles zurück in die Küche. Und dann fahren wir los.“

Kurz darauf sitzen wir drei im Cabriolet und fahren zurück in Richtung Manacor, dann in Richtung Palma. In Höhe des Flughafens geht es in den Norden. Es wird bergig. Die Landschaft wirkt tatsächlich wie in der Schweiz. Und auch die Häuser wirken so. Ich schaue meine kleine Familie an. Die beiden lieben den Ausflug auch. Nach einer letzten scharfen Linkskurve geht es in den Ort hinein. Das Cabriolet sucht sich einen freien Parkplatz im Zentrum der Stadt.

„Frédéric Chopin hat hier in Valldemossa einmal einen Winter verlebt und hat hier auch viel komponiert, Lisa.“

– „Ja. Chopin. Ich liebe seine Préludes.“

„Ich weiß, Lisa.“

„Ich fühle mich phantastisch. Das ist ein wundervoller Tag heute, Lars.“

In einem Restaurant in der Fußgängerzone kehren wir ein und essen einen Salat und trinken ein Wasser. Francis bekommt auch ein Eis.

Mit unserem Auto fahren wir weiter über eine Bergstraße, die einen atemberaubenden Blick auf das Meer freigibt. Viele Serpentinen bestimmen die hoch gelegene Straße, die nach und nach auf das Meeresniveau hinabführt. Dann treffen wir in Port de Sóller ein. Als erstes fällt uns eine klassische Holzstraßenbahn auf, die am Ufer entlangfährt. Wir finden ein schönes Restaurant mit Blick auf den Hafen und bestellen uns Pasta.

„Papa, das ist toll hier. Und die vielen Schiffe…“, Francis lächelt mich an. Und ich streichele sein Haar. Mir entgeht nicht, wie liebevoll Lisa mich und Francis anschaut.

Neuigkeiten von John

Mein Messenger am Handgelenk flasht. Ich nehme das Gespräch entgegen, und sofort erscheint Johns Avatar ganz vertraut als Hologramm über meinem Handgelenk. Ich frage ihn gleich nach unserer Publikation.

John stockt. Dann antwortet er zögerlich. „Unser Paper liegt noch zum Peer Review bei einem Gutachter, den Scientific American hinzugezogen hat.

„Dann wird die Welt noch ein Paar Tage auf unsere Entdeckung warten müssen, John.“

„Eine New Yorker Arbeitsgruppe hat eine Publikation in Nature veröffentlicht. Sie erschien gestern. Sie beschreibt Ergebnisse, die mit unseren Beobachtungen identisch sind, Lars.“

„Da haben sie zeitgleich mit uns geforscht?“

„Ja. Offensichtlich.“

„Dann bekommen wir also nicht den Ruhm für die Erstentdeckung dieses quantenmechanischen Phänomens?“

„Nein, Lars. Die Trophäe geht an McCarthys Arbeitsgruppe in New York.“

„Wird Scientific American unseren Artikel dann überhaupt noch drucken?“

„Ich kann es nicht sagen. Die Messergebnisse und auch die Diskussion sind unserem Paper zu ähnlich, glaube ich. Es kann sein, dass unsere Arbeit unveröffentlicht bleibt. Aber ich frage nochmal bei Scientific American nach. Ich melde mich wieder.“

Wir beenden das Gespräch.

Lisa schaut mich an. „Das klingt jetzt aber gar nicht gut. Kann man in Erfahrung bringen, bei wem euer Paper zum Peer Review auf dem Tisch liegt und versauert?“

„Peer Reviewer sind immer das bestgehütete Geheimnis der Journals. Die Editors-in-Chief geben keine Namen preis. Da kann man nichts machen. Wir werden es nicht erfahren.“ Ich schaue auf die Abendsonne, die sich hinter dem Bergrücken senkt. „Alle Ehre, aller Ruhm gehen jetzt nach New York.“

„Das tut mir leid, Lars.“

Rückflug

Liebe Lisa,

unser schöner Sommerurlaub auf Mallorca ist zu Ende, und wir sind jetzt auf dem Rückflug nach Frankfurt. Es war eine wundervolle Zeit mit dir und Francis. Nächste Woche geht für dich die Schule los. Und ich werde alles tun, um dir das Lernen leicht zu machen. Und wenn alles gut geht, dann bekommst du schon im nächsten Jahr zum Wintersemester 2041/2042 einen Studienplatz in Medizin.

Ich fühle mich als Hausmann ganz gut. Und ich werde dazu auch das Kochen lernen. Ich werde dich richtig verwöhnen, du wirst schon sehen.

Lisa, ich liebe dich über alles.

Küchengespräch

Heute hat für Lisa das letzte Schuljahr begonnen. Ich bereite für uns drei das Mittagessen vor. Es gibt Frankfurter Schnitzel mit Grüner Sauce und gekräuterten Butterkartoffeln. Dazu habe ich eigens einen Mix aus den sieben Kräutern – Boretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch – besorgt. Die Kräuter werde ich mit saurer Sahne, mittelscharfem Senf und etwas Rotweinessig anmischen.

Die Wohnungstür wird geöffnet. Das muss Lisa sein. Ja. Sie ist es. Francis rennt ihr gleich entgegen und streckt ihr seine Arme entgegen.

„Hallo Lars. Hier riecht es schon so gut. Was gibt es? Gibt es Schnitzel mit Grüner Sauce?“ Lisa stellt ihre Tasche an der Garderobe ab, hebt Francis nach oben und kommt zu mir in die Küche.

„Genau. Du hast es erraten.“ Ich gebe Lisa einen Kuss.

„Lars?“

„Ja, Lisa?“

„Ich habe heute nochmal über euer Paper nachgedacht. Ich habe verstanden, dass der Editor-in-Chief euch den Namen des Gutachters im Peer Review nicht nennen wird. Aber wie wäre es, wenn John ihn nicht nach einem Namen fragt – sondern stattdessen einen Namen nennt?“

„Welchen Namen soll er denn da nennen, Lisa?“

„McCarthy, New York.“

„Wie bitte?“

„Ja. McCarthy. Mir kam der Gedanke, dass McCarthy der Peer Reviewer sein könnte.“

„Das wäre ja ein Skandal. Also, Lisa – ich weiß nicht so recht.“

„Sprich doch mal mit John darüber. Am besten ruft gleich der Dekan, Professor Williams, beim Scientific American an.“

„In Washington ist es jetzt 9.00 Uhr morgens. John hält gerade seine Vorlesung für das Erstsemester. Ich spreche ihm eine Nachricht auf die Mailbox. Ich kann ihn jetzt nicht stören.“ Ich greife nach meinem Handgelenk. Ich spreche die Nachricht, die mein Avatar John vorlesen wird, sobald er seinen Messenger nach der Vorlesung wieder einschaltet. Dann wende ich mich wieder der Mahlzeit zu: „Das Essen ist gleich fertig. Setzt euch schon einmal an den Tisch.“

Lisa und Francis nehmen an dem großen Esstisch vor der Fensterfront mit Blick auf die Frankfurter Skyline Platz. Ich trage die drei Teller zum Tisch.

„Lars?“

„Ja?“

„Du bist ein wundervoller Koch, ein wundervoller Mann und ein erstklassiger Liebhaber.“

„Liebhaber“, wiederholt Francis, „ich habe Papi auch lieb.“

„In dieser Reihenfolge, Lisa?“

Lisa grinst über ihr ganzes Gesicht. „Ja. Und bevor du mich fragst: Ja, ich meine das in aufsteigender Reihenfolge.“

Ich muss lachen. „Gut, dass du sagst, dass ich besser liebe als koche.“

Und Lisa lacht nun auch.

Wir essen weiter.

Gewissheit

Am Nachmittag meldet sich John: „Andrew hat mit dem Editor-in-Chief gesprochen. Er rief als Dekan und Mitautor des Papers beim Scientific American an. Er nannte den Namen. McCarthy. Ganz verdutzt bestätigte ihm der Editor-in-Chief unsere Vermutung.“

„Und jetzt?“ Ich bin außer mir und suche nach Worten.

„Wir können nichts machen. McCarthy hat parallel zu seiner Publikation bereits eine Presseerklärung herausgegeben. Die Welt sieht in ihm den Entdecker des quantenmechanischen Effekts.“ Johns Verärgerung schwingt deutlich in seiner Stimme mit.

„Dann müssen wir es das nächste Mal auch so handhaben. Wir werden bahnbrechende Neuentdeckungen sofort auch mit einer Presseerklärung ankündigen.“ Ich beiße mir auf die Lippen.

„Es ist fraglich, Lars, ob wir jemals wieder solch eine große Entdeckung machen werden. Aber sie haben Recht. Aus der Sache müssen wir lernen. Nur in dieser Angelegenheit können wir nichts mehr machen. Wir müssten zu viel Schmutz aufwirbeln, wenn wir nun McCarthys Plagiat aufdecken würden. Und weil McCarthy Obergutachter im National Board für die Verteilung staatlicher Forschungsmittel ist, dürfen wir es uns mit ihm nicht verderben.“

„Das ist unlogisch.“

„Das ist Hochschulpolitik, Lars.“

„Ach.“ Mir sinken enttäuscht die Schultern herab. Das war heute keine gute Nachricht. Und Lisa hatte für alles ein Näschen.

Das einfache Leben

Liebe Lisa,

nun ist das Schuljahr für dich schon weit vorangeschritten und Weihnachten steht bald vor der Tür. Deine Anspannung vor dem Abitur wächst von Tag zu Tag. Das Lernpensum ist immens. Du liest viel.

Und ich bin glücklich, dass ich für uns den Haushalt und unseren Sohn versorge. Ich bin froh, dass ich alle Arbeit von dir fernhalten kann.

Unser einfaches Leben besteht aus der Aneinanderreihung belangloser Banalitäten. Und doch entdecke ich gerade darin eine große Geborgenheit und Wärme. Ich bin sicher bei dir. Und du bist sicher bei mir.

Lisa, du wirst eine gute Ärztin werden. Da bin ich mir gewiss. Wie dein Vater.

Sag mir, wenn ich mehr für dich tun kann.

Weihnachten mit Papa und Heidi

Wir gehen zusammen mit Papa und Heidi über den Eisernen Steg zur Alten Nikolaikirche. Wieder liegt Schnee auf der Brücke. Die Lichter der Großstadt funkeln herrlich über uns.

„Papa, das ist wie damals, als wir das erste Mal ohne Mama zur Christvesper gegangen sind.“

„Ja, Lars. Ich erinnere mich gut. Damals war der Weihnachtsbaum auf dem Römerberg besonders prächtig.“

„Ich denke noch oft an Mama.“

Ich sehe, wie Papa nickt. Auch er hat Mama nicht vergessen. Jetzt sind es schon sieben Jahre, dass sie nicht mehr da ist. Wie doch die Zeit vergeht. Da geht mir auf, wie lange ich schon nicht mehr an ihrem Grab auf dem Südfriedhof war. Ich weiß, dass Papa das Grab von einem Gärtner pflegen lässt. Aber wie es jetzt aussieht? Ich habe keine Ahnung. Mir wird für einen kleinen Moment das Herz schwer.

Francis läuft zwischen mir und Lisa und hält uns an den Händen. „Papa“, sagt er zu mir. Ich glaube, er merkt, dass ich traurig bin. Er drückt meine Hand ganz fest. Wir erreichen die Kirche. Pastor Albert predigt heute. Er spricht davon, wie Gott die leere Krippe mit seinem Sohn füllt. So füllt er auch unser leeres Leben mit ihm. Ja. Darauf vertraue ich fest.

Danach gehen wir zu Papa und Heidi nachhause. Papa hat einen Weihnachtsbaum gekauft und mit Heidi wundervoll geschmückt. Francis steht vor dem Baum und freut sich über den prachtvollen Anblick.

„Ich habe Gänsekeulen, Knödel, Maronen und Sauce eingekauft. Ich bekoche euch heute Abend.“ Papa bekommt tatsächlich wieder ein gutes Weihnachtsessen hin.

Ich bin glücklich, dass ich Papa noch habe. „Es riecht schon ganz vielversprechend.“

Ein längliches, rot verpacktes Geschenk liegt unter dem Weihnachtsbaum. Es fällt sehr ins Auge. Das müssen Papa und Heidi für Francis gekauft haben. Aber unser Kleiner muss noch warten. Erst wird das Essen serviert. Es schmeckt köstlich. Papa reicht einen leichten Rotwein zum Essen.

„Ich hoffe, wir feiern noch viele Weihnachten zusammen“, Papa hebt das Glas. Wir stoßen gemeinsam an. Francis hat einen roten Traubensaft in seinem Glas. Bevor ich mir einen Nachschlag auftun lasse, erlaubt Heidi, dass Francis sein Geschenk öffnet.

Francis öffnet das Geschenkpapier. „Was ist das?“

Lisa beugt sich zu ihm herab. „Oh. Das sind Buntstifte. Zweihundert Stück. In allen Farben. Schau nur Francis, wie schön die Farben sind. Der ganze Regenbogen ist vertreten.“

„Was macht man damit?“ Francis schaut fragend in die Runde.

„Du kannst damit auf Papier malen.“

Francis zieht die Augenbrauen nach oben. „Und wie speichert man das ab?“

„Das Bild bleibt auf dem Papier. Deine Zeichnung bleibt auf dem Papier gespeichert.“ Ich lächele. Er kennt bis jetzt nur das Malen auf dem Medienboard. Gut, dass sich das mit diesem Geschenk ändert.

Frankfurter Stadtgeläut

Zu Silvester wecken wir Francis um Mitternacht. Wir öffnen die Fenster im Wohnzimmer. Im Kaiserdom St. Bartholomäus geht das Geläut los. Dann schließen sich die anderen Kirchen an. Ich liebe das Frankfurter Stadtgeläut. Und schon blitzt das Feuerwerk über Frankfurt in allen Farben auf.

Lisa hakt sich bei mir ein. „Weißt du noch, wie wir klein waren? Da wurde das Feuerwerk noch mit Raketen gezündet.“

„Ja. Und danach war immer die Luft verschmutzt und es stank unglaublich. Ich liebe die Hologramme, die von den Laserkanonen in den Himmel gemalt werden. Die Farben der Hologramme stehen den alten Feuerwerken in nichts nach.“

„Ein glückliches neues Jahr 2041, Lars.“

„Ein glückliches neues Jahr auch dir, Lisa.“

Francis will auf meinen Arm hochgehoben werden. Wir betrachten das Holo-Feuerwerk am Himmel. Fast eine halbe Stunde wird es in den Himmel projiziert. Unser kleiner Junge wird müde.

„Ich bringe ihn ins Bett.“ Ich gehe mit Francis ins Kinderzimmer.

Als ich wiederkomme, überrascht mich Lisa mit einem Sekt. Wir stoßen an. Inzwischen hat sich das Spektakel am Himmel wieder gelegt. „Magst du noch die zweite Suite von ‚Daphnis et Chloé‘ hören?“

„Vielleicht morgen, Lisa. Jetzt bin ich sehr müde. Lass uns auch hinlegen.“ Wir löschen das Licht.

Rückschau

Lieber Lars,

jetzt ist schon wieder eine so lange Zeit vergangen. Ich habe bereits eine Ewigkeit nichts mehr in unser gemeinsames Tagebuch geschrieben. Heute wird es Zeit. Ich muss doch festhalten, dass ich mein Abitur erfolgreich geschafft habe. Meine vier Prüfungsfächer waren Biologie, Chemie, Gemeinschaftskunde und Englisch. Meine Gesamtnote ist ganz ansehnlich. Ich werde mich demnächst um einen Medizinstudienplatz bewerben. Ich hoffe, ich bekomme einen Platz hier in Frankfurt. Aber du hast mir schon gesagt, dass du überall mit mir hinziehen wirst, wenn ich in einer anderen Stadt zum Studium zugelassen werde.

Danke, wie du mir den Rücken freihältst, Lars. Und deine Kochkünste schreiten auch immer weiter voran. Ich könnte mir nicht mehr wünschen. Unser Leben ist perfekt, so wie es ist. Ich will nicht versäumen, dir zu schreiben, wie glücklich ich mit dir bin.

Deine Lisa.

Traum in der Nacht

Ein Blick auf die Uhr. Ich sehe, es ist halb vier morgens. Ich habe so seltsam geträumt. Und alles wirkte so seltsam real.

Ich träumte vom Sternenhimmel. Die vielen Lichter am Firmament sahen wunderschön aus. Doch dann verblasste ein Stern nach dem anderen – bis auf einen Stern, der immer heller und schöner schien. Dieser Stern hüllte mich in ein helles Licht. Und dann sah ich auf einmal einen Mann, der starb und ein kleines Baby, das geboren wurde.

In diesem Traum fühlte ich, dass alles, was ich sah, etwas mit mir zu tun hat. Diese Erkenntnis erschütterte mich so sehr, dass ich davon wach wurde. Halb vier morgens. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich liege wach. Nochmal schaue ich auf die Uhr.

Lisa wird wach. „Was ist? Warum bist du so unruhig, Lars?“

„Ich habe so seltsam geträumt.“

„Dreh‘ dich um und schlafe einfach weiter.“

„Es geht nicht. Ich bin blitzwach.“ Ich liege weiter wach. Ich glaube, Lisa ist wieder eingeschlafen.

Eine halbe Stunde später ruft Heidi an. „Lars, dein Papa reagiert nicht. Er ist ganz unruhig. Und wenn ich ihn anspreche, dann reagiert er nicht. Kannst du vorbeikommen?“

Lisa ist vom Call auch wach geworden. „Dein Papa reagiert nicht? Kann ich mal seinen Avatar sehen?“

Ich gebe die Bitte weiter. „Heidi? Kannst du mal Papas Avatar zeigen?“

Heidi greift nach seinem Handgelenk und sendet sein Signal.

„Schau mal, Lars. Stephans linker Arm und sein linkes Bein sind gebeugt. Das ist ein Schlaganfall. Jetzt müssen wir schnell handeln.“

„Sollen wir deinen Vater rufen? Er ist am schnellsten bei Papa.“

„Nein. Die müssen eine Lyse des Blutgerinnsels machen. Da braucht man Medikamente, die mein Vater nicht zuhause hat. Warte. Ich rufe den Notarzt und sage, dass ein akuter Apoplex vorliegt.“ Lisa setzt den Notruf ab.

„Ich rufe uns ein Taxi, das uns zu Papa ans Deutschherrnufer fährt.“ Ich ziehe mich rasch an.

„Nein. Warte, Lars. Ich sehe gerade ein Signal reinkommen. Hier. Sie fahren deinen Papa in die Schifferstraße. Sie fahren ihn ins Diakonissenkrankenhaus. Wir nehmen ein Taxi gleich dorthin.“

„Und Francis? Den können wir nicht allein hierlassen.“

„Du hast Recht, Lars. Ich bleibe erstmal hier. Du fährst alleine vor. Dein Papa ist im Diakonissenkrankenhaus in den besten Händen. Ich rufe meinen Vater dazu. Und dann schaue ich, dass Francis zu meiner Mutter geht. Und ich komme dann nach.“

Mein Taxi trifft bei uns am Sonnenring ein. Ich ziehe schnell eine Hose und ein Shirt an, Strümpfe, Schuhe, Jacke. Schnell. Schnell. Ich renne auf die Straße. Mein Taxi wartet mit eingeschaltetem Scheinwerferlicht. „Zum Diakonissenkrankenhaus bitte“, sage ich dem Bordcomputer hastig. Der Wagen setzt sich in Bewegung. Am Haupteingang in der Schifferstraße steige ich aus.

Lisas Vater trifft mit dem Fahrrad ein. Nicht ordnungsgemäß stellt er das Fahrrad direkt vor dem Haupteingang des Diakonissenkrankenhauses ab. Dem Pförtner vom Krankenhaus ruft er nur kurz zu: „Können sie sich bitte um mein Fahrrad kümmern? Ich muss gleich zur Notaufnahme.“

„Ja, Herr Dr. Wunderlich. Ich kümmere mich“, ruft der Mann von der Pforte zurück.

„Komm, Lars. Ab in die Notaufnahme.“ Bastian zieht mich am linken Arm. Wir laufen schnell. Mein Papa ist bereits im Schockraum. Er reagiert nicht auf uns. Schläft er?

„Hartmut! Gut, dass sie heute Nacht Dienst haben. Geben sie mir bitte eine Spritze Lysinol X. Ich spritze peripher gleich einen Bolus.“ Unterdessen desinfiziert Bastian seine Hände und zieht einen sterilen Kittel über.

Ich bleibe am Rand des Schockraums stehen. Hier ist so viel Bewegung im Raum. Ich will niemandem im Weg stehen.

Der Pfleger zieht eine Ampulle auf und gibt sie Bastian. Im Krankenwagen war Papa bereits ein Zugang in eine Armvene gelegt worden. Bastian spritzt das Mittel. „Und nun hängen wir noch eine Infusion mit Lysinol X an. Und wir machen gleich ein Magnetresonanztomogramm.“

Ein flaches Schild kommt von der Decke des Schockraums herab. Es surrt. Nur wenige Sekunden. Dann erscheint ein Hologramm über Papa. Es zeigt Papas Hirn. „Gefäßstatus“ befiehlt Bastian dem Computer. Das Hologramm schaltet auf Papas Hirngefäße um. „Basilaristhrombose“ stellt Bastian fest. „EKG-Status“ fordert Lisas Vater vom Computer. „Vorhofflimmern“ murmelt er und wendet sich dann dem Pfleger wieder zu: „Eine Ampulle Rhythmostatin. Und danach bitte einen Mikrokatheter.“

„Für die Basilaris?“ Hartmut gibt Bastian schon einmal das Rhythmostatin.

Lisas Vater verabreicht die Spritze mit dem Mittel gegen das Vorhofflimmern. „Ja. Ich sondiere über die rechte Arteria vertebralis.“

„Gut. Ich lagere den Patienten für eine Sondierung der Vertebralis um.“ Hartmut handelt sicher und schnell.

Bastian wendet sich an eine Schwester: „Renate. Bitte holen sie mir die Sonde für die Glasfasernavigation. Ich werde die Sonde tracken und im Hologramm visualisieren, um die Vertebralis sicher zu treffen.“

Die Schwester gibt Lisas Vater eine steril verpackte Spritze. Renate verbindet das Glasfaserkabel der Sonde mit dem Tomographen.

„Tomograph: Online-Visualisierung“ befiehlt Bastian dem Computer. Gleichzeitig desinfiziert er rasch den Hals meines Papas, um danach mit der Spritze zu sondieren. Im Hologramm, das sich über Papa zeigt, sehe ich die Sonde. Und ein hell erleuchtetes Gefäß, das Bastian mit der Sonde sofort trifft. Zusammen mit einem identischen Gefäß von der anderen Seite vereinigen sich die beiden Arterien zu einem gemeinsamen Strang. „Das ist die Basilaris. Und schau, Lars. Hier ist der Thrombus.“

Ich sehe, dass da eine Blockade ist und hinter der Blockade kein Blut fließt.

„Mikrokatheter!“ ruft Bastian. Er schiebt den Katheter über die Sonde bis zur Blockade vor. „Und jetzt noch einen Bolus Lysinol X!“

Bastian spritzt das Medikament. Man sieht, dass sich die Blockade von unten her zunehmend auflöst. Dann fließt wieder Blut. Lisas Vater nickt. Er schaut nach dem Herzschlag. „Der Vorhof arbeitet wieder rein und regelmäßig. Der Thrombus muss aus dem Vorhof gekommen sein, Lars. Jetzt gibt es für uns nur noch eins zu tun…“

„Ja?“

„Wir beten für deinen Papa.“

„Soll Herr Krönlein auf Intensiv?“, fragt Hartmut.

„Ja. Auf. Intensiv. Danke, Hartmut. Danke, Renate. Ihr seid ein Spitzenteam.“

Mein Papa reagiert immer noch nicht. Er liegt ganz still. Sein linker Arm und sein linkes Bein sind immer noch gebeugt. Ob das etwas zu bedeuten hat?

Auf Intensiv

Papa bleibt regungslos. Ich greife nach seiner rechten Hand. Da beginnt Papa, meine Hand zu streicheln. Er merkt, dass ich da bin. Seine Augen sind geschlossen. Ich sage nur ein Wort: „Papa.“ In meinem Kopf geht der Gedanke um: „Bitte, Herr Jesus, hilf meinem Papa.“

Jetzt trifft auch Lisa ein. „Francis ist bei meiner Mutter.“ Sie setzt sich auf die andere Seite des Bettes.

Inzwischen ist es draußen hell geworden. Ich habe mein Gefühl für die Uhrzeit komplett verloren. Ich sehe auf mein Handgelenk. Es ist 8.00 Uhr.

Die Visite kommt. Allen voran Lisas Vater. „Könnt ihr bitte kurz draußen warten?“ Bastian bittet Lisa und mich, das Intensivzimmer zu verlassen.

„Was besprechen die da drinnen?“ Ich schaue Lisa an. Lisa zieht ihre Schultern nach oben. Sie weiß es offenbar auch nicht.

Die Visite kommt aus dem Intensivzimmer. „Dein Papa geht jetzt auf Normalstation. Einzelzimmer auf Station C5.“

„Ist Stephan nicht mehr intensivpflichtig?“ Lisa schaut ihrem Vater direkt in die Augen.

„Nein. Nicht mehr.“ Bastian hebt die Augenbrauen. Was bedeutet das?

Die Visite zieht weiter.

„Wartet oben auf C5“, flüstert uns eine Schwester zu.

Am Krankenbett

Ich sehe, dass Papas rechte Hand meine Hand sucht. Ich greife sofort nach seiner Hand. Papas Augen sind immer noch geschlossen.

„Wie merkt Papa, dass ich da bin?“

Lisa setzt sich auf die andere Seite des Krankenbettes. „Er hört uns, Lars. Und er spürt dich.“

Schwester Roswita kommt in Papas Zimmer auf Station C5. „Hier ist es besser als auf Intensiv. Hier könnt ihr jederzeit kommen und gehen.“

„Aber auf Intensiv kann man doch mehr tun, als hier.“ Ich verstehe das alles nicht.

Die Schwester schaltet das Monitoring ab.

„Was hat das alles zu bedeuten?“

„So habt ihr mehr Ruhe füreinander.“ Schwester Roswita schaut mich voller Güte an.

Ich blicke zu Lisa.

„Lars… Es ist alles getan, was Menschen tun können. Magst du bei deinem Papa bleiben? Ich glaube, das wäre sehr gut.“

Ich spüre, dass meine Augen feucht werden: „Wird mein Papa denn jetzt gehen?“

Lisa nickt.

„Ich bleibe hier. Ja.“

Schwester Roswita holt einen bequemen Schlafsessel mit einem Kopfkissen für mich.

Mein Papa streichelt unablässig meine Hand. Ich spüre, wie sehr er mich liebt. Seine Augen bleiben geschlossen.

„Papa…“

Hannah

Es ist der zweite Tag, dass ich an Papas Bett sitze. Heute ist Sonntag. Die Schwestern bringen mir Essen und Trinken.

Mit einem Mal geht die Tür auf. Und herein kommen … Hannah und Heidi. „Hannah!“

Die Station C5 war ja früher einmal ihr Wirkungsort – damals, als sie noch junge Diakonisse war. Lange, bevor sie Johannes geheiratet hat. Ihr Lächeln ist freundlich und mild. „Stephan. Lars. Wir sind da. Hannah. Und Heidi.“ In ihren Händen hält sie ein Buch.

Ich muss weinen. Ich bin ganz überwältigt und glücklich über Hannahs Gegenwart. „Was für ein Buch ist das?“

„Ein Liederbuch, Lars. Wenn du es magst, dann können wir später etwas singen.“

Ich lasse Papas Hand nicht los. Wieder streichelt er meine Hand. Da fühle ich, dass alles gut wird. Die beiden setzen sich zu Papas linker Seite. Heidi hat sich sehr hübsch gemacht.

Hannah salbt Papa mit Öl aus einem kleinen Fläschchen. Sie lächelt mich an: „Das kommt aus Jerusalem.“ Hannah wendet sich Papa wieder zu. „Der Herr segne und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und leite dich in seinem Frieden.“

Wir sitzen lange gemeinsam an Papas Bett. Am Abend gehen die zwei wieder. „Auf Wiedersehen, mein Schatz“, sagt Heidi noch.

Abschied

Mir wird das Abendessen gebracht. Mir fällt beim Entgegennehmen des Tabletts das Messer auf den Boden hinab. Papa zuckt zusammen. „Entschuldige bitte, Papa.“ Ich hebe das Messer vom Boden auf.

Ich esse.

Dann bekomme ich den Impuls, Papa etwas vorzusingen. Ja. Da liegt das Liederbuch. Hannah hat es hier gelassen. Ich blättere im Buch. Ein Lied liegt mir besonders am Herzen.

Die Gott lieben, werden sein wie die Sonne,

die aufgeht in ihrer Pracht.

Noch verbirgt die Dunkelheit das Licht.

Und noch sehen wir die Sonne nicht.

Doch schon zieht ein neuer Tag herauf.

Und das Licht des Morgens leuchtet auf.

Viele Tränen werden noch geweint.

Und der Mensch ist noch des Menschen Feind.

Doch weil Jesus für die Feinde starb

hoffen wir, weil er uns Hoffnung gab.

Noch verbirgt die Dunkelheit das Licht

und noch sehen wir den Himmel nicht.

Doch die Zeit der Schmerzen wird vergeh'n

und dann werden wir den Vater seh'n.

Die Gott lieben, werden sein wie die Sonne,

die aufgeht in ihrer Pracht.

Nach der letzten Strophe sehe ich, dass Papa die Augen aufgemacht hat und mich aufmerksam anschaut. Er schaut wie ein kleines Kind, gerade so wie Francis mich als Baby anschaute, wenn ich ihn im Arm hielt und ihm etwas vorsang. Dann sehe ich, dass Papa aufhört zu atmen. Sein Blick bleibt aufmerksam auf mich gerichtet. Da weiß ich, es ist noch Zeit. Ein kleiner Moment. Ich bete. „Ich preise den Namen Jesus Christus über deinem Leben, deinem Sterben und deiner Auferstehung. Amen.“

Und wie ich „Amen“ sage, sehe ich, dass auch Papa „Amen“ sagt. Nur stimmlos. Er hat ja keine Luft mehr in der Lunge. Aber ich sehe, wie seine Lippen sich zu einem „Amen“ formen und er noch einmal schluckt.

Dann sehe ich Papas Augen, wie sie nach dem „Amen“ in die Ferne gehen. Es ist Sonntagabend, der 2. Juni 2041. Es ist 19.15 Uhr.

Ich singe noch dreimal „Die Gott lieben, werden sein wie die Sonne, die aufgeht in ihrer Pracht“, damit mich Papa noch aus der Ferne hören kann, wenn er jetzt heimgeht. Ich knie mich neben Papas Bett und bitte Gott um Gnade. An Gottes Gnade ist jetzt alles gelegen.

Ich stehe wieder auf. Ich schließe Papa die Augen.

Ich gehe zur diensthabenden Ärztin. „Mein Papa ist gegangen. Sie können nun alles tun, was sie tun müssen.“

Die Ärztin kommt in Papas Zimmer. Sie überzeugt sich davon, dass Papa tot ist. „Wir haben einen schönen Trauerraum. Dort können sie noch einmal Abschied nehmen, wenn wir ihren Vater fertig gemacht haben.“

„Ich habe schon Abschied genommen. Ich werde nicht kommen. Vielleicht Heidi.“ Ich verabschiede mich. Ich fahre zu Lisa.

Lisa umarmt mich sehr liebevoll, als ich nachhause zurückkehre. Es ist gut, dass ich jetzt nicht allein bin. „Schön, dass du für mich da bist, Lisa.“

„Ja, Lars. Das bin ich. Immer. Für immer.“

Trauergottesdienst

Papas letztem Willen entsprechend hält nicht Pastor Hans den Trauergottesdienst. Diese Aufgabe übernimmt unser Pastor Albert. Es war Heidis und mein Wunsch, dass Hannah einen Text liest, den sie für diesen Tag passend findet.

Es ist ein Tag nach meinem neunzehnten Geburtstag. Es ist ein trüber Donnerstagnachmittag auf dem Frankfurter Südfriedhof. Heute Vormittag hat es noch geregnet. Im Moment hält sich das Wetter gerade so. Wir sind drinnen in der Trauerhalle.

So viele Kinder sind da. Sie alle haben Bilder gemalt mit vielen Herzen. Für Papa. Es sind die Kinder aus dem Nachhilfekurs in der Alten Nikolaikirche. Die Nachhilfe hat Papa seit Mamas Tod gegeben. Das sind jetzt etwa sieben Jahre. Als ich die vielen Kinder in der Trauerhalle sehe, die von Papa Abschied nehmen, fange ich an zu weinen. Jetzt ist Papa den Weg gegangen, den schon Mama nahm.

Pastor Albert begrüßt die Trauergemeinde. „Liebe Heidi, lieber Lars, Lisa und Francis, liebe Verwandte und Freunde. Heute nehmen wir Abschied von unserem Bruder und Freund, Stephan Krönlein. Stephan wurde am 2. Dezember 1968 in Landau in der Pfalz geboren. Er ging von uns am vergangenen Sonntag, den 2. Juni 2041…“

Ich kann mich auf die Trauerpredigt nicht konzentrieren. Sie rauscht förmlich an mir vorbei. Ich denke an die vielen Kindergeburtstage, die wir damals noch mit ihm und Mama gefeiert haben. Ich denke daran, dass Papa niemanden hatte, bis er Mama kennenlernte. Und dass mit Mama sein Leben neu begann. Und mit einem Mal denke ich an unser erstes Weihnachten ohne Mama. Wie wir zwei im frischen Schnee über den Eisernen Steg zur Christvesper in der Alten Nikolaikirche gelaufen sind. Und wie Papa bis heute von dem prachtvollen Weihnachtsbaum vor dem Römer geschwärmt hat. Ich sehe Papa vor mir. Und ich erinnere mich an den erwartungsvollen Blick in seinen Augen, als er letzten Sonntag heimging.

Da bemerke ich, dass Hannah nach vorn geht. Sie liest.

Psalm 139 Ein Psalm Davids, vorzusingen.

Herr, du erforschest mich

und kennest mich.

Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;

du verstehst meine Gedanken von ferne.

Ich gehe oder liege, so bist du um mich

und siehst alle meine Wege.

Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,

das du, Herr, nicht alles wüsstest.

Von allen Seiten umgibst du mich

und hältst deine Hand über mir.

Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,

ich kann sie nicht begreifen.

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,

und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

Führe ich gen Himmel, so bist du da;

bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

Nähme ich Flügel der Morgenröte und

bliebe am äußersten Meer,

so würde auch dort deine Hand mich führen

und deine Rechte mich halten.

Spräche ich: Finsternis möge mich decken

und Nacht statt Licht um mich sein –,

so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,

und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

Ich sehe, dass auch Hannah jetzt eine Träne im Auge hat. Aber sie lächelt mich, Lisa, Francis und auch Heidi tapfer an.

Pastor Albert spricht noch. Und dann kommen auch schon die Männer vom Friedhof und nehmen Papas Urne. Jetzt geht alles ganz schnell. Wir gehen hinaus zu Mamas Grab. Dort ist bereits Erde für Papas Urne ausgehoben worden. Ich stehe neben mir. Ich bekomme alles mit – wie in einem Traum. Lisa zeigt mir, dass wir jetzt zu dritt an das Grab herantreten. Ich werfe Erde und Blumen in das Grab hinab. Lisa und Francis werfen nur Blüten aus der Schale neben dem Grab. Ich bleibe noch lange stehen. Dann stellen wir uns neben Heidi, die schon am Grab war.

Alle kommen und reichen mir die Hand. Auch die vielen Kinder, über die ich mich besonders freue.

Und dann will ich mit Lisa und Francis nachhause. Ich will mit den beiden jetzt allein sein.

„Lisa?“

„Ja, Lars?“

„Was sind das eigentlich für Flügel der Morgenröte, von denen Psalm 139 spricht?“

„Ich verstehe das so, dass David mit diesen Flügeln fliegen konnte. Weit weg. Fort aus seinem bisherigen Leben. Hinein in einen neuen Tag, hinein in ein neues Abenteuer.“

Wechselbad

Mein lieber Lars,

du hast mir alles erzählt. Du hast mir erzählt, wie du deinen Papa bis zum Schluss tapfer begleitet hast. Und ich muss sagen, du hast alles sehr gut gemacht. Ich bin stolz auf dich.

Und doch gehst du im Augenblick durch ein Wechselbad der Gefühle. Ich fühle deine Niedergeschlagenheit. Ich spüre, wie sehr du deine Eltern vermisst.

Ich wünsche dir, dass du diese schwere Zeit gut überstehst und dass deine Gedanken dich nicht mehr niederdrücken. Sage mir, wenn ich etwas für dich tun kann. Du tust so unendlich viel für mich. Und mir geht nicht aus dem Kopf, was für ein wundervoller Koch du geworden bist. Im Augenblick bist du gerade beim Einkauf für unser Abendessen. Nun lass mich auch für dich da sein. Lass uns unseren Sommerurlaub planen. Wir können hinreisen, wo auch immer du hinreisen möchtest.

Wie ich gerade so nachdenke, kommt mir der Gedanke, dass du auch noch einmal mit Hannah sprechen könntest. Gespräche mit ihr haben dir immer sehr gutgetan.

Wenn du diesen Tagebucheintrag in unserer Cloud liest, dann sprich mich doch an. Oder melde dich direkt bei Hannah in Heidelberg.

Ich wünsche dir von Herzen, dass du dieses Trauertal hinter dir lässt, Lars.

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