Kitabı oxu: «Primärdirektionen»

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Chiron Verlag, Postfach 1250, D-72002 Tübingen

Die Sterne spielen auf, die sublunarische Natur tanzt nach den Weisen dieser Musik.

JOHANNES KEPLER

©1996 Chiron Verlag, Mössingen

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Was sind Primärdirektionen?

1.1 Genauigkeit und Grenzen

1.2 Signifikator und Promissor

1.3 Zur Deutung von Direktionen

2 Das Direktionsverfahren

2.1 Das Standardverfahren

2.2 Berechnung des Direktionsbogens

2.3 Direktionen zu einem vorgegebenen Zeitpunkt

2.4 Der Direktionsschlüssel

2.5 Das Verfahren von Goldmayer

2.6 Mundane Direktionen

2.7 Direktionen nach RA und OA

2.8 Näherungsweise Direktionsberechnung

3 Ein Beispiel

3.1 Das Geburtshoroskop Nietzsches

3.2 Speculum und Aspekttafel

3.3 Die Konstellationen Nietzsches

3.4 Die Korrektur der Geburtszeit

3.5 Die Korrektur von Nietzsches Geburtszeit

3.6 Eine Direktionsanalyse

3.7 Rechenbeispiele

3.8 Verwendete Nietzsche-Literatur

4 Mundane Position

4.1 Allgemeine Formeln

4.2 Mundane Position nach Placidus

4.3 Die Placidusvariante von Kühr

4.4 Die topozentrische Placidusvariante

4.5 Mundane Position nach Regiomontanus

4.6 Mundane Position nach Campanus

4.7 Unnatürliche mundane Positionsbegriffe

4.7.1 Das ekliptikale System nach Porphyrius

4.7.2 Das äquatoriale System des ALCABITIUS

4.7.3 Das Geburts-Orts-Häuser-System des Dr. Koch

4.7.4 Die Himmelsrichtung als mundane Position

5 Problematisches

5.1 Die Berücksichtigung der Breite

5.2 Breiten von Aspektstellen und Halbdistanzen

5.3 Parallaxe und Eigenbewegung des Mondes

5.4 Geographische oder geozentrische Breite

6 Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Von ersten Anfängen in der Zeitenwende bis in die Renaissance waren die Primärdirektionen eine der wichtigsten Prognosemethoden der Individualastrologie. Später gerieten sie durch eine Vielfalt von neuentdeckten Verfahren ins Hintertreffen, die die Faszination der Astrologen auf sich zogen: Seitdem wurde das astrologische Instrumentarium z.B. um die Sekundärdirektionen bereichert, in neuerer Zeit kamen dann symbolische Direktionen, Tertiärdirektionen und Sonnenbogendirektionen hinzu.1 Auch auf dem Feld der Primärdirektionen selbst betätigten sich die Reformer: REGIOMONTANUS führte in seinen tabulae directionum profectionumque (1467) eine den Alten gänzlich unbekannte Methode des Dirigierens ein. NAIBOD schaffte im 16. Jahrhundert den bis dahin ganz unumstrittenen Gradschlüssel der Primärdirektionen ab und ersetzte ihn durch seinen eigenen Schlüssel. Womit ich, stellvertretend für viele, nur zwei Neuerer genannt habe.

Seitdem haftet der Theorie der Primärdirektionen der Geruch einer esoterischen Spezialdisziplin an, die man in der Praxis getrost vergessen könne. Zum Teil gründet dieser Ruf darin, daß die exakte Berechnung der Primärdirektionen im Zeitalter der Logarithmentafeln eine sehr zeitraubende Angelegenheit war. Ein heutiger Computer berechnet dagegen in Sekundenschnelle alle im Leben eintreffenden Direktionen – wenn man möchte, noch mit verschiedenen Methoden und Schlüsseln, zu Vergleichszwecken.2 Auch die Möglichkeit von Rechenfehlern ist praktisch ausgeschlossen: Wenn der Computer fehlerhafte Ergebnisse liefert, so liegt es an falsch eingegebenen Daten. Das Problem besteht inzwischen längst nicht mehr darin, Direktionen zu berechnen, sondern darin, in der Fülle des Berechneten das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.

Daß Primärdirektionen viel Rechenzeit benötigen, ist daher in unserer Zeit nicht mehr wahr. Überhaupt ist die lange Rechenzeit ein schlechtes Argument gegen die Richtigkeit eines Systems: Ist es doch den Direktionen egal, wieviel Zeit wir zu ihrer Errechnung benötigen!

Schwerwiegender ist schon der Einwand, die Astrologie habe sich schließlich wie jede Disziplin fortentwickelt und allerhand früheren Ballast fortgeworfen, weshalb man sich an den neuesten statt an den ältesten Methoden orientieren sollte.

Aber bei der Astrologie ist das Verhältnis zur Tradition anders als etwa in einer Naturwissenschaft: Während Naturwissenschaftler bei jeder neuen Entwicklung die überholten Theorien in die Wissenschaftsgeschichte auslagern müssen, schätzen die Astrologen das aus dem Altertum überlieferte astrologische Wissen hoch und denken nicht im Traum daran, es könnte einmal durch neue Forschungen ’widerlegt’ werden. Wenn sie überlieferte Regeln bewahren und z.B. dem Zeichen Skorpion wirklich Eigenschaften des gleichnamigen Tiers beimessen, oder den Planeten Mars wie den Kriegsgott mit dem Thema Gewalt in Verbindung bringen, so geschieht dies, weil sie den Alten eine intuitive Erkenntnisart zugestehen, die im Laufe der letzten Jahrtausende den Menschen fast völlig abhanden gekommen ist. Dies ist die einzige Rechtfertigung des astrologischen Konservatismus.

Respekt vor der Tradition bedeutet jedoch keine blinde Übernahme des Überlieferten. Wir haben uns inzwischen neue Qualitäten erworben; an die Stelle eines bildhaften ist ein taghelles, kritisches Bewußtsein getreten, das den Abstraktionsschritt vom konkreten Bild zu dem darin ausgedrückten Wesentlichen mühelos vollziehen kann. Das sollte uns in die Lage versetzen, auch im überlieferten astrologischen Wissen die Spreu vom Weizen zu trennen und von den wahrsagerisch-konkreten astrologischen Bildern der Tradition zu den die Zeiten überdauernden Wahrheiten vorzudringen.

Es zeigt sich, daß die überlieferte Lehre der Primärdirektionen mehr Solides enthält als nur den Torso der Achsendirektionen, der in der heutigen astrologischen Praxis überlebt hat. Die Entdecker der Primärdirektionen besaßen ohne Zweifel eine tiefe Einfühlung in die Himmelsvorgänge und scheinen durch ihr analogisches Denken eine Methode von Bestand ermittelt zu haben. Ich glaube, daß es an der Zeit ist, diese Methode der Primärdirektionen aus dem Dunkel des Vergessens wieder ans Licht zu holen und mit unserem modernen Bewußtsein aufzuarbeiten. In der gegenwärtigen Situation ist die Besinnung auf die astrologische Tradition sinnvoller als das ständige Ausdenken neuer Methoden, das in unserer Zeit meist nur noch ein Erfinden, kein Entdecken mehr ist.

Die vorliegende Arbeit versteht sich als ein Beitrag in dieser Richtung, indem die Direktionslehre nicht nur theoretisch dargelegt wird, sondern auch an einem umfassenden Beispiel zur Anwendung kommt. Der Unterschied zu den ausgezeichneten Werken von KÜHR ([KK]) und KÜNDIG ([KP]) liegt vor allem darin, daß die Darstellung nicht durch die Fixierung auf ein ’alleinseligmachendes’ System vereinseitigt wird – beim gegenwärtigen Stand der Forschung wäre das unehrlich. Von der sehr guten Arbeit von W. KNAPPICH ([WK1]) hoffe ich mich dadurch zu unterscheiden, daß ich die Direktionen als Teil der gegenwärtigen astrologischen Forschung ansehe – und nicht als ein bloß noch historisches Phänomen. Auch wird dem Formelteil (Kapitel 4) konsequent der Begriff der mundanen Position als der zentrale Punkt aller Direktionssysteme zugrundegelegt. Dadurch gewinnt die mathematische Formulierung des Problems an Struktur und hoffentlich an Verständlichkeit.

Alle mir bekannten primären Direktionsverfahren stelle ich gleichberechtigt dar, damit sich der Leser selbst ein Bild machen kann. Das heißt nicht, daß ich selbst keine Präferenz für ein bestimmtes System hätte. Ich habe seit etwa zehn Jahren mit verschiedenen Methoden experimentiert und bin schließlich zu folgendem Verfahren gelangt, das mir oft gute Annäherungen zu bieten scheint:

Direktionsmethode des Verfassers:

Halbbogenmethode, ohne Berücksichtigung von Signifikator- und Promissorbreiten, Ptolemäusschlüssel (1 Grad = 1 Jahr).

Ich will an dieser Stelle nicht in den bei anderen Autoren üblichen Dogmatismus verfallen (” An Tausenden Fällen erprobt… Auf die Bogenminute exakt… Einzig richtiges Verfahren…”). Ich möchte allerdings zu denken geben, daß diese Art des Dirigierens immerhin bis ins 15. Jahrhundert allgemein üblich und konkurrenzlos war.

Im 3. Kapitel, in dem ich zur praktischen Illustration das Horoskop und die Direktionen Friedrich Nietzsches bespreche, mußte ich ’Farbe bekennen’ und habe die Direktionen nach dem von mir favorisierten Verfahren berechnet. Dem Kapitel wurden aber einige Rechenaufgaben angefügt, mit denen der Leser sich die verschiedenen Verfahren erüben kann.

Für die Anregung, diese Arbeit zu schreiben, bin ich vor allem ERICH THAA zu Dank verpflichtet; er trug zu ihrem Entstehen auch durch zahlreiche Korrekturen bei. REINHARDT STIEHLE vom Chiron Verlag danke ich für die unkomplizierte Zusammenarbeit. HEINRICH BESSLER, mit dem mich eine lange Freundschaft verbindet, danke ich herzlich für seine beständige Ermunterung zur astrologischen Forschung. Vor allem über das Weltbild, das der Astrologie zugrundeliegt, habe ich viel von ihm gelernt.

1 Was sind Primärdirektionen?

Die Primärdirektionen bilden eine wichtige Prognosetechnik der klassischen Astrologie. Der Name geht auf PLACIDUS DE TITIS (1603 – 1688) zurück ([PI]), der sie von den von ihm propagierten Sekundärdirektionen unterscheiden wollte. Vorher hießen sie einfach Direktionen. Sie wurden bereits in der hellenistischen Astrologie verwendet ([WK1]).

Bei den meisten Systemen, die heute als Primärdirektionen bezeichnet werden, wird die zeitliche Veränderung des Horoskops im Zeitraum von einigen Stunden vor und nach der Geburt untersucht.3 Dabei geschieht es, daß ein Horoskopfaktor eine Stellung im Verhältnis zu Meridian und Horizont einnimmt, die bei der Geburt ein anderer Horoskopfaktor innehatte – er erreicht dessen mundane Position. Der Zeitraum, bis dies eintritt, wird mit einem Proportionalitätsfaktor, dem Direktionsschlüssel, in ein Lebensalter des Geborenen verwandelt. Man erwartet, daß in diesem Lebensalter ein Ereignis ausgelöst wird, das den Charakter der beiden in Kontakt tretenden Horoskopfaktoren hat.

Nach der Geburt stattfindende Direktionen heißen direkt, die anderen convers. Nicht alle Autoren sind sich einig darüber, ob die conversen Direktionen zu berücksichtigen sind.

Es gibt besonders zwei unklare Punkte in der Direktionslehre: Die Messung der mundanen Position (siehe Kapitel 4) und die Definition des Direktionsschlüssels (siehe Abschnitt 2.4).4 Analogieschlüsse, Einfühlung in die Himmelsvorgänge und empirische Studien können helfen, hier den richtigen Weg zu finden. Man muß aber akzeptieren, daß verschiedene Astrologen hier zu verschiedenen Ergebnissen kommen.

1.1 Genauigkeit und Grenzen

Für fast alle astrologischen Anwendungen – ausgenommen die Solarhoroskope – genügt eine Genauigkeit von etwa ±3 Bogenminuten für die Planeten und ±30 Bogenminuten für die Achsen, also von etwa zwei Minuten in der Geburtszeit. Davon machen auch die Primärdirektionen keine Ausnahme.

Bei dieser Genauigkeit in der Geburtszeit erhält man für primäre Achsendirektionen eine Genauigkeit in der Ereigniszeit von etwa einem halben Jahr – nach Ansicht vieler Astrologen ohnehin das Optimum, das mit Direktionsberechnungen erreicht werden kann: Der Umkreis, in dem eine Direktion als gültig angesehen wird, beträgt etwa 1 Jahr.

Die interplanetaren Primärdirektionen sind um ein Vielfaches unempfindlicher gegen Änderungen der Geburtszeit. Ein viertelstündiger Fehler in der Geburtszeit wird die Auslösungszeit einer interplanetaren Primärdirektion durchschnittlich meist um weniger als ein Jahr verändern.

Wer ein Ereignis zeitlich genauer fixieren will, muß verschiedene andere Verfahren zu Hilfe nehmen, insbesondere Transite (Übergänge der laufenden Planeten über Orte der Radix) und Ingresse (Übergänge der laufenden Planeten über primärdirektionale Orte).

Nun ist die Geburtszeit selten auf zwei Minuten genau bekannt. Dies macht eine Korrektur der Geburtszeit anhand von Lebensereignissen erforderlich. Die hierfür üblichen Verfahren werden im Abschnitt 3.4 allgemein und in 3.5 anhand eines Beispiels erörtert.

Die Primärdirektionen werden traditionell als die stärkste Prognosemethode angesehen – sie sollten jedoch auch nicht isoliert verwendet werden. Der Glaube, bei Verwendung des richtigen Systems würde das primär entwickelte Horoskop die Ereignisse des Lebens mit der Präzision eines Uhrwerks anzeigen, beruht auf einer unrichtigen Anschauung vom Wesen der Astrologie. Der große zeitliche Umkreis von einem Jahr wird den Direktionen ja vor allem deshalb eingeräumt, weil man von ihnen bestenfalls Annäherungen erwartet.

Die Planeten sind schließlich keine wirkenden Faktoren, sondern ihre Stände werden nur von der sublunaren Natur – Erdseele und menschliches Unbewußtes – interpretiert. Hierin liegt soviel Freiheit wie sie z.B. der Interpret eines Musikstücks hat. Der Mensch selbst ist in der Astrologie das Subjekt, der aktiv Handelnde. Es ist wahr, oft ’tanzt er, wenn die Aspekte ihm pfeifen’ – aber das Wie seines Tanzes bleibt schwierig vorauszusagen. Einen Eindruck von der unerschöpflichen Vielfalt von Möglichkeiten, mit der Konstellationen durch den Menschen interpretiert werden, erhält man durch die Metagnose.

Die Sterne zwingen nicht, sie machen nur geneigt, wird oft angeführt. Das ist Unsinn. Die Sterne machen überhaupt nichts. Wir tun etwas, und dies oft, nicht immer, im Einklang mit entsprechenden Konstellationen. ([Be2], S.95)5

Auch wenn es von einem wissenschaftlichen Standpunkt sinnlos erscheint, so liegt der Wert der Astrologie vor allem in der Metagnose, genauer: Im verstehenden Einfühlen in die Sinnzusammenhänge von Sternenlauf und Menschenleben. Eine Verbesserung der Prognose kann, als Nebeneffekt, durch die in der Metagnose erworbene Erfahrung erreicht werden.

1.2 Signifikator und Promissor

Bei einer Direktion wird ein Horoskopfaktor – der Promissor (’Versprecher’) – durch die Erddrehung auf die mundane Position eines radikalen Faktors – des Signifikators (’Bedeuter’) – geführt. Oft werden Signifikator und Promissor in der Deutung unterschiedlich behandelt (Einzelheiten zur Deutung siehe im folgenden Abschnitt 1.3).

Gelegentlich liest man, Promissor und Signifikator könnten dadurch unterschieden werden, daß der eine stillsteht und der andere sich bewegt. Dies ist allerdings eine Standpunktfrage. Betrachtet man das durch den Geburtszeitpunkt gegebene Achsensystem als fest, so bewegen sich die Horoskopfaktoren durch die Radixhäuser. Von diesem Standpunkt aus ist der Promissor der bewegte, der Signifikator der stillstehende Part. Betrachtet man aber die Wanderung des Achsensystems durch den Tierkreis, so ist natürlich der Signifikator der bewegte Faktor.

In Wahrheit wird der Signifikator also nur dadurch charakterisiert, daß man seine mundane Positionslinie als die Meßkurve ansieht, die vom Promissor gekreuzt werden soll (siehe Abschnitt 2.2 und die dortige Illustration).

Die unterschiedliche Behandlung von Signifikator und Promissor in der üblichen Direktionsberechnung bringt es mit sich, daß jede Direktion doppelt vorkommt: einmal als direkte und einmal als converse Direktion, wobei die Rollen von Signifikator und Promissor vertauscht werden. Die entsprechenden Direktionsbögen solcher Paare liegen nicht etwa nahe beieinander; es können sich Unterschiede von Jahrzehnten in der Auslösungszeit ergeben. Trotzdem hängen die ausgelösten Ereignisse oft sinngemäß zusammen. In dem in dieser Arbeit behandelten Horoskop Friedrich Nietzsches wird z.B. die Direktion d. zum Zeitpunkt des geistigen Zusammenbruchs fällig, während die symmetrische converse Direktion c. mit seinem über zehn Jahre später erfolgten physischen Tod korrespondiert (siehe 3.6).

Es sei noch bemerkt, daß im Verfahren von GOLDMAYER (siehe 2.5) der Unterschied von Signifikator und Promissor gänzlich aufgehoben ist, indem bei beiden in die Direktion eingehenden Faktoren die mundane Position berücksichtigt wird. Die Differenz dieser mundanen Positionswerte ergibt dann den Direktionsbogen.

Berücksichtigt man alle direkten und conversen Direktionen mit den zehn Planeten und Aszendent und MC als Signifikatoren, so werden, selbst bei Beschränkung auf die starken Aspekte , im Jahr etwa sechs Direktionen fällig. Wenn man, wegen des Umkreises (siehe 1.1), noch die Direktionen des Vorjahres und des folgenden Jahres hinzunimmt, ergibt sich das Problem, wie man diese Vielzahl von Direktionen zu einer vernünftigen Prognose zusammenfassen sollte.

Der Astrologe GUSTAV SCHWICKERT hat tatsächlich mit dieser extremen Fülle von Direktionen gearbeitet – darüberhinaus verwendete er gleichzeitig mehrere mundane Positionskonzepte, mehrere Schlüssel und sowohl die Breite des Geburtsorts als auch die des Ereignisorts! Der entstehenden barocken Fülle von Direktionen versuchte er dann mit einer besonderen Theorie der Interferenzen Herr zu werden, die er in seinem umfassenden Werk Die Direktionslehre ([Sch]) darlegt. Gustav Schwickert stellt mit dieser nicht zur Nachahmung zu empfehlenden Methodenvielfalt allerdings eine Ausnahme dar.

In der Tradition gab es, um der großen Zahl der Direktionen Herr zu werden, den sogenannten ”ptolemäischen Vorbehalt”: dieser bestand einfach darin, nur die stärksten Horoskopfaktoren als Signifikator zu erlauben; diese stärksten Horoskopfaktoren sind nach PTOLEMÄUS ASC, MC, Sonne, Mond und Glückspunkt. Von diesen wird der Glückspunkt heute im allgemeinen vernachlässigt.6 Berücksichtigt man nur diese Signifikatoren, so verbleibt man mit ein bis zwei Primärdirektionen im Jahr – eine Anzahl, die es erlaubt, zu konkreten Deutungen zu gelangen.

Ein anderer traditioneller Vorbehalt ist es, Direktionen unberücksichtigt zu lassen, bei denen sowohl Signifikator als auch Promissor eine Achse, eine Häuserspitze oder der Mondknoten sind. Man könne zwar einen Planeten zu seinem Aufgang führen, nicht aber den kulminierenden Punkt. Hier werden also die eigentlich nicht sinnlich wirklichen Punkte wie ASC, MC, von den Himmelskörpern unterschieden.

Vom Standpunkt der Dominantenlehre, wie sie z.B. im Kursus der Astrologie von HERBERT FRHR. V. KLOECKLER ([Kl]) dargelegt wird, erscheint es sinnvoll, die individuellen Dominanten als Ordnungsprinzip zu verwenden, d.h. diejenigen Planeten, die ’durch die Geburtszeit stark ausgenutzt werden’.7 Das ergibt eine wichtige Modifikation des ptolemäischen Vorbehalts: Die Dominanten können ja eine größere Bedeutung als selbst Sonne und Mond haben und sollten daher als Signifikator unbedingt berücksichtigt werden. Auch wenn man nicht mit dem ptolemäischen Vorbehalt arbeitet und alle Planeten als Signifikator zuläßt, liefert die Dominantenlehre ein willkommenes Instrument zur Bewertung der Direktionen nach Stärke.

Eine verbreitete Minimallösung ist natürlich, nur die Direktionen zu ASC und MC zu berücksichtigen. Direktionen mit Planeten als Signifikator werden dagegen meist sekundär oder als Sonnenbogen gerechnet statt primär. Wer mit einer solchen Minimallösung arbeitet, bringt sich allerdings ganz um das wertvolle Prognoseelement der interplanetaren Primärdirektionen.

Als Promissor kommen alle sensitiven Orte des Horoskops in Betracht, also: alle Planeten, alle Achsen, ihre Aspektorte und Halbdistanzpunkte (zur Verwendung der Halbdistanzpunkte gibt es unterschiedliche Auffassungen: Manche wollen nur besonders markante Halbsummen berücksichtigen, wie z.B. ). In einigen Schulen werden auch die Spitzen der Zwischenhäuser dirigiert (ÖAG, siehe [WS]).

Einige Astrologen fassen jeden Promissor als Ekliptikpunkt auf, setzen also seine ekliptikale Breite stets Null. Der Signifikator wird mit oder ohne Breite gerechnet. Von den vier möglichen Kombinationen: Bei Signifator/Promissor die Breite zu berücksichtigen/nicht zu berücksichtigen, finden sich drei in der Literatur. Einzig der Fall: Promissor mit, aber Signifikator ohne Breite kommt nicht vor. Traditionell, d.h. bis ins 16. Jahrhundert, werden Signifikator und Promissor als Ekliptikpunkte behandelt.8

1.3 Zur Deutung von Direktionen

Viele Astrologen deuten Direktionen ähnlich wie z.B. Transite, d.h. ein Übergang wird einfach nach Bedeutung der beiden in Kontakt tretenden Faktoren und des auftretenden Aspekts bewertet. Der Unterschied zu Transiten ist nur, daß den Direktionen mehr Gewicht beigemessen wird. Wichtig für den Lebensbereich, in dem sich die Direktion auslöst, ist vor allem die radikale Hausposition des Promissors.

Andere Autoren empfehlen, die Determinationslehre nach MORIN ([Mo]) für eine genauere Deutung heranzuziehen. Diese wird z.B. in dem klassischen Werk von SINDBAD und WEISS ([SW]) erläutert. Eine Besonderheit der Determinationslehre ist der extensive Rückgriff auf die Domizile und Exile der Planeten; man berücksichtigt Felderherrschaft, Dispositoren, Rezeption u.a., um zu konkreten Aussagen zu gelangen. Nach Morin und seinen Anhängern sind Signifikator und Promissor unterschiedlich zu deuten: Der Signifikator symbolisiert den durch die Direktion angesprochenen Wesensteil, der Promissor ’verspricht’ diesem etwas, zeigt also die konkrete Richtung, in die sich dieser Wesensteil entwickelt. ERICH CARL KÜHR drückt es so aus ([EK], S. 58):

Der Signifikator ist passiv und zeigt an, was durch das Ereignis betroffen wird, und der Promissor ist aktiv und zeigt an, was geschieht.

Wer an einer Sammlung von Aphorismen zur Deutung von Primärdirektionen interessiert ist, kann z.B. das Werk Astrologische Prognose von PARIS ([Pa]) zu Rate ziehen (oder auch A. VON PRONAYS Lehrbuch Astrologische Direktionen ([AP])).

2 Das Direktionsverfahren

Wir beschreiben hier zunächst in allgemeiner Form den Vorgang des Dirigierens. Im 3.Kapitel wird das Verfahren dann an einem konkreten Beispiel erläutert. Um dieses Kapitel nicht mit technischen Details zu überfrachten, setzen wir voraus, daß der Leser sich bereits mit einem mundanen Positionskonzept vertrautgemacht hat – die rechnerischen Grundlagen dieser Konzepte folgen in Kapitel 4. Bei einem ersten Lesen des vorliegenden Kapitels kann man sich den Begriff mundane Position einfach als Hausposition übersetzen.

Wir messen die mundane Position eines Himmelspunktes durch eine Gradzahl μ zwischen 0° und 360°, gemäß der Analogie von Haus und Tierkreiszeichen. Das heißt, eine mundane Position von 33° 17' steht für einen Faktor, der sich im zweiten Haus befindet, und zwar ’mundan’ 3° 17' von dessen Spitze entfernt.

2.1 Das Standardverfahren

Wir wiederholen aus der Einleitung noch einmal kurz das Standardverfahren der Direktionsberechnung.

Bei Primärdirektionen wird ein Punkt des Horoskops, der Promissor, durch die Erddrehung auf die mundane Position eines anderen Punktes, des Signifikators geführt. Denkt man das Geburtshoroskop als fest, so wird also der Promissor durch die Häuser des Horoskops gemäß der täglichen Erddrehung geführt. Denkt man die Ekliptik als fest, so bewegt sich die mundane Positionslinie des Signifikators gemäß der Erdbewegung, bis sie auf den Promissor trifft.

Bei direkten Direktionen wird der Promissor in fortschreitender, bei conversen Direktionen in rückwärts verlaufender Zeit vom Geburtsmoment aus geführt.

Direktionen beziehen sich auf Ereignisse im Leben des Nativen. Die Umrechnung des Bogens, der bis zum Eintreten einer Direktion verstreicht, des sogenannten Direktionsbogens, in Ereigniszeiten geschieht mit dem Direktionsschlüssel.

2.2 Berechnung des Direktionsbogens


Abbildung 1: Dirigieren im Standardverfahren

Die obige Abbildung stellt die für Primärdirektionen typische Situation am Himmel dar. Wir wollen zur Veranschaulichung zunächst annehmen, der Punkt S in dieser Abbildung sei der Aszendent des Geburtshoroskops, die stark eingezeichnete Linie ein Stück des östlichen Horizonts. Der mit Meßmarken versehene Großkreis bezeichnet den Himmelsäquator.

Durch den Erdumschwung wird der Promissor P – vielleicht ein im I. Haus stehender Planet oder Aspektpunkt des Geburtshoroskops – nach einer gewissen Zeit den Horizont erreichen, das heißt aufgehen. Wir fragen uns, wann das geschieht. Dabei bemerken wir zuerst, daß

Zeitdifferenzen auf dem Äquator als Differenzen in Rektaszension abgegriffen werden können,

und zwar wegen des gleichmäßigen Fortschreitens der Sternzeit mit der Weltzeit: Ein Grad RAMC passiert den Erdäquator stets in 3m59.34s. Man kann daher die Äquatorgrade selbst als Zeitmaß ansehen.

Offenbar muß man, um die gewünschte Zeitstrecke zu bestimmen, den Deklinationskreis (Parallelkreis) von P mit dem Horizont, der mundanen Positionslinie von S=ASC, schneiden. Der Schnittpunkt heißt in der Graphik P’. Man mißt nun die Rektaszensionen von P und P’ auf dem Äquator, im Bild mit α und α’ beschriftet.

Die gesuchte Zeitspanne, bis der Promissor P die mundane Positionslinie des Signifikators S bei P’ kreuzt, ist dann einfach die Differenz α – α’ der Rektaszensionen von P und P’.

Der Direktionsbogen der Direktion ist die Differenz α-α’ der Rektaszensionen von P und P’.

Dieses Verfahren ist nicht nur im Falle S=ASC anwendbar, sondern ebensogut für beliebige Signifikatoren des Geburtshoroskops. Für die stark gezeichnete Linie, die mit dem Deklinationskreis des Promissors geschnitten wird, ist dann nicht mehr der Horizont zu nehmen, sondern die mundane Positionslinie des Signifikators. Die mundane Positionslinie faßt diejenigen Himmelspunkte zusammen, die in bezug auf Horizont und Meridian eine zu S analoge Lage haben.

Der Direktionsbogen wird schließlich mit einem der in Abschnitt 2.4 aufgeführten Schlüssel in eine Ereigniszeit des Geborenen verwandelt.

Um ihn zu berechnen, geht man wie folgt vor:

1.) Bestimme die mundane Position μ des Signifikators.

2.) Bestimme die Rektaszension α', bei der ein Punkt mit der Deklination des Promissors die mundane Position μ besitzt.

3.) Die Differenz α – α' ist dann der Direktionsbogen.

Alle Formeln, die für dieses Verfahren nötig sind, sind im Kapitel (4) für die jeweiligen Häusersysteme aufgeführt.

Eine Direktion wird folgendermaßen notiert:

DB (Signifikator) (Promissorstelle) (zod./mund.) (dir./conv.) = Wert.

Zum Beispiel:


2.3 Direktionen zu einem vorgegebenen Zeitpunkt

Um alle Direktionen zu ermitteln, die zu einer bestimmten Zeit fällig werden, hat man folgendermaßen vorzugehen.

1.) Berechne die mundanen Positionen aller Signifikatoren.

2.) Rechne das Ereignisalter mithilfe des Direktionsschlüssels (2.4) in den Direktionsbogen DB um.

3.) Bestimme die direkte RAMC td = t + DB. Bestimme die converse RAMC tc = t – DB.

4.) Bestimme die direkten bzw. conversen Längen der Signifikatoren aus mundaner Position und direkter bzw. converser RAMC. Das sind diejenigen Ekliptikpunkte, die zur direkten bzw. conversen RAMC die mundane Position des Signifikators haben.

5.) Wenn sich in der Nähe der so gefundenen Längen ein sensitiver Ort befindet, so ist er als Promissor zu nehmen und die exakte Fälligkeit der entsprechenden Direktion gemäß Abschnitt 2.2 zu berechnen.

Für Schritt 5 ist die Anfertigung einer Aspekttafel hilfreich. Das ist eine Auflistung aller sensitiven Ekliptikpunkte des Horoskops, also aller Aspektpunkte (starke und schwache Aspekte), aller Halbdistanzpunkte, der Häuserspitzen sowie eventuell der genauen Positionen der hellsten ekliptiknahen Fixsterne (z.B. wenn ein Fixstern im Radix eine besondere Rolle spielt). Die Sortierung sollte nach der auf 0 bis 30 Grad reduzierten Länge erfolgen, so daß die Kontakte eines convers oder direkt geführten Signifikators bequem abgelesen werden können. Mit einer wie in Abschnitt 3.2 dargestellten Aspekttafel läßt sich schnell ermitteln, welche Aspekte und Halbsummen ein dirigierter Faktor in einem bestimmten Tierkreisbereich gerade durchläuft. Auch zur Korrektur der Geburtszeit ist die Aspekttafel ein geeignetes Hilfsmittel. Einzelheiten zur Erstellung einer solchen Tafel findet man in dem Buch Aspektanalyse von E. C. KÜHR genauer ausgeführt ([EK2]).

2.4 Der Direktionsschlüssel

Der Direktionsbogen ist ein Winkel. Er wird in Zeit umgewandelt nach einem der folgenden Schlüssel:


Der Schlüssel nach Wahrer Zeit und die Proportion Tag:Jahr

Die Analogie zwischen (wahrem) Sonnentag und (tropischem) Jahr ist allgemein anerkannt und wird z.B. von KEPLER wie folgt begründet: Hinwiederum will bei mir die Lehre von den Direktionen ein feines Ansehen gewinnen, wenn ich mit COPERNICUS die Erde umgehen lasse, denn alsdann findet sich die Proportion Tag zu Jahr gleich 1:365 unserem domicilio, unserer Hütte, Wohnung oder unserem Schiff, darinnen wir in der Welt herumgeführt werden, natürlich eingepflanzt. Und es ist deswegen desto glaubhafter, daß in den Direktionen und Nativitäten der Menschen, welche dieses Schiffes Einwohner sind, diese Proportion auch regieren solle: Wie es denn die Astrologen lehren ([Ke], Th. 41).

Der Natur der Analogie entspricht es, daß ein wahrer Tag, das heißt die Zeit zwischen zwei oberen Kulminationen der Sonne, einem tropischen Jahr, d.h. der Zeit zwischen zwei Frühlingsanfängen gleichgesetzt wird. Es ist allerdings für Sekundärdirektionen völlig unerheblich, welchen Tages- und Jahresbegriff man verwendet.

Durch strikte Fortführung der Analogie des wahren Tages mit dem tropischen Jahr gelangten KEPLER ([Ke2]) und nach ihm PLACIDUS([P1]) und Z. WASSILKO-SERECKI([WS]) zu einem vereinheitlichen Direktionssystem. Dabei werden die Achsen nach dem Rektaszensionsfortschritt der sekundären Sonne, die Planeten aber sekundär geführt und in einer Horoskopfigur eingetragen – dies ist das progressive Horoskop. Nach Konstruktion ist also die Meridionaldistanz9 der Sonne in allen progressiven Horoskopen die gleiche – nämlich die der Radix. Das n-te progressive Horoskop ist ein genaues Abbild des Himmels, wie er sich nach Vollendung des n-ten wahren Tages nach der Geburt darbietet. Dies ist auch das Hauptargument, mit dem Wassilko-Serecki dieses Direktionsverfahren begründet: Das einzig Symbolische beim Dirigieren nach Wahrer Zeit ist der Schlüssel 1 Tag = 1 Jahr. Alles Übrige ist konsequent hergeleitet.

Der Nachteil: Wer so argumentiert, bekommt nur eine Begründung für das progressive Häusersystem, nicht aber für die interplanetaren Primärdirektionen. Die Zwischenhausdirektionen und die Sekundärdirektionen bekommen so mehr Gewicht als ihnen traditionell zusteht. Das Direktionsverfahren nach Wahrer Zeit, wie es Wassilko-Serecki propagiert, bedeutet praktisch eine Eliminierung der Primärdirektionen zugunsten der Sekundärdirektionen.

Wesentlicher Gedanke bei den Primärdirektionen ist doch, daß sich dem Menschen nicht nur die ekliptikalen, sondern auch die mundanen Positionen der Faktoren des Geburtshoroskops einprägen, so daß er sensibel wird für die kurz nach (bzw. vor) der Geburt erfolgenden Übergänge anderer Faktoren über diese mundanen Positionen. So wie der Zeitpunkt von Bedeutung ist, wann nach der Geburt ein Planet aufgeht oder kulminiert, so ist es auch wichtig, wann ein Planet die Hausposition eines anderen Planeten erreicht.

Wenn man diesen Gedanken akzeptiert und damit zu dem Direktionsschlüssel noch eine weitere Hypothese hinzufügt, so ist es durchaus möglich, auch interplanetare Direktionen mit dem Wahre-Zeit-Schlüssel zu kombinieren:10 Das läuft darauf hinaus, daß man im progressiven Horoskop für das n. Lebensjahr, das wie üblich auf den Zeitpunkt berechnet wird, zu dem die Sonne n Tage nach der Geburt die radikale Meridionaldistanz erreicht, nicht nur die gerade aktuellen Häuserspitzen und Planetenstände einträgt, sondern auch diejenigen Ekliptikpunkte kennzeichnet, die im progressiven Häusersystem so stehen wie die Planeten im Geburtshoroskop – das sind eben die primären Planetenstände.

Der Wahre Zeit-Schlüssel ist im Gegensatz zu allen anderen Schlüsseln ein gleitender, kein fester. Das heißt, man erhält das Ereignisalter nicht durch Multiplikation des Direktionsbogens mit einem festen Schlüsselwert. Um den Schlüssel graphisch zu veranschaulichen und mit den anderen Schlüsseln vergleichen zu können, berechneten wir den ’best-approximierenden festen Schlüssel’, der 72 Tage nach der Geburt im Mittel die geringsten Abweichungen vom Wahre Zeit-Schlüssel hat. Zu beachten ist, daß dieser feste Schlüssel nur für direkte, nicht für converse Direktionen eine Approximation des Wahre Zeit-Schlüssels darstellt: Mit diesem Schlüssel berechnete Direktionsbögen unter 72 Grad unterscheiden sich um höchstens 1° 11' von den mit dem Wahre Zeit-Schlüssel berechneten Bögen. Gegen die Sonnenlänge in Grad abgetragen, ergibt sich folgendes Bild:


Abbildung 2: Verlauf des Wahre-Zeit-Schlüssels

Der Ptolemäusschlüssel

Die Alternative zu den Direktionen nach Wahrer Zeit ist, wie schon erwähnt, die Auffassung, daß die Primärdirektionen sich kurz vor oder nach der Geburt bilden, hervorgerufen durch die Erddrehung um ihre eigene Achse. Man benötigt also einen Schlüssel, um Zeiträume in der Dimension von Minuten bis einigen Stunden in Jahre umzuwandeln. Der Schlüssel 1 Tag gleich 1 Jahr ist hierfür nicht geeignet. Die älteste Alternative stellt der Schlüssel von PTOLEMÄUS dar, wonach ein Grad des Direktionsbogens einem (tropischen) Sonnenjahr entspricht.

Der PTOLEMÄUS-Schlüssel ist der traditionelle Direktionsschlüssel; er war bis ins 16. Jahrhundert allgemein üblich und wird in neuerer Zeit in den Lehrbüchern von LEO ([HG]), BRANDLER-PRACHT ([BP]), PEARCE ([Pe]) und PARIS ([Pa]) empfohlen.

Die Schlüssel Naibod und diei motu

Die Schlüssel von NAIBOD und diei motu (lat. ’’gemäß der täglichen Bewegung” (der Sonne)) werden folgendermaßen begründet: Wegen der Analogie des Tages mit dem Jahr entspricht der tägliche Lauf der Sonne ihrem jährlichen. Das heißt, der Bogen, den die Sonne an einem Tag am Äquator zurücklegt, muß einem Jahr gleichgesetzt werden. Da dieser Bogen variiert, nimmt NAIBOD den Durchschnittswert von 59' 8” für ein Jahr.


Abbildung 3: Der Schlüssel diei motu

Eine andere Rechtfertigung für den NAIBODschlüssel gibt KÜHR ([EK]):


Nimmt man hier statt des mittleren Tages den wahren Tag, so erhält man stattdessen den Schlüssel diei motu der durch den tatsächlichen Rektaszensionsbogen bestimmt ist, den die Sonne am Geburtstag durchschreitet. Im Gegensatz zum Ptolemäus- und Naibodschlüssel ist er nicht konstant, sondern hängt vom Geburtstag ab. Gegen die Länge der Geburtssonne abgetragen, hat der diei motu-Schlüssel den in der Abbildung gezeigten Verlauf.

Die Schlüssel von Cardano und Wöllner

Die Schlüssel von CARDANO und WÖLLNER ersetzen mit verschiedener Genauigkeit das tropische Jahr durch das siderische Jahr. Dem liegt wohl der Gedanke zugrunde, daß das Geburtshoroskop im Menschen relativ zum Fixsternhintergrund erinnert werde – eine Hypothese, die der stets auf die Sonnenbahn bezogenen klassischen Astrologie eher widerspricht.11

Der Schlüssel nach Sonnenlänge

Beim Schlüssel Sonnenlänge entspricht der ekliptikale Längenfortschritt der Sonne am Geburtstag einem Jahr. Er wird von H. BESSLER aufgrund von empirischen Forschungen bevorzugt ([Bel]).

Dieser Schlüssel enthält ein symbolisches Element, indem auf der Ekliptik gemessene Längen auf dem Äquator abgetragen werden – was strenggenommen nicht ohne vorherige Übersetzung in Rektaszension geschehen dürfte.

Die Abhängigkeit dieses Schlüsselwerts von der Länge der Geburtssonne hat folgende Gestalt:


Abbildung 4: Der Sonnenlänge-Schlüssel

Der Schlüssel nach Kündig

Beim KÜNDIG-Schlüssel werden die vollen Gradzahlen, die die Position der Radixsonne umgrenzen, in Rektaszension übertragen. Die Differenz dieser Rektaszensionswerte ist der Direktionsschlüssel. Beträgt z.B. die Position der Sonne 10° 12' , so sind die Ekliptikpunkte 10° 0' 0" und 11° 0' 0'' in RA zu übertragen (mit der Formel (1)). Die Differenz, die hier 1° 4' 59'' beträgt, ist nach Kündig dann einem Jahr gleichzusetzen.

Der Schlüssel hat über das Jahr den folgenden Verlauf (die x-Achse mißt wie immer die Länge der Geburtssonne).


Abbildung 5: Direktionsschlüssel nach KÜNDIG

Vergleich der Direktionsschlüssel

In einem einzigen Diagramm zusammengefaßt, ergeben diejenigen Schlüssel, die von der Position der Geburtssonne abhängen, folgendes Bild:


Abbildung 6: Alle Direktionsschlüssel im Vergleich

Die Schlüssel Wahre Zeit, diei motu und Kündig verlaufen demnach ungefähr gleichsinnig, haben ungefähr gleichzeitig ihre Maxima und Minima, wobei allerdings der Kündigschlüssel bei einer Sonnenlänge von ca. 0° Krebs eine besonders große Abweichung zeigt.

Der Schlüssel Sonnenlänge verläuft in einem entgegengesetzten Zyklus, mit viel kleineren Schwankungen. Maximal- und Minimalwert des Sonnenlängeschlüssels werden natürlich in Perihel- und Aphelstellung (rund 11° Krebs/Steinbock) erreicht.

2.5 Das Verfahren von Goldmayer

Das Direktionssystem von GOLDMAYER unterscheidet sich vom Standardverfahren dadurch, daß es geometrisch statt zeitlich arbeitet: Es wird nicht die zeitliche Entwicklung des Horoskops untersucht, sondern die mundane Geometrie des Horoskops. Dabei verschwindet auch die Asymmetrie von Signifikator und Promissor. In GOLDMAYERS System sind beide völlig gleichwertig. Eine Direktion kann im Standardverfahren sowohl direkt als auch convers geführt werden (wobei man die Rollen von Signifikator und Promissor und die Zeitrichtung vertauscht). Dabei ergeben sich, wie schon in 1.2 bemerkt, im allgemeinen unterschiedliche Direktionsbögen. Im Verfahren von GOLDMAYER verschwindet dieser Unterschied.

Will man einen Horoskopfaktor nach GOLDMAYER zu einem anderen führen, so sind die mundanen Positionen der beiden Faktoren zu berechnen und die Differenz zu bilden. Diese Differenz gibt den Direktionsbogen!

Die unübertreffliche Einfachheit dieses Systems ist besonders dann erkenntlich, wenn man – wie GOLDMAYER – das regiomontanische System verwendet. Dann sind die mundanen Positionslinien ja Großkreise durch den Nord- und Südpunkt des Horizonts. Der Direktionsbogen ist dann einfach der (auf dem Äquator gemessene) ’Klappwinker, um die Positionskreise der beiden Faktoren ineinander zu überführen.

Die GOLDMAYER-Methode ist aber auch im Rahmen eines beliebigen anderen mundanen Positionskonzepts anwendbar. Es sei darauf hingewiesen, daß die erhaltenen Direktionsbögen sehr stark von den mit dem Standardverfahren gerechneten Werten differieren (siehe die Beispiele in Abschnitt 3.6).

2.6 Mundane Direktionen

Ein Mundanaspekt zwischen zwei Himmelspunkten entsteht, wenn die Differenz ihrer mundanen Positionen eine Aspektzahl ist. So steht z.B. immer der Aszendent im mundanen Quadrat zum MC, Spitze III im Trigon zum ASC etc.

Eine mundane Direktion wird fällig, wenn ein Horoskopfaktor einen mundanen Aspekt zu einem radikalen Horoskopfaktor erreicht.

Die Berechnung der mundanen Direktionen ist die gleiche wie für die zodiakalen: Man verwendet nur statt der mundanen Position des Signifikators diejenige seines mundanen Aspektpunkts. Hat der Signifikator z.B. die mundane Position μ = 113°, so haben seine Mundansextile die mundanen Positionen μ = 53° und μ = 173°, und die Direktion eines Promissors zum Mundansextil des Signifikators wird fällig, wenn er eine dieser mundanen Positionen erreicht.

Das Verfahren der Mundandirektionen ist nicht sehr verbreitet. In manchen Lehrwerken werden einige Beispiele nach diesem Verfahren gerechnet – in keiner Veröffentlichung ist mir jedoch die systematische Untersuchung auch nur eines Horoskops mit der Methode der Mundandirektionen begegnet.

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