Kitabı oxu: «Die Perle»
Rudolf G. Binding
Die Perle
und andere Erzählungen
Saga
Die Perle
German
© 1938 Rudolf G. Binding
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711517772
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
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Die Perle
In den letzten Jahren vor dem grossen Kriege konnte man in Paris immer während der gleichen Stunden des Nachmittags an einem der schmalen dunklen Marmortischchen des Café de la Paix einen älteren Mann antreffen der jedem unvergesslich bleiben musste der ihm je dort gegenübergesessen hat. An sich freilich hatte er wenig Auffälliges, er blieb daher, und da der von ihm gewählte Tisch ziemlich im Hintergrunde eines der Innenräume im Halbdunkel und keineswegs im hellen Licht des Boulevard stand, für gewöhnlich ganz unbeachtet. Nur wenn das Café sehr besucht war oder plötzlich ein starker Regen die Gäste an den Tischen auf der offenen Strasse ins Innere scheuchte, setzte sich wohl einmal einer ihm gegenüber auf einen herangezogenen Stuhl. Dann wurde das Unauffällige an ihm auffällig oder bemerkenswert, ein plötzlich von ihm hervorgestossenes Wort erregte Aufmerksamkeit und Anteilnahme, sein Gebaren heischte gleichsam von selbst eine Erklärung die man erwartete, bald liess der zufällig ihm gegenüber Geratene kein Auge mehr von dem Mann und einer schweigsamen Frau, die neben ihm auf der gepolsterten Bank hinter dem Tische sass und deren grosse Schönheit er jetzt erst bemerkte.
Die Frau stand an der Schwelle des Greisenalters. Obgleich sie noch immer sehr schön war und die bewundernden Blicke aller Menschen verdient hätte, fesselte der Mann doch vornehmlich allein und unmittelbar die Aufmerksamkeit. Die Frau war wie in seinen Schatten getaucht. Wenn ihre Schönheit früher bezaubernd, heiter und unbefangen gewesen sein musste, so war sie nun von einer stillen Güte und Bescheidung, fast heilig in dem Schwarz ihrer Kleidung und in den sanften sorgenden Bewegungen, mit denen sie ab und zu unmerklich aufsteigende Erregungen des Mannes neben ihr beschwichtigte, indem sie etwa sehr ruhig ihre Hand auf seinen Unterarm legte.
Sie trug zwei kleine unscheinbare Goldringe in den Ohren, sie wirkten wie eine zurückgebliebene Spur oder die Erinnerung wunderbarer Ohrgehänge, die sie vielleicht früher getragen hatte und die ihrer Schönheit sehr wohl angestanden hätten.
Dies war ihr einziger Schmuck — wenn es überhaupt ein Schmuck zu nennen war.
„Unbegreiflich! Unbegreiflich!“ stiess der Mann leidenschaftlich und erschüttert aus einem regungslosen langen In-die-Luft-Starren unvermittelt halblaut vor sich hin und versank darauf wieder in ein völlig abwesendes, an allen Vorgängen um ihn unbeteiligtes Schweigen, als starre er in solchem Zustand nicht in die Ferne sondern in sich hinein und seine Blicke gingen, immer von neuem erstaunt, einen Weg nach innen. Aber es war nur die Wiederholung einer Aufwallung, ein Vulkanstoss seines Innern, die der Fremde ihm gegenüber vor einer guten Weile ebenso hätte erleben können, wenn er schon dort gesessen hätte, und nach einer gleichen Weile wieder erleben würde, wenn er sitzenblieb. Vor den beiden standen zwei geleerte Likörgläser bei zwei ebenso leeren Kaffeetassen. Sie mussten schon eine ganze Weile da sitzen.
Der Fremde betrachtete jetzt den in sich Zurückgesunkenen genauer. Die Frau neben ihm legte behutsam ihre Hand auf seinen Arm. Das Wort des Mannes war sicher nicht auf ihn, den ungewollten Zuhörer, gemünzt noch hatte es einen Zusammenhang mit irgend etwas Vorstellbarem oder Erratbarem.
Man starrte diesem Mann, ohne es sich zu wehren, unverwandt ins Gesicht.
Dieses war freilich eindrucksvoll genug. Starke energische Züge, geprägt von grossen Kenntnissen und sicherem Wissen, eine grosse Klarheit die über es hingebreitet war, machten den merkwürdigen Ausruf des Erstaunens über einen ihm unbegreiflichen Vorgang nur noch merkwürdiger. Dieser Mann vermochte scharf nachzudenken. Er wusste über seine Handlungen, seine Regungen, seine Beweggründe, seine Gefühle genau Bescheid, und doch schien ihm etwas unbegreiflich was ihn offenbar sehr nahe anging und ihm unaufhörlich zusetzte.
Der schöne Kopf ragte nur wenig über die Tischplatte hervor, hinter der er sass. Sein Auge war fest und klug, wenn er es aus dieser Stellung, sobald seine Gedanken ihn losliessen, forschend wie es schien auf Menschen und Dinge richtete. Und jetzt bemerkte der Beschauer, dass er zwar von kräftiger aber kleiner fast zierlicher Gestalt war und dass eine Rückenverkrümmung, die unter den Halswirbeln begann, die forschende Stellung vortäuschte, die ihm übrigens von einer unbestreitbaren Grazie und Sicherheit nichts nahm.
Während sein Gegenüber ihn noch unauffällig betrachtete, ging eine vornehme Frau mit einer schweren doppelten Perlenkette vorüber. Der Mann streifte das Schmuckstück nur mit einem einzigen scheuen Blick und errötete dann, die Augen wie vor einem tiefen Schmerz niederschlagend, so heftig dass der Fremde sich betroffen halb erhob um über den Tisch herüber zuzugreifen und ihm beizuspringen weil er ihn von einer plötzlichen Anwandlung oder einem Unwohlsein befallen glaubte. Da hatte schon die Frau neben ihm in ihrer stillen Art ihre Hand wieder auf des Mannes Arm gelegt, als ob sie auch diesmal darauf vorbereitet gewesen sei.
In diesem Augenblick war er wie hilflos und doch seiner selbst ganz bewusst. Als die Röte vergangen war, schien er das Verlangen zu haben dem Fremden, der ihm hatte zu Hilfe kommen wollen, für seine Bereitwilligkeit zu danken. Er sah ihn an, denn er sah die Besorgnis des andern.
„Sie müssen denken“, sagte er in einer freimütigen und höflichen Art über den Tisch hinüber, „ich hätte einen Grund gehabt, vor der Dame zu erröten. Vielleicht halten Sie mich auch für närrisch oder verliebt. Aber Sie irren sich. Ich kenne die Dame gar nicht und mein Erröten galt nicht ihr. Mein Erröten galt ihrem Schmuck. Ich schämte mich. Ich muss mich schämen, wenn ich Perlen sehe. — Ist das kein Grund zu erröten?“
Der Mann fragte das mit einer forschenden Bitterkeit, als ob jedermann diesen Grund seines Errötens anerkennen müsse.
„Aber ich habe Ihnen zu danken“, fuhr er dann in fast innigem Tone fort. „Ich bin zur Erklärung meines Verhaltens, dessen Zeuge Sie hier nun einmal gewesen sind, auch Ihnen auf einmal ohne es zu wollen die Geschichte schuldig geworden die mich so sehr beschämt dass sie mich nie mehr loslässt und mir das ganze Recht meines Daseins, meine Ehre vor mir selbst und die Ruhe meines Lebens geraubt hat.“
Er zögerte als ob er mit sich zu Rate ginge. Vor dem Café trommelte einer der mehrstündigen Gewittergüsse, wie man sie in den Sommermonaten in Paris häufig erleben kann, auf das längs den Boulevards ausgespannte Plandach. Keiner der Gäste, die ins Innere gedrängt hatten, verliess seinen Platz.
„Draussen regnet es“, sagte der Mann mit einem Blick hinaus; „man kann jetzt doch nicht gehen. Ich werde zwar zum tausendsten Male versuchen, das Unbegreifliche an mir zu begreifen. Aber es soll mich nicht reuen, mich wieder einmal zu bemühen. Und wenn ich mich nicht verstehen werde: vielleicht werden Sie mich dann verstehn.“
Er fasste den Gast wie in einer Hoffnung, in ihm einen aufmerksamen Zuhörer gefunden zu haben, prüfend ins Auge. War er es wert? Dann begann er, während der Lärm des Raumes und die Gespräche an den Nachbartischen ihm bewiesen dass er ungehört sprechen könne und seine Stimme nur für sein Gegenüber und die Frau an seiner Seite vernehmbar sein würde, sich seiner Erzählung hinzugeben. Die Frau hinderte ihn nicht. Es war ihr offenbar nicht unlieb, obgleich sie die Geschichte ja sicher schon kannte, sie von ihm wiederholt zu hören. Sie sass zufrieden und still, sah vor sich hin und strich sorgsam ihre Handschuhe glatt, die auf dem Tisch vor ihr lagen. Vielleicht war es eine Beruhigung für den Mann sich mitzuteilen.
„Zu meiner Zeit und schon mit sehr jungen Jahren“, erzählte der Mann, „war ich der angesehenste Juwelier und Goldschmied in Paris, und zugleich — worauf es mir noch mehr ankam — der grösste Kenner von schönen Perlen den es damals in der Welt gab. Das Geschäft mit einem der vornehmsten Läden in der Rue de la Paix hatte ich gemeinsam mit meinem um viele Jahre älteren Bruder von einem früh verstorbenen Vater geerbt. Ich kannte alle Zweige meiner Kunst und hatte sie gelernt. Ich verstand mein Handwerk. Aber meine ganze Liebe, meine Leidenschaft, gehörten nicht den Edelsteinen, dem Gold, sie gehörten der Perle. Der Perle als dem edelsten Schmuck der Frau! Der Perle als dem vollkommensten, geheimnisvollsten Schmuckstück, das die Frau unmittelbar aus der Hand der Natur in seiner Jungfräulichkeit, seinem unnachahmlichen Schimmer entgegennimmt! War es dass ich als Kind schon wie verzückt den Glanz der Perlen meiner Mutter im Wettstreit mit ihren rosigen Ohren betrachtete? Ich sah kein weibliches Gesicht, keinen Hals einer Frau, ohne sie in Gedanken mit dem Schimmer, mit der Anmut, mit der Zartheit eines Perlengehänges, einer Perlenschnur zu erhöhen. Edle Steine? — sie streiten sich immer mit der Frau; sie sind unerbittlich und ohne Gnade; sie wollen sich gegen das Fleisch behaupten, und je schöner sie sind desto mehr bestehen sie auf ihrem Recht. Aber je schöner die Perle ist desto schöner schmückt sie. Sie widerstrebt nicht. Sie atmet mit dem Fleisch. Sie lebt mit dem Leben. Kein Stein liebt die Frau die ihn trägt. Aber es gibt Perlen — es gab Perlen für mein Auge — die Frauen liebten; die wirklich trachteten sie zu verschönen; die zärtlich mit ihnen waren, schmiegsam und liebend, wie kein Stein es jemals vermag.
Aber diese Gnade — sehen Sie! — kommt nur der vollkommenen, der Perle zu, die das Geheimnis tiefster Tiefe ist, der meerentstiegenen, der aphroditischen Perle.
Was wisst ihr davon, ihr ehrfurchtslosen Geschlechter, die ihr die Welt bevölkert und die gewachsenen Vollkommenheiten der geheimsten Natur von lächerlichen Gebilden aus Glas und Wachs nicht mehr zu unterscheiden vermögt? Wo sind eure Augen hingekommen, dass niemand mehr von euch das Leuchten der Tiefe, die fromme Lichttrunkenheit seltener Perlen vermisst in dem eitlen Geglitzer der künstlichen Millionen unter dem trügerischen Licht der Schaufenster? Wer von euch weiss noch was für ein Wunder und Geheimnis eine Perle ist? Wer von euch schmückt noch den Leib, das Ohr einer geliebten Frau mit einem unvergleichlichen Schimmer um der Liebe zu dem Bilde Gottes willen das sie ist? Wer von euch kennt noch die Ehrung und Verehrung des Bildes Gottes durch die Perle Gottes? —
Aber ich schweife ab. — Genug: meine Leidenschaft, meine Liebe machten mich zu dem ausserordentlichsten Kenner und dadurch zu einem der anspruchsvollsten Perlenhändler der damaligen Zeit. Die schönsten und kostbarsten Perlen der Welt gingen durch meine Hände. Nur die vollkommensten, die reinsten, die edelsten, die völlig untadeligen hielt ich meiner Aufmerksamkeit wert und duldete sie in unserem Laden, der bald der fast geheiligte Boden ebensowohl für die zahlreichen Perlenanbeter und Perlennarren wie für die grossen Sachverständigen wurde, die ihn besuchten.
Eines Tages betrat ein hochgewachsener Mann den Laden, dem man an seiner Gestalt und übrigens auch am Schnitt seiner Kleidung mühelos den vornehmen Engländer ansah. Er sprach nicht sehr gut Französisch und gab den artigen Versuch sich in dieser Sprache verständlich zu machen bald auf, indem er es einer auffallend schönen Frau, die mit ihm eingetreten war, überliess ihre Wünsche zu äussern. Immerhin erklärte er, ein ziemlicher Kenner von Perlen zu sein und den Ehrgeiz zu haben, seiner Frau die zwei schönsten Perlen an die Ohren zu hängen die er in Paris finden könne.
Ich kann nicht sagen dass mir der Mann gefiel. Er schien mir kalt, unzart und berechnend, und ich gönnte ihm in meinem Herzen die entzückende Frau nicht, die, eine Pariserin höchster Anmut, mich sofort mit ihrem Auftreten und Wesen bezauberte. Übrigens beruhte meine Abneigung gegen ihn wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit. Ich war ihm nicht angenehm und hatte das Gefühl dass er mich zwar höflich aber hochmütig und einsilbig behandelte.
Ich legte dem Paar unsere schönsten Perlen vor und muss bekennen, dass mich bald eine geheime Lust ergriff, die Ohren dieser Frau zu schmücken. Sie waren die lieblichsten Kunstwerke der Natur: vom Schmelz, von der Kühle und vom Flaum, vom Licht und Tau von Rosenblättern. Sie schienen nur das Edelste zu ertragen, nur des Edelsten würdig, nur des Schönsten gewärtig. Schliesslich lag mein ganzer Bestand der ausgesuchtesten Perlen vor dem Mann und der Frau ausgebreitet. Aber der Engländer war unerschütterlich und ich konnte ihm nicht ganz widersprechen: so oft die Frau auch selbst die schönsten Perlen ihrem Ohre näherte, schüttelte er unbefriedigt den Kopf. Ihre Ohren triumphierten immer noch über jede Perle.
Pulsuz fraqment bitdi.