Kitabı oxu: «Der Bauer in der Au»
Rudolf Stratz
Der Bauer in der Au
Saga
Der Bauer in der AuCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1932, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507339
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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1
Eichendunkel, Lärchenhelle, Fichtenschwarz, Espengezitter, weisse, wilde Kirschbaumblüten, Weissdornstacheln, Haselnussstecken, Wacholdergewurzel — die ganze grün wechselnde, sonnenzitternde Waldwand wippte weithin unter dem Griff zweier starker Arme — eine wild gewachsene Urwaldmauer noch, da unten im letzten Süden des Deutschen Reichs, im bayerischen Hochlandswinkel zwischen Inn und Salzach.
Durch das sich sträubende, aufgeregt schwankende Dickicht brach, aus dem Waldschatten heraus, Einer mit breiten Schultern und stand da im Sonnenschein auf der lichten Grasmatte, den Kugelstutzen am Riemen, sechs Fuss lang, in seinen schweren Nagelschuhen, den verschwitzten Lodenfilz mit hoch wehendem Adlerflaum schief hinterm Ohr, grün und gelb gestickt die graue Joppe und die Hosenträger und der Gürtel, nackt die braunen Knie unter den kurzen, schwarz abgewetzten Lederbuxen, grüngeringelte Stutzen über den drahtigen Waden — stand da wie ein Bild der bayerischen Berge, aus denen fern gegen die Salzburger Grenze hin, über dem Steinernen Meer, der letzte Riese des Reichs, der Watzmann, sein noch winterlich weisses. Schneehaupt zum tiefblauen Himmel hob.
Zu Anfang der Dreissig der Bursch aus dem Wald, tief braun gebrannt das verwegene Gesicht mit der Adlernase über dem langen, dunklen Schnurrbart und den stählern wie bei einem Raubvogel glänzenden Augen.
Vor diesen Augen dehnte sich unermesslich, tief da unten, die flache bayerische Hochebene, mit ihren unzähligen weissen Nadeln der Kirchtürme, den grünen Vierecken der Felder, den blauen Seen, den braunen Mooren, den weissen Bändern der Strassen, den schwarzen Wäldern.
Und ganz in der Nähe, in einen Talkessel der Vorberge gebettet, fast unter der Schuhspitze des Jägers, schimmerte blendend weiss, wie aus der Spielzeugschachtel gepackt, fast ein Dorf im kleinen, waldverloren, ein riesiger Einödhof. Eine eigene kleine Kapelle neben dem dreistöckigen Wohnhaus mit dem grüngestrichenen Balkon und den buchsbaumgesäumten roten Kieswegen um den Springbrunnen in dem blumenbunten Vorgarten. Hinter den langen, flachen Stalldächern die Baracken des Sägewerks am aufgestauten Wildbachbecken, weithin die Wagen- und Maschinenschuppen, frei stehend unter blühenden Obstbäumen die Waschküchen und erdgemauerten Backöfen und farbig gekringelten Bienenstände, hundertfach weiss das Gesprenkel der Hühner um das Gehöft, braun-weiss die Flecken der vielen weidenden Kühe zwischen den Gattern, melodisches Almglockengebimmel, verwehtes Peitschengeknall . . .
Aber die Leute auf dem Hof da unten gingen nicht wie sonst mit Sense und Melkeimer und Holzaxt und Mistgabel ihrer Arbeit nach. Die standen da und schauten — ja — nach was?
Um sich herum, vor der leise murmelnden Waldmauer, hörte der Jägersmann oben nur die Stimme der Berge — misstöniges Hähergezeter aus Buchengeäst, das sanfte Gegurr der wilden Taube im Eichenwipfel, das metallische Glucksen des schwarzen Alpeneichhorns blitzschnell den Fichtenstamm hinauf, fern, eintönig wie ein Holzhacker, das Klopfen des Buntspechts und unermüdlich, in diesen Maitagen, irgendwoher aus grüner Weite, vom Morgen bis zum Abend der Frühlingsruf: Kuckuck! Kuckuck!
Jetzt eine Bewegung da unten, unter dem Dienstvolk im Grund. Sie hatten den Mann oben am Waldrand erkannt.
„Juchhu!“ klang es dünn durch das Wehen des Windes herauf. Das war die Marei, die Jungmagd. Die hatte die hellste Stimme von allen.
„Juchhu!“ Er antwortete. Es tönte schneidend wild und froh, wie der Schrei eines der letzten Adler, die sich noch einmal hier in die Bergwildnis verflogen. Jetzt sprang einer unten vor — ein Bursch, etwas jünger und viel kleiner und nicht so breit gestellt in den Schultern wie der da oben.
Was wollte er denn nur — der Bruder — der Simon? Der fuchtelte aufgeregt mit den Armen und winkte, herunterzukommen. Und die andern schrieen und gestikulierten mit.
Brandschaden auf dem Einödhof? Nein. Der rauchte nur friedlich aus bläulich dünstenden Schornsteinen. Also was denn nachher? Immerhin. Der Jäger oben zog schnell die Patronen aus dem aufgeklappten Zwilling, hängte sich ihn über die Schulter und setzte sich in Trab.
Von unten liefen sie ihm entgegen. Sie taten sich härter als er, bergauf. Der Bruder Simon, der blasse, schwächliche, war dem Dienstvolk voraus. Aber wo es steiler ging, verlor er den Atem und klomm nur noch schrittweise empor. An ihm vorbei rannte die Flinkste, die Marei, die Jungdirn. Ihr braunes, wildes Gesichtel mit den lichtblauen Augen und dem dunklen Zopfkranz um die Schläfen tauchte aus einem Steilhang nah unter dem Bursch aus dem Walde auf. Sie hatte den Mund weit offen. Ihre weissen Zähne blitzten. Sie keuchte:
„Mach voran, Flori! Der Bauer fährt heim!“
Und jetzt hinter ihr, ausser Luft, auch der Simon:
„Kimm, Flori! Kimm! Mit dem Vater geht’s z’ End!“
Der Flori flog in federnden Sprüngen die Grasleiten hinab. Die andern rannten nebenher. Die Marei berichtete abgerissen:
„Gestern, auf d’ Nacht, wie wir ’s Vieh eingewiesen haben, hat’s ihn derwischt! Gerad’ hingeschlagen is er! Dös is a Stickfluss, sagt der Doktor! Da kannst nix mehr machen!“
„Wir haben gleich nach dem Doktor telephoniert!“ Der Simon hielt aus Leibeskräften laufend mit dem stärkeren und grösseren Bruder Schritt. „Er is bald kommen! Aber nach dir haben wir umsonst gesucht! Was machst denn die ganze Nacht im Wald? Jetzt is doch keine Jagd nit!“
„Er wird doch noch jaga derfa!“ schrie die Marei im Rennen. Der Flori deutete über seine Schulter zurück. Neben dem Rucksack tanzte da ein Fuchsschwanz auf und ab.
„Auf d’ Füchsin, die als d’ Hennen holt, hab’ ich vor dem Bau angesessen und sie heut früh gekriegt — das Luada! Seid’s froh!“
„Wenn d’ Maifüchsinnen so gross wären wie die Ochsen, täten s’ uns alle zerreissen!“ keuchte die Marei.
„Und wann du nur dem Flori alleweil ’s Wort reden kannst!“
„Ich hab’s ihr nit g’schafft, der dummen Dirn!“ Der Flori stand vor dem Haus. Er nahm den Hut ab und bekreuzigte sich. Sein Antlitz war tiefernst. „Kommt’s ’rein — zum Vater!“
Innen, im steingepflasterten Mittelgang, stand die Zenz, die ältere Schwester des Florian und des Simon, mit ihrem Mann, dem Heiss von Walching, weit aus dem Chiemgau her. Der Chiemseebauer war ein schöner, aufrechter, langer Mann, nicht mehr der jüngste, schon in die Vierzig, mit einem ruhigen und klugen Antlitz. Er drückte dem Schwager die Hand.
„Wir sind heut schon vor dem Frühläuten ’kommen!“ sagte er, während sie zusammen die knarrende Treppe hinaufstiegen. Neben ihm schluchzte die junge Heiss-Bäuerin, den am unteren Rand goldgestickten, flachen Hutteller mit den lang hängenden schwarzen Bändern auf dem tränenüberströmten, vollwangigen, blühenden Gesicht.
„Ja — wer hätt’ dös gedenkt! Noch net sechzig is er — der Vater! Und gerad’ wie ein Junger hat er daherg’schaut!“
Aber jetzt sah der Bauer in der Au nicht mehr aus wie ein Junger, sondern wie einer, der auf die weite Reise geht. Er lag oben, schon seit Jahren ein Witwer, in seinem lustig himmelblau mit weissen Vögelchen und grünen Blumen bemalten Bett, den gelblichen, grauschnurrbärtigen Kopf mit feierlich verfallenen Zügen tief in den rotkarierten Kissen.
Bunt wie das Bett war alles Gerät im Zimmer — die Schränke, die Kasten, die Stühle. Durch die kleinen, offenen vier Fenster flutete goldenes Sonnenlicht auf die weissgescheuerten Dielen und das Kruzifix über der Tür und die Bilder der lieben Heiligen an den Wänden, goldumrahmt in Buntdruck die schwarze Mutter Gottes in Altötting und die Grotte von Lourdes. Vor dem kupfernen Weihwasserkesselchen in der Wandnische ein Strauss Vergissmeinnicht und Dotterblumen. Dicht draussen winkten im Maiwind vor dem tiefblauen Himmel Baumgrün und weisser Blütenglast, Hahnenkraht, Spatzenzirpen, Kuhgebrüll, Hühnergegacker, Ferkelgequieke wehten in die Stille des Sterbezimmers wie ein letzter Gruss des lieben Viehs. Es war ein freundlicher Abschied von dieser Welt.
Die Brust des Bauern rasselte noch in schweren Atemzügen. Sein Mund und seine Augen waren offen. Aber die Krankenschwester aus dem Markt Holzing draussen in der Ebene, eine Religiose vom Dritten Orden, schüttelte leise die grosse, weisse Flügelhaube:
„Er kennt sich nimmer!“
Unten im Erdgeschoss, gleich wenn man hereinkam zur Rechten, hatte der Bauer sein Arbeitszimmer. Schon sein Vater hatte die Decke schön mit goldgelbem Zirbelholz ausgetäfelt. An der blaugetünchten Wand hingen Rehgewichtln und ausgestopfte Vögel und eingerahmte Photographien. Auf dem Schreibpult der Marienkalender mit Kreuzeln von Geschäftsterminen für die einzelnen Tage des Monats Mai. Daneben das Telephon.
„Derfen sich fei’ eilen, Hochwürden!“ sprach drängend in den Apparat hinein der alte Gnadl-Vater, einer der Bergbauern aus der Nachbarschaft. Das ganze Zimmer war voll von ihren wetterbraunen, hageren, ernsten Gestalten. Der Grill‘ von Obergaiching und der Schwaiger von Pittenham mit ihren Weibern, der Pointner vom Hemhof samt seinen Söhnen, der Höchsteiger, Bürgermeister von Pittenham, Alles uralter Bauernadel des Berglands, seit ein paar Jahrhunderten mit den Vogl hier in der Au verschwägert und versippt.
Sie schwatzten nicht viel. Sie sassen und schwiegen. Ruhige Ergebung auf den verwitterten Zügen. Von Erde bist du, zur Erde gehst du! In die Erde streut der Bauer den Samen. Aus der Erde spriesst dem Bauern das Korn. Zur Erde kehrt der Bauer zurück. Und statt des Korns streuen, die da leben, ihm die Erde nach, auf dass er im Himmel auferstehe wie das Korn auf Erden. Im ewigen Kreislauf und Gleichmass folgen sich die Jahreszeiten und die Menschengeschlechter. Wie soll einen Bauern der Tod erschrecken?
„Um Sankt Pankraz ’rum fahren die Vogl gern heim!“ sagte in die Stille die kleine, gebückte Fetz-Mutter. Sie musste es wissen. Sie war schon über achtzig. Sie hatte schon zwei Vogl in der Au mit den Füssen voran aus dem Haus hier kommen sehen — den Vater und den Grossvater von dem Sterbenden oben. Und das waren nur die letzten aus einer langen Reihe. Denn schon bald nach dem Dreissig-jährigen Kriege, als man daranging, die von den Kaiserlichen verbrannten Gehöfte wiederaufzubauen, hatte der Fürstbischöflich Salzburgische Ezpositus von Pittenham in sein Kirchenbuch vermerkt: ,Domus Au. Vogl paganus et uxor sua.’ ,Im Haus zur Au der Bauer Vogl und sein Weib.’
„Kommt s’ endlich — die Theres“, murmelte die braune Marei, die mit dem ganzen Gesinde auf dem Flur stand. Ein Berner Wägelchen mit zwei von Schweissflocken weissgesprenkelten Füchsen fuhr vor. Die zweite Tochter des Bauern, die Ametsrainerin von Egg, drüben dicht an der Salzburger. Grenze, kletterte hinter ihrem Mann heraus. Das war ein kleiner, gedrungener Graukopf, fröhlich sonst von Gesicht und Gemüt, ein Viehhändler und der beste Viehkenner in der ganzen „Freundschaft“, der Verwandtschaft, weit und breit.
Er schlug stumm ein Kreuz, ebenso sein Weib, die Theres, eine kleine, blasse, stille Bäuerin. Sie stiegen in das Sterbezimmer hinauf. Dort hatte sich nichts geändert. Immer noch gackerten draussen die Gänse in das Todesröcheln und schlug der Buchfink und rauschte der Wildbach übers Wehr und ging die Welt ihren Gang.
Dann ein dumpfes Hupen. Ein graues Kleinauto lief flink wie eine Maus den holperigen Bergweg empor. Ein volbärtiger, derber, bebrillter Mann steuerte es und liess es stehen und stieg, während alle ihn grüssten, bedächtig die Treppe empor. Oben am Krankenbett runzelte Dr. Nikolaus Gschwendtner, der Arzt aus dem Markt Holzing und Münchner Landtagsabgeordneter, die Stirnfalten bis in die schwarz umbuschte, elfenbeinerne Glatze.
Er war selbst ein Bauernsohn. Er wusste: mit Bauern sprach man nicht städtisch geleckt, sondern frei her, halt gerad’ so, wie’s ist.
„Gar is’s bald mit dem Vogl!“ sagte er gedämpft zu den Umstehenden. „Da g’hört jetzt ein anderer her als wie ich!“
„Alleweil kimmt der Herr!“ rief von unten die Marei mit ihrer hellen Stimme. Gleich darauf faltete sie die braunen Stallhände und begann zu flüstern: „Jesus, Maria und Joseph!“ Und um sie verschränkten sich rings die arbeitsharten Finger der Männer und Frauen, und ein summendes Murmeln von Sterbegebet ging durch das Haus: „der von den Toten auferstanden ist . . . der uns den Heiligen Geist gesendet hat . . . . .“
„Pax huic domui!“ Friede diesem Haus! Der Pfarrherr Felix Gasthuber stand im Ornat, mit der Stola bekleidet, im Sterbezimmer. Er besprengte den Raum und alle, die ihm dahinein gefolgt waren, mit Weihwasser. Er neigte sein Ohr zum Kranken nieder . . . . horchte . . . . . fragte mit leiser, tröstender Stimme. Ein Röcheln unten . . . .
„I mein’, der Vogl derfangt sich noch einmal . . . “, murmelte hoffnungsvoll der Gnadl-Vater, der selber schon mit einem Bein in der Ewigkeit stand. Er war zu klein. Er konnte durch die Leut’ vor ihm das Bett und die letzte Beichte nicht sehen. Er wusste nur: Da war’s, wo der Flori stand — dunkeläugig, einen Kopf länger als die andern, scharf von der Fensterhelle abgehoben das gesenkte Profil mit dem dunklen Schnurrbart unter dem Adlerschwung der Nase.
„ . . . . . Per eundem Christum dominum nostrum! Amen! . . . “ Eine Stille. Draussen keuchte bergauf auf einem Zweirad, mit flatternden schwarzen Rockschössen, ein junger Geistlicher heran. Ein junges Mädel schob, hundert Schritte hinter ihm, atemlos, erhitzt das frische, verstörte Gesicht, ihr Rad. Der dritte der Brüder, der junge Priester Donat Vogl, und seine jüngste Schwester, die Leni, die ihm die Wirtschaft führte, drängten sich an der Freundschaft vorbei die Stiege hinauf.
„Der Alte Wirt in Söllenwies hat mich im Galopp zur Bahn gefahren, wie ich die Nachricht telephonisch gekriegt hab’!“ sagte er. „Und in Holzing hab’ ich mir auf der Station zwei Fahrräder für mich und die Leni geliehen, um . . . .“
Der junge. Hochwürdige brach ab. Jetzt erst sah er, wie es drinnen stand. Sah die ragende Gestalt seines Bruders Flori, die kleinere seines Bruders Simon. Davor den Priesterornat neben einem fahlen Haupt in den Kissen. Hört das feierliche Rituale in articulo mortis: „ . . . . remissionem omnium peccatorum tibi concedo et benedico te . . . .“ Und wusste: das war die kürzeste Formel des Ablasses aller Sünden, wenn das fliehende Leben nur noch an den Fäden von Minuten hing . . . . . . . .
Und dann, eine halbe Stunde später, stand der Florian Vogl, der Älteste und Erbe, allein vor dem Haus im Garten. Da war alles wie sonst. Die Sonne schien. Der Bach lief. Die Schwalben huschten, mit flatternden Strohhalmen im Schnabel, zum Bau des Hochzeitsnestes im Gebälk. Brünstig brüllte, Herr in der Herde, drüben der Stier. Am blauen Himmel kreisten wie dunkle Punkte zwei Habichte schrill schreiend im Liebesflug. Leben. Leben. Und ganz aus der Ferne, zitterig-dünn in der warmen Luft, von der Kirche in Pittenham das Sterbegeläut für den toten Bauern in der Au.
Der Flori hörte zögernde Schritte hinter sich. Er drehte sich um. Die Jungdirn, die Marei, zeigte schmerzlich die weissen Zähne in dem braunen, wilden Gesichtl und bot ihm die feste, kleine Hand und sagte leise:
„Tröst’ di Gott! Bauer!“
Er nickte ihr zu. Das war das erstemal, dass ihn jemand „Bauer“ nannte! Jetzt war er der Herr! Untertan ihm Haus und Stall und Baumannsfahrnis und Vieh und das ganze weite Bergtal, hoch die Matten hinauf bis tief in die grossen, ernsten Wälder da oben . . . . . .
Über denen standen grau gezackt, riesig die Felsgipfel, in weissen Feldern noch der Winterschnee an ihren Hängen, wie noch darüber die weissen Wolkenballen im Himmelsblau. Er sah den Schnee auf den Kämmen hoch da oben in Schleiern wehen, so wie hier unten im Tal die Blütenbäume stiebten, und dachte sich geistesabwesend: Laut geht heut der Wind . . .
„Noch net sechzig Jahr’ alt — der Vater!“ sagte er zu dem stillen, blassen Simon, der ihm gefolgt war. „Zwanzig Jahr’ hätt’ ich ihm leicht noch geben! Er hat ja manchmal so dahergered’t, dass er mir bald mal den Hof übergibt! Aber recht ernst war’s ihm damit noch nie net!“
„Warum hätt’ er auch sollen?“ Der blasse, stille Simon wischte sich mit dem Handrücken die Augen. „Dich hat’s sorglose Leben ja g’freut! Wer kann den so preisplatteln wie du? Und im Bauerntheater Komödie spielen? Und bei jeder Fahnenweihe? Und gar auf der Jagd! Derfst lang suchen, bis einer trifft wie du . . . “
„Und wann’s dem Vater zuviel war“, der Simon holte ein rotgeblümtes Taschentuch hervor und schnaubte sich tränenschluckend. „Die Arbeit hab’ ja i getan! I war ja immer der Baumeister hier auf dem Hof. I hab’ mich plagen derfen mit Odelfahren und den Motor anlassen und die Zäune flicken. Und i wär’ doch so viel lieber geistlich geworden wie der Donat drinnen!“
„Du verstehst die Bauernsach so gut wie einer!“
„’leicht schon! Aber es gibt halt noch mehr in der Welt . . . “
Die Brüder verstummten. Es rief aus dem grünen Wald übers Tal, immer wieder, und der Simon hub an:
„Hörst den Kuckuck? . . . Aber hat je einer den Kuckuck gesehen?“
„I schon mal . . . auf der Jagd . . . “
„Ja. Du. Aber sonst keiner. Das is nur ein Ruf — verstehst . . . ein Ruf an einen . . . bald da, bald dort — man weiss nit, woher der Ruf kommt! Aber man hört ihn vom Morgen bis in d’ Nacht!“
„Was du daherspinnst . . . “
„Das sind nur Gedanken — gerad’ jetzt — wo der Vater heim is! . . . Ja — Flori — jetzt liegt der Hof auf dir. . .“
2
Drei Tage rief der Kuckuck — vom Frührot über den Loferer Bergen bis zum Bluthimmel abends drüben über dem Chiemgau, drei blaue Maientage hindurch, bis sie unten, auf dem Friedhof in Pittenham, den Vogl-Bauern begruben.
Den goldenen Strahlenreif über dem Haupt, sah die schmerzhafte Mutter Gottes von dem Ehrenmal mit den vielen Namen der gefallenen Weltkrieger auf das Gewimmel schwarzer Röcke und blosser, wetterbrauner Köpfe zwischen den Leichensteinen. Im Frühlingswind bewegten sich leise die langen, schwarzen Bänder an den goldgestickten Tellerhüten der Frauen. Ein Halbkreis von Vereinsfahnen ragte in schweren, hängenden, bunten Falten über die Menschen und die Kreuze.
Der Flori Vogl stand mit seinen Brüdern und Schwestern vorn am Grab und hörte die Reden. Schön sprach er, als Letzter, der Herr Hauptlehrer Wiedemann im Namen der Gemeinde. Ein vorbildlicher Bauer für unser Volk der Berge, vom alten Schrot und Korn, dem neuen Wesen abhold. Karg hat er sich zeitlebens freilich gegeben, der Lorenz Vogl. Viel Reden war nicht seine Sach! Er hat lieber geschafft, streng mit sich und streng mit den andern. Nun geh heim, Vogl! Du hast’s vollbracht!
Der letzte Segen. Das Kollern der Schollen. Jetzt war’s zu End’! Der Florian Vogl, der neue Bauer in der Au, schüttelte überalhin Hände. Er stand da, sechs Fuss hoch, jung und hager und sehnig, mit seinem dunkeläugigen, schnurrbärtigen, verwegenen Raubvogelkopf — fremdartig jetzt — auch sich selbst — in dem ungewohnten schwarzen Rock und dem hohen schwarzen Hut. Auf dem Platz vor dem Alten Wirt wartete sein Leiterwagen mit eingenagelten Sitzbänken. Er stieg auf und griff nach den Zügeln der beiden starken Gäule, die sonst in den Bergen die Holzfuhren zogen. Neben und hinter ihm sassen die Brüder, Donat, der Hochwürdige in schwarzem Priesterrock, und der blasse Simon, und die Schwestern, die Heissin von Walching und die Ametsrainerin von Egg, und ihre Männer und die Jüngste, die Leni, die Pfarrersköchin, und im Wagenrasseln rief die Zenz, die frische, blühende, junge Bäuerin vom Chiemsee, ihrem Bruder ins Ohr:
„Kommst fei’ in die strengste Zeit jetzt, im Sommer, Flori — wo du eh’ von nix was weisst!“
„Kann i dafür, dass mich der Vater in nix eingeweiht hat?“ Der Bauer scheuchte mit einem Peitschenschmitz eine Rossmucke vom Pferdehals. „Er hat ja wochenlang kein Sterbenswörtl gered’t!“
„Ja — meinst denn, mit mir?“ rief hinter ihm der Simon.
„Dass i da lieber auf d’ Jagd gegangen bin — soll i epper dastehn wie ein Depp, wann der Vater alles selber macht?“
„Und er hat’s nimmer alles selber machen können!“ bestätigte von hinten der Simon. „Gerad’, was sie mögen, haben s’ g’trieben, auf dem Hof — die Leuť!“
„Und dir war’s recht, und du bist halt zur nächsten Fahnenweih’ und zum Platteln gefahren!“ sprach die rotbäckige Heissin von Walching. „Da is er überal bekannt — der schöne Flori — im Land! — Na . . . ein sauberer Bursch bist freili’ . . . Aber jetzt derfst schaug’n, dass du wieder a Ordnung in der Au schaffst!“
„Vogl! A Karten für di!“
Der Postbote, der sein Rad aufwärtsschob, reichte dem Bauern eine Postkarte hinauf. Der hielt sie, die Zügel in der Linken, vor die stählernen Augen.
„Ausg’schamter Gloifi!“ sprach er. „Der neue Senn, der morgen einstehn sollť, sagt auf.“ Und er las die letzten Krakelfüsse. „ . . . Und nähme ich lieber disse Stellung in München als Beifahrer beim Lastauto an. Es griesst Ihr lieber Mooslechner Xaver.“
„Der hat g’spannt, dass der Vater tot is und a neuer Herr kimmt!“ rief die Leni. Der Florian Vogl warf die Karte aus dem Wagen.
„Sakra! Sakra! Und nächster Tag’ muss das Vieh auf die Alm!“ Er stieg vor seinem Hof ab. Er hing in seiner Kammer oben den schwarzen Rock in das Kastl. Er trat, wieder Bauer, in Joppe und nackten Knieen und Wadenstutzen, allein in das Arbeitszimmer seines Vaters. Er setzte sich an das Pult. Es war ein Glück, dass sie gleich nach dem Tod des Alten das Versteck seiner Schlüssel, in der Mauernische, unter dem hohlen, porzellanenen Madonnenbild, gefunden hatten.
Er öffnete das eine Schubfach, in dem der Vater immer schweigsam und verbissen gekramt hatte. Er zog einen Haufen Papiere heraus und durchblätterte sie. Finanzamt-Nebenstelle Holzing stand auf den meisten. Auch Gemeindekasse Pittenham: Umsatzsteuer. Hauszinssteuer. Gewerbesteuer aus Sägewerk. Einheitswertbescheid, Landeskirchenumlage, Gemeinde-Kirchenzuschlag, Grundsteuer, Distriktsumlage, Verwaltungskostenabgabe, Bauernkammerbeitrag — ihm wurde wirr vor den Augen. Er griff nach einem andern Packen: Kreiskrankenkasse. Alters- und Invaliditätsmarken. Unfallversicherung der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft . . .
Der Bauer fuhr sich mit der braunen Hand über die Stirn. Er entfaltete ein drittes Bündel Briefschaften. Alle auch mit Behörden-Vordruck. Das waren jetzt die Ämter.
Das Arbeitsamt. Das Landeskulturamt. Das Messungsamt. Das Grundbuchamt. Das Salinenamt. Das Bezirksamt. Das Forstamt. Das Amtsgericht. Die Wildbachverbauung. Die Brandversicherungskammer . . . Es waren noch viel mehr. Es war dem Flori, als füllte sich das Zimmer in dem einsamen Berghof mit unzähligen fremden Herren aus der Stadt, die ihm über die Schulter guckten, ihm rieten, drohten, befahlen, verboten, ermahnten, erinnerten, warnten — ohne einander — gegeneinander — jeder für sich, wie’s traf.
Der Florian Vogl schaute verstört auf die Masse Papier. Er wusste nichts damit anzufangen. Die vielen Drohungen mit Gefängnis, Beitreibung und Zwangsvollstreckung erbosten ihn. Er sperrte vorsichtig all das Gedruckte und Geschriebene wieder in die Schublade und schloss sie zu. Und ging in den Stall zum Grossknecht.
„Musst die erste Zeit hinauf auf die Alm, Battist! Der Xaver, der Teifi, hat abg’schrieben!“ sagte er. Aber der Johann-Baptist schüttelte seinen freundlichen Dickkopf:
„Na — Bauer! Am Ersten geh’ i!“
„Ja wohin denn?“
„I hab’ a Saisonstellung als Hausmeister in einem Hotel in Reichenhall! Da tu’ i mi leichter als hier bei der Bauernarbeit! Und Trinkgelder gibt’s a!“
„Und wann die Saison zu End’ is?“
„Ah — da kriegst doch den Winter über a Stempelgeld!“
„Schau, dass d’ weiterkommst!“ sprach der Flori zornig, und dann zu seinem Bruder Simon, der die Treppe herabkam: „Können wir net den Mathis wieder derwischen, der wo voriges Jahr bei uns war?“
„Der is schon lang drüben am Inn in der Fabrik. Der will nit von da fort. Er verdient halt mehr!“
Die beiden Brüder traten vor das Haus. Da rauschte der Wildbach über die Steine. Forellen schossen schwänzelnd im bewegten Wasser seiner Gumpen. Aber das Kreischen der grossen Holzsäge drüben war schon seit Wochen verstummt. Zwischen den Stapeln der Eichen- und Fichtenstämme am Boden wehten rote wilde Nelken.
„Die verschreiben sich jetzt fei’ das Schnittholz aus Jugoslawien!“ sagte der Simon. „Sell is bald frei Salzburg noch billiger! Die Schlawiner da hintri — die zahlen net soviel Steuern und Lasten wie wir! Das Sägewerk darfst still liegen lassen! Da verdienst nix mehr dran!“
„Komm zu den G’schwistern!“ sagte der Flori. Da sassen sie alle in der Stube unten, wo der uralte Kachelofen, noch mit dem venezianischen Markuslöwen an allen Ecken, stand. Und der Donat, der hochwürdige Herr, sprach nach der Schrift, auf hochdeutsch:
„Also du übernimmst als der Älteste von uns die Au, Flori! Wehtun dürfen wir Geschwister dir dabei nicht! Wir lassen ein jeder unser Erbteil bei dir auf dem Hof einschreiben — steht freilich schon ein Trumm von ’ner Hypothek drauf — und du gibst uns halt die Zinsen!“
„Und, wenn d’ alles erbst . . . “ Der Ametsrainer, der kleine, pfiffige, viehkundige Graukopf nickte . . . „und wir nix in d’ Hand kriegen, nachher übernimmst die Erbschaftssteuer a!“ —
„Du zahlst in der ersten Steuerklass’, Vogl-Bauer!“ versetzte gemütlich in Holzing, dem nächsten Marktflecken, am nächsten Vormittag der Rechtsanwalt Bayerle zu den im Halbkreis um ihn sitzenden Trauerleidern aus der Au. „G’rad’ nur dreieinhalb Prozentl vom Wert. Und dazu die Nebenkosten!“
„Ja — wovon soll i denn das aufbringen?“
„Gehst ’nüber in die Kreditgenossenschaft! Dort hat der Vogl selig sein Geld!“
Aber hinter dem Schalter der kleinen ländlichen Bank pfiff der Bogner, der hagere, alte Schneidermeister, der die Kassiererstellung verwaltete, durch die schadhaften gelben Zähne.
„Ja — Vogl — da schaut’s bös her! Vom Einzahlen is dein Vater schon lang kein Freund net gewesen! Geholt hat er sich’s Geld! Schuldig ist er der Genossenschaft zehntausend Markln ’leicht! Die derfen wir jetzt bald mal wiederkriegen — gelt? Haust halt an Wald ’runter!“
Das traf sich gut, dass der Lechner, der Holzhändler, jetzt gerade auf Mittag zurückkam. Der dicke, schwere Mann sass wie in einer Badewanne in seinem winzigen Schnauferl, in dem er oben im Gebirg die steilsten und holperigsten Holzabfuhrwege auf und nieder kletterte. Er nahm sehr ernst die Pfeife aus dem Vollbart.
„Dass du’s glei’ weisst, Flori! Den schlagreifen Hochbestand in der Au, den mit den sechzig-siebzig Jahrln — den hat mir dein Vater selig schon voriges Jahr um Lichtmess auf dem Stamm verkauft! I lass ihn bloss jetzt noch ins Geld wachsen, bei den elendigen heutigen Holzpreisen!“
„Ja — Kruzitürk — wovon soll i denn da jetzt glei’ nur die Erbschaftssteuer zahlen?“ schrie der Flori. Der Simon riet: „Fragen wir den Mühlthaler in Holzing. Der hat die Vertretung von dera Münchner Bank über sich!“
Der Kaufmann Mühlthaler in Holzing hatte vorn ein grosses Kaufgewölbe mit einem halben Dutzend Ladnerinnen. Hinten in seinem Kontor rang er die Hände:
„Wann’s bloss ihr alle, daherkommt und a Geld haben mögt! Noch a Hypothek — dös trägt ja d’ Au nimmer! Mit den Antrag schmeissen s’ mich in München aussi! Kann dir net helfen, Bauer! Wär’ höchste Zeit, dass es mal Dukaten regnen täť im ganzen Land!“
Auf dem Heimweg hieb der Flori auf die Gäule, dass der Leiterwagen im Galopp der Hufe rasselte. Er hörte in dem Lärm nicht, was die Geschwister hinter ihm miteinander tuschelten — nicht nur die Mannsbilder, sondern auch — mit belebten Gesichtern — die Weibsleut’! Als er in der Au finster vom Wagen stieg, gab ihm die Schwester Zenz, die rüstige junge Bäuerin aus Walching am Chiemsee, einen vielsagenden Rippenstoss:
„’s kommt schon Rat, Flori! Wann d’ schiech wärst — aber so wie du daherschaugst . . . Es gebührt sich heut net, davon zu reden — wo der Vatter noch kaum unter der Erd’ is — aber bald amal . . . verstehst?“
Der Flori hörte es nicht recht. Denn die Katrein, die alte Magd, humpelte erbost aus dem Haus auf ihn zu.
„Vogl! Hau gleich mal dem Annerl a paar Watschen in ihr dalket’s G’fries! Fort möcht’ der Aff’ nach Minka!“
„Hast denn ka Scham net? Was hast denn in München verlor’n?“
„A Stitz’ der Hausfrau mach’ i da . . . “ Das Annerl stand strahlend, die Mistgabel geschultert, in Holzschuhen, mit blossen Waden, auf dem Dunghaufen.
„Warum bleibst denn net hier, du Trampel, du verdächtiger . . . ?“
„ . . . weil’s mir hier zu einsam ist, Bauer! In Minka hast’s Kino und kannst tanzen und siehst Leuť, und mehr Geld kriegst a noch!“
„Herrgott — und dabei müssen d’ Viecher morgen auf die Alm! Und kein Senn! Und niemand!“ Der Vogl-Flori spuckte wütend aus. „Ja — was tu’ i denn da?“
„I treib’ die Herde schon aufi, mit der Katrein und dem Wastl, Bauer, bald du nur den Stier auf di nimmst! Den Bazi kann i unterwegs net regiern!“ Die braune Marei guckte begeistert aus dem Kuhstall. Ihr hübsches, wildes, braunes Gesicht lachte mit weissen Zähnen. „I schaff’s schon den Sommer über da oben. I geh’ nit nach Minka! I bleib’!“
„Wird dir zu streng auf der Alm!“ Der Flori schaute von seinen sechs Fuss Länge nachsichtig auf das verliebte Madl herunter. Das war kein Geheimnis, dass die Marei in ihn vernarrt war. So ein geringes Dirndl — lediges Kind — der Vater weiss der Himmel wer — die Mutter beim Herrgott! Das Leben besitzt die Marei — aber sonst nix in der Welt . . .
„Hast niemand oben, Marei, als den alten Krauter, den Wastl, und die Katrein!“
„Bauer — i arbeit’ für zwei!“
„Is recht! Kriegst auch was zur Kirchweih! Morgen is Auftrieb!“
Der Flori ging langsam, die Hände in der Tasche, mit gesenktem Kopf um das Haus herum. Er fürchtete sich fast vor dem Haus, das ihm gehörte und doch nicht gehörte, sondern den Geschwistern und den vielen Amtsstuben und der Hypothekenbank.
Vor dem einen, dem hellblau bemalten, Flugloch des weissen Bienenhauses brauste es dumpf in tausendfachem schwarzem Gewimmel. Ein Mann in einem Helm mit Drahtvisier stand davor, Tabakpfeife und Wasserkrug zur Betäubung und Bespritzung des Maischwarms bereit, sobald der junge Weisel sich mit seinem Volk als kindskopfgrosser schwarzer Klumpen an einem der nächsten Bäume angehängt haben würde. Der Flori erkannte an der Stimme seinen Bruder, den besinnlichen Simon.
„Bien’ und Bauer sind heutzutag’ eins, Flori! Bien’ und Bauer arbeiten und tragen ein. Und dann kommen s’ und nehmen einem die Tracht wieder weg!“
„I schick’ dir a Tuch und a Schwingkorb!“ sagte der Flori und ging weiter. Seine Schwester, die Zenz, hatte sich wie von ungefähr zu ihm gesellt. Die junge Bäuerin scheuchte händeklatschend ein goldgelbes Gewatscher junger Enten aus dem Weg und meinte beiläufig:
„Is doch gut, Flori, dass d’ erst über die Dreissig bist! Wärst ein paar Jahr’ älter, wärst leicht noch im Krieg ausblieben, wie so viele . . . “
„Wär’ noch net ’s Schlechteste!“ brummte der Flori.
„So ist’s beispielmässig getad’ beim Distl, unserm Nachbar am Chiemsee! Da sind die drei Buben net wiederkommen. Und der Distl selber is seither auch g’storben. Is nur die Mutter übrig, mit der Tochter, der Vroni! Der g’hört der Hof!“
„Meinethalb!“
„Und was für ein Hof — sag’ i dir! Hundertachtzig Tagwerk gute Gründ’. Sechzig Stück Vieh. Wald a. Streuwiesen. A Torfstich . . . “
„Lass mi aus!“
„Die Vroni solltest mal schauen . . . Wie g’malen — sag’ i dir!“
„Hab’ schon g’nug von ihr gehört!“
„Die und du, Flori — das gäb’ jetzt schon a bildsauberes Paar! Du — und da is a bares Geld! . . . A Geld . . . sag’ i dir!“
„Meinst?“
„I mein’ net! I weiss! Weil s’ doch Baugründ’ am See haben! Die verkaufen s’ Stuck um Stuck an a Siedelung. Die Vroni — die lasst sich von keinem ausschmier’n! Wer mit dem Madl handeln muss, der büsst sei’ Sünden schon auf dera Welt ab!“
„Wie alt ist sie denn?“
„Dreiundzwanzig! Flori — das is was für di! Da bist aller Sorgen ledig! Jetzt hörst: So den Sonntag über acht Tag’ — da suchst du uns mal heim in Walching — den Blasi und mi! Nachher richt’ i’s schon, dass ihr euch trefft!“
Der Florian Vogl schwieg. Das durft’ die Schwester neben ihm, nach Bauernart, als Ja deuten. Die junge Heissin von Walching sprach nichts mehr zu. Zu viel durft’ man in Mannsbilder und Zugochsen nicht hineinreden! Sonst wurden s’ störrisch! Sie und der Flori schauten nachdenklich vor sich auf die blumenbunte, maigrüne Wiese.
In dem hohen Gras stapfte da mit blossen, braunen Beinen die Marei und sammelte mit ihren braunen Armen einen Stoss Feldblumen. Die Zenz gab ihrem Bruder einen Schubs und wies mit dem Kopf nach den Bienenstöcken. Dort hatte der Simon seinen Kopfschutz abgenommen und guckte unverwandt auf die braune Marei mit ihrem weissen Kopftuch unter dem blauen Himmel.
„Wo die Lieb’ hinfallt, da fallt s’ hin!“ sagte die rotbackige Heissin von Walching und lachte ein wenig, zum erstenmal seit dem Tod des Vaters.
„ . . . und wann s’ auf den Mist fallt! So a notige Dirn!“ Hochmut alten Bauernadels klang aus den Worten des Vogl in der Au. „Gut, dass sie dem Simon jetzt auf der Alm aus den Augen kimmt!“
3
Den ganzen Abend hatte die Marei in der Kuchl gehockt und mit ihren braunen Fingern die Feldblumen, die sie am Nachmittag gesammelt, zu einem Boschen gewunden — einem Boschen, drei Fuss lang, schmal und spitz wie ein Fuchsschwanz, prächtig in seinen schreiend grellen Farben und Bändern.
Den Almboschen befestigte sie morgens vor dem Haus mit einem urväterlichen, buntgestickten Ledergurt auf der Stirn der Scheckei, der Leitkuh. Dann knüpfte sie innen den Lieblingskühen kleine Sträusschen an die Hörner. Dem Maxl, dem dunklen, vierjährigen Zuchtstier, der daneben, wie ein Galeerensträfling in Ketten, widerkäuend lag, banden der Flori und der Simon ein Tuch vor die weissglühenden Augen und lösten ihn aus den Eisenringen und führten, Knüttel in den Fäusten, den blinden Wüterich ins Freie. Die Herde wogte hinter dem steil ragenden Blumenboschen der Scheckei mit melodischem, hohem und tiefem Glockengebimmel, unter Peitschengeknall und Geschrei. Die alte Katrein schrie, der alte Wastl, der Peperl, der Dienstbub, der Steffel, ein schwächlicher, junger Knecht, der an der fallenden Sucht litt, die Toni, eine unansehnliche kleine Magd. Aber am gelisten schrie die Marei. Der Flori hörte beim Stiertreiben durch das braunweissgefleckte und gehörnte Gewimmel vor ihm ihr helles, durchdringendes: „Gäh, Kühlein — gäh!“
Sie fegte, das Lodenhütl mit der flatternden Hahnenfeder tief auf dem braunen Zopfnest im Nacken, mit geschwungenem Bergstock in langen Sätzen links hinunter zum Bach und scheuchte den abgeirrten Jungochsen: „Gehst bei, Sauhund, elendiger!“ und jagte aus dem Waldhang rechts die schwerfällig galoppierenden Kühe: „I reiss’ euch d’ Schwänz aus, ihr Luader, ihr drecketen!“
„Schimpf net so, Dirn!“ rief der Flori von hinten, und die Marei drehte ihm, hell vom blauen Himmel abgehoben, über die Schulter ihr dunkelrot erhiztes Gesicht zu und zeigte atemlos die weissen Zähne.
„Du wirst mir lehren, mit die Viecher umgehn, Bauer! Platteln kannst und Komödi spielen und Rehböck’ derschiessen! Aber des gedenkt mir bald nimmer, wann i di mal im Kuhstall g’sehn hab’!“
„Recht hat sie, die Speikatz’“, sprach der Simon. Der Vogl-Flori schwieg. Stund’ um Stunde ging es hinauf durch Berghochwald. Dann wurde der immer lichter und niedriger, nun nur noch verkrüppelte, kriechende Latschen, eisgraue Moosflechten wie die Bärte alter Männer um die borkige Rinde. Sonnengoldene, grüne, freie Weite. Das Reich der Matten.
Der grosse Almstier lief schon ohne Binde. Er schnob durch die Nüstern. Er stiess ein helles Gebrüll aus, das beinahe wie das Wiehern eines Pferdes klang. Er stürmte federnd schnell trotz seiner Plumpheit durch das Glockengebimmel seines Harems auf und nieder.
„Was der Maxl scherzt!“ sagte die Marei bewundernd mit verschlungenen Händen. „Recht frisch is er beisammen!“
„Von hier ab bringt’s ihr die Herde leicht auf d’ Alm!“ Der Flori setzte sich verdüstert auf einen Stein. „Macht’s nur voran! I komm’ euch nach!“
Das Gebimmel der Glocken verhallte immer höher über ihm in der dünnen, klaren Luft. Nun war alles still. Er hörte nur noch den klagenden Schrei einiger schlanker, schwarzer Alpendohlen. Er sass mit dem Rücken gegen die aufsteigenden, baumlosen Weiden und das kahle Felsgezack dahinter und schaute hinab ins Tal.
Tief da unten lag winzig und weiss ein Hof. Und wer den Hof kannte, der wusste, dass er in Wirklichkeit nicht klein war, sondern mächtig gross, und dass er Beim Vogl in der Au hiess, seit undenklichen Zeiten, und ihm, dem Flori, gehörte, und ringsherum weithin im Grund die Wälder und die Wiesen.
Aber durch diese Wälder unten sah der Vogl-Bauer oben im Geist einen fremden, grossen, dicken, bärtigen Mann gehen, und das war der Lechner, der Holzhändler, und der hatte all die Baumriesen auf dem Stamm gekauft. Und über den Wiesen sah der Vogl-Bauer schwere, schwarze Schatten trotz des wolkenlos blauen Maihimmels, und das waren die Schulden auf dem Hof in der Au. Und hinter den Fenstern seines Hauses sah der Vogl-Bauer viele fremde Herren sitzen und schreiben und rechnen, und das waren die Beamten aus der Stadt mit ihren hundert Verboten und Verordnungen und Gesetzen mitten hinein in den ewigen Kreislauf des uralten Bauernguts.
Drüben im Westen färbte sich jetzt mählich schon der Abendhimmel purpurn. Der Flori Vogl sass aufrecht und straff, einen Halm zwischen den weissen Zähnen unter dem dunkeln Schnurrbart, den Hut mit dem steifen Adlerflaum schief auf dem linken Ohr, den Bergstock quer über den braunen, blossen Knieen, und spähte aus seinen dunkeln, raubvogelscharfen Augen über die dämmernde bayerische Hochebene hin, die sich fern zu seinen Füssen breitete. Wie Stücke eines zerbrochenen Spiegels schimmerten aus ihr, im Abendschein, die grossen und kleinen Seen. Ganz im Westen am Horizont lag eine mächtige, bleigraue Wasserfläche. Der Vogl in der Au kniff vielsagend das linke Auge zu, in der Richtung nach dem da sichtbaren Chiemsee. Dort am Ufer des Bayerischen Meeres lag das Dorf Walching. Und einer seiner Höfe hiess Beim Distl. Und in dem Hof sass eine — die hiess Vroni und wartete, bald der Rechte käm’ . . . Und hatte a Geld . . .
Wär’ nicht schlecht, wenn man da als Tochtermann einständ’ . . . Dann war alles in der Reih’ . . . Und wenn’s die Vroni nicht war, dann war’s eine andere! Da unten hat’s viele Dörfer, und in jedem dritten, vierten Dorf eine Bauerntochter, meinetswegen gar eine junge Witfrau, die nach ’nem Mann aussah. Wartet’s nur! Der Flori nickte, so wie wenn ihm sonst auf dem Anstand im Juni ein roter Sechserbock schussgerecht vor die Büchse trollte. Er kannte seine Gewalt über die Weibsleut’ . . .
Dann gähnte er und reckte sich in den breiten Schultern und stand auf. Er war im Begriff, sich vor dem Weitersteigen die Pfeife anzuzünden, und horchte, und das Streichholz verflackerte ihm dabei im Bergwind in der Hohlhand . . .
. . . Sie war nicht gerad’ gross und auch nicht gerad’ klein gewachsen . . . ein zartes, rankes Figürl in städtischer Tracht, einen Topfhut auf dem schwarzen Bubikopf, darunter ein liebes, rundes, weiches Gesicht mit dunkeln, sanften, katholischen Augen. Haferlschuh’ hat sie gerad’ an, der Stadtfratz, da heroben in den Bergen! Sie hatte einen dünnen, zusammengelegten Schirm geschultert. An dessen Spitze baumelte hinten eine kleine gelblederne Reisetasche. Bravo! So geht man auf d’ Alm! Der Flori musste lachen . . .
Das Fräulein war noch jung — so ein paar Jahr’ über zwanzig — sie war nicht erhitzt vom Bergsteigen, sondern blass von der Anstrengung.
„Grüss Gott!“ sagte sie lustig, obwohl es ihr den Atem verschlug, und schaute den Vogl-Bauer vertraulich an. „Bin i hier recht nach der Frauenalm?“
„Freili san S’, Fräulein!“
„I kann bald nimmer! Wie weit is dann noch?“
„A gute halbe Stund’!“
„Net mehr? Für wahr und g’wiss?“
„I muss es doch wissen!“ Der Bursche lachte und zündete sich jetzt seine Pfeife an. „I bin doch der Bauer auf der Alm!“
„Der Vogl-Bauer?“
„Derselbige! Woher wissen S’ denn das?“
„Ja — weil i auf der Alm bleiben möcht’ — ein paar Wochen zur Erholung — wissen S’. . .“
„An Unterschlupf mit an Bett hat’s oben schon!“ sagte der Flori gutmütig. „Aber ’s muss Sie erst einer eing’laden haben!“
„Ja. Das hat doch der Mauser g’macht . . . Ich weiss net, wie er eigentlich heisst . . . Er zieht überall ’rum und fangt die Schermäus’ z’sammen!“
„I kenn’ ihn, den alten Haberer!“
„ . . . und wann er die Maulwurfsfelle nach München bringt, ins Pelzgeschäft, dann kehrt er als gern bei uns ein! I bin nämlich Kellnerin, in ’ner Wirtschaft dort im Tal . . . “
„Ja so . . . “
„ . . . und da sagt er, er kennt die alte Sennerin auf der Frauenalm — die Katrein —, der soll ich nur sagen: ,Der Mauser schickt mich.’ Die braucht’ bloss den Bauern um Erlaubnis zu fragen! Ja — hat sie denn das nit getan? Das is doch schon ein paar Wochen her!“
„Damals hat mei’ Vatter noch g’lebt!“ Der Flori machte eine ergebungsvolle Handbewegung. „Der hat mir nie nix g’sagt . . . “
„Jetzt bin i vorgestern nach Holzing kommen — da hat mir der Bruckbräu gesagt: „G’fehlt is! Die Alm is noch net b’fahrn!’ Da hab’ i beim Bruckbräu gewartet, und heut früh hat der Viehhändler, der Kreitmayr, unten in der Schwemm’ gesagt: ,Alleweil treiben s’ aufi!’ Da hab’ ich mich schnell zurechtgemacht . . . “
„Aber jetzt komm’ i am End’ nit zupass?“ Sie musste das blasse Münchner-Kindl-Gesicht heben, um dem riesigen jungen Bergbauern aus ihren sanften, dunkeln Augen ängstlich in das braungebrannte, trotzige Antlitz zu sehen. „Sie, Herr Vogl — sagen S’gerad’, wie’s is! Muss i wieder umdrehn?“
„Ja — warum denn, Fräulein? Wann S’ da sind, san S’da!“
„Da dank’ i auch schön!“
„Kei’ Ursach’! Kommen S’! Gehn wir aufi! Ach — sperren S’ Ihna net! Geben S’ schon her!“
Der Flori hakte die Reisetasche von dem geschulterten Regenschirm und nahm sie in die Hand. Für ihn war das ein Federgewicht. Aber das Fräulein atmete auf.
„Blutsauer is mir’s geworden!“ sagte sie, während sie zusammen emporstiegen. „I schwitz’ — sag’ ich Ihnen — i schwitz’! I bin halt noch schwach . . . “
„Ich war nämlich so krank!“ erzählte sie weiter, vorsichtig die Haferlschuhe mit den umgekrempelten Übersöckchen zwischen die scharfen Steinbrocken des Bergpfads setzend. „Vier Wochen hab’ i im Krankenhaus links der Isar gelegen. Auf der Brust — wissen S’, Herr Vogl — hab’ ich’s gehabt! Kellnerin — das is ein strenger Beruf. Und daheim bei den Eltern hab’ ich mich nit erholen können. Da ist’s zu eng. Mein Vater is Maurer in Giesing — wissen S’ — hinterm Nockherberg. Und der Doktor hat gesagt: ,Höhenluft. So recht hoch! Und ordentlich a Milch!‘ Ja — und so is es kommen!“
„Gangen S’zu, Fräulein!“ rief der Flori, schnell nach oben schauend, und da sie ihn nicht gleich verstand, sondern gar noch stehenblieb und ihn fragend anblickte, fasste er sie um die Taille und zog sie, dicht an sich gepresst, an einer verwitterten Steinhalde vorbei, an deren Fuss unten regellos einzelne Felsbrocken lagen. Recht weich war sie und mollig. Sie schaute ihn halb erschrocken an. Aber sie gab sich doch mit halbgeschlossenen Augen in seinen Arm. Er liess sie los.
„Steinschlag! Hat’s gern an der Stell’!“ sagte er. „Da kimmt gerad’ was!“
Ein kopfgrosses Stück Berg tanzte in ungeschlachten, langen Sprüngen den Hang herab und klatschte auf und blieb stumpfsinnig liegen. Die beiden waren ein wenig verwirrt. Die Wangen des Fräuleins färbten sich ganz schwach rot. Er blickte sie von der Seite an. Er sah: sie hatte eine Stupsnase und einen weichen, herzförmigen Mund. Recht froh war das Gesichtl. Sonnig und weich, mit innigen Augen. Da lag nicht die harte Bauernarbeit darauf, die den Zügen etwas Strenges gab. Das war was Feines — was Städtisches. Das war halt München.
Sie gingen weiter, durch ein wüstes einsames Trümmertal von Steinblöcken. Es pfiff schrill da und dort aus dem Geklüft.
„Jesses, Herr Vogl: wo halten sich denn die Leut’ all versteckt? Die werden uns doch nix tun?“
„Das sind die Mankeis! Die gibt’s noch da heroben. Schauen S’: da hält so a Manderl Ausguck auf einem Stein!“
Das Murmeltier, da da sein Männchen machte, verschwand mit einem gellen Pfiff in seinem Loch. Schiessen durfte man die Viecherln nur in ein paar Herbstwochen, wenn überhaupt. Trotzdem hätte der Flori, der Jäger, sonst kein Auge von dem seltenen Wild verwandt. Jetzt schaute er statt des Mankei das Münchner Kindl an.
„Wie haben S’denn die Sucht auf der Brust derwischt, Fräulein?“
„Ja . . . schauen S’: der Winter in München ist doch gar so kalt und hart — indem dass es so frei daliegt — gerad’ wie ein Stück Leberkäs auf dem Teller. Jetzt gar der Fasching! Vor sechs kommt man ja nimmer ins Bett!“
„So lang haben S’ als Kellnerin arbeiten müssen? Dös is ja a Sünd’ und Schand’!“
„Ah na! Die Bäll’ dauern so lang! Die Bäll’!“ Das Münchner Kindl lachte. Seine dunkeln, frommen Augen glänzten. „Sie, Herr Vogl — wissen S’, wieviel Bälle dass ich heuer mitgemacht hab’? Dass ich net lüg’: A Stucker siebenundzwanzig! . . . Und Pareh’s drunter und . . . aber z’meist bin ich als Maschkerer gegangen . . . als „Alt-Heidelberg’ . . . das passt sich doch gut — net — wo ich doch selber a Kellnerin bin! Sie — das war zünftig! Da hat’s Kaw’liere gegeben . . . die haben fei’ gleich an Schampus spendiert . . . “
„So . . . so . . . “
„ . . . und einmal . . . da haben wir gerad’ den Frasseh getanzt — wissen S’ . . . wann alle so in zwei Reihen pfeifen und in die Händ’ patschen — ja . . . tanzen denn Sie keinen Frasseh?“
„I bin Fahnenträger vom Gebirgstrachtenverein! Wir tanzen nur unsere alten, rechten Bauerntänze — nix von dem neumodischen G’lump!“
„So? Na — ihr seid mir die Rechten! Das muss ich sagen! Also bei selbigem Frasseh — wie wir nachher am Morgen im Schneesturm zum Donisl sind, Weisswürst essen — da hab’ ich mich so arg verkühlt und bin krank geworden. Aber schön war’s doch! Jesses, Maria und Joseph — was wird denn jetzt dös?“
Über den Saumpfad vor ihnen war von oben eine Schlamm-Muhre niedergegangen. Zehn Fuss breit sperrte der gelbe Brei aus Lehm und Steingebröckel und Wurzelwerk den Weg. Die kleine Münchner Kellnerin starrte auf ihre Haferlschuhe.
„Wie soll i denn da hinüber? Durch den Mordsdreck?“
„Gehst halt her!“ Der Flori nahm das Handtäschchen zwischen die Zähne und das Fräulein mit einem Schwung auf die Arme. Er stapfte mit ihr durch den Bergschlamm, der ihm die Nagelschuhe und Wadenstutzen lehmgelb färbte und bis zu den blossen Knieen reichte. Sie hielt in der einen Hand den langen Alpstock, den er ihr gegeben, die andere schlang sie um seinen Hals und lachte ihm freundlich ins Gesicht. Zärtlich fast. Es wurde ihm warm. Beide atmeten schnell.
„Bin ich nit zu schwer, Herr Vogl?“
„Net schwerer als a Sechswochenkalb!“ Er liess sie jenseits der Muhre zu Boden gleiten. Sie zupfte an sich herum, rückte sich den Topfhut zurecht und legte herzlich die sauber gepflegte, kleine, weisse Hand in seine riesige braune Rechte.
„Vergelt’s Gott vieltausendmal! Ohne Sie hätt’ ich jetzt gleich umdrehn dürfen! Sie sind a guter Mensch, Herr Vogl!“
Und im Weitersteigen: „Zum Oktoberfest, wann S’ nach München kommen, dann müssen S’ bei uns im Tal z’ Mittag essen! Ich versprech’ Ihnen a Protektionshaxen!“
„I zahľ mei’ Haxen selber!“ sprach der Flori störrisch. „I bin der Bauer in der Au! Wissen S’, Fräulein — was das heisst? Nix weisst!“ Und dann milder, mit einem wohlgefälligen, gutmütigen Augenzwinkern: „Wie heisst’s d’ dann eigentlich?“
„Blumetsrieder-Fanny! Also Fannerl sagen s’ meist zu mir!“
„Guck, Fannerl, da oben — na — besser rechts — so — die grauen Steine auf dem Schindelbach — dös is die Frauenalm!“
„Gelobt sei Gott — i bin halb hin!“
„Wirst die Viertelstund’ schon noch schaffen! Komm nur, Fannerl!“
4
„Bist glei’ stad, Scheckele!“ schrie die Marei im Stall die Leitkuh an, vor der sie auf einem niedrigen Schemel hockte. Zwischen ihren Fingern rann der dünne, weisse Milchstrahl aus den Euterzitzen in den Melkeimer. An den beiden Enden der langen Rinderreihe plätscherte es ebenso. Dort sassen die Katrein, die alte Sennerin, und der alte Wastl. Der Simon holte armweis. Bergheu aus dem nahen Stadel und warf es den Viechern vor, die heute nicht zum Weiden gekommen waren.
Das behagliche Malmen der Kühe füllte die würzig-warme Dämmerung, durch die nur die gelben Lichtkreise der drei Stallaternen glommen. Undeutlich klang dann und wann eine Almglocke, wenn eines der Tiere schattenhaft die Hörner bewegte. Die eisernen Stallketten klirrten. Die Marei schob beim Melken ihr Licht zurecht, dass ein greller Streifen über ihr hübsches, braunes Gesichtel fiel, und schrie, zornmütig die Zitze pressend:
„So a damischer Stadtfratz — so a damischer! Bist dann narrisch g’worden, Mutter? Wer hat dann der Mutter g’schafft, Wastl, dass sie so a traurige Gans auf d’ Alm lasst!“
„Ja mei!“ sagte der Alte.
„I tät’ der an deiner Stell’ an Schwung geben, dass sie nach Minka heimkimmt!“
„Das Fräulein is ganz fei’ und still. Die sitzt draussen vor der Hütt’!“
„Und wo is der Bauer? Warum schaugt er denn nit hier nach seiner Sach’?“
„Geh — halt’s Mäu!“ Die alte Katrein rappelte sich steifbeinig vom Melkstuhl auf und wackelte durch die Tür nach vorn in die Kuchl, wo die Latschenzweige im Herd prasselten. Am Feuer sass der Loderer, der alte Berggänger, mit seinem vergilbten Ruckfack. Jetzt im Frühjahr hatte er weisse Enzianwurzeln darin — zum Schnapsansetzen bei den Bauern — verboten war’s freilich, das Enzianausraufen — und Klumpen gelbes Fichtenharz — fei’Obacht: die Waldherren haben’s gar nicht gern, wenn ihnen aus den Kerbschnitten in den Bäumen der Maisaft quillt! — und zuunterst — braucht der Schandarm gerad’ net zu schauen — ein paar geräuberte Katzenfelle.
Der Loderer hatte einen weisshaarigen Geierkopf, braun wie eine Nuss. Ein langer, weisser, vom Tabaksaft an der Wurzel gelber Schnurrbart hing ihm über den zahnlosen Mund. Der runzelte sich in verschmitzten Fältchen.
„Draussen sitzt der Vogl-Bauer, Katrein . . . “
„Aber net allein!“ Die Alte rieb still kichernd Schmalz in die Pfanne und holte die Salztüte aus dem Kastl.
„Er hat mich net g’spannt, wie ich im Dunkeln vorbei bin.“ Der Loderer kniff listig das eine wässerige Auge zu. „Aber was i g’sehn hab’, hab’ i g’sehn!“
„So? Schleckt er sie schon ab — die ausg’schamte Hennen?“ Die Marei kam mit einer Kanne kuhwarmer Milch herein und stellte sie auf den Fichtentisch, dass es krachte und die weissen Tropfen ihr in das braune Gesicht spritzten. Sie wischte sie zornig mit dem Handrücken ab. „Da lässt sich der Vogl net lang bitten! Den kennt man auf zehn Stunden rundumadum — den Bauer! . . . Die Lall’n aus Minka — die hat uns gerad’ auf der Alm g’fehlt!“
Die Tür schmetterte ins Schloss. Die Marei schlurfte mit heissen, ein wenig feuchten Schwarzaugen in den Stall zurück. Dort rannte sie im Gang gegen eine dunkle Gestalt.
„Jesses — der Simon — was stehst denn du da den Leut’n im Weg?“
„Ich wart’, ob ich dir noch a bissel helfen kann . .“
Das stille, immer etwas gedrückte Gesicht des Vogl-Simon verschwamm im Dämmern. Die Marei hörte nur seine weiche und gutherzige Stimme. Dann tastete etwas an ihrem Arm und suchte ihre Hand und kriegte sie zu fassen.
„Gift’ di net so, Marei!“
„Dös geht di an Dreck an!“
„Kennst ja den Flori . . . “
„Freili! Stroh brennt leicht!“
„Er is halt, wie er is!“
„Aber so schnell hat’s noch nie net bei ihm gebrannt!“
„Es hat ja noch mehr Mannsbilder, Marei!“
„Was d’ net sagst . . . “
„. . als wie zum Beispiel ich!“
„Ja. Du!“ Die Marei lachte.
„Was der Flori kann, sell kann ich auch! Wir können uns gerad’sogut wie die Zwei draussen vor die Hütten setzen, bis die Katrein den Schmarrn fertig hat . . . “
Er wollte die Marei sanft an der Hand nach dem Stalltor ziehen. Die Almdirn war bald so kräftig wie er. Sie riss sich los und stemmte feindselig die Fäuste in die Hüften.
„I hab’ kei’ Zeit! I muss mi jetzt wasch’n!“
Aber als sie das in ihrem ebenerdigen Verschlag neben dem Kuhstall getan und das Waschwasser aus dem Fenster gegossen hatte, kletterte sie selber hinterher hinaus in die Nacht. Die paar hundert Kuhhufe hatten schon den Platz zwischen der Hütte und dem hohlen Baumstamm der Bergbachtränke in einen zähen Morast verwandelt. Durch den stapfte die Marei lautlos in ihren Holzpantinen um die Ecke und äugte wie eine Katze in der Nacht nach vorn.
Da sah man, sobald das Auge sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, zwei Schatten. Die sassen eng beisammen. Jetzt neigten sie sich zueinander. Jetzt wieder . . . .
„Ja — busselt’s euch nur . . . “ keuchte die Marei. Plötzlich fuhren die beiden schwarzen Umrisse hastig nach rechts und links. Eine grelle Lichtbahn fiel aus der geöffneten Tür auf sie. Von der Schwelle rief die Katrein:
„’s Nachtessen is!“
Die alte Almerin sah mit ihrem zerstrubbelten Grauhaar, dem grauwollenen Janker und den weit gebauschten, dreckigen Leinenhosen wie ein verwilderter Bergzwitter aus — ob Mann, ob Frau, nicht zu unterscheiden. Und ebenso hatte die braune Marei die blossen Füsse in den überschlammten Holzpantoffeln stecken, und auf ihren weissen Sennerinnenhosen hatten die Schwanzschläge der Kühe schon ganze farbige Landkarten gemalt.
Hingegen das hergelaufene Schankmadl aus München — die Stalldirn musterte giftig ihr Gegenüber — so eine tat sich leicht! Die war sauber beisammen. Die hatte ein Jäckchen aus grauem Loden an, mit grossen Hornknöpfen, und einen kurzen, feschen, grauen Rock und ein rotes Band um den Hals. So sass sie, dunkeläugig, mit einem zufriedenen, weichen, blassen Gesichtl, neben dem Vogl-Bauer, und lächelte alle der Reihe nach freundlich an und sagte recht lieb und warm:
„Aber schön ist’s bei euch heroben!“
Der Flori nahm sich als der Bauer zuerst aus der Schüssel. Jetzt wäre sein Bruder, der Simon, an der Reih’ gewesen. Aber er schob den rauchenden Schmarrn mit einem ritterlichen Handgriff dem Münchner Kindl vor die Stupsnase. Die ass nur wie ein Kanarienvogel und leckte dann den Blechlöffel ab und legte ihn nebenher und sprach sanft:
„So schön hab’ ich mir’s nit vorgestellt . . . “
Das glaub’ ich, du fade Moll’n! dachte die Marei. Sie kam zuletzt daran.
„ . . . Da möchť man gleich die Händ’ falten und beten!“ fuhr das Münchner Fräulein fort.
Dein Beten kenn’ ich . . . dachte sich die Marei. Sie hatte den linken Ellbogen auf den Tisch gestützt und den Schwarzkopf in die linke Hand und löffelte sich erbittert mit der Rechten die Brocken ein. Der Flori wischte sich den Schnurrbart. —
„Alsdann, Katrein . . . dass d’ mir fei’ auf das Fräulein Blumetsrieder aufpasst . . . “
Ja . . . dein notiges Fannerl . . . Die Marei lachte zornmütig vor sich hin . . .
„ . . . dass sie sich net verkühlt und net beim Blumenpflücken sich derfallt . . . und der Stier ihr nix tut . . . “
„Unten am Kreuzweg is der Reliquienschrein, Bauer! Sperrst sie am besten da gleich hinters Glas!“ verkündete die Marei.
„Dich hat keiner g’fragt, dalkete Dirn! . . . und dass das Fräulein ordentlich a Milch trinkt und was isst, damit wir Ehre mit ihr einlegen, wann s’ wieder nach München kommt . . . “
„Ach — Ihr seid so gut zu mir! Ihr seid so liebe Leuť!“ sagte die Fanny mit einem weichen Augenaufschlag, während sie alle zusammen aufstanden. „Aber lass mich jetzt gleich ’s Geschirr aufwaschen, Sennerin, dass ich auch was tu’! Ah na — mit G’schirr umgehn — das bin ich ja als Kellnerin gewohnt . . . “
„Aber heut noch net . . . Heut derfst allein machen, Katrein . . . heut braucht das Fräulein Ruh’!“ Der Vogl-Bauer zündete sich seine Pfeife an und trat vor das Haus. Neben ihm stand der Simon, den Rucksack im Kreuz, den Bergstock in der Hand.
„Kommst mit abi, Flori?“
„Jetzt, wo d’ Hand net vor den Augen siehst! Wär’ net schlecht . . . “
„Dazu hab’ ich die Latern’!“
„Und ich den Mond!“
„Da kannst noch a Stund’ warten, bis der übern Berg vorkimmt!“
„Von wegen meiner!“
Der Flori hörte die Schritte des Bruders und das Aufsetzen des Bergstocks unten in der Nacht versinken. Er setzte sich wieder auf den Felsblock von vorhin vor der Hütte. Die Funken aus seiner Pfeife verrieten durch die Finsternis seinen Ort. Nach kurzem kam etwas mit leichten Tritten über die Steine heran. Es nahm neben ihm Platz. Er hörte es leise atmen. Er fühlte, Ellbogen an Ellbogen, seine Wärme. Er ruckte von hinten seinen Arm darunter und setzte es sich wie eine Puppe auf die Kniee.
„Grüss Gott, Fannerl!“
Es lachte leise.
„Grüss Gott, Flori!“
Da sassen sie. Über ihnen am Nachthimmel glitzerten tausend grosse und kleine Lichter. Und tausend feurige Punkte von hellen Fenstern und Reihen von Landstrassenlaternen und farbigen Bahnhofssignalen durchfunkelten endlos, wo Menschen wohnten, tief unter ihnen das verschwimmende Schwarz der weiten bayerischen Hochebene. Ein rötliches Luftgewölk dämmerte über unsichtbaren Städten und Märkten, wie oben zwischen den Sternen der weissliche Nebel der Milchstrasse. Eine Schnur kriechender Glühwürmchen durch die Nacht. Ein Eisenbahnzug . . . . .
Ein fernes Rollen. Ein ganz schwacher Pfiff. Ein dumpfes Kuhgebrüll von der Alm. Ein verschlafenes Herdenglockengeläute. Das eintönige Plätschern des Quellstrahls in den Tränktrog. Käuzchengekreisch aus der dunklen Masse der Wälder unten: Kiwitt! . . . Kiwitt! . . .
Komm mit . . . ja . . den Vater hatte es ja geholt . . . auf den Kirchhof hinaus. Eine Weile schwieg der Flori nachdenklich. Es ging ihm wieder alles durch den Kopf — der Hof in der Au — die Sorgen . . . . Dann schwatzte er wieder mit dem Fannerl auf seinen Knieen, ihre Hand in seiner. Nicht viel G’scheites. Halt dies und das . . . .
Es war jetzt viel wärmer als am Abend. Ein heisser trockener Hauch strich von den Bergzacken über die Matten herab, als hätten sie da oben im Geklüft, zwischen den Schneefeldern, einen riesigen Backofen aufgestellt. Das Mailüfterl schickten sie von da drüben her, die Italiener. Du lieber Gott: Von der Frauenalm hier oben, am äussersten Ende Deutschlands, hatte es ein Vogel durch die Luft über die paar österreichischen Berge hin zur welschen Grenze bald näher als bis nach München.
Dann wuchs das Wehen des Südwindes aus den Gebirgsgründen hinaus zu einem dumpfen Gebrüll, das den weiten, nächtigen Luftraum zwischen dem dunklen Himmel und der dunklen Erde erschütterte.
„Jesses — es gibt a Wetter!“ Die Blumetsrieder-Fanny schrak in den Armen des Flori zusammen. Er beruhigte sie durch ein paar kräftige Schmatze auf die vollen, weichen Backen.
„Nachts geht der Föhn gern laut! Das gibt fei’ gutes Wetter für morgen.“
„Da kannst Blumen pflücken, Schneckerl!“ Ein Schmatz. „Aber versteig di beileib net!“ Ein Schmatz. „Geh halt gerad’ dahin, wo die Küh’ gehen!“ Ein Schmatz. „Tappiger wie d’ Viecher wirst dich auch net anstellen!“
„Und zum Stier sagst: Maxl — sei stad!“ Ein Schmatz. „Nachher kennt er di scho! Sell is a guter!“
„Und wann dir irgendwas abgeht, na haltst di an den Wastl!“ Ein Schmatz. „Dass du gerad’ weisst: die Katrein is a alter Teifi und d’ Marei a junger . . . “
„Vor Weibsleut’ fürcht i mi net!“ sagte das sanfte Fannerl und lachte.
„Aber vor Mannsbildern?“
„Kommt darauf an . .“
„ . . . als wie vor mir . . . ?“
„Bei dir“, sprach das Fannerl träumerisch und lehnte das dunkle Köpfchen an seine Schulter, bei dir tut’s Ichon not!
Der Flori wollte sie wieder küssen und fuhr ärgerlich mit seinem dunkeln Schnurrbart dicht vor ihrem schon zur Schnute gespitzten Mäulchen zurück.
„Da kimmt er scho’, d’r Teifi, und sucht uns“, knurrte er. „Schau bloss die Katrein da in der Nacht! Da kriegt die alte Hex’ wieder a Leben! Da gedenken ihr wieder all ihre Sünden, wie sie jung war und a Sennerin hier auf der Frauenalm. Da is es hier zugangen — mei’ Grossahndln haben mir, wie ich a Bub war, oft davon erzählt. Da hat’s noch Haberfeldtreiber gegeben, mit schwarzem Kienruss im Gesicht, und an Tabak hast billig kaufen können. Den haben die Pascher nachts aus Tirol herübergebracht — hier an der Hütten vorbei. Und am Sonntag — da haben s’ hier oben auf ’m Hackbrett g’spielt und gejuchzt und getanzt — die Katrein und ihre Freund’! . . . Der Mauser und der Loderer und die all’ . . . Ja — dös muss noch a Zeit g’wesen sein . . . “
Und plötzlich brach im Vogl in der Au der Geist seiner Väter durch.
Dös war die Zeit, wo der Bauer noch a Bauer war und Herr auf seinem Hof. Aber jetzt schreiben s’ dir in Berlin heraus, was d’ hier machen sollst, und wann d’ dir gerad’ so a Gesetz hast ausdeutschen lassen, dann haben’s es schon wieder anders umg’schrieben, droben, irgendwo. Ja — da fehlt sich’s weit! Der Bauer ist in Not, Fannerl!“
Die Ränder der Felszacken hoch oben färbten sich grell schwefelfarben. Hellgelb, mächtig, stieg der Vollmond über dem Höhenkamm empor. Fernhin füllten sich Wände und Halden und Matten mit bläulichem Dämmern. Man konnte hundert Schritt weit sehen. Der Vogl-Bauer und das Fannerl standen in vollem Licht, und von drüben schrie die alte Katrein:
„Gehn S’ bei, Fräulein! I schliess jetzt d’ Hütten!“
„Die Hütten wird g’schlossen, bald das Fräulein kimmt, und net eher! Dös sag’ i — der Bauer! Hast verstanden?“. Der Vogl wandte sich zu Fanny und drückte ihr herzlich die Hand. „Also lassen S’ Ihna gut da oben gehn, Fräulein Blumetsrieder! I schau’ eh’ bald wieder mal nach der Alm!“
In langen Sprüngen setzte er, sich mit dem Bergstock stützend und schnellend, die mondhellen Weiden hinab. Tief im Grund lag vor ihm weiss und still, zur Geisterstunde, der Hof in der Au. Der Vogl hatte die Mondscheibe im Rücken. Es war so hell, dass sein eigener Schatten vor ihm herlief — lang und schwarz wie ein Nachtgespenst, das lautlos, unheimlich auf den einsamen Bergbauernsitz im Tal herniederglitt.
Ob’s recht war, da oben mit dem Fannerl die Mäuler spitzen, wo der Vater erst so kurze Zeit unter der Erde lag? Der Flori hatte eine Anwandlung von Gewissensbissen. Freilich: der Vater war immer hart und karg gewesen. Der Vater und er hatten einander nie viel zu sagen gehabt. Der Vater hatte jetzt andere Sorgen, im Jenseits, im Fegfeuer. Der Vater brauchte heilige Messen, dass er mählich ’rausruckte aus den Flammen.
Ob das so richtig war — mit der Höll’ im Jenseits? Der Florian Vogl gehörte zu den Aufgeklärten — zu den jungen Burschen vom Weltkrieg ab und seiner Hölle auf Erden, im Schlachtendonner zwischen Bagdad und Lille. Die draussen gewesen und heimgekommen waren, die hatten zuviel gesehen und erzählten es den Jüngeren.
Aber es stand doch immer noch der Kirchturm mitten im Dorf. Da wuchs langsam wieder in der neuen Welt der alte Glaube . . .
Soll fleissig seine Seelenmessen kriegen — der Vater . . . Der Bauer in der Au öffnete ernst, zwischen Sterbandacht und Liebesgedanken, die Tür seines Hauses.
5
„Haec dicit Dominus noster!“
In der geweihten Kapelle des Hofes in der Au dünstete der Weihrauch der Exequien. Die Kerzen brannten auf dem Altar. Der kleine Raum war gedrängt voll von den Leichenbetern am siebenten Tag. Die Stimme des Pfarrers Gasthuber im Ornat murmelte:
„A porta inferi“
Und das Responsorium:
„Erue, Domine, animam eius.“
Der Flori stand mit gefalteten Händen. Es ging um die Pforten der Hölle und die Seele des Vaters. Aber dazwischen immer wieder die Sorgen von dieser Welt — die eigenen Sorgen.
Feierlich, vom Altar, die Oratio:
„Absolve, Domine, animam famuli tui ab omni vinculo delictorum . . . “
Herrgott — gib dem Vater an Frieden! Aber hilf auch, dass ich auf dem Hof besteh’!
„Requiem aeternam dona ei, Domine!“
Ich will mit dem Vater net hadern — dass er manches nicht recht gemacht hat in der Au und ich’s büssen muss . . . Ich bet’ ja fleissig mit für dem Vater seine himmlische Ruh’ . . .
Und die Antwort am Altar:
„Et lux perpetua luceat ei!“
Und ihm leuchte das ewige Licht . . .
Die Tür der dämmerigen Kapelle öffnete sich. Stumm drängten sich die Leidtragenden über die Schwelle hinaus in das Leben, in warme Luft und lichte Sonne und Frühlingsglanz über Berg und Tal.
Tiefblau und sattgrün lachte um den Florian Vogl, als er aus dem kalten Weihrauchnebel der Kapelle trat, der Maienfrieden. Er ging, abseits von den andern, mit bedächtigen Schritten — schon in diesen anderthalb Wochen mehr der geplagte Bauer als der trotzige Jungbursch bisher — in den verblätterten, weissen Blütenglast des Obstgartens hinein.
Ein hundertfaches, geschäftiges Leben und Weben verdrängte da in seinem Ohr das dumpfe Gemurmel der Totenmesse. Es brauste um die Bienenstöcke, in der Luft zitterten die kleinen gelben Schlupfwespen, die Hummeln brummten, fein sangen vom Stall her die grauen Stechfliegen — der Bauer in der Au hörte geistesabwesend den Singsang der unvernünftigen Kreatur, und in seinem Kopf summten, wie die beflügelten schwarzen Punkte um ihn, die Sorgen.
Im fast leeren Kuhstal stritten Stimmen. Ein blühender Mann mit blondem Schnurrbärtchen in dem rosigen Gesicht kam heraus und brüllte:
„Bauer — dämpf doch den Simon! Dös is ja a Rauber!“
Der Flori schaute finster auf den Niggl, den Viehhändler. Der klopfte mit seinen Wurstfingern auf die dick geschwollene Brusttasche in seiner blauen Leinenjacke.
„Vogl! Dreihundert auf d’ Hand für die Kälberkuh! Magst net? . . . . Fahr’n wir halt an Hof weiter!“ Er stapfte auf seinen grauen Fordwagen zu. „Heut braucht a jeder Bauer Geld! Wer wie i in den Ställen umikimmt — wieviel Vieh da steht mit den blauen Wapperln vom Gerichtsvollzieher am Horn! Musst ja verkaufen . . . “
„Aber net herschenken . . . “ schrie wütend der blasse, besinnliche Simon. Sein Bruder, der Flori, zuckte düster die Achseln.
„Also geh her, Niggl! — da in dem Simon seine Stub’! . . . Blutig Kreuz noch mal!“
Die Kammer des Simon war eine Art Museum. Da hatte er seltene ausgestopfte Viecher an den Wänden: ein schwarzes Rackelhuhn, aus der Kreuzung von Auer- und Birkwild, eine schwarzweissgefleckte Amsel, den Kopf von einem Perückenbock mit dickem Bastgehörn. Bücher hatte er auf dem Fensterbrett stehen — nicht nur die Bauernkalender. In einem Wandschränkl grün-weisses Marmorgeäder vom Untersberg, blaue und grüne Glasflussklumpen aus längst aufgelassenen Glashütten, eine dicke Kupfernatter in Spiritus. Ein Herbarium mit gepresstem Frauenschuh und Edelweiss und Alpenrosen.
In dem bäuerlichen Gelehrtenstübl machten sie den Kuhhandel richtig. Der Niggl töffte davon. Un seiner Stelle trat der Steuervorgeher der Gemeinde in die Stube.
„So — da hätten wir die Abgaben beisammen — für heut! — Vogl! Mit allen Rückständen!“
Der Bauer in der Au zahlte, mit dem eben erhaltenen Kaufgeld. Weg war’s! Just radelte der Postbote heran. Der brachte einen Brief aus Holzing, vom Notariat. Eine blaue Zahlkarte fiel heraus: die Gebühren für die Auseinandersetzung mit den Geschwistern. Zu entrichten innerhalb vier Wochen! Aber wovon? Erst Schulden und darfst dafür blechen . . . . Ui sakra . . . Ui sakra . . .
Da war noch ein zweites dickes Schreiben mit gedruckter Aufschrift: In so was stand selten was Gutes! Da haft’s schon! Mitteilung der Hypotheken- und Wechselbank: Zur Begleichung des schon seit vier Monaten überfälligen Zinshalbjahrs werden wir den Betrag bei weiter ausbleibendem Eingang zum Fünfzehnten dieses Monats durch Postnachnahme erheben . . . .
Und da noch ein gedruckter Aufruf an alle Ökonomen, von vielen G’wappelten aus der Stadt unterzeichnet — ‚In — ten — siv — ste Bodenkultur’. Der Vogl-Bauer buchstabierte stirnrunzelnd. Viel mehr Kalk — stick — stoff — düngung — hochwertigstes Saatgut — die modernsten Maschinen — ohne das geht’s net — san denen ihre Sprüch’ . . . Ja wovon denn d’ Maschinen kaufen? Und wann i aufs Tagwerk auch nur drei Zentner Thomasmehl und zwei Zentner Kainit einischütt’, so zahl’ i ja heutzutag’ zu. G’hört auf den Abort hintri — dös Papier! Da is es noch zu was nutz! Ja — Herrgott — i kann doch net Dukaten misten, wie a Ross die Äpfel!
Dem Bauern in der Au wurde grün und gelb vor den Augen. Er schaute zu der getäfelten Zirbeldecke, als müsste das Hausdach da oben unter der Last der Schulden einstürzen. Und aus den Schulden heckten die Zinsen wieder wie die jungen Mäus’ aus den alten, und die Steuern . . . . .
Der Flori seufzte und ging in die Wohnstube zu den Geschwistern. Die hatten da, als er eintrat, eifrig die Köpfe zusammengesteckt, und die Schwester Zenz, die frische, junge, rotwangige Bäuerin vom Chiemsee, sagte beim Aufbruch laut:
„Nächsten Sonntag, Flori, hat’s bei uns in Walching a Preisplatteln! Da fährst mit deinem Verein im Laftauto mit!“
„Täť mir gut anstehn: Schuhplatteln — wo der Vater gerad’ heim is!“
„Platteln net! Aber uns besuchen derfst! No und da siehst auch die Distl-Vroni . . . “
„I kann’s erwarten . . . “
„Wir gehn mal ’nüber zum Distl und schauen’s Vieh an! I sag’ dir: so a Hof findest selten! Und Baugründ’ für Siedelungen dabei — von wegen der Aussicht übern See — verstehst — da liegt’s Geld auf der Wiesen! Brauchst’s gerad’ aufzuheben!“
„Und volljährig is sie, die Vroni!“ ergänzte der Mann der Zenz, der Heiss von Walching. „G’hört alles zu dreiviertel net der Distl-Mutter, sondern ihr!“
„Und sauber is sie! I kenn’ sie!“ schloss die zweite Schwester, die Ametsrainerin von Egg. Und der hochwürdige Herr Bruder, der Donat, legte dem Flori die Hand auf die Schulter:
„Ich täť an deiner Stelle fahren! Einmal musst du dich doch nach einer Bäuerin umtun! Die Ehe ist ein christliches Sakrament!“
Als sie alle weg waren, schaute der Flori, wieder im Bauernrock, mit nackten Knieen, von dem Haus auf die grünen Wiesen weithin die Hänge empor bis zum Wald. Das Futter stand gut, satt von Sonne und Regen. Es war hohe Zeit zum Heuen . .
Und der Bauer überlegte: Heuen ohne Leut’? Der Grossknecht weg als Hausmeister in Reichenhall, die Stalldirn als Stütze nach München, der neue Senn, der kommen sollt, dort als Bierfahrer! Also was bleibt? I und der Simon und der Steffel, der geringe Bursch, und die schwache Toni, und der Peperl, der Dienstbub! Damit schaff’ ich’s nie und nimmer!
Er ging zum Telephon und liess sich mit der Amtsstadt verbinden und rief in die Membran:
„Hier is der neue Vogl-Bauer in der Au, Gemeinde Pittenham! Können S’ mir heuť noch a paar Leut’ zum Heuen schicken?“
„Ja — wo denken S’ dann hin?“ sagte im Apparat eine ruhige Männerstimme. „Das ist doch nie net möglich, Herr Vogl!“
„Haben S’ denn keine Arbeitslosen?“
„Mehr als genug! Gerad’ übereinand’ sitzen s’!“
„Alsdann . . . “
„ . . . aber keine, die a Bauernarbeit schaffen können — Bauernarbeit — dös wissen S’ selber, Herr Vogl, is blutsauer. Bauernarbeit wird gering bezahlt. Deswegen laufen s’ ja alle in die Stadt!“
„Aber die Wiesen warten net! Die Wiesen verblühen! . . . I muss Leuť haben!“
„Ich kann Ihnen keine schaffen! Tut mir recht leid! Bitte — gern geschehen, Herr Vogl! Grüss Gott!“ —
Friedlich grünten blumenbunt in Sonnengold und Sommerwehen die weiten Bergwiesen. Der Vogl-Bauer betrachtete sie finster wie Feinde.
„Da kannst nix machen!“ sagte er zu dem Bruder Simon neben ihm. Der schüttelte den blassen Kopf.
„Wann d’ auch Knechte und Mägde gerad’ genug hättest, wovon wolltest ihnen nachher Lohn und Biergeld und ’s Gewand und Schuhwerk zahlen? Und die Krankenkass’! Und die vielen Wapperln kleben? A Betriebskapital brauchst! Das hast net! Das hat keiner von uns mehr! Daran stirbt der Bauer!“
Der Flori spuckte zornmütig aus. Er setzte sich mit zusammengebissenen Lippen an den Steinblock und dengelte in grimmigem Gehämmer die Sense. Er schmiss den Rock beiseite und schulterte die Sense und lief hinauf aufs Feld und begann trotz der Mittagsglut drauflos zu mähen. Stund’ um Stunde. Er nahm sich nur eben Zeit, einmal zu trinken und mit Wetzstein und Wasser die Schneide wieder zu schärfen. Bis die Sonne hinter den Bergen sank, fächerten sich vor ihm die grünen Schwaden. Die vorüberziehenden Sommerfrischler jodelten und winkten dem fleissigen Bauern zu.
„Gehst fei’ gleich aus dem Futter!“ schrie er eine dicke, junge Münchnerin an, die, den ganzen Arm voll Butterblumen, das saftigste Gras zertrampelte. Und dann, ruhiger:
„No — was schaffst denn, Wimmerl?“
Der Wimmerl, der da am Weg stand, klein, hager, durchtrieben, grosse Ohren um das spitze Gesicht — der Wimmerl war ein abgehauster Bauer und Hochzeitsbitter und Spassmacher. Er zwinkerte:
„Schön Wetter heut’, Bauer!“
„Dös seh’ i selber!“
„Brauchst mich net einmal?“
„Kannst hier gleich helfen!“
Zum Hochzeitansagen, mein’ ich! Du — ich wüsst’ Madln genug!“
„Du Kaschperle tust mir gerad’ not, wann ich ’s Heiraten im Sinn hab’!“ Der Vogl-Flori hob wieder die Sense. „Zehn für eine hätt’ ich! Nach mir derschlecken s’ sich die Finger bis zum Ellbogen. Schau, dass d’ weiterkommst!“
Er liess verbissen die Sense fliegen und hielt nach einer Weile inne. Wie ein ranker Schattenriss stand da vor ihm die braune Marei, den langen Haselnussstock in der Hand, den Kraxen an Lederriemen auf dem jungen Buckel, in derben Nagelschuhen, das Hütl mit der Hahnenfeder schief über dem hübschen, wilden Gesichtel. In dem lachten die dunklen Augen und blinkten die weissen Zähne.
„I bring’ a Butter von der Alm, Bauer!“
„Is alles in der Reih’ oben?“
„Ah — da tätst di wundern!“ Die Marei beugte sich, beide braunen Hände an dem Bergstock, vertraulich vor.
„Lach net so dumm! Was is?“
„Wir haben an Senn oben!“
„Ja — woher denn?“
„In der Nacht is er zur Katrein kommen! Du: Is das a schönes. Mannsbild! So gross und gut beisammen wie du! Aber so lieb — so fidöl! Feurig, wie s’ halt sind — die Tiroler!“
„Ach — red net!“
„Singen kann er! . . . Und Harmonika spüllt er! . . . Und G’schichten weiss der — ah na!“
„I dank’.“
„Wir mögen ihn alle recht gern! Besonders das Fräulein Blumetsrieder! Die is mit ihm rein wie narrisch! Staunend is er — sagt’s als — das Fräulein Blumetsrieder!“
Der Vogl-Bauer ging wortlos ins Haus. Aus seiner Kammer sah er nach Mitternacht, als der Mond hochkam, die Marei mit langen, flinken Schritten wieder bergauf steigen. Nach ein paar Stunden graute der Morgen. Das war die Zeit, mit dem Mähen zu beginnen, wenn man gerad’ eben die Sensenschneide in dem weissen Frühnebel vor sich erkennen konnte. Unten in der Stube sassen sie schon beim dampfenden Schmarrn, die paar Leuť, und der Simon rief:
„Wohin dann, Flori?“
„Fangt’s ohne mich an! I muss auf d’Alm!“
Der Flori lief die Berge hinauf. Heute kümmerte ihn nicht einmal der rote Bock, der ihn aus dem Tannendickicht mit tiefem Grunzen ausschalt. Der flüchtende Waldhas zeigte ihm umsonst die weisse Blume. Die wilde Jagd des Baummarders hinter dem Eichhorn her, ein Sturm durch die Luft von einem Ast zum andern — selbst das sah er heute nur zerstreut.
Oben in der Almhütte machten sie gerade Brotzeit, wie er eintrat. Das Fannerl sass zwischen dem Bergvolk. Es hatte einen Napf Milch vor sich und brockte sich gerade Schwarzbrot ein, und es ging ein sonniges Leuchten über ihr rundes, volles Münchner-Kindl-Gesicht, das schon ein wenig sonnenbrauner und blutwärmer geworden war, und es kam ein weicher Glanz in ihre dunkeln Augen, wie sie mit einem kleinen, lieben Schrei freudiger Überraschung von der Holzbank aufschnellte und die weisse Patsche über den Tisch hin ausstreckte:
„Jesses — der Bauer!“
Aber der drückte die fünf Fingerchen in seiner hornbraunen Tatze nur so obenhin und schaute sich kampflustig in der Runde um. Ja — was sass denn da neben der Katrein für ein gedunsener, alter Kerl mit grauem Gesicht und grauem Stoppelschädel und grauen Borsten am Kinn, mit blossen Füssen und in uralten himmelblauen bayerischen Infanteriehosen, und sonst nur noch ein mordsdreckiges Hemd über der behaarten Brust?
„Katrein — wo hast denn den her — den Hanswurscht — den halunketen?“
„Oh mei! Derbarmt hat er mi halt! Wir haben uns schon kennt, wie wir noch jung waren! Aus Tirol is er kimma!“
„I weiss, wo er herkommen is!“ schrie der alte Wastl.
„Gleich hältst die Dreckschleudern!“ keifte die Katrein.
„Fragt’s nur unten im Gefängnis im Moor! Da is er aussi und hat seinen Zuchthauskittel im Wald den Füchsen zum Aufheben geben!“
„Und z’wegen dem is der Bauer auf die Alm aufig’stiegen!“ frohlockte die Marei auf der Schwelle. „Schau ihn nur recht fleissig an, Vogl! Is doch a ganz Gefährlicher — net? Weisst schon, für wen!“
Jetzt erst begriff der Flori, dass die Marei ihn gefoppt hatte. Sie witschte um die Ecke hinaus vor die Hütte und lief, was sie konnte, den Hang hinauf. Er hinterher. Er schrie atemlos:
„I komm’ dir mit dem Ochsenfiesel, du Rotzdirn — du ausg’schamte! Glei’ bleibst stehen!“
Aber die braune Marei sprang wie eine Ziege, zwischen dem Alpenrosengestrüpp und von einem Felsblock zum andern. Er konnte sie nicht einholen. Irgendwo hatte sie sich in dem Gestein verschlupft. Er machte erhitzt halt.
„Juchhu!“ schrie die Marei. Jetzt sah er sie wieder oben in den Zacken Klettern. „Juchhu!“
Es klang immer ferner. Der Vogl-Flori drehte ihr mit einer verächtlichen Schulterbewegung den Rücken. Lohnte sich gerad’, sich noch mit der Dirn umeinander zu hetzen! Und nach den ersten paar Watschen sagte sie einem womöglich noch den Dienst auf. Eine Stelle kriegte sie da unten heut noch am Abend irgendwo in einem von den vielen Gasthäusern rund im Land.
Als der Flori wieder zur Alm kam, war der alte Zahnluckete schon weg. Jetzt, im Frühling, konnte er sich leicht nachts in den Heustadeln derhalten! Musste halt schauen, wie er hinüber zu den Österreichern fand . . .
„Dass ich so an Hallodri, so an miserabligen, net wieder hier spür’!“ gebot der Vogl streng. Missmutig stand er abseits von der Hütte und nahm die Pfeife aus den weissen Zähnen.
„Ja — was plärrst denn, Fannerl?“
Das Fannerl Blumetsrieder kam heran. Ihre dunkeln Augen spiegelten tränenfeucht. Ihr sanftes Gesichtl zuckte schmerzlich.
„Du bist heut so kalt zu mir, Flori — gar so kalt!“
„Daran is nur das Luada da oben schuld!“ Der Flori äugte zornig nach den Felswänden. „Ich werd’ dich lehren, du z’widerer Aff’, in den Latschen hocken und juchzen! . . . Ah na . . . Fannerl . . . I bin net anders wie sonst!“
„Hast mi lieb, Flori?“
„Schon arg lieb, Fannerl . . . “
Weithin baumlos die Weiden. Weithin übersichtlich die Geröllhalden. Die bimmelnden Kühe hätten nicht weiter gestört. Aber der Wastl, der sie bewachte, die Marei oben von ihrer Vogelschau, die Katrein innen in der Hütte am Butterfass — die hätten jetzt das alles zwischen dem Bauern und dem Münchner Fräulein sehen müssen, was sie neulich in der Nacht nicht sehen konnten. Der helle Tag unter blauem Himmel — das war nicht die Zeit für so was. Der Flori kriegte einen Schrecken: Jetzt mähten sie da unten im Schweiss ihres Angesichts, und er stand ohne Not da oben auf der Alm.
„I hab’ jetzt den Saustall da ausgeputzt! I muss jetzt wieder heim, Fannerl!“ sagte er.
„Und wann kommst wieder?“
„Bald!“
„Bald? . . Das is viel oder wenig, Flori, wie man’s nimmt! I sehn’ mich ja so nach dir. I denk’ immer an dich! Darfst glauben!“
„Und i an dich!“
„Also wann bist wieder bei deinem armen Fannerl? Geh . . . sei lieb . . . “
„Am Sonntag muss i über Land! An den Chiemsee. — weisst — da hab’ i eine Schwester verheiratet!“ Er schaute die Fannerl nicht an. „Mit der hab’ ich allerhand z’ bereden — z’wegen der Erbschaft!“
„Freilich! Wer so viel geerbt hat, wie du!“
„Net wahr? Der darf lachen! Aber wenn ich zurück bin — auf d’ Woch’ — da komm’ i gleich am Abend auf d’ Alm! . . I versprech’ dir’s, Fannerl — hoch und heilig!“
6
„Machst eher a Gesicht wie a Leichenbitter als wie a Hochzeiter, a angehender!“ sagte der blasse, sanfte Simon Bogl. „Hock net so spinnet da, Flori, wann wir jetzt nach Walching einfahren!“
Juchhu! Es juchzte von dem maiengrün umkränzten, grossen, grauen Bierauto des Korbinian Norz, des Bruckbräu in Holzing, das sich der Gebirgstrachtenverein Pittenham für den Sonntag gemietet hatte. Gesteckt voll war der Lastwagen von den Burschen und Dirndln. Enggepresst sassen sie auf den quergereihten Holzläden, grün und gelb gestickt die Joppen und die Kniebuxen, buntgeblümt die Fürtücher mit den Sträusschen, farbig gefältelt die Röcke, silbern klimpernd die Geschnüre am schwarzen Mieder und die talerschweren Uhrketten. Um die ragende, noch in Schwarz gewickelte Vereinsfahne wehten die Adlerflaume auf den Filzhüten der Burschen und flatterten die langen, schweren Hutbänder an den goldgestickten Tellerkrempen der Mädchen. Eine grosse Staubfahne wirbelte hinterher, auf der Fahrt unter blauem Himmel durch das grüne bayerische Land.
Juchhu! — vom Wagen. Juchhu! — vom Weg als Antwort. Huphup! — das Mahngebrüll des Bierkolosses an Hühner und Hunde. Vorn fiedelten und bliesen die Musikanten: ,Gar ’n wunderliebs Dirndl hab’ i weinen sehn, und da hab’ i ’s halt g’fragt, was dem Dirndl is g’schehn . . . ‘
Juchhu! Der Vogl-Flori fuhr aus seinem Brüten auf. Sein Bruder gab ihm einen Rippenstoss.
„Dort — die Kirch’ — das is Walching!“
Der ganze Gau rund um den Chiemsee war noch zu Urahndls Zeiten „salzburgisch“ gewesen, unter den Mönchen auf der Herreninsel, und über ihnen der allergnädigste regierende Herr Fürsterzbischof von Salzburg, mit seinen Regimentern Gewaffneter oben auf der Feste, seinem adligen Domkapitel, seinem glänzenden Hoftross. Von dorther war das Südliche in das Land gekommen. Das üppige Barock. So wölbte sich auch ob der Kirche von Walching keine spitze, weisse Turmnadel, sondern breit ausladend eine schwarze Zwiebelkuppel auf weissem Stamm. Kleine Fähnchen flatterten schief gesteckt aus ihren Luken, Böllerschüsse krachten vom Hang neben dem Friedhof. Grüne Tannreisgirlanden mit weissen Willkommtafeln spannten sich am Eingang ins Dorf von der Schmiede zum Baderhaus und von der bürgerlichen Tafernwirtschaft zur Molkerei.
Juchhu! Die Pittenhamer wurden mit Musik von dem jubilierenden Gebirgstrachtenverein ,D’ Walchinger’, der heute seine Fahnenweihe feierte, in das Dorf eingeholt. Der Flori und sein Bruder marschierten als Trauerleider in dem Zug nicht mit. Sie stiegen für sich mit der Zenz, ihrer Schwester, und deren Mann, dem Heiss, zu einer Graskuppe empor, von der man weithin über das ganz nahe Bayerische Meer hinsah mit seiner grossen Wald- und seiner kleinen, wie auf dem Seespiegel schwimmenden Klosterinsel, seinem Kranz von weissen Dörfern und Kirchen und Schlössern längs der mächtigen, sonnenhell fern, ganz fern ins Flachland verflimmernden Wasserfläche.
Den Hügel hinauf kam jetzt der Festzug. Vorn der Ornat des Geistlichen. Der Flori nahm, abseits stehend, den Hut in die Linke und bekreuzigte sich. Feierliche Stille der Feldmesse unter freiem Himmel.
In wirren Gedanken stand der Vogl-Bauer. Er hatte die Augen scheinbar andächtig auf den grünen Boden gerichtet. Der Maiwind spielte um seinen blossen, dunklen, widerspenstigen Schopf. Über sich, im Baum, hörte er ein Finkenmännchen zirpen. Dumpf von drüben, vom Altar, das Paternoster . . . .
Et ne nos inducas in tentationem . . . . Der Flori verstand kein Latein. Aber er fühlte in sich deutsch die welschen Worte . . . . Führ’ uns nicht in Versuchung . . . .
Fiat misericordia tua, Domine, super nos . . . Herrgott — jetzt war nicht die Zeit, ans Fannerl zu denken! Überhaupt nicht an die Weibsleuť . . . .
Ja, aber wozu bin ich nachher hier? . . . Sakra — Sakra . . . Herrgott: das gehört sich net, auch nur in Gedanken zu fluchen, wann s’ beten . . .
Dominus vobiscum!. . .
Et cum spirito tuo . . . . . .
Juchhu! Weisswürst’ genug gab’s jetzt da unten im Dorf, beim Mittagläuten, und auf dem Festplatz pochte es am Spund der Banzen, der Bierfässer. Jetzt ward’s weltlich! Jetzt scharte es sich in farbenfrohem Gewimmel um den erhöhten, viereckigen, bretternen Schuhplattelboden inmitten der Wiese. Um den herum in weitem Kreis die buntgestickten Fahnen der Trachtenvereine, mit farbig wehenden Bändern und je einem schwarzen Band, und auf ihm in silbernen Buchstaben die Namen der im Weltkrieg gefallenen Mitglieder, und auf der sonnengeschützten Seite, zwischen den Masten mit den blauweissen bayerischen Wimpeln, die Tribüne für den Gauvorstand und die Grosskopfeten der Umgegend — alle, Herren und Damen, auch wenn sie aus einem Ahnenschloss kamen, heute hier in Landestracht, und weit über die Wiesen, Kopf an Kopf, das Gewoge von Adlerflaum und Gamsbart und flachen, schwarzen Frauenhüten. Und die Münchner Filzl der Sommerfrischler mit dem giftgrünen Band und dem Rasierpinsel hinten, und der scheckige Druckkattun der Dirndlkleider aus dem Berliner Warenhaus — lacht’s fei’ net! — meinen’s auch gut — die Breissen und die Sachsen! — und städtisches Gewand dazwischen genug.
„Is halt gerad’ a Jammer, dass der Vogl nit mitplattelt! Das ist der Ansehnlichste von allen!“ hörte der Flori hinter sich irgendeine helle Stimme. Er drehte sich nicht um. Das war ihm nichts Neues, dass er für die Weiber der Rechte war aus dem Hochgebirge, breit in den Schultern, hager in den Hüften, lang, braun, trotzig, mit Adlernase und dunklem Schnurrbart und heissen Augen, in seiner prächtigen Tracht, gestickte Rehlein auf dem ledernen Leibgurt, Hirschgrandln und Theresientaler über den grünen Weste, das lange Hirschhornmesser drohend aufrecht hinten im Sack.
Eintönig, unermüdlich spielte die Musik den Ländlertakt des Schuhplattlers. Ein Verein nach dem andern schickte seine besten Leuť zum Wettbewerb. Sachkundig verfolgte abseits der Vogl-Flori all die vielen verschiedenen Arten des Plattlers, der den Stadtleuten als ein einziger Tanz erschien — den Steirer — den Haberer — das Mühlradl — den Marsianer — den Werdenfelser — den Heiselratz — den g’spassigen Watschentanz und die wilden Holzhackerbuam mit dem Kopfwurf des einen über die Schulter des andern und scheinbar gezückten Messern.
Dann kriegte der versonnene Vogl-Bauer plötzlich einen derben Stupf in die Rippen, und die Zenz neben ihm raunte vielsagend:
„Jetzt gib fei’Obacht — verstehst?“
„Es hat die Ehre . . . “ rief oben mit schallender Stimme der Leiter der Tänze „ . . . der Gebirgstrachtenverein „D’ Walchinger’!“
Die Bohlen donnerten von den Sprüngen der Nagelschuhe, die Lederschenkel klatschten vom Patschen breiter Handflächen — juchhu! — die Burschen duckten sich im Tanz und balzten wie die Birkhähne. Und in ihrer Mitte drehte sich sittsam, stets auf der gleichen Stelle, das Dirndl des Vereins, die Augen niedergeschlagen, die Hände in das Hüftmieder gestemmt, immer um sich selber, dass die weiten Röcke flogen.
„Dös is die Distl-Vroni!“ sagte die Zenz.
Die Erbtochter beim Distl war gut ein paar Jahr’ über zwanzig, nicht gar zu gross, schmal und schlank, von feiner Figur, zierlich fast wie eine aus der Stadt, eine dicke, weizenblonde Zopflast unterm Hut — hier, auf dem Trachtenfest, litt’s keine Bubiköpfe. Sie hatte ein feines, längliches, wie altdeutsches Gesicht, mädchenhaft streng, mit hellblauen Augen und rosiger Haut.
„Flori — was sagst jetzt?“
„Harb schaut sie her — dei’ Distl-Tochter!“ Der Flori zündete sich, wie sonst beim Kuhhandel, eine Zigarre an, um nach aussen seinen Gleichmut zu bewahren. „Aber sauber is sie scho’ . . . “
„Bildsauber . .“
„Lässt sich nix dawider sagen!“
„ . . . und hält auf sich! Dem Vronerl ihr Ruf — da gibt’s nix! Die is streng mit die Mannsbilder!“
„Glaub’s gern, wann i sie anschau’!“
Die Distl-Vroni guckte einmal flüchtig herüber — aber nur einen Augenblick, wie durch Zufall — und tanzte züchtig im wilden Wirbel der Burschen weiter. Ihre Wangen waren vom Drehen gerötet. Ein paar verstohlene Grübchen um die Mundwinkel . . . .
„Du, Zenz: I mein’ — die hat’s dick hinter den Ohren!“
„Hundertachtzig Tagwerk Land hat sie, du Depp!“
„Das is ganz a G’fährliche!“
„Sechzig Stuck Vieh! . . . Und die Baugründ’, Flori — die Baugründ’ . . . Frag, wen d’ magst: die Gründ’ sind bar Geld . . . “
„Kann leicht sein!“
„Gerad’ nur die Mutter auf dem Altenteil: die is leicht zu haben! Wie lang die’s noch macht! Voriges Jahr, zu Mariä Himmelfahrt, hat sie schon einmal ’s Wasser in den Füss’g’habt . . . “
„Alleweil hat sie wieder hergeschaut . . . “
Die Veronika Distl tanzte immer noch um sich selbst, schon ein wenig atemlos. Jetzt schwang der eine von den Burschen sie mit beiden Armen leicht, als wäre sie eine Strohpuppe, in die Höhe und stellte sie auf die kleinen, weissbestrumpften, in schwarzen Schuhen steckenden Füsse. Die Musik verstummte.
„Gar is!“ murmelte der Flori. Er verwandte kein Auge von der Distl-Vroni.
„Wann i ein Mannsbild wär’, die täť mir g’fallen!“ sagte die junge Heissin von Walching.
Die Distl-Vroni stand da und lachte und wischte sich mit dem Tüchel die heissen Backen und schwatzte unbefangen mit dem und jenem. Die Vogl-Geschwister schoben sich langsam durch das Volkstrachtengewühl auf der buntbewimpelten, musiküberschmetterten Festwiese, immer wieder haltmachend und irgendeinen aus der Freundschaft begrüssend. Denn die Versippung und Verschwägerung dieses alten Bauernadels reichte weithin durch das Oberland.
So kamen sie, wie durch Zufall, bis zu der Distl-Tochter. Der Flori sah sie jetzt ganz aus der Nähe. Sie hatte ein feines, klares, wunderhübsch geschnittenes Gesicht mit ein paar Sommersprossen als Schönheitsfleckerln und einem schmalen, festen, kirschroten Mund und lebhafte lichtblaue Augen unter dichten blonden Brauen.
Ein wenig was vom Herrschteifi . . . Freilich: die Erbtochter . . . Ah — mit dir werd’ i scho’ fertig . . . Der Flori sog nachdenklich an seiner Zigarre, den Hut mit dem Adlerflaum keck und schief auf dem Ohr. Die Veronika nickte der Zenz zu.
„Grüss’ di Gott, Heissin! . . . Is ’leicht dein Bruder — der da?“ Sie bot ihm die Hand. „Hast vor net lang den Vatter hergeben müssen! Mei’ christliches Beileid hinterher!“
„Vergelt’s dir Gott!“
Jetzt kam das Schweigen — das vielsagende. Der Bruder Simon füllte die Pause mit dem alten und ewigen Gesprächsstoff, solange es Bauern gibt:
„A schönes Wetter haben wir heut!“
„Freili!“
„Aber ob’s halt’ . . . “
„Solang’ der Bergwind hergeht . . . “ Die Vroni schaute prüfend hinüber nach der ganz nahen Kette der Voralpen.
„A bissel a Regen täť net schaden . . . “
„Dem Sommerkorn net! Futter haben wir gerad’ genug!“
„Habt’s ihr schon Heuen ang’fangen?“ Es war die erste Frage des Flori. Die Distl-Tochter strich sich die seidene Schürze glatt:
„Noch net viel! Is ja noch früh im Jahr!“
„Alsdann — b’hüt di Gott!“
„B’hüt enk Gott beieinand . . . “
7
Die Zenz und ihr Mann und ihre beiden Brüder gingen zusammen zu ihrem Hof ,Beim Heiss’. Sie hatte, sagte sie unterwegs den Zweien, lieber daheim aufkochen lassen. Das Weisswürst’-Fressen und Pfalzwein-Saufen im Wirtshaus gehörte sich in so harten Zeiten gerad’ nur für das leichtsinnige Jungvolk. Aber eine Bäuerin durft’ aufs Geld schauen und ihr Sach’ zusammenhalten, ob alt oder jung. Denn sie selber war kaum zweiundzwanzig und erst seit einem halben Jahr verheiratet, und daher kam’s, dass der Flori ihre Nachbarn, die Distl, bisher noch nicht hatte kennenlernen.
Gemeinsam mit dem Gesinde stand das Heisssche Paar Eheleut’ und die Vogl-Brüder, die Hände gefaltet, vor den Tellern und murmelten das Tischgebet: ,Vater, segne uns Speis und Trank!’ — Es summte dumpf, eintönig, wie die Responsorien bei der Messe. Und dann setzten sie sich und löffelten los. Nach dem Dankgott zum Schluss sassen die Männer vor dem Haus. Zu schauen war da nicht viel, an dem Heiss-Anwesen. Es war ein stattlicher Bauernhof, wie vieltausend andere, landeinwärts, fünf Minuten vom See gelegen.
Dann kam die Heissin aus der Tür, rotbackig, blühend, in ihrem Sonntagsstaat, dem flachen, breiten, verschnürten Mieder und dem breithüftigen, gefältelten Rock, und sagte:
„So! Jetzt gehen wir a Haus weiter!“
„Is dann die Vroni jetzt daheim?“
„Die schaut allemal nach dem Rechten! Das Dirndl — die kummandiert auf ihrem Hof wie a Mannsbild! Da oben — da ist’s beim Distl!“
Das Anwesen der Vroni thronte auf einer Anhöhe, gerade über dem Schilfufer des Chiemsees, mit einem schier unendlichen Ausblick über die weite stahlblaue Wasserfläche und über das grüne Flachland mit seinen weissen Dörfern und drüben im Süden über die ganz nahe, fichtendunkle und felsgraue und schneeig leuchtende Riesenmauer der Voralpen.
„Schau — da steht das Vronerl schon im Stall und gibt Obacht, dass die Küh’ auf die Zeit ihr G’sott kriegen und g’molken werden! Du — dös gibt mal a rechte Bäuerin!“ sprach die Zenz rühmend. „Da darfst g’wiss sein, dass da kei’ Eier net g’stohlen werden und ka Milch net beiseit’ kimmt! Da findest kei’ Butterlaiben im Rucksack und die Tür zur Räucherkammer offen! Scharf is das Madl wie a Hofhund!“
Und dann zu der Distl-Vroni selber, mit unschuldigem Lächeln:
„Ich hätt’ nur gern den Brüdern die schöne Aussicht weisen mögen, bei dir heroben!“
Wie die Veronika Distl da stand, schmal, zart, mit herben, jungen Zügen, in der schmucken, blumenverzierten, silberklirrenden, farbenfrohen Chiemseetracht, da glich sie fast eher einer Theaterbäuerin oder einem Salondirndl, wie die Maler drunten in München ihre Bilder von der Alm malten. Aber der Tritt mit dem kleinen Schuh auf den Hinterschenkel des Stierkalbs, damit es aufständ’ und sich zeige, war derb genug. Und laut, dass es ein Stocktauber hören konnte, ihre helle Stimme durch den weiten Stall nach hinten: „Annemir! — dass d’ mir die Braunei fei’ bis zum letzten Strich ausmelkst — net so wie gestern, du Schlampen!“
„Zur Aussicht wollt’s?“ sprach sie dann sittsam und gleichgültig obenhin. „Ja — geht’s nur! Wird die Vogl net gereuen!“
Aber in diesem Augenblick kam rein von ungefähr die Distl-Mutter in den Stall gehumpelt. Der Simon überzeugte sich mit einem Blick: da war nix von Wasser in die Haxen, wie es die Zenz vorhin gesagt hatte. Das war nur das Reissen, wie’s die alten Weiber an sich haben. Die Austragsmutter lebte noch lange. No — auch recht . . .
Die Distl-Mutter war noch gar nicht so alt, kaum fünfzig, aber ein vor der Zeit verschrumpfeltes und verhutzeltes, freundliches, zahnloses Weiblein. Sie hatt’ es in ihren jungen Jahren hart gehabt, als Feldmagd, bis der Distl sie heiratete. In die Eh’ gebracht hatte sie ihm nix und darum mit ihm — gegen den Brauch — in Gütertrennung gelebt. Deswegen war die Vroni die Erbin.
„Geht’s in die Stub’ und setzt euch a weng, wann’s schon da seid!“ sagte sie gastlich und goss dort den Nachbarn und den Zenz-Brüdern aus grüner Glaskaraffe Enzianschnaps ein. Die Vroni kam auch und setzte sich derzu. Von allem durft’ man jetzt, nach Jahrhunderte altem Brauch, reden, nur nicht von dem, was alle im Sinn hatten. Der Simon warf dem Flori einen vielsagenden Blick zu. Für zwei Bauern wie sie brauchte es nur ein flüchtiges Auge rechts und eins links durch die Felder und den Hof. Dann wusste man schon, wie es um ein Anwesen stand.
„Vor deiner Tochter muss man scho’ den Hut ziehen!“ sagte er zu der Distl-Mutter. „Da hast Glücë gehabt als Witib. Die regiert hier gut! Das bringt net a jede fertig!“
Und der Flori beschaute sich unterdes die herbe, feine Distl-Tochter, die still dasass, die Hände im Schoss, als ginge sie die ganze Geschichte nichts an . . . .
„Du hältst den Hof im Schwung wie a Bauer!“ fuhr der blasse Simon, zur Vroni gewendet, fort.
„Dös glaubst!“ erwiderte das Vronerl höflich, aber kurz.
Der Vogl-Flori blickte sich in der Stube um. Das eine Wandkastl zwischen zwei Fenstern stand halb offen. Drinnen waren allerhand Papiere übereinander gestopft. Auf dem Fensterbrett daneben lag wie durch Zufall ein dicker Brief mit einem Bankaufdruck.
„Warum lachst denn, Vogl?“ fragte die Distl-Mutter.
„Weil i das Schriftliche da drüben seh’! Das kenn’ ich! Das is nie was Gut’s! Da haben f’ ’s fei’ immer gleich mit die Zinsen, in der Stadt . . . “
„Freili!“ sagte das Vronerl gelassen.
„Ja — zahlst du gern Zinsen?“
„Zahlen? Die krieg’ i doch!“
„Dreissigtausend Markln —“ sprach der Heiss — „vom Verkauf von den Baugründ’ — hat sie auf der Bank liegen!“
„In Minka?“
„Beileib’ net in München! Da wärst der Rechte!“ Die Vroni beugte sich vor. Das feine Antlitz mit den klugen, blauen Augen wurde lebhafter. „In Deutschland nehmen s’ dir ja alles weg, mit den Steuern . . . “
„Dös kenn’ i!“ nickte der Vogl in der Au.
„Ah na! . . . Da in Östreich hinten — also net recht in Östreich — verstehst — aber doch halt dort in der Näh’ — da hat’s a Stadt — die heisst Vaduz! Da brauchst kaum a Steuer zu zahlen! Da hat’s Banken. Auf die lässt die’ Geld verschreiben und die Zinsen dazuschlagen! Nachher bist sicher!“
„Ja — und das vermag a Dirndl wie du — so mit den Banken schreiben?“
„I bin net gelehrt genug dazu. Aber da hat’s schon zuverlässige Leuť im Land — i kenn’ mehrere — denen du trauen derfst! Die besorgen dir alles! Das tun jetzt hier viele, die noch a bissel a Geld haben, dass sie ’s aussischicken, eh’ es ihnen hier weggenommen wird! Wann du amal so an Mann nötig hast . . . “
„Könnť scho’ sein!“ sprach der Flori diplomatisch und musste innerlich dabei lachen. Als ob das Madl drüben nicht ganz genau wüsst’, wie es um ihn stand! Der Simon erhob sich.
„Schön Dank, Mutter! Jetzt steigen wir aufi!“
„I kann euch net begleiten, mit meinen schiechen Haxen! Aber ‘leicht geht’s Vronerl mit!“
Oben auf der Höhe richteten es die andern, bei der Betrachtung eines Kleeschlags, so ein, dass der Flori und die Distl-Vroni weiter vorn mitsammen allein blieben. Sie standen nebeneinander unter ein paar zwei Mannsarme klafternden Linden, noch aus uralter Klosterzeit, und schauten mit der Andacht der Bergler hinaus auf das Hochgebirge.
Jenseits des stundenweiten Seespiegels türmte es sich vor ihnen mit seinen Wäldern und Weiden und Schroffen und Schneebergen schon im Salzburger Land. Lücken klafften in der Gebirgsmauer. Durch die strömten die Wasser Tirols der fernen Donau zu. Gespenstig grau und tot standen da hinter der Kitzbüheler Ache die Loferer Steinberge und dort, an der breiten Scharte des Inntals, weissflimmernd, im ewigen Schnee seiner Zacken, die Alpenmauer des Wilden Kaiser.
„Schön is die Aussicht, Vogl — gelt?“
Der Flori nickte und schaute auf den See. Tiefblau, friedlich heute, schliefen seine Fluten. Auf ihrem Spiegel schwammen, wie weisse Schwäne, die Segeljachten. Grosse Dampfer rauchten, schwarz voll Menschen. Schlangenlinien liefen hinter dem Flitzen der Motorboote. Ruderkähne krabbelten wie Wasserkäfer zwischen den Inseln und dem Ufer. An diesem nahen Ufer hing nachdenklich das Auge des Vogl-Bauern.
„Wie weit gehn dann eure Gründ’ am See her?“
„Zehn Tagwerk gut!“
„Dös glaub’ ich, dass s’ dafür dreissigtausend Markln gezahlt haben in München . . . “
„Ah, beileib net! . . . Das war doch das Land dort drüben . . . Siehst ja die Baustellen — die Ziegelstein’ und den Sand! Die Tagwerk’ hier — die gehören noch mein!“
„Was d’ net sagst . . . “ Dem Vogl-Bauer wurde unruhig ums Herz.
„Die geb’ i net so leicht. Die derfen noch steigen im Preis — und wann mir die Schmuser die Ohren vollplärren!“ sprach das blonde Vronerl entschlossen, mit einem zähen Zug von Geschäftsgeist auf dem feinen, herben Mädchengesicht. „I kann warten! Schau’ dir nur die Kiesel unten am Ufer an! — net so Moor und Schilf wie sonst hier! Dös gibt a Strandbad — sag’ i!“
„Du bist ganz a Zünftige!“
„Ja mei! I muss mir selber helfen! Die Mutter, die kann ja so was net! Und sonst hab’ i niemand!“
„Is, freili arg!“ sprach der Flori gedankenvoll. Die Distl-Vroni antwortete nichts. In die Stille zwischen ihnen drang da unten, von der Walchinger Festwies’, der dumpfe Paukenschlag der Musik. Als bunte Pünktchen flimmerten, auf den Holzbänken vor den Bierkrügeln aufgereiht, die Menschen.
„Gehst net tanzen?“ fragte der Vogl-Bauer.
„Auf d’ Nacht scho’!“
„Für mich is dös jetzt nix — wegen dem Vatter selig. I darf schauen, dass i heimreis’!“
Der Flori wartete auf eine Erwiderung. Als keine kam, hub er wieder an:
„ . . . i muss doch bald mal wieder her . . . nach der Zenz schauen . . . bis die sich hier bei euch eing’wöhnt hat . . . “
„Da brauchst net bang zu sein — der ihr Mann — der Blasi, is scho’ recht!“
„No: I komm doch . . . da schau’ i auch mal bei euch eini!“
„Wann d’ magst!“ . . . sagte die Vroni kurz und lugte dabei angestrengt über den See. Es klang nicht sehr gastlich. Aber dem Flori waren die Weibsleuť nichts Neues. Es war ihm für den Anfang ganz genug — bei so einer Harben . . .
Zusammen mit den andern stiegen er und die Veronika zum Distl hinunter. Auf dem Hof führte ein Knecht im Sonntagsstaat behutsam einen langbeinigen Braunen am Stallhalfter in der Runde. Der Gaul zog ein wenig das linke Hinterbein nach. Die Vroni lief ihren Gästen voraus, hockte neben dem Ross nieder und hob geübt sein Bein mit beiden Händen hoch und prüfte das Innere des Hufes.
„I hab’ schon Angst g’habt, es wär’ a Nageltritt!“ sagte sie über die Schulter hinauf zu den Nachgekommenen. „Aber er hat sich bloss gestreift!“
„Zu breit sind s’, die Hufen!“ sagte der Flori. „Der Schmied soll ihm ’s nächstemal, wann er ihn beschlägt, an ganzen Trumm mehr abzwicken, dem heissen!“
Der Knecht, der das Pferd hielt, schaute über dessen Rücken weg dem Vogl-Bauer heissblütig und höhnisch ins Auge. Er war nur mittelgross, aber ein gutgewachsener, hübscher, junger Kerl mit blossem Krauskopf, das Schnurrbärtchen mit Hilfe der Bartbinde flott gedreht.
„Was red’st denn so daher, wannst nix kannst!“ sagte er.
„Hansei, halt’s Mäu!“ rief die Vronerl streng. Der Flori musste lachen. Er und nichts von Rössern verstehen! Sein Traber „Sulky“ war bekannt im halben Oberland. Er schwieg.
„Saudumm red’st daher!“ Ein rauflustiges Zucken um die spöttisch verzogenen Mundwinkel des Knechts.
„Kreuzkiesel! Gleich bist stad, du Lackl!“ Die Distl-Tochter wies befehlend nach dem Stall. Der Hansei mass noch einmal den Bauer in der Au mit einem bösen, stummen Blick und führte den hinkenden Braunen hinein.
„Da hast an Rechten auf dem Hof!“ sagte der Flori, während sie weitergingen. „Bravo! So hab’ ich’s gern!“
„Darfst net für ungut nehmen, Vogl! Sonst is er der Schlechteste nit! Gerad’ is er so z’wider!“
„I kann mir schon heuť denken, warum!“ lachte die Zenz. Ihr Mann gab ihr einen warnenden Rippenstoss. Sie standen alle vor seinem Hof. Die Distl-Tochter hatte sie, um die Ungehobeltheit ihres Knechts wettzumachen, bis dahin begleitet. Dort harrte das einspännige Schwimmerl schon fahrfertig, in dem der Heiss von Walching seine Schwäger bis zum Postauto bringen wollte. Das Vronerl reichte dem Flori, ehe er einstieg, die Hand und sagte ein wenig spöttisch:
„Tut dir wohl leid, dass du vor dem Tanz weg musst! Du sollst ja immer a bissel a Lustiger gewesen sein!“
„Dös war i!“ sprach der Flori. „Aber dös leid’t ’s nimmer! Alsdann . . . b’hüt di Gott! . . . Hüah — fahrt’s zu!“
Pulsuz fraqment bitdi.