Kitabı oxu: «Der grüne Page»

Şrift:

Rudolf Stratz

Der grüne Page

Saga

Der grüne PageCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1937, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507438

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

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I.

Die einzigen, die am diesjährigen Rosenmontag-Abend still waren, das waren der Mond und der Rhein. Letzterer wälzte lautlos und feierlich seinen Silberschwall wie zur Nibelungenzeit durch die bläulich-helle, linde Februarnacht, und vom Sternenhimmel schmunzelte breit der Mann im Mond hinab auf den Fasching am Rhein, auf das Geschrei, Geklapper, Geknall, Getute aus der Giebelenge der Grossstadt, auf den besessenten, bunten Ameisenhaufen, der auf den Gassen kribbelte und im grossen Saal des Bürgerkasinos wimmelte.

Dort gab die Grosse Karnevalsgesellschaft ihren Fastnachtsball, und der Vorsitzende der Narrhalla war der Tierarzt Louis Steubesand, ein wohlbeleibter, fröhlicher Mann in den besten Jahren mit rötlichem Vollbart und humoristisch zwinkernden Augen. Heut’ mochten die Ferkel den Rotlauf bekommen, die Säul’ den Hufzwang und die Hund’ die Staupe, heut’ war er, der dicke Louis, hier Herr im Haus und hatte sich als ein Falstaff herausgeputzt, mit einem Bauch wie das Heidelberger Fass — denn zu seinem eigenen beträchtlichen Umfang hatte er noch das Federbett von der Amalche, seiner Frau, untergeschnallt. Sein Antlitz glänzte vom Schweiss und Selbstzufriedenheit. Er überschaute wie ein Feldherr die Hunderte von Odalisken, Schornsteinfegern, Kolombinen, Harlekinen und Zigeunerinnen, die mit schwarzen Larven vor den Gesichtern durch den Saal an ihm vorüberwalzten. Dann blickte er auf die grosse Wanduhr.

„Punkt elf Uhr elf Minuten“, sprach er gewichtig zu den Narrhallesen um ihn, die sonst das Jahr hindurch seine Stammtischbrüder waren, „hält der Prinz Karneval mit der Prinzessin und dem ganzen Hofstaat seinen Einzug. Es ist noch eine Stunde bis dahin, ihr Männer! . . . dass mir nachher keiner dort hinten im Schoppenstüble hockt, sondern alles bereit ist, den Prinzen mit Musiktusch und Hurragekreisch zu empfangen!“

„Der Prinz ist ja schon heimlich im Saal!“ Eine majestätische Königin der Nacht rauschte heran. Ihr schwarzes Schleppenkleid war mit Mondsicheln und Kometenschwänzen bestickt. Auf dem Graukopf trug sie ein Sternendiadem von Goldblech und eine schwarze Maske vor dem Gesicht. Der Tierarzt Steubesand erkannte trotzdem seine bessere Hälfte.

„Amalie — du siehst Geischter!“ versetzte er und prägte sich im Kopf wieder seine Ansprache an den Prinzen Karneval ein: „Euer Tollität! Einmal im Jahr ist der Mensch närrisch und wenn der Mensch närrisch ist, ist er g’scheit!“

„Du, Louis . . .“ Der Ochsenmetzger Mehlig trat heran. Er war Mitglied des hohen Elferrats. Er trug ein rotgelb geflammtes Wams, Pluderhosen und eine spisse Schellenkappe auf dem blühenden Gesichtsrund.

„Wenn der Mensch g’scheit ist“, wiederholte sich im Geist der Falstaff, „dann merkt er, dass die Erd’ bucklig ist und sich dreht und dass wir alle nit ewig lebe! Solang’ wir aber noch lebe, wollen wir uns auch drehe und tanze und trinke, dass sich alles um uns dreht, und uns des Lebens freun!“

„Louis!“ Der Ochsenmetzger raunte: „Weisst du’s Neuste?“

„Nix weiss ich!“

„Der Prinz ist ja schon im Saal!“

„Was bawwelst da, Euschen?“

„Es ist ihm einmal im Gedräng’ die Larv’ ein bisschen vom Gesicht gerutscht — da hat ihn mehr als einer erkannt!“

„Ach, halts Maul!“

Aber da kam aufgeregt der Hopfenhändler Pitterlin. Er gleisste wie ein riesiger Laufkäfer über seine ganze schmächtige Gestalt hin in Silberpracht und trug eine wehende Pfauenfeder auf dem Goldhelm und einen Zeremonienstab in der Hand. Denn er war der närrische Hofmarschall seiner Tollität.

„Der Prinz ist da!“ bestätigte er. „Ich hab’ ihn deutlich gesehen!“

„Was will der Jean denn jetzt schon hier?“

„Liebelei will er, der Schote!“ schrie der Ochsenmetzger. „Noch eins von seinen hundert Abenteuern mehr — so unter der Hand — in aller Stille, ehe er offiziell mit der Prinzessin einzieht!“

„Das sieht dem Jeanche Dörsam ähnlich!“ sprach der Hopfenhändler.

„Als was geht er denn?“ Der Tierarzt Louis Steubesand fasste sich instinktiv an den Bauch. Er hatte immer Angst, dass das untergestopfte Bett rutschen könnte.

„Als e schwarzer Mönch! Da guck’, Louis! Da geht er alleweil mitten durch den Saal! Und hinter ihm her das Gedränge der Masken!“

Der schwarze Mönch war mehr als mittelgross. Man sah trotz der faltigen, strichgegürteten Kutte, dass er schlank und straff gewachsen war. Und jung. Das verrieten, trotz seines Bemühens, würdevoll zu wandeln, seine lebhaften Bewegungen. Den Kopf deckte die Kapuze bis zum Larvenrand vor dem Gesicht mit dem bartfreien Kinn. Hinter ihm her strömte ein bunter, närrischer Schwarm, es zischelte, kicherte und neckte mit hellen Frauen- und dunklen Männerstimmen:

„Jeanche! Jeanche!“

„Jeanche — horch mal!“

„Jeanche! Bist du auf Abwegen?“

„Jeanche — wo hast du denn deine Prinzessin?“

„Jeanche! Ich sag’s der Betti!“

Der schwarze Mönch ging schneller. Aber jetzt verstärkte sich nur das Getuschel. Die Masken liefen lachend neben ihm her.

„Jeanche — es heisst doch, du bist mit der Betti verlobt!“

„Recht Haft! Die Betti bringt etwas mit!“

„In dem Babettche ihrer Tabakfabrik steckt noch mehr Geld als in deiner Weinhandlung!“

Der schwarze Mönch drehte sich unwillig ein wenig um. Nun wurde die Heiterkeit immer grösser.

„Man spricht doch, ihr wolltet es nächstens öffentlich bekanntgeben, dass ihr euch heiraten wollt! Verzürn’ das Babettche nit durch e neue Geschicht’ hier!“

„Du hast genug von der Sorte gehabt! Jetzt hört das Vergnügen auf . . . Nun wird geheiratet!“

„Nur Mut! Es tut nit weh!“

Dem schwarzen Mönch wurde bei der Lüftung seines Inkognito unheimlich. Er beschleunigte seine Schritte noch mehr und näherte sich dem Büffet. Lachende Rufe tönten hinter ihm her.

„Platz für Seine Tollität!“

„Der Prinz hat Dorscht!“

Ein Sterndeuter im Silberbart mahnte feierlich.

„Lasst Hans den Ersten von Narretanien in Frieden! Er ist halt hinter einem Mädche her! Er ist auch ein Mensch!“

Am Büffet schenkte man den deutschen Schaumwein in Kelchen aus. Der schwarze Mönch angelte nach einem Markstück in den Taschen seiner Kutte. Er fand nichts, wie er auch suchte. Um ihn war ein Gelächter des Übermuts.

„Der Prinz hat seine Geldtasche vergessen!“

„Der reiche Jean Dörsam hat kein Kleingeld!“

„Los! Wir müssen für Seine Tollität sammeln!“

„Lass nur! Da erhält er schon etwas!“

„Der grüne Page dort ist eine mitleidige Seel’! Er bringt ihm ein Glas Sekt!“

„Wie zierlich er geht! Das muss e schmuckes Mädche sein!“

„Schad’, dass man das Gesicht nicht sehen kann, unter der Larv’!“

„Jetzt beugt sie’s Knie, die Krott’, und kredenzt ihm mit einem Knix!“

„Der Prinz nimmt gleich e Kuhschluck von dem Champagner!“

„Proscht, Eure Tollität!“

„Proscht! Proscht!“

Der schwarze Mönch hatte den Sektkelch zu zwei Dritteln geleert. Er hielt ihn in der Hand. Der grüne Page stand vor ihm und machte ihm eine ehrerbietige Verbeugung oder mehr einen graziösen Knix in den Knien. Dann winkte er zum Abschied mit der Hand und entfernte sich ziemlich schnell in der Richtung nach dem Ausgang, mit dem leichten, zierlich wiegenden Gang einer Frau.

Der schwarze Mönch strich sich über die Stirne und schaute dem Pagen nach. Rund um ihn schwirrten die Lästerzungen.

„War das dein Herzgepusseltes, Jeanche?“

„Schickt sich denn das für e Fastemönch?“

„Jeanche — keusch is das nit!“

Und andere Stimmen mahnten:

„Da hinten guckt sie nochmal durch die Tür!“

„Rasch zum Stelldichein!“

„Auch e Prinz darf e Dame nit warte lasse!“

Der schwarze Mönch stand und schwieg beharrlich. Er kippte sich den Rest des Champagnerkelchs in die Kehle, schüttelte die Kapuze, so als ob ihm der Sekt nicht schmeckte und betrachtete wie geistesabwesend den Boden des leeren Glases, das er in der Hand hielt. In dem Gedränge wehte eine Pfauenfeder von einem Goldhelm. Der närrische Hofmarschall des Prinzen Karneval, der Hopfenhändler Pitterlin, schlüpfte wie ein grosser flinker Silberkäfer durch die Masken an die Seite des schwarzen Mönchs und raunte ihm zu:

„Jeanche — horch mal? Ach — wehr’ nit mit der Hand ab! Ich weiss doch, dass du’s bist! Hab’ dich ja vorhin erkannt!“

Der verkappte Prinz Karneval antwortete auch seinem Hofmarschall nicht. Er holte ein paarmal tief Atem. Der Hopfenhändler Pitterlin mahnte halblaut weiter.

„Du bist jetzt nit der erste beste, verliebte Maikäfer! Du bist heute der Faschingsprinz! Unsre Amtsperson! Du darfst jetzt nit wie sonst, wo’s dir passt, den Don Juan spiele!“

Der Prinz Karneval machte nur eine ganz sonderbare, träumerische Schulterbewegung.

„Wer war denn die froschgrüne Mamsell, mit der du eben getechtelmechtelt hast?“

Der schwarze Mönch antwortete nicht. Er stützte sich mit der freien Linken auf die Marmorkante des Büffets, so als ob ihm schwindlig zumute sei. Sein Getreuer rang die Hände und wandte sich zu den Umstehenden.

„Stumm wie ein Karpfe!“

„Der Jean Dörsam will nicht sprechen, damit man ihn nicht an der Stimme erkennt!“ klang es aus einem Frauenmund. Ein Kellerbass grunzte:

„Macht voran, Eure Tollität! Springt dem grünen Pagen nach! Sonst wird er Euch untreu!“

Der schwarze Mönch raffte sich auf. Er ging langsam, schweren Trittes, ganz anders als vorhin, in der Richtung nach der Saaltür. Der Hofmarschall lief nebenher und flehte.

„Jeanche — das muss doch nit sein! Jeanche — kümmer dich nit mehr um das Mädche mit dem Sektglas! Steig’ nit hinter ihr her! Du und das Babettche sind doch nit bloss Prinz und Prinzessin Karneval. Ihr seid schon so gut wie miteinander verlobt. Die ganze Stadt spricht ja davon. Du weisst, wie eifersüchtig das Babettche ist! Das ist e Speikatz’, wann sie fuchtig wird. Dafür kennt man ja das Babettche Spörlin!“

Die Sandalen des schwarzen Mönchs klapperten weiter auf dem Parkett, aber mit seltsam unregelmässigen, schleppenden Tritten. Der närrische Hofmarschall musterte besorgt seinen hohen Herrn.

„Was hat er nur?“ sagte er. „So läuft e Nachtwandler auf den Dächern spaziere, aber nit e regierender Fürscht von Narretanien!“

Der schwarze Mönch blieb stehen. Schaute wirr um sich, als wüsste er nicht mehr, wo er sei.

„Hebt ihn!“ rief es. „Er schwankt!“

Der Prinz Karneval in der Mönchkutte stand nicht mehr sicher. Er suchte nach dem nächsten Stuhl und sank darauf nieder. Das Glas entfiel seiner Rechten und zerschellte auf dem Parkett in glitzernde Scherben. Er sass, den Kopf vornübergesunken, ganz friedlich und rührte sich nicht mehr.

Der kleine, dralle weibliche Jockey, der dabeistand, trat verblüfft zurück. Die weithosige Suleika neben ihr schüttelte ungläubig ihr Rabenhaar. Ein wadenloser Kreuzfahrer beugte sich blechrasselnd vor. Der Sterndeuter mit weissem Fusssackbart schob die gehörnte Satanella und das blondbezopfte Gretchen vor ihm zur Seite. Noch tanzten weit im Saal die Paare. Aber so wie ein Stein im Wasser immer grössere Ringe zieht, so lief es von Mund zu Mund und lähmte bald die Beine.

„Was ist denn da drüben geschehen?“

,,’s is einem schlecht geworde!“

„Dem Prinzen Karneval!“ schrie es. „Dem Prinzen Karneval selber!“

Ein hundertstimmiges Echo hallte von den närrischen, mit gekreuzten Pritschen und Aschermittwochskatern geschmückten Wänden wieder.

„Was ist denn mit dem Jeanche geschehen?“

,,Hot er zu viel getrunke?“

„E Weinhändler? Die vertrage mehr als die anderen!“

„Eben war er noch ganz fest auf den Beinen!“

Jetzt stockte überall der Tanz. Mit einem jähen Missklang verstummten die pappnasigen Musikanten. Wirre Rufe.

„Ja — so helft ihm doch!“

„Ist denn kein Doktor da?“

„Da springt schon einer bei!“

Ein Minnesänger mit blonder Haartolle und umgehängter Harfe steuerte durch das Gemühl. Er hatte die Maske abgenommen. Man erkannte das rotbäckige, von vielen Schmissen gekerbte Kindergesicht des blutjungen Doktor Kniffer, der sich erst vor wenigen Wochen hier in der Stadt als praktischer Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer niedergelassen hatte. Er beugte sich zu dem Prinzen Karneval hinab, fühlte ihm den Puls, zog seine Uhr, zählte, schüttelte den Kopf.

Der Herr atmet ganz regelmässig, sein Pulsschlag ist normal!“ erklärte er.

„Gott sei Dank!“

„Ich glaub’, der Jeanche verstellt sich!“

„Das wär’ aber ein dummer Fastnachtswitz!“

,,Nein. Der Herr ist bewusstlos!“ stellte der Doktor mit der Harfe fest. Und da niemand dieser Tatsache widersprach: „Da geht etwas vor, wovon wir keine Ahnung haben!“

„Ha — das müsse Sie doch wisse!“ scholl es hitzig aus dem Kreis der Masken.

„Das Weitere wird die klinische Untersuchung ergeben!“

„Lasst Seine Korpulenz durch!“ schrie es von hinten.

Ein wohlbeleibter Falstaff arbeitete sich rücksichtslos durch das Gewühl. Mit seinem elastisch federnden, künstlichen Bauch fing der Tierarzt Louis Steubesand die Püffe und Ellenbogenstösse auf. Das joviale, rötlich vollbärtige Antlitz des Vorsitzenden der Narrhalla war ängstlich gespannt. Er blickte fragend aus den fidelen Äuglein, in denen noch die Faschingslaune flackerte, auf den Doktor Kniffer.

„Gerechter Strohsack!“ schrie er. „Was is denn da los?“

Der junge Arzt kniete noch neben dem schwarzen Mönch, schüttelte seine Troubadour Perücke, die ihm wie blonde Wolle um die Ohren hing, und stand auf, die zusammengerafften Scherben des Champagnerglases in der Hand.

„Man muss die Tropfenreste chemisch analysieren!“ verkündete er. „Der Patient hat etwas zu sich genommen, was ihm nicht bekommen ist!“

„Sie merke aber auch alles!“ schrie der Ochsenmetzger.

„Bitte lassen Sie mich ausreden — die Frage ist nur, ob er sich etwa diese Dosis selbst in sein Glas geschüttet hat . . .“

Ein allgemeiner Schrei des Widerspruches klang auf.

„Der Jean Dörsam — der Springfloh!“

„Er tut doch so etwas nit von selber!“

„Wo er ja der Prinz Karneval ist! Den brauche wir doch jetzt wie das tägliche Brot!“

„Der grüne Page war das Karnickel!“ schrie es dem Doktor in die Ohren.

„Er hat dem Prinzen das Glas Champagner gebracht!“

„So recht katzefreundlich . . . die Malefizkrott!“

„Und nachher nix wie fort!“

„Er war ja eben noch da!“ tönten viele Rufe. „An der Ausgangstür hat er gestanden und in den Saal geguckt!“

„Jetzt is er weg!“

„Den Augenblick hab’ ich ihn selbst noch gesehen! Weit kann er nit sein!“ Der Tierarzt Steubesand blickte sich im Kreise seiner Getreuen um. Er fasste den närrischen Hofmarschall Pitterlin an einer Borte seines Silberwamses.

„Auguscht . . . du und die Männer um dich als nur hinter der nixnutzigen grünen Kreatur her! Schaut, wo sie hin ist! Merkt euch das Haus! Bringt gleich Nachricht, damit kei’ Zeit verlore geht, bis die Polizei kommt!“

Der Hopfenhändler winkte den nächsten Narrhallesen. Er, ein Neger, ein Räuberhauptmann, ein Spanier stürmten davon. Louis Steubesand beugte seinen gewichtigen Körper zu dem schwarzen Mönch nieder, der immer noch still auf dem Stuhl sass.

„Da gilt jetzt kein Maskenzwang!“ sprach er. „Der Prinz kann nit länger inkognito bleiben. Wir wolle nun dem Jeanche den Pappendeckel vom Gesicht nehmen, damit er besser schnaufe kann . . .“

Er lüftete mit schonendem Handgriff die Larve. Es war ein teilnahmsvolles Schweigen umher. Und dann ein allgemeiner Aufschrei. Der Tierarzt Steubesand trat ungläubig zurück.

„Das is ja gar nit der Jean!“

„Das is nit der Karnevalsprinz!“

Nein — das waren nicht die stadtbekannten, schönen, brünett-leichtsinnigen Züge, das südliche Kraushaar, das schwarze Schnurrbärtchen des reichen jungen Weingrosshändlers Jean Dörsam. Es war ein auch noch junges, bleiches, längliches Amtsgesicht mit einem blonden Schnurrbart über dem strenggeschlossenen Mund. Ein Antlitz, das von nüchternem Pflichtgefühl sprach. Der dicke Louis Steubesand traute seinen Augen nicht. Er schaute fragend in der Runde. Ein betroffenes Gemurmel bestätigte es ihm.

„Ha — freilich ist er’s!“

„Ich seh’ es doch!“

„Den kennen viele!“

„Und manche, denen ’s gar nit lieb ist!“

,,Das ist der Staatsanwalt selbst!“ sprach feierlich der dicke Louis.

„Ja, der Staatsanwalt Pfeilschmidt!“ bestätigte der Ochsenmetzger Mehlig.

Es war eine ratlose Stille. Dann wieder Stimmen.

„Was tut denn der Mann auf dem Maskenball?“

„Als ein frommes Pfäffche! Das wär’ zum Lachen, wann’s nit so ernst wär’!“

„Und selle Mönchskutte“, sprach der Tierarzt Steubesand, „hat vorher der Jean Dörsam getragen. Das steht fest! Das haben meine Frau, die Amalie und der Mehlig da . . .“, er wies auf den leutseligen Ochsenmetzger mit der Schellenkappe des Elferrates auf dem Graukopf, „und die vernickelte Heuschreck’, der Pitterlin, bezeugt. Also haben der Prinz und der Staatsanwalt die Kostüme vertauscht!“

„Du liebe Zeit — warum denn?“

„Das weiss der stärkste Mann nit!“

„Und wem hat jetzt der Anschlag gegolten? Dem Jeanche oder dem Pfeilschmidt?“

„Der Jeanche mit seinen Liebschaften . . .“

„Der Staatsanwalt, der bei allem Lumpevolk verhasst is . . .“

„Scharf greift er zu! Er ist halt noch jung!“

„Und Ehrgeiz hat er!“

„Er steckt verkleidet in den Spelunken und horcht heimlich zu, wenn die Herren Verbrecher ihre künftigen Heldentaten beraten!“

„Der hat schon die ärgsten Spitzbuben hinter Schloss und Riegel gebracht!“

„Patient ist Patient!“ entschied der blondschopfige Troubadour, der jugendliche Doktor Kniffer. „Man muss ihn vor allem aus der Faschingsatmosphäre hier wegschaffen. Am besten in das städtische Krankenhaus gleich um die Ecke!“

Ein paar weissgewandete Pierrots und buntscheckige Harlekins trugen den Bewusstlosen. Der junge Doktor ging nebenher. Im Ballsaal herrschte beklommenes Schweigen. Unter dem grellen Lichterglanz des Kronleuchters, der sich im Parkett spiegelte, standen die Narren und Närrinnen stumm wie bunte Puppen im Wachsfiguren-Kabinett. Ein Greis näherte sich dem Vorsitzenden der Narrhalla. Er trug eine mächtige blaurote Pappnase, auf deren Warzen ein winziger, grüner Sonnenschirm schaukelte. Er flüsterte.

„Louis — deine Frau hat sich so arg alteriert. Die kann nicht mehr schnaufen vor Schrecken!“

„Das glaub’ ich!“ sprach der Tierarzt Steubesand geistesabwesend. „Ich hab’ ihr schon daheim gepredigt: „Amalie — schnür’ dich nit so arg! E Königin der Nacht braucht nit so auf Taille zu schwören! Nachts ist’s dunkel!‘“

„Es wird ihr noch schlimm, Louis! Die plumpst uns auch noch im Saal hin!“

„Das tät’ noch fehle!“ sagte Louis Steubesand. „Ich schaff’ die bessere Hälfte hurtig heim! Und komm dann gleich zurück! Wann der Pitterlin und seine Leut’ nach mir fragen, und ich bin noch nit da, so sollen sie mir in meiner Wohnung Meldung machen, was sie entdeckt haben! Ich lass das Haustor offen. Sie können jederzeit unbehelligt herein!“

2.

„Springt, ihr Männer — springt!“ Der Hopfenhändler Pitterlin keuchte. Er war, während sich drinnen im Saal aller Mummenschanz um den schwarzen Mönch sammelte, nach der Weisung des Narrhalla-Präsidenten Steubesand mit seinen drei Begleitern, dem Seeräuber, dem Spanier, dem Neger, in den Vorraum hinausgestürmt. Dort baumelten an den Kleiderständern nüchtern und grau, im Gegensatz zu dem Regenbogenbunt innen, die Alltagsmäntel der Herren, die Kopftücher und Umhänge der Damen. Bejahrte Garderobefrauen standen da. Das Strickzeug war ihren Fingern entglitten. Die Schellenkappen auf ihren grauen Haaren passten nicht zu den verdutzten Gesichtern.

„Habt ihr die grüne Krott’ gesehen?“

„Den grünen Pagen? Ja, freilich! Das Bürschle war ja eben aus dem Saal herausgeritscht! Gelaufen ist sie, mit langen Sprüngen, auf den Spitzen von ihren Stöckelschuhchen, die eine Garderobiere hat noch an ihre eigene Jugend gedacht und gerührt zur Nachbarin gesagt:,Es war doch e schöne Zeit, wo man’s mit seinen Liebhabern nit hat erwarten könne!‘ Ihr dunkles Kapuzenmäntelchen hat sich das maskierte Fräulein in Höschen ganz atemlos geben lassen und wie eine gescheuchte Fledermaus hinaus in die Nacht. Die eine Frau hat ihr noch nachgerufe:,Fräule — auf die Art fängt man die Männer nit. Lasse Sie die Sort’ zappele! Ich war auch mal jung! Ich rat’ Ihnen im guten!‘ Aber sie hat ja auf niemand gehört!“

Da draussen vor dem Bürgerkasino standen viele Menschen; es hielten Droschken. Aufgeregte Stimmen schrieen.

„Alleweil ist das grüne Laster in das vorderste Wägelchen gestiege!“

„. . . und die Mönchgass’ hinunter!“

„Ganz am End’ von der Strass’ sieht man noch den Wagen!

„Habt ihr gehört, wohin sie den Kutscher hat fahren lassen?“ fragte atemlos der närrische Hofmarschall.

„Nix hat sie gesprochen, sondern bloss die Strass’ runter gedeutet!“

„Allerweil biegt dort der Wagen links um die Eck’!“

„Flink, ihr Männer! Nur gleich hinterher, dass wir ihn wieder zu Gesicht bekommen!“

„Fahre Sie los, Kutscher, was Ihr Gäulche mit seinen scheppen Beinen laufe kann. Sie bekommen ’nen Taler mehr!“ Der Hofmarschall Seiner Tollität schwitzte in seinem Silberpanzer. Er schob seine drei Getreuen in die nächste Droschke und kletterte hinterher. „Vorwärts — Herrgottdunnerwetter!“

Der Kasten rumpelte los. Der Hopfenhändler Pitterlin steckte verzweifelt den Kopf mit der langen Pfauenfeder aus dem Kutschenschlag und schrie: „Das is ja die reinste Schneckepost! Schneller! Schneller!“

„Kreische Sie nit so, Herr Pitterlin!“ brüllte der Kutscher vom Bock zurück. „Ich kann die Leut’ nit totfahre! Die ganze Strass’ kribbelt ja wie die Maikäfer!“

Masken tanzten auf dem Bürgersteig. Sie bildeten eine Kette quer über die Fahrbahn und fielen johlend dem Gaul in die Zügel. Sie riefen zu dem Narrhalleser Häuflein im Innern des Fuhrwerks hinein: „Wer fährt denn jetzt schon nach Haus, ihr Schinnäser?“

„Platz! Die da drinnen sind ja betrunke!“ beschrichtigte der Kutscher. „Des is e ganze Fuhr’ Alkohol beisamme!“ Und einen leichten Schwips hatten der Pitterlin und seine Freunde freilich schon. Der Wagen bahnte sich im Schritt einen Weg durch die Menge. Die Konfetti prasselten wie dürre Erbsen, die Papierschlangen flogen als bunte Streifen durch die laternenhelle Nachtluft, Zündfrösche knallten, die Klappern der Buben rasselten. Die Narrhalleser in ihrem dunklen, vierrädrigen Käfig zappelten vor Ungeduld. Denn jetzt fassten die Masken draussen sich an den Händen, bildeten einen Kreis und umhüpften die Droschke, so dass der knickebeinige Gaul zufrieden stilstand und nachdenklich seinen Kopf senkte.

Der Hopfenhändler Pitterlin beugte wieder seinen Goldhelm aus dem Fenster.

„Seid ihr denn närrisch geworden?“ tobte er.

„Ha freilich!“ Die Narren draussen tanzten.

„Lasst uns durch — sag’ ich!“

„Guckt einmal den an!“ Ein Hurrageschrei.

„Des ist ja unser Hopfekönig!“

„Pitterlin — wo hast denn dei Hopfen? Im Bier is er nit!“

„Unverhopft kommt oft!“

„Wir müsse weiter!“ Der närrische Hofmarschall rang die Hände! „Herrgott — an die Fastnacht will ich denke, und wann ich hundert Jahr alt wird’!“

Neugierige Fragen der Masken um ihn.

„Wo brennt’s denn?“

„Wohin, ihr Leichenbitter?“

„Halter die Sauertöpf’ nit auf, ihr Leut’!“

„Für euch in der Prinz Karneval gar nit auf der Welt!“

„Wege dem fahre wir ja gerad’!“ tobte der Tierarzt. „Los! Durch, Kutscher — gerad’ aus, und wenn’s Hühmerauge kostet!“

Das Rosenmontagvolk stob lachend auseinander. Die Droschke rasselte los. Der Kutscher schwenkte links, beugte sich vom Bock, schrie etwas zu den Narrhallesen hinein und deutete dann mit der Peitsche in die Ferne. Dort rollte wieder deutlich erkennbar der erste Wagen. Er hatte es auch nicht leichter gehabt, sich durch das Getümmel hindurchzuwinden. Er bog jetzt in die Villenvorstadt ein. Hier brannten die Laternen spärlicher. Es wurde auf einmal still und leer. Kaum war noch da und dort der Doppelschatten eines weltenträckten Liebespärchen zu sehen. — Mit herabgelassenen Rolläden reihten sich in frostiger Ehrbarkeit die Häuser der „hohen Standespersonen“. Da sassen die Fabrikanten, die Geld verdienten, die oberen Beamten, die es vom Staat bekamen, die Rentner, die ihr Schäfchen aufs Trockne gebracht hatten.

An ihnen vorbei zuckelte in müdem Geschäftstrab der Gaul, der den vorderen Wagen zog. Blieb plötzlich an einer Strassenecke stehen. Aus dem weit entfernten Gefährt dahinter lugten mit aufgerissenen Augen die weissgepuderten Gesichter der vier Narrhallesen.

„Jetzt aufgepasst wie die Schiesshund’, ob sie da aussteigt!“

„Da kommt sie rausgeklettert!“

„In dem kurzen Mäntelche! . . . Man sieht deutlich darunter die grüne Hose!“

„. . . und den grünen Ärmel da — wie sie ihr Portemonnaie aufmacht . . .“

„Jetzt zahlt sie dem Kutscher. Sie huscht in die Hauswölbung!“

„Sie gehört dorthin!“

„Bis wir hinkommen, ist sie längst drin!“

„Bloss schnell wie ’s Dunnerwetter hin! Jesses — da schlägt das Haustor hinter ihr zu.“

„Fort ist sie!“

„Wir müssen schauen, dass wir den Kutscher noch erwischen und ihn frage, ob er weiss, wen er gefahre hat!“

„Da ist er schon in der anderen Richtung weg!“

„Er hat eins über’n Durst! Der wackelt ja auf dem Bock!“

Die vier Narrhallesen sahen sich an.

,,Was mache wir jetzt?“

„Wir sind keine Polizeidiener! Wir haben keine Gewalt, das grüne Persönchen da drinnen am Schlafittich zu nehmen!“ sagte der Hopfenhändler Pitterlin. „Wir können nix tun, als dass wir vorläufig das Haus feststellen, in das er sich verschlupft hat!“

Er stand mit den anderen Maskenbrüdern vor der Eckvilla. Sie war nicht gross, doch herrschaftlich vornehm und lag still im Mondschein. Über ihr glitzerten die Sterne. In keinem Fenster war Licht zu sehen. Weit und breit regte sich nichts. Der närrische Hofmarschall setzte seinen Zwicker auf und musterte den stockdunkeln, überwölbten Stufenaufgang zum Haustor. Er schüttelte den Kopf.

„Da is kein Name angeschrieben, wer da drinnen wohnt!“ sprach er. „Wir müssen uns nur fleissig die Strasse und die Hausnummer einprägen. Merkt’s euch, ihr Männer! Oder halt — ich schreib’s lieber der Sicherheit wegen in mein Notizbüchel:,in der Villa Elisenstrasse 13, die anscheinend nur von einer einzigen Partei berwohnt wird, ist der grüne Page verschwunden!‘ Da kann der Richter den Dreckspass im Nest fasse!“ Er stieg schnaufend mit seinem Gefolge in die Droschke. „Wir fahren jetzt in die Stadt zurück! Das heisst: Halt!“ Er drehte sich zu dem Narrhalla-Neger um: „dich sieht man am wenigsten in der Nacht mit deinem Kienrussgesicht! Du stellst dich jetzt da in den Schatten von der Mauer und passt auf wie ein Schiesshund, ob jemand im Haus aus- und eingeht, oder ob sich sonst etwas rührt, bis du abgelöst wirst! Eingestiegen, ihr andern!“

Die Narrhallesen liessen sich eine Weile schweigend in dem dunklen Wagen auf dem Pflaster rütteln. Dann versetzte der Räuberhauptmann:

„Auguscht — Auguscht — jetzt streng’ mal deinen Schafsinn — ah bah — Scharfsinn wollt’ ich sage — an!“

Und der Hidalgo:

„Wenn man bloss schon müsst’, wer die grüne Hex’ in Hösche ist!“

„Das werden wir gleich haben!“ sprach der Hopfenhändler Pitterlin zu dem Rinaldo Rinaldini. „Du hast ja eine Stimme wie ein Ochs. Brüll mal dem Kutscher aus dem Fenster zu, er soll seinen Leichenwage vor dem Lädche dort drüben anhalte!“

Es dämmerte da hinter matterleuchteten Gardinen eine kleine Vorstadt-Konditorei. Bis zu ihrem fliegendurchsummten Stilleben reichte der Lärm des Faschings nicht. Ein Pärchen hielt sich stumm umfasst in einer Ecke. Ein junger Mann schlief, die Arme auf der Marmorplatte des Tischchens und den Krauskopf darauf. Der närrische Hofmarschall liess sich auf ein Sofa nieder.

„Was ich will, Liebschte?“ sprach er zu der Matrone, die sich langsam heranschob, „vor allem das Adressbuch!“

Er machte den Finger nass, blätterte in dem Band, äugte angestrengt durch den Zwicker, vor dem ihm immer die lange Pfauenfeder herumtanzte, dann klappte er befriedigt zu.

„Sodele und Streusand drauf! In der Elisenstrasse 13 wohnt nur eine einzige Partei, der die Villa gehört!“

„Auguscht — Wer ist’s?“

„Frau Jenny Wiederhold!“ sprach der Hopfenhändler mit hochgezogenen Augenbrauen. Der Spanier pfiff durch die Zähne.

„Die lustige Witwe!“

„Ja — wer hätt’ denn das von so einer feinen Madam gedenkt?“ Der Räuberhauptmann brummte es ungläubig in seinen umgehängten schwarzen Vollbart.

„Dass die Jenny Wiederhold zu keiner Klosterfrau taugt, das weiss die ganze Stadt! Aber dass sie sich gleich so blindmütig an dem Jeanche vergreift . . .“

„Sie hat wahrscheinlich etwas mit ihm gehabt! Die erste wär’ sie wahrhaftigt nit!“

„Gerade der Jean Dörsam kommt da ausnahmsweise nit in Frage!“ belehrte tiefsinnig der närrische Hofmarschall. „Denn die lustige Witwe war mit dem Staatsanwalt Pfeilschmidt versprochen! Auf einmal ist er von der Verlobung zurückgetreten. Sie war ihm halt zu lustig, die Dame. Ich weiss es genau! Meiner Frau ihre Tante — die kennt . . .“

„Ja — warum hätt’ sie denn dann vorhin das Jeanche auf dem Ball belästigt?“

„Das musst du dem Teufel sei’ Grossmutter frage!“ August Pitterlin stand auf, liess ein Markstück auf dem

Marmor klappern und winkte der behäbigen Wirtin, die sich gähnend eine Stricknadel vor den Mund hielt. „Zahlen, schöne Frau! Des is für das Adressbuch! Als vorwärts! Wir müsse jetzt hurtig dem Steubesand Post bringe! Den Mann trifft’s hart, er hängt doch so an seiner Narrhalla! Dass gerade der ihr Maskeball durch so e Lausbubestreich verdorbe werde muss!“

3.

„Guck’, Amalie: ich hab’ dir schon hundertmal gepredigt . . . das kommt vom Schnüre!“ sprach auf dem Heimweg vom Maskenball zu der Wohnung in der Altstadt der Vorsitzende der Narrhalla, der Tierarzt Steubesand zu seiner Frau, „du bist e dicke Person! Musst dich denn zusammenquetsche als Königin der Nacht? Ha — woher weisst denn du, dass die so dünn war wie e Hering? Vielleicht ist das auch e umfangreiche Schönheit gewesen, gerad’ wie du? Gesehen hat sie keiner!“

„Als ob man bei dir die Rippe zähle könnt’ . . .“ Die Frau Steubesand sprach es erschöpft durch den Maskenlärm der Gassen.

„Wenn ich füllig ausschau’, so geschieht das mit Fleiss! Das macht das Federbett, das ich Rindvieh untergeschnallt hab’!“ schrie der Tierarzt. „Einmal in meinem Lebe als Falstaff auf dem Tanzball und mit wieder! Aber deswegen zwick’ ich mir doch kei’ Schnürleber wie du! Komm, Alte! Komm! . . . Herrgott — ich schmitz’ wie ein Steinesel!“

Er nahm seinen Spitzhut von dem blühenden, rötlich vollbärtigen Kopf, um sich den Schweiss abzuwischen. Aber die Schweinsblase, die er sich als Falstaffsche Glatze über den Schädel gespannt hatte, liess nichts durch.

„Als tapfer, Amalche!“ mahnte er. „Dir ist ja nix geschehen!“

„Steh du mal direkt daneben, wann einer auf den Stuhl plumpst und regt sich nicht! Ich hab’ einen Krischer gelasse vor Todesangst!“ Frau Steubesand atmete schwer und stützte sich auf den Arm des Gatten. „Die Aufregung gönn’ ich keittem! . . . Liebe Zeit. . . Was tanzen die Narren wieder auf offener Strass’ um einen ’rum wie die Rheinschnake! Lasst mich!“ Sie wedelte sich mit dem Taschentuch Luft. „Aus — sag’ ich! . . . Mir ist nicht zum Hupfen zumut!“

„Als munter, Amalche!“

„Du bist doch e Nachtkatz!“

„Wann alles schläft, dann macht die Königin der Nacht!“ johlten um sie die Masken. Ein Hansmurst meckerte:

„Das is e rechte Königin der Nacht, die wo mit den Hühnern schlafe geht!“

„Wo die Fastnacht erst anfängt! Marsch zurück!“

„Seht ihr denn nicht, ihr Schlechtschwätzer, dass die Frau abgespannt ist?“ Der Tierarzt rückte sich erbittert den rutschenden Vorbauch zurecht. „Komm weiter, Amalie! Lass es dir nit so zu Herzen gehen mit dem Staatsanwalt Pfeilschmidt seinem Unglück! Wenn du noch mal ein zartes Verhältnis mit ihm gehabt hättest . . . Aber du kennst ihn ja gar nit!“

„Wer ist denn überhaupt mit ihm bekannt?“ stöhnte Amalie Steubesand. „Er lebt ja so zurückgezogen! Der und Verhältnisse! Er ist doch eine hölzerne Natur! — Wie kommt er denn zu einer verlassetten Geliebten, die ihm etwas ins Becherche mischt? Zu so ’nem Opernhelden taugt der Mann ja gar nit! Da lachen die Gäns!“

„An einer solchen hat er sich die Finger verbrannt!“ sprach der Falstaff kurzatmig im Weitergehen. „Die lustige Witwe mit ihrem fortgesetzten Lebenswandel braucht mehr als einen Mann . . .“

„Ja — die . . . Und auf so etwas fallt ihr Männer rein!“

„Der Pfeilschmidt aber nicht. Er ist nicht für stille Teilhaber! Und aus war’s mit der Verlobung. Seitdem will er nix mehr von den Weibern wissen. Hat recht! Vor euch darf man sich hüte! So, Alte — jetzt sind wir glücklich vor unserem Fuchsbau!“

Es war ein düsteres, schmales, hochgiebeliges Haus in der Altstadt. Das Ehepaar keuchte die zwei Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. Innen schob Louis Steubesand seine Gattin gleich an den beiden Schultern in das Schlafgemach.

„’runter mit Mond und Sternschnuppe und der ganzen Nachtherrlichkeit“, befahl er, „und ins Bett wie ’s Dunnerwetter! Morgen blühst du wieder wie e reife Rose. Was — die Lore wird sich wundern, dass wir schon heimkommen? Ihr geb’ ich schon Bescheid! Ich hab’ ja bereits von der Strasse gesehen, dass sie noch Licht hat!“

Der Tierarzt klopfte an die Tür seiner Tochter. Ein gedankenverlorenes „Herein!“ antwortete. Lore sass jetzt noch um die Mitternacht und in dem Lärm draussen bei der Studierlampe. Sie wandte dem Vater, als er eintrat, ihr immer noch geistesabwesendes, schmales Gesicht zu. Es war von herber Anmut, mit rotbraunem, leicht gelocktem Haar, wie der Vater, und ruhigen, grossen grauen Augen. Sie lächelte nachsichtig, als sie den verschwitzten, bunt ausstaffierten Falstaff sah, so als betrachtete sie ihre Eltern zu Fastnacht als grosse Kinder.

„Ihr geht ja mit den Hühnern schlafen . . .“, sagte sie. „So unheimlich solid kenn’ ich euch im Fasching gar nicht!“

„Ich lauf’ gleich wieder weg zu dem Vergnüge im Bürgerkasino. Ja — wenn dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis. Ich bin ein alter Dämelack. Und so ein junger Gick-Gack wie du hockt da die liebe lange Nacht und büffelt, statt zu tanze!“

„Aufs Tanzen geben die Professoren nichts! Ich muss mich gehörig mit der Arbeit dazuhalten, wenn ich im Herbst auf die Universität nach Zürich kommen will . . .“ Lore stand auf — sie war mittelgross und schlank gewachsen und trug ein einfaches Hauskleid. Sie musste hell lachen. Der Vater vor ihr hatte sein Wams aus Heinrichs des Vierten Zeiten aufgeknöpft und nestelte verzweifelt an seinem eingebundenen Federbett.

„Helf’ mir, das ich das Schmitzkisse los werd’!“ sprach er. „Die Bäuch’, die Bäuch’, die dicke Bäuch’ — sie sind unser Schaden! Heisst ’s im,Brand im Hutzelwald‘. Ich geh’ jetzt lieber als e magerer Falstaff wieder in die Narrhalla zurück. Hab’ halt inzwischen in aller Geschwindigkeit e Entfettungskur durchgemacht, werd’ ich sagen. So — jetzt noch den Riemen da hinte — da, wo mit Verlaub der Rücken aufhört . . .“

Die Tochter löste mit dem fachlichen Ernst, der überhaupt auf ihren Zügen lag, die letzte Schnalle. Louis Steubesand atmete auf und streckte die Arme.

„Uff! Stell’ dir vor, Lore, was vorhin auf dem Ball geschehen ist! Mir, als dem Präsidenten der Narrhalla zittern jetzt noch die Knie. Also da kommt so ein grüner Laubfrosch — so ein verlarvtes Jüngferche, mein’ ich — im grünen Pagenkostüm . . .“ Er trat näher zu seiner Tochter heran, die noch am Boden kauerte, um das Bett zusammenzupacken, und ihm den Rücken zudrehte: „sie hält e Gläsche Champagner in der Hand und merkt, e Klosterbruder mit schwarzer Kutte und schwarzem Visier am Büffet hat Durst und . . .“

Louis Steubesand hielt inne.

Sein lebensfrohes, schmunzelndes Falstaffgesicht veränderte sich plötzlich unter dem rötlichen Vollbart und die weinseligen Augen weiteten sich ungläubig.

Zur Linken an der Wand ihres Stübchens hatte die Lore einen Kleiderschrank stehen. Er war geschlossen. Aber aus dem Spalt zwischen den beiden Flügeln lugte ein eingeklemmter grüner Zipfel hervor. Es schien der spitzenbesetzte Ärmel eines seidenen Rockes zu sein.

Solch ein Kleidungsstück hatte Louis Steubesand bei seiner Tochter noch nie gesehen. Er warf einen scheuen Blick auf Lore. Sie kniete immer noch vor ihm und war dem Schrank abgewandt. Es schien ihm, als ob ihr ganzer Körper leise zitterte. Sie blieb stumm und drehte nicht den Kopf. Eine unheimliche Neugierde erfasste ihn. Er streckte zögernd die Hand nach dem im Schloss steckenden Schrankschlüssel.

„Du bist ja völlig verrückt, Louis“, murmelte er vor sich hin, „des ist doch e Gedanke: wie aus dem Narreturm . . .“ Er liess die Hand sinken. „M’r schämt sich vor sich selbst!“ Er hob wieder den Arm. „Es ist ja nur, dass man Gewissheit hat . . .“

Die Schranktür sprang lautlos auf. Der Tierarzt Steubesand stand schweratmend und starrte entgeistert in das Innere. Da hing an der Stange in der Mitte zwischen den anderen Kleidern ein vollständiger grüner Pagenanzug. Es klebten noch Konfetti an dem gefälteten Seidenstoff. Ganz frische Fetzen von Papierschlangen hingen an der Halskrause mit weissen Spitzen. Das Kostüm musste erst soeben abgelegt worden sein.

Louis Steubesand fuhr sich mit der Hand über die Augen, als wollte er ein Spukbild vermischen. Aber der grüne Anzug blieb. Lore erhob sich jetzt. Sie schaute nicht nach dem Schrank. Aber ihre Stimme war sehr unruhig, von unterdrückter Aufregung gepresst, als sie fragte:

„Warum sprichst du denn nicht weiter? Was ist denn auf dem Maskenball geschehen? Wie war es denn mit dem grünen Pagen?“

„Ha . . . das musst du doch am besten wissen!“ Der Tierarzt stiess es keuchend, mit einer Kraftanstrengung hervor.

„Ich?“ fragte Lore verwundert. Ihre grauen, nervös flackernden Augen folgten der Blickrichtung des Vaters. Jetzt erst sah sie, dass die Schranktür offenstand. Da drinnen hing friedlich das Fastnachtsgewand. Sie zuckte zusammen, ihr Gesicht veränderte sich. Es wurde starr und blass. Sie presste die Lippen aufeinander.

„Du warst heimlich auf dem Ball . . .“ Der Tierarzt Steubesand hatte sonst eine Stimme, mit der man Tote erwecken konnte. Aber jetzt flüsterte er nur noch.

Die Lore zögerte einen Augenblick. Sie schaute nach dem seidenen Spitzenwams, an dem noch die bunten Papierschlangen hingen. Dann zuckte sie die Achseln und sagte:

„Na ja!“

„Als grüner Page?“

„Das siehst du ja!“

Der Falstaff trat auf taumelnden Beinen vor die Tochter hin. Er stöhnte.

„Bist du übergeschnappt?“

„Nein, gar nicht! Warum soll ich nicht auch einmal ein Stündchen das Tanzbein schwingen? Du hast selbst jetzt eben gesagt, dass junge Mädel tanzen sollen!“

„Aber nit mit einem polizeiwidrigen Fläschchen in der Tasch’, aus dem man anderen etwas ins Glas schüttet!“

„Vater — du sprichst einfach in Rätseln!“

„Warum hast du dem Staatsanwalt Pfeilschmidt etwas eingegeben?“

„Ich?“ Lore wich entsetzt einen Schritt zurück.

„. . . dass er stracks auf den nächsten Stuhl geplumpst ist! Man weiss jetzt noch nicht, was mit ihm los ist! Schnaufen tut er zum Glück noch!“

„Ich soll das gewesen sein?“

„Ha — wer sonst?“

„Ja — was soll denn das um Gottes willen heissen?“

„Was war denn in dem Champagnerglas — he?“

„Ich hab’ den ganzen Abend kein Champagnerglas in der Hand gehabt!“

„Hat dir der Staatsanwalt Pfeilschmidt etwas zu Leide getan? Das möcht’ ich jetzt bloss wisse! ’raus mit der Sprach’?!“

„Herrgott im Himmel: ich bin dem Staatsanwalt Pfeilschmidt nie im Leben begegnet! Weiss nichts von ihm — nicht einmal, wie er ausschaut!“

Louis Steubesand strich sich mit der Hand über die Stirn, als wollte er sich von einem schweren Traum befreien. Aber er schüttelte verzweifelt den Kopf.

„Den Pfeilschmidt haben sie im ganzen Saal für den Prinzen Karneval gehalten!“ murmelte er. „Alle Leut’ dachten, der Jeanche Dörsam steckt in der schwarzen Mönchskutte! Wahrscheinlich auch du!“

Es kam keine Antwort. Der Vater raunte heiser.

„Den Jean Dörsam kennst du doch?“

Lore nickte mit hartem Gesichtsausdruck.

„Warum hast du dich an ihm vergreifen wollen?“

„Ich hab’ keinem Menschen ein Leid angetan!“ schrie die Lore hellauf. „Mein Gewissen ist rein!“

„Was hast du denn dann heimlich auf dem Ball gewollt? Du hast mir und der Mama doch kein Wort erzählt, dass du hingehen wolltest?“

„Das kann ich nicht sagen!“

„Da hat man’s!“ Der Falstaff sank schwer auf einen Stuhl. „Von seinem eigenen Fleisch und Blut!“

„Ich hab’ nichts Schlechtes vorgehabt. Es ist eine Sache, die nur mich angeht. Ich bin zu stolz, davon zu reden! Aber ich bin unschuldig an dem, was in dem Saal geschehen ist. Ich schwöre es dir!“

„Ich hab’ doch selbst den Pfeilschmidt da bewusstlos hocken sehe! Wie soll denn das nachher zugegange sein?“

„Das weiss ich nicht. Ich kann nur sagen, dass ich von dem allen keine Kenntnis habe!“

„So? Aber die grüne Lappe da in deinem Kleiderschrank — die spreche eine fürchterliche Sprach’ . . . sie Kreische ja allen Leuten in die Ohren: die war’s!“

„Ich war’s nicht!“ sagte die Lore hart und fest — ihr herbes, hübsches Antlitz war geisterbleich geworden. Der Tierarzt rang die Hände.

„Ja — wer soll’s denn dann gewese sein?“

„Ein zweiter grüner Page! Anders kann ich es mir auch nicht erklären!“

„Und das soll dir einer glauben?“

Lore zuckte die Achseln und starrte vor sich hin. Die Flurschelle klingelte. Louis Steubesand schrak in sich zusammen. Er stand schwerfällig auf.

„Da komme sie schon, um dich zu verhafte!“ sprach er dumpf. Er ging mit schwankenden Schritten und öffnete. Aber da draussen stand keine Polizei, sondern der silberglitzernde, närrische Hofmarschall mit seiner langen Pfauenfeder, der martialische Räuberhauptmann mit dem pistolengeschmückten Gürtel und der stolze Spanier mit Stossdegen und Spitzbart.

„Gute Nachrichte, Louis!“ sprach der Hopfenhändler Pitterlin. „Auf Männer wie uns kann man sich halt verlassen. Darf man eintreten?“

„Als voran!“ sagte der Tierarzt Steubesand mühsam. Die Tür zu dem Zimmer seiner Tochter stand offen. Er hörte innen das Klappen, mit dem Lore hastig den Kleiderschrank schloss. Gleich darauf kam der Hofmarschall Seiner Tollität mit den anderen über die Schmelle.

„Entschuldigen Sie bloss, Fräulein Steubesand, dass so e Haufe Männer in Ihr Heiligtum ’reinbricht!“

„Die ganze Wohnung ist ja sonst dunkel! Meine Frau schläft!“ sprach Louis Steubesand mit zitternder Stimme. „Also — mas ist?“

„Wir wissen das Nest von dem grünen Galgenvogel. Vor dem Echaus Elisenstrasse 13 — weisst: in der feinen Villengegend — is er vor unseren Augen aus der Droschke gestiegen und drinnen verschwunden! Als ob ihn die Nacht verschluckt hätt’!“

„Jetzt eben?“

„Ha — freilich!“

Der Tierarzt warf einen Blick auf seine Tochter. Er faltete die Hände.

„Ich glaub“, ich hör’ nit recht!“ sagte er.

„Du wirst dich noch mehr wundern, wenn du hörst, mer in seller Villa wohnt! Die Jenny Wiederhold!“

„Die lustige Witwe . . .“

„Justament die, die der Staatsanwalt Pfeilschmidt vor der ganzen Stadt hat sitze lasse!“

„Kinner — hebt mich!“ sprach der dicke Steubesand. „Um mich dreht sich ’s ganze Zimmer!“

Aber gleich darauf fasste er sich. Er holte tief Atem. Trocknete sich den kalten Schweiss von der Stirn. Er richtete sich entschlossen in seiner Falstaffgewandung auf.

„Da haben wir Bürgersleut’ unsere Schuldigkeit getan!“ sprach er. „Die Täterin ist ermittelt. Jetzt gehört da auf der Stell’ die Obrigkeit bei!“

„Im Ballsaal, wo wir dich zuerst gesucht haben, haben sie gesagt, der Untersuchungsrichter — der wär’ schon tätig! Der Binkert lässt ja nit mit sich spasse! Er soll gleich herüber in das städtische Krankenhaus gegangen sein, um zu schauen, ob er etwas aus dem Patienten herausbekommt! Dort treffen wir ihn! Der Mann braucht die Nachricht brühwarm!“

„Er wird der lustigen Jenny schon ihre Streich’ versalze!“

„Also nix als in die Klinik!“ Der Tierarzt Steubesand legte den Arm um seine Tochter. Er flüsterte ihr selig ins Ohr: „Es hat also zwei grüne Pagen gegeben, und der andere hat das Unheil angewichtet! Von deinem Fähnche da im Schrank brauche wir gar nit zu rede! Das hängt da lang gut! Du bist unschuldig! Gott sei Dank und Lob!“

4.

Im städtischen Krankenhaus drängten sich Schwesternhauben und Narrenkappen um den Diwan, auf dem der Staatsanwalt Pfeilschmidt mit geschlossenen Augen lag. Sein schnurrbärtiges Gesicht erschien in dem Schein des Deckenlichtes gelblich. Doch seine Brust bewegte sich in regelmässigen Atemzügen. Der Untersuchungsrichter Doktor Binkert stand vor ihm und betrachtete, den Schlapphut in der Hand, kopfschüttelnd den Kollegen vom Landgewicht.

„Was bedeutet das nur?“ fragte er den blondschopfigen, blauseidenen Minnesänger neben sich, dem die Harfe schief über der Schulter hing. Der junge Doktor schüttelte ungewiss den von Schmissen kreuz und quer gekerbten Kinderkopf.

„Eine plötzliche und so lange dauernde Ohnmacht bei einem so kräftigen Mann . . .“, sagte er. „Mir sind aus der Fachliteratur gar keine solchen Fälle . . .“

„Wollen Sie nicht irgendwelche Mittel anwenden?“

„Wenn ich nur wüsste, welche!“ Der Troubadour fuhr sich unschlüssig mit der Hand durch seinen blonden Schopf.

„Der Chefarzt ist benachrichtigt! In ganz kurzer Zeit muss er ja da sein!“

„Mir scheint, da arbeitet sich der Geheimrat eben mühsam durch die Menschenfülle auf dem Platz!“ Der Untersuchungsrichter blickte durch das Fenster auf das nächtige Gewoge von dunklen Hüten und Röcken und von bunten Narrentrachten, das sich unruhig hin und her schob, um etwas in seiner Mitte strudelte. „Warum ist denn solch ein Gedränge um den alten Herrn? Den sieht man doch schliesslich jeden Tag draussen dreimal auf seinem Weg in das Krankenhaus!“

„Wenn er es überhaupt ist“, flüsterte der junge Doktor Kniffer. „Ich sehe da immer so etwas komisch Buntes zwischen den Leuten da — jetzt wieder!“

„Es ist, als ob sie irgendwen begleiteten! . . . Jetzt staut sich alles vor dem Tor!“

„Da will jemand herein! Können Sie erkennen, wer es ist?“

Gleich darauf stand eine junge Pflegerin in weissem Häubchen und weisser Schürze auf der Schwelle und meldete aufgeregt:

„Der Prinz Karneval wär’ draussen!“

„Was?“

„Der Prinz Karneval und die Prinzessin. Für gewöhnlich hiesse er Jean Dörsam!“

„Ja, das weiss ich!“

„. . . und sei ein hiesiger Weinhändler . . .“

„Das ist mir auch nichts Neues! Ich beziehe sogar meinen Wein von ihm!“

„. . . und er müsse den Herrn Untersuchungsrichter sprechen!“

„Bestellen Sie bitte, der Herr Fastnachtsprinz käme mir wie gerufen! Ich liesse bitten!“

Eine Lichtgestalt betrat leichtfüssig den Raum. Der Weinhändler Jean Dörsam galt als der schönste junge Mann der Stadt. Er trug schon für den bevorstehenden feierlichen Einzug in den Ballsaal des Bürgerkasinos den schimmernden Krönungsornat der närrischen Hoheit. Zwei riesige geschlängelte goldene Gabeln ringelten sich ihm über die Fastnachtskrone auf dem dunkeln Kraushaar. Sie glichen den Fühlhörnern eines märchenhaften Schneckenkönigs oder eines traumhaften Rieseninfekts. Über und über mit Gold und Silber gestickt war das Zaubergewand aus weisser Seide, das die schmalhüftige, mittelgrosse Gestalt des Faschingsfürsten umspannte. Darüber hing nach hinten der kurze Herrschermantel aus Hermelin. Noch an den weissen Atlasschuhen glitzerten Halbedelsteine. In der Hand hielt Hans I. von Narretanien ein vergoldetes Pritschenzepter. Sein leichtgepudertes Antlitz mit dem leichtsinnig aufgedrehten Schnurrbart und den tiefblauen Augen zeigte eine nervöse Unruhe. Er wandte unwillig den mit der Brennschere zu hundert Kleinen Haartollen gelöckelten Kopf nach rückwärts.

„Tu’ mir die einzige Lieb’, Babettche“, sagte er zu der Faschingsprinzessin hinter ihm, „und hör’ mit dem Tränenschnupfe auf. Was solle denn die Herre denke?“

Aber der Prinzessin Betti von Narretanien lief nach wie vor das Wasser aus den feurigen, schwarzen Augen über das hübsche weisse Gesicht mit den Kirschroten Lippen und schwarzgemalten Augenbrauen. Ihre zierliche Gestalt stak auch schon im vollen Prunkstaat aus goldgestickter weisser Seide, deren matter Glanz gut zu ihrem schwarzen, goldgekrönten Haar passte. Die schwere Schleppe, die sonst ein Page trug, schleifte raschelnd hinter ihr her. Der mächtige, weisse Straussenfederfächer mit dem närrischen Eulenkopf als Griff zitterte in ihrer Hand. Der junge Weingrosshändler Dörsam wandte sich zu dem Richter.

„Nehmen Sie’s ihr nicht krumm, dass sie so heult!“ sagte er. „Sie hat sich arg erschrocke, als sie gehört hat, dass der Ball gestört worden ist, wo sie sich schon auf den Einzug dort gefreut hat! Sie ist überhaupt ein unruhig Persönche — e bissche verwöhnt als das einzige Kind! Ich darf das schon ausspreche! Wir sind ja nit bloss Prinz und Prinzessin im Karneval, sondern — no — wir wollen noch nit darüber reden, aber es wird sich ja bald zeigen!“

Der Untersuchungsrichter Binkert nickte. An seinem Stammtisch im „Räuberkeller“ hatten sie erst heute mittag davon geredet: da haben sich die Weingrosshandlung und die Tabakfabrik gefunden. So kommt Geld zu Geld, ihr Herren! Er meinte:

„Bitte — gehen Sie mit mir in das Nebenzimmer! Sie auch, wenn ich bitten darf, gnädiges Fräulein! So! Setzen Sie sich ruhig da hinten in die Ecke, Fräulein Spörlin, und erholen Sie sich. Das ist ja alles nicht so schlimm, dass man deswegen Tränenbäche . . . Und Sie, Herr Dörsam . . .“ Er bot dem Fastnachtsprinzen einen Platz am Fenster an und setzte sich selbst daneben. „Es ist mir sehr lieb, dass Sie aus freien Stücken gekommen sind. Ich hätte Sie sonst umgehend darum bitten müssen . . . Sie haben gesehen — und leider auch das gnädige Fräulein dahinten — nebenan liegt der Herr Staatsanwalt bemusstlos. Noch weiss man nicht, was eigentlich mit ihm geschehen ist. Nun meine erste Frage . . .“

„Bitte!“

Doktor Binkert dämpfte seine an sich schon tiefe und leidenschaftslose Stimme derart, dass sie nicht über die Mitte des Zimmers hinausdrang und das Ohr des Babettchen Spörlin hinten nicht erreichte. Diese achtete auch nicht darauf, sondern schnaubte sich still in ihr Tüchelchen.

„Verschiedene Zeugen, Herr Dörsam, wollen Sie heute abend in der Verkleidung eines schwarzen Mönchs auf dem Maskenball erkannt haben — so namentlich der Ochsenmetzger Mehlig?“

„Wisse Sie, der Mann wird nachgerad’ alt und tappig!“

,,Er hat sich also geirrt?“

„Das will ich nit sage! Aber den Mund hätt’ der Dummkopf halte solle!“ Der Prinz Karneval warf einen scheuen Blick nach hinten in die dämmerige Ecke, in der seine Prinzessin sass, und sprach noch leiser als der Untersuchungsrichter. „Was geht denn das den Mehlig an, ob ich mich auf dem Ball unerkannt unter die Leut’ misch’? Man will doch nit immer angeglotzt werde wie e Pfingstochs und ausgelassene Grimasse schneide und die Pritsche schwinge. Man möchte doch auch mal Mensch sein!“

„Sie waren also gewissermassen inkognito dort?“

„Als e Privatmann sozusage. Das is doch kein Verbreche! Gerad’ ein Stündche, bis ich mich daheim als Prinz Karneval zum Einzug hab’ ausstaffiere müsse . . . Jetzt wo überall das Geschrei um den schwarzen Mönch ist, bin ich lieber, sobald ich’s gehört hab’, zu Ihnen gekommen, um aufzuklären, dass ich mit der ganzen Geschicht’ nix zu tun hab’ — wenn ich auch in der Pfaffekutt’ auf den Ball gegange bin!“

„Und was führte Sie dorthin?“

„Jetzt — darüber möcht’ ich nit gern mich des näheren auslassen!“ Wieder ein Blick des Jean Dörsam nach dem Karnevalsprinzesschen in der Ecke. „Das sind so Privatsache, Herr Richter! Es wär’ für mich gerade jetzt peinlich — das Babettche da hinten braucht auch nicht alles zu wisse!“

„Bitte! Ich will nicht neugierig sein. Aber die Hauptfrage nun können Sie mir beantworten: wie kam der Herr Staatsanwalt in Ihre Kutte?“

„Ich hab’ auf dem Ball bemerkt, dass mich so ein paar Simpel wie der Mehlig erkannt und es den anderen gesagt haben. Das ging mir wider den Strich. Ich wollt’ mein Ruh’ haben! Da fragt mich auf einmal ein roter Domino mit tiefer Männerstimme:,Du — wollen wir nicht tauschen?‘ —,Mir ist’s recht!‘ sag’ ich und hab’ mir gedacht: Ihm geht’s gerad’ so als mir! Er mag auch die neugierigen Augen nit!“

„Sie haben nicht gewusst, wer das war?“

„So wenig wie der andere von mir. Wir haben ja beide die Larven vor dem Gesicht gehabt. Sind hintereinander in die Garderobe gegangen, haben uns da getroffen und unsere sieben Sachen ausgerechselt. Ich hab’ mir ins Fäustche gelacht und mir gesagt:,So — jetzt springt nur hinter dem falschen Prinzen her —‘ Gleich hab’ ich gesehen, dass ich weggekomme bin!“

„Wann tauschten Sie die Kostüme, Herr Dörsam?“

„Schlag zehn war’s auf der Wanduhr!“

„Also genau eine Viertelstunde, ehe der Anschlag verübt wurde. Herr Dörsam, haben Sie Verdachtsgründe, dass er eigentlich Ihnen galt?“

„Ich wüsst’ wahrhaftig nit, wer da anmarschiere und mir ein Rattepülverche in den Champagner rühre sollt’!“ sprach der Karnevalsprinz langsam.

„Wirklich nicht?“

„Nein, nein. Wahrhaftig nicht!“

„Herr Dörsam — Sie geniessen — seien Sie mir nicht böse — einen . . . einen . . .“

„Ich weiss schon, was Sie sagen wollen, Herr Richter! Ich hab’ ja auch wohl mal so e gutes Kind sitze lasse, und sie war nicht gut auf mich zu spreche. Aber soweit versteigt sich doch keine nit!“

„Sie haben also keine Ahnung, wer der grüne Page gewesen sein kann?“

„Ich weiss rein gar nix von dem Püppchen!. . . Das ist ja erst aufgetaucht, als ich schon fort war!“

„Wir wollen einmal den Ochsenmetzger Mehlig fragen, wann er nach Ihrem Fortgang diese grüne Unbekannte zuerst gesehen hat!“ Der Untersuchungsrichter öffnete die Tür. „Ach bitte, kommen Sie doch einmal herein!“ Er drückte die Klinke wieder in das Schloss. „Herr Mehlig — ich höre eben hier von dem Herrn Fastnachtsprinzen, dass er den Ball bereits verlassen hatte, als der grüne Page auftauchte . . .?“

„Was?“ sprach der Elferrat. Seine kleinen, gutmütigen Augen weiteten sich vor Betroffenheit. „Das sagt der Jean so gerad’ hin?“

„Nun ja! Herr Dörsam erklärt, dass er nichts von der Dame weiss!“

„Jeanche . . . Jeanche . . .“ Der Ochsenmetzger schüttelte den Kopf. „Du gehst heut noch über e Brück’! . . . Denk daran, dass unser Herrgott das Lüge verbote hat . . .“

„Ach, geh’ weiter!“

„Jetzt gar vor einer Amtsperson, wo die Sach’ kriminalisch wird!“

„Bawwel nit so. dumm! Was weisst denn du?“

„ Jetzt sperr’ mal die Ohre auf, Jean!“ sprach geruhsam der Ochsenmetzger Mehlig in der Schellentracht des närrischen Elferrats, die Fastnachtskappe über dem behäbigen Gesichtsrund. „Eine halbe Stunde vor der G’schicht’ warst du noch, wie du selber sagst, seller schwarze Mönch!“

„Ha ja, freilich!“

„Da hast du doch gerad’ um die Zeit schon mit dem grünen Pagen im Schoppestübche von dem Bürgerkasino zusammengestande und eifrig dich unterhalten. Das Stübche war leer und schummerig. Ich bin nur per Zufall hineingekomme, weil mir mein Hoseträger gerutscht war, um den zu richte. Ich hab’ euch doch gesehen — dich und den grünen Unnütz!“

„Das ist ja ganz etwas Neues! Irren Sie sich da auch nicht?“ sprach langsam der Untersuchungsrichter. Der dicke Mehlig schlug sich mit der Metzgerfaust auf die Brust.

„Gucke Sie mich an, Herr Richter! Ich steh’ ganz fest auf den Beinen. Bin noch ganz nüchtern, und vor ’ner Stund’ war ich’s erst recht. Meine Augen haben mich nit betroge!“

„Was sagen Sie dazu, Herr Dörsam?“

Der Prinz Karneval schwieg. Der Untersuchungsrichter rückte sich seine goldene Brille zurecht und sah ihm scharf ins Antlitz.

„Herr Dörsam, ich lese auf Ihren Zügen eine gewisse Unsicherheit, so als ob Sie mir vorhin nicht reinen Wein eingeschenkt hätten . . .?“

„Und dabei is er e Weinhändler!“ sprach der Mehlig. „Jeanche — straf’ mich mit Lüge!“

„Danke, Herr Mehlig!“ Der Richter verabschiedete den närrischen Elferrat und schloss hinter ihm die Tür. Dann wandte er sich wieder zu dem Faschingsprinzen.

„Herr Dörsam . . .“, fragte er ganz leise, sehr eindringlich und ernst: „kannten Sie den grünen Pagen?“

„Ja . . .“, verlegte der Prinz Karneval nach einer Weile finster. Er vermied es, dem Blick des Doktor Binkert zu begegnen. Schaute verbissen ins Leere.

„Was hatten Sie mit ihm zu besprechen?“

„Das kann ich nicht sagen!“

„Warum nicht?“

„Weil ich nicht davon reden mag!“

„Herr Dörsam: Wer ist der grüne Page? Wie heisst er? Wo wohnt er? Sie wissen es!“

„Freilich weiss ich’s!“

„Also bitte . . .“

„Darüber möcht’ ich keine Auskunft geben!“

„. . . trotzdem Sie offenbar der einzige Mensch sind, der die Sache aufhellen kann!“

„Die Welt braucht nit alles zu wissen!“

„Aber ich, der Richter! Es ist mein Amt. Herr Dörsam, reden Sie!“

„Nit zehn Pferde bringe mich dazu!“ versetzte der Karnevalsprinz dumpf.

Es pochte an der Tür, und fast gleichzeitig steckte schon der junge Doktor Kniffer sein von blonden Strähnen umwalltes Kindergesicht herein.

„Eben kommt der Chefarzt!“ verkündete er erleichtert.

Der Geheimrat war ein kleiner, eilfertiger Herr. Alles an ihm war weiss — das Kopfhaar, der Bart, der lange Kittel. Er hatte eine schusselige Art sich zu bewegen. Drängte sich durch die Anwesenden, ohne sie zu beachten. Er schnupperte neugierig in der Luft, als könnte er da Krankheiten riechen. Dann beugte er sich zu dem Staatsanwalt Pfeilschmidt nieder und horchte. Er fingerte nach dem Puls, zog mit der Linken seine goldene Uhr, begann langsam, lautlos zu zählen, steckte sie mit einem stillen, unergründlichen Lächeln bald wieder ein. Er holte sein Taschentuch heraus, schneuzte sich umständlich, faltete es zusammen und sagte dabei mit einer hellen, singenden Stimme:

„Nun hören Sie mal . . .“

„Wie ist Ihr Befund, Herr Geheimrat?“

„So ein Streich des schönen Geschlechts . . .“

„Was hat man dem Patienten eingegeben?“

„. . . eine viel zu grosse Dosis eines starken Schlafmittels!“ belehrte der kleine Geheimrat die um ihn Versammelten. „Wahrscheinlich unser herrliches Veronal, das auf verschiedene Naturen ganz unterschiedlich stark und manchmal, wie in diesem Fall hier schon in wenigen Minuten wirkt! Ihnen, Herr Kollega“, er mass den jungen Doktor Kniffer mit einem rätselhaft heiteren Blick, „war dieses neue Mittel wohl praktisch noch nicht so vertraut? Deswegen liessen Sie Ihre gewiss sonst umfassenden, frisch erworbenen Kenntnisse im Stich!“

„Also ist der Herr Staatsanwalt nicht krank?“ fragte Doktor Binkert.

„Er schläft den Schlaf des Gerechten! Weiter nichts!“ Der Geheimrat rieb geschäftig die Hände. „Wie? Irgendwelche Gefahr? Ach nein! Bei einem anderen hätte es böse ausgehen können. Aber eine so kräftige Konstitution verträgt einen Puff. Morgen wird der Patient frisch gestärkt aufwachen und im Laufe des Vormittags vernehmungsfähig werden. Vorläufig gehört er jetzt ins Bett!“

Der Staatsanwalt Pfeilschmidt wurde in tiefem Schlaf auf einem Rollwagen weggefahren. Der Chefarzt trippelte mit der Oberschwester den Gang entlang. Drinnen im Zimmer sagte der Untersuchungsrichter leise.

„Herr Dörsam . . . können Sie jetzt reden? Wenn nicht hier vor Zeugen, dann vertrauen Sie es mir nebenan unter vier Augen an!“

Der Faschingsprinz sass düster da, ein Bein in weissem Seidentrikot über das andere geschlagen, und schüttelte schweigend den Kopf. Der dicke Ochsenmetzger mahnte.

Pulsuz fraqment bitdi.

19,13 ₼
Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
05 may 2025
Həcm:
140 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788711507438
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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