Kitabı oxu: «Drachentöter»
Rudolf Stratz
Drachentöter
Roman
Saga
Drachentöter
Copyright © 1925, 2018 Rudolf Stratz und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711507223
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 3.0
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Erste Begebenheit
Im stossweisen, schütternden Gebrüll des herbstlichen Nachtsturms draussen ertrank das weinerliche Kreischen der durchfeilten Eisenstäbe. Der Vollmond warf bläulichen Glast auf die lange, schweigende Reihe der Gitterfenster des Gefängnisses. Vor dem Dunkel des einen Fenstervierecks im dritten Stockwerk bewegten sich zwei weisse Flecke. Zwei Männerhände.
Die beiden Hände trennten vorsichtig mit der geschnörkelten Fläche des Stahlplattschneiders die fingerdicken Eisenstäbe, lösten sie von den, in der Mauer steckengebliebenen Stumpfen, zogen sie behutsam in das Innere der Zelle.
Ein grösserer heller Flecken erschien in der leeren Fensteröffnung. Ein Gesicht. Das Gesicht eines bartlosen, jungen Mannes. Kalte Nachtluft umpfiff den spähend hinausgesteckten Kopf und trocknete auf der Stirn die Schweissperlen siebenstündiger Arbeit. Uff! Das Eisen war hart. Der Wille war härter. Ein Blick in die schwindelnde Tiefe des Gefängnishofs. Trapp . . . Trapp . . . da unten der Posten . . . Langsam vorbei . . .
Nun schnell . . . Es ist nicht viel Zeit mehr zu verlieren . . . So ein Gefühl, als ob bald der Morgen grauen würde . . . Um fünf Uhr kommen sie . . . dann revidieren sie die Zelle . . . dann war alle Mühe umsonst . . . Der Gefangene schob langsam den Oberkörper in das gesprengte Fenster. Er schaute furchtlos und schwindelfrei in den Abgrund. Sein Antlitz eines Dreissigjährigen war ehern hart und ruhig. Es zuckte nicht, als die spitzen Zacken der zerfeilten Stäbe in Kittel und Haut schnitten. Aber Blutspuren durften nicht sein. Die rote Fährte, die man hinterliess, erschwerte die Flucht. Er stieg noch einmal vom Schemel auf den Boden der Zelle zurück. Auf dem Holztisch lag der gestrige Brief seines Verteidigers. Er nahm das Blatt und kletterte wieder mit ihm in die Höhe und riss ein Stück von dem Papier ab und las, während er es zum Schutz des Körpers um das eine zerfeilte Endstück des Gitters wickelte, mechanisch im Mondschein die Schreibmaschinen-Schrift . . . „weiss jeder bei uns, dass Sie, verehrter Herr Hauptmann, im Krieg mit Ihrem gefürchteten Flugzeuggeschwader nur heldenhaft Ihre Pflicht auf Befehl Ihrer Vorgesetzten taten . . .“
Er befestigte ein zweites Briefschnitzel um die zweite Schnittfläche und las: „. . . und dass Sie bei Ihren verwegenen Bomben-Abwürfen über feindlichen Städten sicherlich jede unnütze Grausamkeit vermieden haben . . .“
Den Rest der Seite für den dritten Mauerstumpfen. Auf ihr stand: „Jedoch der Frieden von Versailles verpflichtet in seinen Strafbestimmungen, Teil VII, Artikel 228, Absatz 2, Deutschland, den gegnerischen Mächten alle vom Feind bezeichneten deutschen Männer auszuliefern . . .“
Der Untersuchungsgefangene umhüllte das letzte Gitterende mit der zweiten Briefseite. Er las dabei: „Sie, verehrter Herr Hauptmann, stehen auf dieser Ehrenliste und sehen der Gerichtsverhandlung entgegen, die allerdings, nach neuerer Milderung, vor deutschen Gerichten stattfindet. Aber hat sich unser unglückliches Vaterland, das auf Befehl des Feindes seine eigenen Verteidiger als ‚Kriegsschuldige‘ richten soll, nicht in Artikel 231 des Versailler Vertrags wider besseres Wissen vor der Welt als alleinigen Kriegsschuldigen bekannt, und damit auch seine Söhne — alle, die Deutsche sind . . .?“
Glockenschläge draussen von den Kirchen. Eins — zwei — drei — vier — fünf. Fünf Uhr morgens . . . Höchste Zeit. Der Mann im langen, weissleinenen Kranken-Nachtkittel und braunen, schwarzgestreiften Sträflingshosen spähte hinab in die Tiefe. Der Hof war leer. Die Schildwache auf der anderen Seite. Sein Antlitz war so unbewegt, wie es seine Freunde an ihm kannten. Er zwängte seine mittelgrosse, sehnige Gestalt durch die enge Luke und schleuderte einen Mauerhaken mit einer daran befestigten seidengeknüpften Strickleiter nach oben, dass sie fest am Rohr des Blitzableiters hing. Er drehte sich, streckte ein Bein aus, suchte im Leeren, fasste Fuss, zog das zweite Bein nach, stand, in der tosenden, kalten und mondhellen Finsternis, wild schaukelnd, fast frei in der Luft, nur durch das seidendünne Nichts unter seiner einen Sohle von dem Tod in der Tiefe geschieden. Klommi empor — gleichmässig — sicher — Hand um Fuss — bis unter das Gebält.
Über das bog sich, in weitem Schwung von oben laufend, das Rohr des Blitzableiters. Er umklammerte es mit Armen und Beinen. Hing, das Antlitz gen Himmel, den Rücken nach dem Hof unten, und verpustete und hörte in den Pausen des Sturmes sein eigenes wildes Röcheln.
Und in einer solchen Windstille ein leises Trapp . . . Trapp . . . Es kommt immer näher . . . Trapp . . . Trapp . ., der Posten . . . Und zugleich ein Zucken durch Leib und Seele: Du bist geliefert! Der Kerl muss dich ja sehen — wie du da oben zwischen Himmel und Erde schwebst, an die sich bäumende Wölbung des Blitzableiters geheftet . . .
Trapp . . . Trapp . . . Ist der Mensch denn blind? Das Mondlicht ist doch wahrlich hell genug! Jetzt muss er gerade unter einem sein . . . Ruft er denn noch nicht an?
Oder hat er angerufen und der wieder einsetzende Sturm hat es verweht? Gleich wird er schiessen! Man plumpst wie ein Mehlsack in die Tiefe und klatscht unten als ein blutiger Brei auf dem Pflaster auf . . .
Noch nicht? . . .
Trapp . . . Trapp . . . Leiser schon — ferne . . . der Flüchtling wandte mit Mühe den Kopf über die Schulter, so dass er hinunterschauen konnte, und atmete auf: Gesegnet der Dachvorsprung und sein Schlagschatten, dessen Dunkel selbst die Umrisse eines Menschen verschwimmen liess und einem Blick von unten unsichtbar machte . . .
Er hatte wieder Kräfte. Er kletterte an dem Blitzableiter in die Höhe, kippte mit einem Bauchschwung über die Dachrinne, sass oben, löste den Haken, zog ihn mit den Seidensprossen nach, wickelte sie sich um die Brust. Schaute zum ersten Male frei um sich . . . Frei . . . Seltsam die ungewohnte, frische Nachtluft . . . seltsam das Funkeln der Sterne- über dem wirren, blossen, braunen Haar, seltsam, nach der Enge der Zelle, den Blick in nächtige Weite, über ein schlafendes Dächermeer nach Deutschland hinaus . . . Deutschland, das seine Besten dem Feind zum Frasse vorwirft — Deutschland — mein Deutschland heute und immer — trotz allem . . .
Deutschland — ich komme!. . . Der fliehende Mann setzte sich wieder in Bewegung. Er schob sich, halb sitzend, halb liegend, über die vom Tau des kalten Oktobermorgens glitscherigen Schieferplatten des Daches bis an das andere Ende.
Undeutlich ragte, dem gegenüber, in der Finsternis der Turm der Gefängniskirche. Ihr Spitzdach war etwas niederer als das des Hauptgebäudes. Dazwischen gähnte ein leerer Luftraum — zwei Manneslängen breit. Schwindelnd ging es da hinab in die Tiefe des Hofes. Es war ein Sprung auf Tod und Leben. Ein Zoll zu kurz — ein Sturz in die Ewigkeit . . .
Der Flüchtling stand jetzt aufrecht auf den Dachplatten. Hier oben konnte ihn niemand sehen. Trotzdem war er nicht allein. Um ihn im Mondschein, durchsichtig-feldgrau, rechts und links von ihm in Reihen, standen Schattengestalten. Vertraute Gesichter, die längst nicht mehr waren, sahen ihn an. Bekannte, längst stumm gewordene Stimmen riefen — die toten Kameraden der Flugstaffel — sie alle, alle tot . . . gefallen in zwei Erdteilen, an fünf Fronten, gefallen für Deutschland. Er allein, ihr Führer, durch Wunder Gottes und Schlachtenglück, fünfmal verwundet, abgestürzt, gefangen, entflohen und schliesslich doch am Leben. Die hageren Schatten hoben die Arme. Die mageren Gesichter lachten. Die verwegenen Augen blitzten: „Fliege noch einmal, lieber Hauptmann! Fliege durch die Luft — für Deutschland — und sei’s dein letzter Flug!“
Sein Gesicht war unverändert. Er prüfte noch einmal die Entfernung, richtete sich auf, warf die Arme zurück, beugte sich vor zum Todessprung . . . ein Satz . . . ein Wirbel durch die Leere, ein Krachen splitternder Tonziegel auf dem Kirchendach — er rollte blitzschnell über das Dach dem Abgrund zu — er war nur noch einen Fussbreit davon . . . auf dem Dach waren in Abständen aufrechte eiserne Stifte für den Schieferdecker. Die hatte er vorhin gesehen. Er fingerte im Sturz nach rechts und links. Hielt sich. Lag still.
Rutschte, mit den Pantoffeln gegen das Schneegitter fussend, die finstere, steile Riesenwand des Kirchendaches dahin. Liess sich an einem vorstehenden Balken mit der dort verknoteten Strickleiter hinab. Er flog dabei in wilden Schwingungen, vom Sturm geblasen, auf und nieder, prallte an das Mauerwerk, dass ihm die Rippen krachten, kreiste wieder in ungestümem Bogen draussen im Leeren, schnitt sich, nahe über dem Boden hängend, mit dem Endstück der Strickleiter ab, plumpste zur Erde, überkugelte sich zwei-, dreimal, sass betäubt im Sand . . . befühlte seine Knochen . . . sammelte seine Gedanken . . . Auf!
Wieder auf den Beinen, lief er über den dunklen, äusseren Hof zur Umfassungsmauer, warf den Mauerhaken mit dem Rest der Strickleiter hinauf, sass rittlings oben, rutschte auf der anderen Seite herunter, rannte ohne Aufenthalt über die Strasse . . .
Die Gasse hinunter — hundert Schritte geradeaus — auf dem kleinen Platz . . . so hatte es innen auf dem Mundstück der eingeschmuggelten Zigarette gestanden — da hält das Auto . . .
Er stürmte dahin. Gelle Pfiffe aus dem Gefängnis schrillten hinter ihm her. Seine Flucht war entdeckt. Er lief, dass die Schösse seines langen, weissen Kittels flogen und das Geklapper seiner Lederpantoffeln an den Hauswänden widerhallte. Signaltriller einer Patrouille antwortete aus der Stadt dem Gepfeife aus dem Gefängnis . . . rechts . . . links . . . schon ganz nahe. Das Auto . . . wo ist das Auto? . . .
Da dämmerte der kleine, unregelmässige Platz. An der Ecke drüben glotzten zwei grosse, runde, feuerweisse Augen. Der ratternde Wagen. Leise rasselnd und zitternd. Rennbereit. Eine undeutliche Gestalt mit ungeduldig spähendem, vorgebeugtem Kopf auf dem Führersitz . . .
Aus einer Nebenstrasse trippelte ein kleiner, dicker Herr, geschäftig, eine Reisetasche in der Hand, auf den Wagen zu und winkte schon von weitem: „Gott Strambach! . . . Endlich! Auto! Nu schnell, mein Gutester! Ich muss zum Bahnhof!“
Der Flüchtling knirschte im Laufen . . . Esel . . . Für dich harmlosen Geschäftsmann steht doch das Auto nicht da! Er verdoppelte seine Sätze, um es vor dem Dickling zu erreichen. Rasch . . . rasch . . .
Nein . . . Halt! . . . Der Mann im weissen Kittel stand jäh still . . . barg sich blitzschnell hinter einem Hausvorsprung. Dicht vor ihm, über den Platz, von zwei Seiten her gleichzeitig, rannten Gestalten in Tschakos . . . die Brownings in vorgehaltener Rechten . . . die Polizei. Der Kleine Dickling vor dem Auto verschwand in ihrer Mitte. Man hörte nur sein verstörtes Geschrei: „Mich wollen Sie verhaften? Ja — warum denn? . . . Ich bin Staatsbürger! . . . Ich bin Steuerzahler . . .“
Und, schon in der Ferne: „Mein Name ist Lämmerhirt, in Firma Böcklein und Sohn . . . Ringfreie Druckknöpfe en gros . . . Zustand . . . Rechtsstaat . . . Nu hören Sie doch . . . mein Bester . . .“
Stille. Schläfrig stand das Auto auf dem Platz. Rasselte und glühte mit den weissen Augen. Sein Führer war schon beim Nahen der Polizei mit einem Hechtsatz im Dunkel verschwunden. Jetzt wandelte nur noch ein Schutzmann nachdenklich als Wache um den Wagen herum. In seinem Rücken gewann der Mann hinter dem Hausvorsprung die nächste Strassenecke und rannte davon. Blindlings! Nur weg! Weg! . . .
. . . Er war vor der Stadt. Halb schon auf freiem Feld. Die lebten Häuser standen da. Eine fahle, kränkliche Helle graute am Horizont. Durch die sterbende Nacht wanderte in langen, dunklen Zügen schweigend das Volk der Arbeit den Fabriken zu. Noch achteten diese Männer und Frauen im Halbdunkel nicht auf ihn. Er war, in seinem weissen Kittel, vielleicht der Chauffeur eines Fabrikherrn, der nach der Garage ging. Aber bald musste es so licht sein, dass man die breiten schwarzen Streifen an den braunen Hosen des entsprungenen Untersuchungssträflings sah . . . Und dann . . .?
Ihm war, als richteten sich jetzt schon verdächtige Blicke auf seinen Anzug — als sähen ihn die Menschen so merkwürdig im Morgengrauen an . . . Wenn sie erst merkten, wer er war . . . Er konnte lange sagen: Ich habe für euch, für Deutschland, gestritten und geblutet . . . Es gab eifrige Seelen genug, die ihn festhielten — die sofort von der nächsten Kantine oder dem nächsten Kontor aus die Polizei anriefen . . .
Noch fünf Minuten . . . noch vier . . . Er sah schon alle die Augen des Volkes auf sich versammelt — ängstlich — misstrauisch . . . mitleidig . . . schadenfroh . . . neugierig . . . Er hörte die unnützen Fragen . . . die wohlfeilen Witze . . . die Rufe nach dem Schutzmann . . . Er fühlte sich auf einmal sehr müde . . . Er fröstelte . . . Er gähnte . . . Ihm wurde alles merkwürdig gleichgültig . . .
Ohne Geld . . . ohne Freunde . . . ohne Auto . . . In diesem Gewand . . . Die ganze Geschichte war hoffnungslos, das gestand er sich jetzt allmählich selbst. Es handelte sich nur noch um ein paar Minuten. Dann war er der Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. Eine Sehenswürdigkeit der Strasse . . . Ekelhaft . . . Am besten war es, den Skandal zu vermeiden, indem man kurz entschlossen umdrehte und vor den nächsten, besten Schutzmann trat: „Die Sache ist vorbeigelungen! Da bin ich wieder!“. . .
Er blieb stehen. Die kotige Strasse graute im Zwielicht. Die kahlen Bäume bogen sich im Sturm. Er wendete sich mit dem Antlitz unschlüssig zur Stadt zurück. Er stand in seinem flatternden, schon ziemlich weithin sichtbaren Mantel am Weg. Ein Auto sauste diesen Weg von der Stadt heran. Das erste an diesem Morgen. Der Korso der Kommerzienräte und Fabrikbesitzer folgte erst in ein, zwei Stunden.
Der einsame Wagen war eine grosse, elegante, grünlackierte Limousine. Sie fuhr ein polizeiwidriges Tempo. Unausführbar der Gedanke, der den Flüchtling im ersten Augenblick durchzuckte, sich mit einem kühnen Satz hinten aufzuschwingen und als blinder Passagier mitzureisen.
Er ging trotzig weiter, noch ehe das Auto ihn erreichte. Er stemmte den Kopf mit den flatternden, kurzen Haaren gegen die Windsbraut, die ihm um die Ohren brandete und alle anderen Geräusche verschlang — auch das Surren der Gummiräder und den Unkenruf der Hupe hinter ihm. Das Auto hätte nun schon längst an ihm vorbei sein müssen! Er blickte zurück. Da kam der Wagen heran . . . Ganz langsam . . . Immer noch langsamer . . . Hielt gerade neben ihm . . .
Es war nicht seine Art, sich Freude oder Schrecken anmerken zu lassen. Das Gesicht, das er der Limousine zuwandte, war unbewegt. Es verriet nichts von der Spannung seines Innern: Ist das das Auto von vorhin, das meine Spur gefunden hat und mir gefolgt ist — oder bringt es die Polizei, die mich verhaften will?
Der Haltung des Chauffeurs war nichts zu entnehmen. Der Mann sass vollkommen gleichgültig da und schaute leer gerade vor sich hin, so, als habe er eben aus dem Innern des Wagens durch das Sprachrohr den Befehl bekommen, zu halten, und ihn ausgeführt, ohne sich weiter etwas dabei zu denken.
Von innen wurde der Wagenschlag geöffnet und aufgestossen. Ein leiser Hauch von Parfum und Zigarettenrauch strömte heraus. Eine schmale, behandschuhte Damenhand fasste die Hand des Mannes im Mantel draussen und gog ihn herein.
„Na, schnell! . . . Gut, dass ich dich treffe!“ Die Wagentür schlug hastig hinter ihm zu. „Komm! . . . Setz’ dich!“
Ein Druck der Damenhand auf den Gummiball. Ein Zeichen für den Chauffeur draussen: Weiter! Die Limousine surrte, an der Scheibe huschten nebelhaft in der windenden Fahrt die Bäume vorbei. Innen in dem Wagen war es noch fast dunkel. Der Fenstervorhang auf der anderen Seite gegen den Sturm vorgezogen. Der neue Gast fühlte nur, dass das Innere mit Seide ausgeschlagen und üppig gepolstert war. Er sass still. Das alles war sehr schnell gegangen. Er hatte keine Ahnung, was mit ihm los war. Er kannte auch die Frauenstimme neben ihm, aus der dämmerigen Ecke, nicht.
„Also du bist heute auch draussen?“
Er nickte und dachte sich: Wo denn wohl?
„Dass die mir das nicht aus Basel geschrieben haben . . . Ich hab’ dir doch die wichtigsten Sachen zu sagen . . . du . . . ich fürchte: Es verschwinden wieder Briefe . . .“
Er zuckte die Achseln. Ihre Stimme war die einer jungen Frau — tief — leise — vertraulich . . . Ein fremdartiger Anklang darin.
„Zufällig sah’ ich dich da draussen laufen! Du sparst wohl gar schon, dass du mit der Strassenbahn fährst, und den Rest zu Fuss? Unsinn! . . . Geld spielt doch keine Rolle!“
Er bejahte mit einer Kopfbewegung. Er fragte sich kaum: Wobei? Er war zufrieden, dass die Reise im Flug weiterging. Aber da hörte er neben sich die nervöse, halblaute Stimme, diesmal deutlich mit einem ausländischen Ton:
„In einer Minute sind wir da! . . . Ich such’ dich ja wie eine Stecknadel! Ich dachte, du wärst längst in München! Also nun hör’ mal schnell . . .“
Die Krempe eines grossen Hutes stiess an seine Schläfe, so kameradschaftlich näherte sie ihren Kopf dem seinen. Er sah nur, unter einem dichten Schleier, ein paar dunkle Augen. Ein warmer Hauch ihres flüsternden Mundes an seiner Wange:
„Der Colonel besteht darauf, dass du jetzt: selbst nach München gehst . . . Gefährlich . . . ja Gott . . . zu spassen ist mit den Bayern freilich nicht . . . das wissen wir ja . . . Aber in Paris werden sie ungeduldig . . . Sie haben Besorgnisse, dass der Widerstand gegen die Sonderbündler in der Rheinpfalz von München aus geschürt wird. Unsere dortige Berichterstattung ist ihnen ungenügend . . .“
Der Mann neben ihr sass totenstill. Ihre Hand legte sich im Eifer auf seinen Arm. Wie kleine Zangen der leidenschaftliche Druck der Finger:
„Allerweltsspione haben wir ja in München massenhaft herumlaufen! Aber sie dringen nicht in das Herz der vaterländischen Kreise! Wir brauchen da eine allererste Kraft — soll ich dir von dem Colonel bestellen! Wir brauchen dort dich! Du hast eine ganz andere natürliche Gabe, aus den Deutschen ihre Geheimnisse herauszukriegen! Auf dich rechnen sie — im grossen Bureau in Basel — und natürlich erst recht in Paris! Namentlich eben wegen der gefährlichen Stimmung gegen die Franzosenfreunde in der Pfalz! Diese Bewegung reicht bis nach München!“
Die Limousine schwenkte von der Chaussee ab und rollte über einen Feldweg. Die Dame flüsterte hastig und ihre Fingerspitzen spielten dabei nervös mit den Knöpfen an dem weissen Nachtkittel neben ihr, der ihr seltsamerweise gar nicht aufzufallen schien.
„In München selbst können wir natürlich nichts machen. Aber es muss etwas geschehen, um diese Leute unschädlich zu machen! Wir müssen das nachher, in der Pause, besprechen! Es handelt sich um einen grossen Schlag! Eine glänzende Idee des Colonel! Wir müssen möglichst viel Münchener Vertrauensleute der nationalen Bewegung angeblich zu geheimen Besprechungen hinüber in die Pfalz locken — wir haben ja die bewussten. Listen von Studenten und jungen Offizieren — und dort alle zusammen abklappen! Die Deutschen sind ja so vertrauensselig! Das wirst du schon glänzend machen! Na — und dann brauchst du auch nicht mehr Strassenbahn zu fahren, armer Kerl! Solch einen Fang lassen sich die Franzosen was kosten! Sie wollen jetzt einmal ein furchtbares Exempel statuieren! Die Separatisten in der Pfalz und sonst am Rhein haben es sonst zu schwer! Es gibt noch ein Unglück . . .“
Langsam stoppte das Auto. Draussen, hinter den vorgezogenen Fenstervorhängen, war ein undeutliches, hundertfaches Stimmengewirr. Kommando-Rufe. Zigeunergefiedel. Pferdegewieher. Mädchenlachen. Die Dame im Schleier schloss, indem sie aufstand:
„Ich fahre von hier gleich, wie du befohlen hast, nach Baden-Baden — privatim — nicht mit dem ganzen Zauber hier — und warte dort auf dich oder deine Weisungen! . . . Du — hör’ mal . . . noch eins! Sei nicht wieder zerstreut wie neulich, und vergiss nicht, was du hier draussen für einen Namen führst! . . . Du weisst doch: Lorenz Benedikter!“
Sie zog den Vorhang von der einen Scheibe weg, so dass Licht hereinströmte, und wandte sich nach dem Inneren der Limousine zurück, um dem anderen die Hand zu reichen. Es war jetzt drinnen ganz hell geworden. Er sah hinter dem Schleier ihr blasses längliches Gesicht. Nein. Er sah nur wieder die beiden dunklen Augen, die sie plötzlich ungläubig aufriss . . . ihn entgeistert anstarrend, vor Schrecken immer mehr weitete, unter den dichten, schwarzen Brauen. Er sah, wie der ziemlich grosse, ausdrucksvolle Mund sich, entsetzt nach Luft ringend, öffnete. Nun sprach ohne jeden Zweifel die Ausländerin aus ihr. Slawische Töne klangen in ihrem gestammelten Deutsch:
„Du . . . du . . . um Maria willen . . . du hast ja auf einmal . . . . . . . . . braune . . . Augen . . .“
Er schob sich mit einer raschen Bewegung an ihr vorbei. Er stellte sich vor die Wagentür, mit dem Rücken gegen die Scheibe, das. Innere beschattend, den Ausgang sperrend. Er hielt, ohne sich um den lärmenden Jahrmarkt draussen vor dem Fenster zu kümmern, kaltblütig ihren verglasten Blick aus. Er musste, um nicht mit dem Kopf an die niedere Decke zu stossen, breitbeinig mit vorgebeugtem Oberkörper stehen. Das gab seiner Haltung etwas Drohendes. Sie riss, mit einem heftigen Handgriff, auch den jenseitigen Vorhang zurück. Herbstliches Frühlicht erhellte die unbewegten bartlosen Züge ihr gegenüber. Sie begann am ganzen Körper zu zittern.
„Du hast ja braune Augen . . .“ flüsterte sie atemlos „. . . und keine grauen . . .“
Er schwieg.
„. . .Und . . . und . . . wenn man jetzt hinsieht . . . Es ist etwas anderes . . . in deinem Gesicht!“
Das Antlitz drüben war ehern. Sie schrie auf. Sie streckte die gespreizten Hände gegen ihn aus:
„Ja . . . dann sind Sie es ja gar nicht!“
„Nein!“
Es war das erste Wort, das er sprach. Sie war in die Ecke des Wagens gesunken, möglichst weit weg von ihm und drückte sich mit angezogenen Knien in den Polsterwinkel hinein, als könnte sie ihm so entgehen. Dabei vermochte sie doch den dunklen slawischen Kopf — die totenbleichen Züge einer schwarzen Madonna — und die verstörten dunklen Augen nicht von ihm zu wenden. Sie schluckte ihre Angst vergeblich hinunter und murmelte:
„Grosser Gott. . . hat er denn einen Doppelgänger?“
„Ja, mich.“
„Dann müssen Sie . . . sein . . . Zwillingsbruder sein . . .“
„Sein ein Jahr älterer Bruder! . . . Trotzdem hat er schon hundertmal für mich gegolten. — Mein anderes Ich körperlich . . . und mein Gegenteil geistig. Ich bin wieder einmal auf meinen bösen Geist gestossen.“
Sie konnte nicht mehr sprechen. Ein fahler Schein, wie von einer nahenden Ohnmacht, verbreitete sich über ihre schönen regelmässigen Züge. Er sah, wie sie mit aller Zähigkeit ihrer Slawenrasse danach rang, Herrin ihrer selbst im Kampf auf Tod und Leben mit ihm zu bleiben. Er sagte:
„Ich habe lange nichts von meinem Bruder gehört, weil ich überhaupt nicht viel von der Welt hören konnte. Ich bin froh, wenn ich nichts von dem Menschen höre, der in meiner Gestalt als mein Gegenteil auf der Welt herumläuft — oder vielmehr in einem Dutzend von Gestalten, die er wechselt wie das Hemd! Aber jetzt habe ich ihn in seiner verbrecherischsten Gestalt erkannt. Gott sei Dank — noch rechtzeitig!“
Er blickte, in seinem langen weissen Kittel dastehend, auf die Frau in dunklem Hut, Mantel und Schleier vor ihm herunter und fuhr fort, ohne dass seine Miene sich änderte:
„Sie wissen, nach Ihrem Gewerbe als französische Spionin, genau, dass auf Hochverrat Todesstrafe steht!“
Ihr Schwächeanfall war überwunden. Sie sass aufrecht, die Hände im Schoss zusammengeballt. Sie biss kampflustig die Zähne aufeinander und presste die Lippen zusammen. Sie duckte sich unwillkürlich in den Schultern, mit einer Bewegung, ähnlich einer in die Enge getriebenen, zum Äussersten gereizten Katze. Ihre Wangen waren gelblich blutleer. Ihre Lippen wurden nicht blass. Er sah jetzt, dass sie rotgeschminkt waren und ebenso die dichten schwarzen Brauen mit Kohle nachgezogen, und, mit einem schwarzen Stift, die Lider der Augen unterstrichen, die sie, sich zu drohender Kampfbereitschaft zwingend, zu ihm aufschlug.
„Niemand hat gehört, was ich sagte! Ich leugne es!“
„Mir glaubt man!“
„Wer sind Sie denn?“
„Sie sind gerade an den Richtigen gekommen! Ich weiss nicht, was das für eine Fastnacht da draussen ist! Aber wenn auch alle diese Hanswürste zu Ihnen gehören und Ihnen helfen — ich halte Sie fest, bis die Landespolizei kommt! Ich werde verhaftet — denn ich bin vorhin aus dem Gefängnis entsprungen. Aber Sie mit! Verlassen Sie sich darauf. Wir kommen beide ins Gefängnis — nur Sie für immer!“
Sie war totenbleich geworden und erwiderte nichts. Sie warf einen Blick auf seine schwarzgestreiften, braunen Sträflingshosen — den blossen Kopf — den Hals ohne Kragen. Dann schaute sie ihm finster, prüfend ins Gesicht. Er fühlte die Gedankenarbeit hinter ihrer leise gefurchten Stirn. Sie zuckte, in einer plötzlichen Herausforderung, die Achseln:
„Glauben Sie ja nicht, dass mit mir hier die Sache erledigt ist! Die anderen kriegen Sie nicht. Die arbeiten weiter. Ihr Bruder vor allem! Er wird mich rächen! Denn er steht mir nahe. Er geht jetzt gerade nach München! Er ist wahrscheinlich sogar schon dort! Deswegen war ich so erstaunt, wie ich ihn hier zu sehen glaubte. Und Sie können niemanden in München warnen! Denn Sie sitzen ja selber im Gefängnis!“
„Deswegen kann ich doch die Namen derer nennen, die gewarnt werden sollen!“
„Ich glaube nicht, dass Sie alle Namen und geheimen Verbände aufdecken können, ohne eurer Sache furchtbar zu schaden! Es sind sicher viele darunter, die die Entente als Kriegsschuldige sucht und deren Auslieferung sie sofort verlangen wird, wenn ihr Aufenthaltsort bekannt ist!“
Er antwortete nicht gleich. Er wusste: Das war nur zu wahr . . . Er überlegte finster . . . das Haupt unter der niederen Decke gesenkt. Im Wagen war Schweigen . . .
Draussen brülte ein Nebelhorn wie auf hoher See. Dann überschnappte sich, als es ausgeheult hatte, eine gellende Fistelstimme: „Die Kindesmörderin! . . . Wo steckt denn zum Donnerwetter die Kindesmörderin?“ Viele Rufe wiederholten — es klang wie Fanfaren bis in die Ferne: die Kindesmörderin . . . die Kindesmörderin . . . wieder trompetete eine übermenschlich laute Stimme, scheinbar hoch von oben, aus der Luft: „Ruhe jetzt! . . . Für die Hinrichtung!“ Schrille Signalpfeifen antworteten trillernd von vier, fünf Seiten.
„Hören Sie: Da ist schon die Rede von der Hinrichtung“, sagte der innen im Wagen zu der jungen Frau. Sie mass ihn schweigend, mit einem Blick unergründlichen Hasses. Sie hatte jetzt ihre volle Selbstbeherrschung wieder. Sie langte in ihr Täschchen. Er war bereit, mit einem Ruck die Finger um ihr Handgelenk zu werfen, sobald da ein Revolver zum Vorschein kommen sollte. Aber sie holte sich nur eine kleine, silberne Dose heraus, entnahm ihr eine Zigarette und schlug den Schleier zurück, um sie sich mit bebender Hand schief im Mundwinkel anzuzünden. Der rote Schein des Streichholzes rötete eine Sekunde ihr schönes, längliches, regelmässiges Gesicht. Es war nicht mehr ganz jung — gegen Ende der Zwanzig, mit einer langen geraden Nase, einem willenskräftig gerundeten Kinn — langen, dunklen Wimpern über den dunklen Klosteraugen. Tiefschwarz, glänzend, waren auch die paar sichtbaren Haarsträhnchen über den Ohren. Störend wirkten in dem, ihm halb abgewandten, klassisch strengen Profil nur die grelle Lippen- und Augenbrauenfärbung und die kleinen Karmintupfen innen in der Nase, als hätte sie Nasenbluten gehabt. Auf den Wangen hatte sie kein Rot aufgelegt. Auch das Blut war aus ihnen noch immer gewichen. Sie bemühte sich, möglichst ruhig zu scheinen. Aber das Streichholz flackerte in ihrer Hand, und ihre Finger zitterten, als sie es in den Aschbecher warf.
„Ihr Bruder arbeitet jetzt wahrscheinlich schon in München“, sagte sie gezwungen gleichgültig, mit schwankender Stimme, ohne ihn anzusehen. „Es kann da sehr schnell gehen, wie ich ihn kenne! Er ist ja so geschickt! Vielleicht. lockt er morgen um die Zeit schon Ihre Freunde hinüber in die Pfalz und liefert sie dort dem Colonel ans Messer! Es ist ein weit angelegter französischer Plan, um die Münchener Störenfriede in der Pfalz zu verderben.“
„Wenn die ganze Geschichte überhaupt wahr ist.“
Sie musste beinahe lachen. Sie zuckte bitter die Achseln:
„Glauben Sie, dass ich mich zum Vergnügen Ihnen gegenüber verraten habe?“
Der Chauffeur öffnete den Wagenschlag und schaute herein, ob die Insassen noch nicht ausstiegen. Draussen leuchtete hinter ihm ein menschenbewegtes, buntscheckiges, stimmensummendes Fastnachtsgewimmel auf. Sie gab dem Mann einen ungeduldigen Wink. Er zuckte zurück. Die Tür schloss sich leise wieder.
Die Frau in der Ecke fröstelte in einem jähen Angstanfall in sich zusammen. Sie zog schauernd die Schultern hoch. Sie nagte mit den weissen Zähnen an der blutleeren Unterlippe und klappte, unter dem dunklen Mantelsaum, mechanisch die Fussspitzen hin und her. Sie schimmerten weiss. Er sah mit Erstaunen, dass sie Sandalen an den blossen Füssen trug.
Er stand uribequem, gebückt, mit gekreuzten Armen und gefurchter Stirn. Er grübelte düster, mit verbissener Anstrengung. Er kämpfte mit sich. Sie versetzte leise, erschöpft: