Kitabı oxu: «Grischa der Geiger»

Şrift:

Rudolf Stratz

Grischa der Geiger

Saga

Grischa der Geiger

Copyright © 1936, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont

All rights reserved

ISBN: 9788711507391

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

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Still: Grischa geigt . . .

Es gibt tausend Töne in dem längst von der roten Kreml-Regierung beschlagnahmten Wolkenkratzer des einstigen altrussischen Millionärs Grigorieff. Noch ragt der schmale, hohe Steinkoloss des alten Teehändlers hoch über die zahllosen Kirchenkuppeln und Klostertürme und Dächermeere Moskaus. Aber drinnen hausen zu Hunderten, froh von Sowjets Gnaden ein Plätzchen gefunden zu haben, grau durcheinander, die Menschen von 1924, die Masse Mensch der neuen russischen Zeit. In allen Stockwerken schreien die Kinder, an der Riesenherden klappern sechs, acht Beamtenfrauen und Fabrikarbeiterinnen und alte Gräfinnen zugleich mit den Kasserollen, ununterbrochen schrillen die Flurklingeln, die Treppent dröhnen von stampfenden Schmierstiefeln. Denn der Lift ist seit Jahren als Abfallschacht für den Abhub der Haushalte verwendet und bis zur halben Höhe des einstigen Palastes mit Asche und Porzellanscherben, Klaviertrümmern, zerbrochenen Marmorbadewannen, zerschlagenen Spiegeln, verfaulten Gemüsestrunken, verwesten Katzen gefüllt.

Aber wenn Grischa seine Geige nimmt und spielt, dann klingen und schwingen die schluchzenden, zitternden Töne durch all den Alltagslärm. Alle Zimmertüren im langen, linken Flur des dritten Stockwerks öffnen sich. Bärtige Männerköpfe, blasse Frauengesichter lauschen.

Auch die Türe zu Grischas Gelass haben sie aufgemacht, um ihn zu hören. Es ist ein einstiges Luxusboudoir im Stil Ludwigs des Vierzehnten, das Grischa, der Ärmste der Armen, mit drei Schicksalsgenossen teilt. Noch hängen Reste der Seidentapete an den grob weiss getünchten, mit Wanzenblut rotgetupften Wänden. Die Deckenkassetten aus Rosenholz sind längst verfeuert, die Parkettäfelung herausgerissen. Ein zertrampelter, mit Hunderten von Brandlöchern der Zigarettenstummel übersäter kostbarer altpersischer Teppich aus der berühmten Kunstsammlung des alten Grigorieff deckt die Sandschicht des Fehlbodens.

Zwei breite Kalkstriche mit dem Tüncherpinsel auf dem Teppich, eine Wandecke — diese Fläche von drei Ellen im Geviert — ist, innerhalb des ganzen Zimmers, Grischas Reich. Sein eisernes Feldbett lehut, für den Tag zusammengeklappt, an der Mauer. Auf den Resten eines Barocksessels daneben sitzt er, die Geige an der Schulter — mittelgross, in der ersten Hälfte der Dreissig, mit weichem, kurzem, blondem Volbart und langen, wirren, blonden Haarsträhnen.

Echt russisch der Schnitt seines schwermütigen Gesichts — die etwas vorspringenden Backenknochen, die breiten Nasenflügel. Träumerisch die blauen Augen. Kindlich-freundlich die Wölbung der stark aufgeworfenen Lippen.

Abgeschabt, an der linken Schulter von der Geige abgewetzt, sein europäischer Rock. Ausgefranzt die langen Hosen über den mit Rüstern vollgeflickten Schaftstiefeln, kragenlos das am Brustsaum rotgestickte Hemd.

Und Grischa geigt . . . Seine etwas groben Züge haben sich verklärt. Sein Blick verliert sich ins Weite. Er träumt mit offenen Augen und spricht wie im Traum.

Spricht leise, mit dem Geigenspiel seine Worte übertönend zu dem ehemaligen Psalmensänger Jermolai, seinem Kreidestrich-Nachbarn im Zimmer, der dicht neben ihm kauert, dürr wie ein Skelett, eine fahlgraue, läusebedeckte Wildnis sein Haar und Hängebart, unheimlich gross die Nase zwischen den eingefallenen, rotgefleckten Wangen des Schwindsüchtigen.

„Heute nacht, Jermolai, wagen wir den grossen Schlag!“ raunt Grischa im Geigen. „Wenn ihr drei hier im Zimmer, denen ich Vertrauen geschenkt habe, euer Leben aufs Spiel setzt und mir helft!“

„Wie sollten wir nicht?“ Ein Hustenanfall erstickt die halberloschene Stimme des kranken Kirchensängers. Er speit auf den Teppich. Er röchelt. „Seit Jahren spricht Moskau von den hier im Hause verborgenen Schätzen. Uns armen Knechten Gottes fallen sie zu!“

„ . . . und diese eine Nacht kehrt nie wieder!“ Grischa der Geiger führt stürmisch den Bogen über die Saiten. „Ich will dir jetzt verraten, warum es heute geschehen muss oder nie! Drüben um die Strassenecke, auf dem Arbât, liegt Litzband, der grosse Sowjetkommissar, im Sterben. Gleich nach seinem Tode wird seine Leiche nachts bei Fackelschein in feierlichem Zug in den Kreml geleitet werden. Alles wird aus diesem Hause hier hinaus nach der Strassenecke laufen, um das Schauspiel zu sehen. Diese einzige Nacht im Jahr ist das Haus meines Vaters hier auf kurze Zeit von seinen Hunderten von Bewohnern leer. In dieser einzigen Nacht kann ich mein Eigentum, die hier im Hause vermauerten Kunstschätze meines Vaters, heben und ins Ausland retten. Seine Sammlung altrussischer Kleinodien war einst weltberühmt, Jermolai! Sie ist Millionen wert!“

„Wir alle werden reich, die es wagen und mit dir gehen!“ keucht der Kirchensänger und wirft über die Schulter einen schnellen, bedeutungsvollen Blick nach dem Flur. Dort wuchtet eben mit schweren Schritten, wie zufällig, in seinem roten Hemd der riesige Hausverwalter Ossip, der Einäugige, genannt „der Gottlose“ vorbei.

„Allein kann ich es nicht vollbringen . . .“ Grischa geigt. „Darum habe ich euch Mitbrüder hier im Zimmer in meinen Plan eingeweiht. Ihr seid die Mühseligen. Ihr habt nichts zu verlieren und alles zu gewinnen!“

„So ist es, Herr!“ murmelt der Psalmensänger Jermolai.

Über Grischas Haupt hängt an der Wand ein Kalender. Er zeigt den 13. März 1924. Der blonde Geiger wirft einen Blick hinauf und spielt.

„Ich bin längst kein Herr mehr!“ sagt er dabei, „ich bin ein Bettler wie ihr — ich, der Sohn des Millionärs Grigorieff, den ganz Russland kannte. Seit sieben Jahren esse ich das Brot der Fremde und ernähre mich kärglich in Deutschland und Frankreich als armer Musikant. Und doch bin ich kein Bettler, sondern reich. Denn mein sind die Schätze hier im Haus, nach denen der Kreml seit Jahren vergeblich sucht, um sie zu beschlagnahmen. Ihr hier im Zimmer, ohne die ich nichts machen kann, ihr allein, Jermolai, wisst, wer ich bin und warum ich mit einem falschen Pass nach Russland kam . . .“

„Wir schweigen, Herr!“

„Hütet nur jetzt eure Zunge, vor der letzten entscheidenden Nacht! Denkt daran, dass ihr innerhalb vierundzwanzig Stunden mit mir erschossen werdet, wenn sie am Lubjanka-Platz merken, dass ich der Sohn Grigorieffs bin und ihr es wusstet, ohne es zu melden!“

„Gott schütze jeden vor der Geheimpolizei, Herr!“ Ein Krampfanfall von Husten schüttelt das lebende Gerippe des Psalmensängers. Er keucht zwischen den Anfällen: „Gott hat mich gestraft.“ Er erhebt sich. „Ich muss frische Luft schöpfen, Herr — verzeiht!“ ächzt er und wankt zur Türe hinans und auf den Flur und in das Treppenhaus.

Dort steht auf dem Stiegenabsatz Ossip der Gottlose, in rotem Hemd und Ledergürtel und hohen Stiefeln, brutal das Antlitz mit dem dunklen Schnurrbart, und spuckt zerbissene Sonnenblumenkerne auf die Schmutzkruste der Stufen. Der Riese richtet sein einziges, tückisches, kleines Auge gespannt auf den Kirchensänger.

„Wir haben ihn!“ keucht Jermolai und fasst den andern in der Aufregung am roten Ärmel. „Heute nacht will er die Schätze heben! Sie müssen hier im Haus verborgen sein, wo wir sie seit Jahren vergeblich suchen. Von der Dachplattform bis zu den Kellern haben wir alles durchstöbert, alle Wände beklopft, alle Räume ausgemessen. Umsonst! Nun wird er uns selber an das Versteck führen, der Narr! Ich fahre gleich nach dem Lubjanka-Platz und melde es der Geheimpolizei!“

Die Mienen der beiden Spitzel des Kreml leuchten. Trotzdem unzufrieden der tiefe, rauhe Bass des Gottlosen:

„War er schon zu Ende mit seinen Plänen für heute nacht? Nein? Warum liefst du fort, während dieser dumme Vogel noch seine Geheimnisse ausplauderte?“

„Damit keine Zeit verloren geht, Genosse! Inzwischen redet er mit Ilja weiter!“

„Und ihm vertraut er auch?“ forscht der Ginäugige.

„Uns allen dreien! Grigorij Grigorieff ahnt nicht, dass er in unserem Zimmer nur von uns Geheimagenten umgeben ist!“

Droben, in dem Wanzengemach Ludwigs des Vierzehnten, hockt neben Grischa klein, dick, weissköpfig und verwahrlost, der Vater Ilja, der einstige grosse Branntweinpächter. Wässerig glitzern die rotgeliderten Äuglein in dem gedunsenen Trinkergesicht. Er lauscht mit offenem, zahnlosem Mund, die Wurstfinger über dem Spitzbauch gefaltet, und Grischa geigt und spricht — mehr zu sich als zu dem alten Bettler.

„Dies ist meines Vaters Haus . . .“ sagt er. „Hier sind meine Kindheitserinnerungen. Hier bin ich aufgewachsen. Wenn ich die Augen schliesse und geige, dann steht meines Vaters Haus wieder vor mir, wie es einst war. Glanzvoll die Säle. Alles voll Menschen. Ausländer kommen, um die Sammlungen zu besichtigen, Gelehrte, Museumsdirektoren. Generale mit Ordenssternen sind bei meinem Vater zu Tisch. Teehändler, Baumwollhändler, Pelzhändler — Geschäftsfreunde aus England und China, Künstler — mein Vater hielt ein offenes Haus!“

„Ich habe ihn noch oft gesehen!“ Es klingt heiser aus Vater Iljas Kehle. „Damals, als er vor dreissig Jahren dies Haus baute. Damals übernahm die Krone von uns Branntweinpächtern den Verkauf in den Schnapsbuden. Ich setzte mich als reifer Mann zur Ruhe. Harte Menschen nahmen mir Greis vor sieben Jahren Glück und Geld!“

Vater Ilja sieht sich vorsichtig um, ob auch niemand diese fredelhafte Lästerung wider die Schreckensmänner drüben auf dem Kreml gehört hat. Dann krächzt er weiter:

„Ob ich ihn noch gekannt habe — den alten Grigorieff und deine selige Mutter, Grischa! Bedächtig schritt er daher, dein Vater, im Überschlagpelz mit Gürtel und in hohen Filzstiefeln, langbärtig — sich vor jedem Heiligenbild bekreuzigend, ein Russe vom alten Schlag.“

„Mein Vater war noch als Leibeigener geboren!“ Grischas Bogen zittert nur noch ganz leise auf der G-Saite. „Wir stammen aus dem Volk. Wir vergassen es. Ich wurde als das einzige Kind wie der Sohn eines Bojaren erzogen. Für diese Trennung vom Volk hat Gott uns Hoffärtige gezüchtigt. Erst draussen in der Fremde habe ich zum Volk zurückgefunden, weil ich selbst wieder dazugehörte. In der Armut habe ich euch Arme liebgewonnen. Ihr seid meine Brüder, Ilja, und sollt es bleiben, auch wenn ich wieder ein grosser Herr bin. Ich glaube an euch!“

„Ich höre es mit Dank gegen Gott, Euer Wohlgeboren!“ Der greise Spion des Kreml nickt andächtig. Ein lauerndes Lächeln läuft über seine schnapsroten Züge. Er rückt zutraulich näher. „Ihr sagtet, Herr: das Versteck öffnet sich auf einen leisen Fingerdruck und schliesst sich geräuschlos wieder?“

„Mein Vater zeigte mir vor zehn Jahren, ehe ich in den Krieg ging, die Stelle, die sonst niemand auf der Welt kennt. Du meisst, ich habe ihn nicht wiedergesehen. Nach drei Jahren erfuhr ich in der deutschen Kriegsgefangenschaft, dass er sich auf der Flucht vor den roten Garden Moskaus in Nishni-Nowgorod von der Jahrmarktsbrücke in die Wolga gestürzt hat!“

„Gott helfe ihm!“ Vater Ilja schlägt mit zitterigem Zeigefinger ein Kreuz. „Dir werden wir helfen! Wir schliessen das leere Versteck wieder, als sei nichts geschehen. Wir verwahren die Schätze hier in unsern paar Kästen und Laden. Wer vermutet etwas bei uns Armseligen? Machmet“, er blinzelt in die Ecke der Stube, „trägt die Stücke einzeln zwischen seinen Teppichen aus dem Haus, ohne dass ein Milizionär draussen etwas merkt!“

Aber Machmet, der schlitzäugige, fast bartlose Teppichhausierer, ist jetzt nicht zu sprechen. Er ist ein Tatar. Er glaubt an Allah. Er kniet in seinem langen dunkelblauen Kaftan und den weissen Baumwollhosen auf seinem Gebetteppich und presst Stirne und Handteller gegen die buntgeknüpften Wollfäden und murmelt seine Abendandacht.

„Und der Mensch, zu dem der Tatar die Kostbarkeiten bringt . . .?“ Grischa lässt zögernd den Bogen sinken.

„Der Lithauer Keleidis ist beglaubigter Fremdendolmetscher!“ tröstet Vater Ilja. „Er ist ständig mit den Ausländern in Berührung. Es ist ihm ein leichtes, eine versiegelte Kiste als zollfreies fremdes Diplomatengut in das Ausland zu verschicken. Natürlich fällt auch für ihn dabei etwas ab — ein goldener Becher — ein juwelenbesetztes Kruzifix. Seien Sie unbesorgt, Herr! Keleidis gibt Teegeld und besticht, wo es nötig ist. Er ist treu wie Gold! Und nun“ — der greise Branntweinpächter rappelt sich schwerfällig auf die Beine, „mit Gott!“

Vater Ilja steigt die Stufen des Wolkenkratzers hinab. Er tastet sich an einem gespannten Strick. Das kunstgeschnitzte Geländer aus einem altfranzösischen Barockschloss ist längst zu Kleinholz gehackt. Noch lachen nasenlose Amoretten von den Wänden. Es dünstet im Stiegenhaus nach Kohlsuppe, nach Zigaretten, nach Tee und Leder und aus einem Konzertflügel in der Ecke, der als zuklappbarer Abort dient. Drunten zur ebenen Erde weht frische kalte Märzluft von der Strasse herein. Dort steht, die Hände im Ledergürtel, Ossip der Gottlose. Vater Ilja gesellt sich zu ihm.

„Wo ist der Psalmensänger?“ fragt der Spitzel Ilja.

„Zur Geheimpolizei!“ erwidert der Spitzel Ossip. „Er hatte recht: es ist keine Zeit zu verlieren, falls Litzband wirklich heute nacht stirbt!“

Um die Ecke, in der Arbâtstrasse, vor dem Hause des grossen Kommissars Litzband, steht im Abendgrauen eine ebenso graue, stumm wartende Menschenmenge. Von dort stiefelt ein langer, hagerer, leidlich, aber kragenlos gekleideter Mann auf das Haus Grigorieff zu. Graue Wolfsaugen liegen tief in seinem bartlosen, grob wie mit

der Holzaxt ausgehauenen Antlitz. Ein paar flachsblonde Strähnen lugen unter der spitzen hohen Pelzmütze vor. Keleidis, der litauische Fremdendolmetscher und Polizeispion, schüttelt den beiden, Ossip und Ilja, die Hand, hebt zweifelnd die Schultern, lässt sie fallen.

„Wie es mit Litzband steht?“ sagt er. „Man weiss es nicht. Noch lebt er, wie es scheint . . .“

Er tritt zur Seite. Die Räder der Droschke, die plötzlich neben den dreien hält, spritzen weithin den tauenden Schneeschlamm der Fahrbahn über den vereisten Bürgersteig. Aus dem kleinen, offenen Gefährt beugt sich ein eleganter Herr. Er hat den Kragen seines Pelzes so hoch über die Ohren geschlagen, dass man fast nichts von seinem Antlitz sieht.

„Ich traf den Psalmensänger am Lubjanka-Platz!“ sagt er leise und schnell zu den Spionen. „Lasst den Geiger Grischa nicht aus den Augen, ausser wenn er zu dem Amerikaner Roop geholt werden sollte. Dort bin auch ich heute abend und überwache ihn! Wo ist er jetzt?“

„Er geigt oben sein Sterbelied!“ grinst Vater Ilja.

„Wer ist bei ihm?“

„Der Teppichhändler Machmet.“

„Gut denn! Fahr zu!“ Der Wagen mit dem grossen Geheimagenten spritzt weiter die Powarskaja hinab rechts und links seine schmutzig grauen Schneewasserfluten.

Oben hat Machmet der Tatar ausgebetet. Er steht vor Grischa. Er zwinkert treuherzig mit den Schlitzaugen. Er hebt mit einer bittenden Bewegung die inneren Handflächen.

„Was hast du, Machmet?“

„Du schenkst uns so viel Vertrauen, unser Ernährer! Lasse deine Sonne voll aufgehen! Nenne mir den Ort des Verstecks!“

„Erst heute nacht!“ sagt Grischa und fügt mit einem seltsamen Lächeln hinzu: „Es ist gar nicht so fern! Es ist vielleicht viel näher, als du ahnst!“

Der krummbeinige kleine Tatarenspitzel wartet auf weiteren Bescheid. Es kommt keiner mehr. Da nimmt er seufzend seinen Teppichballen auf die Schulter, um ihn jetzt, vor sinkender Nacht, sicher in einem Gewölbe in den Kaufmannsreihen drüben aufzubewahren, und schleicht gebückt hinaus. Und Grischa ist im Zimmer allein mit seiner Geige.

2.

Die Geige des Geigers Grischa war verstummt. Sie ruhte auf den Knien des einsamen Mannes in der Nummer acht des dritten Stockwerks im einstigen Wolkenkratzer Grigorieff. Zwischen dem kurzen, krausen, blonden Vollbart und den langen, blonden, wirren Haarsträhnen träumten in dem schwermütigen, etwas backenknochigen Gesicht mit der breitgeflügelten Nase die weichen, blauen Augen des Geigers Grischa in die Dämmerung.

Aus der Dämmerung steigt wieder die Erinnerung. Sie webt in den Winkeln des kahlen Raumes. Der Raum wandelt sich. Er wird zu dem Prunkgemach von einst. Er weitet sich zu einer Flucht von Sälen. Die Toten sind anferstanden und leben und lachen und lärmen unter dem Wachskerzenschimmer der Kronleuchter zwischen den hohen Spiegelwänden auf den glitzernden Parkettflächen — die langbärtigen, altrussischen Grosskaufleute und ihre in grellfarbiger Seide herausgeputzten, mit Diamantentränten in den Ohren und Haselnussperlen um den Hals und Riesenbrillanten an allen Fingern beladenen rotbäckigen Frauen. Und unter ihnen, nur nicht vom Jahrhunderte alten Schlag wie sie, der Vater — der Sohn des Leibeigenen — der Millionär . . .

Nein. Zur ebenen Erde, da, wo in den Kontoren seines Teehandels Russen und Chinesen, altgläubige Hebräer und Westeuropäer sich die Türklinke in die Hand geben, da sitzt der Vater. Er hat, wie alle diese urmoskowitischen Rubelkönige, in seiner Jugend wenig mehr als Lesen und Schreiben gelernt. Und wenn er es nicht könnte — sein einfaches Wort genügt drüben am Karuninskiplatz auf der Börse und draussen auf dem äusseren Markt von Nishni-Nowgorod. Er sitzt und schiebt, Zahlenreihen aus dem Kopf vor sich in den Patriarchenbart murmelnd, die klappernden Kügelchen der Rechenmaschine. Er schlürft noch, wie sein Grossvater und Urgrossvater es getan, den Tee bedächtig aus der Untertasse. Er trägt in der Auferstehungsnacht die flackernde Osterkerze behutsam durch die Windstösse von der Moskwa her aus der Erlöserkathedrale nach Hause. Er missbilligt aus tiefster Seele das gottesferne Westeuropa — das verfaulte Ausland, das er nie gesehen. Er hängt am Brauch der Väter, am heiligen Russland. Und was er, der Teehändler aus dem Volke, ist und was er in seinem langen Leben mit seinem natürlichen Verstand an Türmen von Rubelscheinen rafft, das vollendet sich da oben im ersten Stockwerk in seiner weltbekannten Sammlung altrussischer Kunstschätze. Mit ihr, statt der riesigen Findelhäuser und Krankenanstalten, die andere Moskauer Krösusse stiften, entschuldigt er seinen Reichtum vor Russland.

Draussen schrillte die Flurklingel zweimal. Eine Pause. Noch zweimal. Das war das am Tor angeschlagene Zeichen für Nummer acht. Für den Raum, in dem der Geiger Grischa zusammen mit Vater Ilja und dem Psalmensänger und dem Tataren hauste.

Von den dreien war keiner da. Grigorij Grigorieff schrak aus seinen Gedanken auf. Er erhob sich. Er ging durch den Flur und öffnete die Türe. Er fragte:

„Was beliebt Ihren, Senossin?“

Das junge Mädchen, das draussen stand, war gross und schlank selbst in dem langen, billigen Pelz, der ihr bis zu den vom Eisschlamm bespritzen hohen Gummistiefeln reichte. Unter der Pelzmütze zeigte ihr angenehmes, von der Märzkälte gerötetes Gesicht einen Ausdruck von Ernst und Bestimmtheit über ihre fünfundzwanzig Jahre hinaus.

„Ich suche den Geiger, der hier wohnt!“ sagte sie mit heller, frischer Stimme. Sie sprach fliessend russisch. Aber Grischa merkte doch den deutschen Anklang.

„Nun — ich bin es!“ versetzte er.

Die Fremde zog die Rechte aus dem Pelzmuff, streifte den Wollhandschuh ab und reichte Grischa nach russischem Brauch die Hand.

„Ich habe eine Bestellung, Genosse Grischa!“

„Belieben Sie mir zu folgen!“

Innerhalb seines Kreidevierecks im Zimmer Nummer acht rückte Grischa seinen einzigen wackeligen Stuhl für die Besucherin zurecht. Er selber stellte sich davor und wartete schweigend und traumversonnen.

Das junge Mädchen liess seine klaren, hellbraunen Augen durch den verkommenen Prunkraum schweifen. Sie nickte kaum merklich vor sich hin, als wollte sie sagen: ‚So habe ich es mir gedacht! So sieht es überall in Moskau aus!‘ Dann hob sie den hübschen ernsten Kopf. Sie hatte eine grosse Sicherheit im Auftreten.

„Ich komme im Auftrag des Mr. William J. Roop!“ sagte sie.

„Was ist das für ein Vogel?“

Es klang gelangweilt. Die Besucherin lächelte nur dazu. Sie wusste mit Russen und ihren sprunghaften Launen umzugehen.

„Ein grosser amerikanischer Geschäftsmann, der seit Monaten hier mit dem Sowjetkommissar für Schwerindustrie wegen Maschinenlieferungen aus den Vereinigten Staaten verhandelt! Die Regierung hat ihm eine eigene fünfzimmerige Wohnung in der Iwerskaja angewiesen!“

„Das ist für Moskauer Verhältnisse etwas Gewaltiges! Er muss ein ganz grosser ausländischer Blutsauger sein!“ sagte Grischa halb geistesabwesend. Seine Gedanken waren bei der nahenden Nacht.

Die Fremde überhörte das mit vollem Gleichmut. Sie fuhr fort:

„Mr. Roop ist ein grosser Freund Russlands und namentlich der russischen Kunst und Musik. Er hat heute abend Gäste. Er will sie durch echt russisches Geigenspiel unterhalten! Ein russischer Geschäftsfreund hat ihn auf Sie aufmerksam gemacht! Pflegen Sie nicht zuweilen an der Strassenecke zu spielen, Genosse Grischa?“

„Nun — man muss leben!“

„Da eben hat Ihr Landsmann Sie wiederholt gehört! Das, was aus Ihrer Geige klingt, sagte er zu Mr. Roop, sei die unverfälschte Seele des russischen Volkes. Mr. Roop war begeistert. Ich bin seine Sekretärin. Er schickt mich, Sie zu holen!“

„Ich kann heute abend nicht spielen!“

„Was hindert Sie?“

„Ich bin beschäftigt. Auch fühle ich mich nicht wohl!“

„Sie sehen blühend aus“, sagte Mr. Roops Sekretärin in ihrem deutsch gefärbten Russisch mit freundlicher Bestimmtheit. „Und was Sie sonst in Anspruch nimmt“ — wieder ein Blick durch die armselige Öde von Nummer acht — „erbarmen Sie sich: was wird es schon Grosses sein? Belieben Sie zu erwägen, dass Mr. Roop über Dollarvaluta, soviel er will, verfügt! Ihn kümmert es nicht, was ein Ischerwonez oder eine Kopeke wert ist! Er rechnet nach amerikanischem Massstab. Er zahlt mit offener Hand, so wie er in New York zahlen würde!“

. . . Valuta . . .

‚Du könntest sie brauchen, Grischa‘ . . . ging es dem blonden Geiger durch den Kopf. ‚Der Mangel an Geld — das eben ist ja für deinen Plan das Schlimmste — das Gefährlichste . . .‘

„Mr. Roop ist ein aufgeräumter, leutseliger Charakter. Er hält es mit Leben und Lebenlassen. Er gibt Ihnen heute soviel Rubelnoten Sie wollen nach Hause mit!“

Grischa . . . Grischa . . . Wie würde, wenn alles geglückt ist, ein solches Bündel Scheine deine Flucht in das Ausland erleichtern, statt dass du dich armselig Wochen, Monate lang durchhungern, durchschlagen, durchfiedeln musst — in steter Sorge, entdeckt zu werden — mit deinem falschen Pass Nr. 504 392 . . .?

„Und doch ist es mir nicht möglich!“ versetzte Grischa der Geiger finster und verbissen.

Die Türe flog dröhnend auf. Ossip, der Hausverwalter, stapfte herein. Hinter ihm her der Vater Ilja. Der einäugige Riese in rotem Hemd tat, als suchte er nach dem Psalmensänger Jermolai. Es war ein Vorwand, um sich zu überzeugen, dass Grischa noch im Zimmer sei. Der zahnlose alte Ilja lispelte inzwischen aufgeregt:

„Weisst du es schon, Grischa: mit Litzband drüben um die Ecke geht es wieder etwas besser! Er wird diese Nacht noch überleben!“

„Machen Sie sich fertig, Genosse Grischa! Mr. Roop erwartet Sie!“ drängte das junge Mädchen.

Mr. Roop . . . Aus der einzigen Pupille des Gottlosen zuckte ein Blitz des Einverständnisses hinüber zu den schnapsfeuchten Augen des Branntweinpächters . . . Roop . . . das war der Name, den vorhin am Hauseingang unten der Unbekannte in der Droschke genannt hatte! Dorthin durfte man, nach seiner Weisung, Grischa den Geiger unbesorgt gehen lassen . . . Dort war heute abend der Unbekannte selber und überwachte ihn.

Und Grischa der Geiger fuhr in seine zerschlissenen Galoschen, hängte sich seinen abgeschabten Schafpelz um, stülpte die verblichene blaue Schirmkappe auf das lange blonde Haar und nahm seine Violine.

„Gut denn — ich spiele!“ sprach er zerstreut, „doch unter der Bedingung: ich bin ein Sohn des roten Russland und den Räten der Bauern und Arbeiter untertan! Sollte heute abend der Tod des grossen Genossen Litzband gemeldet werden, so bin ich zu erschüttert, um euch Bürgern weiter in die Ohren zu geigen. Ich klappe meinen Kasten zu und gehe nach Hause.“

Draussen, vor dem Wolkenkratzer, blieb das junge Mädchen stehen, schaute sich um und schlug sich ärgerlich mit der flachen Hand vor die Stirne.

„Ich bin doch wirklich zu dumm! Ich schicke meine Droschke weg, weil ich nicht wusste, wie lange es da oben dauern würde, bis ich Sie fand! Und nun ist weit und breit bei dem furchtbaren Schmutz kein Fuhrmann in Sicht!“

„Wir müssen eine Strecke zu Fuss gehen! Wir Armen sind das gewohnt!“ sprach Grischa schwermütig. „Ich kann Sie ja durch die Pfützen tragen!“

„Danke! Ich komme im Leben allein durch! Aber wenn Sie das nur Pfützen nenner . . .“

Das waren ganze schmutziggraue Seen von schmelzendem Schnee, die die Fahrbahn bis über den Bürgersteig hinaus überschwemmten. Moskau im März. Moskau im Matsch. Es tröpfelte und triefte von den Dächern, unter den Galoschen knirschten morsche Eisbänke, Bäche rieselten von tauenden Schneehügeln und sammelten sich in grossen, knietiefen Pflasterlöchern, auf deren Grund immer noch neue verharschte Schichten von Wintereis der Frühlingssonne harrten.

Es war ein mühseliger Marsch. Aber er schien Grischas Begleiterin nichts anzuhaben. Er musterte sie im Gehen von der Seite. Das Profil des ernsten, ruhigen Mädchengesichts zeigte ihm die Willenskraft eines Menschen, der schon viel im Leben durchgemacht hat. Jetzt lachte sie und sagte, unbekümmert mit ihren hohen Gummigaloschen durch einen Morast voll schwimmender Eisbrocken watend:

„Dieser Sumpf erinnert mich lebhaft an meine Moskauer Kindheit!“

Da war wieder der deutsche Anklang in ihrem fliessenden Russisch. Grischa sprach das schwere, volltönende, echte Russisch Moskaus. Er fragte:

„Sind Sie eine Deutschstämmige?“

„Ich bin eine Reichsdeutsche!“ sagte das junge Mädchen. „Aber hier in Moskau geboren und aufgewachsen. Mein Vater stammt aus Leipzig. Er hatte hier in Moskau ein schönes Pelzmagazin an der Schmiedebrücke. Als der Krieg ausbrach —— vor zehn Jahren — konnte er gerade noch mit uns nach Deutschland flüchten. Wir verloren alles.“

„Und wohin führte Sie draussen Gott?“

„Dahin und dorthin in Deutschland!“ sagte das junge Mädchen. „Mein Vater schlug sich so durch. Vor einem Jahr starb er in Berlin. Meine Mutter und ich standen allein. Sie stammt aus den Ostseeprovinzen. Von dort ist jetzt auch keine Hilfe. Das bisschen, was wir noch hatten, verschlang die Inflation. Ich suchte nach einer Tätigkeit. Aber Berlin ist ja von russischen Flüchtlingen überfüllt. Da kam Mr. Roop. Er versteht kein Wort Russisch. Er brauchte eine Dolmetscherin und Sekretärin für seinen Aufenthalt in Moskau.“

Das junge Mädchen sprach lebhaft und freimütig. Grischa merkte, dass er ihr gefiel.

„Nun — er hätte sie auch hier unter wahren Russen finden können!“ sprach er launisch.

„Und Gott hätte ihm eine Agentin der Geheimpolizei beschert, so sicher als die Sonne hinter den Sperlingsbergen untergeht!“ Das junge Mädchen lachte hell. „Genosse Grischa — das wissen Sie doch so gut wie ich! Davor war Mr. Roop schon in Berlin gewarnt. Go fiel seine Wahl auf mich als Reichsdeutsche!“

„Wie alt ist dieser Geldsack?“

„Wieder leitet Sie Ihr Scharfsinn fehl, Genosse Grischa! Mr. Roop ist schon zu Anfang Fünfzig und leidenschaftlich verliebt!“

„In Sie?“

„Wie denn in mich? In seine Frau ist er verliebt. Er spricht den ganzen Tag von ihr. Er kabelt ihr jeden Tag. Sie ist zwanzig Jahre jünger als er. Eben weil er sie so liebt, hat er sie und die beiden Kinder nicht mit nach Russland genommen, sondern in Amerika gelassen. Nun gehe ich ihm auch hier im Haushalt zur Hand und passe auf, dass er nicht zu grimmig bestohlen wird. Ich kenne ja Moskan bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr.“

„Nun — und Sie, Genosse Grischa?“ Sie wandte ihm mit einem plötzlichen Anflug von Befangenheit ihr

hübsches, braunäugiges Gesicht zu. „Ich habe Ihnen so viel von mir erzählt. Ich weiss selber nicht, wie ich dazu kam. Von wo kommen Sie? Wie lange sind Sie schon in Moskau?“

„Was ist von mir zu berichten?“ sagte Grischa der Geiger. „Sie waren hier eine Herrenmässige. Ich bin einer von den Vielen. Mein Vater ernährte sich als Ofenheizer auf einem Adelsgut im Iwerʼschen Gouvernement. Der Pope brachte mir Lesen und Schreiben bei. Zigeuner lehrten mich das Geigenspiel. Mit ihnen kam ich schon vor Jahren nach Moskau. Siehe da, Herrin!“ Er hob den Arm und winkte. „Da kommt eine leere Droschke!“

Der dick in den Hüften wattierte Iswoschtschik trieb sein struppiges Bauerngäulchen im Schritt durch einen kleinen See heran. Aber dann sagte er los, dass das Wasser hoch zu beiden Seiten unter den rasselnden Rädern aufspritzte. Das winzige Wägelchen ohne Rückenund Seitenlehne schwankte wild hin und her. Es war so eng, dass Grischas linkes Bein in die Luft hinaushing. Mit dem rechten Arm umschlang er den Pelz seiner Begleiterin.

„Sie werden sonst aus dem Wagen geschleudert!“ schrie er ihr durch den Lärm der Räder zu. „Warum suchen Sie sich meiner Hilfe zu entziehen? Missfalle ich Ihnen so?“

Das junge Mädchen drehte sich zu ihm herüber. Ihm schien, als habe sich unter der Pelzmütze die Windröte ihrer Wangen ein wenig verstärkt.

„Was sollte ich gegen Sie haben?“ sagte sie gelassen. „Ich kenne Sie ja gar nicht! Sind Sie wirklich der Sohn eines Ofenheizers?“

„Warum nicht?“

„Nun — Sie machen auf mich einen anderen Eindruck . . .“

„Sie sind eine Ausländerin!“ Grischa schüttelte feindselig abwehrend den blondmähnigen Kopf. „Sie waren zehn Jahre nicht in Moskau. Man hat sich dort ohne Sie beholfen! Was wissen Sie noch von Russland?“

„Je weniger heutzutage, desto besser!“ versetzte seine Begleiterin. Sie liess sich jetzt ruhig von ihm stützen. Das Wägelchen rasselte schon über die Twerskaja. Ein graues, farbloses Menschengewimmel wogte auf der endlosen Geschäftsstrasse Moskaus. Grau der Schnee am Boden. Grau der Schnee auf den Dächern. Grau der niedere Himmel. Grau die Welt.

„So halte doch, Bruder!“ Das junge Mädchen gab dem Jswoschtschik mit dem Muff einen freundschaftlichen Stups in den breiten, gepolsterten Rücken und wandte sich zu Grischa:

„Hier wohnt Mr. Roop!“

Im zweiten Stock des Hauses wurde ein Fenster geöffnet. Das grosse, runde, glattrasierte Gesicht eines wohlgelaunten grauköpfigen Gentleman blinzelte humoristisch herab.

„Haben Sie ihn, Fräulein Frobe?“ rief er mit dröhnender Stimme.

„Wohl! Da bringe ich den Volksgeiger, Mr. Roop!“ rief seine Dolmetscherin, leichtfüssig aus dem Wagen kletternd, in hellem Englisch zu dem breitschulterigen Yankee am Fenster empor. „Er ist so froh, kommen zu dürfen — lässt er Ihnen übersetzen!“

„Das ist nicht wahr!“ schrie Grischa der Geiger auf Russisch, während er behutsam, um sein Instrument nicht zu beschädigen, aus der Droschke stieg. „Fürchten Sie denn nicht Gott, so zu lügen? Fast mit Gewalt brachten Sie mich hierher!“

Das junge Mädchen riss die Augen auf und starrte ihn an.

„Wieso verstehen Sie denn Englisch?“ fragte sie. „Ich denke, Sie sind der Sohn eines Ofenheizers?“

Grischa der Geiger biss sich unter dem blonden Vollbart auf die Lippen. Er schaute finster die Iwerskaja entlang.

„Nun — ich genoss einigen Unterricht . . .“ sprach er endlich unsicher.

„In Englisch . . . von einem Dorfpopen im Twerschen? Oh, Genosse Grischa!“

„Nicht doch . . . hier in Moskau . . .“

„ . . . wo kein Mensch im Volk ein Wort einer fremden Sprache versteht?“ Das junge Mädchen lächelte. Es war ein freundschaftliches, still hilfsbereites Lächeln. „Sie brauchen nicht so verstört auszusehen, Genosse Grischa! Von mir haben Sie nichts zu befürchten! Ich sage es niemandem weiter und frage auch Sie nicht weiter, wer Sie sind!“

„Ja — bitte — vergessen Sie den Zwischenfall!“ sprach düster Grischa der Geiger und trat hinter ihr in das Haus an der Twerskaja.

3.

Und Grischa geigt . . .

Im Speisezimmer der Wohnung des Amerikaners William J. Roop in der Twerskaja sitzt er im Hintergrund, halb im Schatten, und fiedelt ohne Noten, so wie es ihm durch den bald schwermütigen, bald hoffnungsheissen Sinn geht, in die Ohren der Tischgäste, die der Vertreter der gewaltigen Nazareth-Stahl-Compagnie drüben in Detroit für heute abend zu sich gebeten hat.

Er, der Hausherr, der untersetzte, grauköpfige, glattrasierte Fünfziger ist der einzige in der Tafelrunde, der Grischa zuhört. Das grosse runde Geschäftsgesicht ist andächtig wie in der Kirche. Die nüchternen Augen schauen ergriffen in das Leere. Diese einfachen Töne aus Steppe und Birkenwald, diese unvermittelt wehmütigen und übermütigen Naturlaute der russischen Erde empfindet er mit — er, der Selfmademan aus der Prärie. Da ist nichts von der Kompliziertheit des überalterten Europa und seines raffinierten, unverständlichen Notengewirrs.

Seine Gäste kümmern sich nicht viel um das Gefiedel in der Ecke. Es sind nur Herren. Tsao, der greise chinesische Teehändler, in angelsächsischem Smokinganzug, steifer Hemdbrust und Lackpumps, blinzelt mit seinen klugen Schlitzaugen durch den Zwicker den grossen Blechkästen nach, in denen nur noch einzelne Kaviarkörner kleben.

„Dies ist der wahre Schwachgesalzene!“ spricht der alte ostasiatische Feinschmecker in feltsamem Englisch. „In meiner Jugend fuhr ich nach Astrachan und schöpfte den Kaviar ungesalzen mit der Hohlhand unmittelbar aus dem Bauch des Störs.“

„Ich hätte einen Zollstock mitbringen sollen, um die Länge Ihres Sterlett zu messen!“ sagte geniesserisch in etwas singendem Russisch Jechiel Bendavid, der krausbärtige Moskauer Hebräer von der strengen altgläubigen Sekte der Karaim, der Schriftgetreuen.

„Gospodin Bendavid drückt Ihnen seine Zufriedenheit mit der Bewirtung aus, Mr. Roop!“ dolmetscht vom Büffet her, wo sie den Aufmarsch der Schüsseln beaufsichtigt, seine Sekretärin, Fräulein Frobe. William J. Roop kehrt bei ihren Worten von Grischas Geigenspiel in diese Welt zurück. Er wird wieder der wohlgelaunte Hemdärmelmann von jenseits des grossen Wasfers, mit dem Wahlspruch: „Lächeln in allen Lebenslagen!“ Er schlägt geräuschvoll Gesinus van Aaken auf die Schulter, dem noch jungen Holländer-Erdölagenten mit dem von der Glut Zentralasiens im Kampf um den Petroleummarkt gebräunten Bulldoggenkopf.

„Sie sollen nicht länger bei Fischeiern und Fischgräten hungern!“ tröstet er ihrt. „Sehen Sie da die unwahrscheinlich riesigen Rippenstücke eines Kalbes, das nach russischer Art zwei volle Jahre hindurch ausschliesslich nur mit Milch, von einer Kuh nach der andern, gesäugt worden ist! Sind Sie zufrieden?“

„Nur wenn ich auf Ihre Gesundheit trinken darf, Fräulein Anna!“ spricht der Mynheer und hebt sein Glas nach dem Büffet hit und hört von dort Anna Frobes Antwort in gelassenem Französisch, das sonst niemand am Tisch versteht.

„Sie haben schon einen roten Kopf, Herr van Aaken! Denken Sie daran, dass Mr. Rockfeller, euer grosser Feind, nur Milch und Wasser trinkt!“

Und der Geiger in der Ecke merkt: Anna Frobe lässt sich nichts bieten. Sie hält sich die Gentlemen aller Nationen, jeden nach seiner Eigenart, auf drei Schritte vom Leibe.

Und Grischa spielt und kümmert sich nicht darum, was die Weltgeschäftsmänner drüben am Tisch reden. Es ist zu weit, um durch das Singen der Saiten das Gemurmel dort zu verstehen.

„Wie geht es Litzband?“

„Ich höre, etwas besser!“ spricht Gesinus van Aaken, und Tsao, der alte Chinese im Smoking, lächelt das rätselhafte Lächeln des Ostens.

„Er soll keine Schmerzen mehr haben!“ sagt er.

„Das wäre ein gutes Zeichen!“ meint arglos Jechiel Bendavid.

„Kurz — man weiss nichts Gewisses!“ entscheidet. William J. Roop und erhebt sich. „Endlich kommen Sie, alter Bursche!“ und zu der Tafelrunde gewendet: „Gentlemen — ich brauche diesen Herrn nicht erst bei Euch einzuführen! Ihr kennt ihn alle! Setzen Sie sich, Graf Ragosin!“

Der neue Gast war ein blasser, eleganter Russe zu Anfang Vierzig, mit der überschlanken, langen Gestalt und den schmalen, abfallenden Schultern des Petersburger Grossfürstentyps. Auch sein längliches, schnurrbärtiges Gesicht, dem die kurzen Bartstreifen an den Wangen etwas vom ehrbaren Kaufmann gaben, zeigte nichts vom derben Schnitt des Moskauer Grossrussen. Es erinnerte eher schon an die Ukraine oder auch noch weiter nach Süden hinab. Es war da noch eine fremde Mischung — in der bräunlichen Gesichtsfarbe, dem Schwarz der Augen und der Haare, etwas von der Levante.

Der Fremde schüttelte allen mit der verbindlichen Sicherheit eines Mannes der grossen Welt die Hände. Er hatte ungezwungen-geschmeidige Bewegungen, wie er seinen bisher leeren Platz an der Tafel einnahm. Er zeigte lächelnd unter dem dunklen Schnurrbart die weissen Zähne.

„Oh . . . nichts vom Grafen, Mr. Roop!“ versetzte er in ausgezeichnetem Englisch, das Grischa in seiner Ecke durch sein Seigenspiel hindurch nicht verstehen konnte. „Ich war es einmal — nach dem Willen Gottes! Ich muss es zugeben! Ich bin es vielleicht noch im Ausland! Aber hier in Russland bin ich ein schlichter Kunstmakler, ein Sohn der neuen Weltordnung, und füge mich ihr, die mir das Vertrauen schenkt, dass ich in ihrem Auftrag den Verkauf russischer Kunstschätze an das Ausland betätigen darf, so weit meine bescheidenen Verbindungen in Europa reichen!“

„Oh . . . sind Sie da nicht sehr traurig, mit uns Vertretern des verruchten, westlichen Kapitals an einem Tisch sitzen zu müssen, Herr Ragosin?“ erkundigte sich Gesinus van Aaken.

„Ich halte mich grundsätzlich streng von aller Politik fern, gerade weil ich kaufmännisch zwischen Moskau und dem Ausland vermittele!“ Sergius Ragosin ging plötzlich in leidliches Holländisch über. Er erhob sich und verbeugte sich liebenswürdig nach der Türe, durch die eben vom Flur aus Anna Frobe rasch einmal nach dem Rechten schaute.

„Guten Abend, meine Gnädigste!“ rief er in tadellosem Deutsch. Dann fiel sein Blick auf den blonden Seiger in der Ecke, und seine Sprache wurde russisch laut und vertraulich, so dass jener seine Worte verstehen konnte.

„Sieh — da bist du ja!“ winkte er. „Komm näher, Grischa!“ Er reichte dem Spielmann aus dem Volke brüderlich die Hand. „Sind Sie mit meiner Empfehlung zufriedent, Mr. Roop?“ Es klang wieder Englisch und dann, während Grischa düster an seinen Platz zurückkehrte, zu den anderen Gästen: „Ich habe den Teufelskerl ein paar Mal auf dem Arbât-Platz spielen hören. Ich erkundigte mich bei dem nächsten Milizionär. Er wohnt im ehemaligen Palast Grigorieff . . .“

„Einem Gespensterhaus . . .“ murmelte Jechiel Bendavid, der Karaim.

„Wieso Gespenster?“ Der internationale Kunsthändler Ragosin schöpfte sich mit der Kelle ein paar Hände voll Kaviar aus dem Blechkasten.

„Nun — es sollen da Schätze verborgen sein . . .“

„Vielleicht mehr Schätze als sonst, mit Ausnahme des Kreml, unter irgendeinem Dache Moskaus!“

Grischa der Geiger hatte sich wieder im Hintergrund auf seinen Stuhl gesetzt. Er konnte kein Wort des Gesprächs am Tisch verstehen. Es interessierte ihn auch nicht, was diese Geldmänner über Stahl und Tee, Erdöl, Devisen und Gemälde miteinander schwatzten und wieviel sie daran verdienen mochten. Er spielte leise und träumerisch und dachte an heute nacht. Wird Litzband sterben? Wird er nicht?

„Ich habe den alten Grigorieff noch wohl gekannt!“ sprach am Tisch drüben Mr. Tsao, der chinesische Teehändler. „Er war mein Geschäftsfreund. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er langbärtig und bedächtig die Teeblätter zerkaute, an ihnen roch, sie zerkrümelte. Oh — Grigorieff liess sich nicht täuschen. Er war klug!“

„Das hat er durch das Versteck seiner Kunstschätze bewiesen!“ Jechiel Bendavid langte nach einer Schüssel verzuckerter Kieffer Veilchen. „Seit Jahren sucht man umsonst nach ihnen! Es ist ein Rätsel!“

„Es ist — belieben Sie mir zu verzeihen — kein Rätsel!“ Der Kunsthändler Ragosin sprach noch leiser. „Es ist einfach die Erfindung des Bürgers Tolschinski aus dem Jahre 1684.“

„Wie das?“

„Er baute als Schatzkammer bei feindlichen Einfällen über der rechten Seitenkapelle der Troizy-Kirche in Twer die berühmten ‚Geheimen Zimmer“. Diese Zimmer sind heute noch vorhanden!“

„Und was ist deren Geheimnis?“

„Die Stärke der Zwischenmauern eines Gebäudes“, sagte Sergius Ragosin gedämpft, erst auf Englisch, dann auf Russisch. „Macht man sie weit dicker als nötig, so lassen sich in ihrem Innern Hohlräume anbringen, zu denen durch einen Fingerdruck auf eine nadelkopfgrosse Stelle in der Mauer eine Pforte sich öffnet, und die durch kein Beklopfen der Wände, durch keine Messungen von aussen festzustellen sind. Man muss den winzigen Schlüsselpunkt kennen. In solch einem Geheimraum ruhen unzweifelhaft drüben in der Powarskaja die Museumsschätze des alten Grigorieff.“

„Und was für Schätze!“ seufzte Jechiel Bendavid, der Hebräer.

„Sie sind unermesslich!“ sagte der Kunsthändler. „Da ist der berühmte Smaragd von Bagdad, der grösste der Welt. Da ist der Sternsaphir von Peking, ein märchenhaftes Stück, weil es in seiner Härte selbst vom Diamanten nicht geritzt wird. Da ist die safrangelbe Riesenperle Luciana von Taubeneigrösse, deren Wert schon vor zwei Jahrhunderten auf eine halbe Million Rubel geschätzt wurde . . .“

„Erbarmen Sie sich und hören Sie auf!“ stöhnte der Karaim.

„Es gibt da Zarenzepter, die mit Tausenden von Edelsteinen besetzt sind. Handhohe Diamantenkreuze über Brokatkronen . . .“

„Und alles für immer vermauert und verschwunden!“ Jechiel Bendavid weinte beinahe.

„Aber dies alles verblasst gegen das unschätzbare Prunkstück der Sammlung, um das alle Museen der Erde den alten Grigorieff beneideten . . .“ sprach Sergius Ragosin beinahe feierlich, „um die Krone des heiligen Alexander Newski, Grossfürsten von Wladimir, des Schutzherrn Russlands!“

„Ist die Krone sehr alt?“ erkundigte sich William J. Roop gespannt.

„Sie hat ein märchenhaftes Alter, vielleicht von

Jahrtausenden. Michael Paläologos fand sie 1261 nach der Eroberung von Byzanz unter den dort gewonnenen Kirchenschätzen und schenkte sie eben dem heiligen Alexander von Wladimir, um diesen für seinen Lieblingsplan, die Wiedervereinigung der lateinischen und griechischen Kirche zu gewinnen. Aus Wladimir, wo sie über dem Grab Alexander Newskis in der Roshdestwenskaja-Kirche aufbewahrt wurde, flüchtete zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts der Grossfürst Alexander vor den Tataren mit ihr nach Pskow in die Kathedrale ‚Zur heiligen Dreifaltigkeit‘. Dort hat sie während der Unruhen von 1906 der alte Grigorieff von den geängstigten Mönchen erworben, die gar nicht ahnten, welchen Schatz sie besassen!“

„Diese Krone wäre etwas für meine Frau!“ rief William J. Roop und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Alle Gäste platzten heraus. Der humoristische Graukopf des Hausherrn drehte sich majestätisch in der Runde.

„Lacht nicht, Gentlemen! Für Mrs. Roop ist mir nichts zu gut und zu teuer! Ich bin mit meinen Gedanken ständig bei ihr. Fragen Sie Fräulein Frobe, ob es nicht mahr ist!“

„Ich kann es bestätigen!“ rief aus dem Arbeitskabinett, wo sie den Rauchtisch richtete, Anna Frobe mit heller Stimme.

„Man hat in Europa das Wort ‚Dollarprinzessin‘ erfunden!“ fuhr William I. Roop fort. „Nun — dann ist meine Frau eine solche! Ihr Vater ist reicher als ich. Wohl: zu einer Prinzessin gehört eine Krone. In der Krone Alexander Newskis würde Mrs. Roop den kostbarsten Kopfschmuck der Welt besitzen! Ich wäre stolz darauf. Es wäre ein ernstliches Ziel meines Ehrgeizes!“

„Ich fürchte, Mrs. Roop wird eine unsichtbare Krone tragen müssen!“ seufzte Bendavid, der Schriftgläubige, und erhob sich. Die Herren traten in das Nebenzimmer William I. Roop liess seinen Gästen den Vortritt. Auf der Schwelle legte ihm der blasse, aristokratische Kunsthändler Ragosin leicht die Hand auf den Arm.

„Denken Sie, Sie fässen beim Poker!“ versetzte er leise. „Verziehen Sie keine Miene zu dem, was ich Ihnen jetzt anvertrauen merde!“

„Sie erregen meine Neugier, alter Junge!“ William I. Roops massiges Gesichtsrund war schläfrig unbewegt.

„Ich glaube, es wird mir möglich sein, Ihnen die Krone Alexander Newskis zu verschaffen!“

„Oh — ich wusste nicht, dass Sie zaubern können!“ Der Yankee blickte scheinbar zerstreut nach dem Rauchtisch drinnen, um den sich seine anderen Gäste niedergelassen hatten.

„Sie würden die Krone — natürlich zu einem ausserordentlichen Preis — in aller Form von der Regierung zur Ausfuhr in das Ausland erwerben, so wie das ja oft genug mit den von ihr beschlagnahmten Kunstwerken geschieht! Dafür bin ich ja da!“

„Erst müsst ihr doch die Krone haben!“ Der Mann der Nazareth-Compagnie hielt die kühlen Rechneraugen halb geschlossen, um ihr plötzliches leidenschaftliches Aufleuchten zu verbergen.

„Vielleicht werden wir die Krone bald haben!“ murmelte der Kunsthändler Ragosin. „Vielleicht — beherrschen Sie jetzt Ihre Mienen — vielleicht schon heute nacht!“

Der vierschrötige Graukopf drüben blinzelte ihn verblüfft und misstrauisch an.

„Wie wollen Sie das machen?“

„Das wird die heilige Dreifaltigkeit entscheiden! . . . Aber schweigen Sie zu jedermann!“ Sergius Ragosin nahm zwischen den anderen Platz. Er blickte nach der Türe zum Speisezimmer, durch die Anna Frobe das Rauchkabinett verlassen hatte. Er überzeugte sich, dass auch die zweite Türe nach dem Flur geschlossen war.

„Niemand draussen kann uns hier hören!“ versetzte er. „Nun kann ich Ihnen eine grosse Neuigkeit berichten . . .“

„Ich sagte schon vorhin, dass Litzband keine Schmerzen mehr hat!“ Der alte chinesische Teehändler lächelte das unergründliche Lächeln des Ostens.

„Sie wissen bereits, Mr. Tsao . . .?“

„ . . . dass Litzband schon heute mittag gestorben ist. Man hält den Todesfall noch geheim, um die Zurüstungen zur feierlichen Überführung der Leiche nach dem Kreml für heute nacht zu treffen!“

„Es wird ein gewaltiges Schauspiel! Halb Moskau wird auf den Beinen sein und die Strassen säumen, durch die der Zug geht!“ Sergius Ragosins längliches, vornehm geschnittenes Antlitz wurde plötzlich unruhig.

„Sie haben doch unsern guten Grischa nicht schon nach Hause geschickt, Mr. Roop?“ fragte er. „Sein Geigenspiel gehört gerade nach Tisch zu Havannas und Papyrossen!“

„Fräulein Frobe sättigt ihn nur jetzt schnell nebenan!“ Der Hausherr holte sich eine noch feuchte und biegsame Cuba-Zigarre aus ihrer luftdichten Glasröhre. „Der arme Schlucker hatte ja schon ganz irre Augen vor Hunger!“

Aber nebenan sass Grischa der Geiger mit gekreuzten Armen vor dem noch nicht abgedeckten Tisch und starrte auf die Restschüssel, ohne sie zu berühren.

„Nun warum essen Sie nicht?“

Anna Frobe fragte. Sie sass neben ihm. Sie wandte ihm freundschaftlich ihr klares, ernstes, junges Gesicht zu. Es klang eine leise, scheue Teilnahme in ihrer Stimme. Er schüttelte unmirsch den blondmähnigen Kopf.

„Ich bin es nicht gewohnt, in den Zimmern der Herren zu speisen! Mühseligen wie mir reicht man hinten auf der schwarzen Treppe im Namen Gottes einen Teller Kohlsuppe und ein Stück Brot!“

„Mühselig sind Sie!“ sagte Anna Frobe. „Aber die Zimmer der Herren sind Ihnen nicht fremd. Denn Sie waren selbst einmal einer! Das merke ich immer deutlicher!“

„Versprachen Sie mir nicht da unten vor dem Haus, mich nach nichts zu fragen?“ Grigorij Grigorieff fuhr jäh zu ihr herum. Seine blauen Augen leuchteten zornig. „Nun — dann belieben Sie und sehen Sie in mir den armen Geiger Grischa und weiter nichts!“

„Essen Sie doch, Genosse Grischa!“ sagte Anna Frobe leise und fügsam. Es klang fast mütterlich.

„Wie kann ich denn essen? Ich bin zu erregt!“

„Was bedrückt Sie?“

„Schon wieder drängen Sie mich . . .“

„ . . . weil ich Ihnen helfen möchte, wenn ich irgend kann!“

„Und warum das?“ Grischa schaute seine Nachbarin gereizt an. Auf dem reinen Rund ihrer schmalen Wangen war ein leiser, rosiger Schein.

„Sie tun mir leid!“ sagte sie einfach.

„Warum gerade ich?“

„Das weiss ich auch nicht! Es ist eben so!“

„Es gibt genug Menschen in Russland und draussen, die Gott in den letzten zehn Jahren gestraft hat. Zu ihnen gehöre auch ich! Da haben Sie recht, Herrin!“ sagte Grischa der Geiger. Seine Stimme verlor sich in Träumen. „Aber vielleicht brauche ich bald Ihr Mitleid nicht mehr!“

„Ich will es Ihnen nicht aufdrängen!“ sagte Anna Frobe halblaut und verstummte.

Es war ein Schweigen. Dann hielt ihr Grischa der Geiger mit einem weichen und kindlichen Lächeln seine Hand hin.

„Ich bin schuldig! Vergeben Sie mir!“ sagte er. „Sie meinen es gut mit mir! Ich hätte Ihnen danken sollen, statt mich mit meiner Armut zu überheben. Aber ich bin heute kein Mensch wie andere. In mir ist die Unruhe zu gross!“

„Ich bin Ihnen nicht böse!“ sagte Anna Frobe. Sie liess ihm ihre Hand. Sie fühlte seinen langen kräftigen Druck.

„Ich weiss nicht, was Sie an mir finden!“ sagte er. „Aber ich danke Gott, dass ich gerade heute einem Menschen begegnet bin, der mich kaum kennt und doch mit mir fühlt! Ich bin jetzt überzeugt: Ihre Teilnahme bringt mir Glück!“

„Oft kommt das Glück über Nacht!“

„Vielleicht schon diese Nacht, Herrin!“

Grischa der Geiger hob jäh das Haupt und horchte. Er sprang mit einem wilden Satz auf die Beine, rannte zum Fenster, riss es auf, spähte atemlos auf die spärlich erleuchtete, von einem schattenhaften Menschengemoge erfüllte Twerskaja hinab. Durch diese Massen von Männern und Frauen lief eine Bewegung, ein Murmeln rauher Bässe stieg aus sich ballenden Gruppen. Die Rufe heller Knabenstimmen kamen näher . . .

„Sie schreien die Zeitungen aus!“ keuchte Grischa. Er zitterte am ganzen Leibe.

„Die Prawda!“ gellte es unten aus den Kehlen der Halbwüchsigen. „Genosse Litzband ist gestorben!“

„Haben Sie gehört?“ Grischa schaufe über die Schulter in das Zimmer zurück. Er konnte kaum sprechen. „Litzband ist nicht mehr!“

„Nun ja!“ sagte die junge Deutsche. „War es das, was Sie so erregte?“

„Die ‚Iswestija‘! Feierlicher Leichenzug zum Kreml heute nacht um zwei Uhr!“

Grischa trat in das Gemach zurück.

„Ich sagte Ihnen“, stammelte er, „dass ich bei dieser Nachricht mein Spiel abbrechen muss . . .“

„Nun — wo bleibt der Geiger?“ William J. Roop steckte leutselig den derben Rundkopf durch den Türspalt.

„Er ist zu erschüttert, weil sie unten den Tod eines hohen Regierungshauptes ausrufen!“ dolmetschte seine Sekretärin. „Er will sofort nach Hause. Er hat sich das vorher ausbedungen!“ Und mit einen Blick auf das ärmliche Äussere des Geigers fuhr sie fort: „Er bittet um sein Geld! Er braucht es!“

„Gut!“ Der Amerikaner warf ein dickes Bündel Rubelnoten auf den Tisch. „Aber wir haben auch morgen Gäste! Er soll morgen wiederkommen! Bestimmt! Er soll seine Geige zum Pfand dalassen! Fragen Sie ihn, ob er einverstanden ist!“

„Er hört gar nicht zu!“ rief Anna Frobe. „Er vergisst ganz seine Geige! Er steckt das Geld ein und läuft davon! . . . Auf Wiedersehen, Genosse Grischa!“

„Auf Wiedersehen!“ wiederholte Grischa geistesabwesend. Er schlug die Türe hinter sich zu und stürmte die Treppe hinab.

„Da läuft er durch die Menge!“ sagte oben am Fenster Fräulein Frobe kopfschüttelnd zu dem Hausherrn. William J. Roop drehte sich mit breitem Lachen zu dem Kunsthändler Ragosin um, der ihm aus dem Rauchzimmer gefolgt war.

„Einen wunderlichen Burschen haben Sie mir da ins Haus gebracht!“ sagte er.

„Nun — ich wusste, was ich tat!“ Sergius Ragosin fasste den breitschulterigen Gastgeber leicht unter dem Arm und führte ihn unauffällig ein paar Schritte zur Seite. Sein schnurrbärtiges, blasses Gesicht aus der Zarenzeit war unbewegt, während er kaum hörbar sagte: „Freuen Sie sich, Mr. Roop! Die Krone Alexander Newskis winkt Ihnen aus nächster Nähe!“

4.

Milde war diese Nacht 1924 — milde für eine Märznacht über Moskau. Im Vollmondschein vom sternklaren Himmel schimmerten bläulich-traumhell, fast so hell, wie an einem trüben Wintermittag, seine ungeheuren Plätze, seine verschneiten Dächer, seine unzähligen Kirchenkuppeln und Glockentürme und Klosterzinnen, und darüber ragend der düstere Klotz der Kremlstadt und fern, am nächtigen Horizont überall die feurigen Funken aus den unsichtbaren Schlotwäldern der Fabriken.

Die langen Reihen von Männern und Frauen, die jeden Abend bis tief in die Nacht hinein stumm und frierend vor den Lebensmittelläden anstanden, hatten sich jetzt längst in Nacht und Nichts aufgelöst. Sonst waren um diese Zeit die Strassen leer. Nur um die flackernden Riesenfeuer auf den öffentlichen Plätzen scharten sich die sich wärmenden Droschkenkutscher, und vor den Häusern sassen unförmlich vermummt wie die Bären die Hauswächter. Aber heute standen, fast zwei Stunden noch nach Mitternacht, dunkle Menschenmauern von der Arbâtstrasse, wo Litzband, der Sowjetkommissar, aufgebahrt lag, an der Kirche Tichon des Wundertäters vorbei, durch den einstigen Alexandergarten bis zu dem Roten Platz vor dem Kreml, Massen von Menschen, und doch immer derselbe Mensch des roten Russland — einer wie alle — in stumpfer und dumpfer Geduld, schicksalsergeben, mit schadhaften Schuhen im Schneewasser, in abgerissenen städtischen Kleidern, Gesichter, die längst nicht mehr wussten, was lachen heisst, unter alten Kappen und Kopftüchern.

Vor dem Hause Litzband war die wartende Menge weithin vom blutroten Schein von Pechfackeln übergossen. Die Strasse hinunter verdämmerten hinter der Lafette, die den Sarg aufnehmen sollte, in dunklen Kolonmen die Truppen der Roten Armee. Polizisten zu Pferde hielten den Fahrdamm frei. Oben, im zweiten Stock des Sterbehauses waren alle Fenster hell. Bald musste auf den Schultern hoher Kremlgewaltiger der Sarg aus dem Haustor schwanken und der Trauerzug sich in Bewegung setzen — das „Rote Begräbnis“ derer ohne Gott in Moskau, zu dem keine der unzähligen Glocken des einstigen russischen Roms läutete, keine Priestermönche und Weltpopen mit Kellerbässen ihr „Herr — erbarme dich!“ aus ihren langen Bärten dröhuen liessen.

Und drüben, im Wolkenkratzer Grigorieff, nahe der Ecke der Powarskaja mit der Arbâtschen Pforte, stand in der mondhellen Nummer acht des dritten Stockwerks zur Linken Grischa der Geiger und um ihn seine drei Stubengenossen, seine Getreuen: der Psalmenfänger, der Branntweinpächter, der Tatar.

„Ist das Haus leer?“ fragte Grischa. Er war jetzt ganz ruhig.

„Leer!“ bestätigte der Kirchensänger Jermolai. „Alles ist hinaus auf die Strasse, um diese gottvergessene Leichenparade anzuglotzen!“

„Leer auf eine Viertelstunde!“ ergänzte Machmet, der Tatar. „Sowie der Trauerzug vorbei ist, kommen sie alle zurück!“

„Nur einige Kranke, einige kleine Kinder, einige alte Weiber sind geblieben!“ sprach Vater Ilja, der rotgedunsene, ehemalige Kronschnapsgrosshändler aus heiserer Trinkerkehle. „Sie werden uns nicht stören!“

„Doch der Bettler nebenan —?“ murmelte der Tatar Machmet, der kleine säbelbeinige Teppichhausierer und wies misstrauisch nach der wanzenfleckigen, weissgetünchten Wand, die die Nummer acht von der Nebenraum trennte.

Der Bettler drüben — die anderen lachten — Iwan Flug — der einstige Professor der Weltgeschichte an der Kaiserlichen Moskauer Universität — Weltgeschichte, wie die Burschui, die Bürgerlichen der Zarenzeit, sie verstanden. Fort mit dir! Magst du verhungern! Für Imperialisten hat Moskau keinen Lebensraum, keine Lebensmittelkarten, keine Bezugsscheine. Den ganzen Tag, vom Morgen bis zum Abend, streift der Bettler Iwan Flug ruhelos durch die Stadt, sammelt, irr stammelnd, Kopekenstücke in der Schirmkappe, füllt lallend auf den Plätzen die Taschen seiner zerfransten Hose mit der Abfällen der Märkte, die die Bauern abergläubisch dem schwachsinnig Gewordenen reichen.

„Diese alte Krähe hat ja längst den Verstand verloren!“ Jermolai, der Schwindsüchtige, hustete, dass sich die Backenknochen unter dem schütteren Graubart rot färbten.

„Vielleicht schläft er — der Weisshändige!“

„Wir können ja nachsehen! Er ist ja blöde. Er erkenut ja niemanden!“

Leise hinüber zu Nummer neun. Leise die Tür auf. Noch mehr als Nummer acht ein verwüsteter, stinkender Menschenstall — einst ein kokettes Schmuckkästchen des Rokoko — der Kleine Rundsaal, menschenleer im blauen Mondschein. Nur in der einen Ecke hockt aufrecht auf den Resten einer Matratze ein verwildertes Menschengespenst, eine graue wirre Mähne sein Haupthaar, Hohlaugen in dem abgemagerten Gesicht, langsträhnig über der zottigen, zivischen dem schmutzigen Hemdspalt offenen Brust der aschfarbene Bart.

„Er ist wach — der Windhund!“

„Neit. Er schläft!“

Iwan Flug, der einstige Hochschullehrer, schläft gleich einem indischen Fakir aufrechtsitzend und mit offenen Uugen. Offen und doch erloschen diese gläsernen Pupillen. Er sieht niemanden. Er gibt kein Lebenszeichen. Der Anblick des wahnsinnigen Büssers ist unheimlich.

„Nun — dieser Floh wird uns nicht stechen!“ murmelt der Kirchensänger. Alle vier ziehen sich auf den Fussspitzen zurück.

„Horcht, Brüder!“ flüstert draussen auf dem Flur Grischa der Geiger. Seine Stimme zittert.

Ja — da tönen dumpf die Musikkapellen von drüben, von der Arbâtstrasse her. Der Nachtmind trägt die Internationale herüber.

„Wacht auf, Verdammte dieser Erde!‘

„Litzband ist auf dem Marsch!“ krächzt Vater Ilja und reibt sich kichernd die Hände.

‚ . . . die stets man noch zum Hungern zwingt!‘

„Vorwärts, Brüder — jetzt muss es geschehen!“ Grischa zischt es zwischen den Zähnen. Von dem Fenster der Stube Nummer acht aus, in die er mit seinen Genossen zurückeilt, kann man den Leichenzug nicht sehen. Nur roter Glast färbt in der Ferne wie Brandschein die Kirchen und Häuser der Arbâtschen Pforte. Man vermag das Lohen der Pechfackeln nur zu ahnen, den dumpfen. Tritt der Massen, das Schaukeln der Banner mit goldener Sichel und Hammer, der aufgehenden Sonne, dem roten Sowjetstern, das Rumpeln der Sarglafette und vor ihr in breiten Reihen die Machthaber Moskans — immer die gleichen entblössten, kurzgeschorenen, schnurrbärtigen Männerköpfe mit der niederen Stirtie, der grobgeformten Nase, der brutalen Härte um Kiefern und Kinn.

Und Grischa der Geiger dreht den Genossen ben Rücken zu, tritt in seine Ecke, faltet die Hände, senkt das blondbärtige Haupt, spricht ein kurzes Gebet. Dann wendet er sich wieder zu den anderen. Sein Wesen ist jetzt verändert. Kaltblütige Willenskraft atmet es statt der Träumerei.

„Diese Viertelstunde schenkt uns Gott der Herr!“ Grischa fährt in seinen Schafpelz und stülpt die Schirmkappe auf, als wollte er den Schatz im Hause suchen gehen. „Gott allein weiss, ob und wann diese Viertelstunde je wiederkehrt, in der mir unbeobachtet sind! Jede Minute ist kostbar. Wollt Ihr mir blind gehorchen, Brüder?“

„Befiehl uns, Herr!“

„Gut denn!“ Grischa richtet sich entschlossen auf. „So hört, was jeder tun soll! Der Gottlose hat jedenfalls das Hausfor offen gelassen, so lange alles aus dem Hause ist! Du, Machmet“, befiehlt er dem Tataren, „halte dich unten in der Torwölbung auf und gib Nachricht, wenn draussen auf der Strasse irgend etwas Verdächtiges sich zeige — Wagen mit Unbekannten vorfahren — Menschen, die Polizeikreaturen sein könnten, wie zufällig sich treffen und in das Haus treten. In einer Viertelstunde, ehe noch das Haus sich füllt, kehrst du hierher zurück und hilfst die Schätze vorläufig in unseren paar Kästen und unseren Matratzen zu verbergen, bis wir sie von morgen ab unbemerkt in deinen Teppichballen aus dett Haus zu dem Dolmetscher, dem Litauer, bringen können!“

„Ich höre, Herr!“ Machmet, der Tatar, huschte die Treppe hinab. Seine fast bartlosen Lippen grinsten unten am Tor zu Ossip, der breitbeinig dastand und ihm fragend seitt einziges, tückisches Auge zudrehte.

„Er geht ans Werk“, keuchte der Tatar. „In fünfzehn Minuten müsst ihr hinaufkommen und ihn überraschen. Der dumme Sperling ahnt nicht, dass die Geheimpolizei längst im Hause ist!“

„Sie warten auf ihn. Sie sitzen auf der Kellertreppe, rauchen Papyrossen und halten ihre Pistolen schussfertig“, sagte der Riese im roten Hemd. „Ich werde es ihnen melden: in einer Viertelstunde also!“

„Ich hoffe, man wird den Volksfeind gleich auf der Stelle angesichts seiner Schätze töten!“ sprach sinnend der kleine, bleiche Tatar.

„Es wäre das Beste!“ nickte Ossip, der Gottlose. „Man ist dann aller Mühen überhoben! Man wickelt Grischas Leiche in einen deiner Teppiche, fährt sie, so lange es noch Nacht ist, zur Moskma und wirft sie hinein! Wozu hackten da die Fischer die Eislöcher?“

„Du, Vater Ilja!“ spricht oben in Nummer acht Grischa zu dem Branntweinpächter, „hocke dich im Treppenhaus auf die Stufen! Du tust es ja oft, wenn du betrunken heimkommst und dir das Steigen sauer wird.

Deine Aufgabe ist es — so wie Nachmer die Strasse beobachtet — das Innere des Hauses im Auge zu behalten und, wenn du fremde Gesichter oder sonst etwas Gefahrdrohendes siehst, sofort Jermolai zu warnen. Du findest ihn hier oben auf unserem Flur. Er weiss, wo ich bin. In einer Viertelstunde bist auch du wieder auf unserer Nummer!“

„Gut, Guer Wohlgeboren!“ Vater Ilja schlurfte hinaus. Draussen schüttelte ein Kichern seinen schwammigen Körper. Er beugte sich über den Strick, der als Geländer diente, und spuckte hinunter. Der Lufklatsch unten war das verabredete Zeichen. Dort in der Liefe erschien der Kopf des Gottlosen und äugte in die Höhe. Der alte Gäufer oben spreizte dreimal die fünf Wurstfinger seiner Rechten. Das hiess: ,Wartet noch fünfzehn Minuten! Dann kommt alle herauf!‘ Ein Nicken unten: „Wir wissen schon Bescheid!‘

„Nun lasst uns beide gehen!“ sagt oben im Zimmer der Kirchensänger Jermolai zu Grischa, und Grischa der Geiger lächelt und schüttelt seinen blondmähnigen Kopf.

„Wir brauchen nicht zu gehen! Wir sind schon da!“

„Wie denn, Herr? Hier im Zimmer . . .?“ Der Schwindsüchtige schaut verstört die schmutzigen, hell vom Mond beschienenen Wände entlang.

„Glaubst du, ich hätte umsonst alles daran gesetzt, mir gerade in diesem Raum einen elenden Schlafplatz gegen einen besseren im Unterstock einzutauschen?“ sagt Grischa. „Ich gab vor, ich liebte es, gerade in einer Zimmerede zu nächtigen. So brachte mich Gottes Hilfe hierher und zu euch. Seit vielen Wochen bin ich meinem Reichtum so nahe, dass ich ihn mit Händen greifen könnte, wäre nicht die Mauer dazwischen!“

„Diese Mauer hier?“

„Ja. Dies sage ich nur dir, Jermolai! Du warst Kirchensänger. Von deinem Knabenalter ab war dein Leben dem Lob Gottes gereiht! . . . Dir vertraue ich am meisten von euch allen!“

„Öffne die Mauer! Zeig mir die Stelle!“

„Ich darf es nicht, Jermolai!“

„Wenn du mir doch vertraust, Herr, wie du sagst!“

„Ich habe meinem Vater geschworen, niemals anders als auf dem Sterbebett einem Menschen den Zugang zu dem Schatz zu verraten! Dieser Schwur bindet nich! Verarge es mir nicht, Bruder!“

Grischa der Geiger fasste den Psalmensänger Jermolai mit einer Hand an der Schulter, drückte mit der anderen die Türe auf und schob ihn auf den Flur hinaus.

„Du wirst da draussen als dritter Posten vor dem Zimmer Wache stehen und jeden fernhalten, der etwa aus irgendeinem Grund zu uns will!“ sagte er. „Still! Keinen Widerspruch! Hast du Lust, im Polizeihof einen Fangschuss hinters Ohr zu kriegen?“

„Gott schütze uns vor der Polizei!“

„So tue, was ich sage! Berwache die Tür, da sie sich nicht verriegeln lässt. Ich muss hier allein mein Werk vollbringen! In einer Viertelstunde, wenn die Geheimkammer wieder geschlossen ist, rufe ich dich herein! Du stammst aus Kasan! Schwöre bei der wundertätigen Kasanschen Mutter, dass du nicht früher eindringst!“

Jermolai, der Schwndsüchtige, stand vor der Tür. Er stand nicht lange. Er hustete ein paarmal, zum Zeichen nach innen, dass er auf dem Posten sei. Dann schlich er lautlos den Gang entlang, in das Treppenhaus hinaus, bewegte zehnmal den knochendürren Zeigefinger in die Tiefe und meldete so: ‚Kommt in zehn Minuten . . .!‘

Und nochmals das Zeichen: ‚In zehn Minuten! Nicht in fünfzehn! Merkt es euch, ihr da unten vom Lubjarika-Platz! In zehn Minuten! Dann steht die Geheimkammer noch offen!‘ . . .

Grischa der Geiger war allein. Seine blauen Augen schweiften noch einmal durch den mondhellen, kahlen Raum, ob nicht in den einzigen Schattenflächen unter den verrosteten und zerbrochenen eisernen Bettstellen eine unbestimmte menschliche Gestalt bäuchlings liegett und lauern könnte . . .

Nichts zu sehen — natürlich — behalte du nur jetzt um Gottes willen deine Nerven, Grischa, in dieser entscheidenden Stunde! Nichts zu hören als aus dem Nebenraum, nicht durch die dicke Zwischenmauer, sondern vom Flur her durch die beiden dünnen, geschlossenen Türen, einmal das kurze, stöhnende Auflallen Iwan Flugs, des wahnsinnigen Professors„ im Schlaf. Es klang wie der Aufschrei eines gequälten Tieres. Dann war es wieder still. So unwahrscheinlich stil, so unheimlich still wie sonst nie in dieser som Morgen bis zum Abend von Gerufe, Gelaufe, Geläute, Gebämmere, Gebell erfüllten Hochburg der Mühseligen Moskaus. Nur von ferne immer noch die getragene dumpfe Musik zu Ehren des toten Litzband. Gott sei Dank: solch eine Trauerparade schreitet langsam. Noch dreizehn Minuten . . . noch dreizehn . . . an ihnen hängt Armut oder Reichtum . . . hängt Tod oder Leben . . .

Grischa kniete auf dem Teppich nieder. Er öffnete einen kleinen Koffer aus mottenzerfressenem Seehundsfell. Er warf die paar armseligen Stücke seine Habe heraus, die obenauf lagen: ein rotes Baumwollhemd mit nur einem Ärmel, einen einzelnen rechten Juchtenstiefel, ein Stück wasserfleckiges Roggenbrot, eine Schachtel mit einem Dutzend Streichhölzer, ein Bündel Bindfadenenden zum Befestigen der Stiefelsohlen, zwei alte Flanellappen zum Umwickeln der Beine gegen die Kälte — Dinge son Wert in Moskau.

Dann wurde Grischas bärtiges Antlitz ernst und andächtig. Er holte eine kleine Blendlaterne heraus und entzündete das Talgstümpfchen in ihrer Mitte und hielt sie so, dass ihr Schein zwischen den drei Blechseiten nur die Wandfläche neben Grischas Lagerecke schwach erhellte. Nun griff er nach einer dünnten Schnur aus grüner Seide. Er hatte sie um seinen Leib gemickelt aus dem Ausland mitgebracht. Er wusste: sie war über zwei Meter lang, auf den Millimeter genau so lang wie das russische Längenmass, der Faden.

Grischa der Geiger mass diese Fadenlänge waagrecht von der Stubenecke aus, in der sein Bett stand, an der Zwischenwand zu der Nummer neun nebenan ab. Er machte an dem Endpunkt mit einem verkohlten Streichholzstummel einen schwarzen Tupf auf die schmutziggraue Tünche. Nun mass er vom Boden aus die halbe Fadenlänge senkrecht zu diesem Tupf empor und malte an ihrem Ende ein kleines schwarzes Zündholzkreuz auf die Mauer. Zu sehen war an dieser Stelle der Wand nichts als Staub und Kalkgebröckel. Aber Grischa hatte schon oft genug, wenn er allein im Zimmer war, da etwas beobachtet . . .

Grischa der Geiger fischte aus dem Seehundskoffer ein sorgsam in Lederstücke gervickeltes, gestieltes Vergrösserungsglas. Er hielt es in der Rechten. Er trat dicht an die Wand und beleuchtete mit der Laterne das winzige schwarze Kreuz. Er brachte mit leije zitternder Hand die Lupe vor das rechte Auge.

Durch den gewölbten Schliff dieses Rundspiegels gesehen, war da nicht mehr die einförmige, grobkörnige Tünche der Wand. Da war eine Mondlandschaft son kleinen Kratern und Hügeln, von eingetrockneten Seen, die Wanzenblut waren, von schwarzen Inseln, in die sich der Fliegenschmutz verwandelt hatte.

Und inmitten dieser, in das Riesige vergrösserten Kalkwelt klaffte jetzt da . . . da . . . da ganz deutlich unter dem schwarzen Kreuz ein winziger, ein ganz winziger, eben noch durch das Vergrösserungsglas erkennbarer Spalt.

Grischa der Geiger hatte einen Uhrschlüssel zwischen den Zähnen festgeklemmt. Er legte den kleinen Finger der linken Hand, in der er die Laterne hielt, auf das herzförmige Pfännchen in der Mauer. Er liess die Lupe leise aus seiner Rechten auf den Teppich gleiten. Er löschte mit feuchtem Zeigefinger die beiden Zeichen aus Zündholzkohle, die verräterischen Wegweiser an der Wand. Er nahm mit der rechten Hand den Uhrschlüssel aus den Lippen und drückte ihn vorsichtig, prüfend und tastend in diese kaum fühlbare Mulde unter seinem linken kleinen Finger hinein!

Guche, Grischa — suche . . .

Neben dir steht plötzlich dein Vater — durchsichtig im Vollmondschein und aus bläulichen Strahlen ein Gespenst — ein Gespenst? — nein! Ein guter Geist. Das ist der liebe Vater, der Betreuer deiner Kindheit, bleich, altersgrau, aber deutlich erkennbar, und es ist, als murmelten eine langbärtigen Lippen: du bist mein einziger Sohn und Erbe, Grigorij! Nimm dein Eigentum wieder!

Suche, Grischa — suche mit dem zitternden Uhrschlüssel die entscheidende, die stecknadelgrosse Stelle! Du kennst sie ja von früher. Du siehst dich wieder mit dem Vater hier vor der Wand stehen, vierzehnjährig, in grüner Gymnasiastenuniform, und der Bass des Vaters spricht: wenn du je in deinem Leben es nötig hättest, Schätze zu verbergen — siehe, Grigorij, hier ist der Ort.

Und zehn Jahre später stehst du wieder da mit dem Vater, aber diesmal schon bärtig, in feldgrauem Kriegsgewand, bereit, wider die Deutschen in den Kampf zu ziehen, gegen die dein Selbstherrscher, der Zar, jetzt die Mobilmachung aller seiner Völker zwischen der Memel und dem Stillen Ozean befohlen hat. Und der Vater bekreuzigt sich und seine tiefe Stimme spricht ‚Vielleicht findest du mich nicht mehr vor, wenn ihr siegreich aus Berlin heimkehrt. Darum merke dir noch einmal genau die Stelle!‘

Die Wolga ist breit. Oft kaum das andere Ufer zu sehen. In den Wogen der Wolga treibt, von der Jahrmarktsbrücke von Nishni-Nowgorod her, wo er sich in die Fluten gestürzt, die Leiche des Vaters dem Kaspischen Meer entgegen. Dein Vater hat wahr gesprochen. Du hast ihn nicht wiedergesehen, Grischa! Aber dein Erbteil hat er treulich aufbewahrt, dein Erbteil vor Gott und den Menschen! Seit sieben Jahren wartet es auf dich . . . hier . . . hinter diesen Mauern . . .

Was ist das? Auf Grischas Stirne tritt kalter Schweiss der Erregung — sein Herzschlag steht still, in der tiefen Stille des Hauses. Was ist das? . . . Nein! Es ist keine Täuschung: die Wand beginnt ganz leise zu zittern. Es ist, als käme ein seltsames Leben in den toten Stein, unter dem Druck des Uhrschlüssels auf diesen — gerade auf diesen Punkt, den er jetzt eben getroffen hat.

Die Wand fängt an, sich zu bervegen. Ein bisschen feitter Mörtelstaub rieselt von ihr herab. Er wird mehr, und mehr. Da drinnen im Gemäuer rumpelt es. Es seufzt, als erwache einer aus tiefem Schlaf . . .

Halte dein Herz mit beiden Händen, Grischa: da entsteht plötzlich ein langer, schmaler, schwarzer Spalt senkrecht im Grundweiss des Kalks. Er weitet sich langsam.

Jetzt ist er schon handbreit. Eine seltsame, warm süssliche Moderluft strömt aus ihm heraus . . .

Ein mannshohes, mannsbreites Mauerstück dreht sich an einem unsichtbaren, innen eingebauten Zapfen aus der Wand heraus, bleibt mit einem kurzen Ruck senkrecht zu ihr, in die Stube hinausragend, stehen. Neben ihm, da wo es bisher gewesen, klafft ein längliches Viereck von freier, staubdunkler Luft als Eingang in eine Kammer, in ein Mauerloch ohne Fenster, sechs Fuss im Geviert. Ein Mann kann in ihm aufrecht stehen. Seine Backsteinrückwand ist die zweite Hälfte der dicken Zwischenmauer gegen die Nachbarstube neun.

Immer noch rieselt der Kalt aus der geöffneten Fuge, in der sich das Wandstück im rechten Winkel gedreht hat. Und Grischas erster Gedanke, der ihm unwillkürlich durch den Kopf geht: wir müssen den Mörtelstaub auf dem Teppich sammeln. Wir müssen mit dem Staub, sobald die Wand sich wieder geschlossen hat, noch vor Sonnenaufgang den Spalt in ihr verstopft und überdeckt haben, damit kein fremdes Auge — vor allem nicht das einzige Auge des Hausverwalters Ossip – etwas merkt.

Dann kommt Grischa dem Geiger die klare Besinnung des Augenblicks wieder. Noch zehn Minuten Zeit . . . Er leuchtet mit der Laterne in die Geheimkammer. Und abermals wider seinen Willen eine Erinnerung an die Kindheit — an Märchen aus Tausendundeiner Nacht — an Aladin und die Wunderlampe . . .

So gleisst es da drinnen und funkelt im dürftigen, unstät zitternden Laternenlicht. Kostbare Kirchengewänder aus grauen Jahrhunderten liegen da in Stössen auf dem Steinbodent, juwelenbesetzte Brokatkronen türmen sich übereinander gestülpt, breite, mit Heiligenbildern geschmückte Brustgeschmeide altslawischer Kriegsfürsten schimmern zu Haufen geschichtet. Auf einem Zarenthron aus lauterem Gold liegt das tödlich zugespitzte Elfenbeint-Zepter Iwan des Schrecklichen. Als buntfarbige Leinwandrollen lehnen bündelweise in den Ecken die aus ihren Rahmen gelösten, auf Gold gemalten altrussischen Heiligenbilder. Alles wirt durcheinander, in fliegender Haft der Flucht, von dem Teehändler Grigorieff hineingeworfen und gestopft. Alles, selbst die kostbarsten Prunkstücke. Da oben auf dem Holzschragen, der die ganze Länge der Hinterwand einnimmt, liegen sie, aus ihren Glasvitrinen der Galeriesäle unten gerettet. Märchengrün leuchtet da der mächtige Smaragd von Bagdad, himmelblau der berühmte Sternsaphir von Peking, safrangelb die tauben eigrosse Perle Luciana, blutrot der riesige Rubin des letzten Zaren von Kafan.

Aber das alles verblasst gegen die Königin der Sammlung Grigorieff — eine entthronte Königin hier im nachtdunklen Exil und doch so sieghaft, wie sie durch ein Jahrtausend über den Wechsel der Völker und der Fürsten geleuchtet: die Krone des heiligen Alexander Newski von Wladimir, märchenhaft alt, märchenhaft an Wert, mit den neunhundert Diamanten und Perlen von unwahrscheinlicher Grösse, die den Stirnreif aus frühbyzantinischern Filigrangold überglitzern und das edelsteinfunkelnde Erlöjerkreuz über dem Diadem mit dem sagenhaften Mammut-Diamanten Indrapat krönen.

Lasse dich nicht blenden, Grischa! Noch sieben Minuten. Dann ist das Gnadengeschenk des Schicksals, dann ist die Viertelstunde verstrichen. Greif zu, Grischa! Greif zu! . . . Das alles liegt bereit! Das alles sucht seinen Herrn! Das alles will zu dir!

Sieben Minuten. Genug, um den kostbarsten Inhalt der Geheimkammer in das Mondlicht der Nummer acht herauszuholen! Vor allem die Krone Alexander Newskis! Sie ist allein beinahe soviel wert wie alle an dern Schätze zusammen. Grischa der Geiger streckte beide Hände nach dem Kleinod aus, fuhr mit einem halblauten Schreckensruf herum. Gelber Lichtschein vom Flur fiel durch die jäh aufgestossente Türe in das dämmerige Gemach. Eine dunkle Männergestalt stand auf der Schwelle.

„Schwurst du nicht bei der Mutter von Kasan, nicht hier einzudringen, Jermolai?“ rief Grischa atemlos. Und ein plötzlicher Schrecken: „Oder droht Gefahr?“

Der an der Türe hob warnend den Arm und nun erkannte Grischa: das war nicht der Psalmensänger. Dieser wirre Bart, dieses hagere Hungergesicht gehörten dem Professor Iwan Flug von nebenan. Ein blinder Zorn überkam Grischa. Er packte den Bettler an der schmutzigen, offenen Hemdbrust und drängte ihn hinaus.

„Störe mich nicht, du Wahnsinniger!“ keuchte er. Und das verwilderte Menschenskelett im Ringen init ihm mit einer plötzlich starken, tiefen, ganz veränderten Stimme:

„Merken Sie denn nichts, Sie Verrückter?“

„Jermolai . . .“ Im Kampf mit Iwan Flug schaute Grischa durch den Flur. „Warum liessest du den Iwan herein? . . . Jermolai – wo bist du?“

„Jermolai!“ der andere wies mit der Knochenhand durch die offene Flurtüre in das Stiegenhaus. „Da draussen winkt er über den Geländerstrick der Geheimpolizei zu! Sie kommen! Hören Sie nicht die vielen dumpfen Tritte auf der Treppe?“

„Was ist das?“ stammelte Grischa der Geiger.

„Ich habe Sie schon seit Wochen beobachtet!“ Plötzlich sprach der wahnsinnige Professor ganz vernünftig, ganz zusammenhängend und klar. „Ich hörte das Gerumpel in der Mauer! Ich ahnte, mas vorging! Ich musste Sie retten! Schnell!“

Er riss den Geiger mit sich, dem dämmerigen Ende des Flurs zu. Grischa taumelte.

„Wer sind Sie?“ keuchte er.

„Einerlei! . . . da . . .“ Iwan Flug wandte die Hohlaugen über die Schulter rückwärts. „Da sind sie schon draussen auf dem Treppenabsatz! Ilja und der Tatar an der Spitze! Rennen Sie hier die Hintertreppe hinab! Mit Gott, Kamerad!“

Es klang seltsam fanatisch, dies Kamerad!“ . . . Der Professor Iwan Flug schlurfte eilig in seine Nummer neun zurück. Er kletterte auf seine zerrissene Matratze. Er sass aufrecht auf ihr, starr, mit offenem Mund, und schlief mit offenen, verglasten Augen — ein lebender Leichnam. So mochten sie ihn sehen, die roten Büttel, wenn sie auf der Suche nach Grischa in sein Zimmer drangen.

Und in Grischa dem Geiger war in dieser Sekunde nur noch eines: der blinde Selbsterhaltungstrieb der Kreatur. Gott sei Dank: jedes bessere russiche Haus hatte seinen rückwärtigen Eingang, seine schwarze Treppe. Da, am Ende des Flurs, führte die schmutzstarrende, steinerne Stiege steil in die Tiefe. Grischa sprang in Sätzen durch das Dunkel die Stufen abwärts. Es schoss ihm unterwegs durch den Kopf: drunten an der Hinterpforte stehen sie natürlich bereit und warten auf dich! Wie sollten sie nicht alle Eingänge besetzt haben? Sie werden dich fangen wie eine flatternde Henne! Du bist verloren da unten, Bruder! . . .

Er machte jäh halt. Er stand auf dem Treppenabsatz des Zwischenstocks. Dessen Flurtüre klaffte angelehnt. Wer hätte auch innen auf ein Klingeln öffnen sollen, wo alle Bewohner dieser Zimmer draussen auf dem Arbâtplatz standen und den Leichenzug Litzbands anstarrten? Grischa trat in den Flur und stiess finster entschlossen auf gut Glück die nächste Stubentüre auf. Er sah im Mondchein den Unterkunftsraum einer ganzen Familie. Zwei grosse Bettstellen, drei Kinderbetten auf dem Boden. Eine Wohnecke mit Sofa und Schaukelstühlen. Auf dem Waschtisch zwischen Zigarettenstummeln die Reste eines Pilzgerichts.

Leer das Zimmer — dank der heiligen Dreifaltigkeit leer! Grischa der Geiger atmete auf. Er stürzte zu dem Fenster. Er rüttelte an den mit Eisblumen verkrusteten Glasscheiben. Sie waren nach russischem Brauch für die ganze Winterszeit fest verschlossen, selbst ihre Ritzen noch mit hineingestopften Moosstreifen gedichtet. Für frische Luft gab es nur die Zugschnur zu der Klappe eines ganz kleiner verglasten Mauerlochs an der Wand, hoch oben, gleich unter der Decke.

Der Fenstergriff ächzte unter Grischas Faust. Der eingefrorene Doppelrahmen drehte sich knirschend in den vereisten Angeln. Die schneidende Kälte der Aussenluft schlug Grischa in das bärtige Antlitz. Er kletterte auf die Fensterbrüstung. Still und dunkel lag da unten eine menschenleere Seitengasse. Er mass mit einem Blick die Tiefe. Zehn, zwölf Fuss! Nun gut! Er liess sich an der Aussenwand hinabgleiten, hing an den festverkrampften Fingern der linken Hand, gab sich mit dem rechten Handteller einen Abstoss, landete unten in einem tauweichen, aufspritzenden Schneehaufen, versank in ihm bis an die Hüften, rappelte sich aus dem schwärzlichen Brei heraus, ehe noch dessen kalte Nässe durch den Schafpelz drang, ging auf einmal, fast ohne seinen Willen, die schmale Galle entlang, so wie er immer gegangen, gemächlich, ganz unauffällig . . .

Er wanderte schleppenden Schrittes weiter, halb wie im Traum, blieb stehen, sah sich um: da um ihn dehnte sich schon der Pratz des heiligen Nikita. Viele Strassen liefen hier zusammen. Auf keiner war etwas von Verfolgern zu sehen.

Gerettet, Grischa . . . Und jetzt erst ging es Grischa dem Geiger durch den Kopf: grosser Gott — was ist denn eigentlich geschehen . . .?

Pulsuz fraqment bitdi.

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