Kitabı oxu: «Heimliche Ehe»
Rudolph Stratz
Heimliche Ehe
Saga
Heimliche Ehe
Copyright © 1931, 2018 Rudolf Stratz und SAGA Egmont
All rights reserved
ISBN: 9788711507322
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
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1
Das Boot, in dem sich Anne und Alfred küssten, schwankte im Wellenschlag eines vorbeifahrenden Dampfers. Querab hinter ihm lief ein Segelboot auf. Der dicke, nackte Herr in roter Schwimmhose darin rief dröhnend :
„Gesegnete Mahlzeit!“
Alfred Giebisch war gross, brietschulterig und hüftschlank gewachsen. Er drehte den krausen, dunklen Rundkopf. Die schwarzen Augen darin waren gefährlich.
„Ich komm’ gleich ’rüber zu Ihnen — in Ihre Mucke=pinne!
„Seien Sie doch nicht so unzart!“ sagte auch Änne sanft. Sie sass jetzt am Steuer — blond, weich, schlank — aufrecht in blauer Bandmütze, weisser Leinenjacke, weissen Hosen, Strohschuhen wie ein Schiffsjunge. Der weisse Nacktfrosch lachte fett. Alfreds bartlose Züge eines braunen, jungen Römers röteten sich vor Zorn. Änne hob die feinen, mageren Hände gefaltet vor die Brust.
„Lass ihn doch, Alf! Es ist ja nur der pure Neid.“
Der Dicke segelte ab. Er spreizte auf dem Rückzug über die Schulter weg fünf dicke, rote Wurstfinger nach hinten.
„An jedem Finger könnt’ ick ein Verhältnis haben, Fräulein!“
Nun waren die beiden wieder allein. Allein auf dem Müggelsee. Überall weisse Segel, menschenschwarze Dampfer, Ruderboote, Motorgeknatter, Musik. Die fernen Ufer Weiss und bunt von Badenden. Blauer Himmel. Sonntagnachmittag. Fern Berlin.
„Berhältnis . .“ sagte Änna nach einer Weile schwermütig.
„Lass doch den Stiesel!“
„. . . wo wir beide uns doch durchaus heiraten wollen! Gott sei Dank bist du darin so furchtbar anständig . . . !“
„Nee — so wie’s die andern machen,“ Alfred Giebisch legte die Beine auf den zweiten Rudersitz und schob sich eine Zigarette zwischen die trotzig und energisch geschmungenen Lippen, „so machen wir’s nicht. Ich will vor meiner künftigen Frau Achtung haben — schon wegen der Kinder!“
„Ich bin darin ja auch so wahnsinnig rückständig!“ sagte Änne. „Man kommt sich ja fast komisch vor heutzutage. Aber ich denke genau so wie du.“
„Augen hast du . . . “Alfred sah sie träumerisch an und liess das Boot treiben, eine Hand im Wasser „. . . so blau wie der Müggelseel“
„Das sagst du jeden Sonntag . . . “
„Und jeden Sonntag kommen wir hier heraus . . . “
„Und kommen nicht weiter!“
Der Nachen näherte sich dem Ufer. Es war voll von Badenden. Geplansche. Gelächter. Gequietsche. Eine Damenstaffel schwamm prustend nach einem Gummitier in den Wellen um die Wette.
„Die im schwarzen Trikötchen macht’s, Änne!“
„Sie krauelt unrein . . . Alf! Das muss ich als Turnlehrerin im Nebenamt wissen!“
„Na und ich? Ab Uhrer viere Leichtathlet . . . “
„Aber verdienen tust du nichts damit!“
„Das ist’s ja eben. Es ist das viele Held, das man nicht hat!“ Alfred warf seine Zigarette ins Wasser. „Grossjährig sind wir. Ich sechsundzwanzig. Du zweiundzwanzig. Aufs Standesamt könnten wir gleich. Der Onkel dort segnet uns ohne viel Umstände.“
„Aber dann?“
„Du wohnst bei deiner Mutter, ich bei meinen Eltern. Woher eine Bleibe kriegen und nicht stehlen!“ Alfred Giebisch legte sich verbissen in die Ruder. „Wohnungsamt! Schwarz kannst du dabei werden! Und wenn mal nach Jahr und Tag, dann ‘ne Wohnküche! Bon Kindern keine Rede!“
„Und wovon die Einrichtung zahlen?“
„Stottern? Schön! Aber wie lange geht dann das noch mit mir bei Strömich und Merz?“ Die Ruderschläge klatschten in das spritzende Wasser. „Ich strampele mir hier als Vertreter die Stiebel schief und mache glänzende Geschäfte! . . . Und in der Fabrik in Sachsen — nu hären Sie . . da schlafen die Kutesten! — da geht alles den Krebsgang. Eines schönen Morgens machen die Dussel hier die Bude zu, und ich bin abgebaut!“
„Und dann?“
„Gott — ’ne Stelle wie die krieg’ ich schliesslich schon wieder! Ich kann ja zusehen! Aber da werden wieder die Kräfte von ’nem Kerl wie mir kaum zu zehn Prozent genutzt. Es ist ja zum Stiefelausziehen: da hat man nun ’nen Schwager, der klotzig verdient — mit ‘nem Riesenwirkungskreis . . . Jeden Augenblick könnte er mich bei sich unterbringen . .“
„Wenn du . . . “
„Nein! Ich gehe nicht zu Herrn Vögeding! Ausserdem gibt er mir ’ne Zigarre und schmeisst mich leutselig ‘raus! Ich kann’s ihm nicht mal verdenken, wenn er’s bis zum Hals hat! Vater und die Brüder haben da schon alles verkorkst, mit ihrem ewigen Gedrängele um Geld! Die empfängt er gar nicht mehr!“
„Ja — und nun erst ich!“ Änne schlug kummervoll mit der Hand nach einer vorbeischillernden Libelle: „Eben erst Studienreferendar . . . auf Probe — da und dort — mal in dem Mädchenlyzeum Germanistik, mal in dem Französisch! Bis zu dem Studienassessor in zwei Jahren krieg’ ich so gut wie nichts!“
„Das einzige, was man erschwingen könnte, wäre ein möbliertes Zimmer mit zwei Betten! Essen im Wirtshaus. Schauderhaft! Aber das tun ja viele junge Ehepaare in unserer herrlichen Gegenwart!“
„Als ob es darauf ankäme —, ob wir als möbliertes Ehepaar in einer Stube oder in ‘ner Kulturwohnung am Kurfürstendamm wohnen! Das eigentliche Unglück ist doch . . . “
„Ach ich Weiss!“
„Sowie ich mich in der Probezeit verheirate, flieg’ ich! Ein für allemal! Meine Laufbahn ist futsch! Wo Mutter ihr Letztes in meine Ausbildung gesteckt hat! Was Machen wir dann? Dann langt es nur als Turnlehrerin höchstens noch zum Tillergirl! Herrogott . . . schmeiss nur nicht das Boot um!“
Alfred war wild aufgesprungen. Er hielt breitbeinig Gleichgewicht. Seine schwarzen Augen loderten. Der ganze, grosse, südlichbräunliche Kraftmensch kochte.
„Also: gehst du nur so mit einer und hustest aufs Standesamt — dann heulen sie: da haben wir die heutige Jugend — den Richter Lindsan — die Unmoral . . . Verzeihen Sie, meine Herrschaften: Ich meinte nicht Sie!“
Er verbeugte sich höflich gegen zwei Paddler in einem vorbeigleitenden Eskimo, beide mit Stoppelköpfen, mit weissen Armen und Beinen in schwarzen Trikots. Aus nächster Nähe sah man, dass sie verschiedenen Geschlechts waren.
„Und hat man Grundsätze und will heiraten,“ Alfred Giebisch schmiss sich wieder auf die Ruderbank, „dann geben sie einem zum Dank keine Wohnung und jagen dich aus Amt und Brot! Wie soll man’s den zum Donnerwetter der Gesellschaft heutzutage recht machen?“
„Die Menschen sind zu abscheulich!“ sagte der blonde Studienreferendar.
„Aber wir lassen uns nicht unterkriegen!“ schrie Alfred erbittert. „Nach Casanova gehen wir nicht!“
„Nach Canossa – um Gottes willen!“ Änne faltete entsetzt die hände.
„Meinetwegen Canossa!“
„Alfred: ich sag’ dir immer: Nimm dich mit den Fremdwörtern in acht! Die beizzen!“
„Volksschule . .“ sprach der junge Mann . ."mal ’n Hauslehrer in der Inflation, wie Papa im Geld pladderte . . . nischt gelernt und krumme Beine . . . “
„Du bist Gott sei Dank wundervoll gewachsen!“ sprach die junge Turnlehrerin warm. „Du bist überhaupt ein sehr schöner Mensch! Darüber sind sich die Gelehrten einig!“
„Danke. Gleichfalls. Na – meinen Plauener Tüll werde ich auf der Tour auch ohne Bildung los!“
„Ach — Bildung!“ sagte der Studienreferendar innig und schaute sich um, ob der Dicke in der roten Badehose wieder angesegelt käme. Nein. Alfo küssten sie sich. Dann nahmen sie jeder ein Ruder und pladderten aus dem Müggelsee hinaus in die schmale Spree.
2
Es wehten reichlich viel schwarze Schilfkolben im Sommerwind über der kleinen Uferbucht, in die sie das Boot stehend mit den Rudern hineinstakten. Die Stechfliegen summten. Seitlings hatte die träge Strömung einen gesegneten Berliner Strand von leeren Konservenbüchsen, Stullenpapier und faulem Tang angeschwemmt. Es roch muffig in der hitze. Aber hinter dem grünen Röhricht wurzelte ein Dutzend Krüppelkiefern im weissen Sand, und unter dem spärlichen Schatten der Kuscheln stand freundlich, die Front nach dem Wasser, den Blick noch bis zum Müggelsee, das Weekendhäuschen.
Das Weekendhäuschen war nur winzig. Es glich — innen ein Raum für alles, aussen auf Tragpfosten aus rohen, moosverstopften Längsbalken gezimmert, — dem Wigwam eines Pelzjägers. Aber die flache Wellblechdachung, die niedere Türe, die Läden der beiden kleinen Fenster waren munter froschgrün gestrichen. Der farbige Wimpel des Leichtathletenklubs „Eintracht 1920“ wehte von einer himmeleblauen Stange. Im grünen Geranke um die Holzlatten der Laube nebenan flammten die roten Bohnenblüten.
Alfred Giebisch stand davor am Ufer und betrachtete still zufrieden sein Heim, die muskelstarken blossen Arme auf der Brust über dem blauweiss gestreiften Trikot gekreuzt. Sonst hatte er nur noch ein paar leinene Kniehosen an. Die haut seines halbnackten, kraftvollen Körpers glänzte goldbräunlich wie warme Bronze in der Sonne. Der Studienreferendar stand neben ihm, einen halben Kopf kleiner, zart, auch nur in Trikot und Höschen, Wassertropfen an den blossen Waden, auch braungebrannt, so dass ihr kurzes Haar noch heller blond ihr schmales Gesicht mit der Stupsnase und dem eigenwilligen Mund umwuschelte.
„Dass du das ganze haus so allein zusammengezimmert hast . .“, sagte sie andächtig.
„. . so gut es in der Eile ging . . . wenn der Mensch acht ganze Tage Urlaub im Jahr hat . . . “
„Was du so alles kannst . .“
„Ich könnte ganz andere Sachen! Wenn man mich nur liesse! Aber Pinke-Pinke braucht man . . . ’nen Wirkungskreis!“
Er sprang mit einem grimmigen Satz bis zu den Knien in das Wasser, zog das Boot dicht an das Ufer und auf zwei runden Fichtenhölzern über den Sand nach dem niedrigen Schuppen hinter dem Weekendhaus, wo schon das zweisitzige Motorrad angekettet lehnte. Dann setzte er sich auf die holzbank in der Laube. Änne war in das Haus gegangen. Bald kam aus ihm der Geruch von Kaffee und dann sie selbst, mit Tassengeklappeer, und deckte hausfraulich das windschiefe Tischchen in der Laube. Er schraubte inzwischen behutsam mit seinen grossen, sportschwieligen Händen die Nadel ins Reise-Grammophon ein. Sie sassen Arm in Arm vor den Kaffeetassen und rauchten und schauten still auf die weite Welt hinaus, und am Boden spielte die Platte:
„Kennst du das kleine Haus am Michigansee?“
Änne legte sich lang auf den Sand, die Hände im Nacken verschränkt, und blinzelte zum blauen Himmel über sich in die Höhe und sang mit dünner, hoher Stimme:
„Dahin fuhren wir zwei — einst im Mai –“
„Und lag . . . “, Alfred streckte sich bronzebraun neben sie, „auch noch der Schnee . . . “
„Alf — du singst furchtbar falsch . .“
„Egal! . . . auf dem kleinen Haus am Michigansee . . . “
Gemeinsam sangen sie beide halblaut, gefühlvoll:
„schuf die Liebe und zwei — ew’gen Mai . . . “
Dann surrte die Platte und verstummte.
„Ach ja . . . “ sagte Änne nach einer Weile. Es klang wie ein Seufzer. „Gut, dass wir wenigstens das kleine Haus am Müggelsee haben!“
Alfred Giebisch riss verdrossen einen Grashalm aus dem mageren Boden.
„Es ist auch immer eine Hetze: —Sonntag morgen immer erst heraus und um fünf am Abend wieder heim! Wenn wir Mann und Frau wären . . . “
„ . . . dann könnten wir immer schon Sonnabend mittag hier sein und erst Montag mit den Hühnern wieder nach Berlin. Das wäre erst das richtige Weekend!“
Beide wurden still. Schauten sich an. Wieder weg.
„Ich Weiss, woran du jetzt denkst, Änne . . . “
„Du auch . . . “
„Wir haben ja schon sooft Davon geredet . . . .“
„Fang’ nur nicht wieder davon an . . . “
„Eigentlich ist das doch das Ei des . . na — wie hiess der Kerl?“
„Des Kolumbus!“
„Da ist doch eine Möglichkeit, sich zu heiraten . . . .“
Änne legte ihm rasch und ängstlich die Hand auf den Mund. Liess fie wieder sinken. Schwieg. Versank in Träume.
„Ein Glück, dass erst Juni ist!“ sagte sie dann. „Da haben wir noch den ganzen Sommer vor uns. Den langen, langen Sommer . .“
„Aber so geht das nicht weiter. Das halten wir gar nicht aus!“
„Was sollen wir machen?“
„Änne — ich komm’ wieder auf das zurück, an das wir beide schon seit Monaten denken . . . “
„Sprich nicht Davon . .“ Änne rührte schnell und verstört in ihrer Kaffeetasse. Ihr Gesicht wurde unter der Sonnenbräunung blass. „Wenn man immer wieder davon redet, dann tut man’s schliesslich . . . “
„Donnerwetter: tut man denn unrecht, wenn man sich heiratet . .?“
Änne stand landsam auf.
„Ja. Aber heimlich heiratet . . . “ sagte sie mit grossen Augen, ganz leise, mit zitternder Stimme. Auch er erhob sich.
„Na natürlich Heimlich . .“ Er bemühte sich, möglichst unbefangen zu reden. „Was bleibt einem denn übrig, wenn die Menschen so blödsinnig sind?“
Sie traten in ihrer Erregung vor die Laube. Sie gingen draussen mit schnellen, kurzen Schritten in der heissen Sonne auf und ab, immer von den Konservenbüchsen zum Schilf und zurück.
„Wenn uns der Standesbeamte vier Wochen in den Kasten hängt, kümmert sich bei mir kein Mensch in Berlin darum!“ versetzte er. „Und dein Schulkollegium erfährt nicht die Bohne Davon. Du musst nur dem Standesbeamten nicht sagen, dass du Lehrerin bist, sondern Haustochter bei deiner Mutter. Fräulein Bender gibt es in Berlin viele. Freilich: Deine Mutter..“
„Das wäre das Geringste . . . “
„Nanu?“
„Das hab’ ich mir schon überlegt. Da hatt’ ich ’ne Idee von Schiller: Der Mutter kann ich einfach sagen, ich sei in die Damenriege des Ruderklubs — irgendeines Ruderklubs hier — eingetreten und übernachtete da mit anderen im Damenraum des klubhauses. Das täten viele, um nicht erst nach Berlin zurückzumüssen!“
„Und das glaubt sie?“
„Du ahnst nicht, wie weltfremd die alte Generation ist! Natürlich glaubt sie’s! Sie glaubt mir alles!“ sagte Änne. „Aber es tut mir weh!“
„Ach – das ist eine fromme Lüge!“
„Ich meine auch nicht das — da heiligt wirklich der Zweck die Mittel, wenn ich heimlich als Ehefrau auskneif’ . . . aber dass ich der Mutter nicht sagen dürfte, dass ich Ehefrau bin — das ist schrecklich!“
„Wenn du ihr strengstess Stillschweigen . .“
„Mutter und stillschweigen! Da kennst du sie flach! — ? Mutter kann nichts bei sich behalten. Sie ist viel zu gut. Sie traut allen Menschen und vertraut ihnen blindlings alles an!“
„Ich danke.“
„Sie würde sofort geheimnisvolle Andeutungen machen — bei Tanten und Verwandten . . . ‚Kinder — wenn Ihr wüsstet!‘ — und ihre Sorge um unseren Streich unter dem Siegel der Verschwiegenheit ihren Freundinnen beichten! Und in kurzem Weiss es Gott und die Welt, und Fräulein Meinhold erfährt es, die Direktorin — na — und alles Weitere kann man sich ja denken!“
„Schrecklich mit so alten Damen . . . “
„Du wirst Mutter nicht ändern! Nachher erinnert sie sich gar nicht, wem allen sie’s erzählt hat, und stellt es entrüstet in Abrede! Nein – da muss man schweigen, wie das Grab! Und wenn einem das Herz blutet.“
Beide waren blass und ernst. Alfred Giebisch nickte entschlossen.
„An sich wäre die Chose auf die Weise furchtbar einfach! Du bleibst bei deiner Mutter wohnen und ich bei meinen Eltern. Wir brauchen keinen Pfennig für Wohnung und Aussteuer und Möbel, auch wenn ich abgebaut werde. Du behältst deine Stellung. Und zwei Tage fast in der Woche — da haben wir uns, Änne!“
„Hier im Häuschen . .“
„Das ist doch alles so furchtbar einfach!“
„Aber wenn es herauskommt — dann bin ich perdü!“
„Es darf eben nicht herauskommen!“ Alfred Giebisch riss zornig einen Schilfkopf vom Stengel, betrachtete ihn aufmerksam und warf ihn weg.
„Das sagst du so!“
„. . . wenigstens so lange nicht herauskommen, bis ich eine seriöse Position hab’ und dich ernähren kann! Das kann über Nacht kommen, auch ohne dass ich zu meinem grossen Schwager Vögeding lauf! So gut, wie der mit Geduld und Spucke — na — eigentlich über Nacht — von einem kleinen Mann zum Reichmeier geworden ist, so sicher werd’ ich auch ’mal Millionär! Wetten dass . . . ?“
„Ach – lass nur jetzt die Zukunftsmusik – ja?“
Alfred Giebisch legte Änne leise die Hand auf den blossen Scheitel.
„Ich will dich nicht drängen, Änne!“ sagte er weich. „Die Entscheidung steht bei dir!“
„Und die Verantwortung!“
„Die trage ich mit dir! Sage ja oder nein — ich werde tun, was du willst! Aber wenn es geschehen soll, dann nicht erst lange gefackelt! Dann gleich! Das Warten hat gar keinen Zweck!“
Er liess Änne stehen und ging zur Seite. Er hatte nur ein paar Schritte getan, da hörte er hinter sich laufen. Zwei weiche Arme schlangen sich um seinen Hals. Er sah in ein blasses, tränenbeperltes, glückselig lachendes Gesicht.
„Änne — wollen wir . . . ?“
„Ja.“
„Heimlich?“
„Ja! Ja! Ja! Wir riskieren’s! Jch hab’ dich zu lieb!“
3
Ein paar Studen später war die Landstrasse nach Berlin eine einzige kilometerlange Staubfahne. Die sinkende Sonne schien rötlich durch die grauen Schleier. In ihnen hupten die Autos, knatterten die Krafträder, bimmelten die Radler. Seitlings zogen die Wandervögel, die Familien, die Vereine. Dann stockten die Kolonnen, geblockt vom Anprall eines Kühlers an den Tank vor ihm. Alfred und Änne standen neben ihrem Rad in einem heissen Brodem von Staub, Schweiss, Benzin, Zigarren. Er entzündete, jetzt vom Sturzhelm bis zu den Schnürschuhen in dattelgelbem Sportleder, eine Zigarette zwischen den zusammengepressten Lippen.
„Also es bleibt dabei, Änne: Wenn schon, denn schon! Ohne langes Gefackel! Wir heiraten gleich!“
„Ja. Wir wollen doch den Sommer draussen nutzen!“ sagte Änne. Sie sah jetzt, mit der grossen Brille vor den Augen, fremdartig und hochmütig aus, streng wie eine Lehrerin. Das Schwarz der Brille machte ihre schmalen Wangen blass. Sie vertrat sich die steifgewordenen Beine, die in Breeches und Wickelgamaschen staken, passend zu dem hochgeknüpften Lederjäckchen und der Lederkappe.
„Morgen vormittag, Änne, geh’ ich zu dem Standesbeamten! Der Onkel traut uns mit Wonne!“
„Du — aber wir sagen’s wirklich keinem Menschen!“
„Keiner Seele! Das heist: wart’ einmal! Zwei Trauzeugen brauchen wir doch!“
„Um Gottes willen — wen denn?“
„Wozu hat der Mensch Brüder? Den Friedrich habe ich hier sofort in Berlin greifbar! Den stökere ich jetzt gleich ’mal in seinem Photographenatelier drinnen auf!“
„Und der Bruno?“
„Dem schreib’ ich auf seine Gutsstelle in Holstein, dass wir seinerzeit hier auf ihn rechnen! Der Oberinspektor beurlaubt ihn schon für einen Tag von seinen Kühen und Schafen! Er kann ihm sagen: ’ne olle Erbtante sei abgekratzt..“
„Dass der Bruno es nur nicht als Junggeselle zu leicht nimmt und etwas ausschwasst — von unserer heimlichen Ehe!“
Der Studienreferendar brachte die beiden Schicksalsworte aufgeregt und geheimnisvoll, mit schwankender Stimme über die Lippen. Ihr Bräutigam legte ihr die hand auf die Schulter.
„Der Bruno! Der nimmt doch das Leben so Ernst! Er und seine jungen Leute vom Lande da oben starren ja von Grundsätzen. Der gibt sein Ehrenwort und schweigt sich aus! Und der Friedrich auch!“
„Eben wird der Weg frei!“
„Vorwärts! Aufgesessen!“
Das Gerolle und Gestrampel und Getute wälzte sich weiter, achtlos an dem seitlings auf das Feld geschobenen blessierten Wagen vorbei, nach Berlin. Berlin riss seinen Rachen auf. Berlin verschluckte hungering die heimkerenden Millionen. Alfred Giebisch und Änne Bender sausten mit vorgebeugten Köpfen und hämmernden Herzen und einem feierlichen, beklommenen Lächeln auf den blassen Gesichtern wie Goldaten vor der Schlacht, im Gewühl der Unzähligen, in Donner und Glut Berlins hinein. Nahe dem Brausen und Tosen des Alexanderplatzes lud er in einer kleinen Seitenstrasse den blonden Sozius vor einem Mietshaus ab.
Sie standen am Haustor, die Hände ineinander, und schauten sich stumm ins Gesicht und küssten sich mit den Augen. Überall in den Hausgängen und Höfen standen jetzt in der Dämmerung die Paare, die Strasse entlang, in ganz Berlin, in Deutschland, auf der ganzen Welt.
„Ich töffe nachher noch ’mal rasch wieder hierher zurück und melde dir, was der Bruder gesagt hat!“
Alfred Giebisch knatterte davon. Hoch im Norden, in der Welt der Fabriken, legte er im Flur einer Miestkaserne die Sicherheitskette vor sein Rad und stieg die ausgetretenen Treppen empor, vier Stockwerke hoch, bis zu einem Schild: Friedrich Giebisch, Photograph..
„Ist er zu Hause, Linda?“ Er gab der jungen Frau, die auf sein Klingeln öffnete, die Hand. Sie sah in dem Zwielicht wie ein schlankes, langes Gespenst aus, in dem weissen Leinenkittel vom Hals bis fast zu den Knöcheln. Sie gähnte und hielt, ihre Rechte in seiner, die tadellos manikürte, langfingerige weisse Linke vor den etwas grossen und etwas rot getönten Mund.
„Na klar! Als Photograph — bei dem Prachtwetter!“ Sie hatte eine helle, schnelle Berliner Stimme. Berlinisch intelligent, mit beweglichen braunen Augen, war auch ihr sehr hübsches, schon etwas faniertes und leicht gepudertes Gesicht. Es paste sich, mit der langen, geraden ein wenig nach den Sternen gerichteten Nase, den hochangestetzten Nasenflügeln, der kurzen Oberlippe und schnippisch gerundeten Unterlippe dem neuen mondänen Typ der Modeblätter an. Das kurze Braunhaar wellte sich sorgfältig onduliert um die kleinen, von falschen Riesenperlen umpendelten Ohren. Sie ging, mit der Uebung eines Empfangsfräuleins, dem Besucher durch das dürftige, dämmernde Vorstadt- Atelier voraus und rief:
„Du, Fritze! Der Alfred ist gekommen!“
„Er soll wieder gehen!“ tönte von hinten eine starke, warme Männerstimme
„Fritze — benimm dich! Ja? — Mir jibt er — mir gibt er deb, Guten Ton in allen Lebenslagen’ und ‚Mir oder Mich?’ in die Hand! Und er selber? — Du hast allein mit Fritze zu redden? Bitte — bedien’ dich!“
Alfred Giebisch trat, an der Dunkelkammer und den Arbeitstischen vorbei, in das abgeschrägte Dachzimmer — Wohn-, Schlaf- und Essraum in einem. Auf einem Schemel in der Mitte stützte ein mittelgrosser Mann nahe den Vierzig den glattrasierten, ausdrucksvollen Charakterkopf dumpf in die Hände. Sein gefurchtes und leidenschaftliches Antlitz mit der Hakennase, den grossen, grauen Augen, dem bitteren, starkfaltig ausgeprägten Mund erinnerte an einen älteren Provinzmimen. Aber die unzähligen Furchen auf der Stirn, die grüblerischen Krähenfüsse um die Tränensäcke deuteten auf den Denker. Er blickte auf und fuhr sich heftig mit der hand durch die genialischen, langen, grauen Stirnsträhnen.
„Setz dich!“ sagte er. „Es ist heiss hier. Im Sommer. Im Winter um so kälter. Linda und ich frieren um die Wette!“
„Kriegt ihr denn keine andere Wohnung?“
„Wir?“ Der Photograph lachte wild auf. „Für Unverheiratete, mein Sohn, gibt es möblierte Zimmer. Aber in getrennten Häusern. Sonst kommt der Hausverwalter!“
„Ach so!“
„Da kann ich zehnmal auf dem Wohnungsamt feierlich vor Gott und den Menschen erklären: ‚Linda und ich sind ein freies Paar! Wir leben in Kameradschaftsehe!’ Der Beamte blättert: ‚Ich finde da nur eine unverehelichte Luise Knieriem, die bei Ihnen als Assistentin angestellt ist!’ Hier oben lassen einem die Banausen wenigstens ungeschoren! Was bringst du? Viel Zeit hab’ ich nicht! In einer halben Stunde kommen die Adelphen!“
„Verbessert ihr immer noch die Welt?“
„Es tut not!“ sagte der Mann mit dem verwüsteten Charakterkopf leise und fest. Aus dem Atelier rief Linda mit ihrer scharfen Kehle: „Wegen mir können die Brüder“ — sie sagte mehr: „die Brieder“ — „kommen!“
Sie hatte die photographischen Apparate beiseitegerückt, Stuhl, Tisch und Wasserglas darauf hingestellt und aus ein paar Plättbrettern über Stühlen zwei Reihen Sitzbänke hergerichtet. Sie streifte ihren weissen Atelierkittel ab. Ein Sonntagnachmittag-Kleid aus himmelblauem Crêpe de Chine veränderte plötzlich ihr Menschenbildnis. Der hauchdünne Stoff verfloss mit dem mondän frisierten Kopf darüber zu einem Ausschnitt neurer Berliner Eleganz der unteren Hunderttausend. Sie wirkte in ihrer interessanten Blässe fast damenhaft, als sie über die Schwelle trat. Man sah jetzt erst, wie schlank und flott sie gewachsen war. Sie blickte selbst befriediat auf das Faltenspiel des halbdurchsichtigen Gewebes um ihre Knie nieder.
„Richtige, lange, dünne gerade Filmbeine — was?“ sagte sie stolz unbefangen. „Du, Männe: Ich geh’ jetzt in die Englische Stunde!“ Sie reichte Alfred die Hand. „Nicht schlecht braun gesotten is er! Du hast natürlich heute wieder ’n ganzen Tag mit deiner Kleinen auf dem Wasser gelegen?“
„Das ist keine Kleine, sondern eine Lehrerin der Kleinen! — Ein Studienreferendar!“
„Verzeihung! Ich wollte der Iräfin-Braut nich zu nahe treten!“ Linda ging. Sehr leichtfüssig. Schmalhüftig. Schmalschulterig. Sehr bewusst Nur ein schwacher Parfümhauch blieb von ihr in der Luft übrig