Kitabı oxu: «Panik in Odessa»
Rudolf Stratz
Paník ín Odessa
Saga
Panik in OdessaCopyright © 1936, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507407
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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1
Űber die südrussische Steppe brüllte der Regensturm. Sie lag baumlos, flach wie die Hand, in dunkler Nacht. Nur etwas wie unsichtbare, riesige Schlangen mit reihenweisen lichthellen Schuppen glitt alle paar Stunden eilig durch die Finsternis. Das waren die Eisenbahnzüge voll Truppen. Sie keuchten. Sie sprühten Funken. Sie schleppten in diesem Herbst 1877 immer neuen Nachschub für den grossen feurigen Ofen, für den Türkenkrieg auf dem Balkan und an der Donau. Generale und Soldaten, Pferde und Kanonen, Ärzte und Popen fuhren hier zwischen Kiew und Odessa dem fernen Land voll Blut und Wunden entgegen. So ging das schon seit vielen Monaten. Der Schnee des Schipkapasses, der Schützengrabenschlamm der Plewnakuppe frass die Heere des Zaren.
An einen der langen Transportzüge waren hinten ein paar Wagen für die wenigen Zivilreisenden angehängt. Der Wagen erster Klasse war gross und bequem. Stearinkerzen erhellten flackernd den breiten Seitengang, längs dessen sich die verschlossenen Türen der einzelnen Abteile reihten. Dazwischen glühte in einer Ausbuchtung der riesige eiserne Heizofen. Ein schnurrbärtiger, grünröckiger russischer Gendarm stand zwischen ihm und der Wand verborgen. Ein zweiter schlich lautlos auf den Spitzen seiner Schaftstiefel über den Gang heran und schob sich neben ihn in das heisse Versteck. Ein Flüstern durch das Rattern der Räder.
„Ist Goldhändchen wirklich im Zug?“
„Antoschka hat sie gesehen! Sie hat sich auf der letzten Station in der allgemeinen Unordnung hier in das leere Abteil am Ende des Wagens eingeschlichen. Dort sitzt sie wie eine Ratte im Dunklen!“
„Sie hat etwas im Wagen vor!“
„Sie wird gleich zum Vorschein kommen!“
„Diesmal kriegen wir hoffentlich endlich diese Feindin Gottes!“
„Still! Da ist sie!“
Die letzte Tür am Ende des Wagens öffnete sich ganz langsamm und vorsichtig. Der Kopf einer jungen Frau spähte durch den Spalt. Über dem scharf gebogenen Näschen musterten zwei unstäte, stechend schwarze Augen misstrauisch den leeren Gang.
„Goldhändchen kommt heraus!“
„Da steht sie!“
Kaum mittelgross. Schmächtig die Gestalt unter dem dunklen Mantel. Ein dunkles Kopftuch über dem schmalen, gelblichen jugendhübschen Gesicht. Zusammengepresst der kleine rote Mund, den die vorgeschobene Unterlippe etwas Lauerndes gab. Die Fremde ging vorsichtig mit einem geschmeidigen Gleiten in den Hüften längs den Türen hin. Blieb vor einer stehen. Sah sich noch einmal scheu nach vorn und hinten um. Die beiden Gendarmen hinter dem Ofen beobachteten die junge Jüdin. Ihr Gemurmel verklang im Rollen des Zuges.
„Wer ist in dem Abteil da drinnen?“
„Irgendein reicher Kaufmann. Er hat sich Bettzeug mit hineingebracht und schläft!“
„Jetzt klinkt sie leise auf . . .“
„Schiebt sich wie ein Schatten hinein!“
„Warte nur, Goldhändchen! Du wirst keine Reisenden mehr bestehlen und ermorden!“
„Zähle noch bis zwanzig, damit wir sie auf frischer Tat ertappen! Jetzt mit Gott!“
„Stoss die Tür auf!“
Ein Schreckensschrei innen. Das Abteil war hell. Auf dem breiten Polster lag ein graubärtiger Reisender in tiefem Schlaf, unter sich wie daheim im Bett ein weissleinenes Kopfkissen, über sich eine weisse Steppdecke. Er hatte aus Furcht vor Dieben seinen kostbaren Otterpelz nicht abgelegt. Aus dessen Kragenausschnitt am Hals, unter dem Patriarchenbart, riss in dem Augenblick, als die Gendarmen sie packten, die junge Frauensperson ihre magere kleine Hand. Sie wand sich wie ein Aal in den Fäusten der Gendarmen. Ein tiefer Bass lachte.
„Zappele nur, du Sünderin! Bald wirst du noch höher am Strick zappeln! Man schickt euch nicht mehr nach Sibirien! Wir haben Kriegsgelege! Verstärkten Schutz! Begreifst du, mein Seelchen?“
„Und schreie nicht! Du weckst die Reisenden!“
„Wie, schreie ich denn?“ Die junge Frau warf trotzig den schmalen Kopf ins Genick. Sie fuhr sich glättend mit der Hand über den glänzend schwarzen Mittelscheitel, von dem das Tuch gerutscht war, und über die hinten mit einer feuerroten Schleife aufgesteckten schwarzen Zöpfe und blickte den beiden Gendarmen herausfordernd ins Gesicht. „Belieben Sie, mir zu sagen, was ich verbrochen habe?“
„Was hast du hier in dem Abteil zu suchen, du Gottlose?“
„Ich bin aus Versehen hineingeraten! Zu spät sah ich, dass hier schon ein Herr schlief!“
„Er scheint schwer berauscht zu sein, dass er immer noch nicht aufwacht“, sagte der eine Gendarm.
„Bestehlen wolltest du ihn, wenn nicht Schlimmeres! Gestehe, du Unwürdige, dass du das Goldhändchen selber bist!“
„Wer ist Goldhändchen?“
Es klang dreist, mit einem unschuldsvollen Augenaufschlag. Der Gendarm schüttelte seinen Fang an den Schultern.
„Du willst Goldhändchen und ihre Leute nicht kennen, die ihr seit Jahr und Tag nachts die Reisenden in den Zügen beraubt und womöglich umbringt?“
„Nun — Gott mit ihnen!“ Ein Achselzucken. „Ich bin nicht euer Goldhändchen!“
„Wer willst du denn sein — he?“
„Diesen Vogel kenne ich doch!“ Ein bleicher, blondbärtiger Mann in mittleren Jahren trat ein — ein russischer Mensch aus dem Volk, wie man ihn zu Tausenden sah. Er trug die Schirmkappe und den umgedrehten Schafpelz der unteren Stände. Sein Gesicht mit der stumpfen breitflügeligen Nase und den fast wimperlosen blauen Augen war ausdruckslos schläfrig. Er warf eine ausgerauchte Papyros zu Boden und sagte mit einer auffallend weichen, schmeichelnden Stimme zu der Fremden:
„Tratst du nicht bis zum Herbst in dem jüdischen Possen theater im Garten des Adelsklubs in Odessa auf?“
„Ja, Euer Wohlgeboren! In der Lansheron-Strasse!“
„Heisst du nicht Haja Perlstein?“
„Hier mein Pass!“
„Antoschka, dieser Spitzbube, weiss doch alles!“ sprach der eine Gendarm zum andern mit einem Blick auf den bleichen, blondbärtigen Mann. Und dieser meinte, immer in seinem blommor Tonfall:
„Wie sollte die Geheimpolizei nicht klüger sein als andere! Dazu gab uns Gott unser Brot!“ Er wandte sich wieder der jungen, schwarzhaarigen Haja Perlstein zu, deren Kohlenaugen bei dem Namen der Ochrana, der gefürchteten Geheimpolizei, ihren dreisten Glanz verloren hatten. „Und was tust du hier im Zug?“
„Ich komme aus Balta, Euer Wohlgeboren! Ich suchte dort ein Engagement!“
„Das ist nur ein Vorwand für deine Verbrechen, mein Goldhändchen“, sagte Antoschka, der Agent der Geheimpolizei, gleichmütig. Die schwarze Haja fuhr verzweifelt auf. Sie spreizte die Finger. Sie hob die Schultern. Sie zischte wie eine in die Enge getriebene Katze.
„Und was habe ich verbrochen? Weckt doch diesen Herrn auf! Er ist ein grosser Herr! Er ist reich. Er wird bezeugen, dass ihm nichts von seiner Barschaft fehlt!“
„Weil wir rechtzeitig gekommen sind, meine Gesegnete!“ Der eine Gendarm bückte sich und fasste den schlummernden graubärtigen Reisenden an den Schultern. „Aber in der Tat: er hat jetzt genug geschlafen!“
„Belieben Sie zu erwachen, Herr!“ Der andere Gendarm rief es dem still Ruhenden in die Ohren. Der rührte sich nicht. Die beiden schauten sich an, rüttelten noch einmal. Der Körper da unten gab willenlos nach. Antoschka, der Geheimagent, beugte sich über das gelbliche Antlitz, aus dessen Haarwildnis eine mächtige Geiernase vorsprang, er schaute prüfend in die Augen unten, die nicht wie im Schlaf geschlossen, sondern gläsern starr und offen waren. Er richtete sich auf und sagte in seinem weichen, leisen Stimmklang:
„Aber wie denn? Er ist ja tot!“
„Tot?“ Die Gendarmen standen mit offenem Mund.
„Tot!“
Darauf war eine kurze Stille.
Haja Perlstein stedte ihre Hände zwischen die Zähne und biss sich krampfhaft auf die Finger, um nicht aufzuschreien. Ihr magerer Busen flog in ungläubigem Schrecken. Ihr geschmeidiges Körperchen zitterte vor Entsetzen über den Mord. Antoschka, der Geheimagent, mass sie mit einem mitleidigen Blick.
„Das wundert dich noch?“ sprach er. „Spiele du nur Komödie wie im Adelsgarten in Odessa! Deswegen wird man dich doch aufknüpfen!“
Die beiden Gendarmen hatten sich stumm bekreuzigt. Dann befühlte der eine die graubehaarte Faust des Toten, die sich in der Seidendecke eingekrallt hatte, und murmelte:
„Er ist noch warm!“
„Vor ganz kurzer Zeit hat ihn Gott abgerufen!“ Antoschka bückte sich und beschaute das starre Antlitz da unten, das einem grimmen Hohenpriester Israels aus dem Alten Testament glich. „Bemerkt das aufgedunsene Gesicht! Die vorgequollenen Augen! Eine Spur Blut, Brüder, am rechten Mundwinkel!“
Er schlug den grauen Bart mit der Hand nach oben, so dass der Hals des Toten freilag. „Da seht: Im Schlaf erdrosselt . . . ..“
Tiefe Würgemale zeichneten sich wie zwei talergrosse bläuliche Teller zu den beiden Seiten des Kehlkopfes ab. Der Agent der Ochrana legte sorgfältig wieder den Bart darüber und richtete sich auf.
„Er ist der erste nicht!“ versetzte er. „Was, Goldhändchen?“
Haja Perlstein stiess einen weinerlichen Schrei aus. Es klang wie das Wimmern einer geängstigten Katze. Der bleiche blondbärtige Antoschka fasste ihre bebende kleine magere Rechte, hob sie empor, betrachtete sie, liess sie wie einen wertlosen Lappen wieder fallen und schüttelte den Kopf.
„Mit diesen Fingerchen ist es nicht geschehen!“ Er wandte sich streng zu der jungen Jüdin. „Gestehe: Wer war der rotbärtige riesige Barfüssler, mit dem ich dich noch auf der vorigen Station im Wagen dritter Klasse da nebenan zusammensah?“
„Ein Freund von mir aus Odessa!“ stammelte Haja. „Ein Sackträger im Praktischen Hafen!“
„Wie heisst dieser Sohn des Teufels?“
„Morduch Izaaks, Euer Wohlgeboren! Aber auch er ist unschuldig wie ein Kind!“
„Wir wollen dieses Kind festnehmen, ehe es auf der nächsten Station aussteigt!“ sagte Antoschka. „Dich wird man vorläufig in dem leeren Abteil vorn im Wagen einsperren! Du . . .“, er wandte sich zu den beiden Gendarmen, „hältst drinnen bei ihr Wacht, damit sie nicht durch das Fenster klettert! Und du bleibst hier stehen und sorgst, dass niemand zu dem toten Kaufmann da drinnen eintritt!“
Antoschka, der Geheimagent, stiess die Aussentüre des dahinrollenden Wagens auf. Draussen war stockdunkle Sturmnacht. Schräg gepeitschte Regengüsse klatschten ihm ins Gesicht. Unter ihm donnerte der Bahnkörper, während er die lebensgefährliche Kletterei über die dröhnenden und schaukelnden Puffer zum nächsten Wagen unternahm, dort die Türe aufriss und sich hineinschwang.
In der verpesteten Stickluft von Ofenglut, Menschenbrodem, Leder- und Schafpelzbunst, Zwiebelgeruch, Zigarettenrauch winkte er zwei Gendarmen, die stumm, die Revolver über die Mäntel geschnallt, an der Wand des Seitengangs lehnten.
„Im dritten Abteil sitzt er? Gut! Macht auf! . . . . Steh auf, du Judassohn, wenn man mit dir spricht!“
Das Abteil war voll von allerlei Volk. Von der Holzbank erhob sich langsam ein hünenhafter Hebräer mit rotem Haarschopf und langem, wirrem rotem Bart. Es schien, als wollte er kein Ende nehmen. Er wuchs weit über den Geheimagenten und die Gendarmer hinaus. Es war, als sei Simson unter den Philistern wieder auferstandert, so riesig stand er da, breitbeinig auf knochigen blossen Füssen, die mächtigen Hände in dem Ledergurt, der den zerlumpten, aus einem alten Kohlensack gearbeiteten Kittel umschloss.
„Zeige deinen Pass! Wahrhaftig: Du hast einen!“ Der Agent Antoschka blätterte. „Du bist Morduch Izaaks, Obmann einer Genossenschaft hebräischer Kohlen- und Getreidesackträger im Hafen! Warum bist du nicht dort?“
„Ich sah mich hier für unsere Gemeinschaft nach Arbeit auf einer der Stationen um. Überall wird Weizen für den Krieg in der Türkei eingeladen!“
„Und bei dieser Gelegenheit hast du den reichen Kaufmann in der ersten Klasse ermordet?“
„Wie denn, Herr?“ Der rote Riese hob voll Staunen und Abscheu die hornigen Handteller gegen den Polizeiagenter.
„ . . . und bist dabei offenbar gestört worden! Denn du bist auf der letzten Station hierher zurüdgekehrt und hast Haja Perlstein beauftragt, das Werk zu vollendert und den Toten zu berauben! Oh, lüge nicht! Ich selbst habe euch beide hier im Gang beisammenstehen sehen!“
„Wie sollten wir nicht? Aber . . . .“
„Aber den Wagen hat dieser Hebräer nicht verlassen!“ sprach ein alter, schmutziger Dorfpope, der in einer Ecke des Abteils sass. Ein bärtiger Altgläubiger neben ihm ergänzte in tiefem Bass:
„Wenn er auch Christus gekreuzigt hat — der Wahrheit die Ehre!“
„So ist es!“ sagte ein schlitzäugiger tatarischer Stationskellner neben ihm. Zwei Kaukasier schüttelten heftig die hohen schwarzen Fellmützen auf ihren bräunlichen Köpfen als Zeichen: Nein. Der Hebräer stieg nicht aus!
„Ihr hört, Herr . . .“, sprach Morduch Izaaks fast drohend. Er hatte grobe, finstere Züge und einen unheimlichen Blick. Man konnte ihn jedes Verbrechen zutrauen. Der Agent Antoschka überschaute das Abteil: ein Pope, ein Altgläubiger, ein Tatar, zwei Georgier — was war auf das Gerede dieses Häufleins Armseliger zu geben? Wer von ihnen fürchtete sich nicht, wenn er sprach, vor der Rache des Riesen und seiner Spiessgesellen?
„Man wird eure Namen aufschreiben und euch als Zeugen vernehmen!“ sagte er verächtlich und dann barsch zu den Gendarmen: „Sowie der Zug jetzt hält, führt ihr diesen Menschen in den nächsten Militärwagen und bewacht ihn dort gut!“
Es war auf der Steppenstation das übliche nächtliche Getümmel von grauen Soldatenmänteln und gelben Schafpelzen der Bauern und bunten Kopftüchern der Weiber, die harte Eier und Wassermelonen feilhielten, und grünen Uniformen der Beamten — das alles in unstätem Schein von Handlaternen, in der grossen russischen Stille, in der die Menschen sich wie stumme Schatten bewegten.
Nur einer schrie durch Sturm und Regen vom finsteren Himmel, dass alles sich neugierig um ihn drängte. Vier Gendarmen hatten Mühe, den baumlangen Morduch Izaaks zu bändigen und ihn durch die Menge zu einem Wagen voll Kosakenpferden zu schleppen. Er schlug mit Bärenkraft um sich und zeterte dabei in seltsam hohen klagenden Fisteltönen. Er verfluchte auf hebräisch seine Bedränger und rief die Rache Jahves auf sie nieder, und um ihn grinsten die Uralkosaken und halfen deri Gendarmen, den strampelnden roten Riesen zu den struppigen Gäulchen in den Wagen hineinzustossen.
Einer von ihnen prallte dabei in dem Geraufe an einen Herrn vom langen, dünnen Wuchs der vornehmen Petersburger Welt, der, das Genfer rote Kreuz auf der weissen Armbinde und über dem Schirm der weissen Mütze, mit zwei dampfenden Teegläsern vom Stationsbüfett kan und Mühe hatte, nichts zu verschütten. Es war ein Mann zu Mitte Dreissig mit einem dunkeln Schnurrbart in dem länglichen, blassen Gesicht. Er ging suchend an dem Wagen erster Klasse entlang. Er frug den Oberkonduktor des Zugs:
„Belieben Sie: In diesem Wagen soll sich doch Seine Exzellenz General Schischko vom Stab des Feldintendanten für die Truppenversorgung befinden?“
„Ein General ist in diesem Wagen“, sagte der Oberschaffner, „samt einem Fräulein in Schwesterntracht. Der Herrin war der Zigarettenrauch im Offizierswagen zu beschwerlich. Deswegen stieg in Balta der General zu ihr in den Wagen für die Zivilreisenden. Da stehen sie ja beide im Wagengang am fenster!“
Hinter der herabgelassenen Scheibe hob sich in dunkelgrüner Uniform mit breiten Achselstücken und Fangschnüren die Gestalt des Generals Schischko ab. Er war ein Fünfziger, kurz und stämmig. Auf breiten Schultern sass ein ruhiger, russischer Kopf mit starken Backenknochen und stumpfer Nase. Sein kurzer Vollbart war leicht ergraut. Neben ihm lehnte seine Tochter, zart gewachsen, mittelgross, in weisser Schwesterntracht und Pflegerinnenhäubchen. Mit dem hellblonden Haar, den hellblauen Augen, der vom Nachtwind geröteten klaren Hautfarbe der Wangen glichen ihre weichen Züge mit dem kleinen herzförmigen Mund und der zierlichen Nase eher einem hübschen russischen Bauernmädchen als einer Weltdame von der Newa. Der junge Aristokrat unten lächelte ihr begeistert als alter Bekannter zu. Grüssen konnte er nicht. Denn er hielt in jeder Hand eines der Teegläser. Die bot er innen im Wagen dem General und seiner Tochter an.
„Ich beeilte mich, Sie zu bedienen!“ sagte er atemlos in schmeichelndem Französisch. „Der Tee wird Ihnen guttun in der kalten Nacht. Ich hörte, dass Sie im Zug seien. Ich wollte Sie schon vorhin aufsuchen. Aber ich fand Ihr Abteil nicht. Nun bin ich am Ziel meines Glücks!“
Die zarten Mädchenzüge ihm gegenüber gewannen unter der frommen Schwesterhaube bei dem Wort „Glück“ einen leicht ironischen Ausdruck. Fräulein Schischko nippte an dem heissen Tee. Über das Glas hinweg blickten ihre blauen Augen sehr kühl auf den eleganten Herrn und Helfer vom Roten Kreuz. Er faltete die Hände. Er flehte flüsternd:
„Nadeschda Basilewna — seien Sie nicht wieder aus Eis, wie das letztemal in Petersburg!“
„Warum haben Sie Petersburg verlassen? Dort gehören Sie hin!“
„Sie sehen es: ich diene nach meinen Kräften Russland!“ Der junge Fürst hob ergebungsvoll die schmalen Hängeschultern und liess sie wieder sinken. „Nicht mit der Waffe! Mein Brustumfang ist zu gering. Aber alle Duchowskoi haben gedient. Alle meine Vorfahren. Auch ich glühe für Russland. Auch ich möchte endlich nach dem Testament der Grossen Katharina das Christenkreuz auf der Sofienmoschee in Konstantinopel sehen. So mache ich mich wenigstens nach Gottes Willen hier im Hinterland des Krieges nützlich!“
„Es geht Ihnen wie mir, Fürst Duchowskoi!“ sprach der bärtige General Schischko. „Auch ich sehe keinen Türken und höre keine Kugel pfeifen, sondern schlage mich hier in Südrussland mit der Verpflegungsschwierigkeiten für die Balkanarmee herum!“
„Und so liess ich mich denn als Krankenpfleger zum Sechsten Militärbezirk beordern“, fuhr der Fürst aufgeregt fort. Nadeschda Schischko lächelte. Aber es lag nichts Ermutigendes in dem leisen Zucken ihrer Mundwinkel.
„ . . . weil auch ich als Schwester vom Roten Kreuz nach Odessa unterwegs bin“, sagte sie, während ihr Vater sich aus dem Fenster beugte, um seine ausgerauchte Papyros hinauszuwerfen. „Aber Ihre Bemühungen werden hier so vergeblich sein wie in Petersburg!“
„Warum denn nur, Nadeschda Basilewna?“
„Nun — weil ich Sie nicht mag!“ sagte das junge Mädchen einfach.
„Aber wie denn? Ich bin Fürst. Ich bin reich. Ich bin wahnsinnig in Sie verliebt!“
„Und doch werde ich mich nie entschliessen, Ihre siebte Rippe zu werden!“ Fräulein Nadeschda Schischko wandte sich mit einem leisen Achselzucken ab. „Nie — Fürst — nie!“
Peter Duchowskoi biss unter dem dunkeln Schnurrbart die blassen Lippen zusammen. Das war nur ein Augenblick. Dann lächelte sein langes, schmales, fast schwindsüchtiges Gesicht wieder glatt nach Petersburger Art. Er bot dem General Feuer für seine neue Zigarette. Er wechselte das Gespräch.
Hoffentlich haben Sie sich durch den unliebsamen Vorfall hier im Wagen nicht stören lassen, Exzellenz?“
„Welcher Vorfall?“
„Nun — man hat doch in einem Abteil dicht neben Ihnen einen Reisenden ermordet. Es war der allgemeine Unterhaltungsstoff rund um den Samowar am Bahnhofsbüfett. Dort steht ja noch der Gendarm vor der Türe des Tatorts!“
Die Stationsglocke läutete durchdringend dreimal. Die Lokomotiven heulten. Knirschend und stöhnend setzte sich die lange, lichterhelle Schlange des Militärzugs wieder in das Kellerschwarz der Regennacht hinaus in Bewegung. Der General Schischko schüttelte den Kopf.
„Man hat mir noch nichts gemeldet, obwohl ich meine Geheimpolizei im Zuge habe. Aber da haben Sie Russland, Fürst! Immer der alte Schlendrian. Nun — wir werden sehen!“ Er schritt wuchtig, fast schwerfällig dem von den Gendarmen bewachten Abteil zu. Dessen Tür öffnete sich von innen beim nahenden Klirren seiner Sporen. Ein bleicher, blondbärtiger Mann aus dem Volk in schmutzigem Kittel und Schmierstiefeln stand mit schläfrigem, ausdrucks losem Gesicht auf der Schwelle. Der General furchte streng die Stirne gegen den Geheimagenten.
„Willst du mich zum Kindergespött machen, Antoschka? In meiner Nähe werden Menschen ermordet. Ich aber sitze ahnungslos in meinem Abteil und raudhe . . .“
„Ich wollte Euer Exzellenz erst Meldung machen, wenn alles geklärt ist“, sprach Antoschka sanft und einschmeichelnd.
„Wir fingen mit Dank gegen Gott endlich diese langgesuchten Vögel: Goldhändchen selbst und ihren Gehilfen bei dem Mord, einen rothaarigen Hafenkerl! Wir nehmen fortwährend noch im Zug Verhaftungen vor. Wir haben nach Odessa telegraphiert. Alles ist bereit, um bei Einlaufen des Zuges dort wartende Berdächtige abzufassen!“
„Und wer ist der Ermordete?“
„Das ist Gott bekannt, Exzellenz! Nicht uns.“
„Wie das? Ihr müsst doch Papiere bei ihm gefunden haben?“
„Da sind keine Papiere!“ Der bleiche Antoschka wies auf den grünröckigen Bewaffneten, der innen in dem Abteil stand. „Der Oberzugsgendarm und ich haben diesen toten Herrn durchsucht. Er scheint vorgestern aus Petersburg abgereist zu sein — nach den Zeitungen, die wir in seinen Taschen fanden. Daher kenne ich ihn nicht, weil ich im russischen Südbezirk der Geheimpolizei tätig bin . . .“
„Und sein Pass? Seine Fahrtausweise? Seine Briefe?“
„Kein Pass! Nichts! Wir haben bei diesem Herrn aus Petersburg diese umgehängte Brusttasche hier, gestopft voll von Hundert- und Tausendrubelnoten, gefunden. Die goldene Uhr. Die Diamantenringe an den Fingern . . .“
„ . . . was ihr alles gestohlen hättet, wenn ich nicht eben noch zurechtgekommen wäre! Also die Wertsachen sind sämtlich vorhanden?“
„Vorhanden, Exzellenz!“
„Und alle Papiere fehlen?“
„Fehlen, Euer Exzellenz!“
„Ihr habt sie auch nicht bei den Verbrechern gefunden?“
„Diese Unwürdigen, Exzellenz, wollen nichts davon wissen. Offenbar haben sie die Papiere schon weggeworfen, um sich nicht durch den Besitz verdächtig zu machen!“
„Aber warum stehlen sie zuerst die Papiere und dann die Wertsachen?“
„ . . . weil ich eben eingriff, Euer Exzellenz, als sie sich auch der Wertsachen bemächtigen wollten“, sagte der Geheimagent Antoschka mit seiner weichen Stimme, „und Goldhändchen in dem Augenblick erwischte, in dem sie mit der Hand unter den Bart des Toten fuhr und nach dem Lederbeutel mit den Rubelnoten auf seiner Brust langte.“
„So? . . . hm . . . nun — lasse mich jetzt da hinein!“
In dem Abteil lag der tote Reisende aus Petersburg feierlich steif. Man hatte seine Lage nicht verändert. Die verglasten Augen starrten zur Decke. Gebieterisch, wie bei dem Moses des Michelangelo, sprang die mächtige Hakennase aus dem grauen Bartgewirr des gelblichen Gesichts. General Schischko betrachtete die Leiche. Lange. Er trat näher. Beugte sich über sie. Richtete sich auf. Sagte halblaut:
„Mein Gott! Das ist ja Ruben selber!“
„Wie denn? Avron Ruben?“ wiederholte der Fürst Duchowskoi, der neben ihm stand. Der Geheimagent Antoschka dahinter murmelte:
„Der grosse Ruben!“
„Er ist es. Ich erkenne ihn zu genau wieder. Ich habe ihn oft genug in Petersburg gesehen und gesprochen“, versetzte der General. Peter Duchowskoi trat auf den Fussspitzen in den Wagengang hinaus.
„Wissen Sie, was passiert ist?“ sagte er leise zu Nadeschda Schischko, die draussen stand. „Kennen Sie das allmächtige Kleeblatt Ruben, Wainstein und Channeles?“
„Die grossen Kriegslieferanten?“
„ . . . denen man zum grössten Teil die Versorgung der Balkanarmee übertragen hat.“
„Alle Welt flucht ihnen! Unsere armen Soldaten verhungern und erfrieren. Es fehlt an Verbandzeug und Medikamenten. Die Lazarette stehen auf dem Papier. Jeder weiss es in Petersburg. Was hat mein armer Vater unter den betrügerischen Lieferungen dieser drei Sünder zu leiden!“
„Aber gegen den Grossfürsten Igor, der sie schützt, ist nichts zu machen. Denn er hat die Oberaufsicht und füllt sich selbst mit Millionen von Rubeln die Tasche. Nun: Einen der drei Kriegslieferanten hat Gott gestraft. Goldhändchen und ihr Volk haben da nebenan Avrom Ruben, jedenfalls ohne ihn zu kennen, in das Jenseits befördert.“
„Siehe: der alte Ruben ist tot!“ sprach erfreut ein junger Herr zu Anfang der Dreissig hinter den beiden. Er war aus seinem Abteil am anderen Ende des Wagens gekommen, hatte gähnend den leeren kerzenhellen Gang gemustert und war ihn dann schnell entlanggeschritten, um zu sehen, was da vorne los sei. Jetzt blieb er stehen. Er hatte ein kluges, sehr lebhaftes, an allen Dingen interessiertes Gesicht mit rotblondem Schnurrbart und kurz geschnittenem rotblondem Haar. Er machte den Eindruck eines gewandten Petersburgers. Aber seine Haltung zeigte nichts von der russischen Lässigkeit, sondern war straff und seine Bewegungen rasch und entschieden.
„Eigentlich verdienen die Mörder den Annenorden“, sagte er herzlich. „Kann man die Leiche sehen?“
Antoschka, der Geheimagent, musterte ihn mürrisch.
„Belieben Sie: was für eine Leiche? Hier ist kein Jahrmarkt von Leichen. Einem grossen Herrn aus Petersburg ist da drinnen ein wenig übel geworden. Es geht ihm schon besser.“
„Sollte ich taub geworden sein?“ Der Fremde hatte einen kaltblütig humoristischen Zug um die Lippen. „Sie sagten doch eben zu dieser Dame . . .“
„Aber nicht zu Euer Wohlgeboren! Sie missverstanden mich. Belieben. Sie den Kranken drinnen nicht weiter zu stören!“
Der Unbekannte machte Miente, neugierig in das Abteil zu schauen. Antoschka stellte sich vor den Türspalt.
„Gehen Sie!“ bat er mit seinem öligen Stimmklang und betonte noch leiser und weicher das furchtbare Wort, bei dem jedem Untertan des Zaren eine Gänsehaut über den Rücken lief. „Sie haben es hier mit der Ochrana zu tun!“
„Das habe ich bereits bemerkt!“ sagte der junge Mann, ohne ein Zeichen des Schreckens. Er zog aus einer Tasche seiner verschnürten Morgenjacke ein Schriftstück mit dem aufgestempelten russischen Adler und hielt es dem andern vor die schläfrigen wasserblauen Augen. Seine Sprache wurde plötzlich rücksichtslos barsch und hart. „Kennst du das — he?“ herrschte er schneidend den zitternden Tschinownik an.
Das war der Ton von oben, von hoch oben, der Antoschka, dem Geheimagenten, vertraut war. So wagte niemand zu der Ochrana zu reden, der nicht das Recht dazu besass. Der Geheimagent entfaltete das Papier. Er las. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich zu scheuer Unterwürfigkeit. Er versetzte gedämpft, mit unter dem Blondbart zitternden Lippen:
„Befehlen Sie, Herr? Ich höre!“
„Wie doch Gott uns Menschen führt!“ sagte zugleich drinnen vor der Leiche General Schischko in seinem tiefen Bass zu dem Obergendarm. „Ich erwartete meine aus Moskau kommende Tochter in Balta. Ich stieg erst spät abends zu ihr in den Zug, als Herr Ruben bereits schlief. Wäre ich schon früher mitgefahren, so hätten wir uns vielleicht auf dem Gang getroffen, womöglich in seinem Abteil einen Teil der Nacht verplaudert. Die Mörder hätten an den Stimmen innen gehört, dass er nicht allein war, und für diese Nacht den Mut verloren. Nun: Gott wollte es anders!“
Der General trat schwerfällig auf die Schwelle des Abteils und stiess die Türe auf. Vor ihm stand draussen Antoschka. Der Geheimagent hielt das Papier noch in der Hand. Mit einem Augenwink nach den jungen Mann im Gang raunte er:
„Dies ist eine besondere Persönlichkeit, Exzellenz!“
„Auch ein Verdächtiger?“
„Im Gegenteil: dies ist Herr Paul von Minde. Beamter für besondere Aufträge im Zehnten Departement des Ministeriums des Innern in Petersburg!“
Im Zehnten Departement . . . In der Geheimen Staatspolizei, die nur bei besonders wichtigen Dingen in der Provinz eingriff. Dieser freundliche und weltläufige junge Mann war eine Macht. Das derb russisch geschnittene Antlitz des Generals Schischko wurde sonnig. Er ging auf den Kaiserlichen Kommissar zu.
„Gott führte Sie zu uns!“ sagte er aus tiefer Brust. „Es sind hier allerhand Missstände. Was nimmt dieser tote Sünder da drinnen allein schon an Schuld mit ins Grab! Wenn es nottut, verfügen Sie über mich! Darf ich um Ihren Vor- und Patersnamen bitten — Herr Minde?“
„Paul Gendrikowitsch!“ sagte der junge Mann. „Ja. Er klingt für russische Ohren schwierig. Aber mein Vater hiess nun einmal noch Heinrich, und ich bin aus rein deutschstämmigem Blut, wenn auch russischer Untertan.“
„Basil Basilowitsch!“ stellte sich mit einem Händedruck der General als echten Russen vor. „Wir sahen uns noch nie in Petersburg.“
„Ich bin erst seit ganz kurzem im Ministerium tätig. Man berief mich aus dem Generalgouvernement in Warschau, wo man mich bis dahin beschäftigte.“
„Dadurch erklärt sich das! Und nun führt Sie ein besonderer Auftrag nach dem Süden?“
„So ist es!“ sagte Paul von Minde. Weiter nichts.
„Nochmals: Da unser russischer Süden für Sie noch Neuland ist — ich stehe jederzeit mit meinem Rat und meinen Erfahrungen für Ihren geheimen Auftrag zu Diensten.“
„Oh — ich bin kein Fremdling hier auf der Schwarzen Erde zwischen Kiew und Odessa.“ Der junge Mann lächelte freimütig. Er hatte eine Gabe, den Menschen sehr rasch mit einer vertraulichen, wie selbstverständlichen Offenherzigkeit nahezukommen. „Ich besitze Verwandte in Odessa, die ich oft besuche.“
„Das ist selten. Es gibt im Gouvernement Cherson so wenig örtlichen Adel . . .“
„Aber um so mehr Kaufleute in Odessa!“ sagte Paul von Minde. „Kennen Sie dort die Firma Förster?“
„Den Weizenexporteur? Wie der nicht?“
„Madame Förster, seine Frau, war eine Schwester meines auch schon als Hohe Exzellenz in Tiflis verstorbenen Vaters. Daher meine nahen Beziehungen zu Odessa . . .“
„Die Ihnen in der sicherlich wichtigen Sendung, die Sie dorthin führt, von Nutzen sein werden!“
„Ich hoffe.“
Paul von Minde sprach es knapp und mehr nicht. Exzellenz Schischko begriff, dass dieser liebenswürdige junge Mann die Kunst des Schweigens, da wo es ihm nötig schien, beherrschte. Die beiden waren in das Abteil getreten und betrachteten noch einmal den toten Kriegslieferanten. Wieder bemerkte der General Schischko den grübelnd in sich gesammelten und forschenden Blick des Kommissars von dem unheimlichen Zehnten Departement des Ministeriums des Innern. Verborgene Gedankengänge schatteten hinter der Stirne dieses äusserlich freundliden und frischen Gesichts. Exzellenz Schischko hoffte immer noch, dass der junge Vertrauensmann Petersburgs reden würde. Aber Paul von Minde sagte nur, sich eine Papyros anzündend:
„Es wird im Osten über der Steppe hell. Der Tag ist nahe!“
„In wenigen Stunden sind wir in Odessa“, bestätigte General Schischko und gab den beiden Gendarmen einen Wink, das Abteil in Ordnung zu bringen und dann bis zur Ankunft an Ort und Stelle zu verschliessen.
Die beiden Grünröcke packten mit gefühllosen Fäusten den stillen Avrom Ruben. Jetzt war die Angst vor seiner Allmacht verschwunden. Jetzt war er nur noch ein schwerer, willenloser Körper, den sie, in seinen Pelz gehüllt, die Ottermütze auf dem Haupt, aufrecht in eine Ecke am Fenster hinsetzten, so dass von aussen jeder, an dem der Zug vorbeifuhr, sehen konnte: Es war nichts in diesem Wagen heute nacht geschehen. Nichts!
Die Türe war geschlossen. Avrom Ruben war allein. Starr und feierlich sass er da. Der Morgenschein umfloss sein grimmes, bleiches Moseshaupt. Er hatte die Augen geschlossen. Er sah nicht mehr gleichgültigen Blicks vorn im Zug die Soldaten, von denen bald viele, dank ihm, nicht mehr am Leben sein würden. Er hörte nicht mehr die Flüche der Krieger, die im Schnee des Balkans merkten, dass ihre Stiefelsohlen aus Pappe waren, nicht mehr das Stöhnen der Fiebernden, denen das Chinin nichts half, weil es aus Gipsstaub mit Bitterwurzelpulver bestand, nicht mehr die Hilferufe der Verwundeten, denen die aus Packpapier statt aus Leinen gefertigten Verbände den Blutstrom nicht stillten. Unbewegt, wie er im Leben gewesent, fuhr er Odessa und der Ewigkeit zu.
Vor dem Abteil standen noch Schischko und Minde. Der General schüttelte unruhig den Kopf.
„Sie sind scharfsinnig! Man sieht es Ihnen an!“ sagte er zu dem jungen Mann. „Bitte — belehren Sie mich: Wir haben als Täter eine Handvoll Gesindel. Einen liederlichen Lappen vom Sobranje-Varieté in Odessa, einen Barfüssler aus dem Hafen, vielleicht noch ein paar Sackträger, Hebräer, Tataren und derlei. Wie ist es möglich“, die stämmige, bärtige Exzellenz hob bedeutungsvoll den Zeigefinger, „dass diese Anwärter auf den Galgen und die Bergwerke nicht sofort nach den Rubeln griffen, die Ruben mit sich führte, sondern nach seinen Papieren?“
„Jedenfalls sind die Papiere weg!“ versetzte Paul von Minde und schwieg wieder.
„Aber wohin?“ General Schischko stiess aufgeregt einen Qualm Zigarettenrauch durch die breiten Nasenflügel. „Erbarmen Sie sich: Wohin?“
„Schliesslich wird der Oberpolizeimeister von Odessa die Verbrecher schon zum Reden bringen?“ Der junge Mann sah gleichgültig an der Exzellenz vorbei in die Weite hinaus.
Es war ganz heller Tag geworden. Regenüberströmt dehnte sich draussen die unermessliche Weizenebene Südrusslands, nicht weiss wie im Winter, nicht grün wie im Frühling, nicht gelb wie im Sommer, sondern jetzt im Herbst zu fast schwarzen, fetten Erdschollen umgeadert. Mächtige silbergraue Steppenrinder mit weiten Gabelhörnern zogen da und dort noch die vorsintflutlichen flachen Holzpflüge. In der Ferne rauchte der aus Deutschland bezogene Dampfdressass eines grossen Guts. Auf dem planlosen Geschlängel der Landwege rollten die Krummholzwägelchen deutscher Kolonisten mit Getreidesäden. Wie schwarze Vogelscheuchen standen schon mitten auf der Steppe in wehenden Kaftanen als Vorposten der Odessaer Getreidebörse die jüdischen Kommissionäre, um den russischen Bauern noch vor der Stadt ihren Weizen abzuschwatzen. Am sturmgrauen Horizont schwankten die Lanzen trabender Kosaken. Sie sollten den Steppenschacher hindern und kamen gegen eine Handvoll Kopeken immer zu spät.
Fräulein Nadeschda Schischko und der Fürst Peter Duchowskoi hatten die ganze Zeit zehn Schritte abseits von dem Todesabteil in den Wagengang gestanden. Der elegante, schmalbrüstige Petersburger mit der Rote-Kreuz-Binde am Arm sagte böse:
„Für eine Freiwillige Krankenschwester sind Sie recht weltlich, Nadeschda Basilewna!“
„Was habe ich verbrochen?“. Die junge Pflegerin hob harmlos ihr weiches rundes, von dem weissen Häubchen umrahmtes Antlig zu ihm empor.
„Ich beobachte Sie seit einer Viertelstunde. Fortwährend sahen Sie nach dem Abteil, in dem Ihr Vater und dieser Herr aus Petersburg standen!“
„Durch welchen Ukas ist das verboten, Fürst? Verzeihen Sie mir meine Unwissenheit!“
„Ihren Vater können Sie den ganzen Tag betrachten. Also galten Ihre Blicke dem andern!“
„Sind Sie eifersüchtig?“ frug die junge Pflegeschwestersanft.
„Können Sie das einem Verliebten übernehmen? Sie wissen, wie verliebt ich in Sie bin!“
„Trösten Sie sich, Fürst! Es wird vorübergehen!“
„Diese Blicke passen nicht zu Ihrer ehrwürdigen Tracht. Sie sind jetzt eine Dienerin unseres heiligen Russland in diesem Kreuzzug gegen die Ungläubigen. Warum wenden Sie kein Auge von diesem rothaarigen Windhund?“
„Er gefällt mir!“
„Was gefällt Ihnen an ihm?“
„Das weiss ich nicht!“ sagte Nadeschda. „Es ist ebenso. Derlei muss man eine Frau nicht fragen. Das ist Gottes Wille.“
„Und was das Schlimmste ist . . .“, murmelte Peter Duchowskoi, „auch er blidt fortwährend zu Ihnen hinüber!“
„Wirklich?“ Das junge Mädchen lachte. Sie sah frisch und unbefangen aus. Ihre Wangen waren leicht gerötet. Sie reichte dem herantretenden Paul von Minde, den ihr Vater ihr vorstellte, gnädig die Hand zum Kuss. Er schaute ihr in seiner eindringlichen und freimütigen Art ins Gesicht. Er frug:
„Sie hielten die ganze Zeit tapfer hier aus? Sie fürchteten sich nicht?“
„Vor was?“
„Nun — vor dem toten Spitzbuben da drinnen! Der Anblick einer Leiche . . . .“
„Leichen sind mir nichts Neues“, sagte Nadeschda Schischko, „ich habe die ganze Zeit schon in Petersburg gepflegt.“
„Aber in Odessa hoffe ich in eines der Schlammbad-Sanatorien zu kommen!“ fuhr sie fort. „Es sind da doch die grossen Salzsümpfe ausserhalb der Stadt — die Limans. Man hat diese Institute für die Krone beschlagnahmt. Da möchte ich unsere armen Soldaten pflegen, die sich draussen in ihren papierdünnen Uniformen und ohne Mäntel und Fusstücher die Glieder erfroren. Fürchten diese Kriegslieferanten denn nicht Gott? Ist denn ein solches Verbrechen an dem russischen Volk möglich?“
„Wenn Ruben da drinnen noch reden könnte, würde er Ihnen antworten: ‚Ja — Herrin! Es ist möglich!‘ Aber vielleicht spricht der Gott seiner Väter jetzt eben schon ein ernstes Wort mit ihm!“ sagte Paul von Minde.
Der General war an ihm vorbei in tiefen Gedanken nach seinem Abteil geschritten. Fürst Duchowskoi folgte ihm mit einem finsteren Blick auf den Nebenbuhler, der mit Nadeshda im Gang zurüdckblieb, und setzte sich neben Exzellenz Schischko. Eine Weile musterte er missmutig die vorübergleitenden Telegraphenstangen, das Krähengeflatter, den Regen. Dann hub er nervös an:
„Beachten Sie bitte die beiden da draussen! Ein Herz und eine Seele!“
Exzellenz Schischko schaute vor sich hin und rauchte. Es war, als ob er gar nicht hörte.
„Wenn das Zehnte Departement keinen zuverlässigeren Beamten zu schicken hatte als diesen Vogel . . . .“, fuhr Peter Duchowskoi gereizt fort. „Einen geheimen Auftrag soll er haben und steht statt dessen und macht einer jungen Dame die Cour!“
„Wie denn? Was beliebten Sie zu sagen?“ Der General schraf aus seinem Grübeln auf und schaute geistesabwesend um sich.
Nie sah ich Nadeschda Basilewna so heiter und belebt wie jetzt in diesem Gespräch drüben! Ihre Augen glänzen . . .“
„Man kommt darüber nicht hinweg!“ sprach Exzellenz Schischko tiefsinnig. „Warum raubten die Verbrecher zuerst statt des baren Gelds die Papiere dieses Kriegslieferanten?“
„Sie hören nicht, was ich sagte . . .“ Fürst Duchowskoi mass mit einem stechenden Blick das Paar draussen. „Da lacht man und plaudert, als habe man schon ein Pub Salz zusammen gegessen!“
„Geheimpapiere sicherlich!“ murmelte der General. „Das weiss jeder, der Ruben kannte . . .“ Er sammelte sich. „Wie? Sie sprachen von Nadeschda . . .“
„Dazu trägt sie das Schwesternkleid“, sprach Peter Duchowskoi bitter. Die Hand, in der er einen Krankenrapport des Roten Kreuzes hielt, zitterte vor Eifersucht. „Dazu ist Krieg. Dazu fliesst das Blut in Strömen für den Glauben von Byzanz, dass zwei Täubchen sich hier schnäbeln! Oder wenigstens sich so ansehen, als ob sie am liebsten gleich nach einer Viertelstunde Bekanntschaft sich küssen möchten!“
„Wohin, glauben Sie, könnten diese Papiere hingeraten sein?“ murmelte der General Schischko.
„Sie sind zerstreut, Exzellenz!“
„Vielleicht haben diese Leute sie wirklich zerrissen! Das Volk kann ja nicht lesen und schreiben. Was versteht es davon! Es wird so sein, wie Antoschka meint.“ Der General wurde lebhaft. Er erhob sich, um sein Gepäck zu ordnen. Er wies in die Ferne, wo der Rauch vieler Lokomotiven qualmte. „Da halten schon die Truppenzüge. Die Einfahrt in die Station ist wie gewöhnlich verstopft. Aber bald sind wir in Odessa!“
Fürst Duchowskoi war sitzengeblieben. Er starrte immer noch verbissen hinaus auf den Gang.
„Wegen diesen beiden könnte der Zug noch vierundzwanzig Stunden fahren. Sie würden es gar nicht merken“, sagte er. „Bisher, Exzellenz, hatte ich Hoffnung. Das Herz Ihrer Tochter war frei. Aber jetzt . . . .“
„Ich muss gleich mit dem Oberpolizeimeister sprechen . . .“, brummte Exzellenz Schischko vor sich in den Bart.
„Wollen Sie denn nicht hier einschreiten, Exzellenz?“
„Ich habe weiss Gott jetzt anderes im Kopf!“ sagte der General und schaute ungeduldig nach den Geleisen rechts und links. Auf ihnen standen die endlosen Truppentransporte des Zaren, Geschütze starrten von offenen Plattformen. Pferdeköpfe lugten aus Luken, Soldaten in grünen Uniformen und grauen Mänteln hockten haufenweise auf dem gelben Stroh im Dämmern der Güterwagen — Schützen und Grenadiere, Dragoner und Kosaken —, und es war, als sei das, hundertfach abgestempelt, immer der gleiche stumpfnasige Kopf mit starken Backenknochen und aufgeworfenen Lippert, derselbe Mensch und Muschik, aus Russlands Erde geformt. Aus diesen Militärzügen schollen keine trotzigen Kriegslieder. Es war so still, dass man das eintönige Rauschen des Regens hörte. Auf allen den Bauerngesichtern der Balkankämpfer lag die gleiche dumpfe Ergebung: Es ist so befohlen! Also gut!
Exzellenz Schischko beugte das bärtige Haupt aus dem Fenster. Er klatschte in die Hände und schrie den nächsten vorbeibummelnden Beamten an.
„Vorwärts! Seht ihr nicht, dass ein General im Zug ist?“
Ein Durcheinandergeschrei auf dem Bahnhof. Irgendwie wurde Platz gemacht. Der Zug schob sich in die kleine schmutzige Halle. In dem Kriegsgetümmel, das sie füllte, standen längs den Wagen reihenweise riesige Gendarmen. Sie packten mit unsanften Fäusten die wild schluchzende Haja Perlstein und den in gellen Fisteltönen zeternden rotbärtigen Riesen, den Sackträger Morduch Izaaks, und noch ein halbes Dutzend im Zug festgenommener Menschen ohne Pass, Barfüssler, Zigeuner, und schleppten sie durch das Gewühl. In ihm stand der Ältere Gehilfe des Stadtpräfekten und Oberpolizeimeisters von Odessa selber mit seinem Stab. Er war ein hochgewachsener Graukopf mit grauem Schnurrbart. Die Augen lagen finster und dunkel in dem verwitterten Gesicht. Es wirkte beinahe unheimlich, als er über dessen Runzeln hin lachte und dem General die Hand schüttelnd sagte:
„Es wartet hier schon allerhand Gesindel auf sein Goldhändchen! Wir haben verhaftet, was uns in den Weg kam!“
Auf dem Bretterboden vor dem Zug standen Paul von Minde und Nadeschda. Sie zögerten noch, voneinander Abschied zu nehmen. Sie blickten sich stumm und förmlich verlegen in die Augen. Dann schaute Fräulein Nadeschda Schischko durch die Bahnhofshalle in das Freie. Ihre Stirne verdüsterte sich.
„Sehen Sie diese grosse, schlanke junge Dame, die da draussen aus ihrem eigenen Phaeton steigt? Nein: Sie springt geradezu heraus. Sie rennt nach dem Bahnhof hin.“
„Ja. Sie hat sich verspätet“, sagte Paul von Minde.
„Sie bleibt stehen und winkt Ihnen mit der Hand!“
„Sie möchte uns nicht hier gleich stören!“
„Sie kennen sie?“
„Wie sollte ich meine leibliche Base nicht kennen? Ich sagte es schon Ihrem Vater: der alte Andreas Förster hier, Ehrenbürger und Kaufmann Erster Gilde, hatte eine Schwester meines Vaters zur Frau, und die Margarete drüben ist seine Tochter.“
Es war ein kurzes Schweigen. Dann sagte Nadeschda:
„Sie ist sehr hübsch!“
„Das hat noch niemand bezweifelt.“
„Hübsch in deutscher Art. Dies Bestimmte! Uns ist diese Entschiedenheit nicht gegeben.“
„Sie ist auch rein deutschen Geblüts — ebenso wie ich!“
„Ihr kennt euch wohl schon lange?“
„Von Kindesbeinen an. Sie ist fünf Jahre jünger als ich. Mitte Zwanzig.“
„Nun — dann lassen Sie sie nicht warten!“ sagte Nadeschda Schischko. „Vielleicht sehen wir uns einmal in Odessa! Bleiben Sie hier?“
„Ich weiss nicht, wohin mein Auftrag mich noch führt. Aber ich werde Sie zu finden wissen, Nadeschda Basilewna!“
„Nun dann mit Gott!“
„Mit Gott!“
2
Paul von Minde drängte sich durch das Gewühl seiner Base zu. Es ging ihm durch den Kopf: Diese kleine weiche Petersburgerin mit dem träumerischen Kindergesicht und den zarten Bewegungen hat recht. Die Margarete da drüben wird kein Mensch für eine wahre Russin halten . . . . Dazu schaut sie viel zu tatenfroh in die Welt und hält den Kopf hoch und ist zu straff gewachsen!
Margarete Förster kam ihm entgegen, unbekümmert in ihren hohen Gummistiefeln durch die Pfüssen vor dem Bahnhof. Sie hatte einen festen und zugleich flüchtigen Gang. Um sie war ein Hauch von gesunder Frische. Ihre braunen Augen lachten dent Vetter zu. Sie streifte rasch den Handschuh ab und streckte ihm die Rechte hin.
„Gerade komme ich noch zurecht! Aber wenn du wüsstest; was ich zu tun hab’!“
Sie sprach deutsch. Er ebenso, ernst und gedämpft.
„Wie geht es deinem Vater?“
„Es wird nicht besser. Er verwechselt alles. Ich muss ihm die Geschäftskorrespondenz vorenthalten, damit nicht irgendein Unheil geschieht. Alles liegt auf mir. Ich weiss nicht, was aus der Firma noch werden soll! . . . Du — wer war denn die niedliche Krankenschwester, mit der du eben . . .?“
„Fräulein Schischko! Eine junge Dame von viel Geschmach. Sie fand, du seist sehr hübsch!“
„Nun — das Kompliment kann ich ihr zurüchgeben!“ sagte Margarete Förster leichthin. Sie stand mit ihrem Vetter vor ihrer zweispännigen Equipage und wies nach der langbärtigen, unförmlich auswattierten Herrschaftskutscher, dem die Pfauenfedern an der Pelzmüsse im Regensturm flatterten. „Pawel wird uns jetzt zu uns nach Hause fahren — mich musst du dann entschuldigen! Ich muss dann gleich weiter!“
„Wohin?“
„Geschäfte! Es ist doch Krieg. Odessa steht doch auf dem Kopf. Es wird wahnsinnig verdient und verloren. Bei uns alten soliden Firmen verlorent. Wir können es nicht treiben wie Ruben, Wainstein und Channeles und vom Grossfürsten bis zum Ofenheizer alle Welt bestechen! Nun — fahren wir!“
„Was soll ich bei euch zu Hause?“ Paul von Minde stieg hinter ihr in den Wagen. „Ich begleite dich lieber!“
„Ich muss in halb Odessa herumkutschieren!“
„Und ich möchte in ganz Odessa etwas entdecken!“
„Warum bist du denn eigentlich aus Petersburg gekommen!“
„Nun — um dich zu sehen!“ sagte Paul von Minde unschuldig. Margarete machte eine ärgerliche Handbewegung und wandte sich ab. Er sah nur noch ein Stüch ihrer schmalen Wange. Er lächelte. Er wusste: Gleichgültig war er der Base nicht . . .
Der Wagen rasselte über den Granit der schnurgeraden langen Strassenzüge und hielt in der Woronzoffgasse. Da war Gedränge und Redegewirr in allen Sprachen vor den Schaltern des Bankhauses Mahs. Margarete Förster rang in einer Ecke gegenüber einem der Direktoren die Hände.
„Wie denn? Der Rubelkurs an der Berliner Börse . . .“
„Seit gestern hundertsiebzig!“
„Statt zweihundertzwanzig noch vor einem Jahr!“
Ein Achselzucen des Bankbeamtent.
„Warum stützen wir nicht in Berlin den Kurs?“
Das russische Achselzuchen.
„Warum stiehlt man hier in Russland das Gold, das man in Berlin braucht?“
„Nicht so laut, Fräulein Förster! Rubent, Wainstein und Channeles haben ihre Spikel überall!“
„Zur Börse!“ sagte Margarete draussen dem Kutscher und innen in den Wagen aufgeregt zu ihrem Better: „Wir müssen alle schwimmenden Getreideladungen nach Freihäfen umdisponieren, bis sich der Rubel bessert! Wir können unseren Weizen nicht an die Leute in Rotterdam und Mannheim verschenken!“
An den Strassenecken flatterten die schwarzen Kaftane der unzähligen jüdischen Getreidekommissionäre. Auf dem nassen Pflaster lagen verstreut die gelben Weizenkörner und die blauen Probetüten dieser fliegenden Börsen. In dem eigentlichert unansehnlichen Börsengebäude waren wenig Besucher, Grosshändler aller Nationen mit besorgten Gesichtern. Im Vorsaal gab Fräulein Förster einem Makler die Hand. Paul von Minde merkte, dass sie vor Aufregung feuchte Augen hatte.
„Die Weizenpreise steigen immer noch?“ frug sie verstört.
„Ruben, Wainstein und Channeles zahlen jeden Preis. Sie verkaufen das Getreide immer noch mit riesigem Zwischengewinn an die Krone!“
„Und dann sind schwere Feldsteine im Mehl, und das Getreide ist durchnässt, damit es schwerer wiegt, und verfault nachher“, sagte im Vorbeigehen einer der Handelsherren. „Uber was ist das gegen den grossartigsten Betrug, der je da war: die Ochsenlieferungen nach dem Balkan!“
„Reden Sie sich nicht nach Sibirien!“ Ein Geschäftsfreund legte ihm die Hand auf die Schulter. „Hinter den Ochsenlieferungen steht der Grossfürst selber!“
Auf der Weiterfahrt rückte Margarete etwas näher an Paul von Minde heran. Es war eine unwillkürliche, weiche Bewegung. Sie suchte nicht nur bei dem Better Schutz. Das war mehr. Sie kämpfte immer noch mit Tränen.
„Glaube nicht, dass ich sonst ein nasses Seelchen bin!“ sagte sie. „Aber ich bin doch ein Frauenzimmer — ich bin doch so allein — so schrecklich allein zwischen allen diesen Männern, und habe niemand, der mir hilft . . .“
„Vorläufig bin ich ja da!“
„Ach ja . . .“ Es klang getröstet. Sie atmete auf. Er hatte ihre Hand gefasst. Sie drückte leise die seine.
„Sei gut zu mir!“ sagte sie, ohne ihn anzusehen. „Ich brauche es! Es lastet zu viel auf mir!“
Unten am Hafen hatte sie sich wieder ganz gesammelt. Unbekümmert drängte sie sich durch das Ameisengekribbel der Matrosen, Soldaten, Heizer, Schwarzarbeiter, das Rasseln der Krane, das Heulen der Sirenen, das Knarren der Büffelkarren. Auf der Laufbrücke, die zu einem grossen, am Kai vertauten Dampfer hinaufführte, hatte eine lange Reihe von Sadträgern ihren Gänsemarsch gehemmt. Margarete Förster zwang ihre blassen Züge zu einem liebenswürdigen Lächeln. Sie trat höflich auf einen Hafenbeamten zu, der stumpfsinnig am Ufer stand. Sie frug mit erstickter Stimme:
„Verzeihen Sie! Warum verhindern Sie die weitere Beladung dieses von der Firma Förster gecharterten Dampfers?“
„Das Schiff ist von der Regierung beschlagnahmt?“ sagte der Tschinownik gleichgültig.
„Für wen?“
„Für Ruben, Wainstein und Channeles!“
„Ich werde mich beim Gouverneur beschweren!“ sagte Margarete mit letzter Anstrengung.
„Belieben Sie!“
Nun schluchzte sie wirklich, als sie wieder mit dem Vetter im Wagen sass. Er streichelte ihr die Schulter. Er beruhigte sie. Sie trodnete sich die Wimpern. Sie richtete sich auf, sie wurde plötzlich wieder kampflustig.“
„Ich danke dir! Du gibst mir wieder Mut!“ sagte sie. „Man möchte manchmal verzagen! Ach — ich sehne mich aus Russland hinaus! Ich möchte lieber in Deutschland Holz hacken als hier das Fräulein Förster sein!“
Sie legte ihr Gesicht in die hochmütigen Linien einer Erblichen Ehrenbürgerstochter von Odessa. Sie stieg vor dem
Gouvernementspalais auf dem Richelieu-Boulevard aus. Sie ging an der Kanone auf dem Bürgersteig, deren Schuss die Mittagsstunde anzeigte, vorbei in das Innere und sagte zu den bleichen Schreiberseelen hinter den Tintenfässern einer Amtsstube von oben herab:
„Also Sie begreifen — bis zum Abend ist der Dampfer freigegeben!“
Sie hatte dabei unauffällig eine Anzahl buntfarbiger Hundertrubelscheine unter ein Aktenstück gelegt. Aber der eine Ischinownik schob das Bündel kurzerhand über die Tischplatte zurück.
„Behalten Sie Ihre paar Regenbogennoten!“ brummte er verächtlich und wandte sich seinen Schreibereien zu.
„Er nimmt nichts!“ sprach auf dem Flur Margarete Förster erschüttert zu ihrem Vetter. „Ruben, Wainstein und Channeles zahlen ihm das Zehnfache. — Unser Weizen wird wieder ausgeladen und verkommt im Regen am Ufer.“
„Es ist doch Krieg! Das ist Männersache!“ sagte sie verzweifelt aussen auf dem Boulevard. „Da kommt unsereins nicht mit!“
„Du bist ein sehr fixes Mädchen! Das merke ich immer mehr!“
„Ach — das tut einem wohl, mal so was zu hören!“ Margaretes Stimme klang wieder warnt und dankbar. „Es müsste eben ein Mann bei! Aber erzähle meinem Vater jetzt nicht von all den Geschäften! Es verwirrt ihn nur!“
Der Erbliche Ehrenbürger und Kaufmann Erster Gilde Andreas Förster war ein ergrauter müder Mann. Er hatte ein kluges, nüchternes, vollbärtiges Kaufmannsgesicht, aber mit abwesenden Augen. Er sass im ersten Stock seines Hauses am Neuen Basarplatz mit einigen alten Freunden zusammen. Er hatte ihnen etwas erzählen wollen — dom Krimkrieg — und plötzlich den Faden verloren. Ja — wie war das nur? Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne. Er räusperte sich und war froh, dass das Glockenläuten draussen von der Nowo-Basarnaja-Kirche sein Steckenbleiben übertönte.
„Wir haben wieder einmal auf dem Balkan gesiegt!“ sprach gottergeben in das feierliche Bimbam hinein sein Jugendfreund und Schulkamerad, der alte Kopp. Er war klein, grauköpfig, humoristisch. Er war Junggeselle. Seidenimporteur. Mitglied der Stadtduma. Er war hochangesehen in der ganzen deutschen, russischen, französischen, griechischen, italienischen Kolonie.
„Hier in Odessa siegt nur einer!“ sprach der deutsche Maschinenfabrikant neben ihm. „Ruben, Wainstein und Channeles! Die aber immer!“
„Und mit welchen Mitteln?“ nickte der deutsche Brauereibesitzer gegenüber. „Das grosse Militärlazarett in Galta steht leer. Kommt ein Revisor, so werden die Betten auf vierundzwanzig Stunden mit kerngesunden Soldaten in blau-weissen Krankenkitteln belegt. Die Verpflegungsgelder teilt man in Petersburg!“
„Die neue hölzerne Militärbrücke über den Bug verfaulte in einer Sommernacht bis auf den letzten Span, als der Revisor kam. Sie hatte nie existiert. Der Senator war zufrieden.“
„. . . weil Ruben und Rubel sich beinahe reimen.“
„Ruben ist tot!“ Ein kränklicher gelblicher Mensch stürzte in das Zimmer. Seine Hosen und sein Mantel waren kotbesprisst. Er war so aufgeregt, dass er die Schirmkappe auf dem Kopf behielt. Andreas Förster mass seinen Hauskommissionär mit einem strengen Blick.
„Was fällt Euch ein, Schloime Naidisch, hier unangemeldet . . .“
„Ä Miesse Meschuno . . .“ Ein wildes Händespiel drüben. Ein verzerrtes Gesicht.
„Lasst Euer Hebräisch und sprecht Jiddisch-Deutsch!“ sagte der alte Kopp derweisend art Stelle des Hausherrn, der wieder geistesabwesend vor sich hinsah.
„Ä ungewöhnliche Todesart heisst Miesse Mesdhuno!“ ächzte Schloime Raidisch. „Ä grausam ungewöhnliche! Umgebracht haben se den graussen Ruben . . .“
„Was?“ Die Herren standen auf.
„Heit nacht — im Zug nach Odessa . . . .“
„Und die Mörder . . .?“
„Ä Hackel-Backel haben se verhaftet! Ä Bagasch. Arme Leut’! Die waren es nix!“
„Aber wer denn?“
Ein leidenschaftliches Achselzucken. Ein verzweifelter Blick des Kommissionärs zum Himmel. Ruben tot! . . . . Avrom Ruben . . . .
„Geht jetzt, Naidisch!“ sagte der alte Kopp und rief seinem Freund Andreas Förster, der plötzlich eingeschlafen war, ins Ohr:
„Man hat heute nacht Ruben getötet . . . Gerade jetzt . . .“
„Gerade jetzt“, wiederholte der Maschinenfabrikant, „wo man sich über seine Ochsenlieferungen Dinge erzählt . . . . Ich kann es nicht glauben . . . ein Betrug in diesem Massstab wäre selbst in Russland noch nicht dagewesen . . .“
„Es handelt sich um Millionen“, sprach der Seidengrosshändler. Und der Brauereibesitzer:
„Wer weiss, was da alles bei den Ochsenverschiffungen zwischen der Krim und der Donaumündung passiert!“
„Es sollen diesmal sogar schon Gerüchte bis zu den hohen Stellen in Petersburg gedrungen sein!“ nickte der alte Kopp.
„Ich bin ein neugieriger Mensch!“ klang von der Tür her eine frische, junge Männerstimme. Paul von Minde trat mit Margarete zusammen ein. Er schüttelte seinem Oheim und den alten Kaufherren die Hand und setzte sich. „Sie sprachen da eben von Ochsenlieferungen!“ fuhr er heiter fort. „Sie haben recht: Es wird schon in Petersburg von den Ochsen gemunkelt. Aber man munkelt im Dunkeln. Wie ist es doch? Sie sind hier an Ort und Stelle. Bitte — stillen Sie meine Wissbegierde!“
„Die Sache ist diese“, sagte der alte Kopp, „Ruben, Wainstein und Channeles haben die Lieferung von Schlachtvieh für die Balkanarmee übernommen. Es handelt sich um Kronsaufträge, wie sie in diesem Ausmass in dem ganzen Krieg nicht erteilt worden sind. Die Büffel werden in den Steppen drüben jenseits des Dnjepr aufgekauft. Sammelpunkt ist die Mennonitenkolonie Katharinental in der nördlichen Strim. Von da werden die Herden die kurze Strecke bis Eupatoria getrieben und von hier auf dem kürzesten Wege durch das Schwarze Meer nach der Donaumündung und durch den Kilia- und Sulina-Arm oder den Sankt-Georgs-Kanal nach den rumänischen Flusshäfen, nach Galass oder Braila, verschifft. Der letzte Transport ist nach der Schlangeninsel gegangen, die, wie Sie wissen, einsam mitten im Meer vor der Donaumündung liegt.“
„So weit geht alles in Ordnung“, schaltete der Maschinenfabrikant ein. „Aber nun fragen Sie einmal an unserer Front!“
„Da gibt es kein Fleisch! Da sind keine Ochsen!“ versetzte der alte Kopp. „Unsere Truppen hungern!“
„Und wo sind die Ochsentransporte geblieben?“
„Rätselhafte Unglücksfälle“, sprach trocken der Brauereibesitzer. „Einmal erfroren sie zu Tausenden im Schnee der Balkanpässe. Ich bitte Sie: jetzt schon, im Herbst! Das Fleisch der Tiere? Sie stürzten in Abgründe. Man muss mit den Wölfen und Geiern in dortiger Gegend rechnen.“
„Neulich raffte eine Seuche eine Riesenherde unterwegs auf dem Landmarsch nach Rustschuk hin. Kein Stück blieb übrig“, ergänzte der Maschinenbauer. „Diese Kadaver mussten natürlich schleunigst vergraben werden.“
„Ein anderer Dampfer sank in schwerem Sturm auf der kurzen Strecke zwischen der Schlangeninsel und dem Donaudelta. Die Mannschaft konnte sich retten. Die Ochsen nicht.“
„Diese Transporte scheinen vom Unglück verfolgt“, sprach der alte Kopp.
„Der letzte muss ietzt auch schon längst auf der Schlangeninsel eingetroffen sein“, brummte der Maschinenfabrikant. „Aber man hat weiter nichts von ihm gehört.“
„Dann will ich mich jetzt nur in Eile säubern und umkleident“, Paul von Minde stand auf, „und dann selber einmal mich auf der Schlangeninsel umsehen.“
„Auf der Schlangeninsel“, wiederholte sein Oheim Andreas Förster, die Hand am Ohr. Er war mit halb geschlossenen Augen dem Gespräch nur zum Teil gefolgt. „Was willst du auf diesem gottverlassenen Stück Erde?“
„Ich war als Kind schon so wissensdurstig.“ Paul von Minde lachte. „Es ist eine Schwäche von mir.“
„Wie kommst du hin?“
„Gleich nach dem Mittagskanonenschuss geht ein grosser Transportdampfer mit Teilen der hiesigen Garnison nach der Schlangeninsel in See. Ich erfuhr es eben unten im Hafen, während Margarete sich vor Eurem Weizenschiff mit einem Tschinownik herumstritt. Die Odessiter stehen jetzt schon zu Tausenden an den Uferkais, um Abschied zu nehmen.“
„Man wird dich, einen Zivilisten, nicht mitnehmen!“
„Dieser Zivilist hat ein Papier bei sich, auf das hin ihm jedes Kronsschiff Quartier gewährt!“ sagte Paul von Minde. „Margarete — weise mir ein Zimmer an! Ich muss in ein paar Stunden wieder fort!“
Auf dem Militärdampfer im Hafen wehten die Seekriegsflagge — das blaue Andreaskreuz auf weissem Grund — und hinten der lange blaue Abfahrtswimpel. Sein Deck war voll von Kosaken, Schützen und Sappeuren. Pferde zappelten in Hängegurten hoch in der Luft, durch Dampfkrane vom Ufer in den Bauch des Schiffes befördert. Alte Weiber reichten den letzten an Bord eilenden Offizieren Heiligenbilder zum Kuss. Langbärtige russische Kaufleute verbeugten sich mit tiefhängenden Armen vor den Kriegern oben an der Schiffsreling und warfen ihnen Kopekenstücke in die hinuntergehaltenen Mützen. Die Musik spielte: „Gott schütze den Zaren!“ Alle Häupter entblössten sich. Auch Paul von Minde nahm seine Schirmkappe ab.
„Nun heisst es schon wieder Abschied nehmen, Margarete!“ sagte er zu der Base, die, in ihren windflatternden Mantel genüllt, neben ihm stand.
Sie erwiderte nichts. Ihre hübschen Züge waren blass, weicher als sonst. Paul von Minde blickte auf die endlose Fläche des Schwarzen Meeres hinaus.
„Es ist rauhe See!“ sagte er vergnügt. „Sieh, wie die Popowskas draussen tanzen!“
Diese vier Popowskas — eine Erfindung des russischen Admirals Popow — waren die einzigen Kriegsschiffe auf der Welt, die als kreisrunde Kugeln gebaut waren. Nur ihre oberste, abgeflachte Wölbung ragte aus dem Wasser und trug einen kleinen Turm mit zwei Kanonenrohren. Margarete Förster beobachtete, wie die Küstenpanzer sich gleich Kreiseln in den weissen Wogenkämmen drehten.
„Musst du denn fort?“ sagte sie leise und schmerzlich.
„Du siehst es!“
„Es gibt ja Sturm! Warte doch, bis sich das Wetter bessert!“
„Hat man heute nacht gewartet, als man Ruben umbrachte?“
„Was hat das mit deiner Fahrt nach der Schlangeninsel zu tun?“
„Wer hatte diese geheimnisvollen Ochsenlieferungen? Avrom Ruben! Wer ist tot? Avrom Ruben! Begreifst du nicht, dass da möglicherweise ein Zusammenhang besteht? Ein noch sehr dunkler — ich gebe es zu!“
„Ich wollte, du bliebst hier!“ sagte Margarete. Ich bin so ruhig, wenn ich dich in der Nähe weiss.“
„Wenn ja, dann ist jetzt nach dem Tode des Ruben, in der allgemeinen Verwirrung dieser Bande, die Zeit, zuzugreifen. Ich darf keine Minute verlieren!“
„Was hast denn du nur bei dem allen zu tun?“
„Margarete — ich glaube, du kannst schweigen“, sagte ver junge Mann.
„Ja, ich kann.“
„Dann will ich es dir anvertrauen und sonst niemandem: Ich habe vom Zehnten Departement der Geheimen Staatspolizei in Petersburg den Auftrag, Licht in diese Ochsenlieferungen zu bringen . . .“
„Herr . . . Erbarme dich . . .“ Margarete faltete entsetzt die Hände.
„. . . und damit, wenn ich Glück habe, den Herren Wainstein und Channeles den Weg nach Sibirien zu ebnen!“
„Aber das ist ja lebensgefährlich!“ rief Margarete. Er sah die helle Angst in ihren Augen. Er nickte.
„Sogar sehr!“
„Du hast es da mit verzweifelten Menschen zu tun!“
„Ich bin, wenn es nottut, auch ein ganz verzweifelter Bursche. Und unbestechlich als Deutscher dazu! Sonst hätten sie nicht gerade mich in Petersburg ausgewählt!“ sagte Paul von Minde kaltblütig und fasste ihre Hand. „Nun sei mal tapfer!“
„Ach — ich bin’s, so gut ich kann.“ Margarete erwiderte, ohne ihn anzusehen, mit einer verhaltenen Leidenschaft den kräftigen Druck seiner Rechten. Ihre Stimme schwankte. „Komm bald wieder!“
„Ewig bleib’ ich nicht weg, Margarete!“
„Wärst du nur schon wieder da! Ich hab’ von jetzt ab keine Stunde Ruhe!“
„Vielleicht werden andere unruhig, die es mehr verdienen.“ Paul von Minde machte sich lachend los. „Siehst du auf dem Getreidedampfer drüben den kleinen schwarzen Kerl mit den Hamsterbacken, der mit seinen krummen Beinen auf dem Haufen Weizensäcken steht und händefuchtelt und kommandiert?“
„Das ist ja Channeles selber!“ sagte Fräulein Förster voll bitteren Abscheus.
„Er scheint noch nichts vom Tode seines Sozius zu ahnen und noch weniger, was sich über dem Rest der Firma zusammenzieht . . . Warte nur, du Spitzbube!“
3
Nein: Borel Channeles wusste noch nichts davon, dass sein Freund Ruben ein stiller Mann geworden war. Er stand im Hafen zwischen Mastengewirr und Dampferqualm hoch wie auf einen Thron auf einer Pyramide von Weizensäcken und beherrschte von da oben sein wimmelndes Reich von roten Fessen, wirrmähnigen Flachsköpfen, schmierigen Kappen. Ein übler Modergeruch stieg aus den Getreidemassen unter ihm empor, in denen seine kurzen, krummen Beine bis zu den Knöcheln versanken. Der Wind pfiff um sein schwarzes Kraushaar, seine schwarzen Rattenaugen waren überall und nirgends, sein feister kleiner Körper wiegte sich in der Aufregung des Geschäfts. Er schrie russisch auf die Beamten ein, hebräisch auf die Vorarbeiter, die die Säcke der Lastträger zählten, tatarisch-türkisch, levantinisch, kaukasisch auf die Schwarzarbeiter, jiddisch-deutsch auf die Kommissionäre. Er zeterte, er fuchtelte mit den Händen, sprach mit Schultern, Armen und Beinen im Eifer der gewaltigen Heereslieferungen.“
Unten auf dem Kai fuhr ein leeres Lohnwägelchen vor. Der Isroschtschik kletterte vom Bock, liess sein Pferd stehen und rannte wie eine Ratte nach dem Sackhügel, auf dessen faulendes Getreide der Regen niederdrosch. Er klomm mit rudernden Ellbogen zu Borel Channeles empor. Der kleine, schäbig angezogene Mann dort oben empfing ihn misstrauisch. Er hatte eine hängende Unterlippe und stiess beim Sprechen etwas mit der Zunge an.
„Mowsche Nimmersatt — was läufste so? Was bringste?“
Der jüdische Droschkenkutscher keuchte. Er stiess hervor: „Goldhändchen . . .“
„Was heisst Goldhändchen?“ Der grosse Kriegslieferant wandte sich geringschätzig ab. „Stör mich nicht im Geschäft!“
„Goldhändchen und eppes von ihre Leut’ haben heut’ nacht den Ruben im Kiewer Zug ermordet!“
„Du bist meschugge!“
„Salme Mandelkern, der Schneider, hat es mir erzählt! Er war selber auf dem Bahnhof, wie sie Goldhändchen und den roten Morduch und noch ä ganze Mischpoche auf die Polizei gebracht haben!“
Borel Channeles zappelte nicht mehr. Er stand fassungslos still. Seine Blicke schweiften leerr über die weiten Häfen bis zu dem schäumenden Wellenbrecher draussen. Hinter seiner Stirne arbeitete eine Flucht von Gedanken. Eine unheimliche Angst legte sich lähmend über seinee betriebsamen Züge. Er sprach heiser:
„Kümm! Fahren m’r zur Polizeiskaja!“
Der Wagen hielt in der Polizeistrasse. Borel Channeles sah nicht anders aus als tausend andere — ein kleiner jüdischer Handelsmann, wie er es vor wenigen Jahren noch gewesen und wie sie am Sonnabend zu Tausenden die vierzig Synagogen Odessas füllten. Niemals hätte der riesige Gendarm am Tor sonst seinesgleichen die Vordertreppe zu den Räumen des Oberpolizeimeisters hinaufgelassen. Aber Channeles watchelte in seinen viel zu grossen Galoschen selbstverständlich und eilfertig an ihm vorbei. Oben hatte er noch das gewohnte verschmitzte Grinsen, als er einem wachhabenden Viertelsmeister oder derlei freundschaftlich die Rechte drückte und zugleich einen Packen Rubelscheine auf der Handfläche des andern zurückliess. Der Beamte hüstelte, liess die Banknoten im Ärmelaufschlag verschwinden und öffnete ohne Anmeldung die Innentür. Channeles stand vor dem Älteren Gehilfen des Polizeipräfekten, reichte auch ihm vertraulich über den mit Akten bedeckten Tisch hinweg die Hand, setzte sich, schluckte und frug mit einer Grimasse auf russisch:
„Ist es wahr?“
Der Polizeimeister nickte mit seinem verrunzelten grauen Bulldoggkopf, in dem seine Augen finster und tief in den Höhlungen lagen. Er nahm einen Schluck aus dem dampfenden Teeglas vor sich, wischte sich den grauen Schnurrbart und sagte:
„Wir haben wenigstens Goldhändchen auf frischer Tat ertappt — im Begriff, den Toten auszurauben!“
„Und wo ist der Raub?“
„Beruhigen Sie sich, Herr Channeles! Das ganze Geld ist noch da. Eine grosse Summe!“
„Aber die Papiere?“ Der Kronslieferant rückte aufgeregt auf seinem Stuhl hin und her. „Dem Ruben seine Papiere . . .“
„Der Mowiche Nimmersatt, der Droschkenkutscher“, fuhr er gepresst fort, „hat mir unterwegs erzählt, er hätt’ auf dem Bahnhof gehört, wie die Haja zwischen den Gendarmen immerfort gewimmert hat, da seient keine Papiere gewesen, und bei dem roten Morduch soll sich auch nichts von Papieren gefunden haben.“
„Herrn Rubens Dokumente sind vorläufig in der Tat verschwunden! Sein Pass. Sein . . . .“
„Wär’ es bloss der Pass!“ Borel Channeles sprang unruhig von seinem Sitz empor. „Aber so ein Mann hat doch mehr bei sich . . . Notizen . . . . Briefschaften . . . die nicht für jedermann sind . . . .“
„In der Tat“, sprach der Polizeimeister unsicher. „Es könnte da Unannehmlichkeiten geben.“
„Wo sind die Papierchen? Wer hat sie?“ Der kleine Mann schlurfte verzweifelt in dem heissen Dienstraum auf und nieder. „Schaden können sie anrichten — die Papierchen — in unrechter Hand — Sie müssen bei — die Papierchen!“
Der Polizeimeister hatte seine hochgewachsene Gestalt von Sitz erhoben. Sein lederbraunes Gesicht war ärgerlich. Er rief ein paar halblaute Worte durch den Türspalt.
Ein paar Minuten darauf trat, von einem Gendarmen am Arm geführt, die junge Haja Perlstein ein. Sie hatte sich inzwischen von dem ersten Schrecken erholt. Ihr schmales, kaum mittelgrosses Figürchen zeigte keck schwänzelnde, in den Hüften wiegende Bewegungen. Sie hob herausfordernd das scharfgebogene Näschen in dem hübschen Gesicht. Die schwarzen Augen blickten dreist und glänzend auf den in ganz Odessa gefürchteten Polizeimeister. Der setzte sich, schlug ein Bein über das andere und sprach drohend:
„Nun gestehe!“
„Wie werde ich weiter lügen, Euer Wohlgeboren!“ Haja Perlstein lächelte unschuldig wie ein Kind. „Verzeihen Sie mir, dass ich es in der ersten Verwirrung tat . . .“
„Was hattest du in dem Abteil zu tun?“
„Ich sah auf einer Station, dass Herr Ruben drin sass. Er kam oft in den Sobranje-Garten. Er trank nach der Borstellung mit mir Champagner. Ich wollte ihm nur guten Abend sagen!“
„Das nennst du nicht lügen — he?“
„Als ich drinnen war, merkte ich, dass er schlief. Ich wollte ihn wecken, indem ich ihn zum Spass unter dem Bart am Hals kitzelte. In diesem Augenblick warfen sich schon die Gendarmen auf mich . . .“
„Und das soll man dir glauben, du Tochter des Teufels?“
„Es ist wahr!“ kreischte Haja Perlstein. Sie beugte sich vor. Sie ballte die kleinen Fäuste. Sie fauchte wie eine gereizte Katze dem Polizeimeister ins Gesicht. Der sprang wütend auf.
„Heraus mit der Sprache!“ donnerte er. „Wo habt ihr die Papiere?“
„Papiere?“ frug Haja frech.
„ . . . die ihr gestohlen habt!“
„Man müsste schon ein Lemoch sein — ein ganz dummer Mensch“, belehrte Haja in ihrem singenden Russisch. „Wenn man die Papiere nimmt und lässt liegen das Geld. Und das Geld ist doch da! Gelobt sei Gott! Ich bin keine Diebin! Ich verdien’ mir ehrlich mein Brot im Jargontheater!“
Der Polizeimeister brummte etwas vor sich hin. Dann gab er einen Wink, Haja Perlstein abzuführen. An ihrer Stelle erschien, von einem ganzen Trupp Gendarmen umringt, der Sackträger Morduch Izaaks auf der Schwelle. Der rothaarige Simson war jetzt ganz ruhig. Er überragte mit seiner Riesengestalt alle andern im Zimmer. Aber er senkte das bärtige Haupt. Er sprach sehr bescheiden und höflich.
„Herr: Wie sollte Haja mir Papiere gebracht haben? Was soll ein Barfüssler wie ich mit den Papieren eines grossen Herrn? Hätte ich mich an diesem Herrn vergriffen, so hätte ich sein Geld genommen, nicht beschriebene und bedrudte Blätter, die ich nicht lesen kann. Aber ich habe die ganze Nacht im Wagen dritter Klasse nahe beim Ofen gesessen und mich gewärmt. Alle bezeugen’s!“
„Man wird sehen!“ sprach der Polizeimeister missmutig. Er schaute unschlüssig vor sich hin. Es war, als ob er seiner Sache nicht so redit sicher sei. Endlich befahl er kurz und barsch:
„Ab mit ihm!“
Als Morduch Izaats mit dem schweren Klatschen seiner blossen Hornsohlen den Raum verlassen hatte, wandte der Stadtgewaltige seinen düstern Graukopf zu Borel Channeles, der nervös mit den schwärzlichen Nägeln auf der Tischplatte trommelte und in lautlosem Selbstgespräch die hängende Unterlippe bewegte.
„Hier wertlose Papiere — dort schöne Rubelchen!“ sagte er. „Erwägen Sie selbst, Herr Channeles: Wonach wird solches Volk zuerst greifen?“
„Ungeschickte Leut’!“ Der Kriegslieferant zuckte kränklich die Achseln.
„Goldhändchen ist gewandt! Es ist und bleibt da ein Widerspruch!“
„. . . der sich so leicht lösen lässt, Euer Wohlgeboren!“ sagte eine hohe, einschmeichelnd weiche Männerstimme. Ein bleicher, blondbärtiger Mensch in umgedrehtem Schafpelz und geschmierten Schaftstiefeln war, die schwarze Schirmkappe in der Hand, leise durch den Türspalt hereingeschlüpft. Sein Antlitz mit den ausdruckslosen blauen Augen und der breitflügeligen Nase lächelte unterwürfig und geschmeidig.
„Deinem Eifer, Antoschka, ist es zu danken, dass diese Pestratte, das Goldhändchen, endlich in die Falle ging!“ sprach der Polizeimeister vertraulich zu dem Geheimagenten. „Du warst der erste an Ort und Stelle! Kannst du erklären . . .“
„. . . warum das Gesindel nach dem Mord zuerst die Brieftasche stahl?“ Antoschka machte eine eindringliche Bewegung mit Schultern und Armen, als müsse der Zusammenhang doch dem ersten besten Zigeuner einleuchten. „Die beiden vermuteten in der Brieftasche das Geld. Sie forschten gar nicht weiter. Jeder grosse Herr trägt sonst sein Geld in der Brieftasche. Als sie darin nur wertlose Papiere fanden, warfen sie sie zum Zugfenster hinaus, um keinen Beweis ihres Verbrechens bei sich zu führen, und Haja Perlstein schlich noch einmal zu der Leiche zurück, um an ihr nach dem Geld zu suchen, und wurde dabei von mir ertappt. Dies ist doch so einfach, Euer Wohlgeboren!“
„Ja. Das begreift sich!“ nickte der Polizeimeister erleichtert. „So ist es gewesen. Man sieht klar!“
„Man sieht klar!“ wiederholte Borel Channeles hoffnungsvoll und erhob sich. Er atmete tief auf. „Irgendwo in der Steppe, an der Eisenbahn, liegen die Papiere. Es wird darauf regnen. Sie werden schmutzig von der Erde. Der Wind wird sie dahin und dorthin treiben — die Papiere! Sie werden bald unkenntlich sein. Sie werden überhaupt nicht mehr sein – die Papiere! Auf Wiedersehen!“ Er schüttelte dem Polizeimeister zum Abschied die Hand. „Weh geschrien um den Ruben! Aber mir ist doch, als wär’mir eine Schiffslast vom Herzen gefallen!“
Er fuhr durch die Moldawanka, die berüchtigte Vorstadt Odessas, voll von Hehlern, Stehlern, Dirnen, Bummlern. Er, der mächtige Mann, wohnte ganz da draussen verkrochen bei kleinen Leuten, einem Schulklopfer und seiner vielköpfigen Familie. Er sah sich befriedigt um. Es war da Gezeter in den niederen Häusern. Gruppen von Gaffern auf der Strasse. Kaftanträger, tatarische Hausierer, langmähnige Russen, alte Pfandleiherinnen wurden von Stadtsoldaten zur Wache getrieben. Der Polizeimeister liess reihenweise alles verhaften, was irgendwie der Mitwisserschaft an der Ermordung Avrom Rubens verdächtig erscheinen konnte.
„So ist’s recht!“ sprach Channeles zu dem Kutscher Mowsche Nimmersatt auf dem Bock. „Er soll nur zugreifen und uns von allen schlechten Leuten befreien!“
In seinem dürftigen Zimmer rieb er sich frostig die Hände. Er frug einen Mann, der auf ihn wartete:
„Du warst heut’ morgen auf dem Bahnhof?“
Der Schneider Salme Mandelkern nickte sehr besorgt. Er chaute sich um, ob auch niemand zuhörte, und raunte geheimnisvoll:
„Er is da!“
„Wer is da . .?“
„ . . . Von dem uns unsere Leut’ aus Petersburg telegraphiert haben, dass er im Auftrag der Geheimen Staatspolizei nach Odessa unterwegs sei . . .“
„Minde heisst er!“ murmelte Channeles voll Abscheu. „Ä Deutscher!“
„Heute morgen is er mit dem Zug angekommen und mit dem Fräulein Förster in die Stadt gefahren. Der Oberkonduktor vom Zug hat ihn mir gezeigt. Er hat seinen Pass gesehen. Ä grosser Geheimpass!“
„Und was tut er in Odessa?“
„Weiss m’rs?“
Die beiden schauten sich bang an. Dann sagte Channeles:
„Nü: Er hat doch seine Verwandten in Odessa! Er wird mit dem Fräulein Förster in die Oper fahren. Er wird im Hotel London mit ihr soupieren!“
„Braucht man dazu ä Geheimpass?“
„Recht haste, Mandelkern!“ sprach der Kriegslieferant bekümmert. Er ging unruhig im Zimmer auf und ab.
„Irgend etwas hat der Mann vor!“ murmelte er. „Irgend etwas hat er vor!“
„Nü — wenn er neugierig is — braucht er nicht gerade bei uns neugierig zu sein!“
„Gottlob! Es gibt noch mehr . . . . !“ sagte Channeles verklärt und letzte sich an den Schreibtisch. „Aber man darf ihn nicht aus den Augen lassen — den Herrn vom Zehnten Departement. Ich verlass mich auf euch! Nun geh! . . . Ich hab’ zu tun!“ Er schrie weinerlich auf. „Der Ruben tot! Nun hab’ ich die ganzen Ochsenlieferungen allein auf dem Buckel!“
Vor Borel Channeles lagen in Stössen die Schriftstücke der Schlachtviehtransporte: die Abrechnungen der Ochsenaufkäufer in den Taurischen Steppen, die Tabellen aus dem grossen Sammellager in der Kolonie Katharinental in der Krim, die Übernahmequittungen im Hafen von Eupatoria nach dem Marsch der Herden über die Hochebene, die Schiffspapiere über die Verfrachtung der vielen Tausende von Rindern über das Schwarze Meer die Donaumündung aufwärts nach Galatz und Braila und jetzt der letzte Transport nach der Schlangeninsel. Das alles war vielfach gestempelt, mit den Unterschriften hoher Kontrollbeamter versehen, von den Hafenbehörden visiert, von der Kronrechnungskammer geprüft, bestätigt, bezahlt. Das war alles in bester Ordnung.
Und doch rechnete der Kriegslieferant Channeles noch einmal alles durch. Sicher war sicher. Das Zehnte Departement und sein Sendbote wollten ihm nicht aus dem Kopf, die Schlangeninsel, von der ab das Unheil die silbergrauen Büffelmassen verfolgte. Aber es ging alles mit rechten Dingen auf der fernen Schlangeninsel zu. Da stand es überall schwarz auf weiss zu lesen. Da waren die Protokolle der Schiffskapitäne, der Tierärzte, der Etappenkommandanten der rumänischen Küste.
Der Heereslieferant verschloss die Papiere und stand seufzend und doch innerlich befriedigt auf. Was liess sich der Ruben auch im Schlaf umbringen — der Schlemihl? . . . Jetzt, wo er tot war, verdiente man für zwei. Er drehte sich unwillig zur Türe.
„Gottes Wunder: Was platzt du mir so herein?“ frug er den Droschkenkutscher Mowsche Nimmersatt, der atemlos auf der Schwelle stand.
„Ich komm’ eben aus dem Hafen!“
„Heisst ’ne Neuigkeit!“ sagte Channeles geringschätzig.
„Wisst Ihr, was passiert is?“
„Wie soll ich wissen?“
„Er is vorhin auf ä Schiff gegangen! Der Petersburger!“ keuchte Mowsche Nimmersatt. „Wohin fährt das Schiff? Nach der Schlangeninsel fährt’s!“
Borel Channeles stiess einen gellen Schreckensschrei aus. Seine vorgeschobene Unterlippe zitterte. Sein ganzer kurzer, schwammiger Körper begann zu schlottern. Der Fuhrmann lief wirr im Zimmer auf und ab. Er wiederholte mit angstgespreizten Fingern:
„Er is hinter uns her! Er is hinter uns her!“
„Hast du ihn selbst gesehen?“ stöhnte Channeles.
„Blind soll ich werden, wenn ich ihn nicht gesehen habʼ, wie das Schiff abgefahren is! Oben auf der Kommandobrücke bei dem Kapitän hat er gestanden!“
Borel Channeles warf sich mit dem Oberkörper über den Aktentisch.
„Ich werd’ ä Zettelchen schreiben, und du wirst Tag und Nacht mit der Eisenbahn fahren und es dem Wainstein nach Petersburg bringen“, röchelte er zu dem Iswostschik. „Ich muss einen armseligen Menschen schicken wie dich, damit keiner Verdacht schöpft! Is Gefahr, verschluckste das Zettelchen!“
Er kritzelte nur zwei Zeilen auf den schmalen Papierstreifen:
„Minde unterwegs nach Schlangeninsel. Muss mit allen Mitteln unschädlich gemacht werden!“
„So — da nimm!“ Er gab Mowsche Nimmersatt das flüchtig mit einer Briefmarke verklebte Blatt.
4
Simon Wainstein in Petersburg, der dritte Fangarm an dem grossen Polypen, der Ruben, Wainstein und Channeles hiess, war ein anderer Mann als der tote alttestamentarische Ruben mit seinem Makkabäerkopf oder gar als der Channeles da unten in Odessa — Borel Channeles — heute noch der kleine Mann von einst, der in abgetragenen Galoschen durch das Hafentreiben schlurfte und mit jedem Schnorrer auf du und du stand.
Gott — der Channeles! In den dunklen Geschäften am Schwarzen Meer zwischen Zöllnern und Sündern, Tschinowniks und Spitzeln — da konnte man die unscheinbare Hafenratte brauchen, die in alle Winkel huschte, überall und nirgends war. Hier an der Newa, in der Residenz des Zaren, der Grossfürsten und unter den Augen der Minister und Beamten, tat ein Weltmann not.
Das war Simon Wainstein. Schon sein Vater hatte in die Erste Gilde der Kaufmannschaft gezahlt und so das Aufenthaltsrecht in Petersburg erlangt. Der Sohn war ein eleganter Vierziger mit Zwicker und schwarzem Spitzbart nach Pariser Art. Französisch, ohne das man in Petersburg nicht über die Vorzimmer hinauskam, sprach er wie Wasser. Seine Anzüge von dem ersten Schneider bes Newskij-Prospekts atmeten den Geist der Boulevards. Er hatte eine prunkvolle Wohnung draussen am Taurischen Palais. Er verabschiedete sich dort von seiner Gattin, einer mandeläugigen morgenländischen Schönheit jener Art, von der es in der Schrift heisst: „Ich bin eine Blume im Tal und eine Rose zu Hebron.“ Er küsste zärtlich den kleinen Efrajim, den Stammhalter, und die kleine Rüfke, er stieg unten in sein Dreigespann, wickelte sich in seinen Astrachanpelz und fuhr nach der Newa.
Weithin reihten sich an dem kai längs ihres breiten Spiegels die Paläste der Grossfürsten und der Grossen. In einem wohnte der Grossfürst Igor. Dass er im Ehrenamt zu den Würdenträgern gehörte, die die Feldintendantur des Balkankrieges beaufsichtigten, sah man schon an den vorfahrenden Wagen der Generale mit den Leibtscherkessen auf dem Bock, dem Aus und Ein der Offiziere und Beamten, den Kleinbürgern und Frauen, die Liebesgaben für das Heer brachten. Aber der Grossfürst war nicht daheim. Der riesige Türschweizer verzog, auf seinen Knaufstock gestützt, keine Miene. Er kniff nur unter dem goldenen Dreispitz kaum merklich das linke Auge zu. Das sagte Simon Wainstein genug, wo Seine Kaiserliche Hoheit zu finden war.
Gleich um die Ecke, in einer der Seitenstrassen des vornehmen. Admiralitätsviertels, wohnte die Palmera. Sie sang im Kaiserlichen Marientheater. Sie sang seit zwanzig Jahren. Sie war eine Petersburger Einrichtung geworden, an die man sich gewöhnt hatte. Reihen von Grossfürsten waren im Lauf der Zeit durch ihre erziehenden Hände gegangen. Jetzt war sie nicht mehr jung. Ihr dunkler Kopf eines neapolitanischen Fischerknaben war im bleichen Schein der Petersburger herbstlichen Vormittagssonne von müden Linien durchädert. Aber in den Augen — zwei sengenden schwarzen Fackeln im weissen russischen Schnee — Lockte noch das Leben. Sie war nach wie vor Sammlerin. Sie sammelte Liebhaber, und sie sammelte Schmuck, und man wusste nicht, in welchem von beiden sie es zu einem grösseren Reichtum gebracht hatte.
Der Grossfürst, der bei ihr sass, war eigentlich ein schöner Mann. Nur hatte er zu lange in Paris gelebt. Er besass noch die lange, elegante Gestalt des Petersburger Grandseigneurs, aber sein von Bartkoteletten eingerahmtes Antlitz zeigte Krähenfüsse an den Schläfen und die übernächtige gelbe Farbe des Spielers. Und man war nicht immer sicher, dass es bei dem Spiel ganz mit rechten Dingen zuging. Die Anwesenheit des Grossfürsten am Bakkarattisch war für den Bankhalter oft mehr eine Ehre als ein Gewinn.
Der Grossfürst Igor trug grüne Generalsuniform mit dicken goldenen Schnüren. Er gab Simon Wainstein mit einer leichten, herablassenden Kopfbewegung die Erlaubnis, sich zu setzen. Er hatte eine natürliche Vornehmheit im Wesen. Er kümmerte sich um die Hausherrin nicht mehr, als sei eine Katze im Zimmer. Er frug leise und lässig.
„Sie sehen verwirrt aus, Mainstein!“
Die Palmera hatte trotz ihres jahrzehntelangen Aufenthalts in Petersburg noch nicht ordentlich Russisch gelernt. In ihrer Welt unterhielt man sich nur auf französisch. Wenn man schnell Russisch sprach, verstand sie nicht dent zehnten Teil. Ausserdem langweilten sie diese umständlichen Schiebungen. Sie war lieber deren Nutzniesserin als ihr stiller Teilhaber. Sie unterhielt sich in der Ecke des Gemachs in ihrer italienischen Muttersprache, die wiederum weit und breit kein Mensch ausser ihr beherrschte, mit ihrem grauen, rotgeschwänzten Papagei.
„Die Unordnung in Russland ist furchtbar?“ sagte Simon Wainstein.
Der Grossfürst nictte beifällig. Er stak immer tief in Schulden. Er schien diese allgemeine Verwirrung als eine Gnade Gottes zu empfinden.
„Vorgestern nacht hat man Ruben im Zug zwischen Niew und Odessa ermordet“, fuhr Wainstein empört fort.
Grossfürst Igor nickte amüsiert.
„Hat es den alten Spitzuben erwischt?“ sagte er.
„Es war Goldhändchen und ihre Bande! Man hat sie verhaftet. Aber was tun die örtlichen Behörden? Der Zensor verbietet den Zeitungen jede Nachricht, die Polizeimeisterei unterdrückt alle Telegramme. Heute erst — diese Schlamperei ist nur in Russland möglich — erfahre ich davon durch Briefe!“
„Sie können Herrn Ruben auch nicht mehr lebendig machen!“ sagte der Grossfürst gleichmütig. „Es ist so viel nicht verloren!“
„Die Papiere sind verloren!“ flüsterte Simon Wainstein heiser. „Die Papiere, die Ruben bei sich führte. Man hat
sie nicht bei ihm und nicht bei den Mördern gefunden, Gott weiss, wer sie hat!“
Jetzt wurde das schmale verlebte Antlitz des Grossfürsten plötzlich sehr besorgt.
„Was für Papiere?“ forschte er gedämpft.
„Alles! Vor allem das geheime Notizbuch, das Ruben stets auf dem Leib mit sich führte — von dem er sich im Schlaf nicht trennte. Es enthält die Namen aller Generale, Senatoren, Gouverneure, Reichskontrolleure, Stadthauptleute, die von uns . . .hm . . . ja . . . genommen haben . . .“
„. . . die Geld genommen haben . . . diese Unwürdigen . . .“, sagte der Grossfürst.
„Es enthält auch sicherlich . . .“
„. . .doch nicht meinen Namen?“ Grossfürst Igor fuhr auf.
„Wie ich Ruben kenne — ja . . . samt den Summen, die Eurer Kaiserlichen Hoheit von uns . . .“
„Du lügst!“
„Er wollte uns durch Ihren Namen decken und Straflosigkeit sichern, falls einmal irgendein übereifriger Mensch das Geschäft störte, sagte er zu mir. Sibirien sei ihm zu entlegen. Er bleibe lieber in seinem Schloss in der Krim!“
„Al ladro!“ schrie durchdringend in der Ecke der Papagei. Die Palmera, die vor ihm kniete, schaute lachend über die Schulter. Sie hatte dem Vogel zum Spass das „Haltet den Dieb!“ beigebracht. Es verstand es doch niemand, so wenig wie sie das gedämpfte russische Gespräch drüben.
Aber mit der lässigen Vornehmheit des Grossfürsten war es jekt vorbei. Asien brach durch. Er sprang auf. Er brüllte, brutal wie ein Kosakenhetman.
„Aufknüpfen wird man euch alle — für eure Ungeschide lichkeit?“
„Ruba!“ mahnte der Papagei in der Ecke auf italienisch. „Stehle! Stehle!“
Simon Wainstein war bleich geworden. Aber sein spitzbärtiges Antlikz bewahrte die Ruhe des Weltmanns. Er hatte sich ehrerbietig erhoben. Er sagte in gedämpftem Russisch:
„Wir dürfen ietzt nicht gegeneinander arbeiten, sondern miteinander — angesichts der Gefahr!“
Auf der Stirne des Grossfürsten Igor zuckten noch die Zornfalten. Aber der erste Wutausbruch war bei ihm verraucht. Er setzte sich wieder nieder und starrte erbittert vor sich hin. Er hörte Wainsteins leise, eindringliche Stimme:
„Die Gefahr ist besonders gross wegen der Ochsenlieferungen. Nach aussen hin haben wir für diese Transporte alle Belege. Wir können sie dem Ministerkonseil selber vorlegen. Alle Unterschriften, alle Kronsstempel sind in Ordnung! Was aber, wenn aus Rubens Notizbuch hervorgeht, wie diese Unterschriften und Stempel zustande gekommen sind?“
„In der Tat — es gab da gewisse Unregelmässigkeiten . . .“
„Diese Ochsenlieferungen — seien wir ehrlich — haben turmhoch das Mass des Gewohnten überschritten! Um so furchtbarer würde im Fall der Entdeckung der Skandal sein! Er würde bis zu den Ohren des Zaren selber dringen!“
„Noch ist das Notizbuch nicht gefunden!“
„Das ist auch mein Trost!“ sagte Simon Wainstein.
Die beiden, der Grossfürst und der Kriegslieferant, schwiegen missmutig. Das Leben war nicht leicht. Simon Wainstein verstand eine kurze herrische Kopfbewegung drüben — sie bedeutete: Schau jetzt, dass du wegkommst! Er erhob sich. Er flüsterte:
„Diesmal ist es mit dem Ochsentransport noch gut gegangen! Die Schlangeninsel liegt so entlegen, dass kein Mensch etwas merken konnte! Wer kommt je dorthin? Aber es muss das letzte Geschäft dieser Art gewesen sein! Wir dürfen nicht warten, bis der Reichskontrolleur oder sonst ein lästiger Mensch auf überflüssige Vermutungen kommt!“
Er zog sich mit einer tiefen Verbeugung zurück. Draussen hielt eine Troika, der langschweifige, glänzende Orlofftraber in der Mitte, die beiden braunen Galoppgänger rechts und links. Neben dem Prunkgespann harrte ein dürftiger Mensch hebräischen Aussehens, greinte wehmütig und rückte Simon Wainstein dicht auf den Leib.
„Fort mit dir!“ sagte der Kriegsgewinnler barsch zu dem vermeintlichen Bettler, wollte einsteigen, stutzte jäh. Aus dem Bartgewirr drüben raunte es: „Lechajim!“ — ‚Auf ihr Wohl!‘ — der hebräische Trinkspruch und das geheime Kennwort der Firma Ruben, Wainstein und Channeles. Er furchte die Stirne.
„Wer seid Ihr?“ frug er leise.
„Der Mowsche. Nimmersatt. Ä Fuhrmann aus Odessa!“
„Woher habt Ihr einen Pass nach Petersburg?“
„Von wem werd’ ich ihn haben? Vom Herrn Channeles werd’ ich ihn haben!“
„Was will er — der Channeles?“
In dem schmierigen Innern der Kappe, die Mowsche Nimmersatt dem Kriegslieferanten hinhielt, lag ein mit einer Siebenkopekenmarke verklebtes Zettelchen. Simon Wainstein griff danach. Es sah aus, als werfe er ein Almosen in die Bettlermütze. Er setzte sich in den Wagen, holte seine silberne Tuladose voll Zigarettentabak hervor und tat, als wollte er sich aus dem Blättchen zwischen seinen Fingern eine Hülse für seine Papyros drehen. Zugleich las er. Sprang aus der noch haltenden Equipage. Eilte in das Palais zurück.
„Buon Giorno, Furfante!“ — Guten Morgen, du Spitzbube! — begrüsste ihn drinnen der Papagei. Der Grossfürst Igor schaute unwillig auf.
„Was führt Sie Gott schon wieder her?“ frug er. Simon Wainstein katzbuckelte derstört. Seine diamantenbedeckten Finger zitterten, als er das Zettelchen auf den Schreibtisch legte.
„Minde unterwegs nach Schlangeninsel!“ entzifferte der Grossfürst murmelnd. „Wer ist Minde!“
„Ein junger Windhund vom Zehnten Departement des Ministeriums des Innern!“
„. . . also von der Geheimen Staatspolizei . . .?“
„. . . und jedenfalls in besonderem Auftrag!“
Es war eine kurze lähmende Stille des Entsegens. Der Grossfürst Igor las den Schlusslatz: „Muss mit allen Mitteln sofort unschädlich gemacht werden!“ Er zerriss das Zettelchen in winzige Stückchen. Er warf sie in das Kaminfeuer. Er war bleich. Aber er hatte Haltung.
„. . . unschädlich gemacht werden . . .“, wiederholte er zwischen den Zähnen. Und zu Wainstein gewandt:
„Fahren Sie sofort nach Odessa und ordnen Sie die Sache! Auch ich werde mich hier bemühen!“
Pulsuz fraqment bitdi.