Kitabı oxu: «Rettet Wien! Roman aus der Zeit der Türkenbelagerung 1683»
Rudolf Stratz
Rettet Wien! Roman aus der Zeit der Türkenbelagerung 1683
Saga
Rettet Wien! Roman aus der Zeit der Türkenbelagerung 1683Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1936, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507414
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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1
Es war an einem Frühlingstag des Jahres 1683 viel Getümmel und Geschrei bunten morgenländischen Volks im Hafen von Rosetta in Ägypten. Der geflügelte Markuslöwe wehte von den Masten der mächtigen venetianischen Handelsgaleeren, die da ankerten, und auf dem Ufer standen erbittert und hochmütig, in kostbaren Pelzmützen und Pelzschauben die Kaufherren und Edelherren der Lagunenstadt vor der tobenden Masse der Turbane.
„Was fällt euch bei, mitten im Frieden Schiffe der Republik Venedig wegzunehmen?“
„Alle Segler in allen Häfen des Osmanenreichs, in Europa, in Asien, in Afrika werden beschlagnahmt!“
„Mit welchem Recht?“
„Weil wir sie brauchen!“
„Wozu?“
„Das wisst ihr!“ Der wild-schnurrbärtige Aga der Mamelucken trat, die Hand am Krummsäbel, aus der Mitte seiner Moslem. Kriegerisch wie eine Sturmfahne flatterte im Seewind der Hinterzipfel seiner hoben, silbergestickten Mütze. „Der Kalif ruft alles, was im Islam Waffen tragen kann, nach Konstantinopel!“
„Und ehe der Nil wieder steigt, wird der Sitz des Kalifen nicht mehr in Konstantinopel sein!“ schrie es frohlockend aus dem himmelblauen Gewoge der Mamelucken, „sondern in der Hauptstadt der Ungläubigen!“
„In Wien!“ Der Aga riss glühenden Auges sein Schwert halb aus der Scheide. „Die Zeiten erfüllen sich, von denen der Prophet — Lob ihm! — verheisst: ,Die Ungläubigen werde ich peinigen mit schwerer Pein!‘ Was in drei Erdteilen zu Allah betet, zieht gegen Wien!“
„Der Kaiser des Abendlands wird entthront!“
„Sein Dom in Wien wird zur Moschee!“
„Alle Christen werden ausgerottet!“
„Schiffe! Schiffe nach Konstantinopel!“ brüllte es und wehte heiss wie Atem aus Raubtierrachen in die braunen Gesichter der Venetianer. Ein grellgelb gekleideter, blauschwarzer Mohr watschelte dick wie eine Tonne durch das Gewühl und krähte mit Fistelstimme:
„Ferat Bassa befiehlt die Venetianer vor sein Angesicht!“
„Ich höre und gehorche“, sprach der Aga zu dem Obereunuchen des Statthalters von Rosetta. Seine blauen Krieger umringten die Christen, um sie vor dem wütenden Ameisengewimmel des Volks in dem engen Gassengewirr zu schützen. Scheu wich alles zur Seite. Wer einen Mamelucken auch nur unsanft berührte, war sofort des Todes. So erreichte der Zug das weisse Zinnenschloss des Bassa auf dem Hügel.
Ferat Bassa, der Herr über Stadt und Hafen, hockte in einem zimmtfarbenen Seidenkaftan mit gekreuzten Beinen auf dem Divan. Vor seinen schon greisen Augen flimmerten durch die offenen Fenster des grossen Saals die flachen weissen Dächer in der heissen Mittagssonne und grünten die Palmen- und Orangen- und Zitronengärten an den breiten, grauen Schlammufern des niedrigen Nils und blaute draussen endlos das Mittelmeer. Neben ihm sass, in einem weiten schneeweissen Gewand, sein Sohn, ein siebzehnjähriger Jüngling mit grossen dunklen Augen in einem schönen, bräunlichen, weichgeschnittenen Gesicht. Ein Neger fächelte von hinten mit einem Pfauenwedel den beiden weissen Turbanen Kühlung.
Der Bassa hob in schläfrigem Dünkel das Haupt zu den vor ihm stehenden venetianischen Edeln, die in ebenso kühlem Stolz auf ihn herabschauten.
„Eure Schiffe bleiben beschlagnahmt!“ sprach er leidenschaftslos auf Türkisch, und der Dolmetscher, der, die Arme über der Brust gekreuzt, in unterwürfiger Haltung neben ihm stand, übertrug es in das Italieniche. „Euch selbst steht die Heimkehr in euer Land auf einem französischen Segler frei!“
Die Herren aus Venedig blickten hinab auf das Raaengewirr des Hafens. Da, wo der Markuslöwe und das Kreuz von Genua, der Löwe von Brügge, die drei Fackeln von Sevilla als Wimpel an den Masten wehten, da war der Kai so blau wie die See von Mamelucken. Aber die dazwischen ankernden Kauffahrteifahrer, die die drei Lilien der Bourbonen in der Flagge führten, träumten still und unbehelligt in der Sonne.
„Und warum vergreift ihr euch nicht auch an den französischen Schiffen?“
„Ihr Christen alle seid unsere Feinde!“ Der Bassa wandte seinen schon silberweissen Bart nach dem schönen Jüngling an seiner Seite. „Mein Sohn Emin hier ist der Jüngste und Letzte. Seine sechs Brüder sind im Kampf gegen euch geblieben!“
„Auch die Franzosen sind Christen!“
„Aber sie sind die einzigen unter euch, die allem nicht feind sind, was aus Asien und aus Afrika nach Europa kommt!“ sprach der Bassa. „Zum Dank schonen wir ihre Schiffe!“
„Und was sollen wir daheim sagen, wenn wir ohne unsere Schiffe zurückehren? Der Rat von Venedig lässt nicht mit sich spassen!“
„Ich werde euch einen geheimen versiegelten Brief an die Republik Venedig mitgeben. Im Namen des Sultans von Ägypten, des Vasallen des Kalifen in Konstantinopel. Darum liess ich euch rufen. Lasset den Dogen allein den Brief lesen!“
„Der Doge versteht kein Türkisch!“
„Der Brief wird lateinisch geschrieben sein, wie es zwischen uns und den Christen Brauch ist. Ich habe seit Jahr und Tag hier in der Festung einen gefangenen Malteserritter, der der lateinischen Sprache kundig ist. Holt ihn herbei!“ Der Bassa befahl es dem Fächersklaven hinter ihm und verabschiedete mit einer flüchtigen Handbewegung an die Brust die Venetianer. Erst als sie schon auf der Schwelle waren, wachte auch sein junger Sohn aus seiner Traumverlorenheit auf und führte die schmale Rechte mechanisch an Stirn und Brust.
„Kennst du den Malteser?“ frug, als die beiden allein waren, der Vater den Sohn. Der Jüngling schaute träumerisch hinaus auf das flammende blaue Mittelmeer.
„Er arbeitet ja tagsüber im Garten!“ sagte er. „Ich habe ihn oft gesehen.“
Die schweren Türvorhänge schlugen auseinander. Der Gefangene trat ein, in einem raschen und federnden Gang der blossen braunen Füsse unter dem verschwitzten und verschmutzten Kamelbaarkittel, der plump bis zu den Knien die sehnige Magerkeit seines Körpers umschlotterte. Zwei lange verharschte Narben kreuzten sich ihm von den Kämpfen im Mittelmeer auf der von Sonnenbrand nussbraunen Stirne. Zu deren beiden Zeiten fiel ihm dunkles Haar in langen Strähnen bis über die Schultern. Das war das Zeichen aller Edeln in Europa. Aber wenn dort die Freien ihren Spitzbart pflegten, überwucherte ihm hier der Bart das Antlitz als wirre Wildnis, aus der nur heissblütig die dunklen Augen flackerten, und liessen ihn auf den ersten Blick älter erscheinen, als seine dreissig und etlichen Jahre. Der Ritter zeigte nichts von der Unterwürfigkeit der schwarzen Sklaven, die ihn hergeführt hatten und auf einen Kopfwink ihres Herrn auf lautlosen Sohlen aus dem Saal huschten. Er stand in einer freien, fast verächtlichen Haltung, das Haupt im Nacken, vor dem Bassa und sah ihm fest ins Auge.
„Wie kommt es, dass du Latein verstehst?“
„Ich wollte als Knabe Mönch werden und wurde in einem Christenkloster erzogen!“
„Wo war das?“
„In einem fernen Land, weit von hier, fliesst ein Fluss, so breit wie der Nil im Frühjahr. Er heisst der Rhein. An ihm steht die Burg meines Geschlechts, nach der ich den Namen Rimburg führe.“
„Wie aber kamst du aus dem Kloster der Ungläubigen in die Welt?“
„Ich verliess es als Jüngling und habe in Städten, die Ihr nicht kennt — in Strassburg, in Bologna —, den Wissenschaften obgelegen.“ Der Ritter von Rimburg sprach, dank seiner langen Gefangenschaft, türkisch mit dem Bassa. „In Rom überkam mich der Drang, mit dem Schwert für den wahren Glauben zu kämpfén!“
„Für den falschen Glauben, du Hund!“
„Für den wahren! Für den wahren!“
„Herr Vater! Was liegt daran, was ein Christ spricht!“ rief verächtlich, mit noch knabenhaft heller Stimme der junge Emin. Aber der Bassa lüftete mühsam die steifen Knochen vom Divan. Er riss zitterig den Damaszenerjäbel aus der Scheide.
„Sage das noch einmal und du bist des Todes!“
„Zum drittenmal: für den wahren Glauben! Schlag zu!“
Der Ritter von Rimburg stand aufrecht, die Arme über der Brust gekreuzt, kaltblütig gefasst. Er zuckte mit keiner Wimper. Es wetterleuchtete nur leidenschaftlich in seinen dunklen Augen. Der schöne Jüngling Emin war hastig, in flatterndem weissen Gewand, aus seinem Kreuzsitz aufgeschnellt. Er stellte sich mit drei Sprüngen zwischen den Gefangenen und den Bassa.
„Willst du den Boden mit Christenblut beschmutzen?“ sprach er vorwurfsvoll.
Der Bassa erwiderte nichts. Er setzte sich wieder hin. Er strich sich finster den weissen Bart.
„Du wurdest ein Malteser?“ frug er feindselig.
„Nur ein weltlicher Ritter vom Succurs. Ein freiwilliger Kämpfer auf Zeit!“
„. . . und wurdest gefangen?“
„Der General unserer Galeere lag verwundet auf Deck eures geenterten Schiffs. Wir konnten uns dort nicht halten. Ich deckte mit der Klinge seine Rettung zu uns hinüber. Inzwischen löste sich Bord von Bord. Ich blieb allein bei euch zurück.“
„Diese selbe Galeere und dieser selbe Kapitän . . . Wer war es damals?“
„Mein Freund, ein deutscher Ritter!“
„Dieses selbe Schiff kreuzt seit Neumond auf hoher See vor Rosetta.“ Es war ein Lauern in der brüchigen Stimme des Bassa. „Was hat das zu bedeuten?“
„Wie soll ich, ein Gefangener, das wissen?“
„Ja. Wie sollst du das wissen?“ Der Greis zog eine Papyrusrolle aus den gelbseidenen Falten seiner Leibschärpe und reichte sie dem Malteser. „Setze dich auf den Boden vor dem Perlmuttertischchen nieder, nimm die Geierfeder, die da liegt, und übersetze in Latein, was da türkisch geschrieben steht!“
„Der Ungläubige ahnt nicht, dass es ein Staatsgeschäft von höchster Wichtigkeit ist, das er da überträgt“, sagte leise, während drüben der Federkiel kratzte, der Bassa zu seinem Sohn. „Der Name der Republik Venedig, der wir einen geheimen Frieden anbieten, während wir das Reich des Christenkaisers überschwemmen, ist nirgends genannt! Nun — bist du fertig?“
„Hier ist der lateinische Brief!“ Der Ritter im Bart lachte spöttisch, indes er seine mittelgrosse schlanke Gestalt vom Boden erhob. „Aber die Venetianer werden seine Fetzen in die Lagune werfen!“
„Woher weisst du . . .?“ Der Bassa beugte sich kurzatmig und wutzitternd vor.
„. . . dass dieser Brief dem Dogen gilt . . .?“
„Es steht kein Wort davon in dem Brief!“
„Es ist nicht schwer zu erraten, wenn man euch und das Mittelmeer kennt!“
„Die Venetianer sind unsere Feinde! Wir haben nichts mit ihnen gemein!“
„Waren nicht eben noch die venetianischen Kauffahrer bei Euch? Ich sah sie, als ich im Garten arbeitete.“
„Allah weiss, was sie hier wollten! Du nicht!“
„Sie kamen an mir vorbei, als ich hierher geführt wurde. Ich verstehe Italienisch. Der eine sagte zum andern: Schade, dass wir das lateinische Schreiben versiegelt überbringen müssen!“
Der Bassa Ferat ballte die Faust und schwieg. Sein Gefangener hob feierlich die Hand.
„Aber dieses Schreiben wird nicht mehr sein als ein Kamelfladen, den das Lagerfeuer frisst. Die ganze Christenheit werdet ihr kampfbereit zwischen euch und Wien finden — die Deutschen — die Polen — die Franzosen!“
„Nicht die Franzosen!“
„Auch sie, wenn sie erst ganz erkannt haben, welche Gefahr dem Glauben droht.“
„Dem Unglauben!“
„Christus in Ewigkeit!“
Wieder entblösste der greise Bassa grimmig zur Hälfte den Säbel. Wieder die sanfte Stimme seines Sohnes.
„Herr Vater: diese Klinge ist wohl so scharf, dass sie ein Frauenhaar in der Luft zerschneidet. Aber in Eurer Hand wird sie den Christen nicht töten. Lasst ab von ihm. Er ist Eurer nicht wert!“
Der Vater des jungen Emin liess den altersmüden Arm sinken und barg die Waffe in der Scheide. Er wurde plötzlich ruhig. Er blieb eine Weile stumm.
„Es darf niemand ausser mir und dem Dogen von diesem Schreiben wissen!“ sprach er dann in einem sonderbar gleichgültigen Ton. „Du aber weisst es . . .“
Der wirrmähnige, barbeinige Mann im Kamelkittel vor ihm schwieg.
„Es ist Gefahr, wenn es durch dich bekannt wird. Du könntest entweichen. Draussen kreuzt seit einer Woche eure Galeere!“
Der Ritter im Bart schwieg.
„Du wirst sie nicht erreichen. Du bist hitzig von Geblüt. Du hast zu viel geredet. Nun musst du das grosse Schweigen lernen!“
Der Malteser schwieg.
„Mache dich bereit. Wenn die Sonne zwei Stunden weiter gerückt ist, wirst du sterben!“
Der Ritter von Rimburg schwieg. Der Bassa würdigte ihn keines Blicks mehr. Auch der junge Emin hatte sein schönes, bräunliches Antlitz abgewandt und schaute hinaus auf das Meer, über dessen tiefem Blau drüben, gegen Abukir hin, das erste leise Abendrot leuchtete. Ein Händeklatschen seines Vaters rief den Schwarm der Neger herbei. Sie führten den Gefangenen mit sich fort.
Der Weg ging durch die Gärten nach dem düstern Lehmgebröckel der Hinterburg des Bassa voll geheimer Sänge, Keller und Kerker. Aus einer Feigenhecke hob früchtekauend, als der Malteser vorbei kam, der Obereunuch, der vorhin am Hafen gewesen, in schwefelgelbem Kaftan, seinen schwarzen Wollkopf. Er radebrechte hitzig und händefuchtelnd Italienisch, das die andern schwarzen Wächter nicht verstanden. Es war, als ob er den Ungläubigen in dessen eigener Sprache verfluchte. Aber diese Fisteltöne des Fettwansts verkündeten im Wortgesprudel: „Nur noch wenige Tage Geduld — lässt dir Rabbi Isaak, der Meister der Juden von Rosetta, sagen. Er und wir alle haben von dem General der Maltesergaleere draussen genug Sultaninengoldstücke bekommen. Wir verhelfen dir zur Flucht auf das Schiff. Es kreuzt jeden Abend vor der Nilmündung!“
Und leise und ruhig die Antwort des Maltesers.
„Lasse dem Kapitän der Galeere, meinem Mitbruder, durch die Fischerbarke wissen, dass ich nicht kommen werde. Mein Leben ist zu Ende.“
Dein Leben — Adrian von Rimburg — dein noch junges — dein dreiunddreissigjähriges Leben, das ein Wandern war durch die Welt und ein Suchen nach dir selbst. Das eine Unruhe war, von den Kinderschuhen ab bis zu dem roten Kreuz auf dem Maltesermantel und jetzt die grosse Ruhe ist vor der letzten Stunde.
Bald . . . bald . . . Unmerklich wandernd vergolden durch das kleine Fensterloch der Kerkerzelle die heissen Sonnenstrahlen, das Klettern der kleinen plumpen geschuppten Eidechsen an den brennend heissen Lehmwänden, das Geringel der schwarzen Tausendfüssler auf dem glühenden, gestampften Erdboden, das Geflatter eines verirrten Falters, der bunt wie das Leben selber durch die schwüle Staubluft gaukelt und plötzlich weg ist mit all seinem Farbenschmelz . . . so wie das Leben . . .
Und vor den dunklen Augen des Ritters Adrian von Rimburg zog noch einmal sein Leben vorbei, wie er da, die Hände über den Knien verschlungen, in Gedanken verloren auf dem Estrich seines letzten Wohnraums auf Erden kauerte. Da tollen kleine Buben im Herbstwald, und das ist er mit seinen Brüdern — und aus den buntscheckigen Wipfeln ragt im Grün des Efeus über grauem Bruchstein ein Turm — und das ist der Bergfried der uralten Feste Rimburg. Und vom Tal klingt ein Slöckchen. Da liegt das Kloster, und in dem Kloster sitzt ein Knabe über den Heiligenlegenden und will ein Mönch werden und Gott im stillen dienen. Und vor dem Kloster flutet der Rhein und Schiffe schwimmen in die Weite, und Wanderburschen singen und Mädchenstimmen lachen: „Hinaus in die Welt!“ — und ein Jüngling schlägt eines Morgens das Klostertor hinter sich zu. Jahrelang brütet er in muffigen Gewölben der Hochschule von Strassburg über Büchern und Papier, und die Anrast treibt ihn weiter, und aus dem Scholaren wird der junge Kavalier, der da unten an der Universität Bologna unter dem Adel Europas stolziert und den Stossdegen wie den Federkiel meistert, den Menuettschritt im Schäferspiel wie den Galopp des Gauls über Stock und Stein.
Und in Rom, im ewigen Rom, eines Sommerabends, als die Sonne hinter der Campagna sinkt, und viele hundert Glocken läuten — der Ruf — der grosse Ruf: Erfülle dich! Du sollst ein Kämpfer sein! Ein Gotteskämpfer! Gott gab dir den Drang zu Abenteuern, die Lust am Wagnis, die Freude an Gefahr. Da draussen auf dem Meer flattert das Kreuz Christi. Nimm das Kreuz auf dich . . .
Und nun nur noch die letzte Frage: In welcher Gestalt wird dir jetzt der Tod erscheinen?
Die schwere Tür aus Palmenholz öffnete sich. Der schöne Jüngling Emin, der Sohn des Bassa, stand in seinem langen weissen Gewand auf der Schwelle, den weissen Turban über dem weichen, bräunlichen Gesicht. Dies Antlitz war tief ernst. Leise, schonend die Stimme:
„Komme!“
2
Komme! . . . Wohin? In dem dunklen Gang hinter der offenen Türe schatteten die Umrisse von vier wilden Kerlen in blauen Jacken und Pluderhosen und weissen Filzmützen, den mächtigen Krummsäbel neben der blutfarbenen Leibschärpe, und vor den Mamelucken stand still, beinahe traurig der junge Sohn des Bassa, und es kam dem Malteser eine Jugenderinnerung aus seinem Brüten über schweinsledernen Folianten in der Klosterzelle, dass die grossen griechischen Heiden den Tod sich als einen schönen Jüngling in weissem Gewand vorgestellt hatten.
Er glaubte, er würde jetzt hier in einem der unterirdischen Gewölbe der Burg des Bassa sein Leben ausbauchen. Aber der junge Emin liess durch einen Winkder schmalen, weissen Hand eine Hinterpforte öffnen. Er stieg leichtfüssig dem Christensklaven und den Mamelucken voraus einen engen Pfad durch stacheliges Kaktusgestrüpp und flammend roten Mohn hinab in das finstere, wie ein schwärzliches Schlangennest ineinander gekrümmte Gassengewirr von Rosetta.
Die gefürchteten Mamelucken machten Platz durch die rasende Menge, die in diesen schattendüstern, engen, stinkenden Strassenschächten brandete. In ungläubigem Grauen sah der Malteserritter gleich einer tosenden Luftspiegelung das Heeresaufgebot des tiefsten Afrika sich nach dem Hafen, zur Fahrt nach Konstantinopel, zum Zug nach Wien wälzen.
Er erblickte diese majestätisch mit Glöckchengeklingel schreitenden, mit Kupferpauken behängten Kamele, diese sonnengedörrten Skelette weissumflatterter Wüstenbeduinen mit Pantherdecken auf den Schimmelstuten, diese maurischen Ritter in Kettenhemden auf ebenso geschuppten Pferden, diese bronzefarbenen Bogenschützen auf Mauleseln, diese Büge von brüllenden bärtigen Derwischen mit braunen Zuckerhutmützen. Und er frug sich dazwischen immer wieder: Wann kommt der Tod?
Aber der schöne Todesengel vor ihm schritt immer weiter durch das Tollhaus. Neger trugen lachend im Laufschritt einen eben von den Mamelucken erwürgten Bey nach Hause zu den Seinen. Sein Nachfolger hieb dort drüben vor der Moschee mit einem Schwertstreich seinem Pferd den Schwanz ab und heftete den Rossschweif unter tausendfachem Allahrufen als Feldzeichen wider Wien an seine Lanze. Besessene verfluchten heulend mit schäumendem Mund von Dattelballen herab die Ungläubigen, nackte Büsser zerfleischten mit blutigen Zähnen armdicke, wütend in ihren Fäusten sich windende lebende Giftschlangen. Im heiligen grünen Turban der Nachkommen des Propheten weissagte im Hafen ein rasender Heiliger vor den christlichen Fellachen in blauen Hemden, den Juden in rotgegürteten schwarzen Kaftanen den Untergang Wiens.
„Im erstürmten Konstantinopel schlug Mohammed der Eroberer seine blutige Hand zehn Ellen über dem Boden an eine Säule, so hoch stand sein Ross auf Leichen. Noch höher wird jetzt Mehmet der Kalif mit seiner Hand den Stefansdom zur Moschee weiben!“
Wann kommt der Tod?
Stumm wandert der weisse Todesengel. Still und menschenleer liegen schon umber die Palmenhaine und Fruchtgärten vor der Stadt. Tausendfach wehen die gefiederten Schöpfe der hohen Papyrusstauden in der Nilmündung über dem Rosa der Flamingoschwärme. Ein kalter salziger Hauch liegt in der Luft. Möwen schreien. Und da breitet sich, soweit das Auge reicht, das Mittelmeer. Der Wind vom Lande pflügt sein tiefes Blau zu weissen Schaumkämmen, und durch sie gleitet fern im Sonnenschein mit geblähten Segeln an beiden Masten eine hochgewölbte Galeere, wendet, kreuzt ihren Weg zurück. Die Fitzarnalda, das rettende Malteserschiff, ist nahe und doch ewig unerreichbar.
Denn jetzt begriff Herr Adrian von Rimburg: diese Einsamkeit hier war die Todesstätte, in der er ungesehen für immer verschwinden sollte. Er sah schon vor sich sein vorbereitetes Grab — eine tief in den Schlamm ausgeschachtete, oberflächlich durch Papyrusstauden verdeckte Grube mit senkrechten Wänden.
Aber einer der Mamelucken grollte: „Mahmud! Komme aus der Krokodilfalle heraus!“ Ein mahagonifarbener, nur mit einem Lendenschurz bekleideter Greis kroch durch das Blätterwerk aus der Grube empor, in der sich nachts die Panzerechsen fangen sollten und tagsüber er sich vor dem Sonnenbrand geborgen hatte. Er legte vor dem Jüngling Emin zum Zeichen des Gehorsams die Horntatze an die grau behaarte Brust und stapfte den andern voraus durch das Röhricht zu einer Bucht, die sich zum offenen Nil und freien Meer hinaus öffnete. Auf dem Sandufer lag ein kleines Segelboot. Der Alte stemmte sich mit den Soultern gegen den Kiel und hob es in das seichte Wasser.
„Herr! Ich, dein Fussstaub, habe deinen Befehl ausgeführt!“ sprach er. „Das Fahrzeug ist seebereit!“
Und dann hörte der Ritter von Rimburg an seinem Ohr die leise Stimme des Jünglings Emin:
„Steige ein!“
Und da er nicht gleich begriff, noch einmal:
„Steige ein! Dort drüben kreuzt die Galeer! Fahre heim zu den Deinen!“
Plötzlich ein unterdrückter Angstruf des jungen Emin. Seine Hand wies in die Ferne: dort wuchs am Horizont rasch ein zweites Segel aus dem bleiernen Mittagsdunst der See. Auch die Mamelucken schirmten die Augen mit der Rechten. Es zuckte frohlockend über ihre finsteren Mienen.
„Allah ist gross! Ein Türkenschiff!“
„Mein Vater hat es aus dem Hafen von Damiette entboten, um eure Galeere aus der Nilmündung zu vertreiben! Eile dich, dass du sie noch vorher erreichst!“ keuchte der Jüngling Emin.
Er berührte die ihm in verständnislosem, stummem Dank hingestreckte Rechte des Christen nicht. Er sprang scheu bis an den Rand der Schilfwand zurück. Der Malteser wusste nicht, wie ihm geschah. Er schwang sich in das Boot. Er trieb es mit dem Ruder hinaus, in den freien Strom. Er zog das Segeltau an. Die Leinwand straffte sich unter dem Landwind. Die Wellen rauschten. Das schleichende Graugrün des Nil wandelte sich in das Tiefblau des Meers. Delphine schossen pfeilschnell durch die weissen Wogenkämme und wiesen den Weg zu dem Malteserschiff, das den Flüchtling erkannt hatte und wie ein Tausendfüssler mit Hunderten von Rudern arbeitend ihm entgegensteuerte.
Das Kielwasser schäumte vor seinem Gallionbild — dem achteckigen Stern über dem Kreuz. Schon sah Adrian von Rimburg die schwarzen Kanonenmäuler in den Bordluken, das Geflatter der weissen Federn auf den Eisenhauben der Malteserritter, die dichtgedrängt in der Mitte des Schiffs standen, er sah die Musketen der dienenden Brüder sich über die Reling recken, er erkannte den Kapitän, den blondbärtigen stiernackigen Schwaben mit dem Kaplan und dem Medicus, breitbeinig, den Degen in der Hand, auf dem Dach der Mittelkammer.
Von drüben schoss, schräg liegend, unter Türmen von Leinwand, lang, schmal, flink wie ein Hecht das Schiff des Islam heran. Der Ritter von Rimburg stemmte sein Ruder gegen die Bordwand des Christenschiffs, um nicht im Wellentanz an ihr zerschellt zu werden. Ein Tau flog herab. Er kletterte an Deck und umarmte den Freund, den Befehlshaber der Galeere, eben als die Trompeter das Schlachtsignal für all die Vierhundert, die an Bord waren, bliesen: die Ritter und die Kanoniere und die Musketiere, die Schiffsknechte und die Galeerenruderer, die Rudermacher und Büchsenmeister und Hilfsgesellen.
Der Segler des Islam rauschte schon heran. An seinen Masten glitten flatternde grüne Fahnen mit rotem Halbmond in die Höhe, und zugleich stieg vierfach an beiden Masten der Fitzarnalda das weisse Christenkreuz in rotem Feld empor.
Die beiden Schiffe schossen im Sturm mit geblähten Segeln aneinander vorbei. Ihre Breitseiten blitzten und donnerten im Augenblick der Begegnung. Die kindskopfgrossen Eisenkugeln des Islam fegten zu hoch über das Christendeck, rissen Löcher in die Segel, splitterten ein paar Raaen. Nur ein spanischer Ritter von Devotion stand eine kurze Weile aufrecht ohne Kopf. Dann sackte der Rumpf zusammen. Knechte trugen ihn in die Totenkammer hinab. Adrian von Rimburg eilte hinterher.
Als er atemlos, um nichts vom Kampf zu versäumen, wieder an Deck kam, hatte er sich von dem gefallenen Edelmann die Kriegstracht des Ordens entliehen. Sie war von Blut getränkt. Aber man sah es nicht auf dem Rot des Waffenrocks über dem Harnisch. Nur das grosse weisse eingewebte Leinenkreuz war kaum mehr kenntlich. Weite Panzerhosen mit Knieschienen und hohe Stulpenstiefel schirmten weiterhin Herrn Adrian, den Hilfsritter der Malteser. Er hielt Schwert und Schild in den Händen. Aber er legte beides hin und griff zur Muskete und feuerte auf das feindliche Schiff, das eben wieder im Kampfgeschrei seines Volkes vorbeiglitt. Wurfspiesse und Brandpfeile sausten von dort. Ein offener Sack mit lebenden Brillenschlangen flog herüber, die unter die Ruderbänke kriechen und die angeketteten Galeerensklaven stechen sollten, und plumpte samt den giftigen Würmern vor dem Ziel in das Meer.
„’s isch e wüschtes Volk!“ sprach der Schwabe, der General der Galeere, zu dem Ritter von Rimburg neben ihm, während die Fitzarnalda in weitem Bogen zu neuem Anlauf wendete. „Zur See sind wir alleweil sein Meister. Aber zu Land nimmt der Grosstürk erschrecklich überhand!“
„Ich habe es eben gesehen!“ Der Ritter von Rimburg in wirrem Bart stiess heftig, mit geübter Hand, mit dem Ladstock Kugel und Pfropf in das Feuerrohr. „Der Satan speit die Barbaren wie die Heuschrecken wider die Christenheit!“
„Da komme die Sauköpf wieder!“
Feuerspeiend begegneten sich die Galeeren. Sie waren einander so nahe, dass man drüben das Weisse in den Augen der wilden schwarzen, braunen, gelben Gesichter sah. Adrian Rimburg liess den Hahn seiner Donnerbüchse auf das Steinschloss schnappen. Drüben verschwand jäh das Feuerrot eines Turbans hinter der Bordwand.
„Das apokalyptische Tier ist vorhanden!“ schrie er durch das Gebrüll und Geknatter und Gekrache splitternden Holzes dem Kapitän ins Ohr. „Wien ist das Bollwerk! Alle Christenvölker müssen alles liegen und stehen lassen, um Wien zu retten!“
„Da hilft kein Hirnschweiss! Da heisst’s kämpfen. Aber melde du das den Franzosen!“ sprach in der plötzlichen Kampfstille, in der die Schiffe wieder wendeten, der Befehlshaber der Galeere und befühlte die Beule eines Musketenschusses im Harnisch. „Ihr König Ludwig nennt sich den Allerchristlichsten König! Aber derselbe König Ludwig ist’s, der die Tataren und die Mohren und alle Gottesfeinde aus Asien und alle Götzendiener aus Afrika zu uns Christen nach Europa führt! Ohne sein gnädiges Lächeln würden es die Heiden nie wagen!“
Der Türkensegler kam wieder heran, er streifte beinahe im Vorbeigleiten die donnernden Kanonenluken der Fitzarnalda. Allahrufe gellten. Lange Enterhaken fuchtelten, während er langsam längs der Christengaleere hintrieb, in der Luft und langten nach der Bordwand drüben, um Schiff an Schiff zu ziehen. Ein Kerl beugte sich weit vor, hatte beinahe schon mit der Eisenspitze das Holz gefasst. Adrian von Rimburg zielte kaltblütig und schoss. Der riesige Neger stürzte kopfvor in die Flut.
„Das nächste Mal haten sich die Türken an unserer Bordwand fest und steigen zu uns über!“ Der Schwabe rollte mit einem Fussstoss eine glühendheisse Kanonenkugel beiseite, die dicht neben ihm durch die Schiffsbrüstung geschlagen war. „Mach’ dich bei Seite mit Schild und Schwert parat!“
Aber die Gedanken des Ritters von Rimburg waren bei dem Sonnenkönig von Versailles.
„Er weiss nicht, was er tut!“ schrie er durch die blauen Schleier des Pulverrauchs. „Er ahnt fern in Frankreich nicht die Gefahr aus Asien, die wir Deutschen und Polen kennen. Man muss vor ihn treten. Man muss ihm die Augen öffnen. Einer, der, wie ich, die Zurüstungen des Gottesfeinds mit eigenen Augen gesehen hat.“
Der Schwabe hörte nicht recht hin. Er spähte nach der feindlichen Galeere. Sie schaukelte in einiger Entfernung. Hundert Ruder peitschten das Wasser, um sie in Eile zu wenden. Ihr Takelwerk wimmelte von kletterndem Schiffsvolk, das hastig die Segel umstellte.
„Meine beschworene Zeit als Hilfsritter von Malta ist um! Denn die Zeit der Gefangenschaft zählt mit!“ sprach Adrian von Rimburg weiter. „Wenn Gott mich jetzt in einem Christenhafen landen lässt, so eile ich spornstreichs nach Paris. Ich habe um Christi willen gelitten. Ich muss vor den König von Frankreich treten und ihn beschwören . . .“
„Was treibt der Widerchrist da drüben für riegeldummes Zeug . . .?“ unterbrach ihn der Kapitän. Seine derben blondbärtigen Züge verdüsterten sich unter der Sturmhaube. „Jetzt — das is jammerschad: da macht der Türk mit vollen Segeln, dass er heimkommt — gerad jetzt, wenn’s, am schönsten wird! Und hinterherfahren hilft uns nit. Das Heideschiff läuft schneller!“
„Warum flieht es?“
Aus dem hohen Vorderaufbau des Christenseglers, von dem aus man weit über das Meer sah, wiesen ausgestreckte Panzerarme und Degenspitzen in die Ferne. Eine Gruppe von weissen Segeltürmen tauchte am Horizont auf. An jedem Mast flatterte, als sie näher kamen, das Kreuz Johannes des Täufers. Hinter der Capitana, dem Flaggschiff des Grossmeisters, durchschnitten in einer Linie die Patrona und die Galeeren des Malteserordens, die Fitzarnalden und Antianen, die Flut.
„Wir haben einen Mitbruder aus der Sklaverei gerettet!“ schrie, sobald er sich verständlich machen konnte, der Schwabe zu der prunkvoll gezierten Capitana hinüber. „Er will so rasch, wie es der Wind leidet, nach gtalien und so schnell, als e Gaul läuft, nach Paris!“
Wäre dem Ritter von Rimburg im Getöse der Seeschlacht seit dazu geblieben, so hätte er fern am Nilufer einen hellen weissen Punkt vor dem stumpfen Grün der Papyrusstauden gesehen. Das war der Jüngling Emin. Regungslos, aus grossen dunklen Augen, beobachtete er den Kampf. Dann, als alles zu Ende, wandte er sich und ging mit seinen Begleitern nach Rosetta zurück.
„Ja. Ich habe dem Christen zur Flucht verholfen!“ sagte er dort in der Burg zu Ferat Bassa, seinem Vater, der vor Wut keuchend mit gekreuzten Beinen auf dem Divan sass.
„Warum hast du das getan?“
„Ich habe ihn gesehen. Jeden Tag. Und jeden Tag hat er mir mehr leid getan. Gesprochen habe ich ihn nie!“
„Und doch hast du es gewagt . . .“
„Kann ich dafür, dass deine sechs Söhne seit zwanzig Jahren tot sind?“ sprach der Jüngling Emin.
Der Alte schwieg.
„Kann ich dafür, dass es dir, nach unserem Brauch, ein Gram und eine Schmach war, keinen Sohn mehr zu haben?“
Der Bassa strich sich düster, ohne zu antworten, den weissen Bart.
„So hast du mich als Mann aufwachsen lassen. Ich habe den Christen liebgewonnen. Ich kann nichts dafür, dass ich ein Weib bin!“
3
„Und so gewann ich durch Gottes Gnade die Insel Malta und segelte von da nach Tarent und ritt hierher nach Rom!“ schloss der Ritter von Rimburg seinen. Bericht.
Vor ihm, in einem der weitläufigen Ahnensäle thronte in Purpurfalten der Herr des Palastes, der Rardinal Fürst Chigi, und neben ihm zur Linken im satten Rot der Eminenzen andere Kirchenfürsten und zugleich Fürsten von Geblüt der Ewigen Stadt, die Barberini, die Ludovisi, und zu seiner Rechten hager, streng mit spitzem Graubart, der Grossmeister des Malteserordens in langem, schwarzem, mit Zobelpelz gesäumtem Mantel und darunter der roten Weste mit dem achteckigen weissen Kreuz. Und um die geistlichen Grossen herum war der marmorgepflasterte kühle Saal voll von schwarzen Röcken eleganter junger Abbaten, farbigen Kopftüchern über weissgepuderten, mit schwarzen Schönheitspflästerchen beklebten Frauenwangen, goldbrokatenem und strohfarbenem und himmelblauem Modeprunk der Kavaliere. Ein hoher Adel lauschte dem, was dieser heissblütige, kriegserfahrene Malteser aus eigenem Augenschein, eindringlicher als es irgendein anderer hätte können, von gemeiner, nahender Türkennot meldete.
Er selbst war jetzt nicht mehr der zerlumpte Sklave in der Barbarei, nicht mehr der blutbespritzte Ritter im Mittelmeer. Die Bartwildnis war geschwunden. Seine gebräunten, länglichen, leidenschaftlichen Züge zeigten den Spitzbart, der um diese Zeit den Männern in ganz Europa ein kriegerisches und abenteuerliches Aussehen verlieh. Darunter faltete sich ein viereckiges Spitzenhalstuch über einer goldbraunen Samtjacke mit weiten, weissen Spitzenärmeln, ebensolche Pluderhosen bauschten sich ihm am Knie über den silbergrauen Strümpfen und goldbraunen Schnallenschuhen.
Die Diener reichten Platten mit Früchten und Zuckerwert herum, und der Purpurträger Fürst Chigi wandte sich zu den Priestern, den Damen, den Herren von Welt.
„Verzeiht das geringe weisse Fayence der Teller und Schüsseln! Mein und der andern Kardinäle Tafelsilber bat sich in Guldenstücke für den Kaiser zur Verteidigung Wiens gewandelt.“
„Wo ich jetzt durch Italien kam“, rief feurig der Ritter von Rimburg, „da trugen die Ratsherren in den Städten die Spendelisten für den Türkenkrieg von einem Haus zum andern. Frauen und Mönche sammelten auf den Plätzen. Die Kirchenglocken läuteten zu den Prozessionen. Die Landstrassen waren voll von Wallfahrerzügen! Ziegenhirten und Bauern öffneten in den Dörfern ihre Lederbeutel!“
Während er sprach, wandte er unwillkürlich wieder die Augen halb von den hohen Herren der Kirche ab und zu einer jungen Dame, die bescheiden seitwärts mit im Schoss gefalteten Händen auf einem niederen Polsterschemel sass. Seine Gebanntheit durch die schöne Fremde fiel schon auf. Die weltlichen Abbates im Hintergrund tuschelten erheitert mit den enggeschnürten Fräulein in weitgebauschten Röcken.
„Die fahrende Marquise aus Versailles hat es dem fremden Herrn angetan!“
„Er soll sich hüten! Diese Rose ward nicht im Himmel gepflückt!“
„Im Gegenteil! Das war des Teufels Meisterstück!“
„Wer ist diese Frau?“
„Ihr habt noch nicht von ihr gehört, Monsignore?“ sprach ein junger Abbate, dessen Tonsur nicht recht zu seinem weltkundigen und galanten Lächeln passte. „Die Marquise Quinette von Giou ist unvermählt, obgleich sie wohl schon Mitte der Zwanzig zählt, und, wie ihr seht, durch ihr Äusseres von der Vorsehung dazu bestimmt, Männern, die nicht so heilig sind wie wir, den Kopf zu verdrehen!“
„Sie ist verführerisch — in der Tat! . . .“
Quinette von Giou schien zu merken, dass von ihr die Rede war. Aber sie war offenbar daran gewöhnt. Sie sass harmlos da und blickte still aus ihren klugen schwarzen Augen auf Adrian von Rimburg. Ein kunstvolles Gewirr von geringelten und gewickelten Locken und Löckchen umwehte im leisen Luftzug ihr weissgepudertes, feines, schmales Marquisengesicht, mit den dichten schwarzen Augenbrauen und den blutrot gemalten Lippen, die ein kaum merkliches Lächeln umspielte. Geheimnisvoll, unergründlich der Aufschlag ihrer langen, dunklen Wimpern zu dem deutschen Ritter vor ihr.
„Er hat ja keine Ordensgelübde abgelegt!“ sprach der menschenkundige Abbate belustigt.
„Nochmals: Wer ist sie?“
„Es ist schwer zu sagen, Monsignore, ohne sich den Mund zu verbrennen. Denn immerhin — sie ist eine Marquise von altfranzösischem blauem Blut. Ihr Vater — die Mutter starb schon, als sie ein Kind war — ist bettelarm — ist ein Spieler — hm — er gewinnt merkwürdig oft — ein Schmarotzer an der Tafel der grossen Herren in Versailles, aber immerhin — er ist ein Marquis. Er darf beim Morgenempfang des Königs in der Ochsenaugenkammer erscheinen!“
„Und was tut die Marquise hier in Rom?“
„Sie wird es uns nicht verraten!“ sagte der Abbate. „Es ist seit Jahren kein dunkler Handel in Paris — seit der Enthauptung der Giftmischerin, der Brinvilliers, den Zaubereien der Madame Voisin — wo sie nicht irgendwo im Hintergrund auftaucht. Der Herzog von Montmorency und Marschall von Luxemburg gilt mit dem Teufel im Bund. Er ist vom Hof verbannt. Aber er ist noch mächtig genug, seine Hand über Quinette von Giou und ihre Freunde, die Alchymisten, die Goldmacher und Geisterbeschwörer von Paris zu halten!“
Quinette von Giou fächelte sich sanft mit dem winzigen Straussenfächer Kühlung. Sie hatte graziöse, höfisch gezierte Bewegungen einer Dame der grossen Welt. Sie war von Gestalt mittelgross, zart und zierlich gewachsen und, seltsam für ihre Jugend, in schwarze Seide gekleidet, die mit tiefem weissem Spitzenausschnitt ihre schlanke Taille umschloss und sich am Rock rechts zu hohen Falten bauschte. Eine Stirnschleife von der sumpfähnlichen, gelbgraugrünen Modefarbe: „Kranker Spanier!“ beschattete fast unheimlich das kluge, lebhafte Gesicht.
„Also eine Abenteurerin!“ sprach der Prälat.
„Wenn — dann eine vornehme! Sie steht auf gutem Fuss mit den Prinzen und Prinzessinnen, den vielen natürlichen Kindern Ludwigs des Vierzehnten, und mit seinen vielen jetzigen und früheren Mätressen. Man ist nicht so zimperlich am Hof von Versailles. Aber allerdings — wo die Marquise von Giou ist, da sind auch Abenteuer! Sie hat sicher auch hier einen geheimen Auftrag. Aber wir wollen hören, was der Ritter von Malta weiter meldet! Gott schenkte ihm die Gabe des Worts!“
„Er spricht wahrhaftig mit feurigen Zungen!“
Adrian von Rimburg stand vor den Kirchenfürsten in Purpur. Heiss flackerten seine Augen.
„Wenn ich so braungebrannt bin wie ein Mohr“, rief er, „dann ist es, weil mich der Hauch der Hölle versengt hat! Ich habe die Hölle sich öffnen sehen zum Aufbruch wider die Christenheit! Es ist nicht das erste Mal! Vor mehr als tausend Jahren schlugen auf den Katalaunischen Feldern Römer, Germanen, Gallier Schulter an Schulter die furchtbare Schlacht gegen Attila und seine Hunnen und retteten das Abendland. Was wäre geschehen, hätten damals die Gallier sich mit den Horden Asiens verbündet und ihnen die Tore der Christenheit geöffnet? Ein Flammenmeer hätte das Ende der christlichen Welt bedeutet! Die Hunnen hätten ihre Rosse nicht nur an der Donau — nicht nur hier am Tiber — nein — auch an der Seine getränkt!“
„Auch an der Seine!“ wiederholte stürmisch Adrian von Rimburg und blickte dabei wieder, er mochte wollen oder nicht, auf die still dasitzende, rätselhaft lächelnde Marquise aus Paris. „Und immer wieder durch die Jahrhunderte schlagen wir in Europa wider Asien die Katalaunische Schlacht, da drüben am Ende Europas, wo das heilige deutsche Reich und das Königreich Polen für Europa Wache halten!“
„Fürchterlicher als je feit der Katalaunischen Schlacht“, endete er leidenschaftlich, „fährt jetzt der Drache aus Asien heran! Wir können ihn nur vom Goldenen Stuhl werfen, wenn wir alle, die an unsern Herrn und Heiland glauben, uns zu Blutbrüdern und Gotteskämpfern einen — mit den Deutschen, mit den Polen auch das mächtige Frankreich und sein grosser König!“
„Und was sagt die Marquise von Giou als Französin dazu?“ frug in der Stille, die den Worten des Maltesers folgte, von rückwärts der galante junge Abbate und beugte sich über das schwarze Lockengewirr vor ihm.
„Ich kenne Quinette von Giou von Paris her!“ flüsterte ein anderer Abbate dem Monsignore zu, „Sie werden leichter unten auf dem Fischmarkt am Kapellenplatz einen schlüpfrigen Aal in den Händen behalten, als diese Frau bei einer unzweideutigen Antwort fassen!“
Die Marquise von Giou hatte einen Augenblick überlegt. Jetzt sagte sie mit einem sibyllinischen Lächeln:
„Sie fragen mich als Französin! Auch Ihre Majestät die Königin Casimire von Polen ist eine Französin!“
„Das wissen wir, Madame!“ rief erhitzt der Ritter von Rimburg. Es waren die ersten Worte, die er mit ihr wechselte.
„Ich kenne in Versailles den Herrn Vater der Königin, den Marquis Lagrange d’Arquien!“
„Sie weichen der Antwort aus!“
„Ich will nicht klüger sein als die Gemahlin des Königs Johann Sobieski in Warschau!“ sprach Quinette von Giou lächelnd.
„Und wenn ich Sie doch frage, Madame, was Sie von den Welthändeln halten?“ Adrian von Rimburg liess die Augen nicht von dem schmalen, feinen, weissgepuderten Antlitz der Marquise. Sie blickte hinüber nach den Eminenzen und dem Grossmeister und den vielen Priestern hinter ihnen.
„Wir sind hier halb in der Kirche!“ sagte sie. „Die Frau schweige in der Kirche!“
„Auch, wenn man sie bittet zu reden?“ versetzte der Kardinal Chigi. Quinette von Giou neigte ehrfurchtsvoll den dunklen schönen Kopf.
„Ich bin nicht nur eine Französin! Ich bin eine Frau. Eine Frau wünscht kein Blutvergiessen! Ich bin überzeugt: Jedermann in Frankreich — von meinem erhabenen König abwärts — ersehnt nur den Frieden auf Erden!“
Ich wollte, ich könnte mit dieser Unschuldsmiene heucheln!“ raunte der elegante junge Abbate zu dem Monsignore.
„Wenn aber der Antichrist keinen Frieden gibt, Madame, so muss sich Ihr König Ludwig der Vierzehnte entscheiden! Wird er Europa retten helfen oder nicht? Sie kommen von seinem Hof. Sie kennen dort die Stimmung!“
„Ich verstehe nichts von Kriegsdingen. Ich werde heute mittag noch in St. Peter auf den Knien für den Frieden beten!“ Die Marquise antwortete es, halblaut vor Ehrerbietung, dem kardinal. „Mehr kann eine Frau nicht tun!“
„Ich möchte diese Frau nicht zum Feind haben!“ sprach der Abbate zu dem Monsignore. „Da steht sie eben auf und rafft ihre schwarze Schleppe.“
„. . . und verschwindet unauffällig, während sich die Kardinäle mit dem Malteser unterhalten!“
Auch Adrian von Rimburg verabschiedete sich nach kurzer Zeit mit tiefer Verbeugung vor den Eminenzen und sich weltmännisch verneigend vor der Schönen Welt im Saal. Er stülpte sich in der Vorhalle die breite Krempe des mit Goldschnur besetzten silbergrauen Huts über das unruhig bewegte, spitzbärtige Antlitz und nahm den langen, mit Elfenbein besetzten Bambusstock, den er zum Galanteriedegen an der Seite trug. Er schritt die prunkvolle breite Freitreppe des Palastes Chigi hinab und trat in den Barockhof. In dem dunkelgrünen Lorbeergebüsch, das ihn nach der Höhe hin abschloss, lächelten unter Palmen und Zypressen kleine weissmarmorne Liebesgötter erwartungsvoll dem Ritter entgegen, wie er mit ungestümen Schritten auf Quinette von Giou zutrat.
„Sie gaben mir einen Augenwink, Ihnen zu folgen“, versetzte er gedämpft.
Die Marquise stand zart und schlank in ihrer schwarzseidenen, weitgebauschten Robe vor der Silbersäule eines Springbrunnens. Sie erwiderte nichts.
„Warum, Madame?“ Es klang atemlos.
Quinette von Giou blieb immer noch stumm. Sie sah ihn nur an. Und er sie. Die Amoretten schmunzelten. Das Plätschern des Wassers klang durch die Stille. Die Stimme Adrians von Rimburg stockte, als er frug:
„Was haben Sie mir zu sagen?“
„Dass ich Sie bewundere! Sie sind ein Mann!“
„Deren gibt es viele!“
„Hier in Rom, in der Stadt der Kirchen und der Priester, hat ein Krieger nicht solch ein Gewicht!“ sagte die Marquise. „Aber wir Franzosen sind Kinder des Ruhmes. Wir ehren den Helden. Euer Grossmeister selbst erzählte, ehe Sie kamen, von der Tapferkeit, mit der Sie im Mittelmeer fochten!“
„Es ist sehr gnädig von Seiner Eminenz!“
„Wie gross, muss Ihre Standhaftigkeit in der Gefangenschaft gewesen sein!“
„Sie liegt hinter mir!“
„Ich darf Ihnen das alles sagen!“ Quinette von Giou trat vertrauensvoll, mit fromm gefalteten Händen, einen Schritt näher. „Denn es hat ja keine Folgen. Sie haben, wenn Sie jetzt auch weltliche Tracht tragen, Enthaltsamkeit gelobt. Sie sind ein Mönch in Waffen!“
„Ich bin kein dienender Malteser Bruder von Gelübde, sondern von dieser Welt! Ich war nur ein freiwilliger Hilfsritter auf Zeit!“
„Dann hätte ich Ihnen das nicht sagen dürfen!“ Die Marquise aus Versailles wich verwirrt und erschrocken ein paar Schritte zurück. „Mein Herz war so voll. Ich bitte Sie: Betrachten Sie es als nicht gesprochen!“
„Das kann ich nicht!“ Die dunklen Augen des Ritters von Rimburg glühten.
„Hätte ich gewusst, dass wir Frauen für Sie nicht ein Blendwerk des Teufels sind . . .“
„Ich habe seit Jahren kaum eine Frau gesehen!“ sprach Adrian von Rimburg. „Auf den Maltesergaleeren, auf denen wir gegen die Ungläubigen kreuzten, gab es keine und in der ägyptischen Gefangenschaft erst recht nicht. Sie sind die erste Frau, der ich seit langem wieder begegne . . .“
„Und nicht die letzte!“ Quinette von Giou sagte es in einem leisen, fast schmerzlichen Ton. „Es wird Ihnen ein Leichtes sein, mich und das Gespräch zu vergessen. Bitte — tun Sie es als Edelmann und seien Sie verchwiegen!“
Sie schien sich zu bezwingen, als sie doch wieder näherkam und ihm die Hand zum Kuss reichte. Dann schritt sie leichtfüssig auf die Sänften zu, die in der Torwölbung des Palastes warteten, und befahl, während sie in einen der Kasten schlüpfte, den beiden Trägern:
„Haltet an der Schweizerwache vor dem Vatikan!“
4
Als die Marquise von Giou sich im Innern des Tragstuhls wohlig wie ein Kätzchen in die weichen Polster gekuschelt hatte, zog sie gegen neugierige Blicke von aussen die Seidenvorhänge an den beiden kleinen Zeitenfenstern zu, lehnte den dunklen Kopf in die Ecke und verfiel in ein Träumen. Sie schloss die langen Wimpern. Ihr kluges, feines, durch den weissen Puder fast zeitloses Gesicht gewann einen weichen, frauenhaften Ausdrück. Erst ein Stimmengewirr um sie herum liess sie aus ihrer Versunkenheit in sanfte Gedanken auffahren. Das war das Volkstreiben auf dem ungeheuren Platz vor dem Petersdom — das Gerassel der Staatskarossen und das Gequietsche der Ochsenkarren, das Geplauder stolzierender Damen und Kavaliere und die Rufe der Händler, Hufgetrappel der Reiter und Sandalengeklapper der Mönche, Pilgergesang, Bubengeschrei und Hundegebell, selbst Ruhgebrüll.
Die Träger stellten die Sänftepfosten vor dem Bronzetor des. Vatikans auf das Pflaster. Ein Gewimmel geistlicher und weltlicher Menschheit strömte da an der Torwache vorbei nach dem Hof des heiligen Damasus. Aber vor einem vornehmen Herrn, der langsam und selbstbewusst heranwandelte, kreuzten, gerade als die Marquise aus dem Tragsessel stieg, die päpstlichen Schweizer in ihrer schwarzrotgelb geflammten und gebauschten Landsknechtstracht abwehrend die Hellebarden.
Der Fremde vor ihnen war spanisch-niederländisch gekleidet. Er trug einen schwarzen, kurzen, ärmellosen Mantel über dem schwarzen Spitzenwams. Der schwarze Spitzenbesatz der schwarzen Kniehosen reichte über die schwarzen Strümpfe bis zu den schwarzen Schnallenschuhen. Ein hoher, breitkrämpiger, schwarzer Kegelhut überschattete sein kränklich-gelbes, feierlich geheimnisvolles Antlitz unbestimmten Alters, dessen eingefallene Wangen und spitzes Rinn kein Bart deckte. Über der grossen gebogenen Nase richteten sich zwei tiefliegende, mausgraue Augen durchdringend auf die beiden Hellebardiere. Ein gravitätischer Unwille zuckte um die dünnen, dünkelhaft geschürzten Lippen.
„Haltet, wenn’s beliebt, die Waffenknechte besser in Zucht!“ sprach er streng zu einem päpstlichen Kammerherrn, der, schwarz gewandet wie er, herantrat.
„Die Schweizer folgen ihrem Befehl, Don Theopompo Caretto!“
„Indem sie einem Mann wie mir den Zugang verwehren?“
„Goldmacher und Geisterbeschwörer haben an heiligen Stätten nichts zu suchen!“
Der Alchymist schüttelte majestätisch den Kopf.
„Ich entsinne bis heute mich hier nur noch eines einzigen ungehobelten Pförtners“, sprach er. „Das war, als ich eines Mittags meinen Freund Michel Angelo in der päpstlichen Kapelle, die er eben ausmalte, besuchen wollte!“
„Michel Angelo starb vor mehr als hundert Jahren!“
„Nun ja! Ich bin doch über tausend Jahre alt!“ sagte Theopompo Caretto. „Das ist der Welt bekannt!“
„Und dass Ihr Vater und Sohn zugleich seid und an verschiedenen Orten zur selben Zeit gesehen werdet!“ Der spanische Edelmann blickte auf den zwerghaften, buckeligen Diener, der in hohem spitzem Hut und einem Fledermausartig grauen und weiten Mäntelchen hinter seinem Herrn stand. „. . . und dass Ihr mit dem Bösen unter einer Decke steckt!“
„Ich sollte schon um die Zeit des vierten Kreuzzugs verbrannt werden! Doch meine Unschuld kam rechtzeitig zutage.“ Don Caretto wandte den Kopf mit den grossen abstehenden Ohren ungeduldig nach dem Damasushof. „Und nun gebe man mir Raum!“
„Verkauft Eure Liebestränke drüben überm Tiber!“ rief unwillig der päpstliche Kavalier. „Behext die jungen Weiber und verschachert den Alten Euer weisses Lebenselixier!“
„Der rote Stein der Weisen ist noch heilsamer! Dank ihm kann ich nicht sterben!“ Der mystische Zug um den bleichen Mund Theopompo Carettos änderte sich in weltläufige Lässigkeit. „Aber nicht des Sterndeutens wegen kam ich nach Rom!“
„Man kennt Eure schwarzen Künste! Ihr spreizt den Leuten die Finger vor den Augen und blickt sie an und macht sie willenlos, dass sie alles tun, was Ihr sie heisst! Euer buckeliger Knecht da hinten kann fliegen und Eure Aufträge ausführen. Ihr . . .“
„Seht Ihr die zarte Schöne, die auf den kleinsten Füsschen der Welt dort drüben steht und aus ihrem Spitzenbeutelchen die Sesselknechte entlohnt? Sie ist hoffärtig und abweisend gegen Männer, aber doch eine zu unerfahrene, junge Magd Christi, um allein von Versailles nach Rom zu reisen. Ich begleite sie als ihr Freund —; das — nicht Zaubertränke — ist der Grund meiner Anwesenheit hier. Drum gebt uns die Ehre, die uns gebührt!“
„Der Marquise von Giou dort drüben wird man den Respekt, der ihrem blauen Blut zukommt, nicht verweigern. Was Euch betrifft, Don Theopompo“, der Kammerherr lächelte spitz, „nun — Ihr seid ja tausend Jahre alt! Was schiert es Euch, wenn Unwissende Euch für einen entlaufenen sizilianischen Mönch halten?“
„Das sind Verleumdungen anderer Goldmacher, denen ihre Kunst missglückte!“
„Böswillige sprechen sogar von einem ehemaligen Galeerensträfling“, endete der Kämmerling kalt. „Verzieht nicht das Gesicht zu solch unheimlicher Grimasse! Ich selber sage das nicht. Ich weiss von nichts. Gehabt Euch wohl, Don Caretto!“
Der Alchymist zuckte verächtlich die Achseln. Er wandte sich ohne Gruss von dem Bronzeportal und seinen schwarzgelben Türhütern ab. Er schritt, schwarz in schwarz, immer den Zwerg im Fledermausmantel wie einen Schatten hinter sich, steifbeinig, in der Haltung eines hochmütigen grossen Herrn, auf den Petersplatz hinaus. Spitzhütige wilde Campagnahirten standen da, die in ihren Fellhosen wie bocksbeinige Satyre aussahen, und erörterten mit rollenden Augen und leidenschaftlichem Händegefuchtel den Türkenkrieg. Quinette von Giou hatte ihnen unauffällig zugehört. Jetzt trippelte sie hastig auf ihren Stöckelschuhen in weitgebauschtem schwarzem Rock dem Schwarzkünstler entgegen.
„Wir werden schlechten Dank in Versailles ernten!“ flüsterte sie hinter dem kleinen Straussenfächer, mit dem sie sich Kühlung in das selbstbeherrscht lächelnde zarte Marquisengesicht wehte. „Wir sollen im geheimen in Rom gegen den Kaiser arbeiten . . .“
„Kaiser Leopold muss ohne Verbündete und ohne Geld den Türken preisgegeben werden!“ sprach Theopompo von Caretto feierlich. „Dann haben die französischen Heere freie Hand am Rhein und im Reich!“
„Und statt dessen herrscht hier eine Kreuzzugsstimmung!“ sagte die Marquise. „Eben hörte ich es hier selbst unter dem gemeinen Volk. Und es ist eine Gefahr, dass diese Stimmung auf ihn selber, auf Ludwig den Grossen, zurückwirkt und unserer Kriegspartei am Rhein die Rechnung verdirbt!“
„Er erfährt nichts davon! Niemand, der für den Kaiser und für Wien ist, kommt vor sein Angesicht!“
„Es wird einer kommen!“
Quinette wies leidenschaftlich mit der gepuderten Kinderhand nach dem Bronzetor. Aus der ersten der Karossen, die vor seiner Wölbung hielten, war der Grossmeister des Malteserordens gestiegen und schritt in seinem langen, schwarzen Mantel, den breitgewölbten steifen Hut auf dem Haupt, an den zum Gruss seitlings gestemmten Hellebarden der Schweizerwache vorbei zur Audienz im Königssaal des Vatikans. Die Marquise von Giou zeigte auf sein Gefolge von Palastkavalieren, Kaplänen, Auditoren von Malta.
„Siehst du den schönen sonnenverbrannten Ritter, der hinter Seiner Eminenz geht? Es ist ein Deutscher. Mutig und abenteuerlich. Man darf ihm nur in die Augen schauen. Er ist jetzt eben aus der Gefangenschaft in der Barbarei entsprungen. Er hat gesehen, wie erschreckend sich der Grosstürke gebärdet. Er wird von dem Grossmeister vor den Heiligen Vater geleitet werden und niederknien und berichten!“
„Hast du es selbst gehört?“ Es lag eine lähmende Macht in dem starren Blick einer Schlange, mit dem sich die kleinen grauen Augen des Zauberers Caretto auf die Marquise richteten. Sie antwortete hastig, Angst vor ihm in der Stimme.
„Eben jetzt im Palast des Kardinals!“
„Du warst meinen Befehlen gehorsam?“
„Ja.“ Quinette von Giou atmete schwer. Ihr Gesicht war leer geworden, von innen unbelebt. Durch eine fremde Macht, von aussen, willenlos beherrscht.
„Und hast ausgehorcht, was es nur zu hören gab?“
„Mehr, als ich jetzt schon sagte. Dieser Ritter von Rimburg wird vom Grossmeister ein Empfehlungsschreiben an Herrn Philippus von Vendôme, den Malteser Grossprior von Frankreich, erhalten. Der Herzog von Vendôme ist ein Vetter des Königs. Durch ihn wird der deutsche Ritter Zutritt und Gehör bei König Ludwig finden. Es ist gefährlich, wenn er redet! Er reisst hin! Es geht ein Feuer von ihm aus. Man kann nicht widerstehen! Ich weiss es selbst!“
„Schau mir ins Auge!“
„Ja.“
„Er hat dir nichts angetan! Er hat keinen Einfluss auf dich gewonnen!. Ich will es nicht! Verstehst du mich? Ich will es nicht!“
„Ja.“
„Und du wirst tun, was ich befehle?“
„Ja.“
Quinette von Giou sprach es geistesabwesend. Sie hatte keinen Willen unter dem unheimlichen Bann der kleinen grauen Augen drüben.
Auf dem mächtigen Gemälde über der Eingangswölbung zum Königssaal des Popstpalastes versenkten die vereinten päpstlichen und spanischen Armaden die Türkenflotte bei Messina auf den Meeresgrund. Das Bild zur Rechten zeigte die donnernden und enternden Galeeren des päpstlichen Admirals Fürsten Marc Anton Colonna in dem grossen Seesieg über den Halbmond bei Lepanto. Es war, als zitterte die Kampfstimmung auf der Leinwand zu den Gruppen der Gesandten Europas hinab, die den Audienzsaal füllten, und flakkerte in ihren Gesprächen mit den purpurnen und violetten und schwarzgewandeten Würdenträgern des Vatikans.
„Der König von Spanien hat eines seiner Hausgüter verkauft und sendet das Geld wider die Türkennot. Alles in Spanien — die Kirche, die Klöster, die Städte folgen seinem Beispiel!“
„Don Pedro von Portugal schickt grosse Summen einer Volkssammlung im ganzen Land! Alles strömt ihm zu!“
„Der Herzog Karl von Lothringen ruft den ganzen christlichen Adel Europas unter die Waffen Habsburgs!“
„Kurfürst Max Emanuel von Bayern spendet allein dreihunderttausend Gulden und zieht selbst ins Feld!“
„Savoyen schickt Soldaten und Geld!“
„Genua leert die Rassen der Republik!“
„Der Heilige Vater selber“, sprach ein Würdenträger; „hat in seiner Jugend noch als Markgraf Odescalchi mit der Waffe gegen die Ungläubigen gekämpft! Er kennt ihre Macht!“!
„Er erliess darum jetzt eben das eigenhändige Breve an König Ludwig den Vierzehnten von Frankreich: „Du werdest in einer solchen Gefahr Deinem Titel des Allerchristlichsten Königs entsprechend handeln und mit Deinem starken Arm, dessen Kraft und Tapferkeit und Ruhm über den ganzen Erdkreis gefeiert wird, zur Hilfe in dieser Bedrängnis nicht fehlen!“
„Und inzwischen ist bereits eine Gesandtschaft des Grosstürken nach Frankreich unterwegs!“
„Ich muss vor der Gesandtschaft in Versailles sein!“
Die Köpfe in Priesterkäppchen und Kavaliershüten drehten sich nach der Seitentüre, durch die ein sonnenverbrannter, dunkelspitzbärtiger, heissäugiger Edelmann eingetreten war.
„Wer ist der Herr? Er sieht aus wie Mars selber!“
„Er wurde eben von Seiner Heiligkeit empfangen!“
„Ich durfte vor dem Vater der Christenheit knien!“ rief Adrian von Rimburg den ihn Umdrängenden zu. „Bald stehe ich vor dem Allerchristlichsten König!“
Der Ritter von Rimburg eilte durch Römervolk und Campagnabauern, Domherren und Damen, Stutzer und Pilger vor dem Vatikan. Das Geflimmer der Frühlingssonne über dem weiten Platz blendete ihm die Augen. Bei dem Obelisken blieb er plötzlich stehn.
„Wohin, Marquise?“
„Im Petersdom beten, wie jeden Mittag!“ Quinette von Giou liess dem Kavalier mit einer graziösen Bewegung die Hand zum Kuss. „Begleiten Sie mich! Wir knien zusammen am Grab des heiligen Petrus! Was ich dort vom Himmel erflehe, geht in Erfüllung!“
„Ich habe keine Zeit zum Beten!“ Es klang rauh.
„Zur Frömmigkeit ist immer die rechte Stunde!“ Die Marquise von Giou schlug bittend die langen Wimpern zu dem Ritter auf. Es war eine seltsame Unruhe — ein Suchen — ein Zurückweichen zugleich in ihren schwarzen Augen, so als kämpften in ihr zwei Menschen.
„Man kann auch fromm sein, wenn man, wie ich jetzt, in seine Herberge eilt!“ rief Adrian von Rimburg. „Sein Pferd sattelt! Reitet! Ohne Rast! Nach Paris!“
„Sie kennen Paris nicht!“ Die Stimme Quinettes von Giou war leise und gepresst. „Niemand kennt dort Sie!“
„Man wird mich kennenlernen. Der König selber . . .“
„Es gibt viele Wachen an den Toren von Versailles!“
„Und es gibt einen Schlüssel, der alle Tore öffnet, Madame!“ Der Ritter von Rimburg schlug sich an die rechte Brustseite seines sammetnen Wamses. „Hier steckt der Brief des Grossmeisters an den Herzog von Vandôme, den Vetter des Königs. Herr Philippus wird mich einführen, ehe noch der Türke eingetroffen ist!“
„Und was wollen Sie Seiner Majestät vermelden?“
„Was ich selber im Land der Ungläubigen durch ein Jahr gesehen und gehört habe. Dies ist kein Grenzkrieg wie sonst unten an der Donau. Dies ist ein Aufgebot des Gottesfeinds, wie es die Welt noch nicht gesehen. Die Veziere von Bagdad und. Babylon und Damaskus sind mit ihren Völkern unterwegs, werde ich in Versailles berichten, der Khan der Tataren mit seinen unzählbaren Schwärmen, der Sultan von Ägypten mit Mohren aus dem unbekannten Afrika, die Fürsten der Moldau und der Walachei, der Fürst von Siebenbürgen . . .“
„Der König weiss das. Es ist unnötig, dass er es noch einmal hört!
„Das alles wälzt sich nach Wien!“ fuhr Adrian von Rimburg fort. „Aber mit Wien fällt auch das Heilige Römische Reich. Ist es für Frankreich besser, den Antichrist am Rhein zum Nachbar zu haben, werde ich den König fragen, statt ein paar vor ihm zitternde geistliche Kurfürsten?“
„Das ist nichts für die Ohren des Königs!“
„Die Apokalyptischen Reiter werden mit Turban und Lanze über den Rhein nach Frankreich hineinreiten! Auch Attila kam bis nahe vor Paris!“
„Vor solchen Worten muss man den König bewahren!“
„Ich rede!“
„Reiten Sie nicht!“
„Warum erschreckt sie mein Vorhaben, Marquise?“
„Reiten Sie nicht!“ wiederholte Quinette von Giou atemlos. Mit Willensanstrengung stiess sie hervor: „Es ist gefährlich!“
„Die Gefahr ist mir ein alter Zeltbruder!“
„Reiten Sie nicht!“ Die Marquise von Giou kämpfte mit sich selbst. Sie ballte die Hände, als müsse sie ein Hemmnis, ein Schweigegebot auf ihren roten Lippen in dem puderbleichen Antlitz überwinden. „. . wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist . . .“
„Die Dame ist von der Sonnenglut auf dem Platz erschöpft!“ Der Schwarzkünstler Don Theopompo Caretto, der sich bisher abseits gehalten und zugehört hatte, trat heran und bot Quinette den Arm. „Gestatten Sie mir, Sie zu einer Sänfte zu geleiten!“
„Dies wird mein Amt sein — dem Herrn zu wissen!“ sprach der Ritter Rimburg.
Das gelbliche, faltige Antlitz des Geisterbeschwörers war steinern in seiner mystischen Feierlichkeit.
„Diese Dame ist krank, mein Herr!“ sagte er. „Stört den Medicus nicht!“
„Ihr seid kein Medicus, sondern ein Quacksalber! Ich hörte schon von Euch in Rom.“
„Und mir erzählte schon vor mehr als hundert Jahren Lukrezia Borgia von Euresgleichen als einem unbesonnenen jungen Herrn, damals aus Siena, der seine Zunge nicht genug hütete!“
„Lasset die Narreteien und gebt die Dame frei!“
Der geisterhafte Mann in Schwarz trat mit zwei gravitätischen Schritten vor Quinette von Giou und wollte ihren Arm in seinen legen. Sie liess es willenlos geschehen. Adrian von Rimburg sprang hitzig dazwischen, die Hand am Degen.
„Geht in Eure Alchymistenküche und stört mich nicht länger im Gespräch mit der Marquise!“
„Sucht der Herr Streit?“
„Ich bin noch nie einem Kavalierhandel ausgewichen! Am wenigsten, wenn es um eine Dame ging!“
„Gut denn! Schlagen wir uns!“ versetzte Theopompo Caretto würdevoll.
Der Ritter blickte ihn zweifelnd an, erstaunt über die rasche Bereitwilligkeit. Der schwarze Mann fuhr fort.
„Wir treffen uns in einer Stunde im Innern des Kolosseums. Als Herausgeforderter habe ich die Wahl der Waffen. Ich werde eine Pille mitbringen und sie Euch zum Schlucken geben. Ihr werdet mir zur selben Zeit den gleichen Dienst erweisen! Ihr mögt Euch inzwischen das stärkste Gift Roms verschaffen. Es ist mir gleich. Jedes Gift der Welt ist wirkungslos gegenüber dem Gegengift, das ich bereits eingenommen habe, wenn ich auf dem Kampfplatz erscheine. Ich rate Euch, auch vorher Euer Gegengift schon im Leibe zu haben. Meine Tablette ist von besonderer Kraft!“
„Ihr seid ein Narr! Es lohnt sich für einen Edelmann nicht, mit einem Marktschreier zu reden!“ Der Ritter von Rimburg blickte nach Quinette. Sie war im Volksgetümmel verschwunden. Er eilte hinterher, durch die engen Gassen des Borgoviertels, blieb enttäuscht stehen. Nirgends war die graziöse Gestalt der Marquise von Giou in ihrer knappen schwarzen Seidentaille, dem weitgebauschten schwarzen Rock über den schmalen Stöckelschuhen, dem gefältelten schwarzen spanischen Spitzentuch über dem klugen, schmalen, weissen Antlitz zu sehen.
Theopompo der Goldmacher blickte tiefsinnig dem Ritter von Rimburg nach und wandte sich zu dem zwerghaften Diener hinter ihm, über dessen Höcker das Fledermausmäntelchen im Wind spielte.
„Es wird dem hitzigen Herrn ergehen, Eleazar“, sprach er, „wie dem Moses! Er wird das gelobte Land Paris nicht erreichen!“
5
„Hast du das Pferd auch gut gefüttert und getränkt?“ frug Adrian von Rimburg. Der verschlafene alte Knecht in der französischen Dorfherberge nickte brummig. Es war noch fast vor Tau und Tag, als der Ritter in den Sattel stieg. Die ersten Sonnenstrahlen lagen blutrot über der kahlen wilden Hochebene der Auvergne, durch die er hinritt, allein, unscheinbar gekleidet, wie es einem Reisenden anstand — den Degen am gegürteten Lederwams, hohe Sporenstiefel unter den weiten Kniehosen, die Hutkrempe vorn über dem gebräunten Antlitz hoch aufgeschlagen.
Noch ein langer Weg! Noch fünfzig Meilen bis Paris! Der Ritter von Rimburg setzte ungeduldig seinen Gaul in Trab und liess ihn bald wieder in Schritt verfallen. Es hiess schonend mit den vier Pferdebeinen umgehen, die ihn trugen. Der starke, knochige Rappe stolperte ohnedies heute so häufig, so seltsam . . .
Es mochte der rauhe Saumpfad zwischen den zerklüfteten, von gelbem Ginster umbuschten Basaltschroffen daran schuld fein. Aber in den kalten Windstössen, die über das öde Bergland fegten, beugte sich doch der einsame Reiter besorgt zu seinem Tier vor. Das war jetzt kaum drei, vier Stunden unterwegs und zeigte ungewohnte, immer stärkere Zeichen der Ermüdung.
Und wieder nach einer Weile war es dem Ritter von Rimburg klar: Das war nicht mehr der Gaul von gestern. Wohl setzte er noch Huf vor Huf, aber er zitterte dabei am ganzen Körper und seine Flanken bedeckten sich im Schritt mit Schweiss.
„Ich fürchte, Herr Ritter von Malta, Euer Pferd ist krank!“ sagte hinter ihm eine helle Stimme. Er fuhr im Sattel herum. Vor ihm tänzelte eine schmächtige Schimmelstute, auf der geübt ein junger Herr sass. Seine knabenhaft schlanke Gestalt stak in einem langen hellgrünen Reitrock mit zurückgeklappten Schössen und eng anschliessenden, grünen Beinkleidern, die bis zu den gelben Halbstiefeln reichten. Den dunklen Lockenkopf deckte ein aufgekremptes grünes Hütchen mit kecker Stossfeder. Es fiel Adrian von Rimburg auf, dass dem Jüngling nicht das lange Haar des Edelmanns um die schmalen, schönen, schwarzäugigen Züge wehte, die für einen Reiter in Flur und Feld merkwürdig weiss von Puder waren. Und jetzt lächelten diese Züge, und er erkannte die junge Marquise Quinette von Giou, die ihm von Ross zu Ross gnädig den Lederstulp der Rechten zum Kuss reichte und mit ihm weiterritt.
„Wir trennten uns in Rom!“ sprach sie mit einem vielsagenden Blick.
„. . . und wie finden wir uns, durch Gottes Gnade, hier?“
„Eine Stunde von hier liegt das Schloss Mont-Crocq. Dort raste ich bei meinem Oheim, dem alten Marquis, auf der Rückreise von Rom.“
„Und ein glücklicher Zufall führt uns hier zusammen?“
„Kein Zufall!“ sagte der schlanke, grüne Junker sanft. Es war eine Unruhe in seinen dunklen klugen Augen. „Sie hatten doch — nicht weit von hier — acht Tage unfreiwilligen Aufenthalt in unserer guten Nachbarstadt Aurillac. Sonst hätte ich nicht in dieser Zeit dort durchkommen und vor Ihnen hier sein können!“
„Ich hatte allerhand Ungemach. Mein Gepäck wurde mir gestohlen. Zum Glück trage ich den Brief an den Malteserprior von Frankreich auf dem Leibe. Mein Diener entlief mir. Kostbare Zeit verstrich, bis ich von der Ballei Lyon des Ordens Reisezehrgeld vorgestreckt bekam. Ich fürchte, es ging nicht mit rechten Dingen zu.“
„Sie werden viele Feinde auf Ihrem Weg vorfinden!“ sagte die Marquise hastig. „Kehren Sie um!“
Als Antwort spornte der Ritter von Rimburg sein mattes Pferd, und auf dem Antlitz Quinettes von Giou neben ihm erschien eine leise geheimnisvolle Freude.
„Verzeihen Sie einer Frau den Kleinmut!“ sprach sie. „Ein Mann wie Sie kennt ihn freilich nicht!“
„Ich habe die ganze Zeit an Sie gedacht!“ versetzte sie dann plötzlich, während die beiden weiterritten.
„Und ich an Sie!“
Über ihnen am Himmel flogen die Frühlingswolken. Die Ginsterbüsche bogen sich im Wind. Die Mähnen und Schweife der Pferde flatterten. Der Malteser und die Marquise sprachen eine Weile nichts. Dann begann Quinette:
„Wir hörten aus Aurillac von Ihrem dortigen Verzug. In unserer Gegend laufen die Nachrichten schnell — auch gestern die, dass Sie heute mit dem frühesten Morgen zu reisen gedachten. Da entschloss ich mich, Sie hier zu erwarten und um Verzeihung zu bitten, dass ich Sie auf dem Petersplatz ohne Abschied verlassen habe!“
„Ich danke Ihrem! . . . Was haben Sie?“
„Was sollte mir sein?“ frug Quinette verwirrt.
„Sie zuckten zusammen, während ich sprach . . .“
„Nicht bei Ihren Worten, sondern bei einem Blick auf Ihr Pferd. Es strauchelt!“
„Es muss sich bis zum nächsten Dorf auf den Beinen halten!“
„Ja . . . ohne Abschied . . .“, hub Quinette von Giou wieder an. „Ich konnte Euren Streit nicht mehr mitanhören! Ein Duell auf Giftpillen! Das sieht Theopompo Caretto ähnlich!“
„Warum sind Sie mit diesem Menschen befreundet? Er ist doch nur einer der Quacksalber und Abenteurer, von denen unsere Zeit wimmelt!“
Quinette warf an dem Ritter vorbei einen Blick nach dem Himmel.
„Sehen Sie, wie da die Kraniche im Dreieck nach Norden fliegen!“ sagte sie. Es war Sehnsucht in ihrer Stimme. „Und alles hinter sich lassen? So möchte ich auch manchmal die Flügel ausbreiten und wegfliegen in irgendein fremdes Land, wo mich niemand kennt, und nie wiederkommen!“
„Wegfliegen? Von wo?“
„Aus Paris! Aus Versailles! Aus allem!“
„Aus diesem Leben voll Pracht und Glanz?“
„Pracht und Glanz?“ wiederholte die junge Reiterin. Es erschien ein seltsam versonnener, wehmütiger Zug auf ihrem schmalen Pudergesicht und gab ihm einen fast kindlich verbitterten Ausdruck. „Wissen Sie, was Hungeradel heisst? Gewiss: mein Vater ist Marquis. Aber unsere Markgrafschaft liegt im Mond. Wir haben keinen Sou. Wir stecken die Beine unter den Tisch der grossen Herren und Damen. Ich darf den erlauchten Mätressen des grossen Königs nachmittags die Schokolade eingiessen und seinen hohen natürlichen Töchtern auf dem Spaziergang die Mantille tragen. Die guten Bürger am Weg und ihre dicken Frauen beneiden mich, wenn sie ihren ehrfurchtsvollen Kratzfuss machen, um so viel Glück. Ach . . . wenn die braven Leute wüssten!“
„Wie bin ich denn aufgewachsen?“ fuhr die junge Quinette traurig fort. „Bei einer alten Lakaienwitwe am Templeplatz, dem Trödelmarkt im allerältesten Paris. In diesen Rattenwinkeln habe ich auch, als ich heranwuchs, diese Menschen kennengelernt, wie Don Theopompo Caretto, in dessen Gesellschaft Sie mich in Rom sahen. Man kommt von seinen alten Freunden nicht los!“
„Meine Eltern habe ich kaum gesehen!“ hub sie wieder an. „Die waren stets in Versailles. Sie wissen: Auch in den reichsten und vornehmsten Familien unseres Landes ist es Brauch, dass man die Kinder der Obhut von Bediensteten in irgendeiner Vorstadt überlässt und sich erst um sie kümmert, wenn man die Söhne unter die Adelsmusketiere des Königs stecken und die Töchter im Saal der Garden dem König vorstellen kann. Zwischen den finsteren Gassen um das alte Templerschloss herum und dem Schloss von Versailles liegt mein Leben!“
Quinette von Giou schrak plötzlich zusammen, als sei sie bei irgendeiner Vefehlung ertappt. Sie warf einen schuldbewussten Blick auf den taumelnden Rappen des Ritters.
„Ihr Pferd wird Sie nicht mehr lange tragen!“ sagte sie leise und beklommen.
„Wenigstens bis zu der nächsten menschlichen Behausung!“ Es war eine kurze Stille zwischen ihnen. Dann versetzte die Marquise von Giou träumerisch:
„In Deutschland soll es schön sein!“
„Es war schön. In meiner Heimat. Am Rhein!“
„Und ist es nicht mehr?“
„. . . seit Ihre Landsleute durch Jahre schon das Land zur Wüste machen! Sie verbrennen auf Befehl Ihres Königs Ludwig alle Städte und Dörfer, Burgen und Klöster. Sie hauen die Obstbäume um und zwingen die Bauern, das unreife Getreide abzumähen, damit im Herbst Hungersnot herrscht. Sie zünden die Kirchen an und reissen die Gebeine aus den Grüften. Von der Mosel und der Saar her nähern sich die Mordbrenner schon dem Rhein!“
Die kleine Faust des schlanken grünen Junkers ballte sich krampfhaft um die Zügel in der Linken.
„Oh — zuweilen hasse ich das Land, das mich geboren hat!“ sagte sie finster vor sich hin. „Wozu bin ich auf der Welt?“
Plötzlich lief eine gläubige Helle über ihr Antlitz. Sie richtete sich im Sattel auf. Ihre grossen dunklen Augen strahlten unter den dichten schwarzen Brauen.
„Sie schelten König Ludwig den Vierzehnten, weil er Ihr Land verheert!“ rief sie leidenschaftlich. „Krieg ist Krieg! Sie kennen nur den Zorn des Königs. Nicht seine Grösse! Er heisst nicht umsonst der Sonnenkönig. Er leuchtet über Europa. Nicht nur die grössten Feldherren scharen sich um seinen Thron. Auch die grössten Dichter. Die grössten Gelehrten. Die grössten Staatsmänner. Er aber überragt sie alle. Sie dienen ihm willig. In seinem Licht zu leben ist Glück. Ich geniesse diese Gnade Gottes. Ich bin dafür stolz und dankbar. Ah — mein Herr Ritter: ich bin eine Tochter Frankreichs und bleibe es bis zum letzten Blutstropfen!“
„Ihr Wesen, Marquise, wechselt wie das Wetter im April! Warum, weiss ich nicht!“ sprach Adrian von Rimburg. „Aber zum Glück taucht da vor uns am Weg eine Herberge auf. Sie scheint dürftig. Doch für mein Pferd ist es hohe Zeit!“
Er unterbrach sich. Er riss die Sporenstiefel aus dem Bügel, stemmte die Stulphandschuhe auf den Sattelknopf und warf sich mit einem mächtigen Schwung vom Pferde, das im selben Augenblid unter ihm zusammenbrach. Er landete auf den Beinen und stand vor dem am Boden sich wälzenden, wild mit den Hufen um sich keilenden Rappen. Auch Quinette betrachtete neben ihm mit starren Augen das Tier.
„Ihr Pferd streckt sich . . .“murmelte sie. „ Es ist tot!“
„Was nun?“
Die Stimme des Fräulein von Giou war plötzlich schleppend, tonlos, so als wiederholte sie nur, was ihr ein Unsichtbarer ins Ohr flüsterte.
„Verweilen Sie hier in der Herberge, Baron von Rimburg! Das Schloss meines Oheims, des Vizegrafen von Crocq, ist ganz nahe. Ich reite dorthin zurück und schicke Ihnen einen Knecht mit einem Handpferd. Er führt Sie hin. Seien Sie diese Nacht unser Gast. Bis morgen können Sie sich ein neues Pferd verschaffen und Ihre Reise fortsetzen!“
Jetzt wurde ihr Gesichtsausdruck wieder belebt, ihre Stimme weich, ihr Blick warm von einer stillen Hoffnungsfreude.
„Schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab!“ sagte sie leise und hob sanft die dunklen Wimpern. Beide schauten sich in die Augen und lächelten. Ihre Hände fanden sich wie von selbst und verschlangen sich zu einem raschen Druck. Der Ritter von Rimburg sagte nur:
„Ich werde kommen, Quinette!“
Der grüne Junker galoppierte davon. Er wandte noch einmal an der Wegbiegung den schlanken Oberkörper im Sattel und schwenkte das Käppchen mit der Stossfeder und winkte zurück. Dann jagte er über Stock und Stein die ginstergelbe, zerklüftete Talschlucht entlang. Auf einer Basaltkuppe überragten die schiefergedeckten Spitzhüte von vier dicken runden Ecktürmen ein verwittertes graues Mauerviereck, das beim Nahen des jungen Schimmelreiters langsam, gähnend wie zwei Kiefer, seine Torflügel öffnete. Die Hufe der Stute hallten in der Wölbung. In dem düsteren Hof stand in einem Fledermausmäntelchen der buckelige Zwerg Eleazar, der Diener des Schwarzkünstlers Caretto, und grinste vertraulich und erwartungsvoll. Quinette warf ihm die Zügel zu. Sie lief atemlos eine steile steinerne Wendeltreppe hinauf und trat, ohne anzuklopfen, in ein Turmgemach. In ihm stand Theopompo Caretto, der Goldmacher, von der Halskrause bis zu den Schuhschnallen rabenschwarz, in seiner seidenen, spitzenbesetzten, spanisch-niederländischen Tracht. Aus dem kränklich-gelben, bartlosen Gesicht richteten sich über dem mystischen Mund und der mächtigen Nase die kleinen grauen Augen streng, lähmend durch ihren starren Blick, auf die junge Marquise im Männerkleid.
„Hast du ausgeführt, was ich dir befohlen habe?“
„Ja“, Quinette von Giou schaute dem Magier willenlos in die gläsern funkelnden Pupillen. Sie zitterte leise vor Angst am ganzen Körper.
„Und es ist gelungen?“
„Er kommt!“
Die Seitentüre, die den Turm mit dem Mittelbau verband, öffnete sich leise ein wenig. Durch den Spalt lugten ein paar Männerköpfe herein. Sie trugen schwarze Larven vor den Gesichtern, nickten sich stumm zu, zogen sich zurück. Die Marquise von Giou schrak zusammen. Sie warf leidenschaftlich den Kopf ins Genick. Sie sprang mit geballten Fäusten vor den Geisterbedwörer hin.
„Aber ich halte dich beim Wort!“ keuchte sie ihm in das majestätisch unbewegte Gesicht. „Er bleibt nur vierzehn Tage hier in Kavaliersgewahrsam . . .?“
„Nur so lange, bis die türkische Gesandtschaft in Versailles am Ziel ihrer Sendung ist . . .“
„. . . und zieht dann frei seines Wegs . . .?“
„Ich habe es beim höchsten Stern des Alchymisten, dem Mars, geschworen“, sprach Don Theopompo Caretto feierlich, „und, da du eine Frau bist, auch bei des Mars allerliebstem Schatz im roten Rock und grünen Unterzeug, die da Frau Venus genannt wird: dem Ritter wird kein Haar gekrümmt!“
„. . . und ich habe ihn vierzehn Tage für mich!“ Quinette faltete glücklich die Hände. Ein verklärter Blick der Dankbarkeit suchte den Himmel und dann in der Ferne die Herberge, in der sie Adrian von Rimburg wusste. Der Astrologe ging hinaus. Draussen auf der Treppe beugte er sich kichernd wie ein grosses schwarzes Gespenst zu dem Zwerg Eleazar nieder und flüsterte:
„Der Grasaffe da drinnen weiss nicht, dass der Saturn, der alte Kinderfresser, so hoch über der Erzbuhlerin Venus steht, wie sein schwarzer Rabe über ihrem grünen Löwen. Was man bei dem Spottvogel Mars gelobt hat, da macht der gute alte Saturnus, der Vater aller Metalle, einen blauen Dunst und Schlacken vor. Solch einen Schwur braucht einer von der schwarzen Kunst — nach dem Bruder Georg aus Armenien — niemals nicht zu halten!“
In der Herberge sass inzwischen der Ritter von Rimburg. Es war ausser ihm nur noch ein Gast in der Stube und hatte am gleichen Tisch wie er Platz genommen. Es war ein untersetzter Mann in mittleren Jahren, blondbärtig, mit einem freien und offenen Gesicht, gekleidet wie ein biederer Bürgersmann, den Geschäfte in die Nachbarschaft führten.
Der Fremde hatte ein Gespräch über den Jansenismus angefangen. Das war nichts Ungewöhnliches in dieser Zeit, in der in ganz Frankreich alle Welt, von der blaublütigen Herzogin bis zu dem Dorfschäfer, leidenschaftlich die Lehre des verstorbenen Bischofs von Ypern, dass es dem Menschen vorherbestimmt sei, ob er einmal selig werde, verfocht und bestritt. So grübelte auch jetzt dieser einfache Bürgersmann über seinem Becher Landwein.
„Wenn nach dem Kirchenvater Augustinus die Erbsünde von Geschlecht zu Geschlecht sich fortpflanzt und dem Menschen die eigene Kraft zum Guten fehlt, dass er nur durch Gottes Gnade erlöst werden kann . . .“
„Verzeiht einen Augenblick!“ Der Ritter von Rimburg erhob sich und trat vor das Haus. Er spähte ungeduldig, ob noch nicht das Handpferd vom Schloss Crocq käme, an Stelle seines Rappen, der drüben mitten auf dem Weg in der Sonne alle vier Beine zum Himmel streckte. Aber es war noch nichts zu sehen, als der vierschrötige Herbergswirt, der von einer kopfschüttelnden Betrachtung des toten Gauls zurückkam. Sein rotes Gesicht schimmerte sehr ernst über der grünen Schürze.
„Euer Gnaden sind mehr, als hochdero Rock anzeigt!“ sprach er gedämpft und ehrerbietig.
„Ich bin nichts als ein Soldat von Fortüne!“
„Seht den aufgetriebenen Leib des Pferds!“ der, besorgte Graukopf wandte sich dem Kadaver zu. „Es ist vergiftet. Irgendeine Hand hat heute morgen Mutterkorn in den Hafer gemengt. Ihr habt Feinde im Land, gnädiger Herr!“
Der Ritter von Rimburg zuckte die Achseln.
„Mag sein!“ sagte er. „Ich erwarte jeden Augenblick ein neues Pferd, um hinüber zu dem Vizegrafen Mont-Crocq auf sein Schloss zu reiten . . .“
Der Wirt riss die Augen auf.
„Zu dem Herrn Vizegrafen? Da müssen Euer Gnaden sich nach Versailles bequemen! Der Herr Vizegraf lebt am Hof. Er hat alle Schlösser und Güter an den Generalpächter Meister Yvernat verpfändet. Soweit Ihr seht, saugt Meister Yvernat das Land aus und treibt dem Bauern die letzte Rub aus dem Stall!“
„Und das Schloss Crocq?“
„Steht leer, Herr . . .“ Ein Zögern in der heiseren Kehle des Wirts. „Wenn nicht Meister Yvernat vielleicht für Gäste sorgt. Ich weiss es nicht. Ich will lieber den Bösen am Schwanz zupfen als mit Meister Yvernat ein Hühnchen pflücken. Er steckt mit allerhand Volk unter einer Decke und braucht sich um die Gesetze nicht zu kümmern. Denn es gibt weit und breit keine Parlamentsrichter und keinen Strassenmarschall, den er nicht bestochen hat!“
In tiefem Nachdenken kehrte der Ritter von Rimburg in die Wirtsstube zurück. Dort zog ihn der freimütige, blondbärtige Bürgersmann alsbald von neuem in das Glaubensgespräch.
„. . . wenn der Mensch keinen eigenen Willen hat, sich zwischen Bösem und Gutem zu entscheiden“, versetzte er eifrig, „so ist es ihm vorbestimmt, ob er sündigen wird oder nicht! Er ist nicht mehr verantwortlich für das, was er tut. Denn er muss es ja tun! Also kann er auch nicht dafür gestraft werden!. Wo aber bleibt dann die Hölle? Herr — das ist eine verzwickte Frage. Nach mancher schlaflosen Nacht weiss ich heute noch nicht, soll ich den Jansenisten oder den Jesuiten beitreten!“ Er rückte seinen Stuhl. „Doch ich muss meines Wegs weiter! Gehabt Euch wohl!“
Draussen klapperten die Hufe seines Pferdes. Adrian von Rimburg schaute dem biederen Bürgersmann nach.
„Er sollte sich um seinen Kram kümmern, statt um so ernste Dinge wie die Gnadenwahl!“ sagte er.
„Nun, Herr: sein Geschäft ist ernst genug!“
„Was treibt er?“
Der Wirt schwieg einen Augenblick. Dann sagte er:
„Es ist der Scharfrichter von Auxerre!“
Und mit einem Blick durch das Fenster:
„Er biegt an der Wegecke ab. Er reitet nach dem Schloss Mont-Crocq. Das hat dort nichts Gutes zu bedeuten!“
An dem schon fernen Henker galoppierte ein junger Knecht vorbei. Er führte ein Handpferd am losen Zügel. Er hielt vor der Herberge. Er stieg ab und verbeugte sich linkisch und treuherzig.
„Der Herr Vizegraf bittet den Herrn Ritter unter sein Dach!“
Adrian von Rimburg warf dem Burschen einen Beutel mit Silbermünzen vor die Füsse.
„Der Kaufpreis für die beiden Gäule! Vollwichtige Livres von Tours!“ sagte er. Er schwang sich in den Sattel und jagte, das Handpferd rechts neben sich am Halfter, in der Richtung nach Paris davon, und hinter ihm verhallte der Ruf des Wirts.
„Ihr habt zwei Rosse zum Wechseln, gnädiger Herr! Euch holt keiner ein!“
6
König Ludwig der Vierzehnte von Frankreich speiste öffentlich in seinem Schloss zu Versailles.
Der Sonnenkönig sass allein in einem purpurdamastenen Lehnsessel an einem Tisch inmitten des Tafelsaals zwischen dem Jagdkabinett und seinem Arbeitszimmer. Mächtiges dunkles Gelock seiner erst vierzig Jahre umwallte ihm wie eine Löwenmähne bis weit über die Schultern das bartlose, mit Vorsatz vor den Augen der Menschheit in die Majestät eines olympischen Gottes gebannte Herrscherantlitz, auf dem ein unbändiger Wille zur Macht mit schrankenloser Sinnlichkeit sich zu einem satten Jenseits von Gut und Böse einte. Sein weisser Straussenfederhut, sein Elfenbeinstock und Seidenbandschuhpaar lagen auf dem Taburett neben ihm. Verschwenderische Goldstickerei verdeckte die Scharlachfarbe seines bis zu den Knien reichenden, mit goldener Schärpe gegürteten Schossrocks. Unter den hohen weissseidenen Strümpfen schimmerten die breiten Schnallenschuhe aus goldenem Leder und mit roten Absätzen.
Der Oberstmarschall hatte dem König die goldene Schale mit lauem Orangenblütenwasser zum flüchtigen Eintauchen der Fingerspitzen, der Oberstkämmerer das Batisthandtuch zum Abtrocknen gereicht. Mit wichtiger Miene, unter der Last seiner dreissig Ahnen, hielt der Vorschneider sein Messer bereit. Der hochadelige Oberküchenmeister stand dahinter, gebieterisch den Saal überblickend wie ein Feldherr die Schlacht. In langer Reihe trugen die adeligen Cadets die Schüsseln heran und überreichten sie den bedienenden Kavalieren, blaublütige Kammerherren gaben hurtig den Wein im Goldpokal auf goldenem Tablett wie einen Löscheimer beim Brand von Hand zu Hand. Schwärme von Höflingen in Gold- und Silbergala huschten. Im Hintergrund nach dem Marmorhof hin drängten sich die Lakaien und Trabanten.
Hausgarden von Versailles — aus den Adelskompanien der Musketiere, der Gendarmerie, der Ritter — säumten den Kaum gegen die Saalwände bin. Dort reihten sich die Glücklichen, die zuschauen durften, wie es dem Sonnenkönig schmeckte, und zwischen den silberweissen, purpurnen, apfelgrünen Fältelröcken der Damen und dem Tressenprunk der Kavaliere stand, in Hoftracht wie sie, in kurzem Schultermantel, bebänderter Jacke und Wadenstrümpfen, der Malteserherr Adrian von Rimburg und schaute zu, wie Ludwig der Vierzehnte den vierten Teller Suppe löffelte.
Der Höfling, der ihn hineingeleitet, trug den vielbeneideten blauen, rotgefütterten Rock der auserwählten Sechzig, die jederzeit um den König weilen durften.
„Verzieht hier, wenn es beliebt, bis der Herzog Philippus von Vendôme, an den Euer Empfehlungsschreiben lautet, das Schloss betritt! Ich werde Euch dann gleich dem Herrn Malteserprior der französischen Zunge melden!“ sprach er geschäftig und eilte davon. Adrian von Rimburg blieb und sah, wie der Sonnenkönig mit den Fingern ein Stück Fasan nach dem andern von der Schüssel nahm — nicht ohne die weiten Spitzenstulpen seiner Ärmel einzutauchen — es in den Händen hielt und die Keule benagte. Ein Rebhuhn erschien auf der Tafel. Ein grosser Teller mit Salat. Ein Hammelwürzfleisch. Ludwig der Vierzehnte liess von allem nichts übrig. Ehrfurchtsvolle Blicke der Zuschauer verfolgten in der tiefen Stille des Saals die vielen Gänge. Die Wohlgerüche unzähliger Essenzen brüteten über dem Diamantengeglitzer der Herzöge und Herzoginnen, Markgrafen und Markgräfinnen, Grossen Herren und ihrer Gemahlinnen. Aber durch die dicken Parfümwolken schlug doch zuweilen ein moderiger und übler Hauch ihrer seit den Kinderjahren nie gewaschenen Körper, deren gepuderte und geschminkte Gesichter überhaupt nicht, die Hände höchstens alle Wochen einmal mit einem Finkennäpfchen Wasser in Berührung kamen.
Die Marschkolonne der adeligen Speisenträger hatte jetzt Ludwig dem Vierzehnten zwei grosse Scheiben Schinken herangebracht. Der Herrscher verzehrte auch sie und sah sich nach einer Ragoutschüssel um. Eben, als die Cadets mit Obst und Konfitüren liefen, drängte sich der Höfling, im rot gefütterten Ehrenkleid, durch die Dünste von Rosenöl und ungepflegter Haut der Hofgesellschaft und flüsterte Adrian von Rimburg zu:
„Die leidigen Hugenottenhändel halten den Herrn Prior von Vendôme in Paris zurück! Es kann einige Stunden währen, bis Seine Gnaden hier einpassieren! Vielleicht lustwandelt Ihr inzwischen in den Gärten!“
Unermesslich erstreckten sich die Zieranlagen von Versailles mit ihren Taxushecken und Terrassen, Grotten und Teichen, steinernem Göttergewimmel und silbernen Springbrunnensäulen vor den Augen des Ritters vom Rhein, winzig wie Kinderspielzeug erschienen ihm dagegen in der Erinnerung alle die werdenden Nachahmungen des Parks von Versailles, die er an so manchem deutschen Fürstenhof gesehen, und zugleich wie ein Sinnbild der Macht des vierzehnten Ludwig über die Seele so vieler deutscher Grossen.
„Hier wohnt die Macht!“ schrien die Quadern des ungeheuren, im Vorjahr fertiggestellten Prunkschlosses von Versailles, das in seiner steinernen Majestät seinem Erbauer, dem Allerchristlichsten König, glich. Die Macht des einen Sonnenkönigs gegenüber dem Rattenkönig von viertausend Reichsfürsten, Reichsgrafen, Reichsständen, Reichsstädten, Reichsrittern jenseits des Rheins.
„Die Macht der Waffen! Der gallischen Waffen!“ — blitzte es von den langen Stossdegenscheiden, flatterte es von den Schlapphutfedern der Edelleute der königlichen Haustruppen, an den Portalen des Palasts. Und diese Handvoll Adelskompanien war nur ein Gleichnis für die zahllosen Kriegsvölker Ludwigs des Vierzehnten in den Niederlanden und am Rhein. Es gab zur Zeit in Europa nur noch eine zweite ähnliche Welt in Waffen — ging es Adrian von Rimburg durch den Kopf —, das Aufgebot dreier Erdteile des Islam wider Wien. Wenn der eine. Heerbann von Westen, der andere von Osten der Kaiser bedrohte, dann wehe Wien! Dann war Wien verloren! — das sah ein Kriegsmann wie Adrian von Rimburg — und mit ihm das Heilige Römische Reich! . . . Helft Wien! Rettet Wien, das Bollwerk der Christenheit! Eine leidenschaftliche Ungeduld wetterleuchtete auf den gebräunten, spitzbärtigen Zügen des Maltesers, während er in dem Waffenhof vor dem Schloss zwischen den Marstallgebäuden auf und ab ging: ich muss bei dem König von Frankreich Gehör finden, ehe die Sendboten des Sultans den Empfangssaal betreten!
Unwillkürlich musste er in seiner Erregung über einen Geck lächeln, der in Mitte einer Gruppe adeliger Stutzer von Versailles stand. Der kümmerliche Mensch trug Perlenringe in den Ohren, diamantenbesetzte Armbänder, schwarze Schönheitspflästerchen auf der Stirne. Sein flohbraunes Jäckchen war so kurz, dass sich darunter drei Handbreit sichtbar das rosa Spitzenhemd bauschte. Er schien so, als seien ihm die Hosen gerutscht. Aber er hatte gar keine Beinkleider an, sondern einen „Rheingraf“ — einen himmelblauen, weitschlotternden Hosenrock in Form eines Weiberkleids, der bis zu den Knien reichte, und dazu über den Schultern einen ärmellosen feuerfarbenen Mantel.
Der Modenarr bemerkte den belustigten Blick des Ritters. Er trippelte auf hohen Absätzen, herausfordernd die Rechte am Goldgriff des Degenkreuzes, vor ihn hin.
„Missfalle ich dem Herrn?“
„Ich kann nicht sagen, dass der Herr mir gefällt!“
„Dann schaue der Herr anderswohin!“
„Es mag gestattet sein, so viel Schneiderkunst zu bewundern!“
„. . . aber nicht unverschämt zu belächeln! Merke er sich das!“
„Merke der Herr, dass er zu einem Edelmann spricht, dem die Klinge locker sitzt!“
„Mir auch! Wird mir eine Entschuldigung nach Kavaliersbrauch zuteil?“
„Die erwarte ich von dem Herren!“
„Also ein Gang auf Stossrapiere, wenn’s beliebt!“
Der deutsche Ritter zog aus dem Jackenfutter die kartoffelgrosse, silberne Taschenuhr, deren dünne Goldkette sich zweimal um seinen Hals schlang. Er blickte auf den kunstvoll ziselierten Zeiger und dann auf den schlaffen Laffen vor ihm, und sagte trocken:
„Ich habe gerade noch Zeit, den Herrn zu erledigen, wenn der Ort nicht zu weit von hier liegt!“
„Beliebt mir zu folgen!“ rief einer aus der Gruppe der Kavaliere. Der ganze Trupp setzte sich um den rechten Flügel des Schlosses herum nach den Gärten zu in Marsch. Die Herren umher sahen ihm mit lässigem Interesse, die Damen mit sanfter Neugier nach. Das kam jeden Tag vor, dass sich ein paar Edelleute mit ihren Freunden zu einem Ehrenhandel seitwärts in die Büsche von Versailles schlugen.
Auf dem „Grünen Teppich“, einem letzten, von Zierhecken eingefassten Rasenplatz, zwischen Zopfpark und anstossender Waldwildnis, entledigte sich Adrian von Rimburg ebenso wie der Pfau vor ihm seines Schultermantels, wickelte ihn in losen Falten als Stossfang um den linken Arm und lüftete seine Klinge.
„Seien die Herren ohne Sorge um ihren Freund!“ sprach er. „Ein Flohstich in den rechten Arm wird genügen!“
Er hatte eben noch Zeit, sich in Kampfstellung zu werfen. Durch die Spitzenkrause hart neben der Halsschlagader zischte ihm die feindliche Waffe, fuhr blitzschnell zurück, suchte in einem Wirbel von Finten das Herz des Deutschen. Wie der Teufel sprang ihn der à la mode an. Das Gesicht des Weichlings lachte unheimlich verzerrt, um den Gegner zu verwirren. Sein blutroter Mantel flatterte. Stich um Stich zuckte in tödlicher Fechterkunst darunter hervor.
Und plötzlich sah im Tanz der Rapiere der Ritter von Rimburg in den Einöden der Auvergne sein vergiftetes Pferd alle Viere von sich strecken, sah den Scharfrichter von Auxerre nach dem Schloss drüben reiten und sah auf dem Petersplatz in Rom den feierlichen Schwarzkünstler Caretto mit seinem Zweikampf auf Giftpillen. Und er begriff: dieser Handel hier ist ein neuer Anschlag des Theopompo. Er hat mir, in der Maske eines Narren, die leckerste Klinge von Paris auf den Hals geschickt.
Die gefährlichsten ersten Augenblicke der Überraschung waren vorbei. Der Ritter Rimburg wusste jetzt, mit wem er es zu tun hatte. Er sprang federnd nach rechts und links, er drehte sich mit flatterndem Mantel, er streckte sich weit vor zum Ausfall, er wich behend zurück. Aber es gelang ihm immer nur, die Meisterstösse des andern abzufangen, nicht dem roten Teufel drüben auch nur die Haut zu ritzen, der wie ein Wirbelwind in seinem weiten Hosenrock ihn umhüpfte, und schon fühlte er mählich seinen Arm erlahmen.
Zwei blanke Degen fuhren plötzlich von der Seite her in das Klirren der Klingen, und trennten die beiden Kämpfer. Zwei Hofkavaliere standen da und der eine sprach streng:
„Stecken die Herren die Waffen ein und lassen den Handel ruhen! Es ziemt sich nicht für die Augen unserer hohen Dame!“
„Wir hielten uns hier am Waldrand für ungestört!“ sprach einer der Edelleute finster.
„. . . und doch gibt Ihre Hoheit auf ihren Spaziergängen dem frei gewachsenen Wald den Vorzug vor den Alleen von Versailles! Sie befiehlt den Herren, Frieden zu halten und sich zu entfernen!“
Die Kavaliere blickten nach dem Fusspfad, der aus dem Dickicht herausführte. Der eine murmelte verbissen zwischen den Zähnen.
„Die Pfälzerin . . .“
„Wollen der Herr sich des gebührenden Titels der Frau Herzogin von Orléans, der Schwägerin unseres allergnädigsten Königs Ludwigs des Vierzehnten, bedienen!“
„Sie ist doch die Tochter des Pfalzgrafen bei Rhein!“ sagte der Edelmann. Er und die andern zuckten die Achseln. Sie wandten sich nach der Richtung des Wegs, beugten mit einer tiefen Reverenz des Oberkörpers das rechte Knie, lüfteten mit einem umständlichen Schwung die Federhüte fast bis zur Erde und schritten in steifer Grandezza davon.
Lieselotte von der Pfalz sah ihnen nach. Sie war eine junge Frau von einunddreissig Jahren, in einem grauseidenen Morgenmantel, einen derben Spazierstock in der Hand. Ihr Antlitz war länglich und regelmässig, mit einer langen geraden Nase und still aufsässig geschürzten Mundwinkeln. Das kleine Gefolge hielt sich ehrerbietig zehn Schritte hinter der Gemahlin Monsieurs, des Bruders des Königs. Nur eine junge Kammerdienerin stand zu ihrer Linken und hielt ein mächtiges, spitzenbesetztes Sonnendach über das Kopftuch der Heidelberger Prinzessin, unter dem zu beiden Seiten die reichen Ringellocken hervorquollen.
„Den Messieurs haben wir ihr Divertissement sauer eingetränkt, meine liebe Jungfer Gundel!“ sprach Lieselotte von der Pfalz auf Deutsch zu dem frischen blonden Mädel im einfachen blauen Rock und weissen Umhängemäntelchen, die zu ihrem klaren hübschen Gesicht und ihren lustigen blauen Augen passten.
„Mir wär’s recht, wann sich alle Franzose — den König und Monsieur ausgenommen — gegenseitig ihre Bratspiess durch den Leib renne täte“, sagte die Jungfer Gundel, „statt dass sie uns unsern lieben Rhein verwüste!“
„Red nicht davon! Da kommt mir gleich das Flennen greulich an!“ Lieselotte von der Pfalz betrachtete den Ritter auf der Wiese. „Guck mal den da an, Gundel! Der scheint mir kein Franzos!“
„Ein abgedankter deutscher Hilfsritter von Malta!“ flüsterte herantretend untertänig der eine Hofkavalier.
„Schad, dass er sellen Modeaff nicht mehr auf Deutsch hat zur Ader lasse könne!“ Das runde Gesicht der Gundel mit der zierlichen Stupsnase war betrübt. Die Herzogin Lieselotte seufzte.
„Ich bin auch als noch gut deutsch und will alles gut deutsch herausbekennen!“ sagte sie. „Aber man wird durch all die Leut am Hof kreuzlahm wie ein alter Hund. Es kommt einem mählich schon Blei ins Quecksilber von früher . . .“
„Ach — wenn man an Heidelberg denke tut . . .“
„Da tut einem das Herz weh! Aber das sag ich nur dir . . . Du bist nicht wie sonst die Kammerweiber! An dir hab ich ein Seelenmensch! Warum steht der deutsche Herr alleweil noch da?“
„Der ist hier fremd! Der weiss nicht mehr, wie’s zum Schloss retour geht!“
„Spring hin, Gundel, und weis’ unsern Landsmann zurecht.“
Der Ritter von Rimburg hatte nicht weiter auf den Weg geachtet, als er sich raschen Schritts inmitten der welschen Kavaliere auf den Kampfplatz begab. Dort wollte er flinker, als man ein Paternoster betete, dafür sorgen, dass das Männchen im Hosenrock für die nächsten Wochen den rechten Arm in der Schlinge trug, und nach Erledigung dieses ritterlichen Handels mit den Edelleuten in heiterem Geplauder durch die Gärten nach dem Schloss zurückkehren. Jetzt war es gut, dass durch das Gewirr von Laubengängen, Teichen, Statuenreihen, Wasserkünsten, Heckenwänden die blonde, frische Gundel ihn führte. Der Mund stand der Jungfer der Herzogin Lieselotte nicht still. Sie schien Adrian von Rimburg mehr wie eine Vertraute, als eine einfache Kammerdienerin ihrer Herrin.
„Ach — ich bin so froh, dass ich mal wieder unscheniert deutsch schwätze kann, Herr Ritter von Malta!“ sagte sie, während sie leichtfüssig zu seiner Linken schritt. „Ich kann die Franzose in den Tod nicht leide!“
„Worin haben es die Franzosen bei der Jungfer verfehlt?“
„So arg dreckig sind sie!“ rief die Gundel. „Glaube Sie, die täte sich wasche? Lieber noch ein Buttelche Parfum darauf gegosse! Das Wasser fürchte sie wie die Sünd! Oh, mei! Die Sünd fürchte sie ja nicht! Die treibe’s wüst! Meine Frau Herzogin ist die einzige am Hof, denk ich, die mit gutem Gewissen in den Beichtstuhl trete kann!“
„Da hat die Jungfer, die ja so hübsch ist, wenigstens ein gutes Vorbild!“
„Elfebeinstäbche habe die hohe Dame in der Hand“, fuhr die Gundel hitzig fort, „damit kratze sie sich die Läus’ am Kopf, um nicht die schöne Löckche durcheinander zu bringe! Seidenspitzen und Goldborten habe sie über und über. Aber dazwischen krabbeln die Flöh! Bei uns daheim steht in jedem Handwerkerhaus am Samstagabend ein Schaff mit warmem Wasser. Aber gucket mal das riesige Schloss auf der Terrasse an, Herr Ritter! Glaubt Ihr, da gäb’s eine Badewanne? Ich bin nur ein einfaches Bürgerkind! Aber mir graust’s vor den feinen Herre und Dame!“
„Ich wollte, ich hätte vorhin eine so scharfe Klinge geführt, wie jetzt die Jungfer eine scharfe Zunge!“
„Das hab ich von der Frau Herzogin! Die nimmt kein Blatt vor den Mund! Wisse Sie: Wir sind bei Hof arg unbeliebt — die Madame Royale selber und wir alle, die zu ihr halte! Manchmal hocke wir beisamme und heule, wann wir zugucke müsse, wie sie hier in Pracht und Herrlichkeit lebe, und unterdes brennt der Rhein lichterloh. Wann die Franzose bloss nicht auch noch nach Heidelberg komme!“
„Stammt die Jungfer von dort?“
Die Gundel nickte.
„Mein Grossvater ist jetzt noch Hofkellerschreiber im Heidelberger Schloss. Zu dem ist seiner Zeit ein wandernder Wiener Küfergesell gekomme und hat meine Mutter geheiratet und ist viele Jahre gebliebe und hat beim Herrn Pfalzgrafen als Fassbinder geschafft. Und ich und andere Schlosskinder haben oft mit dem Prinzessche Lieselott gespielt, wenn sie auch fünf Jahr älter war als ich!“
„Daher steht Sie bei der Frau Herzogin so in Gunst!“
„So lang, als ich auf dem Schloss war! Ich war schon ein halbgewachsenes Jüngferche, wie mein Vater mit uns nach Wien zurück ist, weil dort seine Eltern gestorben waren. Seit hundert Jahren sind dort die Pernfuss bürgerliche Fabzieher an der Freijung, Das Zunftrecht hat mein Vater übernommen. Da habe wir in Wien gelebt. Vor einem Jahr hat die Frau Herzogin Lieselott ein widerspenstiges französisches Kammermensch wegjage müsse. Da hat sie an mich gedacht und mich hierher komme heisse!“
Die hübsche blonde Gundel Pernfuss blieb Stehen und sah den Ritter fest aus ihren hellen blauen Augen an.
„Aber ich bleib nicht mehr lang in Versailles!“ sagte sie entschlossen.
„Wo will die Jungfer hin?“
„Ei, nach Wien, Herr!“
„Das möcht ich der Jungfer nicht raten! Da droht mehr Gefahr, als sie vielleicht weiss!“
„Ja gerad deshalb!“
„Der Grosstürke kommt mit Macht . . .“
„Und meine Eltern sind in Wien!“
„Wien wird von den Janitscharen berannt werden!“
„Und ich soll nicht bei meine Eltern sein und die Türkennot mit ihnen teile?“ frug die junge Gundel atemlos. „Ich kenn meinen Herrn Vater! Der ist, wann der Gottesfeind anruckt, mit seinen Gesellen der erste auf der Schanz! Wir Weiber könne auch helfe. Wir könne heiss Wasser und siedend Pech richte zum Runterschütte und die Blessierte versorge und Stückkugeln nach vorn schleppe! Da soll ich hier aus dem welsche Affekaste zugucke, mit den Händen im Schoss? Sell kann ich nicht!“
„Und wie kommt die Jungfer hin?“
„Ich hab mir was gespart! Ich schlag mich schon durch, auch durch die Kriegsvölker am Rhein! Ich komm schon noch zurecht nach Wien, um den Türke von der Bastei eine lange Nas’ zu mache!“
Sie gingen weiter. Der Ritter von Rimburg sagte:
„Wenn die Grossen alle so dächten wie Ihr, Jungfer Pernfuss, dann stände es besser um die betrübte Christenheit!“
„Mein Vater schreibt mir als: Die Mächtigen sind arg dumm! Die bitten den Bösen aus dem Erdteil Asien her zu Gast und wissen nicht, was sie tun!“
„Weiss Gott: sie wissen nicht, was sie tun!“ wiederholte Adrian von Rimburg. „Ihr habt ganz recht, Jungfer Pernfuss. Aus Euch spricht des Volkes Stimme, und Volkes Stimme ist Gottes Stimme: Wien muss deutsch bleiben! Ist Wien nicht mehr deutsch, dann bricht das Abendland zusammen! Da sind wir beide eins, Ihr und ich! Die Sorge um Wien führt auch mich nach Versailles und führt mich jetzt vor das Antlitz des Königs!“
Die beiden hasteten, als gelte es jetzt schon, die Kaiserstadt zu retten. Sie erreichten den grossen Ehrenhof vor dem Palast von Versailles. In langen Reihen rollten da die vier- und sechsspännigen Karossen mit den Würdenträgern dieser Welt zur Audienz bei Ludwig dem Vierzehnten. Der Ritter von Rimburg sah auf den Kutschenschlägen die Wappen aller Gesandten von Europa. Er sah die Wappen der geistlichen und weltlichen Grossen des Abendlands, und er sah darunter auch viele, allzuviele Schilder grosser und kleiner deutscher Herren. Er sah zwischen steigenden Löwen die beiden Lachse der Grafen Salm, die gespreizten Adlerchwingen der vier am französischen Hof weilenden Grafen Fürstenberg, und wieder wurde ihm bang um das Deutsche Reich und um das deutsche Wien.
Viel Kriegsadel aus aller Herren Ländern — Portugiesen, Schweden, Spanier, Neapolitaner —, der bei dem Sonnenkönig Heeresdienst wider den Kaiser suchte, stand umher und sah mit Staunen, wie der Edelmann dem schlichten Kammermädchen die Hand drückte.
Ihr seid ein tapfer Ding, Gundel Pernfuss!“ sagte er. „Viel Glück auf den Weg nach Wien! Für uns beide!“
Er eilte dem Höfling in rotgefüttertem blauem Ehrenrock entgegen, der ihm schon von ferne winkte und zurief:
„Euer Gönner, der Prior von Vendôme, fährt eben ein! Der Vetter des Königs selbst wird Euch vor den Thron geleiten!“
Pulsuz fraqment bitdi.