Kitabı oxu: «Schutzpatrone»

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Schutzpatrone

Ein Rumpler Rosamunde-Krimi

Rudolf Trink


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag + Herzsprung-Verlag

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten.

Erstauflage 2019

Bildnachweis Cover:

Katze: Rudolf Trink

Kasperl: Theresa Holzschuh

Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-96074-047-6 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-302-6 - E-Book

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Inhalt

1.

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37.

38.

39.

Epilog

Autor

Unser Buchtipp

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FÜR HILDE.

EINE TAPFERE FRAU UND TREUE

PROBELESERIN. BIS ZULETZT.

Wenn das äußerlich Sichtbare die wahre Natur der Dinge verschleiert, beginnt die Stunde des Jägers.

*

1.

Die Krähe legte ihren Kopf schief und sondierte die Lage. Der kleine Hund lag auf dem sonnendurchwärmten Boden, halb auf der Seite, und rührte sich nicht. Die Krähe hüpfte näher, ganz auf die paar Stücke Trockenfutter konzentriert, die auf der blau-weiß gemusterten Decke des Hundes lagen. Sein walzenförmiger Körper blieb völlig unbeweglich, kein Zucken der Ohren verriet, ob er überhaupt noch lebte. Erst in dem Moment, als die Krähe ihren starken Schnabel nach vorne stieß, um das nächstgelegene Futterstück zu ergattern, schnellte der kleine Hund plötzlich hoch und zeigte knurrend sein erstaunlich starkes Gebiss. Die Krähe flüchtete verärgert und Johann Rumpler atmete auf. Rumpler kannte diesen Hund schon lange, noch aus der Zeit, als er stellvertretender Leiter der Mordkommission gewesen war, und genauso lange kannte er Ferdinand „Ferdl“ Weitel, den obdachlosen Besitzer des Hundes. Der Hund war alt, aber seine Reflexe funktionierten zu Rumplers Erleichterung immer noch, er war schlau und erfahren, gewitzt vom Leben auf der Straße.

„Wir sind uns ähnlich“, dachte Rumpler, an dem seine fünfundsechzig Jahre zwar nicht spurlos vorübergegangen waren, der sich aber immer noch auf seine Reflexe und sein Gedächtnis und, mit nur geringen Einschränkungen, auf seinen kräftig gebauten und für sein Alter ziemlich beweglichen Körper verlassen konnte.

„Servus Ferdl. Deine Leni ist aber noch ordentlich auf Zack!“

„Servus Hans. Ja, die Leni is super gescheit.“

Rumpler drückte Ferdl die obligatorische Zwei-Euro-Münze in die Hand und nahm dafür den Augustin, das Überlebensblatt der Obdachlosen, entgegen. Wie gewohnt sagte Ferdl nichts, sein Dank bestand darin, dass er Rumplers Hand kurz drückte. Dieser spezielle, über beinahe zehn Jahre vertraute Händedruck mit Ferdls breitem Daumen genau in der Mitte von Rumplers Handfläche war ein völlig vertrautes Ritual zwischen den beiden und damit ein wichtiger Bestandteil des Rumplerschen Lebens. Er mochte und er respektierte Ferdl, der es trotz seiner Obdachlosigkeit immer geschafft hatte, sich seine Würde zu bewahren. Ebenso schätzte Ferdl Rumpler, der ihn mehr als einmal aus kleineren Schwierigkeiten, manchmal auch mit der Polizei, herausgeholt hatte.

„Scheißliche Sache“, sagte Ferdl schließlich, was grammatikalisch nicht stimmen mochte, inhaltlich aber schon. „Jetzt hams den Dritten von uns hamdraht.“

„Ganz grauslich“, bestätigte Rumpler. „Hört ma bei euch was?“

„Gredt wird viel, aber das heißt gar nix. Eigentlich sollt der Schätter Rudi was wissen, aber den verstehst ja kaum. An festen Huscher hat er schon, aber er is nicht blöd. Nur komisch, ein bissl kindisch.“

„Machst dir Sorgen?“

„Na, überhaupt net. Zu was?“

„Hast a wieder recht.“

Rumpler war von Ferdls Gleichmut beeindruckt. Er hockte sich auf den Boden neben Leni, wie jedes Mal, wenn er Ferdl und sie traf, und ließ sie an seinen großen Händen schnuppern. Leni liebte dieses Ritual, zum einen, weil Rumpler sich ihr im Gegensatz zu den meisten sonstigen Besuchern immer nur sehr behutsam und höflich näherte, zum anderen, weil seine Hände so aufregend nach Katze rochen, nach seiner Rosamunde. Nach ausreichender Würdigung dieses Duftes legte sie sich wieder auf die Seite nieder, seufzte kurz und genussvoll auf und lag wie zuvor unbeweglich in der Mittagssonne. Rumpler verabschiedete sich und machte sich vom Naschmarkt, wo Ferdl seinen Standplatz hatte, auf den Heimweg zu seiner Altbauwohnung in der Josefstadt, während er über die Mordserie an Obdachlosen nachdachte, die derzeit Wien erschütterte, wie die Zeitungen schrieben, obwohl das eigentlich nicht das richtige Wort war. In Wahrheit ging es dem Publikum eher um eine Art wohligen Gruselns, verbunden mit der Erleichterung, dass diese Morde ausschließlich an Obdachlosen begangen wurden, mit denen man glücklicherweise nichts zu tun hatte. Rumpler war es aus seiner früheren beruflichen Praxis gewohnt, den von ihm verfolgten Mördern möglichst neutral gegenüberzustehen, aber bei den aktuellen Morden gelang ihm das nicht. Es machte ihn wütend, dass sich jemand anmaßte, den Schwächsten in der Gesellschaft auch noch das Letzte zu nehmen.

Jenen Rudi Schätter, den Ferdl erwähnt hatte‚ kannte Rumpler nur vom Sehen her. Heinz Schummer, das erste Mordopfer, hatte sich um Rudi gekümmert und ihm damit wohl auch die sonst kaum vermeidbare Einweisung in die Psychiatrie erspart. Ihn hatte Rumpler etwas näher gekannt. Während seiner Aktivzeit hatte er sich überhaupt immer um Kontakte mit der Obdachlosenszene bemüht, er kannte viele der großen, aber auch manche der kleinen Sorgen der Wohnungslosen. Außerdem galt er in der Szene als Geheimtipp für die Vermittlung von kostenlosen Zahnbehandlungen, weil ein Schulfreund Rumplers, ein mittlerweile auch schon pensionierter Zahnarzt, der eigentlich seine wunderbar abgesicherte Pension hätte genießen können, nicht Nein sagen konnte, wenn seine Hilfe von den Obdachlosen gebraucht wurde.

„Ich könnt Moser anrufen und fragen, wie es in der Sache steht“, dachte Rumpler. Mittlerweile hatte er bereits die Fleischhauerei Korbes erreicht, die nur mehr ein paar hundert Meter von seiner Wohnung entfernt war und in der er als eher ambitionierter Koch ein ausgesprochen gern gesehener Kunde war. Diesmal kaufte er einige Stücke Hühnerleber, die er für sich mit Äpfeln und Jungzwiebeln, grob gemahlenem Pfeffer und mit einem Schuss Portwein zubereiten würde und die zart angebraten, aber natürlich ungewürzt, sicher auch von Rosamunde sehr geschätzt werden würde.

Als er die Wohnungstür öffnete, kam sie ihm bereits entgegen, strich ihm um die Beine und beroch ihn sorgfältig. So genau Rumpler sie auch kannte – und er war ein ausgezeichneter und langjähriger Beobachter Rosamundes – er hätte nicht sagen können, ob sie Lenis Geruch, den er von seinem kurzen Ausflug mitgebracht hatte, eher als angenehm empfand oder sogar als abscheulich, wenn auch in gewisser Weise vielleicht wieder faszinierend. Wie so oft ließ sie sich in keiner Weise in die Karten schauen. Als er sich schließlich ans Kochen machte, setzte sie sich zu ihm in die Küche. Er hatte ihr dort als permanenten Beobachtungsposten einen alten Küchensessel mit Polsterauflage zur Verfügung gestellt. In jüngeren Jahren, als sie ihm bei ihren Sprüngen noch federleicht, nahezu gewichtslos erschienen war, quasi ein Pegasus in Katzengestalt, war das Erreichen der Sitzfläche eines Sessels für sie natürlich nie ein Thema gewesen, aber in den letzten Jahren schon. Vor etwa einem Jahr hatte Rumpler daher für sie eine alte hölzerne Weinkiste als Aufstiegshilfe unter den Sessel geschoben, die nicht nur ihr, sondern auch ihm in seiner Erinnerung Freude machte, weil sie den herrlichen Bordeaux beherbergt hatte, den er zu seinem fünfzigsten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Damals hatte seine Frau Elsa noch gelebt, die vor etwa fünf Jahren an Krebs gestorben war. Dann waren die Jahre der Einsamkeit gefolgt, bis er Alma, eine Ärztin, kennengelernt hatte, ein höchstpersönliches und ebenso unerwartetes wie wunderbares Geschenk des Schicksals an ihn, wie er dachte.

Während er die kurz mit den Jungzwiebeln gebratene Hühnerleber aus der Pfanne hob und im Rohr warm stellte, schälte er einen Apfel. Zum Glück gab es in den letzten Jahren wieder eine Vielfalt an Apfelsorten, denn zuvor hatte er manchmal das Gefühl gehabt, das Angebot der Geschäfte wäre fast nur auf Granny Smith und Gold Delicious beschränkt. Rumplers Lieblingssorten waren Cox Orange, Gravensteiner und Kronprinz Rudolf. Diese Äpfel erinnerten ihn an das großväterliche Haus in Friesach, wo er gemeinsam mit seinem Bruder die Ferien verbracht hatte und häufig ein leichter Duft dieser traditionellen Apfelsorten in der altertümlichen Küche in der Luft gelegen war.

Nachdem Rumpler überprüft hatte, dass Rosamundes Hühnerleber-Portion nicht zu heiß für sie war, stellte er ihr den Napf auf den Boden. Bis er für sich auch nur einen Teller und das Besteck gerichtet hatte, war sie bereits mit ihrer Mahlzeit fertig. Das hastige Fressen lag ihr im Blut, noch aus der gut zehn Jahre zurückliegenden Zeit, als sie in Kärnten als Streunerin um ihr Überleben hatte kämpfen müssen. Im Gegensatz zu ihr ließ sich Rumpler beim Essen besonders viel Zeit. Oft genug hatte er in seiner Aktivzeit nur sehr hastig oder bei schwierigen Einsätzen für längere Zeit manchmal auch gar nicht essen können und er hatte sich damals geschworen, das in seiner Pension gründlich zu ändern, was ihm auch gelungen war. Rumpler würzte die Hühnerleber mit einem speziellen Pfeffer aus Madagaskar, den ihm Sabine, die junge Witwe seines Neffen Karl, von einer Weltreise mitgebracht hatte und den er besonders schätzte, weil er sich nicht nur durch eine respektable Schärfe, sondern vor allem auch durch sein fruchtiges Aroma auszeichnete. In Verbindung mit dem wunderbaren Spiel von Süße und Säure, das der Cox Orange Apfel beitrug, den er mit Jungzwiebeln kurz angebraten und dann mit einem Schuss Portwein abgelöscht hatte, war seine kleine Mahlzeit einfach perfekt. Rumpler sah sich zufrieden in seiner ziemlich geräumigen und technisch sehr gut ausgestatteten Küche um, die er der Großzügigkeit eines schon vor Jahren verstorbenen entfernten Verwandten verdankte. Wenn er allein war, benutzte er praktisch immer den Essplatz in der Küche, der für zwei Personen gut und für vier Personen knapp ausreichend war. Erst wenn der Kaffee an der Reihe war, wechselte er normalerweise aus der Küche auf einen seiner abgeschabten, mit dunkelbraunem starkem Leder bespannten Fauteuils ins Wohnzimmer. Eben als er überlegte, welche seiner zahlreichen italienischen Kaffeeschalen er für seinen Espresso wählen sollte und er sich über den Duft des frisch gemahlenen Kaffees freute, läutete sein Telefon. Es war sein ehemaliger Kollege und noch immer aktueller Freund Alois Moser.

„Hallo Hans, wie geht’s dir?“

„Hallo Stinker. Mir geht’s in der Pension ausgezeichnet. Besser als euch jedenfalls.“

Der so despektierlich Angesprochene nahm diese Anrede mit völliger Gleichmut zur Kenntnis. Sie stammte aus der Zeit, als er noch ein starker Raucher gewesen war. Das Rauchen hatte er sich aufgrund eines sehr ernst gemeinten ärztlichen Rates schon vor vielen Jahren abgewöhnt, der Name war geblieben.

„Ich muss mit dir reden, Hans. Wegen der Obdachlosen.“

„Hab ich mir eh gedacht. Café Rathaus?“

„Gern. Wenn’s für dich passt, morgen um neun.“

„Ja, bestens. Bis morgen, Stinker.“

„Bis morgen. Servus Hans.“

*

2.

Das Café Rathaus war Rumpler aus seiner Aktivzeit sehr vertraut. Oft genug hatte er sich dort mit Moser oder auch mit anderen Kollegen zusammengesetzt, wenn sich manche ihrer Fälle so zähflüssig entwickelt hatten, dass sie ihre Büros nicht mehr ertrugen, weil ihnen dort die Decke auf den Kopf fiel. Rumpler war von der wundertätigen Wirkung der Wiener Kaffeehäuser im Allgemeinen und der des Café Rathaus im Speziellen zutiefst überzeugt. Für dienstliche Fragen war für ihn das Café Rathaus das richtige, als Privatmann bevorzugte er hingegen das Café Sperl.

Als Rumpler im Café Rathaus eintraf, war Moser hinter einer Zeitung versteckt, die er aber sofort senkte, als Rumpler näher kam. Moser hatte ihn wohl an seinem Schritt erkannt und ließ seine erstaunlich beweglichen hellen Augen blitzartig über Rumplers Erscheinung laufen. Seit Moser ihn zuletzt gesehen hatte, hatte Rumpler sich kaum verändert, außer vielleicht, dass er eine frischere Hautfarbe aufwies, die seinen umfangreichen Spaziergängen, die häufig im Volksgarten stattfanden, zu verdanken war. Moser ließ, erleichtert über das, was er sah, ein kleines zufriedenes Grunzen hören.

„Gut schaust aus, Hans.“

„Du aber auch, Stinker.“

Moser lachte und klopfte sich mit der Hand auf seinen stattlichen Bauch, über dem sich trotz der sommerlichen Temperaturen ein stramm zugeknöpftes Sakko spannte.

„Danke, dass du gekommen bist, Hans. Wir stecken bei den Obdachlosen irgendwie fest.“

„Lass hören. Ich hab mein Wissen ja nur aus den Zeitungen.“

„Wir haben mittlerweile drei Morde in weniger als drei Wochen. Alle Opfer waren Obdachlose, die in der Nähe ihrer Schlafplätze ermordet worden sind. Der Tathergang war immer der gleiche. Zunächst hat sie der Täter mit einem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt und dann mit einer Stange, vermutlich aus Holz, erschlagen. Die Spurensicherung hat nichts Wesentliches ergeben und die Tatwaffe haben wir auch nicht. Wir haben uns natürlich auch in der Szene umgehört, aber nichts Brauchbares erfahren. Zeugen gibt es nicht oder sie sagen uns nichts. Der Einzige, der vielleicht was gesehen haben könnt, ist der Rudi Schätter, ein Freund des ersten Mordopfers, der aber seit dem Mord noch viel mehr durcheinander ist als vorher. Er lebt nur in seiner eigenen Welt und redet dauernd vom Kasperltheater. Als Zeugen kannst den vergessen. Wir haben ihn jetzt in der Psychiatrie am Steinhof untergebracht, weil er ohne Hilfe nicht weiter kann, aber es hat sich bisher bei ihm nichts geändert.“

„Hast die Protokolle für mich?“

„Ja, klar. Pass gut drauf auf, sonst krieg ich Schwierigkeiten.“

„Mach ich. Und was soll ich deiner Ansicht nach jetzt tun?“

„Du hast doch früher immer gute Kontakte zur Szene gehabt. Mit uns reden die kaum, aber bei dir ist das möglicherweise anders. Du könntest dich ein bissl umhören und vielleicht erfährst du ja was.“

Rumpler nahm einen Schluck von seiner Melange. „Obs was bringt weiß ich nicht, aber ich werds versuchen.“

„Danke Hans.“

„Passt schon, Stinker.“

„Was gibt’s bei dir sonst Neues?“

„Du wirst es nicht glauben, aber die Sabine ist schwanger.“

Moser hatte Sabine vor etwa einem halben Jahr kennengelernt. „Das ist ja großartig. Sie ist wirklich eine Nette. Wer ist denn der Glückliche?“

„Sie hat zwar vor ein paar Monaten einen neuen Freund kennengelernt, mit dem es vielleicht was werden könnte, aber das Kind ist noch vom Karl.“

„Gratuliere!“, rief Moser so laut, dass sich die anderen in der Nähe sitzenden Gäste überrascht umdrehten, und schlug mit der flachen Hand klatschend auf den zum Glück sehr stabilen Tisch. „Dann bist du nicht mehr der letzte Rumpler.“

„Das ist wahr. Ich freu mich so, als ob ich selbst Großvater werden würd.“

„Du Glücklicher. Bei meiner Anna tut sich leider gar nichts. Sie und ihr Freund wollen sich zuerst etwas aufbauen und dann erst Kinder kriegen. Ich versteh sie ja irgendwie, aber es dauert mir halt einfach zu lang. Ich hoff, es kommt überhaupt dazu.“

„Ich halt dir die Daumen, Stinker.“

„Danke, Hans. Würd mich schon sehr freuen über so einen kleinen Stinker. Wennst was hörst bei den Obdachlosen, ruf mich an.“

„Mach ich.“ Rumpler winkte dem Kellner und übernahm die Rechnung. „Servus Stinker.“

„Servus Opa.“

Rumpler lachte.

Bevor er sich auf den Heimweg machte, nützte er den schönen Sommertag für eine Runde im Volksgarten. Beim Brunnen nahe dem Ausgang zum Heldenplatz blieb er kurz stehen. Während er die Skulptur einer Nymphe betrachtete, die von einem wasserspeienden Faun gepackt wurde, fragte er sich wie schon so oft, ob ihr nun Gewalt angetan wurde oder ob die deutlich sichtbare Anmut der Finger ihrer schräg nach unten gestreckten Hand nicht doch eine andere Geschichte erzählte. Vielleicht beides. Der Bildhauer hatte wohl ganz bewusst ein Werk geschaffen, das erst im Kopf des Betrachters zu Ende gedacht oder eigentlich gefühlt werden wollte.

Eine Entenmutter mit fünf überaus geschäftigen Jungen holte Rumpler aus seinen Gedanken. Unwillkürlich sah er sich sofort nach Krähen um, die gerne Gelegenheiten nutzten, sich ein Entenjunges zu holen, sah aber zu seiner Erleichterung keine in der Nähe. Obwohl – oder vielleicht gerade weil – er wie kaum ein zweiter über die vielfältigen Gefahren des Lebens Bescheid wusste, hob sich seine Stimmung durch diesen kleinen Glücksfall sofort, und weil er im Café Rathaus nur zwei Melangen getrunken, aber nichts gegessen hatte, spürte er plötzlich Hunger. Er beschloss, sich faschierte Laibchen zu machen, einige davon auf Reserve, mit schön gerösteten Zwiebelringen. Damit auch Rosamunde seiner Freude am Faschierten teilhaftig werden konnte, nahm er sich vor, mageres Rindfleisch und fetteres Schweinefleisch zu gleichen Teilen, aber getrennt, faschieren zu lassen. Rosamunde würde ihren Anteil vom mageren Rindfleisch bekommen, ihrer Figur wegen, und er würde dann für sich das Faschierte mischen, dessen Geschmack letztlich von einem ausreichenden Fettanteil entscheidend abhing. Zum Faschierten würde er einen grünen Salat machen, der durch Beigabe einer ausreichenden Portion Rucola eine leicht bittere Note bekommen würde.

Als Rumpler mit seinen Einkäufen nach Hause kam, kam ihm Rosamunde entgegen. Ähnlich wie die englische Königin, die durch die Position ihrer Handtasche ihrer Entourage jeweils signalisierte, ob sie amused oder not amused sei, verstand es Rosamunde, wenn es ihr denn beliebte, ihre Zufriedenheit oder Unzufriedenheit durch ihre Körpersprache auszudrücken. Faschiertes Rindfleisch hatte es lange nicht gegeben, Rosamunde war sichtbar amused. Um das Faschierte für sie noch besser verträglich zu machen, briet Rumpler ihre Portion in einer beschichteten Pfanne leicht an und stellte dann ihren Napf nach einer sorgfältigen Temperaturkontrolle auf den Boden. Bis er seine zwei Fleischsorten überhaupt nur vermengt hatte, war ihre Mahlzeit bereits beendet und sie putzte sich den Bart.

Rumpler genoss es, als Pensionist ausreichend Zeit für eine sorgfältige Zubereitung seines Essens zu haben. Erst als er in aller Ruhe gekocht und gegessen und einige überzählige faschierte Laibchen für die nächsten Tage als kalte Jause im Kühlschrank verstaut hatte, ging er mit einem kleinen Espresso als Stärkung ins Wohnzimmer, setzte sich in seinen Fauteuil und starrte ins Leere. Als er mit Genuss den ersten Schluck machte, sah er auf den von seiner Großmutter geerbten Jugendstilschrank, stellte die Tasse ab und öffnete die Schranktür. Sofort wurde er von seiner beruflichen Vergangenheit eingeholt. Eine ganze Reihe von Moleskine-Notizbüchern, fast alle mit fortlaufenden Nummern versehen, lagen vor ihm und jedes dieser Notizbücher erzählte seine eigene Geschichte, häufig von Dummheit, viel seltener von großer Intelligenz, öfters von seltsamen Zufällen und immer von Mord. Zwei oder drei leere Bücher waren auch noch da und eines davon nahm Rumpler zur Hand, schlug es auf und schrieb als eine Art Leitmotiv das Wort Augustin hinein. So genau Rumpler dieses Ritual des Büchereröffnens auch kannte, war er doch jedes Mal, wenn er ein neues Notizbuch aufschlug, in einer zwar nicht aufgeregten, aber doch sehr aufmerksamen, beinahe hellsichtigen Verfassung, wohl weil er wusste, dass er jetzt einen Schritt gesetzt hatte, dem ein ganzer Weg folgen musste, mit aller Konsequenz, bis zum Ende.

Während er so dasaß, die großen Hände mit den langen, kräftigen Fingern auf dem Buch, kam Rosamunde und strich ihm um die Beine. Er machte ihr zunächst eine kleine Kopfmassage und strich ihr dann sanft über den Rücken.

„Es geht wieder los, Alte.“

Sie sprang mit überraschender Gelenkigkeit auf einen Sessel und von dort auf ihren traditionellen Liegeplatz, den ihr Rumpler auf dem Fensterbrett zwischen seinen prächtigen Orchideen freigelassen hatte, und schenkte ihm einen undurchdringlichen Blick.

*

3.

Für den nächsten Tag, einen Samstag, erwartete Rumpler Besuch. Einer seiner Waldviertler Verwandten hatte sich angesagt, ein entfernter Großcousin. Er würde nach Wien kommen, um seinem etwa sechs oder sieben Jahre alten Buben Schönbrunn zu zeigen. Rumpler hatte vorgeschlagen, gemeinsam den Tiergarten zu besuchen, und er hatte die beiden anschließend zu einer Jause in seine Wohnung eingeladen.

Als sie einander wie vereinbart am Samstag um elf Uhr im Kassenbereich des Tiergartens trafen, bereute Rumpler seine Einladung sofort wieder, so unruhig und quengelig war der Bub, der auf den nicht sehr waldviertlerischen Namen Kevin getauft war. Im Tiergarten klopfte Kevin trotz der gut sichtbaren Verbotshinweise im Aquarien- und auch im Terrarienhaus heftig gegen die Scheiben, wobei er die halbherzig vorgebrachten Ermahnungen seines Vaters komplett ignorierte und wütend wurde, dass er die Affen wegen des allgemeinen Fütterungsverbots nicht füttern durfte. Vom Tiger war er enttäuscht, weil er nicht brüllte.

Rumplers ganze Hoffnung richtete sich darauf, dass der Tiergartenbesuch den Buben ermüden und damit erträglicher machen würde, was sich aber als Trugschluss erwies. Kaum waren sie in Rumplers Wohnung eingelangt, als der Bub auch schon von seinem Vater eine neue Beschäftigung verlangte.

Dieser blickte Rumpler etwas hilflos an und meinte: „Er is ja so gscheit, der Kevin.“

Rosamunde, die die Kunst des spurlosen Verschwindens beherrschte, hatte die Lage sofort richtig eingeschätzt und gab eine Probe ihres Könnens. Rumpler beneidete sie glühend. Schließlich brachte er ohne viel Hoffnung einen Zeichenblock und einen schwarzen Filzstift zum Vorschein, Buntstifte hatte er leider nicht vorrätig, und er schlug Kevin vor, eine Zeichnung zu machen, was dieser zu seinem Erstaunen anstandslos akzeptierte. Das gab Rumpler die Gelegenheit, sich in die Küche zurückzuziehen und die versprochene Jause zu richten.

Als er schließlich einige Brötchen und einen Marmorgugelhupf ins Wohnzimmer brachte, war es mit Kevins Ruhe plötzlich vorbei. Der Bub schrie auf wie am Spieß: „Jetzt is die Zeichnung hin. Hin, hin, hin. Dein blödes Handy is schuld.“

Tatsächlich hatte sein Vater sein Mobiltelefon neben ihm abgelegt, es hatte plötzlich geläutet, Kevin war deshalb zusammengezuckt und hatte die Zeichnung ruiniert. Sein Vater bemühte sich, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, was aber nichts half, sondern Kevins Wut nur noch steigerte.

„Der blöde Stift is mir ausgrutscht wegen dem Handy. Der Strich da vorm Haus gehört weg.“

Rumpler warf einen vorsichtigen Blick auf das Blatt und sah ein typisches Kinderzeichnungs-Haus mit einem Tor in der Mitte, zwei Fenstern links und rechts davon und einem steilen Giebeldach, aus dessen Rauchfang korkenzieherartig gewundener Rauch aufstieg. Direkt vor dem Haus war ein kräftiger, annähernd senkrechter Strich, der dort ganz offensichtlich nicht hingehörte.

„Das ham wir gleich“, sagte der Vater plötzlich mit unerwarteter Zuversicht, „wir machen einfach einen Zaun draus.“

Während ihn Kevin ungläubig anstarrte, hatte der Vater neben den missratenen Strich eine ganze Reihe paralleler Striche gesetzt, die mit etwas Fantasie tatsächlich als Zaunlatten durchgehen konnten. Während Rumpler noch mit einem neuerlichen Wutausbruch Kevins rechnete, sagte er anerkennend: „Das mit dem Zaun habts ihr aber ganz toll hingekriegt.“

Kevin legte seinen Kopf schief, sah Rumpler für kurze Zeit prüfend an und sagte dann für diesen völlig überraschend: „Ich schenk dir die Zeichnung.“

Rumpler atmete auf, bedankte sich höflich und holte rasch, um das Geschenk entsprechend zu würdigen, einen alten leeren Fotorahmen aus seinem Schreibtisch und platzierte das Bild im Rahmen. Die nunmehr gerahmte Zeichnung stellte er auf seinen Schreibtisch.

„Jetzt kannst sie immer anschauen“, meinte Kevin zufrieden und wandte sich sofort einem neuen Thema zu, indem er seinem Vater klarmachte, dass es hoch an der Zeit wäre, den McDonalds, ganz so, als ob es nur einen einzigen gäbe, zu besuchen. Rumpler war weit davon entfernt, die Missachtung seiner liebevoll gerichteten Jause zu bedauern, und riet Kevin, einen extra großen Burger zu bestellen, was dieser auch gerne versprach. Vater und Sohn hatten es plötzlich mit ihrem Aufbruch sehr eilig und schon nach wenigen Minuten herrschte in Rumplers Wohnung wieder eine selige Ruhe.

Er atmete durch. Nachdem seine verstorbene Frau Elsa und er kinderlos geblieben waren, hatte er oft eine unbestimmte Sehnsucht nach Kindern, aber jetzt fragte er sich doch, ob ihm diese Kinderlosigkeit nicht vielleicht auch viel erspart hatte. Während er kurz überlegte, Kevins Zeichnung wieder von seinem Schreibtisch zu verbannen, erschien plötzlich, wie bei einem Zaubertrick, Rosamunde quasi aus der dünnen Luft, forderte vehement ihr Futter – und so blieb die Zeichnung, wo sie war.

*

4.

Am darauf folgenden Montagnachmittag saß Rumpler mit Ferdl und Leni in der Schwarzen Krot, einem Beisel, das diese Bezeichnung tatsächlich noch verdiente und auch Obdachlose als Gäste anstandslos akzeptierte, sofern sie auf ihre Sauberkeit achteten und nicht alkoholisiert waren. Auf Rumplers Einladung hin hatte Ferdl nur gemeint: „Bist halt wieder im Dienst, weils ned weiterkommen, deine Kollegen“, und hatte mit diesem Kommentar ziemlich ins Schwarze getroffen.

Ferdl hatte eine Blunzen mit Kraut und Erdäpfeln bestellt und Rumpler, der die einfache, aber grundsolide Küche der Schwarzen Krot kannte und schätzte, schloss sich an. Nachdem Alkohol für Ferdl ein absolutes Tabu war, verzichtete Rumpler mit leisem Bedauern auf den reschen Grünen Veltliner, der in der Krot als Hauswein ausgeschenkt wurde, und ließ sich einen großen Apfelsaft, gespritzt mit Leitungswasser, bringen. Für Leni hatte Rumpler bei der Köchin unter Einsatz seines ganzen Charmes und seiner braunen Augen einen ordentlichen Kalbsknochen herausverhandelt, den sie unter dem Tisch mit großem Behagen und dank ihres kräftigen Gebisses auch mühelos bearbeitete. Ferdl sah zufrieden auf seine Leni, während sie nur ganz kurz aufblickte, um dann umso kräftiger mit ihrem Werk fortzufahren. Als die Herren ihre respektablen Portionen schließlich fertig gegessen hatten, bestellte Rumpler noch Kaffee. Ferdl nahm ein großes Häferl mit Filterkaffee, Rumpler einen Espresso, wobei er wohl nicht zu Unrecht in der winzigen Schale das gleiche Gebräu vermutete, das Ferdl trank.

Dieser stellte sein Häferl ab. Jetzt war es Zeit zum Reden. „Was willst wissen, Hans?“

„Hast vielleicht von den drei, die umbracht worden sind, wen näher gekannt?“

„Am öftesten hab ich noch den Heinzi Schummer gesehen, immer gemeinsam mit dem Rudi Schätter. Den zweiten, er hat, glaub ich, Mirko geheißen, hab ich gar nicht gekannt, aber den dritten ham wir alle gekannt, du sicher auch, den Totenvogel.“ Ferdl sprach dieses Wort auf eine ganz spezielle, sehr weiche Art aus, sodass es wie Doudenvougl klang. „Ich weiß gar net, wie er richtig geheißen hat, aber wir ham alle Totenvogel zu ihm gsagt.“

Rumpler erinnerte sich sehr gut an den Totenvogel, einen etwa sechzig Jahre alten, großen, mageren, vornübergebeugten Mann mit einem kleinen, vollkommen kahlen Kopf, der auf einem seltsam nach vorne verschobenen Hals saß. Auf Wunsch seines jeweiligen Publikums hatte der Totenvogel, meist im Austausch gegen eine Zigarette, weit ausladende, langsame Flügelschläge gezeigt, indem er seine überlangen dürren Arme auf und ab bewegte, dazu auch öfters einmal ein paar Schritte oder eigentlich Hüpfer, wie man sie von Geiern her kennt, die sich mit besonderer Vorsicht einem Stück Aas nähern. Im Gegensatz zu seinem gruseligen Aussehen war der Totenvogel ein ausgesprochen friedlicher, netter Mann gewesen, mit einem sehr sanften Lächeln und einer unendlichen Langmut.

„Den Totenvogel hättens nicht derschlagen dürfen“, sagte Ferdl und fügte leise, fast flüsternd hinzu „Den Tod kannst doch ned umbringen.“

Rumpler nickte zustimmend. Er glaubte zu verstehen, was Ferdl meinte. Der Totenvogel war eine Institution gewesen, kraft seines Amtes als eine Art Bote des Todes ebenso unsterblich wie dieser – und in diese unverbrüchliche Ordnung hatte ein Mörder eingegriffen.

„Alsdann, was willst wissen, Hans?“

„Hast vielleicht was gehört, ob einer von euch was gsehen hat, aber mit der Polizei net redt?“

„Das hab ich dir eh schon gsagt, am ehesten der Rudi Schätter. Er is ja immer mit dem Schummer Heinzi mitgangen, und der wollt ihn dann nicht fortschicken, auch wenn ihm der Rudi mit seinen Kasperlgeschichten ganz ordentlich auf die Nerven gangen is. Der Rudi is immer auf ihm draufpickt. Es würd mich sehr wundern, wenn der Rudi nicht in der Näh gwesen wär, wie’s den Heinzi umbracht ham. Aber er is halt komisch, der Rudi, seit dem Mord angeblich noch mehr wie vorher. Da kannst nicht wissen, ob er was erzählt, was er gsehn hat, oder ob er was erfindet. Er bringt einfach keinen graden Satz heraus.“

„Ich hab ghört, er is jetzt am Steinhof in der Psychiatrie.“

„Ja, da geht er wenigstens nicht ganz vor die Hund, weil ohne den Heinzi wärs aus mit ihm. Ich glaub, er würd sich über deinen Besuch freuen.“

„Ich probiers. Mehr als schiefgehn kanns nicht.“

Unter dem Tisch ertönten mittlerweile leicht sägende Schnarchgeräusche.

„Jetzt schlafts, die Leni“, sagte Ferdl zufrieden.

„Ein guter Hund“ bestätigte Rumpler und fügte, etwas besorgt: „Pass gut auf dich auf, Ferdl“, hinzu.

„Eh klar. Mir passiert schon nix. Außerdem hab ich die Leni.“

Rumpler winkte der Kellnerin, einer Frau Rosi, die ihn in Namen und Figur an seine Rosamunde erinnerte und schon seit vielen Jahren in der Krot servierte. Während er die erstaunlich moderate Rechnung bezahlte, bemerkte Leni trotz ihres vernehmbar tiefen Schlafes in der Sekunde die Zeichen des Aufbruchs, dehnte und streckte sich und schüttelte sich zuletzt ihre Steifigkeit aus den Gliedern.

Nachdem Rumpler mit dem Auto gekommen war, bot er Ferdl an, ihn ein Stück weit mitzunehmen, was dieser aber dankend ablehnte.

*

5.

Am nächsten Morgen fuhr Rumpler gleich nach seinem Frühstück im Café Sperl zum Steinhof, suchte aber zunächst nicht die Psychiatrie auf, sondern umrundete die Otto Wagner Kirche. Rumpler fand es völlig richtig, dass dieses Bauwerk mit seiner perfekten Schönheit genau dort stand, zur Verfügung der Schwierigen und oft auch Verzweifelten, die in den Pavillons ganz in der Nähe untergebracht waren, und er hoffte, diese Schönheit würde auch und gerade ihnen, die es am meisten brauchten, helfen. Die Kirche am Steinhof faszinierte ihn nicht nur wegen ihrer augenscheinlichen Schönheit allein, sondern vor allem deshalb, weil der Architekt, Otto Wagner, seine ganze Sorgfalt und Aufmerksamkeit darauf ausgerichtet hatte, sie in allen Details für die doch sehr speziellen Bedürfnisse ihrer Besucher auszugestalten. Das Weihwasser wurde aus hygienischen Gründen nicht, so wie in anderen Kirchen üblich, in Becken angeboten, sondern es wurde durch Herabtropfen zur Verfügung gestellt, um das sonst kaum vermeidbare Gepritschel hintanzuhalten. Die Bänke waren sehr kurz, um im Bedarfsfall eine leichte Zugänglichkeit zu sichern, es gab eine Toilette und der Boden der Kirche fiel nach vorne hin etwas ab, um auch den weiter hinten Stehenden einen freien Blick auf den Altarraum zu sichern. All das war mit einer unglaublichen Schönheit umgesetzt worden. Einfach genial.

Nachdem Rumpler die Pracht der Kirche voll in sich aufgenommen – oder eigentlich eingeatmet – hatte, weil einen wirklich gute Bauwerke immer auch freier atmen lassen, obwohl man ihren Anblick doch paradoxerweise als atemberaubend bezeichnet, wie er dachte, ging er, geleitet von den Orientierungstafeln, zu Pavillon Nummer Vier, in dem Rudi Schätter, wie ihm Moser gesagt hatte, untergebracht war. Er sprach kurz mit der diensthabenden Schwester, um sich einen Spaziergang mit Rudi Schätter genehmigen zu lassen, was sich als völlig problemlos erwies, nachdem Moser offensichtlich bereits mit ihr gesprochen hatte. Sie begleitete Rumpler in ein Zimmer im ersten Stock, das am Ende eines langen Ganges mit vielen weiß lackierten Türen lag. Die Schwester klopfte energisch an und sperrte dann die Tür auf. Während des Hinaufgehens hatte sie Rumpler erklärt, dass Rudi Schätter sich auf ausdrücklichen eigenen Wunsch in seinem Zimmer einsperren ließ, weil er Angst hatte. Am Ende des eher schmalen Zimmers war ein Fenster und dort saß an einem kleinen Tisch mit Resopalplatte ein etwa vierzig- bis fünfundvierzigjähriger Mann, mittelgroß, mit mausgrauem, in Büscheln vom Kopf abstehendem Haar, erstaunlich großen Ohren, einem fliehenden Kinn und Augen von einem wässrigen Blau. Er ließ seinen ruhelosen Blick blitzartig über die beiden Eintretenden laufen. „Ah“, sagte er mit überraschend kräftiger Stimme. „Die Gretel hat einen Seppel mitbracht.“

„Sie haben Besuch, Herr Schätter“, sagte die Schwester etwas lauter als nötig in einem aufgesetzt fröhlichen Tonfall, dem der mühsam unterdrückte Ärger über Schätters Gretel-Zuschreibung deutlich anzumerken war.

„Der Herr Rumpler ist gekommen und macht mit Ihnen einen Spaziergang.“

„Der Kasperl fehlt halt sehr. Seppeln gibt’s genug, aber kan Kasperl.“

Rumpler wusste nicht recht, ob er darauf eingehen sollte, und entschied sich spontan dagegen. Er richtete ihm, um einen Anknüpfungspunkt zwischen ihnen herzustellen, Grüße vom Ferdl aus.

„Bist ein braver Seppel“, meinte Rudi nur und ließ sich von Rumpler zur Tür hinausführen.

Solange Rumpler ihn am Arm berührte, und sei es noch so leicht, ging Rudi mit ihm wie selbstverständlich mit, sobald dieser Kontakt jedoch unterbrochen war, blieb er sofort stehen wie eine Straßenbahn, die plötzlich keine Verbindung mehr zur Oberleitung hat. Rumpler verzichtete darauf, sich Rudi gegenüber als Hans vorzustellen, da er ja doch wusste, dass er ein Seppel war, Hans hin oder her. „Bist gut untergebracht?“

„Schon“, meinte Rudi. „Immer genug zum Essen und eine Dusch hab ich auch. Aber eingsperrt bin ich halt.“

„Darfst net raus?“

„Schon. Aber wohin sollt ich denn gehen?“

„Kriegst Besuch?“

„Na. Nur die Polizisten waren bei mir. Die ham mich komische Sachen gfragt und dann sinds wieder gangen.“

„Was hams dich denn gfragt?“

Bevor er hätte antworten können, blieb Rudi stehen und wies vorsichtig auf eine kleine Frau mit scharfen Gesichtszügen, die soeben aus dem Pavillon getreten war, an dem sie gerade vorbeikamen.

„Zerst hab ich glaubt, das is die Hex, aber es is die Großmutti. Schiach is halt wia in Teifl sei Hazer, aber liab.“

Während Rumpler noch ordentlich damit zu tun hatte, ein Lachen über den Vergleich mit dem Heizer des Teufels zu unterdrücken, grüßte sie, wie zur Bestätigung ihrer Rolle als Großmutti, die beiden Herren besonders freundlich. Rumpler war ziemlich überrascht, als Rudi die vorherige Frage problemlos wieder aufnahm, beinahe so, als hätte es überhaupt keine Unterbrechung gegeben. „Sie ham gsagt, ich wär ein Zeuge, und wollten wissen, ob ich was gsehn hätt, wegen dem Heinzi. Ich hab aber nix sagen können. Gar nix. Dann hams mich gleich herbracht.“

Mittlerweile waren sie wieder beim Ausgangspunkt ihres Rundgangs eingelangt.

„Magst wieder besucht werden?“, fragte Rumpler.

„Schon“, meinte Rudi. „Auch wennst kein Kasperl bist.“

„War der Heinzi einer?“, fragte Rumpler einer plötzlichen Eingebung folgend.

„Ah, der Heinzi“, seufzte Rudi. „Ja, der war ein Kasperl. Aber jetzt is er weg. Nur Seppeln gibt’s viel. Bringst mir was mit, wennst wieder kommst?“

„Was denn?“

„Manner Schnitten. Aber Zitrone!“

„Mach ich.“ Rumpler erinnerte sich plötzlich an seine Schikurszeit vor etwa fünfzig Jahren, als ihm genau diese Manner Schnitten mit Zitronengeschmack die Abende in den Schikursquartieren versüßt hatten, und lächelte. „Ich komm wieder zu dir und bring dir welche mit.“

„Is gut.“

Rumpler meldete sich anlässlich ihrer Rückkehr bei der Schwester, einer Gretl, wie er bereits wusste, und verabschiedete sich.

Zu Hause angekommen, musste sich Rumpler mit Rosamundes Unmut auseinandersetzen. Ihr Stimmungsbarometer stand ganz offensichtlich auf not amused. Lange fortbleiben und dann auch noch nichts mitbringen, das ging gar nicht. Während er, dicht gefolgt von Rosamunde, rasch in die Küche ging, um seine Versäumnisse wieder gutzumachen, verlegte er sich aufs Verhandeln, auf das, was er schön sprechen nannte. Rumpler konnte das gut. Sein Charme in Verbindung mit seinen ausdrucksstarken Augen hatte oft genug Erfolg gehabt. Bei Rosamunde verfing das diesmal nicht. Sie warf ihm einen kalten Blick zu. Rumpler lächelte, während er für sie ein kleines Stück Schinken leicht anwärmte, der verführerische Duft machte Rosamunde wieder etwas umgänglicher. Als er schließlich ihren Napf mit dem fein geschnittenen Schinken auf den Boden stellte, rieb sie sich angelegentlich an seinen Beinen, aber nur kurz, weil ihre Mahlzeit duldete keinen Aufschub.

„Gute Katze“, sagte Rumpler, machte sich einen Espresso, in einer hell gehaltenen Schale, die er von einem Italienaufenthalt aus der Gegend von Palmanova mitgebracht hatte und die ihm Inspiration verhieß, und holte sein kürzlich eröffnetes Moleskinbuch hervor. Seine Eintragungen waren für Außenstehende völlig unverständliche Sätze, teilweise Abkürzungen und manchmal auch Zeichnungen. So zeichnete er beispielsweise ein gugelhupfartiges Gebilde für die Kuppel der Otto Wagner Kirche, die ihn auch diesmal, wie schon so oft, schwer beeindruckt hatte. Er genoss den ersten Schluck Kaffee aus seiner dickwandigen Schale, streifte dann seine Orchideen, die ihn immer wieder durch ihre Genügsamkeit überraschten, mit einem anerkennenden Blick auf ihre herrlichen Blüten, legte das Moleskinbuch schließlich zur Seite und nahm die Protokollkopien, die ihm Moser gegeben hatte, zur Hand.

Rosamunde, die in der Zwischenzeit ihre Mahlzeit schon längst verspeist hatte, war damit beschäftigt, sich mit größter Sorgfalt ihren Bart zu putzen. Auch hier im Wohnzimmer gab es für sie eine Aufstiegshilfe, eine stabile Schachtel, die Rumpler an einen der Sessel herangeschoben hatte, um ihr das Erklettern des Schreibtischs, an dem er arbeitete, zu ermöglichen. Sie liebte es, auf seinen Unterlagen zu ruhen, und griff so gelegentlich auch durch die Auswahl der Papiere, auf die sie sich legte, in Rumplers Arbeit ein. Obwohl er sonst alles andere als abergläubisch war, war Rumpler doch davon überzeugt, dass es sich auf das Lösen eines Falles gut auswirkte, wenn Rosamunde das eine oder andere Mal auf dem entsprechenden Moleskinbuch lag. Auch diesmal enttäuschte sie ihn nicht und lag schon nach kurzer Zeit schnurrend auf seinem neu eröffneten Notizbuch, das unter ihrer Leibesfülle fast verschwand und nur da und dort ein wenig hervorlugte.

„Gute Katze“, sagte Rumpler nochmals und vertiefte sich in die Moserschen Protokollkopien. Dank jahrzehntelangen Trainings hatte er diese in Polizeideutsch gehaltenen Texte, einer speziellen Sprache ähnlich dem Juristendeutsch in Urteilen oder Gerichtsbeschlüssen, die für Außenstehende befremdlich klingen musste, sehr rasch gelesen. Er blickte von den vor ihm ausgebreiteten Seiten auf und strich Rosamunde über den Rücken, nur ganz leicht, um sie nicht in ihrer Kontemplation zu stören. Als Reaktion auf seine behutsame Berührung schwoll ihr Schnurren für kurze Zeit ganz leicht an, um dann sofort wieder zur Ausgangslage zurückzukehren. Ob das als Zeichen der Zufriedenheit oder als kleine Warnung zu deuten war, ließ sich nicht sagen. Wahrscheinlich beides.

Die Protokolle hatten für Rumpler kaum neue Erkenntnisse über die Mordserie gebracht. Zwar enthielten sie ausführliche Beschreibungen der Obduktionsergebnisse, die aber kaum Abweichungen voneinander zeigten. Jedes Mal waren die Obdachlosen zunächst mit einem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt worden und anschließend mit einem Holzprügel, vielleicht einem Baseballschläger, mit unglaublicher Brutalität erschlagen worden. Nach den Umständen der Fälle und dem Ausmaß der angewendeten Gewalt ging die Polizei von einem ziemlich kräftigen Mann als Täter aus. Ein ersichtliches Motiv fehlte und Zeugen gab es auch keine. Auch die bei den Mordopfern gefundenen DNA-Spuren erbrachten nichts, zum einen, weil es sich um ziemlich viele verschiedene DNA-Spuren handelte, zum anderen, weil es in der Mordserie keine DNA-Proben mit identem Code gab, die man dem unbekannten Täter hätte zuordnen können. Der Mörder war wohl sehr auf der Hut und trug mit großer Wahrscheinlichkeit Handschuhe.

Rumpler beschloss, auch die Zeitungsmeldungen zu der Mordserie zu studieren, und machte sich mithilfe seines Laptops auf die Suche. Der erste Mord war an einem Samstag am frühen Morgen entdeckt worden und laut Obduktionsbericht am Abend davor erfolgt, der nächste ebenfalls in der Abenddämmerung am darauf folgenden Montag. Der dritte Mord, jener am Totenvogel, war eine Woche später geschehen. Rumpler war über die sehr kurze Abfolge der Morde verblüfft. Gerade bei Serienmördern war es nach seiner Erfahrung häufig so, dass nach dem ersten Mord eine längere Pause folgte und sich erst mit der Zeit der Abstand zwischen den jeweiligen Morden verringerte. Hier war es umgekehrt. Interessant.

Rumpler zeichnete eine Zeitlinie in sein Moleskinbuch und markierte die Morde mit kräftigen Querstrichen. Beim Überfliegen der Nachrichten im Chronikteil der Zeitungen hielt er plötzlich inne. Irgendetwas hatte seine Aufmerksamkeit geweckt. Rumpler scrollte zurück und sah stirnrunzelnd die Meldung Junge Frau spurlos verschwunden. Der Artikel war an einem Dienstag, unmittelbar nach den Berichten über den zweiten Mord, erschienen. Das zugehörige Foto zeigte eine ausgesprochen hübsche junge Frau mit blasser Hautfarbe, einem vollen, sensiblen Mund, ausdrucksstarken Augen und fülligem blondem Haar, eine gewisse Anita Tolser. Aus dem Text war ersichtlich, dass sich der Freund der jungen Frau am Wochenende Sorgen gemacht hatte, weil er sie telefonisch nicht erreichen konnte und daher die Polizei kontaktiert hatte. Am folgenden Montag war es Arbeitskollegen von Anita Tolser ebenso ergangen und die Polizei startete ihre für Vermisste vorgesehenen Ermittlungsroutinen, allerdings ohne Erfolg. Die Tatsache, dass sich das Mobiltelefon der jungen Frau nicht orten ließ und zudem ihre Papiere, vor allem der Reisepass, in ihrer Wohnung gefunden wurden, ließen eher ein Verbrechen befürchten, als ein absichtliches Untertauchen. Jedenfalls blieb Anita Tolser spurlos verschwunden. Weder ihr aktueller Freund noch ihr Ex-Freund hatten zur Aufklärung ihres Verschwindens irgendetwas beitragen können. Die Zeitungen nutzten diesen Fall gleich für einen umfassenden Artikel über in Österreich spurlos verschwundene Personen, aber das war es dann auch schon.

Der dritte Mord im Obdachlosenmilieu, noch dazu am Totenvogel, war natürlich eine Sensation und verdrängte daher Anita Tolser aus den Zeitungen.

Rumpler griff zum Telefon und rief Moser an, der sich, wie gewohnt, sofort meldete. „Moser hier.“

„Hallo Stinker. Ich hätt gern eure Unterlagen zu der jungen Frau, die vor ungefähr zwei Wochen verschwunden ist, der Anita Tolser.“

„Das hat aber wirklich gar nichts mit den Obdachlosenmorden zu tun. Wir haben das schon genau abgeklärt.“

„Hab ich mir eh gedacht. Ich würds mir trotzdem gern anschauen.“

Moser seufzte resignierend. „Ist gut. Hast morgen früh Zeit für ein Frühstück im Café Rathaus? Dann bring ichs dir mit.“

„Passt neun Uhr für dich?“

„Bestens. Bis morgen.“

„Bis morgen, Stinker.“

*

6.

Am nächsten Morgen war Rumpler schon etwas früher ins Café Rathaus gekommen und zu seiner Freude war der angestammte Platz, den Moser und er während seiner Aktivzeit meistens benutzt hatten, frei, was er als gutes Omen nahm. Der Tisch stand in einer Fensternische, wobei der unter dem Fenster platzierte Heizkörper mit einem Messinggitter verkleidet war, das von den darauf abgestützten Ellbogen der Besucher sowohl spiegelnd blank poliert als auch etwas durchgebogen war. Während Rumpler noch darüber sinnierte, wie viel dieser über die Jahre immer deutlicheren Veränderung wohl auf sein und Mosers Einwirken zurückzuführen war, traf dieser ein, wie üblich mit seiner speckigen Aktentasche versehen, die er gleich nach der Begrüßung öffnete und ihr einen ziemlich dicken Packen Unterlagen entnahm, den er vor Rumpler hinlegte. „Das ist alles, was wir zur Tolser haben. Viel Lärm um nichts. Wirst sehen, das bringt nichts.“

„Danke, Stinker. Kennst mich eh. Ich muss mir alles selber anschauen.“

„Passt schon. Bist beim Rudi Schätter weiterkommen?“

„Nicht wirklich. Ich hab ihn besucht, er hat sich drüber gfreut, aber sagen hat er mir nichts können. Er ist ganz in seiner Kasperlwelt drin mit Greteln, Seppeln und Großmuttis. Du bist wahrscheinlich auch ein Seppel, so wie ich.“

Moser verdrehte die Augen und grunzte etwas Unverständliches. „Und was machst jetzt weiter?“

„Ich bleib einfach dran und werd ihn wieder besuchen. Schau ma mal. Wenn er wirklich was weiß, wird’s nicht leicht, das aus ihm herauszukriegen.“

„Wenns einer schafft, dann du“, meinte Moser, der Rumplers legendäre Geduld und Ausdauer bei ihren gemeinsamen Fällen zur Genüge kennengelernt hatte und auch durchaus schätzte, obwohl, oder vielleicht sogar, weil er selbst völlig anders gestrickt war – lebhaft und ungeduldig.

Nach dem Kaffeehausbesuch machte Rumpler noch einen Spaziergang im Volksgarten und freute sich über die blühenden Rosen und auch über die ihnen durch ihre Paten zugeordneten Widmungsschilder. Plötzlich ertappte er sich dabei, wie er den Spaziergängern, denen er begegnete, Rollen als Seppeln, Greteln, Hexen oder Großmuttis zuteilte, je nachdem. Die Seppeln waren tatsächlich, wie Rudi Schätter es gesagt hatte, in der Überzahl. „Viele Seppeln“, dachte Rumpler, „aber weit und breit kein Kasperl.“ Also nach seiner Einschätzung vermutlich einer, der das Unglück wenden konnte und allen Hoffnung und Zuversicht verhieß.

Rumpler machte sich auf den Heimweg. Als er die abgezählten zweiundsiebzig Stufen zu seiner Wohnung emporgestiegen war, leicht außer Atem, steckte seine alte Nachbarin den Kopf zur Tür hinaus und übergab ihm ein Paket, das sie für ihn übernommen hatte. Sie musste trotz ihrer gut achtzig Jahre noch über ein ausgesprochen feines Gehör verfügen, sonst hätte sie sein Kommen nicht gehört. Rumpler bedankte sich, übernahm das ziemlich voluminöse und gar nicht so leichte Paket und wurde schon an der Wohnungstüre von Rosamunde empfangen, die sich sofort dafür interessierte.

„Kriegst dann die Schachtel, Maus“, versprach er ihr, während er sich erfolglos bemühte, den ziemlich krakelig geschriebenen Absender zu entziffern. Schließlich half ihm der Poststempel weiter. Das Paket war von seinem Großcousin, dem Vater jenes Kevin, dessen Zeichnung nach wie vor auf Rumplers Schreibtisch stand.

Rumpler holte sein Taschenmesser aus dem Sack, ein ganz aus Metall bestehendes, unverwüstliches und extrem scharfes Messer, das zur Standardausrüstung der japanischen Polizei gehörte, mit einem schmalen Griff und einer gezahnten Klinge, die auch für kleinere Sägearbeiten durchaus geeignet war. Er hatte es einmal von einem japanischen Kollegen als Abschiedsgeschenk bekommen, als in Wien ein internationaler Polizeikongress stattgefunden und er den Japaner unter seine Fittiche genommen und ihm die Wiener Cafés und Heurigen nähergebracht hatte. Er schnitt die starken Klebebänder auf dem Paket mühelos auf. In dem Paket waren Äpfel, verschiedene Sorten, beileibe nicht alle perfekt in ihrem Aussehen, aber doch verführerisch anzusehen, und der Duft, der von ihnen aufstieg, machte Rumpler Lust, gelegentlich wieder das Waldviertel aufzusuchen. Das ziemlich raue Klima des Waldviertels vertrug sich eigentlich nicht sehr gut mit dem Anbau von Äpfeln, nur einige eher robuste Sorten hielten sich dort. Obenauf im Karton lag eine Karte mit einem Dank für den Besuch, die auch Kevin mit einer etwas wackeligen Schrift unterschrieben hatte.

Rumpler warf einen Blick auf die gerahmte Zeichnung auf seinem Schreibtisch und lächelte. Einen Teil der Äpfel würde er für einen gedeckten Apfelkuchen verwenden, mit den durch das Teigrad gezackten Teigstreifen kreuz und quer belegt, eine Herrlichkeit zum Kaffee. Den Kuchen würde er Alma mitbringen, die sich über Gekochtes oder Gebackenes immer freute, zum einen, weil er mit viel Sorgfalt und Erfahrung ans Werk ging, zum anderen, weil sie es von ihrem verstorbenen Mann, einem Bildhauer, nicht gewohnt gewesen war, so verwöhnt zu werden. Rumpler freute sich auf Kaffee und Kuchen mit Alma, im großen Wintergarten ihres schönen alten Hietzinger Hauses, von Skulpturen und großen Kübelpflanzen umgeben. Dieser Platz war für ihn ein Sehnsuchtsort, voller Harmonie, eine Insel, die Rettung verhieß, wenn Rettung nottat.

Mittlerweile hatte Rumpler die Äpfel alle aus dem Karton geholt, sie einzeln begutachtet und berochen und am Rand seines Küchentisches in einer Zweierreihe aufgelegt. Die geleerte Schachtel hatte er auf den Boden gestellt, wo sie sofort von Rosamunde bezogen wurde, die es liebte, sich in Schachteln, womöglich kleinen, in die sie kaum hineinpasste, häuslich einzurichten. Rumpler griff zum Handy und rief seinen Großcousin an, bedankte sich für die Äpfel und richtete auch an Kevin schöne Grüße aus, heilfroh darüber, dass dieser in sicherer Entfernung im Waldviertel weilte.

Während er einen Teil der Äpfel schälte und die Kerngehäuse entfernte, dachte er über die Obdachlosen nach, die sich mit dem Verkauf des Augustin über Wasser hielten und ihre in den letzten Jahren aufgetauchten ausländischen Konkurrenten. Nicht weit von Ferdls Standplatz hatte er einen Bettler beobachtet, wie sie in letzter Zeit immer öfter zu sehen waren, mit schweren und zum Teil schwersten Behinderungen, fehlenden Gliedmaßen, schrecklichen Verkrüppelungen. Dem etwa vierzigjährigen Mann, sofern sich sein Alter überhaupt korrekt schätzen ließ, hatte ein Bein gefehlt und sein Rücken wies zusätzlich eine schlimme Verkrümmung auf. Noch in der Erinnerung an diesen Anblick schauderte es Rumpler und er fühlte die Betroffenheit und wohl auch die diffusen Schuldgefühle eines weitgehend Gesunden gegenüber jemandem, der vom Schicksal so sichtbar getroffen war.

Mittlerweile waren alle Äpfel säuberlich geschnitten in einem großen Topf – mit Zimt, Zitronensaft und etwas braunem Zucker – und dünsteten unter verführerischem Duft bei eher schwacher Hitze vor sich hin. Die Herstellung des Teigs war für Rumpler kein Problem, so oft hatte er diesen Kuchen schon gemacht. Das Rezept dazu stammte noch von seiner Mutter, die in ihrer bemerkenswert schönen, schwungvollen Handschrift Zutaten und Herstellung genau beschrieben hatte.

Rumpler erinnerte sich an die Zeit, als er als Bub seiner Mutter beim Kuchenbacken zugeschaut hatte. Sein Blick hatte damals gerade auf den Küchentisch gereicht, auf dem sie den Teig auswalkte und mit dem gezackten Teigrad die einzelnen Streifen schnitt. Manchmal machte sie einen Fehler, ein kleines Stück Teig war plötzlich ganz schief geschnitten und dieses Stück schob sie dann ihrem Sohn zu, der schon wusste, dass solche Fehler zum Ritual des Kuchenbackens gehörten. Rumplers älterer Bruder mochte Süßes nicht sehr und war daher diesbezüglich glücklicherweise keine Konkurrenz für ihn gewesen.

Als der Kuchen schließlich im Rohr war, rief Rumpler Alma an. Sie hatte am Vormittag in ihrer Ordination gearbeitet und sollte daher am Nachmittag frei sein.

„Hallo Alma.“

„Schön dich zu hören, Lieber.“

Sie sagte Lieber, nicht Liebster, aber die Wärme ihrer Stimme, mit der sie es sagte, löste in Rumpler eine ganze Welle von Glücksgefühlen aus.

„Ich hätt einen Apfelkuchen. Hast Zeit und Lust, dann bring ich ihn vorbei?“ Er spürte ihr Lächeln bis in seinen Bauch hinein.

„Du bist ein Schatz. Passt vier Uhr für dich?“

„Bestens. Ich freu mich auf dich.“

„Ich freu mich auch.“

*

7.

Als Rumpler dann um Punkt vier Uhr vor dem wunderschönen runden Torbogen des alten Hauses stand, das Alma bewohnte, staunte er, wie rasch ihm dieses Haus vertraut geworden war, obwohl er es doch noch nicht einmal ein Jahr kannte. Es lag wohl daran, dass Almas ganzes Wesen dieses Haus für ihn so besonders machte, sehr einladend und auch ein wenig geheimnisvoll. Als sie ihm öffnete und nach dem Begrüßungskuss den Karton, in dem er den Kuchen für den Transport verpackt hatte, entgegennahm, schnupperte sie an dem Kuchen. „Der riecht ja fantastisch. Der Kaffee ist gleich fertig.“

Rumpler folgte ihr in den Wintergarten, wo der Rattantisch bereits gedeckt war. Sie genossen Kaffee und Kuchen weitgehend schweigend. Alma war eine Frau, mit der man beides gut konnte, schweigen und sprechen, je nachdem. Auch wenn sie beide schwiegen, war die Verbindung zwischen ihnen stark zu spüren. Nachdem sie sich gestärkt hatten, beugte sie sich vor und legte ihre Hand ganz leicht auf seine.

„Etwas hat dich erschreckt, Lieber. Willst mir davon erzählen?“

Er staunte längst nicht mehr über ihre Hellsichtigkeit und war einfach froh darüber, dass sie ihn auch ohne Worte verstand.

„Ich bin von den Kollegen gebeten worden, mich ein bissl bei den Obdachlosen umzuschauen und -zuhören, weißt eh, wegen der Morde, ich hab zu denen einen guten Draht, und da hab ich heute einen schwerbehinderten Bettler gesehen, mit nur einem Bein und einem völlig verkrümmten Rücken. Einfach schrecklich.“

„Es ist ganz normal, dass dich das erschreckt, Lieber. Es ist ja auch schrecklich.“

Rumpler wusste, dass Almas schon vor vielen Jahren verstorbener Vater im Krieg ein Bein verloren hatte.

„Wie war das für dich als Kind? Dein Vater hat ja auch nur ein Bein gehabt, aber du hast ihn halt nur so gekannt.“

„Er war mir ganz vertraut, so wie er war.“

„Aber wie geht man als Kind mit so was um?“

Sie lächelte das Lächeln, das Rumpler so sehr an ihr liebte, ein frohes und großzügiges Lächeln mit einem ganz leichten Anflug von Wehmut, aus dem Wissen um die Welt, so wie sie war.

„Kinder haben für so was ganz eigene Strategien. Mein kleiner Bruder …“, sie lächelte wieder, weil dieser kleine Bruder mittlerweile etwa fünfundvierzig Jahre alt war, „… konnte die Verwundung unseres Vaters nur ganz schwer ertragen. Er hat ihn daher in seiner Fantasie zu einer Art Actionheld umgemodelt und sich vorgestellt, seine Krücken wären in Wirklichkeit Schnellfeuergewehre, mit denen unser Vater jederzeit schießen und alle Schurken zur Strecke bringen konnte. Unser Vater hat das aber nicht wissen dürfen, denn er hat Waffen verabscheut. Also hat mein Bruder in seiner Fantasie die Krücken-Gewehre zusätzlich auch noch mit Schalldämpfern ausgestattet. Wenn wir mit dem Auto Ausflüge gemacht haben und mein Bruder hat ganz leise pffft gemacht, dann hab nur ich gewusst, dass er unseren Vater wieder einmal erfolgreich gegen das Böse hat kämpfen lassen.“

„Und wie war das bei dir?“

Sie schwieg kurz, bevor sie antwortete. „Ich hab begonnen, zu hinken.“

Rumpler blickte überrascht auf.

„Ich erzähl dir, wie das gekommen ist. Beim Gehen konnte mir mein Vater ja nicht die Hand geben, als ich noch klein war und an der Hand gehen musste, und so konnte er nur einen Zeigefinger wegstrecken, an dem ich mich mit meinen Fingern festgehalten hab, während er mit den Krücken ging. Ich hatte schon immer ein sehr gutes Gefühl für Rhythmus und so hab ich auch schnell den Takt seines Gehens in mich aufgenommen. Wenn er sich beim Gehen mit dem Fuß abgestoßen und die Krücken am Boden aufgesetzt hat, ist eine Schwebephase gekommen, die etwas länger war, als der nächste Schritt mit dem Fuß am Boden. Damit mein Vater nicht merken sollte, dass er nicht gleichmäßig gehen kann, hab ich mich dann perfekt an sein Gehen angepasst, immer mit einem schnelleren und einem langsameren Schritt. Und so hab ich begonnen zu hinken. Das ist mir auch später geblieben, als ich nicht mehr an der Hand gehen musste. In der Schule haben sie mich deshalb verspottet und Hatscherte zu mir gesagt. Ich hab damals ja gar nicht bewusst gespürt, dass ich hink, so normal ist mir das vorgekommen. Jahre später hat sich dann etwas ereignet, das alles für mich geändert hat. In der Schule gab es anlässlich eines Jubiläums ein großes Fest, bei dem auch ein getanztes Märchen, und zwar Dornröschen, geplant war. Ich war damals zwölf oder dreizehn Jahre alt und wollte unbedingt mitmachen. Als ich mich für das Vortanzen gemeldet hab, das Voraussetzung für die Teilnahme war, hat ein Bub aus meiner Klasse geschrien: Die Hatscherte will tanzen. Und alle haben gebrüllt vor Lachen. Ich wäre damals am liebsten gestorben vor Scham. Die Lehrerin hat mich nur mitleidig angeschaut, aber gesagt hat sie nichts. Zu Hause hab ich darüber nicht gesprochen, weil ich meine Eltern nicht belasten wollte, aber zum Glück gab es eine Schwester meines Vaters, zu der ich immer kommen konnte, wenn ich was gebraucht hab. Sie hat erstaunlich schnell herausgefunden, warum ich gehinkt hab, und hat mir etwas klargemacht, für das ich ihr noch heute dankbar bin. Ich hatte das Hinken, wenn auch nicht bewusst, meinem Vater geschenkt, aber es war jetzt an der Zeit, ihm das Tanzen anstatt des Hinkens zu schenken. Ich hab sehr viel geweint an diesem Abend, vor Traurigkeit, aber noch viel mehr vor Erleichterung. Meine Tante ist dann auch mit mir zu einer Tanzlehrerin gefahren und hat mir Privatstunden bezahlt, obwohl sie nur eine kleine Pension hatte. Das Hinken ist von mir abgefallen, ohne jede Mühe, wie ein Blatt im Herbst, und ich hab das Tanzen für mich entdeckt. Meine Eltern hatten von all dem keine Ahnung. Meine Tante hat mich dann auch zum Vortanzen begleitet. Ich war als Letzte dran. Für die anderen war die Entscheidung schon längst gefallen. Ich kann mich noch gut an das boshafte Getuschel erinnern, als ich auf die kleine Bühne gekommen bin. Dann hat die Musik eingesetzt und ich hab getanzt, aber schon nach kurzer Zeit ist die Musik wieder gestoppt worden. Erst hab ich gedacht, sie schicken mich gleich wieder weg, aber dann hab ich geweint vor Glück, als ich erfahren hab, dass ich die wichtigste Rolle, das Dornröschen, tanzen darf. Als dann der Abend der Vorführung da war, hat es meine Tante so eingerichtet, dass sie mit meinen Eltern bei den Zuschauern war und hat ihnen eingeredet, ich könnt nicht bei ihnen sein, weil ich beim Buffet aushelfen müsse. Dann ist der Vorhang aufgegangen, sie haben mich gesehen und ich hab gespürt, wie sie den Atem angehalten haben. An diesem Abend hab ich buchstäblich um mein Leben getanzt, auch um mein künftiges Leben. Am Ende der Vorstellung war es im Zuschauerraum für kurze Zeit totenstill, dann hat das Publikum getobt vor Begeisterung. Ich hab Standing Ovations bekommen. Ich glaub, ich hab meinen Vater noch nie so froh und so stolz gesehen wie an diesem Abend.“

Rumpler schwieg, bewegt von der Geschichte, die sie ihm anvertraut hatte, und auch dankbar dafür, dass es diese Tante in Almas Leben gegeben hatte. „Eigentlich braucht jedes Kind einen solchen Menschen“, dachte er, „jemanden, der mit Mut und Klugheit eingriff, wenn etwas im kindlichen Leben zu entgleisen drohte.“

Alma stand auf, ging die paar Schritte zu ihrem erhöhten Liegeplatz, der durch dicke Teppiche und farbige Kissen besonders einladend wirkte, und streckte ihm die Hände entgegen. „Komm her zu mir, Lieber, ein bissl sumpern.“

Er folgte ihr, nahm sie in die Arme, sie ruhten aneinandergeschmiegt und schon nach kurzer Zeit hatte sich ihr Atem in einem gemeinsamen Rhythmus zusammengefunden. Im Halbschlaf sah er sie dann wie in ihrer Erzählung als Kind vor sich, eine Prinzessin, die sich dem Tanzen völlig hingab und damit die Welt beschenkte.

*

8.

Für das nächste Treffen mit Rudi Schätter bereitete sich Rumpler sorgfältig vor. Dazu gehörte natürlich der Erwerb von zwei Packungen Manner Schnitten mit Zitronencremefüllung, eine davon in Reserve, falls Rudi Schätter vielleicht einen entsprechenden Heißhunger entwickeln sollte. Der schwierigere Teil der Vorbereitung spielte sich auf Rumplers Laptop und seinem Drucker ab. Er lud zahlreiche Fotos von den Gesichtern junger, hübscher Frauen herunter, veränderte alle auf ein einheitliches Format, stellte jeweils acht dieser Fotos auf einer A4-Seite zusammen und druckte sie aus. Zwei der Fotos zeigten Anita Tolser, die verschwundene junge Frau, von der er mehrere Fotos in dem kopierten Aktenkonvolut gefunden hatte, das ihm Moser zur Verfügung gestellt hatte.

Es dauerte mehrere Stunden, bis Rumpler mit dem Ergebnis seiner Arbeit wirklich zufrieden war, weil es ihm wichtig war, dass die anderen jungen Frauen auf den Bildern eine gewisse Ähnlichkeit mit Anita Tolser aufwiesen, ihr aber wiederum nicht allzu ähnlich waren. Zuletzt lagen vor ihm insgesamt fünf Blätter mit jeweils acht Frauenporträts, wobei auf zwei der Blätter Anita Tolser abgebildet war. Rumpler steckte die fertigen Blätter in ein großes Kuvert und bückte sich, um die vielen am Boden unter seinem Sessel liegenden Papierschnipsel einzusammeln, musste sein Vorhaben jedoch gleich wieder aufgeben, weil er feststellte, dass Rosamunde es sich auf den Papierabschnitten gemütlich gemacht hatte. Sie lag dort in einer unerschütterlichen Ruhe, die ihn gleichermaßen beeindruckte und rührte.

Als er allerdings bald darauf in die Küche ging, war Rosamundes kontemplative Phase blitzartig beendet und sie beeilte sich, ebenfalls rechtzeitig dort zu sein, um ihre Ansprüche auf Futter anzumelden. Nachdem er ihren Napf gefüllt hatte, hatte er es eilig, wieder ins Wohnzimmer zu kommen, um die Papierreste rechtzeitig vor Rosamundes Wiederkehr in den großen Papiersack, in dem er sein Altpapier sammelte, zu entsorgen.

Am nächsten Morgen ging Rumpler wie gewohnt zum Frühstücken ins Café Sperl. Er funkte der Kellnerin, Frau Maria, seine „wie üblich“-Bestellung, die eine Melange und zwei Buttersemmeln umfasste. Als Lektüre hatte er sich die Moserschen Aktenkopien mitgenommen, um sie noch ein weiteres Mal zu lesen. Frau Maria brachte sein gewünschtes Frühstück und warf dabei einen ganz kurzen, prüfenden Blick auf seine Unterlagen.

„Passens gut auf sich auf, Herr Kommissar.“

Er blickte überrascht auf, sah, dass sie seinen Lesestoff intuitiv richtig zugeordnet hatte, und lächelte. „Mach ich, Frau Maria.“

„Dann is es ja gut“, meinte sie nur, bevor sie sich wieder anderen Gästen zuwandte.

Er sah ihr nach, einer kleinen, drahtigen Person von knapp fünfzig Jahren mit einem energischen Gang. Was Rumpler ganz besonders an ihr schätzte, war ihre völlig unaufdringliche und trotzdem sehr wirksame Aufmerksamkeit, eine Eigenschaft, die heutzutage immer seltener und damit auch wertvoller wurde. Frau Maria erkannte sofort, wenn ein Gast etwas brauchte.

Rumpler machte genussvoll den ersten Schluck von seiner Melange, nachdem er, seiner Gewohnheit entsprechend, vorher an seinem Kaffee mit Genuss gerochen hatte, und vertiefte sich dann zum zweiten Mal in die Unterlagen. Er las sehr sorgfältig die Beschreibung von Anita Tolser, las über ihre Lebensumstände, zu denen auch ihre weitgehende Entfremdung von ihrer Familie gehörte, was erklären mochte, dass ihr Freund und ihre Arbeitskollegen sie als vermisst gemeldet hatten, nicht aber ihre Eltern. Rumpler las auch die eher spärlich gehaltene Geschichte ihres Verschwindens. Zwei junge Männer hatten in Anita Tolsers Leben eine Rolle gespielt. Zum einen ein gewisser Konrad Kraufer, der angehende Chef des Unternehmens Kraufer-Baustoffhandel, mit dem Frau Tolser befreundet gewesen war, zum anderen ein Franz Locher, der Ex-Freund der Vermissten, der aus sehr einfachen Verhältnissen stammte. Kraufer hatte als Erster der Polizei gemeldet, dass Anita Tolser abgängig war, und er war es auch gewesen, der der Polizei einen Hinweis auf ihren Verflossenen Franz Locher gegeben hatte. Locher hatte sich durch sein Verhalten nach der Trennung von Anita Tolser verdächtig gemacht, weil er seinerzeit nächtelang vor dem Haus der Kraufers auf- und abgegangen war und ihre Wohnung beobachtet hatte. Das war Nachbarn aufgefallen und sie hatten sich an die Polizei gewandt, die ihn aufgefordert hatte, die Gegend künftig zu meiden.

Nach dem Verschwinden von Anita Tolser wechselten sich in seinem Verhalten gegenüber der Polizei Phasen von herablassender Überheblichkeit mit solchen von umfangreichen Selbstbeschuldigungen ab. Bei einer Vernehmung bezichtigte sich Locher ausdrücklich der Schuld an Anita Tolsers Verschwinden, ohne das aber in irgendeiner Weise näher zu erläutern. Wie Rumpler den Unterlagen entnehmen konnte, wurde er daraufhin von der Polizei ziemlich in die Zange genommen und sollte sich nach einem umfangreichen Verhör am darauf folgenden Tag wieder bei der Polizei melden, was er aber nicht tat. Als er daraufhin polizeilich gesucht wurde, stellte sich heraus, dass er sich auf dem Dachboden seines Elternhauses, in dem er mit seiner Mutter gelebt hatte, nachdem der Vater schon vor Jahren verstorben war, erhängt hatte. Es gab zwar keine unmittelbaren Beweise für seine Schuld, aber er hatte immerhin einen Abschiedsbrief hinterlassen, aus dem hervorging, dass er sich für das Verschwinden von Anita Tolser verantwortlich gefühlt hatte. Was hingegen völlig offenblieb, war die Frage nach Anita Tolsers Leiche, falls sie denn umgebracht worden war. Von Frau Tolser fehlte weiterhin jede Spur. Nach dem Selbstmord Franz Lochers waren in einigen Zeitungen Mutmaßungen über einen Zusammenhang mit dem Verschwinden von Anita Tolser geäußert worden, denen Lochers Mutter in einem Exklusivinterview energisch entgegengetreten war. Rumpler beschloss, wenn irgendwie möglich, mit ihr zu sprechen. Als entsprechender Anknüpfungspunkt konnte ihm dieses Interview dienen und als Begründung für sein Interesse konnte er anführen, dass auch er von der Unschuld Lochers überzeugt sei, aber als Ex-Polizist natürlich nicht mehr in die offiziellen Ermittlungen involviert war, sondern höchstens inoffiziell recherchieren könnte.

Konrad Kraufer, der aktuelle Freund der Verschwundenen, war ebenfalls von der Polizei genau durchleuchtet worden, wobei aber für ihn sprach, dass er selbst als Erster gemeldet hatte, dass Anita Tolser abgängig war. Des Weiteren hatte sich einwandfrei belegen lassen, dass er in dem Zeitraum, in dem Frau Tolser verschwunden sein musste, in der Firma seines Vaters mit einer dringenden Projektarbeit beschäftigt gewesen war. Die Firma Kraufer-Baustoffhandel hatte ein elektronisches Stechuhr-System, das ohne jeden Zweifel bestätigte, ob ein Mitarbeiter der Firma zu einem bestimmten Zeitpunkt anwesend war oder nicht.

Rumplers Gedanken kehrten wieder zu Hedwig Locher zurück. Es war ihm klar, dass er sich mit einem Besuch bei ihr gleich mehrfach auf heikles Terrain begeben würde. Es konnte nämlich durchaus sein, dass Frau Locher seine Recherchen missbilligen würde und sich vielleicht bei seinen Ex-Kollegen über ihn beschwerte. In diesem Fall hätte er wohl einige Mühe, ihnen zu erklären, warum er solche privaten Nachforschungen anstellte. Noch viel heikler war allerdings die Möglichkeit, dass Frau Locher aufgrund seiner Kontaktnahme wieder Hoffnung schöpfte, dass ihr verstorbener Sohn durch Rumplers Aktivitäten rehabilitiert werden würde und er diese Hoffnungen einer verzweifelten Mutter vielleicht benutzte, letztlich aber würde enttäuschen müssen. Objektiv sprach also vieles gegen den Besuch, eigentlich alles, außer Rumplers Gefühl, das ihm sagte, dass es genau jetzt richtig wäre, diese schwierige Mission zu unternehmen. Er überlegte noch kurz, anstelle von Frau Locher Rudi Schätter zu besuchen und ihm die vorbereiteten Fotos vorzulegen, entschied sich aber dann doch dagegen und beschloss, Frau Locher anzurufen. Weil er im Café Sperl, wie auch in anderen Kaffeehäusern, wenn es nur irgendwie möglich war, grundsätzlich nicht telefonierte, weil ihm das wie ein Sakrileg vorgekommen wäre, winkte Rumpler der Kellnerin, zahlte und ging, um seinen Plan zu Hause weiter zu verfolgen, nicht ohne das Café Sperl mit einem dankbaren Blick zu durchwandern, jenes von seiner wechselvollen Geschichte förmlich imprägnierte Kaffeehaus, das während der Besatzungszeit sogar schon als Stall für die Pferde russischer Soldaten hatte herhalten müssen.

Zu Hause verköstigte er zunächst Rosamunde mit einer kleinen Mahlzeit und holte anschließend sein Telefonbuch hervor. Rumpler war einer jener immer seltener werdenden Kunden der Post, die noch ein papierenes Telefonbuch hatten. Er schlug unter Hedwig Locher nach, fand zwei Frauen ihres Namens, wusste aber aufgrund des Moserschen Protokolls, dass es sich nur um jene Hedwig Locher handeln konnte, die in Simmering, und zwar in der Kaiserebersdorfer Straße unter einer der höheren Hausnummern wohnte. Rumpler speicherte zunächst Frau Lochers Telefonnummer und Adresse in den Kontaktdaten seines Handys und tippte dann die Nummer an, während er Rosamundes Stirn kraulte, was er die Mütze machen nannte. Rosamunde liebte es, die Mütze gemacht zu bekommen. Sehr. Zumindest meistens.

Erst nach mehrmaligem Läuten meldete sich eine leicht kratzige Frauenstimme. „Hallo.“

„Guten Morgen. Mein Name ist Rumpler, Johann Rumpler. Spreche ich mit Frau Locher?“

Sie reagierte mit einer Gegenfrage, ohne auf seine Frage auch nur im Geringsten einzugehen. „Und was wollen Sie?“

„Frau Locher, ich hab Ihr Interview über Ihren Sohn gelesen und würde gern mit Ihnen sprechen. Ich bin pensionierter Kriminalbeamter und war daher in die polizeilichen Untersuchungen nicht einbezogen. Es gibt für mich aber ein paar Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Frau Tolser und ich würde gerne noch einige private Recherchen dazu anstellen.“

„Ich glaub, das bringt nichts mehr. Mein Bub ist tot und die Zeitungen werden ihre Anschuldigungen nicht aufgeben. Für die ist und bleibt er ein Mörder.“

„Frau Locher, ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich etwas herausfinden werde, was die Unschuld Ihres Sohnes beweist. Ich kann Ihnen aber versprechen, dass ich die Angelegenheit in alle Richtungen sehr sorgfältig untersuchen würde – aber natürlich nur, wenn Ihnen das auch recht ist.“ Obwohl er seine Gesprächspartnerin nicht sehen konnte, spürte Rumpler in der Pause, die plötzlich eintrat, dass sich die Stimmung von Frau Locher zu seinen Gunsten verschoben hatte.

„Können wir uns treffen?“

„Ja, sicher. Wo wäre es Ihnen denn recht?“

„Kennen Sie den Enkplatz in Simmering? Ganz in der Nähe ist ein Kaffeehaus, in das ich manchmal geh. Und bringen Sie einen Ausweis mit, damit ich weiß, dass Sie wirklich früher bei der Kripo waren und nicht ein Zeitungsreporter sind. Von denen hab ich nämlich wirklich genug.“

„Natürlich. Wann wär Ihnen denn das Treffen recht?“

„Morgen früh um neun Uhr. Das Café heißt Hagel. Melden Sie sich beim Kellner, wenn Sie da sind, und er bringt Sie dann zu mir.“

„Das mach ich. Danke, Frau Locher, und bis morgen.“

„Bis morgen.“

Rumpler atmete auf. Die ärgste Hürde war geschafft. Er nahm sein Moleskinbuch zur Hand, blätterte es durch und machte noch einige Eintragungen, bevor er sich den in den letzten Tagen etwas vernachlässigten Erfordernissen seines Haushalts widmete.

*

9.

Der ziemlich große Enkplatz, der von einer mächtigen hellen Kirche mit zwei Türmen dominiert wurde, lag etwas zurückversetzt an der sehr belebten Simmeringer Hauptstraße. Rumpler kannte die Gegend von seinen früheren Einsätzen her, aber das Café Hagel selbst kannte er nicht. Es war eigentlich kein klassisches Café, eher das, was man früher gern als Espresso bezeichnet hatte, weil das moderner klang. Schon von außen verströmte es das Flair der Sechziger Jahre und kaum war Rumpler eingetreten, als sich für ihn dieser Eindruck noch weiter verstärkte. Über dem Tresen war ein Leuchtschild mit einer Werbung für Santora Kaffee angebracht, auf den Resopaltischen standen leicht verstaubte Kunstblumen und die Leuchten des Cafés waren aus Plexiglas. Trotz seines wenig einladend wirkenden Äußeren war das Café Hagel ziemlich gut besucht. Hier kannte wohl jeder jeden und bei Rumplers Eintreten blickten alle neugierig auf. Er ging zum Kellner, der hinter dem Tresen hantierte, einem mageren Mann mit einem leicht gekrümmten Rücken und schweren Augenlidern, der Rumpler nur ganz kurz taxierte und ihn dann sofort ansprach. „Is irgendwas net in Ordnung, dass die Polizei zu uns kommt?“

Als junger Polizeibeamter hatte Rumpler noch darüber gestaunt, mit welcher Treffsicherheit die Tätigkeit bei der Polizei ihm und seinen Kollegen speziell durch Kellner und Kellnerinnen zugeordnet wurde, mittlerweile aber kam ihm das völlig normal vor.

„Nein, nein, alles in Ordnung. Ich bin schon in Pension und treff mich hier mit Frau Locher.“

„Aber Sie waren bei der Polizei.“

Es war eine mit großer Sicherheit getroffene Feststellung, keine Frage.

„Ja.“

„Hab ich mir gleich gedacht. Da bleibt immer was zurück, ob Sie wolln oder nicht. Ich bring Sie jetzt zur Frau Locher.“

Rumpler folgte dem Kellner, der ihn zu einem in der Ecke des Lokals stehenden Tisch führte, an dem eine ältere Frau mit glanzlosem grauem Haar, deutlich eingekerbten Mundwinkeln und müden Augen saß. Ihre abgearbeiteten Hände, die sie vor sich auf dem Tisch liegen hatte, zitterten leicht. Rumpler begrüßte sie und zog seinen Ausweis hervor.

Sie winkte ab. „Is schon gut. Ich hab schon gsehn. Das passt schon.“

Rumpler, dessen Äußeres meistens vertrauenserweckend wirkte, sah, dass sie bisher nur ein Achtel Sodawasser, also vermutlich die billigste Konsumation auf der Speisekarte, vor sich stehen hatte. „Möchten Sie einen Kaffee oder vielleicht auch eine Kleinigkeit zum Essen dazu?“

„Eine Melange, bitte. Zum Essen mag ich nichts.“

Rumpler bestellte ihren gewünschten Kaffee und für sich sein übliches Vorsichtsgetränk in ihm unbekannten Kaffeehäusern – einen kleinen Espresso. Quasi zur Probe. Bevor er sich auf eine Melange einließ.

Noch bevor der Kellner das Gewünschte gebracht hatte, setzte sich Frau Locher ganz nach vorne auf die Sesselkante und sah Rumpler mit einer irritierenden Direktheit in die Augen. „Warum interessiern Sie sich für den Fall?“

„Ich war über zwanzig Jahre bei der Kripo tätig. Mit der Zeit entwickelt sich da ein Gefühl, ob ein Fall wirklich gelöst und damit auch abgeschlossen ist. Hier hab ich dieses Gefühl nicht.“ Rumpler hielt kurz inne, bevor er fortfuhr. „Ich glaub, den Zeitungen hat der Tod Ihres Sohnes“, er vermied ihr gegenüber das Wort Selbstmord, „ganz einfach in den Kram gepasst und sie haben eine Geschichte draus gemacht. Für mich sind das alles nur Spekulationen und ich hätt gern Gewissheit.“

Sie seufzte. „Das würd ich mir weiß Gott auch wünschen. Mein Bub hätt nie und nimmer wen umbracht, da bin ich mir ganz sicher, aber ich hab trotzdem so ein komisches Gefühl, weil er hat sich ja bei der Polizei und auch mit seinem Abschiedsbrief selbst beschuldigt.“

„Frau Locher, wenn ich mir einen Fall anschau, dann weiß ich nie, wie das ausgeht. Vielleicht kommt heraus, dass ihr Sohn tatsächlich was mit dem Verschwinden von Frau Tolser zu tun gehabt hat. Ich kann das nicht ausschließen.“

Sie schüttelte fast unwillig ihren Kopf. „Das versteh ich schon. Es kann natürlich sein, dass ich als Mutter blind bin für die Wahrheit. Es wär mir aber trotzdem recht, wenn Sie sich das Ganze noch einmal anschauen täten.“

„Wissen Sie vielleicht, wie Ihr Sohn Frau Tolser kennengelernt hat?“

„Ich glaub, das war in Oberösterreich oder Salzburg vor gut zwei Jahren. Mein Bub hat in den Ferien in einem großen Hotel als Aushilfskellner gearbeitet, weil er hat das Geld für sein Studium gebraucht. Frau Tolser war dort als Gast und da hat er sich halt in sie verliebt. Sie war ja wirklich sehr hübsch. Er hat mir damals ein paar Fotos von ihr gezeigt und wie sie verschwunden ist, waren auch Bilder von ihr in den Zeitungen.“

„Wie ist es eigentlich zur Trennung zwischen den beiden gekommen?“

„Ich glaub, es hat nach ungefähr zwei Jahren, die sie zusammen waren, einen ziemlichen Krach zwischen den beiden gegeben. Eigentlich wegen einem Schmarrn. Mein Bub hat Geld gebraucht, sie wollt es ihm geben und er hat gedacht, dass sie das nur aus Mitleid tut, und hat es nicht angenommen. Er konnte sehr stolz sein und furchtbar hart. Ich glaub, er hat ihr gesagt, dass er von ihr keine Almosen will oder so ähnlich. Sie hat sich anscheinend sehr darüber geärgert und ist gleich nach dem Streit mit einem Neuen, er hat Konrad geheißen, wenn ich mich richtig erinner, ausgegangen. Das hat mein Bub mitbekommen und ab da wars ganz aus mit ihm. Er hat nicht viel drüber gredt, schon gar nicht mit mir, aber ich glaub, die Trennung hat ihn furchtbar getroffen. Mir gegenüber war er ja eher verschlossen. Zu Haus hab ich ihn in dieser Zeit kaum gsehn. Vielleicht weiß der Alex mehr, der Alex Kucera. Das war sein bester Freund.“

„Glauben Sie, dass ich mit ihm sprechen könnte?“

„Ich denk schon. Er is ein Netter, der Alex, ein ganz junger Tischlermeister. Er hat seine Tischlerei ziemlich weit unten auf der Kaiserebersdorfer Straße. Ich ruf ihn an und werd ihm sagen, dass er mit Ihnen sprechen soll.“

„Danke. Wenn ich was herausfinden sollte, ruf ich Sie an.“

„Ich glaub nicht wirklich, dass das noch was bringt, aber Sie können es ja probieren.“

Rumpler hütete sich, dieser doch ziemlich resignativen Einschätzung zu widersprechen, um sie nicht herauszufordern und damit vielleicht sein ganzes Vorhaben zu gefährden.

„Das mach ich.“

Rumpler gab ihr eine Karte mit seiner Telefonnummer, verabschiedete sich von ihr, zahlte und ging, während sie noch im Lokal blieb, vielleicht, um dem Kellner noch etwas über ihn zu erzählen.

Er fuhr die Simmeringer Hauptstraße stadteinwärts. Früher hatte er diese Straße gemocht. Sehr. Es hatte dort eine ganze Reihe gestandener Wirtshäuser gegeben, die auf kreidebeschriebenen Tafeln mit gerösteter Leber, Beuschel mit Knödel und oft auch original Hauerweinen Gäste einluden. Zudem hatte es eine Reihe kleinerer Geschäfte gegeben und auch die eine oder andere Fabrik. Jetzt war die Straße von Wettcafés, Billigläden und Handyshops dominiert, die aus Rumplers Sicht alle dasselbe taten, so verschieden sie auch sein mochten, nämlich die Süchte der Menschen bedienen. Beim Übergang in den dritten Bezirk begann sich das Bild zu ändern und Rumpler atmete auf.

Zu Hause angekommen, wurde er, kaum dass er die Wohnungstüre aufgesperrt hatte, von Rosamunde zur Rede gestellt. Er hatte ihr nichts mitgebracht, das war nicht zu leugnen. Während er für sie zur Wiedergutmachung ein Stück tiefgekühlten Fisch aufwärmte, setzte sie sich auf ihren Platz in der Küche und überwachte seine Vorbereitungen mit strengem Blick. Als dann ihre Mahlzeit schließlich fertig vor ihr stand und verführerisch duftete, war es mit ihrem Groll vorbei und sie schlug sich den Bauch voll.

Kaum hatte Rumpler Zeit gehabt, sich einen Espresso, ausnahmsweise diesmal sogar einen doppelten, zu richten, als sein Mobiltelefon läutete.

Es war Frau Locher. „Herr Rumpler?“

„Ja, Frau Locher. Rumpler hier.“

„Hallo. Ich hab jetzt mit dem Alex Kucera gesprochen. Sie können ihn jederzeit anrufen.“ Sie gab ihm die Nummer durch.

„Danke, Frau Locher. Wenn ich etwas Neues in Erfahrung bringen sollte, meld ich mich bei Ihnen.“

„Ich glaub nicht, dass was rauskommt.“

Rumpler gab auch diesmal Acht, sich nicht von ihrer resignativen Stimmung anstecken zu lassen, und rief sofort Kucera an. Er musste sein Telefon ziemlich oft läuten lassen, bis sein Anruf beantwortet wurde. Sein Gesprächspartner war etwas außer Atem.

„Kucera“

„Guten Tag, Herr Kucera. Mein Name ist Rumpler, Johann Rumpler.“

„Ich weiß schon. Frau Locher hat Sie angekündigt. Sie wollen mit mir über den Franz sprechen.“

„Ja, genau. Vielleicht können wir uns treffen, wenns Ihnen recht ist in einem Kaffeehaus?“

„Wie schauts bei Ihnen morgen am späteren Nachmittag aus? Ich beginn morgen früher und wäre ab vier Uhr Nachmittag frei.“

„Bestens. Welches Kaffeehaus wär Ihnen denn recht?“

„Ich hab morgen noch was auf der Mariahilfer Straße zu erledigen und da würd für mich das Café Ritter gut passen.“

„Ausgezeichnet. Geht fünf Uhr für Sie? Und wie kann ich Sie erkennen?“

„Ich bring meinen Hund mit, einen Jack Russel Terrier. Er ist stark gefleckt und schaut aus wie der Hund vor dem Grammophon von His Masters Voice, wenn Sie das kennen. Und fünf Uhr passt sehr gut. Vielleicht verspäte ich mich auch, aber höchstens um ein paar Minuten.“

„Kein Problem. Dann bis morgen.“

„Bis morgen.“

*

10.

Rumpler freute sich über die Wahl des Kaffeehauses. Das Café Ritter hatte er zwar bei Weitem nicht so oft besucht wie das Café Rathaus oder das Sperl, aber nichtsdestotrotz war es für ihn eine ganz wichtige Wiener Institution, an der es überhaupt nichts zu ändern gab. Rumpler erinnerte sich, dass er eine Zeit lang Zeitungsartikel gelesen hatte, nach denen der Fortbestand des Café Ritter gefährdet war. Er hatte diese Meldungen nicht ohne Sorge verfolgt und ihr späteres Ausbleiben mit Erleichterung zur Kenntnis genommen.

Am nächsten Tag war Rumpler schon etwa zwanzig Minuten vor dem Termin im Kaffeehaus. Was er sah, beruhigte ihn sofort. Es war noch alles beim Alten. Rumpler bestellte eine Melange. Während er auf Alex Kucera wartete, dachte er an Ferdinand Weitel in einer unbestimmten Sorge, wohl weil der Obdachlosenmörder noch immer nicht gefasst war und die Polizei eigentlich auch noch keinerlei brauchbare Anhaltspunkte hatte. Objektiv gesehen war Weitel sicher weniger gefährdet, als andere Obdachlose, weil er einen Hund hatte, der ihn bei Gefahr warnen würde, aber was nützte das bei einem kaltblütigen, zu allem entschlossenen Mörder? Rumpler kannte solche Ängste noch aus seiner Aktivzeit, Ängste, die unerwartet und plötzlich aufstiegen wie Nebelschwaden und die die klare Sicht trübten. In seinen frühen Dienstjahren war er immer sehr energisch gegen solche Ängste vorgegangen, hatte sie ausdrücklich von sich gewiesen, sie quasi ausgesperrt, mit dem Ergebnis, dass sie in etwas veränderter Form oder zu einem anderen Zeitpunkt stärker als zuvor wiedergekommen waren. Erst Jahre später hatte ihm ein Gespräch mit seinem hoch verehrten, mittlerweile verstorbenen älteren Kollegen Anton Brunner geholfen, mit seinen Ängsten um Menschen, die ihm wichtig waren, anders umzugehen.

„Hans, die Angst musst reinlassen, damit sie wieder gehn kann“, hatte ihm Brunner damals gesagt.

„Wie meinen Sie das, Herr Brunner?“ Obwohl dieser Hans duzte, hatte Rumpler aus Respekt vor dem älteren Kollegen Sie zu ihm gesagt.

„Wennst die Angst aussperrst, strengst dich nur an – und das bringt doch nichts. Also lass sie rein, schau sie an und akzeptier einfach, dass sie da ist. Dann kannst sie auch wieder gehen lassen.“

Rumpler schreckte vor dieser Vorstellung zurück wie ein scheuendes Pferd. „Ich fürcht, ich werd die Angst dann nie wieder los, wenn ich sie erst reinlass.“

„Is schon klar. Probiers einfach aus. Es wird dir guttun.“

Und es hatte ihm gutgetan, das Gespräch mit Brunner, und vor allem der Rat, den er dabei erhalten hatte.

Rumpler blickte auf, als er aus dem Augenwinkel einen Mann mit Hund durch das Lokal gehen sah. Es war ein Jack Russel Terrier, genauer gesagt ein Parson Russel Terrier, ein für diese Hundeart eher hochbeiniger Typ. Er stand auf und ging Kucera ein paar Schritte entgegen. Bei der Begrüßung staunte Rumpler, der etwa einen halben Kopf größer als Kucera war, über dessen beinahe suppentellergroße Hände, die deutlich größer waren als seine eigenen.

„Danke, dass Sie gekommen sind, Herr Kucera.“

„Gerne.“

Rumpler hockte sich kurz auf den Boden, um auch den Hund zu begrüßen, hielt dabei aber etwas Abstand, um ihn selbst entscheiden zu lassen, ob er ihn kennenlernen wollte oder nicht. Er wollte. Wie schon zahlreiche Hunde vor ihm war auch er über Rosamundes Geruch an Rumplers Händen entzückt. Rumpler lächelte, stand wieder auf und sie gingen zu dem bei einem Fenster gelegenen Tisch, den Rumpler wegen des Hundes so ausgesucht hatte, dass weder Gäste noch Kellner daran vorbeigehen mussten.

„Sie kennen sich mit Hunden aus“, stellte Kucera fest.

„Wieso meinen Sie?“

„Wegen dem Tisch, den Sie ausgsucht haben. Er liegt so, dass der Hund nicht gstört wird, und ich glaub, dass das kein Zufall ist.“

„Da ist schon was dran. Ich hab zwar nur eine Katze und keinen Hund, aber ich versteh mich auch mit Hunden eigentlich sehr gut.“

„Das sieht man. Mein Artus war ja auch gleich interessiert.“

Sie gaben ihre Bestellung auf, wobei Rumpler, von seiner ersten Melange ermutigt, gleich eine zweite nebst zwei Buttersemmeln bestellte, während Kucera einen doppelten Espresso und ein großes Glas Leitungswasser nahm.

„Herr Kucera, ich weiß nicht, wie genau Sie Frau Locher über mich informiert hat. Ich bin ehemaliger Kriminalbeamter, schon seit ein paar Jahren in Pension und ich bin über die Zeitungen auf das Verschwinden von Frau Tolser aufmerksam geworden. Ich hab auch das große Interview von Frau Locher gelesen, in dem sie ihren Sohn gegen die Vorwürfe der Medien verteidigt hat. Für mich ist der Fall noch immer offen und so etwas lässt mir einfach keine Ruhe.“

Die Kaffeeschale verschwand fast zur Gänze in Kuceras Hand, als er sehr sorgfältig und bewusst den ersten Schluck machte. Dann sah er Rumpler ruhig und ein wenig nachdenklich an. „Ich glaub Ihnen das. Aber ich glaub auch, dass da noch mehr dahinter ist, was Sie mir aber nicht sagen können oder wollen.“

„Können Sie das akzeptieren?“

„Ja, das kann ich. Aber nur unter der Voraussetzung, dass Sie der Frau Locher nicht wehtun. Sie hat es schon schwer genug gehabt.“

„Darüber hab ich auch schon nachgedacht und auch mit Frau Locher gesprochen. Bei meiner Profession gibt es keine Sicherheit, ich kann nicht versprechen, was dabei herauskommt, aber ich glaub, sie hat das gut verstanden und ist damit einverstanden.“

Der Hund hatte sich mittlerweile unter dem Tisch einen Platz gesucht und seinen Kopf auf Rumplers linker Schuhspitze abgelegt.

„Herr Rumpler, was wollen Sie wissen?“

„Was war Franz Locher für ein Mensch?“

„Ein ziemlich schwieriger. Hochanständig, aber auch sehr selbstbewusst und stolz, trotz, oder vielleicht auch gerade wegen seiner finanziellen Nöte, dass es fast schon absurd war. Ich hab ihn im Gymnasium kennengelernt und wir haben gemeinsam maturiert, bevor ich zur Tischlerei gegangen bin und er begonnen hat, Psychologie zu studieren. Er wollt immer alles ganz genau ergründen und konnte nächtelang über etwas nachgrübeln, das ihn beschäftigt hat. Was aber immer wieder bei ihm durchgekommen ist, war sein Gefühl, für praktisch alles verantwortlich zu sein. Wenn seine Mutter einmal krank war, hat er gemeint, er sei daran schuld, oder eben auch zuletzt, als die Anita verschwunden ist, hat er sich selbst die Schuld daran gegeben.“

„Hat er einen großen Freundeskreis gehabt?“

„Nein, gar nicht. Er hatte gelegentlich Kontakt mit ein paar Studienkollegen, aber ich war eigentlich sein einziger Freund. Mit mir hat er auch noch gesprochen, als die Anita verschwunden ist, weil er hat sich damals furchtbar aufgeregt und wollte aber damit seine Mutter nicht belasten.“

„Was hat ihn damals eigentlich so stark getroffen? War es die Trennung von Frau Tolser?“

„Das natürlich auch. Aber ganz schwer war für ihn, dass sie sich gleich nach der Trennung mit diesem Konrad Kraufer getroffen hat. Der Franz hat ihn nicht wirklich gut gekannt, nur ein- oder zweimal getroffen, aber er war felsenfest davon überzeugt, dass er ihr nicht guttut oder womöglich sogar gefährlich für sie ist. Die Kraufers stinken ja vor lauter Geld und sie haben im vierten Bezirk, in der Nähe vom Belvedere, eine Wohnung. Wenn sich der junge Kraufer und die Anita dort getroffen haben, ist der Franz unten auf der Straße auf- und abgegangen, um auf sie aufzupassen, wie er gesagt hat. Ich wollt ihm das ausreden, aber ohne Erfolg, und er hat ja dann auch Schwierigkeiten mit der Polizei bekommen, weil sich die Nachbarn aufgeregt haben, dass jemand in der Nacht ihr Haus beobachtet. Er wär ein Stalker, haben sie bei der Polizei gesagt, und er müsst froh sein, wenn er ohne Anzeige davonkommt. Er war ein paar Tage lang völlig verzweifelt und ist dann am Abend vor seinem Tod zu mir gekommen und hat gesagt, dass er die Anita nicht mehr erreichen kann. Bis dahin haben sich die beiden, obwohl sie sich doch so verkracht haben, gelegentlich ein SMS geschickt. Ich hab ihm gut zugeredet, wie einem kranken Ross, hab ihm auch noch vorgeschlagen, dass er bei mir übernachten kann, aber er hat sich verabschiedet und ist gegangen. Am nächsten Tag hat mich seine Mutter angerufen und gesagt, dass er sich umbracht hat.“

„Halten Sie es für möglich, dass er mit dem Verschwinden von Frau Tolser etwas zu tun gehabt hat?“

„Nein, ganz sicher nicht. Er hat sich zwar selbst beschuldigt, immer wieder, aber das war ja überhaupt ein Wesenszug von ihm, dass er sich für buchstäblich alles verantwortlich gefühlt hat.“

Eine Erinnerung an seine Gymnasialzeit stieg in Rumpler auf, das Bild eines riesenhaften Mannes aus der griechischen Mythologie, der die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern trug. Der Riese Atlas.

„Hat er eigentlich irgendwelche Aufzeichnungen gemacht, vielleicht so etwas wie ein Tagebuch?“, fragte Rumpler einer plötzlichen Eingebung folgend.

Das Zögern in der Antwort seines Gegenübers war nur minimal, bevor dieser verneinte, aber doch lange genug, um seine volle Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Er beschloss, das Thema offen anzusprechen. „Herr Kucera, ich respektiere, dass Sie Ihren verstorbenen Freund schützen wollen. Ich gebe Ihnen aber auch zu bedenken, dass etwas, das Sie vielleicht als für ihn belastend empfinden, eventuell eine neue Sicht auf den Fall ergeben kann. Ich halte es für möglich, dass er Ihnen vor seinem Tod etwas übergeben hat. Es liegt ganz bei Ihnen, ob Sie es mir anvertrauen wollen.“

„Ich glaub, Sie waren wirklich gut in Ihrem Beruf, Herr Rumpler“, sagte Kucera entwaffnet, griff in seine Tasche, zog ein mittelgroßes, schwarz gebundenes dünnes Buch heraus und gab es Rumpler.

„Danke für Ihr Vertrauen.“

„Der Franz hat mir das Buch am Abend vor seinem Selbstmord gegeben und gesagt, ich soll es nehmen. Bei sich zu Hause wollt er es nicht mehr lassen, damit seine Mutter nicht vielleicht zufällig darauf stößt und sich dann noch mehr Sorgen macht.“

„Haben Sie es gelesen?“

„Ja, aber ich hab nicht alles verstanden, und es gibt tatsächlich einige Stellen bei seinen Eintragungen, die den Franz für Außenstehende mit Sicherheit verdächtig gemacht hätten.“

„Ich werd sorgfältig damit umgehen und Sie bekommen es von mir wieder zurück.“

„Danke.“

Rumpler schlug vor, die Rechnung zu übernehmen, was Kucera aber dankend ablehnte. Nachdem er sich von ihm verabschiedet hatte, machte er sich zu Fuß auf den Heimweg. Er ging zunächst die Mariahilfer Straße ein Stück stadteinwärts und bog in die Kirchengasse ein, wobei er mit Befriedigung feststellte, dass es das kleine Uhrengeschäft an der Ecke immer noch gab, jenes Geschäft, in dem Rumplers Großvater vor etwa fünfzig Jahren für ihn seine Firmungsuhr gekauft hatte, eine schlichte Stahluhr der Marke Omega mit Handaufzug, aber immerhin schon mit Datum und Zentralsekunde. Rumpler trug diese Uhr immer noch, obwohl das jährliche Service, das er in einer Fachwerkstätte machen ließ, ihn in Summe schon ein kleines Vermögen gekostet hatte.

Als sich die Kirchengasse bei der Siebensterngasse zu einem kleinen Platz öffnete, erinnerte er sich an den nahe gelegenen Häuserdurchgang, der vom sogenannten Adlerhof bis zur Burggasse führte. Dieser Durchgang, den er schon sehr genau kannte, faszinierte ihn nach wie vor. Er führte über eine erstaunlich lange Reihe von Innenhöfen, die aber nicht auf gleich hohem Niveau lagen, sondern gegeneinander etwas abfielen und durch Stufen miteinander verbunden waren. Am jeweiligen Ein- und Ausgang gab es Torbögen, die gegen Beschädigungen mit den heutzutage nur mehr ganz selten zu sehenden steinernen Kugeln geschützt waren, und diese Torbögen ermöglichten spannende Durchblicke.

Rumpler ging ganz langsam und bewusst, blieb auch manchmal kurz stehen oder machte einen Schritt zur Seite und kostete die vielfältigen perspektivischen Möglichkeiten, die sich vor ihm auftaten, voll aus. Als er schließlich in der Burggasse angekommen war, fühlte er sich schlagartig ernüchtert. Er fragte sich, ob er bei seinen aktuellen Nachforschungen nicht vielleicht auf Abwege geraten war. Sein Ausgangspunkt war klar genug. Es ging um die Möglichkeit von Informationen über die Obdachlosenmorde, und zwar solchen Informationen, die der Polizei nicht zugänglich waren. In dieser Frage war er zwar in Rudi Schätters seltsame Welt ein wenig vorgedrungen, hatte aber ihre zahlreichen Rätsel beileibe nicht gelöst. In der Frage, die ihn sehr stark beschäftigte, ob nämlich zwischen Anita Lochers Verschwinden und den Obdachlosenmorden ein Zusammenhang bestand, war er überhaupt nicht weitergekommen. Er hatte zwar bei sich zu Hause jene ominöse Mappe mit den Fotos liegen, die ihm diesbezüglich vielleicht Klarheit schaffen konnte, aber er hatte sie Rudi Schätter noch nicht vorgelegt.

Für Rumplers Zuwarten gab es durchaus vernünftige Gründe. Schätters Vertrauen musste erst Schritt für Schritt gewonnen werden, bevor er dieses Wagnis auf sich nehmen würde, denn ein Wagnis war es. Es konnte durchaus sein, dass Schätter sich bei der Konfrontation mit den Bildern wieder völlig in seine seltsame, nicht erreichbare Welt zurückzog und es würde auch nicht leicht sein, seine möglichen Reaktionen richtig zu deuten. Also hieß es, vielleicht noch zuwarten. Wie sich Rumpler aber doch zugestehen musste, hatte er in Wahrheit einfach Sorge, dass er seine schöne Theorie eines Zusammenhangs zwischen den Morden und dem Verschwinden der jungen Frau über Bord werfen müsste, falls Schätter ihm keinen brauchbaren Hinweis lieferte. Das Zitat eines Wissenschaftlers fiel ihm ein, er glaubte sich zu erinnern, dass es von Konrad Lorenz war, der gesagt hatte, ein Tag sei für ihn dann ein guter Tag, wenn er an diesem Tag eine ihm lieb gewonnene Theorie gedanklich auf den Müll werfen konnte. Großartig. Aber so abgeklärt war Rumpler einfach nicht. Das durfte ihn aber nicht daran hindern, herauszufinden, ob an seiner Theorie etwas dran war, und zwar möglichst bald. Rumpler, der auf seinem Heimweg mittlerweile die Josefstädter Straße beinahe erreicht hatte, atmete durch. Fast automatisch kehrte er kurz bei seinem Fleischhauer ein und ließ sich in Anbetracht seines kürzlichen Erfolgs bei Rosamunde wieder eine kleine Menge Rindfleisch faschieren.

„Und für Sie heute gar nichts?“, fragte Herr Eduard, der Chef der Fleischhauerei, der Rumpler meistens persönlich bediente.

„Nein, danke. Oder doch. Bitte eine Semmel mit heißem Leberkäs und etwas scharfen Senf dazu.“

Herr Eduard, der aufgrund der langjährigen Rumplerschen Einkäufe ziemlich gut über dessen Kochkünste Bescheid wusste, lächelte unmerklich. „Manchmal ist das so. Was sein muss, muss sein.“

„Ganz genau. Der Körper verlangts.“

Schon beim Verlassen der Fleischhauerei genoss Rumpler den ersten großen Bissen. Der heiße Leberkäse in Verbindung mit der knusprigen Semmel schmeckte einfach herrlich. Als er gesättigt und zufrieden seine Wohnungstür aufsperrte, empfing ihn Rosamunde, deren feiner Geruchssinn ihr sofort etwas Gutes verhieß.

„Komm mit, Maus. Es kann nicht sein, dass sich der Mensch mit Leberkäs vollstopft und die Katze hungert.“

Rosamunde sah das auch so. Nachdem sie ihre Mahlzeit bekommen hatte, machte sich Rumpler einen kleinen Espresso, setzte sich ins Wohnzimmer und war eben dabei, das Tagebuch des verstorbenen Franz Locher aus der Tasche zu holen, als er innehielt. Etwas in seinem Inneren hatte ihm eine Warnung geschickt. Er war im Begriff, sich zu verzetteln und seinen Fokus zu verlieren. Für das Tagebuch war später immer noch Zeit. Zunächst war es wichtig herauszufinden, ob Rudi Schätter vielleicht doch etwas gesehen hatte, das auf einen Zusammenhang von Anita Tolsers Verschwinden und den Obdachlosenmorden hinwies. Also würde er, am besten morgen Vormittag, Rudi Schätter aufsuchen. Falls dabei, wie schon beim ersten Mal, wieder nichts herauskam, blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als beide Fälle völlig getrennt voneinander zu betrachten.

Zum wiederholten Mal wurde ihm auf unangenehme Weise bewusst, dass er sich gegenüber Frau Locher, aber auch Herrn Kucera eigentlich schon zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Durch seine Andeutungen von Ungereimtheiten hatte er wohl Hoffnungen geschürt, die es nicht zulassen würden, wieder sang- und klanglos zur Tagesordnung überzugehen.

Der erste Schluck des starken heißen Kaffees holte Rumpler wieder in die Gegenwart zurück. Er holte aus seiner Schreibtischlade die Mappe mit den Frauenporträts, die er für Rudi Schätter gemacht hatte, sah sie kritisch durch und kam zu dem Schluss, dass es nichts daran zu ändern gab.

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