Kitabı oxu: «Die Weisheit der Götter»
RUPERT SCHÖTTLE
DIE WEISHEIT
DER GÖTTER
GROSSE DIRIGENTEN IM GESPRÄCH

Für Karin und Mariam
INHALT
Cover
Titel
Widmung
Geleitwort von Clemens Hellsberg
Vorwort
Das Phänomen Daniel Barenboim
Der Kompromisslose Bertrand de Billy
Der Provokateur Pierre Boulez
Der Theatermacher Christoph von Dohnányi
Der Zauberlehrling Gustavo Dudamel
Der Philanthrop Christoph Eschenbach
Der Widersprüchliche Ádám Fischer
Das Naturtalent Daniele Gatti
Der Uferlose Valery Gergiev
Der Demütige Bernard Haitink
Das Wunderkind Daniel Harding
Die Instanz Nikolaus Harnoncourt
Der Perfektionist Mariss Jansons
Der Wagemutige Philippe Jordan
Der Zurückhaltende Fabio Luisi
Der Menschenfänger Zubin Mehta
Der Überzeugungstäter Ingo Metzmacher
Il Maestro Riccardo Muti
Der Philosoph Kent Nagano
Das Monument Mstislav Rostropovitch
Der Linksausleger Donald Runnicles
Der Grandseigneur Wolfgang Sawallisch
Der Unangepasste Christian Thielemann
Der Ernsthafte Franz Welser-Möst
Die Wegbereiterin Simone Young
Bildnachweis
Literatur
Weitere Bücher
Impressum

GELEITWORT
Zu jedem großen Kunstwerk führen viele Wege! Auch wenn diese Feststellung, weil scheinbar selbstverständlich, banal klingen mag – es ist die Unerschöpflichkeit des Zugangs, welche die eigentliche Größe eines Kunstwerks ausmacht, sind doch in ihm die Freuden und Leiden, die Fragen, Ängste und Hoffnungen weiter Teile der Menschheit sublimiert. Die Musik im Besonderen zählt nicht nur zu den flüchtigsten der Künste, sondern bedarf auch der Vermittler und Vermittlerinnen, deren vornehmste Aufgabe es ist, in ihrer Sicht auf das jeweilige Werk die persönliche Auseinandersetzung mit dem Willen des Komponisten widerzuspiegeln.
Unter den Interpreten kommt wiederum den Dirigenten eine besondere Rolle zu, müssen sie doch das Publikum ebenso überzeugen wie ein Kollektiv, das sich im Falle von Spitzenorchestern aus Menschen mit ausgeprägten musikalischen Vorstellungen zusammensetzt. Natürlich bedarf es zusätzlich zu Begabung, schlagtechnischer Fertigkeit und genauer Werkkenntnis auch brennender Leidenschaft, reicher Fantasie und charismatischer Suggestionskraft, um bei der Aufführung die Erkenntnisse des eigenen Ringens um die Aussage des Kunstwerks vermitteln zu können.
Die Wiener Philharmoniker, die als unabhängiger Verein und somit als eine auf demokratischer Basis sich selbst verwaltende Musikergemeinschaft keinen „Chef“ haben, arbeiten mit allen führenden Dirigenten und sind daher permanent mit einem breiten Interpretationsspektrum konfrontiert. Es ist sehr zu begrüßen, dass das vorliegende Buch mithilfe einer objektivierenden Methodik – dieselben 16 Fragen für jeden Künstler – auch dem interessierten Publikum einen Einblick in die Vielfalt der Auseinandersetzung mit Musik ermöglicht. Gewiss werden die Leserinnen und Leser nach der Lektüre jene Dirigenten, welche hier zu Wort kommen, mit anderen Augen sehen; und vielleicht erschließt sich ihnen sogar auch ein ganz neuer, ganz persönlicher Weg zu den Werken unserer großen Meister.
Clemens Hellsberg
Vorstand der Wiener Philharmoniker von 1997 bis 2014

VORWORT
Der Grundgedanke des vorliegenden Buches lag darin, die berühmtesten Dirigenten mit denselben 16 Fragen zu konfrontieren, also keine Interviews im herkömmlichen Sinne zu führen, sondern auf diese Weise Meinungen und Standpunkte direkt vergleichbar zu machen, was letztlich einem Interpretationsvergleich nicht unähnlich ist. Auf diese Weise ergeben sich für die Leser höchst aufschlussreiche Erkenntnisse, die ohne ein Eingreifen des Autors zustande kamen. Was durchaus in seinem Sinne ist, steht beziehungsweise stand er doch mit allen porträtierten Dirigenten in persönlichem oder gar freundschaftlichem Kontakt.
Natürlich ist es möglich, dass die von mir getroffene Auswahl Widerspruch herausfordert.
Dazu einige klärende Worte: Ich habe ausschließlich die Maestri interviewt, mit denen ich musiziert habe … Leider haben nicht alle, die ich wegen der Beantwortung der Fragen angesprochen habe, dieser Bitte entsprochen. So lehnten beispielsweise Claudio Abbado, Riccardo Chailly, Sir Simon Rattle, Lorin Maazel oder Kirill Petrenko ihre Mitwirkung an diesem Projekt ab.
Falls Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, Ihren Liebling hier nicht finden, sollten Sie bedenken, dass eine solche Auswahl begrenzt und natürlich auch von subjektiven Kriterien abhängig ist. Auch habe ich den Zeitpunkt abgewartet, bis meine aktive Zeit bei den Wiener Philharmonikern beendet war. Das erklärt auch, warum dieses Buch erst jetzt herauskommt, obwohl die Gespräche in den Jahren zwischen 2005 und 2016 geführt wurden.
Rupert Schöttle


DAS PHÄNOMEN
DANIEL BARENBOIM
*15. November 1942, Buenos Aires
„Daniel Barenboim ist ein Phänomen.“
Dieses oft zitierte Urteil des großen Wilhelm Furtwängler über den damals Elfjährigen hat bis heute nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt. Denn Barenboim hat eigentlich zwei Weltkarrieren gemacht. Seinen ersten Klavierabend, ausschließlich mit Werken Beethovens, gab er 1950 mit sieben Jahren in seiner Heimatstadt Buenos Aires, bei seinem Dirigierdebüt war er gerade einmal 18 Jahre alt. Mit 27 leitete er erstmals die Berliner Philharmoniker, ein Jahr später das Chicago Symphony Orchestra.
Seit über 50 Jahren ist Barenboim also eine der dominierenden Persönlichkeiten des Klassikbetriebs. Dabei ist er gerade einmal Mitte 70 – mithin also im besten Dirigentenalter – und noch immer voller Tatendrang, was immer schon einer seiner wesentlichen Charakterzüge war. 2002 etwa veranstaltete er an der Berliner Staatsoper einen Marathon, wobei er innerhalb von vier Wochen zweimal alle zehn bedeutenden Wagner-Opern dirigierte. Wer damals glaubte, er hätte deshalb sein Klavierspiel hintangestellt, der irrte. Nachdem er 2004 Johann Sebastian Bachs gesamtes Wohltemperiertes Klavier eingespielt hatte, bot er kurz darauf sämtliche Beethoven-Sonaten im Wiener Musikverein und in Berlin dar.
Doch man würde Barenboim nicht gerecht, grenzte man ihn alleine auf seine künstlerischen Aktivitäten ein. Denn auch politisch hat der Tatmensch einiges zu sagen. War er schon beim „Mauerfall“ in Berlin ein unermüdlicher Brückenbauer zwischen Ost und West gewesen, versuchte er dies auch in seiner Wahlheimat, als er 1999 zusammen mit dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said das West-Eastern Divan Orchestra gründete, in dem er junge Musiker aus Israel und den arabischen Ländern alljährlich zusammenführt, das unterdessen beachtliche Erfolge aufzuweisen hat und das er als das „wichtigste musikalische Projekt“ seines Lebens ansieht.
Um bei beiden Seiten Verständnis füreinander zu wecken, greift er zuweilen auch zu außergewöhnlichen Maßnahmen. Im Jahre 2005 trat er unter größtem internationalen Aufsehen erstmals im neuen Kulturzentrum von Ramallah mit dem West-Eastern Divan Orchestra auf, wohin der „palästinensische Ehrenstaatsbürger“ immer wieder zurückkehrt, weil seiner Meinung nach die Schicksale des israelischen und palästinensischen Volkes untrennbar miteinander verbunden sind.
Ob er die unnachgiebige Haltung Israels im Konflikt mit den Palästinensern geißelt oder die deutsche Kulturpolitik als „primitiv“ bezeichnet: Barenboim nimmt sich niemals ein Blatt vor den Mund. Dass seine zuweilen provokanten Aussagen allgemein Gehör finden, zeigt sich auch darin, dass er stets in der engsten Wahl ist, wenn es um die Verleihung des Friedensnobelpreises geht.
Doch auch musikalisch geht er immer wieder eigene Wege. So löste er in Jerusalem einen handfesten Skandal aus, als er im Jahr 2001, ausgerechnet mit seiner Staatskapelle Berlin, als Zugabe Richard Wagners Vorspiel zu Tristan dirigierte, was dort wegen Wagners Antisemitismus einen veritablen Tabubruch darstellte. Dem folgte eine 30-minütige Debatte, in deren Verlauf der Dirigent mehrmals als „Faschist“ verunglimpft wurde. Dennoch setzte sich die Mehrheit durch und bereitete den Musikern stürmische Ovationen. Nicht so die Politiker. Jerusalems Bürgermeister, der Barenboim „arrogantes und unzivilisiertes“ Verhalten vorwarf, drohte dem bedeutendsten israelischen Künstler gar mit einem Auftrittsverbot. Trotz dieser Vorkommnisse hält Barenboim an seinem israelischen Pass fest, zumal er sich in seinem Wohnort Jerusalem so zu Hause fühlt wie nirgendwo sonst.
Dabei war er erst als Elfjähriger ins Gelobte Land gekommen. Seine Kindheit verbrachte der Sohn russischstämmiger Juden in Argentinien. Beide Eltern waren Klavierpädagogen und blieben seine einzigen Lehrer. Trotz seines außerordentlichen Talents strebten sie keine Wunderkind-Karriere für ihren Sohn an, bewusst konzentrierten sie seine Auftritte auf zwei bis drei Monate pro Jahr.
1954 traf er in Salzburg Wilhelm Furtwängler, der ihn spontan dazu einlud, ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern zu spielen. Doch Barenboims Vater lehnte dies ab, seit dem Holocaust waren schließlich erst wenige Jahre vergangen. Wenigstens durfte der Knabe neben dem Dirigenten sitzend allen Orchesterproben zu Don Giovanni beiwohnen. Als 13-Jähriger ging er mit einem Stipendium für zwei Jahre nach Paris, um bei Nadia Boulanger Harmonielehre und Komposition zu studieren. Im selben Jahr gab er dort sein Klavierdebüt. London und New York folgten in den nächsten Jahren. Nachdem er 15-jährig mit Leopold Stokowski in der Carnegie Hall aufgetreten war, war seine internationale Pianistenkarriere nicht mehr aufzuhalten, Barenboim reiste um die Welt.
1960 spielte er in Tel Aviv erstmals sämtliche Beethoven-Klaviersonaten, die er bereits als 16-Jähriger auf Platte aufgenommen hatte. Im folgenden Jahr gab er sein Dirigierdebüt mit dem Israel Philharmonic Orchestra. Prägend verlief seine Begegnung mit Sir John Barbirolli. Dieser wurde zu einem seiner wichtigsten Lehrmeister, der auch die Beziehung zum English Chamber Orchestra herstellte, was in der Aufnahme aller Mozart-Konzerte mit Barenboim als Dirigent und Solist in Personalunion gipfelte.
Schon bald gastierte er auch als Dirigent bei nahezu allen großen Orchestern. Seine erste Stelle als Musikdirektor trat er im Jahre 1975 beim Orchestre de Paris an. Neben den Standardwerken der Klassik und Romantik erarbeitete er hier auch eine Vielzahl von zeitgenössischen Werken. Trotz zahlreicher Angebote amerikanischer Orchester blieb er an der Seine, um seiner an Multipler Sklerose erkrankten Frau Jacqueline du Pré nahe sein zu können, die 1987 verstarb. Im Jahre 1991 wurde er als Nachfolger von Sir Georg Solti zum Musikdirektor des Chicago Symphony Orchestra ernannt, das er als Ehrendirigent im Jahre 2006 verließ.
Doch Barenboims dirigentisches Wirken beschränkte sich nicht nur auf den Konzertsektor. Nachdem er bereits 1973 beim Edinburgh Festival seinen Einstand als Operndirigent mit Mozarts Don Giovanni gefeiert hatte, debütierte Barenboim 1981 mit einer Neueinstudierung von Tristan und Isolde in Bayreuth, wo er bis 1999 alljährlich dirigieren sollte. 1992 wurde er überdies Generalmusikdirektor und Künstlerischer Leiter der Staatsoper Unter den Linden, wo er das noch osteuropäisch geprägte Repertoire mit Werken von Harrison Birtwistle, Pierre Boulez und Elliott Carter belebte und das Orchester zu einem Ensemble der Weltklasse formte. Die Musiker dankten es ihm, indem sie ihn im Jahre 2000 zum Chefdirigenten auf Lebenszeit wählten. Und er dankte es ihnen, als er 2002 erst dann einen Zehnjahresvertrag als Generalmusikdirektor unterschrieb, nachdem seinen Musikern eine erhebliche Gehaltserhöhung gewährt worden war.
Das trug auch künstlerische Früchte: 2003 wurde die Staatskapelle Berlin mit Barenboim mit einem „Grammy Award“ für die Einspielung von Tannhäuser belohnt. Seit 2006 hat Barenboim darüber hinaus den Ehrentitel „Maestro scaligero“ inne, der ihm vom Intendanten der Mailänder Scala verliehen wurde, deren musikalische Direktion er im Jahre 2011 übernahm und bis 2014 innehatte.
Dass er während seines langen und reichen Künstlerlebens ein breites Repertoire erarbeitet hat, ist nicht verwunderlich. So hat er neben den üblichen klassischen Werken auch Duke-Ellington-Titel, Tangos, afroamerikanische Stücke und brasilianische Werke aufgenommen.
Im Jahr 2005 wurde in Berlin auf seine Initiative hin der erste Musikkindergarten gegründet, bei dem er auch als Erzieher hervortritt, weil „unser gesamter Musikbetrieb seine Funktion verliert, wenn wir weiterhin die musikalische Bildung der Kinder vernachlässigen“, wie er in seiner Eröffnungsrede zu einer Bildungswerkstatt für Kinder betonte. Dass solche Äußerungen nicht nur als Lippenbekenntnisse zu verstehen sind, bewies er damit, dass er die Dotierung des „Ernst-von-Siemens-Musikpreises“, der ihm 2006 verliehen wurde, zur Gänze spendete, wobei er zwei Drittel für die Sanierung der Berliner Staatsoper und das restliche Geld in seine Musikstiftung fließen ließ. Darüber hinaus gründete er in Berlin mit der Barenboim-Said-Akademie eine pädagogischen Einrichtung im Geist des West-Eastern Divan Orchestra, wie auch ein Projekt für Musikerziehung in den Palästinensergebieten.
Bei dieser Vielzahl von Aktivitäten – schließlich ist er auch mehrfach als Buchautor hervorgetreten und hat ein neuartiges Klavier entwickelt – sollte man meinen, Barenboim wäre ein rastlos Getriebener, der ständig zwischen seinen vielfältigen Verpflichtungen hin und her pendelt. Doch damit würde man seiner Person nicht im Mindesten gerecht, handelt es sich bei ihm doch um einen höchst humorvollen und geistreichen Gesprächspartner, der auch den gemütlichen Seiten des Lebens einiges abzugewinnen weiß. Als „Normalsterblicher“ fragt man sich natürlich, wie dies bei solch einem Arbeitspensum möglich ist.
Doch darauf gibt es nur eine Antwort: Daniel Barenboim ist eben ein Phänomen.
FRAGEN AN DANIEL BARENBOIM
Wenn Sie die Möglichkeit hätten, mit irgendeinem Komponisten, ob tot oder lebendig, einen Abend zu verbringen, mit wem wollten Sie sich treffen und was würden Sie ihn fragen?
Natürlich Mozart. Es gibt gute und schlechte Komponisten, es gibt große Komponisten – und es gibt Mozart. Es ist unfassbar, was alles in seiner Musik steckt und in welch kurzem Zeitraum er all dies geschaffen hat. Und dabei war er sicherlich ein sehr lustiger Mensch. Ein Abend mit Mozart wäre eine Lektion fürs Leben. Ich würde ihn nichts fragen wollen, ihn nur beobachten.
In welcher Zeit hätten Sie als Komponist am liebsten gelebt?
Kann ich nicht sagen. Es gab zu allen Zeiten gute und schlechte Komponisten. Zeitgenössische Musik interessiert mich nur dann, wenn sie gut ist, etwa von Carter, Boulez, Lutosławski und Birtwistle.
Auf der Bühne entfernt man sich immer mehr vom Urtext, während man sich im Orchestergraben diesem immer mehr nähert. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Ich habe nicht den Eindruck, dass man sich auf der Bühne vom Urtext entfernt, es ist vielmehr ein Problem der Subjektivität, also dem Fehlen der Objektivität. Bei der absoluten Musik empfinden wir vielleicht unterschiedlich in der Intonation oder in der Lautstärke, aber wir sind uns einig über den Ton, der gespielt werden muss. Auf der Bühne ist es etwas ganz anderes: Da erzählt man eine Geschichte. Dabei sucht man manchmal Originalität mit künstlichen Mitteln. Und dazu benötigt man ein Konzept, das manches Mal sicherlich interessant sein kann. Doch leider wird dann häufig das Konzept, das heißt, das subjektive Empfinden inszeniert – und nicht das Stück selbst.
Seit dem 20. Jahrhundert besteht das Konzertprogramm zu 90 Prozent aus Musik schon längst verstorbener Komponisten. Worin liegt Ihrer Meinung nach die Begründung dafür?
Dies hängt sicherlich mit dem Ende der Tonalität zusammen. Ein Urelement der Musik, die so wichtige Dualität von Spannung und Auflösung, die für den Zuhörer von großer Wichtigkeit ist, ging mit der Tonalität verloren. Die gibt es zwar auch in der atonalen Musik, dort jedoch ist sie viel schwieriger zu begreifen. Zwar wurden in den letzten Jahren, auch dank der Bemühungen von Pierre Boulez, große Fortschritte in der Rezeption von zeitgenössischer Musik gemacht. Dennoch gibt es heutzutage Milliarden von zum Teil hoch gebildeten Menschen, die überhaupt keinen Bezug zur Musik und daher erst recht keinen Zugang zur neuen Musik haben.
Es gibt immer mehr sehr gute Orchester und immer weniger herausragende Dirigenten. Woran liegt das?
Das liegt auch daran, dass die Orchester besser geworden sind. Viele Probleme, die früher ein Dirigent gelöst hat, stellen sich heute dem Orchester nicht mehr. Vor 30 oder 40 Jahren war etwa die „Siebte“ von Mahler ein Koloss, den ein Orchester niemals ohne Dirigent hätte spielen können. Auch dadurch, dass sich das Repertoire nicht mehr ständig vergrößert, ist die Repertoirekenntnis der Musiker naturgemäß viel größer geworden. Zudem verlangt man heute von einem Dirigenten, dass er schon fertig auf die Bühne kommt. Der kann aber, im Gegensatz zu einem Instrumentalisten, zu Hause nicht üben.
Herbert von Karajan hat zu mir einmal gesagt: „Ein Dirigent braucht zehn Jahre, von dem Tag an, an dem er regelmäßig dirigiert, bis er zu dem Punkt kommt, an dem er von dem Orchester bekommen kann, was er haben möchte. Erst nach diesen zehn Jahren kann man überhaupt erkennen, ob es sich um einen begabten oder unbegabten Dirigenten handelt.“ Wenn heute ein junger Dirigent auftaucht, werden sofort die höchsten Erwartungen an ihn gestellt, die er natürlich nicht erfüllen kann. So erwartet man von ihm, dass er einen Betrieb leiten kann und sich bestens in der Kulturpolitik auskennt – zusätzlich zum handwerklichen Können.
Welche gesellschaftliche Aufgabe hat die Musik in der heutigen Zeit?
Nicht diejenige, die sie haben müsste, denn es gibt keine musikalische Bildung. Wenn wir wollen, dass unser musikalisches Leben noch in 50 Jahren in ähnlicher Form existiert, muss ein radikales Umdenken in der musikalischen Bildung einsetzen.
Wären Sie kein Dirigent geworden, welchen Beruf hätten Sie ergriffen?
Die Frage hat sich mir niemals gestellt.
Welcher Dirigent ist Ihr Vorbild und warum?
Hauptsächlich Furtwängler. Er hatte eine eigene Mischung aus Denken und Fühlen und die Fähigkeit, aus dem Moment Neues zu schöpfen.
Was war Ihr bewegendstes Musikerlebnis?
Ich habe so viele gehabt … Klavierabende von Rubinstein, Konzerte mit Kubelik …
Womit verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit?
Lesen, Theater, Kino.
Was hören Sie in Ihrer Freizeit?
Nichts.
Sind Interpretationsschemata dem Zeitgeist unterworfen?
Ja und Nein. Nein, weil der Text ja gleich bleibt. Was in den Noten steht, und damit meine ich auch, was zwischen den Zeilen steht, ergibt allerdings mehr Möglichkeiten, als in einer Aufführung realisierbar sind. Ein Kunstwerk ist wie ein Berg. Man sieht nur einen Teil, wenn man vor ihm steht, der andere bleibt verborgen, es beinhaltet also viel mehr, als der Mensch auf einmal erkennen kann. Und jeder Zeitgeist legt einen anderen Akzent auf die Sichtweise.
Welche Art von wissenschaftlicher Forschung würden Sie unterstützen?
Die musikalische Erziehung.
Würden Sie noch einmal geboren, was würden Sie anders machen?
Zuerst einmal würde ich versuchen, ein paar falsche Töne weniger zu spielen. Ansonsten bin ich zufrieden, weil ich meinen Frieden mit meinen Grenzen geschlossen habe. Ich versuche, stets mein bestes Niveau zu erreichen. Niemand spielt zufällig besser, als er ist, er spielt zufällig schlechter, weil er aus irgendeinem Grund nicht in idealer Form ist. Unser Bestes ist unser Niveau, und danach müssen wir streben.
Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Mein Gedächtnis, mein Gehirn, meine Vitamine. Mein Gedächtnis, um nichts von meinem Wissen zu vergessen, mein Gehirn, dass ich dies immer wieder neu erarbeiten kann, und meine Vitamine, dass ich die Kraft dafür habe.
Welches Motto steht über Ihrem Leben?
Kein Motto.


DER KOMPROMISSLOSE
BERTRAND DE BILLY
* 11. Jänner 1965, Paris
Der Beruf eines Dirigenten wurde Bertrand de Billy nicht in die Wiege gelegt.
Obwohl er sich bereits als Fünfjähriger vor dem heimischen Plattenspieler in Pose warf und das unsichtbare Orchester dirigierte, mit einem Buch in der Hand, das ihm als „Partitur“ diente. Allerdings nahmen seine Eltern, beide nicht eben musikbegeistert, dies nicht allzu ernst und taten es als Kinderei ab. Doch so leicht ließ sich der Filius nicht entmutigen. Er trat einem Chor bei, was er heute als die „beste musikalische Erfahrung“ seiner Kinderzeit bezeichnet. Als Instrument hatte er die Violine gewählt. Glücklicherweise hatte er eine ambitionierte Lehrerin gefunden, die ihn so weit ausbildete, dass er am „Conservatoire national“ in Paris studieren konnte. Zum Entsetzen seines Vaters, der ihm nach dem ersten Gespräch mit seiner Professorin beschied: „Es ist eine Katastrophe, du bist begabt!“ Doch dieser Schock hielt glücklicherweise nur kurz an – sein Talent wurde nun auch von zu Hause aus gefördert.
Nach dem Studium begann er seine professionelle Musikerkarriere als Geiger und Bratschist bei zwei kleineren Orchestern der französischen Hauptstadt. Doch schon nach kurzer Zeit genügte es ihm nicht mehr, seine musikalischen Vorstellungen innerhalb eines Kollektivs auszuleben. Kurzerhand stand er also auf und stellte sich 1986 vor sein Orchestre symphonique des Jeunes d’Île-de-France, wo er für die nächsten vier Jahre als Chefdirigent die gesamte symphonische Bandbreite von der Barockmusik bis zur Moderne durchmessen konnte. Die fehlende Erfahrung der jugendlichen Musiker wurde durch ihre Begeisterung aufgewogen. Die Erfolge, die de Billy mit seinem ambitionierten Ensemble feiern konnte, riefen schließlich sogar das Kulturministerium auf den Plan, das ihn vorlud und zur Zurückhaltung ermahnte, da er mit seinen Studenten so manchem professionellen Orchester den Rang ablaufe. Seine Reaktion auf diese Zurechtweisung war eindeutig: In einer Pariser Kirche führte er mit seinem Orchester triumphal das Verdi-Requiem auf.
Nach einer einjährigen Assistenz bei Philippe Entremont wurde er 1990 zum stellvertretenden Generalmusikdirektor des Pariser Orchestre Colonne ernannt. Weil ihn dies offensichtlich nicht ausfüllte, das Geigenspiel hatte er unterdessen gänzlich aufgegeben, gründete er in demselben Jahr mit der Académie de l’Île Saint-Louis sein eigenes Orchester, dem er bis 1994 vorstand.
Für viele überraschend zog de Billy 1993 in die deutsche Provinz um, wo er für die nächsten zwei Jahre als stellvertretender Generalmusikdirektor an das Anhaltinische Theater in Dessau ging, um sich intensiver mit der Oper auseinandersetzen zu können. Offensichtlich mit Erfolg, denn seine nun dynamisch ansteigende Karriere machte er vorerst an verschiedenen Opernbühnen. Nach seinem Debüt an der Wiener Volksoper im Jahre 1994 wurde de Billy 1996 für zwei Jahre als Erster Kapellmeister an dieses Haus berufen.
Zu diesem Zeitpunkt war er schon ein gefragter Dirigent, der an den größten Opernhäusern wirkte. Ob Londons Covent Garden, wo er 1995 debütierte, an der Pariser Opéra Bastille (Debüt 1996), den Staatsopern in Berlin (1996), Hamburg (1997) und München (1997) oder dem Théâtre de la Monnaie in Brüssel: Überall war de Billy ein gern gesehener Gast.
Ein weiterer Karriereschub setzte 1997 ein, als Placido Domingo einer Vorstellung von Ambroise Thomas’ Hamlet an der Wiener Volksoper beiwohnte. Denn der große Sänger, Leiter der Opernhäuser in Washington und Los Angeles, war von der Leistung des Dirigenten so angetan, dass er ihn spontan dazu einlud, Charles Gounods Roméo et Juliette in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten einzustudieren. Was offensichtlich zu Domingos größter Zufriedenheit verlief, denn nach seinem beachtlichen Erfolg in Washington bat er den jungen Dirigenten, im darauffolgenden Jahr auch in Los Angeles zu dirigieren. Und zwar eine Carmen, in der er selbst den Don José singen sollte. Als weiteres Zeichen seines uneingeschränkten Vertrauens in die Fähigkeiten de Billys empfahl ihn der Tenor gleich noch an die Metropolitan Opera in New York, wo er, wiederum mit Roméo et Juliette, einen solchen Erfolg feierte, dass er seitdem regelmäßig an Amerikas berühmtestem Opernhaus gastiert.
Eine weitere Bewährungsprobe stand de Billy im Jahre 1999 bevor. Gerade war das Gran Teatro del Liceu in Barcelona nach einem Brand wiedereröffnet worden, als er dort zum Generalmusikdirektor ernannt wurde. Dafür hatte er sich viel vorgenommen. Innerhalb von fünf Jahren wollte er dem herabgewirtschafteten Opernhaus wieder zu altem Glanz verhelfen und vor allem das Orchester einer weitreichenden Reform unterziehen.
Als Grundlage für seine ehrgeizigen Pläne sollten die Werke Wagners und Mozarts dienen. Nach seiner Meinung bildet Mozart die Grundlage der Spielkultur, während Wagners Opern die technischen Herausforderungen beinhalten, die die Musiker zu ihrer Perfektionierung benötigen. Folgerichtig beinhalteten seine 16 Premieren, die er in fünf Jahren dirigierte, sämtliche große Mozart-Opern sowie einen viel beachteten Tristan und die Ring-Tetralogie.
Sein Ruf als außerordentlicher Operndirigent war inzwischen so weit gediehen, dass er im Jahr 2002 erstmals bei den Salzburger Festspielen mit gleich zwei Produktionen betraut wurde. Mit den Wiener Philharmonikern führte er Mozarts Zauberflöte auf, während er die konzertante Fassung von Gounods Roméo et Juliette mit dem Radio-Symphonieorchester Wien bestritt. Schließlich leitete er an der Wiener Staatsoper 2004 mit der französischen Fassung von Verdis Don Carlos in einer Inszenierung von Peter Konwitschny seine erste, heftig akklamierte Premiere. Dieser folgten die nicht minder erfolgreiche Premieren von Idomeneo (im Theater an der Wien) und Manon mit Anna Netrebko in der Titelrolle.
Doch gerade als man ihn als erstklassigen Operndirigenten anzusehen begann, übernahm de Billy im Jahre 2002 mit der Leitung des Radio-Symphonieorchesters Wien (RSO) wieder die Chefposition bei einem ausgesprochenen Konzertorchester. Dieser Klangkörper, ein bislang vor allem für seine Pflege der zeitgenössischen Musik bekanntes Ensemble, war zu jener Zeit ernsthaft in seiner Existenz bedroht. Doch de Billy ist nicht der Mann, der sich von solchen Problemen abschrecken lässt. Nach zwei Jahren intensiver Arbeit, in denen er die Qualität des Orchesters erheblich gesteigert hatte, und einem daraus resultierenden Erfolg bei Publikum und Kritik war die Krise so weit abgewendet, dass der Personalstand gehalten werden konnte. Sogar zu einem umjubelten Opernorchester hat er sein Orchester umgeformt, das seitdem regelmäßig im Theater an der Wien gastiert.
Ungeachtet der mächtigen Konkurrenz vor Ort hat sich das RSO unterdessen auch erfolgreich mit der Musik der Klassik und Romantik auseinandergesetzt und sich damit neue Hörerschichten erschlossen. Schließlich lautet einer von de Billys Leitsätzen, dass „ein Orchester, das nicht“ dazu fähig ist, „eine ordentliche Mozart-Symphonie“ zu spielen, auch „für eine Uraufführung nicht gut genug ist“, wie er in einem Interview mit „OehmsClassics“ betonte.
Denn er nimmt auch die Vorbehalte des Publikums gegen zeitgenössische Musik sehr ernst und überlegt sich Wege, wie man dem am besten begegnen kann. „Zunächst einmal muss es Spaß machen, auch den Musikern, denn dann ist das Neue nämlich kein Ghetto mehr … Dieses: ‚Man muss sich auskennen!‘, dieses Gefühl, dass man nicht dazugehört, weil man etwas nicht versteht, … das führt zu einem falschen Spezialistentum“, meinte er 2004 in einem Interview mit dem Magazin „Musikfreunde“.
Nachdem er 2010 die Leitung des Radio-Symphonieorchesters Wien aufgegeben hatte, die ihn nach eigener Aussage „viele Nerven“ gekostet hatte, strebte de Billy vorerst keine Chefposition mehr an und arbeitet unterdessen als erster Gastdirigent des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters, des Orchestre de Chambre de Lausanne und seit 2014/2015 auch der Dresdner Philharmonie, neben seinen regelmäßigen Auftritten an den größten Opernhäusern der Welt.
Natürlich hat Bertrand de Billy sein Können auch schon mehrfach auf Tonträgern dokumentiert. Mit einigen seiner Projekte ist er sogar in das ureigenste Gebiet der Konkurrenz von der Staatsoper eingedrungen, indem er neben Eugen d’Alberts Tiefland mit einem jungen Sängerensemble auch sämtliche Da-Ponte-Opern von Mozart auf CD eingespielt hat.
Trotz aller Erfolge hält de Billy immer wieder an seinem Grundsatz fest, keine künstlerischen Kompromisse einzugehen, selbst wenn es seiner Karriere nicht förderlich ist. Diese Erfahrung musste schon Daniel Barenboim machen, als der Franzose im Jahre 2007 die Premiere von Jules Massenets Manon an der Berliner Staatsoper absagte, weil mit ihm nicht abgesprochene Kürzungen in der Partitur gemacht werden sollten. Aus demselben Grund legte er im Jahre 2014 die geplante Premiere von Lohengrin an der Wiener Staatsoper zurück, was sogar so weit führte, dass er unter der derzeitigen Direktion nicht mehr an diesem Haus auftreten will.
Eine solche Kompromisslosigkeit ist eben auch ein Charakteristikum eines großen Dirigenten.
FRAGEN AN BERTRAND DE BILLY
Wenn Sie die Möglichkeit hätten, mit irgendeinem Komponisten, ob tot oder lebendig, einen Abend zu verbringen, mit wem wollten Sie sich treffen und was würden Sie ihn fragen?
Sicher nicht Monteverdi, Bach oder Mozart, obwohl ich diese drei am meisten verehre. Aber die waren nicht von dieser Welt. Ohnehin glaube ich nicht, dass es einen großen Sinn hat, mit einem Komponisten über sein Werk zu sprechen, da er üblicherweise nicht viel darüber zu sagen hat. Als ich Henri Dutilleux getroffen habe, haben wir fast überhaupt nicht von seiner Musik gesprochen, sondern über so viele andere interessante Themen – das war wunderbar.
Am liebsten würde ich mit Berlioz zusammentreffen, weil er so eine umfassende Bildung besaß, und einfach mit ihm plaudern.
In welcher Zeit hätten Sie als Komponist am liebsten gelebt?
Sicherlich nicht heute, in der Zeit der verkrampften Suche nach neuen Klangeffekten. Wahrscheinlich in der Zeit von Brahms, Bruckner und Mahler, als die Formen sich völlig aufgelöst haben und so viele neue Richtungen entstanden sind.
Auf der Bühne entfernt man sich immer mehr vom Urtext, während man sich im Orchestergraben diesem immer mehr nähert. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Vor einiger Zeit ist die sogenannte „Wiener Fassung“ von Mozarts Don Giovanni herausgekommen. Die Kürzungen, die bei der damaligen Aufführung gemacht wurden, habe ich zwar sofort umgesetzt, doch teilweise wieder rückgängig gemacht, weil Mozart sie offensichtlich nur aus pragmatischen Gründen, etwa wegen einer schlechten Besetzung oder auch wegen der Zensur, gemacht hat. Meine Antwort lautet also: Ja zum Urtext, aber im Endeffekt muss der Dirigent entscheiden dürfen, was er umsetzt. Bei der Regie ist es ganz ähnlich. Solange die Regie die Musik nicht stört, ist alles möglich. Ich habe in Barcelona Don Giovanni mit Calixto Bieito gemacht. Obwohl es fürchterlich brutal war, hat es mich überzeugt. Ein Grundproblem von vielen heutigen Regisseuren liegt allerdings darin, dass sie überhaupt keine Kenntnis mehr von der Musik und dem Libretto haben, und mit denen lehne ich eine Zusammenarbeit ab.
Seit dem 20. Jahrhundert besteht das Konzertprogramm zu 90 Prozent aus Musik schon längst verstorbener Komponisten. Worin liegt Ihrer Meinung nach die Begründung dafür?
In erster Linie tragen wir daran die Schuld. Die wenigsten Dirigenten sind dazu bereit, ein neues Stück zu lernen. Und wie sollen wir das Publikum von der Qualität eines Stückes überzeugen, wenn wir es selbst nicht wollen. Es ist unsere Aufgabe UND PFLICHT als Dirigent, den Veranstaltern, den Musikern und dem Publikum zu zeigen, dass es auch gute zeitgenössische Musik gibt. Und das erfordert viel Mühe. Dabei ist die Angst vor der neuen Musik nicht angeboren. Als meine Frau „Donna Elvira“, Schönbergs Erwartung und Bergs Wozzeck gesungen hat, sang meine siebenjährige Tochter in der Badewanne alle drei Stücke mit der gleichen Begeisterung.
Es gibt immer mehr sehr gute Orchester und immer weniger herausragende Dirigenten. Woran liegt das?
Man braucht als Dirigent nicht gut zu sein, man muss nur besser sein als die anderen, was allerdings nicht unbedingt bedeutet, dass man gut ist. Einmal saß ich beim Dirigentenabschlusskonzert an der Wiener Musikuniversität – da war niemand, der einmal ein guter Dirigent werden wird! Niemand scheint mehr neugierig zu sein. Ich habe mit den jungen Leuten über die „Erste“ von Mahler geredet und nicht einer kannte die Aufnahme von Bruno Walter, der schließlich noch mit Mahler zusammengearbeitet hatte. Die Studenten hätten in Wien die Möglichkeit, alle großen Dirigenten bei der Probe zu erleben und mit ihnen zu sprechen, doch niemand geht hin. Das ist jedoch nicht nur in Wien so. Als ich vor 20 Jahren Georges Prêtre zum ersten Mal wegen einer Neueinstudierung der Perlenfischer traf, sagte er mir, dass ich der erste Student sei, der sich jemals bei ihm gemeldet hat.
Allerdings muss man auch sagen, dass mit Ausnahme von Daniel Barenboim die wenigsten Dirigenten ihre Verpflichtung erkennen, ihre Erfahrungen an die jungen Kollegen weiterzugeben.
Welche gesellschaftliche Aufgabe hat die Musik in der heutigen Zeit?
Das Ziel eines Konzerts sollte darin bestehen, im Publikum ein positives Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, das die Menschen einander näherbringt.
Wären Sie kein Dirigent geworden, welchen Beruf hätten Sie ergriffen?
Entwicklungshelfer.
Welcher Dirigent ist Ihr Vorbild und warum?
Daniel Barenboim, weil er nicht nur ein großer Musiker, sondern auch ein großer Geist ist. Toscanini wegen seiner Energie und rhythmischen Präsenz. Ebenso Fritz Reiner und Erich Kleiber, dessen Mozartaufnahmen auch heute noch ihre Gültigkeit haben. Der Grandseigneur Bruno Walter, weil man seine natürliche Autorität, die aus Wissen und Können resultierte, noch heute in seinen Aufnahmen spüren kann. Und so viele andere wie Klemperer, Mitropoulos, George Szell, Pierre Monteux, Charles Munch, Istvan Kertesz …
Was war Ihr bewegendstes Musikerlebnis?
Bachs h-Moll-Messe unter Carlo Maria Giulini in Paris. Er hat uns alle zwei Stunden lang in den Himmel geführt.
Womit verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit?
Mit meiner Familie.
Was hören Sie in Ihrer Freizeit?
Sehr viel Jazz und sicher niemals meine CDs! Zur Entspannung auch Gregorianik.
Wenn ich etwas Neues einstudiere, höre ich mir nach dem Studium sehr viele Aufnahmen davon an, aber im Moment gibt es keine Freizeit mehr.
Sind Interpretationsschemata dem Zeitgeist unterworfen?
Ja. Alles ist, sofern es überzeugend dargebracht wird, legitim, schließlich lebt man auch als Dirigent in seiner Zeit und wandelt sich zusammen mit ihr.
Welche Art von wissenschaftlicher Forschung würden Sie unterstützen?
Die Forschung nach alternativer Energie.
Würden Sie noch einmal geboren, was würden Sie anders machen?
(lacht) Nicht zunehmen! Mehr auf den Ausgleich zwischen Körper und Geist achten.
Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Meine Familie, Der kleine Prinz von Saint-Exupéry und eine Flasche Dom Pérignon 1996.
Welches Motto steht über Ihrem Leben?
Ernst bei der Sache, nicht allzu ernst bei sich selbst.


DER PROVOKATEUR
PIERRE BOULEZ
* 26. März 1925, Montbrison
† 5. Jänner 2016, Baden-Baden
Widersprüchlicher konnte ein Mensch kaum sein.
Bereits als 20-Jähriger hatte Pierre Boulez bei einem Pariser Strawinsky-Konzert lautstark gegen dessen „neoklassische Färbung“ protestiert, obwohl er ihn bis zuletzt als sein Vorbild bezeichnete – und dieser ihn wiederum als seinen legitimen Erben ansah. Als in den 1950er-Jahren die Wiederentdeckung von Schönberg einsetzte, proklamierte er kurzerhand, dass „Schönberg tot“ sei, weil er sich zu wenig radikal von den konventionellen Satzformen entfernt hätte – einige Jahre später führte er ihn exemplarisch auf. Die Kompositionen von Alban Berg bezeichnete er als Kitsch, um an anderer Stelle seine Liebe zu ihm einzugestehen.
Obwohl ihn Otto Klemperer als den Einzigen seiner Generation bezeichnet hat, der ein ausgezeichneter Dirigent und Musiker sei und er für seine zahllosen Aufnahmen unglaubliche 26 „Grammy Awards“ erhielt, betrachtete er sich nicht in erster Linie als Dirigent.
Niemals hätte man solche Widersprüchlichkeiten bei einem anderen Künstler hingenommen – Pierre Boulez war einer der wenigen Musiker, dessen Äußerungen in jedem Falle ernst genommen wurden. Denn er war schon zu Lebzeiten zu einer Institution geworden, wobei man anmerken sollte, dass er auch gleichzeitig als einer der führenden Komponisten unserer Zeit galt.
Allerdings zeitigten seine Äußerungen auch durchaus fatale Folgen. 1967 proklamierte Boulez in einem viel beachteten „Spiegel“-Interview, dass es am besten sei, „die Opernhäuser in die Luft zu sprengen“, was neben den üblichen Verwerfungen auf den Feuilletonseiten 34 Jahre später noch ein Nachspiel hatte, als er von einem Sonderkommando der Schweizer Polizei nächtens in seinem Basler Hotelzimmer überwältigt wurde, da er zu „Sprengstoffattentaten“ aufgerufen hätte … Die wackeren eidgenössischen Gesetzeshüter konnten natürlich nicht wissen, dass diese Äußerung grob aus dem Kontext gerissen war. Der Dirigent hatte damals lediglich die an Opern übliche Routine und ungenügende Vorbereitung bemängelt, der am „elegantesten“ auf diese Art zu begegnen sei. Pierre Boulez liebte es eben, Denkanstöße zu vermitteln. Schließlich hatte er zum Zeitpunkt dieses Aufrufs schon seine ersten großen Erfolge als Operndirigent gefeiert. Wieland Wagner hatte ihn überraschenderweise dazu eingeladen, 1966 den Parsifal in Bayreuth zu dirigieren. Das Wagnis gelang: Zwar brach der 38-Jährige bewusst mit allen Traditionen und entkleidete das „sanctum sanctorum Wagners“ von jeglicher Sentimentalität, doch durch die sachliche Annäherung geriet das Weihefestspiel in ein völlig neues, weil transparentes Licht. Nach diesem viel diskutieren Erfolg wurde Boulez zehn Jahre später damit beauftragt, zusammen mit dem Filmregisseur Patrice Chereau den Jahrhundert-Ring am Grünen Hügel zu gestalten. Die Rezeption durch das Publikum war für Boulez durchaus typisch: Gerieten die Aufführungen im ersten Jahr zum handfesten Skandal, endete die letzte Götterdämmerung vier Jahre später mit 101 Vorhängen und 90 Minuten Applaus, sodass er 2004 erneut zu einem Parsifal nach Bayreuth geladen wurde, wobei durchaus bemerkenswert war, dass er das Weihefestspiel im gleichen ungewöhnlich raschen Tempo durchmaß wie fast 40 Jahre zuvor. Das überrascht nicht, denn Boulez galt als ausgesprochen vernunftgesteuerter Dirigent. Selbst bei hoch emotionalen Werken, wie etwa Mahlers Symphonien, wirkte er niemals persönlich involviert. Mit der durchaus berechtigten Frage konfrontiert, ob er denn während einer Aufführung keine Empfindungen habe, antwortete er nur, dass er sehr wohl Emotionen habe, aber nicht verpflichtet sei, sie zu zeigen.
Wie viele seiner Kollegen wollte Boulez eigentlich Pianist werden. Schon mit sieben Jahren erhielt er seinen ersten Klavierunterricht. Nachdem er mit dem Besuch eines mehrjährigen Intensivkurses in Mathematik den Wünschen seines Vaters gefolgt war, wandte er sich 17-jährig endgültig der Musik zu, wurde aber „wegen Unfähigkeit“ nicht zum Klavierstudium am Pariser Konservatorium zugelassen. So studierte er dort eben Harmonielehre und Komposition bei Olivier Messiaen sowie Analyse und Komposition bei René Leibowitz, einem leidenschaftlichen Verfechter der reinen Zwölftonlehre. Dirigieren brachte er sich in erster Linie selbst bei.
Nach einem Intermezzo als Leiter, Arrangeur und Komponist der Bühnenmusik bei der Compagnie Renaud-Barrault trat er zunächst als Komponist in den Vordergrund. Zwar dirigierte er von 1953 bis 1957 die Konzerte des von ihm begründeten Domaine Musical und übernahm 1959 die Leitung der Donaueschinger Musiktage. Dass er schließlich doch häufiger dirigierte, lag einfach daran, dass er „es nicht mehr ertragen konnte, die Musik unserer Zeit schlecht interpretiert zu hören“, wie er in einem Zeitungsinterview sagte. Woraufhin ihm nichts anderes übrig blieb, als selbst Hand anzulegen. Auf einen Taktstock verzichtete er von Anfang an, weil man mit den Händen mehr ausdrücken könne als mit einem Holzstäbchen, das er mit einem Schwert verglich.
Das Schlüsselerlebnis, das ihn schließlich endgültig mit dem süßen Gift des Dirigierens infizieren sollte, hatte Boulez Ende der 1950er-Jahre in Donaueschingen, wo er Hans Rosbaud, den Leiter der dortigen Musiktage, kurzfristig bei einem Konzert mit Béla Bartóks Tanzpantomime Der wunderbare Mandarin ersetzen musste: „Ich war grässlich aufgeregt. Und dann habe ich den Mandarin ganz wild gemacht, so wild wie seitdem nie mehr. Es war ein großer Erfolg. Damit hat alles begonnen“, schilderte er weiter.
Nach einem Streit mit den Pariser Kulturbehörden zog er 1958 nach Baden-Baden um, wo ihn der Südwestfunk, der Heimat seines Mentors Hans Rosbaud, mit offenen Armen aufnahm und sich damit das Recht erwarb, alle Uraufführungen seiner Werke zu senden. 1963 sollte er kurzzeitig nach Paris zurückkehren, um dort mit Le Sacre du printemps im Konzertsaal und mit Wozzeck an der Oper Furore zu machen. Erst als der experimentierfreudige Wieland Wagner ihn schließlich nach Bayreuth berief, wurde er auch als Dirigent der Musik des 19. Jahrhunderts bekannt.
Zeit seines Lebens dirigierte Boulez nur Werke der Komponisten, die zu ihrer Zeit in die Zukunft verwiesen haben: Beethoven, Bruckner, Wagner, Mahler – den er als Bindeglied zwischen Wagner und der Wiener Schule ansah –, daneben Berlioz, den frühen Strawinsky, Bartók, Ravel, Debussy, Varèse, Messiaen und zahlreiche zeitgenössische Komponisten. Tschaikowsky hat er niemals dirigiert, Brahms betrachtete er als „bourgeois und selbstgefällig“, Prokofjew gar als „unbedeutendes Talent“, selbst Britten und Schostakowitsch lehnte er als „konservativ“ ab. Zwar gab er von 1967 bis 1972 als ständiger Gastdirigent regelmäßig Konzerte mit dem Cleveland Orchestra, dennoch sollte es noch einige Jahre dauern, bis er sich fest an ein Symphonieorchester band. 1969 verpflichtete sich Boulez als Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra in London und wurde 1971 als Nachfolger des gänzlich anders gearteten Leonard Bernstein Musikdirektor des New York Philharmonic Orchestras, der er bis 1977 blieb. Danach beschränkte er sich wieder auf Gastdirigate und widmete seine restliche Zeit der Komposition und der Erforschung neuer Klänge.
1976 übernahm er in Paris die Präsidentschaft des neu gegründeten Ensembles InterContemporain (EIC) und des Institute de Recherche et de Coordination Acoustique-Musique (IRCAM), das sich der Forschung von neuer Musik widmete und dessen Leiter er bis 2002 blieb. Um den „verlorenen Sohn“ näher an sein Heimatland zu binden, wurde ihm vom französischen Staat ermöglicht, die Cité de la Musique in Paris zu gründen. Zugleich trat er eine Professur für technische Neuerungen und musikalischen Ausdruck am Collège de France an.
Im Jahre 2003 hatte Boulez seine Lehrtätigkeit wieder aufgenommen, übrigens aus einem ähnlichen Grund, aus dem er ursprünglich das Dirigieren begonnen hatte. An der Lucerne Festival Academy, die er begründete und dessen Leitung er innehatte, wurden junge Instrumentalisten ausschließlich in der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ausgebildet.
Obgleich er in den Jahren vor seinem Tod meinte, dass „wir“ – damit meinte er Karlheinz Stockhausen, Bruno Maderna und Luigi Nono, mit denen er die ehedem revolutionären Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik besucht hatte – „damals nicht weit genug gegangen“ sind, war Boulez im Alter besonnener geworden: „Ich bin unbedingt dafür, nach vorne zu schauen …, was nicht unbedingt heißt, dass man überall gleich Feuer legen muss“, meinte er in einem Interview. Allzu weit wollte er mit seiner Konzilianz dann doch nicht gehen. Der Provokateur aus Leidenschaft fügte an gleicher Stelle hinzu: „Ich liebe immer noch den Kampf, unter der Bedingung, dass mir der Gegner ebenbürtig ist.“
Und einen solchen hatte er bis zu seinem Tod nicht gefunden, denn wer wagt es schon, sich mit einer Institution anzulegen?
FRAGEN AN PIERRE BOULEZ
Wenn Sie die Möglichkeit hätten, mit irgendeinem Komponisten, ob tot oder lebendig, einen Abend zu verbringen, mit wem wollten Sie sich treffen und was würden Sie ihn fragen?
Lieber würde ich einen Schriftsteller oder Maler treffen. Das wäre für mich interessanter. Wenn ich etwa Monteverdi treffen würde, was könnte ich mit ihm besprechen?
In welcher Zeit hätten Sie als Komponist am liebsten gelebt?
In der Gegenwart.
Auf der Bühne entfernt man sich immer mehr vom Urtext, während man sich im Orchestergraben diesem immer mehr nähert. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Die Musik ist viel präziser als der Text, den man auf vielfältigere Art interpretieren kann. Als Regisseur hat man viel mehr Freiraum als ein Musiker. Wagner etwa hat die Handlung aus seiner Zeit heraus gesehen, während seine Musik außerhalb der Zeit steht.
Seit dem 20. Jahrhundert besteht das Konzertprogramm zu 90 Prozent aus Musik schon längst verstorbener Komponisten. Worin liegt Ihrer Meinung nach die Begründung dafür?
Dieses Problem herrscht schon eine lange Zeit. Schon Berlioz hat in seinen Memoiren beklagt, dass in Paris immer derselbe Beethoven und dieselben Werke von konservativen Komponisten gespielt würden, weil man gegenüber den Neuigkeiten nicht aufgeschlossen war. Bereits im 19. Jahrhundert hat man wegen des historischen Bewusstseins viel mehr Musik der Vergangenheit gespielt, weil die gegenwärtige Musik so individuell geworden war. Es gab schon immer einen Abstand zwischen dem neu Geschaffenen und dem bereits Akzeptierten. Das ist dasselbe wie in der Malerei. Die Impressionisten etwa, die heute überall gefeiert werden, waren in ihrer Zeit keineswegs angesehen.
Es gibt immer mehr sehr gute Orchester und immer weniger herausragende Dirigenten. Woran liegt das?
Das ist eine Frage der Persönlichkeiten – und der Genetik.
Welche gesellschaftliche Aufgabe hat die Musik in der heutigen Zeit?
Die Musik hatte bis zu Mozarts Zeiten, in der Kirche wie auch in der Gesellschaft, die Aufgabe der Unterhaltung. Jetzt ist sie leider eine elitäre Kultur geworden, die für viele nicht notwendig ist. Das liegt an der Erziehung, bei der die Kultur immer mehr vernachlässigt wird. Zudem hat die Kirche keinen Einfluss mehr auf die Musikkultur, wodurch diese nur mehr für eine Konzertgesellschaft relevant ist, die nur eine kleine Gruppe im Vergleich zur Bevölkerung bildet. Deshalb sollte man sich viel mehr um die kulturelle Erziehung kümmern, damit unsere Nachfahren erkennen können, wie wichtig die Kultur für das Leben ist.
Wären Sie kein Dirigent geworden, welchen Beruf hätten Sie ergriffen?
Keinen, weil ich keine andere Begabung habe.
Welcher Dirigent ist Ihr Vorbild und warum?
Es gibt kein Dirigentenvorbild für mich. Ich bin ja ziemlich spät zum Dirigieren gekommen, und als ich jung war und eigentlich bis heute, steht für mich im Konzert nicht der Dirigent im Vordergrund, sondern das Werk.
Was war Ihr bewegendstes Musikerlebnis?
Es sind immer die Jugenderlebnisse, die wichtig sind, weil man zum ersten Mal etwas Bestimmtes gehört hat. Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen, wo es kein Orchester gab. Erst als Student habe ich zum ersten Mal ein Orchesterkonzert erlebt, was ein großes Erlebnis war. Auch meine ersten Opern, die ich gehört habe, Die Meistersinger von Nürnberg und Boris Godunow, waren für mich eine ganz neue Welt. Diese ersten Eindrücke sind unwiederholbar.
Womit verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit?
Mit Dingen, bei denen ich mich geistig erfrische: Ich gehe spazieren, lese oder gehe in Ausstellungen.
Was hören Sie in Ihrer Freizeit?
Nichts.
Sind Interpretationsschemata dem Zeitgeist unterworfen?
Sicher. Wenn man etwa Furtwänglers Beethoven-Interpretationen hört, bemerkt man sehr stark den Einfluss von Wagner. Wenn man heutige Aufnahmen damit vergleicht, die von der Erfahrung mit der Barockmusik gekennzeichnet sind, ist das ein ganz anderer Gesichtspunkt. Wobei beides legitim ist. Es gibt für mich keine Authentizität. Das ist reine Fantasie.
Welche Art von wissenschaftlicher Forschung würden Sie unterstützen?
Jede Forschung, die nicht dem Kriege dient, obwohl unsere Kultur sehr oft davon profitiert hat. All die Fortschritte, die nach dem Krieg in der Wissenschaft gemacht wurden, waren zuerst für diesen entwickelt.
Würden Sie noch einmal geboren, was würden Sie anders machen?
Nichts. Vielleicht würde ich die Zeit zwischen Komponieren und Dirigieren besser aufteilen.
Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Nur Notenpapier. Um in Ruhe zu komponieren.
Welches Motto steht über Ihrem Leben?
Keines. Das wäre eine Verpflichtung. Ich möchte frei sein. Schließlich ändert sich das Leben, und deshalb möchte ich auch immer mein Motto ändern können.


DER THEATERMACHER
CHRISTOPH VON DOHNÁNYI
* 8. September 1929, Berlin
Es gehört schon ein gerüttelt Maß an Idealismus dazu, neben der musikalischen Leitung eines Opernhauses gleichzeitig noch dessen Intendanz zu übernehmen.
Schließlich trägt man in so einem Fall nicht nur die künstlerische Gesamtverantwortung für ein Theater, sondern muss sich auch ständig um die mühsamen administrativen Belange kümmern. Zudem hat man einen viel schwereren Stand bei seinen musikalischen Mitstreitern, weil man sich nicht als Anwalt des künstlerischen Personals gegenüber der Direktion profilieren kann. Doch Christoph von Dohnányi kümmerte all das nicht. Er war viel zu neugierig, um sich von solchen Vorbehalten abschrecken zu lassen, und ging dieses Risiko sogar gleich zweimal in seinem Leben ein. Zu groß erschien ihm die Verlockung, im damals noch reichlich verstaubten deutschen Musiktheater etwas bewegen zu können.
Möglicherweise ist die Ursache für ein solch außergewöhnliches Verantwortungsbewusstsein in seiner Biografie zu finden. Zwar hatte der hochintelligente Spross einer prominenten Familie – sein Onkel war der Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer – schon frühzeitig mit dem Klavierspiel begonnen und mit fünf Jahren seine ersten Kompositionen zu Papier gebracht. Doch mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs fand der Junge kaum mehr die notwendige Muße, zumal sein Vater Hans, eine entscheidende Figur im Widerstand gegen Hitler, 1943 von der Gestapo verhaftet und zwei Jahre später im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet wurde.
Nachdem er trotz dieser außergewöhnlichen Belastung bereits mit 16 Jahren das Abitur bestanden hatte, strebte er zunächst eine Juristenkarriere an. Denn er war sich dessen bewusst, dass er durch die schicksalhaften Zeitläufte viel zu wenig Zeit gehabt hatte, sich so intensiv mit der Musik auseinanderzusetzen, wie es zur professionellen Ausübung notwendig gewesen wäre. Dennoch gab er nach vier Semestern seiner eigentlichen Neigung nach, verbrachte er doch inzwischen mehr Zeit mit dem Komponieren als mit seinem eigentlichen Studium. So verlegte Dohnányi, der während des Krieges in die Isarstadt verschickt worden war, 1948 seinen Interessenschwerpunkt an die Münchner Musikhochschule, wo er bereits nach drei Jahren sein Studium mit Auszeichnung abschloss.
Nachdem er bei seinem Großvater, dem berühmten Komponisten Ernó´ von Dohnányi, eine einjährige Fortbildung absolviert hatte, traf er 1952 auf Georg Solti, der sich gerade anschickte, die Leitung der Frankfurter Oper zu übernehmen. Von seinem jungen Kollegen offensichtlich angetan, engagierte ihn der ungarische Maestro als Korrepetitor und Dritten Kapellmeister. In Frankfurt sollte Dohnányi von seinem anspruchsvollen Mentor jede Unterstützung erfahren. Sogar ein selbst komponiertes Ballett durfte er in Frankfurt uraufführen. Ansonsten lagen seine Aufgaben auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik und der Operette. Dohnányi wusste seine Chance zu nutzen und lernte viel von Solti, den er damals als „Idol“ ansah und bis heute als „wunderbaren Chef“ bezeichnet.
Nach seiner Lehrzeit am Main wurde er 1957 als jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands nach Lübeck berufen. 1963 wechselte er an das Staatstheater Kassel und schon ein Jahr später übernahm er darüber hinaus noch die Leitung des Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchesters, wodurch ihm endlich ein breiteres Podium geboten wurde, sodass er seine Stellung in Kassel nach drei Jahren wieder aufgab. Mit den Städtischen Bühnen Frankfurt wurde Dohnányi 1968 erstmals mit der musikalischen Leitung eines großen Opernhauses betraut. Doch damit nicht genug: Vier Jahre später übernahm er dort zusätzlich noch die Intendanz, was er rückblickend als seine „schönste Zeit“ bezeichnet. Das verwundert nicht, konnte der nunmehrige Intendant im Sog der grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen doch das Wagnis eingehen, völlig neue Konzepte zu verwirklichen. Schließlich war das Frankfurt dieser Tage eines der Epizentren des kulturellen Wandels, von dem Deutschland gerade erschüttert wurde. Zudem stand Dohnányi mit dem damaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann und dem Assistenten Gerard Mortier ein streitlustiges Team zur Seite. Junge und experimentierfreudige Regisseure, wie etwa Peter Mussbach, Volker Schlöndorff oder Hans Neuenfels wurden engagiert, zwei Opern, Fidelio und Figaro, inszenierte Dohnányi sogar selbst. Das Opernhaus Frankfurt war unter seiner Leitung zu einem der Hauptzentren progressiver Opernaufführungen geworden. Dennoch verließ er 1977 die Stadt am Main, zu sehr nahmen ihn unterdessen seine internationalen Verpflichtungen in Anspruch.
Doch 1978 konnte er der Versuchung nicht widerstehen, die Intendanz und die Position des Chefdirigenten an der Hamburgischen Staatsoper zu übernehmen. Wie einst in Frankfurt band er junge Regisseure wie Jürgen Flimm und Luc Bondy an sein Haus, mit dem erklärten Ziel, durch progressive Aufführungen auch im Repertoirebetrieb höchstmögliche Qualität zu garantieren. Ungeachtet einiger szenischer und musikalischer Glanzpunkte war die Euphorie des Aufbruchs der „68er“ inzwischen den nüchternen Kalkulationen einer wirtschaftlich schwereren Zeit gewichen. Als weiterer Wermutstropfen kamen größere Schwierigkeiten mit dem Orchester hinzu, was Dohnányi in seiner Doppelfunktion zusätzlich belastete.
In dieser unerfreulichen Situation wurde ihm ein Angebot unterbreitet, das er nicht ablehnen konnte. Als Nachfolger Lorin Maazels wurde er 1982 zum „Music Director Designate“ und 1984 zum Musikdirektor des Cleveland Orchestra ernannt, bei dem er erst 1981 debütiert hatte. Bei diesem profilierten Klangkörper der Neuen Welt, wo er „die vielleicht glücklichste Zeit in seinem Leben“ verbracht hatte, blieb er bis 2002, wobei er 1997 wieder einen Brückenschlag nach Europa vornahm, als er die Stellung des Chefdirigenten beim legendären Philharmonia Orchestra London antrat, von dem er sich als Ehrendirigent nach elf Jahren wieder verabschiedete. In den Jahren von 2004 bis 2011 übernahm der Unermüdliche darüber hinaus die Leitung des NDR-Sinfonieorchesters in Hamburg, was er gleichsam als seinen persönlichen Beitrag zur „einmaligen deutschen Kulturlandschaft“ verstand, für die er eine große Verantwortung empfindet: „Wenn wir hier versagen und den Abbau, der überall stattfindet, mitmachen, ist dies ein schuldhaftes Verhalten diesem Land gegenüber“, begründete er diesen Schritt in einem Radiointerview mit seinem neuen Arbeitgeber. Da sich unter seinen Orchestern lange Zeit kein Opernorchester befand, legte Dohnányi stets großen Wert darauf, regelmäßig an den Zentren des Musikdramas in London, Paris und Zürich präsent zu sein. Was kein Wunder ist, empfand Dohnányi doch immer eine große Affinität zur Oper.
Neben zahlreichen Aufführungen bei den Salzburger Festspielen, am Opernhaus Zürich und in Wien, wo er 1992/1993 an der Staatsoper etwa den gesamten Ring des Nibelungen aufführte, umfasst seine umfangreiche Diskografie zahlreiche Einspielungen der verschiedensten Bühnenwerke. Mit den Wiener Philharmonikern nahm er etwa Wozzeck, Lulu, Fidelio,
Der fliegende Holländer und Salome auf, mit dem Cleveland Orchestra, als dessen Ehrendirigent er fungiert, Das Rheingold und Die Walküre. Selbstverständlich für einen Dirigenten seines Rufs hat er auch sämtliche Symphonien von Beethoven, Brahms und Schumann sowie zahlreiche andere Werke des symphonischen Repertoires eingespielt.
Christoph von Dohnányi ist auch heute noch keineswegs von Altersweisheit beseelt, noch immer gleicht er dank seines messerscharfen Verstands zuweilen einem Agent Provocateur, etwa wenn er sich so explizit wie kaum ein anderer über die Originalklangbewegung auslässt. Obgleich er einräumt, einiges durch die historische Spielpraxis gelernt zu haben, glaubt er, dass diese Rückbesinnung auch zum Teil einem „Marktlücken“-Denken entspringt.
Und in seiner Begründung dafür blitzt in einem Interview mit Joachim Reiber wieder der „Bilderstürmer“ aus Frankfurter Zeiten in ihm auf: „Retrospektive kann nur interessant sein im Sinne der Gegenwart … Wenn man aus Geschichte lernen kann für heute – ja. Aber Geschichte wiederherstellen – nein!“
Doch auch bezüglich der modernen Musik hat er Unerwartetes zu vermelden. Obwohl er, durchaus berechtigt, als analytischer Vertreter seiner Zunft gilt und ihm dadurch auch der Ruf eines Dirigenten der Moderne vorauseilt, ist er unterdessen der Meinung, dass nach dem Zweiten Weltkrieg „nur sehr weniges geschrieben worden“ ist, wovon er glaubt, „dass es einen wirklich großen Bestandsfaktor beinhaltet, aber da kann man sich sehr irren“, wie er gegenüber Dieter David Scholz sagte. Dennoch ist er der Meinung, dass „heute … leider sehr wenig komponiert [wird], und noch weniger Großes“.
Anlässlich seines 85. Geburtstages antwortete er in einem Interview mit der „Presse“ auf die Frage, ob er seinen Beruf als „Altersjob“ empfände: „Wenn ich nicht immer wieder etwas Neues in der Musik entdeckte, würde ich nicht mehr dirigieren, dann hätte ich Besseres zu tun.“
FRAGEN AN CHRISTOPH VON DOHNÁNYI
Wenn Sie die Möglichkeit hätten, mit irgendeinem Komponisten, ob tot oder lebendig, einen Abend zu verbringen, mit wem wollten Sie sich treffen und was würden Sie ihn fragen?
Bach, um ihm dieselbe Frage zu stellen.
In welcher Zeit hätten Sie als Komponist am liebsten gelebt?
Ich kenne, oder glaube, sie ein bisschen zu kennen: in unserer Zeit.
Auf der Bühne entfernt man sich immer mehr vom Urtext, während man sich im Orchestergraben diesem immer mehr nähert. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
„Urtext“ – meist doch nur Wörter oder Notenköpfe. Zwischen den Zeilen findet man den „Urtext“.
Seit dem 20. Jahrhundert besteht das Konzertprogramm zu 90 Prozent aus Musik schon längst verstorbener Komponisten. Worin liegt Ihrer Meinung nach die Begründung dafür?
Erstens stimmt das nur regional und zweitens: Geschäft, Geschäft, Geschäft …!
Es gibt immer mehr sehr gute Orchester und immer weniger herausragende Dirigenten. Woran liegt das?
Persönlichkeit ist die Sache.
Welche gesellschaftliche Aufgabe hat die Musik in der heutigen Zeit?
Die, die sie wohl immer hatte. Primär Unterhaltung, für wenige etwas anderes.
Wären Sie kein Dirigent geworden, welchen Beruf hätten Sie ergriffen?
Wenn man in einer Partnerschaft glücklich ist, fällt es schwer, über andere nachzudenken.
Welcher Dirigent ist Ihr Vorbild und warum?
Für jeweils anderes ein anderer.
Was war Ihr bewegendstes Musikerlebnis?
Das ist die Frage nach dem „schönsten“ Tag im Leben.
Was hören Sie in Ihrer Freizeit?
Kinder spielen und Flugzeuge, oder die Unterhaltungen der Fische im Aquarium.
Womit verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit?
Ich habe Höhenangst, also nicht beim Bergsteigen.
Sind Interpretationsschemata dem Zeitgeist unterworfen?
Ich möchte sagen: „hoffentlich“.
Welche Art von wissenschaftlicher Forschung würden Sie unterstützen?
Forschung, die zur Früherkennung von Krebsgeschwüren der Politik in der Geschichte der Menschheit führen könnte.
Würden Sie noch einmal geboren, was würden Sie anders machen? Vielleicht es diesmal in einer anderen Welt versuchen?
Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen? Kommt darauf an, ob ich die Insel wieder verlassen dürfte. Wenn nicht, ginge ich gar nicht dorthin!
Welches Motto steht über Ihrem Leben?
Das weiß der Himmel.


DER ZAUBERLEHRLING
GUSTAVO DUDAMEL
* 26. Jänner 1981, Barquisimeto, Venezuela
Hollywood hätte eine solche Biografie nicht besser erfinden können.
In einem Entwicklungsland, dessen Bevölkerung zu einem großen Teil unter der Armutsgrenze lebt, ersinnt ein Musikwissenschaftler ein Programm, mit dem er die grassierende Gewalttätigkeit unter den Jugendlichen eindämmen will, indem er sie ein Instrument erlernen lässt, um sie von der Straße zu holen und deren soziales Bewusstsein durch das gemeinsame Musizieren zu stärken. Innerhalb dieses Systems wächst ein talentierter Geiger heran, der sich, gerade einmal zwölfjährig, unversehens als Leiter seines Orchesters wiederfindet, als der etatmäßige Dirigent kurzfristig verhindert ist und er dazu aufgefordert wird, ihn zu vertreten. Dabei wird sein außergewöhnliches Talent entdeckt, woraufhin er eine spektakuläre Blitzkarriere macht und binnen Kurzem die besten Orchester der Welt dirigiert.
Was auf den ersten Blick wie ein Märchen klingt, hat sich tatsächlich so ereignet. Der venezolanische Musikwissenschaftler Antonio Abreu fasste angesichts des grassierenden Elends in seinem Heimatland eines Tages den wagemutigen Plan, Kinder und Jugendliche mithilfe der klassischen Musik von der Straße zu holen und ihrem Leben damit eine Perspektive zu geben. Mit der Unterstützung von jungen Berufsmusikern gründete er 1975 ein völlig neuartiges Orchester – das Orquesta Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar. Damit wollte Abreu die Musik zur Bildung und seelischen und sozialen Stabilisierung von Heranwachsenden nutzen, indem die Musiker ihr Wissen an Kinder aus den ärmsten Verhältnissen weitergeben. Durch Ölreichtum zu Wohlstand gekommen, erklärte sich die Regierung dazu bereit, dieses Experiment zu unterstützen. So konnte Abreu das einmalige System der Kinder- und Jugendorchester realisieren, in dem die Heranwachsenden bereits mit zwei Jahren sechs Tage in der Woche Musikunterricht erhalten. Oft aus schwierigen Verhältnissen stammend, genießen die Kinder in den Musikschulen eine sichere und gewaltfreie Umgebung und werden dort mit Kleidern und Nahrung versorgt.
Tatsächlich entwickelte sich das sogenannte Sistema (Sistema de Orquestas Juveniles de Venezuela) zu einer weltweit beachteten Erfolgsgeschichte, das viele Kinder und Jugendliche zu begeisterten Musikern machte und dessen Konzept unterdessen auch in anderen Problemzonen der Welt mit Erfolg angewendet wird.
Aus diesem gingen bereits etliche Spitzenmusiker hervor, wobei Gustavo Dudamel sicherlich die spektakulärste Karriere machte. Nachdem er so überraschend zum Orchesterleiter aufgestiegen war, begann Dudamel 1996 sein Dirigierstudium bei Rodolfo Saglimbeni und trat noch in demselben Jahr sein erstes Amt als Musikdirektor des venezolanischen Amadeus-Kammerorchesters an. Mit gerade einmal 18 Jahren wurde er zum Chefdirigenten des staatlichen venezolanischen Jugendorchesters ernannt und setzte seine Dirigierstudien bei José Antonio Abreu fort. Mit 19 Jahren absolvierte er mit dem Orchester seine erste Deutschland-Tournee und debütierte mit ihm in der Berliner Philharmonie.
Aufgrund der Umstände erscheint die frühe Karriere des venezolanischen Talents geradezu märchenhaft und machte die ganze musikalische Welt auf das einzigartige Erziehungssystem seines Heimatlandes aufmerksam – und auf das singuläre Talent dieses jungen Dirigenten, der sich geradezu prototypisch als Galionsfigur einer neuen Dirigentengeneration eignet. Denn neben seinem außerordentlichen Talent sieht der junge Mann auch noch gut aus und besitzt die Fähigkeit, kraft seines südamerikanischen Temperaments die Massen zu Jubelstürmen hinzureißen und die Musiker gleichermaßen zu Höchstleistungen zu motivieren.
Die Grundlage seiner internationalen Karriere stellte der Gewinn des „Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs“ der Bamberger Symphoniker dar. Da war der Heißsporn gerade einmal 23 Jahre alt. Nach seinen Debüts mit dem Israel Philharmonic Orchestra, dem Orchestre Philharmonique de Radio France und dem London Philharmonia Orchestra im Jahre 2005 unterschrieb er bei der Deutschen Grammophon einen Exklusivvertrag, was ihn für alle großen Orchester interessant machte. Seitdem nahm der 2012 mit dem Grammy Award ausgezeichnete Dirigent zahlreiche CDs auf, unter anderem mit den Berliner und Wiener Philharmonikern, mit dem Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela und dem Los Angeles Philharmonic Orchestra sowie mit der Staatskapelle Berlin. Doch damit nicht genug: Gustavo Dudamel hat auch Komposition studiert und die Filmmusik zum Spielfilm Libertador geschrieben, der – wie könnte es auch anders sein – vom Leben des Volkshelden Simón Bolívar handelt.
Unterdessen hat er sich selbst zu einer Art Volksheld entwickelt, wovon zahlreiche Fernsehsendungen und die Dokumentation über ihn – Dudamel: Let the Children Play – zeugen, die in mehr als 500 Kinos in den Vereinigten Staaten gezeigt wurde. Die Auszeichnungen, die dem Ausnahmekünstler schon in jungen Jahren verliehen wurden, sind Legion. Bereits 2008 wurde dem Simón Bolívar Youth Orchestra der „Prinz-von-Asturien-Preis“ in der Kategorie Kunst zuerkannt, 2009 wurde er in Paris als Chevalier in den „Ordre des Arts et des Lettres“ aufgenommen, 2011 in die „Gramophone Hall of Fame“ und 2013 von Musical America zum „Künstler des Jahres“ ernannt. 2009 war er vom Time-Magazine in der Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten aufgeführt worden.
Dabei ging er seine Karriere für seine Verhältnisse geradezu behutsam an. Im Jahre 2007 übernahm Dudamel die Stelle des Chefdirigenten der Göteborger Symphoniker, wo er bis 2012 blieb. Im Jahre 2008 leitete er zum ersten Mal die Berliner Philharmoniker, zu denen er seitdem regelmäßig zurückkehrt. Er war sogar als Nachfolger Sir Simon Rattles als Chef dieses Paradeorchesters im Gespräch, entzog sich dieser Wahl aber durch seine vorzeitige Vertragsverlängerung beim Los Angeles Philharmonic Orchestra, als dessen Erster Musikdirektor er seit dem Jahr 2009 fungiert. Was auch folgerichtig schien, hatte ihm diese Stellung doch ermöglicht, in seinen Programmen eine besondere Vielfalt zu entwickeln – alleine 60 Werke erlebten in den ersten fünf Jahren seiner Ägide ihre Uraufführung, wovon er selbst 20 leitete. Eine solche Programmvielfalt wäre ihm als Chef des deutschen Nobelorchesters wohl kaum möglich gewesen. Zudem konnte er die Philosophie des Sistema auch in Kalifornien realisieren, wo er das Youth Orchestra Los Angeles (YOLA) initiierte, das regelmäßig Kinder aus prekären Verhältnissen aufnimmt und an Instrumenten ausbildet. Was wiederum als Vorbild für etliche andere Einrichtungen dieser Art in den Vereinigten Staaten, wie auch in einigen europäischen Ländern, in Schweden oder Schottland etwa, diente.
Denn Dudamel hat nie vergessen, woher er kam und wem er seine Karriere zu verdanken hat. Gemäß den Vorstellungen seines Mentors José Antonio Abreu will er die scheinbar elitäre klassische Musik allen Menschen zugänglich machen und möglichst viele Heranwachsende davon überzeugen, welch wichtige soziale Komponente das gemeinsame Musizieren beinhaltet. Er ist der festen Überzeugung, dass jeder Mensch Zugang zur Musik haben sollte. Diesem Grundsatz ist auch die Gründung der Gustavo Dudamel Foundation geschuldet, deren Ziel darin besteht, möglichst vielen Kindern – ungeachtet ihrer Herkunft – die Möglichkeit zu geben, Musik aktiv und passiv erleben zu können. Folgerichtig leitet Dudamel nach wie vor das Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela, mit dem er regelmäßig auf Reisen geht. Jedes Jahr verbringt er bis zu fünf Monate mit den Orchestern und den Kindern von El Sistema in seinem Heimatland. Die Idee, wie auch die Qualität des Simón-Bolívar-Jugendorchesters haben unterdessen auch Dirigentenstars wie Claudio Abbado, Daniel Barenboim und Sir Simon Rattle überzeugt, die allesamt schon mit ihm musiziert haben. Als Musikdirektor des Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela wacht Dudamel bis heute über die Qualität des Ergebnisses dieses einmaligen Erziehungsprojekts.
Nachdem er auf symphonischem Gebiet schon so großartige Erfolge verzeichnet hatte, wagte er sich 2015 erstmals auch in die großen europäischen Opernhäuser. Zwar hatte er schon 2006 mit Don Giovanni an der Mailänder Scala und 2007 mit Gaetano Donizettis L’elisir d’amore an der Berliner Staatsoper als Operndirigent debütiert, doch für eine Neueinstudierung nahm er sich noch ein wenig Zeit. Nach einer Bohème an der Mailänder Scala mit dem Simón Bolívar Symphony Orchestra im Jahre 2015 leitete er an der Berliner Staatsoper eine Neuproduktion von Mozarts Le nozze di Figaro. Im April 2016 gab er sein aufsehenerregendes Debüt an der Wiener Staatsoper mit einer Neuproduktion von Puccinis Turandot. Mit den Wiener Philharmonikern verbindet ihn ohnehin schon länger eine herzliche künstlerische Beziehung.
Wie anders ist es zu erklären, dass sie Dudamel als bislang jüngstem Dirigenten das renommierte Neujahrskonzert 2017 anvertrauten?
FRAGEN AN GUSTAVO DUDAMEL
Wenn Sie die Möglichkeit hätten, mit irgendeinem Komponisten, ob tot oder lebendig, einen Abend zu verbringen, mit wem wollten Sie sich treffen und was würden Sie ihn fragen?
Zweifellos mit Beethoven. Ich würde ihn fragen, welche Oper er als Nächstes geschrieben hätte. Fidelio ist so großartig, dass ich mich oft gefragt habe, was er wohl als Nächstes geschrieben hätte.
In welcher Zeit hätten Sie als Komponist am liebsten gelebt?
Ich bin sehr glücklich in der heutigen Zeit.
Auf der Bühne entfernt man sich immer mehr vom Urtext, während man sich im Orchestergraben diesem immer mehr nähert. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Die wesentlichste Aufgabe besteht in meinen Augen darin, den Intentionen des Komponisten mit Demut und Respekt zu begegnen. Natürlich ist es letztlich die Deutung, die den Werken Leben einhaucht und es für die heutige Zeit interessant macht. Ich begegne diesen Ideen stets mit großem Interesse und genieße es, mit verschiedenen Regisseuren zu arbeiten und ihre Gedanken zu teilen.
Seit dem 20. Jahrhundert besteht das Konzertprogramm zu 90 Prozent aus Musik schon längst verstorbener Komponisten. Worin liegt Ihrer Meinung nach die Begründung dafür?
Genau aus diesem Grund tun wir in Los Angeles alles dafür, um das zu ändern. Während meiner ersten sechs Jahre als Musikdirektor haben wir mehr Werke in Auftrag gegeben und aufgeführt als jemals zuvor in der 98-jährigen Geschichte des Orchesters. Im Mai 2016 etwa haben wir Arvo Pärts neues Werk „Greater Antiphones“ zur Uraufführung gebracht, sodass ich nun insgesamt 21 Kompositionen zur amerikanischen Erstaufführung oder Welturaufführung gebracht habe, ganz zu schweigen von den anderen Dirigenten meines Orchesters. Wir feiern die neue Musik – und auch wenn es schwer zu glauben ist, unsere Konzerte mit neuer Musik sind restlos ausverkauft!
Es gibt immer mehr sehr gute Orchester und immer weniger herausragende Dirigenten. Woran liegt das?
Ob ein Orchester außergewöhnlich oder nur mittelmäßig spielt, hängt davon ab, inwieweit sich der Dirigent in das Kollektiv einbringt. Taktschlagen ist die einfachste Übung – eine viel größere Rolle spielt die Psychologie, die weit über die Ausübung der Musik hinausgeht. Deshalb ist es so wichtig, dass junge Dirigenten nicht alleine die technische Seite des Handwerks lernen, sondern sich auch die Zeit dafür nehmen, in Ruhe ihre eigenen Gedanken zu entwickeln.
Welche gesellschaftliche Aufgabe hat die Musik in der heutigen Zeit?
Die klassische Musik ist heutzutage nicht mehr länger an ein bestimmtes Land oder an eine bestimmte Kultur gebunden. Sie ist global und universell zugleich. Genau das versuchen wir mit El Sistema in Venezuela zu zeigen, ungeachtet der Tatsache, dass wir dort den Zugang zur Musik für jeden ermöglicht haben. Dabei wollen wir keine Musiker heranzüchten. Wir wollen den Menschen die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln und sich selbst zu verwirklichen. Unser Ziel ist es, etwas Gutes für jeden Einzelnen zu erreichen. Einen gemeinsamen Fortschritt also, mit dem Ziel, dass Kinder und Jugendliche den Großteil ihrer Zeit sinnvoll verbringen können. Dadurch werden ihre Emotionen in die richtige Richtung kanalisiert, nämlich auf die Suche nach der Schönheit. Die Kunst ist der wichtigste Teil unserer Erziehung, sie gibt uns die Möglichkeit, etwas Schönes zu schaffen. Die Zeit ist unser größtes Kapital und wir müssen sie nutzen, um unsere natürliche Sensibilität zu nutzen und uns zu besseren Menschen zu entwickeln.
Wären Sie kein Dirigent geworden, welchen Beruf hätten Sie ergriffen?
Da bin ich mir ganz sicher: Ich wäre Koch geworden! Ein ganz dicker Koch – denn meine zweite Leidenschaft ist kochen und essen. Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Vergnügen mir gutes Essen bereitet!
Welcher Dirigent ist Ihr Vorbild und warum?
Das ist eine schwierige Frage: Karajan, Harnoncourt, Bernstein, Giulini und natürlich Claudio! Abbado war wie ein Vater zu mir und ich vermisse ihn schrecklich!
Was war Ihr bewegendstes Musikerlebnis?
Meine Inspiration, Motivation und Energie bekomme ich durch die Begeisterungsfähigkeit der Kinder in meinen musikalischen Projekten überall in der Welt. Manchmal fühle ich mich wie deren geistiger Vater.
Es erfüllt mich mit großem Stolz, wenn die jungen Menschen gemeinsam so viel Freude in der Musik erleben, und ich fühle mich davon so erfüllt, wenn ich in Caracas war.
Ich erinnere mich genau daran, als ich das erste Mal in einem Orchester spielte, an einem der letzten Pulte der zweiten Geigen in einem riesigen Orchester von ungefähr 300 Musikern und Maestro Abreu zu mir sagte: „Setz dich hin, erlebe die Erfahrung, höre zu und spiele.“ Und ich tat, wie mir geheißen. Glauben Sie mir, ich hatte keine Ahnung von den Noten, aber in diesem Klangmeer zu sitzen und zu spielen, als gäbe es kein Morgen … Ich spielte wie besessen. Dieser unbeschreibliche Moment von gemeinsamer Anstrengung, das war unglaublich inspirierend für mich.
Womit verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit?
Freizeit habe ich nicht viel, aber die verbringe ich am liebsten mit meiner Familie.
Was hören Sie in Ihrer Freizeit?
Alles. Ich bin mir nicht sicher, ob es irgendeine Musikrichtung gibt, die ich nicht in meiner Sammlung habe. Und wenn nicht, dann habe ich sie wahrscheinlich im Internet gefunden.
Sind Interpretationsschemata dem Zeitgeist unterworfen?
Absolut!
Welche Art von wissenschaftlicher Forschung würden Sie unterstützen?
Ich bin vom menschlichen Gehirn fasziniert: Es ist so komplex, wunderbar und geheimnisvoll.
Würden Sie noch einmal geboren, was würden Sie anders machen?
Nichts.
Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Ich benötige nichts außer der Liebe meines Lebens.
Welches Motto steht über Ihrem Leben?
„Keine Wirkung ist ohne Ursache. Und wir leben in der besten aller Welten.“
(Nach Voltaires „Candide“.)
Pulsuz fraqment bitdi.