Kitabı oxu: «Ravenhurst»
SANDRA BÄUMLER
RAVENHURST
GOTHIC NOVEL

Inhalt
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
1. KAPITEL
An einem Januarmorgen, noch bevor die Sonne aus ihrem Schlaf erwacht war, hallte ein lauter Knall, gleich einem explodierenden Feuerwerkskörper, durch Warrington House, der mich aus dem Schlaf riss. Aufgeregt schlüpfte ich in meine Pantoffeln, zog den Morgenrock über und trat vor mein Zimmer auf den Gang. Dort empfingen mich helle Beleuchtung sowie Cummings, unser Butler, und Josef, ein Diener. Wir alle dachten ein Tunichtgut hätte diesen Krawall verursacht, um uns zu erschrecken. Was ihm zweifelsohne gelungen war.
Der schrille Schrei von Bessie, dem Küchenmädchen, ließ uns zusammenfahren und in mir eine böse Vorahnung wachsen. Mit hämmerndem Herzen rannte ich hinter Cummings die Treppen hinunter in die Richtung aus welcher der Schrei gekommen war. Wir fanden das Mädchen völlig hysterisch vor dem Büro meines Vaters. Cummings wollte mich davon abhalten hineinzugehen, aber er schaffte es nicht. Der Anblick, der mich erwartete, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Meines Vaters Kopf lag auf dem Schreibtisch, als wäre er über einer Abrechnung eingenickt. Doch das Loch in der Stirn, aus dem Blut über sein fahles Gesicht rann und sich in einer rotglänzenden Pfütze auf der Tischplatte sammelte, sowie die weitaufgerissenen leeren Augen widersprachen dem friedlichen Bild eines Schlafenden. Die Pistole, mit der er seinem Leben ein Ende gesetzt hatte, lag neben ihm auf dem Boden und auf dem Schreibtisch das Medaillon, in dem er stets eine Locke von mir bei sich trug. Bessie war gerade dabei gewesen, wie jeden Morgen im Erdgeschoss beginnend, die Kamine zu säubern sowie neue Feuer zu entfachen, und hatte ihn daher nach dem Schuss als erste erreicht. Wäre das Mädchen mit dem Kamin im Salon nur eine Minute früher fertig gewesen und hätte sich anschließend, wie sie es immer tat, den Kamin im Arbeitszimmer vorgenommen, wäre sie unfreiwillige Zeugin des Freitodes meines Vaters geworden.
Noch heute, drei Wochen nach diesem schrecklichen Ereignis, träumte das arme Kind von den leeren Augen meines Vaters, die sie leblos angestarrt hatten. Ich hingegen konnte nichts empfinden. Warum sollte ich Mitgefühl für jemanden hegen, der sich feige aus dem Leben gestohlen und mich allein gelassen hatte?
Nein, ich belog mich selbst, dass ich nichts zu fühlen vermochte, entsprach keinesfalls der Wahrheit, ich verspürte doch etwas. Tief in mir kochte ohnmächtige Wut, ihn für immer verloren zu haben. Ich ballte meine Hände zu Fäusten, starrte die Frau im Spiegel an, die ein schlichtes schwarzes Kleid trug, das sie noch blasser wirken ließ, als ihr Teint schon von Natur aus war. Einst gab mir mein Vater das Versprechen, mich niemals zu verlassen und doch hatte er es gebrochen. Ein Umstand, den ich ihm nur schwerlich verzeihen konnte. Auch wenn ich wusste, dass es dem Allmächtigen nicht gefiel, wenn die Lebenden den Toten etwas nachtrugen.
»Warum nur hast du das getan? Du selbst hast gesagt, dass es aus jeder noch so hoffnungslosen Situation einen Ausweg geben würde. Du hast mich Zuversicht gelehrt. Wie konntest du nur?«, flüsterte ich.
»Haben Sie etwas gesagt, Lady Eleonore?«, rissen mich Annes Worte aus meinen finsteren Gedanken. Auf meinen Wangen spürte ich feuchtwarme Tränen. Schmerz, den ich unter meinem Zorn zu begraben versuchte, fraß sich wie eine fette Raupe durch meine Eingeweide. Ich wollte diesen unsäglichen Schmerz nicht fühlen, wandte mein Gesicht vom Spiegel ab und blickte zu Anne. Auch meine Zofe trug schwarz. Bei ihr war es jedoch die übliche Kleidung. Sie strich meinen Rock glatt, die Seide raschelte unter ihren Fingern. Bald würde ich mich von seidener Kleidung verabschieden müssen. Nicht, dass mich das Tragen einfacherer Kleidung über die Maßen erschreckte oder die Tatsache mein luxuriöses Leben aufgeben zu müssen. Dies alles war nur mehr Schein als Sein gewesen, wie ich nach dem Tod meines Vaters erfahren hatte. Aber es bedrückte mich sehr, dass ich mich auch von allen liebgewonnen Bediensteten verabschieden musste und der Gedanke dieses Haus, das ich bis heute mein Heim genannt hatte, für immer zu verlieren, schmerzte unendlich. Ich konnte bei diesem Gedanken kaum atmen. Cummings, der Butler, unsere Hausdame Mrs Smith und die Köchin Mrs Ross waren meine Familie, sie hatten mein Aufwachsen in diesem Haus erlebt.
»Wie lange stehen Sie nun schon in unseren Diensten?«, fragte ich Anne ruhig, obwohl ich am liebsten wie ein Kind laut gezetert und geweint hätte. Doch ich besann mich meiner Erziehung. Es war eine Unart, vor anderen seinen Tränen ungehemmt freien Lauf zu lassen und sie damit in Verlegenheit zu bringen. Für eine Frau aus gehobenen Kreisen galt es immer, Haltung zu bewahren.
»Ungefähr zehn Jahre, Lady Eleonore. Ich kam als einfaches Hausmädchen hierher und seit Ihrem achtzehnten Geburtstag darf ich mich Ihre Kammerzofe nennen, das ist jetzt sechs Jahre her. Dafür bin ich Ihnen und Ihrem Vater sehr dankbar«, erwiderte Anne. Ich reckte ihr meine Hände entgegen, über die sie schwarze Handschuhe streifte.
»Ich habe Ihnen ein hervorragendes Zeugnis ausgestellt, damit finden Sie sicherlich eine gute Anstellung«, sagte ich. Anne nahm ein seidenes Taschentuch vom kleinen Toilettentischchen, das reichverziert an Intarsien und sehr wertvoll war. Nicht einmal ein Möbelstück würde mir bleiben. Vorsichtig tupfte Anne meine Tränen von der Wange.
»Ich werde keinesfalls gehen«, widersprach sie.
»Aber ich kann Sie nicht mehr bezahlen?«
»Ich hab ein bisschen gespart, um eine Weile über die Runden zu kommen. Niemals werde ich Sie in der Welt da draußen allein lassen. Wir werden zusammen eine Anstellung finden. Sie als Gouvernante und ich als Hausmädchen oder Zofe.« Entschlossen hob mir Anne das Kinn entgegen, betrachtete mich mit ihren warmen braunen Augen. Soviel Loyalität erfüllte mein Herz mit Hoffnung, ich nahm ihre Hände in meine.
»Das kann ich nicht von Ihnen verlangen.«
»Ich möchte das tun.« Anne drückte meine Finger.
»Dann wollen wir das Unvermeidliche nicht länger herausschieben«, sagte ich und hoffte meine Stimme klang so entschlossen, wie beabsichtigt.
»Einen Moment noch.« Sie befestigte eine Strähne, die sich aus meiner Hochsteckfrisur gelöst hatte, mittels einer Haarnadel, so dass sie sich wieder akkurat zwischen den anderen einreihte.
»Jetzt sind Sie soweit«, meinte sie. Ich nickte, ging zu der Kommode, um die Schmuckschatulle an mich zu nehmen.
»Bitte folgen Sie mir mit den Zeugnissen«, trug ich Anne auf.
»Natürlich.« Sie ergriff das Bündel zusammengefalteter Schreiben, nur das an sie gerichtete ließ sie liegen.
Nun stand mir ein schwerer Gang bevor, beinahe so schwer, wie das Geleit meines Vaters zu seiner letzten Ruhestätte. Nervös strich ich über meinen Bauch, spürte das Mieder darunter, es kam mir so eng vor. Ich atmete tief durch und ging zur Tür. Langsam schritt ich die Treppen hinunter, Anne war hinter mir. Ihre Nähe und das Wissen, dass sie an meiner Seite bleiben wollte, machte mir die Aufgabe, die ich gleich zu tun hatte, etwas leichter. Vor zwei Wochen hatte Mister Spauldings, der Anwalt meines Vaters und nun Verwalter meiner Belange, dem Personal die Kündigung ausgesprochen, damit die Bediensteten ihre Angelegenheiten regeln konnten. Nun war der Tag gekommen, an dem sie mich verlassen würden.
In der Halle am Fuße der Treppe erwarteten mich alle von der Hausdame bis zum Küchenmädchen. Cummings hatte sie in einer Reihe aufstellen lassen als stünden sie Spalier, um einen hochrangingen Gast zu empfangen. Eine Ehre, die mir nicht gebührte, denn ich stand jetzt eigentlich unter ihnen. Jeder von diesen Menschen hatte seine Aufgabe, war in der Lage selbst dafür zu sorgen, dass Brot auf den Tisch kam. Ich hingegen war ohne jegliche sinnvolle Ausbildung, hatte nur gelernt, mich in adligen Kreisen zu bewegen, zu singen und Klavier zu spielen. Zudem sprach ich Französisch und war in der Lage mit einem Mann eine anspruchsvolle Konversation zu führen, falls er es von mir wünschte. Alles Dinge, die eine Dame von Rang als ihr Tagwerk bezeichnen würde, doch nun erkannte ich die verschwendete Zeit darin. Wenn ich wenigsten kochen könnte oder nähen. Ein leises Seufzen entkam mir, als ich die letzte Treppenstufe hinter mich brachte. Die wartenden Menschen sahen mich aufmerksam an. Ich trat zu unserem Butler, der das Spalier anführte. Wie immer wartete er mit stoischer Miene auf das Kommende, doch in seinen wasserblauen Augen sah ich Schmerz. Über fünfundzwanzig Jahre hatte er diesem Haus gedient, länger als ich lebte. Er war wie ein zweiter Vater für mich gewesen, hatte stets mein Wohlergehen im Sinn gehabt, wenn mein eigener Vater auf Reisen gewesen war. Mein Gegenüber zog die graumelierten Brauen nachdenklich zusammen. Er hätte gerne etwas gesagt, das sah ich ihm an, doch er wartete bis ich das Wort an ihn richtete.
»Mister Cummings, Sie waren diesem Hause stets treu ergeben gewesen und das seit vielen Jahren. Ich muss Ihnen mit Sicherheit nicht sagen, wie es mich schmerzt Sie entlassen zu müssen, nehmen Sie dies als meinen Dank und Lohn für ihre Arbeit.« Ich öffnete die Schatulle und holte einen goldenen mit Brillanten besetzten Anhänger hervor, den ich ihm reichte. Cummings ließ seine Hände an den Seiten herabhängen.
»Lady Eleonore, der Schmuck ist alles, was Sie noch besitzen. Ich käme mir wie ein Unhold vor, wenn ich diesen Anhänger annehmen würde. Sie werden ihn noch brauchen.«
»Lieber Mister Cummings, ich insistiere. Wenn Sie diesen Schmuck nicht annehmen würden, dann käme ich mir wie eine schändliche Person vor. Ich weiß, dass mein Vater seine Pflichten als Arbeitgeber vernachlässigt hat und ihnen Ihren Lohn schuldig geblieben ist. Dieser Schmuck ist, wie Sie so folgerichtig festgestellt haben, alles was ich noch mein Eigen nennen kann und bei Gott, ich gebe ihn lieber Ihnen, bevor ich in noch diesen Geiern in den Rachen werfen muss, die auf dem Grabe meines Vaters tanzen«, erwiderte ich. Grenzenlose Wut wallte durch meine Adern, drohte aus mir herauszubrechen wie Dampf aus einem Kessel. Ich holte tief Luft, es brachte nichts, wenn Zorn mein Handeln übernahm. »Bitte, Sie würden mich beleidigen, wenn Sie mein Geschenk weiter ablehnten«, fügte ich hinzu, achtete dabei darauf, dass meine Stimme nun sanfter klang und hielt Cummings den Anhänger entgegen. Mit einem Seufzer nahm er ihn.
»Es liegt mir nichts ferner, als sie zu beleidigen Lady Eleonore. Sie haben schon genug zu ertragen, ich möchte Ihnen auf keinen Fall zusätzlichen Kummer bereiten.«
»Danke Mister Cummings. Anne.« Ich wandte mich kurz meiner Zofe zu, sie reichte mir das Zeugnis, das ich für Cummings vorbereitet hatte, und übergab es ihm. Er nickte dankbar.
Anschließend trat ich zu Mrs Smith. Ihre Augen waren rot, sie hatte offensichtlich geweint. Mitleidvoll gepaart mit mütterlicher Güte sah sie mich an.
»Sie waren immer die Seele unseres Hauses. Ihr neuer Arbeitgeber darf sich sehr glücklich schätzen. Ich habe versucht in Worte zu fassen, wie wichtig Sie für meinen Vater und mich gewesen waren, aber ich glaube, mein Schreiben wird Ihren Fähigkeiten bei weitem nicht gerecht.« Anne gab mir das Zeugnis, das ich Mrs Smith weiterreichte, dann nahm ich eine mit Rubinen und Diamanten besetzte Brosche aus der Schatulle. »Auch dieses Schmuckstück wird Ihnen nicht gerecht, aber es kommt von Herzen.«
Mrs Smith räusperte sich, Tränen liefen über ihre rosigen Wangen. »Verzeihen Sie mir meine Ungebührlichkeit, aber dürfte ich Sie in meine Arme nehmen, wie ich es immer tat, als Sie noch ein Kind gewesen waren?«, fragte sie mit rauer Stimme.
»Nein das ist nicht ungebührlich, ich bitte darum.« Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, presste sie mich an ihren weichen Körper. Wie ein kleines Kind sank ich in ihre Arme, schloss meine Augen, um die Tränen auszubremsen, die aus mir herausbrechen wollten. Zum letzten Mal inhalierte ich ihren Duft nach Veilchen, ein Geruch, der mich immer an Wärme, Mütterlichkeit und mein Zuhause erinnern würde. Ich wollte ihn mir fest einprägen, denn wenn die kommenden Zeiten rau werden sollten, würde ich einzig in meiner Erinnerung Trost finden.
»Sei stark kleine Ela«, flüsterte Mrs Smith in mein Ohr. Ela, so hatten mich die Bediensteten genannt, bevor ich Lady Eleonore wurde. Ein großer Klumpen verklebte meine Kehle, den auch mehrmaliges Schlucken nicht beseitigen konnte und mich am freien Atmen hinderte. Schweren Herzens befreite ich mich aus der Umarmung, denn am liebsten hätte ich sie niemals losgelassen. Als nächstes war Mrs Ross an der Reihe, auch sie hatte gerötete Augen, dazu schniefte sie leise.
»Verzeihen Sie.« Sie zog ein Taschentuch unter ihrer Schürze hervor, drehte sich weg, um sich zu schnäuzten. Anschließend sah sie wieder zu mir, während sie das Tuch verstaute. »Das alles geht mir so nahe, Lady Eleonore«, sagte sie mit weinerlicher Stimme.
»Ist schon gut.« Ich streichelte tröstend ihren Arm. »Mrs Ross, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass Sie Londons beste Köchin sind und was für ein Glück wir hatten, Ihre Künste am Herd genießen zu dürfen. Diese Brosche soll eine Wertschätzung meinerseits sein.«
Mein Gegenüber wurde so rot wie ein gekochter Hummer, nahm nur zögerlich das Schmuckstück entgegen.
»Ich danke Ihnen, Lady Eleonore und wünsche Ihnen nur das Allerbeste. Jeden Abend vor dem Zubettgehen werde ich für Ihr Wohlergehen beten.«
Gerührt von Mrs Ross warmen Worten hatte ich alle Mühe damit, mich nicht doch ungehemmt meinen Tränen hinzugeben.
»Das ist lieb von Ihnen«, erwiderte ich, meine Stimme zitterte, zeugte davon, dass nur eine haardünne Wand die Tränenflut zurückhielt. Dennoch setzte ich mein Tun fort, bis ich allen Angestellten ihr Zeugnis und ein Schmuckstück ausgehändigt hatte. Nach der Verabschiedung verschwanden die Bediensteten durch die mit der Wandvertäflung verschmelzenden Tür unter der Treppe, die zum Angestelltentrakt sowie der Küche führte. Dort erwarteten sie ihre Koffer, die gepackt bereit standen. Ich blickte ihnen hinterher, verschränkte meine Finger ineinander, um meine Hände am Zittern zu hindern. Anne trat dicht zu mir, sagte jedoch nichts. An der Tür drehte sich Cummings zu mir, die anderen Bediensteten hatten die Halle bereits verlassen.
»Lady Eleonore, ich habe Anne einen Zettel gegeben, auf dem meine neue Adresse steht. Es würde mich freuen, wenn Sie mir schreiben könnten, um mich auf dem Laufenden zu halten. Das würde mich besser schlafen lassen«, sagte er.
»Ich verspreche es Ihnen, lieber Cummings«, erwiderte ich, konnte kaum noch die Tränen zurückhalten, die in meinen Augen brannten. Am liebsten wäre ich zu ihm gelaufen und hätte mich an ihn geklammert, um sein Fortgehen zu verhindern, doch stattdessen blieb ich stehen, angewurzelt wie eine knorrige, alte Eiche und bewahrte Haltung, wie man es von mir erwartete. »Leben Sie wohl, alter Freund.«
»Passen Sie auf sich auf Lady Eleonore. Sie können mich jederzeit kontaktieren. Meine Adresse hat Anne, wie schon erwähnt.« Damit verließ er ebenfalls die Halle. Als befände ich mich unter Hypnose, starrte ich zur Tür. Nun lebten nur noch Anne und ich in dem großen Haus, das wir in sieben Tagen ebenfalls verlassen mussten. Die Gläubiger meines Vaters hatten Mister Spaulding vier Wochen Zeit gegeben, alle Angelegenheit zu regeln. Achtundzwanzig Tage, um die Welt aufzulösen, die bisher mein Leben gewesen war. Laut Spaulding wollte eine Firma diese Räumlichkeiten anmieten, die keine Bediensteten brauchte. Der neue Besitzer plante hierfür bereits Umbauten im großen Stil. Schon die Vorstellung, dass in diesem Haus, in dem ich geboren wurde und meine Eltern gestorben waren, wildfremde Menschen herumliefen, es nicht wertschätzten, alles herausrissen und es zu weiß Gott was machten, ließ mich verzweifeln. Zu meinem Unterkunftsproblem kamen noch die beruflichen Aussichten, die nicht gerade rosig erschienen. Meine Annonce, mittels derer ich eine Stellung als Gouvernante suchte, war bisher unbeantwortet geblieben. Wer wollte schon einer verarmten Adligen, deren Vater das ganze Vermögen verspielt hatte, die Erziehung der wertvollen Nachkommen anvertrauen? Auch sämtliche Heiratswillige die mir den Hof gemacht hatten, bevor der Skandal publik wurde, waren wie vom Erdboden verschluckt, nachdem sie von meiner finanziellen Situation erfahren hatten. Die grausame Wahrheit lautete, in sieben Tagen würde ich kein Zuhause mehr haben. Mir wurde schlecht, ich wankte. Anne stützte mich.
»Sie sehen nicht gut aus. Vielleicht sollten Sie sich hinlegen«, schlug sie vor. In diesem Moment läutete jemand an der Vordertür.
»Geht es wieder?« Anne sah mich besorgt an, ich nickte. Sie nahm ihre Hände von mir. »Ich werde die Tür öffnen.«
»Nein, ich öffne selbst. Ich werde mich daran gewöhnen müssen.« Damit drückte ich ihr die Schatulle in die Hände und ging zur Tür, die ich aufmachte. Ein junger Mann stand davor, einfach gekleidet.
»Tut mir leid, dass ich hier geläutet habe, aber an der Dienstbotenpforte hat keiner geöffnet. Ich habe einen Brief.« Er reichte mir das Schreiben, sah mich dabei erwartungsvoll an. Sicherlich hoffte er auf eine kleine Entlohnung.
»Ich danke Ihnen«, erwiderte ich höflich. Mehr als Höflichkeit konnte ich dem armen Mann nicht bieten. Ich schloss die Tür, besah nachdenklich das Kuvert. Der Brief kam von Spaulding. Sogleich öffnete ich den Umschlag, der eine kurze Nachricht enthielt. Er lud mich für den morgigen Tag um neun Uhr vormittags in seine Kanzlei ein, weil er eine wichtige Angelegenheit mit mir besprechen wollte, wie er sich in dem Schreiben wage ausdrückte. Wahrscheinlich ging es wieder darum, wo ich in Zukunft leben sollte. Wenn ich ihm nicht bald einen Arbeitgeber präsentierte, würde ich zu meinem einzigen in Frage kommenden Verwandten, einem Vetter fünften Grades, der in Bristol lebte, ziehen müssen. Dort wäre ich dann die unliebsame Verwandte, die er mit durchfüttern musste, weil sie nicht in der Lage war selbst für sich zu sorgen.
2. KAPITEL
Anne begleitete mich zur Kanzlei. Ich hatte mich dazu entschlossen zu Fuß zu gehen. Mittels einer Droschke wäre der Weg leichter zu bewältigen gewesen, vor allem bei den eisigen Temperaturen, die London fest im Griff hatten. Aber wenn Geld knapp war, hieß die Devise laufen. Es lag nicht in meiner Natur, Spaulding um mehr Geld zu bitten als zwingend notwendig war. Daher brachen wir zeitig auf. In London waren um diese Stunde und Jahreszeit mehr Menschen unterwegs als ich gedacht hatte. Der Schnee knirschte unter meinen Schuhen. Neben uns holperte lautstark ein Fuhrwerk über das schneematschbedeckte Kopfsteinpflaster.
»Er hat nur etwas von einer wichtigen Angelegenheit geschrieben, mehr nicht«, erklärte ich Anne. Kleine Wölkchen kondensierten Atems verließen meinen Mund. Obwohl ich den dicksten Mantel angezogen hatte, musste ich unaufhörlich zittern. Nur mit Mühe konnte ich meine Zähne daran hindern zu klappern, und mein Hut war zwar modisch, bedeckte aber die Ohren nicht, in welchen ich jetzt schon kein Gefühl mehr besaß. Auf einen Schleier, wie man ihn üblicherweise aus Trauergründen vor dem Gesicht trug, hatte ich verzichtet.
»Es zeugt nicht unbedingt von Höflichkeit, sein Gegenüber so im Unklaren zu lassen«, meinte Anne.
»Er ist Anwalt, die sind in den seltensten Fällen höflich, wie ich in letzter Zeit feststellen musste«, erwiderte ich bitter. Der Geruch von frisch Gebackenem umwehte meine Nase, erinnerte mich an mein karges Frühstück. Mein Magen gab ein undamenhaftes Knurren von sich.
»Sie haben zu wenig gegessen, wir sollten eine Kleinigkeit kaufen, bevor wir weitergehen.« Die immer freundliche und gutmütige Anne sprach mit einer Strenge in der Stimme, die ich ihr niemals zugetraut hatte.
»Auf dem Rückweg werden wir uns etwas mitnehmen, versprochen. Jetzt kann ich nichts essen.«
»Ich werde Sie daran erinnern. Wenn Sie mir umkippen, nützt das keinem etwas.«
Ich blieb stehen, drehte mich zu Anne und umrahmte ihr Gesicht mit beiden Händen.
»Meine liebe gute Anne, was würde ich nur ohne Sie tun?«, sagte ich. Sie umgriff meine Hände, zog sie von ihrem Kopf und hielt sie fest.
»Sie sind stark und zusammen sind wir noch stärker, vergessen Sie das niemals.«
»Niemals werde ich das vergessen, was Sie für mich getan haben.« Ich schluckte, Tränen quollen aus meinen Augen. Die eisige Luft kannte kein Erbarmen, biss sofort in meine feuchte Haut. Anne ließ meine Hände los, holte ein Tuch aus ihrem Mantelärmel und tupfte mein Gesicht trocken.
»Sie wollen doch nicht verheult bei dem Anwalt ankommen«, sagte sie.
»Nein das will ich nicht«, stimmte ich ihr zu und wir setzten den Weg fort.
Nach über einer halben Stunde erreichten wir die Kanzlei. Zumindest hatte das Laufen dafür gesorgt, dass mir etwas wärmer geworden war. Nur an den Füßen fror ich noch immer, meine Zehen waren schon ganz taub. Wirklich, ich brauchte unbedingt dickeres Schuhwerk.
Ich betätigte die Glocke, die sich neben dem Schild befand, auf dem der Schriftzug Kanzlei Spaulding, Forrester und Bowe in goldenen Lettern prangte. Ein junger Mann mit Habichtsnase öffnete uns. Er musterte die gefallene Adlige und ihre Zofe mit hochgezogenen Brauen und überheblichem Blick. Wenn ich mich richtig erinnerte, war seine Name Mason. Ich kannte ihn nur vom Sehen, hatte bisher noch nicht viel mit ihm gesprochen. Er war Spauldings Sekretär, Butler, eben Mädchen für alle Belange, so wie es schien.
»Guten Tag, ich habe einen Termin bei Mister Spaulding«, sagte ich, worauf er nickte und zurücktrat. »Bitte, Lady Warrington.« Er deutete in Richtung Empfangshalle.
Ich kam seiner Aufforderung nach, Anne folgte mir.
»Warten Sie bitte in der Bibliothek«, er führte uns in den angesprochenen Raum, dessen Wände mit Büchern gefüllte Regale einnahmen. Vor einem Kamin, in dem ein Feuer brannte, stand eine kleine Sitzgruppe.
»Dürfte ich Ihnen die Mäntel abnehmen«, sagte der Mann.
»Natürlich«, erwiderte ich. Er half mir beim Auskleiden, anschließend kümmerte er sich um Anne.
»Wünschen Sie Tee?«, fragte er, während er die Mäntel ordentlich über seinen Arm legte. Ich wollte ablehnen, aber Anne kam mir zuvor.
»Das wäre wundervoll«, sagte sie.
»Gerne. Bitte nehmen Sie doch Platz, Mister Spaulding wird bald hier sein.« Damit ging der Mann.
»Sie wollten den Tee ablehnen, ist es nicht so? Dabei brauchen Sie jetzt dringend etwas Warmes, Ihre Lippen sind schon ganz blau.« Anne betrachtete mich, als könnte sie in mein Innerstes sehen.
»Danke für Ihre Fürsorge. Nun lassen Sie uns im Sitzen warten, das wird uns auch nicht mehr kosten«, gab ich zurück und nahm vor dem Kamin Platz. Ich streifte die Handschuhe ab, die ich auf meinen Schoss legte, und hielt meine frostigen Finger den wärmenden Flammen entgegen. Nach einem kurzen Zögern entschied sich Anne für den Platz neben mir auf dem Sofa. Man merkte ihr an, dass es ihr als Bedienstete unangenehm war, in meiner Gegenwart zu sitzen. Schweigend starrten wir einige Augenblicke ins Feuer, doch plötzlich beugte sie sich zu mir.
»Sind Sie so gespannt wie ich, zu erfahren, was Mister Spaulding von Ihnen will?«, fragte sie mit gesenkter Stimme.
»Unglaublich sogar, aber eine Dame bewahrt immer die Contenance und lässt sich ihre Curiosité nicht anmerken, wie mein französisches Kindermädchen stets zu sagen pflegte«, erwiderte ich leise. »Wahrscheinlich will er nur wieder …«
Die Tür ging auf und Spaulding, ein Mann in den besten Jahren, betrat den Raum. Sein Oberlippenbart war wie immer sehr beeindruckend, das musste ich zugeben, auch wenn ich Gesichtsbehaarung jeglicher Art nicht mochte.
»Ich bitte zu entschuldigen, dass ich Sie habe warten lassen, meine Liebe.« Er kam auf mich zu, ich legte die Handschuhe auf die Armstütze und erhob mich.
»Meine Zofe Anne kennen Sie bestimmt«, erwiderte ich.
Anne stand ebenfalls auf.
»Vom Sehen, angenehm Ihre Bekanntschaft zu machen.« Er schüttelte kurz Annes Hand, dann nahm er meine.
»Es tut mir wirklich sehr leid, dass ich Sie hierher beordern musste. Aber es ist mir im Moment unmöglich mein Büro zu verlassen, wissen Sie, die Arbeit …«
»Keine Sorge, es hat mir nichts ausgemacht, Sie in Ihren Räumlichkeiten aufzusuchen«, unterbrach ich seinen Entschuldigungsschwall.
»Gut, ich denke, wir bleiben in der Bibliothek. Hier ist es gemütlicher, zudem ist es in meinem Büro wesentlich kühler. Nach Ihren eisigen Händen zu urteilen, müssen Sie sehr frieren.« Mister Spaulding ließ mich los und deutete einladend zu dem Sofa, auf dem ich vor seiner Ankunft schon gesessen hatte. Ich nahm Platz, Anne tat es mir gleich, Mister Spaulding entschied sich für den Sessel uns gegenüber. Er musterte uns einen Augenblick, räusperte sich dann.
»Vielleicht möchte Ihre Zofe in unserer Küche warten«, schlug er vor. »Ich hab doch recht intime Dinge mit Ihnen zu besprechen.«
»Oh, natürlich kann ich dort warten.« Anne stand hastig auf, ihre Wangen glühten, ich hielt sie fest.
»Es gibt nichts, dass Sie mir nicht auch in ihrer Gegenwart sagen könnten«, erwiderte ich entschlossen, Anne sank auf ihren Platz zurück.
»Wie Sie wünschen«, meinte Spaulding mit missbilligendem Gesichtsausdruck. Offensichtlich hielt er es für unangemessen, wenn eine Bedienstete bei einem solch intimen Gespräch anwesend war, wie er es mit mir zu führen beabsichtigte. Aber seine Meinung kümmerte mich nicht. Wenn eine weitere Hiobsbotschaft bezüglich meines Vaters auf mich wartete, wollte ich eine Vertraute an meiner Seite haben. In den letzten Wochen hatte er nur schlechte Nachrichten für mich gehabt. Eine Unmenge Gläubiger war mit ihm in Kontakt getreten. Wenn ich nur an die Schulden dachte, die mein Vater aufgehäuft hatte, wurde mir speiübel. Mason brachte den Tee. Er stellte das Tablett auf einer kleinen Konsole in der Nähe der Sitzgruppe ab. Schweigend sahen wir zu, wie er einschenkte. Anschließend trug er die Tasse, die er auf einen Unterteller gestellt hatte, zu mir, dann kam Anne an die Reihe. Zuletzt versorgte er seinen Arbeitgeber, danach zog er sich wieder zurück. Spaulding nahm einen Schluck, anschließend stellte er seine Tasse auf den kleinen Tisch neben sich. Ich hielt meine fest, trank jedoch nichts, obwohl mein Mundraum vor Anspannung trockener als eine Wüstenei war.
»Ach ja, ehe ich es vergesse, möchte ich Sie noch darüber informieren, dass ich den Bediensteten gestern zum Monatsletzten die Zeugnisse ausgehändigt habe. Es war sehr nett, dass ich die Schreiben verfassen durfte«, ergriff ich das Wort.
»Sie kannten diese Menschen besser als ich. Ich denke mit den von Ihnen ausgestellten Zeugnissen dürften sie keine Schwierigkeiten haben, eine neue Anstellung zu finden.« Sein Blick glitt zu Anne.
»Sie möchte bei mir bleiben und mir helfen, eine Anstellung zu finden«, erklärte ich ihm.
»Es wird dafür keinen Lohn geben«, sagte er zu meiner Begleitung.
»Dessen bin ich mir bewusst.« Anne hielt seinem durchdringenden Blick stand, reckte ihm kämpferisch ihr Kinn entgegen. Spaulding schenkte wieder mir seine Aufmerksamkeit.
»Dann will ich zur Sache kommen. Wie Sie wissen, hat Ihr Vater Ihnen ungeheuer hohe Spielschulden hinterlassen und unzählige Gläubiger sind involviert.«
»Wenn ich an diesem eisigen Morgen von Ihnen hierherbeordert wurde, nur damit Sie mir dies sagen können, hätte ich mir den Marsch durch die Kälte sparen können«, erwiderte ich ungeduldig. Eine meine eher undamenhaften Eigenschaften, die Worte purzelten manchmal schneller aus meinem Mund, als dass sie mein Verstand aufhalten konnte. Spaulding zog eine Braue hoch, schnaubte missbilligend und fuhr fort. »Dorian Graves hat mit mir vorgestern Kontakt aufgenommen. Er ist einer der Gläubiger Ihres Vaters und unter anderem der neue Besitzer von Warrington House, Ihr Londoner Stadthaus, das sollten Sie vielleicht wissen. In seinem Namen möchte ich Ihnen ein zugegebenermaßen ungewöhnliches Angebot unterbreiten.« Mein Gegenüber machte eine bedeutungsschwangere Pause. Nun nippte ich doch an meiner Tasse, um meinen Mund wenigstens etwas feucht zu bekommen.
»Er möchte Sie heiraten«, sagte Spaulding ohne weitere Vorreden und prompt geriet der Tee in den falschen Hals. Ich begann zu husten, Anne stellte ihre Tasse weg und nahm mir schnell meine ab, bevor ich alles über mein Kleid verschüttete.
»Kann ich Ihnen irgendwie helfen«, fragte Spaulding besorgt.
»Nein, es geht schon«, erwiderte ich, krächzte dabei wie eine alte Krähe. Meine Augen tränten, doch endlich bekam ich wieder Luft.
»Was möchte dieser Mrs Graves?«, fragte ich heiser, hoffte Mister Spaulding nicht richtig verstanden zu haben.
»Er möchte Sie heiraten«, wiederholte er. Ich riss ungläubig die Augen auf, neben mir schnappte Anne hörbar nach Luft.
»Lady Warrington, wie Sie wissen war ich jahrelang der Anwalt Ihres Vater und auch so etwas wie ein Freund, möchte ich meinen, sonst hätte er mich nicht gebeten, mich um Sie zu kümmern, falls ihm etwas zustößt. Keiner konnte auch nur ahnen, dass dieser Fall so schnell eintreten würde. Aber leider kann ich Ihnen keine allzu große finanzielle Unterstützung bieten. Das Stadthaus ist in einer Woche zu räumen und eigentlich hätten Sie schon sehr viel früher ausziehen müssen. Aber es kam mir grausam vor, Sie so kurz nach dem unerwarteten Ableben Ihres Vaters auch noch aus Ihrer gewohnten Umgebung zu reißen. Sie können mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass ich nur das Beste für Sie möchte. Eine Ehe mit diesem Mann ist meiner Meinung nach die einfachste Lösung, um Sie aus Ihrer misslichen Lage zu befreien. Ansonsten bliebe nur noch Ihr Vetter in Bristol. Ein einfacher Notar, der in einem Mietshaus lebt, das nicht einmal groß genug für seine Frau und fünf Kinder ist, oder Sie finden eine Arbeit als Gouvernante, die es Ihnen ermöglicht im Haushalt Ihres Arbeitgebers zu leben.«
Noch immer fehlten mir die Worte, ich spürte einen Druck in meinen Kopf, der von herannahenden Schmerzen kündete. Wie paralysiert starrte ich Spaulding an.
»Sagen Sie doch etwas«, forderte er mich auf.
»Dieser Mann möchte was?«, fragte ich ein drittes Mal, in der Hoffnung jetzt eine andere Antwort zu erhalten.
»Sie ehelichen.« Spaulding sprach ganz langsam, als müsste er einer Irrsinnigen die Angelegenheit erklären.
»Er lässt über einen Anwalt den Heiratsantrag machen? Ein Mann, den ich noch nie in meinem Leben gesehen habe? Der es nicht für nötig erachtet, sich bei mir persönlich vorzustellen. Was bildet dieser Mensch sich ein?« Jetzt hatte ich meine Sprache wiedergefunden. »Sie können ihm ausrichten, dass ich es eher vorzöge ein Schwein zu ehelichen.« Ich sprang auf und nahm meine Handschuhe, die ich mir hastig überstreifte. Wie sollte es anders sein, vor Erregung rutschte ich mit den Fingern in die falsche Öffnung. Ungeduldig zupfte ich daran herum. »Warum hat er überhaupt ein Interesse an einer solchen Verbindung? Ich habe kein Geld mehr und auch keinen Titel, den erbt nur ein männlicher Nachkomme, eben besagter Vetter«, fuhr ich Spaulding an.
»Seine Vergangenheit ist recht nebulös. So viel ich in Erfahrung bringen konnte, ist er Geschäftsmann und hat keine Verbindungen zum Hochadel. Durch Sie erhofft er sich wohl Zutritt zu diesen Kreisen«, erklärte Spaulding.
»Es gibt genügend einsame adlige Jungfern mit Vermögen, die so einem Angebot gegenüber sicherlich nicht abgeneigt wären. Soll er einer dieser Damen einen Antrag machen. Ich möchte gehen.« Damit schritt ich in Richtung Tür. Spaulding läutete nach Mason, der einen Augenblick später im Zimmer stand.
»Bitte bringen Sie die Mäntel der Damen«, trug Spaulding ihm auf.
»Sofort Sire«, erwiderte Mason und verschwand wieder.
»Liebe Lady Warrington, überlegen Sie es sich. Mister Graves Angebot umfasst zudem, dass er Ihnen im Falle einer Ehe das Londoner Stadthaus überschreibt. Es würde Ihnen gehören. Ich weiß doch, wie sehr Sie an diesem Haus hängen.«
Ich schluckte und drehte mich zu meinem Anwalt. Er sprach die Wahrheit. Die meisten Verluste, die ich aufgrund der Spielschulden meines Vaters hatte hinnehmen müssen, schmerzten mich eigentlich nicht so sehr. Aber der Verlust des Londoner Stadthauses, des Hauses in dem ich aufwuchs, meine glücklichsten Stunden verbracht hatte, riss ein faustgroßes Loch in mein Herz.
»Er würde es mir überschreiben?«, fragte ich vorsichtig.
»Ja, so lautet sein Angebot. Sobald die Ehe rechtskräftig wäre«, bestätigte Spaulding.
»Ich würde dies gerne von ihm selbst hören. Wie kann ich ihn treffen?«, wollte ich wissen.
»Nicht bevor Sie dem Angebot zugestimmt haben, dann sollen Sie zu ihm reisen. Ich würde Mister Graves Ihre Antwort per Telegraf mitteilen und alles nach seinem Willen arrangieren.«
»Haben Sie diesen Mister Graves schon einmal persönlich getroffen?«
»Nein, wir korrespondierten bisher ausschließlich schriftlich. Er soll aber ein ansehnlicher Mann sein, wie man mir berichtete. Ich lasse Ihnen bis morgen Zeit, dann benötige ich eine Antwort für Mister Graves«, sagte Spaulding. Sein Sekretär brachte die Mäntel. Er half mir zuerst in meinen, dann ging er Anne zur Hand.
»Mason, organisieren Sie den Damen eine Droschke und entlohnen Sie den Kutscher gleich für seine Dienste«, befahl Spaulding seinem Angestellten, der sogleich aus dem Zimmer eilte. Mein Anwalt wand sich wieder mir zu.
»Bitte, Lady Warrington, lassen Sie sich nicht von Ihren Gefühlen leiten. Ich bin der festen Überzeugung Graves ist eine gute Partie, die Sie nicht ausschlagen sollten, denken Sie an die Alternativen.« Spaulding reichte mir die Hand, die ich nahm.
»Gut, ich werde darüber nachdenken. Morgen schicke ich einen Boten zu Ihnen, um meinen endgültigen Entschluss mitzuteilen. Ich danke für die Kutsche. Auf Wiedersehen, Mister Spaulding«, verabschiedete ich mich. Ich ließ ihn los und ging.
»Auf Wiedersehen«, sagte Anne, dann folgte sie mir hinaus.
3. KAPITEL
Endlich waren wir wieder Zuhause. Den ganzen Weg über hatte ich gezetert, wie unverschämt diese Mister Graves sei, dass ich gut allein zurechtkäme und Anne hatte mir geduldig zugehört. Ihre Ohren mussten bereits wie Holzscheite im Kamin glühen. Sie schloss uns die Tür auf, schweigende Kälte empfing uns. Keiner hatte Feuer oder die Lichter entfacht, niemand erwartete uns. Es war kaum ein Tag vergangen, seit die Bediensteten dieses Gebäude verlassen hatten und schon wirkte es wie ein Geisterhaus. Ich erschauderte, ging langsam in die Halle. Anne schloss die Tür hinter mir.
»Ich werde schnell Feuer im kleinen Salon machen. Geben Sie mir Ihren Mantel«, sagte sie.
»Ich sollte mich von nun an allein aus- und ankleiden. Eine Gouvernante hat keine Zofe«, lehnte ich ab.
»Dann mache ich Feuer.« Anne ging in Richtung Salon, ich blieb in der Halle zurück, betätigte den Lichtschalter, die Wandlampen sprangen an, den großen Kronleuchter ließ ich ausgeschaltet. Langsam knöpfte ich meinen Mantel auf, betrachtete das kunstvoll gedrechselte Geländer der Treppe. Wie oft war ich als kleines Mädchen dort heruntergerutscht und von Mademoiselle Duvallier dafür gescholten worden? Sie hatte mich immer l’enfant terrible, das schreckliche Kind, genannt. Wenn sie sich dann bei Vater über mich beschwerte, nahm er dies meist höchstamüsiert zur Kenntnis. Mein Herz wurde schwer, als wäre es aus Marmor, ich ließ die Tränen zu, die in meinen Augen brannten.
»Das Feuer erwartet Sie.« Anne kam aus dem Salon. »Was ist los?«, fragte sie sanft.
»Es tut schrecklich weh. Anne, ich vermisse meinen Vater so sehr, dass ich glaube keine Luft mehr zu bekommen, wenn ich an ihn denke«, erwiderte ich mit tränenerstickter Stimme. Sie zog mich an sich, von Schluchzern geschüttelt sank ich in ihre Arme, schmiegte mich an sie, spürte den rauen Stoff ihres Mantels unter meiner Wange. In meinem Leben gab es keinen Platz mehr für Standesunterschiede.
»Sie waren die letzten Wochen so stark gewesen. Aber Sie haben jedes Recht Ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Weinen Sie ruhig Lady Eleonore, weinen Sie um Ihren Vater«, flüsterte Anne und strich über meinen Rücken.
Ich vermochte nicht zu sagen, wie lange wir so zusammen in der leeren Halle standen. Irgendwann kamen keine Tränen mehr, schniefend löste ich mich von Anne.
»Jetzt habe ich Ihnen die Ohren genug zugeheult«, sagte ich.
»Immer, wenn Sie Trost brauchen, habe ich ein offenes Ohr für Sie. Auch wenn ich es bisher niemals zu sagen wagte, es jetzt ebenso nicht dürfte, will ich es trotzdem tun. Ich sehe Sie als Freundin und ich hoffe, Sie betrachten mich auch als die Ihre.«
»Wie könnte ich in Ihnen keine Freundin sehen, liebe, wundervolle Anne?« Wir nahmen uns bei den Händen.
»So, und jetzt gehen wir in den Salon, hier ist es eiskalt.« Sie ließ mich los, schritt voran, ich folgte ihr. Das Feuer hatte es noch nicht geschafft, den ganzen Salon zu beheizen, doch direkt vor dem marmoreingefassten Kamin war es sehr gemütlich.
»Ich mache uns einen Tee«, meinte Anne.
»Einen Tee zuzubereiten, dies sollte ich auch lernen. Es ist nicht mehr nötig, dass Sie mich bedienen«, widersprach ich.
»Ich bereite den Tee für eine Freundin zu, nicht für meine Herrin. Das hat keineswegs etwas mit Bedienen zu tun.« Sie verließ den Salon. Ich entledigte mich meines Mantels, den ich über die Lehne eines Sessels hing, um anschließend auf dem kleinen Sofa vor dem Kamin Platz zu nehmen. Die lodernden Flammen zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich starrte sie an, als hätten sie eine magische Wirkung. Sie begannen vor meinen Augen zu verschwimmen, bis ich sie kaum noch wahrnahm. Graves Angebot geisterte durch meine Gedanken. Wenn ich ihn heiratete würde dieses Haus mir gehören. Warum sträubte ich mich so gegen das Angebot? War es in meinen Kreisen nicht üblich, eine Vernunftehe einzugehen? Idealerweise mit dem zukünftigen Träger des Titels meines Vaters. Das war der besagte Vetter aus Bristol. Irgendein Ur Ur etwas meinerseits war mit einem Ur Ur seinerseits verwandtschaftlich verbunden gewesen. Doch dieser Vetter hatte eine Ehefrau und war der Vater von fünf strammen Burschen, also kein geeigneter Kandidat für eine Heirat. Zumindest konnte er sich jetzt Earl of Warrington nennen. Was ihm aber keinen Nutzen brachte, denn es gab kein Land, kein Vermögen, nichts dazu. Aber wenn er ein geeigneter Kandidat gewesen wäre? Hätte ich nicht ohne auch nur eine Sekunde zu Zögern in diese Verbindung eingewilligt, um wenigstens den Titel meines Vaters zu erhalten? Für einen zukünftigen Sohn und Erben, wenn mir das Schicksal, das im Moment so grausam mit mir umsprang, einen männlichen Nachkommen vergönnte?
Zu lange hatte ich mich an meine romantischen Vorstellungen einer Liebesheirat geklammert. Romane über das Finden des wahren Seelengefährten verschlungen und davon geträumt, dies selbst einmal zu erleben. Mein Vater hätte mir das auch zugestanden, wenn er noch bei mir wäre. Aber das war er nicht, er hatte mich verlassen und ich stand nun vor der Entscheidung: Wollte ich mein Geburtshaus verlieren, das Einzige, das mir von meinem Vater geblieben war? Oder sollte ich eine Vernunftehe eingehen, die vielleicht zeitlebens ohne Liebe auskommen musste. Zudem würde Graves durch eine Heirat alles für mich entscheiden dürfen, jegliche Belange meines Lebens. Anderseits hatte ich von Verbindungen gehört, die aus Vernunft geschlossen worden waren und im Laufe der Zeit zu einer tiefen Zuneigung geführt hatten, vielleicht war dies auch mein Schicksal.
»Zum Glück war von heute früh noch genug Glut im Herd gewesen, so gelang es mir, das Feuer schnell wieder zu entfachen.« Anne betrat das Zimmer, sie hatte ihren Mantel wohl in der Küche gelassen. Das Geschirr auf ihrem silbernen Tablett klirrte leise bei jedem Schritt. Sie stellte es auf dem Serviertisch ab. »Sie sind so still Lady Eleonore, was geht Ihnen durch den Kopf?«
»Ich denke über Mister Graves Angebot nach«, erwiderte ich.
»Ziehen Sie es in Betracht?«, fragte Anne, während sie Tee einschenkte.
»Es wäre vernünftig«, erwiderte ich.
»Aber ist es auch das, was Sie wollen?« Anne brachte die Tasse zu mir, die ich dankbar entgegennahm und blieb neben dem Sofa stehen.
»Bitte Anne, hören Sie auf, sich wie eine Bedienstete zu benehmen. Wir sind allein in diesem Haus, da können wir sämtliche Konventionen über Bord werfen. Holen Sie sich einen Tee, wenn Sie möchten, und setzen Sie sich in Gottes Namen zu mir.«
»Es ist für mich eine sehr ungewohnte Situation«, erwiderte Anne mit einem entschuldigenden Lächeln, kam aber meiner Aufforderung nach. Nachdem sie sich Tee genommen hatte setzte sie sich neben mich.
»In Zeiten wie diesen zählt nicht, was ich gerne möchte«, beantwortete ich ihre Frage. »Seien wir ehrlich, meine Qualifikationen als Gouvernante sind eher dürftig. Ich habe im Umgang mit Kindern keinerlei Erfahrung. Dann ist mir der Gedanke, dass dieses Haus an eine Firma vermietet und vorher umgebaut wird, höchst zuwider. Nach Bristol möchte ich ebenfalls nicht. Die Verbindung mit Graves würde alle diese Probleme aus der Welt schaffen«, resümierte ich pragmatisch.
»Macht es Ihnen keine Angst einen Mann zu ehelichen, den Sie noch nicht einmal kennengelernt haben?«
»Arrangierte Ehen sind in Adelskreisen noch immer üblich«, antwortete ich schlicht.
»Ich könnte nie einen Mann heiraten, den ich nicht liebte.« Anne nahm einen Schluck, sah mich über den Rand ihrer Tasse hinweg an.
»Als junges Mädchen träumte ich ebenfalls von einer Liebesheirat, doch jetzt bin ich kein kleines Mädchen mehr und muss mich den Tatsachen stellen.« Ich hörte mich reden, alles Gesagte war logisch und rationell, doch mein Herz schrumpfte auf die Größe einer getrockneten Pflaume zusammen, denn es wollte nicht aus Vernunft heiraten, sondern aus Liebe. Es sehnte sich nach einem Seelengefährten, der es immer beschützen wollte und keinesfalls brechen würde.
»Ich habe nur eine Bitte, überstürzen Sie nichts, schlafen Sie eine Nacht darüber, bevor Sie Spaulding eine Antwort zukommen lassen. Versprechen Sie mir dies.«
»Gute Anne, ich verspreche es«, erwiderte ich.
Schweiß klebte das Schlafkleid an meine Haut, die ganze Nacht war ich von Alpträumen geplagt worden. Gesichtslose Männer mit groben Händen fielen in unser Haus ein, um es kurz und klein zu schlagen. Der Geist meines Vaters schwebte hilflos über ihnen und flehte mich an, sie zu stoppen. Aber ich konnte es nicht. Plötzlich umzingelten mich schreiende Jungs, während die Wände immer näherkamen. Es war fürchterlich gewesen. Ich streckte meine zittrige Hand in Richtung Glocke aus, als mich der Gedanke, dass es in diesem Haus keine Bediensteten mehr gab, wie ein Faustschlag traf. Einzig Anne war noch zugegen und die wollte ich nicht belästigen. Von nun an würde ich selbst für meine Morgentoilette sorgen müssen. Entschlossen stand ich auf. Im Zimmer war es eiskalt, denn es war gestern nicht von einem Feuer gewärmt worden und vor dem zu Bett gehen hatte ich darauf verzichtet, doch noch eines zu entfachen. Auch aus dem Grund, da ich noch nie eines entzündet hatte, und Anne nicht darum bitten wollte.
Ich schlüpfte in meine Pantoffel. Bilder aus meinen Alpträumen blitzten auf, ein Schwindelgefühl überkam mich und ich musste mich an einem der Pfosten, die den Himmel meines Bettes trugen, festhalten. Mit wildpochendem Herzen sah ich zu dem Sekretär in der Ecke. Es war an der Zeit eine Entscheidung zu treffen. Also ging ich zu dem Möbel, setzte mich auf den Stuhl davor und nahm einen Bogen Papier zur Hand. Kälte kroch unter das Nachtgewand, eine Gänsehaut überzog meinen Körper, während ich das Schreiben aufsetzte. Meine Finger wurden ganz steif, doch ich war entschlossen.
»Sie sind ja schon wach. Warum haben Sie nicht geläutet?« Anne betrat das Zimmer. Ich drehte mich nicht um, hörte wie sie die Schüssel auf der Kommode mit Wasser füllte.
»Bitte waschen Sie sich, solange es noch warm ist«, meinte sie. »Außerdem tragen Sie Ihren Morgenrock nicht. Es ist eiskalt hier drin. Sie werden sich noch den Tod holen«, fügte sie streng hinzu, doch ich erwiderte nichts, konzentrierte mich auf mein Schreiben.
»Sie verfassen die Antwort für Spaulding nicht wahr?« Anne stellte sich neben mich.
»Ich werde das Angebot annehmen. Zudem informiere ich ihn darüber, dass ich gedenke, Sie mit mir zu nehmen. Dieser Graves scheint vermögend zu sein, wir werden ein gutes Gehalt für Sie aushandeln.« Jetzt hob ich den Kopf und blickte in ihr Gesicht. »Was sagen Sie dazu?«
»Wenn Sie Mister Graves wirklich heiraten möchten, werde ich Ihnen folgen«, sagte Anne mit gerunzelter Stirn.
»Bestimmt erweist sich dieser Mister Graves als äußerst charmant und nett. Er soll ja sehr ansehnlich sein, wie Mister Spaulding es ausdrückte.« Ich schenkte Anne ein aufmunterndes Lächeln, obwohl ich die Worte, die ich ihr gegenüber gerade ausgesprochen hatte, selbst nicht für bare Münze nahm. Wenn er ein aufrechter und attraktiver Mann war, warum versteckte er sich hinter einem Anwalt?
»Ich möchte es Ihnen wünschen, Lady Warrington.«
»Hier, ich habe ein paar Münzen in einer Schublade meines Schreibtischs gefunden, damit können Sie einen Boten beauftragen, das Schreiben wegzubringen.« Ich reichte Anne das Geld, dann blies ich warmen Atem auf den Bogen, damit die Tinte schneller trocknete. Ich wollte den Brief so schnell wie möglich versenden, um es mir nicht doch noch anders zu überlegen. Mit einem flauen Gefühl im Magen faltete ich den Bogen und steckte ihn in ein Kuvert, das ich mit Spauldings Namen versah. Anschließend erhob ich mich.
»Ich tue das Richtige«, sagte ich, mehr zu mir selbst als zu Anne, während ich ihr den Brief überreichte, den sie schweigend entgegennahm.
»Ach bevor ich es vergesse.« Schnell lief ich zu meinem Frisiertisch. »Auch Sie sollen ein Schmuckstück erhalten.«
Anne kam zu mir. Ich wollte die Schatulle öffnen, doch sie legte ihre Hand auf meine, ich hielt inne.
»Ich weiß, dass ich Sie nicht davon abhalten kann, das konnte ja nicht einmal Mister Cummings, und ich möchte Sie keinesfalls beleidigen. Aber ich habe eine Bitte, verwahren Sie das Präsent wie auch mein Zeugnis für mich. Wäre dies möglich?«
»Natürlich kann ich dies für Sie tun«, erwiderte ich. »Aber wollen Sie nicht einmal wissen, was ich Ihnen zugedacht habe?«
»Alles zu seiner Zeit.« Ein mildes Lächeln umspielte ihre Lippen. »So, jetzt werde ich mich darum kümmern, dass der Brief zu Mister Spaulding kommt.« Damit nahm sie die Hand weg und verließ den Raum. Ich öffnete das kleine Kästchen, darin befanden sich noch einige wenige Schmuckstücke. Zielstrebig ergriff ich ein Medaillon und klappte es auf. Auf der einen Seite war ein Bild meiner Mutter, auf der anderen eines meines Vaters. Zart strich ich über das Porträt meiner Mutter. Ich konnte mich noch gut an sie erinnern. Sie starb kurz nach meinem zwölften Geburtstag an einer Lungenentzündung. Von ihr hatte ich das kastanienrote Haar und die grünen Augen geerbt, von meinem Vater die englische Beherrschtheit, wobei häufiger als mir lieb war ihr schottisches Temperament durchblitzte. Seit ihrem Tod war mein Vater ein anderer Mensch geworden und, wie ich in den letzten Wochen auf so schmerzliche Weise erfahren musste, der Spielsucht anheimgefallen. Ich musterte sein Bildnis, hatte das Gefühl in einem zu engen Korsett zu stecken, das mir die Luft zum Atmen raubte. Nun war ich eine Waise, ohne Eltern und ganz allein auf der Welt. Vielleicht war es auch die Angst vor einem Leben in Einsamkeit, die mich letztendlich dazu bewogen hatte, Graves Antrag anzunehmen.
Am nächsten Nachmittag saß ich im Speiseraum der Angestellten. Da Anne und ich nur noch zu zweit waren, hatte ich beschlossen, dass es zweckmäßig wäre, den Küchenofen als einzige Wärmequelle zu nutzen.
»Wissen Sie, als Kind habe ich viel Zeit hier unten verbracht, mich vor meiner Gouvernante im Vorratsraum versteckt oder Teig genascht, wenn Mrs Ross Kuchen backte. Hach, ihre Kuchen waren wirklich die besten.« Ich trank einen Schluck Tee.
»Ja, Mrs Ross Kochkunst vermisse ich wirklich sehr. Meine ist doch sehr stümperhaft.« Anne, die mir gegenübersaß, sah von ihrer Näharbeit auf.
»Seien Sie nur nicht so bescheiden. Der Eintopf heute war wirklich vorzüglich. Im Gegensatz zum mir sind Sie eine wahre Meisterin. Bisher schaffe ich es nur, Wasser zum Kochen zu bringen«, sagte ich.
»Vergessen Sie nicht, Sie haben heute zum ersten Mal Gemüse geschnitten und Ihre Sache sehr gut gemacht.«
»Das ist wirklich zu viel des Lobes, für diese kleine Schnippelei.« Mir entkam ein Lachen, doch als mir wieder einfiel, warum die vergangenen Wochen so viel Ernst erfordert hatten, erstarb es. Unruhig ging mein Blick zur Wanduhr, deren lautes Ticken von der Vergänglichkeit der Zeit kündete. Mit jeder Stunde, die verstrich, wurde ich nervöser. Vielleicht hätte ich Graves Angebot doch nicht annehmen sollen. Gab es wirklich keine bessere Lösung? Das Schrillen der Türglocke erschreckte mich so sehr, dass ich den Inhalt der Tasse über meinen Rock verschüttete.
»Ach herrje, wie ungeschickt ich bin«, schimpfte ich.
»Warten Sie.« Anne schob ihren Mantel, an dem sie gerade Knöpfe festgenäht hatte, zur Seite und holte einen Lappen. Wieder schrillte die Glocke.
»Würden Sie bitte öffnen, ich kümmere mich um meinen Rock.« Ich stellte die Tasse weg, nahm ihr das Tuch ab und begann damit, den nassen Fleck zu behandeln.
»Natürlich.« Anne hastete aus dem Raum. Die Dienstbotentür war nicht weit, ich hörte eine männliche Stimme. Es war ein Kurier, der einen Brief überbrachte. Vergessen war der Teefleck auf meinem Rock, schnell warf ich den Lappen auf den Tisch und erhob mich. Schon kam mir Anne entgegen.
»Das Schreiben ist von Spaulding«, informierte sie mich und reichte es mir. Mit zittrigen Fingern öffnete ich das Kuvert.
»Sehr verehrte Lady Warrington, Mister Graves ist hoch erfreut darüber, dass Sie seinen Antrag angenommen haben. Es wird in drei Tagen um neun Uhr am Morgen eine Kutsche vor Ihrem Haus bereit stehen …« Ich blickte zu Anne. »Wir haben effektiv nur noch heute und morgen, um unsere Habe zu packen. Denn am Montagmorgen müssen wir fertig sein.«
»Dann sollten wir damit beginnen, wenn Sie es wünschen.«
»Ich wünsche es«, erwiderte ich, straffte meine Schultern und faltete das Schreiben zusammen. Ich würde keinen Rückzieher machen, ich stand zu meinem Wort und hoffte, dass Mister Graves dies auch tat.
Die folgenden Tage verbrachten wir mit Packen, nur unterbrochen vom sonntäglichen Kirchenbesuch. Wenn man Koffer für eine Reise mit seinem Vater packte, war das eine Sache, doch wenn man seine Dinge zusammensuchte, um in ein neues Zuhause zu ziehen, war dies etwas ganz anderes. Ich versuchte mich nur auf das Notwendigste zu besinnen, aber alles erschien mir mit einem Mal immens wichtig zu sein. Vor allem, da ich keine Kenntnis darüber besaß, wie Mister Graves eingerichtet war. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung, in welchem Teil Englands er lebte. Oder hatte er sein Domizil gar auf dem Kontinent? Darüber hatte ich mit Mister Spauldings gar nicht gesprochen. Vielleicht korrespondierte Graves deswegen nur schriftlich mit ihm, weil er gar nicht in England lebte. Es war wirklich nachlässig von mir gewesen, dies nicht zu erfragen.
Schlussendlich, nach langem Hin und Her, stand unser Gepäck abholbereit in der großen Halle, am Fuße der Treppe. Es war gar nicht einfach gewesen, die Koffer nur zu zweit und ohne männliche Unterstützung herunterzutragen.
»Es ist bald neun«, informierte mich Anne.
»Ist gut, ich komme gleich.« Langsam schritt ich durch das Arbeitszimmer meines Vaters. Ich hatte es seit dessen Auffinden an diesem verhängnisvollen Morgen nicht mehr betreten. Sämtliche Spuren seines gewaltsamen Todes waren beseitigt worden, alles schien wieder in bester Ordnung zu sein. Das tiefe Loch in meinem Herzen, das er hinterließ, würde jedoch niemals verheilen. Mit seinem Freitod hatte er mich um so viele Stunden mit ihm schändlich betrogen.
»Ich werde jetzt gehen Vater«, sagte ich mit belegter Stimme, in der Hoffnung, sein Geist könnte mich hören. Im Hintergrund vernahm ich, wie Anne die Haustür öffnete.
»Wo auch immer du bist, ich liebe dich.« Eilig, um dem Damm der meine Tränen hielt nicht die Chance zu geben zu brechen, stürmte ich aus dem Zimmer, einer neuen Zukunft entgegen.
»Mister Mason wird mit uns kommen«, informierte mich Anne, trat zur Seite und ich stand vor Spauldings Sekretär, der wie immer sehr überheblich dreinblickte.
»Ich bin angenehm überrascht, dass Sie uns begleiten«, sagte ich höflich.
»Das Vergnügen liegt ganz auf meiner Seite. Es ist nicht schicklich, wenn Damen ohne männliche Begleitung reisen. Zudem habe ich noch Papiere für Mister Graves und ich freue mich Ihnen sagen zu können, dass er ihrem Anliegen zugestimmt hat und ihre Zofe mitkommen kann, da er sowie eine Kammerdienerin für Sie hätte einstellen müssen. Ist dies Ihr Gepäck?« Mason deutete zu den Koffern vor der Treppe.
»Ja.« Ich nickte, war ungeheuer über Graves Zustimmung in Bezug auf Anne erleichtert. Aber auch wenn er Nein gesagt hätte, wäre sie mitgekommen. So einfach hätte ich nicht klein beigegeben.
»Dann hole ich den Kutscher, er soll beim Einladen helfen«, erwiderte Mason und ging zur Tür.
Nachdem das Gepäck verladen war, brachte uns die Kutsche zum Bahnhof. Mason war gar nicht erfreut darüber gewesen, als ich darauf bestand, Anne in der Kutsche mitfahren zu lassen und nicht neben dem Kutscher, wie es sich für Dienstboten geziemte. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich sicher, was ich bisher aufgrund seines Benehmens nur erahnt hatte. Ich fand diesen Mann, der selbst nur ein kleiner Angestellter war und trotzdem solcherlei Allüren an den Tag legte, wenig sympathisch. Auch im Zug setzte ich durch, dass Anne neben mir in der ersten Klasse saß. Mason hatte uns gegenüber Platz genommen. Er führte nur wenig Gepäck mit sich, einen kleinen Reisekoffer und Aktentasche, die er auf den freien Platz zu seiner Rechten legte. Mit Daumen und Zeigefinger rieb er seine Nasenwurzel, schloss die Augen. Ich blickte aus dem Fenster, die Landschaft zog schneller an uns vorbei als Vögel über den Himmel schwirrten. Wenn ich richtig lag fuhren wir in Richtung Süden. Unentwegt fragte ich mich, ob ich das Richtige tat.
4. KAPITEL
Gegen drei Uhr nachmittags erreichten wir den Bahnhof von Exeter in Cornwall. Kofferträger kümmerten sich um das Gepäck. Ein Mann bekleidet mit Kutschermantel und Zylinder musterte uns von oben bis unten, die buschigen Brauen zusammengezogen, was ihm ein mürrisches Aussehen verlieh.
»Verzeihen Sie, Sir«, sprach er Mason an. »Ich bin Clark, der Kutscher von Mister Graves, gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie Lady Warrington begleiten?« Der Blick des Kutschers streifte mich, als er meinen Namen sagte.
»Ja, dies haben Sie richtig erkannt, guter Mann«, bestätigte Mason.
»Bitte kommen Sie, der Wagen steht direkt vor dem Eingang.« Der Kutscher schritt in die genannte Richtung, ich zögerte, sah zu den Trägern, die beladen mit unseren Koffern dastanden und auf Anweisungen warteten.
»Gehen Sie ruhig, Lady Warrington, ich beaufsichtige das Gepäck«, meinte Mason, worauf ich dem Kutscher folgte. Anne und ich traten vor den Bahnhof. Im Süden Englands war es um einiges wärmer als in London, es gab bei weitem nicht so viel Schnee. Wie Puderzucker lag er über der Stadt. Graves Bediensteter hielt bereits die Kutschtür auf. Ich raffte meine Röcke und stieg ein. Anne setzte sich neben mich. Dieses Mal ersparte sich Mason jedwede Diskussion darüber, wie Bedienstete zu reisen hatten, und nahm es wortlos hin. Währenddessen brachten die Träger das Gepäck, das auf dem Dach verstaut wurde. Nachdem Mason ebenfalls eingestiegen war, gab der Kutscher den Rössern die Peitsche und wir fuhren los.
Die lange Zugreise saß mir mächtig in den Gliedern, meine Lider wurden schwer, als wären Bleigewichte daran befestigt. Trotzdem versuchte ich wach zu bleiben, sah aus dem Fenster, bemühte mich alles, das sich vor der Kutsche zeigte, zu betrachten. Doch meine übermüdeten Augen verlangten nach Ruhe, daher wollte ich sie nur eine kleine Weile schließen. Das gleichmäßige Geklapper der Hufe und Rattern der Räder ließ mich nur einen Wimpernschlag später in Morpheus Arme sinken.
Blinzelnd hob ich die Lider, die Hufe der Pferde waren nur noch gedämpft zu hören. Ich blickte aus dem Fenster, wir durchfuhren einen Forst. Noch stand die Sonne, verdeckt von einem grauen Wolkenschleier, am Himmel. Doch sie schickte sich an, ihren Platz zu räumen. Moosbewachsene Bäume, überpudert von Schnee, säumten den Weg. An ihren knochigen Ästen hingen vereinzelt braune Blätter, die dem Winter zu trotzen versuchten. Die Stämme neigten sich zur Seite, als würde eine große Last sie niederdrücken. Ein Baum erinnerte mich an einen Drachen, der daneben an ein gramgebeugtes altes Weib. Nebelschwaden krochen über den Boden, gaben der Szenerie etwas Gespenstisches. Meine feinen Nackenhärchen stellten sich auf und ein Schauer lief mir über den Rücken. Die Landschaft hatte nichts Einladendes an sich. Ich ergriff Annes Hand, blickte zu Mason, dem ich ansah, dass er dies missbilligte, da es sich nicht schickte mit seinen Bediensteten einen derart intimen Umgang zu pflegen. Wenn es nach ihm ging, müsste Anne jetzt auf dem Kutschbock frieren. Doch ich brauchte ihre Nähe. Mit jedem Schritt, den die Pferde taten, kam ich meinem Schicksal näher. Mein Magen rumorte. Die Angst in mir war nur einen Fingerbreit von Panik entfernt. Nur aufgrund meiner Erziehung blieb ich aufrecht sitzen, verzog keine Miene und unterdrückte den Impuls aus der Kutsche zu springen.
»Ich hoffe, wir sind bald da«, unterbrach ich das Schweigen.
»Es kann nicht mehr lange dauern. Mir wurde gesagt, wir bräuchten vom Bahnhof ungefähr eine Stunde und jetzt sind wir schon eine dreiviertel Stunde unterwegs, würde ich meinen.« Mason köpfte seinen Mantel ein Stück auf und zog eine silberne Uhr aus der Innentasche. »Wir sind genau fünfzig Minuten unterwegs.« Er schob die Uhr in die Tasche zurück. Mein Blick ging wieder zum Fenster, soweit das Auge reichte, gab es in dieser Gegend einzig Bäume. Kein Haus oder sonstiges Zeichen, dass hier Menschen lebten. Nur knorrige Eichen, die aussahen als würden sie nach uns greifen wollen. Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, je wieder in die Zivilisation zu gelangen, da endete der Wald und wir durchfuhren eine Parklandschaft, die eine Decke aus Schnee einhüllte. Pappeln säumten den Weg, die jedoch aufgrund der Jahreszeit kahl waren. Kies knirschte unter den Kutschrädern. Wir erreichten das Ende der Allee, dort erwartete uns ein imposantes Herrenhaus. Die Kutsche umfuhr einen Brunnen, der stillgelegt war.
»Das Anwesen heißt Ravenhurst. Es ist wirklich beeindruckend«, meinte Mason und ich musste ihm in Gedanken zustimmen. Es war früher mit Sicherheit einmal im Besitz adeliger Eigentümer gewesen, die wahrscheinlich ein ähnliches Schicksal ereilt hatte wie mich. Unser Landsitz Warrington Mansion war meines Wissens nach ebenfalls von einem reichen Geschäftsmann erworben worden. Mein Vater hatte das Anwesen vor Monaten als Pfand beim Glückspiel eingesetzt und verloren. Erst nach seinem Tod erfuhr ich, dass es ihm schon lange nicht mehr gehört hatte. Der Wagen blieb stehen, wackelte wie ein Boot bei hohem Seegang als der Kutscher von seinem Platz hinunterkletterte. Der Mann kam zu uns und öffnete die Tür. Mason schickte sich an auszusteigen. Ich zupfte an meinem Hut herum. Während des Schlafs war mein Kopf gegen die Kutschwand gesunken und hatte mit Sicherheit Frisur sowie Hut in Mitleidenschaft gezogen. Ich würde meinem zukünftigen Ehemann wie eine Vogelscheuche gegenübertreten.
»Kommen Sie.« Mason hielt mir die Hand entgegen. Es half alles nichts, seufzend stieg ich, gestützt von Spauldings Sekretär, aus. Strich meinen Mantel glatt, während ich ein Stück in Richtung Treppe ging, um für Anne Platz zu machen, die nach mir die Kutsche verließ. Mit hämmerndem Puls musterte ich das Herrenhaus, das vor mir in den wolkenverhangenen Himmel ragte. Wie ein schmutziges braunes Blätternetz umspannten Efeuranken dessen einst honigfarbene Fassade, die der Zahn der Zeit hatte grau werden lassen. Große Fenster, unterteilt durch Sprossen, unterbrachen die massive Mauer. Ein verglaster Erker befand sich zur Linken der Tür. Wenn die Sonne schien, ließ dieser mit Sicherheit sehr viel Licht in den betreffenden Raum. Ich zitterte, hier war es merklich kälter als in Exeter. Das Portal wurde geöffnet, ein grauhaariger Herr in Livree trat heraus, der etwas sehr Autoritäres ausstrahlte. Dies musste mit Sicherheit Graves Buttler sein. An ihm vorbei liefen zwei junge Männer aus dem Haus, die nach ihrer Bekleidung zu urteilen einfache Diener waren. Anne trat neben mich.
»Dann wollen wir mal«, sagte ich leise zu ihr. Sie lächelte mich aufmunternd an, erwiderte jedoch nichts. Ich atmete durch und stieg die Treppe hoch. Die Diener machten mir Platz als ich sie passierte. Dann erreichte ich den älteren Herren, der noch immer am Portal wartete.
»Lady Warrington, ich bin erfreut, Sie hier auf Ravenhurst begrüßen zu dürfen. Mein Name ist Fairchild, meines Zeichens Mister Graves Butler. Bitte kommen Sie herein.« Er führte mich in die Halle. Eine ausladende Mahagonitreppe und dunkle Wandvertäfelungen bestimmten hier das Bild.
»Möchten Sie ablegen?«, fragte Fairchild.
»Gerne«, erwiderte ich, lächelte ihn an. Doch der Mann verzog keine Miene, erinnerte mich damit ein wenig an Cummings. Nur die Augen meines ehemaligen Butlers waren gütiger, als die des Mannes, der vor mir stand. Ein Hausmädchen trat zu mir, das mir beim Entkleiden half, während die Diener das Gepäck an uns vorbei zur Treppe trugen. Die Handschuhe behielt ich an.
»Ist Mister Graves anwesend?«, wollte Mason wissen.
»Der Herr bittet Sie, im kleinen Salon zu warten. Er wird gleich bei Ihnen sein.« Der Butler bedachte Spauldings Sekretär mit einem noch überheblicheren Blick, als Mason es zustande brachte.
»Wenn Sie möchten, Lady Warrington, könnte Ihre Zofe beim Auspacken helfen.« Er sah zu mir, Anne ignorierte er gänzlich.
»Anne, dürfte ich Sie bitten.« Ich drehte mich zu ihr.
»Natürlich«, erwiderte sie und folgte den Dienern, die das Gepäck in die obere Etage hinauftrugen.
»Bitte hier entlang.« Der Butler schritt voran, führte Mason, der die Aktentasche unter den Arm klemmte, und mich in den Raum zu unserer Linken. Es war der mit dem großen Erkerfenster, eine Sitzgruppe stand direkt davor, die Palmen flankierte. Kunstvoll geknüpfte Teppiche bedeckten den Boden. Ein großer Kamin spendete wohlige Wärme und die Gasleuchter an den Wänden Licht. Ich durchquerte den Raum, betrachtete die mit Büchern gefüllten Regale, die eine ganze Seite des Zimmers einnahmen. Darin fand ich die Bücher über Naturwissenschaften, Atlanten, Reiseberichte und dergleichen, Belletristik hingegen fehlte. Das hier war nicht nur ein Salon, sondern offensichtlich auch die Bibliothek des Hauses.
»Möchten Sie Tee?«, erkundigte sich der Butler, was Mason verneinte.
»Und Sie, Lady Warrington?«
Ich drehte mich zu Fairchild.
»Danke, für den Moment fehlt es mir an nichts.«
»Sehr wohl.« Der Butler verließ den Salon. Mason nahm auf dem Sofa vor dem Fenster Platz, ich lief hin und her wie ein Tiger im Käfig. Meine Nervosität wuchs mit jeder Minute, immer wieder strich ich über mein Kleid, zupfte an meinem Hut oder dem Haar. Was wahrscheinlich alles noch schlimmer machte, als es eh schon war. Warum ließ dieser Mann nur so lange auf sich warten? Für wen hielt er sich? Langsam spürte ich Zorn in mir hochkriechen. Mason dagegen verharrte geduldig auf seinem Platz. Vielleicht sollte ich mich zu ihm setzen. In diesem Moment wurde die Tür geöffnet, ein Mann trat ein und ich konnte nichts anderes tun, als ihn anzustarren. Noch niemals zuvor war mir ein so schöner Mann über den Weg gelaufen. Seine Augen erschienen mir so blau, wie der Himmel an einem wolkenlosen Sommertag. Die sinnlichen Lippen waren nicht zu schmal oder zu voll, sondern genau richtig. Keine störende Gesichtsbehaarung versteckte sie. Das wellige Haar, das gleich einem Feld mit reifen Weizen schimmerte, war kurz geschnitten. Er trug nur eine Weste über dem weißen Hemd, keinen Gehrock, wie es eigentlich schicklich gewesen wäre. Aber so konnte ich seine wohlgeformte Gestalt besser bewundern. Mein Herz stolperte, als er zu mir kam.
»Lady Warrington, darf ich mich vorstellen. Mein Name ist Dorian Graves und ich war hoch erfreut darüber, dass Sie meinen Antrag angenommen haben.« Er ergriff meine Hand und hauchte einen Kuss darauf. Durch den Handschuh spürte ich die Wärme seines Atems. Meine Wangen begannen heiß zu kribbeln.
»Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite«, erwiderte ich. Graves ließ mich los. Er hielt offensichtlich nichts von Etikette, denn es wäre eigentlich an Mason gewesen, uns einander vorzustellen.
»Ich denke Sie werden von der langen Reise ganz erschöpft sein. Zudem haben Mister Mason und ich langweilige Dinge zu besprechen. Fairchild wird Sie auf Ihr Zimmer begleiten.«
Ein Räuspern kam von der Tür. Dort stand der Butler, der mich mit strengem Blick betrachtete. Aus einem Impuls heraus wollte ich widersprechen, wollte hierbleiben und unser Kennenlernen noch vertiefen. Aber es würde bestimmt keinen guten Eindruck bei Graves hinterlassen, wenn ich mich gleich bei unserer ersten Begegnung so widerspenstig zeigte.
»Sie haben Recht, die lange Reise hat mich wirklich sehr angestrengt«, sagte ich stattdessen und ging zu Fairchild, der die Tür hinter mir schloss. Zu gerne hätte ich gewusst, was die beiden Männer so Langweiliges zu besprechen hatten.
Ich sah zurück zur Tür, als ich Fairchild in Richtung Treppe folgte. Warum war Graves auf diese anonyme Weise auf Brautschau gegangen, wie er es getan hatte? Ein Mann mit seinem Aussehen konnte doch wirklich jedes Mädchen um den Finger wickeln, das er nur wollte. Potentielle Bräute aus Adelskreisen brauchten nur einen kurzen Blick auf ihn zu werfen und würden ihm sofort verfallen. So wie auch ich mich seiner faszinierenden Ausstrahlung nicht zu entziehen vermochte. Ich stieg hinter Fairchild die Treppe hinauf. Wir erreichten eine Plattform, an der sich die Treppe teilte, über uns sah ich durch eine Glaskuppel in den Himmel. Der Mond war inzwischen aufgegangen, der uns durch ein Loch in der Wolkendecke zusah. Der Butler nahm die linken Stufen.
»Der Leuchter ist sehr schön.« Ich musterte den mit einer Unzahl von Kristallprismen behangenen Leuchter, den man von dieser erhöhten Position erst richtig zu sehen bekam.
»Er wurde aus Frankreich importiert«, erklärte Fairchild.
»Mister Graves besitze einen wahrlich exquisiten Geschmack.«
»In der Tat«, erwiderte der Butler ohne mich anzusehen. Wir gelangten zur ersten Etage, dort blickte ich in einen langen Gang, an dessen Ende sich ein bodentiefes Fenster befand.
»Sind Mister Graves Schlafräume ebenfalls hier zu finden?«, wollte ich wissen. Jetzt blickte Fairchild mich doch an, zog die grauen Brauen zusammen.
»Nein, Mister Graves schläft im anderen Flügel«, erwiderte er barsch.
Auch hier oben waren die Wände mit Holz vertäfelt, was den Gang sehr düster erscheinen ließ, obwohl in regelmäßigen Abständen Wandleuchter Licht spendeten. Wir passierten fünf Türen, die zu beiden Seiten lagen, ehe Fairchild vor einer stoppte.
»Dies ist das Lilienzimmer, ich hoffe es gefällt Ihnen.« Fairchild öffnete die Tür und ließ mir den Vortritt. Es machte seinem Namen alle Ehre. Eine goldene Lilienflut zierte die weinrote Wandbespannung. Meine Koffer befanden sich auf der Bank vor dem Himmelbett, dessen Baldachin und Vorhänge das gleiche Muster besaßen wie die Wände. Anne war gerade dabei, Kleidungsstücke in der Kommode zwischen den Fenstern zu verstauen.
»Ich werde ein Mädchen mit Tee und Sandwiches zu Ihnen schicken. Haben Sie sonst noch Wünsche?«, fragte Fairchild.
»Nein danke«, erwiderte ich.
»Dann werde ich Sie nun verlassen.« Damit zog der Butler die Tür hinter sich zu und ich beschloss, Anne zu helfen, auch wenn dies unüblich war. Meine Londoner Freunde … wobei die Bezeichnung Freunde nicht wirklich auf diese Leute zutraf, da sie mich nach Bekanntwerden des Skandals um meinen Vater schneller hatten fallen lassen als ein glühendes Kohlestück. Wie dem auch sei, besagte ehemalige Freunde würden sich eher ihre Hände abhacken, bevor sie einer Angestellten beim Auspacken halfen. Nun ja, sie würden sich vielmehr von einem Diener die Hände abhacken lassen, keiner von ihnen hätte ein Beil auch nur angefasst. Aber ich war nun eine Geächtete, also konnte ich mich auch so benehmen. Zuerst musste ich nur meinen Hut loswerden. Ich zog die Nadel heraus und legte beides auf den Frisiertisch, der fernöstlich anmutete.
»Ich glaube, wir müssen uns später noch um mein Haar kümmern«, meinte ich nach einem prüfenden Blick in den Spiegel, anschließend steuerte ich das Gepäck an.
»Das müssen Sie nicht tun«, sagte Anne, als ich einen Stapel Kleidungsstücke aus dem Koffer nahm.
»Ich möchte es aber.« Entschlossen trug ich die Sachen zur Kommode und wollte sie in eine der Schubladen legen. Anne seufzte leise.
»Was ist?« Ich sah zu ihr.
»Verzeihung, ich möchte Sie keineswegs gängeln, das wäre auch äußerst unangemessen, doch das kommt in die andere Schublade«, sagte sie vorsichtig.
»Oh tut mir leid, ich bringe Ihre ganze Ordnung völlig durcheinander. Wie dumm von mir. Wissen Sie was, ich hole alles, Sie räumen ein«, schlug ich vor und deponierte die Kleidungsstücke auf dem Sessel vor einem der Fenster, der direkt neben der Kommode stand.
»Wie finden Sie es hier?«, fragte ich Anne, während ich nach dem nächsten Schwung Wäsche griff.
»Es ist beeindruckend«, erwiderte sie, drehte sich zu mir und musterte mich neugierig. Ich sah ihr genau an, welche Frage der guten Anne auf der Zunge brannte.
»Sie möchten wissen, welchen Eindruck ich von Mister Graves habe, ist es nicht so?«
Sie nickte eifrig.
»Er war sehr charmant und ich muss es geradeheraus sagen, er ist der schönste Mann, den ich je in meinem Leben zu Gesicht bekommen habe. Hach Anne, ich bin ein wahrer Glückspilz. So sehr hatte ich mich vor diesem Treffen gefürchtet und jetzt kann ich es kaum erwarten, Mister Graves wieder gegenüberzutreten.« Mein Magen kribbelte, als schwärmten Bienen darin herum.
»Sie haben es verdient, wieder glücklich zu sein.« Anne faltete eine Bluse neu zusammen.
»Ich weiß, ich dürfte solche Glücksgefühle angesichts des furchtbaren Todes meines Vaters nicht haben, aber endlich sehe ich wieder ein Licht am Horizont.«
»Ihr Vater würde sich für Sie freuen, Lady Eleonore, da bin ich mir ganz sicher«, erwiderte Anne.
5. KAPITEL
Der Salon, zu dem mich ein Diener am Abend führte, war nicht der mit den Buchregalen, sondern beinhaltete eine Ausstellung mit exotischen Reisemitbringseln aus aller Herren Länder. Graves sowie Mason erhoben sich bei meinem Eintreten von ihren dunklen Ledersesseln. Ich hatte meine Kleidung gewechselt und war von Anne frisch frisiert worden. Endlich konnte ich mich von meiner besten Seite zeigen. Es war mir sehr bewusst, dass das mit schwarzer Spitze besetzte Kleid meine durchaus vorzeigbare Taille vorteilhaft betonte, trotz dass es für die Trauerzeit höchst angemessen war. Mein Blick schweifte durch den Raum und streifte den Diener, der an der Wand bereit stand, um seinem Herren sowie dessen Gästen jeden Wunsch zu erfüllen. Dem jungen Mann war ich heute schon beim Hereintragen der Koffer begegnet. Dieser Salon war ebenfalls sehr geschmackvoll und äußerst maskulin eingerichtet, beherbergte zudem sehr ungewöhnliche Kuriositäten, wie Bronzestatuen von Menschen mit unzählig vielen Armen oder Tierköpfen, daneben Elfenbeinschnitzereien die Tänzerinnen zeigten, sowie gruselige Masken. Vor dem Kamin lag ausgestreckt ein großer Tiger, dessen Kopf präpariert worden war und das Maul weit aufriss, so dass seine scharfen Reißzähne im Schein des Feuers blitzten. Graves hatte sich, passend für ein Dinner im kleinen Kreise, ein Sakko übergezogen, das ihm außerordentlich gut stand und seine ohnehin breiten Schultern noch stattlicher wirken ließ. Mason trug noch immer die Kleidung, mit der er angereist war.
»Guten Abend die Herren«, begrüßte ich die beiden Männer.
»Sie sehen wundervoll aus, Lady Warrington.« Graves reichte Mason das Cognacglas, das er gehalten hatte, dann kam er auf mich zu und wieder summten die Bienen in meinem Bauch. Er nahm meine Hand, führte mich zu Mason, der ihm sein Glas zurückgab.
»Möchten Sie vor dem Essen auch noch einen Drink nehmen?«, fragte Graves mich. Seine angenehme Stimme lief wie warmer Honig über meine Haut.
»Vielleicht einen Port«, erwiderte ich und einige Augenblicke später brachte mir der Diener das gewünschte Getränk. Ich nippte an meinem Glas, der Geschmack von süßen Mandeln lag auf meiner Zunge.
»Das Essen ist serviert«, informierte uns Fairchild. Ich stellte mein Glas auf das Tischchen mit den Flaschen, Graves sowie Mason taten es mir gleich. Anschließend folgten wir dem Butler in das Esszimmer nebenan. Die ovale Tafel war der Mittelpunkt des Raumes. Geschnitzte Stühle umsäumten sie. Zuerst setzte ich mich, dann nahm Graves an der Stirnseite zu meiner Rechten und Mason auf dessen anderen Seite mir gegenüber Platz. Das Silber auf dem Tisch sah massiv aus, das Porzellan wirkte edel und die Gläser durften auch einiges gekostet haben. Die Bediensteten begannen mit dem Servieren der Konsommee. Auch hier war eine Meisterin am Werk gewesen, denn die Rinderbrühe schmeckte vorzüglich. Graves verstand es wirklich zu leben.
»Nun, Lady Warrington, ich hoffe die weite Anreise war nicht zu beschwerlich?«, fragte er.
»Es ist immer wieder eine interessante Erfahrung mit der Eisenbahn durch die Landschaft zu fahren«, erwiderte ich und nahm einen Löffel Suppe.
»Das Leben hier wird ganz anders als in London werden. Viel beschaulicher, ich hoffe, Sie gewöhnen sich gut ein.« Graves ergriff sein Weinglas, das ihm ein Diener gefüllt hatte und trank.
»Ich bin ganz froh, dem Trubel der Stadt entkommen zu sein. Ihr Anwesen ist sehr beeindruckend und der Park wird, wenn er im Frühjahr aus seinem Winterschlaf erwacht, mit Sicherheit zu einer Augenweide werden.«
»Es ist nicht einfach, die Wildnis, die uns umgibt, davon fernzuhalten. Er wurde dem Sumpf abgetrotzt, der an dessen Grenzen stößt. Das Haus steht sozusagen auf einer Insel inmitten eines unwirtlichen Urwalds, der sehr viele Gefahren in sich birgt. Daher sollten Sie niemals den Park verlassen, wenn Sie Lust auf einen Spaziergang verspüren.« Graves stellte sein Glas ab. Er betrachtete mich, als könnte er in meine Seelen sehen. Seine Irden waren ganz dunkel geworden. Ein Lächeln umspielte die Lippen, das aber die Augen nicht erreichte. Unwillkürlich verspürte ich ein Schaudern.
»Ich werde Ihre Warnung beherzigen«, erwiderte ich mit belegter Stimme. Der nächste Gang wurde gereicht, gedämpfte Seezunge mit Austern.
»Wie sind Sie zu Ihrem Vermögen gekommen, wenn mir die Frage gestattet ist?«, wechselte Mason das Thema und Graves wandte sich ihm zu.
»Ich besitze in Übersee einige Plantagen, die ich regelmäßig aufsuche.«
»Leben Plantagenbesitzer nicht üblicherweise auf ihren Ländereien?«, warf ich ein.
»Ich habe zuverlässige Verwalter eingesetzt.« Graves sah wieder zu mir. Der Lichtschein der Kerzen auf dem Tisch spiegelt sich in seinen Augen, als würden sie darin tanzen. Mein Mund fühlte sich mit einem Mal so trocken an und ich trank einen Schluck von meinem Wein.
»Wo haben Sie Plantagen?«, wollte Mason wissen.
»Zum Beispiel im indischen Distrikt Darjeeling.«
»Ein sehr guter Tee kommt aus dieser Region, möchte ich sagen.« Mason schob sich eine Gabel mit Fisch in den Mund.
»Meiner Meinung nach der Beste«, erwiderte Graves.
»Ich würde denken, dass es dort um diese Jahreszeit angenehmer ist als hier«, warf ich ein.
»Das Klima ist dort konstant mild und die Umgebung sehr schön. Genau die richtige Region für Briten. Nehmen wir dagegen Kalkutta, da werden es im Sommer gut und gerne über sechsundachtzig Grad Fahrenheit, dazu die Enge der Stadt. Doch ich ziehe England jedem noch so milden Klima vor, sogar im Winter.«
»Sie scheinen in Ihrem bisherigen Leben sehr weit und viel gereist zu sein«, stellte ich fest.
»Das Reisen gehört zu meinem Geschäft.«
»Ich hoffe, dass Sie mir Ihre Plantagen eines Tages zeigen werden.«
»Diese Überseereisen sind für eine Frau meiner Meinung nach viel zu anstrengend, es ist besser, eine Frau kümmert sich um die Belange zuhause und schafft ihrem Gatten ein wohliges Heim«, erwiderte Graves und ich stoppte mit der Gabel kurz vor meinem Mund. Bisher hatte ich den Mann sehr unterhaltsam und dazu als ein Fest für das Auge empfunden, aber diese Aussage aus seinem Munde stach wie kleine Nadeln in mein Fleisch.
»Eine Frau ist durchaus in der Lage zu verreisen. Mein Vater hat mich auch hin und wieder mitgenommen. Wir sind zwar nicht so weit gereist, wie Sie es taten, aber ich sah schon Italien oder Griechenland. Ich denke nicht, dass eine Frau nur zu Hause sitzen sollte.« Ich legte Gabel und Messer auf meinen Teller. Graves Augen glitzerten herausfordernd.
»Von meiner Frau erwarte ich, dass sie mir gehorcht, denn ich weiß, was das Beste für sie ist.« Er nahm sein Glas und trank, musterte mich über dessen Rand hinweg. Die Diener kamen mit einem weiteren Gang, ich lehnte ab.
»Haben Sie keinen Hunger mehr?« Graves hörte sich belustigt an. Meine anfängliche Schwärmerei für ihn schlug in Verärgerung um. Mir lag so vieles auf der Zunge, das ich ihm gerne entgegengeschleudert hätte, aber ich bewahrte meine Haltung. Diese Mal vermochte ich mein Mundwerk zu zügeln, wenn auch nur mit großer Mühe. Denn hätte ich alles herausgelassen, was mir auf der Seele brannte, wäre mein Ende in der Gosse nicht mehr allzu fern und ich wollte mich auch keinesfalls so benehmen, als wäre ich dort bereits angekommen.
»Mir ist nicht wohl. Ich bitte Sie, mich zu entschuldigen«, hastig stand ich auf. Die Männer erhoben sich ebenfalls. Wie von einer Schlange gebissen stürmte ich aus dem Raum, hinauf in den ersten Stock geradewegs in mein Zimmer. Dort angekommen warf ich die Tür ins Schloss und lehnte mich dagegen. Ich legte die Hände auf mein in Spitze gehülltes Dekolleté, spürte mein aufgeregtes Herz gegen die Brust trommeln. Der Atem ging schneller als der eines durch den Wald gehetzten Fuchses. Durch gleichmäßige Züge zwang ich mich, ruhiger zu werden. Hinter mir klopfte es, ich trat von der Tür zurück. Im ersten Moment dachte ich an Graves, hoffte, er wäre mir hinterhergekommen, um sich zu entschuldigen. Ich ging ein Stück ins Zimmer, strich über mein Kleid, hob mein Kinn und bat den unbekannten Besucher herein. Zu meiner Enttäuschung war es Anne.
»Mir wurde berichtet, dass Sie auf Ihr Zimmer gegangen wären, weil Ihnen nicht wohl war. Kann ich etwas für Sie tun, Lady Eleonore?«
»Es geht schon wieder, danke der Nachfrage. Wahrscheinlich habe ich die lange Anreise doch nicht so gut verkraftet, wie ich gedacht hatte«, erwiderte ich.
»Ich könnte Ihnen einen Tee bringen«, meinte Anne, die zu mir kam.
»Wie wurden Sie von den anderen Bediensteten aufgenommen? Ich hoffe doch freundlich«, kam ich auf ein anderes Thema zu sprechen.
»Ja, sogar sehr. Natürlich kenne ich die Abläufe in diesem Hause noch nicht so gut, aber die Menschen hier sind sehr zuvorkommend.«
»Ganz im Gegensatz zu ihrem Arbeitgeber«, murmelte ich, Anne sah mich erstaunt an.
»Wie wurden Sie untergebracht?«, wollte ich wissen.
»Ich habe ein schönes Zimmer zugewiesen bekommen.«
»Kann ich es sehen?«, fragte ich und Annes Augen wurden noch größer.
»Ich meine, wenn es keine Umstände macht«, fügte ich hinzu.
»Natürlich nicht, kommen Sie.« Anne verließ vor mir das Zimmer. Wir schritten in Richtung Treppe, doch kurz davor öffnete sie eine in der Wandtäfelung versteckte Tür und wir gelangten in ein verborgendes Treppenhaus, das nur spärlich von Wandlampen beleuchtet wurde. Es ging nach oben sowie unten.
»Ich komme mir vor, als wäre ich am Rande der Zivilisation gestrandet. Überall gibt es hier noch Gaslampen und keinen Strom«, sagte ich, als ich hinter Anne die Treppe hochstieg.
»Es ist nicht London.« Sie klang etwas wehmütig. Wir erreichten das Dachgeschoss des Hauses. Hier sah es ganz ordentlich aus, schlicht, aber sauber. Der Boden war in diesem Teil des Hauses natürlich nicht aus edlem Parkett, kunstvollen Fliesen oder mit wertvollen Teppichen belegt, sondern bestand aus einfachen unbehandelten Dielen.
»Wir befinden uns im Trakt der Frauen, den Trakt der Männer erreicht man nur über den anderen Flügel, in dem Mister Graves Räumlichkeiten liegen«, erklärte Anne.
»Und dies ist mein Zimmer.« Sie öffnete eine Tür, ging vor mir hinein, um ein kleines Gaslicht zu entzünden, das auf dem Nachtischchen stand. Als sie die Flamme hochdrehte, fiel der Schein auf ein gemachtes Bett mit Annes Gepäck darauf, einen Schrank und eine kleine Kommode. Viel mehr an Mobiliar gab es hier nicht. Als ich eintrat, entdeckte ich noch einen Tisch mit Stuhl. Über uns befand sich eine Dachluke. Der Mond verschwand grade hinter dunklen Wolkenfetzen.
»Ich weiß, es muss auf Sie äußerst karg wirken, Lady Eleonore, aber ich finde es sehr schön.«
»Es ist wirklich gemütlich, meine liebe Anne«, sagte ich, doch meine Gedanken waren ganz andere. Ich fragte mich, ob ich in so einem Zimmer leben könnte und wollte. Die ganze Zeit war ich davon überzeugt gewesen, es zu können, aber war dem wirklich so?
»Danke, dass Sie es mir gezeigt haben. Ich glaube wir sollten wieder gehen.« Damit verließ ich Annes kleines Reich und lief beinahe in eine Frau, die mich streng ansah. Ihr Haar war zu einem straffen Dutt gebunden, an dem Gürtel klimperte ein dicker Schlüsselbund. In den Augenwinkeln saßen kleine Falten, die offensichtlich nicht vom Lachen kamen, so sauertöpfisch wie sie dreinblickte.
»Das ist Mrs Cort, die Hausdame«, stellte Anne sie vor.
»Haben Sie sich verirrt, Lady Warrington?«, fragte diese und fixierte mich mit ihren bernsteinfarbenen Adleraugen.
»Ich wollte mich nur vergewissern, dass meine Zofe anständig untergebracht wurde«, erwiderte ich in einem ebenso spitzen Ton, wie der ihre es war.
»Ist alles zu ihrer Zufriedenheit?«, wollte Mrs Cort wissen.
»Alles ist bestens, ich werde nun gehen. Kommen Sie, Anne?« Damit ließ ich die Hausdame stehen. Bestimmt würde sie jetzt schnurstracks zu Graves rennen, um ihm von meinem unangemessenen Benehmen zu berichten. Ich spürte fast körperlich ihren Blick in meinem Nacken brennen.
»Ich denke, ich werde zu Bett gehen«, sagte ich, als wir in mein Zimmer zurückgekehrt waren.
»Nachtruhe wird Ihnen bestimmt guttun«, Anne öffnete mein Kleid, aus dem ich stieg, danach kam das Korsett sowie das Unterkleid, den Rest schaffte ich allein. Währenddessen holte sie ein Nachthemd, das sie mir brachte. Als ich meinen Morgenrock übergestreift hatte, nahm ich am Frisiertisch Platz. Anne löste die Nadel aus meiner Hochsteckfrisur.
»Wie war der Abend mit Mister Graves und Mister Mason?«, fragte Anne, nachdem sie die langen Strähnen befreit hatte. Sie jeden Morgen kunstvoll hochzustecken war nicht nur der Mode geschuldet, sondern auch sehr praktisch. Sanft bürstete Anne mein Haar.
»Zuerst angenehm, aber dann erwies sich Mister Graves als sehr antiquiert in seiner Meinung.« Ich öffnete meinen Cremetiegel und verteilte ein wenig von dessen Inhalt auf meinen Armen, die ich anschließend massierte.
»Bereuen Sie es, seinen Antrag angenommen zu haben?«, fragte Anne. Unsere Blicke trafen sich im Spiegel.
»Ich kann Mister Graves nur schlecht einschätzen. Er ist so distanziert und undurchsichtig, vertritt nahezu mittelalterliche Ansichten, wie die, dass eine Frau nicht reisen sollte.« Meine Stimme wurde lauter, noch immer erzürnten mich diese Behauptungen.
»Werden Sie ihm eine Absage erteilen, nachdem er sich Ihnen gegenüber so unpassend verhalten hat?«
»Ach Anne, ich habe mich heute Abend ja auch nicht sehr gut benommen. Wie ein verzogenes Kind rannte ich aus dem Zimmer und schlug Türen hinter mir zu. Wenn ich ihm jetzt auch noch gekränkt absage und womöglich nach London reise, unterstütze ich damit seine Meinung über Frauen noch. Nein, ich werde ihm Morgen gegenübertreten, stolz wie eine Löwin, nicht verschreckt wie eine Maus, und werde ihn dazu bringen, seine Meinung zu ändern. Jeder Mensch kann seine Meinung ändern, auch ein Mister Graves.« Mit erhobenem Haupt sah ich in den Spiegel. Aber in meinen Augen sah man, dass ich selbst nicht so recht glauben wollte, was ich eben gesagt hatte. Mister Graves ängstigte mich über die Maßen, auch wenn ich dies niemals laut aussprechen würde.
Pulsuz fraqment bitdi.