Kitabı oxu: «Verdammte Unschuld»

Şrift:

Sarah Engell
Verdammte Unschuld

Lindhardt & Ringhof

Kapitel 1

Ich ziehe meine Boxhandschuhe an und halte sie prüfend vor das Gesicht. Das schwere Gefühl gibt meinem Körper Ruhe. Ich atme den Geruch von Leder ein, während ich mich im großen Spiegel an der hintersten Wand der Sporthalle betrachte.

Aus den Lautsprechern an der Decke schlägt der Bass wie ein Puls. Das Vibrieren klettert durch die Gummisohlen meiner Schuhe bis in meine in den Handschuhen leicht gebeugten Finger hinein. Ich bounce von Seite zu Seite, wärme die Beine auf, während ich immer noch die Deckung halte.

An der Decke über der hintersten Wand hängen sechs Sandsäcke an Eisenketten. Ihre schwarzen Lederkörper bilden ein schweigsames Glied, abwartend.

Jannick steht bei der Musikanlage und stellt gerade das Headset ein. Er nimmt das kleine Mikrofon und hält es vor den Mund, dreht prüfend an der Lautstärke. Das schwarze Shirt sitzt eng am Oberkörper.

Ich mache einige prüfende Schläge in die Luft. Jab, cross, jab.

Jannick blickt mich an und lächelt. Ich mache die Schläge härter, kann den Puls schon steigen spüren.

Jannick betritt die Halle und stemmt die Hände in die Hüften. Er ist der einzige, der in den Sommerferien so viele an die Freizeitschule ziehen kann. „Und jetzt“, ruft er. „Seid ihr fresh?“

Es wird applaudiert. Jannick blickt sich in der Halle um, während er das Zirkeltraining einleitet. Ich betrachte seine Lippen, die Haare, die seit dem letzten Mal länger geworden sind, die Hände, die mit kraftvollen Bewegungen jede einzelne Übung vorführen. Er zwinkert mir zu, als er mich zur Basis schickt. Ich fange bei Nummer acht an, das ist Schattenboxen. Die Musik wird lauter gedreht, und ich konzentriere mich darauf, meine Schläge zu optimieren. Mein Spiegelbild und ich tanzen einander gegenüber. Ich ziele auf die Nase, treffe sie mit harten, exakten Schlägen. Jab, cross, jab.

Jannick streift den äußersten Sandsack mit der Hand, als er zu mir kommt. Er duftet nach Pfefferminz und Sonnenschein. Seine Haut ist nach drei Wochen in Thailand goldbraun, und seine Augen sind noch blauer, als ich sie in Erinnerung habe.

„Zweieinhalb Minuten!“ ruft er in das Headset. „Gebt alles, was ihr habt“.

Er legt eine Hand über das Mikrofon und stellt sich ganz dicht an mich. „Maria! Wie habe ich dich vermisst.“

Ich lächele ihn an. Mein Herz schlägt im Takt mit der Musik. „Ich gratuliere dir zum Geburtstag“, flüstere ich.

Sein Zeigefinger gleitet über mein Gesicht und streift meine Lippen. „Weiter!“ ruft er in das Mikrofon.

Der Lärm von hämmernden Bassrhythmen, stöhnenden Atemzügen und Schlägen gegen die Sandsäcke hängt schwer im Raum.

Weiter.

Jannick stellt das Mikrofon ab und streicht eine Strähne aus meinem Gesicht. „Hattet ihr eine schöne Zeit im Ferienhaus?“

„Wir sind gar nicht hingefahren.“ Ich schwinge meine Arme, spüre das schwere Gefühl der Handschuhe. „Papa klopfte einfach an die Tür und sagte, dass wir zu Hause bleiben. Ich und Christina waren die meisten Tage am Strand. Siehst du, dass ich braun geworden bin?“ Ich halte meinen Arm neben seinen.

Er streichelt mich über die Wange. Er blickt mein Gesicht sehr lange an. „Jetzt bin ich wieder da, um auf dich aufzupassen“, sagt er.

Ich blicke in seine blaue Augen und weiß nicht, was sagen, außer danke.

Er berührt meine Schulter und lehnt sich gegen mich. Für einige selige Augenblicke spüre ich seine warmen Lippen im Nacken.

„Wir sehen uns heute Abend“, flüstert er. Dann schaltet er das Mikrofon wieder ein und setzt seinen Rundgang zu den anderen Schülern fort. Im Spiegel habe ich ein Auge auf ihn, während ich weiter gegen mich selbst boxe.

Jab, cross, jab.

Mir tritt der Schweiß auf die Stirn und läuft die Schläfe runter. Jannick fängt meinen Blick im Spiegel. Wir lächeln einander zu.

Uppercut, hook.

Kapitel 2

Christina steht nackt vor dem Spiegel im leeren Umkleideraum. Sie streckt ihren kleinen Finger aus, als sie die Wimperntusche aus der Hülle nimmt und eine dicke Schicht Schwarz auf die Wimpern aufträgt. Sie fängt meinen Blick im Spiegel. „Du siehst aus wie ein Weihnachtsbaum“, sagt sie. „Oder wie ein Weihnachtsmann. Wie sagt man?“

„Hast du auch eine in braun?“ frage ich und werfe einen Blick auf die Wimperntusche.

Sie schiebt ihre Toilettentasche in meine Richtung. „Aber klar. Immer super, wenn der Freund nach Hause kommt, wie du weißt. Oder einfach kommt.“ Sie betont das letzte Wort und stupst mich in die Hüfte.

„Verdammt“, sage ich und betrachte mich in dem Spiegel.

Christina reicht mir ein Reinigungstuch. „Okay. Sonst cooles Training heute. Super, wieder in Schwung zu sein, die Oberschenkel zu straffen und so. Findest du nicht auch?“

Ich werfe ihr einen schiefen Blick zu, während ich etwas Braunes von der Wange abwische. „Warum sprichst du wie ein betrunkener Idiot?“

„Ich bin sehr froh, dass du fragst“. Sie spricht jetzt leise und lehnt sich gegen mein Spiegelbild. „Ich habe es getan.“

Ich stehe da mit dem Reinigungstuch in der Hand und zögere.

„Es?“

Sie steckt die Wimperntusche in die Hülle zurück, schiebt sie ein paar Mal schnell rein und raus. Dann lacht sie.

Ich sauge Luft ein. „Das ist nicht wahr“, flüstere ich. „Mit Vojens?“

Christina nimmt einen roten Lippenstift hervor und dreht die Kappe ab. Langsam lässt sie ihn über die Lippen gleiten. Sie drückt sie zusammen, um die Farbe zu verteilen. „Ich habe mit Vojens Schluss gemacht“, sagt sie dann.

„Was? Das wusste ich gar nicht. Wann?“

„Gerade danach.“

„Danach?“

Sie nickt. Mit dem Lippenstift in einer Hand öffnet sie ihr Handy, tippt herum und dreht es zu mir. Es zeigt ein verschwommenes Foto vom besten Freund ihres Bruders.

„Mick?“ Ich reiße die Augen auf. „THE Mick?“

Sie kichert, macht einen Schmollmund und betrachtet ihn im Spiegel.

Ich schüttele den Kopf. „Aber wann? Wie?“

Christina klappt das Handy zusammen und legt es auf die Ablage unter dem Spiegel. Sorgfältig entscheidet sie sich für ein Parfüm und sprüht ein paar Mal auf jede Seite des Halses. „Gestern Abend gab Jeppe eine Party. Er hat Glück, weil er zu Hause den ganzen Keller für sich hat. Aber ich lag oben in meinem Zimmer und konnte die Musik durch den Boden hören. Ich verstehe nicht, dass er so laut spielen darf. Dann plötzlich geht die Tür auf, ich glaube, es war gegen ein Uhr oder so. Erst dachte ich, es sei Jeppe, der sich meine Festplatte mit Musik ausleihen wollte. Er hat die schlechteste Musiksammlung ever.“

Ich mache eine Handbewegung, um zu zeigen, dass sie zur Sache kommen soll.

Christina sprüht Parfüm auf die Handgelenke und reibt sie gegeneinander. Sie blickt mir direkt in die Augen, als sie sagt: „Dann sah ich, dass es Mick war“. Das Strasssteinchen auf ihrem Zahn vorne funkelt wie ein Lächeln. „Erst wusste ich überhaupt nicht, was ich sagen sollte. Aber zum Glück brauchte ich gar nichts zu sagen. Mick setzte sich auf mein Bett und streichelte mir über die Haare. Er sagte, dass die anderen betrunken wären und dummes Zeug redeten. Dass er müde wäre und einfach nur mit einem lieben Menschen reden wollte“.

„Aber du hast doch gar nichts gesagt.“

„Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“ Mick saß in meinem Zimmer auf meinem Bett und nannte mich einen lieben Menschen. Ein lieber Mensch, Maria. Wie viele supercoole Siebzehnjährige haben dir gesagt, dass du ein lieber Mensch bist?“

„Jannick ist aber auch siebzehn“.

„Ja, ja, aber meine Geschichte entwickelt sich doch ein bisschen spannender als eure, die, soweit ich mich erinnere, immer noch im Knutsch-Stadium ist“.

Ich knülle das Reinigungstuch fest in meiner Faust zusammen.

Sie seufzt und streckt die Handfläche nach vorne. „Sorry, es war nicht so gemeint.“

Ich lasse das Tuch in ihre Hand fallen. Sie wirft es in den Abfalleimer und reicht mir die braune Wimperntusche.

„Aber auf jeden Fall...“ Sie wühlt in ihrer Tasche und holt die Unterwäsche raus. „Danach ging es Schlag auf Schlag.“

„Schlag auf Schlag?“

Weißt du, erst wollte er unter die Bettdecke. Ihm war offenbar kalt. Dann wollte er unter mein Shirt, und es war überhaupt nicht geplant oder so. Er hatte nicht mal ein Kondom dabei, wie die wannabees aus unserer Klasse, die immer mit den Taschen voller Gummis rumlaufen. Als würden sie jemals davon Gebrauch machen können.“

„Dann habt ihr kein Kondom benutzt?“

„Isst du vielleicht ein Karamellbonbon mit dem Papier?“

Ich rümpfe die Nase. „Sagte er das wirklich so? Einmal hab ich gesehen ich, dass das jemand auf der Rödby-Fähre auf die Toilette geschrieben hatte.“

Christina seufzt. „Können wir uns eventuell an meine Geschichte halten?“

Sie schließt ihren BH am Rücken und versucht, die Brüste in den wattierten Schalen zu arrangieren.

Aus irgendeinem Grund zieht sie sich immer den BH vor dem Slip an.

Ich reiße die Augen auf und färbe meine Wimpern braun, erst die oberen, dann die unteren.

„Was ist, wenn du jetzt schwanger geworden bist?“ frage ich.

„Das bin ich nicht. Sieh mein Kinn an. Vier Pickel in Reih und Glied. Ein sicheres Zeichen, dass meine Menstruation unterwegs ist.“

Ich kichere. „Standen wir einfach zuhinterst in der Reihe oder haben alle Mädchen einmal im Monat Pickel am Kinn?“

„Na ja. Soweit ich mich erinnere, waren es nur Männer, die gerade ganz vorne in diesem Stau standen.“

Wir lachen.

„Vielen Dank.“ Ich lege die Wimperntusche in ihre Toilettentasche zurück.

„You´re welcome“, antwortet sie und reißt ein Preisschild vom Slip.

Ihr Handy vibriert auf der Ablage unter dem Spiegel. Sie legt den Slip weg und klappt das Telefon auf. Sehr lange steht sie da und blickt einfach aufs Display.

Sie reicht mir das Telefon. Auf dem Display heißt es:

Ich bin scharf auf dich – schreibe was freches!

Ich starre auf das Ausrufezeichen. Dann auf Christina. „Ist er das?“ frage ich.

Sie blinzelt mehrmals hintereinander, als sie an dem kleinen Gummiband zieht, das am Preisschild fest sitzt. Dann dreht sie das Handy zu sich. Ihre langen, weiß lackierten Nagelspitzen klicken gegen die Tastatur, als sie etwas schreibt, wieder löscht und etwas anderes schreibt. Sie legt den Kopf leicht schief und liest die Nachricht, bevor sie mir den Text zeigt.

Ich bin nackt mit meiner freundin zusammen

Ich kichere. Christina zwinkert mir zu. Und drückt auf Senden.

Ich greife nach dem Telefon, aber sie hält es im gestreckten Arm weg von mir. Auf dem Display dreht sich der Briefumschlag als Zeichen dafür, dass die Mitteilung gesendet wird.

„Das hast du nicht wirklich gemacht?“ sage ich.

Sie lässt den Arm sinken. Sie hält das Handy ganz fest.

Die Sekunden, die folgen, sind sehr lang. Wir vergessen sogar, uns anzuziehen. Stehen einfach da und betrachten das Telefon in Christinas Hand.

Zwei kleine Piepser lassen uns zucken.

Auf dem Display heißt es:

Berührt ihr euch?

Christina schaut nicht mehr auf das Telefon, sondern auf mich.

„Igitt“, sage ich.

Christina schaut mich immer noch an. Etwas in ihrem Blick lässt mich das Handtuch um meinen Körper enger straffen.

Mit zwei harten Klicken schreibt sie eine Antwort.

Ich packe sie am Arm, aber die Nachricht ist schon gesendet.

Ja

Christina atmet schnell und stoßweise. Sie hält das Handy festgeklemmt.

Die Antwort kommt rasch. Vier kurze Wörter, und es wird mir merkwürdig kalt und warm auf einmal:

Ich habe einen steifen

Christina zittert am ganzen Körper.

„Schluss jetzt“, sage ich.

Sie bittet mich, ruhig zu bleiben und schreibt eine neue Nachricht:

Schickst du ein foto von deinem schwanz?

Der Geruch vom Abzug dringt durch Christinas Parfüm und in meine Gedanken hinein. Ich bleibe still auf dem kalten Boden stehen und spüre aus den Duschkabinen einen Dampf, der mich wie eine feuchte Hand umschließt.

Zwei kleine Piepser.

Christina und ich sehen uns an. Dann werfen wir einen Blick auf das Handy.

Das Foto ist verpixelt, aber hinterlässt keinen Zweifel.

Ein seltsames Gefühl breitet sich in meinen Körper aus. Ich ziehe das Handtuch hoch.

„Cool“, sagt Christina.

„Cool“, murmle ich.

Unsere Stimmen hallen gegen die mit Fliesen belegten Wände. Wir bleiben für einen Augenblick stehen und betrachten das verpixelte Bild, ohne etwas zu sagen. Oben auf dem Display leuchtet auf, um welche Zeit die Nachricht empfangen wurde. Die Uhrzeit ist unbeweglich, aber die Zeit läuft weiter.

Wir zucken, als das Handy wieder piept.

Seht ihr etwas schönes?

Als Antwort schickt Christina einen Smiley. Jetzt hat sie Farbe ins Gesicht bekommen.

Kurz danach kommt eine neue Nachricht. Sie liest sie mehrmals hintereinander.

„Er möchte mich sehen“, sagt sie. „Findest du es okay, wenn er heute Abend dabei ist?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Was schreibe ich?“

Ich halte die Hände hoch als Zeichen, dass ich mich ab jetzt nicht mehr einmischen möchte.

Christina beißt sich auf die Lippen, sodass die Schneidezähne rot wirken. Sie trippelt von Seite zu Seite, während sie eine Antwort formuliert.

Sie hat ihren Slip immer noch nicht angezogen.

Kapitel 3

Happy Birthday dröhnt aus den großen, weißen B&O-Lautsprechern. Jannick steht auf dem ovalen Wohnzimmertisch. Er trägt einen Zylinder und hat einen Alabama Slammer in der Hand.

„Prost!“ ruft er. „In der Küche ist Selbstbedienung. Nehmt einfach. Und nochmals vielen Dank für alle Geschenke.“

Man hört Beifall und Johlen. Die große Strandvilla ist randvoll mit festlich gekleideten und halb betrunkenen Abgangsschülern der Volksschule. Quer durch das Wohnzimmer hängt ein großes Banner mit dem Text: Glückwunsch zum 17. Geburtstag!

Jannick sieht fröhlich aus. Er steht mit leicht gespreizten Beinen und dem Zylinder schräg auf dem Kopf. Jemand hat mit rotem Lippenstift Flaggen auf sein Gesicht gemalt.

Er dirigiert mit den Fingern, als einige Mädchen aus seiner Klasse das Happy Birthday mitsingen. Überall im Wohnzimmer wird geknutscht, geprostet und High Five gegeben. Die Mischung aus verschiedenen Parfüms macht mich schwindlig. Das letzte Mal, als ich Jannicks Klassenkameraden sah, sprangen sie im Kletterturm herum und warfen Süßigkeiten über den Rand, in engen Kostümen als Prostituierte, Krankenschwestern und Polizistinnen verkleidet. Christina und ich sind die einzigen, die nach den Sommerferien in die 9. Klasse gehen. Wir stehen in der Tür des Wohnzimmers und versuchen, älter auszusehen als wir sind.

„Wie spät ist es?“ fragt Christina und richtet sich die Haare.

„Du weißt ja gar nicht, ob er kommt“, sage ich.

Ein rostiges Bellen kommt von der Türklingel. Jannick ruft, dass es die mobile Diskothek ist, und gerade macht jemand die Tür auf. Er wirft sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund und springt vom Tisch runter.

„Danke für das Lied“, sagt er und verbeugt sich vor den Mädchen. In einem großen, unordentlichen Haufen umarmen sie ihn. Lachend entkommt er ihren Armen und nimmt Kurs auf mich.

Mein Herz hüpft, als er mich an sich zieht. Ich drücke mein Gesicht gegen seinen Hals, der warm und wohlriechend ist.

„Glückwunsch nochmals“, flüstere ich.

Das ist ebenso für mich gemeint.

Christina zeigt kurz ihr Handy und sagt, dass sie jetzt geht. „Er wartet draußen“.

„Wartet?“

Christina nickt und blinzelt mir zu. Ich halte den Daumen hoch und sehe sie in die Menge verschwinden.

Jannick legt beide Hände auf mein Gesicht. „Mein Gott, du bist eigentlich wunderschön“.

Ich lächle.

Seine Lippen gegen meine fühlen sich weich an. Sie schmecken süßlich nach Orangensaft und Grenadine. Einige pfeifen und rufen, dass das wenigstens ein Geschenk ist, das nicht umgetauscht werden muss. Man hört Gelächter.

Ein DJ ruft mit Akzent: „Let´s get this party started!“ Pink kracht in das Wohnzimmer, und alle fangen an zu tanzen.

Jannick und ich umarmen uns. Seine Augen sehen nur mich. „Ich liebe dich“, flüstert er.

An einem Ort in meinem Kopf bricht etwas zusammen. Ich drücke seine Hände, und flüstere so leise, dass nur ich selbst es hören kann: „Du darfst mich nie verlassen.“

Jannick nimmt mein Gesicht wieder in seine Hände und blickt mich fragend an. „Alles okay?“, fragt er.

Ich nicke und kuschele mich an seine Brust. Sein Herz pocht rhythmisch an meinem Ohr.

Wir stehen dicht aneinander und wiegen im Takt mit der Musik, und ich wünsche mir, dass wir für immer so stehen bleiben können. Mit den Armen umeinander, ohne etwas zu sagen, ohne die Füße mehr als nur einen Millimeter zur Seite zu rücken.

Aber dann wird die Musik ausgeschaltet und von einer laut heulenden Sirene unterbrochen. Der DJ geht auf die Tanzfläche und klatscht in die Hände als Zeichen, dass wir zuhören müssen.

„Jetzt wollen wir die Party durchstarten“, ruft er. „Sind einige mutige, junge Menschen im Raum?“

Jannick wird aus meinen Armen gerissen und zur Tanzfläche gezogen. Zwei Jungen aus seiner Klasse halten seine Hände hoch. Es wird applaudiert. Jannick dreht den Kopf und schickt mir ein Lächeln als Entschuldigung.

Ich lächle zurück.

Der DJ klopft Jannick auf die Schulter und macht ihm Zeichen, dass er sich so hinstellen soll, dass alle ihn sehen können.

„Wir brauchen auch ein Mädchen...“ Der Blick vom DJ gleitet durch den Raum und landet bei einem Mädchen aus Jannicks Klasse.

Man hört Beifall und Pfeifen, als das Mädchen neben Jannick geschoben wird.

Der DJ setzt einen Finger auf Jannicks Brust. „Zieh das Shirt aus“, sagt er.

Jannick zieht das enge schwarze Shirt über den Kopf. Als sein Gesicht zum Vorschein kommt, sehe ich, dass er lächelt.

Der DJ schüttelt eine Dose Schlagsahne und zeichnet ein Herz auf Jannicks Brust. Er gibt dem Mädchen Zeichen, es abzulecken. Sie stemmt die Hände in die Hüfte. Erst als die unterstützenden Zurufe der anderen ganz laut werden, gibt sie nach.

Die Zunge ist rosarot und glänzend. Sie gleitet über Jannicks Haut in kleinen katzenartigen Bewegungen. Jannick lacht. Mir wird es übel.

Als die Schlagsahne weg ist, hebt der DJ eine Banane über den Kopf. Der Beifall steigt. Der DJ platziert die Banane zwischen Jannicks Oberschenkel und bittet das Mädchen, sie mit dem Mund zu schälen und dann zu essen. Und wieder stemmt sie die Hände in die Hüfte, pustet Haare aus der Stirn.

Die Jungen johlen und geben Beifall. „Zeig uns, was du kannst!“

Das Mädchen sieht sich im Raum um. Dann breitet sie die Arme aus und hockt sich vor Jannick hin. Der Jubel steigt heftig. Jannick stemmt die Hände in die Hüfte und zwinkert den Gästen zu, als das Mädchen anfängt, die Banane zu schälen.

Der DJ schwingt seine Hände, damit wir noch lauter werden. Angeregt durch die Zurufe packt Jannick das Mädchen an den Haaren und drückt ihr Gesicht gegen die Banane. Das Mädchen isst in großen Bissen weiter.

Ein metallischer Geschmack macht sich in meinem Mund bemerkbar. Ich sehe, ohne etwas zu sehen.

Man pfeift laut und jemand ruft Eisverkäufer.

Endlich steht das Mädchen auf. In einem Mundwinkel hat sie ein wenig Banane. Ich starre auf das kleine Stück Banane, während die Rufe durch den Raum schallen.

Jannick verbeugt sich und das Mädchen knickst. Aber der DJ packt sie an den Schultern. Das Spiel ist noch nicht zu Ende. Jetzt werden die Rollen umgetauscht. Das Mädchen wirft ihren Freundinnen einen schiefen Blick zu, aber als der Beifall fortsetzt, zuckt sie mit den Schultern und bleibt stehen.

Der DJ schüttelt die Dose mit Schlagsahne. Mit langen, spielenden Bewegungen schmiert er Schlagsahne auf ihre nackten Oberschenkel. Ganz oben zwischen den Beinen, platziert er ein Glas Tequila.

Die Zurufe nehmen kein Ende.

Ich versuche, Jannicks Blick zu treffen, aber er hockt schon vor den langen, nackten Mädchenbeinen.

Ich schließe die Augen. Mein Bauch tut mir weh. Um mich herum höre ich jubelnde Zurufe.

„Go Jannick!“

„Lick her, lick her!“

Ich höre das Mädchen hysterisch kichern.

Als ich die Augen öffne, hockt Jannick mit dem Glas Tequila zwischen den Zähnen. Er legt den Kopf zurück und trinkt.

Man trommelt auf die Wände und den Boden. Lange, laute Pfiffe schneiden meinen Schädel in tausende Stücke. Jannick steht auf und wirft das Glas auf den Boden, so dass es zerbricht. Der DJ hebt erst seine Hand und danach die Hand des Mädchens hoch. Der Beifall strömt gegen ihre halbnackten, klebrigen Körper. Ich wende mich plötzlich ab und stürze aus der großen Strandvilla hinaus.

Kapitel 4

Weit weg zwitschert ein Vogel in einer Baumkrone. Sonst ist es vollkommen still in den einsamen Villenstraßen. Ich gehe auf dem Bürgersteig, setze einen Fuß vor den anderen, ein Seiltänzer auf dem Weg durch die Dunkelheit.

Aus beiden Richtungen ziehen mich meine Gedanken. Ich breite die Arme aus und konzentriere mich auf die Schritte. Es ist schwierig, in den hochhackigen Sandalen zu laufen. Ich denke an Jannicks Hände in meinen. Die Wärme seiner Lippen. Die Musik, die meine Stimme übertönte, als ich flüsterte: „Du darfst mich nie verlassen.“

Ich knicke mit dem Fuß um. Der Knöchel tut mir weh, aber ich setze meinen Balanceakt auf dem Bordstein fort. Die Stille und die Dunkelheit schmelzen um mich herum zusammen. Mit jedem Schritt verschwindet die Hoffnung, seine Stimme hinter mir zu hören. Das Geräusch seiner laufenden Schritte und meines Namens zwischen seinen Lippen.

Ich beeile mich jetzt, halte die Tränen zurück, während ich immer noch mit ausgestreckten Armen und geradem Rücken laufe. Auf dem Bordstein wechseln sich meine Füße ab, immer ein Fuß nach dem anderen.

Man hört Stimmen und Gelächter. An der Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite steht eine Gruppe junge Männer. Einer schwingt sich um die Eisenstange der Haltestelle. Er reibt sich daran und stöhnt. Die anderen lachen und klatschen.

Ich nehme das Handy aus der Tasche und suche die Nummer meiner Eltern hervor. Ich habe sie als einzige unter der Telefonnummer statt unter ihrem Namen bei den Kontakten gespeichert. Ich bleibe kurz stehen und betrachte die acht Ziffern. Dann klappe ich das Handy zusammen und lege es in die Tasche zurück.

Als ich weiter geradeaus laufe, klicken meine Absätze gegen den Bordstein. Jedes Mal, wenn ich mit dem Fuß umknicke, beiße ich die Zähne zusammen und konzentriere mich auf den nächsten Schritt.

Es wird still, als ich mich der Bushaltestelle nähere. Ich spüre Blicke auf meinem Körper.

Der Typ an der Eisenstange pfeift. „Hallo Hübsche, und jetzt?“

Ich bleibe stehen.

„Kommst du nicht rüber und trinkst ein Bier mit uns?“

„Halt die Klappe.“ Einer der anderen trifft ihn am Hinterkopf.

Er lacht laut und schwingt sich um die Eisenstange, während er sich auf die Brust schlägt. Das Gelächter hallt durch die einsamen Villenstraßen.

„Doch, gerne“, sage ich. „Ein Bier klingt gut.“

Es wird vollkommen still, als ich die Straße überquere und zu ihnen gehe.

Der Typ lässt die Eisenstange los. Er wirft erst den anderen einen schiefen Blick zu, dann mir.

Ich gehe an ihm vorbei und setze mich auf die Bank unter dem Schutzdach. Der Vogel in der Baumkrone fliegt raschelnd davon und verschwindet.

Die Typen bleiben stehen, unbeweglich. Dann eilen sie zu mir und setzen sich neben mich. Sie haben eine Plastiktüte mit Bierdosen, die sie verteilen. Ich öffne eine Dose und nehme einen ersten Schluck. Das Bier ist lauwarm. Dann nehme ich einen großen Schluck.

Die Typen sind in Jannicks Alter, vielleicht älter. Sie sind zu viert. Der mit der Eisenstange sitzt rechts von mir, so dicht, dass sich unsere Schenkel berühren. Er trägt eine Brille mit dunklem Gestell und hat ein markantes Kinn. In beiden Ohren Diamantenpiercings.

„Und wohin will eine so schöne Jungfrau?“, fragt er.

„Nirgendwohin“, sage ich.

„Cool, von dort komme ich gerade.“

Die anderen lachen.

Der Stangentänzer leert sein Bier und nimmt sich ein anderes. Ein wenig Schaum läuft über den Rand. Er saugt es mit den Lippen auf.

Einer der anderen nimmt sein Handy hervor und schaltet Musik ein. Der Ton ist schlecht. Es klingt wie Rihanna.

Auf der Straße fährt ein Auto vorbei. Die Scheinwerfer zeigen auf den schwarzen Asphalt. Ich höre den Motorenlärm, der schwächer und schwächer wird, bis er ganz verschwindet.

„Wann kommt der Bus?“ frage ich.

„Das weiß man nie“, sagt der Stangentänzer. „Das weiß man nie.“

Er sieht mich mit einem merkwürdigen Blick an, und lehnt sich dichter an mich. So dicht, dass ich seinen Atem riechen und die kleinen Blutäderchen in seinen Augen sehen kann.

„Meine Güte, ich bin erregt“, flüstert er. „Du auch?“

Um mich herum wird die Welt verschleiert. Weiß lackierte Nägel trommeln auf die Außenseite der Dunkelheit und ein kaltes, klebriges Gefühl klettert meine Beine hoch.

Dann nicke ich.

Der Stangentänzer lacht. Er sieht die anderen an und nickt.

Mit einer ungeschickten Bewegung nimmt er mich am Nacken. Die Lippen sind leicht geöffnet. Er riecht nach Bier und billigem Parfüm.

Als er mich küssen will, drehe ich mein Gesicht weg.

Das Herz hämmert in meiner Brust.

„So, so.“ Er nuschelt. „Vielleicht mag man kein Vorspiel?“

Die anderen lachen.

„Ich habe einen Freund“, sage ich.

„Du hast ihn aber verdammt gut versteckt.“ Er schaut unter die Bank und breitet die Arme aus.

Ich versuche zu lachen, aber mein Lachen ist eine Spieldose.

Alles dreht sich, und Jannick geht es ohne mich bestens. Er hat sicher nicht einmal bemerkt, dass ich gegangen bin.

„Kommst du mit?“ fragt der mit dem Handy. „Zur Party!“

Er spricht das Wort Party nicht richtig aus. „Gratis Alkohol“, fügt er hinzu und wippt mit den Augenbrauen.

„Tja“, murmele ich und blicke in die dunkle Straße.

„Oder hast du vielleicht andere Pläne?“, fragt der Stangentänzer.

Ich zucke mit den Schultern. Der Klumpen im Hals sperrt den Weg für meine Worte. Wenn überhaupt noch Worte da sind.

Eine Hand legt sich auf meinen Schenkel. Ich drehe den Kopf und blicke in das dunkle Brillengestell. Hinter den Gläsern schwimmen ein paar suchenden Augen.

„Du bist schön“, sagt er.

Mein Gesicht fühlt sich steif an. Ich drücke auf einen Knopf, und meine Mundwinkel heben sich automatisch in ein mechanisches Lächeln.

Ihm geht es ohne mich bestens. Also gut. Super für mich.

Die Hand fährt meinen Oberschenkel weiter hoch. Ich blicke an das Schutzdach, während ich an Jannicks Lächeln denke. Seinen nackten Oberkörper. Die Hand, die den Kopf des Mädchens dichter dran schob. Das kleine Stückchen Banane auf dem rot gefärbten Mund.

Der Stangentänzer atmet schneller. Seine Hand ändert die Richtung gegen meinen Innenschenkel. Ich bekomme eine Gänsehaut, obwohl der Abend warm ist.

„Immer noch erregt?“ flüstert seine Bierstimme in mein Ohr.

Ich lasse die Lippen hochfahren. Ich lächle.

Super für mich. Super.

Die Hand ist zwischen meinen Oberschenkeln. Die Finger drücken auf mich. Das Lied spielt schneller, und ich höre immer noch nicht, ob es Rihanna ist oder nicht.

Der Stangentänzer leckt mich am Hals. Die Zunge ist viel zu warm.

„Ich habe einen Freund“, murmle ich wieder, während die Worte fest sitzen und keinen Inhalt haben.

„Sehr, sehr schön“, nuschelt er und steckt seine Zunge in mein Ohr.

Die Tüte mit Bier raschelt. Das Geräusch, als eine neue Dose aufgemacht wird, bringt meinen Atem zum Stillstand.

Der Vogel ist weit weg, und nur das leise Rascheln der Baumkronen hallt ins Vakuum der Nacht.

Die Hand in meinem Schritt arbeitet schneller, als würde sie etwas suchen, das nicht da ist. Es fühlt sich ungeschickt und ekelhaft an. Aber ich bleibe sitzen. Ich bleibe sitzen, und er hat sicher nicht einmal bemerkt, dass ich gegangen bin.

Ein schwerer, gelber Nachtbus dreht um die Ecke und kommt näher.

Party, nicht richtig ausgesprochen, stellt sein Handy ab und steht auf. „Let´s go!“

„Jetzt halt die Klappe“, sagt der Stangentänzer. „Wir nehmen einfach den nächsten. Die Party hat gerade erst angefangen.“

Er zieht den Reißverschluss meiner Shorts runter und berührt meinen Slip. Die Finger sind warm, wie die Zunge. Sie wandern unter den Rand meines Slips.

Party klappst ihm auf die Schulter, aber er reagiert nicht. Er stöhnt in mein Ohr.

Der Bus fährt zum Bordstein und hält seufzend an. Der stechende Geruch des Auspuffs geht direkt in die Nase.

„Komm jetzt, verdammt noch mal“, sagt Party.

Der Stangentänzer versucht, mich zu küssen. Ich drehe das Gesicht weg.

Party packt ihn am Arm. „Komm jetzt, lass sie in Ruhe.“

Der Bieratem ist viel zu nahe.

Die zwei anderen kommen hinzu. Sie nehmen den Stangentänzer und ziehen ihn weg von der Bank. Er protestiert und tritt nach ihnen, aber sie sind zu viele. Sie ziehen ihn mit zum Bus. „Verdammt, sie ist höchstens 15 Jahre alt“, zischt Party und schiebt ihn durch die offene Tür.

Sie verschwinden in den Mittelgang, vier Silhouetten gegen die mit Werbung besetzten Fenster. Der Busfahrer lehnt sich zur Tür raus und sieht mich an. Ich starre zurück, sitze immer noch mit leicht gespreizten Beinen und einen Klumpen im Hals. Er kneift die Augen zusammen, dann zieht er an einem Hebel, und die Vordertür geht zu.

Der Bus fährt in die Nacht hinein. Ich bleibe auf der Bank sitzen und sehe ihn um eine Ecke verschwinden. Die Baumkronen rascheln über mir. Ich versuche zu spüren, ob es mir besser oder schlechter geht als vorher, aber abgesehen vom Geschmack des lauwarmen Biers in meinem Mund spüre ich keinen Unterschied.

Langsam stehe ich von der Bank auf, nehme ein Stück Kaugummi und gehe das letzte lange Stück nach Hause.

Diesmal balanciere ich nicht auf dem Bordstein.

Meine Hände zittern, als ich die Schlüssel hervorsuche und das dunkle Haus aufschließe. Ich stelle meine Sandalen im Eingang ab und gehe in die Küche, wo ich einen Toast mit Schinken, Tomaten und Oregano mache. Die Schranktüren gehen lautlos zu, obwohl ich sie zuknalle.

Der Duft von geschmolzenem Käse verbreitet sich. Ich lehne mich an den Küchentisch und nehme mein Handy aus der Handtasche. Es war den ganzen Abend auf lautlos gestellt. Auf dem Display heißt es, dass ich vier unbeantwortete Anrufe und zwei SMS empfangen habe. Alle Anrufe und die Nachrichten sind von Jannick.

In der ersten Nachricht heißt es:

Wo bist du?

In der zweiten heißt es:

Ruf mich an

Ich drücke mehrmals auf Delete. Während ich das Handy in der Hand halte, fängt es wieder zu läuten an. Es ist Jannick. Ich stecke den Daumen unter die Klappe des Telefons, so dass sie sich ganz wenig öffnet. Das Licht auf dem Display verschwindet.

Ich lege das Handy weg und nehme den Toast aus dem Ofen. Das Brot dampft. Ich umwickle es mit Küchenpapier in mehreren Schichten und esse es in langen, schnaufenden Bissen. Jedes Mal beim Schlucken tut es mir weh. Ich zwinge das Essen herunter, während ich in die Stille horche. Vor mir sehe ich immer noch das kleine Stückchen Banane, Jannicks Lächeln. Das Tequilaglas, das nach hinten in seinen Mund gekippt wurde.

Das Handy klingelt wieder. Das Display leuchtet auf und blinkt lange. Dann wird der Schirm schwarz.

Ich esse den Rest vom Toast und werfe das Küchenpapier in den Abfall, konzentriere mich darauf, nicht an die Jungen an der Bushaltestelle zu denken. Ich wasche mir die Hände. Der Wasserstrahl spült die Seife weg, und das Ganze verschwindet in einer Spirale durch den Abfluss.

Im Küchenschrank finde ich ein großes Glas, das ich mit Wasser fülle. Ich leere es, während ich mir vorstelle, dass mein Körper eine Spirale ist, die alles verschwinden lässt.

Das einengende Gefühl im Hals ist noch da.

Seufzend stelle ich das Glas weg und gehe aus der Küche. Das Haus ist ganz still. Ich schleiche durch den Flur zum Schlafzimmer meiner Eltern. Die Tür ist angelehnt. Beide Betten sind leer. Die Decken liegen auf jeder Bettseite zusammengeknüllt, zwei Kellerasseln, die auseinander gerollt sind.

Ich kehre dem Schlafzimmer den Rücken und gehe hoch in mein Zimmer. Das Handy lege ich unter das Kopfkissen.

Ich ziehe mich aus und lege die Kleider auf einen Stuhl. Den Slip werfe ich in den Papierkorb.

Ich setze mich aufs Bett, so dass ich aus dem Fenster schauen kann. Es ist bewölkt, und es ist kein einziger Stern am Himmel. Schwere, weiße Wolken liegen quer zum Himmel, zusammengeklebt und entfernt.

Ich erblicke eine Gestalt im Garten. Ich lege die Stirn gegen das Fenster und schaue hinaus. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit.

Es wird mir merkwürdig kalt, als ich ihn wiedererkenne. Papa steht im Garten hinter dem Haus und betrachtet seinen großen Vogelkäfig. Er hat die Hände in die Hüfte gestemmt und den Rücken zum Haus hin. Sein Körper zeichnet einen unbeweglichen Schatten in das sonst überall Schwarze.

Vorsichtig öffne ich das Fenster und lehne mich hinaus. Der milde Nachtwind duftet nach Jasmin und feuchtem Gras. Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, aber alle Worte sind weg. Langsam lasse ich das Fenster zugleiten und krieche unter die Decke mit dem Kopf auf meinem schweigenden Telefon.

Kapitel 5

Christina leert ihre Cola mit einem lang gezogenen Schlürfen. Der gestreifte Strohhalm formt ihre glänzenden Lippen zu einem Schmollmund.

„Ach, habe ich einen Kater!“ seufzt sie. „Die perfekte Entschuldigung für die totale Fressorgie.“ Sie lehnt sich nach vorne und schüttelt die Tüte mit Pommes. „Hattet ihr zu Hause einen guten Sonntagsbrunch?“

„Es war gut. Es wurde kaum etwas gesprochen.“ Ich nehme einen Bissen vom Burger, kaue langsam und schlucke. „Mein Vater hatte Smoothies aus Wassermelone gemacht.“

„Nice.“

„Was ist mit dir? Hattest du einen schönen Abend?“

„Er ist so wunderbar, Maria. Das gibt es gar nicht.“

„Hattet ihr ... du weißt?“

„Was zum Teufel hätten wir sonst machen sollen?“

Ich lege den Burger aus der Hand und wische den Mund ab. Der Lärm der Kassen und der anderen Gäste schwirren um uns wie Fliegenflügel.

Christina hört auf zu lachen. Sie setzt sich ein wenig auf und sieht mich an.

„Ist bei dir zu Hause wirklich alles in Ordnung?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Bevor meine Eltern sich haben scheiden lassen, haben sie monatelang nicht mehr miteinander gesprochen. Es war so krank, Maria. Wenn ich fragte, ob sie sich trennen wollten, sagten sie einfach: Frag deine Mutter, frag deinen Vater. Dafür hielten sie keine lange Reden mehr, wenn ich zu einer Party und solche Sachen wollte.

Ich durfte alles. Wenigstens darüber wirst du dich freuen können.“

„Meine Eltern werden sich nicht scheiden lassen.“

„Nein, nein, das war auch nicht so gemeint. Übrigens werden sie nachher doppelt so besorgt sein. Meine Mutter lässt mich bei Jungen nicht mehr übernachten. Ich muss erzählen, dass ich bei dir übernachte, wenn ich die ganze Nacht bei Mick bleibe.“

„Was? Das hast du mir noch nie erzählt.“

„Ruhig bleiben. Sie wird es nicht herausfinden. Sie glaubt, dass ich die Unschuld in Person bin. Sie weiß nichts von Mick.“

„War Mick eigentlich nicht mit dieser aus der 10. Klasse zusammen? Die, von der wir immer sagten, dass sie große Brüste hätte?“

„Nicht mehr. Sie hatten keinen Sex, deswegen ging er.“

„Nur deswegen?“

„Der Mann ist 17 Jahre alt, nicht 7.“

Ich nehme das kleine Paket mit Ketchup und schwinge es zwischen zwei Fingern schnell hin und zurück. Ich denke an Jannicks nackten Oberkörper. Das Herz aus Schlagsahne auf seiner Brust. Das Lächeln auf seinen Lippen.

Christina legt den Kopf schief. „Hey“, sagt sie. „Wollen wir sehen, wer von uns die meisten Pommes auf einmal im Mund haben kann?“

Ich fächle das Ketchup. Ich denke an Jannicks warmen Hals und an meine bekloppte Art, die Party zu verlassen.

„Ein, zwei, drei, JETZT!“ Christina drückt eine ganze Hand voller Pommes in den Mund, und ich muss einfach lachen. Ich lege das Ketchup weg und werfe mich in den Wettbewerb.

Mit beiden Händen stopfen wir uns den Mund voll, und kauen so viel und schnell, wie wir können.

Sie zeigt auf mich mit einem Pommes. „Winner!“

Ich reiße das Pommes von ihr und stopfe es in den Mund.

Sie reißt die Augen auf und legt noch mehr Pommes bereit. „Warte nur!“ Sie quetscht jetzt beide Hände voll auf einmal ein und muss durch ihre aufgeblähten Nasenlöcher atmen.

Ich treffe ihren Blick und fange an zu kichern. Dann huste ich. Schnell knalle ich beide Hände vor den Mund.

Christina unterdrückt einen Lachanfall. Ich betrachte meine Handflächen und schneide eine Grimasse. Dann huste ich wieder.

Christina bricht in Gelächter aus, so dass die Pommes aus ihrem Mund fliegen. Ich huste und lache auf einmal. Die Tränen laufen aus meinen Augen.

Christina greift über den Tisch und nimmt meine Hände. Wir lachen weiter, während wir quer über den Tisch unsere Hände fest halten. Christinas Wimperntusche ist verlaufen, aber ihr Blick strahlt. Sie drückt meine Hände noch einmal.

„Christina?“

„Ja?“

„Hast du manchmal Angst?“

„Nö.“

„Ich berühre ihre Fingerringe. Drehe sie, so dass sie richtig sitzen.

Ich habe Angst, dass das Ganze aufhört. Das Gute. Verstehst du, was ich meine?“

Sie zieht ihre Hände zurück und trocknet sich unter den Augen. Sie nimmt ihren Lipgloss aus der Tasche und trägt eine neue glänzende Schicht auf.

„Es ist blöd, Angst zu haben“, sagt sie. „Ich habe beschlossen, mich nie vor etwas zu fürchten. Die Dinge passieren trotzdem, oder? Ihnen ist es scheißegal, ob man sich fürchtet oder nicht.“

Ich nicke. Christina legt ihren Lipgloss in die Tasche zurück. Ich sitze eine Weile und betrachte ihr Gesicht. Die elegante Nase, die leicht zu großen Lippen, die Stirnfransen, die immer wieder in die Augen fallen.

Ich falte meine Serviette zu einer kleinen harten Kugel zusammen und drücke sie fest in die Handfläche. „Glaubst du, dass Jannick eine andere findet, wenn er im Gymnasium anfängt?“

Christinas Blick gleitet kurz über mich. Dann zuckt sie mit den Schultern. Die Bewegung ist ganz klein, aber eine Kälte breitet sich in mir aus.

„Glaubst du?“

Sie zuckt wieder mit den Schultern.

„Aber ...“ Ich spreche lauter. „Er liebt mich ja. Das sagt er auch selbst. Wir sind ja fast vier Monate zusammen.“

„Relax. Du warst es, die es zur Sprache gebracht hat.“

Ich schieße die Serviettenkugel mit dem Zeigefinger weg. Sie trifft Christinas Glas mit Cola, setzt in eine andere Richtung fort und fliegt über die Tischkante.

„Vielleicht sollte ich es auch einfach tun“, sage ich.

„Was tun? Im Gymnasium anfangen?“

Ich schüttle den Kopf, lehne mich nach vorne auf dem Stuhl. „ES tun“, flüstere ich mit Betonung auf dem ersten Wort.

Christina pustet ihre Stirnfransen von den Augen weg. Sie legt den Kopf schief. „Erinnere mich noch einmal daran: Wie kann man vier Monate zusammen sein, ohne überhaupt ...?“

„Also ... es ist ja nicht so, dass wir überhaupt nicht ...das weißt du auch. Aber es ist so, wenn wir dazu kommen, als ob ... du weißt... dann hören wir langsam auf. Anfangs waren wir beide sehr ...“

Ich mache eine Handbewegung. „Aber immer passierte etwas. Das Telefon läutete, Jannick hatte die Kondome vergessen, er musste pinkeln, unsere Eltern kamen nach Hause ... irgendetwas. Und jetzt haben wir irgendwie ...“ Ich breite die Hände aus. „Ja, ich glaube ein wenig, dass wir darauf warten, dass der andere die Initiative ergreift, nicht?“

„Und jetzt denkst du, dass du die Initiative ergreifen wirst?“

Ich zucke mit den Schultern.

Sie sitzt eine Weile, ohne etwas zu sagen, dann wirft sie sich über den Tisch und greift meine Hände. „Tu es! Tu es, Maria!“ Sie klammert sich an meine Hände, wie eine Person, die auf einer Party in einer Ecke gestanden hat, und erst jetzt jemanden entdeckt, den sie kennt. „Du meinst es wirklich, ja? Wir machen das hier zusammen, oder? Also, nicht so zusammen. Als Freundinnen, meine ich. Ich werde dir helfen. Komm.“

Ich will gerade etwas fragen, aber Christina hat bereits ihre Sonnenbrille in das Haar gesteckt und ist vom Stuhl aufgestanden. Zurück auf dem Tisch bleibt unser Lachen in Tausenden von Stücken zurück.

Kapitel 6

„Lingerie & Erotik.“ Der Laden liegt zwischen einem Haushaltswarenhändler und einem Spielzeuggeschäft im lokalen Einkaufszentrum.

Wir stehen vor dem Schaufenster und blicken hinein. An der Decke hängen Ballons und Flaggen. Vor einem Jahr eröffnete Christinas Mutter den Laden, und gerade jetzt hängen Angebotsschilder im Fenster. Eine Schaufensterpuppe, die männlich ist und nur mit einem schwarzen String aus Leder bekleidet, trägt den Text auf der Brust: Geburtstagsreduktion bis 50%.

„Sieh mal“, sagt Christina. „Wir kriegen sogar Rabatt.“

„Ich habe dir gesagt, dass ich zu Hause jede Menge Unterwäsche habe.“

„Aber für das erste Mal, Maria. Das erste Mal.“

„Du hattest ja nur einen Pyjama an.“

„Deswegen kannst du doch ein bisschen eleganter sein, nicht? Komm jetzt, ich möchte dir gern helfen.“

Eigentlich weiß ich nicht, warum ich mich dagegen wehre. Sonst bin ich es, die fragt, ob wir nicht in den Laden gehen können. Ich mag Christinas Mutter und das vertrauliche, höhlenartige Gefühl, wenn Christina und ich uns zusammen in eine Umkleidekabine drücken.

Aber heute ist es anders. Heute fühlt es sich an, als ob mich alle ansehen. Als wüssten sie, dass ich ES bald tun werde.

Es klingelt kurz, als wir die Tür öffnen und in den Laden hinein gehen. Hinter dem Tresen steht eine junge Frau mit einem schwangeren Bauch. Sie trägt ein weißes Hemd und ein Namensschild mit dem Text Sanne, daneben ein kleines Herz.

„Hallo“, sagt sie. „Britta ist gerade nicht hier, aber schaut euch ruhig um.“

„Perfecto“, sagt Christina und zieht mich durch die Reihen mit Lingerie. Hier duftet es rein und nach Blumen. Die Unterwäsche hängt auf Bügeln in Miniaturgröße, in Farben aufgeteilt. Weiß, schwarz, hautfarben und mintgrün.

Ganz hinten im Laden ist die Abteilung für Erotik. Christina geht nur dort hinein, wenn ihre Mutter nicht da ist.

„Komm.“ Sie legt eine Hand auf meinen Arm.

„Sollte ich nicht nur Unterwäsche haben?“

„Wir sehen uns aber schnell um.“

Wir gehen hinter die schmale Wand, die die zwei Abteilungen des Ladens trennt. Zum Glück ist niemand dort, den wir kennen. Einzig eine junge Frau steht in Gedanken versunken da und liest die Rückseite einer Tube Gleitcreme. Auf den Regalen liegen erotische Literatur, hochhackige Stiefel, Dildos, Liebeskugeln und Latexmasken.

Ich nehme ein paar rosarote Handschellen und lasse die Finger über den weichen Plüsch gleiten. „Versprich mir, dass wenn du jemals einen unserer Lehrer hier sehen solltest, dass du es mir nicht erzählst.“

Sie lacht. „Was ist, wenn ich deine Eltern hier sehe?“

„Keine Angst, das wirst du kaum.“

„Sie mögen vielleicht das Einfache: Kaffee und Kuchen, rein und raus?“

Ich zucke mit den Schultern. Wenn ich jetzt überlege, dann kann ich mich nicht erinnern, wann sie zuletzt zusammen Kaffee getrunken haben. Ausgenommen beim Sonntagsbrunch, aber das war sicher nur wegen mir.

„Yes, Männer in Uniform.“ Christina geht zu den Regalen mit DVDs.

Ich lege mir die Handschellen an die Handgelenke und ziehe sie an. Man hört es klicken, als die Schlösser zugehen.

„Check it out. Handwerkersex!“ Christina schwingt einen Film.

„Sag es einfach, wenn du einen Film mit nach Hause möchtest, okay? Britta hat eine ziemlich große Auswahl. Auch Filme mit Tieren. Obwohl das verboten ist, denke ich. Tierschutz und so.“

Ich nicke, während ich den Schlüssel zu den Handschellen suche.

„Natürlich sind Filme mit Kindern auch verboten. Und sicher mit toten Menschen, obwohl ich darüber nicht viel weiß. Aber sonst hat sie fast alles.“

„Warum nennst du sie eigentlich immer Britta?

„Weil sie so heißt, oder?“

Ich betrachte sie lange. Dann strecke ich meine Arme aus und sage: „Würdest du mich bitte befreien?“

„Sie stehen dir aber gut.“

„Jetzt such endlich den Schlüssel“.

Sie lacht und befreit mich mit dem dazugehörigen Schlüssel, der in der Schachtel klebt.

Ich reibe mir die Handgelenke.

Ganz hinten in der Erotikabteilung ist die neueste Ware ausgestellt: ein paar hochhackige, rote Lackstiefel. Eine halbe Schaufensterpuppe, die am Nabel durchtrennt ist, trägt diese Stiefel. Eine Lampe beleuchtet sie. Die Stiefel sind so lang, dass sie bis zum Oberschenkel der Puppe reichen. Die Hacken sind mindestens 20 Zentimeter hoch.

Hinter der Puppe hängt ein großes Werbeplakat. Es zeigt eine Frau von hinten, die fast nackt ist, abgesehen von langen, roten Lackstiefeln. Sie streckt die Arme nach außen, als wäre sie in einer ganz winzigen Schachtel eingeschlossen. Der Hintergrund ist rabenschwarz.

Christina berührt die Stiefel. „Igitt, ich dachte ganz ehrlich, dass meine Mutter einen besseren Geschmack hätte.“

„Wie kann man überhaupt in solchen hohen Hacken laufen?“

„Das kann man nicht. Das ist die Pointe. Dass man nicht weg laufen kann.“

Ich rümpfe die Nase.

„Rote Lackstiefel.“ Sie sagt die Wörter langsam. „Es ist so ungefähr das Schlimmste, was es gibt. Abgesehen von Sardellen und ganz fetten Menschen.“

„Sollte ich dich jemals in so einem Paar sehen, dann verspreche ich, dich ganz fest zu schütteln.“

Sie schüttelt den Kopf. „Solltest du mich jemals in so einem Paar sehen, dann musst du wegrennen, so schnell du kannst. Weil ich dann verloren bin.“

Wir lachen.

Auf dem Plakat steht die Frau mit dem Rücken zu uns, eingesperrt in ihrer schwarzen Schachtel.

„Also.“ Christina schlägt die Hände zusammen. „Wollen wir jetzt endlich ein passendes Outfit für dich suchen? Hier drüben sind die coolsten Catsuits. Oder wie wäre es mit einem Mieder? Es ist vollkommen unmöglich, darin zu atmen, dafür hat man einen superattraktiven Körper. Was ist Jannicks Lieblingsfarbe?“

„Kann ich nicht auch normale Unterwäsche kaufen?“

„Normale?“ Sie rollt mit den Augen. „Doch, wir können ganz einfach zu Bilka gehen, wenn du möchtest. Uh, das wird aber für Jannick spannend. Hoffen wir, dass er nicht anfängt, mittendrin SMS zu schreiben.“

„Jetzt bist du aber gemein.“

Sie zuckt mit den Schultern. „Du bestimmst.“

Ich gehe zu der Abteilung mit frecher Unterwäsche, Hüfthaltern, Netzstrümpfen und durchsichtigen Slips. Ich denke an sein Lächeln. Das Herz aus Schlagsahne. Das Gefühl, mit dem Fuß auf dem glatten Bordstein umzuknicken.

Der Vorhang raschelt, als wir ihn zumachen. Ich ziehe mich aus und probiere die Kleider der Reihe nach an. Am ersten Bügel hängt ein rotes Kostüm, das wie ein kleines Badekleid aussieht.

Man kann meine Brustwarzen durch den Stoff sehen, der glänzt und mir zwischen die Pobacken schneidet.

Ich ziehe das Kostüm wieder aus und wechsle zu einem zweiteiligen Set, das nur durch drei dünne Lederschnüre zusammen gehalten wird. Meine Brüste füllen das Oberteil gar nicht aus.

Ich probiere den Minirock an, das rosa Mieder und eine durchsichtige Sache, die Christina Babydoll nennt. Alles fühlt sich verkehrt an.

Endlich ziehe ich ein zweiteiliges Set mit G-String und Push-up-BH an. Es ist schwarz und sitzt eng am Körper. Meine Brüste sehen viel größer aus als sonst. Ich drehe und wende mich vor dem Spiegel.

„Perfekt.“ Christina nickt anerkennend.

„Du hattest nicht ernsthaft daran gedacht, einfach in deiner weißen Großmutter-Wäsche da zu stehen?“

„Sie ist blau“, sage ich.

„Potato, potato.“ Sie spricht die Worte mit minimalem Unterschied aus, wonach sie den Träger meines BHs richtet und meinen Slip höher zieht.

„Es soll ja etwas ganz Besonderes sein, wenn es das erste Mal ist, ja?“

Ich blicke mich selbst im Spiegel an. „Wie war es eigentlich?“ flüstere ich. „Hat es weh getan? War es schön?“

Christina lässt mich los und breitet die Hände aus. „Gut. Ein wenig. Klar.“

Ich runzle die Stirn, während ich versuche, mich an die Reihenfolge meiner Fragen zu erinnern.

Christina öffnet ihr Handy und checkt, ob sie Nachrichten bekommen hat.

„Waren sie eigentlich gut, die Smoothies mit Wassermelone?“ fragt sie.

„Sie waren okay“, sage ich und drehe meine Seite gegen den Spiegel.

Christina lächelt. „Dein Vater ist ziemlich attraktiv, weißt du das?“

„Pfui!“

„Doch, mit den Lachfalten und einem Körper, der immer noch gut durchtrainiert ist.“

Fast wie der aus dem superromantischen Film, den du immer schauen willst, wie heißt er jetzt? Siehst du es nicht vor Dir?“

Ich schüttle heftig den Kopf.

Christina lacht.

Ich ziehe den Slip aus und hänge ihn zurück auf den Bügel.

„Es mag sein, dass du auf ältere Typen stehst, aber das ist kein Grund, zu übertreiben.“

Sie steht kurz in Gedanken versunken da. Dann schlägt sie die Hände zusammen und sagt: „Gut, wir nehmen das Schwarze:“

„Mit welchem Geld?“

„Jetzt halt den Mund, du kriegst es ja zum halben Preis, nicht? Übrigens gibst du ja nie Geld für irgendeinen Dreck aus.“

„Weil ich 15 Jahre alt bin und nur eine winzig kleine Zeitungsroute habe.“

Sie seufzt laut. „Ja, ja, du bestimmst“, sagt sie.

Ihr Telefon piept. Sie klappt es auf und steht lange da, ohne etwas zu sagen.

„Und jetzt?“, frage ich. „Was schreibt er?“

Christina pustet ein wenig Stirnfransen aus den Augen. Sie wirft mir einen schiefen Blick aus schmalen Augen zu. Dann zeigt sie mir das Telefon. Auf dem Display heißt es:

Pulsuz fraqment bitdi.

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