Kitabı oxu: «You belong to me»
Sarah Glicker
You belong to me
Aiden´s Story
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Drei Monate später
Impressum neobooks
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Sarah Glicker
You Belong To Me
Aiden´s Story
Sarah Weber
Alter Postweg 31a
48477 Hörstel
Copyright by Sarah Weber
Alle Rechte vorbehalten!
Bilderrechte: www.pixabay.com
Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der offiziellen schriftlichen Genehmigung der Autorin!
Wütend starre ich auf das Bild, welches sich in meiner Hand befindet. Darauf abgebildet ist ein Mädchen, eine junge Frau, welches ich noch als Mädchen kenne. Doch nun befindet sie sich in ihrem letzten Jahr auf dem College, ist nur ein paar Jahre jünger als ich und ist jahrelang durch die Scheiße gegangen.
Alleine das sorgt dafür, dass ich wieder wütend werde. Mein Körper beginnt zu zittern und meine Muskeln spannen sich an, was ich nur schwer unter Kontrolle halten kann.
In den letzten Wochen habe ich mich zurückgehalten. Ich habe mir alles angesehen und kaum etwas dazu gesagt, obwohl es da ein paar Dinge gegeben hätte, die ich hätte loswerden wollen. Hätte ich das getan, wäre ich wahrscheinlich jemanden an den Hals gesprungen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es meinen Vater und seinen Freund erwischt hätte, wäre sehr hoch gewesen.
Doch ich bin nicht der Einzige, der wütend ist. Mein bester Freund Mike ist es auch, schließlich hängt er mitten in dieser Geschichte. Was er damit zu tun hat? Eine ganze Menge.
Er ist ihr Bruder!
Ein letztes Mal sehe ich mir das Foto von Sofia an, ehe ich es in meine Hosentasche stecke.
Ihr Vater hat es mir vor Wochen gegeben und mir dabei das Versprechen abgenommen, dass ich sie beschützen und endlich nach Hause bringen soll. Dabei war er derjenige, der dafür gesorgt hat, dass sie es nicht ist. Und das nur, weil er und mein Vater dachten, es wäre die richtige Entscheidung gewesen, sie in dem Glauben zu lassen, dass sie keine Familie mehr hat.
Seitdem ich die Wahrheit erfahren habe, war es eine Herausforderung für mich, meine wahren Gefühle für mich zu behalten. Allerdings bin ich mir sicher, dass meine Mutter es mitbekommen hat. Sie kennt mich und weiß, dass das kein leichtes Thema für mich ist.
Sie hat immer wieder irgendwelche Kommentare fallen lassen. Allerdings habe ich es vorgezogen, nicht darauf einzugehen.
Ich werfe einen letzten prüfenden Blick in die Reisetasche, die vor mir auf dem Bett liegt. Viel habe ich nicht eingepackt, da ich hoffe, dass ich schnell wieder von dort verschwinden kann.
In dem Augenblick, in dem ich sie schließen will, geht die Tür zu meinem Schlafzimmer auf.
Während ich mir die Waffe in den Bund meiner Hose stecke, drehe ich mich um und entdecke Mike hinter mir. Er steht einige Schritte von mir entfernt und sieht mich mit einem gequälten Gesichtsausdruck an.
„Ich will über alles Bescheid wissen, was passiert. Ich will, dass du auf meine Schwester aufpasst.“
Mit einem eindringlichen Blick sieht er mich an. Ich spüre, dass er angespannt ist. Er braucht es mir nicht zu sagen, ich weiß auch so, dass er den gleichen Grund hat, den ich auch habe. Allerdings ist sein Hintergrund ein anderer, was es aber nicht leichter macht.
„Ich meine es ernst“, spricht er weiter, als ich auch noch ein paar Sekunden noch nichts gesagt habe.
„Ich glaube, nun bin ich wirklich beleidigt.“
Während ich spreche, verziehe ich ein wenig das Gesicht und versuche einen Scherz zu machen. Allerdings ist mir klar, dass es mir nicht gelingt. Dieses Thema ist zu ernst.
„Ihr darf nichts passieren. Aber solange sie da draußen ist, ist sie Freiwild für ihn. Und das weißt du auch.“
Ja, das weiß ich. Das muss er mir nicht extra sagen. Aus diesem Grund fahre ich auch noch nach Dallas, um auf Sofia aufzupassen.
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Du weißt, dass sie bei mir in Sicherheit ist.“
Einen Moment sieht er mich nachdenklich an, ehe er nickt. Dennoch erkenne ich, dass er dies nur zögerlich macht. Gemeinsam mit Sofia sind wir zusammen aufgewachsen. Zumindest für einige Jahre. Daher kenne ich ihn besser, als er sich wahrscheinlich selber.
„Ich mache mir aber welche. Am liebsten würde ich meinem Vater in den Arsch treten.“
Er knurrt die Worte mehr, als das er sie wirklich ausspricht. Doch ich kann ihn sehr gut vorstehen. In den letzten Wochen habe ich mir das öfter vorgestellt. Und auch jetzt erscheinen die Bilder wieder vor meinem inneren Auge.
„Melde dich bei mir, sobald du Hilfe brauchst. Ich kann mich mit den Männern jederzeit auf den Weg machen.“
„Das weiß ich. Allerdings hoffe ich, dass es nicht nötig sein wird.“
Stumm nickt er und zeigt mir, dass es ihm auch so geht. Gemeinsam haben wir diesen Notfallplan geschmiedet, da wir dieses Mal unseren eigenen Weg gehen wollen, um sie in Sicherheit zu bringen.
„Wirst du es ihr sagen?“, fragt er mich schließlich.
Seitdem sein Vater bei mir war und mich gebeten hat, auf sie aufzupassen, habe ich über diese Frage nachgedacht. Ich bin sämtliche Szenarien durchgegangen, die passieren können. Allerdings bin ich immer wieder zu dem gleichen Ergebnis gekommen.
Ja, irgendwann werde ich ihr die Wahrheit sagen. Wann ich das jedoch machen werde, liegt daran, wie sich diese Geschichte entwickelt.
Daher nicke nun ich.
„Sie hat es verdient“, stellt er als nächstes fest.
„Ja, aber ich habe keine Ahnung, wie sie darauf reagieren wird. Ich wüsste nicht einmal, wie ich reagieren würde“, gebe ich zu, nachdem ich einen Moment darüber nachgedacht habe.
„Ich bin mir sicher, dass du den richtigen Weg finden wirst. Schließlich habt ihr euch früher ja schon super verstanden.“
Sein aufmerksamer Blick ruht auf mir. Doch ich ziehe es vor, nicht näher darauf einzugehen. Schließlich ist Sofia seine Schwester, da werde ich mich mit ihm sicherlich nicht über das unterhalten, worauf er gerade unzweifelhaft anspielt.
„Das Zimmer im Wohnheim, in dem ich wohnen werde, ist nur ein paar Türen von ihrem entfernt. Ich kann also wunderbar auf sie aufpassen, ohne, dass es ihr auffallen wird. Außerdem habe ich die gleichen Hauptfächer wie sie, sodass ich ihr oft über den Weg laufen werde.“
Ich weiß nicht, ob ich damit versuche ihn zu beruhigen, oder mich selber. Die Wahrheit sieht nämlich so aus, dass ich kein gutes Gefühl dabei habe. Allerdings werde ich ihm das nicht auf die Nase binden. Zum einen will ich ihn nicht noch nervöser machen und zum anderen kann ich es auch selber nicht einordnen.
„Na los, ich muss mich gleich auf den Weg machen“, erkläre ich ihm, greife nach der Tasche und verlasse mein Schlafzimmer.
Mike ist einer meiner besten Freunde. Daher weiß ich, wie schwer es ihm fällt, mir das zu überlassen. Allerdings bin ich froh darüber, denn ich kenne ihn und weiß, dass er gerne mal die Nerven verliert und Alleingänge macht.
„Du weißt, was du zu tun hast?“, erkundigt sich mein Vater, als ich wenige Minuten später zu meinem Wagen gehe.
Man muss ihn nicht kennen um zu wissen, dass seine Stimme vorsichtig ist, da er weiß, dass ich noch immer sauer auf ihn bin. Und das beweise ich ihm auch, in dem ich langsam stehen bleibe und mich mit einem bedrohlichen Blick in seine Richtung drehe. Um mein Auftreten noch bedrohlicher erscheinen zu lassen, schließe ich meine Augen ein Stück.
„Im Gegensatz zu euch werde ich es nicht versauen“, verkünde ich und setze mich wieder in Bewegung.
Nachdem ich meinen Truck erreicht habe, werfe ich die Tasche auf die Ladefläche und ziehe meinen Schlüssel aus der Hosentasche. Mikes Vater steht in einiger Entfernung und sieht mich so an, als würde er noch etwas sagen wollen. Doch er ist schlau genug, genau das nicht zu machen.
Er weiß, dass ich mich dieses Mal nicht zurückhalten werde!
„Pass auf Sofia auf“, flüstert mir meine Mutter zu, als sie sich von mir verabschiedet. „Das Mädchen hat eindeutig mehr als genug mitgemacht. Sie hat es verdient, endlich nach Hause zu kommen.“
„Ihr wird nicht passieren.“
Mit diesen Worten lächle ich sie ein letztes Mal an, bevor ich einsteige und mich auf den Weg mache.
Je näher ich Dallas komme, umso nervöser werde ich. Dies wird nicht leicht werden, das ist mir durchaus klar. Doch ich werde es mir nicht verzeihen, wenn ihr etwas geschieht.
Ich werde sie wieder nach Hause holen und ihr zeigen, dass es da mehr als genug Menschen gibt, denen sie etwas bedeutet.
Und ganz vorne stehe ich!
2
Uns trennen nur wenige Meter. Dennoch kommt es mir so vor, als wäre dies noch immer zu viel. Dabei ist es weniger, als in den letzten Jahren. Doch ich habe keine Ahnung, wie ich mich ihr am besten nähern kann. Dabei weiß ich, dass ich das machen muss. Nur so kann ich in Erfahrung bringen, ob vielleicht schon etwas passiert ist, was ich nicht weiß. Um für ihre Sicherheit zu garantieren, muss ich in ihrer Nähe sein. Und am besten ist es, wenn ich ihr dabei am Anfang nicht auffalle.
Seufzend ziehe ich mir schnell meine Schuhe an, da ich sie nicht verpassen will. In meinen Gedanken bin ich in den letzten Jahren immer wieder diesen Moment durchgegangen. Dennoch habe ich keine Ahnung, wie ich mich ihr gegenüber verhalten soll.
Sobald ich das Zimmer, welches ich mir mit einem anderen Studenten teile, verlassen habe, suche ich mir einen Platz, der nicht sofort von allen eingesehen werden kann. Allerdings habe ich von hier ihre Zimmertür genau im Blick.
Es dauert nur wenige Minuten, bis sie gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin aus dem Zimmer tritt. Wenn ich die beiden allerdings so beobachte, muss ich sagen, dass es auf mich eher den Anschein macht, als wären sie Freundinnen. Sie lachen gemeinsam und aus der Entfernung sieht es aus, als würden sie sich gegenseitig aufziehen.
Erleichterung macht sich bei dem Anblick der beiden Frauen in mir breit. Ich bin froh darüber, dass Sofia wenigstens Freunde hat, auf die sie sich verlassen kann, wenn es schon nicht ihre eigene Familie ist. Schnell schiebe ich diesen Gedanken jedoch wieder zur Seite. Er sorgt nur dafür, dass ich wieder wütend werde. Ich bin mir sicher, dass es noch eine Weile dauern wird, bis ich unseren Vätern diesen Schritt verziehen habe.
Mein Vater hat mich sogar gefragt, ob ich an seiner Stelle anders reagiert hätte. Kurz habe ich überlegt, ob ich ihm an den Kopf werfen soll, wie beschissen ich diese Vorgehensweise, wenn man sie so nennen will, finde. Doch ich brauchte ihm nur einen Blick zuzuwerfen, um ihm zu zeigen, dass ich das getan hätte.
Um die beiden nicht zu verlieren, aber auch um zu verhindern, dass sie auf mich aufmerksam werden, warte ich einige Sekunden, bevor ich ihnen nach unten folge. Ich werde so lange zu ihrem Schatten werden, bis ich sie besser einschätzen kann. Irgendwann werde ich ihr die Wahrheit sagen, doch ich hoffe, dass ich die Chance habe, selber zu bestimmen, wann und wie ich das machen werde.
So gut es geht weiche ich den anderen Bewohnern des Wohnheimes aus, während ich sie nicht aus den Augen lasse. Dabei kann ich gerade noch den Wunsch unterdrücken sie an mich zu ziehen und sie nie wieder loszulassen.
Ich will ihren warmen Körper an mir spüren und wissen, dass es ihr, nach allem, was in den letzten Jahren geschehen ist, gut geht. Irgendwie habe ich nämlich die Befürchtung, dass genau das nicht der Fall ist. Auch, wenn sie glücklich aussieht, so kommt es mir vor, als wäre dies nur nach außen hin so.
Seitdem ihre Mutter vor Jahren gestorben ist, war Sofia alleine. Sie war auf sich gestellt und hatte niemanden, der für sie da war. Auch wenn ihr Vater der Meinung ist, dass es die richtige Entscheidung war, genau diesen Schritt zu gehen, um für ihre Sicherheit zu sorgen, finde ich das nicht. Ich könnte das nicht. Ich hätte schon von Anfang an nicht diesen Schritt gehen können.
Schnell konzentriere ich mich wieder auf meine Umgebung. Wenn ich ihren Vater das nächste Mal sehe, werde ich ihm sagen, dass er sich für den falschen Weg entschieden hat. Doch wenn ich jetzt einen Fehler mache, kann es sie eventuell das Leben kosten. Der Mann, der hinter ihr her ist, geht nämlich über Leichen, um an sein Ziel zu kommen.
Während die beiden über den Parkplatz gehen, lasse ich sie nicht aus den Augen. Daher erkenne ich auch, wie sie auf der Höhe ihrer Frontscheibe stehen bleibt und etwas in die Hand nimmt, was unter ihrem Scheibenwischer gesteckt wurde.
Ich kenne sie nicht sonderlich gut und ich bin auch nicht nah genug bei ihr, doch sogar aus dieser Entfernung kann ich sehen, wie sie augenblicklich beginnt zu zittern. Alleine dies sorgt dafür, dass mein Beschützerinstinkt sich noch mehr meldet, als es bei ihr eh schon der Fall ist.
Beruhige dich, ermahne ich mich selber.
Doch so einfach ist das nicht. Ich weiß nämlich, von wem dieser Brief ist. Beziehungsweise ich habe einen Verdacht und das reicht mir schon. Unter anderem bedeutet dies, dass ich zu spät komme. Irgendwann ist sie ihm bereits über den Weg gelaufen. Und so ungern ich es auch sage, aber es ist ein Wunder, dass sie noch auf beiden Beinen läuft.
Unweigerlich ballen sich meine Hände zu Fäusten. Doch schnell lockere ich sie wieder und ziehe stattdessen mein Handy aus der Hosentasche.
Ihre Blicke wandern über den Parkplatz, genauso wie meine. Ich bin mir sicher, dass er sich in der Nähe aufhält. Er hat es schon immer geliebt ständig die Person zu beobachten, mit der er spielt. Daher muss er sich irgendwo hier befinden. Doch es ist egal, wie sehr ich meine Umgebung mit den Augen abtaste, ich kann ihn nicht erkennen.
Sofia steigt schließlich in ihren Wagen. Aber selbst dabei steht sie plötzlich neben sich. Ich habe es damals schon an ihr erkannt, wenn etwas nicht stimmte und ich erkenne es auch jetzt. Sie hat Angst. Angst vor diesem Mann.
Und das vor allem aus dem Grund, weil sie nicht weiß, was hier los ist.
Als sie vom Straßenrand anfährt, begegnen sich unsere Blicke. Ich wende mich nicht von ihr ab und auch sie macht keine Anstalten, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.
In diesem Moment wird mir klar, dass sich zwischen uns nichts geändert hat. Es besteht noch immer die gleiche Anziehungskraft zwischen uns, die es schon gab, als wir noch Kinder waren. Ja, die gab es schon, als wir beide noch nicht einmal wussten, was das ist.
Mir ist bewusst, dass diese Tatsache es mir nicht einfacher macht, doch vielleicht ist es auch besser so. Ich will mich nicht von ihr fernhalten.
Während ich ihrem Wagen nachsehe, wähle ich die Nummer von Mike. Allerdings dauert es eine Ewigkeit, bis er das Gespräch entgegengenommen hat.
„Er ist hier“, verkünde ich schließlich und berichte ihm von meinen Beobachtungen.
„Bist du dir sicher?“
An seiner Stimme erkenne ich, dass er nicht sehr glücklich darüber ist. Wobei das noch untertrieben ist. Als wir von der Drohung erfahren haben, hat Mike geschworen, dass er diesen Wichser umbringt, wenn seiner Schwester auch nur ein Haar gekrümmt wird. Ich für meinen Teil habe noch hinzugefügt, dass ich ihn vorher foltern werde.
„Ja, das bin ich. Aber keine Sorge, noch scheint es nicht so, als wäre er zur Gefahr geworden“, versuche ich ihn zu beruhigen, auch wenn ich nicht weiß, ob es wahr ist, oder nicht.
Die letzten zwei Stunden war ich damit beschäftigt, mir das Wohnheim und die Umgebung genau anzusehen. So wollte ich nicht nur in Erfahrung bringen, wie dieser Wichser ins Haus gelangen kann, ohne jemandem aufzufallen, sondern auch, wie wir im Notfall von hier verschwinden können.
Auch, wenn ich es nicht gerne mache, doch ich muss auch das in Betracht ziehen. Allerdings sind alle Türen nachts abgeschlossen, sodass ich mir deswegen keine Sorgen machen muss. Doch tagsüber sieht das anders aus. Und das ist es, was mir Sorgen bereitet. Er kann sich durchaus ins Haus schleichen und sich hier verstecken. Gelegenheiten gibt es mehr als genug.
Ich will gerade um die Ecke biegen, als ich mit jemanden zusammenstoße. Schnell blicke ich auf die Person, die dicht vor mir steht.
Sofia, schießt es mir durch den Kopf, nachdem ich sie erkannt habe.
Auf den ersten Blick merke ich, dass sie irgendetwas beschäftigt. Ihr Blick huscht panisch von einer Seite zur anderen und ihr Mund ist ein Stück geöffnet. Damit sie nicht fällt haben sich meine Hände automatisch um ihre Handgelenke gelegt und drücke sie gegen die Wand.
Aufmerksam beobachte ich sie, bis sie sich so weit gefangen hat, dass sie auf mich aufmerksam wird.
„Alles klar bei dir?“, frage ich sie und reiße sie so aus ihrer Erstarrung.
Es dauert einen Augenblicklich, doch schließlich richtet Sofia ihre komplette Aufmerksamkeit auf mich. Wir sind uns so nah, dass sie sicherlich meinen Atem auf ihrer Haut spüren kann.
„Sicher“, bringt sie schließlich stotternd hervor.
Ich lasse sie keine Sekunde aus den Augen und kann so jede Reaktion in ihrem Gesicht erkennen.
„Du solltest vorsichtiger sein“, erkläre ich ihr.
Dabei ist meine Stimme so leise, dass nur sie mich verstehen kann.
Ich bin mir sicher, dass sie das unauffällig machen will, dennoch merke ich, dass sie ein Stück zur Seite geht, um so den Abstand zwischen uns zu vergrößern.
„Danke“, entgegnet sie freundlich.
Allerdings bin ich mir sicher, dass sie überhaupt nicht freundlich sein will. Ihre Körpersprache gibt mir zu verstehen, dass sie gerade auf der Flucht ist. Und ich würde gerne wissen, was der Grund dafür ist, auch wenn ich es mir bereits denken kann.
Ich muss mich zusammenreißen, damit ich nicht ausraste. Dieser Wichser befindet sich bereits in ihrem Leben und ich kann gerade nichts dagegen unternehmen, außer sie nicht mehr aus den Augen zu lassen.
In letzter Sekunde schaffe ich es, dass sich meine Muskeln entspannen und sie daher nichts von dem mitbekommt, was hier gerade los ist.
„Ich hoffe, in dem Brief heute Morgen stand etwas Nettes.“
Ein freches Lächeln zieht sich über mein Gesicht. Mir ist bewusst, dass ich jetzt die Chance habe wenigstens zu erfahren, in welche Richtung dieser Brief ging. Doch wenn ich es nicht richtig anstelle, wird sie sich verschließen, da sie mich nicht kennt. Daher kann ich nur hoffen, dass sie die gleiche Verbindung zwischen uns spürt, die ich auch merke.
„Oh … ähm … ja“, stottert sie.
Mir ist bewusst, dass sie lügt. Und das lässt mich noch wütender werden. Wenn ich dieses Arsch in die Hände bekomme, werde ich ihn umbringen. Niemand legt sich mit meiner Familie an. Und schon gar nicht mit Sofia.
„Schöne Post bekommt doch jeder gerne“, gebe ich dennoch von mir. Dabei tue ich so, als hätte ich nichts von dem mitbekommen, was sie beschäftigt.
Ich erkenne die Gänsehaut, die sich auf ihrem Körper bildet. Keine Sekunde lasse ich sie aus den Augen. Ich kann beinahe erkennen, wie ihr Herzschlag sich erhöht. Und das ist etwas, worüber ich mich freue.
Auf diese Weise weiß ich nämlich, dass sie es spürt.
„Ich muss weiter. Meine Freundin wartet schon auf mich“, flüstert sie, um meine Reaktion auf sie etwas abzumildern.
„Ich wünsche euch noch einen schönen Abend“, gebe ich zurück, auch wenn ich weiß, dass es gelogen ist, was sie da gerade sagt. Doch das lasse ich mir nicht anmerken.
Einen Moment sieht sie mich noch an, bevor sie verschwindet.
Ich sehe ihr nach, bis sie aus meinem Sichtfeld verschwunden ist.
3
Seit meiner Ankunft in Dallas ist es ruhig gewesen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich froh darüber sein soll, oder nicht. Und das aus dem einfachen Grund, weil ich nicht weiß, ob es ein gutes Zeichen ist.
Wenn man mal von dem Brief an ihrer Windschutzscheibe absieht.
Zu gerne würde ich wissen, was darin stand. Doch sie kennt mich nicht, daher glaube ich kaum, dass sie es mir sagen wird, wenn ich sie danach frage. Außerdem hat sie bei unserer letzten Unterhaltung schon deswegen gelogen. Denn soviel kann ich sagen. In dem Brief stand nichts Gutes drin.
Jetzt muss ich nur noch herausfinden, ob er etwas damit zu tun hat, oder nur ein Ex-Freund sich aufgeregt hat.
Bei der Vorstellung daran, dass es da irgendwo einen Ex-Freund gibt, spanne ich mich automatisch an. Dabei habe ich überhaupt keinen Grund um eifersüchtig zu sein und normalerweise bin ich das auch nicht. Doch ich weiß, dass gerade nichts normal ist. Und es das wahrscheinlich auch nicht so schnell wieder werden wird. Daher weiß ich, dass es jetzt keinen Sinn ergibt, wenn ich mich damit auseinandersetze.
Stattdessen muss ich mir überlegen, welchen Schritt ich als Nächstes machen soll. Mit Colin kann ich nicht darüber sprechen. Für ihn steht die Sicherheit seiner Schwester an erster Stelle. Auch mir geht es so. Allerdings kann ich mich nicht einfach an sie heften.
Früher oder später würde sie misstrauisch werden und das könnte ich verstehen. Ich muss es anders angehen. Und vielleicht habe ich so die Gelegenheit ihr näherzukommen und sie besser kennenzulernen. Ich will ihr diese Sache, und auch den Start in ihrer Familie, so leicht wie möglich machen.
Als ich mein Zimmer verlasse, sehe ich, dass ihre Mitbewohnerin ebenfalls gerade verschwindet. Sie hat ein Handy an ihr Ohr gedrückt und scheint nichts von ihrer Umwelt mitzubekommen. Nach einigen Schritten bleibe ich stehen und sehe ihr nach, während sie in einem der anderen Räume verschwindet. Da ich mich umgesehen habe weiß ich, dass es nur ein Abstellraum ist.
Kaum hat sie die Tür wieder hinter sich geschlossen sehe ich zu der, von der ich ausgehe, dass Sofia sich hinter ihr befindet. Wenn ich eine Chance habe, mich ihr zu nähern, ist das jetzt. Daher ergreife ich die Gelegenheit und gehe auf sie zu.
Laut klopfe ich, nachdem ich sie erreicht habe und warte darauf, dass sie die Tür endlich öffnet.
„Seit ihr schon fertig?“, höre ich sie auf der anderen Seite rufen. Ich brauche nicht großartig darüber nachzudenken um zu wissen, dass sie ihre Freundin damit meint.
„Hi“, begrüße ich sie, als sie nach einigen Sekunden die Tür geöffnet hat.
Überrascht sieht sie mich an, wobei ich erkennen kann, dass ihr Blick an meinen Lippen klebt. Doch dann hat sie sich bereits wieder gefangen und sieht in meine Augen.
In diesem Moment würde ich sie am liebsten ins Auto setzen und in Sicherheit bringen. Und ehrlich gesagt verstehe ich auch nicht, wieso ich das nicht machen soll. Doch deswegen werde ich mich nicht mit meinen Eltern streiten. Sollte sie sich allerdings in Gefahr befinden, werde ich keine Sekunde mit mir hadern und sie sofort nach Hause bringen.
„Hi“, erwidert sie, wobei ihre Stimme nicht mehr als ein leises Quietschen ist. Schnell räuspert sie und wiederholt sich, was es aber auch nicht besser macht.
„Hast du jemanden erwartet?“
„Ich dachte, dass meine Mitbewohnerin mal wieder ihren Schlüssel vergessen hat“, antwortet sie und versucht dabei ihre Stimme so normal wie möglich klingen zu lassen.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich einer Frau diese Reaktion entlocke. Doch es ist das erste Mal, dass ich mich darüber freue, weil ich es auch bei ihr schaffe.
„Kann ich dir irgendwie helfen?“ Neugierig sieht sie mich an.
„Ich habe erst vor zwei Wochen das College gewechselt, deswegen wollte ich ein paar Leute kennenlernen und hoffe, dass welche dabei sind, die das gleiche Hauptfach haben wie ich. Und ich dachte, dass es vielleicht am einfachsten wäre, wenn ich mit meinen Zimmernachbarn anfange.“
Ich sehe sie unsicher an und gebe ihr so das Gefühl, dass ich es auch bin. Dann lächle ich wieder. An ihrem Gesichtsausdruck kann ich erkennen, dass sie auf mich reagiert. Es macht sogar ein wenig den Eindruck auf mich, als würde sie sich entspannen. Doch so genau kann ich das nicht sagen, dafür kenne ich sie einfach zu wenig. Und das ist etwas, was ich dringend ändern muss. Es wurmt mich, dass ich keine Ahnung habe, was in ihrem Kopf vor sich geht.
Ich beobachte sie dabei, wie sie sich eine Strähne aus dem Gesicht streicht und ihre Hände in die Hosentaschen schiebt.
„Wenn das so ist, herzlich willkommen. Von welcher Uni kommst du denn?“
„Los Angeles.“
Ich sehe, dass es nicht spurlos an ihr vorbeigeht, als ich den Namen ihrer Heimatstadt ausspreche. Für einen kurzen Moment bekommt sie große Augen.
Da ich sie nicht aus den Augen lasse, erkenne ich, dass sie ein wenig schwankt. Allerdings greift sie sofort nach der Tür, sodass ich nicht einschreiten muss. Daher beschließe ich, dass es vielleicht besser ist, wenn ich so tue, als hätte ich nichts bemerkt.
„Wieso hast du gewechselt?“
„Ich hatte das Gefühl, als würde ich mal etwas anderes sehen müssen“, erkläre ich und ziehe die Schultern in die Höhe, um sie in der nächsten Sekunde wieder sinken zu lassen.
„Ich bin dort geboren“, flüstert sie in der nächsten Sekunde.
„Ehrlich?“ Interessiert schaue ich sie an.
„Aufgewachsen bin ich aber hier und seitdem war ich auch nicht mehr dort.“
Ich erkenne den traurigen Unterton in ihrer Stimme, als sie sich von mir abwendet.
„Wieso hast du dich für Dallas entschieden, um zu studieren?“
„Das ist eine lange Geschichte.“
Ich kenne die Antwort, doch ich will sie aus ihrem Mund hören. Allerdings macht sie keine Anstalten, mehr dazu zu sagen.
„Ich bin Aiden“, stelle ich mich schließlich vor und reiche ihr meine Hand.
„Sofia.“
Ich bemerke die Elektrizität, die zwischen uns fließt, als wir uns berühren. Um ihr zu zeigen, dass es mir auch nicht entgangen ist, räuspere ich mich und schaue unbeholfen auf den Boden. Dabei bin ich das überhaupt nicht. Doch gerade kommt es mir so vor, als würde ich ihr so ein wenig die Nervosität nehmen können.
„Es freut mich, dich kennenzulernen“, flüstere ich, während ich sie nicht aus den Augen lassen.
„Was ist dein Hauptfach? Vielleicht kann ich dir sagen, wo du Gleichgesinnte findest.“
„Biologie.“
Die Wahrheit ist, dass ich nichts damit am Hut habe. Ich weiß, wie Kinder entstehen, doch da hört mein Wissen auch schon wieder auf. Doch ich weiß, dass es ihr Hauptfach ist. Daher will ich so eine Brücke zwischen uns schlagen.
„Ich bin im letzten Jahr“, füge ich noch hinzu, als sie auch nach einer Ewigkeit nichts gesagt hat.
„Entschuldige, ich habe …“
Eine Zeitlang ist es ruhig zwischen uns. Es sieht so aus, als würde sie darüber nachdenken, was sie als nächstes von sich geben soll.
„Ich studiere auch Biologie … im zweiten Jahr“, stottert sie dann und wird ein wenig rot.
„Zwei Leute aus Los Angeles treffen sich in Dallas und studieren sogar das Gleiche. Das nenne ich mal einen Zufall.“
Ich grinse sie frech an. Dabei kann ich förmlich erkennen, wie ihr Herz anfängt schneller zu schlagen.
Ich sehe ihr an, dass sie etwas sagen will. Doch dann sieht sie an mir vorbei.
„Wie geht es Jonas?“, erkundigt sie sich.
„Es gibt ein Problem wegen morgen“, ertönt sofort eine weitere weibliche Stimme direkt neben mir. Als ich mich in die entsprechende Richtung drehe, erkenne ich ihre Mitbewohnerin.
Es dauert einen Moment, doch schließlich sieht sie von ihrem Handy auf, wobei ich die Fragezeichen in ihrem Gesicht erkennen kann.
„Das ist Aiden. Er studiert ebenfalls Biologie. Aiden, das ist meine beste Freundin Hannah.“
Ah, sie sind also nicht nur Mitbewohnerinnen, sondern Freundinnen, denke ich und beschließe, dass ich sie auch nach Möglichkeit im Auge behalten werde. Sollte Sofia wirklich in Gefahr sein, wird sie es vielleicht auch sein.
„Hi“, begrüßt sie mich schließlich.
„Freut mich“, erwidere ich. Ich lächle sie ebenfalls an, allerdings nicht so, wie ich es bei Sofia getan habe.
Und das hat nichts damit zu tun, dass sie ihre Freundin ist und mich nun wahrscheinlich im Auge behalten wird. Auf jeden Fall nicht nur. Auf diese Weise will ich Sofia zeigen, dass ich etwas für sie empfinde. Und zwar schon immer, doch das kann ich ihr noch nicht unter die Nase halten.
„Sofia, ich warte drinnen auf dich.“
Mit diesen Worten geht sie an mir vorbei und verschwindet in dem Zimmer, nachdem sie ein letztes Mal in meine Richtung gesehen hat.
„Du scheinst ihr wichtig zu sein“, stelle ich fest.
„Wie kommst du darauf?“
„Sie hat mich von oben bis unten begutachtet. Für mich sah es so aus, als würde sie sichergehen wollen, dass ich dir nicht gefährlich werde.“
Andere Männer wären vielleicht gekränkt, doch ich bin froh darüber, dass sie eine Freundin hat, der sie so viel bedeutet. Sofia bekommt große Augen, während sie versucht zu verarbeiten, was ich gerade gesagt habe.
„Tut mir leid.“
„Das braucht es nicht. Es ist doch schön, wenn man jemanden hat, der sich um einen sorgt. Ich will euch nicht weiter stören. Vielleicht sieht man sich ja mal, Sofia.“
Ich zwinkere ihr zu und gehe dann wieder zu meinem Zimmer. Mir ist bewusst, dass sie mir nachsieht, bis ich die Tür hinter mir geschlossen habe.
Ein lautes Krachen dringt mitten in der Nacht an meine Ohren und reißt mich aus meinem ohnehin schon leichten Schlaf. Ruckartig richte ich mich sofort auf.
Für gewöhnlich kann ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen. Und gerade sagt es mir, dass etwas nicht stimmt. Daher stehe ich schnell auf und betrete den Flur.
Einige Meter von mir entfernt kann ich erkennen, dass eine Tür aufsteht und Licht dahinter scheint. Doch das ist nicht das, was mir nicht gefällt. Es ist viel eher die Tatsache, dass es sich hierbei um das Zimmer von Sofia handelt und schon wieder ein lauter Knall an meine Ohren dringt.
Ich brauche nur den Bruchteil einer Sekunde, bis ich dort bin und erkenne, was hier los ist. Und dieser Anblick gefällt mir überhaupt nicht.
Der Typ, wegen dem ich hergekommen bin, geht auf Sofia los und versucht sie in seine Gewalt zu bekommen. Sie liegt unter ihm und versucht verzweifelt sich zu befreien.
Mehr brauche ich nicht zu sehen, sodass sämtliche Sicherungen in meinem Inneren durchknallen. Ich stelle mich hinter ihn, greife nach dem Kragen seines Shirts und reiße ihn von ihr herunter. Als er neben mir auf dem Boden landet, sehe ich rot.
Er ist eindeutig einen Schritt zu weit gegangen und das werde ich ihm auch begreiflich machen.
Erneut greife ich nach ihm, ziehe ihn auf die Beine und drücke ihn gegen die Wand neben der Tür. Dann schlage ich immer wieder auf ihn auf.
Ich brauche mir keine Gedanken zu machen, er weiß genau, wer ich bin. Schon ein paar Mal sind wir uns über den Weg gelaufen. Und schon ein paar Mal habe ich ihm klargemacht, dass man sich mit mir besser nicht anlegt. Dennoch hat er es gerade getan, als er auf Sofia losgegangen ist. Und ich werde dafür sorgen, dass er das bereut.
Als ich ein leises Stöhnen hinter mir höre, drehe ich mich kurz zu ihr herum, um zu überprüfen, dass es ihr gut geht. Doch er nutzt die Gelegenheit und befreit sich von mir. In der nächsten Sekunde ist er bereits verschwunden. Zu gerne würde ich ihm nachsetzen, doch ich bin mir sicher, dass ich noch die Gelegenheit dazu haben werde.
Stattdessen gehe ich zu Sofia und helfe ihr auf die Beine, damit sie sich auf die Bettkante setzen kann.
Einige Sekunden betrachte ich sie aufmerksam. Mein Blick gleitet über ihren Körper und merkt sich jede Wunde, die sie von dem Überfall bekommen hat.
„Sofia! Ist alles klar bei dir?“
Einige Sekunden schließt sie die Augen und versucht sich wieder zu sammeln. Doch dann hat sie sich so weit wieder im Griff, dass sie mir antworten kann.
„Mir tut jeder Knochen weh. Sogar die, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie habe. Und mein Kopf fühlt sich an, als wäre gerade ein Zug über ihn hinweg gerollt. Aber soweit ich es beurteilen, ist nichts gebrochen“, antwortet sie.
Langsam sinke ich vor ihr auf die Knie. Meine rechte Hand umklammert ihre Finger. Auf diese Weise will ich ihr zeigen, dass ich bei ihr bin. Meine linke fährt vorsichtig über ihre Arme und ihren Hals. Schließlich lasse ich sie auf ihrer Wange liegen. Sanft streiche ich über die rote und leicht geschwollene Stelle.
„Kanntest du ihn?“
Ich will sie das nicht fragen, doch ich muss wissen, was sie weiß. Vor allem muss ich wissen, ob sie überhaupt etwas weiß. Denn das ist der Punkt, den ich leider nicht einschätzen kann.
„Nein … Ja … Ach, ich weiß es selbst nicht“, flüstert sie seufzend und lässt den Kopf ein wenig in den Nacken fallen.
Ich versuche herauszufinden, was sie mir damit sagen will. Daher werfe ich ihr einen fragenden Blick zu.
„Er hat mich bereits vor ein paar Tagen überfallen und bedroht. Dabei hat er ein paar Sachen gesagt, die ich nicht zuordnen kann. Allerdings habe ich auch nicht weiter darüber nachgedacht. Es war ein Zufall, dass ich verschwinden konnte. Seitdem hatte ich immer wieder das Gefühl, als würde mich jemanden beobachten.“
Bei ihren Worten spanne ich mich automatisch an. Schnell entspanne ich mich jedoch wieder, damit sie nichts bemerkt. Dies ist das Wochenende geschehen, bevor ich hergekommen bin. Ich hatte die Hoffnung, dass es sich nur als falscher Alarm herausstellt, aber leider ist dem nicht so gewesen.
„Hey, es wird alles gut werden. Er ist weg und kann dir nichts mehr antun. Aber wieso hast du es mir nicht sofort gesagt?“, frage ich sie, nachdem sie geendet hat.
„Was?“, kommt es ihr schließlich über die Lippen.
„Wieso hast du mich angelogen?“, wiederhole ich meine Frage.
„Wovon redest du?“ Auf ihrem Gesicht macht sich ein verwirrter Eindruck breit.
„Als ich dich gefragt habe, ob etwas Schönes in dem Brief stand.“
Langsam dämmert es ihr, was ich meine. Ein paar Minuten ist es ruhig zwischen uns. Wir lassen den jeweils anderen nicht aus den Augen.
„Entschuldige, dass ich meine Lebensgeschichte nicht gleich jedem anvertraue, den ich zum ersten Mal sehe. Nicht einmal meine Freundin weiß darüber Bescheid.“
Ich spüre, dass sie gerade wütend ist. Daher presse ich die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen. Dies mache ich aber vor allem deswegen, weil sie sich anscheinend wirklich nicht mehr an mich erinnern kann und das tut weh. Schnell rufe ich mir zwar in Erinnerung, dass sie damals noch klein war, doch das macht es auch nicht unbedingt besser.
„Ich meine das nicht böse“, versuche ich die Wogen wieder zu glätten. „Es ist nur so, dass man viel hört. Und wenn ich dann erfahre, dass du ihm heute nicht zum ersten Mal über den Weg gelaufen bist, mache ich mir halt Sorgen.“
„Ich wollte dich nicht so anfahren“, entschuldigt sie sich bei mir.
„Kein Problem. Du hast ja recht, es geht mich nichts an.“
„So meine ich das nicht“, versucht sie die Situation zu retten.
„Da er es anscheinend auf dich abgesehen hat, hast du nun die Wahl“, fahre ich fort und reiße sie so aus ihren Gedanken, die anscheinend gerade ganz woanders sind.
„Die Wahl? Wozwischen denn?“ Überrascht sieht sie mich an.
„Entweder schlafe ich bei dir oder du bei mir.“ Meine Stimme lässt vielleicht den Eindruck aufkommen, als wäre es das Normalste auf der Welt für mich. Doch das ist nicht so. Allerdings will ich ihr nicht noch mehr Angst machen.
Doch ich weiß, wozu dieser Mann in der Lage ist. Und das reicht mir.
„Kann ich auch Nein sagen?“
„Eigentlich nicht“, gebe ich nach ein paar Sekunden zurück.
„Dann haben wir ein Problem. Ich werde sicherlich nicht bei dir schlafen und du nicht bei mir.“
Ich kann nicht verhindern, dass ich die Augen ein wenig zusammenkneife und mein Gesicht einen missbilligenden Ausdruck annimmt.
„Sofia“, stöhne ich.
„Ich bin dir dankbar, dass du mir geholfen hast. Aber vielleicht kannst du dir vorstellen, dass ich nach der Erfahrung gerade nicht die Nacht mit einem fremden Mann in einem Zimmer verbringen werde.“
Automatisch zucke ich zusammen, was ich auch nicht vor ihr verheimlichen kann. Doch ich habe mich schnell wieder im Griff, sodass ich mir sicher bin, dass sie nicht näher darauf eingehen wird.
„Ich werde dir mit Sicherheit nichts tun. Mein Mitbewohner ist das Wochenende ebenfalls nicht da. Du kannst sein Bett haben“, starte ich einen weiteren Versuch.
„Und sonst würden wir uns eines teilen?“
Ich spüre, dass sich ihr Körper langsam beruhigt und sie die gleiche Bissigkeit bekommt, die sie damals schon hatte. Doch so habe ich sie in Erinnerung. Sie ist noch nie von ihrem Standpunkt zurückgewichen und ehrlich gesagt bin ich froh, dass sich das nicht geändert hat. Auch, wenn es mir nun alles einfacher machen würde.
„Dann würde ich auf dem Boden schlafen“, erwidere ich ernst.
„Das ist lieb von dir und ich danke dir, dass du mir geholfen hast. Aber ich brauche Ruhe.“
„Okay“, flüstere ich. „Versprich mir aber, dass du dich bei mir meldet, falls etwas sein sollte.“
Während ich spreche, greife ich nach einem leeren Zettel und einem Stift und schreibe meine Handynummer darauf. Dann erhebe ich mich, was zur Folge hat, dass sie ebenfalls aufsteht. Da Sofia noch ein wenig wackelig auf den Beinen ist, stützt sie sich am Schrank ab.
Besorgt sehe ich sie an. In diesem Moment bin ich mir nicht sicher, ob sie diese Nacht hier wirklich alleine aushält, oder ob sie nur so tut. Doch wenn ich sie danach frage, wird sie wahrscheinlich wieder sauer und ich habe keine Lust, mich mit ihr zu streiten.
„Schreib mir eine Nachricht, oder ruf mich an, sobald du wach bist“, weise ich sie an. Dann beuge ich mich ein Stück nach unten und küsse sanft die rote Stelle in ihrem Gesicht.
Ich spüre, dass sie die Luft einzieht, sich das jedoch nicht anmerken lassen will. Daher beschließe ich, dass ich auch nicht näher darauf eingehen werde.
„Gute Nacht, Aiden“, flüstert sie.
„Gute Nacht, Sofia. Schließe die Tür hinter mir ab.“
Mehr sage ich nicht, sondern verschwinde.
Doch in dieser Nacht werde ich nicht schlafen. Ich werde Colin eine Nachricht schreiben und dann wach bleiben, damit ich sicher gehen kann, dass nicht noch einmal etwas passiert.
4
Als am nächsten Morgen die Sonne aufgeht, atme ich erleichtert auf. Die letzten Stunden stand ich neben der Tür und habe angestrengt in den Flur gelauscht. Ich habe darauf gewartet, dass dieser Wichser noch einmal auftaucht.
Erst habe ich mir gewünscht, dass er ein zweites Mal auftaucht. Ich habe mir vor meinem inneren Auge vorgestellt, wie ich ihm den Schädel einschlage und so allen eine Warnung gebe, dass sie sich von meiner Familie fernhalten sollen. Doch dann war ich froh darüber, dass ich es nicht gemacht habe. Sofia sollte keinen Schreck bekommen und sich noch mehr Sorgen machen.
Und das ist der zweite Punkt, der mir nicht gefällt. Am liebsten hätte ich sie dazu gezwungen, dass sie in meinem Zimmer schläft. Doch ich wollte mich nicht mit ihr streiten und das war wirklich der einzige Grund, wieso ich das nicht getan habe.
Unzählige Male habe ich in der letzten Nacht auf mein Handy gesehen um zu kontrollieren, ob sie mir geschrieben hat und ich es nicht gesehen habe. Doch ich habe keine weitere Nachricht mehr von ihr bekommen.
Auch jetzt nehme ich es wieder in die Hand und überprüfe das Display. Schnell öffne ich meinen Messenger und schicke ihr eine Nachricht.
Hast du Lust, mir heute etwas von Dallas zu zeigen?
Ich schicke die Nachricht ab und warte ungeduldig darauf, dass sie mir antwortet. Ein wenig komme ich mir so vor, als würde ich irgendeinem Mädchen schreiben und sie um ein Date bitten.
Dabei ist es nicht irgendein Mädchen. Sofia ist mein Mädchen und das werde ich ihr beweisen. Bei unserer Vorgeschichte und allem, was gerade los ist, ist mir jedoch bewusst, dass ich das nicht einfach so machen kann.
Ich muss ihr zeigen, dass sie alles für mich war und es noch immer ist.
Hast du nichts Besseres zu tun?
Etwas Besseres, als das Wochenende mit einem hübschen Mädchen zu verbringen?
Es dauert einen Moment, bis sie mir schreibt. Doch dann lese ich ihre Nachricht, in der steht, dass sie sich schon freut und lächle.
Als ich nach Dallas gefahren bin, habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wie ich mich ihr am besten nähere. Doch nun höre ich einfach auf mein Gefühl und hoffe, dass es mich nicht trügt.
Da ich nicht denke, dass er sich ihr am Tag nähern wird, wenn überall Leute um sie herum sind, gehe ich schnell duschen und ziehe mich dann an.
Um sie nicht zu verpassen, trete ich auf den Flur und lehne mich an der Wand an, der sich ihrer Tür gegenüber befindet.
Es dauert noch ein paar Minuten, bis sie endlich herauskommt. Mein Blick bleibt an ihrer Jeans und ihrem engen grünen Oberteil kleben. Sie überlassen wirklich nichts der Fantasie, sodass ich mir in letzter Sekunde gerade noch ein Seufzen verkneifen kann.
An ihren Armen kann ich ein paar blaue Flecke aufgrund des nächtlichen Überfalls erkennen. Und ich bin mir sicher, dass ihre Rippen und Beine nicht besser aussehen.
Wahrscheinlich ist es besser, dass ich das gerade nicht sehen kann, denke ich und spüre, wie die Wut wieder die Kontrolle über mich haben will.
Da sie mich anscheinend nicht bemerkt, stoße ich mich von der Wand ab und gehe auf sie zu.
„Du scheinst oft in Gedanken zu sein“, stelle ich fest, als sie kurz vor mir zum Stehen kommt.
An ihrer Gesichtsfarbe, die sich leicht rot färbt, erkenne ich, dass sie ein wenig verlegen ist, als sie mich in die Seite knufft.
„Es freut mich, dass es dir anscheinend wieder etwas besser geht.“
„Ich habe mir gerade nur überlegt, was ich dir zeigen könnte. Hast du irgendwelche Wünsche?“, erklärt sie mir, ohne auf meinen Kommentar einzugehen.
„Ich bin da ganz offen.“
Langsam hebt sie ihren Kopf und sieht an mir vorbei. Auf den ersten Blick erkenne ich, dass sie schüchtern ist. Dabei macht sie nicht den Eindruck auf mich, als wäre sie das normalerweise. Dies nehme ich als Hinweis darauf, dass sie die Anziehung zwischen uns auch spürt. Und das wiederum wird es mir wahrscheinlich alles ein wenig einfacher machen.
„Also gut“, murmelt sie schließlich.
Gemeinsam verlassen wir das Wohnhaus, wobei ich dicht neben ihr gehe. Alle paar Sekunden streicht meine Hand über ihre.
Ich führe sie zum Parkplatz und laufe dort zwischen den Autos entlang, bis wir den hintersten Teil erreichen.
„Warum parkst du nicht weiter vorne?“, fragt sie mich neugierig.
„Ich will nicht riskieren, dass mir jemand eine Delle in den Wagen fährt.“ Gleichgültig zucke ich mit den Schultern, während wir auf den schwarzen Ford Ranger zugehen.
Dass dies nicht die Wahrheit ist, behalte ich für mich. Die sieht nämlich so aus, dass ich nicht wollte, dass der Wagen sofort auffällt. Jetzt weiß er jedoch, dass ich da bin, daher ist es nun auch egal.
Sofia bleibt stehen und sieht ungläubig den Truck an, der sich vor ihr befindet.
„Das ist dein Auto?“
„Man gönnt sich ja sonst nichts.“
Während ich spreche, stelle ich mich neben die Tür der Beifahrerseite und öffne sie für Sofia.
„Danke“, murmelt sie verlegen und klettert in den großen Wagen.
Stumm schließe ich sie wieder und steige ebenfalls ein, nachdem ich ihn umrundet habe.
„Bereit?“
Ich schaue sie fragend an und wende den Blick erst nach vorne, nachdem sie genickt hat.
„Verrätst du mir, wo wir hinfahren?“, erkundige ich mich und starte den Motor.
Mit routinierten Bewegungen lenke ich ihn vom Parkplatz, bis wir die Straße erreicht haben.
„Ich werde dir sagen, wo es langgeht.“
Nachdenklich wende ich mich ihr zu und betrachte sie kurz. Doch in der nächsten Sekunde richte ich meinen Blick wieder auf die Straße.
Während wir uns unserem Ziel nähern, spüre ich die Nervosität, die von ihr ausgeht. Kurz frage ich mich, wieso das so ist. Doch dann beschließe ich, dass ich nicht weiter darüber nachdenken, sondern es einfach auf mich zukommen lassen werde.
„Wow“, entfährt es mir, als ich sehe, wo wir uns befinden.
Nachdem ich einen freien Platz gefunden habe, steige ich aus und gehe auf ihre Seite. Dort strecke ich ihr meine Hand entgegen, nachdem ich die Tür geöffnet habe. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht greift sie danach, sodass ich ihr beim Aussteigen helfen kann. Dabei merke ich die Zweifel, die sie gerade hat. Doch das muss sie nicht haben. Aus diesem Grund bleibe ich dicht vor ihr stehen.
„Das ist ein super Ort. Mach dir nicht so viele Sorgen“, flüstere ich in ihr Ohr, nachdem ich mich ein Stück nach vorne gelehnt hat.
Überrascht hebt sie ihren Kopf und sieht mich an. Ich habe für mich beschlossen, dass ich sie spüren lassen werde, was sich zwischen uns befindet. Ich werde mich nicht mehr dagegen wehren. Von dieser Chance habe ich in den letzten Jahren geträumt und nun werde ich sie ergreifen.
Aufmunternd lächle ich sie an und führe sie auf die lange Schlange zu, die sich vor dem Eingang befindet. Während ich mich umsehe, erkenne ich aus dem Augenwinkel, dass sie mich beobachtet.
Es dauert einige Minuten, doch schließlich sind wir an der Reihe.
„Seit wann bezahlt die Frau selbst? Ich hatte zwar schon länger kein Date mehr, aber ich meine, dass sich gewisse Regeln nicht geändert haben“, flüstere ich, als ich sehe, dass sie ihre Geldbörse aus der Tasche ziehen will.
Ruckartig dreht sie ihren Kopf zu mir, aber ich gehe nicht weiter darauf ein. Schweigend gebe ich der Angestellten das Geld, während ich weiß, dass sich in ihrem Kopf die Gedanken überschlagen.
Mir ist bewusst, dass sie über dieses eine Wort nachdenkt. Daher überlasse ich sie nun auch ihren Gedanken. Sie soll ruhig wissen, was das hier für mich ist.
„Kommst du oft her?“, frage ich sie und lenke so ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich, als ich die Eintrittskarten erhalten habe.
„Ich versuche es.“
Ich nicke, da mir in diesem Moment bewusst wird, dass das hier ein sentimentaler Ort für sie ist.
Gemeinsam gehen wir auf den Eingang zu, wo ich die Karten durch den Scanner ziehe. Auf der anderen Seite befinden sich ein paar tropische Bäume und das Plätschern von Wasser ist zu hören. Bunte Blumen befinden sich in Töpfen und Beeten, die auch nicht aus diesen Breitengraden stammen.
Ein paar Schritte weiter befindet sich ein kleiner Springbrunnen, neben dem wir stehen bleiben. Ich befinde mich dicht neben ihr und lasse sie so meine Anwesenheit spüren.
„Ich gebe zu, dass hier habe ich nicht erwartet.“
Aufmerksam beobachtet sie mich dabei, wie mein Blick von rechts nach links wandert. Als Kinder waren Colin und ich einmal mit, als sie mit ihrer Mutter hergefahren ist, allerdings in Los Angeles.
„Was hast du denn erwartet?“
„Ein paar Fische, die in Aquarien herumschwimmen.“
Ihr leises Lachen dringt an meine Ohren. Ich bin froh darüber, dass ich sie zum Lachen bringen konnte. Es kommt mir so vor, als wäre sie traurig.
Gemeinsam gehen wir weiter hinein.
Es dauert nicht lange, bis wir eine kleine Bank erreichen, die an einem künstlich angelegten Fluss steht. Ich weiß nicht wieso, doch mein Blick bleibt an ihr hängen. Ein merkwürdiges Gefühl macht sich in mir breit, welches ich nicht verdrängen kann.
Als ich mich wieder auf Sofia konzentriere und sie mit einem liebevollen Blick ansehe, bemerke ich, dass ihre gute Laune schlagartig verschwunden ist.
„Was ist los? Und jetzt sage mir nicht nichts. Ich spüre, dass du etwas hast.“
Gemeinsam setzen wir uns auf die Bank. Doch ich lasse mich so neben ihr nieder, dass ich sie nicht eine Sekunde aus den Augen lassen muss. Meine linke Hand befindet sich auf ihrem Oberschenkel, während meine rechte über ihren Rücken streicht.
Eine Ewigkeit sitzen wir hier so.
„Hey, nicht weinen“, stelle ich fest, als sich eine einzelne Träne aus ihrem Augenwinkel löst.
Bereits in der nächsten Sekunde hebt sie ihre Hand und wischt sie weg. Sie will sich von mir wegdrehen, doch ich bin schneller. Sanft berühre ich ihr Kinn und bewege ihren Kopf zu mir, sodass ich sie richtig betrachten kann.
„Früher war ich oft mit meiner Mutter hier“, erklärt sie endlich. „Sie war Biologin und hat mir alles über die Tiere erzählt. Es gab für uns nichts Schöneres, als hier die Tage zu verbringen. So glücklich, wie sie hier war, habe ich sie sonst nur selten gesehen. Irgendwann habe ich sie beobachtet. Sie saß genau hier und hatte ein Bild in der Hand. Nachdem ich mich angeschlichen habe, erkannte ich einen Mann. Aber bevor ich ihn mir genauer ansehen konnte, hat sie mich bemerkt und das Foto in ihrer Handtasche verschwinden lassen.“
Ich wusste, dass es nie für Colin, mich und unsere Familien einfach war. Doch es ist das erste Mal, dass ich ein Gefühl dafür bekomme, wie es ihr damals erging und wahrscheinlich noch immer geht.
„Deine Mutter ist auch Biologin? Dann ist sie sicherlich stolz auf dich.“
Ich kenne bereits die Antwort auf diese Frage. Dennoch stelle ich sie, um mehr zu erfahren.
„Ich weiß es nicht und ich werde es auch nie erfahren. Sie starb vor Jahren bei einem Autounfall. Der andere Fahrer verschwand, ohne dass ihn jemand sehen konnte. Die Spuren an ihrem Auto ließen aber keinen Zweifel daran, dass noch ein zweiter Wagen in den Unfall verwickelt war. Es wurde nie aufgeklärt.“
Ich schlucke und versuche mir die Wut, die ich schon wieder empfinde, nicht anmerken zu lassen. Sie richtet sich nicht nur gegen diesen Idioten, sondern auch gegen unsere Eltern. Auch jetzt kann ich noch immer nicht nachvollziehen, wie ihr Vater zulassen konnte, dass ihre Mutter diesen Schritt ging.
Meine Muskeln wollen sich anspannen, doch ich versuche mich wieder unter Kontrolle zu bekommen, damit sie nichts merkt. Diese Gefühle haben hier und jetzt nichts zu suchen. Jetzt geht es um Sofia und nicht um mich. Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann die Gelegenheit bekommen werde, um mich zu rächen.
„Und dein Vater?“, frage ich sie nun.
„Ich kenne ihn nicht. Meine Mutter hat niemandem gesagt, wer er ist oder wo er wohnt. Ich weiß von meiner Vergangenheit nur, dass wir nach meiner Geburt ein paar Jahre in Los Angeles gelebt haben, bevor wir nach Dallas gekommen sind.“
Sofia zuckt mit den Schultern. Auf diese Weise will sie den Eindruck bei mir erwecken, dass es nicht schlimm für sie ist. In den letzten Minuten habe ich jedoch das Gegenteil bei ihr bemerkt.
„Ich bin mir sicher, wenn dein Vater wüsste, was für eine wundervolle Tochter er hat, würde er sich in den Hintern treten.“
Vor allem werde ich das aber bei der nächsten Gelegenheit machen, denke ich.
In diesem Moment bin ich mir sicher, dass er keine Ahnung hat, was er Sofia angetan hat. Unsere Väter haben nur ihren bescheuerten Plan verfolgt und alles andere verdrängt.
Vorsichtig wische ich ihr noch eine Träne aus dem Gesicht und lächle sie dabei an.
„Ich weiß es nicht. Als mir klar wurde, dass meine Mutter nicht mehr zurückkommen wird, habe ich mich danach gesehnt, dass ich zu einer richtigen Familie gehöre. Zu Weihnachten haben alle Kinder ihren Wunschzettel geschrieben. Sie waren so lang. Auf meinem stand nur das Wort Papa. Nachts habe ich sogar zu Gott gebetet, dass er mich nach Hause bringt. Aber mit den Jahren habe ich gelernt, damit umzugehen.“
Um mir nicht anmerken zu lassen, was ich gerade am liebsten mit ihrem Vater machen würde, nicke ich nur. Allerdings nehme ich mir vor, dass ich ihm bei der nächsten Gelegenheit eine nicht so freundliche Nachricht schreiben werde.
Ich nicke, da ich gerade sehr gut verstehen kann, wie es ihr geht. Aus einem Reflex heraus schließe ich sie in meine Arme und ziehe sie näher zu mir. In diesem Moment will ich ihr nah sein und ihr zeigen, dass nicht alle Männer aus ihrer Vergangenheit solche Idioten sind, wie unsere Väter.
Die nächsten Minuten ist es ruhig zwischen uns. Die Unterhaltungen der anderen Besucher dringen zu uns heran. Doch all das ist unwichtig. Jetzt gibt es nur uns. Ich versuche ihr Kraft zu geben und sie so wieder ein wenig aufzubauen.
„Na komm, zeig mir alles“, fordere ich sie schließlich auf und ziehe sie auf die Füße.
„Es tut mir leid. Ich wollte dir mit meiner Lebensgeschichte nicht den Tag versauen.“
„Das braucht es nicht. Was du erlebt hast, sollte kein Kind erleben. Du brauchst dich deswegen nicht bei mir zu entschuldigen, nur weil die Nerven mit dir durchgegangen sind. Ich bin sogar froh darüber, weil du mich an einen Ort gebracht hast, der dir so viel bedeutet.“
Ich lasse keinen Zweifel daran, dass ich es genauso meine, wie ich es sage. Und eigentlich noch viel mehr. In erster Linie meine ich damit, dass sie von ihrer Familie getrennt wurde, als sie diese Entscheidung noch nicht einmal selber treffen konnte.
Während wir durch das Innere gehen, scheint sie wie ausgewechselt zu sein. Und ich bin mir sicher, dass ich meinen Teil dazu beitrage.
Ich zeige ihr, dass es gerade keinen anderen Ort gibt, an dem ich lieber wäre, als hier mit ihr. Keine Sekunde weiche ich von ihrer Seite. Als wir gemeinsam in dem langen Tunnel stehen, der durch das Wasser hindurchführt, stelle ich mich hinter sie und schlinge meine Arme um ihren Körper. Langsam hebe ich meinen Kopf und sehe nach oben, wo gerade ein Hai schwimmt.
„Hast du Hunger?“, frage ich sie und reiße sie so aus ihren Gedanken heraus.
„Reicht dir das als Antwort?“, gibt sie mit einem frechen Grinsen zurück, nachdem ihr Magen geknurrt hat.
Ich kann ein Lachen nicht für mich behalten. In der nächsten Sekunden lege ich meine Hand auf ihren Rücken. Dabei versuche ich so sanft wie möglich zu sein. Dennoch spüre ich, wie sie bei dieser Berührung zusammenzuckt.
„Ich hätte den Arsch umbringen sollen“, zische ich zwischen den Zähnen wütend hervor.
„Mir geht’s schon viel besser. Aber wahrscheinlich hätte ich zur Polizei gehen sollen.“
„Die werden das nur aufnehmen, aber auch nicht dagegen tun“, stelle ich unbeirrt fest.
Kaum habe ich ausgesprochen, spüre ich ihren verwirrten Blick auf mir.
„Woher willst du das wissen?“
„Erfahrung“, antworte ich nur.
Bevor sie noch mehr zu diesem Thema von sich geben kann, schiebe ich sie bereits vor mir her. Ich kann mir vorstellen, dass sie darüber nachdenkt, was genau ich damit meine. Daher muss ich schnell etwas finden, womit ich sie ablenken kann.
„Hast du da schon mal gegessen?“, erkundige ich mich also und nicke in die Richtung eines Restaurants, welches sich auf unserem Weg befindet.
„Ist richtig lecker.“
Kaum hat sie den Satz beendet, ziehe ich sie hinterher, bis wir einen freien Tisch erreicht haben. Ich bedeute ihr, dass sie sich setzen soll, während ich uns etwas zu essen holen.
„Ich hoffe, du träumst von etwas Schönem“, stelle ich fest, als ich zurückkomme.
„Ich habe nicht geträumt.“
Prüfend sehe ich sie an. So ganz glaube ich ihr nicht. Doch ich weiß auch nicht, woran sie sonst denkt. Stattdessen stelle ich das Tablett ab und reiche ihr einen Teller mit einem Sandwich und eine Flasche Wasser.
„Du scheinst hier ein paar Angestellte zu kennen.“
„Was?“ Verwirrt blickt sie mich an.
„Die Dame da vorne zum Beispiel. Sie hat mir gesagt, dass sie mir gehörig auf die Füße treten wird, falls ich es nicht ernst mit dir meine.“
Um ihr zu verdeutlichen, von wem ich spreche, zeige ich in die entsprechende Richtung. Es dauert einen kleinen Augenblick, doch schließlich beginnt Sofia zu lachen. Die Bedienung sieht mich noch immer finster an.
„Das ist Maria. Sie arbeitet seit Jahren hier. Nachdem sie ein paar Mal beobachtet hat, dass ich alleine hier war, hat sie mich nach dem Grund gefragt“, erklärt Sofia.
„In all der Zeit warst du immer alleine hier? Den Grund würde ich auch gerne erfahren.“
Meine Stimme klingt ungläubig und genau das bin ich auch.
„Ich hatte nie das Bedürfnis, jemanden hier herzubringen. Es war immer der Platz, an dem ich mich meiner Mutter nahe gefühlt habe“, gibt sie zu, nachdem sie kurz darüber nachgedacht hat.
„Ich freue mich darüber, dass du mich hergebracht hast. Es ist wirklich cool hier. Aber das hättest du nicht machen müssen.“
Ich kann nicht verhindern, dass ich ein schlechtes Gewissen bekommen habe.
„Und wenn ich es wollte?“
„Dann ist es etwas anderes.“
Ich pfeife einmal kurz leise, gehe jedoch nicht näher darauf ein.
„Es ist schon spät“, stellt Sofia fest, nachdem wir aufgegessen haben.
Erst jetzt wird mir bewusst, dass wir den ganzen Tag hier waren. Doch noch will ich ihn nicht enden lassen.
„Wollen wir noch irgendwo ein Stück spazieren gehen?“
„Gerne.“
Ein letztes Mal sehe ich sie an und versuche so herauszufinden, ob sie das wirklich will, oder einfach nur sagt, um mir einen Gefallen zu tun. Da ich jedoch nichts in ihrem Gesicht finden kann, was auf letzteres hindeutet, bringe ich die Tabletts weg. Kaum habe ich sie erreicht nehme ich ihre Hand in meine und gemeinsam verlassen wir das Gebäude.
„Wir können zum Fair Park fahren“, überlegt Sofia, nachdem wir wieder in den Wagen gestiegen sind.
„Das hört sich gut an. Wo muss ich lang?“
Geschickt leitet sie mich durch den Verkehr. Immer wieder schaue ich dabei in den Rückspiegel und gehe so sicher, dass uns niemand folgt. Allerdings kann ich weit und breit niemanden entdecken.
Als wir unser Ziel endlich erreichen, bleibe ich an einer Stelle stehen, von der aus man das gesamte Gelände überblicken kann.
„Kein Wunder, dass deine Mutter unbedingt nach Dallas wollte. Es ist wirklich schön hier.“
„Warst du noch nie hier?“
„Man könnte fast sagen, dass ich einen Pfeil auf die Karte geworfen habe.“
„Das war aber ziemlich mutig von dir. Es hätte ja auch sein können, dass du in irgendeinem Kaff landest, dass nicht einmal ein College hat.“
„In dem Fall hätte ich das nächstgelegene genommen. Zwischendurch gehe ich solche Risiken ein.“
Ich zwinkere ihr zu, während ich die Tür öffne und aussteige.
„Da lang.“ Sofia zeigt zu dem See, der ein paar Meter von uns entfernt ist.
„Ich folge dir unauffällig.“
Ich gehe dicht hinter ihr, während sie durch die Menschenmenge geht. Nach einigen Metern bleibt sie jedoch stehen.
„Was ist das?“
Neugierig schaue ich auf den See. Im Wasser befinden sich mehrere Wege, die sich überschneiden. Teilweise sind sie sogar bis zu dreißig Zentimeter unter Wasser.
„Cool, oder?“
Sofia zieht ihre Schuhe und Socken aus. Sie wirft die Sachen einfach zur Seite und geht auf das Wasser zu.
„Was hast du vor?“
Ich schaue ihr irritiert dabei zu, doch das scheint sie nicht zu interessieren.
Langsam geht sie ein Stück auf dem trockenen Teil entlang, bevor sie mit beiden Füßen im Wasser steht. Unbeeindruckt geht sie weiter, als würde sie das jeden Tag machen. Bevor sie die andere Seite erreicht, bleibt sie in einer Vertiefung stehen und dreht sich zu mir.
„Komm“, ruft sie mir zu und streckt ihre Hand nach mir aus.
Schnell ziehe ich meine Schuhe und Socken ebenfalls aus.
„Das ist echt cool. So etwas sollte es auch in Los Angeles geben.“
Ich nehme Anlauf und überspringe ein kurzes Stück, welches sich im Wasser befindet. Mit langsamen und geschmeidigen Schritten nähere ich mich ihr. Sofia weicht ein Stück zurück, doch ich bin schneller.
In der nächsten Sekunde stehe ich so dicht vor ihr, dass meine Brust bei jedem Atemzug ihr streift. Ich blicke zu ihr hinunter und streiche eine Strähne aus ihrem Gesicht.
„Du brauchst vor mir keine Angst zu haben. Ich werde dir nichts tun“, flüstere ich.
Pulsuz fraqment bitdi.