Kitabı oxu: «Energiesicherheit»
Sascha Müller-Kraenner
ENERGIESICHERHEIT
Die neue Vermessung der Welt
Verlag Antje Kunstmann
INHALT
EINLEITUNG Was ist Energiesicherheit?
KAPITEL 1 Vor einer neuen Energiekrise
KAPITEL 2 Das große Spiel um die Vermessung der Welt
KAPITEL 3 Energiesupermacht Russland
KAPITEL 4 Der Aufstieg Asiens
KAPITEL 5 Eine gemeinsame europäische Energiepolitik
KAPITEL 6 Die Verteidigung der letzten Paradiese
KAPITEL 7 Auswege aus der Abhängigkeit – Sonne oder Atom?
KAPITEL 8 Die Stärke des Rechts und die Diplomatie der Zukunft
QUELLEN
DANKSAGUNG
EINLEITUNG
WAS IST ENERGIESICHERHEIT?
Was ist Energiesicherheit? Die Bundesregierung und die Europäische Kommission verstehen darunter die Bereitstellung von preisgünstiger, verlässlicher und umweltfreundlicher Energie. Auf diese allgemeine Definition könnte man sich ohne Weiteres einigen. Doch der Teufel steckt wie üblich im Detail. Was eigentlich bedeutet eine verlässliche Energieversorgung? Welchen Preis, sowohl finanziell als auch politisch, sind wir bereit, dafür zu zahlen? Und wie wird sichergestellt, dass beim Zugriff auf Energieressourcen die Belange des Umweltschutzes, aber auch Transparenz, Menschenrechte und Demokratie nicht unter den Tisch fallen? Hierum geht es in der aktuellen politischen Debatte: welcher Weg zu mehr Energiesicherheit der richtige ist.
An der Energiefrage lässt sich aber auch zeigen, wie sich die Außenpolitik im 21. Jahrhundert verändert hat. Bei der Suche nach Öl, Geld und Macht scheint für die edlen Prinzipien des Völkerrechts und für das feinziselierte Instrumentarium der internationalen Diplomatie kein Platz mehr zu sein. Der Kampf um die letzten Ressourcen wird mit harten Bandagen ausgetragen; die Sicherung der nationalen Energieversorgung ist für jedes Land knallharte Realpolitik. Bündnisse werden nicht mit denjenigen geschlossen, die man mag, sondern mit denen, die man braucht. Das vorliegende Buch beschreibt, wie sich die Machtverhältnisse der Welt schon heute entlang der Frage verschieben, wer die verbleibenden Energieressourcen und den Zugang zum Weltmarkt kontrolliert. Es zeigt auf, wie die Politik reagieren muss, um die sich abzeichnenden Ressourcenkonflikte kooperativ und friedlich zu lösen.
Russland, China, die Europäische Union und natürlich die USA sind die vier Hauptakteure, die sich im Großen Spiel des 21. Jahrhunderts gegenüberstehen. Anders als beim »Great Game« des 19. Jahrhunderts, als Russland und England in den Wettlauf um die Kontrolle Zentralasiens traten, handelt es sich heute nicht ausschließlich um ein Ringen um politische und wirtschaftliche Einflusszonen. Es geht auch darum, welche Spielregeln auf den Energiemärkten im Besonderen und in der Welt von morgen im Allgemeinen gelten sollen. Dabei stehen sich zwei Philosophien gegenüber: eine neue Großmachtpolitik, wie sie die USA durch die militärische und politische Neuordnung des Nahen Ostens, wie sie Russland und China durch die expansive Politik ihrer staatlichen Energiekonzerne in Afrika und Zentralasien betreiben; oder eine Politik, die – um Ressourcenkonflikte zu entschärfen – auf Klimaschutz, Energieeinsparung, erneuerbare Energien und internationale Kooperation setzt.
Russland hat eine Schlüsselstellung für die zukünftige Energieversorgung Europas und Asiens. Deswegen ist es wichtig, zu verstehen, wohin Russland steuert und wer die Männer sind, die zurzeit im Kreml das Sagen haben. Russlands innenpolitische Entwicklung hat auch Auswirkungen auf sein Verhalten gegenüber seinen Nachbarn und dem Rest der Welt. Wie zu Sowjetzeiten gehen eine immer autokratischere Innen- und eine imperiale Außenpolitik Hand in Hand. Dabei setzt die neue russische Großmachtpolitik auf die Macht von Gazprom, nicht auf die Waffen der Roten Armee. Die Europäische Union muss sich entscheiden, wie sie mit dem unheimlichen Koloss in ihrer Nachbarschaft umgehen will. Wird Russland zum strategischen Partner, wie es in den wohllautenden Erklärungen europäischer Gipfeltreffen immer heißt, oder wächst im Osten ein Konkurrent und Gegner heran, gegen den Europa sich politisch und wirtschaftlich rüsten muss?
Auch für China und Indien, die beiden aufstrebenden Mächte des 21. Jahrhunderts, gehören Energie- und Außenpolitik eng zusammen. Die Region und ihr dynamisches Wirtschaftswachstum sind höchst abhängig von Energieimporten, sowohl aus dem Nahen Osten als auch aus Russland und Zentralasien. Die asiatischen Schwellenländer und ihre Ökonomien reagieren deshalb auf Krisen und Kriege in diesen Regionen höchst empfindlich.
Die meisten Öl- und Gasvorkommen in der Region selbst liegen unter dem Meeresspiegel. Die Oberhoheit über diese Gebiete ist heiß umkämpft und sorgt dafür, dass die Spannungen zwischen China und seinen Nachbarn steigen und regionale Kooperation auf anderen Gebieten erschwert wird. Chinas staatliche Ölkonzerne drängen zudem mit hoher Aggressivität auf den Weltmarkt, ohne Rücksicht auf Umweltprobleme und Menschenrechte zu nehmen.
Die Europäische Union ist die größte Wirtschaftsmacht der Welt, verfolgt aber bisher keine eigenständige Energiepolitik. Ohne eine gemeinsame europäische Energiepolitik kann es aber auch keine überzeugende EU-Außenpolitik geben. Sonst bleibt die EU in einer zentralen ökonomischen Überlebensfrage erpressbar. Da Europa auf absehbare Zeit von Energieexporten aus seiner südlichen und östlichen Nachbarschaft abhängig sein wird, darf die gemeinsame Energiepolitik sich nicht auf die EU im engeren Sinne beschränken, sondern muss die angrenzenden Länder Osteuropas sowie des Nahen und Mittleren Ostens einbeziehen. Entscheidend dabei ist das Verhältnis der EU zu Russland. So wie Russland den Doppelkontinent Eurasien geografisch verbindet, so verknüpfen der Energietransport und Handel Eurasien nicht nur wirtschaftlich, sondern zunehmend auch politisch miteinander. Weitere Schlüsselländer sind dabei die Ukraine, die Türkei und die Staaten des südlichen Kaukasus. Sie dienen als politische Brücke und Transitländer für den Energieimport in die EU. Deshalb müssen diese Länder politisch und wirtschaftlich stärker an die EU herangeführt werden.
Europas Energiepolitik muss aber auch Alternativen zu der wachsenden Abhängigkeit von Energieimporten aus seinen Nachbarregionen entwickeln. Dazu gehört, die Energieeffizienz der europäischen Wirtschaft weiter zu verbessern und die Führungsrolle des alten Kontinents bei den erneuerbaren Energien weiter auszubauen.
Auf der Suche nach den letzten Öl- und Gasvorkommen des Planeten geraten sowohl Umwelt als auch Demokratie unter Druck. In der Arktis, auf den Weltmeeren, in tropischen und nordischen Wäldern wird bisher unberührte Natur durch den Rohstoffabbau bedroht. Für den Transport von Öl und Gas werden neue Schneisen durch Gebirge, Eis und Wälder geschlagen. Giftige Abfälle und Unfälle bedrohen einheimische Tier- und Pflanzenarten und entziehen der einheimischen Land- und Jagdwirtschaft damit die Grundlage. Die Menschen vor Ort werden meist nicht gefragt, wenn das Energieministerium aus der Hauptstadt oder der multinationale Ölkonzern aus dem Ausland bei ihnen bauen und investieren.
Wo das Öl regiert, kommt die lokale Mitbestimmung meist zu kurz. Die Verletzung von Menschenrechten und die Störung traditioneller Lebensweisen der einheimischen Bevölkerung führen zu sozialen Konflikten und politischer Instabilität. Die Interessenvertretungen indigener Völker und internationale Umweltverbände werden bei ihrem Versuch, der Kolonisierung der letzten Naturparadiese durch die internationalen Energiekonzerne Einhalt zu gebieten, von den Regierungen oft alleingelassen.
Wenn das Zeitalter der fossilen Energien wirklich zu Ende geht, stellt sich – vielleicht schneller als gedacht – die Frage, was danach kommt. Nicht jeder Tropfen Öl, nicht jeder Kubikmeter Gas und nicht alle Kohle werden noch gefördert werden. Natürliche Herausforderungen und politische Krisen machen die Erschließung der verbleibenden fossilen Ressourcen schwieriger und teurer. Gerade die Ärmsten der Welt sind deshalb die Hauptbetroffenen. Sie werden ihre Öl- und Gasrechnung in Zukunft schlicht nicht mehr bezahlen können. Deswegen sucht die Energiewirtschaft mit Hochdruck nach Alternativen. Dabei stehen sich zwei Strategien diametral gegenüber: der verstärkte Ausbau der Atomenergie, eventuell ergänzt durch futuristische Fusionsreaktoren, einerseits sowie eine anspruchsvolle Klimaschutzpolitik, die auf Energieeinsparung und erneuerbare Energien setzt, andererseits. Im Zeitalter des internationalen Terrorismus steigt jedoch auch die Sorge vor der nuklearen Proliferation. Nicht nur aus umwelt-, sondern auch aus sicherheitspolitischer Sicht gehört den erneuerbaren Energien deshalb die Zukunft.
Doch die Wende »Weg vom Öl« erfordert nicht nur entsprechende betriebswirtschaftliche Weichenstellungen der einzelnen Energieunternehmen sowie eine volkswirtschaftliche Entscheidung jedes Staates über seinen Energiemix; sie kann letztendlich nur durch internationale Kooperation geleistet werden: durch eine internationale Energiediplomatie.
Die Menschheit steht vor der Alternative, ob die Entscheidung über ihre gemeinsame Energiezukunft friedlich fällt oder ob in naher Zukunft Ressourcenkriege drohen. Das Gefüge völkerrechtlicher Verträge und Institutionen, die den Bereich der internationalen Energiepolitik regeln, ist jedoch noch lückenhaft. Eine neue Weltumweltorganisation und eine Agentur zur Förderung erneuerbarer Energien könnten etablierte Einrichtungen wie die Internationale Energieagentur ersetzen.
Wie sieht also eine weltweite Energiepolitik aus, in der nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Stärke des Rechts regiert? Wie können knapper werdende Ressourcen gemeinsam bewirtschaftet und Ressourcenkriege abgewendet werden? Wie kann verhindert werden, dass beim Zugriff auf die letzten Rohstoffe unberührte Naturräume unwiederbringlich zerstört werden? Und wie sieht letztendlich eine internationale Energiepolitik aus, die nicht nur sichere, preiswerte Energie zur Verfügung stellt, sondern auch die Menschheitsfrage des Klimaschutzes beantwortet?
KAPITEL 1
VOR EINER NEUEN ENERGIEKRISE
Die Welt steht vor einer neuen Energiekrise. Im Gegensatz zu den Ölkrisen der siebziger und achtziger Jahre handelt es sich nicht um einen der bekannten zyklischen Preisanstiege, sondern um einen langfristigen Trend zur Ressourcenverknappung, der durch den Eintritt wichtiger Schwellenländer wie Indien und China auf den Weltenergiemarkt hervorgerufen wurde. Den knapper werdenden Vorräten an Öl und Gas steht ein stetig wachsender Bedarf gegenüber. Nur Kohle scheint über einen längeren Zeitraum in ausreichendem Maße vorhanden zu sein. Die Verbrennung aller fossilen Kohlevorräte wäre jedoch eine enorme Umweltbelastung, weil sich dadurch der weltweite Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid nochmals erhöhen würde. Neben der Energiekrise rückt auch die drohende Klimakrise immer mehr ins Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit. Die ersten Auswirkungen des globalen Klimawandels sind in der Arktis und anderen empfindlichen Ökosystemen schließlich schon heute zu beobachten.
Die sich abzeichnende Energiekrise droht außerdem, die politischen Gewichte auf der Welt zu verschieben. Die verbleibenden Öl- und Gasvorräte konzentrieren sich am Persischen Golf, in Zentralasien und Russland. Für Europa besteht daher die Gefahr, in die Abhängigkeit politisch instabiler und undemokratisch verfasster Länder, der neuen Energiegroßmächte der Zukunft, zu geraten. Wenn es Europa und anderen Ländern aber gelingt, auf erneuerbare Energien zu setzen, können sich auch die Machtverhältnisse im geopolitischen Kräftespiel wieder zu ihren Gunsten ändern.
Business as usual
Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris wurde nach der ersten Ölkrise 1973 gegründet; sie beobachtet die Entwicklung der weltweiten Energiemärkte. Ihr jährlicher World Energy Outlook veröffentlicht regelmäßig erhobene Daten über die Trends des Energieverbrauchs, der Förderung und Preisentwicklung in allen großen Industrie- und Schwellenländern. Ein Blick auf die neuesten von der IEA veröffentlichten Zahlen lohnt sich, um zu verstehen, welche dramatischen Entwicklungen sich in den weltweiten Energiemärkten abzeichnen und welche politischen Herausforderungen darin liegen.
Im World Energy Outlook 2005 hat die IEA ein Szenario für den Zeitraum von 2005 bis 2030 erstellt. Grundannahme ist, dass die Energiepolitik der großen Industrie- und Schwellenländer sich in diesem Zeitraum nicht wesentlich ändert. Die Amerikaner nennen so etwas »business as usual«, das heißt »die Geschäfte laufen weiter wie bisher«. Bei Fortsetzung der heutigen Trends sowie auf Grundlage der erwarteten Entwicklung der Weltwirtschaft haben die Experten der IEA errechnet, dass der weltweite Energieverbrauch bis 2030 um 50 Prozent ansteigen wird.
Nach diesem Trendszenario wird die Energieversorgung auch 2030 im Wesentlichen auf fossilen Energieträgern beruhen. Der globale Verbrauch von Öl, Gas und Kohle wird demnach weiter zunehmen. Der Hauptteil des Anstiegs erfolgt in den großen Schwellenländern Indien und China. In der Folge wird der Ausstoß des Treibhausgases CO2 jährlich um 1,6 Prozent ansteigen. Ziel der UN-Klimakonvention, die 1992 auf dem Weltgipfel von Rio verabschiedet wurde, war, diesen Trend bis zum Jahr 2000 umzukehren und den CO2-Ausstoß unter den Stand von 1990 zu senken. Dieses Ziel ist heute schon nicht mehr zu schaffen. Der Anteil der Kernenergie würde bei Fortsetzung des jetzigen Trends sinken, da derzeit weniger neue Reaktoren geplant als stillgelegt werden. Der Anteil erneuerbarer Energien wie Sonne, Wind, Wasser und Biomasse würde schneller steigen als der aller anderen Energieformen. Da die erneuerbaren Energien ihr Wachstum auf niedrigem Niveau beginnen, würden sie trotz einer hohen jährlichen Steigerungsrate von erwarteten 6,2 Prozent jedoch auch 2030 nur zwei Prozent des gesamten Primärenergiebedarfs decken.
Der jährliche Energiereport des deutschen Bundeswirtschaftsministeriums bestätigt die Zahlen der IEA. Für Deutschland würde demnach bis 2030 der rechnerisch zusammengenommene Anteil der nichtfossilen Energien, also von Atomenergie und erneuerbaren Energien, bei Fortsetzung jetziger Trends, also einem moderaten Ausbau der erneuerbaren Energien bei gleichzeitigem Ausstieg aus der Atomenergie, eher ab- als zunehmen. Der Anteil von Öl und Erdgas am Energiemix würde im gleichen Zeitraum von 59 auf 70 Prozent steigen. Das Wirtschaftsministerium weist außerdem darauf hin, dass die europäische Produktion aus den Öl- und Gasfeldern der Nordsee weiter zurückgehen, also die Importabhängigkeit von Russland und dem Nahen Osten wachsen wird.
Dabei bereitet den Ministerialexperten die politische Entwicklung in beiden Regionen Sorgen. Die politischen Transformationsprozesse in Russland sind noch nicht abgeschlossen. Niemand weiß, ob Russland sich langfristig zu einer stabilen Demokratie und Marktwirtschaft entwickeln wird. Der Nahe Osten ist sicherheitspolitisch die Krisenregion Nummer eins. Eine verlässliche Energieversorgung aus dieser Region ist also nicht sichergestellt. Hinzu kommt, dass bisher weder Russland noch die meisten Golfstaaten Mitglieder der Welthandelsorganisation WTO sind. Im Fall eines Handelskonflikts ist für sie also nicht einmal das Streitschlichtungsinstrumentarium der WTO anwendbar. Das Bundeswirtschaftsministerium prognostiziert deshalb, dass bei wachsender Abhängigkeit von den genannten beiden Exportregionen die Energiesicherheit Deutschlands wohl abnehmen wird.
Insgesamt geht die IEA davon aus, dass die vorhandenen Ressourcen an fossilen Energieträgern ausreichen werden, auch die Weltwirtschaft von 2030 anzutreiben. Die Prognose der IEA ist allerdings mit Unsicherheiten behaftet. Da ihrer Grundannahme zufolge in den kommenden Jahren neue Ölfelder entdeckt und damit weitere Raffineriekapazitäten eröffnet werden, geht sie von einer nur moderaten Erhöhung des weltweiten Ölpreises – und des daran gekoppelten Gaspreises – aus. Für 2010 prognostizierte sie im Jahr 2005 einen durchschnittlichen Preis von 35 US-Dollar pro Barrel Öl, der bis 2020 auf 37 US-Dollar und bis 2030 auf 39 US-Dollar ansteigen würde. Doch bereits Mitte 2006, während der politischen Krisen im Irak, Iran und Libanon, bewegte sich der Preis pro Barrel knapp unter 80 US-Dollar, war also mehr als doppelt so hoch.
Zu Recht weisen die Experten der IEA darauf hin, dass Naturkatastrophen, politische Krisen und Kriege die Energiesicherheit für die Verbraucherländer erschüttern können, auch wenn die weltweiten Öl-, Gas- oder Kohlevorräte rein mengenmäßig ausreichen. Besonders beunruhigt zeigt sich die IEA jedoch über die wachsende Asymmetrie zwischen wenigen Export- und vielen Konsumentenländern. Insgesamt würde bei Fortsetzung der jetzigen Trends die Abhängigkeit der Welt von einigen öl- und gasexportierenden Ländern, vor allem des Nahen und Mittleren Ostens, dramatisch anwachsen. Für Westeuropa wächst außerdem die Abhängigkeit von Erdgasimporten aus Russland. Westeuropa und Ostasien haben im Vergleich zu dem dritten Pol der industrialisierten Welt, Nordamerika, nur geringe eigene fossile Energievorräte. Neben dem Verlust an Energiesicherheit ist es vor allem der steigende Ausstoß an Treibhausgasen bei ungebremster Verbrennung fossiler Energien, der den Experten der IEA Sorgen macht. In den Schlussfolgerungen des World Energy Outlooks 2005 heißt es deswegen: »Es wird weithin anerkannt, dass der Ausgang dieses Referenzszenarios unerwünscht und nicht nachhaltig ist.«
Peak Oil – das Ende des billigen Erdöls
Ein Gespenst geht um in der Energiebranche. Es nennt sich »Peak Oil« und verkündet das Ende des Ölzeitalters – oder doch zumindest das Ende der Verfügbarkeit eines billigen, scheinbar unerschöpflichen Schmierstoffs für die Weltwirtschaft. In einer Zeitungsanzeige des amerikanischen Ölkonzerns Chevron hieß es unlängst: »Wir haben 125 Jahre gebraucht, um die erste Billion (1.000 Milliarden) Barrel Öl zu verbrauchen. Die nächste Billion werden wir schon in 30 Jahren schaffen.« Gemeint ist damit die Förderung der gesamten Branche, nicht nur der Firma Chevron. Die Frage ist nur, ob die nächste nicht auch die letzte Billion ist. Mit dem Zeitpunkt und den Folgen des Peak Oil beschäftigt sich ein veritabler neuer Wissenschaftszweig. Kjell Aleklett, Physikprofessor an der Universität im schwedischen Uppsala, hat die Association for the Study of Peak Oil and Gas (ASPO) gegründet und beschäftigt sich wissenschaftlich mit diesem Thema. Aleklett veröffentlicht Nachrichten und Zeitungsartikel, die belegen, dass es mit Öl und Gas langsam, aber stetig bergab geht. In seinem Blog www.peakoil.net, einem Diskussionsforum im Internet, diskutieren Geologen, Energiehändler und Ölexplorationsexperten über ihre gemeinsame Sorge, dass das Ende des Ölzeitalter näher sein könnte, als man denkt.
Peak Oil bezeichnet den Zeitpunkt, ab dem die weltweite Gesamtförderung von Rohöl ihren Höhepunkt erreicht hat und anschließend zurückgeht. Nach Angaben der Ölgesellschaft BP reichen die geschätzten Reserven an Rohöl weitere 40 bis 50 Jahre. Seit Anfang der achtziger Jahre wird mehr Öl gefördert als neues gefunden, und die Lücke öffnet sich immer weiter. Auf vielen alten Ölfeldern lohnen sich langfristige Investitionen nicht mehr. Die alten, maroden Förderanlagen und die rostigen Tanker werden deswegen weitergenutzt, bis die Quelle versiegt ist. Dann werden sie, da das Ölzeitalter ohnehin zu Ende geht, verschrottet.
Die Reserven der verschiedenen Hauptförderländer reichen unterschiedlich lange. Während Saudi-Arabien jährlich 1,5 Prozent seiner Reserven fördert, sind es in Afrika drei und in Russland fünf Prozent. Grob gerechnet werden Russlands Ölreserven deshalb in 20 Jahren aufgebraucht sein. Hinzu kommen weitere Ressourcen, die momentan nicht unter wirtschaftlich und technisch vertretbarem Aufwand gefördert werden können. Bei steigenden Ölpreisen kann sich das aber ändern. Schließlich gibt es noch die unkonventionellen Ölquellen wie Ölschiefer und -sande, die erheblich länger reichen würden.
Das üblicherweise zitierte Verhältnis von Reserven und statistischem Verbrauch ist allerdings irreführend, da damit fälschlicherweise suggeriert wird, dass man bis zur Erschöpfung aller Reserven eine konstante Förderung aufrechterhalten könne. Wichtig ist deswegen der Zeitpunkt, ab dem die Förderung abnimmt. Die oben erwähnte ASPO glaubt, dass dieser Zeitpunkt schon 2010 erreicht sein könnte. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften rechnet mit dem Peak Oil bis zum Jahr 2025. Spätestens ab dann steht Öl als billiger und scheinbar unerschöpflicher Rohstoff nicht mehr zur Verfügung, und es beginnt die Mangelwirtschaft – oder die Suche nach Alternativen. Wichtigste Folge des Ölmangels jenseits des Peak Oil sind steigende Preise, da das Angebot die Nachfrage nicht mehr befriedigen kann. Nicht alle können diese Preise bezahlen. Sie erleben eine neue Form der Armut, die so genannte »Energiearmut«.
Die verbleibenden Vorräte konzentrieren sich wie gesagt in immer weniger Regionen. Etwa 70 Prozent der konventionellen Erdöl- und 65 Prozent der Erdgasreserven befinden sich in einem relativ eng begrenzten Gebiet. Dieses Gebiet, die sogenannte strategische Ellipse, reicht vom Nahen Osten über den kaspischen Raum bis nach Nordwest-Sibirien. Auf diesen Raum konzentrieren sich deswegen auch die Überlegungen außenpolitischer Strategen in Washington, Moskau oder Peking. Hier findet das Große Spiel (Great Game) um die letzten Ressourcen des fossilen Energiezeitalters statt. Andere Regionen, vor allem das energiearme Europa, geraten in eine immer stärkere Importabhängigkeit, sollte es ihnen nicht gelingen, die fossilen Energien durch erneuerbare Energien zu ersetzen und die Effizienz der Energienutzung drastisch zu erhöhen.
Ein illustratives Beispiel, wie das Ende des Ölzeitalters aussehen könnte, bietet das Nordseeöl. Nach dem ersten Ölpreisschock Anfang der siebziger Jahre half die Entdeckung neuer Ölvorkommen unter der Nordsee den Westeuropäern, von Importen aus den arabischen OPEC-Ländern unabhängiger zu werden. Auch wenn Öl aus der Nordsee erheblich teurer war als die Importe vom Persischen Golf, so wurde doch die Marktmacht der OPEC gebrochen. Dazu kamen neu entdeckte Ölvorkommen in Alaska. In den neunziger Jahren drängten außerdem Russland und die zentralasiatischen Staaten auf den internationalen Ölmarkt.
Heute geht die Förderung aus der Nordsee zurück. Bis 2020 werden die meisten Quellen erschöpft sein. Großbritannien ist heute schon wieder zum Nettoimporteur von Erdölprodukten und Erdgas geworden. Norwegen, die zweite Nordsee-Ölgroßmacht, erschließt Gasfelder in seinem arktischen Norden und möchte mit einer Pipeline entlang seiner Küste der Ostseepipeline und dem russischen Handel mit Flüssiggas Konkurrenz machen. Norwegen wird auf absehbare Zeit Westeuropas einziger Energieexporteur sein.
Die durchschnittlichen Kosten für die Förderung eines Barrel Rohöl sind zwischen 1995 und 2005 von fünf auf zehn US-Dollar gestiegen. Der Grund dafür ist, dass die meisten billig zu erschließenden, nah an der Oberfläche liegenden Ölquellen langsam versiegen und die Förderung in unzugänglicheren Regionen teurer ist. Auch die Kosten für die Förderausrüstung, etwa Stahl oder Bohrtürme, steigen weiter. Für die immer komplizierter und technisch anspruchsvoller werdende Ölförderung in den Tropen, unter dem Meeresboden (offshore) oder in der Arktis macht sich schon jetzt ein gravierender Mangel an Fachkräften bemerkbar. In Ländern mit schlechten Ausbildungssystemen, beispielsweise den ölexportierenden Staaten Zentral- und Südafrikas, nimmt dieser Fachkräftemangel dramatische Formen an. Dazu kommt, dass westliche Techniker und Experten wegen der schlechten Sicherheitslage nur ungern in diesen Ländern arbeiten. So werden in Nigeria Mitarbeiter internationaler Ölfirmen regelmäßig attackiert oder entführt. Die Folgen des Technikermangels sind Produktionsausfälle und eine steigende Zahl von Unfällen.
Auch die Politik hat erkannt, dass das Ölzeitalter langsam zu Ende geht. US-Präsident Bush forderte in seiner Rede an die Nation Anfang 2006 überraschend, Amerika aus seiner Ölabhängigkeit zu befreien. Bush gab sogar zu, die USA seien »süchtig nach Öl«. Das amerikanische Verteidigungsministerium lässt sich vom Papst der alternativen Energien, Amory Lovins, beraten, wie das Endspiel des Ölzeitalters gewonnen werden kann (»Winning the Oil Endgame«). Schwedens Regierung hat erstmals einen Plan vorgelegt, wie ein fortgeschrittenes Industrieland bis zum Jahr 2020 ohne Ölimporte auskommen kann. Der Energiekonzern BP nennt sich in einer Anzeigenserie nicht mehr »British Petroleum« sondern »Beyond Petroleum« – und gibt damit zu erkennen, dass er für seine Geschäfte auch jenseits des Erdöls eine Perspektive sieht. Mit Öl macht der BP-Konzern aber immer noch sein Hauptgeschäft.
Trotzdem wird weiter in die Fortsetzung des Öl- und Gaszeitalters investiert. Die IEA nimmt an, dass bis zum Jahr 2030 weltweit insgesamt 13 Billionen US-Dollar in die Zukunft der Energieversorgung fließen werden. Zu entscheiden ist nur, in welche Technologien diese Investitionen gesteckt werden. Eine der größten Ölfirmen der Welt, die britische BP, plant jährliche Investitionen von 15 Milliarden US-Dollar sowie weiteren zwei Milliarden durch ihre russische Tochterfirma TNK-BP. Mit diesem hohen Investitionsbedarf rechtfertigen die Energiemultis auch ihre Gewinnabschöpfung in Zeiten hoher Öl- und Gaspreise.
Kann der Peak Oil verschoben, kann das Ölzeitalter verlängert werden? Wenn man die ganzseitigen Anzeigen studiert, die Firmen wie Chevron und Shell zum Thema Peak Oil geschaltet haben, dann lautet die Antwort »Ja«. Die Frage aber ist: um welchen Preis?
Ölsande – Kanadas Saudi-Arabien
Illustrativ ist die jahrzehntelang vorgetragene Saga um das angeblich unerschöpfliche Potenzial der Ölsande Kanadas und Venezuelas. Schon Anfang der siebziger Jahre erschien in der deutschen Illustrierten »Stern« ein mit spektakulären Bildern aufgemachter Artikel über die kanadischen Ölsande. Dort, in der westkanadischen Provinz Alberta, machten die Reporter die Zukunft unserer Energieversorgung jenseits von OPEC und Ölembargo aus.
Öl- oder Teersande bergen potenziell gigantische Reserven an noch unerschlossenen Rohölvorräten. Dabei handelt es sich um mit Öl durchtränkte Erd-, Schiefer- oder Sandschichten, die es in einer Vielzahl von Ländern gibt. Die größten Lagerstätten finden sich in der kanadischen Provinz Alberta, am Orinoko-Fluss in Venezuela und in den Weiten Russlands. Allein die kanadischen Reserven werden größer eingeschätzt als die konventionellen Ölreserven Saudi-Arabiens. Die Ölsand-Großmacht Kanada könnte theoretisch also den Saudis Konkurrenz auf dem Weltölmarkt machen und damit das geostrategische Gleichgewicht massiv verändern.
Natürlich wäre genau das schon längst passiert, wenn es nicht auch ein paar Probleme bei der Sache gäbe. Denn nicht nur die Kosten liegen erheblich über denen der konventionellen Energieförderung, sondern auch der Aufwand an eingesetzter Energie, Wasser und Naturressourcen.
Ölsande werden mit Schaufelbaggern im Tagebau gewonnen. Wer einmal die Braunkohletagebaugebiete von Garzweiler oder in der Lausitz gesehen hat, weiß, dass danach eine wenig romantische Mondlandschaft zurückbleibt. Anschließende Renaturierungsmaßnahmen, so sie denn überhaupt durchgeführt werden, können die verlorene Natur nicht wieder herstellen, sondern produzieren eine arten- und abwechslungsarme Ersatzlandschaft. Aber die ursprüngliche Natur, die es beispielsweise in Kanada noch gibt, kann nicht wieder zurückgeholt werden. Der Ölsandabbau im Westen Kanadas ist außerdem um Dimensionen größer angelegt als der Kohletagebau, wie wir ihn aus Deutschland kennen. Ganze Wälder werden heute dafür abgetragen, Flüsse umgeleitet und Menschen umgesiedelt. Bei Unfällen können Gewässer und Trinkwasser mit Öl verunreinigt werden.
Ein Viertel des Energiegehalts des gewonnenen Rohöls muss für die aufwändige Förderung und Aufbereitung der Teersande sowie die anschließende Renaturierung aufgewendet werden. Das Öl wird durch Wasserdampf aus dem Sand herausgepresst, der durch die Verbrennung von Erdgas erhitzt wurde. Von der kanadischen Regierung wurde sogar schon erwogen, ein eigenes Atomkraftwerk zu errichten, um die notwendige thermische Energie zur Wasserdampferzeugung bereitzustellen. Neben dem hohen Energieverbrauch sind auch die benötigten Wassermengen ein Problem: Das Wasser muss anschließend aufwändig gereinigt und über eigens angelegte Kanäle in das denaturierte Flusssystem zurückgeleitet werden.
In den abgelegenen Fördergebieten Sibiriens oder am tropischen Oriniko wäre die Gewinnung vermarktbaren Öls aus Schiefer und Sand keinesfalls kostengünstiger. Die Umweltauswirkungen des großflächigen Abbaus von Ölsand im Tagebau können dort nur geschätzt werden. Während jedoch in der Demokratie Kanada die Medien und Umweltverbände für ein Mindestmaß an Transparenz und Kontrolle sorgen, spielt sich die Ölexploration an den letzten Grenzen der Tropen oder der Arktis weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab.
Die Ölsande Kanadas sind nur ein – wenn auch besonders illustratives – Beispiel dafür, dass die Erschließung neuer Öl- und Gasvorkommen immer teurer, immer schwieriger und auch immer gefährlicher für Mensch und Natur wird. Die ersten Ölquellen Nordamerikas und im Mittleren Osten wurden noch dadurch entdeckt, dass Öl natürlich an die Oberfläche trat. Viele dieser Quellen waren seit der Antike bekannt: In Mesopotamien wurden Teer und Öl zur Dichtung von Booten und als medizinische Wundersalbe genutzt. Im heutigen Aserbaidschan entstand der Feuerkult des Zarathustra dort, wo sich an der Erdoberfläche austretende Ölquellen selbst entzündeten. Solche leicht zugänglichen Quellen werden heute nicht mehr neu gefunden, und die meisten bekannten sind inzwischen erschöpft. Es muss immer tiefer gebohrt werden, durch härteren Stein, durch Eis oder unterm Meeresboden. Da die globale Ölindustrie auf der Suche nach den letzten Verstecken des Schwarzen Goldes mittlerweile in die letzten Wildnisse vordringt, steigt auch der Preis für die Natur.
Alternative Erdgas
Gleichzeitig wird deutlich, dass auch die lange gefeierte Alternative Erdgas nicht unbegrenzt und billig zur Verfügung steht. Das Peak Gas, also der Scheitelpunkt der weltweiten Gasförderung, liegt allerdings weiter in der Zukunft als der Höhepunkt der Ölförderung. Viele Länder sind gerade erst dabei, Kraftwerke und Wärmeerzeugung von Öl oder Kohle auf Erdgas umzustellen. Erdgas hat eine Reihe von Vorteilen. Es verbrennt schadstoffarm und hat einen geringeren CO2-Gehalt pro Energieeinheit als Kohle und Öl. Viele Umweltpolitiker, die dafür eintreten, langfristig komplett auf erneuerbare Energien umzustellen, akzeptieren Erdgas als Übergangslösung. Für diese umweltpolitische Strategie stellen die neuerdings stark ansteigenden Gaspreise ein massives Problem dar.
Oftmals tritt Erdgas auf schon erschlossenen Ölfeldern auf, wurde bisher jedoch unzureichend genutzt. Vielerorts wird das austretende Erdgas weiterhin abgefackelt und erzeugt damit keine Energie, wohl aber das Treibhausgas CO2. Das Potenzial der Erdgasnutzung aus vorhandenen Quellen ist also erheblich. Seitdem die systematische Erkundung begonnen hat, werden außerdem jährlich mehrere große neue Erdgasfelder entdeckt.
Der Transport von Erdgas zum Kunden erfolgt in der Regel über Pipelines. Da es über längere Strecken immer aufwändiger wird, den Gasdruck in solchen Rohrleitungen aufrechtzuerhalten, gilt als Faustregel, dass Gaspipelines eine maximale Reichweite von 4.000 km haben. Deswegen gibt es bisher keinen globalen Gasmarkt, sondern nur regionale Netzwerke.
Das könnte sich mit dem zunehmenden Trend zur Verwendung von Flüssiggas (Liquid Natural Gas, LNG) ändern. Erdgas kann unter Druck und niedrigen Temperaturen verflüssigt werden. Der Vorteil liegt einerseits darin, dass so das Volumen des Erdgases reduziert wird. Außerdem kann es wie Öl mit Tankern zu seinem Zielort transportiert werden. Die größte Flüssiggasanlage der Welt wird momentan für den ostasiatischen Markt auf der russischen Pazifikinsel Sachalin errichtet. Von der arktischen Jamal-Halbinsel aus soll LNG mit Tankschiffen nach Nordamerika exportiert werden. Neben Europa und den ostasiatischen Staaten hätte Russland damit einen dritten Abnehmermarkt für seine Gasexporte. Auch Nigeria und Algerien setzen auf Flüssiggasexporte nach Europa. Japan und China interessieren sich besonders für den von Pipelines unabhängigen Zugang zum sauberen Erdgas.
Durch die unbegrenzte Transportfähigkeit von Flüssiggas per Tanker wird der Markt für Erdgas zum Weltmarkt. An den Küsten Nordamerikas und Ostasiens werden derzeit überall Flüssiggas-Terminals errichtet. Auf den Werften herrscht ein Auftragsboom für neue Tankschiffe.
Bisher bildet sich der Erdgaspreis nicht am Markt. Die meisten Lieferverträge sehen eine langfristige Preisbindung vor. Nur so waren die immensen Investitionen in das gigantische Pipelinenetz möglich, das beispielsweise Ost- mit Westeuropa verbindet. Enge Bündnispartner Russlands, beispielsweise das diktatorisch regierte Weißrussland, erhalten Preisnachlässe. Der Gaspreis für die Ukraine soll zwar stufenweise erhöht werden, wird aber weiterhin durch die Beimischung billigeren turkmenischen Erdgases niedrig gehalten. Ansonsten ist der an den weltweiten Spotmärkten gehandelte Gaspreis an den Ölpreis gekoppelt. Diese Koppelung wird, wenn beide Produkte zukünftig unabhängig voneinander gefördert und gehandelt werden, über kurz oder lang aufgehoben werden.
Erdgas ist wahrscheinlich der für politische Krisen anfälligste Rohstoff, der auf dem Weltmarkt gehandelt wird. Die festen Pipelines sind teuer, haben lange Bauzeiten und sind danach nicht mehr zu verlegen und umzuleiten wie ein Öltanker. Wer auf Gas setzt, setzt deswegen auf zweierlei: auf die wechselseitige Abhängigkeit von Produzent und Verbraucher sowie auf die Diversifizierung der Quellen. Europa hat das Glück, von erdgasexportierenden Ländern umgeben zu sein. Auch wenn einige osteuropäische Länder ihr Gas fast ausschließlich von Russland beziehen, so hat die EU insgesamt eine diversifizierte Versorgerstruktur. Die EU versucht außerdem, die sie umgebenden Länder nicht nur als Rohstoffimporteure zu betrachten, sondern sie Schritt für Schritt in den gemeinsamen europäischen Markt zu integrieren. Der Grundgedanke dabei ist, dass durch gegenseitige Abhängigkeit politische Zusammenarbeit und letztendlich Stabilität entsteht. Das außenpolitische Konzept der Europäischen Nachbarschaftspolitik, an dem die EU auch ihre finanziellen Hilfen für die Länder Osteuropas und Nordafrikas ausrichtet, stellt deswegen das gemeinsame Management der Energieressourcen in den Mittelpunkt.
Kohle
Am längsten reichen noch die weltweiten Steinkohlevorräte. Neben Russland, den USA, Australien und Südafrika weisen auch China und Indien immense einheimische Steinkohlelager auf, die noch lange nicht ausgeschöpft sind. Die IEA schätzt, dass allein in diesen beiden Ländern der Kohleverbrauch bis 2030 um 60 Prozent steigen wird. Auch in den USA und Russland ist die Kohle mit Abstand die reichhaltigste fossile Energiequelle. Selbst in Deutschland, das sonst kaum eigene fossile Energievorräte besitzt, liegen noch bedeutende Stein- und Braunkohlevorkommen unter Tage. Würde jedoch alle bekannte Steinkohle auf die bisherige Weise in thermischen Kraftwerken und ohne CO2-Filter verbrannt, hätte das unabschätzbare Negativfolgen für das globale Klima. Da jedoch weder die großen Schwellenländer noch Russland und die USA auf die Nutzung dieser preisgünstigen einheimischen Energiequelle verzichten werden, müssen bei der Kohleverbrennung möglichst saubere und effiziente Technologien zum Einsatz kommen, um die Umweltauswirkungen in Grenzen zu halten.
Grundsätzlich stehen drei Möglichkeiten zur Verfügung, um die Kohleverbrennung umweltfreundlicher zu machen. Neben hocheffizienten thermischen Kraftwerken kann die Kohle verflüssigt und als vielfältig verwendbarer Treibstoff eingesetzt werden. Außerdem ist es möglich, das bei der Verbrennung fossiler Energieträger entstehende Kohlendioxid technisch abzutrennen und unter der Erde zu lagern, sodass es nicht in die Atmosphäre gelangt.
Die Steigerung des Wirkungsgrades konventioneller Kohlekraftwerke ist ein erster wichtiger Schritt. Vor allem in Ländern wie Russland, Osteuropa, Indien und China, die alle zu den größten Kohlekonsumenten weltweit gehören, besteht ein enormes Potenzial zur Verbesserung der Energieeffizienz. Der Erhöhung der Energieausbeute pro Einheit Kohle sind jedoch technisch Grenzen gesetzt. Der höchste erreichte Wirkungsgrad liegt bei 65–70 Prozent. Bei der anschließenden Rauchgaswäsche, also dem Herausfiltern von Schwefel und anderen giftigen Stoffen aus den Kaminen, geht ein Teil der gewonnenen Energie wieder verloren. Moderne Kraftwerke mit aufwändiger Abgasreinigung können wirtschaftlich außerdem nur als Großanlagen gebaut werden. Deswegen eignen sie sich schlecht für die Wärmeversorgung von Industrieanlagen und Haushalten durch Kraftwärmekopplungsanlagen. Wärme kann wirtschaftlich nämlich nur über verhältnismäßig kurze Strecken transportiert werden. Die meiste Abwärme aus großen Kraftwerken wird deshalb in die Atmosphäre abgestrahlt.
Die Verflüssigung von Kohle hat in Deutschland einen schlechten Ruf. Im Dritten Reich und später in der DDR wurde im sächsischen Chemiedreieck Treibstoffersatz aus Braunkohle hergestellt. Inzwischen hat sich aber durch den Einsatz von Katalysatoren, Informationstechnologie und moderner Messtechnik die Qualität der aus Kohle hergestellten Mineralölprodukte sehr verbessert. Schadstoffe können in der flüssigen Phase problemlos abgetrennt werden. Der Wirkungsgrad liegt in Versuchsanlagen bei bis zu 95 Prozent. Die Kohleverflüssigung löst außerdem ein Problem, das viele erneuerbare Energien haben: Der flüssige Energieträger kann gut gelagert und auch als Kfz-Treibstoff verwendet werden. Bei bleibend hohen Ölpreisen trägt sich die Kohleverflüssigung auch wirtschaftlich. Sie ist deshalb eine wirkliche Alternative zum Erdöl. Die südafrikanische Firma Sasol, die ihre Methode zur Kohleverflüssigung während des Wirtschaftsboykotts in der Apartheidszeit entwickelt hatte, stellt verflüssigte Kohle für 25 US-Dollar pro Barrel her und liegt damit deutlich unter den zukünftig zu erwartenden Rohölpreisen. Selbst für deutsche Kohle gelten Produktionskosten von etwa 60 US-Dollar pro Barrel als realistisch. Im Jahr 2006 lag der Weltölpreis monatelang über diesem Wert. Kohle kommt auf der Erde so häufig und in solchem Umfang vor, dass der weltweite Kohlemarkt für politische Krisen weit weniger anfällig ist als der Öl- und Gasmarkt. Die meiste deutsche Importkohle kommt heute aus der stabilen Demokratie Australien. Aus klimapolitischer Sicht ist die Kohleverflüssigung allerdings noch ungünstiger als ihre Verbrennung. Schließlich muss für die Umwandlung der Kohle in Treibstoff zusätzliche Energie aufgewendet werden.
Grundsätzlich ist es möglich, die Kohleverbrennung dadurch klimafreundlicher zu gestalten, dass das Treibhausgas CO2 herausgefiltert wird. Dann könnte die Bedeutung der Kohleverbrennung auch in den westlichen Industriestaaten wieder wachsen. Dieselbe Technik der CO2-Ausscheidung und -Lagerung ließe sich bei Öl- und Gaskraftwerken einsetzen. Der Stromkonzern Vattenfall plant in der ostdeutschen Lausitz ein erstes CO2-freies Kraftwerk auf Braunkohlebasis. British Petroleum entwickelt ähnliche Projekte für Kalifornien und Schottland. Doch auf dem Weg zum routinemäßigen Einsatz dieser Technik müssen noch einige Probleme gelöst werden. Bei den bisherigen CO2-Filtertechnologien sinkt die Energieausbeute der Kraftwerke erheblich. Dadurch wird die Technik vor allem für Entwicklungsländer zu teuer. Ein internationaler Klimaschutzfonds könnte jedoch die Kostendifferenz übernehmen. Bei den bisherigen Pilotanlagen des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall in der Lausitz sowie ähnlichen Plänen der RWE für Nordrhein-Westfalen handelt es sich, gemessen an den Tausenden traditionellen Kohlekraftwerken, die derzeit vor allem in China, Indien und anderen Entwicklungsländern gebaut werden, außerdem nur um den berühmten Tropfen auf den heißen Stein. Die entscheidende Zukunftsfrage für die Kohle heißt: Bleibt es bei wenigen CO2-freien Pilotanlagen mit Alibifunktion, oder wird die kostspielige moderne Abscheidetechnik flächendeckend und weltweit in modernen Kraftwerken eingesetzt?
Vor einer Entscheidung über den großflächigen Einsatz dieser neuen Technologie sollte aber das grundsätzliche Problem gelöst werden, wo das abgetrennte CO2 anschließend gelagert wird. Bisher wurde vorgeschlagen, es entweder in alten Öl- und Gaslagerstellen, in Salzstöcken oder unter dem Meeresboden unterzubringen. Über das langfristige Verhalten dieser CO2-Blasen weiß die Wissenschaft jedoch noch zu wenig, um einen großflächigen Einsatz dieser Technik guten Gewissens empfehlen zu können.
Energiearmut
Der neue Fluch, der auf den ärmsten Ländern der Welt liegt, heißt Energiearmut. Unter den 85 Prozent aller Länder, die Öl importieren müssen, befinden sich nicht nur die wohlhabenden Industrieländer oder die Wachstumsökonomien China und Indien, sondern auch die Ärmsten der Armen in Schwarzafrika, Lateinamerika oder Zentralasien. Steigende Preise haben auf diese Länder überproportional hohe Auswirkungen. Steigen die Energiepreise weiter, droht den ärmsten Entwicklungsländern eine neue Schuldenkrise. Nach Berechnungen der Weltbank kostet ein Anstieg der Rohölpreise um zehn US-Dollar die Industriestaaten ein halbes Prozent Wirtschaftswachstum. Für die ärmsten Länder, deren Energiekostenanteil an der Herstellung von Gütern in der Regel erheblich höher liegt, können die Einbußen bis zu dreimal so hoch sein.
Energiearmut trifft nicht nur die Wirtschaft dieser Länder, sondern auch ihre Bürger. Die Mieter in der Ukraine können angesichts steigender Gaspreise bald ihre Heizkosten nicht mehr bezahlen. Wer sich die teure Energie nicht leisten kann, muss frieren. Schulkinder in Afghanistan können abends nicht mehr lernen, weil der Strom abgeschaltet wird. Menschen in energiearmen Ländern, Stadtteilen oder Haushalten haben geringere Chancen, im Leben weiterzukommen. Viele Regierungen der ärmsten Länder müssen am Schul- und Gesundheitssystem sparen, um die Rechnungen für die Ölimporte zu begleichen. Energiearmut versperrt den Weg für Entwicklung.
In manchen Ländern, die auf dem Weltmarkt zu den Energieexporteuren zählen, leiden die eigenen Bürger trotzdem unter Energiemangel. Der Grund sind regionale und soziale Ungleichheiten. In Nigeria, dem größten Erdölexporteur Afrikas, bilden sich vor den Tankstellen der Hauptstadt Lagos lange Autoschlangen. Nigeria exportiert zwar Öl, hat aber keine ausreichenden eigenen Raffineriekapazitäten. Das Nigerdelta, in dem das meiste Öl des Landes gefördert wird, zählt gleichzeitig zu den ärmsten Regionen Nigerias. Die meisten Dörfer haben keinen Stromanschluss. Geheizt wird mit Holz.
Selbst in Russland, dem größten Erdgasproduzenten weltweit, sind zahlreiche Dörfer von der Moderne abgeschnitten. Im Winter stockt in den Städten der Nachschub. In manchen sibirischen Dörfern sieht man die Fackeln der Erdgasbohranlagen in der Ferne leuchten und muss trotzdem mit Holz heizen.
Energiearmut trifft nicht nur die Wirtschaft armer Länder und führt zu einem Verlust an Gestaltungschancen für die dort lebenden Menschen, sondern erschüttert auch die Stabilität fragiler Staaten und junger Demokratien. Die einseitige Entwicklung des exportorientierten Energiesektors geht auf Kosten anderer Sektoren der Volkswirtschaft. Dadurch wachsen bestehende soziale Unterschiede und steigen politische Spannungen. Dabei macht es meist keinen Unterschied, ob private multinationale Konzerne oder staatliche Energieunternehmen die Branche beherrschen. In Russland, dem Iran oder Venezuela ging die Verstaatlichung der Energieindustrie auch mit einem Abbau der Demokratie und einer aggressiven Außenpolitik einher.
Die beste Chance für arme Länder, der Falle Energiearmut zu entkommen, bestünde darin, ihren eigenen nachhaltigen Weg in der Energieversorgung zu gehen. Die ineffiziente Wirtschaft der am wenigsten entwickelten Länder verbraucht heute doppelt so viel Energie pro Einheit wirtschaftlicher Leistung wie die der westlichen Industrieländer. Das Energieeinsparpotenzial wäre enorm, wenn in die entsprechende technische Ausstattung investiert würde. Eine weitere Alternative zum Import teurer fossiler Energieträger wäre es, einheimische Ressourcen besser zu nutzen. In vielen landwirtschaftlich geprägten Entwicklungsländern kann Biomasse zum Heizen sowie zur Elektrizitätserzeugung und Äthanol aus Getreide als Benzinersatz genutzt werden. Wind- und Solarenergie sind vor allem für abgelegene Standorte, die durch das nationale Elektrizitätsnetz nicht erreicht werden können, eine gute Alternative. Moderne Entwicklungszusammenarbeit stellt deshalb den Zugang aller zu erschwinglicher Energie aus erneuerbaren Quellen in ihren Mittelpunkt.
Klimasicherheit
Die neue Energiekrise ist auch eine Klimakrise. Wer von Energiesicherheit redet, wird deshalb zukünftig auch von Klimasicherheit sprechen müssen.
Anfang 2007 soll der neue Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), dem Wissenschaftlerrat, der für die Vereinten Nationen den weltweiten Klimawandel beobachtet, erscheinen. Die Erkenntnisse der Wissenschaftler sind alarmierend. Schon jetzt weiß man, dass die Konzentration der den Treibhauseffekt beeinflussenden Gase Kohlendioxid (CO2), Methan und Stickoxid heute höher ist als zu irgendeinem Zeitpunkt in den vergangenen 650.000 Jahren. Zwischen 1999 und 2004 stieg der CO2-Gehalt der Atmosphäre um jährlich 0,5 Prozent. Insgesamt hat sich die Erdoberfläche seit Anfang des 20. Jahrhunderts um 0,65 Grad Celsius erwärmt.
Jared Diamond, Professor für Geographie an der Universität von Kalifornien und Gewinner des Pulitzer Preises für sein Buch »Guns, Germs, and Steel« über die natürlichen Grundlagen unterschiedlicher menschlicher Zivilisationen, beschäftigt sich in seinem neuen Werk »Collapse« damit, wie unterschiedliche Kulturen auf ökologische Krisen erfolgreich reagieren oder untergehen.
Vor einigen Sommern besuchte Diamond die beiden Milchviehhöfe von Huls und Gardar und stellte verblüffende Ähnlichkeiten fest. Beide gehörten zu den größten und technisch bestausgerüsteten Gütern der Gegend und ihre Besitzer zu den Stützen ihrer Gemeinschaft. Auch die Probleme beider Betriebe ähnelten sich. Beide lagen zu weit im Norden, um das Vieh das ganze Jahr auf die Weide zu lassen, und arbeiteten deshalb lange am Rand der Wirtschaftlichkeit. Der wesentliche Unterschied zwischen Huls und Gardar besteht jedoch in ihrer heutigen Situation. Die Huls Farm im Bundesstaat Montana ist ein prosperierender Familienbetrieb in einem der Landkreise mit dem höchsten Bevölkerungswachstum der USA. Der Wikinger-Hof von Gardar dagegen liegt seit 600 Jahren zerstört und verlassen an der Westküste Grönlands.
An diesen und anderen Fällen vollzieht Diamond nach, wie die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen zur Degradation oder zum vollkommenen Verschwinden historischer Zivilisationen geführt hat. Zum Vergleich beschreibt er Gesellschaften, die dieselben oder ähnliche Herausforderungen erfolgreicher gemeistert haben, und sucht nach Parallelen in modernen Gesellschaften. Seine Grundfrage ist, warum Gesellschaften durch ökonomische und kulturelle Entscheidungen ihre eigenen Lebensgrundlagen unterminieren, auch wenn die Zeichen an der Wand deutlich lesbar sind. Am Ende des Buchs schlägt er vor, aus dem historischen Versagen anderer zu lernen.
Opfer historischer Umweltzerstörung waren auch die Zivilisationen der Osterinseln oder der Maya. Die Wikingerkultur überlebte zwar auf den Färöer, Shetland und Island, passte sich den extremeren Bedingungen auf Grönland jedoch nicht ausreichend an. Andere Kulturen reagierten auf anfängliche Umweltzerstörung mit gesellschaftlichen Innovationen, Beispiele sind die Einführung einer nachhaltigen Forstwirtschaft in Japan und Deutschland im 19. Jahrhundert.
Das Ende der Arktis
Grönland und der Untergang seines Wikingervolks stehen im Mittelpunkt von Jared Diamonds Buch. Doch auch dem Grönland von heute drohen Umweltveränderungen. Am 8. November 2004, wenige Tage nach der Wiederwahl von US-Präsident George W. Bush, wurde das von einem Team von 300 international renommierten Wissenschaftlern verfasste »Arctic Climate Impact Assessment« veröffentlicht. Die Initiative dafür lag beim Arctic Council (Arktischer Rat), der zwischenstaatlichen Organisation der Anrainerstaaten der Arktis. Das Ratsmitglied USA hatte eine Veröffentlichung des Berichts vor den Präsidentschaftswahlen verhindert.
Wichtigste Feststellung ist, dass sich die Arktis momentan doppelt so schnell erwärmt wie der Rest der Erde. Die Eisdecke über dem Nordmeer und das Eisschild auf Grönland beginnen abzuschmelzen. Sollte das gesamte Inlandeis Grönlands schmelzen, würde der Meeresspiegel weltweit um sieben Meter ansteigen. Noch dramatischer würde der Anstieg ausfallen, wenn auch das Eis der Antarktis schmilzt. Der Zerfall des westantarktischen Eisschildes, der in den vergangenen Jahren durch Umweltsatelliten beobachtet wurde, könnte demnach eine größere strategische Bedrohung für die weltweite Sicherheit darstellen als das iranische Nuklearprogramm.
Der Arktische Rat ist eine internationale Organisation eigenen Charakters. Neben den acht Anrainerstaaten sind auch sechs Dachorganisationen indigener Völker dort Mitglied. Diese haben, um das Beispiel Russland zu nehmen, einen anderen Blick auf die Region und ihre Naturressourcen als die Zentralregierung in Moskau. Für fast alle Mitgliedstaaten der Organisation ist die Arktis politische und ökonomische Peripherie. Die Organisationen der Indigenen sind deswegen der Motor der Organisation.
Das Internationale Arktische Wissenschaftskomitee (International Arctic Science Committee; IASC) ist aus dem Zusammenschluss von 18 nationalen Wissenschaftsakademien entstanden. Vor allem in Russland und den USA nehmen die Wissenschaftsakademien eine bedeutende Rolle als unabhängige Berater ihrer Regierungen wahr. Die US-Akademie warnt ihre Regierung seit Jahren vor den Folgen des globalen Klimawandels. Die russische Akademie der Wissenschaften war schon zu Sowjetzeiten einer der Zufluchtsorte ökologisch denkender Forscher und Intellektueller.
Innerhalb des Arktischen Rats ist es vor allem die Regierung Kanadas, die den Klimawandel in der Region zu einem Thema ihrer öffentlichen Diplomatie gemacht hat. Die Regierung in Ottawa arbeitet dabei eng mit dem Sekretariat des Rats in Kopenhagen, Indigenenvertretern und Nichtregierungsorganisationen zusammen. Im Rahmen einer Medienkampagne hat der Arktische Rat außerdem die »New York Times« auf seine Seite gebracht, die seit anderthalb Jahren kontinuierlich über die Problematik berichtet. Andere internationale Medien, die sich gern von der »New York Times« inspirieren lassen, greifen das Thema seitdem auf.
Für die indigenen Kulturen der Arktis beschleunigen die Klimaveränderungen den Wandel, dem sie ohnehin ausgesetzt sind. Die Ökonomie, aber auch die Kultur der Inuit beispielsweise ist eng mit der Nutzung weniger Tierarten verbunden. Der Rückgang der Meeressäuger, aber auch des Fischereiertrags führt zur Umstellung der Ernährung auf importierte verarbeitete Lebensmittel. Damit einher geht das Ansteigen von Zivilisationskrankheiten. Gebrauchsgegenstände und Kunsthandwerk aus tierischen Produkten bildeten die zweite Basis der Inuit-Ökonomie. Auch diese Grundlage einer selbst versorgenden Ökonomie ist bedroht, ohne dass Alternativen sichtbar wären.
Aber auch die Grundlagen der modernen Ökonomie sind in der sich wandelnden Arktis gefährdet. In der Russischen Föderation ist die Industrialisierung der Arktis – und damit die Ablösung indigener Ökonomien – schon seit Sowjetzeiten deutlich weiter fortgeschritten als in Kanada, Alaska oder den skandinavischen Staaten. Im arktischen Teil Sibiriens werden Öl und Gas gefördert, in der Tundra wird im großen Stil Forstwirtschaft betrieben. Durch den Klimawandel wird auch diese Nutzung vor neue Herausforderungen gestellt. Industrieanlagen, Wohngebäude, Straßen, Flughäfen und Pipelines sind alle auf Permafrostboden gebaut. Wenn dieser sonst dauerhaft gefrorene Boden wegen der wärmer werdenden Temperaturen im Sommer anfängt zu schmelzen, werden Fundamente und Verkehrswege beschädigt. Gebäudeschäden sind inzwischen in allen arktischen Siedlungsanlagen Russlands zu besichtigen. Neuere Industrieanlagen haben Fundamente, die durch den Permafrost hindurchreichen. Sie sind aber nur mit immensen Kosten zu errichten.
Die Eindämmung der Klimakatastrophe
Ein Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter, wie er möglicherweise schon bis Ende dieses Jahrhunderts zu erwarten ist, ließe sich durch normale Küstenschutzmaßnahmen, wie Dammbauten, nicht mehr bewältigen. Flache Küstenregionen und kleine Inselstaaten wie die Malediven, Tuvalu oder Tonga würden ganz oder teilweise überflutet und verschwinden. Die Folge wären regionale Konflikte um die knapper werdenden Flächen an bebaubarem und landwirtschaftlich nutzbarem Land sowie Flüchtlingsströme aus den betroffenen Regionen.
Das Office of Net Assessment (ONA) ist der interne Thinktank des – besser als Pentagon bekannten – US-Verteidigungsministeriums. Aufgabe des ONA ist es, über langfristige Gefahren nachzudenken, die den USA und ihrer Sicherheit drohen könnten. Ende 2003, als in der Führungsspitze des Pentagon der Krieg im Irak und der Kampf gegen den Terrorismus geplant wurde, veröffentlichte das ONA einen Bericht über die Klimakatastrophe. Die Vordenker des Pentagon befürchten ein Schreckensszenario aus Naturkatastrophen, Flüchtlingsströmen und Ressourcenkriegen, das schon in den nächsten 20 Jahren zu Millionen von Toten führen könnte. Wie aber werden die USA sich gegen diese neue Gefahr wappnen? Eine Möglichkeit wäre, durch vorsorgende Politik das Risiko bleibender Klimaschäden und deren sicherheitspolitischer Folgen zu verringern. Möglich wäre aber auch, um das eigene Land einen Schutzwall zu errichten – nicht nur gegen die steigenden Wassermassen, sondern auch gegen die Flüchtlinge aus den Teilen der Welt, die sich teure Anpassungsstrategien und Umsiedlungsmaßnahmen für die betroffene Bevölkerung nicht leisten können. Die Frage ist, ob wir in solch einer Welt leben möchten. Ein Schutzwall gegen die Umweltflüchtlinge der Zukunft ließe sich wohl nur durch eine Diktatur nach innen und militärische Mittel nach außen aufrechterhalten.
Längst beschäftigen sich auch die Schöpfer der Fantasiewelten Hollywoods mit solchen Schreckensszenarien. In seinem Film »The Day After Tomorrow« erzählt der Filmproduzent Roland Emmerich die Geschichte eines Klimaforschers, der – wie der Rest der Welt – vom Einsetzen eines abrupten Klimawandels überrascht wird. Es kommt zu riesigen Stürmen, Los Angeles wird von Tornados verwüstet, New York versinkt unter einer gigantischen Flutwelle, und eine Eiszeit bricht über die gesamte Nordhalbkugel der Erde herein. Auf der Flucht kommt auch der Vizepräsident der USA ums Leben. Wenn man seine Gesichtszüge betrachtet, so sieht er Präsident George W. Bushs Vizepräsident Dick Cheney ähnlich. Cheney, selbst ehemaliger Spitzenmanager des Ölserviceunternehmens Halliburton, ist einer der Architekten der aktuellen Energiepolitik der USA. Sein Energieplan setzt auf Erhöhung des Angebots, vor allem durch die Erschließung zusätzlicher Lagerstellen fossiler Energien, statt auf Energiesparmaßnahmen und Klimaschutz.
Vom Klimawandel besonders betroffen sind die Bewohner von Küsten und erosionsgefährdeten landwirtschaftlichen Anbaugebieten, ebenso wie die Bewohner besonders empfindlicher Ökosysteme der Tropen und der Arktis. Doch während den indigenen Völkern zusammen mit der einheimischen Fauna die Lebensgrundlage wegschmilzt, wittern Anrainerstaaten wie Russland sogar neue wirtschaftliche Möglichkeiten. Russland und die USA setzen darauf, dass bei weiter ansteigenden Temperaturen die Schifffahrtswege der Arktis zukünftig auch im Winter offen bleiben werden. Dann könnten Öl und Flüssiggas aus der nordamerikanischen Arktis und aus dem russischen Eismeer per Tanker ungehindert auf den Weltmarkt fließen. Während einzelne findige Unternehmen vom Klimawandel profitieren könnten, sind sich Wirtschaftswissenschaftler – beispielsweise der Yale-Ökonom William Nordhaus – einig, dass die Gesamtkosten der zu erwartenden Klimaveränderungen in jedem Fall deutlich über dem Gewinn aus möglichen positiven Effekten liegen werden. Der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Nicholas Stern, errechnete im Auftrag der britischen Regierung volkswirtschaftliche Kosten des Klimawandels von 5–20 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Nicht eingerechnet sind dabei die Kosten von Kriegen und Krisen, zu denen es bei den zu erwartenden politischen Verwerfungen kommen dürfte.
Wie der Zusammenbruch einer modernen Gesellschaft im Zeichen der Klimakatastrophe aussehen könnte, ließ sich besichtigen, nachdem der Hurrikan Katrina im August 2005 die Stadt New Orleans und weite Teile der US-Golfküste zerstört hatte. Amerikanische Umweltschützer stellten unmittelbar nach dem Sturm die Frage, welchen Anteil der globale Klimawandel an Katrina gehabt haben könnte. Auch wenn sich individuelle Naturereignisse nie eindeutig dem langfristigen Trend weltweiter Erderwärmung zuordnen lassen, so gibt es doch klare statistische Hinweise dafür, dass die Intensität der Stürme im subtropischen Wettersystem der Karibik in den letzten Jahrzehnten konstant gestiegen ist. Die Klimaforschung vermutet den Grund darin, dass die gestiegene Oberflächentemperatur des Meerwassers im Golf von Mexiko Instabilitäten in der unteren Atmosphäre und dadurch eine schnellere Bewegung der Luftmassen bewirkt. Das nationale Hurrikan-Zentrum der USA behauptet, dass Zahl und Intensität der Stürme als Teil eines natürlichen Zyklus schwanken. Dieser Zyklus wird aber offenbar durch den menschengemachten Klimawandel überlagert, der seine Spitzenausschläge verstärkt.
Schließlich zeigt Katrina, wie teuer es sein wird, die Küsten der Welt vor den steigenden Fluten und wachsenden Stürmen des Treibhauszeitalters zu schützen. Selbst wenn es den USA gelingt, das wieder aufgebaute New Orleans mit Dämmen nach niederländischem Vorbild vor dem nächsten Sturm der Kategorie 5 zu sichern, so fehlen zahlreichen Küsten- und Inselstaaten der Dritten Welt die Mittel für solch kostspielige Infrastrukturinvestitionen. Die Bahamas und Bangladesh können sich nicht mit Dämmen umgeben. Deswegen drängen diese Länder in den internationalen Klimaverhandlungen seit Jahren auf die Einrichtung eines Investitionsfonds, um Schutzmaßnahmen gegen den Klimawandel bezahlen zu können.
Die doppelte Energiekrise
Die Welt steuert derzeit auf eine doppelte Energiekrise zu. Die Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) und des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) müssen im Zusammenhang gelesen und interpretiert werden. Das heißt, dass sich die Energiepolitik der Zukunft nicht nur an der sinkenden Verfügbarkeit der fossilen Brennstoffe ausrichten kann, sondern auch die begrenzte Belastbarkeit der natürlichen Ökosysteme und der Atmosphäre in Betracht ziehen muss. Wenn das Referenzszenario für die Entwicklung des Energieverbrauchs der nächsten Jahrzehnte nach Aussagen der IEA nicht nachhaltig ist, dann brauchen wir alternative Entwicklungspfade.
Es gibt drei Wege, auf die doppelte Krise unserer Energie- und Klimasicherheit zu reagieren:
Erstens können wir unseren Energieverbrauch durch neue sparsame Technologien senken. Zweitens kann jedes Land seine Importabhängigkeit dadurch verringern, dass fossile Energien wie Öl und Gas durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Ein stärkeres Setzen auf Atomkraft ist dagegen keine gute Alternative, da sie neue Abhängigkeiten schafft und das Proliferationsrisiko erhöht. Schließlich könnten verbindliche Regeln für Handel und Investitionen, vereinbart in gemeinsamen Institutionen wie der Europäischen Energiecharta und der Welthandelsorganisation, für eine Verrechtlichung der Energiepolitik sorgen. Alle diese Ansätze ergeben nur dann Sinn, wenn zumindest im europäischen Rahmen gemeinsam gehandelt wird.
KAPITEL 2
DAS GROSSE SPIEL UM DIE VERMESSUNG DER WELT
Das neue Sorgenkind der Weltgemeinschaft heißt Energiesicherheit. Die politische Disziplin, die dazu dient, Staaten »energiesicher« zu machen, könnte man als Energieaußenpolitik bezeichnen. Laut Bundesaußenminister Steinmeier wird der Erhalt globaler Sicherheit im 21. Jahrhundert »untrennbar auch mit Energiesicherheit verbunden sein«. Die Auseinandersetzung um die weltweiten Energieressourcen ist längst zu einem wichtigen Element der Außen- und Sicherheitspolitik der großen Wirtschaftsmächte geworden. Sie ist Teil einer Rückkehr zur Geopolitik, des Kampfes um eine neue Weltordnung. Schon heute führt dieser Kampf zu außenpolitischen Spannungen und weltweit geänderten Machtverhältnissen. Die USA und Europa genauso wie die aufstrebenden Wirtschaftsmächte China und Indien befinden sich im Wettlauf miteinander um einen sicheren Zugang zu den letzten Öl- und Gasreserven der Welt. Russlands neue imperiale Außenpolitik baut auf die Macht seiner Energiekonzerne. Die Welt wird neu vermessen, die Kräfteverhältnisse zwischen den großen Mächten werden neu bestimmt. Wichtig dabei ist allerdings, dass der legitime Wettbewerb um wirtschaftliche Zukunftschancen friedlich und nach allgemein akzeptierten Regeln abläuft und andere Interessen, wie der Schutz von Umwelt und Menschenrechten, mitberücksichtigt werden.
Energiesicherheit in Krisenzeiten
Als Winston Churchill, damals Minister für die britische Flotte, am Vorabend des Ersten Weltkriegs die Kriegsschiffe der Royal Navy von Kohlebefeuerung auf Öl umstellen ließ, befürchteten seine Kritiker, dass das aus Persien importierte Öl – im Gegensatz zur Kohle aus Wales – bald ausgehen könnte. Auf die Frage nach der Sicherheit der neumodischen Energiequelle Öl in Krisenzeiten hatte Churchill eine Antwort parat: »Sicherheit und Verlässlichkeit liegen darin – und nur darin –, dass wir die Auswahl haben.« Diese Auswahl hatte England – im Gegensatz zu seinem baldigen Kriegsgegner Deutschland – wegen der gerade entdeckten Ölvorkommen in Persien.
Churchills Regel, dass Energiesicherheit zu einem wesentlichen Teil darin besteht, eine Versorgung aus mehreren Quellen sicherzustellen, gilt auch heute noch. Keine Macht der Welt verlässt sich bei ihrer Energieversorgung allein auf das Funktionieren der globalen Märkte. Energiesicherheit war immer auch Bündnis- und Außenpolitik. Anders als 1910 spielen heute aber auch die Grenzen, die der Umwelt- und Klimaschutz der Expansion unserer Weltwirtschaft auferlegt haben, eine zentrale Rolle.
Heute genießt das Thema Energiesicherheit wieder so viel Aufmerksamkeit wie seit der Ölkrise der siebziger Jahre nicht mehr. Seit dem Eintritt Chinas, Indiens und anderer großer Schwellenländer in die Weltwirtschaft werden Öl und Erdgas knapp. Die Preise sind auf einen historischen Höchststand gestiegen. Außerdem hat eine Reihe von politischen Krisen und Naturkatastrophen am Anfang des neuen Jahrtausends deutlich gemacht, wie verwundbar das weltweite Energiesystem ist. Dazu gehören der Krieg im Irak, die Krise um das iranische Atomprogramm, die neue aggressive Außenpolitik Russlands und natürlich der Hurrikan Katrina, der im Sommer 2005 die Ölförderung im Golf von Mexiko lahmlegte. Sollte es in mehreren der genannten Regionen gleichzeitig zu einer Krise kommen, könnte die Versorgung des Weltmarkts mit Öl und Gas tatsächlich ernsthaft gefährdet sein. Allein das Wissen um die Möglichkeit einer solchen Konstellation hält die Preise hoch. Irans fundamentalistischer Präsident Ahmadinejad nutzte dieses Wissen, als er im Moment des Libanonkriegs ankündigte, der Ölpreis könne auf 200 US-Dollar pro Barrel steigen. Venezuelas populistischer Präsident Chavez zielt auf die Psychologie der internationalen Ölhändler, wenn er zum wiederholten Mal mit einem Exportstopp in die USA droht. Auch die Gas-Supermacht Russland kokettiert mit der Drohung, ihre Exporte zukünftig von Westeuropa nach Ostasien umzuleiten. Auch wenn eine solche Drohung technisch schwer umsetzbar und höchstens langfristig realistisch ist, so tut sie doch beim Empfänger ihre Wirkung. Das Gefühl der Abhängigkeit vom russischen Gas hat die politischen Beziehungen zwischen Russland und dem Westen schon jetzt zu Moskaus Gunsten verändert. Sowohl die europäischen wie auch die ostasiatischen Staaten versuchen derzeit, möglichst langfristige Lieferverträge mit Russland abzuschließen. Sie sind dabei bereit, für das Ziel der Versorgungssicherheit über einen längeren Zeitraum Vertragsbedingungen zu akzeptieren, die über den aktuellen Weltmarktpreisen liegen.
Dabei hat der Begriff Energiesicherheit für unterschiedliche Länder verschiedene Bedeutung. Für Europa und Nordamerika bedeutet er weiterhin – im Churchill’schen Sinn – die Notwendigkeit der Diversifizierung und den Zugang zu unterschiedlichen Energieversorgern und -quellen. So definiert jedenfalls das 2006 erschienene Grünbuch Energie der Europäischen Kommission den schillernden Begriff. China und Indien befürchten, dass ihrer rapide wachsenden Wirtschaft der Energienachschub ausgeht und sie deswegen ihr volles Entwicklungspotenzial nicht entfalten können. Japan, das alle fossilen Ressourcen auf dem Seeweg importieren muss, strebt vor allem offene Weltmärkte an und die Möglichkeit, überall auf der Welt frei investieren zu können. Auch die USA bevorzugen einen liberalisierten Weltenergiemarkt ohne staatliche Beschränkungen. Die amerikanischen Energiekonzerne nehmen schon heute eine dominante Rolle im weltweiten Ölhandel ein und wollen diese gerne weiter ausbauen. Russland, Saudi-Arabien und die anderen großen Öl- und Gasexporteure meinen die Sicherung verlässlicher Absatzmärkte, wenn sie von Energiesicherheit sprechen.
Für langfristig stabile Weltenergiemärkte müssen außerdem sowohl die Produktions- als auch die Transport- und Verarbeitungskapazitäten Sicherheitsmargen aufweisen. Sonst ist das System insgesamt nicht krisenresistent. Je dezentraler ein Energiesystem aufgebaut ist, desto weniger Pipelines und Schifffahrtswege müssen bewacht werden, und desto weniger kann ein terroristischer Anschlag an der Straße von Hormuz die Börsenkurse an der Wall Street zum Einsturz bringen. Die erneuerbaren Energien können, wenn sie zu einer größeren Unabhängigkeit von Importen und einer vielfältigeren Energieversorgungsstruktur führen, einen Gewinn an Energiesicherheit bringen, solange nicht nur das Erdöl aus Saudi-Arabien durch den Biosprit aus Brasilien abgelöst wird.
Wichtig sind Transparenz und der freie Zugang zu verlässlichen Informationen über Fördermengen und Reserven. Nur so können Preisspekulationen verhindert und der Verdacht zerstreut werden, dass die Förderung und der Export bestimmter Energieträger künstlich niedrig gehalten wird, um die Preise hochzuhalten. Die westlichen Industrieländer befürworten deshalb, dass bedeutende Schwellenländer wie China und Indien mittelfristig der Internationalen Energieagentur (IEA) beitreten. Die IEA sammelt und veröffentlich international vergleichbare Daten über Energieproduktion und -handel und liefert damit eine verlässliche Grundlage für energiepolitische Entscheidungen von Staaten und Privatunternehmen. In autoritär geführten Staaten wie Russland und China werden Wirtschaftsdaten, wie die Höhe des Energieverbrauchs und der einheimischen Reserven, oftmals wie Staatsgeheimnisse gehütet.
Eine sichere Energieversorgung gehört zu den Grundvoraussetzungen einer funktionierenden Wirtschaft. Heute, in Zeiten der wirtschaftlichen Globalisierung, schaffen es nur wenige Länder, sich bei der Energieversorgung vollkommen unabhängig von Importen zu halten. Zu den wenigen Ausnahmen gehören kleine, von der Natur besonders begünstigte Länder. So kann Island seinen Energiebedarf fast vollständig aus einheimischer Wasser- und Geothermalenergie decken. Langfristig möchten die Isländer sogar ihre Erdöleinfuhren durch flüssigen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien ersetzen. Im Gegensatz zu Island ist Deutschland weder eine Insel, noch verfügt es über die natürlichen Voraussetzungen, seine Energieversorgung autark sicherzustellen. Deutschland und die meisten anderen Länder sind darauf angewiesen, beim Thema Energie mit ihren Nachbarn und anderen, weiter entfernten Ländern zusammenzuarbeiten.
Im Zeitalter der Industrialisierung fand der Aufbau der nationalen Energieindustrie in den meisten Ländern unter staatlicher Regie statt. Heute hat sich in allen westlichen Ländern eine Mischung von Markt und Staat, von öffentlichen und privaten Versorgungsunternehmen herausgebildet. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union beschlossen in den neunziger Jahren, einen gemeinsamen Energiebinnenmarkt zu schaffen und ihre Energiemärkte zu liberalisieren. Seitdem wurden, beispielsweise in Deutschland und Großbritannien, zahlreiche ehemals staatliche Energieunternehmen privatisiert. Außerdem werden die nationalen Energiemärkte innerhalb der EU schrittweise für Unternehmen aus den anderen Mitgliedstaaten geöffnet. Wirtschaftliche Integration kann, wie in der Europäischen Union, zur politischen Integration führen. Gegenseitige Abhängigkeiten schaffen den Anreiz, Probleme in gemeinsamen politischen Institutionen zu lösen. Wirtschaftliche Autarkie, auch was die Energieversorgung angeht, ist in einer sich globalisierenden Weltwirtschaft ohnehin nicht mehr möglich. Ressourcennationalismus und der Versuch, aus dem Weltmarkt auszutreten, funktionieren nicht. Die politische Kontrolle über die Energiemärkte sollte deswegen über internationale Kooperation und Abkommen erfolgen und nicht dadurch, dass der eigene Öl- oder Gasreichtum zum Instrument einer autoritären Innenpolitik oder einer imperialen Außenpolitik wird.
Kritische Energieinfrastruktur
Die Energieinfrastruktur gehört zu den verletzlichsten Teilen moderner Gesellschaften. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist vielen bewusst geworden, wie schnell ein mit relativ bescheidenen technischen Mitteln durchgeführter Angriff die wirtschaftlichen Grundfesten der größten Industriemacht der Welt beschädigen kann. Der Flugverkehr in den gesamten USA kam eine Woche lang zum Stillstand. Die Verkehrsverbindungen der Millionenstadt New York waren erst zwei Jahre später wieder vollständig instand gesetzt. Die Börse in der neben dem World Trade Center gelegenen Wall Street wurde mehrere Tage geschlossen – nicht zuletzt deshalb, weil Zugangswege und Datenleitungen schwer beschädigt worden waren. Die Energieinfrastruktur moderner Industriegesellschaften ist mindestens genauso verletzlich wie Verkehrswege und Datenleitungen. Was würde passieren, wenn sich der nächste Anschlag gegen eine der großen internationalen Öl- und Gaspipelines richtet?
Besonders gefährdet durch terroristische Anschläge und militärische Auseinandersetzungen sind atomare Anlagen und Atomtransporte, ob auf dem Wasser, zu Lande oder in der Luft. Nach dem 11. September 2001 gab es konkrete Hinweise darauf, dass Terroristen auch Anschläge auf westliche Atomanlagen geplant hatten. Die AKWs in den USA und einigen westeuropäischen Ländern wurden daraufhin für mehrere Tage bis Wochen heruntergefahren.
Der Neujahrstag 2006 lieferte ein anschauliches Beispiel dafür, wie es zu einer Unterbrechung unserer scheinbar sicheren Öl- und Gasversorgung kommen könnte. Für zwei ehemalige Sowjetrepubliken, das Kaukasusland Georgien und die Ukraine, begann das Jahr 2006 mit einer Gasversorgungskrise. Während die russische Lieferfirma Gazprom der Ukraine den Gashahn zudrehte, weil diese den sprunghaft erhöhten Preis für russisches Erdgas nicht zahlen wollte, beschädigten oder zerstörten fast zeitgleich drei Sprengstoffexplosionen die wichtigsten Versorgungsleitungen, die von Russland aus Richtung südlicher Kaukasus liefen. Die russische Gasversorgung für Armenien und Georgien wurde damit vollständig unterbrochen. Hinzu kamen Sabotageakte an einigen wichtigen Überlandleitungen in Georgien selbst, sodass die Hauptstadt Tiflis und weite Landesteile während der kältesten Wintertage nicht beheizt werden konnten. Universitäten und Schulen blieben geschlossen. Das wirtschaftliche Leben kam weitgehend zum Stillstand, da Produktionsanlagen nicht betrieben werden konnten. Während das mit Russland politisch verbündete Armenien den Engpass mit eigenen Gasvorräten überbrücken konnte, gelang es Georgien nur dank eilig abgeschlossener Lieferverträge mit Aserbaidschan und dem Iran, die Versorgung der eigenen Bevölkerung nach mehreren Wochen wiederherzustellen. Bis heute bleibt unklar, ob islamische Separatisten, kriminelle Organisationen oder der russische Geheimdienst hinter der Anschlagserie standen. Die georgische Regierung beschuldigte den russischen Geheimdienst der Sabotage mit dem Zweck, das Land im Streit um die Separatistenrepublik Südossetien unter Druck zu setzen. Gut ins Bild passt außerdem, dass die russische Energiewirtschaft plant, sich massiv in Georgien einzukaufen. Georgien geriete so dauerhaft in die Abhängigkeit russischer Staatsbetriebe und damit des Kreml.
Der Konflikt zwischen Russland und Georgien hat auch eine überregionale Dimension. Um sich gegen Russlands regionale Dominanz zu wehren, möchte Georgien, so schnell es geht, der NATO beitreten. Die USA unterstützen die Regierung Saakaschwili in diesem Anliegen. Schließlich wurde in den vergangenen Jahren mit amerikanischer Unterstützung eine wichtige Ölpipeline vom Kaspischen Meer durch Georgien – und an Russland vorbei – in die Türkei gebaut. Die europäischen NATO-Partner sind skeptischer, wollen in die regionalen Konflikte im Kaukasus nicht hineingezogen werden und sind an einem Konfrontationskurs mit Russland, ihrem Hauptgaslieferanten, keinesfalls interessiert.
Öl- und Gaspipelines verlaufen oft über lange Strecken durch kaum besiedeltes und deswegen nur mangelhaft überwachtes Gebiet. Viele der wichtigsten Pipelines, ob im russischen Osten, den chinesischen Provinzen Tibet und Xinjiang, im südlichen Tschad oder im Norden des Irak, verlaufen durch Krisen- und Kriegsregionen. Die Gefahr von Terroranschlägen durch Rebellengruppen und separatistische Bewegungen ist also nicht von der Hand zu weisen, und die Wiederherstellung zerstörter Pipelines und Energieversorgungseinrichtungen ist nicht nur langwierig, sondern auch teuer. Ist der Schaden erst einmal angerichtet, so dauert es auch nach Beendigung der Kampfhandlungen oftmals erhebliche Zeit, bis der vorherige Zustand wieder hergestellt ist. Die iranische Ölindustrie leidet immer noch an den Folgen des Krieges gegen den Irak in den achtziger Jahren. Im Irak selbst brach die Ölproduktion nach dem Sturz Saddam Husseins zusammen und kommt erst mühsam wieder auf die Beine. Während des Kosovokrieges versuchte die NATO, bei ihren Luftangriffen die Energieinfrastruktur Serbiens intakt zu lassen. Trotzdem führte die Zerstörung mehrerer Brücken durch Luftangriffe dazu, dass der Schiffsverkehr entlang der Donau über einen längeren Zeitraum lahmgelegt wurde. Der Treibstofftransport per Schiff wurde dadurch auch für benachbarte Staaten wie Ungarn unterbrochen.
Auch der Transport von Öl und zukünftig Flüssiggas per Schiff über See birgt Gefahren. Während des iranisch-irakischen Krieges in den achtziger Jahren beschossen beide Seiten regelmäßig auf dem Persischen Golf verkehrende Tankschiffe, auch wenn sie unter neutraler Flagge fuhren.
Im unmittelbaren Radius des Krisenherdes Nahost befinden sich die Seefahrtsstraße von Hormuz, über die Öltanker aus dem Irak, Saudi-Arabien, Iran und Kuwait den Persischen Golf verlassen, sowie die wichtigste Schifffahrtsroute der Welt, der Suez-Kanal. Über 80 Prozent der japanischen und koreanischen sowie die Hälfte der chinesischen Ölversorgung gehen über die Straße von Malakka, eine Meerenge zwischen Indonesien und Malaysia. Alle diese Schifffahrtsrouten werden von der US-Flotte überwacht. Die USA haben nach dem Zweiten Weltkrieg faktisch das britische Empire als Polizist der Weltmeere abgelöst. Andere Länder, die ebenfalls von Ölimporten aus dem Nahen Osten abhängig sind, beispielsweise China, sehen diese dominante maritime Rolle der USA mit Unbehagen.
Die Europäische Kommission stellte – in einer nicht veröffentlichten Studie zur Vorbereitung ihres Grünbuchs Energie – deswegen besorgt fest: »Die Konkurrenz mit Japan um Öl und Gas aus dem Persischen Golf und Russland wird zukünftig härter werden. Japan und China werden ihren maritimen Versorgungsrouten mehr Aufmerksamkeit widmen und ihre Marine in der Region einsetzen. Auch Indien wird stärker in den Konkurrenzkampf um diese Ressourcen eintreten und mit seiner Marine Einfluss auf die Region nehmen.«
Neuausrichtung der Militärstrategie
Wegen dieser besonderen Gefährdung steht der Schutz der Energieinfrastruktur bei allen großen Mächten im Zentrum ihrer Militärstrategie.
Das wichtigste Ölexportland der Welt, Saudi-Arabien, wurde in den vergangenen Jahren systematisch mit US-Militärtechnik ausgerüstet, um seine umfangreiche Ölinfrastruktur gegen terroristische Anschläge verteidigen zu können. Nach ihrem absehbaren Abzug aus dem Irak wollen die USA weiterhin Truppenkontingente im Land stationiert lassen. Die bisher geplanten Kasernenstandorte befinden sich nicht zufällig in der Nähe der großen Ölförderanlagen des Irak. Die neue Ölpipeline vom aserbaidschanischen Baku bis zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan wird durch AWACS-Flugzeuge der NATO beobachtet. Neben NATO-Partner Türkei wurde auch Georgien mit moderner US-Militärausrüstung, angeblich sogar mit unbemannten Militärflugzeugen – sogenannten Drohnen – ausgerüstet. Besonders brisant ist sowohl im Fall Saudi-Arabiens als auch beim Irak und Georgien, dass damit neue Waffen in Krisengebiete geliefert werden, die im Zweifelsfall nicht nur zum Schutz der Energieinfrastruktur, sondern auch für andere Zwecke eingesetzt werden können.
Auch die Bundeswehr soll zukünftig vermehrt Aufgaben der Sicherung der deutschen Energie- und Ressourcenversorgung und der freien Handelswege übernehmen. Die nach den Anschlägen vom 11. September vom Deutschen Bundestag beschlossene Operation »Enduring Freedom« beinhaltet bereits, die Seefahrtswege am Horn von Afrika – einer der wichtigsten weltweiten Tankerrouten – militärisch abzusichern. In dem 2005 an die Öffentlichkeit gelangten Entwurf des neuen Bundeswehrweißbuchs zur Sicherheitspolitik heißt es etwas holprig: »Sicherheitspolitik muss auch auf geografisch entfernte Regionen zielen, um Spannungen und Feindschaften zwischen Ethnien, regionalen Krisen, Staaten, in denen sich organisierte Kriminalität und Terrorismus ausbreiten, sprunghaft wachsenden Gesellschaften, die keine Zukunftsperspektive bieten, entgegenzuwirken. Die Vertiefung und Entwicklung guter Beziehungen zu strategischen Schlüsselstaaten in den verschiedenen Regionen, Beiträge zur Bewältigung von Krisen und Konflikten sowie zur Förderung regionaler Stabilität sind wichtige Handlungsfelder deutscher Sicherheitspolitik. Hierbei gilt es wegen der Import- und Rohstoffabhängigkeit Deutschlands, sich insbesondere den Regionen, in denen kritische Rohstoffe und Energieträger gefördert werden, zuzuwenden.« Diese lange Liste von Aufgaben gehört bisher nicht zum Auftrag der Bundeswehr. Um eine Militarisierung der deutschen Außenpolitik abzuwenden, sollte es so auch bleiben.
Die hochkomplexe Energieinfrastruktur unserer globalisierten Wirtschaft kann nicht militärisch verteidigt werden. Dagegen können sowohl unsere Energieversorgungssysteme als auch die politischen Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass das Risiko militärischer Angriffe und terroristischer Anschläge minimiert wird. Statt die Wachmannschaften von Kraftwerken zu verstärken, paramilitärische Einheiten entlang wichtiger Pipelines zu postieren, sollte die zukünftige Energieinfrastruktur von vornherein so ausgerichtet werden, dass sie weniger verletzlich ist. Das bedeutet eine Abkehr von zentralen Großtechnologien hin zu dezentralen Netzwerken. Durch die Stärkung einheimischer Energiequellen, beispielsweise aus erneuerbaren Energien, und eine Diversifizierung der Einfuhren kann die Abhängigkeit von wenigen Versorgungsrouten vermindert werden. Die beste Rückversicherung gegen die Bedrohung unserer Energieinfrastruktur bietet allerdings eine Politik, die politische Spannungen reduziert und die regionale Zusammenarbeit fördert.
Blut für Öl?
Als die USA und ihre Verbündeten 1991 gegen den Irak Krieg führten, lautete die Parole der Friedensdemonstrationen in ganz Westeuropa »Kein Blut für Öl«. Wurde der erste Irakkrieg wirklich geführt, um das besetzte Kuwait von der irakischen Armee zu befreien, oder ging es in Wirklichkeit um amerikanische Ölinteressen? Letztere haben sicherlich eine Rolle gespielt. Hätte der irakische Diktator Saddam Hussein die Kontrolle über die kuwaitische Ölproduktion erlangt, wäre Irak zum größten Ölförderer der Welt aufgestiegen. Die hochgerüstete irakische Armee hätte außerdem die nahe gelegenen saudischen Ölfelder bedroht. Nicht nur für die USA, sondern für alle Öl importierenden Länder wäre diese Dominanz unerträglich gewesen.
Der Kuwaitfeldzug war nicht der erste Krieg, in dem der Faktor Öl eine entscheidende Rolle spielte. Als Winston Churchill, Großbritanniens Marineminister im Ersten Weltkrieg, die britische Flotte von Kohle auf Öl umrüstete, erzielte er dadurch einen kriegsentscheidenden Vorteil. Großbritannien konnte diese Strategie nur deswegen erfolgreich verfolgen, weil es kurz zuvor in Persien ein großes Ölvorkommen entdeckt hatte. Parallel dazu gelang es den Briten, den deutschen Ölnachschub aus Rumänien erfolgreich zu sabotieren.
Im Zweiten Weltkrieg wollte Hitlers Wehrmacht mit dem Russlandfeldzug auch die Ölfelder im Kaukasus für die deutsche Kriegsführung sichern. Einer der Gründe, warum Nazideutschland den Alliierten schließlich im Krieg unterlag, war die angloamerikanische Seeblockade, die die deutsche Wirtschaft effektiv von der Rohstoffeinfuhr, und nicht zuletzt Ölimporten, abschneiden konnte.
Während der Suezkrise 1956, als die ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien versuchten, in Ägypten ein ihnen gewogenes Regime zu errichten und den Suezkanal unter ihre Kontrolle zu bringen, stellten sich die USA gegen ihre westlichen Verbündeten und auf Seiten des ägyptischen Diktators Nasser. Seitdem haben die Amerikaner die Rolle der Schutzmacht des Kanals und der gesamten Tankerrouten vom Persischen Golf bis ins Mittelmeer inne. Seit der Suezkrise und dem Wegfall der ehemaligen Kolonialmächte sind die USA der Garant der politischen Ordnung im Nahen Osten. Lange bestand die amerikanische Politik darin, prowestliche Diktatoren wie den Schah von Persien und das saudische Königshaus zu stützen und gegen sowjetischen Einfluss zu schützen. Seit dem Aufstieg der Islamisten und den Terroranschlägen des 11. September ist offensichtlich, dass diese politische Strategie langfristig zur Destabilisierung der Region, zur Delegitimierung der USA in der islamischen Welt und zum Aufstieg terroristischer Bewegungen führt.
Auch der zweite Irakkrieg, mit dem die Amerikaner – und eine diesmal deutlich kleinere »Koalition der Willigen« – Saddam Hussein 2003 auch ohne UN-Mandat endgültig stürzten, wurde nicht wegen der Gräueltaten des irakischen Diktators oder seiner vermeintlichen Massenvernichtungswaffen geführt, sondern um auf diese Weise den ganzen Nahen und Mittleren Osten unter amerikanischer Führung politisch neu zu ordnen. Diese neue Ordnung sollte zwei Zielen dienen: die Quellen des Terrorismus auszutrocknen und die Ölquellen weiter sprudeln zu lassen. Seitdem herrscht im Irak Bürgerkrieg, und die Ölproduktion ist auf einen tieferen Stand gesunken als zur Zeit des UN-Embargos gegen den Irak nach dem ersten Golfkrieg.
Der wirtschaftliche Nutzen einer militärischen Sicherung der Ölquellen ist ohnehin zweifelhaft. So berechnete das amerikanische Energieministerium schon vor dem Ausbruch des zweiten Golfkriegs, dass unter Einbeziehung der Kosten für das militärische Engagement der USA in der Region der Ölpreis eigentlich bei 100 Dollar pro Barrel liegen müsste.
Waffe Energie
In der heutigen globalisierten Welt ist es offensichtlich nicht möglich, die eigene Energieversorgung mit militärischen Mitteln allein zu sichern. Wie sieht es aber mit einer Strategie aus, die Kontrolle über wichtige Energieressourcen oder zentrale Elemente der internationalen Energieinfrastruktur als Waffe zu nutzen?
Seit der ersten Ölkrise 1973, als die arabischen Ölstaaten die Lieferungen für die westliche Welt erst unterbrachen und dann die Preise anhoben, wird Öl als politische Waffe verwendet. So zündete Saddam Hussein nach der amerikanischen Invasion im Irak 1991 die Ölfelder im Süden des Landes an. Momentan droht der Iran im Streit um sein Nuklearprogramm damit, eine weltweite Ölkrise auszulösen. Zumindest die Märkte nehmen die Drohung ernst. Nach jeder Rede, in der der radikalreligiöse iranische Präsident Ahmadinejad den Ton im Konflikt mit den USA verschärft, steigt der Preis pro Barrel Rohöl an, da die Analysten an den internationalen Rohölbörsen eine Zuspitzung der politischen Lage im Nahen Osten und daraus erwachsende Turbulenzen auf den internationalen Energiemärkten fürchten.
Schon 1980 sagte US-Präsident Carter unter dem Eindruck der sowjetischen Invasion in Afghanistan und des islamistischen Umsturzes im Iran in seiner jährlichen Rede an die Nation: »Jeder Versuch, die Kontrolle über den Persischen Golf zu erlangen, wird als Angriff auf die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten betrachtet. Ein derartiger Versuch wird mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, inklusive militärischer Gewalt, abgewehrt.« Die sogenannte Carter-Doktrin war geboren. Seitdem taucht das Thema Energiesicherheit in jeder Neuauflage der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA an zentraler Stelle auf.
Das US-Verteidigungsministerium hat schon lange erkannt, dass die Abhängigkeit der USA von Ölimporten die Sicherheit des Landes nicht erhöht, sondern verringert. Nicht nur ist die Energieversorgung der größten Wirtschaftsmacht der Welt anfällig für Preisschwankungen, Ressourcenverknappung und politisch motivierte Embargos der Ölstaaten; auch der außenpolitische Preis, den die USA für die Sicherung ihrer weltweiten Ölversorgung zahlen müssen, ist in den letzten Jahren ständig gestiegen. Im politischen Washington ist es inzwischen ein Glaubenssatz, dass die wirtschaftliche Abhängigkeit von der saudischen Theokratie, die immerhin Osama bin Laden hervorgebracht hat, reduziert werden muss. Die Sicherung von Ölressourcen steht außerdem in einem ständigen Widerspruch zu anderen Zielen der US-Außenpolitik, wie der Förderung der Demokratie und der Eindämmung des russischen Einflusses in Osteuropa und Zentralasien. Schließlich sind die USA im Run auf das letzte Öl und Gas in einen gefährlichen Wettlauf mit dem Konkurrenten China geraten.
James Woolsey, unter US-Präsident Clinton kurzzeitig Direktor der CIA und inzwischen einflussreicher Strippenzieher in Washington, hat eine Organisation aus dem Kalten Krieg wiederbelebt, das »Committee on the Present Danger (CPD)«. Damals diente die Organisation der Enttarnung von Kommunisten und der propagandistischen Unterfütterung des amerikanischen Rüstungswettlaufs mit der Sowjetunion. Heute hat sich das CPD vorgenommen, das Thema Energiesicherheit auf die Tagesordnung zu setzen. Nach Woolseys Einschätzung erfordert die nationale Sicherheit eine völlig neue Energiepolitik und einen sparsameren Umgang mit Öl. Die Sicherheit Amerikas sei dadurch bedroht, dass die US-Energieimporte radikalislamischen Regimes wie Saudi-Arabien zufließen.
Es ist deswegen kein Zufall, dass das Pentagon die letzte Studie des Energiesparpapstes Amory Lovins teilweise finanziert hat. Das Buch heißt »Winning the Oil Endgame« und beschreibt ein ganz anderes Großes Spiel als dasjenige, das auf dem geopolitischen Schachbrett Zentralasiens stattfindet. Die Regeln des Spiels heißen Innovation und Energieeffizienz. Dieses Ziel soll erreicht werden, indem die Kräfte des freien Markts sich gegen die Interessen der etablierten Energiemultis durchsetzen. Lovins beweist damit, dass strategisches Denken auch anders aussehen kann, als Bohrtürme und Soldaten auf einer großen Landkarte hin- und herzuschieben. Auch der einflussreiche »New York Times«-Kolumnist Tom Friedman argumentiert, dass die energiepolitische Abhängigkeit inzwischen zur zentralen Sicherheitsfrage der USA geworden ist.
Das Desaster im Irak hat in weiten Teilen des außenpolitischen Establishments der USA zu einem Umdenken geführt. Der Glaube an die zentrale Rolle militärischer Stärke ist verloren gegangen. Das Erklärungsmodell der Clinton-Administration für die Veränderungen in der Welt war die wirtschaftliche Globalisierung. Nach dem 11. September 2001 begann die Bush-Regierung, die Welt ausschließlich durch die Brille des Krieges gegen den Terrorismus zu betrachten. Heute schwingt das Pendel zurück. Langsam, aber sicher setzt sich auch in den USA die Einsicht durch, dass die großen Herausforderungen des globalen Wandels nur durch internationale Kooperation und eine Vielfalt politischer Instrumente bewältigt werden können. Die wichtigste Waffe gegen die Waffe Energie ist, folgt man den Argumenten von Amory Lovins, Tom Friedman oder des ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore, eine nachhaltige Umgestaltung unserer Energiepolitik.
Am nachdrücklichsten verfolgt das neue Russland unter Präsident Putin seine außenpolitischen Ziele unter Einsatz der Waffe Energie. Die Rote Armee hat sich aus Osteuropa und Zentralasien schon längst zurückgezogen. Stattdessen wird Russlands Einfluss in seinem alten Herrschaftsgebiet durch Investitionen der großen Ölkonzerne im benachbarten Ausland und durch das Pipelinenetz von Gazprom garantiert. Russlands Energiekonzerne versuchen, begleitet durch politische Abkommen und die Stationierung russischer Truppen, Einfluss und Marktanteile in Zentralasien und im Südkaukasus hinzuzugewinnen. In den westlichen Nachbarländern Weißrussland und Ukraine übt Russland Druck aus, um die Öl- und Gastransitleitungen zu erwerben, die durch diese Länder in Richtung Westen verlaufen. Russland möchte sich als größter Energielieferant für den Westen unverzichtbar machen und dadurch wieder zur Weltmacht aufsteigen.
China ist inzwischen der zweitgrößte Energiekonsument nach den USA. Dem wachsenden Bedarf stehen jedoch nur beschränkte nationale Energieressourcen gegenüber. Die chinesische Führung selbst macht sich zunehmend Sorgen darüber, dass eine Unterbrechung der Energieversorgung zu einer Schwächung des Wirtschaftswachstums und – dadurch ausgelöst – zu sozialen Unruhen und einer Bedrohung des Regimes führen könnte, das sich vor allem durch die gute wirtschaftliche Entwicklung legitimiert. Auf diese Herausforderung reagiert China mit einer breit angelegten internationalen Energiestrategie. Kern dieser Strategie ist es, über eine direkte Kontrolle der Ölproduktion in wichtigen Exportländern durch staatliche chinesische Ölfirmen den Direktexport nach China zu sichern. Auf dem Weltölmarkt kollidieren die chinesischen Interessen schon heute mit denen der USA. Zwischen China und den USA hat inzwischen auch ein Wettlauf um geopolitische Einflusssphären und Lieferverträge begonnen. Die staatlichen chinesischen Energiekonzerne sind in der Frage, mit wem sie sich einlassen, nicht zimperlich: China kauft auch von Pariastaaten wie dem Sudan und hat langfristige Lieferverträge mit politischen Antagonisten der USA wie dem Iran und Venezuela geschlossen. Im Wettbewerb mit den USA dringen chinesische Ölfirmen nach Afrika und Lateinamerika vor. Begleitet wird der wachsende wirtschaftliche Einfluss Chinas durch diplomatische Initiativen, mit denen China sich als regionales Gegengewicht zu den USA positionieren möchte. Besondere sicherheitspolitische Brisanz entwickelt Chinas Energiehunger in seiner eigenen Nachbarschaft. Vor seinen Küsten möchte China Öl- und Gasvorkommen erschließen – und gerät so in territoriale Konflikte mit seinen Nachbarländern Japan, Vietnam oder den Philippinen. Über das Bündnis mit Russland soll die Lieferung über Land, über die Rückgewinnung Taiwans der Seeweg gesichert werden. Bei all diesen Bemühungen stößt China an amerikanische Einflusszonen.
Ein neues »Great Game«
Im ausgehenden 19. Jahrhundert verglich Lord Curzon, der britische Vizekönig in Indien, Zentralasien mit einem Schachbrett. Auf diesem Brett finde ein großes Spiel, das »Great Game« um Macht und Einflusszonen statt. Die Spieler im 19. Jahrhundert hießen Russland und Großbritannien. Russland wollte nach der Eroberung der zentralasiatischen Khanate immer weiter nach Süden, bis nach Afghanistan und Persien, vordringen. Großbritannien wollte seine Besitzungen in Indien und die Seewege dorthin sichern sowie den russischen Vormarsch stoppen. Nachdem in Persien Öl gefunden wurde, ging es aber auch darum, diesen neuen Rohstoff für die britische Flotte zu sichern. Russland und Großbritannien einigten sich schließlich darauf, das Persische Reich in Einflusszonen zu teilen. Die koloniale Erfahrung aus dieser Zeit ist bis heute eine wichtige Quelle des iranischen Nationalismus sowie Wunsches, Atommacht zu werden.
Auch heute stoßen die Großmachtinteressen in Zentralasien zusammen. An der Neuvermessung der Region, bei der es vor allem um die dort befindlichen Energieressourcen geht, beteiligen sich diesmal Indien, China und Russland, aber auch der Iran und die USA. Russland und die USA versuchen, ihren regionalen Einfluss durch Militärbasen abzusichern. China und Indien investieren massiv in die Öl- und Gasförderung sowie in den Pipelinebau. Der Iran versucht, sich als Kooperationspartner für die energiehungrigen asiatischen Wachstumsökonomien aus seiner politischen Isolation zu befreien. Der Europäischen Union fehlt bisher eine Strategie für die Region, auch wenn europäische Unternehmen in ganz Asien investieren und sich aktiv an der Erschließung von Energieressourcen beteiligen. Dabei könnte die Europäische Union mit ihrer Erfahrung regionaler wirtschaftlicher und politischer Integration ein Modell für die asiatischen Nationalstaaten in ihrem Ringen um Einflusssphären darstellen.

Die wichtigsten Gaspipelines im Westen Russlands
Um die Startaufstellung des Großen Spiels zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Karte der großen Öl- und Gaspipelines, die den eurasischen Doppelkontinent wie ein Spinnennetz überziehen. Die tragenden Fäden dieses Netzes gehen von Russland aus und befinden sich unter der Kontrolle der Pipelinemonopolisten Gazprom (Erdgas) und Transneft (Öl). Europa bezieht schon heute den Großteil seiner Erdgasimporte und einen wachsenden Anteil seines Öls über das russische Netz. China und die anderen Länder Ostasiens wollen demnächst ebenfalls von Russlands Reserven profitieren. Beide Seiten, sowohl Europäer als Asiaten, befürchten, dass ihre Abhängigkeit vom russischen Transportmonopol in Zukunft weiter wächst. Deswegen sind sie dabei, alternative Pipelinerouten zu errichten. Die USA importieren zwar bisher kaum Öl und Gas aus Russland, sehen aber den wachsenden regionalen Einfluss Moskaus mit Unbehagen. Außerdem möchte Washington den Zugang amerikanischer Firmen zu den Energiereserven Zentralasiens und des kaspischen Raums sichern. Die Amerikaner unterstützen deswegen den Wunsch der zentralasiatischen Staaten, sich aus der energiepolitischen Umklammerung Russlands zu befreien. Gleichzeitig versuchen die USA, dem wachsenden chinesischen Einfluss entgegenzutreten. Außerdem möchten die USA den Iran isolieren. Ein Blick auf die Landkarte zeigt allerdings, dass die Zahl der Landrouten für neue Pipelines, die sowohl um Russland und seine Verbündeten als auch um den Iran herumführen, begrenzt ist. Deswegen sind die USA bei der Auswahl ihrer Bündnispartner auch nicht wählerisch und lassen sich mit zweifelhaften Regimes wie der Regierung Alijev in Aserbaidschan oder dem autokratisch geführten Kasachstan ein.
Die beiden zentralen Projekte der amerikanischen Zentralasienpolitik sind die schon erwähnte Baku-Tiflis-Ceyhan (BTC)-Pipeline und das Bündnis mit Kasachstan. Schon fertig gestellt ist die BTC-Pipeline, die Öl aus dem kaspischen Raum per Schiff in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku und von dort über das georgische Tiflis zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan transportiert. Eine weitere transkontinentale Gasleitung soll vom Osten Kasachstans über Usbekistan und Turkmenistan, unter dem Kaspischen Meer durch den südlichen Kaukasus und von dort in den Westen führen. Kasachstan hält sich allerdings auch die Bündnisoption mit Russland offen. So unterzeichnete der nationale Pipelinebetreiber am gleichen Tag, als US-Vizepräsident Cheney im Mai 2006 das Land besuchte, ein Abkommen mit Russland und China, um Öl von Westsibirien nach China zu exportieren. Auch Indien will den Ölimport aus Kasachstan und dem benachbarten Turkmenistan verstärken. Der Transport liefe über das bis heute von US- und NATO-Truppen politisch kontrollierte Afghanistan.
Die energie- und sicherheitspolitischen Interessen der USA in der Region vermischen sich. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 haben die USA ein Netz von Militärbasen in den zentralasiatischen Staaten ausgebaut. Der Kaukasusstaat Georgien soll sogar in die NATO aufgenommen werden. Die offizielle Begründung für das wachsende regionale Engagement der US-Militärs sind der islamische Terrorismus und der Militäreinsatz in Afghanistan. Gleichzeitig wird damit aber das geostrategische Terrain gegenüber den Großmachtkonkurrenten Russland und China abgesteckt.
Während in den Staaten Ost- und Südasiens die Wirtschaft boomt, spitzen sich in den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens ökonomische und politische Krisen zu. Turkmenistan und Kasachstan haben sich zwar zu bedeutenden Öl- und Gasexporteuren entwickelt, ihre interne wirtschaftliche Modernisierung ist aber stecken geblieben. Hinter der scheinbar friedlichen Fassade dieser autoritär geführten Länder wächst die Gefahr des politischen Extremismus. In Zentralasien versuchen alle Länder, die Begehrlichkeiten Russlands, Chinas und der USA gegeneinander auszuspielen. So beherbergt Kirgisien sowohl eine russische als auch eine amerikanische Militärbasis. Beide Basen liegen nur 25 km auseinander.
Die Widersprüche der US-amerikanischen Zentralasienpolitik lassen sich anhand eines Besuchs von US-Vizepräsident Cheney in der Region erzählen. Im Mai 2006 reiste Cheney nach Osteuropa und Zentralasien. In Zagreb traf er sich mit den Verteidigungsministern Kroatiens, Mazedoniens und Albaniens und versprach ihren Ländern die baldige Aufnahme in die NATO. Die Erweiterung der NATO, vor allem um die Staaten der ehemaligen sowjetischen Einflusszone, ist erklärtes Ziel der USA. Einerseits wollen die USA die NATO von einer rein transatlantischen Organisation zu einem globalen Bündnis der Demokratien ausbauen, andererseits verbindet sich damit eine geostrategische Eindämmungsstrategie gegenüber den Konkurrenten Russland und China. Der Faktor Energie spielt eine Schlüsselrolle. Von Zagreb reiste Cheney nach Vilnius weiter. In der litauischen Hauptstadt hielt er eine Rede auf die Demokratie in Osteuropa und kritisierte die Außenpolitik Russlands. Er warf Russland vor, seine Öl- und Gasexporte »als Mittel der Einschüchterung und Erpressung zu verwenden, entweder durch den Versuch, das Angebot zu manipulieren oder den Transport zu monopolisieren«. Damit hatte Cheney in der Sache Recht. Sein Plädoyer für mehr Demokratie und freie Märkte kontrastierte jedoch auffällig mit der nächsten Station seiner Reise, einem Besuch in der kasachischen Hauptstadt Astana.
Das Schlüsselland für die wirtschaftliche und politische Zukunft Zentralasiens ist Kasachstan. Der Präsident Kasachstans, Nursultan Nasarbajev, wurde im Dezember 2005 mit 91 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Seit 1989 steht er unangefochten an der Spitze des Landes. Davor, in der Sowjetunion, war er Spitzenfunktionär in der Kommunistischen Partei. Von Demokratie war bei Cheneys Besuch weniger die Rede. Denn Kasachstan hat Öl.
Kasachstan ist ein säkulares muslimisches Land in einem schwierigen außenpolitischen Umfeld und mit einer sich verschlechternden Menschenrechtssituation. Aber Kasachstan ist auch eines der rohstoffreichsten Länder der Erde. Am wichtigsten allerdings sind die großen Öl- und Gasfelder, die unter dem Kaspischen Meer liegen. Kasachstan produzierte im Jahr 2005 1,2 Millionen Barrel Öl. Im Jahr 2010 will Kasachstan die Ölexportriesen Kuwait und Nigeria überholen. Bis 2015 soll die Produktion auf drei Millionen Barrel gesteigert werden. Die Ölexporte Kasachstans werden künftig vor allem nach China gehen. Auch die USA haben Interesse bekundet. Chinas Rolle als Konkurrent um die Ölreserven im Nahen Osten wird dadurch abgemildert.
Außenpolitisch zeigt sich Kasachstan nach allen Seiten offen. Kasachische Ölkonzerne investieren in Osteuropa und in den asiatischen Nachbarländern. Dort machen sie auch Russland Konkurrenz. An seinem Öl- und Gasreichtum haben China und Indien, aber auch der Westen Interesse. Russland braucht zwar kein Öl aus Kasachstan, spielt aber durch seine Kontrolle des zentralasiatischen Pipelinenetzes eine Schlüsselrolle beim Export. Einen wirtschaftlichen, aber vor allem energiepolitischen Zusammenschluss der beiden Energiegroßmächte Kasachstan und Russland möchten die USA aber auf jeden Fall verhindern.
Wo bleibt Europa?
Kann Europa beim großen Spiel um die weltweiten Energieressourcen mithalten? Sollte Europa nach denselben, oftmals brutalen Regeln spielen oder sich für einen anderen Weg zum Ziel einer sicheren, bezahlbaren und umweltfreundlichen Energieversorgung entscheiden?
Seitdem mit dem Vertrag von Maastricht eine Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) der Europäischen Union begründet wurde, hat sie sich von Problem zu Problem weiterentwickelt. Das Ziel der nachhaltigen Entwicklung steht, auch im Bezug auf die europäische Außenpolitik, schon im Maastricht-Vertrag. Klimaschutz und Energiesicherheit werden als Herausforderungen der EU-Sicherheitsstrategie von 2003 benannt.
Geographisch wächst die EU-Außenpolitik in konzentrischen Kreisen. In ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, in Osteuropa oder im Mittelmeerraum ist die EU schon heute zum bestimmenden Faktor geworden. Weltweit gesehen ist die EU jedoch gerade erst aus den politischen Kinderschuhen herausgewachsen. Dabei ist sie in der internationalen Handelspolitik schon heute eine Weltmacht. Neben den USA, China sowie einigen großen Entwicklungsländern ist die EU der entscheidende Akteur innerhalb der Welthandelsorganisation. Der Euro hat sich in wenigen Jahren zur zweiten globalen Reservewährung neben dem Dollar entwickelt. In wahrscheinlich nicht allzu ferner Zukunft wird der Zeitpunkt kommen, wenn auch die globalen Ölgeschäfte neben dem Dollar in Euro abgewickelt werden. Auch in der globalen Klimapolitik, einem zentralen Baustein der Energiepolitik, spielt die EU eine Führungsrolle. Aus ihrer wirtschaftlichen Macht erwachsen auch politischer Einfluss und die Verantwortung, diesen zu nutzen.
Was die EU in den neunziger Jahren auf dem Balkan versäumt hat, nämlich bei der Lösung der Konflikte in ihrer eigenen Nachbarschaft die Führungsrolle zu übernehmen, sollte sie bei der Transformation der osteuropäischen Staaten in Richtung Demokratie, Sicherheit und Stabilität nachholen. Russland wird dabei als konstruktiver Partner gebraucht. Dort, wo die russische Regierung ihrer Verantwortung nicht gerecht werden möchte beziehungsweise von irregeleiteten Vorstellungen einer russischen Einflusssphäre, für die andere Regeln als in Europa gelten, motiviert wird, muss die EU auch gegen den Wunsch Moskaus und im Interesse ihrer Mitgliedstaaten und der demokratischen Bewegungen in ihren Nachbarländern handeln. Die Transformation Weißrusslands, der letzten Diktatur Europas, in Richtung Demokratie ist dabei der wichtigste Prüfstein für die EU-Russland-Beziehungen.
Der zweite wichtige Prüfstein für diese Beziehungen ist eine kooperative Gestaltung des paneuropäischen Energiemarkts. Leider wird das Verhältnis zwischen der EU und Russland heute vor allem durch die gegenseitige energiepolitische Abhängigkeit definiert. Russlands Außenpolitik wird zunehmend mit wirtschaftspolitischen Instrumenten, darunter am prominentesten durch Energieexporte und -investitionen, ausgeführt. Andere wichtige Aspekte der gegenseitigen Beziehungen, wie die oben genannten Sicherheitsherausforderungen oder eine auf breiterer Basis angelegte wirtschaftliche Beziehung, treten dabei in den Hintergrund. Eine gesamteuropäische Energiepolitik, wie sie in der Europäischen Energiecharta bereits angelegt ist, muss die wirtschaftlichen und politischen Interessen sowohl von Export-, Import-, als auch von Transitländern berücksichtigen. Die von der EU und Russland im Rahmen des Kioto-Protokolls eingegangenen Verpflichtungen zum Klimaschutz gehören ebenfalls zur weiteren Ausgestaltung des europäischen Energiemarkts.
Die Frage der zukünftigen Energiesicherheit zeigt exemplarisch, wie eng die Interessen Europas und Ostasiens im eurasischen Raum miteinander verknüpft sind. Die Volkswirtschaften Ostasiens definieren ihre Beziehungen zum bisher weitgehend vernachlässigten Nachbarn Russland vor allem über die erhofften Öl- und Gasimporte. Mehr und mehr treten die EU und die aufstrebenden ostasiatischen Volkswirtschaften dadurch in Konkurrenz zueinander. Diese muss durch ein stärkeres Engagement der EU in der Region konstruktiv gestaltet werden.
Je mehr globale Reichweite die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU entwickelt, desto wichtiger ist es, europäische Politik mit dem wichtigsten Partner Europas in der Welt – den USA – zu koordinieren. Auch wenn es zwischen EU und USA immer wieder zu Interessenkonflikten kommen wird, so können die wesentlichen globalen Herausforderungen und die meisten regionalen Sicherheitskonflikte nur dann gelöst werden, wenn EU und USA konstruktiv miteinander zusammenarbeiten.
In welchem institutionellen Rahmen und auf welcher vertraglichen Basis sollte diese Zusammenarbeit stattfinden? Der wichtigste Rahmen für die Lösung internationaler Probleme sollten weiterhin die Vereinten Nationen bleiben. Diese müssen dafür reformiert werden mit dem Doppelziel höherer Effizienz und Legitimität ihres Handelns. Nach dem würdelosen Gezerre zwischen Deutschland und anderen EU-Partnern um einen permanenten deutschen Sitz im Sicherheitsrat sollten die Kräfte darauf konzentriert werden, im Vorfeld wichtiger Entscheidungen eine gemeinsame EU-Position herzustellen und – aufbauend auf einer Erfahrung konstruktiver Zusammenarbeit – langfristig einen gemeinsamen europäischen Sitz anzustreben.
KAPITEL 3
ENERGIESUPERMACHT RUSSLAND
Als am Silvesterabend 1999 zur Feier des neuen Millenniums die Sektkorken knallten und Bilder von Feuerwerken in allen Hauptstädten der Welt über die Bildschirme flimmerten, fand eine Meldung aus der Rubrik Auslandsnachrichten nur wenig Beachtung. Der russische Präsident Boris Jelzin war überraschend zurückgetreten und hatte seine Amtsgeschäfte an seinen bis dato weder im In- noch im Ausland sonderlich bekannten Premierminister Wladimir Putin übertragen. Am Neujahrsmorgen 2000 war der große Computercrash ausgeblieben, drehte sich die Welt weiter, aber für Russland war ein neues Zeitalter angebrochen. Und wie sich später herausstellte, führte der Aufstieg Putins auch zu einer Zeitenwende in der weltweiten Energiepolitik.
Russlands Wiederaufstieg
Russland hat eine Schlüsselstellung für die zukünftige Energieversorgung Europas und Asiens. Deswegen ist es wichtig, zu verstehen, wohin Russland steuert und wer die Männer sind, die zurzeit im Kreml das Sagen haben, wie sie denken und was sie wollen. Russlands innenpolitische Entwicklung hat auch Auswirkungen auf das Verhalten gegenüber seinen Nachbarn und dem Rest der Welt. Wie zu Sowjetzeiten gehen eine immer autokratischere Innen- und eine imperiale Außenpolitik Hand in Hand. Dabei setzt die neue russische Großmachtpolitik auf die Macht von Gazprom, nicht auf die Waffen der Roten Armee. Die Europäische Union muss sich entscheiden, wie sie mit dem unheimlichen Koloss in ihrer Nachbarschaft umgehen will. Wird Russland zum strategischen Partner, so wie es in den wohllautenden Erklärungen europäischer Gipfeltreffen immer heißt, oder wächst im Osten ein Konkurrent und Gegner heran, gegen den Europa sich wirtschaftlich und politisch wappnen muss?
Die russische Wirtschaft boomt. Nachdem Ende der neunziger Jahre der Rubel kollabierte und die Zahlungsfähigkeit der Regierung nur durch internationale Kredite gerettet werden konnte, zahlt Moskau heute seine Auslandsschulden schneller zurück als vorgesehen. Doch das seit Jahren anhaltende Wirtschaftswachstum gründet fast ausschließlich auf dem Rohstoffexport, vor allem von Öl und Gas. Ansonsten stockt die wirtschaftliche Modernisierung. Die Erschließung neuer Förderfelder für diese strategisch wichtigen Ressourcen wird durch das eng abgestimmte Zusammenspiel zwischen dem Staat und einigen Großkonzernen vorangetrieben. Gleichzeitig nutzt die russische Führung die Schlüsselrolle des Landes für Europas und Ostasiens Energieversorgung, um den seit dem Zerfall der Sowjetunion verlorenen Einfluss in der Weltpolitik zurückzugewinnen.
Scheinbar unbegrenzte Ressourcen
Russland hält die größten Kohle-, Uran- und Gas-, sowie die siebtgrößten Ölreserven der Welt. In Steinkohleeinheiten (SKE), einer gebräuchlichen Messgröße für den Energiegehalt, besitzt das Land nach den USA und weit vor Indien, China oder Saudi-Arabien den zweitgrößten Anteil an fossilen Energievorräten insgesamt. Wegen der chaotischen Privatisierungspolitik der Jelzin-Jahre, in der ehemals staatliche Unternehmen oftmals in die Hände privater Finanzspekulanten gerieten, die die Produktion vernachlässigten und nur an einem schnellen Weiterverkauf interessiert waren, sowie wegen des Zusammenbruchs der Absatzmärkte ging die Förderung von Öl und Gas nach dem Ende der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre dramatisch zurück. Heute steigt sie genauso schnell wieder an. Doch das Wachstumspotenzial für Russlands boomenden Energiesektor ist nach oben nicht unbegrenzt.
Die russische Ölproduktion begann Ende des 19. Jahrhunderts am Kaspischen Meer auf dem Gebiet des heutigen Aserbaidschan. Heute liegen die Hauptförderstätten im Westen Sibiriens. Zukünftig setzt man auf neue Ölfelder im Osten Sibiriens, in der Barentssee und auf Sachalin. Ölexperten unterscheiden dabei zwischen heute schon nutzbaren »Reserven« und zukünftig verfügbaren »Ressourcen«. Bei den Reserven an heute wirtschaftlich und technisch förderbarem Erdöl steht Russland an siebter Stelle weltweit. Bei den Ressourcen, den bekannten, aber noch nicht unter rentablen Bedingungen förderbaren Vorräten, befindet sich Russland mit 16 Prozent weltweit an zweiter Stelle. Obwohl Russland über erheblich geringere Erdölreserven als Spitzenreiter Saudi-Arabien verfügt, liegt es bei der aktuellen Fördermenge fast gleichauf. Im Jahr 2005 lag die russische Ölförderung sogar erstmals vor der der Saudis. Allerdings verbrauchte Russland so viel Öl im eigenen Land, dass seine Exportmenge noch deutlich hinterherhinkte. Momentan fördert Russland jährlich knapp fünf Prozent seiner Reserven. Auch wenn neue Vorkommen entdeckt werden, so hat Russlands Ölproduktion doch ihren Höhepunkt – den sogenannten »Peak« – erreicht. Der Export kann zukünftig nur steigen, wenn im eigenen Land sparsamer mit Energie umgegangen und der heimische Verbrauch gesenkt wird. Russland muss deswegen dringend investieren, nicht nur in moderne Förderanlagen und neue Pipelines, sondern auch in die Energieeffizienz seiner Industrie und Haushalte.

Öl- und Gasförderregionen in Russland
Die Erdgasförderung im Westen Sibiriens, von dem aus Europa heute beliefert wird, geht kontinuierlich zurück. Die neuen gigantischen Gasfelder in der Arktis, unter dem Meeresboden (offshore) oder auf der Jamal-Halbinsel können nur erschlossen werden, wenn westliche Investoren sich an den immensen Kosten beteiligen. Dagegen steigt die Ölproduktion am Kaspischen Meer und in Zentralasien weiter. Russland ist deswegen daran interessiert, den Export aus Zentralasien über sein Pipelinenetz Richtung Westen zu leiten, um an diesem Geschäft mitzuverdienen. Außerdem will Russland zukünftig Flüssiggas per Tanker in die USA und nach Ostasien exportieren.
Die Öl- und Gasvorräte, über die Russland verfügt, sind also nicht unerschöpflich, wie russische Politiker und westliche Medien bisweilen glauben machen; dabei wird das Öl Russland eher ausgehen als das Erdgas.
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