Kitabı oxu: «Codename: Ghost (Jameson Force Security Group Teil 5)»
Sawyer Bennett
Codename: Ghost (Jameson Force Security Group Teil 5)
Aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen von Joy Fraser
© 2020 by Sawyer Bennett
© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe und
Übersetzung by Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels
www.plaisirdamour.de
info@plaisirdamourbooks.com
Englischer Originaltitel: „Code Name: Ghost (Jameson Force Security Book 5)“
Covergestaltung: © Mia Schulte/Sabrina Dahlenburg
Coverfoto: © Shutterstock8
ISBN eBook: 978-3-86495-506-
ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-505-1
Alle Rechte vorbehalten. Dies ist ein Werk der Fiktion. Namen, Darsteller, Orte und Handlung entspringen entweder der Fantasie der Autorin oder werden fiktiv eingesetzt. Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlichen Vorkommnissen, Schauplätzen oder Personen, lebend oder verstorben, ist rein zufällig.
Dieses Buch darf ohne die ausdrückliche schriftliche Genehmigung der Autorin weder in seiner Gesamtheit noch in Auszügen auf keinerlei Art mithilfe elektronischer oder mechanischer Mittel vervielfältigt oder weitergegeben werden. Ausgenommen hiervon sind kurze Zitate in Buchrezensionen.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Autorin
Kapitel 1
Malik
Ich ziehe die Decke fester um mich und versuche, ein Zittern zu unterdrücken. Am blauschwarzen Licht um mich erkenne ich, dass die Nacht gekommen ist, doch ich habe keine Ahnung, wie spät es ist. Ich habe vor langer Zeit aufgehört, auf die Tageszeiten zu achten.
Ich weiß nur, dass ich seit Monaten in dieser Holzhütte bin, deren Ritzen mit Lehm ausgestopft sind. So viel weiß ich genau, aber nicht, wie viele Hütten es gibt.
Die Hütte ist lediglich ein Bretterverschlag auf dem steinharten Wüstenboden. Dieser ist eine geologische Besonderheit, genannt Wüstenasphalt. Steine und Sand sind fast wie Asphalt verdichtet. Einer der Gründe, warum ich annehme, mich in der syrischen Wüste zu befinden, was jedoch nicht allzu viel aussagt, da über fünfzig Prozent dieses Landes aus Wüste bestehen.
Meinen Entführern genügt es nicht, mich in dieser Hütte gefangen zu halten. Irgendwann vor meiner Ankunft haben sie ein 3 x 3 Meter großes Loch in den Boden gegraben und einen Stab in der Mitte befestigt, an dem ich nun angekettet bin. Im Stehen reicht mein Kopf kaum bis an die Decke. Selbst auf Zehenspitzen kann ich nicht mehr sehen als das Dach der Hütte. Es gibt keine Tür, nur ein Fenster ohne Scheiben oder Klappläden. Ich bin wie ein Hund angekettet. Ich frage mich oft, warum sie mich in ein Loch gesperrt haben, und die einzige Erklärung ist, dass es Teil der Folter ist. Ich muss sagen, dass es scheiße ist, weder den Himmel noch die Sonne zu sehen oder ihre Wärme zu spüren.
Die Nächte werden langsam recht kalt, weshalb ich annehme, dass in Syrien der Winter beginnt. Ich schätze, dass es nachts so um die 5 °C Grad wird. Die beiden kratzigen Wolldecken, die man mir gegeben hat, kommen dagegen nicht an. Ich kann nachts nicht schlafen, friere zu sehr und fühle mich elend, sodass ich mich mehr tagsüber ausruhe, wenn es wärmer ist.
Ich erhebe mich von meinem Lager, das nur aus den zusammengefalteten Wolldecken besteht und so weit wie möglich vom Nachttopf entfernt liegt. Nicht, dass das eine Rolle spielt. Meinen Geruchssinn habe ich schon lange verloren, was in diesem Fall ein Gottesgeschenk ist. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich stinken muss. Ich trage noch dieselben Klamotten, in denen ich gefangen genommen wurde, abgesehen von den Stiefeln, die sie mir weggenommen haben. Schwarze Arbeitshose, langärmeliges schwarzes Thermohemd und Baumwollsocken. Die sind steif und unbeweglich, durchtränkt von Schweiß, Blut und Urin, nach Monaten der Gefangenschaft.
Allerdings nicht von meinen Tränen.
Nicht ein Mal in meiner Gefangenschaft haben sie meine Tränen bekommen.
Steif bewege ich mich durch das Loch im Boden, halte die dicke Kette an meinem Knöchel fest, um nicht darüber zu stolpern. Ich gehe auf die Zehenspitzen und versuche, etwas zu sehen, doch es ist sinnlos. Es gab eine Zeit, da hätte ich mich mühelos aus diesem Loch stemmen können, aber jetzt fehlt mir die Kraft. Sie wurde aus mir herausgeprügelt und -gehungert. Außerdem ist da noch das Problem der Kette um meinen Knöchel.
Als ich geschnappt wurde, war ich nicht erleichtert, noch zu leben. Mir war klar, in den Händen des Feindes zu sein – höchstwahrscheinlich der ISIS –, was bedeutete, auf dem Weg in den Foltertod zu sein. Zusätzlich trauerte ich heftig um meine verlorenen Teamkameraden.
Schnell bin ich gefesselt worden, habe einen Sack über den Kopf gezogen bekommen und bin gefühlte Stunden von dem kurzen Feuergefecht weggefahren worden, in das wir geraten waren. Ich habe immer noch das qualvolle Stöhnen der Männer in den Ohren, die erschossen wurden.
Was als Nächstes kam, ist zu erwarten gewesen. Ich gehörte zur Special-Forces-Einheit der Marines, bevor ich der Privatarmee Jameson Force Security beitrat und das SERE-Training mitmachte.
Survival. Evasion. Resistance. Escape.
Überleben. Flucht. Widerstand. Ausbruch.
Ich bekam nicht die Gelegenheit, meine Überlebens- und Ausbruchsfähigkeiten zu testen. Sie warfen mich direkt in den Widerstandsteil, als sie mir den Sack vom Kopf nahmen und mit der Folter anfingen, damit ich drauflos plauderte.
Gern würde ich behaupten, ich hätte der Folter tagelang widerstanden, aber das wäre nicht die Wahrheit. Der menschliche Körper kann nur bis zu einer gewissen Grenze mithalten, doch im Grunde lag es daran, dass ich einfach nicht die Informationen hatte, die sie haben wollten. Ich gehöre ja nicht mehr dem aktiven Dienst an. Als sie begriffen, dass ich einer privaten Sicherheitseinheit angehöre und in die Hände des Feindes gefallen bin, änderte sich ihr Interesse an mir.
Bevor sie mich verlegten, sagten sie, dass ich wertvoll sein könnte, um beim Austausch von Spionen mit anderen Ländern benutzt zu werden. Oder sie könnten mich vielleicht brauchen, um eine gute alte Enthauptung ins Internet zu stellen, was sich dann viral verbreiten würde, wie die meisten solcher Videos.
Sie stülpten mir wieder einen Sack über, fuhren mich stundenlang durch die Gegend und warfen mich in dieses Loch, in dem ich seit weiß Gott wie lange hocke. Es ist schwer, den Zeitraum im Auge zu behalten, besonders in den letzten paar Wochen, seit ich immer schwächer werde. Ich schlafe viel. Und morgens und abends bin ich oft wie benebelt, und die Zeit verläuft zu gleichförmig, um sie zu begreifen.
Ob ich bei guter Gesundheit bin, ist denen nicht wichtig. Ich bekomme zu essen, aber nicht regelmäßig. Meine Rippen stehen hervor und meine Knie sind knochig. Meistens bringen sie mir Reis, manchmal ein schales und trockenes Gebäck, das sie Ka’ak nennen. Ab und zu mal etwas Ziegenfleisch. Wasser bekomme ich genug, aber es schmeckt rostig. Ich muss mich dazu zwingen, es zu trinken. Mein Urin ist so braun wie das Wasser, was bestimmt bedeutet, dass ich langsam sterbe.
Diese Tatsache habe ich inzwischen akzeptiert.
Ich lasse mich auf meiner Decke nieder, lehne mich an die kalte, schmutzige Wand und wickele die andere Decke enger um mich. Mit geschlossenen Augen denke ich an meine Familie. Ich wette, dass meine Eltern und Geschwister jeden Winkel nach mir absuchen. Und mit Sicherheit nutzt mein Boss Kynan McGrath jeden seiner Regierungskontakte, um dasselbe zu tun. Ohne Zweifel hat mich noch niemand aufgegeben, so wie ich mich selbst. Sie werden nicht ruhen, bis sie Klarheit über meinen Verbleib haben. Das tut mir leid für sie, denn mich zu finden, gefangen in einem Loch mitten in der syrischen Wüste, ist, wie eine Stecknadel im Heuhaufen zu suchen.
Ich bin unauffindbar.
Ich höre Stimmen draußen, aber ich verstehe kein Arabisch. Schon gar nicht kann ich Dialekte unterscheiden. Ich kann nur sagen, dass ich immer zwei Bewacher habe, die sich alle paar Tage abwechseln. Einer ist normalerweise immer wach und der andere pennt auf dem Boden der Hütte. Manchmal höre ich ein Fahrzeug kommen und wieder fahren, wahrscheinlich, um die Wachen zu wechseln und Lebensmittel zu bringen.
Nie reden sie mit mir, und zwar nicht unbedingt, weil sie kein Englisch können, sondern weil ich ein Niemand für sie bin. Nur ein Gefangener, den sie in dem Loch lassen müssen. Sie empfinden mich nicht als Bedrohung, also ignorieren wir uns einfach gegenseitig. Ich glaube, sie müssen mich nur ansehen, um zu merken, dass ich vor langer Zeit schon sämtliche Fluchtpläne aufgegeben habe.
Schritte stapfen über den Wüstenasphalt. Jemand betritt die Hütte und das Gesicht eines Mannes erscheint über mir. Bill starrt mich an.
Nun ja, nicht wirklich. Ich kenne deren Namen nicht, aber da ich diese Männer täglich sehe, habe ich ihnen meine eigenen Namen gegeben.
Bill ist der netteste meiner Bewacher, doch das bedeutet nicht viel. Nur, dass er mir den Behälter mit meinem Essen nicht zuwirft, sondern sich an den Rand kniet und ihn mir reicht, damit nichts ausschwappt. Außerdem ist er der Einzige, der mich ab und zu aus dem Loch holt, aber ich glaube, nicht, weil er ein Herz hat. Er lässt mich nur raus, damit ich in die Wüste kacken oder pissen kann anstatt in den Eimer, den er am Ende auskippen muss.
Diesmal hat er kein Essen dabei, sondern winkt mir nur wortlos zu, ob ich raus will, um mich zu erleichtern.
Diese Chance lasse ich nie aus, ob ich rausmuss oder nicht, also nicke ich schnell.
Bill ist ein starker Mann und weiß, dass ich es mit ihm nicht mehr aufnehmen kann. Er schwingt das Gewehr auf seinen Rücken und legt sich am Rand des Lochs auf den Bauch. Wenn er einen Befehl ruft, den ich nicht verstehe, weiß ich, dass ich meine Hände zusammenlegen soll, damit er sie mir fesseln kann. Ich trete unter ihn, halte die Hände hoch, falte die Finger zusammen, sodass er ein Seil um meine Handgelenke wickeln kann.
Wenn das getan ist, springt er in das Loch und öffnet die Klammer um meinen Knöchel, die an der dicken Kette hängt. Stumm faltet er die Hände zur Räuberleiter zusammen, und ich stelle – wie schon so oft – einen Fuß hinein, sodass er mich hochhieven kann. Er ist stark und kann mich direkt hinauskatapultieren. Meine Landung ist hart und presst mir die Luft aus den Lungen. Bill ist genauso fit wie groß und springt mühelos hinter mir aus dem Loch.
Grob packt er mich am Arm und zerrt mich auf die Beine. Er schubst mich grob und befördert mich aus dem Eingang in die Nachtluft. Es ist frostig, aber gleichzeitig erfrischend. Ich erlebe einen kurzen Moment der Klarheit und eine Welle der Kraft. Sollte ich ihn angreifen? Versuchen, ihm die Waffe abzuringen? Ich blicke zu seinem Partner, meinem anderen Wärter, den ich Mortimer genannt habe. Er sitzt neben einem kleinen Feuer und nagt an einem Knochen mit knorpeligem Fleisch. Wahrscheinlich Ziege. Ich würde töten für einen Bissen, doch ich weiß, dass ich keinen bekommen werde.
Unerwartet schubst mich Bill erneut. Ich stolpere vorwärts und falle auf ein Knie. Über die Schmach, mich nicht wehren zu können, bin ich lange hinaus. Es ist mir egal, dass ich nicht einmal die Kraft habe, stehen zu bleiben, wenn mich jemand stößt.
Bill brüllt etwas auf Arabisch und zerrt mich wieder auf die Füße. Mortimer antwortet etwas und die beiden lachen. Ich starre Bill an und frage mich, ob er eine Familie hat und warum er solche Dinge tut. Wird er gut dafür bezahlt? Glaubt er an die Ziele, die meine Entführer anstreben?
Wieder sagt er etwas zu mir, das ich in einer Million Jahre nicht verstehen werde. Genauso verstehe ich das zischende Geräusch nicht, das ich höre.
Plötzlich explodiert sein Kopf in einer Wolke aus Blut, Knochen und Hirn.
Mortimer flucht scharf. Zumindest glaube ich das, und dann höre ich noch ein zischendes Geräusch und sein Kopf explodiert ebenfalls.
Beide Männer fallen auf den Wüstenasphalt, Bill mir direkt vor die Füße. Erstarrt sehe ich zu, wie Blut aus dem herausläuft, was von seinem Kopf übrig ist, und wie die Pfütze auf meine dreckigen Socken zukommt. Sie glänzt im Mondlicht und sieht beinahe schön aus.
Und dann begreife ich.
Ich bin frei.
Ich sehe auf, blinzele in die Nacht, doch der Schein von Mortimers Lagerfeuer macht es unmöglich, viel zu sehen.
„Hände hoch“, befiehlt eine amerikanische Stimme am Rand der Dunkelheit.
Ohne zu zögern, hebe ich die gefesselten Hände und sehe mich um.
Und dann treten Schatten aus der Schwärze. Meine Teamkameraden von Jameson. Tank und Merritt, mit einer Handvoll anderer Männer, alle in Tarnkleidung und bis an die Zähne mit Gewehren und Granaten bewaffnet.
Im Juni waren Tank und Merritt zusammen mit mir auf einer Mission, um Geiseln zu befreien, als wir in eine Falle gerieten. Bis jetzt hatte ich keine Ahnung, ob sie überlebt haben. Mir wird schwindelig, als mir bewusst wird, was ich hier sehe. Ich hatte sämtliche Hoffnungen aufgegeben, dass dies je geschehen wird.
Plötzlich steht mein Freund Cage Murdock vor mir und meine Beine geben nach. Er schlingt die Arme um mich und hält mich aufrecht. Tank und Merritt kommen näher, um mich genauer zu betrachten, während die anderen Männer die Überreste von Bill und Mortimer untersuchen.
„Ich habe dich, Kumpel“, versichert mir Cage. „Keine weiteren Wächter, oder?“
Ich schüttele den Kopf. „Ich glaube nicht. Ich habe immer nur zwei gesehen.“
Tank sieht sich um und nickt zu der Hütte, in der ich gefangen war. „Wir beobachten alles seit ein paar Tagen. Haben auch sonst niemanden gesehen, aber wir müssen sichergehen.“
„Wir sind sicher“, murmele ich, obwohl ich mir momentan über gar nichts sicher bin.
„Gut“, antwortet Cage und lächelt, tätschelt nicht sehr hart meine Schulter. „Das bedeutet, wir können deinen Arsch nach Hause bringen. Ich wette, das gefällt dir, was?“
Ich knirsche mit den Zähnen und weiß, dass meine Antwort niemals gut genug wäre. Stattdessen gebe ich der Wüste, was ich monatelang zurückgehalten habe.
Ich lasse meinen Tränen freien Lauf.
Kapitel 2
Anna
Es ist erstaunlich, wie effizient ich geworden bin, Avery und mich morgens fertig zu machen. Nicht, dass es besonders schwer wäre, ein vier Monate altes Baby zu versorgen. Ich bade sie abends, sodass ich morgens hauptsächlich die Windel wechseln muss, ihr das niedlichste Outfit anziehe, das ich unbedingt habe kaufen müssen, und sie stillen. Letzteres dauert am längsten, aber es ist auch das Schönste. Fast meditierend sehe ich meiner Tochter zu, wie sie sich ihren Lebenssaft von mir holt.
Danach dusche ich schnell und betrachte Avery in ihrem Maxi-Cosi durch die Duschtür. Dann föhne ich mir die Haare, lege etwas Make-up auf und bin nach anderthalb Stunden aus der Tür, bringe Avery zu meiner Mutter und fahre zur Arbeit.
Ich muss daran denken, wie anders alles wäre, wenn die Umstände anders wären. Zum Beispiel wie viel einfacher, würde ich meiner Mutter nachgeben und zu ihr ziehen, damit sie sich um uns beide kümmern kann. Sie versteht einfach nicht, wie wichtig mir meine Unabhängigkeit ist.
Oder wie viel leichter es wäre, Avery zu versorgen, wenn Jimmy noch bei mir wäre.
Mein Ehemann ist vor sechs Monaten in Syrien umgekommen, als eine Mission schiefging. Jimmy ist der Typ Mann gewesen, der darauf bestanden hätte, sich ebenfalls um Avery zu kümmern. Er hätte Windeln gewechselt und sie morgens angezogen, da ich ja diejenige bin, die sie stillt. Doch auch da wäre er dabei gewesen. Er hätte sich neben mich auf die Couch gesetzt, mich in seine starken Arme genommen und sie genauso verträumt angesehen wie ich, denn sie ist unser kleines Wunder.
Zumindest glaube ich, dass er so gewesen wäre.
Die Zeit vernebelt den Menschen den Verstand, genau wie das Schicksal, schwanger mit dem ersten Kind zur Witwe zu werden. In Wahrheit hatten Jimmy und ich uns erst zwei Jahre gekannt, bevor er gestorben ist. Wir waren beide in der Army und lernten uns kennen, als wir in Ft. Bragg, North Carolina, stationiert waren. Es war eine wilde Romanze, eine versehentliche Schwangerschaft und eine schnelle Heirat. Manch einer mag sagen, dass ich gar nicht voraussagen könne, wie Jimmy als Vater gewesen wäre, denn ich kannte ihn kaum, aber das stimmt nicht. Jimmy war die Art Mensch, der Avery und mich sein ganzes Leben lang abgöttisch geliebt hätte. Nur weil er uns genommen wurde, bevor er das beweisen konnte, heißt das nicht, dass ich diese Tatsache nicht weiß.
Trotz allem will ich eins beweisen: dass ich die starke und unabhängige Frau bin, die Jimmy so bewundert hat. Das hat ihn an mir sofort angezogen. Obwohl er kein Problem damit hätte, dass ich mich auf meine Mutter stütze – was ich mit Sicherheit nach seinem Tod auch getan habe –, würde er von mir erwarten, dass ich Avery ein Vorbild dafür bin, dass man auch mit Schicksalsschlägen im Leben fertig werden kann. Und das versuche ich, indem ich einen Schritt nach dem anderen gehe und weitermache.
Täglich sage ich mir selbst: Du schaffst das, Anna.
Doch heute, während ich Avery im Auto festschnalle, habe ich meinen schwachen Moment. Einmal jeden Tag gebe ich mich der Trauer, dem Selbstmitleid und den Tränen hin. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie ich das loswerden kann, aber der Moment dauert meist nicht lange. Manchmal ist es nur ein dumpfer Schmerz in meiner Brust und ein Brennen der Tränen in den Augen, wenn ich an Jimmy denke.
An anderen Tagen kann ich mich nicht zurückhalten. Während Avery babymäßig vor sich hin plappert und eine Rassel in ihrer winzigen Faust hält, rollen mir warm die Tränen über die Wangen. Es tut weh, das heftige Schluchzen zu unterdrücken, das sich den Weg freimachen will. Ich sacke gegen den Türrahmen, atme durch und verfluche den Himmel, dass er mir den Ehemann und Avery den Vater genommen hat. Kurz gebe ich mich dem Selbstmitleid hin, denn es ist verdammt schwer, eine junge Witwe und alleinerziehende Mutter zu sein. Das habe ich nicht verdient.
Dann fällt mein Blick auf Avery und sie sieht mich nachdenklich an. Ihr Blick ist stechend, und ich glaube, sie weiß, dass ihre Mutter einen schwachen Moment hat. Mit dem Handrücken wische ich die Tränen fort, schniefe durch die Nase und lächele mein kleines Mädchen an. Sie antwortet, indem sich ihre kleinen Mundwinkel heben und sie grinst. Sie schwingt die Rassel und stößt einen kleinen Quietscher aus, der eines Tages sicher ein wunderschönes Kichern werden wird.
Und schon ist mein Moment vorbei.
Ich beuge mich vor und küsse Avery auf die Stirn, ziehe an ihren Gurten, um sicherzugehen, dass sie festsitzen, und wiederhole mein Mantra.
„Du schaffst das, Anna.“
*
Ich gehe am zweiten Stock vorbei, wo sich mein Büro befindet, und hoch in die Gemeinschaftsküche im vierten. Dort gibt es den besten Kaffee und meistens bringt irgendjemand etwas vom Bäcker mit.
Ich arbeite erst seit ein paar Monaten bei Jameson Force Security. Es war Jimmys Job und ich war nur die Ehefrau. Seine Erfahrungen bei der Army haben ihn für den Auftrag als Spezialist für die private Sicherheitsfirma prädestiniert. Er wurde für einen Auftrag, den unsere Regierung der Firma erteilt hatte, eingeteilt. In Syrien Helfer retten, die als Geiseln genommen worden waren.
Meine Rolle ist weit weniger heldenhaft, doch ich bin für sie wie geschaffen. Bei der Army bin ich im Büro tätig gewesen, was mich als Assistentin des Bosses qualifiziert. Kynan McGrath und seine Frau Joslyn haben mir nach Jimmys Tod sehr geholfen. Ständig haben sie sich nach mir erkundigt, mich besucht und mir versichert, dass sie für immer für mich und meine Tochter da sein werden.
Das habe ich nicht unbedingt gewollt, aber Kynan hat nicht gezögert, als ich ihn um eine Arbeitsstelle bat. Ich brauchte etwas, was mir das Gefühl gab, etwas wert zu sein. Seltsamerweise war es genau das, was ich brauchte, für die Firma zu arbeiten, in deren Auftrag mein Mann ums Leben kam.
Jameson ist eine interessante Firma. Sie wurde in Vegas von Kynans bestem Freund Jerico Jameson gegründet. Vor ein paar Jahren hat er sie an Kynan verkauft. Der verlegte das Hauptquartier nach Pittsburgh, damit er an der Ostküste war und näher an der Regierung in D.C.
Die Firma wickelt eine breite Spannweite an Sicherheitsservices ab. Wir haben Technik-Teams, die einfache Sachen wie das Installieren von Haus-Alarmsystemen übernehmen, bis hin zu Teams, die sogar in gefährliche Länder gehen und Menschen retten. Letzteres tun wir erstaunlich oft, denn die sprichwörtlichen Hände unserer Regierung sind oft gebunden, wenn es darum geht, wohin sie ihre Truppen schicken kann. In solchen Fällen, wenn etwas erledigt werden muss, und zwar vollkommen inoffiziell und geheim, heuern sie Privatfirmen an. Ich bin ein bisschen stolz, zu sagen, dass sie sich meistens an Jameson wenden.
Mom kann nicht verstehen, wieso ich bei der Firma arbeite, bei der mein Mann umgekommen ist. Ich habe versucht, es ihr zu erklären, doch sie wird es nie nachvollziehen können. Jimmy hat seinen Auftrag nicht vollenden können. Er hat sein Leben gegeben, als er etwas sehr Wichtiges tat. Das Leben Unschuldiger retten. Wenn ich dieser Firma irgendwie helfen kann, ihre Ziele zu erreichen, habe ich das Gefühl, Jimmy zu helfen, seine Mission zu Ende zu bringen.
Außerdem ist Jimmy nicht das einzige Opfer gewesen. Sein Teamkamerad Sal Mezzina wurde ebenfalls getötet. Und vielleicht noch schlimmer: Sein anderer Teamkamerad, Malik Fournier, war in Gefangenschaft geraten und monatelang festgehalten worden.
Vor zwei Wochen ist Malik jedoch befreit worden. Ich kann gar nicht in Worte fassen, welche Bürde das von meinen Schultern genommen hat.
Aus irgendeinem Grund bin ich sehr in die Suche nach Malik verstrickt worden. Monatelang hatte Jameson Hunderttausende Dollars in geheime Reisen nach Syrien investiert. Wir bezahlten Informanten, verstießen gegen die Wünsche unserer Regierung, von Befreiungsversuchen abzusehen, und durchsuchten das ganze Land nach ihm. Erst nachdem Kynan eine Million Dollar für brauchbare Informationen über Maliks Aufenthaltsort – tot oder lebendig – aussetzte, bekamen wir endlich einen soliden Beweis seiner Gefangenschaft.
Kynan traf die mutige Entscheidung, unser Team zu schicken, das Malik vor seinen Entführern rettete – die Mithilfe unserer Regierung vermeidend oder besser gesagt die Behinderung, denn die müssen immer nach bestimmten Regeln vorgehen.
Diese Nachricht hat mich glücklicher gemacht, als ich seit einer ganzen Weile war. Ich hatte das Gefühl, dass Jimmy und Sal ihre leitenden Hände über unserem Team hatten, das Malik erfolgreich nach Hause gebracht hat.
Seit zwei Wochen befindet sich Malik in Montreal und erholt sich bei seiner Familie. Da seine Mutter Amerikanerin ist und sein Vater Franko-Kanadier, besitzt er beide Staatsbürgerschaften. Sicherlich würde jeder an seiner Stelle eine Weile zu Hause bleiben wollen, um sich von den Strapazen zu erholen. Doch Kynan sagte, dass er bald wieder zur Arbeit komme, und ich kann es kaum erwarten, ihn zu sehen. Ich muss mich selbst davon überzeugen, dass Wunder geschehen können und dass Jimmys Tod vielleicht doch nicht ganz umsonst war.
Wie erwartet liegt eine Schachtel voller Donuts auf dem Tresen der großen Küche, die in den Gemeinschaftsraum übergeht. Auf dieser Etage befinden sich ein paar kleine Apartments, in denen unsere alleinstehenden Kollegen wohnen. In der Küche finden große Team-Essen statt, Zusammenkünfte, und der Aufenthaltsbereich ist wie ein großes Wohnzimmer, ausgestattet mit bequemen Sofas, Fernsehsesseln und einem riesigen Fernseher. Hier veranstaltet Kynan immer eine umwerfende Superbowl-Party, wurde mir erzählt.
Ich schaue auf meine Uhr und sehe, dass ich noch fünfzehn Minuten bis zu meiner Morgenbesprechung unten mit Kynan habe, in der wir seine Termine und Aufgaben für den Tag durchgehen. Ich nehme mir eine Tasse Kaffee, einen Ahornsirup-Donut, setze mich an die Kücheninsel und checke mein Handy. Schon hat Mom mir drei Fotos von Avery geschickt, die ich mir eine Weile ansehe, während ich dabei meinen Donut futtere.
Der frühere Lastenaufzug hält im vierten Stock und die Tür gleitet auf. Ich sehe nicht einmal von meinem Handy hoch, da ich annehme, es wäre Kynan, der sich Kaffee und einen Donut holen will.
„Hi, Kynan“, sage ich und blättere zum ersten Foto von Avery zurück, auf dem sie eine kleine Spuckeluftblase vor den Lippen hat. „Sieh dir das an.“ Ich hebe den Kopf, drehe ihm das Handy zu, und dann bleibt mir der Mund offen stehen wegen des Mannes, der aus dem Aufzug tritt. Er hat eine große Militärtasche über der Schulter.
Malik Fournier.
Wir haben uns erst ein Mal gesehen. An dem Abend vor dem Einsatz, doch die Unterschiede zwischen diesem Mann und dem, der jetzt vor mir steht, sind mehr als deutlich.
Malik war ein großer Mann, und das trifft auf seine Höhe immer noch zu. Doch als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er muskulös. Ein straffes Paket, und er schien genau zu wissen, wie er seine Kraft einsetzen kann. Der Mann vor mir ist viel dünner, auch wenn er in den letzten zwei Wochen bei seinen Eltern sicherlich gut zugenommen hat. Seine Wangen sind leicht eingefallen und seine Augen haben Ringe. Vielleicht dauert es länger als zwei Wochen, um den Schlaf aufzuholen, den er sicherlich in der Gefangenschaft nicht bekommen hat.
Ich weiß, dass es ihm schlecht ergangen ist, denn ich habe Cage nach allen schrecklichen Details ausgefragt, als er nach der Rettung wieder in Pittsburgh war. Erst hat er sich geweigert, aber dann nachgegeben. Weil Cage ein sehr guter Freund geworden ist und besser als jeder andere weiß, wie sehr ich in Maliks Rettung verstrickt war, um endlich inneren Frieden zu finden und über Jimmys Tod hinwegzukommen.
Cage hat mir alle Details erzählt. Nachdem er damit fertig war, wünschte ich, er hätte es nicht getan. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie jemand so etwas überleben kann.
Und dennoch … ihn jetzt vor mir zu sehen, noch nicht wieder ganz der Alte und doch so stark, dass er die Gefangenschaft überlebt hat, trifft es mich so, wie ich es erwartet habe. Es ist wie Balsam für meine Seele, zu wissen, was für ein Wunder es ist, dass er überlebt hat. Obwohl es Jimmys Tod nicht leichter zu akzeptieren macht, nimmt es mir definitiv einen Teil der Trauer und ersetzt sie durch echte Freude, dass Malik das Unmögliche geschafft hat.
Wir sehen uns eine Weile an, dann blickt Malik auf das Handy.
„Süßes Kind.“