Kitabı oxu: «Tausend Monde»

Şrift:

Sebastian Barry

TAUSEND MONDE

Roman

Aus dem Englischen von

Hans-Christian Oeser

Steidl

Für C

Manchmal ist sogar das Leben ein Akt des Mutes.

Seneca

Erstes Kapitel

Ich bin Winona.

In meinen ersten Lebensjahren war ich Ojinjintka, das bedeutet »Rose«. Thomas McNulty hatte sich ordentlich bemüht, diesen Namen auszusprechen, aber es wollte ihm nicht gelingen, und so gab er mir den Namen meiner toten Cousine, weil der ihm leichter von der Zunge ging. Winona bedeutet »Erstgeborene«. Die Erstgeborene war ich nicht.

Meine Mutter, meine ältere Schwester, meine Cousinen, meine Tanten, sie alle wurden getötet. Sie waren Angehörige des Stammes der Lakota, der einst auf den Prärien lebte. Ich war nicht etwa zu jung, um mich daran zu erinnern – vielleicht sechs oder sieben –, trotzdem konnte ich mich nicht erinnern. Ich wusste, es war geschehen, weil mich die Soldaten danach ins Fort brachten und ich ein Waisenkind war.

Ein kleines Mädchen macht so manche grundlegende Veränderung durch. Als ich zu meinem Volk zurückkehrte, konnte ich mich mit niemandem unterhalten. Ich weiß noch, wie ich mit den anderen Frauen im Tipi saß und ihnen nicht antworten konnte. Zu diesem Zeitpunkt war ich mindestens schon dreizehn. Nach ein paar Tagen fand ich die Worte wieder. Die Frauen stürzten mir entgegen und umarmten mich, als wäre ich erst in diesem Augenblick bei ihnen angekommen. Wirklich sehen konnten sie mich nur, wenn ich unsere Sprache sprach. Dann holte Thomas McNulty mich wieder ab und brachte mich zurück nach Tennessee.

Selbst wenn du Blutbäder und Katastrophen überstanden hast, am Ende musst du lernen zu leben. Du musst dich umtun, schauen, wie’s um die Dinge steht, Dinge anbauen oder Dinge kaufen – wie’s gerade kommt.

Paris, Tennessee hieß das Städtchen in unserer Nähe. Lige Magans Farm lag etwa sieben Meilen außerhalb. Es war bereits etliche Jahre nach dem Krieg, doch in der Stadt lungerten noch immer raue Unionssoldaten herum, und die besiegten Grauröcke waren eine Art geheimer Präsenz, dabei steckten sie gar nicht mehr in ihren Uniformen. Vagabunden auf jeder noch so kleinen Nebenstraße. Und die Staatsmiliz, die ein wachsames Auge auf diese Vagabunden hatte.

Überhaupt war es eine Stadt mit vielen Augen, die einen beobachteten, ein unbehaglicher Ort.

Wenn du in einem Geschäft für Trockenwaren vorsprichst, um etwas zu erstehen, musst du dich des allerbesten Englisch befleißigen, oder es passiert etwas. Meine ersten englischen Wörter hatte mir Mrs Neale im Fort beigebracht. Später besorgte mir John Cole zwei Grammatikbücher. Die habe ich von vorn bis hinten durchstudiert.

Es ist schlimm genug, Indianerin zu sein, auch ohne dass man krächzt wie ein Rabe. Die Weißen in Paris konnten sich auch nicht alle gut ausdrücken. Einige stammten von weit her, waren Deutsche oder Schweden. Andere, wie Thomas McNulty, waren Iren und kamen erst, als sie nach Amerika gelangten, mit Englisch in Kontakt.

Aber als junge indianische Frau war es wohl nötig, so vornehm zu reden wie eine Kaiserin. Natürlich hätte ich auch die Einkaufsliste vorlegen können, die mir Rosalee Bouguereau, die auf Liges Farm arbeitete, zusammengestellt hatte. Aber besser war’s, den Mund aufzutun.

Andernfalls wäre ich jedes Mal, wenn ich in die Stadt kam, verprügelt worden. Was mich davor schützte, war die englische Sprache. Irgendein verzottelter Landarbeiter mochte einen Blick auf dich werfen, deine dunkle Haut und dein schwarzes Haar bemerken und der Meinung sein, das gebe ihm das Recht, dich zu schlagen und zu treten. Niemand hätte sich getraut, etwas zu sagen. Nicht einmal ein Sheriff oder Hilfssheriff.

Eine Indianerin zu schlagen war kein Verbrechen, ganz und gar nicht.

Auch John Cole, der doch als Soldat gedient hatte und ein anständiger Farmer war, wurde in der Stadt schlecht behandelt, weil seine Großmutter oder die Frau vor seiner Großmutter Indianerin gewesen war. Das stand ihm ein bisschen ins Gesicht geschrieben. Ihn schützte nicht einmal die englische Sprache. Er war ein großer, erwachsener Mann, vielleicht konnte er deshalb nicht immer auf Gnade hoffen. Wie die Leute, im Besonderen Thomas McNulty, immer wieder bekräftigten, hatte er zwar ein hübsches Gesicht, aber ich denke, manchmal konnten die Stadtbewohner eben doch das Indianische darin entdecken. Sie schlugen ihn grün und blau, und dann war er nur noch eine Planke des Leidens im Bett, und Thomas McNulty fluchte, er werde in die Stadt fahren und jemanden umbringen.

Doch Thomas McNulty hatte den Nachteil, arm zu sein. Wir waren alle arm. Selbst Lige Magan, dem doch die Farm gehörte, war ziemlich arm, und wir, die wir unter Lige arbeiteten, waren es erst recht.

Viel ärmer als Lige.

Wenn ein armer Mensch etwas tut, muss er es lautlos tun. Wenn ein armer Mensch zum Beispiel tötet, muss er es lautlos tun und so schnell davonlaufen wie die kleinen Rehe, die sich aus den Wäldern hervorgewagt haben.

Außerdem hatte Thomas wegen Fahnenflucht im Gefängnis von Fort Leavenworth gesessen, deshalb machten ihn die Uniformen in der Stadt nervös, obwohl er immer wieder beteuerte, er liebe die Armee.

Ich selbst stand gesellschaftlich unter Rosalee Bouguereau. Sie war eine schwarzhäutige Heilige von einer Frau, das kann ich Ihnen versichern. Sie ging immer mit dem Gewehr ihres Bruders los, um in dem Waldstück hinter Liges Farm Kaninchen zu schießen. In dem denkwürdigen – jedenfalls in unseren Augen denkwürdigen – Gefecht mit Tach Petrie, als der und seine Komplizen uns ausrauben wollten und unerbittlich auf unsere Farm vorrückten, hatte sie sich laut John Cole dadurch ausgezeichnet, dass sie die Gewehre so schnell nachlud wie niemand sonst.

Doch vor dem Krieg war sie eine Sklavin gewesen, und in den Augen der Weißen stehen Sklaven natürlich sehr tief.

Also stand ich noch viel tiefer.

In den Augen der Stadt war ich nur die verlöschende Glut eines Indianerfeuers. Der Großteil der Indianer war aus dem Henry County längst verschwunden. Cherokee. Chickasaw. Die Leute mochten es nicht, wenn glühende Asche zu ihnen zurückwehte.

In den Augen des Großen Mysteriums waren wir alle gleich. Versuchten, unsere Seelen so klein zu machen, dass sie ins Paradies passten. Das hatte meine Mutter gesagt. Was ich von meiner Mutter noch weiß, trage ich bei mir, wie ein Kind einen kleinen Beutel mit Dingen bei sich trägt, die ihm kostbar sind. Wenn eine solche Liebe vom Tod berührt wird, dann wächst in deinem Herzen etwas, das ungleich tiefer ist als der Tod. Meine Mutter machte viel Aufhebens um uns, um mich und meine Schwester. Sie interessierte sich dafür, wie schnell wir rennen und wie hoch wir springen konnten, und wurde nie müde, uns zu sagen, wie hübsch wir seien. Wir waren einfach nur kleine Mädchen, dort draußen in der Prärie, unterm Sternenzelt.

Manchmal sagte mir Thomas McNulty, ich sei so hübsch wie die Dinge, die er hübsch fand – Rosen, Rotkehlchen und dergleichen. Es waren mütterliche Reden, die er im Munde führte, denn damals hatte ich schon keine Mutter mehr. Seltsam, dass er als Soldat in den alten Kriegen viele Angehörige meines Volkes getötet hatte. Vielleicht hatte er ja sogar einen Teil meiner Familie getötet, er wusste es nicht.

»Ich war zu klein, um mich noch daran erinnern zu können«, sagte ich ihm dann. Natürlich stimmte das nicht, aber es lief auf dasselbe hinaus.

Früher war mir immer ganz sonderbar zumute, wenn ich ihn davon reden hörte. Dann begann ich, aus der Mitte meines Körpers heraus zu brennen. Ich hatte meine eigene kleine Damenpistole mit Perlmuttgriff, die mir der Dichter McSweny in Grand Rapids geschenkt hatte. Mit der hätte ich Thomas erschießen können. Manchmal dachte ich, ich sollte wirklich jemanden erschießen. Tatsächlich habe ich ja auch einen von Tach Petries Männern erschossen, nicht während des berühmten Gefechts, sondern ein andermal, als sie uns auf der Straße auflauerten – mitten durch die Brust. Und er hat auch auf mich geschossen, aber es war nur eine Prellung, keine Wunde.

Ich hatte eine Wunde – die, ein verlorenes Kind zu sein. Und sie waren es, die mich heilten, Thomas McNulty und John Cole. Sie taten ihr Möglichstes, vermute ich. Sie haben mir die Wunde also zugefügt und sie geheilt, was eine unumstößliche Tatsache ist.

Ich denke, mir blieb gar keine Wahl. Wenn dir die Mutter genommen ist, kannst du sie nie mehr einholen. Du kannst nicht rufen: »Warte auf mich«, wie damals, wenn unter einem Wolfsmond die Winde kalt wurden und Mutter auf der Suche nach Holz weit vor dir durch die Gräser lief.

Thomas McNulty hat mich gleich zweimal gerettet. Das zweite Mal, als er sich erneut aufs Schlachtfeld wagte, mit mir im Schlepptau, als Trommlerjunge verkleidet. Als Starling Carlton mich auf der Stelle umbringen wollte. Wir waren ihm im Kampfgetümmel begegnet. Er fuchtelte mit seinem Revolver und brüllte, alle Indianer müssten getötet werden, so laute der Befehl des Majors, und genau das werde er tun. Also musste Thomas McNulty stattdessen ihn töten. Darüber war Thomas sehr betrübt. Sie hatten lange Zeit zusammen in der Armee gedient.

An all das kann ich mich recht deutlich erinnern.

Als kleines Mädchen musste ich oft ohne jeden Grund weinen. Ich stahl mich davon und suchte mir einen abgeschiedenen Ort. Dort ließ ich die Tränen fließen, und hinter meinen Augen war es so finster, als sei ich erblindet. Dann hielt John Cole Ausschau nach mir. Und war klug genug, den Arm um mich zu legen und mich nicht zu bitten, etwas zu sagen, wofür ich keine Worte hatte, weder auf Englisch noch auf Lakota.

John Cole. Viel von seiner Liebe zu mir drückte sich in praktischen Dingen aus. Wie gesagt, er besorgte mir Grammatikbücher und begann, mich zu unterrichten, obwohl er selbst auch nicht gerade über Bildung verfügte. Er brachte mir nicht nur Buchstaben, sondern auch Zahlen bei.

Als Lige Magan glaubte, ich sei so weit, erkundigte er sich bei seinem Freund, dem Anwalt Briscoe, nach einer Anstellung. Diese Arbeit verrichtete ich eine ganze Weile, schrieb Zahlen auf und rechnete sie zusammen. Darauf war ich sehr stolz.

Der Anwalt Briscoe hatte ein schönes Haus und einen Garten mit Blumen, die gar nicht nach Tennessee gehörten, meist Rosen aus England. Über seine Rosen verfasste er ein Buch, das in Memphis gedruckt wurde. In seinem Büro hatte es einen Ehrenplatz.

Wie gesagt, Ojinjintka bedeutet »Rose«. Ich weiß nicht, was für eine Rose. Vielleicht eine verlorene Prärierose.

Keine echte Rose wie die vom Anwalt Briscoe. Eine Rose in den Augen meines Volkes.

Der Anwalt Briscoe drängte mir Bücher auf, die er schätzte. Ich trug sie nach Hause und las sie im Wohnzimmer am Ofen. Von der Wiese ein Lufthauch, der immer wieder die Seiten streifte. Jene angenehmen Abende, an denen es nichts weiter zu tun gab, als Rosalees geliebtem Bruder Tennyson Bouguereau zuzuhören, wie er all die alten Lieder vortrug, die er kannte. Ich selbst in Gedanken versunken. In Gedanken, wie nur Bücher sie dir einflößen.

Natürlich war das alles vor Jas Jonski. Einem Burschen, der, wenn ich es mir recht überlege, noch nie ein Buch gelesen hatte. Der kaum einen Brief schreiben konnte.

Das alles muss in den 1870er Jahren gewesen sein, nach dem Krieg und nachdem Thomas aus dem Gefängnis nach Hause zurückgekehrt war. Es könnte sogar das Jahr gewesen sein, in dem General Custer getötet wurde. Oder kurz davor.

Doch wie schnellfüßig vergingen all diese Jahre. Wie Ponys, die über die endlosen Prärien galoppieren.

Zweites Kapitel

Jas Jonski war Verkäufer in einem Geschäft für Trockenwaren. Er arbeitete für ein jämmerliches Gespenst von einem Mann namens Mr Hicks. Schon als ich den Laden das erste Mal betrat, wusste ich, dass Jonski mich mochte.

»Du bist die Tochter von John Cole«, sagte er ohne jeden Anflug von Schüchternheit.

»Woher willst du wissen, dass ich die Tochter von John Cole bin?«, fragte ich. Mich für mein Teil beunruhigte es, überhaupt erkannt zu werden.

Er sagte, im vergangenen Herbst habe er mit dem Pferdewagen die schweren Sachen aus dem Laden angeliefert, und wunderte sich, dass ich mich nicht mehr daran erinnern konnte, wo er mir doch Komplimente gemacht hatte.

»Jetzt bist du sogar noch hübscher«, sagte er ziemlich keck.

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Auf seine Weise war dieser Satz wie ein plötzlicher Hinterhalt. Ich war bereit, mich zu verteidigen. Thomas McNulty hatte mir immer gesagt, dass ein Mädchen auf Nummer sicher gehen muss, dass sie wissen muss, wie sie ihr Messer, ihre kleine Pistole benutzt, all das. Für den Fall, dass meine Schusswaffe versagte, steckte im Saum meines Unterrocks ein schmales, kleines Messer aus Stahl. Aus englischem Stahl. Thomas McNulty zeigte mir, auf welche Körperstellen man am besten einsticht, wenn man sich jemanden vom Leib halten will.

Doch jedes Mal, wenn ich in die Stadt fuhr, um Vorräte einzukaufen, war Jonski freundlich zu mir. Als gäbe es jetzt vielleicht doch jemanden in der Stadt, dem ich vertrauen konnte. Da war etwas zwischen uns, aber ich hatte keinen Namen dafür. Es schien eine gute Sache zu sein. Ich begann, mich auf ihn zu freuen, und um schneller bei ihm zu sein, trieb ich die Maultiere an, sehr zu ihrem Leidwesen.

Ja, Jas Jonski war ganz vernarrt in mich, und nachdem er sechs Monate lang Rohrzucker und dergleichen für mich abgefüllt hatte, ging an meinem Pferdewagen ein Rad ab, und er fuhr mich hinaus zu Lige Magans Farm und unterhielt sich mit Thomas McNulty. Thomas McNulty würde selbst mit dem Teufel reden, so dass Jas Jonski keine Mühe mit ihm hatte. Und so machten Thomas McNulty und John Cole allmählich seine Bekanntschaft. Nie habe ich John Cole jemanden mit weniger Bewunderung anschauen sehen.

Aber Jas Jonski war entweder blind oder verliebt; jedenfalls schien er nichts zu bemerken. Er kam jetzt regelmäßig raus zur Farm, und als er feststellte, dass Thomas McNulty gern diese teure Melasse aus New Orleans aß, brachte er zuweilen einen Topf davon mit. Dann saß er da, strahlte über das ganze Gesicht und redete, während Thomas mit einem Zweig die Melasse in sich hineinstopfte wie ein Bär. John Cole blickte finster drein und sagte nichts. Er machte sich nichts aus Melasse, es sei denn, es handelte sich um das billige Zeug, das nach der Ernte dem Tabak zugegeben wurde. Jas Jonski strahlte wie eine Sonne, die einfach nicht untergehen will, ganz gleich, wie dunkel der Abend ist.

»Ich mag die Stadt«, sagte Jas Jonski zu John Cole, »aber hier auf dem Land gefällt’s mir auch.«

John Cole sagte noch immer nichts.

Jas Jonski durfte mich für zehn Minuten in den Wald führen, das war alles, was John Cole an Liebeswerben gestattete. Nicht einmal seine Hand halten durfte ich. Jas Jonski hatte den bescheidenen Ehrgeiz, einen eigenen Laden zu besitzen, und deutete an, nach Nashville ziehen zu wollen, wo seine Familie lebte. Nicht wenige Male blieb er stehen, ließ mich vor sich hintreten und hielt eine Ansprache. Zu sehen, wie sich sein Gesicht bei all den glühenden Beteuerungen rötete, war mir überaus angenehm. Denn er beteuerte seine Liebe, ganz wie in den Märchenbüchern.

Dann dachte Jas Jonski, er würde gut daran tun, mich zu heiraten, und fragte mich nach meiner Meinung. Ich wusste nicht, wie alt ich war, aber ich schätze, ich war noch keine siebzehn. Ich war im Hirschmond geboren, das war das Einzige, was ich mit Gewissheit wusste. Er sagte, er sei neunzehn. Ein rothaariger Bursche mit einem Gesicht, das das ganze Jahr über verbrannt aussah, nicht nur im Hochsommer.

Da bekam auch John Cole ein rotes Gesicht. Wurde wütend wie ein Wels.

»Kommt nicht in Frage, Madam«, sagte er.

Immerhin war ich für den Anwalt Briscoe tätig, eine ungewöhnliche Beschäftigung für ein Mädchen, ganz zu schweigen von einer Indianerin. Ich glaube, John Cole hatte mich zur ersten indianischen Präsidentin bestimmt.

Nun, ich würde Jas Jonski sehr gern heiraten, glaubte ich. Es hörte sich gut an. Ich konnte es geradezu vor mir sehen. Hatte ein Bild davon im Kopf. Ich hatte ihn nicht einmal geküsst, sah aber schon, wie ich ihm das Gesicht zum Kuss entgegenstreckte. Wenn John Cole uns nicht mehr im Blickfeld hatte, hielten wir Händchen.

Doch John Cole, ein weiser Mann, sah die Dinge anders. Er sah die Welt nicht in rosigen Farben. Er wusste, wie es um sie bestellt war, wusste, was die Welt sagen und was die Welt schließlich tun würde. Und behielt in fast allem recht.

Aber ich war kaum siebzehn, vielleicht gerade mal siebzehn, und was wusste ich schon von alledem? Nichts. Nun, einige Dinge wusste ich. In meinem Hinterkopf war ein schwarzes Gemälde voller Blut und Gebrüll, und das Blut quoll daraus hervor. Die weiche bronzene Haut meiner Schwester, meiner Tanten. Manchmal konnte ich mich eben doch an Dinge erinnern oder bildete mir es zumindest ein. Vielleicht behauptete ich ja nur, mich nicht erinnern zu können, weil ich mich nicht erinnern wollte – nicht einmal für mich selbst. Blauröcke, die über uns herfallen, Bajonette und Blei und Feuersbrunst und Menschenseelen, die brutal gemetzelt werden. Ich weiß es nicht. Vielleicht war’s ja auch nur das, was Thomas McNulty mir erzählt hatte. Ein rußgeschwärztes Gemälde. Doch dann die lange, klare Erinnerung an all das, was Thomas McNulty und John Cole für mich getan hatten, die mächtigen Anstrengungen, die sie unternommen hatten, um mich froh zu stimmen und mir Schutz zu gewähren.

Thomas McNulty war zwar keine richtige Mutter, aber doch beinahe. Von Zeit zu Zeit trug er sogar ein Kleid.

Ich dachte, wenn’s darum geht, einen Menschen froh zu stimmen und ihm Schutz zu gewähren, könnte Jas Jonski in die Fußstapfen von John und Thomas treten.

Er war nicht gerade ein Bild von einem Mann – wie sollte er auch mit seinem geröteten Gesicht? Seine ganze Erscheinung glich der Unterseite eines herabgestürzten Baumstamms, wenn man ihn aufgerichtet hat. Nun ja, aber dass er aus zwanzig Schritt Entfernung ganz passabel aussah, das kann ich bezeugen. Ach, er war einfach nur ein gewöhnlicher Bursche, eigentlich ein mickriger Bursche, der von nach Amerika ausgewanderten Polen abstammte; doch für die Menschen in Paris zählte in Wahrheit nur eines: dass er weiß war. Er war ein Weißer. Liebe mag blind sein, aber die Stadtbewohner waren es nicht. So blind jedenfalls nicht.

Leute, die immer wieder dieselben Dinge zu dir sagen, können dich zermürben. Ich wusste, dass Mr Hicks dachte, Jas Jonski sei verrückt geworden. Auf gewisse Weise sei er vielleicht sogar verkommen. Jemanden heiraten zu wollen, der einem Affen näher steht als einem Menschen, wie Mr Hicks es formulierte. Das alles erzählte mir Jas Jonski und war sehr aufgebracht, vielleicht aber auch ein wenig erschrocken. Obwohl Jas Jonski eine Mutter in Nashville hatte, wurde ich nie mitgenommen, um sie kennenzulernen, nichts dergleichen.

Es kam der Tag, da ich voller Blutergüsse zur Farm zurückkehrte. Rosalee Bouguereau schrie auf, als sie mich sah, und brachte mich nach draußen zum Waschhaus, weil sie geheime Arbeit an mir verrichten musste, die die Männer nicht sehen durften. Dann führte sie mich ins Haus, zerstampfte Blätter zu einem Brei und verrieb ihn sachte auf meinem zerschundenen Gesicht.

Als die Männer von ihrem Tagwerk hereinkamen, machte Thomas McNulty sich Vorwürfe. Er knirschte mit den Zähnen.

»Ich verstehe nicht, wieso du ein kleines Mädchen überhaupt in die Stadt fahren lässt«, sagte Rosalee Bouguereau.

»Ach, sei still«, sagte ihr Bruder Tennyson, aber nicht einmal er wusste, was er damit meinte. Seine eleganten Gesichtszüge waren verschleiert vor Angst.

Es fühlte sich an, als wären sämtliche Knochen in meinem Gesicht zerbrochen wie ein fallengelassener Teller. Als ich ein paar Tage später hinausging, um mein Gesicht in die Regentonne zu tauchen, konnte ich selbst in dem zitternden Wasser sehen, dass ich keine Augenweide war. Es war derselbe Tag, an dem auch ich zu zittern begann, genau wie das Wasser. Ich zitterte zwei Wochen lang, und sogar als ich aufhörte zu zittern, könnte ich schwören, dass etwas in mir, in meinem tiefsten Innern, noch lange Zeit danach zitterte. Wie ein Querschläger, der in einer Felsenschlucht widerhallt. Damals war mein Hochzeitskleid erst halb genäht, und Thomas McNulty hatte es auf einen Stuhl mit hoher Rückenlehne drapiert, damit er es, wenn er eine freie Stunde hätte, gleich vor sich hatte und weiter daran arbeiten konnte. Es sah aus wie ein Mensch, weiß wie ein Geist.

»Ich will nicht mehr heiraten, am besten legst du das Kleid beiseite für ein andermal«, sagte ich.

»Gnade mir«, sagte Thomas mit dem Kummer der Weißnäherin, die Stunde um Stunde genäht hat.

Im Haus herrschte eine Art Verzweiflung. Als wäre der Himmel eingestürzt und niemand hätte Maultiere und Seile zur Verfügung, um ihn wieder aufzurichten.

John Cole sagte, er werde in die Stadt fahren und mit Sheriff Flynn reden.

»Sei kein Narr«, sagte Thomas McNulty. Er sagte es freundlich, sanft.

Es war einfach so, dass man etwas tun wollte. Wurde in jener Welt eine Missetat begangen, hatte man das Gefühl, etwas müsse unternommen werden, um sie sofort auszugleichen. Ausgleichende Gerechtigkeit. Ich glaube, so war’s schon, noch ehe die Weißen kamen. Meine Mutter erzählte immer eine Geschichte über mein Volk vor Hunderten von Jahren. Es gab eine Stammesgruppe, die unsere Sprache sprach, sich aber von uns abgesondert hatte und deren Mitglieder dazu übergangen waren, ihre Feinde nach der Schlacht zu verzehren. Sie suchten die Orte auf, an denen wir unsere Toten begruben, stahlen des Nachts die Leichen und fraßen sie. Sie versuchten sogar, uns lebendig zu fangen, um uns zu fressen. Wie ich vor Angst bebte, als ich diese Geschichte hörte! Schließlich zog unser Stamm gegen sie in den Krieg und tötete viele von ihnen. Am Ende hielten sich die Letzten in einer großen Höhle versteckt, und wir schichteten am Eingang Holzstöße auf und sagten, wenn sie nicht aufhörten, Menschen zu fressen, würden wir das Holz in Brand setzen. Sie wollten aber nicht aufhören, und so wurde das Feuer entzündet. Eine Woche lang brannte es tief im Berg.

Doch so schrecklich es war, sich als Kind etwas derartiges anhören zu müssen, so schien es doch auch von Gerechtigkeit zu zeugen. Ausgleichende Gerechtigkeit. Etwas zu tun, um Dinge unverzüglich wiedergutzumachen. Das wollte man. Selbst wenn es bedeutete, jemanden zu töten. Andernfalls hätte noch viel Schlimmeres bevorgestanden. So empfanden auch Thomas McNulty und John Cole, das gehörte zu der Welt, in der wir zu überleben versuchten. Sie hatten die Farm gegen Tach Petrie und seine Bande verteidigt, die damals, wie gesagt, mit ihren Gewehren kamen, um uns das Geld zu rauben, das wir in jenem Jahr mit der Tabakernte verdient hatten. Sie waren so mutig wie nur irgendeiner.

Doch wir waren arm, und zwei von uns waren Indianer.

Und es war, wie ich bereits erwähnte, ohnehin kein Verbrechen, eine Indianerin zu schlagen. Lige Magan suchte den Anwalt Briscoe auf, der natürlich sein Freund und ein Freund seines Vaters war, um sich genau das bestätigen zu lassen, und der bestätigte es.

Lige Magan kehrte in düsterer, nachdenklicher Stimmung zurück.

Thomas McNulty und John Cole hatten eigentlich nichts außer mir. Ich meine, nichts, ohne das sie nicht leben konnten. Für das sie ihr Leben geben würden. Behaupteten sie jedenfalls. Es schmerzte furchtbar, sie das sagen zu hören und sie dann noch sagen zu hören, wie schlecht sie sich fühlten, weil das Einzige von Wert, was sie besaßen, versehrt worden war und sie nicht wussten, was sie dagegen unternehmen sollten. Und dass sie es, wie Lige Magan herausgefunden hatte, vielleicht nicht einmal dann wiedergutmachen konnten, wenn sie gewusst hätten, wie.

Weiter westlich hätten sie, war der Schuldige erst einmal ausfindig gemacht, einfach angefangen zu schießen.

Thomas McNulty überlegte, ob es etwas nützen würde, jeden Winkel von Paris nach Vaganten und Vagabunden zu durchkämmen und, wo sie schon einmal dabei wären, vielleicht auch gleich die Landstraßen abzusuchen. John Cole sagte, heutzutage seien auf den Straßen sowieso nichts als Vaganten und Vagabunden unterwegs. Thomas McNulty seufzte und meinte, das seien sie doch viele Male selbst gewesen.

Immer wieder fragten sie mich: »Hast du gesehen, wer’s getan hat? Ein Fremder? Oder jemand, den du kennst?« Ich antwortete immer nur: »Ich weiß es wirklich nicht.«

Ich ging zu John Cole und stellte mich neben sein Bein wie ein Hund, der nicht sicher ist, ob er recht oder unrecht getan hat.

Weil ich dachte, ich müsste es doch wissen, und mich fragte, ob ich es vielleicht nicht doch tat. Ich konnte mich undeutlich erinnern, dass ich mich losgerissen hatte und zur Stadt hinausgetaumelt war. Dann war ich wie ein verletztes Pony umhergestolpert, bis ich zum Haus des Anwalts Briscoe kam. Lana Jane Sugrue, seine Haushälterin, rief ihre beiden Brüder herbei, und die fuhren mich im Buggy des Anwalts Briscoe nach Hause. Vielleicht weinte ich, vielleicht auch nicht. Die Brüder, Joe und Virg, wagten es kaum, mich anzuschauen; ich sah, wie sie einander nervöse Blicke zuwarfen. Ich erinnere mich an die Felder und Brachen, die an mir vorüberflogen, als sie das kleine Pony antrieben, bis es Schaum vor dem Maul hatte. Hinten auf der harten Bank spürte ich jede Unebenheit des Weges. Und dann ließen sie mich, fast ohne ein Wort zu sagen, hinter Liges Haus absteigen.

Sie setzten mich nicht an der Vordertür ab.

Drittes Kapitel

Dass es Jas Jonski war, der mir das Gesicht zerschlug, hätte meine Geschichte sein können. Natürlich hätte es das. Sie war aber nicht in meinem Kopf. Und dort sollten Geschichten angesiedelt sein. Klar wie ein hübscher Bach hoch oben in den Hügeln. Jas Jonski, ein Mann, den ich nicht einmal geküsst hatte. Es war alles zu schwarz, um etwas erkennen zu können. Immer wieder durchlief mich von Kopf bis Fuß dieser kleine Sturm des Zitterns. Jemand war in mich eingedrungen, denn unten herum bestand ich nur noch aus Lumpen und Fetzen. Ich hätte ihnen sagen können, dass ich ihn für den Täter hielt, aber ich weiß nicht, welche zehn Pferde sie dann noch davon abgebracht hätten, ihn zu töten. Es hätte keine Rolle gespielt, was John Cole zu diesem Zeitpunkt war, ob Engel oder Indianer, es hätte ihn nicht aufgehalten. Das Feuer der Rache in sich, wäre er in die Stadt gefahren, und nichts hätte Jas Jonski retten können.

Ich wollte nicht, dass John Cole aufgeknüpft wird. Und ich hatte die Geschichte ja auch nicht genau im Kopf.

In Amerika brauchtest du nur so auszusehen, als hättest du etwas Unrechtes getan – warst du arm, hingst du schnell am nächsten Baum.

Wie auch immer, vielleicht wollte ich die Rechnung ja auf eigene Kosten begleichen. Ich weiß noch, dass ich diesen Gedanken durchaus hatte. Es war der Mut der Verzweiflung. Ich weiß noch, wie ich dachte: Es gibt eine Zeit, in der dein Vater und deine Mutter deine Kämpfe für dich austragen, und es gibt eine Zeit, in der du selber kämpfen musst, und ich nahm an, dass diese Zeit jetzt gekommen war.

Ich will sagen, dass ich mich sehr schämte. Ich schämte mich dafür, dass Rosalee mich säubern musste. Ich war geradezu starr vor Scham. Ich konnte nicht darüber reden, nicht einmal zu mir selbst. Und so dachte ich: Statt zu reden, werde ich die Sache selber in die Hand nehmen. Nun, ich glaube, das war ziemlich mutig. Eine Zeit lang, einen Moment lang taugen derartige Gedanken. Aber wie setzt du sie um?

Könnte sein, dass ich von Dingen rede, die sich 1873 oder 1874 im Henry County, Tennessee, zugetragen haben, doch was Daten betrifft, war ich noch nie verlässlich. Und falls sie sich zugetragen haben, gab es zu der Zeit keine wahrheitsgetreue Darstellung. Es gab nackte Tatsachen und eine Leiche, und dann gab es die wahren Ereignisse, die niemand kannte. Dass Jas Jonski getötet wurde, war die nackte Tatsache. Auch andere wurden getötet, doch deren Mörder waren bekannt. Wer hatte ihn getötet? Eine Weile war das die große Frage in der Stadt. Länger, als Sie denken. Vielleicht reden sie heute noch darüber, dort unten in Paris, Tennessee. Wenn ich behaupte, dass im Folgenden die wahren Ereignisse geschildert werden, sollten Sie bedenken, dass sie in großem zeitlichem Abstand zum Geschehen geschildert werden. Und dass es niemanden mehr gibt, der meiner Schilderung zustimmen oder widersprechen könnte. Einigen Dingen würde ich am liebsten selbst widersprechen, denn ich sage mir: Kann es wirklich so gewesen sein, und habe ich das wirklich getan? Aber durch den Morast der Erinnerungen führt meist nur ein Weg.

Vom Anwalt Briscoe und vielleicht noch ein paar anderen abgesehen, war ich in den Augen der Stadtbewohner kein menschliches Wesen, sondern eine Wilde. Näher an einer Wölfin als an einer Frau. Meine Mutter wurde getötet, wie ein Schäfer einen Wolf töten würde. Auch das ist eine Tatsache. Ich denke, es gab zwei Tatsachen. Ich war geringer als die Geringsten unter ihnen. Ich war geringer als die Huren im Hurenhaus, höchstens, dass ich in ihren Augen eine im Werden begriffene Hure war. Ich war geringer als die schwarzen Fliegen, die einen im Sommer verfolgten. Geringer als die alte Scheiße, die hinter die Häuser geschüttet wurde.

Etwas so Geringes, dass man mit ihm tun konnte, was man wollte: es herumstoßen, verprügeln, erschießen, häuten.

Nur weil John Cole mich als etwas so Goldenes großzog, dass, wie er sagte, die Sonne selber eifersüchtig auf mich war, bedeutete das nicht, dass sonst irgendjemand in der großen, weiten Welt genauso dachte.

Der Anwalt Briscoe war das, was Thomas McNulty ein »Original« nannte. Wenn ich in meinem Kopf Thomas McNultys Stimme höre, müsste man das Wort eher so schreiben: ’riginal. Lige Magan sagte, in den weiten Landen Amerikas gebe es nicht seinesgleichen. Keinen, von dem man wüsste.

»’türlich«, sagte Lige Magan, »bin ich nich’ jedem in Amerika begegnet.«

Der Anwalt Briscoe – ich habe nie gehört, dass man ihn anders gerufen hätte – war etwa sechzig Jahre alt, als ich bei ihm zu arbeiten begann. Sein Schopf war noch drahtig, und er bändigte ihn mit Haaröl aus einem großen Glas. Dieses Haaröl! Es stank wie verfaulter Kohl. Und immer staunte ich darüber, wie sauber seine Hände waren. Natürlich hatte er mit Feldarbeit nichts zu schaffen. Aber er besaß auch kleine Bimssteine, mit denen er seine Fingernägel abrundete, und jedes Fitzelchen Schmutz entfernte er mit einem silbernen Dorn.

Er sei zu alt gewesen, um im Krieg zu kämpfen, aber vermutlich sei das eine gute Sache, sagte er, denn wie vielen Leuten in Tennessee wurde ihm ganz schwindelig im Kopf, wenn es darum ging, auf welche Seite er sich schlagen sollte. Vielleicht stand er auf der Seite des Lebens.

In seinem Haus war ein Büro, das ganz mit schimmerndem Holz ausgelegt war, so dass man meinen konnte, es stehe Wasser auf dem Boden, so sehr schien er zu schwappen und zu zittern. Er setzte mich an einen kleinen Tisch in der Ecke, an dem ich rechnen sollte. Neben meinem Platz war ein Fenster, das auf die Hauptstraße hinausging. Ich sollte darauf achten, wer da alles kam und ging, und manchmal bat er mich, die Namen aufzuschreiben, falls ich sie wusste. Viele der Passanten waren tagein, tagaus dieselben. Da gab es zum Beispiel den Fuhrmann Felix Potter, dessen Name auf seinem Pferdewagen prangte. Wenn es ein neues Gesicht war, bat ich den Anwalt Briscoe, an mein kleines Fenster zu eilen und selbst hinauszuspähen. Dann musste ich der Wampe Platz machen, die er vor sich hertrug. Auf diese Weise lernte ich fast jeden in Paris kennen, der in der Hauptstraße zu tun hatte. Wenn dann jemand kam, um die Dienste des Anwalts Briscoe in Anspruch zu nehmen, hatte ich meist eine Vorstellung davon, um wen es sich handelte, und wenn zu dieser Person bereits Papiere vorhanden waren, holte ich sie aus dem Dokumentenschrank.

Manchmal waren diese Dokumente gesprächig, manchmal stumm wie Schnee. Es gab Listen von all den schwarzen Seelen, die im Negro Sales Office des Henry County gekauft und verkauft worden waren; das war das Werk des Vaters von Anwalt Briscoe. Da war die buchhalterische Geschichte von Mr Hicks’ Laden und von vier weiteren Trockenwarenhandlungen, siebzig Jahre Versorgung mit Lebensmitteln, Jahre und Aberjahre Regierungsverträge zur Belieferung der inzwischen verschwundenen Indianer – und fünfzig alte, vergilbte Seiten Buchführung für die Milizen, die dabei geholfen hatten, die Chickasaw und die Cherokee aus Tennessee zu vertreiben.

Es habe sich als unmöglich erwiesen, uns zu zivilisieren, hieß es in den Dokumenten. So etwas zu lesen brachte mich zum Weinen. Es gab nichts Zivilisierteres als die Brust meiner Mutter und mich, die sich dort anschmiegte.

Aber Zahlen weinen nicht, und Zahlen wurden für alles und jedes gebraucht.

Der Anwalt Briscoe war sehr darauf bedacht, dass ich die Straße genau im Auge behielt. Es sollte unter anderem dazu dienen, dass er am Leben blieb, denn zu dieser Zeit, nach dem Krieg, waren Fremde in Tennessee kein vertrauenswürdiges Gut. Und für einen Mann, der im Westen des Staates lebte, klangen die Ansichten des Anwalts Briscoe in Wahrheit viel zu sehr nach East Tennessee. In East Tennessee lebten viele, die sich nicht hatten abspalten wollen. Oft waren ganze Horden von Soldaten unterwegs, aber auch geheimnisvolle, düstere Gestalten, die vielleicht einmal Soldaten gewesen waren, ihren Krieg jedoch verloren hatten. Auf dieser Straße herrschte in der Dämmerung mitunter eine erschreckende Betriebsamkeit. Und das, obwohl sich der neue Gouverneur für die alten Rebellen stark machte und sie sogar das Stimmrecht zurückerhalten hatten, während sein Vorgänger für die Union eingetreten war und ihnen das Stimmrecht entzogen hatte – oder lag es gar an ebendiesem Tanz der Zeit?

Er selbst saß an einem großen Tisch, der mit den ersten Planwagen nach Tennessee gekommen war. Vor fast hundert Jahren, sagte er, bevor Tennessee überhaupt Tennessee gewesen sei. Sein Urgroßvater war der erste Briscoe hier gewesen. Der Anwalt Briscoe hegte starke Gefühle für Tennessee. Er sprach gern über die gute alte Gründerzeit und verwendete dabei oft einen alten Tennessee-Ausdruck – »zwischen den Bergen und dem Fluss«. Denn dem Anwalt Briscoe zufolge lag Tennessee genau dort: zwischen dem Mississippi und den Appalachen. Das traf ja auch zu. »Zwischen den beiden Flüssen« war ein Ausdruck für West Tennessee, denn das lag zwischen dem Tennessee River und dem Mississippi.

Der Anwalt Briscoe hatte, so konnte man es wohl bezeichnen, große Ideen über die Welt im Allgemeinen. Er begeisterte sich für »aus der Mode gekommene Anliegen«, wie er es nannte. Eines davon muss wohl ich gewesen sein. Er glaubte, vor langer Zeit habe der frühere Präsident Andrew Jackson den Chickasaw großes Unrecht zugefügt, indem er sie ins Indian Country vertrieb. Was Ulysses S. Grant, den jetzigen Präsidenten, betraf, so seufzte er oft über ihn. Der mochte ein guter Soldat gewesen sein, aber war ein guter Soldat auch ein guter Präsident?

Der Anwalt Briscoe war mit einer Frau aus Boston verheiratet und hatte sieben Kinder, seine Frau hatte die Kinder jedoch wieder nach Boston mitgenommen. Dafür hatte er Lana Jane Sugrue, die ihm den Haushalt führte, und ihre beiden Brüder Joe und Virg, die mich damals zur Farm von Lige hinausgefahren hatten. Lana Jane kam aus Louisiana und benutzte Wörter wie couture und coiffure. Sie war sehr klein und trug, weil sie fast keine Haare mehr hatte, drinnen wie draußen einen Hut.

Ich saß an meinem kleinen Tisch und führte die Bücher. Und um sechs Uhr kam John Cole mit dem Pferdewagen und holte mich ab, denn das Haus des Anwalts Briscoe lag am südlichen Ende von Paris, und es bestand keine Notwendigkeit, quer durch die Stadt Spießruten zu laufen. Angeregt durch die Stille der Fahrt, sprach John Cole von Neuengland, wo er geboren war, und von all den Abenteuern, die er in der weiten Welt gemeinsam mit Thomas McNulty bestritten hatte. Manchmal war er recht fröhlich und erzählte mir humorvolle Geschichten, meist aber war John Cole jemand, der nur ernste Dinge von sich gab.

»Das ist das Wichtigste in der Welt«, sagte er. »Wer dir was antut, der hat nicht mehr lange zu leben.«

Die Jahreszeiten gaben die Kulisse zu seinen Worten ab, und wenn es Winter war, hatte er den Mantel fast bis zu den schwarzen Funken seiner Augen zugeknöpft, genau wie ich, aber irgendwie hielt er das Gespräch stets in Gang, selbst an eiskalten Tagen.

Wenn er sich in Thomas McNultys Nähe aufhielt, was er so oft tat, wie er es nur einfädeln konnte, sprach er kaum ein Wort.

Thomas blieb immer ganz er selbst, sogar wenn er sich als meine Mama kleidete. Seine Stimme veränderte sich nicht, eigentlich auch sonst nichts. Nachdem er aus Kansas zurückgekehrt war, zog er nicht mehr so oft Frauenkleider an. Wenn der Anwalt Briscoe ein ’riginal war, dann war auch er eins. Thomas McNulty sagte immer, er komme aus dem Nichts. Das meinte er wörtlich. Alle seine Familienangehörigen waren in Irland gestorben, in weiter Ferne, genau wie meine in Wyoming. Sie waren verhungert, und viele Indianer waren an demselben Leiden zugrunde gegangen. Er sagte, er komme aus dem Nichts, jetzt aber lebe er unter Königen und Königinnen. Es kam ihm nie in den Sinn, dass auch wir ein Nichts waren.

Wenn er von John Cole sprach, hatte er eine bestimmte Art, das Gesicht vorzustrecken, dann bewegte sich sein Kinn auf und ab wie der Kolben einer Maschine. John Cole war bei Thomas McNulty immer gut angeschrieben. Wenn er Dinge über ihn sagte, errötete er. Zwar waren es nur ganz gewöhnliche Dinge, doch sobald er sie äußerte, verfärbten sich seine Wangen.

»Schätze, da müssen wir John Cole fragen«, sagte er, wenn es mal eine Auseinandersetzung gab. Dabei streckte er das Gesicht vor. Das meinte er gar nicht lustig, und doch musste ich immer lachen. Ich bin sicher, dass er mich lachen sah, aber er schenkte mir keine Beachtung. Jedenfalls fragte er nie, was mich denn so belustige. Und hätte er’s getan, hätte ich nicht antworten können.

Mit Thomas McNulty konnte ich immer mühelos über alles reden – bis ich herausfand, wo meine Grenze war.

Vielleicht war auch Rosalee Bouguereau traurig, als das Kleid beiseite gelegt wurde, war sie es doch, die als Königin im Hintergrund sämtliche Arbeitsschritte geleitet und sich zudem die Mühe gemacht hatte, hundert weiße Stoffstücke zurechtzuschneiden, sie zu kleinen Rosen zu drehen und am Ausschnitt anzunähen. Rosalee Bouguereau war, wie gesagt, bis vor kurzem eine echte Sklavin gewesen, doch falls der Gedanke daran sie quälte, ließ sie sich nichts anmerken, sie zeigte nur ihre Begabung für das, was man Glück nennen könnte.

An dem Tag, als ich voller Blutergüsse nach Hause kam, war sie gar nicht glücklich. Tief erschüttert war sie, als sie mich säuberte. Sie musste mir zwischen die Beine greifen. Als Sklavin dürfte sie bei Frauen schon reichlich Verletzungen gesehen haben.

Natürlich mochte man in West Tennessee keine Schwarzen, weder vor noch nach dem Krieg.

»Die mögen’s nich, wenn ’n Schwarzer auf die Füße kommt«, sagte Lige Magan. »Is’ halt das Land der Grauröcke.«

Lige hatte den unbekümmerten Humor des siegreichen Soldaten, dem die Tücken des Sieges aufgegangen sind.

»Im Krieg«, sagte er, »war East Tennessee Lincoln-Land, die haben im Blau der Union gekämpft, genau wie wir – aber dieses West Tennessee? Nichts als Baumwollfelder und Konföderiertenröcke.« Er schüttelte den Kopf über dieses Stück Geschichte, als wäre es verwirrend und verworren, was es ja auch war.

»Schätze, Grant is’ gar nich’ so übel«, sagte Thomas McNulty. »Kein Freund der Grauröcke.«

Ulysses S. Grant war Rosalee Bouguereau herzlich egal, und so wie die Dinge sich entwickelten, hatte sie vielleicht recht damit. Sie wollte nur, dass ihre Pasteten genau so aus dem Backofen kamen, wie sie sich das wünschte, und dass wir uns an den Winterabenden, wenn die Witterung alle Träume ins Haus verbannte, wohlfühlten, und was sie ganz gewiss nicht wollte, war, mich nach allem, was ich durchgemacht hatte, säubern zu müssen, darauf würde ich gutes Geld wetten.

Ihr Bruder Tennyson versuchte, ein eigenes Feld zu bestellen, und arbeitete ansonsten für Lige, und Lige zahlte Rosalee einen Lohn für ihre Tätigkeit im Haushalt, und so glaubte Rosalee, ihr eigener Herr zu sein. Oder doch so gut wie.

Nach all den Jahren kann ich nicht berichten, dass sie in Paris willkommener gewesen wäre als John Cole oder ich; wenn sie in Paris durch die Straßen ging, musste sie die Augen niederschlagen. Doch sie nahm es auf sich, betrat die Kurzwarenhandlung allerdings so leise wie möglich durch die Hintertür. Ich behaupte, mit Bändern kannte sie sich besser aus als Ma Cohen, die Frau des Kurzwarenhändlers.

An jenem Tag säubert sie mich mit der Anmut und dem sanften Gemurmel einer Mutter.

Für eine Frau, die nie verheiratet war, wusste sie über die Ehe in mancher Hinsicht besser Bescheid als Thomas McNulty. Ich wusste in keinerlei Hinsicht Bescheid. Ich schätze, ein Pastor der Weißen hätte ein Mädchen auf die Ehe vorbereiten können; ich aber hätte eine derartige Unterweisung bestimmt nicht erhalten, da man mir als kleinem Mädchen verwehrt hatte, die Schule zu besuchen. Allerdings spielte das alles überhaupt keine Rolle, denn darum hatte sich Rosalee gekümmert. Sie erklärte mir, wie die Mechanik der Liebe funktionierte und was wohin gehörte und wie man das alles ertrug, und sie erklärte mir, was Männer höchstwahrscheinlich mochten und was höchstwahrscheinlich nicht. Damit war sie an den Grenzen ihres Wissens angelangt, dafür verbürge ich mich. Ihre Weisheit verdankte sie niemandem, eher der Tatsache, dass sie selbst eine Frau war und, wie gesagt, in ihren frühen Jahren in den alten Sklavenhütten gelebt hatte, die noch immer nordwestlich des großen Ackers auf Liges Farm standen und allmählich dem Unkraut und dem Wetter zum Opfer fielen. Früher hatten dort drei Dutzend Sklaven gehaust. Da drinnen, sagte sie, sei die Menschheit ein Buch ohne Deckel gewesen.

Sie hatte eine kleine Emailleschüssel mit heißem Wasser und einen sauberen Lappen geholt und mich abgetupft. O Erbarmen! Sie wusste genau, was vorgefallen war, aber wenn ich mich recht erinnere, hatte keine von uns beiden Worte dafür. Die Sprache, die sie benutzte, war Sanftmut. Sie säuberte mich, dann legte sie beide Arme um mich, wiegte mich und sagte, ich sei ein so braves Mädchen und ich solle mir nichts daraus machen. Aber natürlich machte ich mir etwas daraus, schrecklich viel sogar. Was sie auch genau wusste. Rosalees Augen hatten die sonderbare halb gelbe, halb orange Farbe des Erntemonds; nie wieder habe ich bei irgendjemandem noch einmal solche Augen gesehen. Sie war eine gütige Frau, die lange Zeit so behandelt worden war, als wäre sie ein Nichts. Lige hatte die verstiegene Idee, sie sei eine Königin. Das sagte er immer wieder gern.

»Wer weiß, ob sie nich’ ’ne Königin is’«, sagte er.

Bis zu diesem Zeitpunkt hätte Jas Jonski ein glückliches Mädchen geheiratet. Obwohl Liges Farm, wie er selbst sagte, nach dem Krieg keine zwei Cent wert war, warf sie für unsere unmittelbaren Bedürfnisse doch genug ab. Und ich hatte eine gute Anstellung. Auch für John Cole und Thomas McNulty waren es glückliche Tage gewesen, denn es war die Zeit nach der großen Notlage, in die Thomas in Fort Leavenworth geraten war, bevor ihm sein alter Feldherr, Major Neale, zu Hilfe eilte und ihn vor dem Galgen rettete.

Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als er nach seiner langen Zeit im Gefängnis nach Hause kam, und ich glaube, nie in der ganzen Weltgeschichte hat auf einem Hals ein glücklicheres Gesicht gesessen als Thomas McNultys Gesicht an jenem Tag. Die fünfhundert Meilen von Kansas war er ganz allein und zu Fuß hergekommen.

John Cole und ich waren die halbe Strecke Richtung Stadt gegangen, weil wir wussten, dass Thomas McNulty sich rechts vom Wald halten, Paris meiden und am Saum der Bäume wieder auftauchen würde wie ein großer Hirschbock.

Ich weiß nicht, ob Sie jemals gesehen haben, wie ein Mann einen anderen Mann in die Arme schließt, falls aber nicht, kann ich Ihnen versichern, es ist ein bewegender Anblick. Weil Männer immer glauben, kühl und tapfer sein zu müssen. Das mochte bei Jas Jonski der Fall sein, nicht aber bei meinen beiden Männern. Die umklammerten einander unter den zerzausten Bäumen, und mag sein, dass Thomas McNulty schlechter gekleidet war als jedes Unkraut des Waldes und John Cole in den Augen eines Fremden so verwildert wie ein Straßengraben, ich aber kannte ihre Geschichte, und so konnte ich die leidenschaftliche Kraft erahnen, die im Fieber dieser Umarmung brannte und sich von einer Brust zur anderen übertrug.

Ich vermute, wenn ich einen Wunsch an Jas Jonski hatte, dann den, dass er mich auf dieselbe Art geliebt hätte.

Danach schloss Rosalee mich in die Arme.

Die Welt kann schon ziemlich traurig sein.

Viertes Kapitel

Wir hörten, dass Menschen anderswo hungerten. Im letzten Kriegsjahr war der gesamte Süden niedergebrannt worden, und mitunter hieß es, danach könne nur noch Unkraut gedeihen. Und dann ging die ganze weite Welt zum Teufel. Kein Geld auf den Banken. Wozu waren Banken denn sonst da, als Geld auf ihnen zu haben? Und der Paris Invigilator sprach von Countys, in denen ziellos große Mengen freigelassener Sklaven umherzogen. Fälle von Mord und Notzucht wurden aufgeführt, und niemand schien zu wissen, wann die Dinge eine Wendung zum Besseren nehmen würden. Wir hatten einen Präsidenten namens Andrew Johnson gehabt, der immer wieder behauptete, des armen toten Lincoln Abgesandter auf Erden zu sein, in Wahrheit aber die geschlagenen alten Rebellen liebte. Sagte Thomas. Und die geschlagenen Rebellen standen auf, standen überall wieder auf.

Es war nicht das erste Mal, dass die Welt für mich aus nichts als Flut und Flammen bestand, auch nicht das erste Mal, dass ich schöne Tage genoss. Oder dass äußere Einflüsse sich gegen das Glück verschworen. Als ich noch ein kleines Mädchen war, tat meine Mutter alles, um mich mit Glück zu überschütten. In meinem Volk war es ein Segen, ein Kind zu sein. Die erwachsenen Frauen hielten das Lager in Ordnung, die Männer jagten und kämpften, und unsere kleine Aufgabe als Kinder war es, herumzuspringen und glücklich zu sein. Daran zumindest erinnere ich mich deutlich. Wir rannten zwischen den Tipis umher, und es gab nichts, was uns daran hindern konnte, ausgenommen vielleicht der Zorn eines übellaunigen Hundes. Während der heftigen Winterstürme mussten wir auf engstem Raum zusammenhocken, aber was machte das schon? Wir bekamen lange Streifen Trockenfleisch, und der Schnee wurde auf dem Feuer geschmolzen. Im tiefsten Winter muss unser Tipi wie eine im hohen Schnee verborgene Kuppe gewirkt haben, und nur die nach oben steigenden Rauchfahnen verrieten, wo wir kauerten. Meine Mutter hatte gute Geschichten im Kopf; die erzählte sie uns, während wir uns an ihre Beine schmiegten, um uns zu wärmen. Damals hatten wir unsere eigene Sprache, und selbst heute noch höre ich ihre murmelnde Stimme. Wenn ich zu ihr aufblickte, war ihr Atem wie ein leichter Windhauch auf meinem Gesicht. Ihre Arme ruhten auf unseren Rücken wie herabgefallene Äste, die man dort vergessen hatte. So erzählte sie ihre Geschichten. Von Wundern und seltsamen Zeiten. Indem sie jeden Moment unseres kindlichen Daseins zu einem guten Moment machte, vermittelte sie uns einen Eindruck vom weiten Land der Ewigkeit. Wie oft musste ich an ihren Knien weinen, weil ich so glücklich war!

In unserem Stamm stand meine Mutter im Ruf großer Unerschrockenheit. Einmal, als sämtliche Männer fort waren, streifte ein Trupp Crow-Indianer, unsere Feinde, in der Nähe des Dorfes umher. Nur Frauen, Kinder und Alte waren zurückgeblieben. Diese Crow würden sich greifen, was sie nur konnten, und uns töten oder was immer sie mit uns vorhatten. Meine Mutter löste sich aus unserer kleinen Gruppe und ging bis zu der Stelle, wo sich die Crow versammelt hatten. Sie begrüßte sie freundlich und begann, mit ihnen zu sprechen, und bald unterhielten sie sich aufs Angenehmste, und so wurde die Katastrophe durch die Zauberkraft ihres Mutes abgewendet. Die Leute sprachen von diesem Moment als von einer heiligen Sache und begegneten ihr mit großer Ehrerbietung. Drei- oder viermal forderten die Männer sie auf, mit ihnen in den Krieg zu ziehen, weil sie glaubten, sie verfüge über besondere Kräfte. Sie legte Männerkleidung an und ritt davon. Sie wusste genau, wo im Gelände der Feind sich befand, selbst wenn er sich versteckt hielt. Kein Mann auf Erden hätte sich an sie heranschleichen können. Viele sagten mir, eine wie sie habe es noch nie gegeben. Auf diese Weise war auch sie eine Geschichte.

Eine andere Geschichte, die sie erzählte, nannte sie »Der Fall«. Eine große Krankheit sei über uns gekommen, sagte sie, vor tausend Monden. Fast alle starben. Sie fielen um, und nur wenige Stunden später waren sie tot. Oh, wie wir uns vor dieser Geschichte fürchteten! »Vor tausend Monden« war ihr größtes Zeitmaß. Es war ein ähnliches Zeitmaß wie Thomas McNultys »hundert Jahre«. Einmal fragte ihn ein Wanderprediger: »Wann seid’s Ihr nach Amerika gekommen, Thomas?« »Vor hundert Jahren«, lautete seine Antwort. Für meine Mutter war die Zeit eine Art Reifen oder Kreis, keine lange Schnur. Wenn man weit genug laufe, sagte sie, könne man auf lebendige Menschen stoßen, die schon in tiefster Vergangenheit gelebt hätten. »Tausend Monde auf einmal«, nannte sie das. So weit könne man gar nicht laufen, sagte sie, aber das bedeute nicht, dass die Menschen nicht da seien. Alle möglichen Vorstellungen hatte sie, die uns Kindern sehr gut gefielen und uns zugleich Angst machten.

Aber natürlich haben die Soldaten sie getötet, und sie haben meinen Vater und meine Onkel getötet. Sie haben meine Schwester und meine Tanten getötet, sie haben ungezählte Menschen getötet. Sie müssen’s getan haben, denn keiner von ihnen war mehr am Leben. Danach gab’s nur noch mich, so jedenfalls fühlte es sich an.

Für sie waren wir ein Nichts. Ich muss daran denken, wie viel Wert wir darauf legten, was wir waren, und ich frage mich, was es bedeutet, wenn ein anderes Volk dich für so wertlos hält, dass du nur noch getötet werden kannst. Wie unser Stolz auf alles so zerschmettert wurde, dass er sich verflüchtigte, dass er nur noch ein kleines Stäubchen war, das der Wind verwehte. Wo war da der Mut meiner Mutter? War auch sie zu Staub geworden? Wir glaubten, der Name der Welt sei Schildkröteninsel, aber das stellte sich als Irrtum heraus. Was hat das mit deinem Herzen gemacht, was mit meinem?

Nichts, nichts, nichts, wir waren ein Nichts. Ich denke darüber nach und halte es für den Gipfel der Traurigkeit.

Aber vielleicht war das ja der Grund, weshalb Thomas McNulty und John Cole mich liebten – weil ich ein Kind des Nichts war.

Nur wenige von uns kleinen Kindern scheinen dem Massaker entkommen zu sein, um wie Stecklinge aus dem einen Leben herausgeschnitten und plötzlich in ein anderes verpflanzt zu werden. Wo mir Mrs Neale im Fort Englisch beibrachte und mich schließlich Thomas McNulty übergab, als der sie darum bat. Mrs Neale fragte mich, ob ich mitgehen wolle. Und obwohl ich ein kleines verlorenes Mädchen war und er nur ein grober Soldat, mochte ich ihn. Ich weiß noch, wie ich, ganz klein und adrett, vor Mrs Neale saß und meine Entscheidung traf. Ja. Er wollte mich nur als Bedienstete mitnehmen. Vielleicht hätte sie mich ihm in jedem Fall übergeben. Aber das weiß ich nicht, weil ich ja gesagt hatte. Mrs Neale hatte an Thomas Gefallen gefunden, und sie vertraute ihm. Inzwischen weiß ich, dass viele indianische Mädchen zu sündhaften Zwecken übergeben wurden. Dieser verrückte Starling Carlton, nun, es war weithin bekannt, dass er ein Kinderdieb war und Leuten Kinder aus dem Westen zuführte, aus Gründen, so finster, dass keine Jahreszeit und keine Sturmnacht ihnen gleichkamen.

Nein, ich glaube, es stimmt, dass ich mich an das Gemetzel nicht erinnern konnte. Ich glaube, ich konnte es wirklich nicht.

Und nun gab es ein zweites Ereignis, an das ich mich nicht erinnern konnte, und das war mir erst jüngst widerfahren.

Unterdessen tauchte Jas Jonski auf. Nach zwei Wochen kam er auf einem alten Gaul, den er wohl seinem Freund Frank Parkman vom städtischen Mietstall abgebettelt hatte, den Weg heraufgetrappelt. Natürlich war ich seit dem Vorfall nicht mal mehr in der Nähe der Stadt gewesen, und ich vermute, er hatte darauf gewartet, dass ich mich wieder zeige. Wer weiß schon, was er so bei sich dachte? Es war ein recht kalter Spätfrühlingstag mit wenig Sonnenschein. Mit dem bloßen Auge war mein Zittern nicht mehr zu erkennen, doch Jas Jonskis Anblick, dieses rote Gesicht, das auf dem jämmerlichen Gaul hin und her schwankte, tat mir gar nicht gut. Ich war ohnehin nicht darauf erpicht, ihn wiederzusehen. Ganz und gar nicht. Ich stand in einer dunklen Ecke des Wohnzimmers und sah, wie er sich näherte und dabei der Schimmelstute die Sporen in die Weichen grub. Die Männer waren seit fünf Uhr draußen, aber nicht weiter weg als der Tabakschuppen, weil sie dort zu arbeiten hatten, also nur hundert Meter vom Haus entfernt.

Rosalee reinigte gerade Tennysons Gewehr. Die Waffe lag in Einzelteilen auf dem Küchentisch, der ganze Raum roch nach Öl.

»Wer kommt da den Weg rauf?«, fragte sie, dabei hatte sie nicht einmal aufgeblickt. Sie hatte wohl das Klappern der Hufe gehört. Wie gesagt, jeder Fremde war eine mögliche Gefahr.

»Dieser Bursche Jas Jonski«, sagte ich.

Rosalee ließ die Waffe ihres Bruders liegen, trat ans Fenster und sah hinaus. Sie spähte angestrengt, dann warf sie einen Blick auf die auseinandergenommene Waffe, als hätte sie sie gern schussbereit gehabt.

»Willst du ihn sehen?«, fragte sie.

»Nicht unbedingt.«

»Hast du ihm schon von der Hochzeit erzählt?«

»Hab ihm gar nichts erzählt.«

»Willst du, dass ich ihm sage, er soll ein andermal kommen?«

»Ich will, dass du ihm sagst, er soll nie mehr kommen.«

Als sie an mir vorbeiging, legte sie mir freundlich die Hand auf den Rücken, dann trat sie hinaus ins kalte Morgenlicht. Sie stapfte die Stufen der Veranda hinab. Inzwischen war Jas Jonski vielleicht zwölf Meter von ihr entfernt, und ich sah, wie er sich mühte, die Zügel seiner Stute an den Pflock zu binden. Aber die Stute warf immer wieder den Kopf zurück. So war Rosalee schon bei ihm, als sie ihn ansprach.

Rosalee war eine stämmige Frau, und im Vergleich zu dem schmächtigen Jas Jonski hatte es fast den Anschein, als gäbe es gleich zwei von ihr. Ich konnte sehen, wie er sein Lächeln lächelte und sein kleines blechernes Lachen lachte, und ich konnte sehen, wie er ihr die Hand auf den Rücken legte, genau wie sie es bei mir gemacht hatte. Irgendwie wirkte seine achtlose Berührung besitzergreifend. Doch im Gegensatz zu mir trat Rosalee entschlossen einen Schritt zurück und stemmte die Arme in die Hüften. Ich weiß nicht, was sie sagte, aber Jas Jonski kräuselte die Lippen und warf ihr einen Blick zu, als hätte sie ihm auf den Schuh gepinkelt. Wenn auch keine Sklavin mehr, so war sie doch in seinen Augen ein niedrigstehender Mensch. Dann stieß er sie trotz seiner geringen Körpergröße herrisch beiseite und ging auf das Haus zu. Auf mich und das Haus.

Nun, ich trat den Rückzug an, aus dem Wohnzimmer in den Hof hinterm Haus, und so flink, wie meine Angst es mir erlaubte, rannte ich über das vom Winter zerzauste Unkraut. Fast hätte ich den Riegel der Schlupftür am großen Scheunentor abgerissen. Lige Magan stand mit dem großen Rechen in der Hand ein paar Schritte weit in der Scheune und harkte den Tabakstaub und all den anderen Staub zusammen, der sich überall auf dieser Erde ansammelt, und oben, über den Gefachen, wo der Tabak getrocknet wurde, konnte ich Thomas McNulty und John Cole sehen, die mit Schlamm und Mörtel aus schweren Eimern Ritzen verklebten. Lige würde all den Staub verbrennen, um den schädlichen Schimmel und die anderen kleinen Pilze loszuwerden, die in jeder Ernte lauern. Tennyson Bouguereau sah ich nicht. Doch, ich sah ihn – hinten in einer Ecke schärfte er die Eggen. Den ganzen Spätwinter über hatten die Männer den gefrorenen Erdboden umgepflügt, bis die Pflugscharen kreischten. Bald wären die Eggen an der Reihe.

Unter meinem Kleid war ich feucht von Schweiß, ich zitterte, und ich stürmte quer durch den Schuppen und die große Leiter hinauf zu John Cole und umschlang ihn, als wäre ich noch ein kleines Mädchen. So viel dazu, dass ich mich selbst um die Dinge kümmerte … Seine Hände, seine Arme und sein Schoß waren schlammverkrustet. Er hinterließ überall Abdrücke auf meinem Kleid. Die zehn mit Stricken angebundenen Maultiere, die sich unter den Leitern gegen die Kälte zusammendrängten, erschauderten und wichen auf dem harten Boden ein paar Schritte zurück.

John Cole wollte wissen, was mir fehlte, und ich sagte ihm, Jas Jonski stehe vor dem Haus.

»Du musst ihn vertreiben«, sagte ich.

»Und wieso das?«, fragte John Cole.

Ich antwortete, das wisse ich auch nicht so recht, aber ich wäre ihm sehr dankbar, wenn er hinausginge und Jas Jonski genau das sagen würde. Und würde er Jas Jonski sagen, dass er sich nicht die Mühe machen solle, wiederzukommen?

Thomas McNulty war von Kopf bis Fuß mit Schlamm bedeckt, und um ihn loszuwerden, klopfte er sich, als er auf uns zukam, mit beiden Händen Brust, Beine und Hintern ab, was aber nicht viel nutzte. Dann sah er mich an.

»Ich geh raus und rede mit ihm«, sagte er, und seine Stimme klang so düster wie noch nie.

»Tu das, Thomas«, sagte John Cole.

Unterdessen war Lige Magan hinter mir die Leiter heraufgeklettert. In der Schule hatte Liges Vater Rosalee neben seinen Sohn gesetzt. Dergleichen hätte nur in alten Sklavenzeiten passieren können. Das war lange her. Vielleicht war Rosalee die einzige Schwarze in Tennessee, die Griechisch, Latein und Hebräisch beherrschte. Ihr Bruder Tennyson konnte weder lesen noch schreiben, somit waren ihre Kenntnisse eine Seltenheit. In all der Zeit, da ich ihn kannte, habe ich Lige Magan kein einziges Buch lesen sehen, aber er musste von Rosalees Weisheit irgendetwas abbekommen haben. Jedenfalls gebot er Thomas McNulty Einhalt.

»Ich schätze, am besten geh ich runter und überbring ihm den Befehl«, sagte er.

Damit meinte er, dass er Jas Jonski Bescheid stoßen wollte. Für Lige war die Welt eine einzige Armee.

Wenn ich es recht bedenke, waren wir im Henry County etlichen Gefahren ausgesetzt, mit drei Männern, die für die Union gekämpft hatten, aber genau darum ging es. Sie waren Soldaten durch und durch. Selbst Tach Petrie hatte feststellen müssen, dass er sie nicht aus dem Weg räumen konnte, und der hatte fünf, sechs Männer befehligt, kampferprobte Männer, die graue Uniformröcke trugen.

Lige Magan stieg die Leiter hinab ins staubige Innere der Scheune und griff nach seinem Gewehr. Er bedachte uns mit einem kurzen, eiligen Blick und schob sich durch die Schlupftür. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, und in die Scheune kehrte wieder Dunkelheit ein. Wir wandten unsere Gesichter der Stelle zu, wo Lige Magan unserer Meinung nach auf dem Weg zu Jas Jonski den Hof durchquerte.

Ein, zwei Minuten verstrichen. Hatten wir überhaupt ausgeatmet? Dann gab es einen großen Knall. Thomas McNulty sah erschrocken aus, er blickte John Cole an und versuchte, eine Entscheidung zu treffen: bleiben oder gehen, und dann musste er wohl gedacht haben, es sei besser, zu gehen, falls Jas Jonski doch eine Waffe bei sich führte – und eilte davon.

Danach herrschte lange Zeit Stille. Kein Geräusch, das uns etwas verraten hätte.

Fünftes Kapitel

»Dann hat der’s also getan?«, fragte Lige Magan.

Wir waren im Haus, am vertrauten Tisch. Rosalee Bouguereau saß auf meiner einen und Thomas McNulty auf meiner anderen Seite. Thomas McNulty hatte die Arme verschränkt, sah mich an und nickte mit seinem graubärtigen Kopf. John Cole stand am Fenster, aber falls er hinausschaute, strafte der seltsam blinde, starre Blick in seinen Augen ihn Lügen. Tennyson Bouguereau war nicht da, er war mit Jas Jonski drüben in der Wäschekammer.

»Das hat er nich’ gesagt«, antwortete Thomas McNulty. »Er hat gesagt, er war’s nich’. Er hat gesagt, warum in drei Teufels Namen er herkommen würd, wenn er’s war, der’s getan hat. Das hat er gesagt, grad eben. Selbst als du ihm dein Gewehr unters Kinn gehalten hast, Lige, hat er geschworen, dass er’s nich’ war.«

»Dann müssen wir ihn wohl so lange verprügeln, bis er die Wahrheit sagt«, sagte Lige Magan aufbrausend. »Auf mich wirkt er schuldig. Als er mich hat rauskommen sehn, wollte er gleich das Weite suchen. Wollte weglaufen, ganz wie einer, der schuld is’. Wie ich den Schuss abgefeuert hab, isser stehn geblieben wie ’n Standbild. Dann hat er sich umgedreht, kreidebleich im Gesicht. Dann kommst du, Thomas, und ich stell ihm die Frage, und er sagt nichts, und die Pisse läuft ihm in die Hose, und dann frag ich noch mal mit Hilfe des Gewehrs, und er sagt, er hätt nichts verbrochen. Er sagt, er weiß nich’ mal, was passiert is’. Hat zehn Tage gewartet, dass Winona sich meldet, aber kein Wort. Seine Verlobte, hat er sie genannt. Is’ nur hergekommen, um rauszufinden, was los is’.«

Lige Magan musterte Thomas McNulty mit diesem speziellen Blick, der bedeutete: Und was sagst du dazu?

Doch Thomas McNulty antwortete nicht. Er legte mir die Hand auf den verschwitzten Rücken. Ich weinte wie ein Frühlingsregen. Ich zitterte. Zitterte von neuem. Mir war übel, als hätte man mich vergiftet. Thomas McNulty gab acht auf meine Rede, diese seltsame Rede ohne Worte, die aus mir hervorquoll. Noch nie hatte ich mich so freudlos, so fiebrig und so furchtsam gefühlt. Nicht einmal, als ich versucht hatte, mit Lana Jane Sugrues Brüdern nach Hause zu gelangen. Ich wusste nicht, was mit mir los war, vermochte es nicht zu deuten. Ich wollte kein Gerede mehr hören. Ich wollte, dass alles wieder so wäre wie vorher, ich und das weiße Kleid, meine Arbeit für den Anwalt Briscoe, die Vorstellung, Jas Jonski zu küssen.

»Wir müssen endlich wissen, was zu tun is’«, sagte Lige Magan, und sein Zorn verflog ebenso rasch, wie er gekommen war. »Verdammt, wenn er nichts getan hat, kann ich ihn nich’ gefesselt in der Wäschekammer lassen.«

»Falls wir ihm glauben, lassen wir ihn laufen«, sagte John Cole bestimmt. »Weiß nur nich’, ob’s mich kümmert, ob ich ihm glauben kann. Is’ ’n Lump.«

»Es wird dich aber kümmern, wenn Sheriff Flynn mit zwanzig Hilfssheriffs hier rauskommt und alles in Stücke schlägt«, sagte Lige Magan. »Wir müssen rauskriegen, was passiert is’.«

Dann blickte er mich an. Ich nahm ihn nur durch eine Kaskade von Tränen wahr. Ich wusste nicht, was Rosalee Bouguereau ihnen erzählt hatte. Von dem, was gerissen war. All das. Ich hatte den Kerl nicht einmal geküsst. Hatte er mich so zerrissen? War er es, der das getan hatte? Innerlich schrie ich mich selbst an, schrie mit offenem Mund. Nicht, dass sie es gesehen hätten. Aber Thomas McNulty war ein weiser alter Mensch, der spüren konnte, was andere Leute empfanden, das denke ich schon.

»Wenn du dich an nichts erinnerst«, sagte Thomas zu Lige Magan, »heißt das längst nich’, dass es nich’ passiert is’, so viel steht fest.«

»Ich werd mein Mädchen ins Bett bringen und ihr meine Kaninchensuppe verabreichen«, sagte Rosalee Bouguereau, ebenfalls wütend, rückte ihren Stuhl ab und erhob sich. »Schaut euch das Mädchen doch mal an. Kann ja nich’ mal sitzen.«

Ich spürte, wie ich wegschmolz. Ich glaubte, wie Wasser zu sein, hatte aber keinen Becher, der mich fasste. Wie klein ich mich fühlte. Der Welt war es gleich, das wusste ich. Der Welt außerhalb Liges Haus. Die Welt wollte, dass indianischen Mädchen Schlimmes widerfuhr. Das war es, was ich dachte, wenn ich überhaupt etwas dachte. Meist versuchte ich, meinen schmelzenden Kopf hochzuhalten. Meine schmelzenden Arme, meine schmelzenden Beine. Ich war doch nur ein Mädchen, nicht wahr? Ich war so froh, dass Rosalee da war, eine so freundliche Frau.

Aber sie waren alle freundlich. Nur wussten sie nicht, was zu tun war; dabei hatten sie in finsteren Zeiten tausendmal gewusst, was zu tun war. Deshalb waren sie noch am Leben, deshalb war ich noch am Leben. Ich war noch am Leben, und jetzt hatte ich Angst, irgendwie tot zu sein. Ich glaubte, dass jemand mich getötet hatte. Wie sollte ich jemals wieder auf die Beine kommen? Wie sollte ich die Herrschaft über meine Gliedmaßen wiedererlangen? Wie sollte ich je wieder glücklich sein, so närrisch glücklich, wie man es in diesem Leben sein muss? An einem Frühlingsmorgen auf der Veranda zu stehen und die Kälte im Sonnenlicht zu spüren, aber auch die Vorboten des Sommers? Was für ein närrisches kleines Kind ich doch gewesen war – aber in der ganzen Weltgeschichte war das die beste Art, zu sein. Ein närrisches kleines Kind, das von allen geliebt wurde, die es kannten, es sei denn, es handelte sich um einen ignoranten Bauernjungen in der Stadt, der nur das schwarze Haar einer Indianerin wahrnahm. Vielleicht war’s ein närrischer Bauernjunge, der mir wehgetan hatte, vielleicht war’s ja das. Jetzt blickte ich zurück, blickte zurück und versuchte, es wieder vor mir zu sehen, bis mir fast der Kopf platzte. Ach, wenn es nicht Jas Jonski war, dann bestand ja vielleicht doch noch Hoffnung für mich.

»Ich sage nicht, dass es Jas war«, sagte ich.

Dann war ich nicht mehr da. So hat’s mir Rosalee erzählt. Ich sank ohnmächtig zu Boden, und Thomas McNulty hob mich hoch, und dann, erzählte Rosalee, wurde ich in mein Bett getragen – das tiefe warme Bett, das ich mit ihr teilte –, und mir wurde gesagt, Lige Magan habe den Satz ernst genommen, sei in die Wäschekammer gegangen und habe Jas Jonski freigelassen. Jas Jonski habe seinen klapprigen Gaul geholt und sei geflohen.

Etwas später tauchte der Anwalt Briscoe auf. Joe Sugrue kutschierte ihn mit dem Buggy.

Es war der beste Buggy im Henry County. Meiner Meinung nach hatte er ihn für seine vornehme Frau benötigt, und jetzt war ihm nur noch der vornehme Buggy geblieben, der ihre Vornehmheit befördert hatte.

Als ich ihn kommen sah, heulte ich nur noch Rotz und Wasser – so war mein Gemütszustand.

Er trat durch die Tür. Der dunkle Raum nahm seinem Gesicht den Schimmer, so wie ein Löffel, der in eine Schale Haferschleim getaucht wird, seinen Glanz verliert. Rosalee Bouguereau war ungewöhnlich tollpatschig und ließ die Kaffeekanne auf den Herd krachen, aufgeregt, einen so bedeutenden Mann zu sehen.

Der saß zufrieden in einem alten Eichenholzsessel, den Lige Magan ihm gleich neben dem Herd zurechtgerückt hatte. Denn die ganze Nacht über hatte in den vertrockneten Wiesengräsern der Raureif gewütet. Trotzdem behielt er seine Pelzmütze und seinen Pelzmantel an. Er sprach kurz übers Wetter, fragte Lige Magan, wie es um die Pflanzarbeiten stehe, und kommentierte den misslichen Zustand von allem und jedem im Henry County, und o Herr!, werde es jemals wieder auf die Füße kommen, und nachdem der Gepflogenheiten Genüge getan war, sagte er, was zu sagen er gekommen war. Er sagte, er habe beunruhigende Nachrichten über seine Angestellte gehört – so nannte er mich – und halte es für seine Pflicht, moralisch wie gesetzlich, herzukommen und nachzuschauen, was vorgefallen sei.

»Nun«, sagte Lige Magan, »sie hat ’n großen Schreck bekommen, so viel is’ mal klar.«

»Ist mir zu Ohren gekommen. Joe Sugrue hat mir davon berichtet, und ich war sehr verärgert, es zu hören«, sagte er. »Aber die Zahlen rechnen sich nicht von allein zusammen, und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Winona instanter zu mir zurückkommen könnte.«

Ich stand wie ertappt in der Mitte des Zimmers und nahm all meine Kraft zusammen, um mich würdig zu benehmen. Man kann nicht sein ganzes Leben lang ein Geysir an Tränen sein.

»Sie muss ’ne gesetzliche Entschädigung erhalten«, sagte Lige Magan.

»Eine Indianerin ist keine Bürgerin, und das Gesetz findet nicht in gleicher Weise Anwendung«, erwiderte der Anwalt Briscoe.

»Meinen Sie das ernst?«, fragte John Cole sehr leise, aber gewürzt mit einer hübschen Prise Bedrohlichkeit.

Die Männer blickten einander an und ließen das, denke ich, erst einmal auf sich wirken. John Cole sah aus, als könnte er jeden Moment in Flammen aufgehen, die nächste Stufe nach der Drohung.

»Nun heißt es friedlich sein und ruhig leben. Sie sind alte Männer, genau wie ich«, sagte der Anwalt Briscoe. »Zum Teufel, wie alt sind Sie, Lige, weiß Gott das überhaupt?«

»Ich glaub nich’«, sagte Lige, der in Gelächter auszubrechen drohte, es sich jedoch, so gut er konnte, verbiss.

John Cole, der sich im Hintergrund hielt, trat von einem Stiefel auf den andern – wie ein Pferd im Stall, das das Bedürfnis verspürt, sein Gewicht zu verlagern.

»Ich bin erst vierzig«, sagte Thomas McNulty, obwohl er in Wahrheit gar nicht genau wusste, wie alt er war. »Und ich glaube, ein niederträchtiger Mensch …«, fuhr er fort, doch dann fehlten ihm die Worte.

»Sie glauben was?«, fragte der Anwalt Briscoe scharf.

»Ich glaube, ein niederträchtiger Mensch muss für das, was er Winona angetan hat, zur Rechenschaft gezogen werden«, sagte Thomas, »wo Sie schon danach fragen.« Plötzlich hatte er die Worte wiedergefunden.

»Das glaube ich auch«, sagte Rosalee Bouguereau. Der Anwalt Briscoe starrte sie einen Moment lang an. War er überrascht? Nein. In diesem Augenblick hatte Rosalee endlich den Kaffee zu ihrer Zufriedenheit aufgebrüht und die Kanne samt einem Becher, dessen Henkel sie sich an den Finger gehängt hatte, zu ihm gebracht.

»Ich denke, wir finden heraus, wer die Tat begangen hat, und erschießen den Mann«, sagte John Cole.

Thomas McNulty und Rosalee sahen einander zustimmend an. Thomas McNulty öffnete die Hände, wie um zu fragen: Wie wär’s damit, Mr Briscoe?

»Trinkt sonst keiner Kaffee?«, fragte der Anwalt Briscoe. Niemand antwortete, und so erlaubte er Rosalee, seinen Becher zu füllen.

»Haben Sie Melasse da?«, fragte er sie leise, als wäre er plötzlich an einem anderen Ort mit ihr, als wären wir anderen gar nicht vorhanden.

»Haste nich’ noch was von der Melasse aus New Orleans?«, sagte Lige Magan zu Thomas McNulty, trotz allem bestrebt, seinem Besucher zu gewähren, wonach es diesen verlangte.

»Hab sie weggeschüttet«, sagte Thomas McNulty grob.

»Mögen Sie Rohrzucker, Herr Richter?«, fragte Rosalee.

»Ja doch, ja«, antwortete der Anwalt Briscoe. »Und ich danke Ihnen, Miss Bouguereau. Übrigens bin ich kein Richter.«

Dann holte Rosalee den Zucker, tat etwas davon in den Becher, und der Anwalt Briscoe trank seinen Kaffee.

Solange er trank, sprach er nicht. Das tat auch sonst niemand. Jeder von uns drehte und wendete in seinem Gehirn, was gesagt worden war und was nicht.

Ich wusste nicht, was ich hören wollte. Wenn Hochwasser eine Farm überschwemmt, stürzen zahlreiche Bäume um, und die Pflanzen, sofern sie bereits hoch stehen, werden niedergedrückt. Die ärgste Überschwemmung wird noch das letzte Feld, ein ganzes Königreich, verheeren; es muss von neuem gepflügt und von neuem geeggt werden, und vielleicht ist es schon zu spät, um in dem betreffenden Jahr noch eine weitere Aussaat vorzunehmen. Hat man nach der Überschwemmung erst einmal seine Kleidung getrocknet, merkt man womöglich, dass man im kommenden Jahr nicht so viel zu essen haben wird wie in diesem. Aber es ist klar wie der Tag, dass man der Stärke der Flut, des Tornados oder des heftigen Sturms mit ebenso großer Stärke begegnen muss. Um aufzubauen, was zerstört wurde, um das, was aus seiner Verankerung gerissen und von seinem Haken getrennt wurde, wieder an seinen Platz zu tun.

Ruhig trank der Anwalt Briscoe weiter seinen Kaffee.

Sechstes Kapitel

Ich muss ein paar Dinge über Tennyson Bouguereau sagen. Denn der wurde zusammengeschlagen. Was damit zu tun hatte, dass er es war, der Jas Jonski eine Weile gefangen gehalten hatte. So wurde später geredet: ein Schwarzer, der Herr über einen Weißen gewesen sei. So etwas bezeichneten diese dummen Leute als aufmüpfig. Im Henry County gab es viele Leute, die dergleichen nicht hören konnten, ohne ihn bestrafen zu wollen. Die wussten, wie man’s anstellt.

Ich war mir sicher, dass Jas Jonski sich nicht scheute, in der Stadt seine Unschuld zu beteuern. Er gehörte zu einer Gruppe junger Männer in seinem Alter, die alles ausposaunten. Ausposaunten und Blech redeten.

Ich weiß noch, wie in den alten Tagen in der Prärie auch die jungen Lakota-Burschen gemeinsam unterwegs waren. Ich vermute, junge Weiße sind genauso. Ein Mädchen bleibt mehr für sich. Dennoch erinnere ich mich an die drei Tage Tanz, wenn ein Mädchen endlich ihren Mond bekam. An das Lakota-Wort kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es bedeutete »Mond«. Ich erinnere mich an das Singen und Tanzen und daran, wie stolz man auf die junge Frau war. Als ich meinen Mond bekam – ich muss wohl zwölf oder so gewesen sein –, war ich schon nicht mehr bei meinem Volk, ich war beim Dichter McSweny in Grand Rapids, während Thomas McNulty und John Cole in Kriegsdingen unterwegs waren. Der Dichter McSweny war dunkelhäutig, genau wie Rosalee, und ein berühmter Türsteher am dortigen örtlichen Theater. Als ich meinen Mond bekam, glaubte ich, ich müsse sterben, und er glaubte es auch. Damals war er an die neunzig Jahre alt, hätte es also besser wissen sollen. Aber wir zwei da in seinem Haus waren unwissende Geschöpfe. Er rannte zu Doc Ganley, der ein paar Türen weiter wohnte, und der Doc kam mit ihm zurückgerannt, und als er sah, wie’s um mich bestellt war, musste er lachen. Der Dichter McSweny wurde über die Tatsachen des Lebens aufgeklärt und musste eines seiner alten Bettlaken zu Binden schneiden. Das war’s aber auch schon. Kein Tanz, kein Gesang und keine Frauen, die wussten, was zu tun war.

Jas Jonski war jung wie alle anderen jungen Männer, die je gelebt haben, ob weiß, ob schwarz, ob rot. Damals wusste ich nicht, ob er es war, der Tennyson Bouguereau in der Stadt gesehen hatte. Denkbar wäre es. Unser Pferdewagen wurde halb umgestürzt im Wald aufgefunden, und die arme, noch angeschirrte Jakes, unsere beste Stute, zitterte traurig. Wenn ich mich recht erinnere, war die Stelle nicht allzu weit vom Haus des Anwalts Briscoe entfernt, und so führten einige Männer Pferd und Wagen dorthin, und ich denke, sie waren der Meinung, ihrer Pflicht damit Genüge getan zu haben. Dem armen Schwarzen, der bewusstlos auf der Straße lag, schenkten sie nicht die geringste Beachtung.

Falls Sie sich je ein Bild des Leidens gewünscht haben sollten – ein reisender Fotograf hätte eine Daguerreotypie von Rosalee Bouguereaus Gesicht anfertigen können, als sie die Nachricht erhielt. Ich stürzte auf sie zu und zog sie an mich. Sie weinte ohne Unterlass.

»Schon gut, Rosalee, sei still«, sagte Lige Magan, »wenigstens isser nich’ tot.«

Später in jener Nacht kamen John Cole und Lige Magan mit Rosalees Bruder zurück. Nachdem sie von den Brüdern Sugrue die schlimme Nachricht vernommen hatten, waren sie auf Maultieren losgeritten, und jetzt kamen sie mit denselben Maultieren zurück, hinten an den Wagen gebunden, und die große Blechlampe warf auf alles ihr Licht. Jakes, die Stute, zitterte noch immer. Ein Pferd ist ein kundiges Geschöpf. Und auf der Ladefläche des Wagens lag Tennyson Bouguereaus armer, zerschundener Körper. Sein hübsches Gesicht war voller Schrammen, blutig und geschwollen, und seine Kleider, die er immer so in Ordnung hielt, glichen den Lumpen eines Bettlers.

Deshalb wollte ich ein paar Dinge über Tennyson sagen. Tennyson Bouguereau war – zumindest bei uns – berühmt für seinen geschickten Umgang mit dem Gewehr. Lige Magan erzählte uns oft, wie Tennyson einmal einen Grashalm aufgerichtet hatte, fünfzehn Meter zurückgegangen war, sich dann umgedreht und den Grashalm mit seinem Spencer-Karabiner in zwei Teile zerschossen hatte. Lige Magan wusste diese Fertigkeit zu würdigen, war er doch in der Armee selber Scharfschütze gewesen, wenn auch kein so scharfer wie Tennyson. Tennyson Bouguereau hatte eine natürliche, gottgegebene Befähigung. Als ehemaliger Sklave durfte er natürlich nur bei sich zu Hause Waffen tragen. Für kurze Zeit hatte es für diese Sklaven etwas besser ausgesehen. Auf Farmen, für die sie nicht mehr arbeiten wollten, hatten sie ihre Werkzeuge niedergelegt. Sie hatten das Stimmrecht erhalten, nun ja, zumindest die Männer. Sie konnten einem Weißen in die Augen sehen und offen mit ihm reden. Für kurze Zeit. Jetzt schwang das Pendel wieder zurück. Wenn die schwarzen Landarbeiter nicht blieben, hatten die Farmer niemanden, der ihre Felder bewirtschaftete. Sie drehten durch. Von großen Gewaltausbrüchen war die Rede, Böses wurde gesagt und getan. Tennyson Bouguereau war ein Fürst von einem Mann. Wenn jemand Hilfe gebraucht oder ihn um Hilfe gebeten hätte, er hätte jedem geholfen.

Er konnte nicht lesen oder schreiben, aber auf Rosalees hübschem Papier konnte er dein Gesicht zeichnen. Er zeichnete gern die Rotkehlchen im Hof, und wie eine Nachtschwalbe aussah, wusste ich nur deshalb, weil Tennyson eine eingefangen hatte – auf dem Papier.

Die Männer, die ihn zusammenschlugen, interessierte das alles nicht. Die meisten Weißen sehen nur Sklaven und Indianer. Den einzelnen Menschen nehmen sie nicht wahr. Dass jeder von ihnen ein Kaiser ist für die, die ihn lieben.

An diesem Abend mussten wir Reste essen. Rosalee säuberte ihren Bruder von all dem Blut und ließ sich von Lige Magan dabei helfen, Tennyson in das schmale Schlafzimmer auf der Rückseite des Hauses zu bugsieren, in dem er schlief. Dort sollte er genesen. Ich sah, wie sie ihm das Haar mit etwas von der Pomade einrieb, die John Cole gehörte. Tennyson gab kein Wort von sich. Er war all seiner Worte beraubt. Sie flehte ihn an, ihr zu verraten, wer die Tat begangen hatte, doch er starrte sie nur an wie ein verängstigtes Kind. Wo mit einem Werkzeug auf seinen Schädel eingeschlagen worden war, sah ich einen langgestreckten Bluterguss, dunkel wie Erde, die gerade umgepflügt worden ist. Er wurde immer dunkler. Rosalee trug mir auf, die Blumenköpfchen der Hyazinthen zu zerdrücken, die sie im Frühling des Vorjahres gesammelt und getrocknet hatte und die sie mir immer verabreichte, wenn ich meinen Mond bekam. Etwas davon gab sie in das Wasser, mit dem sie Tennyson wusch, so dass er ein wenig nach Frühling roch. Sie versuchte, die Gewalt von ihm abzuwaschen.

Jetzt war Rosalee die Traurige und ich die Suppenzubereiterin. Meine Fürsorge für Rosalee übte einen gewissen Reiz auf mich aus. Die Traurigkeit eines anderen Menschen kann die eigene ein wenig lindern. Habe ich festgestellt. Doch so seltsam ist das gar nicht, denn die Welt ist ohnehin mysteriös.

Sie war bestürzt, ihren Bruder so malträtiert zu sehen. Es weckte Erinnerungen an die Schrecknisse früherer Zeiten, als sie nicht wussten, ob sie für immer in Knechtschaft gefangen oder frei sein würden. Trotz allem mussten sie bittere Wahrheiten schmecken, das war gewiss.

Ich komme aus der traurigsten Geschichte, die es auf Erden je gegeben hat. Ich bin eine der Letzten, die noch weiß, was mir genommen wurde und wie es war, bevor es mir genommen wurde. Das Gewicht dieser Trauer hat schon so manchen Kopf zermalmt. Jemals einen betrunkenen Indianer gesehen, jemals einen Indianer in Lumpen gesehen? Das passiert, wenn ein König von Trauer überwältigt wird. Aber es ist nicht nur das. Wir glaubten, alles, was wir waren, sei Reichtum und Wunder. Wir wussten, dass dem so war. Wie sonst war es möglich, als Kind so glücklich gewesen zu sein? Eine Welt, die ein guter Ort ist für ein Kind, ist eine gute Welt. Es war ja nicht nur so, dass diese Welt beseitigt, sondern dass so oft der Befehl ergangen war: Tötet sie alle. Fragen Sie Thomas McNulty, er hatte ihn oft genug gehört. War losgezogen und hatte gehorcht. John Cole auch. Dieser wilde Bursche Starling Carlton. Sogar Lige Magan. Es kam nicht drauf an, ob’s ein Säugling war, ein Mädchen oder eine Mutter.

Allein die Berührung eines weißen Mannes, schon sein Nahen war der Herold des Todes.

Wir legten großen Wert auf jeden Einzelnen von uns. Aber der Wert, den die Weißen uns beimaßen, war nicht der gleiche. Wir waren ein Nichts – wenn man uns tötete, tötete man ein Nichts, und es bedeutete nichts. Es war kein Verbrechen, einen Indianer zu töten, weil ein Indianer nichts Besonderes war.

Das alles weiß ich, deswegen schreibe ich es auf.

Inzwischen war Tennyson Bouguereau jedoch eine Art Bürger, insofern war es vielleicht doch ein Verbrechen, ihn zusammenzuschlagen. Hatten sie den ganzen Krieg nicht genau deshalb geführt? Man sollte es meinen. Deshalb hatte der Dichter McSweny Thomas McNulty und John Cole dazu geraten, in den Kampf zu ziehen. Vielleicht hatte Thomas den Dichter McSweny aber einfach nur angesehen und erkannt, was für eine bemerkenswerte Menschenseele er war. Ich meine, auch er war ein König, wenn auch ein ziemlich trauriger, aber doch ein Mann, um dessen ergrautes Haupt ein goldener Lichtschein leuchtete wie auf Gemälden die goldene Scheibe hinter Jesus Christus. Der Dichter McSweny. Zu der Zeit waren Thomas und John Cole lange fort, und ich hätte ihre Nähe gebraucht. Damals war ich vom Leben noch nicht geheilt. Vielleicht bin ich’s auch jetzt noch nicht, aber damals ganz gewiss nicht. Doch der Dichter McSweny mit seinem dunklen, schmalen Gesicht und seinen Flusskieselaugen, der bemühte sich um mich, schulte mich und schimpfte mich und verrichtete das Werk einer Mutter.

Wie kam es, dass ich das Glück hatte, Männer um mich zu haben, die so gut wie Frauen waren? Ich glaube, nur eine Frau weiß, wie man leben soll; ein Mann ist meist zu hastig, vorschnell. Diese Waffe mit schon halb gespanntem Hahn verwundet aufs Geratewohl. In meinen Männern dagegen fand ich unerschütterliche, lebendige Weiblichkeit. Welches Glück! Welche Fülle von wirklichem Reichtum!

Selbst jetzt, wo Tennyson Bouguereau ans Bett gefesselt war, vielleicht sogar deswegen, waren die Männer im Freien und eggten das Erdreich, das zum Frühling hin schon lockerer wurde. Die Maultiere hatten ihr nahrhaftes Futter erhalten und waren vor das alte schwarze Zinkengerüst gespannt worden, und so zogen sie von einem Acker zum andern, um unsere dunkle Erde zu zerkrümeln. Mit einem Wanst voller Hafer ist ein Maultier ein glücklicher Gesell. Fast erwartest du, dass es lacht, so arbeitslustig sieht es aus.

Natürlich war Lige der Einzige, der jetzt noch nach Paris fahren konnte, um Vorräte einzukaufen, zumindest für den Augenblick. Günstigerweise gab es in Paris gleich fünf Geschäfte für Trockenwaren, und so verlor Mr Hicks uns als Kunden.

»Kann diesen schmierigen Jas Jonski einfach nich’ mehr sehn«, sagte Lige.

»Weil du ihn umbringen könntest«, sagte John Cole ruhig.

Ich war gerade draußen auf der Veranda, um Unterwäsche hereinzuholen, die ich für Rosalee getrocknet hatte, als ich auf der anderen Seite unseres noch brachliegenden Ackers einen Reiter erblickte. Furcht ergriff mich. Rosalee und Tennyson waren nicht die Einzigen, die schreckhaft geworden waren. Wenn’s irgendwo leichte Beute gab, dachte ich, dann waren wir diese Beute.

Wer immer es war, er kam nicht allein. Ich sah einen Trupp anderer Männer, die auf ihren Ponys auf und nieder hüpften. Meine Männer hielten sich auf zwei großen Feldern weiter nördlich auf. Wenn ich aufs Dach geklettert wäre, hätte ich sie sehen können, ihre schwarzen Gestalten, klein wie Rüsselkäfer, und die schwarzen Maultiere im Miniaturformat. Tennysons Spencer-Karabiner lag immer im Wohnzimmer – abgesehen davon, dass es eine ausnehmend schöne Waffe war, hatte jemand auf das Verschlussstück den Namen Luther eingraviert, ein mysteriöses, aber charakteristisches Merkmal –, und den holte ich mir nun und nahm dann wieder meine Position auf der Veranda ein, mit dem Karabiner als Verbündetem. Ich wusste recht gut, wie man ein Gewehr abfeuert, auch wenn’s für ’n Mädchen ’ne ziemlich große Waffe ist.

Der vorderste Reiter war Sheriff Flynn. Ich wusste nicht, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war. Er war kein Mensch, den ich besonders gut kannte. In der Stadt hatte ich ihn manchmal vorbeigehen sehen, dann klackten seine Stiefel auf den Holzbrettern des Gehsteigs. Jetzt hatte er drei Männer dabei. Drei zottelige Typen. Er ritt lässig vorneweg. Hatte keine Eile, bei mir anzukommen. Ließ sich alle Zeit der Welt.

Schließlich kam Sheriff Flynn aber doch bei mir an und befand sich, rittlings auf seinem Pferd, auf Augenhöhe mit mir, die ich auf der Veranda stand.

»Du gehst rein und holst Elijah, Schatz«, sagte er.

Noch nie in meinem Leben hatte ich jemanden Liges vollen Namen sagen hören. Noch nie in meinem Leben war ich Schatz genannt worden. Den Spencer-Karabiner schien er nicht zu sehen. Ich hielt ihn schräg in meiner Linken, doch er schien ihn gar nicht wahrzunehmen. Ich war mir nicht sicher, ob er überhaupt geladen war. Ich dachte, vielleicht nicht, denn, nun ja, ich wusste es nicht. Ich wusste, dass die Burschen mich umstandslos erschießen würden, so wie man am Feldrain ein Kaninchen schießt. Und genauso schnell. Ich spürte, wie mir unter meinen Röcken die Pisse an den Beinen herablief. Ich wollte nicht, dass jemand es sah. Mein Körper hatte Angst, aber mein Herz war voller Mut. Der Groll, den ich wegen Tennyson empfand, nahm mir die Furcht, und in der Tat glaubte ich, dass Tennysons Gewehr eine geheime Kraft enthielt. Dass er es sein Eigen nennen durfte, war Tennysons ganzer Stolz, und allein es in den Händen zu halten verlieh mir Mut.

Ich gab Sheriff Flynn keine Antwort. Weil ich nicht wusste, ob ich sprechen sollte oder nicht.

Sheriff Flynn war ein dunkelhaariger Mann von rauem Äußeren, aber um seinen Schnurrbart herum waren seine Wangen glatt rasiert. Vermutlich war er um die vierzig, und die Frauen in der Stadt werden ihn wohl ziemlich attraktiv gefunden haben. Seine Hilfssheriffs waren eine Bande abgerissener Männer. Jetzt, wo ich sie aus der Nähe sah, erkannte ich einen von ihnen wieder, Frank Parkman. Ein Busenfreund von Jas Jonski.

Ich war erstaunt, wie viele Gedanken mir durch den Kopf schossen, während ich dort stand, ohne Sheriff Flynn eine Antwort zu geben.

Pulsuz fraqment bitdi.

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25 may 2021
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9783958298170
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